
Eine Mutter und eine Tochter
aus Karl Mays Leben
in Hohenstein - Ernstthal -
sind sie die beiden Aschtas?
![]() | Materialien zur Karl-May-ForschungBand 6Herausgegeben von Karl Serden, Ubstadt (Baden) im Auftrag der Karl-May-Gesellschaft e.V. Dieter SudhoffKarl Mays "Winnetou IV"Studien zur Thematik und Struktur1981 KMG-Presse · Ubstadt Druck und Verlag: Karolus Bruchsal |
Nachdem wir vorliegende Arbeit für unsere "Materialien zur Karl-May-Forschung" ausgewählt haben, verlieh die Universität-Gesamthochschule-Paderborn am 9. Dezember 1980 dem Verfasser Dieter Sudhoff
"in Anerkennung der besonderen Qualität seiner Staatsexamenarbeit Karl Mays Winnetou IV - Studie zur Thematik und Struktur einen Preis."
Wir führen diese Tatsache hier an, weil wir uns gefreut haben, daß damit unsere Wahl von berufener Stelle bestätigt wurde.
Darüber hinaus braucht unsere Entscheidung, Sudhoffs Arbeit in der Reihe "Materialien zur Karl-May-Forschung" zu veröffentlichen, nicht verteidigt zu werden. Jeder Leser wird sogleich erkennen, daß hier eine umfassende Monographie von Mays letzter Reiseerzählung vorliegt, die in absehbarer Zeit kaum wird ergänzt werden können.
Sudhoff hatte jedoch verdienstvolle Vorläufer. Wesentliche Vorarbeiten wurden bereits von Koch und Riedemann unternommen, deren Abhandlungen wir als Ergänzungslektüre empfehlen können.
Ekkehard Koch, Winnetou Band IV, Versuch einer Deutung und Wertung,
Jb-KMG 1970, S. 134 ff. (1. Teil)
Jb-KMG 1971, S. 269 ff. (2. Teil)
Kai Riedemann, Aspekte zur Deutung der Winnetou-IV-Symbolik,
Sonderheft der KMG Nr. 17/1979
Sudhoffs Staatsexamensarbeit wird unverändert und ungekürzt als Reprint vorgelegt. Die Seitenkonkordanz, die wir beigegeben haben, berücksichtigt sowohl Fehsenfeld- als auch die Pawlak-Ausgabe, ist also für jeden Besitzer eines Originaltextes brauchbar. Diese Tabelle findet sich auf den Seiten 175 und 176.
Alle Rechte vorbehalten
© by Verlag Heim- und Volkskunde
(KMG-Presse) 7521 Ubstadt (Baden)Layout: Wolfgang Dörr / Wolfgang Hirsch
Gesamtherstellung: Karolus Bruchsal
Printed in Germany
Reprografischer Nachdruck für die Mitglieder der Karl-May-Gesellschaft,
Swebenbrunnen 8c · 2000 Hamburg 72ISBN 3-921983-07-X
- Studien zur Thematik und Struktur -
Schriftliche Hausarbeit vorgelegt im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt für die Sekundarstufe I
von Dieter Sudhoff
Paderborn, im März 1980
Gutachter: Prof. Dr. H. SteineckeFachbereich 3 - Gesamthochschule Paderborn
Ich widme diese Arbeit meiner Frau Ursula.

sascha schneider - titelzeichnung zu "winnetou III"
| somebody our ocean | |
| will find its shore... | |
| nick drake |
Ziel und Anspruch der vorliegenden Arbeit ist eine weitestgehende Werkanalyse von "Winnetou IV". Dabei steht die Thematik des Romans bei weitem im Vordergrund. Sie wird sichtbar gemacht auf dem Hintergrund der Romanstruktur, die sich aus verschiedenen Leseebenen ergibt. Von dieser Ebenenstruktur wird jeweils ausgegangen, sie bestimmte auch die Aufgliederung der Arbeit. Eine explizite Behandlung der Struktur wurde jedoch möglichst vermieden, zum einen, weil sie sich großenteils aus dem Unterbewußtsein Mays ergab, sich also nur mit psychoanalytischen Mitteln ganz erschließen ließe, zum anderen, weil sie ohnehin in der Behandlung der Thematik implizit sichtbar wird. Thematik und Struktur bedingen sich gegenseitig; Erkenntnisse über die Thematik lassen sich nur unter Beachtung der Ebenenstruktur gewinnen, diese aber wird im Detail erst deutlicher bei genauer Inhaltsanalyse. Diese Wechselseitigkeit macht eine Werkanalyse sehr diffizil. Ich hoffe, daß es mir dennoch mit dieser Arbeit gelungen ist, einen Beitrag zum Verständnis des Menschen und Schriftstellers Karl May zu leisten.
