Glückliche Umstände haben ergeben, daß wir der ersten Werk-Monographie in der Reihe »Materialien zur Karl-May-Forschung« (»Winnetou IV« von Dieter Sudhoff) gleich eine weitere folgen lassen können. Während »Winnetou IV« als letzter May-»Roman« ohnehin einen hohen Stellenwert in Mays Werk einnimmt, ist »Am Jenseits« - immer wieder gern als »unvollendet« bezeichnet - kaum von minderer Bedeutung, da dieses Werk am Beginn der letzten Wandlung des Schriftstellers Karl May steht.
Wenig beachtet wurden bisher Mays eigene Äußerungen zu »Am Jenseits« in »Und Friede auf Erden«, die gar nicht so klingen, als ob er von einem unvollendeten Buch spräche.
Es gab bisher eigentlich nur zwei Arbeiten, die - Teilaspekte behandelnd - sich ausschließlich mit »Am Jenseits« beschäftigten, und die beide in dem vorliegenden Text, der Anspruch auf eine möglichst umfassende Werkanalyse erhebt, auch gebührend berücksichtigt werden.
Hartmut Vollmers Staatsexamensarbeit wurde unverändert und ungekürzt als Reprint gedruckt. Lediglich auf Seite 121 ist eine nachträgliche, zusätzliche Anmerkung angefügt. Wie schon dem Band 6 der »Materialien« wurde auch diesem 7. Band eine Seitenzahlenkonkordanz beigegeben (Seite 127-128), womit die vorliegende Arbeit auch für Besitzer der Fehsenfeld-Ausgabe brauchbar geworden ist.
Hansotto Hatzig
Schriftliche Hausarbeit vorgelegt im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt Sekundarstufe I. Paderborn, im April 1982. Fachbereich 3 - Universität - Gesamthochschule - Paderborn.
Zu dieser Publikation
Der Erzähler, Seite 406: Diese Lektüre versetzte mich in jene meinen Lesern wohlbekannte Wüstennacht, in welcher wir den geheimnisvollen »Sohn des Lichtes« zu uns sprechen hörten. Ich las mich nach und nach vollständig in die Stimmung hinein, aus welcher ich dieses Buch geschrieben hatte. Auch die damalige Szenerie tauchte in meinem Innern auf. Ich las und sah und hörte zu gleicher Zeit ...
Euchar Albrecht Schmid im Kapitel Der Schlüssel, in Ges. Werke Band 34, Radebeul 1933, S. 508 f. bzw. im Kapitel Symbolik, ebd. , Bamberg 1968, S. 350 f.
Hans Wollschläger, Der Besitzer von vielen Beuteln ... (Charakteranalyse II), in JbKMG 1979, S. 99 f.
»Ich, der die Nächte wie ein Narr durchlief,
Zum Himmel schreiend tausend Wunder suchte«
Alfred Lichtenstein
A. Einleitung 1
I. Biographische Hintergründe. Vom Reiseschriftsteller zum »Großmystiker« 2
1. Der »Bruch« im Werk 4
2. Die Zeit der Krise. Psychologische Aspekte 4
B. Werkanalyse 8
I. Handlungsebene (I) 8
II. Autobiographische Ebene (II) 10
1. Vorbemerkungen 10
2. Der Vater-Sohn-Konflikt 13
3. Der Blinde 17
4. Die »Seelen-Großmutter« 19
5. Visionäre Geheimnisse. Das »Mutter-Trauma« 21
6. Die Vervielfältigung des »Ich« 28
a) Kara Ben Nemsi (Hadschi Akil Schatir) 28
b) Khutab Agha 31
7. Exkurs: Der Kameltausch 32
8. Mekka 33
III. Philosophisch-religiöse Ebene (III) 36
1. Vorbemerkungen 36
2. Der Ort des Geschehens 39
a) Die Wüste 40
b) Brunnen 43
3. Die Wüstenbewohner 44
4. Der »Seher« 46
5. Ben Nur 49
6. Die Vision des Münedschi 50
a) Die Bestimmung des Menschen 51
b) Die Wege zu Gott. Der Glaube 51
c) »El Mizan« 53
d) Sterben und Tod 55
7. Der Läuterungsprozeß Khutab Aghas 57
8. Die Liebe 59
9. Der Zufall 62
10. Der Dualismus Gut - Böse 63
a) Grundsätzliche Bemerkungen 63
b) Die Konfrontation in »Am Jenseits« 66
c) Tawil und die Mekkaner 66
11. »El Kanz el A' da« 69
a) Exkurs: Der Materialismus 71
b) Teppiche 73
12. Abd el Idrak 75
13. Religionen. Die Konfrontation Christentum - Islam 77
14. Quellen der Religiosität 81
a) Der Einfluß des Katholizismus 81
aa) Engel 82
bb) Origenes 85
b) Der Einfluß Swedenborgs 86
c) Der Spiritismus 88
IV. Strukturmerkmale 95
1. Allgemeine Bemerkungen 95
2. Der Vergleich mit dem Typus der Reiseerzählung 96
V. Der symbolisch-allegorische Charakter des Spätwerks 101
1. Symbol und Allegorie 102
2. Metaphysische Fragestellungen 104
C. Zusammenfassende Schlußbemerkungen 106
[Seiten-Konkordanz Pawlak-Fehsenfeld [127]]
//I//
Nachdem die letzten Jahre reich an Forschungsergebnissen waren, die ein weitgehend gerechtes und sachkundiges Urteil über den Schriftsteller Karl May ermöglichen konnten, läßt sich nun eine Tendenz entdecken, sich verstärkt der Untersuchung einzelner Werke Mays zu widmen. Davon zeugen etwa auch die umfangreichen Vorworte der von der Karl-May-Gesellschaft herausgegebenen Hausschatz-Reprints. (1) Gründe für diese Werkuntersuchungen sind weniger in einem Forschungsüberhang allgemeiner, globaler May-Fragestellungen zu suchen als vielmehr in der Bemühung, ein detaillierteres, damit also ein weitestgehend lückenloses May-Bild zu entwerfen. Dies bezieht sich zum einen auf Fragen nach der - inneren und äußeren - Biographie Mays, zum anderen auf Fragen nach dem Schriftsteller May und der Stellung in seiner Zeit. Die vorliegende Arbeit versteht sich als Beitrag zu einem sachgerechten May-Bild.
Die Einordnung des hier zu untersuchenden Werkes »Am Jenseits« in das literarische Oeuvre Karl Mays erweist sich als recht diffizil, denn einerseits wird es noch den Reiseerzählungen zugeordnet - betont wird hier die späte Reiseerzählung (2) -, andererseits jedoch (wenn auch mit Vorbehalten) in einen Kontext gestellt, der sich dem symbolisch-allegorischen Spätwerk widmet. (3)
Diese Zwischenstellung macht auch die Interpretation ein wenig diffizil, da diese eben sehr häufig davon bestimmt wird, von welcher Seite - von der Reiseerzählung oder vom Spätwerk - die Interpretation ausgeht, also welche bestimmten Prämissen eines »Interpretations- Blickwinkels« angelegt werden. Derartigen Problemstellungen, die die umfassende, gleichzeitige Behandlung der verschiedenen Interpretationsebenen notwendig machen, soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. »Am Jenseits« gibt einen Einblick in die verschiedene Struktur von »Reiseerzählung« und »Spätwerk«, sein besonderer Charakter dokumentiert die Entwicklung
//II//
des Menschen und Schriftstellers Karl May.
Zitiert wird nach: Karl May, Am Jenseits. Herrsching o. J. Diese Ausgabe entspricht - bis auf orthographische Angleichungen - dem ungekürzten Text der ehemaligen Fehsenfeld-Serie.
»Jedes Kunstwerk hat einen persönlichen und einen kollektiven Ursprung: es ist Ausdruck eines Menschen und Ausdruck einer Zeit.« (4)
Ähnlich den Werken, die nach der großen Orientreise Mays entstanden sind, ist auch »Am Jenseits« vielschichtig aufgebaut. Diese Mehrdimensionalität, ein Charakteristikum des Mayschen Spätwerks überhaupt, macht es erforderlich, den Roman in bestimmte »Modelle« oder »Ebenen« einzuteilen (5), von denen die Interpretation auszugehen hat. Bei »Am Jenseits« sind drei Ebenen zu unterscheiden:
I. Handlungsebene,
II. Autobiographische Ebene,
III. Philosophisch-religiöse Ebene.
Dabei ist zu beachten, daß die einzelnen Ebenen sich oftmals bedingen, sich überschneiden, somit dann nicht eindeutig zu trennen sind. Besonders bei den Ebenen II und III wird dies zu sehen sein. Durch die verschiedenen Interpretationsebenen bedingt, kann z.B. die Funktion einer bestimmten auftretenden Figur differieren. Diese »Ebenen-Funktionen« machen die wiederholende, neuaufgreifende, die Mehrdeutigkeit darstellende Behandlung bestimmter Personen oder Orte zu einer notwendigen Forderung.
Die Entstehung dieser Vielschichtigkeit ist von biographischen - inneren und äußeren - Veränderungen Karl Mays, zu denen parallel die veränderte Intention des Schriftstellers May verlief, abzuleiten.
Um die ersten Hinweise zu bekommen, die Aufschluß über die Ursachen für diese Veränderungen im Leben und Werk Mays geben können, wird zunächst der biographische Hintergrund darzustellen sein. In der anschließenden Werkanalyse soll versucht werden, durch eine möglichst umfassende und detaillierte Interpretation die Spezifität des Werkes »Am Jenseits« herauszustellen. Hierbei
werden wesentliche Strukturmerkmale von »Reiseerzählung« und »Spätwerk« des Mayschen Oeuvres aufzuzeigen sein.
Als »Am Jenseits« 1899 erschien, war Karl May auf dem Gipfel des Erfolges, ein berühmter Schriftsteller; Autor von Reiseerzählungen, deren Helden, Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar etc., nahezu in aller Munde waren. Seine Leser, seine Verehrer, überschütteten ihn mit Briefen und Besuchen. Sie alle wollten ihren Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi näher kennenlernen. May hatte unmißverständlich dafür gesorgt, daß die Identifikation mit seinen Phantasiefiguren perfekt wurde. Er verschickte Photographien, die ihn in voller Kriegsausrüstung zeigten, Aufschrift: »Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand«. (6) Immer wieder mußte er beteuern, die beschriebenen Abenteuer selbst erlebt zu haben: »Ich habe jene Länder wirklich besucht und spreche die Sprachen der betreffenden Völker ... Die Gestalten, welche ich bringe (Halef Omar, Winnetou, Old Firehand ... ) haben gelebt oder leben noch und waren meine Freunde ... « (7) Die Anfragen seiner Leser, die immer präzisere Angaben wünschten, zwangen May zu immer neuen, phantastischeren Ausflüchten. So wollte er beispielsweise eine unendliche Zahl von Sprachen und Dialekten sprechen, als ebenso unendlich gab er die Zahl seiner Reisen an. »Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt. was ich erzähle ... « (8) Kein Zweifel konnte, ja, durfte aufkommen, die Fassade mußte sich in aller Pracht zeigen. Wenn man sich anschaut, welch eine Zeit hinter May lag - eine dunkle Vergangenheit, voller Elend und Leid -, so ist es nicht verwunderlich, daß er jetzt, da er auf dem Gipfel des Erfolges stand, dessen Ersteigung ihm die größten Mühen bereitet hatte, den Ruhm, auf den er solange warten mußte, den er nie gekannt hatte, mit allen Konsequenzen auskosten wollte. Wie wir wissen,
war es zweifellos ein harter Preis, den er dafür bezahlen mußte. Bereits im Juni 1899 leitete die »Frankfurter Zeitung« die massive Pressefehde gegen May ein, die dann bis zu seinem Tode und noch weit darüber hinaus nicht mehr abbrechen sollte.
Die literarische Ich-Gestalt der Reiseerzählungen mochte geradezu einladend gewirkt haben, May mit dem Phantasiehelden zu identifizieren.
Besonders Hans Wollschläger und Claus Roxin haben versucht, den Ursachen dieser »Maskeraden«, der »Old-Shatterhand-Legende«, nachzugehen. (9) »Mays Verhalten erklärt sich aus einem durch schwere Kindheits- und Jugendschicksale motivierten, überstarken Verlangen nach Liebe und Geltung; es wurde gefördert durch die Sehnsucht breiter Leserschichten, die wunscherfüllende Fiktion möchte wahr sein, und durch den eigenen Wunsch des Dichters, die Schatten der Vergangenheit zu tilgen und mit seinen Büchern Erfolg zu haben.« (10) Darüberhinaus weist Roxin darauf hin, daß bestimmte Absurditäten in der Mayschen Maskerade anderen Gründen entsprungen seien, passen sie doch gar nicht zu einer »scheinbar so kunstvoll aufgebauten Legende«. (11) Was hier stattfand, war ein Ausbruch der »aus unterbewußten Strebungen entstehenden Wünsche«, die »die kritischen Kontrollen der Ich-Instanz« (12) überrannten. Die Realität wird bei diesem Prozeß von der Phantasie geradezu überschwemmt, es entstehen »Fluchtlandschaften als Gegenwelten zur gesellschaftlichen Realität« (13). Da May beim Schreiben in starkem Maße aus dem Unterbewußtsein schöpfte, ein »Traumschreiber« war, der schriftstellerisch seine Träume befriedigte - auf Mays Schreibprozeß wird noch näher einzugehen sein -, ist diese dominante Rolle, die die Fiktion, die Phantasie in der Realität gewann - besonders in den Jahren 1895-1899 -, nicht erstaunlich. Das Schreiben bedeutete für May »die Abfuhr von Innen-Konflikten« (14). »So sind schon die Reiseerzählungen Mays Bilder seiner "Seele", Darstellungen seiner inneren Biographie.« (15) Vor diesem Hintergrund müssen diese Werke gesehen werden.
In Mays literarischem Schaffen sollten sich bald »Brüche«, zeigen. »Old Surehand Bd. III« leitete die »späten Reiseerzählungen« 1896 ein. Charakteristisch für diese Werke ist ein verstärkter Weg nach innen, seelisch-geistige Themen, philosophische Reflexionen, schieben sich massiv in den Vordergrund. Besonders die Todesproblematik nimmt eine zentrale Stellung ein, und in erster Linie »gebrochene Charaktere« - im Grunde alles May-Spiegelungen - werden hiermit konfrontiert. Diese besitzen - wie May - eine dunkle Vergangenheit, haben ihren Glauben und die Liebe verloren und werden vor die daraus entstehenden Konsequenzen gestellt. (16) Nur wer den Weg zur Umkehr, zur Reue und Läuterung findet, wird gerettet - letztlich durch die verlorene Liebe, die diese »Verlorenen« wiedergefunden haben. Die Problematik wird in »Am Jenseits« explizit aufzuzeigen sein. Die verstärkte »Innen-Schau« bedeutet gleichzeitig einen Verlust der Handlungs- und Abenteuerelemente, also einen schwerwiegenden Substanzverlust für den Charakter der klassischen Reiseerzählung Mays. »May verliert mehr und mehr die Freude an der oberschichtigen Handlung und an der Buntheit fremder Länder, die den Heldentaten seines Ich als Kulisse dienten. Das Repertoire der spannungserzeugenden Handlungsmotive vergrößert sich nicht mehr; May variiert nur noch frühere Muster.« (17) Rein äußerlich scheint dies alles auf eine Krise Mays hinzudeuten.
