
[Digitale Fotokopie von Sonderheft 44]
Zu unserem Titelbild
Entwurf des Verfassers Hartmut Vollmer nach den Illustrations-Motiven aus dem Eichsfelder Marienkalender 1910 und unter Verwendung der Titelschrift von Karl Mays Hand aus der Faksimilewiedergabe des Original-Manuskripts, Bamberg 1957.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung1. VorüberlegungenII. Werkanalyse 1. VorbemerkungenIII. Schlußbetrachtung Anmerkungen |
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1. Vorüberlegungen
Daß die kleineren Erzählungen Mays, die um und nach der Jahrhundertwende entstanden, bei allem Bemühen um eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Mayschen uvres bislang lediglich eine periphere Beachtung erfahren haben, mag ein wenig seltsam anmuten(1). Die Gründe dafür lassen sich aber wohl erahnen: dem Vergleich mit den großen Romanen, in denen May in breiter und breitester Form seine dichterische Phantasie befreien konnte, vermögen die kleineren Arbeiten kaum standzuhalten. Zu offensichtlich sind die Schwächen der gewaltsamen, ja gequälten Versuche, all das in eine Form zu bannen, welches e i g e n t l i c h in den großen Räumen des Romans beheimatet war. Das Straffen, "Vergewaltigen" des Innen-Materials mußte bei Mays schriftstellerischer Arbeitsweise zwangsläufig zu einigen Mißerfolgen, in inhaltlicher und kompositorischer Hinsicht, führen. Zu groß war der Druck, die Phantasie an den Zügeln der "kleinen Form" zu halten. Wenn May sich dennoch kürzeren Erzählungen widmete, so hatte das mehrere Gründe: Das Gros der Erzählungen waren Auftragsarbeiten, dienten damit zunächst einmal einem eher profanen Zweck: dem des schriftstellerischen Broterwerbs. Ungleich wichtiger, und das betrifft vor allem die Altersnovellen, unter denen sich durchaus kleine "Meisterwerke" befinden, wie etwa die Werkanalyse von 'Merhameh' beweisen wird, scheint mir jedoch der Charakter der Publikationsorgane zu sein und die dadurch für May sich ergebenden Möglichkeiten, B o t s c h a f t e n zu vermitteln - hier: das philosophisch-religiöse Anliegen der Mayschen Spätphase zu verbreiten(2). So ist es auch nicht verwunderlich, daß die Erzählung 'Merhameh', mit der wir uns ausführlicher beschäftigen wollen, als "Marienkalendergeschichte" erschien(3), wodurch sie geradezu prädestiniert war, einen predigenden Charakter - denken wir an das katholische Lesepublikum - anzunehmen. Wie wir wissen, entstanden die meisten Marienkalendergeschichten Mays in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. 1899, also kurz vor der für Mays Entwicklung so bedeutsamen Orientreise, erschienen die letzten Erzählungen dieser so produktiven
Phase: 'Die Umm ed Dschamahl' im "Regensburger Marienkalender" und 'Mutterliebe' II im "Einsiedler Marienkalender".
Nun haben diese Geschichten - sicher nicht zu Unrecht - manch herbe Kritik erfahren. Herbert Meier hat in seinem Vorwort zum "Marienkalender"-Reprint eine ganze Reihe dieser negativen Urteile zitiert(4).
Es sind vor allem die ganz offensichtlichen Konzessionen Mays an diese Publikationen als k a t h o l i s c h e s Organ, an denen die Kritik Anstoß genommen hat. So lassen sich denn auch fast immer gleiche Grundmuster der Erzählungen erkennen, auf die Meier und Lorenz deutlich hinweisen(5). Allen Geschichten gemeinsam ist eine häufig übertriebene religiöse Tendenz, die "aufgepropfte Moral" und "drastische Schwarz-Weiß-Malerei"(6).
Mays "Marienkalender-Kapitel" war 1899 aber noch nicht abgeschlossen: 1908 erschien im "Eichsfelder Marienkalender" der Nachdruck der zuerst im "Grazer Volksblatt" veröffentlichten Erzählung 'Bei den Aussätzigen'(7). Es war dies aber wohl mehr oder weniger nur eine Verlegenheitslösung aufgrund belästigender Bemühungen eines Verlegers(8). Den Abschluß dieser Veröffentlichungen bildete 1910 'Merhameh' ('Marhameh'), ebenfalls im "Eichsfelder Marienkalender" erschienen.
Wie Claus Roxin meint, verdienten die späten Erzählungen (und auch schon 'Mutterliebe'), bei aller Kritik an den Marienkalendergeschichten, "eine durchaus positive Beurteilung"(9). Wir werden sehen, daß dieses Urteil in bezug auf 'Merhameh' jedoch noch viel zu schwach formuliert ist.
2. Werkgeschichte
Die Kontakte Mays zum "Eichsfelder Marienkalender" und zu dessen Verleger Franz W. Cordier, reichen in das Jahr 1892 zurück. Auf eine Anfrage Mays um Abnahme literarischer Arbeiten erschien in diesem Kalender 1893 die Erzählung 'Eine Ghasuah', der 1894 'Maria oder Fatima' folgte(10). Weiteren Belieferungen konnte May trotz erneuter Anfragen Cordiers aufgrund von Arbeitsüberlastung sowie des Ende der 90er Jahre sich anbahnenden kritischen Gesundheitszustandes nicht mehr nachkommen. Erst 1905 fragte Cordier erneut nach - jedoch wieder ohne Erfolg. May sagte ihm schließlich eine Erzählung für das Jahr 1909 zu. Cordier, der bereits die Werbetrommel rührte, dürfte wohl die Unruhe befallen haben, als May mit der Manuskriptsendung auf sich warten ließ. Presse- und Prozeßhetze, dazwischen die Amerikareise und die Arbeiten an den großen symbolisch-allegorischen Romanen trieben May in eine immer größer anwachsende Ter-
minnot. Wie so oft mußte wieder einmal Ehefrau Klara eingeschaltet werden, die ihren Mann an seine Pflichten zu erinnern hatte. So kam es zu einem Nachdruck der Erzählung 'Bei den Aussätzigen' im Oktober 1908. Daß May noch eigens für den "Eichsfelder Marienkalender" die Erzählung 'Merhameh' schrieb (im Jahrgang 1910, mit Illustrationen Arthur Lewins), war offensichtlich eine Geste, wie Herbert Meier meint, um bei Cordier "etwas wieder gutzumachen"(11). Als Entstehungsgrund der Erzählung will uns diese Erklärung jedoch kaum genügen.
Es liegen heute mehrere Text-Ausgaben 'Merhamehs' vor, die für Forschungszwecke brauchbar sind. 1957 gab der Karl-May-Verlag Bamberg den vollständigen Text des Original-Manuskriptes (nach dem die "Eichsfelder"-Fassung gedruckt wurde) in einer einmaligen Auflage von 200 Exemplaren heraus. Zuvor erschien die Erzählung Mitte der 20er Jahre im Bd. 48 'Das Zauberwasser' der Radebeuler Reihe der "Gesammelten Werke", heute ebenfalls Bd. 48 der Bamberger Reihe. Der Text dieser Ausgabe weist zahlreiche Abweichungen von der Originalfassung auf, ist somit für wissenschaftliche Zwecke nicht brauchbar.
Im Deutschen Taschenbuch Verlag, München, wurde 'Merhameh' 1974 in die May-Anthologie "Der Große Traum" (hrsg. v. Heinz Stolte und Erich Heinemann) aufgenommen. Es handelt sich hierbei um einen Neudruck der Fassung des "Eichsfelder Marienkalenders". Lediglich die Orthographie wurde der heutigen Schreibweise angeglichen.
Der Pawlak-Verlag, Herrsching, gab 1978 in seiner Reihe "Reiseerzählungen in Einzelausgaben" als Bd. 41, "Unter heißer Sonne", eine Sammlung kürzerer May-Erzählungen heraus, die auch 'Merhameh' enthält. Vorlage des Textes war offenbar die dtv-Fassung.
Den Reprintdruck der "Eichsfelder"-Fassung legte 1979 die Karl-May-Gesellschaft im Band 'Christus oder Muhammed. Marienkalender-Geschichten von Karl May' vor. Nach dieser Ausgabe wird im folgenden zitiert.
3. Die Entstehungszeit 'Merhamehs'
Die Entstehungsgeschichte 'Merhamehs' läßt sich heute nur äußerst vage rekapitulieren(12). Gesichert ist lediglich das Erscheinungsdatum. Es ist bemerkenswert, daß May Personen aufgreift - die Titelfigur Merhameh sowie deren Vater Abd el Fadl -, die zuerst in dem von 1907 - 1909 im "Deutschen Hausschatz" erschienenen großen Roman des Spätwerks 'Der Mir von Dschinnistan' auftreten(13), den May für die Fehsenfelder Buchfassung 1910 neu bearbeitete(14). Nun mag die-
ses Faktum dazu verführen, in 'Merhameh' nur ein abfallendes Beiprodukt des Romans zu sehen. Daß dies jedoch ein kurzsichtiges Urteil ist, wird die Werkanalyse beweisen.
'Merhameh' ist Mays "letzte eigentliche Erzählung"(15); das letzte abgeschlossene Buch, seine Selbstbiographie 'Mein Leben und Streben' (Herbst 1910). Es ist die Zeit der großen Abrechnung, eine Abrechnung mit seinem Leben, seiner Vergangenheit, mannigfaltig aufgewühlt in den großen Romanen des Spätwerks; Abrechnung aber auch mit seinen Widersachern, seinen Hetzern(16), die ihn immer näher an das Ende bringen. Im Herbst 1909 wird das 1903 eingestellte Betrugsverfahren in der Ehescheidungssache noch einmal aufgerollt(17); In einem Brief von Lebius an die Kammersängerin Selma vom Scheidt fallen dann auch am 22.11.1909 die die Prozeßmaschinerie erneut auf das heftigste in Gang bringenden Worte, die May als "geborenen Verbrecher" bezeichnen. Lebius "recherchiert" eifrig in Mays Vergangenheit, trägt muffigsten und miesesten Dorfklatsch zusammen, um den "Verbrecher" zu entlarven und zu fällen. May klagt. Der Charlottenburger Verhandlungstag am 12.4.1910 wird zum "schwärzesten Tag in Mays Alter"(18). Lebius erhält vom Gericht die "Wahrung berechtigter Interessen" bescheinigt und wird freigesprochen. May ist physisch am Ende. Der andauernde Münchmeyer-Schundromanprozeß sowie die Pressefehde mit Ansgar Pöllmann (1910(19)) tragen ebenfalls dazu bei, May zu zermürben. Sein letzter Roman 'Winnetou Band IV' findet unter diesem Zusammenbruch, wie der "Mir", im April 1910 "ein Ende, das kein Schluß ist"(20). May selbst erkennt in seinem bisherigen Oeuvre nur "Skizzensammlungen", "Vorübungen" und "Vorbereitungen auf Späteres"(21), auf das letzte, eigentliche Werk. Aber dazu kommt es nicht mehr; die Ruhepunkte werden immer seltener, die "Karl-May-Hetze" erreicht ihren Höhepunkt.