INHALTSVERZEICHNIS
| Vorwort | I |
| A. Einleitung | 1 |
| I. Vorbemerkungen zur Reisedokumentation | 1 | |
| II. Dokumentation der Amerika-Reise und Autobiografische Ebene I | 5 |
| 1. Bremen - New York | 5 | ||
| 2. New York | 7 | ||
| 3. Albany | 8 | ||
| 4. Buffalo | 10 | ||
| 5. Niagara-Falls | 11 | ||
| 6. Lawrence | 17 | ||
| 7. Rückreise | 22 |
| B. Werkanalyse | 24 |
| I. Handlungsebene | 24 | |
| II. Autobiografische Ebene II | 25 |
| 1. Grundsätzliches | 25 | ||
| 2. Trinidad-Episode | 28 | ||
| 3. Aschta-Episode | 38 |
| a) Der innere Mensch | 39 | |||
| b) Der äußere Mensch | 45 |
| 4. Teufelskanzel I | 54 | ||
| 5. Exkurs zum Aufbau | 60 | ||
| 6. Nugget-tsil | 61 | ||
| 7. Gegner und Feinde | 66 |
| a) Das Komitee | 67 | |||
| b) Die feindlichen Häuptlinge | 79 | |||
| c) Die Enters | 81 |
| 8. Weitere biografische Figuren | 83 | ||
| 9. Abschließendes zur Analyse der Autobiografischen Ebene II | 85 |
| III. Abstrakte Ebene | 87 |
| a) Mount Winnetou und Umgebung | 123 | |||
| b) Passiflorenraum | 127 | |||
| c) Oberstadt und Unterstadt | 128 | |||
| d) Teufelskanzel II | 130 | |||
| e) Berg der Königsgräber | 133 |
| 12. Der Junge Adler und das Fliegen | 134 | ||
| 13. Klara und Pappermann | 136 | ||
| 14. Frauen | 139 | ||
| 15. Die Enters und die Erbsünde | 142 |
| C. Schluß | 149 |
| D. Anhang - Werkgeschichte | 155 |
| Anmerkungen | 157 |
| Literaturverzeichnis | 171 |
| [Seitenkonkordanz Pawlak-Fehsenfeld | [175]] |
I. Vorbemerkungen zur Reisedokumentation
Zum Verständnis von Karl Mays "Winnetou IV", des "letzten Großmystikers"1 letztem Roman, ist es wichtig, die Ursprünge dieses Werkes zu kennen. Das führt zum einen zur Frage nach den Intentionen Mays - bei der Analyse und Interpretation im Hauptteil dieser Arbeit wird darauf einzugehen sein - zum anderen aber auch auf den konkreten Anlaß des Romans hin, nämlich zu seiner einzigen Amerika-Reise im Jahre 1908, die einen Teil des autobiografischen Romanhintergrunds ausmacht.
Ähnlich wie "Et in terra pax" auf Mays große Orient-Reise ( 1899-1900) reflektiert, finden sich auch in "Winnetou IV", explizit im ersten Teil des Textes, bevor die "Realität ... wieder zwischen den Traumkulissen (versickert)"2 , nicht wenige Bezüge zur realen Reise.