Hans Wollschläger und Hainer Plaul haben durch ihre Studien eindrücklich auf den Narzißmus Mays hingewiesen. (18) Während Wollschläger davon ausgeht, daß dieser Narzißmus aus der Liebesversagung der Mutter entstanden ist, hat Plaul versucht, nachzuweisen, daß vielmehr Liebe »am falschen Platz«, d.h. Verwohnung, ausschlaggebend gewesen sei. (19) Die »teuflische Spirale« sähe dann so aus: »Am Anfang stehen Verwöhnung, Aus-
bildung übertriebener Erwartungen, Ichhaftigkeit. Die Folgen sind Anpassungs- und Kontaktschwierigkeiten: Ablehnung und Liebesverweigerung durch die Gruppe, Kompensation durch Steigerung der Ansprüche (Geltungssucht), Verkümmerung der eigenen Liebesfähigkeit, extreme Zunahme der Liebesbedürftigkeit.« (20) Auch wenn die Ansätze Wollschlägers und Plauls differieren, so kommen sie doch zum gleichen Ergebnis: May litt in seinem ganzen Leben an der Liebesversagung (die zurückzuführen ist auf die Mutter, oder aber die Umwelt, die Gruppe Gleichaltriger, die den hohen Ansprüchen Mays, hervorgerufen durch Verwöhnung seitens der Mutter und Großmutter, nicht gerecht werden konnten). »Die Liebesbedürftigkeit des narzißtischen Neurotikers ist in gleichem Extrem gesteigert, wie seine Liebesfähigkeit sich reduziert hat: daß die Außenwelt ihm Liebe schuldig, ihm zur Liebe verpflichtet sei, ist eine der stärksten charakterlichen Reaktionsbildungen auf die erlittene Versagung und zugleich die Basis, auf der deren immerwährende Wiederkehr sich erzwingt.« (21)
Eine ausgiebige Narzißmusdefinition kann an dieser Stelle nicht gegeben werden, wir beschränken uns hier lediglich auf wesentliche Merkmale. (22)
Die Liebesversagung, das gestörte Wechselspiel zwischen Ichlibido und Objektlibido (die Libidoabgabe des Ichs findet keine Erwiderung von seiten des Libidoobjekts), führt beim Narzißten zum Rückzug auf sein Ich, denn »das Ich nimmt seine echolosen Besetzungsversuche als eine Kette von Substanzverarmungen wahr, und es bildet sich schließlich die unbewußte "seelische Erfahrung" heraus, daß Libido-Abgabe grundsätzlich gleich Ich-Verlust sei«. (23) Das Ich wird zu einem Ersatzziel für die Libidobesetzungen, »und zwar, da es durch die Grundschädigung traumatisch geschwächt ist, in psychisch erhöhter, gleichsam veredelter Gestalt, der des sogenannten Ich-Ideals«. (24) »Der Narzißmus erscheint auf dieses neue ideale Ich verschoben, welches sich wie das infantile im Besitz aller wertvollen Vollkommenheiten befindet.« (25) In der Regel nimmt beim Knaben das Ich-Ideal Züge des im Ödipuskomplexes hervortretenden
Vater-Feindes an, um auf diese Weise die väterliche Gefahr zu schwächen und zu neutralisieren. Die Mutterfixierung, die frühe Liebesanlehnung an die Mutter, muß von nun an als große Bedrohung für das Ich durch Verdrängungsakte unwirksam gemacht werden.
Mays vom Vater geprägtes Ich-Ideal, »frühes Befindensmodell dessen, was später in künstlich geschaffener Außenwelt Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi heißen durfte« (26), bedeutete die Balance zum »infantil fixierten Ich«. (27) Diese Balance dürfte dann für May, als er während seiner Haftstrafe in Waldheim zu schreiben begann - sehr wahrscheinlich ein Verdienst des dortigen Katecheten Kochta (28) -, die Rettung vor dem endgültigen Abgrund gewesen sein.
Mays Ich-Ideal bekam in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre Risse und Sprünge, der »seelische Umbruch« begann zur Zeit der späten Reiseerzählungen. Die Angst vor dem Zusammenbruch ist in den nun häufiger auftauchenden »gebrochenen Charakteren« zu sehen. Dieser Angst ist es wohl auch letztlich zuzuschreiben, daß es für May gerade zu dieser Zeit immer diffiziler wurde, Phantasie und Realität zu trennen. Der Versuch, sein Ich-Ideal real werden zu lassen, war Mays letzter Verzweiflungsakt zur Bewahrung der Vater-Identifikation. Die Konfliktbewältigung gelang schließlich nicht. Während der Orientreise, wahrscheinlich an einem Tag im November 1899, brach alles ein. Wollschläger vergleicht diesen Zusammenbruch mit dem Nietzsches 1889 in Turin: »... Es war nichts geringeres als ein totaler Zusammenbruch der narzißtischen Schutzpanzerung, eine schockartige Regression auf jene frühe Stufe der Analität, auf der die Anlehnung an die Mutter einst traumatisch fixiert worden war.« (29) Die Ursache für den inneren Zusammenbruch während der Reise läßt sich unschwer finden: es war der plötzliche Erkenntniseinbruch über das Auseinanderklaffen von Phantasiewelt, in der May eine Geborgenheit und Sicherheit finden konnte, und Realität, die so ganz anders aussah, als die Bilderwelt seines Inneren. In Wirklichkeit war er fremd, verlassen un-
sicher.
Nach der Orientreise schrieb May am 10. 9. 1900 an Fehsenfeld: »Zu ihrer Orientierung kurz folgendes: Alle meine bisherigen Bände sind nur Einleitung, nur Vorbereitung. Was ich eigentlich will, weiß außer mir kein Mensch ... Ich trete erst jetzt an meine eigentliche Aufgabe ... « (30) Das gesamte Werk, das nun entstand, war der neue Versuch, das alte Trauma zu bewältigen. Es gelang. Die Liebe wurde zu einem »Achsenwort« (31) dieses Spätwerks.
Parallel - in gewisser Weise vorbereitend - zu diesem seelischen Umbruch, zur seelischen Entwicklung, dürfte Mays Übergang »vom geistigen Kind zum Erwachsenen« (32), der intellektuelle Fortschritt, sowie der finanzielle Aufstieg zum Bruch im Werk geführt haben. Für die Analyse von »Am Jenseits« sind die Thesen von größter Bedeutung, denn dieses Werk entstand vor der Orientreise, läßt sich also vom fixierten Zusammenbruch nicht erklären. Die Problematik der Einordnung des Buches zeigt besonders Sibylle Becker auf. Wie einige andere Autoren, schließt auch sie sich aufgrund des May-Briefes vom 10. 9. 1900 der Auffassung an, die Werke als »Spätwerk« zu bezeichnen, die nach der Orientreise geschrieben wurden. Sie ist sich aber durchaus der Sonderstellung von »Am Jenseits« bewußt: »Die Handlung läuft zwar nach dem Schema der Reiseerzählungen ab, aber die Visionen des Münedschi und die theoretischen Erörterungen über Tod und Sterben fallen aus dem üblichen Rahmen der Reiseerzählungen heraus.« (33) »Auf Grund der Darstellung der Todesproblematik« zieht sie das Werk für ihre Behandlung der Spätwerke heran.
Obwohl »Am Jenseits« vor der Orientreise entstanden ist, soll im folgenden versucht werden, Charakteristika des Spätwerks bereits hier deutlich zu machen.
Der erwähnte »Bruch« im Werk Mays läßt sich in »Am Jenseits« explizit erkennen. Waren frühere Reiseerzählungen reich an bunten Schauplätzen und Abenteuern, die in schnellen Wechseln atemlos vorbeihuschten, so besteht »Am Jenseits« eigentlich »nur noch aus Wüstensand«, wie es Roxin treffend formuliert hat. (34) In einer endlosen Wüste, die lediglich von einzelnen Brunnen durchbrochen ist, spielen Abenteuer scheinbar nur eine sekundäre Rolle.
Sicher gibt es noch die May-typischen Handlungen, gibt es noch bekanntes Personal - die Bösewichter, die Guten, und diejenigen, die sich zwischen beiden Extremen befinden -, doch werden diese »abenteuerlichen Ansätze« nicht mehr in einem so großen Umfang ausgeführt, wie beispielsweise in dem vom Schauplatz her verwandten Werk »Durch Wüste und Harem« (1881). Stattdessen finden wir philosophisch-religiöse Betrachtungen, Todes-Szenen, die, wie bereits der Titel des Buches (ebenso die Kapitelüberschriften) impliziert, das Hauptanliegen Mays herausstellen, um das sich das abenteuerliche Geschehen nur noch als Beiwerk rankt. »Die ereignisarme Handlung bietet das Gerüst für die Beschäftigung mit dem Todesproblem, ohne das die Handlung im Gegensatz zu den Reiseerzählungen nicht bestehen könnte.« (35) Diese Veränderung ruft eine weit umfassendere Behandlung der Ebenen II und III hervor.
Im Gegensatz zum späteren Werk, in dem Handlungsebene und philosophisch-religiöse Ebene nicht mehr scharf zu trennen sind, gelingt eine Abgrenzung in »Am Jenseits« offenbar leichter. Diese relativ unverschlüsselte Deutlichkeit verführt den Leser natürlich, tiefere, unterschichtige »Geheimnisse« Mays, ohne deren Beachtung man dem Werk jedoch keinesfalls gerecht wird, zu überlesen.
Die äußere Handlung kann man einzig als die Auseinandersetzungen zwischen dem »Ich-Held« Kara Ben Nemsi
(hier: Hadschi Akil Schatir) / seinen Gefährten und den Mekkanern (primär El Ghani) / Scheik Tawil ansehen. Diese Auseinandersetzungen sind aber im Grunde alles Wiederholungen, immer wieder Gefangennahme und Befreiung. Wollschläger hat auf den Wiederholungscharakter des Buches hingewiesen. Er stellt es als einen »Rückblick«, als eine Rückschau vor allem auf den Anfang »Giölgeda Padishanüns« dar. (36)
Auch hierin zeigt sich Mays Krise: literarische Perspektiven voller Konflikte, eine verzweifelte Suche nach Auswegen. »Die Suche nach dem Wiedererkennen ältester Dinge ist Triebmotor des Buchs und bewegt seine pausenlose Unrast. In dieser Unrast stehen die Formen und Materialien wie angewurzelt, wie statische Bilder ältester, archaischer Vision.« (37)
Die äußere Fassade zeigt eine Ratlosigkeit Mays; er findet aus der Wüste nicht hinaus, der Weg nach Mekka ist durch Wüstensand verschüttet. Dieses eigentliche Ziel, Mekka, kann damit nicht erreicht werden; stattdessen begegnen die Haddedihn den für die weitere Handlung so wichtigen Personen, El Münedschi, El Ghani und dessen Sohn Ben Abadilah. Aus diesem Zusammentreffen entwickelt sich dann aber ein eher zähes, mühsames Abenteuer.
Daß »Am Jenseits« unvollendet bleiben mußte, scheint nur eine Folgerichtigkeit zu sein. May befand sich in einer Sackgasse. Dennoch kündigte er auf Drängen seiner Leser immer wieder die Fortsetzung an, »die selbst der Blindheit beide Augen öffnen (muß)« (38). Bestimmte, die Handlung betreffende Rätsel - etwa die Geschichte um den Münedschi, um das Ende El Ghanis - ließ er ungelöst. Noch am 17. 4. 1907 schrieb May an seinen späteren Verleger E. A. Schmid: »Der zweite Band von "Am Jenseits" wird unter dem Titel "Im Jenseits" sofort erscheinen, wenn ich sehe, daß der erste Band verstanden worden ist.« (39) Diese Ankündigungen sollten aber eigentlich nur entschuldigen und die Leser hinhalten. »May wußte am besten, daß es keine Fortsetzung geben konnte, ja, daß die Fortsetzung längst in anderen Büchern geleistet war.« (40) Die Fortsetzung wäre nach der Orientreise sehr wahrschein-
lich auch anders ausgefallen, als es »Am Jenseits« noch vorgab. Zu welchen Brüchen derartige Anknüpfungen führen konnten, zeigt besonders das Beispiel des vierbändigen »Im Reiche des silbernen Löwen«. Nein, »Am Jenseits« konnte nicht vollendet werden, es war dies »eine Konsequenz des seelischen Stoffes« (41).
Die Behandlung einer autobiographischen Ebene zeigt in starkem Maße die Schwierigkeit einer möglichst objektiven Interpretation. Gerade am Beispiel Karl May ist es bei der Ziehung von Parallelen zwischen fiktivem Text und autobiographischen Details unvermeidbar, in die Psyche Mays, in seinen Schreibprozeß einzudringen - so weit dies überhaupt möglich ist. Da es von vornherein ein großes Unterfangen bedeutet, können auch niemals endgültige, eindeutig feststehende Interpretationsergebnisse vorgelegt werden; »das Geheimnis des Schöpferischen ist, wie das der Freiheit des Willens, ein transzendentes Problem, welches die Psychologie nicht beantworten, sondern nur beschreiben kann. Gleicherweise ist auch der schöpferische Mensch ein Rätsel, dessen Lösung man zwar auf vielerlei Weise, aber immer vergebens versuchen wird.« (42) So sind es also immer nur Versuche, dem Menschen und dem Schriftsteller Karl May näherzukommen. Bei diesen Annäherungsprozessen ist es wichtig, zu beachten, daß immer aus subjektivem Blick interpretiert wird. Es gibt zwar eindeutige biographische Fakten - die Heranziehung autobiographischer Grundlagen ist hierbei durch die subjektive Bearbeitung des Autors schon problematisch -, doch inwieweit eine Konkordanz, eine Verarbeitung biographischen Geschehens im dichterischen Werk zutrifft, hängt letztlich immer auch vom Blickwinkel des Interpretierenden ab.
Bei der Beantwortung der Frage, inwieweit biographische Spiegelungen Mays in »Am Jenseits« eingeflossen sind, muß zunächst der Blick auf seinen Schreibprozeß ge-
richtet werden.