"Eine 'Hetze' wie die gegen mich, hat es, so lange die Erde steht, noch nie in der Literatur irgend eines Landes, eines Volkes gegeben. Das gab Zeitungsstürme, Stürme in den Gerichtssälen, Stürme im eigenen Hause und Stürme im eigenen Innern."(22) "Ich bin vollständig eingekreist. Rund um mich stehen Herr Cardauns, Frau Kolporteuse Pauline Münchmeyer, Herr Advokat Gerlach, Pater Schmidt, Herr Lebius und Pater Pöllmann. Diese alle sind jederzeit schußbereit(23)".
Verzweifelt klammert sich May an die Literatur. Rettung und Heil sucht er, indem er sein eigenes Schicksal als Modellfall für die Menschheit apostrophiert:
"Das Karl-May-Problem ist das Menschheitsproblem, aus dem großen, alles umfassenden Plural in den Singular, in die einzelne Individualität transponiert(24)".
Hatte May bereits in seinen früheren Werken umfangreiche, aber doch wohl unbewußte Beichten abgelegt, um sich selbst zu erlösen, sich frei zu schreiben, so will er jetzt öffentlich beichten.
"Ich sitze täglich im Beichtstuhle",
schreibt er 1908(25).
"Mir ist, als müsse ich ohne Unterlaß brüllen, um Hilfe schreien. Ich kann nicht liegen, nicht sitzen, nicht gehen und nicht stehen und doch muß ich das alles. Ich möchte am liebsten sterben, sterben, sterben, und doch will ich das nicht und darf ich das nicht, weil meine Zeit noch nicht zu Ende ist. Ich muß meine Aufgabe lösen"(26).
Das ist der Zeithintergrund, vor dem 'Merhameh' entsteht.
II. WERKANALYSE
1. Vorbemerkungen
May hat im Alter immer wieder auf den Gleichnischarakter seines Werkes hingewiesen:
"Ich will Gleichnisse und Märchen erzählen, in denen tief verborgen die Wahrheit liegt, die man auf andere Weise noch nicht zu erschauen vermag"(27).
Dieser Anspruch trifft auf das Spätwerk sicherlich deutlich zu; ihn auch für das frühere Werk geltend zu machen, bedeutete eine nachträgliche Schutzbehauptung, obwohl sie, zwar nicht als bewußtes System - denken wir an die vielschichtigen biographischen Geheimnisse ("tief verborgen liegt die Wahrheit (!)") -, aber doch im Kern, richtig ist. Die Gründe, Art und Form dieses die Struktur der Mayschen Werke bestimmenden Gleichnischarakters brauchen an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden(28). Es genügt, sich das Modell der verschiedenen Interpretations- oder Lese-Ebenen zu vergegenwärtigen, die den Aufbau, das Gefüge der späteren Werke bestimmen. So werden wir auch bei 'Merhameh' - implizit und explizit - von "Handlungsebene", "Autobiographischer Ebene" und "Philosophisch-religiöser Ebene" zu sprechen haben.
Die Fabel 'Merhamehs' scheint simpel: Da geraten der Ich-Held und sein treuer Begleiter Hadschi Halef Omar - bekanntes Personal aus den berühmten Reiseerzählungen - bei der Mission, die Tochter Abd el Fadls, Merhameh, zu "liebende(n) Verwandten" (S. 117)(29) zu bringen, unversehens in die Feindseligkeiten zweier Beduinenstämme, der Münazah und der Manazah. Sie treffen auf Omar Ben Amarah, den Scheik der Münazah, erfahren, daß der Bruder des Scheiks der Manazah, Ali Ben Masuhl, den Bruder Omars ermordet hat, was nach Beduinenrecht die Blutrache erfordert. Der Mörder ist bereits ergriffen und wartet auf die Todesstrafe. Merhameh kann ihn jedoch ret-
ten und den Scheik Omar Ben Amarah zum Frieden mit den Manazah bewegen. Auf dem Weg zum Friedensschluß geraten die Münazah aber in einen Hinterhalt der Manazah, und Ali Ben Masuhl, auf dem Pferd Omar Ben Amarahs reitend, wird irrtümlicherweise von seinem eigenen Bruder erschossen. Sein Tod, Abschluß der Erzählung, bedeutet den Beginn des Friedens.
Die Erzählung erweist sich als eine mehrbödige Parabel; es geht
"hier nicht um das kleine Schicksal zweier unbedeutender Beduinenstämme, sondern um eine Darstellung großer, allgemeiner Menschheitsschicksale",
wie May deutlich herausstellt (S. 125). Das ging konform mit Mays didaktischer Intention des gesamten Spätwerks, seinem philosophisch-religiösen Anliegen:
"Ich wollte Menschheitsfragen beantworten und Menschheitsrätsel lösen. Man lache mich aus; aber ich habe es gewollt; ich habe es versucht und werde es weiter versuchen"(30).
Dabei bildete seine eigene Geschichte, seine Biographie, die Folie für das ethische Modell, das er im Alterswerk entwickelte. Mays Maxime
"Das Karl May-Problem ist, wie das Problem jedes anderen Sterblichen, ein Menschheitsproblem im Einzelnen"(31),
taucht in seiner Selbstbiographie (1910!) interessanterweise stetig auf. Diese Erkenntnis hatte ihn in dunkelster Zeit gerettet und ermöglichte ihm jetzt, die brutale Presse- und Prozeßhetze überhaupt auszuhalten. Er verschaffte sich dadurch gewissermaßen einen metaphysischen Überbau, in dem er sich, bei aller Isolation in der Realität -
"ausgestoßen aus Kirche, Gesellschaft und Literatur"(32) -,
geborgen fühlen konnte. Die Hetze, die ihn jeden Tag aufs neue mit Leid und Schmerz überschüttete, sah er als ein Fegefeuer, als seine "Geisterschmiede von Kulub", als die ebendort beschriebene Prüfung, um zum Höheren, zu den lichten Bergen Dschinnistans zugelassen zu werden. Ob das Fegefeuer nun "Münchmeyer", "Lebius" oder "Pöllmann" hieß, May erblickte darin seine " A u f g a b e " ,
"alles Schwere zu tragen und alles Bittere durchzukosten, was es hier zu tragen und durchzukosten gibt"(33).
Mays ethisches Modell, sein Humanitätsideal, war natürlich auch ein Deckmantel, unter dessen Schutz er die unbewältigten "Innen-Schlacken" aufarbeiten, kompensieren konnte. Deshalb wird es bei seinen späteren Werken immer schwieriger, eine Trennung von autobiographischer und philosophisch-religiöser Ebene vorzunehmen; auch von einer "Handlungsebene", die eigenständig behandelt werden könnte, läßt sich kaum noch sprechen. May sorgt in 'Merhameh' durch unmißver-
ständliche Hinweise dafür, daß die Erzählung auf einer ganz anderen Ebene spielt, als in Bahnen der Reiseerzählung, auch wenn das äußere Gewand zunächst diesen Eindruck entstehen lassen kann. May verstand es immer meisterhafter, die verschiedenen Ebenen in Kongruenz zu bringen, sie als eine Einheit zu projizieren. Aus diesem Grunde werden wir darauf verzichten, die unterschiedlichen Lese-Ebenen gesondert, nebeneinander zu behandeln, sondern vielmehr bemüht sein, eine der Erzählung angemessene "Gleichzeitigkeit" der Interpretation vorzulegen.
2. Die "Mission"
Handlungsort 'Merhamehs' ist "Ardistan", eine bekannte Region des "Seelenplaneten" "Sitara". May konnte darauf verzichten, die Bedeutung Ardistans zu erläutern:
"Es war im östlichen Teil von Ardistan, also tief im orientalischen Hinterlande" (S. 117) -
so beginnt die Erzählung. May hatte seine Leser, oder die, welche ihm jetzt noch weiter folgten, schon längst zu anderen Höhen geführt, weg von den Prärien, Steppen und Wüsten der früheren Reiseerzählungen, hin zu symbolisch-allegorischen Gefilden, zu imaginären Regionen, die Mut zu neuen Hoffnungen gaben. "Ardistan", das ist, wie es im "Märchen von Sitara" heißt,
"die Heimat der niedrigen, selbstsüchtigen Daseinsformen", "das Land der Gewalt- und Egoismusmenschen"(34);
so auch in 'Merhameh', wo Krieg, Haß, Mord, Blutrache, Härte, Eigennutz herrschen. "Ardistan", das ist aber auch Hohenstein-Ernstthal, das ist Mays dunkle und dunkelste Vergangenheit(35). Die nähere Analyse 'Merhamehs' hat dies zu beweisen.
Es ist ein sehr "ehrenvoller" Ritt, auf dem sich Kara Ben Nemsi und Halef befinden, denn Abd el Fadl, ein "Freund" des "Ichs", hat ihnen seine "Lieblingstochter" Merhameh anvertraut, um "sie sicher nach dem fernen Wadi Ahza zu bringen" (S. 117), wo "große Not", "Krankheit und Hunger" (S. 118) herrschen. Soweit die Exposition. Vater und Tochter, "Diener der Güte" und "Barmherzigkeit", sind uns als allegorische Figuren aus dem "Mir" wohlvertraut - May weist auch darauf hin. Der Vater, der Fürst von Halihm, "einer der höchsten Stützen des Mir von Dschinnistan"(36), wird in 'Merhameh' jedoch nicht auftreten, sorgt vielmehr "nur" für den Anlaß der Reise: die "Güte" sendet die "Barmherzigkeit", um "große Not" zu lindern(37); in der zentralen Bedeutung der Tugenden Güte und Barmherzigkeit im Mayschen Spätwerk mag auch ein Grund liegen, warum May die Figuren Abd el Fadl und Merhameh noch einmal aufgreift.