Aufgabe der folgenden einleitenden Reisedokumentation, in der der reale Reiseverlauf, möglichst ausführlich und soweit er bis heute recherchiert werden konnte3, mit den Textstellen aus "Winnetou IV" konfrontiert wird, die mehr oder auch weniger deutlich Erlebnisse und Eindrücke dieser Reise widerspiegeln, ist es, - im Hinblick auf die Darstellung der verschiedenen Leseebenen des Romans, der Romanstruktur - von vornherein eine der Ebenen, nämlich die unverschlüsselte autobiografische Ebene, hier der Amerika-Reise, isoliert darzustellen. Diese Ebene möchte ich als Autobiografische Ebene I bezeichnen; zu ihr gehören alle unverschlüsselten, unverstellten Aussagen des Autors May zu seiner subjektiven Wirklichkeit. Dabei beschränke ich mich im folgenden auf die Wirklichkeit der Amerika-Reise, wenngleich auch zahlreiche unverschlüsselte Aussagen über seine Frau Klara, die Handlungsfigur ist, seine schriftstellerischen Produktionsbedingungen, seine Gewohnheiten u.ä. in den Text eingebettet sind, die alle ebenfalls zur Autobiografischen Ebene I gehören, doch keine Besonderheit für "Winnetou IV" bilden - vielmehr lassen sie sich in allen in der Ich-Form geschriebenen Werken Mays nachweisen und würden gesammelt eine brauchbare Biografie des May'schen Selbstverständnisses ergeben. Das Eigentümliche von "Et in terra pax" und "Winnetou IV" liegt darin, daß in beiden Fällen ein Groß-Erlebnis - nämlich
eine Reise - einen bestimmten Roman bewirkte und in seiner Entwicklung mehr oder weniger prägte, ohne aber dabei im Vordergrund zu stehen, ein Erlebnis also den Anstoß gab, während in den oben genannten Fällen Real-Autobiografisches lediglich beim Schreibprozeß miteinfloß.
Die Funktion dieser real-autobiografischen Elemente ist immer die gleiche: dem Leser soll die Identität von Ich-Figur und Autor suggeriert werden.
In den Reiseerzählungen bis zur Jahrhundertwende - der Wende auch für Karl May - veranlaßten derartige Einschübe von Realität - die ja nachprüfbar waren - den Leser, auch die abenteuerlichen Erlebnisse der Ich-Figur, Old Shatterhands oder Kara Ben Nemsis, als vom Autor selbst Erlebtes zu verstehen; die Orient- und die Amerika-Reise dann, für deren Publizität May jeweils durch zahlreiche Kartengrüße an Bekannte und Freunde, aber auch und gerade an Zeitungen sorgte, sowie deren Ausbeuten, die Romane "Et in terra pax" und "Winnetou IV" , legten dem Leser später entsprechende Analogieschlüsse seine früheren Werke betreffend nahe.
Daß May an solcher Leser-Illusionierung auch noch in seinem Spätwerk interessiert war, wo er doch im Eigentlichen weit mehr und weit höheres beabsichtigte, mag befremden, läßt sich aber vor dem Hintergrund der Prozesse, der Pressehetze, der zahlreichen persönlichen Angriffe gegen ihn verstehen, denen gegenüber er sich immer wieder rechtfertigen zu müssen glaubte. Diese Angriffe bestanden lange Zeit auch in dem Vorwurf, er habe in seinen Werken immer wieder gelogen, sei er doch in Wahrheit nie im Orient, nie in Amerika gewesen.
Dem begegnete May mit seinen beiden großen Reisen und auch dadurch, daß er nun das "Ich" in allen seinen Werken als Imagination der Menschheitsfrage verstanden wissen wollte - was aber realiter nur für das Spätwerk zutrifft -: Das "Ich ist keine Wirklichkeit, sondern dichterische Imagination. Doch, wenn dieses 'Ich' auch nicht selbst existiert, so soll doch alles, was von ihm erzählt wird, aus der Wirklichkeit geschöpft sein und zur Wirklichkeit werden."4
Nach Mays eigenen Worten war die Amerika-Reise schon lange geplant gewesen. In einem Brief an seinen Rechtsanwalt Rudolf Bernstein spricht er von "jene(r) Reise, die ich nun schon seit drei Jahren plane, aber nicht ausfuhren kann, weil der Prozeß mich hier in Dresden gefangen hält"5.
Tatsächlich macht die Reise dann aber eher den Eindruck plötzlicher Flucht: ohnehin nur kurz - gerade drei Monate hält er sich in Amerika auf, die Orient-Reise dagegen dauerte sechzehn Monate -, scheint sie großenteils ziellos zu verlaufen, ohne Plan. Dabei bewegt er sich nur auf touristisch geebneten Bahnen und vermeidet geradezu ängstlich alle von ihm einst beschriebenen Gegenden. Nicht weiter westwärts führt die Reise als bis zu den Niagara-Fällen, im Roman erst eigentlicher Reisebeginn.
Die in "Winnetou IV" beschriebenen Stätten des Wiedersehens - Nugget-tsil, Deklil-to u.a. - hat May nicht ein einziges Mal anders gesehen als in seiner Vorstellung.
Vor der immer aggressiveren Pressehetze, der Prozeßumklammerung flieht Karl May in das Land, das er schon so oft mit der Seele suchte, um dann hier nur wieder vor seiner eigenen früher angelegten fiktionalen Wirklichkeit zu fliehen.