Wollschläger sagt zu Recht, daß »Mays schöpferische Arbeit ... nicht in der Komposition von mit höchster geistiger Anstrengung und Geduld erarbeiteten Mikrodetails (bestand), sondern in der Kanalisierung ausbrechenden, strukturell vordeterminierten Innen-Materials« (43). May äußerte zum Schreibprozeß: »Ich schreibe hundert, zweihundert, wenn es drängt (!) auch dreihundert Seiten ohne alle Pause, ohne zu schlafen und zu essen ... Wie es aus dem Herzen kommt, so fliegt es aufs Papier, und geht von da wieder zum Herzen. Es ist das eine direkte Sprache von Gemüt zu Gemüt, durch keinen Styl um ihre Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit und Herzlichkeit gebracht. Ich lese keine Manuskripte noch einmal durch; ich ändere kein Wort; ich schicke es fort, wie es aus der Feder kam, und ganz genau so muß es gedruckt werden... Ich künstele und feile nicht; mein Styl ist Natur.« (44)
C. G. Jung definiert Phantasie als »die Selbsttätigkeit der Seele, die überall da herausbricht, wo die Hemmung durch das Bewußtsein nachläßt oder überhaupt aufhört, wie im Schlaf.« (45) Es ist nur eine Konsequenz, daß bei einer derartigen schriftstellerischen Arbeitsweise, wie sie May beschrieb, beim direkten Schöpfen aus dem Unterbewußtsein, biographische Details hervortreten müssen. Die Psychoanalyse hat deutlich darauf hingewiesen, daß in der persönlichen Erlebnissphäre des Dichters Aufschlüsse über dessen Werk zu bekommen sind. (46) »Ein starkes aktuelles Erlebnis weckt im Dichter die Erinnerung an ein früheres, meist der Kindheit angehöriges Erlebnis auf, von welchem nun der Wunsch ausgeht, der sich in der Dichtung seine Erfüllung schafft; die Dichtung selbst läßt sowohl Elemente des frischen Anlasses als auch der alten Erinnerung erkennen.« (47)
Die Äußerung Mays, in seinen Reiseerzählungen »rein deutsche Begebenheiten« (48) darzustellen, die »ein echt deutsches, also einheimisches, psychologisches Rätsel in ein fremdes orientalisches Gewand kleide(t), um es interessanter zu machen und anschaulicher lösen zu können« (49), muß, da sie erst sehr spät entstand,
zwar kritisch gesehen werden - für die früheren Reiseerzählungen ist es sicher eine nachträgliche Schutzbehauptung -, speziell auf »Am Jenseits« angewendet, trifft diese Bemerkung - wie zu zeigen sein wird - deutlich zu. Biographische Spiegelungen sind in den späten Reiseerzählungen verstärkt zu finden, zurückzuführen auf Mays innere Konflikte, die gegen Ende der neunziger Jahre immer gewaltiger anwuchsen.
Freud wies in seinem Vortrag »Der Dichter und das Phantasieren« (1907) auf die Antriebsmotoren des schöpferischen Aktes hin: »Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit.« (50)
May ließ den Stau seiner inneren Kämpfe durch die Schreibfeder abfließen, um so zumindest für einige Zeit frei von ihnen zu sein. »Diese Abfuhr, zu der gedämpftes Bewußtsein wie eine Bedingung gehörte, gedieh natürlich nie zur wirklichen Erledigung: die schubartige Wiederkehr ihrer Notwendigkeit bewirkte so Mays eigentliche, stupende Produktivität.« (51) Besonders auch in dem vor »Am Jenseits« entstandenen Werk »Weihnacht« (1897), ist zu sehen, wie die Erlösung - deren Wege May suchte - in den verschiedensten Figuren und Handlungen immer wieder durchgespielt wird; es sind alles Stellvertretungen für Mays ureigenste Konflikte. (52)
Zieht man weitere Werke hinzu, wird es verständlich, warum »die Wiederkehr des Ähnlichen in der Motivik« (53) auftreten mußte. Die seelischen Kämpfe Mays konnten nie endgültig beigelegt werden; er mußte sie in seinem Werk immer wieder neu aufgreifen, was »schon an der Oberfläche den Zwangscharakter des Zeremoniells« (54) erkennen läßt. In den späten Reiseerzählungen treten die inneren Konflikte immer deutlicher hervor, die geradezu manische Wiederholung bestimmt das Kolorit der abenteuerlichen Fabel. Dies veranlaßt Wollschläger, in seiner Interpretation zu »Am Jenseits« primär die autobiographischen Spiegelungen herauszuarbeiten, da sie die eigentlichen Antriebe und Ursachen für die Entstehung des Buches
seien. (55)
Bei der folgenden Behandlung der autobiographischen Ebene soll die Biographie Mays als Hintergrund dienen, die der Interpretation erklärend zur Seite steht.
Handlungsmotive in »Am Jenseits« wie Raub, Ermordung, Gefangennahme, Befreiung, sind bereits durch frühere Werke Mays bekannt, treten eigentlich in jeder Reiseerzählung kontinuierlich auf. Die Ursachen dafür sind wieder in Mays eigenen Erlebnissen, die sich traumatisch im Schreiben hervorschieben, zu suchen. So kann bei Auseinandersetzungen mit »Gewaltmenschen« (ein Begriff, der erst nach der Orientreise expliziert wird) davon ausgegangen werden, daß hier auch immer unbewältigte Vater-Konflikte mitspielen. (56) »Am Jenseits« beweist dies recht deutlich.
Schon Wollschläger wies darauf hin, daß El Ghani eine Spiegelung des Vaters, Heinrich August May, und der Münedschi »ohne Zweifel ein kindheitliches Selbstbildnis« (57) sei. Dieser These möchte ich zustimmen.
Die durch Blindheit bedingte Hilflosigkeit trieb den Münedschi in die Arme seines »Wohltäters« El Ghani. Dieser aber mißbraucht ihn und raubt mit dessen Hilfe sogar den »Schatz der Glieder«. In diesem Verbrechen lassen sich nun deutliche Hinweise auf die Biographie Mays finden. Wollschläger sieht in diesem Schatz »die Muttererbschaft, die der Vater (Mays) an sich riß und vertat« (58) und folgert weiter, daß Karl May diese Erbschaft als Raub auch an ihm persönlich ansah, »tief unbewußt offenbar sich selbst als den berechtigten Erben des Muttervermögens gefühlt hat ... und daß er, tief unbewußt, den Vorwurf, schuld an der Armut seines Lebens zu sein, mit zu den anderen Schulden des gehaßten Vaters fügte«. (59) - Bezeichnenderweise lautet die Übersetzung des Namen El Ghani »der Reiche«.
»Die Bösen unter den Reichen in Mays Werk ... sind Darstellungen des Vaters. In den Augen des Kindes ist der Vater als der Geldverdiener in der Familie stets reich,
so arm er auch an sich sein mag, und er ist dann böse, wenn er seinem Kind nichts abgibt.« (60)
»Mutter hatte ganz unerwartet von einem entfernten Verwandten ein Haus geerbt und einige kleine, leinene Geldbeutel dazu ... Das war ja ein Vermögen! Das erschien der Armut fast wie eine Million!« (61) Dieses Geld benutzte der Vater jedoch, um Taubenhändler zu werden. »Mit Widerwillen« (62) mußte die Mutter ihr Geld herausrücken. Zu allem Übel war die Anschaffung des Vaters ein totaler Mißerfolg, und es dürfte wohl zu Spannungen und harten Auseinandersetzungen im Elternhaus geführt haben, die May in seiner Selbstbiographie nur andeutet: »Dieses unstäte, unnützliche Leben förderte nicht, sondern fraß das Glück des Hauses ... Mutter gab gute Worte, vergeblich. Sie härmte sich und trug still, bis es Sünde gewesen wäre, weiter zu tragen.« (63) Erst viel später Konnte Karl May sich dafür rächen - in seinem Werk. Der Grimm saß tief, der Vater war der Schuldige, schuldig letztlich für Mays ganze verpfuschte Jugend. (64)
Das Bild, das May uns von seinem Vater gibt, ist äußerst zwiespältig: »Mein Vater war ein Mensch mit zwei Seelen. Die eine Seele unendlich weich, die andere tyrannisch, voll Uebermaß im Zorn, unfähig, sich zu beherrschen.« (65) Eindrucksvoll schildert May die Angst vor Bestrafungen: »Am Webstuhl hing ein dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen hinterließ, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte "birkene Hans", vor dem wir Kinder uns besonders scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor der Züchtigung im großen "Ofentopfe" einzuweichen, um ihn elastischer und also eindringlicher zu machen.« (66) Mit unterdrückter Verbitterung kritisiert May den Erziehungsstil des Vaters, schildert er doch die Qualen, die er ausstehen mußte, als dieser ihn zu einem gebildeten Mann erziehen wollte, indem das unsinnige Lesen einer wahren Büchermasse Vielwissen hervorrufen sollte. Auch der vom Vater initiierte Dressurakt des militärischen Exerzierens ist hier zu nennen. (67)
Die Vater-Kritik wurde neben der traumatischen Mutter-Liebe zu einem zentralen Thema im literarischen Werk Karl Mays. Alles drängte hier auf Kompensation, auf
Bewältigung unbefriedigter Wünsche.
Bereits beim ersten Zusammentreffen mit den Haddedihn zeigt El Ghani ein »listiges, rücksichtsloses, gewalttätiges Mekkanergesicht« (37). Ist es verwunderlich, daß bei den verschiedenen Begegnungen immer auch die Peitsche im Spiel ist, nun jedoch nicht mehr in Händen des Vaters (El Ghani), sondern auf der Seite des Ich-Helden? »Da sprang Halef auf, riß die Peitsche empor, sprang dem Mekkaner nach und langte ihm zwei oder drei so kräftige Hiebe zu, daß der Getroffene vor Schmerz brüllte« (52). (Später wird den Mekkanern auch mit der Bastonade - einer geradezu sadistischen Bestrafungszeremonie - gedroht.) Wir erkennen hier die Genugtuung für die Hiebe des »birkenen Hans«. Bekanntlich taucht die Peitsche in den im Orient spielenden Reiseerzählungen kontinuierlich auf.
Stellen wir die Hypothese auf, daß der kleine, blinde Karl an einem Tag, an dem die grausame und tyrannische Seite des Vaters dominierte, den »birkenen Hans« zu kosten bekam, und May, der seinen Vater dabei nicht sah, nur hörte und fühlte, stellte die Identität Vater/Peitsche - Gewalt her. Auch als er sehend wurde, fand er dann keine Anzeichen, die diese Identität korrigierte, sie wurde eher noch gefestigt. Aus diesen hypothetischen Betrachtungen ließe sich dann auch das häufige Auftreten der Gewaltmenschen erklären.
Die Peitschen-Bestrafung in »Am Jenseits« bringt jedoch nur noch weitere Schwierigkeiten und verstärkt den Haß der Mekkaner, ist also keine endgültige Lösung. So gibt es bezüglich El Ghani auch keine eindeutige Entscheidung, »unbewußt mußte bleiben, was mit dem Alten abzurechnen war, den das mächtige Über-Ich zu lieben und zu verehren befahl« (68). Die Entscheidung bleibt offen, offen wie der Vater-Konflikt. Die Bestrafung El Ghanis vollzieht sich jedoch durch den Tod seines Sohnes! Dieser Sohn, Ben Abadilah, wird zwar ebenfalls negativ charakterisiert - »er hatte etwas Unstetes, Ruheloses, Unzuverlässiges in seinen sich stets in Bewegung befindenden Augen« (37) -, doch spielt er im Vergleich zu seinem Vater nur eine sekundäre Rolle. Der tote Sohn - sein Tod ist die Gerechtig-
keit für einen begangenen Mord - ist nun blutüberströmt an seinem Vater festgebunden! Der Scheik Abd el Idrak, der die Mekkaner richtete, bemerkt dazu: »Dieser verlorene Mensch hat nur sich selbst und seinen Sohn geliebt, aber nie ein anderes Wesen... Er hielt ihn fest; er umklammerte ihn, und als wir beide auseinanderrissen, heulte er auf wie ein Tier, verfluchte sich, verfluchte die Menschheit, verfluchte die Himmel und schwor, wenn sein Sohn schuldig sei, so wolle er die Schuld desselben auf sich nehmen und tragen in alle Ewigkeit. Das war so schrecklich, daß ein heiliger Grimm über mich, über uns alle kam. In diesem Zorne verurteilte ich ihn, den Sohn diese Nacht tragen zu müssen, um nur eine Ahnung davon zu bekommen, was es heiße, ihn und seine Schuld durch die endlose Nacht der Ewigkeit zu schleppen« (416). Bekanntlich gab Heinrich August May vor, für seinen Sohn nur »das Beste zu wollen«, wodurch er aber gerade die Kindheit und Jugend seines Sohnes zerstörte. Die Folgen dieser verlorenen Kindheit sah Karl May sicher auch in seinen Straftaten - »Weihnacht« macht es bereits deutlich. Ist nicht auch Ben Abadilah unter dem Einfluß seines Vaters zu einem Verbrecher, ja, zum Mörder geworden? Auch dieser Sohn konnte sich nicht vom Vater lösen, umklammert ihn noch im Tode. Es ist die Schuld des Vaters, die hier gezeigt wird: wenn er den Sohn im Leben nicht loslassen wollte, so soll der tote ihn nun um so mehr belasten - bis in alle Ewigkeit! Der tote Sohn, der seinen Vater belastet, mag für den toten May, den der Straftaten stehen. Diesen muß der Mitschuldige, der noch nicht gesühnt hat, tragen. Noch in »Mein Leben und Streben« schrieb May: »Keine Pflanze zieht das, was sie in ihren Zellen und in ihren Früchten aufzuspeichern hat, aus sich selbst heraus, sondern aus dem Boden, dem sie entsprossen ist, und aus der Atmosphäre, in der sie atmet. Pflanze ist in dieser Beziehung auch der Mensch. Körperlich ist er freilich nicht angewachsen, aber geistig und seelisch wurzelt er, und zwar tief, sehr tief, tiefer als mancher Baumriese in kalifornischer Erde. Darum ist kein Mensch für das, was er in seiner Entwicklungszeit tut, in vollem Maße verantwortlich zu machen ... Gewöhnlich sind es nicht etwa
die Fernstehenden, sondern grad die lieben "Nächsten" (!), welche Stein um Stein auf den andern werfen, obgleich die Einflüsse, denen er unterlegen ist, besonders auch von ihnen mit ausgegangen sind. Sie tragen also an der Schuld, die sie auf ihn werfen, selbst mit Schuld.« (69) Gerade die Buße dieser Schuld - hier des Vaters - vollzieht May in »Am Jenseits«. Obwohl nichts über das Ende El Ghanis zu erfahren ist, deutet Halef dessen Schicksal an: »Er hat die Liebe von sich gestoßen; sie ist von ihm gegangen; nun muß er ohne Liebe dem Grabe entgegenwanken. Er hat es grad so und nicht anders gewollt« (418). Was dieser Liebesverlust bedeutet, wird auf der philosophisch-religiösen Ebene zu zeigen sein. Er kommt dem Tod, dem »Nicht-Leben« gleich, beweist auch wiederum, daß »Am Jenseits« in dieser Beziehung vollendet war, daß weitere Bestrafungsversuche an El Ghani eigentlich sinnlos und nur paraphrasierenden Charakter gehabt hätten. May wußte, was es bedeutete, ohne Liebe ins Jenseits zu gehen. Es war die härteste Bestrafung überhaupt! Eine Rache, wie sie schlimmer, grausamer nicht sein konnte.