Der Begleitschutz für Merhameh ist in der Tat angebracht:
"Der Weg, der uns nach diesem Ziele führte, ging durch Gegenden, die man damals nicht nur beschwerlich, sondern sogar gefährlich nennen mußte, weil die Scheiks mehrerer dortiger Stämme sich miteinander veruneinigt hatten und jeden Augenblick der offene Ausbruch der Feindseligkeit zu erwarten war" (S. 117).
Es ist die Gefahr des Krieges, die Gefahr für die Menschheit im allgemeinen - und wie klarsichtig hatte May die Weltkriegsgefahr vorausgeahnt! Es ist aber auch eine Situation, wie sie May nun schon über Jahre hinweg aus seinem persönlichen Leben kannte.
Wohin führt nun der Weg?
"Die Gegend, durch welche wir heute kamen, war bergig, doch unbewaldet. Sie gehörte dem Stamme der Münazah und grenzte an das Gebiet des Stammes Manazah" (S. 117).
Wir sind "gewarnt" vor den Landschaftsbeschreibungen, den G r e n z g e b i e t e n des Mayschen Spätwerks und wissen um deren Bedeutsamkeit.
Die Landschaft ist "bergig", es geht also aus den Niederungen, dem Tiefland Ardistans hinauf; noch nicht zu den Höhen, den Bergen Dschinnistans - die sind in weiter Ferne, scheinbar auch gar nicht zu sehen -, sondern man bewegt sich vermutlich nur auf geringen Anhöhen, denen wiederum Taleinschnitte folgen werden, was für die Maysche Symboltopographie gleichbedeutend ist mit dem geistig-ethischen Charakter der dort lebenden Bewohner. Die Gegend läßt nichts von Fruchtbarkeit erkennen: sie ist "unbewaldet", also karg, öd, leer: - Befindungszustand auch der dort ansässigen Menschen, die zwar nicht mehr ganz unten, in der Tiefe Ardistans wohnen, die aber auch noch nicht vom "Grün", dem von der Natur gespendeten fruchtbaren Leben des Hochlands umgeben sind. Naturerscheinungen, Landschaftsformationen bedeuten beim späten May sehr häufig die Beziehung des Menschen - Nähe oder Ferne - zu Gott, denn die Natur ist die Offenbarung Gottes(38). Man erinnere sich etwa an die unterschiedlichen Landschaftsformationen und deren Bedeutung während der Reise im "Mir"! Das bergige Land ist, wie bereits erwähnt, Grenzgebiet der beiden befeindeten Stämme; "grad mitten hindurch" muß man, "eine Umgehung war nicht möglich" (S. 118). Um welche "Grenzen", um welchen " d a m a l s beschwerlichen Weg" handelt es sich? Vielleicht um erzgebirgisch-böhmisches Gebiet? Welches "Land" wird durch die Grenze gespalten? Wir werden später noch einmal darauf zurückzukommen haben.
"Eine Straße nach europäischen Begriffen gab es nicht. Wir folgten einem langgezogenen, schmalen Wässerlein, welches gar nicht alle, aber auch gar nicht breiter zu werden schien. Es tränkte hier und
da einen Grasstreifen oder ein Gebüsch, aber ein Feld, einen Garten, ein Zelt oder gar ein Haus sah man nirgends. Man wohnte der unaufhörlichen Kämpfe wegen nicht am Wege, sondern man sah sich, obgleich man Besitzer war, gezwungen, sich wie ein Dieb oder Räuber zu verbergen. Man wohnte so fern wie möglich von oft betretenen Stellen" (S. 118).
Erste Anzeichen von Fruchtbarkeit werden sichtbar: ein "schmales Wässerlein", das sich nicht verändert, gleichbleibend "langgezogen" spärliche Vegetation tränkt. Auch Wasser, Flüsse, sind Bedeutungsträger Mays. Darauf haben wir bereits an anderer Stelle hingewiesen(39).
May selbst gibt zur Flußbedeutung Hinweise, wenn er im "Freistatt-Artikel" vom 4.6.1910 (!) schreibt:
"'Nicht Einzelwesen, sondern Drama ist der Mensch', so lautet das Hauptaxiom der neueren Psychologie, welches das innere und das äußere Werden des Menschen mit der Bildung eines Stromes vergleicht, der, einst ein kleines namenloses Wässerlein, berufen ist, in seinen Mannesjahren ein segenspendender Landbewässerer, Städtebildner und Kulturträger zu sein. Er nahm von Jugend an zu beiden Seiten eine Menge Zuflüsse auf, die seinen Lauf gestalteten und ihm belebten und belebenden Inhalt gaben. Er ist schon nach kurzer Zeit nicht mehr derselbe. Bei jeder Biegung oder Krümmung erscheint er als ein Anderer. Schon bald darauf besitzt er keinen eigenen Tropfen jenes unbedeutenden Bächleins mehr, nach dessen Namen man ihn benannte. Alles, alles, was er war und was er ist, das war und ist er nicht durch sich selbst, sondern es wurde ihm zugetragen"(40).
"Ein kleines namenloses Wässerlein" - das ist auch das Flüßchen in 'Merhameh', das einen traurigen, einsamen Anblick bietet, weder besonders "belebt" noch "belebend", entfernt von der Zivilisation, weit davon entfernt, "segenspendender Landbewässerer, Städtebildner und Kulturträger" zu sein. Es liegt nahe, hierin das Bild für den jungen, alleingelassenen May zu sehen.
Die Bewohner der Gegend, die das Wässerlein durchschneidet, sehen sich "gezwungen" (!), wegen der "unaufhörlichen Kämpfe" sich wie ein "Dieb oder Räuber zu verbergen", "so fern wie möglich von oft betretenen Stellen". Nur w i e ein Dieb oder Räuber, nicht a l s Dieb und Räuber? Die zunächst ein wenig waghalsig geäußerte hypothetische Frage, daß es sich bei dieser Gegend um wohlbekannte heimatliche Gefilde der Jugendzeit und des frühen Mannesalters Mays handeln könnte, geographische Erinnerungen an dunkle Strafzeiten, an Zeiten der Flucht und des Verbergens, als May wie ein Wild durch sächsische und böhmische Gebiete gehetzt wurde, scheint zu Recht gestellt worden zu sein. Wie schmerzlich mußte May miterleben, daß nach so vielen zurückliegenden Jahren die Hetzjagd nun im Alter erneut in vollem Gange lief, ja, daß er eigentlich sein ganzes Leben lang ruhelos war, immer ein Gejagter, immer ein auf der Flucht sich befindender, mit der Angst vor Entlarvun-
gen und Entdeckungen leidvoller Wahrheiten. Wie weit war der Weg, bei all der unterschiedlichen Größe des "Tatbestandes", von den damaligen Gendarmen und Richtern zu den jetzigen Redakteuren, Kolporteuren, Patres und den "neuen" Justizbeamten? Lebius war ja eifrig dabei, immer neue "Enthüllungen" aus der Strafzeit Mays aufzufahren. Es scheint nicht verwunderlich, daß diese nicht zu vergessende Zeit auch in Mays Werken wieder an die Oberfläche drang.
3. Omar Ben Amarah
In der menschenleeren Landschaft Ardistans erscheint plötzlich "um die Mitte des Nachmittages" ein Reitertrupp, der zunächst, mißtrauisch, Kara Ben Nemsi und seine Begleiter umzingelt, dessen Führer, Omar Ben Amarah, Scheik der Münazah, sich nach der Nennung des Namens Abd el Fadl, des "Fürst(en) der wahren Menschenliebe" (S. 118), ehrerbietiger, "freundlicher" und "höflicher" zeigt und die Reisenden schließlich als seine Gäste einlädt. Merhameh begegnet er in einer ehrfurchtsvollen Weise, ohne zu wissen, wer sie ist.
Im Galopp geht es zum Dorf der Münazah "eine Berglehne hinauf und drüben wieder hinunter". Vor den Reitenden liegen "steinerne Häuser und Hütten mit glatten Dächern weitum zerstreut, dazwischen Zelte von vieler Art und Farbe und des Baues". "Viele Menschen" verfolgen die Ankunft der Gäste, die "durch den ganzen, langgestreckten Ort" hindurchfliegen, "auf ein höhergelegenes, größeres Gebäude zu, um welches mehrere kleine Zelte" (S. 119) stehen - man ist bei der Residenz des Scheiks angelangt. Als Merhameh zu dem ihr zugewiesenen Zelt schreitet, schaut der Scheik ihr "mit großen Augen nach": "Wo sah ich sie doch schon? Und wann?" "Wie zu sich selbst" (S. 119) sagt er dies. Die Beziehung zwischen ihm und der "Barmherzigkeit" klärt sich schon bald auf: Als etwa zwölfjähriges Kind hatte sie Omar, dessen Vater und Bruder gerettet, als sie vom damaligen Mir von Ardistan erschossen werden sollten, da sie sich gegen ihn empört hatten. Merhameh aber sprach zum Mir
"wie nur die Engel sprechen. Sie bat, wie nur die Erde bittet, wenn sie um Regen auf zum Himmel schmachtet. Sie griff ihm mutig in das harte Herz. Sie rang mit ihm. Nicht wie ein Kind, wie eine Riesin kämpfte sie für uns" (S. 120)(41).
Als sie siegte und die drei Gefangenen ihre Freiheit wiedererlangten, versprachen sie Merhameh die Erfüllung einer Bitte, wann immer sie gestellt würde.
Just in dem Augenblick, als nun Ali Ben Masuhl als mutmaßlicher Mörder erschossen werden soll, erinnert Merhameh den Scheik an sein
Versprechen:
"Grad so wie hier war es bei dem Mir von Ardistan: Rundum die Richter sitzend und er bereit, das letzte Wort, das Todeswort, zu sprechen. Da sandte mich Allah zu Eurer Hilfe und gab mir Worte und Begeisterung, das harte Herz des Herrschers zu erweichen. Ihr wurdet frei. So sei auch dieser frei!" (124).
So kann Merhameh auch diesen Verurteilten retten.