Was ihm in der Realität nicht möglich war, die Konfrontation seiner Traumlandschaften mit den Reallandschaften - nicht möglich, weil er sich wohl noch gut an die täglichen Desillusionierungen während seiner Orient-Reise erinnerte -, das kann er später beim Schreiben von "Winnetou IV" in seiner Vorstellung durchspielen, denn hier decken sich Traumlandschaften problemlos. Karl May schöpft neue Wirklichkeiten aus seiner Phantasie.
"Winnetou IV" ist auch die Kompensation seiner realen amerikanischen Fluchtbewegungen. Den Orten, denen er während seiner Amerika-Reise beharrlich auswich, strebt er im Roman ebenso beharrlich zu.
Um den Widerspruch zwischen Realität und Fiktionalität, den quälenden, auch für sich selbst nicht abgrundtief klaffen zu lassen, versucht May zu Anfang des Romans - hier vor allem in der Niagara-Episode -, vereinzelt auch noch später, neben seiner ihm eigentlich wichtigen, nämlich der fiktionalen
Reise zum Mount Winnetou, auch Teile seiner realen Reise in den Kontext einzubauen, sich und seinen Lesern auch die touristische Reise als im Sinnzusammenhang des Romans notwendige darzustellen.
Diese touristische Reise und ihre Spiegelung auf der Autobiografischen Ebene I ist im folgenden chronologisch dargestellt. Aus dem Roman wurden exemplarische Zitate ausgewählt, um diese Arbeit nicht zu sehr ausufern zu lassen. Weitere Textstellen werden aber genannt, so daß man von annähernder Vollständigkeit sprechen kann.
| Zitiert wird nach: | Karl May Winnetou Band 4.Herrsching o. J. (PAWLAK-Ausgabe). |
Diese Ausgabe entspricht bis auf orthografische Angleichungen der Fehsenfeld-Originalausgabe und dient daher dieser Arbeit als Textgrundlage.
| II. | Dokumentation der Amerika-Reise und Autobiografische Ebene I |
| "Ihr schifft von einem geistigen Erdteil zu einem anderen hinüber (Geistige Nautik unterwegs) Und kommt ihr drüben an, so fragt ihr zunächst nicht nach den Unterschieden, sondern ihr freut euch vor allen Dingen darüber, daß ihr auch hier wieder einmal bei Menschen seid." | |
| Karl May6 |
Am 5.9.1908 beginnt Karl May in Bremen zusammen mit seiner Frau Klara seine einzige Amerika-Reise.
Bei unruhiger See dauert die Überfahrt auf dem Dampfer "Großer Kurfürst" des Bremer Lloyd elf Tage. Karl May ist kein Unbekannter an Bord, man bemüht sich um seine Gesellschaft und läßt sich gern mit ihm zusammen fotografieren.7 Einigen wenigen Mitreisenden schließt sich das Ehepaar May naher an. Wollschläger spricht von einer Mrs. E.C.Hendrickson, einer "reichen Amerikanerin aus Chikago", die "später noch in Radebeul Besuch (macht)", einem "Professor Stassny und Frau vom Musik-Konservatorium in Boston"8 die später noch besucht werden sollen , und einem Anwalt Weil aus München.
Klara hat ihre Fotoausrüstung im Gepäck und macht erste Bilder, die später bezeugen können: er war da. Am 16.9 um 4 Uhr früh kann sie die Freiheitsstatue fotografieren, eines der späteren Modelle für die monumentale Winnetou-Statue. "Es war ein wundervoller Morgen, ohne Nebel stieg die Sonne empor."10
Man verabschiedet sich von den Mitreisenden und wird - laut Klara - am Pier schon von zahlreichen "lieben Freunden", "guten Menschen" mit Blumen in den Händen erwartet, die teils "von weither ... gekommen (waren)" und nur "auf Umwegen seine Ankunft erfahren hatten."11 Immer wieder schreibt Klara in ihren Erinnerungen von solchen "lieben Freunden". Auch in diesem Fall ist aber eher anzunehmen - wenn der Vorgang überhaupt stimmt und nicht zu den zahllosen von Klara erfundenen Legenden gehört -, daß die New Yorker deutschen Zeitungen von der Ankunft des "berühmten Reiseschriftstellers" gezielt - möglicherweise sogar von ihr selbst und sicher ohne Wissen Karl Mays - von dessen baldiger Ankunft
in New York informiert wurden. Karl May aber ist von der Reise erschöpft und zieht sich so bald als möglich ins luxuriöse Hotel Continental zurück, "in die synthetische Stille"12.