Aufgrund einer infektiösen Ophthalmie erblindete Karl May kurz nach der Geburt. (70) Erst im 5. Lebensjahr wurde er durch ärztlichen Eingriff sehend. In seiner Selbstbiographie schrieb er dazu: »Eigentlich war in dieser meiner frühen Knabenzeit jedes lebendige Wesen nur Seele, nichts als Seele. Ich sah nichts ... Wenn jemand sprach, hörte ich nicht seinen Körper, sondern seine Seele. Nicht sein Aeußeres, sondern sein Inneres trat mir näher. Es gab für mich nur Seelen, nichts als Seelen ... Das ist der Schlüssel zu meinen Büchern ... Nur wer blind gewesen ist und wieder sehend wurde, und nur wer eine so tief gegründete und so mächtige Innenwelt besaß, daß sie selbst dann, als er sehend wurde, für lebenslang seine ganze Außenwelt beherrschte, nur der kann sich in alles hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich schrieb, und nur der besitzt die Fähigkeit, mich zu kritisieren, sonst keiner!« (71)
Ein anderes, ein inneres Sehen, verschaffte die Blindheit auch dem Münedschi, dessen »Seele ... die Gabe verliehen (war), den Körper zu verlassen und nach entfernten Orten und in entfernte, längst verschwundene und auch zukünftige Zeiten zu gehen, um zu sehen und zu hören, was kein anderer Sterblicher erfährt« (45). Das Verhältnis des Münedschi zu El Ghani besteht in einer »blinden Verkennung«: »Er (El Ghani) ist der einzige, der mich verstehen und behandeln kann, er, mein Wohltäter, ohne den ich längst gestorben wäre« (77 f.). Der Blinde erkennt nicht, daß er von diesem »Wohltäter« in Wahrheit - vor allem materiell - ausgenutzt wird. Auch später, als ihm die Straftaten El Ghanis vorgeführt werden, glaubt er nicht an dessen verbrecherische Machenschaften, von seinem »Beschützer« kann er sich nicht lösen.
Erst als der Münedschi zum Schluß in der Wüste ausgesetzt wird (72) - ohne die Rettung durch die Guten (Kara Ben Nemsi und die Haddedihn) hätte dies seinen Tod bedeutet -, hat er sich gelöst, gewaltsam lösen müssen.
Die Beziehung des Münedschi zu El Ghani stellt wiederum den Vater-Sohn-Konflikt dar. »Alles ist Reduplikation« (73), zeigt den »Zwangscharakter«, der immer wieder nachzuweisen sein wird.
Am Beispiel des Münedschi wird die Unmöglichkeit - besser: die Schwierigkeit - der Loslösung vom Vater deutlich; ja, es kommen aber auch positive, eigentlich ideale Vater-Funktionen hervor: der Vater als Beschützer und Wohltäter.
Diese Funktionen, die besonders für den hilflosen, den blinden Karl May der ersten Lebensjahre wichtig waren, die die Anlehnung an den Vater rechtfertigten und notwendig machten, hat er sicher erkannt. Aber genau hier liegt der Hinderungsgrund für eine Trennung: die Hilflosigkeit. »Er (der Münedschi) wohnte in meinem Hause, wo ich ihm eine Freistatt gab, weil er blind war« (45). Obwohl sich El Ghani (der Vater) schuldig gemacht hatte, zum Räuber und Mörder wurde (an Mays Kinder- und Jugendzeit), hat der Münedschi (May) nicht die Einsicht, später nicht die Kraft, sich zu lösen. Erst die gewaltsame
Aussetzung in der Wüste vollzieht die Trennung. Sie läßt jedoch einen Menschen zurück, der ohne göttliche Hilfe - May sieht in der Rettung eine göttliche Führung (429) - dem Tode verfallen gewesen wäre. »Das war eine Tat von höchster Grausamkeit!« (429).
Es liegt die Vermutung nahe, hierin die Verschlüsselung für die Straftaten Mays zu sehen. Gehen wir von der Prämisse aus, daß May seinen Vater als einen Mitschuldigen für seine kriminellen Delikte ansah, so ist er auch für den drohenden Tod mitverantwortlich zu machen. Ohne den göttlichen Glauben, ohne göttliche Führung, hätte May sicherlich der - eher psychische - Tod gedroht. Was er gerade diesem Gottesglauben zu verdanken hatte, wird in seinen Werken immer wieder herausgestellt: die Guten, die Geläuterten, die sühnten und bereuten, erlangen die Hilfe Gottes; die Bösen jedoch, die nicht zur Einsicht kommen, fallen der Strafe Gottes anheim (s. El Ghani).
Die Gestalt des blinden Münedschi weckt fortwährend Assoziationen zu Mays frühester Kindheit.
Wie May in »Mein Leben und Streben« schreibt, war es vor allem die Mutter des Vaters, Johanne Christiane Kretzschmar, die seine ansonsten trübe Kindheit erhellte. In ihrem Bild »sammelte er alle hellen Züge seiner Kindheit überhaupt - Züge, deren Anzahl schon nicht überschätzt werden darf« (74). Obwohl einige Skepsis angebracht ist, war die Großmutter nach Mays Aussagen der Inbegriff der Seele: »Sie war Seele, nichts als Seele ...« (75) Die Beschreibungen, die er uns von ihr gibt, sind durchweg positiv - ja, auffallend positiv. »Ich war die ganze Zeit des Tages nicht bei den Eltern, sondern bei Großmutter. Sie war mir alles. Sie war mein Vater, meine Mutter, meine Erzieherin, mein Licht, mein Sonnenschein, der meinen Augen fehlte. Alles, was ich in mich aufnahm, leiblich und geistig, das kam von ihr.« (76) Ihr will es May letztlich auch zu verdanken haben, daß er später zum Dichter, zum »Hakawati« wurde. Sie war »ein
ganz eigenartiges, tiefgründiges, edles und, fast möchte ich sagen, geheimnisvolles Wesen, ... ein herzliebes, beglückendes Rätsel, aus dessen Tiefe ich schöpfen durfte, ohne es jemals ausschöpfen zu können.« (77) Die Großmutter wird interessanterweise in »Am Jenseits« explizit genannt (65 ff.). Erlitt Johanne Christiane Kretzschmar einen realen Scheintod, so wird dieser Tod durch den Münedschi nun noch einmal fiktiv dargestellt. Die Beschreibungen von der Entdeckung der Scheintode in »Mein Leben und Streben« und »Am Jenseits« zeigen auffallende Parallelen.
Bei der Erwähnung der Großmutter versäumt auch Kara Ben Nemsi nicht, sie strahlend herauszustellen: »Meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, welche der irdische Engel meiner Kindheit gewesen ist und jetzt nun sicher bei den Engeln weilt« (65 f.). Derartige deutliche biographische Details tauchen in Mays Werken nicht unbedingt häufig auf. Das Erlebnis des Scheintodes, das May in frühester Kindheit erfuhr, mußte sich tief in ihm festgesetzt haben. »Sie (die Großmutter) sprach nur selten von dem, was sie in jenen unvergeßlichen drei Tagen auf der Schwelle zwischen Tod und Leben gedacht und empfunden hatte. Es muß schrecklich gewesen sein. Aber auch hierdurch ist ihr Glaube an Gott nur noch fester und ihr Vertrauen zu ihm nur noch tiefer geworden. Wie sie nur scheintot gewesen war, so hielt sie von nun an auch den sogenannten wirklichen Tod nur für Schein und suchte jahrelang nach dem richtigen Gedanken, dies zu erklären und zu beweisen. Ihr und diesem ihrem Scheintode habe ich es zu verdanken, daß ich überhaupt nur an das Leben glaube, nicht aber an den Tod.« (78)
In diesem Erlebnis ist möglicherweise ein Katalysator für die Entstehung von »Am Jenseits« zu sehen, wobei May dann versucht haben dürfte, in diesem Werk die Schwierigkeit des »Erklärens« und »Beweisens« des Scheintodes, die die Großmutter nach seinen Worten hatte, zu lösen. Daß später auch Khutab Agha den Scheintod erleidet und das Erlebnis ebenfalls nur schwer mit Worten fassen kann, spräche dann auch dafür.
Es tauchen aber noch weitere ungelöste Rätsel und Konflikte Mays auf. Über die Vergangenheit des Münedschi erfahren wir bezeichnenderweise sehr wenig, es bleibt bei nebulösen Andeutungen, die im Folgeband aufgeklärt werden sollten - letztlich aber doch nicht konnten! Die Gründe dafür sind offensichtlich: die Vergangenheit, die dunklen Zeiten, konnten und durften nicht an die Öffentlichkeit!
Die Visionen des Münedschi werden zwar umfassender auf der Interpretations-Ebene III zu behandeln sein, doch erfahren wir auch hier einige biographische Geheimnisse Mays, die die These bestätigen, daß sie bei der schriftstellerischen Arbeitsweise Mays einfach auftreten mußten. Die Begriffe »Liebe« und »Seele« spielen hier eine entscheidende Rolle. Als Kara Ben Nemsi den Münedschi fragt: »Hast auch du die Liebe?«, antwortet dieser: »Ich habe sie und finde sie doch nicht« (131). Der Blinde hatte vergeblich nach Liebe gesucht, trat deswegen sogar aus der christlichen Kirche aus. »... Ich habe nie, nie Liebe gefunden« (266), ein einziges Mal ausgenommen, aber dieses einzige Mal ist eine verkannte Liebe, denn es handelt sich hierbei um die zum »Wohltäter« El Ghani! »"Aber du hattest doch Eltern?!" "Sie liebten mich nicht!" "Geschwister?" "Sie haßten mich!" "Freunde?" "Sie nannten sich so, waren es aber nicht!" "Ein Weib?" "Sie war eine Heuchlerin!" "Kinder?" "Die hatte ich nicht; ..."« (266). Die Lieblosigkeit, die verlorene Liebe, die Suche nach dieser Liebe, betraf nicht nur den Münedschi, sondern May selbst.
Wenn der Münedschi von seinem Weib als »Heuchlerin« redet, gibt es auch dafür biographische Gründe. Zur Zeit der Entstehung des Buches gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen May und seiner Frau Emma, die sonst von Kara Ben Nemsi liebevoll als »Emmeh« geschildert wird, was aber wohl eher eine Wunschvorstellung war. (79) 1902 kam es zur Scheidung. Auch bei Emma hatte May letztlich nicht die Liebe gefunden, die er suchte.
Die Vision von der »Waage der Gerechtigkeit« kann man, speziell auf May bezogen, als einen weiteren Versuch der persönlichen Abrechnung, der Bewältigung der Vergangenheit, ansehen. Dafür spricht z. B. der Auftritt der Gruppe von nur äußerlich »Reinen«: »Sie kamen niemals mit der Polizei, niemals mit einem Paragraphen des Strafgesetzes in Berührung; sie hüteten sich auch vor jeder andern Sünde, die nicht von diesem Gesetz getroffen wird« (241). Dies ist natürlich auch eine »Vergeltung« Mays an derartigen Menschen. Er kannte nur zu gut die Strafgesetze und diejenigen, die froh waren, nicht damit in Konflikt zu geraten, dabei aber ganz andere »Verbrechen« begingen. Zur gleichen Gruppe gehört auch der »Fleckenlose«, der »sein Weib ... um das Lebensglück und seine Kinder um den frohen, schönen Glanz ihrer Jugend gebracht (hat)« - wieder ein Spiegelbild des Vaters - und der »Bücher ... unter anderm Titel und unter vorsichtiger Veränderung der Namen nachgedruckt und seine Arbeiter gezwungen (hat), sich für ihn für geringen Lohn zu schinden, weil sie von ihm abhängig waren« (241) - ohne Zweifel »Münchmeyer-Erinnerungen«.
Dann erscheinen zwei Frauen, die als erste den Steg über den Abgrund betreten dürfen: »Es sind Heldinnen des Herzeleides, des Duldens. Eine Fürstin und eine Arbeiterin, ...« (243). Auf den ersten Blick könnte dieses Paar das logische Bild der Bemerkung Kara Ben Nemsis sein: »Sie (die Großmutter) war, grad wie auch meine Mutter, so reich an Liebe, daß ich noch heute von und in diesem Reichtume lebe; es ist der größte Reichtum, den es gibt (!) ...« (66). Eine nähere Betrachtung läßt jedoch noch andere, wie ich meine, zwingendere Vermutungen zu. »Die Fürstin war ein liebes, heiteres Kind, welches mit frohen Augen in die verheißungsvolle Zukunft blickte ... Da aber griff die Staatskunst mit eiserner Faust in ihr bisher holdes Geschick ... Ihr goldener Jugendtag war dahin; die Sonne des irdischen Glückes verschwand ... In diesem Gefühl des Erstickens schrie sie zu Gott, und er sandte ihr den Engel des Glaubens als reitenden Boten. Aus den Höhen des Himmels floß ihr
die Kraft, den Pflichten der Erde zu leben; darum strebte dieses Leben auch wieder zu ihm empor« (243). Hier scheint mir eine klare Selbstspiegelung Mays vorzuliegen. Die »weibliche Verfremdung« kann auf die Personifizierung der Seele zurückzuführen sein - die Frauengestalten des Mayschen Spätwerks sind in erster Linie immer auch personifizierte Seelen.
»Nur eine einzige, treue Dienerin kniet unter herzbrechendem Schluchzen dort und betet ... Sie allein hat die sterbende Fürstin verstanden und geliebt; sie war die vertraute Zeugin ihrer Leiden, die verschwiegene Botin ihrer Wohltätigkeit« (243). Und weiter: »Diese war eine Tochter der ärmsten Dürftigkeit ... Ihre Kindheit war Hunger, Verachtung und Arbeit. Sie hat nie das Auge einer liebenden Mutter gesehen und vom harten Vater nur die unbarmherzig schlagende Hand gefühlt ... und als sie glaubte, ein Herz gefunden zu haben, dem sie sich anvertrauen dürfe, und sich ihm zu eigen gab, da war es ein roher, ein gefühlloser Mann (!). Er frönte dem Spiel, dem Trunk und andern Lastern; er haßte die Ordnung, die Arbeit und jede ihn bindende Pflicht. Sie mußte schaffen und sorgen für ihn und die zahlreichen Kinder, und tat es still und ergeben, als sei's ihr nicht anders beschieden. Doch, was sie mit eigener Entbehrung durch rastlose Arbeit errang, das floß bei ihm durch die Gurgel, fiel im Spiele andern zu. Sie sah keine Frucht ihres Fleißes und hielt doch nicht auf, sich zu mühen, denn sie glaubte, es seien die Kinder ein Segen des Himmels, dem sie durch treue, mütterliche Pflege sich würdig zu erweisen habe« (244 f.).