Daß Ali Ben Masuhl freigegeben wird, geschieht jedoch nur, um das Versprechen des Scheiks und seiner Angehörigen einzulösen, das sie Merhameh bei ihrer damaligen Befreiung gaben; die Todfeindschaft mit den Manazah soll jedoch unvermindert bestehen bleiben und alles zum Kampf gerüstet werden. Und erneut muß Merhameh einschreiten:
"Wenn die Barmherzigkeit durch Liebe nichts erreicht, kann sie auch drohen. Wenn sich die Münazah etwa für Götter halten, muß ich ihnen zeigen, daß sie Menschen sind! Die umliegenden Völker sind es müd geworden, nur immer die Waffen klirren zu hören. Ich habe zu warnen!" (S. 126)(42)
Es gelingt. "Bei wem vorher das Herz nicht zu rühren war, bei dem wirken nun die Einsicht und der Verstand" (S. 127). Frieden soll geschlossen werden, die "Barmherzigkeit" hat ihre Aufgabe erfüllt.
Daß Merhameh beim Scheik auf fruchtbaren Boden treffen würde, macht bereits die Charakteristik deutlich, die May uns von ihm gibt:
"Er war ein Mann von über fünfzig Jahren, hoch und kräftig gebaut, mit vollem Bart und kühn geschnittenen, sehr sympathischen Gesichtszügen, bei jedem Schritt und bei jedem Wort von unverleugbarem Adel" (S. 119),
ein Mann sicher voller Stolz und Kraft, aber auch Seelenmensch. Im Lager unterhält er sich mit Kara Ben Nemsi und dessen Begleitern nicht
"etwa über gewöhnliche Dinge, o nein! Sondern über Fragen, die teils nach der Tiefe, teils nach der Höhe forschen" (S. 127).
Bei May taucht dieser von der Liebe und der Barmherzigkeit geläuterte, auf dem "Veredlungsweg" sich befindende Menschentyp öfter auf(43). Es erscheint mir sicher, daß diese Figuren immer May-Projektionen sind, an denen die Wandlung, die Umkehr, Reue und Einsicht, die Erweckung der Seele demonstriert wird; so wie es May selbst erlebt hatte. Dieser sein entscheidender Entwicklungsabschnitt brach immer wieder durch.
Die Wandlung betraf sowohl Leben wie Werk Mays. Wenn Omar im Alter von "über fünfzig Jahren" ist, kann man hier an den realen Altersabschnitt Mays denken, also an die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts - dieser Aspekt ist vor allem für die Betrachtung des Verhältnisses Omars zu seiner Frau interessant; wir haben aber auch eine Äußerung Mays zu beachten, die deutlich die literarische
Wandlung anspricht:
"Nach fünfzigjährigen (!) Vorübungen genügt es mir, ein einziges Stück zu schreiben, um zu zeigen, was ich gewollt habe"(44).
Diese zukunftsorientierte Feststellung spiegelt sich auch in dem "seelischen Aufbruch" Omars.
4. Die Scheiksfrau
Verhärtet wird die These, daß es sich beim Scheik Omar Ben Amarah um ein alter ego Mays handelt, durch die Frau des Scheiks; sie ist die eigentliche Ursache dafür, daß Omar sich auf Irr- und Abwegen befindet. Das "Ich" bemerkt "nach und nach immer deutlicher", daß
"der Grund alles Übels in seinem (des Scheiks) eigenen Hause lag, in seiner eigenen, herrschsüchtigen, stolzen --- Frau!" (S. 127)
May wußte sehr genau, warum er diese Erkenntnis durch Gedankenstriche und Ausrufzeichen hervorzuheben hatte. Diese Scheiksfrau, "das Übel im eigenen Haus", ist Emma Pollmer, die kurz vor der Niederschrift 'Merhamehs' erneut gegen May in der Ehescheidungsangelegenheit vorging. Und wie beschreibt May sie in unserer Erzählung!
"Die Frau war in feines, indisches Linnen gekleidet. In ihrem Haare glänzten goldene und silberne Ketten und Münzen. An ihren Hand- und Fußgelenken klirrten schwere Spangen. Man sah ihr an, daß sie stolz auf diese Schmuckstücke war und ebenso wohl auch auf die hohe, imponierende Gestalt, durch die sie sich vor den andern Frauen, die wir sahen, auszeichnete" (S. 120).
So "still" und "bescheiden", wie May Emma beim Kennenlernen rückblickend in seiner Selbstbiographie beschreibt(45), war sie in der Ehe weiß Gott nicht - in seinem 1907 entstandenen Manuskript "Frau Pollmer, eine psychologische Studie" rechnet May äußerst offen und schonungslos mit ihr ab, und da entsteht ein Bild, das dem der Scheiksfrau in 'Merhameh' auffallend gleicht. May warf Emma vor allem ihre niederen Gelüste und Triebe, ihren Eigennutz vor, wozu auch ihr Hang zum äußeren Tand, zu Prunk und Pracht gehörte ("verschwenderische Lebensführung" und "dauerndes Bestehlen" waren die Scheidungsgründe).
"Es zeigte sich sehr bald, daß sie mich nur geheiratet hatte, um in den Besitz von Geld zu kommen und um ihrem Vergnügen nachgehen zu können. M e i n e r e r n s t e n L e b e n s a u f f a s s u n g konnte sie sich absolut nicht anpassen", äußerte May vor Gericht(46); "Als meine Frau hatte sie ihrer Selbstvergötterung fröhnen können"(47).
May konnte der "öffentlichen Schau" Emmas freilich kaum genügen. Aufsehenerregende Beschimpfungen von ihr wie, er sehe aus "wie unser Louis"(48), mußte er sich sicher oft genug gefallen lassen.
5. Merhameh
Die den materiellen Dingen verfallene, eigensüchtige Scheiksfrau steht im scharfen Kontrast zu Merhameh,
"die zwar in einfachen, billigen Stoff gekleidet und ohne jedweden künstlichen Schmuck an ihrer Seite stand, aber trotz alledem nicht weniger imponierte" (S. 120).
Christoph F. Lorenz' Vermutung, May wollte in den beiden Frauengestalten seine Eheerfahrungen widerspiegeln(49), ist sicher teilweise richtig. Daß es sich bei der Figur Merhamehs um ein Bild Klaras handele, scheint mir weniger zwingend - obwohl sicherlich Spuren Klaras zu finden sein werden. Wir wissen, daß Merhamehs reales Vorbild Mays junge Freundin Lu Fritsch (Marieluise Droop) war(50).
Seit dem Jahre 1903 stand sie mit May im Briefwechsel; mit siebzehn Jahren (das ist auch das Alter Merhamehs, das May im "Mir" angibt, als sie dort zum erstenmal auftritt(51)) konnte sie ihn 1908 zum erstenmal in Radebeul besuchen und es entwickelte sich eine äußerst herzliche, innige Beziehung. May erkannte in ihr eine liebe Wesensverwandte(52). "Karl May hatte mir sein ganzes Vertrauen geschenkt. Und ich selbst habe mich hineingestürzt in seine Tragödie ... Eines Morgens - in der Nacht war er gekommen, ganz leise, was ich nicht gehört hatte, in mein Fremdenzimmer in der Villa Shatterhand - lag auf meinem Tisch sein neuestes Werk: ein zweibändiges 'Ardistan und Dschinnistan'. Und da war ein Zettel. Auf diesen hatte er geschrieben: 'Merhameh, das bist Du! In der Gestalt habe ich Dich gesehen und erlebt, von dem ersten Tag (an), als ich Dich kannte '"(53).
Als die Anschuldigungen gegen May immer infamer wurden, trat Lu mit bewunderungswürdigem, aufopferndem Elan und Einsatz für May ein. Sie entlarvte die Gegner und aktivierte die Fürsprecher Mays. "'Ustad, was auch sein mag: Ich gehöre Dir ganz, bis zuletzt, ich glaube an Dich!'" telegraphierte sie May nach Lebius' Freispruch(54). 1910 gelang es ihr, "mit ihrer 'Leibgarde der Dschamikun' und als 'Karl Mays schöne Spionin', den Prozeßverlauf maßgeblich zu Gunsten des Angeprangerten zu beeinflussen"(55).
Merhameh wird bei May zum rettenden Engel. So, wie sie Ali Ben Masuhl vor dem Tode bewahrt, setzte sich Lu Fritsch auch für May ein. Wir werden noch darauf zurückkommen.
Natürlich ist Merhameh, "das lieblichste Mädchen bei May überhaupt"(56), vor allem eine idealisierte Gestalt, die inmitten kämpfender, mordender, sich hassender Menschen die Friedensidee, die Liebe und Barmherzigkeit allegorisiert. Lorenz weist darauf hin,
daß sich in Merhameh wohl auch "mütterliche und jungfräuliche Züge" vereinen(57).
"Sie war jung und schön, und zwar von einer so edlen, reinen, keuschen, ich möchte sagen, heiligen Schönheit, daß sie gar kein Wort zu sagen, sondern nur das Auge aufzuschlagen brauchte, um Alles, was nicht lauter, klar und sauber war, von sich abzuweisen. Sie übte, ganz ohne es zu wissen oder gar zu wollen, eine unter Umständen unwiderstehliche Macht sogar auf rohe Menschen aus, und es ist nicht nur damals, sondern auch anderweit vorgekommen, daß sie es war, die uns durch diese Macht beschützte, anstatt wir sie mit Hilfe unserer Waffen" (S. 117).
Als sie für Ali Ben Masuhl in der Versammlung der Ältesten spricht, scheint sie
"nicht mehr ein irdisches Geschöpf, sondern ein Wesen aus jener Welt zu sein, in deren Licht sie jetzt zum Volke sprach. Ihre Konturen waren in rosigen Aether getaucht. Ihr Gewand erglänzte, wenn sie im Sprechen sich bewegte, je nachdem die Farben desselben nach der Licht- oder nach der Schattenseite fielen, bald in purpurnen, bald in silberblauen Tönen. Ihr dunkles, nur im Nacken zusammengehaltenes, sonst aber frei, offen und lang herabwallendes Haar schien im Luftzuge wie von unzähligen Rubinen und Smaragden übersät. Und als jetzt eine leichte Wolke sich wie ein Schleier durch das Leuchten zog, hatte es den Anschein, als ob das schöne Fürstenkind von der Erde hinweggenommen werden solle, um mit dem Abendrot im Jenseits zu verschwinden" (S. 125).