Autobiografische Ebene I
Zur Reisemotivation:
| "... nur von seinem jung gebliebenen Herz dazu getrieben ..." (9) | |
| "Ich nahm an, daß dieser Grund sich nicht auf enge rein persönliche Verhältnisse bezog, sondern eine allgemeinere Bedeutung hatte." (10) | |
| "Oder gab es da drüben jemand, etwa einen alten, früheren Gegner, der sich jetzt, in meinen alten Tagen, den Spaß machen wollte, mich zu foppen und zu einer Einfaltsreise nach Amerika zu bewegen?" (11) | |
| "Der Gedanke, hinüberzugehen, begann, mich lebhaft zu beschäftigen." (11) |
Zur Mitreise Klaras:
| "Ich weiß, er (May) wird diese Reise nicht tun, ohne daß Du ihn begleitest." (15f.) | |
| "Wenn ich wirklich ging, so verstand es sich nun ganz von selbst, daß ich diese Reise nicht allein unternahm." (16) | |
| "... es stand nun fest, daß ich hinüberging ... Und ebenso bestimmt war es, daß das Herzle mich begleitete." (21) | |
| "Als Junggeselle Westmann sein, ist keine Kunst. Aber sich noch als Westmann gebärden, wenn man schon längst verheiratet ist, und seine Frau bei sich hat, das wird einem jeden vernünftigen Mann so fern wie möglich liegen!" (253) | |
| "Sie dachte an die Anstrengungen einer solchen Reise... Aber sie dachte, indem sie von diesen Anstrengungen und Gefahren sprach, nicht an sich selbst, sondern nur an mich. ...Was sie selbst betrifft, so war sie gesund, mutig, geschickt, ausdauernd und frugal genug, um mich begleiten zu können. Sie beherrschte die englische Sprache ... so war ihr unser letzter längerer Aufenthalt im Orient eine gute Lehrzeit gewesen. Sie hatte sich da ganz geschickt benommen..." (21f.) (Vgl. hier die ganze Textstelle) |
Zum geplanten Reiseverlauf:
| "Meine Frau war noch niemals ... da drüben. Sie erwartet ganz besonders, den Niagarafall zu sehen. Wir werden also von New York aus mit dem Hudsondampfer nach Albany fahren und von da mit der Bahn |
| nach Buffalo, von wo aus es bis zu den Fällen nur noch eine Stunde ist. In Niagara-Falls wohnen wir auf der kanadischen Seite, und zwar im CliftonHotel..." (32) (Vgl. 22f.,28) | |
| "... mit dem Norddeutschen Lloyd nach New York ..." (23) |
Zu Klaras Fotografieren
| "Sie photographiert so gem. Sie ist da stets bereit, zum Alten Neues hinzuzulernen." (376) (Vgl. 22) |
"Karl May liebte die großen Städte nicht, weshalb wir auf unsrer ersten Reise New York nur als Durchgangsstation benützten. Wir fuhren damals gleich weiter nach Albany."13
So war es nicht. Klara versucht hier wie so oft, die Legende vom abenteuernden Reisenden aufrechtzuerhalten, ein Bild, zu dem ein tagelanger New York-Aufenthalt so gar nicht passen würde. Einige Biografen haben diese (und so manche andere) Falschinformation Klaras nur zu gern übernommen. So heißt es bei Raddatz "Er verläßt die große Stadt fast unverzüglich."14 Und E.A. Schmid spricht von einem "kurzen Aufenthalt"15.
In Wahrheit bleiben Mays fast eine Woche in New York, besichtigen wie alle Touristen die Sehenswürdigkeiten der Stadt, besuchen Cony Island, machen Visiten - etwa beim Manager of the Indian Exhibits Co, Mr C. Witte und aus geschäftlichen Gründen in der Pustet-Filiale - und lassen sich von Dr. Ralph Winfred Tower, dem Direktor des American Museum of Natural History, im Central Park gelegen, durch "das unglaublich reiche und schöne Museum"16 führen. Tower schenkt May zum Abschied einige Indianistik-Fachwerke, aus denen dann "mancherlei kleinere Lesefrüchte"17 in "Winnetou IV" eingehen werden.