Zwar gibt es bei Interpretationen Mayscher Werke immer einige Unstimmigkeiten, oft auch Überschneidungen verschiedener biographischer Personen, die sich in einer Figur treffen, doch läßt sich im obigen Zitat eine eindeutige Mutterhuldigung - gleichzeitig Vater-Kritik - erkennen. Das zwiespältige Verhältnis Mays zur Mutter macht es aber auch diffizil, ein eindeutiges Mutterbild zu sehen. Einerseits ist sie die Schuldige, die Ursache des »Liebes-Traumas«: (s. Biographische Hintergründe, I.2), andererseits aber auch ein Ideal-Bild, das May zu erreichen versucht. Beide Aspekte sind in »Am
Jenseits« zu beachten. In dem Menschen der »Dürftigkeit«, des »Hungers«, der nur eine lieblose Mutter und einen harten Vater kannte, ist auch wieder May selbst eingesponnen. Dennoch zeichnet May nachfolgend ein positives Bild der Mutter - das Ideal-Bild.
C. G. Jung: »Je ferner und unwirklicher die persönliche Mutter, desto tiefer greift die Sehnsucht des Sohnes in die Tiefen der Seele und erweckt jenes urtümliche und ewige Bild der Mutter, um dessentwillen alles Umfassende, Hegende, Nährende und Hilfreiche uns Muttergestalt annimmt, von der alma mater der Universität bis zur Personifikation von Städten, Ländern, Wissenschaften und Idealen (!).« (80)
Auch in seiner Selbstbiographie entwirft May ein idealisiertes Mutter-Bild: »Meine Mutter war eine Märtyrerin, eine Heilige (!), immer still, unendlich fleißig, trotz unserer eigenen Armut stets opferbereit für andere, vielleicht noch ärmere Leute. Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem Mund gehört. Sie war ein Segen für jeden, mit dem sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen für uns, ihre Kinder.« (81)
Die »Fürstin« wird ähnlich beschrieben: »Für sich auf alles gleißende Erdengut verzichtend, wurd sie in schlichter Anspruchslosigkeit eine Spenderin der Güte, die im Verborgenen wirkt. Als Fürstin angefeindet und in frostige Einsamkeit geschoben, war heimlich sie die Barmherzigkeit und Segen spendende Mutter (!) der Bedürftigen« (243).
May hatte in der Vision des Münedschi eine »Doppel-Fusion« geschaffen; beide Frauen sind sowohl May- als auch Mutter-Spiegelungen. Stellte er sich so eine Lösung vor: eine ideelle, ins Jenseits gerückte Verbindung?
Das Mutter-Bild, gleichbedeutend mit der frühen Liebesanlehnung, schob sich immer heftiger in den Vordergrund, gleichzeitig das Vater-Ideal verdrängend, dessen Bild immer realistischere Züge annehmen mußte, mit denen nun abzurechnen war.
Die Bestrebung Mays, den Kontakt, die Anknüpfung zur Mutter herzustellen, zeigt sich deutlich in den Ge-
dichten »An die Mutter«, aus der Sammlung »Himmelsgedanken«, die 1900 (!) erschien, und »Der Mutter Antwort« aus dem Nachlaß: »Du starbst ja nicht; du bist hinaufgestiegen / Zu reinen Geistern, meiner Mutter Geist. / Ich weiß, du siehst jetzt betend mich hier liegen; / O komm, o komm, und sag, daß du verzeihst!« (»An die Mutter«). Und die »Antwort« der Mutter: »Ich bin nicht tot; ich hab dich nicht verlassen, / Wenn ihr auch sagt, daß ich gestorben sei, / Und kann noch heut wie früher dich umfassen, / Damit du fühlst, daß ich dir gern verzeih.« (82)
Der Inhalt dieser beiden Gedichte findet seine Parallelen in der Vision des Münedschi. Ben Nur, das Gewissen, der Engel des Blinden, ist hier als ein »Abglanz der Mutter« (83) zu sehen, er hat die gleiche Bedeutung für den Münedschi wie die Mutter für Karl May. May hatte schwer daran zu tragen, welches Leid er seiner Mutter in der Jugendzeit, im frühen Mannesalter verschaffte. In dieser Beziehung war seine Schuld ungesühnt, hier konnte eine Gefängnisstrafe nicht mildern. Wollschläger hat in diesem Zusammenhang besonders auf eine in »Mein Leben und Streben« beschriebene Szene hingewiesen, in der er ein Schlüsselerlebnis Mays sieht. (84) Die Mutter: »Wie siehst du aus! Schnell wieder fort, fort, fort! ... Daß man dich nicht erwischt! Wenn man dich wieder einsperrt, das überlebe ich nicht! ... Was hast du getan; was hast du getan! Dieses Feuer, dieses Feuer!« May: »"Mut--ter! Mut--ter! ... Glaubst Du etwa, daß ---" "Ja, ich glaube es; ich muß es glauben, und Vater auch" ... Sie stieß das hastig hervor. Sie weinte nicht, und sie jammerte nicht; sie war so stark im Tragen innerer Lasten ... Sie huschte wieder in die Kammer hinaus, ohne mich berührt zu haben (!) und ohne auf ein ferneres Wort von mir zu warten. Ich war allein (!) ... Dieser Mensch, der da stand, war doch nicht etwa ich? An den die eigene Mutter nicht mehr glaubte?« (85)
Obwohl Wollschläger hier ein anderes Urerlebnis sieht, stellt er zu Recht die Bedeutung dieser Szene heraus, denn hier scheint sich wirklich das Erlebnis abgespielt
zu haben, scheint in der Tat das Trauma entstanden zu sein.
Wollschläger zweifelt an dem Zeitraum, in dem diese Szene, laut Mays Angaben, stattgefunden haben soll; er verlegt sie vielmehr in die früheste Kindheit Mays. (86) Ob sie sich real so abgespielt hat, mag dahingestellt bleiben; es lassen sich hieraus jedoch wichtige Schlußfolgerungen ziehen: Genau in diesem »Auftritt« entstand die Trennung von der Mutter, so wie sie zurück in die Kammer huscht, so entschwand May die Liebe zu ihr. Nicht deutlich genug konnte er auf diese Trennung hinweisen (»fort, fort, fort«). War das Liebesverhältnis zur Mutter bereits von Anfang an gestört, dann muß eine derartige Szene geradezu als Höhepunkt dieser Störung gesehen werden. Somit ist auch zu erklären, daß die Mutter in Mays Selbstbiographie nach dieser Szene verschwiegen wird (sie wird nur noch zweimal nebenbei erwähnt).
Als May 1874 aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen wurde und nach Hause zurückkehrte, wird auffälligerweise auch nur der Vater genannt. (87) Was war mit der Mutter? Das Zusammentreffen muß bei May zu einigen Konflikten geführt haben. Wie konnte er, der »Verbrecher«, der seine Mutter mit so viel Leid und Qual überschüttet hatte (s. o.), ihr in die Augen schauen? Vielleicht verlor man kein Wort über die Strafzeit (»Es fiel ihm (dem Vater) ... nicht ein, mir Vorwürfe zu machen« (88)), und gerade eine Aussprache hatte zu inneren Befreiungen fuhren können; so mußte denn alles in ihm bleiben, zu einem immer größer werdenden Stau anwachsen. May fand eine resignierte Familie vor, deren Opfer und Hoffnungen, die sie in ihren Sohn gesetzt hatte, zunichte gemacht worden waren.
Wir haben von Klara May eine Aufzeichnung, die über den Tod der Mutter Karl Mays berichtet: »Als seine Mutter in seinen Armen starb, hielt er sie vom Abend bis zum Morgen als Leiche in seinen Armen. Handelt so ein uns normal erscheinender Mensch? Das Grab der Mutter wurde doppelt tief gemacht. Er wollte bei ihr begraben werden.« (89) May hat ihren Tod selbst nie explizit erwähnt, es ist jedoch zu vermuten, daß er bei ihm einen tiefen
Schock ausgelöst haben dürfte. Die Mutter »konnte für May nicht gestorben sein, weil der Konflikt, der an ihr Bild gebunden war, nicht sterben konnte; sie lebte fort in ihm und in dem Werk, dessen Struktur er zwingend verfügte« (90). Wie sollte und konnte May die Mutter-Konflikte nun lösen? Diese Lösung war ja fortan nur noch im Jenseits möglich; daher also immer wieder die Verbindung Liebe-Mutter-Jenseits. May mußte und wollte sich von der »Mutter-Schuld« befreien. Vor diesem Hintergrund wird später auch der Achsenbegriff »Liebe« zu sehen sein.
Konnte May die Schuld der Straftaten, hier: die Schuld gegenüber der Mutter, realiter nicht mehr abtragen, so versuchte er es zumindest in seinen Büchern, in und durch seine Phantasie. Kontinuierlich wird die heilsame Reue und Buße beschworen. In der Vision des Münedschi heißt es: »Ich sehe ... viele, die gegen die staatlichen Gesetze gesündigt haben und dafür bestraft worden sind. Es ist im Himmel ja mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut, als über Neunundneunzig, welche glauben, der Buße nicht zu bedürfen, weil sie sich für gerecht halten! Es sind unter ihnen Gefallene aller Art, denen die erbarmende Liebe Kraft verlieh, wieder aufzustehen (!)« (246). Diejenigen, die über den Steg des Abgrundes schreiten dürfen, sind alles idealisierte, May in irgendeiner Weise selbst betreffende Personen. Da sind beispielsweise die Richter, »welche selbst in dem ärgsten Verbrecher noch den Menschen suchten, um so mild wie möglich sein zu dürfen; Betrogene, Bestohlene, Beleidigte (wozu May bekanntlich viel beitrug!), welche nicht nur vergeben, sondern sogar vergessen konnten ... ; Künstler, deren Streben es war, in ihren Werken die wahre Natur, die Übermacht des Guten und Schönen über das Böse und Häßliche, also die Offenbarung Gottes im Menschen, des Himmlischen im Irdischen nachzuweisen (s. May!); ... wahre, ehrliche Freunde (die May zutiefst vermißte)« und: Väter, »welche die Schwäche nicht mit der Liebe verwechselten, sondern ihrer Pflicht mit wohlabgewogener Gerechtigkeit walteten, obwohl dies ihrem Herzen oft nicht leichtgeworden ist« ; Mütter, »denen
die Kinder nicht als herausgeputzte Gegenstände eitlen Stolzes und überhebender Prahlsucht dienten (was May auch gar nicht leisten konnte), sondern denen sie das waren, was sie jeder Mutter sein sollen: Seelenblumen« (91), »von Gott dem Elternhause anvertraut um, von des Vaters Hand begossen und von dem Mutterauge bestrahlt, zum Himmel emporzuwachsen« (247 f.). Dieses Elternpaar war für May die Wunschvorstellung, das ideale Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, das er selbst so gut wie nie kennengelernt hatte.
Wir haben gesehen, daß sowohl das Vater- als auch das Mutter-Bild Mays auf verschiedene Figuren projiziert wird. Dies trifft in einem noch verstärkteren Maße auch auf May selbst zu.
Ebenso wie im Münedschi finden wir May-Abbildungen im Ich-Held Kara Ben Nemsi (Hadschi Akil Schatir), in Khutab Agha und Hadschi Halef Omar. (92) Die Funktion des letzteren wird aus der Interpretations-Ebene III zu erwähnen sein. »Was solche Aufteilung der Rollen notwendig machte, ist wohl zu erkennen: sie ermöglichte Entlastung vom lastenden Material: wo "Gefahr" ins Spiel kam, Gefahr der Oberdeutlichkeit, konnte ein Double einspringen.« (93)
Kara Ben Nemsi muß sich in »Am Jenseits« ein Pseudonym zulegen (dessen Länge auch Anklänge an die Schriftstellerpseudonyme der Kolportagezeit erkennen läßt), um in Mekka nicht als Christ entlarvt zu werden.
In diesem ellenlangen Pseudonym - sicher auch Relikt des alten Maskenspielers May -, in deutscher Übersetzung: Hadschi Vernünftig Klug, der Erfahrene, Sohn des Hadschi Weise, Tapfer, der Reiche, Sohn des Hadschi Unsterblich, Berühmt, der Herrliche, Sohn des Hadschi Fromm, Vater der Güte, der Ehrwürdige, tauchen alles Eigenschaften auf, die der Apotheose eines Helden dienen sollten, der sich realiter an Abgründen bewegte. - Daneben können
wir aber auch den Mädchennamen der Mutter (»Weise«) sowie wiederum die Anspielung auf den Vater-Konflikt (»der Reiche«) finden. (94)
Der Ich-Held ist nicht mehr der Übermensch vergangener Reiseerzählungen, aber auch noch nicht »der strahlende geläuterte Held, als der er später erscheinen soll« (95). Er ist hier eher ein »krisenhafter Held«. Seine Heldeneigenschaften, die ihn einstmals so prunkvoll auszeichneten, treten jetzt weit eingeschränkter auf - die Fassade seines Pseudonyms kann nicht darüberhinwegtäuschen. So beteiligt sich Kara Ben Nemsi beispielsweise auch nicht an einem dreifachen Zweikampf, überträgt seine Eigenschaften vielmehr auf drei Stellvertreter; Entscheidungen, wichtige Pläne, die sich letztlich dann auch als richtig und klug erweisen - ebenfalls Markenzeichen früheren Heldentums -, werden nun zum Teil von Hanneh übernommen. Auch darin zeigt sich eine Gewichtsverlagerung, die Ablösung des Vater-Ideals durch die Mutter-Fixierung. Die aktive Rolle der Frau ist ein Charakteristikum des Mayschen Spätwerks, wobei die Frauengestalten in den meisten Fällen Mutterzüge tragen.
Hanneh wird bezüglich der Handlung zu einer mitbestimmenden Figur in »Am Jenseits«; diese Wandlung vollzieht sich in erster Linie auf Kosten der Aktivität des Ich-Helden.
Auf eine recht eigentümliche Weise gerät Kara Ben Nemsi in Gefangenschaft: »Ich fiel -- ich fiel -- fiel tiefer und immer tiefer!« (348). Die Darstellung assoziiert den Fall in die Sümpfe von Ardistan, in die Kinder- und Jugendzeit, in die Zeit der kriminellen Delikte. Das Gefühl der Gefangennahme, des Gefesseltseins - auch der Befreiung -, entsprang Mays ureigenster Erfahrung. Als Khutab Agha erschossen werden soll, wird ein Befreiungsversuch eindringlich geschildert: »... Ein Grimm (kam) über mich, den ich, wenigstens für mich und mein ganzes Leben wohl beispiellos nennen kann (!). Es erhob sich eine, fast möchte ich sagen, bisher unbekannte, dämonische Kraft in mir, welche, keinen Widerstand achtend, zum rücksichtslosen Ausbruch trieb ... Ich zog
und drehte an meinen Fesseln, obgleich ich fühlte, daß sie mir in das Fleisch schnitten; ich bäumte und schnellte mich auf, stürzte aber sofort wieder hin, doch nicht, ohne daß der um die Fußgelenke geschlungene Strick zerriß« (354 f.). Diese »dämonische Kraft«, die zum Ausbruch trieb, war May wohlvertraut. 1869 entkam er einigen Gendarmen, indem er mit einem wahren »Kraftakt« eine »eiserne Bretze« zerbrochen haben soll. (96)
Das Moment der Befreiung, des Entkommens, taucht in Mays Werken bekanntlich fortlaufend auf - angeregt sicher durch die eigenen Erlebnisse.