So kennen wir Merhameh auch aus 'Ardistan und Dschinnistan', als ein "junge(s), schöne(s), unendlich sympathische(s) Wesen"(58):
"Ihr einfaches, orientalisches Gewand wurde von einem Ledergürtel zusammengehalten. Es bestand aus gewöhnlichem, billigem Linnen, war aber weiß und gänzlich fleckenlos ... Ihr starkes, dunkles, welliges Haar war nicht geflochten, sondern wurde im Nacken von einer Schnur mit Blumen zusammengehalten und fiel von da wieder offen und in seltener Länge hernieder"(59). "Eine jede ihrer kräftig schönen, harmonischen Bewegungen nahm das Auge gefangen. Sie kam mir vor wie ein Gedicht, wie ein lebendiges Sonett, von Gott selbst in Fleisch und Blut geschrieben, um zu der Schönheit ihres Namens die gleiche Schönheit ihres Körpers zu gesellen"(60).
6. Ali Ben Masuhl
Ali Ben Masuhl, der Bruder des Scheiks der Manazah, der zum Tode verurteilte Mörder, ist neben der Titelfigur Merhameh die eigentliche zentrale Person der Erzählung. Er
"war ein hagerer, dünnbärtiger Mann von echtestem Beduinenhabitus, im Alter von zwischen vierzig und fünfzig Jahren" (S. 123).
Gerichtet soll er werden, weil er den Bruder Scheik Omar Ben Amarahs erschossen hat,
"nicht aus Versehen, sondern mit Absicht, aus dem Hinterhalte, einer elenden Beute wegen" (S. 123).
Wenn wir die Charakterisierungen Ali Ben Masuhls im weiteren Verlauf der Erzählung verfolgen, dann wollen wir kaum glauben, daß wir es realiter mit einem Mörder zu tun haben. Eigentlich ist Ali
Dichter, den aber "weder die Münazah noch die Manazah zu beachten (scheinen)".
"In der Ferne liebt man mich. In der Heimat will mich keiner", sagt er (S. 126).
Bevor Merhameh sich seiner annimmt, sucht er Schutz bei der Frau des Scheiks. Es ist ein altes "Gesetz des Landes".
"Auf diese Weise retten sich Verurteilte, wenn ihnen keine andere Hoffnung bleibt, zuweilen in den Schutz der Frauen, der von den Männern ganz unbedingt beachtet werden muß" (123). Aber die Scheiksfrau "riß sich von ihm los, streckte beide Arme abwehrend gegen ihn aus und antwortete: 'Fort mit dir! Stirb, und verflucht sei deine Seele!' Da trat er von ihr weg und ließ sich wieder ergreifen. Der Blick, den er auf sie warf, schauert mich noch heut!" (S. 123).
Darauf begibt sich Ali in sein Schicksal mit den resignierenden Worten:
"Es ist nicht wünschenswert, auf einer Erde weiterzuleben, auf welcher nicht einmal mehr das Weib Erbarmen hat!" (S. 123)
Dieses "kalte, erbarmungslose, goldgeschmückte Weib" (S. 123) dürfte auch das Emma-Bild charakterisieren, das May sich bei der Abfassung 'Merhamehs' machte. Wie Ali Ben Masuhl bot diese Frau May keinen Schutz, keine Hilfe, sondern sie zeigte sich als arger Widersacher, als eine Person, die erheblich dazu beitrug (wenn auch von Lebius aufgehetzt), May an den Abgrund zu bringen.
Wir denken aber auch an die "Abweisungsszene" der Mutter Mays ("Schnell wieder fort, fort, fort!"(61)), die den Herumirrenden nicht aufnahm, sondern wieder wegschickte, in die Wirrnis der Straf- und der späteren Haftzeit. Es ist bereits des öfteren auf diese Szene hingewiesen worden(62). Ihre Bedeutsamkeit dokumentiert sich auch hier.
Es scheint ganz offensichtlich zu sein, daß es sich bei Ali Ben Masuhl ebenfalls um eine Selbstspiegelung Mays handelt. Beide sind Dichter, beide werden in der Heimat mißachtet (May vor allem als symbolisch-allegorischer Dichter; sollte man in seinem Falle 1910 nicht v e r achtet sagen?) - aber: Ali Ben Masuhl ist Mörder! Wir fügen eine Stelle aus Mays Selbstbiographie an, um auch hierzu Aufschlüsse zu bekommen:
"Ich bin vor nun vierzig oder fünfzig Jahren (!) unfreiwillig da hinunter gestiegen, wo die Verachteten wohnen, denen es so schwer gemacht wird, sich die ihnen geraubte Achtung zurück zu erwerben"(63).
Bereits bei Scheik Omar Ben Amarah haben wir auf die Bedeutung des Alters, der Jahre, hingewiesen. "Im Alter von zwischen vierzig und fünfzig Jahren" (S. 123) - das ist Ali Ben Masuhl. Das sind genau die Jahre, die zurück in Mays Strafzeit führen! Auch wenn wir uns
auf äußerst hypothetischen Geleisen bewegen, haben wir diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Ali Ben Masuhl hat den Bruder Omar Ben Amarahs getötet. Wie wir gezeigt haben, fungiert der Scheik ebenfalls als alter ego Mays; Omar und Ali sind insbesondere durch die Parallelität ihrer Schicksale - die Gefangennahme und drohende Erschießung - miteinander verbunden.
Alis Mord wurde wegen "einer elenden Beute" verübt, "aus dem Hinterhalte". Hier haben wir wiederum das Diebes- und Raubmotiv, das die Fäden zu Mays kriminellen Delikten zieht. E i g e n t l i c h sollte "Beute" gemacht werden, sollte geraubt, gestohlen werden, dabei wird jedoch jemand e r m o r d e t . Dieser Ermordete aber ist kein geringerer als May selbst! Er selbst hat sich, einen Part seines Ichs (damit im übertragenen Sinne also einen "Bruder") durch seine Diebesaktion, um eine " e l e n d e Beute", im frühen Mannesalter vernichtet, ausgelöscht, g e t ö t e t (64). D a s ist der "Mord" Ali Ben Masuhls! Es fällt auf, daß dieser für einen Mörder äußerst sympathische Züge besitzt:
"Er sprach nicht nur korrekt, sondern auch enthusiasmiert und in Ausdrücken und Wendungen, die nur auf der Zunge eines Dichters üblich sind. Seine Gestalt verklärte sich. Er stieg in unsern Augen dabei nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich an Wert. Er war keinesfalls ein gewöhnlicher Mensch" (S. 125).
Wir wissen, daß May in seinen Werken "Mörder" meist dann als sympathisch charakterisiert, wenn sie zu Unrecht verurteilt werden sollen, wenn die eigentlichen "Drahtzieher" ganz andere Personen sind. Nicht so bei Ali Ben Masuhl, der erwiesenermaßen, vorsätzlich, aus niederen Gelüsten heraus, einen Mord begangen hat und dennoch, wie es scheint, ohne k ö r p e r l i c h e Strafe davonkommt. Die "Barmherzigkeit", Merhameh, hat sich seiner bemächtigt, rettet ihn vor dem Tod. Es ist die von Gott geschickte Hilfe, die auch den jungen May rettete. Die Sühne für den Mord sieht aber ganz anders aus; sie betrifft das Werk des D i c h t e r s !
"'So kann nicht ich (Merhameh), sondern nur du allein dich retten --- wenn Allah es will! Begreifst du das?' 'Nein', antwortete er. 'Du wirst es begreifen lernen, falls du wirklich Dichter bist. Die Zeiten sind vorüber, in denen die Poesie des Raubes und des Mordes durch die Steppen ritt und unter den Zelten der Wüstenstämme kampierte. Kein Räuber und Mörder darf sein Gesicht mehr hinter der Heldenlarve verstecken. Du bist jetzt Dichter und Mörder, aber nicht mehr Dichter und Held. Und wo Menschen dir verzeihen, darf Allah dir nicht verzeihen. Merke dir eines: Die Gnade und Barmherzigkeit ist nur für innerlich kleine Leute; wer aber groß zu denken und groß zu werden hat, der bleibt der göttlichen Gerechtigkeit nicht einen Para schuldig. Ich kann dich heut nur körperlich befreien, doch vor Allah bist du Gefangener, bis du bezahlst, was du ihm schuldig bist. Dichter haben groß zu sein; vor allen Dingen in sich selbst. Wer so, wie sie, das edelste Gold und die herrlichsten Diamanten
aus voller, freier Hand verschenkt, hat nicht das Recht, der Schuldner Gottes zu sein. Darum frage ich dich noch einmal: Ist dir der Dichter Ben Masuhl bekannt? Bist du es wirklich? Oder bist du es nicht?'" (S. 126)
Nicht Menschen also sind die Instanz, die zu richten hat, sondern nur Gott. Vor ihm muß sich der "Räuber und Mörder" verantworten - daß das arabische Wort "mas'ûl" "verantwortlich" bedeutet, mag keine Überraschung sein(65). May mußte deutlich erfahren, was eine "weltliche Sühne", eine Gefängnishaft letzten Endes wert war. Die Haftzeit, die Verurteilung durch die Justiz (man vergleiche die "Richter" und den "Richtplatz" in 'Merhameh'!), bedeutete ja keine endgültige Befreiung und Beendigung der dunklen Zeit - wie Lebius wieder einmal bewies. Zu sühnen hatte May vor allem innerlich, vor Gott, und dies versuchte er als D i c h t e r , indem er ethisch-geistige Ideale schuf und die Menschen, seine Leser, zum Edelmenschentum führen wollte. Darin sah er seine Aufgabe, s e i n e Sühne, die ihm w i r k l i c h e Erlösung verschaffen konnte. Diese Intention der Mayschen Dichtung wird in 'Merhameh' explizit thematisiert. Die Zeiten der "Poesie des Raubes und des Mordes" sind vorbei, was sich wohl auf den Abenteuercharakter früherer Werke Mays bezieht. In der Selbstbiographie Mays heißt es:
"Daß all das Leid, welches über mich kam, auch meine andere, die schriftstellerische Aufgabe, beeinflussen mußte, versteht sich ganz von selbst. Auch da gab es Schlacken, und zwar mehr als genug. Auch sie mußten herunter. Es flog der Ruß, der Schmutz, der Staub, der Hammerschlag. Noch liegt das alles um mich her, doch nun wird ausgeräumt, damit das reine, edle Werk beginne"(66).
Ali Ben Masuhl ist jetzt "Dichter und Mörder, aber nicht mehr Dichter und Held", die "Heldenlarve" muß herunter. Die Zeit war für May vorbei, sich hinter dem Ich-Held seiner Werke zu verstecken - in 'Merhameh' bleibt das "Ich", "ein Effendi aus Deutschland" (S. 120), äußerst blaß, ist wenig aktiv, sieht seine Funktion vielmehr als distanzierter Beobachter. Das M a y s c h e Ich verkörpern ganz andere Figuren!