Den größten Eindruck macht ein Gottesdienst im "herrlichen weißen Marmortempel der Christian Scientists"18 , Central Park West Av. 68, wo May "jene nebulöse Christlichkeit vor(findet), in der seine Metaphysik sich mit den Religionen einig ist ... Sonntag der weißen Nelken: alles ist mit den Blumen geschmückt, Altar, Vorleser, Sängerin, alle gläubigen Mitglieder. Den fensterlosen Raum überwölbt eine Glaskuppel; sie stellt eine riesige, leuchtende Sonne dar, 'in der das Eine Wort 'Love' glüht'.
Und May sitzt tief ergriffen darunter: die elektrischen Effekte stören ihn nicht 'Viel feines Empfinden muß die Schöpfer dieses Tempels beseelt haben'; später berichtet er noch oft von dem Erlebnis; 'Love' heißt fortan der Leitstern der immer müderen Spätjahre; - im 'Passiflorenraum' von 'Winnetou' IV kommt die Stimmung des Blumentempels herauf."19 20
Autobiografische Ebene I
Zum Blumentempel (Passiflorenraum):
| "Was sah ich? Einen sehr hohen, achteckigen, gemauerten Raum mit zwei Türen. Die Wände waren vollständig mit Passifloren überwachsen, deren Ranken bis hinauf an die Decke reichten, wo es rundum zahlreiche Öffnungen gab, das nötige Licht hereinzulassen. Die Ranken waren so dicht, daß man von der darunterliegenden Mauer nichts sehen konnte. Sie grünten und blühten, und zwar fast überreich. Daß dies noch jetzt in der ziemlich späten Jahreszeit geschah, war wohl eine Folge der Höhenlage und auch des Umstandes, daß die Vegetation nicht im Freien stattfand, sondern auf das Innere eines geschlossenen Raumes angewiesen war." (332) (Vgl. 332ff.) | |
| "Sie (Klara) brach beim Anblick der unzähligen Leidensblumen in einen Ausruf der Bewunderung aus." (333) | |
| "Hohe, aus dem Wachs wilder Bienen bereitete Kerzen brannten. Damit die köstliche Blütenluft nicht durch die vielen Lichterflammen verunreinigt werde, stand die in das Freie führende Treppentür offen. Für den Vorleser ... gab es einen erhöhten Sitz, zu dessen Seiten ... die Kerzen vervielfacht waren. ... Er erklärte den Zweck unserer heutigen Zusammenkunft und Vorlesung und forderte die Versammelten auf, ihre Augen nach innen zu richten, um die Ankunft dessen, dem dieser Abend gewidmet war, ja nicht zu übersehen." (363) |
Von New York aus geht es mit dem Dampfer "New York", einem "schwimmenden Palast"21, neun Stunden lang den Hudson River hinauf nach Albany (N.Y.). Das Luxuszimmer der Mays hat einen Balkon, der auf den Fluß hinausgeht und so "die herrliche Landschaft genießen läßt"22.
"Wir fuhren damals auf einem der bequemen Hudsondampfer bis Albany. Karl May liebte die Stille, und Stille war über den Reisetag gebreitet. Wir hatten einen eigenen, abgeschlossenen Raum auf dem Schiff mit einem freien Ausblick auf den Strom. Eine wundervolle Einrichtung, die glauben ließ, man sei allein auf
dem Schiff. Dort saß er und träumte, während er die Größe der Natur an sich vorüberziehn ließ."
"Der Hudson mit seinen Riesenausmaßen, der auf seinem breiten Rücken Schiffe bis Albany hinauf trägt, hat mit seinen von dunklen Wäldern und hohen Bergen umsäumten Ufern ein mehr großartig als lieblich anmutendes Gepräge."24
In Albany bleibt man zwei Tage, wohnt im Hotel New Kenmore25 und verbringt - laut Klara - einen Abend mit "Freunden".
Im Washington Park von Albany fotografiert Klara das Moses-Denkmal, ein weiteres Vorbild für die Winnetou-Statue.26
Mit der Pferdekutsche wird ein kurzer Abstecher nach Pittsfield unternommen, "wo einst Longfellow lebte"27 und dort im Appleton House sein berühmtes Gedicht "Old clock on the stairs" schrieb. "Wir waren da, wo das Gedicht entstanden."28 Der Einfluß dieses amerikanischen Uhland auf May wird in "Winnetou IV" vor allem in den schwermütigen Landschaftsbeschreibungen deutlich, er ließe sich aber auch in einigen seiner früheren Werke nachweisen.