Wie »angekratzt« das ehemals leuchtende Helden-Bild in »Am Jenseits« ist, demonstriert auch besonders eine Szene, in der es um das Schicksal der gefangenen Mekkaner/Tawil geht. Nur durch die Warnung des Münedschi, bzw. Ben Nurs, kann Kara Ben Nemsi vor der Ausübung der Todesstrafe bewahrt werden (s. 385 f.). Auch dies sind umgekehrte Positionen. Letzten Endes muß sich der Held ohne Gegenwehr vor aller Augen durch dreimaliges (!) Bespeien des Münedschis mißhandeln lassen (s. 323). »Und vor El Aschdar warne ich dich ... Du hast mit ihm gekämpft, solange du lebst; er hat dich oft zum Fall gebracht, doch standest du immer wieder auf, gehoben von deinem eigenen Willen und gehalten von der unsichtbaren Hand, die dich beschützt ... El Aschdar ist ein unermüdlicher und starker Feind, der immerwährend auf der Lauer liegt. Auch dich hat er nicht etwa freigegeben; er wartet nur, und kommt der Augenblick, an dem du eine Schwäche deiner Seele zeigst (!), so schlägt er seine Krallen plötzlich ein, und dann beginnt der schwere Kampf mit seiner Macht von neuem« (297 f.). Diese Warnung galt nicht nur Kara Ben Nemsi, sondern auch May selbst. Nur zu gut kannte May »El Aschdar«! Er war sich der immerwährenden Gefahr bewußt, die von diesem Drachen, dem alten Symbol des Bösen, ausging. May konnte ihn, dessen Geburt parallel mit seiner eigenen verlief, niemals endgültig abschütteln - trotz unaufhörlicher Kämpfe.
Die hier zu behandelnden Selbstspiegelungen Mays - der Münedschi, Kara Ben Nemsi, Khutab Agha - sind durch eigentümliche Beziehungen miteinander verbunden. » ... Alle drei sind Korrelate, historische Metamorphosen des einen einzigen "Ichs", von dessen Geschichte das Buch handelt; durch die Teilung erreichte May die Möglichkeit, ältere und älteste Zeiten der Innenhandlung im Jetzt zu verschränken.« (97)
Den Scheintod und die Sterbevision des Münedschi läßt May durch Khutab Agha noch einmal nachvollziehen. Die Wiederholung, die oberflächlich wie ein »Kunst-Fehler«, wie eine Phantasieschwäche Mays erscheint, beweist den Zwang, der ihn einfach dazu getrieben hat, noch einmal darzustellen, noch einmal an das Jenseits zu gelangen, worum das ganze Buch schließlich kreist. Die einmalige Szene konnte nicht ausreichen, nicht befriedigen, bewies noch nicht das erlösende Moment. Der Münedschi ist ja noch nicht bekehrt, befindet sich im Gegenteil auf weiteren Irrwegen. Gerade hier wird es auch zwingend, in Khutab Agha May selbst zu sehen, denn der Perser bietet jetzt die Möglichkeit eines erneuten Versuches, die Reue, somit Erlösung, zu erlangen. Wir müssen uns wiederum den Vater-Konflikt Mays vergegenwärtigen, wenn wir sehen, daß Khutab Agha mit Soldaten ausgerückt ist, um den von El Ghani (Mays Vater) gestohlenen »Schatz der Glieder« zurückzubekommen. Statt den Schatz zu erlangen, gerät der Perser jedoch - trotz Warnung! - zweimal in Gefangenschaft. War es nicht so, daß auch May in den Jahren 1865 - 1874 zweimal im Gefängnis saß, daß auch er - sicherlich trotz Warnung -, nach der Entlassung aus dem Arbeitshaus Osterstein (1868), rückfällig wurde? Sowohl bei Khutab Agha als auch bei Karl May ist es die fehlende Seelenstärke, die beide zurückstürzen läßt. Der Perser gelangt erst zur Besinnung, zur Reue und Umkehr, als er unmittelbar am Jenseits steht - wodurch er wieder zur Liebe zurückfinden kann. Am Jenseits findet die Abrechnung statt, die Rückschau auf das bisherige, falsche Leben.
Die Verbundenheit Khutab Aghas mit dem »Ich« zeigt sich »sehr sinnfällig auch szenisch gespiegelt« (98) beim Kameltausch.
Bei May haben Tiere - vor allem wenn sie spezifiziert herausgehoben werden - oftmals tiefere Bedeutung: ebenfalls ein Charakteristikum des Spätwerks. (99)
In »Am Jenseits« ist es ein Kamel edelster Abstammung, ein weißes Bischarinhedschihn, das Khutab Agha Kara Ben Nemsi schenkt, nachdem dieser ihm das Leben gerettet hat. Die Besonderheit des Kamels drückt auch sein Name, »Maschurah« (Die Berühmte), aus. Wie die edelsten Pferde hat auch dieses Kamel sein »Geheimnis«: »Um es vorher aufmerksam zu machen, mußt du diesen Namen zweimal nennen, worauf du dreimal hintereinander das Wort "Bubuna" (Kamille) sagst. Hast du das getan. so entwickelt es eine Eile, welche dir die stille Luft als Wind erscheinen läßt ... « (337 f.).
»Die weiße Farbe deutet beim Kamel offenbar einen ähnlichen Bezug zum Übernatürlichen an wie beim Pferd.« (100) Ingrid Bröning weist besonders auf die weiblichen Züge bei den Kamelbeschreibungen hin. (101) Wir haben bereits
erwähnt, daß Weiblichkeit bei May sehr häufig mit dem Seelischen gleichgesetzt wird (dies wird später noch bei den Schutzengeln zu zeigen sein).
»Ein solches Kamelauge hatte ich noch nicht gesehen! Das war nicht die rote Farbe desselben, sondern der Inhalt des Blickes! ... Wahrlich, der Mensch sollte doch stets beherzigen, daß das Tier auch eine denkende und fühlende Seele besitzt, welche Liebe und Härte vielleicht tiefer empfindet und besser zu unterscheiden weiß, als wir alle denken!« (346). Das Vorfinden »unverfälschter Seelen« gibt auch einen Erklärungsgrund, warum Tieren in Mays Werken größere Bedeutung zukommt.
Die Auszeichnung »Die Berühmte« hat aber nicht nur Vorteile, sie birgt auch Gefahren in sich! So eilt »Maschurah« nach Anwendung des Geheimnis mit einer solchen Geschwindigkeit, daß sie, ohne ihren Lauf bremsen zu können, mit Kara Ben Nemsi geradewegs in die Hände der Feinde stürzt. Diese Kehrseite des Ruhmes rückt in ein
May selbst betreffendes Licht, denn gerade er mußte die Kehrseite zur Zeit der Entstehung von »Am Jenseits« am eigenen Leib erfahren! Wichtig ist hierbei dann auch der Hinweis Wollschlägers, daß der Name Khutab Agha im Originaltext zweimal zu Khutub Agha verschrieben (bzw. verdruckt) worden ist. (102) Möglicherweise hat die Phantasie May hier einen Streich der Überdeutlichkeit gespielt, denn »Khutub Agha« ließe sich dann »beziehungsvoll mit "Herr der Bücher" übersetzen« (103) - dessen »Berühmtheit« zum Fall des »Ichs« führt!
Besonders beim Ort Mekka zeigt sich die Schwierigkeit, eine eindeutige Trennung der verschiedenen Interpretations-Ebenen vorzunehmen. Die Ebenen II und III sind ineinander verflochten, »leben« voneinander. Dies macht es bereits hier notwendig, einige vorausblickende Ausschnitte der philosophisch-religiösen Ebene einzuwerfen.
Mekka ist das Ziel der Reise Kara Ben Nemsis und seiner Begleiter. Ähnlich wie das Schloß Kafkas wird es jedoch nie erreicht. Immer wieder halten Zwischenfälle die Wanderer in der Wüste zurück. Obwohl fortwährend Versuche unternommen werden, vorwärts zu kommen, scheitert es letztlich doch. So ist man schon einige Stunden auf dem Weg, als Befürchtungen um das Schicksal Khutab Aghas die Haddedihn wieder umkehren lassen. Kara Ben Nemsi reitet auf dem von Khutab Agha geschenkten Hedschihn voraus - zurück in Richtung des »Bir Hilu«, dem Zentrum in diesem Werk - und gerät in Gefangenschaft. Gerade diese häufigen Gefangennahmen bilden immer wieder die Hinderungsgründe, die ein Vorwärtskommen vereiteln. Was ist das für eine Stadt, die zwar wie ein Magnet anzieht, doch letzten Endes nicht erreicht werden kann? Schon die Nennung des Namens übt eine seltsame Wirkung aus: »Als er (Hadschi Halef) mich fragte, welche Gegend ich jetzt besuchen wolle, und ich ihm nur das eine, aber bedeutungsvolle (!) Wort Mekka sagte, erschrak er zunächst, fühlte sich dann aber, grad so
wie ich, von der Gefahr doppelt angezogen« (13).
Kara Ben Nemsi erinnert sich an den ersten Mekka-Besuch (geschildert im ersten Band von »Giölgeda Padishanün«, »Durch Wüste und Harem«), als er als Christ erkannt wurde und fliehen mußte. »Seit jener Zeit war es einer meiner größten Wünsche, noch einmal nach Mekka zu gehen. Ich war erfahrener als damals, ... warum sollte ich nicht wenigstens den Versuch machen, diesen meinen Wanderstudien durch einen längeren Aufenthalt in Mekka einen befriedigenden Abschluß (!) zu geben? ... Die Gefahr lockte fast noch mehr als der Wunsch selbst ... « (12 f.).
Wollschläger sieht hier wiederum das Rückbesinnen auf die »Anfänge« als entscheidenden Faktor. (104)
So sagt auch Hanneh: »Dort (in Mekka) sind die lichten Tage meiner Kindheit verflossen (!); ich weiß nicht, ob du es glaubst, ich aber halte es für wahr, nämlich, daß das Herz des Menschen, je älter er wird, um so mehr nach den Orten verlangt, welche seine Jugend gesehen haben (!)« (14). Denken wir an das autobiographische Faktum, dann trifft dies nur allzu gut zu. Mekka wird zu einer Art Utopia, zu einem Ort der heilen Kindheit, die für May ja nicht existierte. Aber dieser Wunschort, diese Stadt voller Phantasiegebäude, konnte für ihn wohl nur eine vage Erscheinung, mit äußerst verschwommenen Umrissen bleiben. Der Wunsch, diesen Ort zu erreichen, war mit den verschiedensten Erinnerungen, die heftig um Konflikte aus der Kindheit und Jugendzeit kreisten, die aber nie abzuschütteln waren, verbunden. Diese Überlegungen demonstrieren wiederum, warum er sein »Mekka« nicht erreichen konnte, denn wie hätte es konkret aussehen sollen? Deshalb immer wieder Gefangennahme und Befreiung - eigenste Erinnerungen -, die zu unüberwindlichen Hindernissen werden und fortlaufend die Wege nach Mekka verschütten.
Die Bedeutung Mekkas weist darüberhinaus aber auch auf philosophisch-religiöse Gesichtspunkte hin.
E. A. Schmids Behauptung, daß May unter Mekka »jene Gedankenwelt (verstehe), die sich mit den Fragen über das Fortleben nach dem Tode beschäftigt, in gewisser
Hinsicht also das Jenseits selbst« (105), scheint mir zwar im wesentlichen richtig zu sein, doch werden von Schmid dafür keine näheren Begründungen angeführt. Interpretationen, die einen Anspruch auf Glaubwürdigkeit, auf Wahrheit erheben wollen, müssen jedoch immer durch explizierende Belege abzusichern sein, die aus der Arbeit am Text entspringen.
Schmid läßt außer acht, daß das Jenseitsmodell »Mekka« primär eher autobiographische Ursprünge hat. Die erstrebenswerte Stadt ist hier natürlich auch als Symbol für das Jenseits zu sehen, in dem May seine Konflikte erlösen konnte, denn dort hätte die Verbindung zur Mutter hergestellt werden können (s. Muttergedichte!).
Gehen wir davon aus, daß auch die Wüste ein Bild für das Jenseits darstellt - darauf wird später noch ausführlicher einzugehen sein -, so können wir den »Mekka«-Begriff präzisieren: Das »weite«, »ebene«, »öde« Land in der Vision des Münedschi wird von einem Abgrund begrenzt, über den die Brücke des Todes führt. Nur wer über diese Brücke gelangt, erreicht das Tor mit der Flammenaufschrift »Zur Seligkeit« (vgl. 232). Diese Vision läßt sich auf die Handlungsebene transponieren: der Weg durch die Wüste führt zu den Toren Mekkas, d.h. zur »Seligkeit«. Die Handlungen im Buch sind dann als großer Kampf um die »Brücke des Todes« zu betrachten. Wiederum wird deutlich, warum die Seligkeit - Mekka - nicht erreicht werden kann: die in »Am Jenseits« auftretenden Personen - und May selbst - haben sich noch nicht endgültig von Fehlern, von Schuld und Makel befreien können. Beachten wir jedoch, daß El Ghani und seine Gefährten aus Mekka kommen, ja, dort wohnen - von Gott abgekehrte Verbrecher gelangen, wie May auch zeigt, bekanntlich nicht zur Seligkeit -, dann läßt sich dieser Ansatz nicht durchinterpretieren. Vielmehr haben wir hier einen weiteren Beweis, daß in starkem Maße autobiographische Gesichtspunkte ausschlaggebend sind. Wichtig ist dabei die Tatsache, daß El Ghani (Mays Vater) und der Münedschi (May) zusammen in Mekka wohnen.
Als May »Am Jenseits« schrieb, war der Vater bereits seit zehn Jahren tot, d.h. alle Vater-Auseinandersetzun-
gen Mays bekamen somit zwangsläufig einen »jenseitigen Charakter«.
Sowohl die Erinnerungen, die Geschehnisse der Vergangenheit, als auch die Zukunftsgedanken konnten realiter nicht umgesetzt werden. Die Beziehung zum Vater - wie ja auch zur Mutter - ließ sich ebenfalls nur noch durch das Jenseits herstellen. Es ist dann eigentlich nur folgerichtig, daß El Ghani aus Mekka kommt, der Münedschi aber auch mit diesem Ort in Verbindung gebracht werden mußte. May schuf hier ein wahres Meisterstück der Problembewältigung. Mekka wurde zu einem utopischen Hohenstein-Ernstthal!
Mit dem Eintritt in das Spätwerk wurde die didaktische Intention ein wesentliches Moment im Schaffen Mays. Mays autistisches Denken wurde nun von einer verstärkten Realitätsbezogenheit durchbrochen. »Seine späten Werke sind primär ... ein Aufruf zu Liebe und Frieden, eine Aufforderung an die Menschheit, Menschlichkeit zu üben.«' (106) Zwar finden wir auch in den vor »Am Jenseits« entstandenen Reiseerzählungen die bekannten Belehrungen, »aber dort sind sie in die Abenteuerhandlung nur gelegentlich eingeflochten, fast nur um dem Leser Ruhepunkte in der sonst bunt bewegten Handlung zu bieten« (107). Implizit besteht das frühere Werk natürlich auch immer wieder aus Beweisen der Macht Gottes, der göttlichen Gerechtigkeit, die eng mit dem menschlichen Handeln in Verbindung steht (108); das Anliegen, den Menschen zu bessern - hierzu gehört insbesondere die Idee der Läuterung -, tritt erst später in den Vordergrund, wird dann zum bestimmenden Faktor der Mayschen Werke.