May mußte und wollte sein wahres Gesicht zeigen, er beichtete, bekannte, rechnete ab. Dies sei auch die Intention seiner Selbstbiographie:
"Ich schreibe dieses Buch nicht etwa um meiner Gegner willen, etwa um ihnen zu antworten oder mich gegen sie zu verteidigen, sondern ich bin der Meinung, daß durch die Art und Weise, in der man mich umstürmt, jede Antwort und jede Verteidigung ausgeschlossen wird. Ich schreibe dieses Buch auch nicht für meine Freunde, denn sie kennen, verstehen und begreifen mich, so daß ich nicht erst nötig habe, ihnen Aufklärung über mich zu geben. Ich schreibe es vielmehr nur u m m e i n e r s e l b s t w i l l e n , um über mich klar zu werden und mir über das, was ich bisher tat und ferner
noch zu tun gedenke, Rechenschaft abzulegen. Ich schreibe also, um zu beichten. Aber ich beichte nicht etwa den Menschen, denen es ja auch gar nicht einfällt, mir ihre Sünden einzugestehen, sondern ich beichte meinem Herrgott und mir selbst, und was diese beiden sagen, wenn ich geendet habe, wird für mich maßgebend sein"(67).
Nach der Befreiung geht Ali Ben Masuhl in sich:
"Die ihm angeborene, schöne Begeisterungsfähigkeit trat heut hinter den Ernst der Gedanken zurück, die Merhameh in ihm in das Leben gerufen hatte. Sie füllten ihn innerlich aus, das sah man ihm an, und diese Einkehr in sich selbst ließ ihn so seelisch bedrängt, so rührend hilfsbedürftig erscheinen ..." (S. 127).
So ähnlich mag auch der Befindenszustand Mays während der Orientreise ausgesehen haben, als sich der "Sprung über die Vergangenheit" vollzog.
7. Die "Erlösung"
Unheil bahnt sich an, als man zum Friedensschluß mit den Manazah aufbricht. Die Sonne ist zwar aufgegangen, aber nicht zu sehen.
"Sie verbarg sich hinter einem häßlichen, dicken, schmutzig gelbroten Schleier. Wir hatten einen jener bösen Tage vor uns, an denen die Luft mit feinstem Sand geschwängert ist und man sich Auge, Mund und Ohr verhüllen muß, um diese edlen (!) Organe zu beschützen ... Und das hielt nicht nur den ganzen Tag an, sondern es verschlimmerte sich am Nachmittage so, daß wir unsere Pferde öfters ruhen lassen mußten und nur ganz langsam vorwärts kamen. Es war ein Tag, wie extra dazu gemacht, daß ein großes schweres Unglück an ihm geschehe" (S. 128). Die höhere Macht, Gott, zeigt dieses Unglück durch die Natur an; "jedes Wetter schickt für den, der es fühlt, seine Vorahnung voraus" (S. 128)(68).
Wie ein Buß-, wie ein Kreuzweg Ali Ben Masuhls mutet diese Reise an, hin zum Grab, in der engen Begleitung Merhamehs und des Scheiks Omar Ben Amarah. Wenig wird gesprochen, "nur kurze Fragen und kurze Antworten", "aber von heiligem, edlem Klange".
"Wenn wir einmal anhielten und ich einen Blick auf Ben Masuhl bekam, fiel mir das tiefe, schwärmerische Leuchten seines Auges auf" (S. 128).
Das "eigentliche Ziel" (S. 128) kann wegen des widrigen Wetters an diesem Tag nicht erreicht werden, deshalb beschließt man,
"die Nacht beim Grabe eines muhammedanischen Heiligen zuzubringen, welches fast genau an der Grenze zwischen den Gebieten der beiden Stämme lag, und zwar in einem kleinen Wäldchen, in dem man einigermaßen Schutz vor dem Wetter finden konnte" (S. 128).
Als man aus einer "vielgewundenen Felsenschlucht" kommt, steht es "ganz plötzlich" vor den Reitenden,
"eine enge Tür, vier weißgetünchte Mauern, ein plattes Dach darauf und im Innern nichts, als nur die kahlen Wände. Auf beiden Seiten und hinten wurde es von spärlichen Sykomoren, Schwarzhölzern und dürrem Gestrüpp eingefaßt" (S. 128).
Dieses "Grab" erscheint wie ein Gefängnisraum, wie eine Zelle. Waren das vielleicht Gefängnisassoziationen Mays? Erinnerungen an seine Einzelzelle, an das "Isolierhaus", an einen Raum mit "kargen", "weißgetünchten" G e f ä n g n i s mauern und einer "engen" Z e l l e n tür? In diesem Raum lauert der Tod: Hassan Ben Masuhl, der Scheik der Manazah, benützt ihn als Versteck, um den Münazah aufzulauern. Mit dem Vorsatz, Omar Ben Amarah zu erschießen, ermordet er aber seinen eigenen Bruder, Ali Ben Masuhl, der vermummt auf dem Pferd Omars, einer "prächtige(n) Asfar-Stute" (S. 125) reitet. So ist es letzten Endes ein P f e r d , das diese Verwechslung, und damit den Tod Ali Ben Masuhls hervorruft. In dem etwa um die gleiche Zeit abgeschlossenen Roman 'Winnetou Band IV' verkörpern Pferde das literarische Werk Mays, ebenfalls im "Silberlöwen". Wie verhält es sich damit in 'Merhameh', wo die Dichtung ja auch eine zentrale Rolle spielt?
Die isabellfarbene Stute Omar Ben Amarahs schien "reines, edles Blut zu sein", "das beste Pferd des ganzen Stammes" (S. 125). Ali Ben Masuhls Pferd war "unbrauchbar" (S. 125) geworden;
"es erlahmte unterwegs an einer Verletzung des Hufes. Das war der Grund, daß es den Münazah möglich wurde, mich zu fangen" (S. 125).
Nach der Freisprechung borgt ihm dann der Scheik, der sich "mit seinem bisherigen Gefangenen in ebenso schneller wie aufrichtiger Weise" (S. 127) befreundet hat, seine kostbare Stute(69):
"Wie gut und aufrichtig der Scheik es mit seinem bisherigen Todfeinde meinte, war daraus zu ersehen, daß er, als dieser sein lahm gewordenes Pferd erwähnte, zu ihm sagte: 'Das kannst du natürlich nicht reiten. Es bleibt hier bei mir, bis sein Huf gesundet ist. Ich borge dir meine Isabelle. Sie ist das Köstlichste, was ich besitze. Du siehst, ich habe dich lieb'" (S. 127f).
Sehr wahrscheinlich meint das "lahm gewordene Pferd" das hinter May liegende, überwundene Werk (der "Raub- und Mordpoesie"!); da erst diese "Erlahmung" den Münazah ermöglicht, Ali Ben Masuhl gefangenzunehmen, kann man hier insbesondere an die Kolportageromane denken(70). Die Stute des Scheiks, die in Händen eines auf dem Weg zur Edelmenschlichkeit sich befindenden Mannes ist - vorher ritt Omar einen "Halbbluthengst" (!) (S. 119) -, wäre dann mit dem Spätwerk gleichzusetzen. Gerade auf dieser "Stute" sühnt der "vermummte Mörder" Ali Ben Masuhl / May durch seinen Tod und wird erlöst (denken wir an die Intention des Mayschen Spätwerks!).
"Schmutzig gelb, fast zu greifen, wälzte sich draußen die sandige Luft vorüber. Todesfahl drang das dicke Licht wie ein schadenfrohes Grinsen zur schmalen Tür herein" (S. 130). "'Merhameh', sagte er (Ali Ben Masuhl). 'Weißt du noch, was du sagtest? Gestern abend?'
'Ich weiß es', antwortete sie. 'Ist es mir gelungen, mich selbst zu retten' 'Ja, Allah hat es gewollt.' 'Habe ich bezahlt?' 'Soeben tust du es. Du bist dein eigener Preis.' 'So bin ich frei?' 'Frei bist du, frei!' antwortete sie. Das klang wie ein Schluchzen, und doch war es auch wie ein Jubel" (S. 131).
"Nur ein einziger Tag wurde ihm geschenkt. Wozu?" fragt sich das "Ich" (S. 130). Wir wissen es wohl.
Um "sich selbst zu retten", m u ß t e Ali Ben Masuhl/May auf der Stute des Scheiks reiten (das Spätwerk schreiben), damit er w i r k l i c h gerichtet werden konnte; der Tod offenbart die Gerechtigkeit.
Die Erlösung durch den Tod war in Mays Gedanken immer präsent, wir kennen viele Beispiele von glorifizierten Todes- und Abschiedsszenen aus seinem Werk. Besonders in seinen letzten gequälten Jahren brach Todessehnsucht immer wieder durch - obwohl er andererseits doch auch auf ein langes Leben hoffte, um sein "eigentliches Werk" noch zu schaffen.
Der Todesort in 'Merhameh', das mohammedanische Grab, verklärt sich zum " H e i l i g e n grab", zu einem Ort der Auferstehung, an dem der Frieden besiegelt wird.
"Der Abend kam. Er brachte andere Luft. Es erhob sich ein Wind, der in kräftigen Stößen die Atmosphäre reinigte (!) ... So kam es, daß der Himmel wieder sichtbar wurde. Der Mond erschien. Die weißgekalkten Mauern des Grabes sammelten seine Strahlen und warfen sie uns in zart bläulichen Reflexen zu. Da regte es sich im Innern. Das Leben erhob sich von der blutig feuchten Erde, um sich von dem Tode zu trennen" (S. 132)(71)
8. Hassan Ben Masuhl
May kaschiert, verbirgt seine eigene Geschichte hinter dem "Kain-und-Abel-Motiv", dem Brudermord(72). So heißt es am Schluß der Erzählung:
"Allah nur allein ist gerecht. Nimmt der Mensch die Rache in die Hand, so trifft er stets niemand, als nur den eigenen Bruder" (S. 132).
Das ist die eigentliche Botschaft Mays, sein philosophisch-religiöses Anliegen, der schlußfolgernde Leitsatz 'Merhamehs'. " I m m e r erschlägt, wer den Menschen mordet, den eigenen Bruder", sagt Heinz Stolte richtig(73). May demonstriert damit die Sinnlosigkeit jedes Krieges; "es sei Friede" - diese Worte stehen geradezu beschwörend am Ende des Mayschen Weges. Wir wissen nur zu gut, wie berechtigt und wie notwendig diese Worte waren und heute wieder sind!