Ein weiterer Ausflug mit der Kutsche führt Mays durch die Berkshire Hills zum Mount Lebanon in New Hampshire, wo sie "alte Bekannte" aus der Heimat besuchen - laut Ostwald "Freunde aus Radebeul"29 - , die ausgewandert waren und nun in einer Siedlung der Shaker-Sekte leben, das Ehepaar Otto und Rosalia Thümmel.
"Eine Wagenfahrt durch schöne, bewaldete Berge in tiefer Einsamkeit brachte uns zur Siedlung der Shakers. Dahin hatte sich einer der Freunde meines Mannes zurückgezogen - eine Lebensgeschichte fand dort ihren friedlichen Ausklang. Die Shakers sind eine Brüdergemeinde, einfach und gut und fromm."30
Es ist zur Zeit der Maisernte, Klara hält es im Bild fest.
"Es gelang mir, dort von ihm ein Bild aufzunehmen, wie er inmitten eines Maishaufens sitzt, umringt von Brüdern und Schwestern der Gemeinde."31 Auf dem Bild ist auch Otto Thümmel zu sehen.32
Karl May ist hier "wieder einmal bei Menschen"33.
Die Thümmels schreiben später noch öfters nach Radebeul, an die "lieben Menschenfreunde"34.
Autobiografische Ebene I
Zu Albany:
| "... nahm vier quittierte Hotelrechnungen aus Leipzig, Bremerhaven, New York und Albany heraus ..." (269) (vgl. 32) |
Von Albany aus geht es "auf breiten Chaussee-Straßen"35 zum Erie-See, nach Buffalo.
Mays wohnen im Hotel Statler und machen - mit einem busähnlichen Automobil - die übliche Stadtrundfahrt.
Glaubt man Klara May, so warten auch in Buffalo wieder Freunde, "die dann noch kurze Zeit mit uns reisten."37
Auf dem Forest Lawn Cemetary von Buffalo lernt May ein weiteres, vielleicht das entscheidende Modell für die Winnetou-Statue kennen, das Denkmal des Seneca (Senontowana)-Häuptlings Sa-go-ye-wat-ha ("Er-hält-sie-wach", auch Red Jacket genannt, 1752-1830), der auf diesem Friedhof mit seinen Angehörigen begraben liegt. Das Denkmal wurde nach einer Umbettung im Jahre 1890 von der Buffalo Historical Society errichtet. Dieser Irokesen-Häuptling gilt als bedeutende indianische Persönlichkeit.38
Hans Wollschläger spricht von einem "klugen Diplomaten, der sehr früh die endliche Überlegenheit der Weißen erkannte und mit zähen Friedensverhandlungen das Überleben seines Volkes zu sichern suchte, um am Ende doch nur einsam und verbittert im Alkohol zu enden", von einem "bedingungslosen Pazifisten" und "bedeutendem Redner"39. Da Karl May in keinem seiner Werke vor "Winnetou IV" den Häuptling auch nur erwähnt, ist anzunehmen, daß er ihn erst durch die aus New York mitgebrachten Fachbücher kennenlernte und sich dann kurzfristig entschloß, nicht direkt zu den Niagarafällen zu reisen - wie es nahegelegen hätte - sondern zunächst nach Buffalo. Das Grab Sa-go-ye-wat-has scheint der alleinige Anlaß dieses Umwegs gewesen zu sein. Im Roman wird der Abstecher erst später, vom Clifton-House, unternommen und auch Klara spricht von einem Ausflug von den Niagarafällen aus, was später von einigen Biografen ungeprüft übernommen wurde.40
Dieser These aber widerspricht allein schon, daß May nachgewiesenermaßen wenigstens eine Nacht im Hotel Statler verbrachte, es aber kaum sehr wahrscheinlich ist, daß er gleichzeitig auch noch eine Wohnung im Clifton-House gemietet hatte.
Der Grund für die Reisevariation Klaras scheint der zu sein, daß sie bemüht war, die reale Reise weitestgehend identisch mit der Reise in "Winnetou IV" erscheinen zu lassen.