Eine Wandlung der Intention dokumentiert Karl May selbst. Nachdem Mamroth die ersten Presseangriffe einleitete (Juni 1899!), schrieb May unter dem Namen seines Freundes Richard Plöhn in der »Tremonia«: »Ich lege die Sonde an die großen Wunden der Gegenwart; das schmerzt. Ich zeige die Heilung auf dem Wege des Glaubens, der
Liebe und des Friedens.« (109)
An Fehsenfeld schrieb er: »Lesen Sie die Korrekturen von Band XXV? Ja? Dann werden Sie gemerkt haben, daß Karl May jetzt beginnt, mit seinen eigentlichen Absichten herauszurücken. Es handelt sich um eine wohlvorbereitete, großartige Bewegung auf religiös-ethisch-sozialem Gebiete ... Man beginnt nun endlich einzusehen, daß Karl May keine Indianergeschichten, sondern "Predigten an die Völker" schreibt ... « (110)
Die Ursache für dieses neue Anliegen lag - wie wir gezeigt haben - in erster Linie in Mays seelischer und intellektueller Entwicklung.
Es ist diffizil, hinsichtlich der zu behandelnden philosophisch-religiösen Ebene weitere Zeugnisse Mays aus der Entstehungszeit von »Am Jenseits« zu finden. Inwieweit können nun aber später klar formulierte Äußerungen hinzugezogen werden, lassen sie sich auf »Am Jenseits« anwenden? Erst die Untersuchung kann dies zeigen und somit über die Legitimität der Anwendung entscheiden.
Im Gegensatz zu Wollschläger, der bei seiner Interpretation zu »Am Jenseits« von autobiographischen Gesichtspunkten ausgeht, versucht E. A. Schmid, von der Seite der nun zu behandelnden Ebene, unter philosophisch-religiösen Aspekten, zu interpretieren. (111) Beiden kann man Einseitigkeit vorwerfen; die verschiedenen Interpretationsansätze stehen komplementär zueinander. Eine möglichst umfassende Interpretation kann niemals durch einschichtige Betrachtungsweisen erreicht werden. Gerade Mays Spätwerk demonstriert eine Vielschichtigkeit in seinem Aufbau, zeigt, daß jede Interpretations-Ebene wiederum aus mehreren Schichten besteht. Die Arbeiten Wollschlägers und Schmids können somit nur als Teil-Interpretationen bewertet werden; die Trennung von autobiographischer und philosophisch-religiöser Ebene ist von vornherein als »fragmentarische Analyse« anzusehen. Schon »Am Jenseits« beweist, daß man hier nicht etwa die »Entweder-oder-Frage« anlegen kann, sondern daß beide Interpretations-Ebenen Hand in Hand gehen, sich immer wieder verzweigen. Diese Wechselseitigkeiten bringen es natürlich mit sich, »doppelt« zu interpre-
tieren, was bei May nicht bedeutet, daß die erste Interpretation dadurch korrigiert und hinfällig wird; zum großen Teil entstehen dabei vielmehr bekräftigende Aussagen.
E. A. Schmid bezeichnet »Am Jenseits« als »Allegorie«: »Das eigenartige Buch ist wie ein einziges großes Gleichnis angelegt, ein Gleichnis, das man "Der Mensch und die Ewigkeit" überschreiben könnte.« (112) Um dies zu beweisen, geht Schmid von Mays Interpretation in »Mein Leben und Streben«, der Entschlüsselung der Figuren seiner Werke, aus: Das »Ich« ist die Menschheitsfrage, »welche von Gott selbst geschaffen wurde, als er durch das Paradies ging, um zu fragen: "Adam, d.i. Mensch, wo bist Du?" "Edelmensch, wo bist Du?"« (113) Hadschi Halef »bedeutet die menschliche Anima, die sich für die Seele oder gar für den Geist ausgibt, ohne selbst zu wissen, was man unter Seele oder Geist zu verstehen hat ... Und dieser Hadschi ist meine eigene Anima, jawohl, die Anima von Karl May! Indem ich alle Fehler des Hadschi beschreibe, schildere ich meine eigenen ... « (114) Hanneh, Halefs Weib, steht für die Seele.
Obwohl sich »Am Jenseits« vor dem Hintergrund dieser »Entschlüsselungen« durchinterpretieren läßt - wie Schmid auch zeigt -, darf nicht verkannt werden, daß der Gedanke der »Neu-Orientierung seines "Ich"« (115) wahrscheinlich frühestens 1903 fiel. Die »Menschheitsfrage« »ist das "Ich"«, schrieb May in einer aphoristischen Notiz. »Sie ist in Amerika Old Shatterhand, und sie ist im Orient Kara Ben Nemsi Effendi. Sie ist das umgekehrte Pseudonym von Karl May, denn die eigentliche Verfasserin der Reiseerzählungen ist sie, das Pseudonym aber ist er ... « (116) Zur Zeit der Entstehung von »Am Jenseits« dürfte May wohl eher ein nebulöses Bild der »Menschheitsfrage« vorgeschwebt sein, das er noch nicht zu konkretisieren vermochte. Er sah sicher auch noch nicht die Aufgabe des »Ich« darin, diese »Menschheitsfrage« zu symbolisieren. Der »Anima«-Begriff taucht zwar schon in »Am Jenseits« auf (s. 251), doch expliziert wird er das erste Mal in den Erläuterungen zu »Babel und Bibel« (1906). Die in »Am Jenseits« auftretenden Figuren lassen sich
aber dennoch als personifizierte Eigenschaften ansehen, an denen sich Mays philosophisch-religiöses Weltbild abzeichnet. Ebenso geht es auch hier explizit um die Menschheitsfrage, um die Bestimmung des Menschen. - In dieser Hinsicht gibt das Buch wiederum wichtige Hinweise auf das nachfolgende Schaffen Mays, auf den neuen Bedeutungsgehalt der Mayschen Helden, der Umorientierung des »Ich«. Für May war es nicht sehr schwierig, diese neue Bedeutung nachträglich auch auf die früheren Werke zu übertragen - interessant ist es, wie er versucht, den neuen Gehalt schon in den Band »Durch Wüste und Harem« hineinzuinterpretieren (117) -, aber erst die späteren Werke lassen die neue Intention, die Symbolik und Allegorie, deutlich erkennen.
Der Ort - wobei hier in erster Linie die Landschaft gemeint ist - spielt für die Handlung Mayscher Erzählungen eine entscheidende Rolle. Heinz Stolte hat recht, wenn er sagt: »Manchmal ist in ihnen (den Erzählungen) die Handlung nur um der Landschaft willen erfunden.« (118) Besonders im Spätwerk bekommt der Ort fast ausschließlich Bedeutung für das Geschehen selbst, wird dort zu einem mitbestimmenden Handlungsträger. Die Landschaft erhält einen symbolischen Charakter, zeigt äußerlich innere, seelische Vorgänge. Für May ist sie, da sie durch den Schöpfungsplan Gottes entstanden ist, ebenso auch Botschaft, Zeichen Gottes, die Verbindung zur Erde herstellend. Die durch die Sinne wahrgenommene Natur wird zum Sinnbild einer höheren Wirklichkeit - hier nähert sich May dem romantischen Naturbegriff. (119) Die Natur hat bei May im wesentlichen zwei Funktionen: »Sie dient der Offenbarung Gottes für den Menschen, und sie kann zum Instrument der göttlichen Gerechtigkeit auf Erden werden.« (120) Im »Mir von Dschinnistan« bemerkt Kara Ben Nemsi: »Ich glaube ... an die Vorbildlichkeit aller Naturerscheinungen. Sie bilden sich nicht etwa nur, um überhaupt da zu sein, sondern sie stehen im Zusammenhang auch mit denjenigen Ereignissen, die wir mit unsern Sinnen Jetzt noch nicht erfassen
können.« (121)
Es ist bekannt, daß die höhere Gewalt, Gott, in Mays Werken oftmals dann durch die Natur eingreift, wenn die menschliche Unzulänglichkeit offenbar wird: die Bösen werden bestraft, den Guten wird geholfen. »Sobald der Mensch nicht künstlichen Gesetzen folgt, sondern nur den natürlichen, die ihm Gott gebietet, steht ihm die ganze irdische Natur als Helferin zur Seite. Dann geschehen Zeichen und Wunder, deren Zusammenhang mit unserm Wünschen und Wollen nur Gott allein erklären könnte, wenn wir klug und gläubig genug wären, ihn zu begreifen.« (122)
Der Orient mit seinen weiten Wüsten, die schon Schauplatz der Bibel und der Märchen aus Tausendundeiner Nacht waren, bietet sich als Ort symbolisch-allegorischer Darstellungen geradezu an. May war sich dieser Tradition durchaus bewußt: »Ich bin Hakawati. Dieses orientalische Wort bedeutet "Märchenerzähler".« (123) Denken wir an Mays Äußerung, daß er in seinen Reiseerzählungen eigentlich nur Begebenheiten aus seiner realen Umgebung schildere, so wird verständlich, daß der Orient zum primären Schauplatz des Spätwerks werden mußte, denn im Vergleich zum Wilden Westen war er »der realen Umwelt viel näher, ... auch durch die historischen und den sich daraus ergebenden kulturellen und politischen Gemeinsamkeiten« (124).
Die Wüste war schon vor »Am Jenseits« ein beliebter Schauplatz Mays. Wollschläger sieht als Antrieb des erneuten Aufgreifens dieses Ortes die Erinnerung: »Erinnerung ist alles; rückwärts, nach innen, nach unten geht jeder Blick. Alle Gegenwart, ihr unrastendes Treiben und Getriebensein, ist Wiederkehr alter Erfahrung.« (125)
Die Feststellung, daß »Am Jenseits« »Menschheitsgeschehnisse vor dem gewaltigen Bildhintergrund der Arabischen Wüste (aufführt), in deren geistiger Dürre sich die menschlichen Strebungen und Landschaften begegnen« (126), deutet bereits auf eine Interpretation der Wüste hin, wie sie May später in seiner Selbstbiographie vorlegte:
Der Leser soll »vom niedrigen Anima-Menschen bis zur Erkenntnis des Edelmenschentums gelangen. Zugleich soll er erfahren, wie die Anima sich auf diesem Wege in Seele und Geist verwandelt. Darum beginnen diese Erzählungen mit dem ersten Band in der "Wüste". In der Wüste d. i. in dem Nichts, in der völligen Unwissenheit über Alles, was die Anima, die Seele und den Geist betrifft.« (127) »Ich will der Menschheitsfrage nachgehen. Wir befinden uns jedoch über uns selbst in Unwissenheit - das nenne ich die Wüste.« (128) Das Ziel des Weges durch diese Wüste ist der »Dschebel Marah Durimeh« - ein Pendant zum »Mount Winnetou« in Amerika.
Die späten Bemerkungen Mays dürfen jedoch nicht ohne Vorbehalte auf sein gesamtes Werk angewendet werden. E. A. Schmids »Am Jenseits«-Interpretation bewegt sich hier meiner Ansicht nach auf zu unkritischen Bahnen.
Betrachten wir die Beschreibungen der Wüste, die May in früheren Erzählungen gibt, so zeigt sich, was er mit diesem Ort assoziiert: Ode, Gefahr, Tod. »In (dem) engen Bezug zur Sonne versinnbildlicht sie (die Wüste) zugleich eine absolute und damit unheimliche Bewußtseinslage.« (129) Aufschluß bieten hier schon die Wüstenbeschreibungen in den »Geographischen Predigten«. Im Traktat »Berg und Tal« nennt May die Vernichtung der Karawane des Perserkönigs Kambyses im Jahre 1805: »... Hier saßen aufgerichtete Mumien auf den Skeletten gestürzter Kameele ... ; dort lagen Leichen, das Gesicht gegen Morgen, nach Mekka, gerichtet und die Arme über die Brust gekreuzt - ihr letzter Gedanke war, wie es dem frommen Moslem geziemt, Gott und sein Prophet gewesen.« (130) Schon hier die Verbindung Wüste-Mekka-Tod-Gott.
May schildert in den »Geographischen Predigten« aber noch weitere Schrecken der Wüste: »Der Himmel glüht wie Erz und die Erde brennt wie glühendes Eisen, und die nächste Oase ist noch weit, weit entfernt. In der Erinnerung des alten grauköpfigen Arabers steigen schreckliche Bilder herauf von den Qualen des langsamen Verschmachtens, dem gegenüber der schnelle Tod ein Engel der Erbarmung ist (!).« (131) Die Fata Morgana lockt! »"Schau nicht hin!" mahnt der erfahrene Führer. "Es ist nichts als Trug, den Dir der Satan vorspiegelt!" ...
Der Sohn der Wüste weiß, daß die Djinns (bösen Geister) diesen verderblichsten aller Zauber aus den Dünsten und Gluthen des Sandmeeres zusammengewoben haben, um den schmachtenden Wanderer ins Verderben zu führen.« (132) Diese menschlichen Grenzsituationen machen bereits hier deutlich, warum sich die Wüste als Schauplatz für die Behandlung der Todesproblematik geradezu anbot.
Welche Bedeutung die Wüste für die zu behandelnde philosophisch-religiöse Ebene hat, zeigt May besonders in seiner ausführlichen Wüstenbeschreibung zu Anfang des zweiten Kapitels »El Kanz el A'da« (95-104): »Die Wüste liegt weit und flehend ausgebreitet wie ein endloses Gebet zu Gott um Gnade und Barmherzigkeit. Sie ist ein tief ergreifendes Bild irdischer Armut und Hilflosigkeit ... Gleicht dieses Bild nicht ganz genau der Geschichte dieses scheinbar, aber eben auch nur scheinbar von Gott verlassenen Landes?« (96). Dieses Bild der Wüste spielt auch in der Vision des Münedschi eine wichtige Rolle, weist dort erst auf die eigentliche Bedeutung dieses Ortes hin: die Wüste als irdisches Abbild des Jenseits.