Die Bruderliebe, die Menschenliebe, die Versöhnung der Rassen postulierte May immer wieder, nur so kann wirklicher Friede eintreten.
Aber May ging es auch um seinen i n n e r e n F r i e d e n . Ali Ben Masuhl "bezahlt" seinen Mord d u r c h s i c h s e l b s t , er rettet "sich selbst", wie May sagt. Damit haben wir wiederum deutliche Hinweise, wer sich hinter Alis Mörder verbirgt.
Über Hassan Ben Masuhl wird gesagt, daß er "ein harter, eigenwilliger Mann" sei,
"bei dem es wohl nicht ohne innere Kämpfe hergehen werde, sich für die Beendigung der Feindschaft zu entscheiden. Er schien in jeder Beziehung ein ausgesprochener Egoist zu sein und an seinem ganzen seelischen Körper nur einen einzigen warmen, sympathischen Punkt zu besitzen, und das war die Liebe zu seinem Bruder ..." (S. 127)(74)
Nachdem er realiter in Erscheinung getreten ist, heißt es:
"Sein Charakter stimmte genau mit der Vorstellung überein, die ich mir von ihm gemacht hatte. Er war ein harter, rücksichtsloser und rachgieriger Mann, der aus seinem Leben den Begriff der Verzeihung vollständig ausgestrichen hatte. Er hatte den heutigen Ritt in der festen Absicht unternommen, den vermeintlichen Tod seines Bruders in blutigster Weise zu rächen. Und nun tötete er ihn selbst; nun war er selbst der Mörder! das wirkte so auf ihn, als ob die Kugel ihn selbst (!) getroffen habe" (S. 132).
Dieser "Mörder" seines "Bruders" ist wiederum niemand anders als May selbst! Er ist die Inkarnation all dessen, was May in seiner Selbstbiographie als eine Gestalt seines Innern, "fatal, häßlich, höhnisch, abstoßend, stets finster und drohend"(75), als das "dunkle Wesen"(76), beschreibt, das ihn in den Abgrund stürzte. H a s s a n ist all das Böse, der Schatten, der May stetig bedrohte (sicher spiegeln sich hier auch die realistischen Vater-Züge!).
Wenn Hassan nur in seiner Liebe zu seinem Bruder einen sympathischen Punkt besitzt, dann dokumentiert sich damit im Grunde sein starker Egoismus, wohl auch der Maysche Narzißmus. Die "Brüder" sind eigentlich nur eine Person; somit m u ß t e die Erschießung seines Bruders auf Hassan Ben Masuhl wirken, "als ob die Kugel ihn selbst getroffen habe" (S. 132)!
Hassan/May mordet mit der Absicht, seinen totgeglaubten Bruder zu rächen (d.h. den Verlust seines Ichs zu retten), wodurch er ihn aber erst w i r k l i c h tötet. Auch May wollte sich in seiner Strafzeit rächen, wie es ihm seine "inneren Stimmen" diktierten:
"Die Hauptsache war, daß ich mich rächen wollte, rächen an dem Eigentümer jener Uhr, der mich angezeigt hatte, ... rächen an der Polizei, rächen an dem Richter, rächen am Staate, an der Menschheit, überhaupt an jedermann! ... Die Welt hatte mich betrogen um meine
Zukunft, um mein Lebensglück. Wodurch? Dadurch, daß ich das blieb, wozu sie mich gemacht hatte, nämlich ein Verbrecher"(77).
Bei der Ermordung Alis geht es nun jedoch um die Erlösung, um die Auferstehung, nicht mehr um die Vernichtung, die Auslöschung eines Lebens, wie im Falle des ermordeten Bruders Omar Ben Amarahs. Der " M ö r d e r " Ali Ben Masuhl/May mußte sich selbst erlösen, "durch sich selbst sterben", hier: durch den "Bruder" getötet werden, einem Part seines Ichs. Das Böse wird vom Bösen selbst gerichtet! Das Ende ist die Freundschaft zwischen den beiden Scheiks, der Ausgleich der zwei Seelen Mays:
"'Reicht Euch die Hände!' bat er (der sterbende Ali Ben Masuhl). Sie taten es. 'Ich liebe Euch', fuhr er fort. 'Seid Brüder im Leben, wie ich im Tode noch Euer Bruder bin!'" (S. 131).
Für Hassan Ben Masuhl bedeutet der Mord, der Tod seines Bruders, Läuterung, Umkehr, Einsicht - F r i e d e .
III. SCHLUSSBETRACHTUNG
'Merhameh' ist sicher eines der gelungensten polyphonischen Werke des Mayschen uvres. Die verschiedenen Lese-Ebenen verschränken sich nahtlos, obwohl es diffizil ist, wie wir gesehen haben, die autobiographischen Schichten deutlich zu erkennen. Das ist aber vor allem die Folge eines großen "Wagnisses" Mays: nämlich sich selbst auf gedrängtem Raum vierfach zu projizieren, viermal seine Geschichte zu exemplifizieren, an vier Figuren - zwei Brüderpaaren, deren Schicksal eng miteinander verknüpft ist - seine Seele aufzubrechen. Denn von nichts anderem handelt die Erzählung auf der autobiographischen Ebene: von der Spaltung des Mayschen Ichs! May verstand es aber, diese seine Spaltung gleichzeitig als M e n s c h h e i t s s p a l t u n g zu thematisieren. Darum war der Handlungsort auch das G r e n z gebiet; die Grenze spaltet nicht nur zwei Beduinenstämme (Handlungsebene), sondern die M e n s c h h e i t (philosophisch-religiöse Ebene) und die P s y c h e M a y s (autobiographische Ebene) - "eng miteinander verwandt" (S. 117) waren die beiden "Stämme" in der Tat! Daß May dies alles in eine kleine Form zu zwingen vermochte, ist sicherlich die artifizielle Leistung dieser Erzählung.
Beispiele für die meisterhafte Polyphonie 'Merhamehs' lassen sich vielfach anführen: denken wir etwa an die zwei Morde, die eigentlich nur in einer Betrachtung der Gesamtheit der verschiedenen Ebenen richtig verstanden werden können.
Die Bezüge auf die autobiographische Ebene, deren Erkenntnis an den Leser natürlich eine besonders hohe Anforderung stellt - zum
Teil k a n n diese Erkenntnis auch gar nicht erreicht werden -, sind offensichtlich, wenn May etwa in Ali Ben Masuhl ein Dichterschicksal thematisiert, oder wenn er die Eheproblematik anreißt. Weit einfacher ist der Verstehensakt bei der philosophisch-religiösen Ebene. Mays Hinweise zeigen ständig an, daß die Erzählung nicht an Kriterien der früheren Reiseerzählungen zu messen ist. Dennoch macht er einer gewissen Leserschicht, wohl dem Lesepublikum seiner frühen Reiseerzählungen ein Zugeständnis (was gleichzeitig implizit auch als Kritik zu verstehen ist), wenn er gegen Ende noch eine "Anfügung" macht, die die Fabel abschließend illustrieren und erklären soll, "für diejenigen Leser (gedacht), welche sich nicht mit dem innern, psychologischen Schluß einer Erzählung begnügen, sondern gern auch jedes äußere Fältchen ausgeplättet haben wollen" (S. 131). Scheint diese Anfügung gewissermaßen wie eine Inkonsequenz Mays, so fügt sie der Erzählung in ihrer Gesamtheit jedoch kaum einen Schaden zu.
ANMERKUNGEN
1 Bei den früheren Erzählungen verhält es sich - vor allem aus entstehungsgeschichtlichen Gründen - etwas anders.
2 Als ein weiterer Grund für die Entstehung der kürzeren Erzählungen ist auch die Terminnot Mays zu nennen.
3 Zu den anderen Altersnovellen: "Sonnenscheinchen" und "Das Geldmännle" erschienen 1903 als "Erzgebirgische Dorfgeschichten"; "Schamah" 1907 in den "Efeuranken"; "Bei den Aussätzigen" ebenfalls 1907 im "Grazer Volksblatt", wo auch "Abdahn Effendi" 1908 veröffentlicht wurde.
4 In: Christus oder Muhammed. Marienkalender-Geschichten von Karl May. Reprintdruck der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg 1979, S. 7.
5 Ebda; Christoph F. Lorenz: Vom Haß zur Liebe. Karl Mays "Marienkalender-Geschichten" als Dokumente der inneren Entwicklung ihres Verfassers. In: Jb-KMG 1980. Hamburg 1980, S. 97 ff.; ders.: Karl May als christlicher Erzähler. In: M-KMG Nr. 43 (März 1980), S. 26 ff.
6 Herbert Meier, Vorwort zum "Marienkalender-Reprint"; a.a.O., S. 7.
7 Daß diese Nachdruck-Veröffentlichung nicht so reibungslos ablief, zeigte sich etwa auch am Beispiel der Erzählung "Schamah", die May Cordier zunächst anbot, was dieser jedoch unter Hinweis, "daß sie erstmals in einer Jugendzeitschrift ("Efeuranken") erschienen sei, entrüstet" ablehnte (vgl. H. Meier, Vorwort zum "Marienkalender-Reprint"; a.a.O., S. 21).
8 Vgl. ebda.
9 Abgedr. in ebda, S. 7.
10 Vgl. ebda, S. 20 ff.
11 Ebda, S. 21.
12 Im Vorwort zum Faksimile-Druck "Merhameh" nennt der Karl-May-Verlag als Entstehungsdatum "um 1909".
13 Der Name "Abd el Fadl" taucht erstmals in der Marienkalendergeschichte "Christus oder Muhammed" auf; im "Silberlöwen Bd. III" heißt es, daß Abd el Fadl, "der Sohn einer Schwester unserer Marah Durimeh" (Herrsching, S. 311), der Vater des Pedehr sei.
14 S. dazu: Hansotto Hatzig: Der "Mir von Dschinnistan". Karl Mays Textvarianten. In: M-KMG Nr. 30 (Dez. 1976), S. 23 ff.
15 Heinz Stolte: Karl May literarisch. In: Karl May, Der große Traum. Erzählungen (hrsg. v. H. Stolte und E. Heinemann). München 1974, S. 23.
16 1907 entsteht: "Frau Pollmer, Eine psychologische Studie"; 1909: "Ein Schundverlag und seine Helfershelfer II".