In einer direkten Anrede versucht May, dem Leser die Wirkung der Wüste, die Empfindungen, die hier ausgelöst werden, verständlich zu machen. Diese Beschreibung soll auch dazu dienen, eine allzu realistische Wüstenbetrachtung zu verlassen, um so zum eigentlichen Bedeutungsgehalt zu gelangen - in gewisser Weise ist dies die Vorbereitung für die »visionären Entschlüsselungen«: »Es ist, als ob die Seele freier geworden und in ihren Funktionen weniger gehemmt sei als vorher. Deine geistigen Sinne scheinen doppelte Schärfe und deine Gedanken Flügel bekommen zu haben. Du lebst mehr innerlich als äußerlich ... Es gibt keinen Anfang und kein Ende, keine Grenze hier, denn der Horizont ist zur Vermählung des Himmels mit der Erde geworden, die zwischen beiden keine Linie mehr kennt ... Und wie du Himmel und Erde nicht mehr zu trennen vermagst, so schaust du zu gleicher Zeit nach außen und nach innen. Die Endlosigkeit vor deinem körperlichen Auge ist gleich der unermeßbaren Weite, welche vor deinem geistigen liegt. Dein Leib wird fortgetragen, ohne daß du es fühlst, und deine
Seele fliegt ... Du hast keinen Leib mehr; du bist nur Seele, nichts als Seele« (99 f.). (133)
Das hier dargestellte Wüstenbild steht in engem Zusammenhang mit den Wüstenbewohnern - darauf wird noch näher einzugehen sein.
In den endlosen Weiten der Wüste bilden Brunnen die einzigen Ruhepunkte. Besonders der »Bir Hilu« (süßer Brunnen) ist Ort bedeutender Handlungen. Hier finden die wichtigen Auseinandersetzungen statt, kommt es zu Höhepunkten.
Obwohl es den Aufbruch vom Brunnen gibt, zieht er doch immer wieder zurück. Anstatt vorwärtszukommen, dreht man sich im Kreise, denn die Geschehnisse lassen die Verbindung zum Brunnen nicht abbrechen.
Durch sein Wasser, das in der Wüste lebensnotwendig ist, wird er zum Treffpunkt von in der Wüste umherstreifenden Menschen. Das ganze innere Leben der Wüstenbewohner sei überhaupt ein »nur von einigen Brunnen unterbrochenes Wandern durch die Öde«, schreibt May (98). Hier gibt er aber auch den Schlüssel für die Bedeutung des »Bir Hilu«. Brunnen sind Lebenspunkte, immer wieder Leben und Fruchtbarkeit schenkend (auch für die Handlung!), ohne sie würde die Öde, der Tod obsiegen. Wiederum weist May bereits in den »Geographischen Predigten« darauf hin, »wie sehr die todte, starre Erde des belebenden Wassers bedarf« (134). »Und der Segen des einzelnen Tropfens wächst mit dem hervorsprudelnden Quell, dem schwellenden Bache, dem rauschenden Strome und findet seine größte Bedeutung in den "Leben spendenden Wogen des Meeres". Darum waren schon in den ältesten Zeiten die Wellen der Schauplatz heiliger Handlungen, ja sogar Gegenstand der Anbetung, darum sprach Christus am Brunnen zu Sichar vom "Wasser des Lebens", und darum knüpfte er an das Wasser sein Sacrament von der Aufnahme in den Bund der christlichen Kirche.« (135) Auch in »Am Jenseits« verweist May beim Anblick des Brunnens auf das Alte Testament (vgl. 160).
Die Funktion der Brunnen, als Zeichen Gottes, wird im
»Mir von Dschinnistan« weiter expliziert. Bezeichnenderweise finden wir den Brunnen hier als Engelsfigur in der Wüste, der zum Retter, zum Erlöser werden kann. Dies ist im Grunde die logische Weiterführung des »Bir Hilu«: eine klare, unmißverständliche Darstellung der Bedeutung des Wassers in der Wüste. Dieses Wasser, als ein Naturelement, kommt von Gott und stellt die Verbindung der Menschen zu ihm her. Aus ihm können diese neue Kraft, Leben schöpfen - in der Wüste entscheidet es über Leben und Tod. Ist es demnach verwunderlich, daß den Mekkanern beim ersten zusammentreffen mit den Haddedihn das Wasser, die Verbindung zu Gott, fehlt? Erst durch dieses Treffen, mit Gottgläubigen, erhalten sie zu trinken, Was es bedeutet, von Gott abgekehrt zu sein - und es zu bleiben -, demonstriert der weitere Verlauf des Buches.
Die Personen, die May uns in »Am Jenseits« vorfahrt, weisen nicht nur die Funktion autobiographischer Konfliktbewältigungen auf. Daß sich an diesen Figuren auch Mays philosophisch-religiöses Weltbild entwickelt, kann in einem weit offensichtlicheren Rahmen abgelesen werden - Verschlüsselungen findet man jedoch auch hier.
In »Am Jenseits« haben wir es mit einem speziellen Menschentyp zu tun: dem Wüstenbewohner.
Rassen, Bewohner eines bestimmten geographischen Gebietes, sind bei May häufig Funktionsträger seiner didaktischen Intention. Zwar läßt er sich manchmal auch von Klischeevorstellungen und Vorurteilen verleiten - die Charakterisierungen der Armenier machen das deutlich (136) - doch dürften beispielsweise die positiven Schilderungen der roten Rasse sicherlich auch dazu beigetragen haben, daß das besonders im 19. Jahrhundert eingeprägte Bild vom »bösen Indianer« in der Bevölkerung revidiert wurde. Ebenso wies May immer wieder auf die Bedrohung einer Ausrottung von Völkerminderheiten hin. Er nannte hier vor allem den vernichtenden Einfluß der Weißen in Amerika und das gestörte Verhältnis des Abendlandes zum Mor-
genland. »Der als unaufhaltsam bezeichnete Untergang der roten Rasse begann, mich ununterbrochen zu beschäftigen. Und über die Undankbarkeit des Abendlandes gegenüber dem Morgenlande, dem es doch seine ganze materielle und geistige Kultur verdankt, machte ich mir allerlei schwere Gedanken. Das Wohl der Menschheit will, daß zwischen beiden Frieden sei, nicht länger Ausbeutung und Blutvergießen. Ich nahm mir vor, dies in meinen Büchern immerfort zu betonen und in meinen Lesern jene Liebe zur roten Rasse und für die Bewohner des Orientes zu erwecken, die wir als Mitmenschen ihnen schuldig sind.« (137)
Die eher einseitigen Pauschalbeschreibungen, die May in »Am Jenseits« von den Wüstenbewohnern gibt, müssen in erster Linie vor dem Hintergrund der philosophisch-religiösen Ebene gesehen werden. »Wie seine (des Wüstenbewohners) Leiden und Entbehrungen materielle sind, so sind auch die Ziele seiner Wünsche und Bestrebungen meist materieller Art; der Wüstensohn hat kein Gemüt; darum kann er sich weder ein irdisches Glück noch seine einstige Seligkeit rein herzlich denken. Der Boden seiner Seele gleicht der Felsen-, der Trümmer- und der Tiefsandwüste« (98). May projiziert hier eine Kongruenz von Ort und Person; die Wüste stellt personifizierend größere Zusammenhänge dar. Es ist interessant, daß sich der Seelen-Wüste-Vergleich im Werk realisiert, indem May die unterschiedlichen Wüstenformen auf der Handlungsleinwand auch erscheinen läßt und somit dem Leser Hinweise auf die allegorische Szenerie in die Hand gibt. »Aber wie die Wüste ist auch diese Seele (des Wüstenbewohners) nicht ohne Tau, und wie sich unter der Wüstendecke genug befruchtendes Wasser befindet, nach welchem man nur zu bohren braucht, um es klar und hell hervorsprudeln zu sehen, so sind auch ihr die geistigen Vorbedingungen der wirtschaftlichen, ethischen und religiösen Gesittung nicht versagt« (98). Die Bedeutung der Wüste impliziert somit auch die Funktion deren Bewohner. Dies sprengt natürlich den geographischen Rahmen. Wir haben es hier nicht mehr nur mit der Darstellung eines bestimmten Volkes zu tun, sondern es sind allgemeine
Menschheitsprobleme, die May zeigt. Der Wüstenbewohner ist allgemeiner Vertreter des auf Erden irrenden Menschen. Dies wird in der Vision des Münedschi deutlich zu sehen sein.
Der Auftritt des Münedschi leitet die Transzendenz explizit ein, löst das Werk vom Abenteuercharakter früherer Reiseerzählungen und stellt den neuen Bedeutungsgehalt, das philosophisch-religiöse Anliegen Mays, klar heraus. Dabei fällt immer wieder auf, welche Schwierigkeiten es für May gab, dem Leser die »Jenseits-Thematik« glaubwürdig vorzuführen, um sie überhaupt nachvollziehbar zu machen. So versucht das »Ich« häufig aus einer Logik, aus einem »gesunden Menschenverstand« heraus, das Gesehene und Erlebte - hier besonders die Vision des Münedschi - zu erklären. Bei diesen Erklärungsversuchen gibt es jedoch einige Probleme.
Der Scheintod des Münedschi zu Anfang konnte durch den realen Scheintod der Großmutter Mays begründet und gerechtfertigt werden. Dennoch stellen sich beim »Ich« zunächst Zweifel ein: »Sonderbar, höchst sonderbar! Hatten wir es etwa mit einem Irren, einem Wahnsinnigen zu tun? ... Er wurde el Münedschi genannt, der Wahrsager. Dieses türkische Wort bedeutet auch Sterndeuter. Wahrsager, Stern- und Zeichendeuter, diese Worte haben selbst für jemanden, der sonst nicht nach biblischen Verboten fragt, einen warnenden Beigeschmack. Ich mußte an den Hokuspokus der südafrikanischen Regenmacher, die indianischen Medizinmänner und ähnliche zweideutige Existenzen denken« (77).
Zur Person des Münedschi werden aber erklärende Ursachen angeführt, die aus der Eigenart der Wüstenbewohner abgeleitet sind: »Die reizlose, oft ärmliche Kost, die der gestaltenden Phantasie so günstige Wüste oder Savanne, ... das sind Faktoren, welche in Verbindung mit ererbter psychischer Disposition gewiß imstande sind, den Menschen für das empfänglich zu machen, was der bekannte Ausspruch als "zwischen Himmel und Erde" liegend
bezeichnet. Daher der reiche Märchenschatz des Orients und die Stimmung der Steppen- und Wüstenbewohner für das Übersinnliche. Man glaubt gar nicht, was für eine ausgiebige Gestaltungskraft dem Beduinen in diesem Sinne innewohnt! Je weniger Lebewesen die ungeheuren Strecken seiner Heimat bevölkern, desto schöpferischer wird seine Einbildungskraft. Er ersetzt ihnen überreich an imaginären Bewohnern, was ihnen an wirklichen fehlt, und weiß zuletzt selbst nicht mehr, wo die Tatsache aufhört und die Erfindung beginnt« (249). In diesen Erklärungen haben wir aber auch den Schlüssel für Mays eigenes dichterisches Schaffen; war es da nicht nur folgerichtig, daß er sich »Hakawati« nannte? Er, der wie der Beduine Phantasiegebilde hervorzauberte, die die Realität ersetzten; der durch die Imagination graue, triste Wirklichkeit in buntschillernde Oasen verwandelte, an denen sich die verschiedensten Wunschträume niederließen. »Am Jenseits« liefert eindringlich den Beweis des Schwebens »zwischen Himmel und Erde«.
May läßt den Münedschi den Verdacht effekthaschender Hellseherei selbst ausräumen: »Ich bin nicht Stern-, Traum- oder Zeichendeuter, sondern seit ich hilflos geworden bin durch die Blindheit meiner Augen, gehöre ich zu den Armen und Unmündigen, denen offenbar wird, was den Reichen und Klugen verborgen ist. Ich bin weder ein Geisterseher noch ein Prophet; ich bin weiter nichts als ein in der Wüste (!) verlorenes Schaf, welches seinen Hirten sucht« (131). Neben dem weiteren Hinweis zur Bedeutung der Wüste finden wir deutliche Bibelanklänge. Die Blindheit im geistigen Sinne, als Ausdruck der Ungläubigkeit, der Sünde, ist ein häufig auftauchendes Bild in religiösen Darstellungen: »Der Herr wird dich schlagen mit Wahnsinn, Blindheit und Verwirrung des Geistes« (Deuterenomium 28, 28); »Wer aber seinen Bruder haßt, bleibt in der Finsternis und geht im Finstern dahin und weiß nicht, wohin er geht, denn die Finsternis nahm seinen Augen das Licht« (1 Johannes 2, 11).
Später heißt es im »Mir von Dschinnistan«: »Das äußerliche (Leben) ist für das innerliche da, daß es sich offenbare. Man soll durch das Äußere auf das Innerliche
schließen. Wer seine Aufmerksamkeit nur auf das Äußerliche richtet, bleibt, mag er nach dieser Richtung hin noch so viel erreichen, in Beziehung auf das eigentliche, höhere, wirkliche Leben doch nur ein armer, beklagenswerter, blinder Mann. Wer sich aber gewöhnt, in Allem, was er empfindet, denkt und tut, vom Niedrigen auf das Höhere, vom körperlichen auf das Geistige und Seelische zu schließen, dem tun sich tausend, tausend Wunder auf, indem er sehen lernt, während der andere erblindet.« (138)
Das Erblinden des Münedschi ist zum einen als Folge seines bisherigen frevelhaften Lebenswandels zu sehen. Durch den Umgang mit El Ghani ist er in tiefste Strudel der Sündhaftigkeit und Verbrechen gefallen. Seinen Glauben an das Christentum hat er verloren, ist zum Islam geflüchtet und kann auch dort die Liebe nicht finden, die er sucht.
May versucht aber andererseits auch, die Blindheit vom physischen Standpunkt zu ergründen - also wiederum auch eine Suche nach einer glaubwürdigen Erklärung. Mit einer wahren Gier stürzt sich der Münedschi auf Tabak, was May/Kara Ben Nemsi veranlaßt, im übermäßigen Rauchen eine Ursache für das Erblinden zu sehen.
Das Rauchen wird als Laster, als körperlicher Trieb dargestellt und bedeutet somit auch ein Hindernis für den Weg zum Höheren, »vom Körperlichen zum Geistigen und Seelischen«. Es war Mays eigenes Laster. (139) Bezeichnenderweise entstand während der Orientreise eine Notiz Mays (v. 5.9.1899), in der es heißt: »Abends vor Tisch: Nicotin entsagt auf dem Balkan.« (140) Auch in »Mein Leben und Streben« finden wir einen Hinweis dazu: »Rauchen ist ein Genuß. Essen und Trinken ist unerläßlich. Aber jederzeit zu rauchen, zu essen, zu trinken, und Alles, was Einem geboten wird, zu rauchen und zu verzehren, würde nicht nur töricht, sondern sogar schädlich sein.« (141)
Wie der Münedschi sagt, verdanke er Ben Nur, dem »Sohn des Lichtes«, die Möglichkeit, in alle Zeiten und Orte zu blicken. Der äußerlich Blinde wird so durch die Führung Ben Nurs zum innerlichen Seher. Vorbild für die Figur des Münedschi ist da sicher auch der blinde Seher Teiresias aus der griechischen Sage und Tragödie.
Das Problem des Münedschi besteht darin, daß er das durch die Hilfe Ben Nurs Gesehene nicht auf sich selbst beziehen kann: »Ich sehe in alle Zeiten, die vergangene, gegenwärtige und zukünftige. Ich sehe Orte, welche der Erde angehören, und Orte, welche nicht auf ihr liegen. Nur a