17 Vgl. Anmerkung 378 Hainer Plauls. In: Karl May, Mein Leben und Streben. Hildesheim, New York 1975 (künftig abgekürzt L&S), S. 493; Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 169.
18 Hans Wollschläger: Karl May; a.a.O., S. 170.
19 S. Claus Roxin: Karl Mays "Freistatt"-Artikel. Eine literarische Fehde. In: Jb-KMG 1976. Hamburg 1976, S. 215 ff.; Hansotto Hatzig: Streiflichter zur Kontroverse May-Pöllmann. Eine Materialsammlung. In: Jb-KMG 1976. Hamburg 1976, S. 273 ff.; Hansotto Hatzig/Gerhard Klußmeier: Pöllmann versus May - May versus Pöllmann. Dokumente zum Ende einer Kontroverse ohne Schluß. In: Jb-KMG 1982. Husum 1982, S. 245 ff.
20 Hans Wollschläger: Karl May; a.a.O., S. 171.
21 L&S, S. 314.
22 Ebda, S. 310 f.
23 Ebda, S. 298.
24 Ebda, S. 12.
25 "Meine Beichte". Abgedruckt bei Rudolf Lebius: Die Zeugen Karl May und Klara May. Berlin-Charlottenburg 1910, S. 7.
26 L&S, S. 300.
27 Ebda, S. 137 f.
28 Vgl. etwa die Aufsätze Hans Wollschlägers in den Jahrbüchern der KMG; Dieter Sudhoff: Karl Mays "Winnetou IV". Studien zur Thematik und Struktur. Ubstadt 1981; Hartmut Vollmer: Karl Mays "Am Jenseits". Exemplarische Untersuchung zum "Bruch" im Werk. Ubstadt 1983.
29 Die in Klammern gesetzten Zahlen beziehen sich auf die Originalspalten des "Eichsfelder-Marienkalenders".
30 L&S, S. 142.
31 Ebda, S. 300
32 Ebda, S. 313
33 Ebda, S. 319
34 Ebda, S. 2
35 Mays Erzählung seiner Kindheit beginnt mit den Worten: "Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers." (L&S, S. 8).
36 Karl May: Ardistan und Dschinnistan Bd. II. Herrsching o.J., S. 246.
37 Merhameh reitet "auf einem hochedlen Braunen aus Amahnistan" (S. 117). Das arabische Wort "amân" bedeutet "Verzeihung"; der Name des Zieles, der "Wadi Ahza", ist möglicherweise vom arabischen "áza" (= "verletzen") abgeleitet (nach einer handschriftlichen Notiz Hans Wollschlägers). Diese Namensbedeutungen würden die Mission Merhamehs treffend charakterisieren!
38 Vgl. Sibylle Becker: Karl Mays Philosophie im Spätwerk. Ubstadt 1977, S. 57 ff.
39 Vgl. H. Vollmer: Karl Mays "Am Jenseits"; a.a.O., S. 43 f.
40 Abgedruckt in: Jb-KMG 1976. Hamburg 1976, S. 254 f.; s.a. Traktat "Strom und Straße" der "Geographischen Predigten" (in: K. May (Hrsg.), Schacht und Hütte. Hildesheim, New York 1979, S. 262 ff.).
41 Zur Redekunst Merhamehs vgl. "Ardistan und Dschinnistan Bd. II". Herrsching o.J., S. 31 f. Auch in diesem Werk tritt Merhameh als Verteidigerin auf (des Mirs von Ardistan; s.S. 312 ff.).
42 Ähnliches wird in "Am Jenseits" auch von der Liebe gesagt: "Kann sie (die Liebe) nicht durch Güte wirken, so greift sie zur Rettung durch die Strenge. Sie ist nachsichtig und barmherzig (!),
solange sie glauben darf, daß dies zum Ziel führt; zwingst du sie aber zum Gegenteile, so wird sie zur Mutter, welche ihr Kind straft, nicht obgleich, sondern weil sie es liebt!" (Herrsching o.J., S. 415 f.).
43 Man denke etwa an Abd el Idrak aus "Am Jenseits", den Mir von Ardistan aus "Ardistan und Dschinnistan", oder Hiller aus "Weihnacht".
44 "Freistatt"-Artikel v. 30.4.1910. Abgedr. in: Jb-KMG 1976. Hamburg 1976, S. 239.
45 L&S, S. 189.
46 Vernehmung Mays vor dem Kgl. Landgericht Dresden, 6.4.1908. Bei Lebius; a.a.O., S. 122.
47 Eingabe Mays an den Untersuchungsrichter Larras, 19.12.1907. Bei Lebius; a.a.O., S. 94.
48 Bei Lebius; a.a.O., S. 31 und 36.
49 Christoph F. Lorenz: Vom Haß zur Liebe; a.a.O., S. 122.
50 Auch wenn May in einem Brief v. 31.12.1908 Pustet fragt, ob er sich und seine Tochter in Abd el Fadl und Merhameh aus dem "Mir" wiedererkenne ("Auch die Mutter kommt noch dazu ..."; abgedr. in: Jb-KMG 1977. Hamburg 1977, S. 91; vgl. auch Anm. 53 in: Wilhelm Vinzenz, Feuer und Wasser. Zum Erlösungsmotiv bei Karl May. Sonderheft der KMG Nr. 26. Hamburg 1980, S. 53). Dieser Hinweis Mays scheint mir aber lediglich ein, ursprünglich nicht beabsichtigter, freundschaftlicher "Dienst" an Pustet gewesen zu sein.
51 Als Merhameh Omar Ben Amarah beim Mir von Ardistan, der in "Merhameh" eine Instanz der Gewalt verkörpert, rettete, war sie zwölf Jahre alt - das war realiter Lu's Alter, als sie zum erstenmal 1903 mit May in Kontakt kam!
52 S. Rudolf W. Kipp: Die Lu-Droop-Story. In: M-KMG Nr. 37 (Sept. 1978), S. 3 ff.
53 Tonband-Interview L. Droop - Joachim Schmid. Abgedr. bei: Rudolf W. Kipp: Die Lu-Droop-Story; a.a.O., S. 9; s.a. H. Hatzig: Der "Mir von Dschinnistan". Karl Mays Textvarianten; a.a.O., S. 29 f.; ders.: Karl May und Sascha Schneider. Dokumente einer Freundschaft. Bamberg 1967, S. 180.
54 Abgedr. bei Kipp; a.a.O., S. 9.
55 Ebda, S. 10.
56 H. Hatzig: Der "Mir von Dschinnistan"; a.a.O., S. 29.
57 C.F. Lorenz: Vom Haß zur Liebe; a.a.O., S. 121.
58 K. May: Ardistan und Dschinnistan Bd. II, Herrsching o.J., S. 378. In diesem Werk erscheint sie uns jedoch schalkhafter, unbefangener - wir denken etwa an die Szenen auf dem Engpaß von Chatar.
59 Ebda, S. 379.
60 Ebda, S. 383.
61 L&S, S. 166.
62 Vgl. H. Wollschläger: "Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt". Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays. In: Jb-KMG 1972/73. Hamburg 1972, S. 22 ff.; H. Vollmer: Karl Mays "Am Jenseits"; a.a.O., S. 25 ff.
63 L&S, S. 306 f.
64 In "Ardistan und Dschinnistan Bd. II" sagt der Mir von Ardistan, als er sich auf dem Weg der Läuterung befindet, zu Kara Ben Nemsi: "Du bist ein ganz entsetzlicher Mensch! Ein grauenhafter Mörder! Du hast soeben jetzt in mir etwas erschlagen, was ich für groß, für hoch, für adelig, für unendlich köstlich gehalten habe! ... Der innere Mensch ist nicht so leicht zu erschlagen, wie der äußere!" (Herrsching o.J., S. 187). Auch wenn es hier um die Ermordung des Bösen geht, dokumentiert diese Stelle eindrucksvoll, wie der Mord - auch in "Merhameh" - gemeint ist: er ist das Erschlagen des inneren Menschen! (Vgl. dazu etwa auch die Schilderung in der "Geisterschmiede von Kulub".)
65 Nach einer handschriftlichen Notiz Hans Wollschlägers; möglicherweise ist "Masuhl" auch aus den Wörtern "May" und "Ssuhl" (= "Friede"; Name des Flusses im "Mir") entstanden. Hieran ist besonders hinsichtlich des Endes Ali Ben Masuhls zu denken!
66 L&S, S. 310.
67 Ebda, S. 11.
68 Vgl. etwa das Sturmwetter im "Mir", als die Tschoban an der Landenge von Chatar (auch ein "Grenzgebiet"!) gefangengenommen werden. Bei den Sandstürmen finden wir sicher auch Bezüge zu den "Zeitungsstürme(n)", den "Stürme(n) in den Gerichtssälen, Stürme(n) im eigenen Hause und Stürme(n) im eigenen Innern" (wie Anmerkung 22)!
69 Vgl. dazu etwa auch den Kameltausch zwischen Khutab Agha und Kara Ben Nemsi in "Am Jenseits" (zu dessen Bedeutung s.: H. Vollmer, Karl Mays "Am Jenseits"; a.a.O., S. 32 f.). Es mag ein wenig seltsam erscheinen, daß Omar Ben Amarah - trotz der Ermordung seines Bruders - so schnell eine derart innige und herzliche Freundschaft mit dem Mörder, Ali Ben Masuhl, schließt. Die Gründe werden jedoch offensichtlich, wenn wir diese Freundschaft unter philosophisch-religiösen, und insbesondere unter autobiographischen Gesichtspunkten betrachten.
70 Es sei hier darauf hingewiesen, daß die Anfangssilben der Namen der beiden befeindeten Beduinenstämme Manazah und Münazah für May und Münchmeyer stehen könnten, wobei die Personen des einzelnen Stammes nicht unbedingt diesen beiden Parteien zugeordnet werden müßten (auch wenn Ali Ben Masuhl/May dem Stamme der Manazah angehört).
71 Diese Stelle ist ein sehr schönes Beispiel, das die Kongruenz der verschiedenen Lese-Ebenen demonstriert.
72 Man beachte die vielen Brüderpaare, die May in seinen Werken auftreten läßt.
73 H. Stolte: Karl May literarisch; a.a.O., S. 23.
74 Vgl. etwa das Verhältnis Vater/Sohn (El Ghani/Ben Abadilah) in "Am Jenseits" (Herrsching o.J., S. 416)!
75 L&S, S. 112.
76 Ebda, S. 119.
77 Ebda, S. 118.
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