Auf der untersten Kante des Denkmalsockels sitzend, läßt May sich von Klara fotografieren.41 Über ihm, auf dem Sockel, stehen die Schlußworte der letzten großen Volksrede Sa-go-ye-wat-has, die May nicht wenig beeindrucken: "When I am gone and my warnings
are no longer needed, the craft and the avarice of the white man will prefail. My heart fails me when I think of my people, so soon to be scattered and forgotten."42
Wie Rudolf W. Kipp feststellte, sind in unmittelbarer Nahe Sa-goye-wat-has weitere bedeutende Persönlichkeiten beigesetzt: der 1874 gestorbene 13. Präsident der USA, Millard Fillmore sowie der 1895 gestorbene Sachem Six Nations, Ely S. Parker (Do-ne-ho-geh-weh). Kipp vermutet in Ely S. Parker ein Urbild des Jungen Adlers, da in Parker "viel von dem steckt, was May an liberalem Mut und technischem Können seinem Jungen Adler mitgegeben hat."43 In Sa-go-ye-wat-ha sieht Wollschläger ein Modell für die Revision des Winnetou-Bildes.
Autobiografische Ebene I
Zu Sa-go-ye-wat-ha:
| "Am Nachmittag fuhren wir nach Buffalo, um auf dem dortigen Forest Lawn Cemetary das Grab und die Statue des berühmten Häuptlings Sa-go-ye-wat-ha zu besuchen und ihm einige Blumen mitzubringen. Ich habe eine ganz besondere Zuneigung und Hochachtung grad für diesen großen Mann, den man noch heutigentags als den 'strong and peerless orator' aller Seneca-Indianer bezeichnet. Dieser 'Gottesacker' ist schön, fast einzig schön. ... Es war ein schöner, klarer, sonnenwarmer Tag. Als wir die Blumen an dem Häuptlingsstein niedergelegt hatten, setzten wir uns auf die unterste Kante des Postamentes, auf welchem sein Standbild bis hoch in die Wipfel der umstehenden Bäume ragt. Wir sprachen von ihm, und zwar fast leise, wie man an den Gräbern derer, die man besucht, zu sprechen pflegt, wenn man an die Auferstehung und an ein anderes Leben glaubt. ... Wir hatten die Blumen nicht ... mitgebracht, sondern sie waren von her, und zwar ganz frisch geschnitten." (45f.) (Vgl. die ganze Textstelle bis 48) | |
| "'Wir waren an seinem Grab', antwortete sie (Klara), 'Gott segne Euch dafür! Ich meine nämlich, wenn Ihr ein Grab besucht, so tut Ihr das nicht aus Neugierde, sondern weil Euch das Herz dazu treibt. ..." (102) | |
| (Vgl. 119) |
Von Buffalo aus führt die Reise nach Niagara-Falls, auf die kanadische Seite der Niagarafälle. Mehrere Tage dauert der Aufenthalt, man wohnt im - wie gewohnt luxuriösem - Hotel, dem CliftonHouse, in den nebeneinanderliegenden Zimmern 250 und 252.
Klara macht wieder zahlreiche Aufnahmen: das Clifton-House im Nebel, May auf dem rundumführendem Balkon des Hotels sitzend oder auf den Steinterrassen am Wasserfall, wo auch ein Bild zusammen mit Klara - von wem auch immer - gemacht wird.46
Die Niagarafälle machen großen Eindruck auf May. Er schreibt in sein Notizbuch, das er immer bei sich führt:
"Die große gewaltige Natur stimmt mich ernst und feierlich. Das Land muß ein Tempel Gottes gewesen sein, als es noch nicht von der Kultur berührt war, die wir ihm brachten. Kinderseelen beteten hier im Geiste eines Winnetou. Von diesen Gebeten blieb nichts erhalten. Nur ahnen kann man den Inhalt, den sie hatten."47 Die Umgebung der Fälle wird erforscht, die "Flamme" besucht, eine Quelle, der brennbares Gas entströmt, das zur Touristenattraktion entzündet wird. "Man kann mit der Hand durchfahren. Sie gibt nicht allzu große Hitze. Die Quelle selbst schmeckt weder nach Rauch noch nach Schwefel."48 May hat seiner Frau wohl selbst die Sage dieser "Flamme" erzählt: "Vor etwa 200 Jahren hatten die Indianer in dieser Gegend gejagt. Einem jungen Häuptling war es gelungen, einen ganz besonders großen Elk zu erlegen. Es wurde beschlossen, dort ein Fest zu begehen und das Tier zu verspeisen. Als man ihn braten wollte, sprang ein Funke ins Wasser über, und das Wasser brannte. Die Indianer flohen, kehrten aber später zurück und erklärten den Ort für heilig."49 Und noch eine andere Sage erzählt May seiner Frau "Jedes Jahr wurde von den Indianern das schönste und reichste Mädchen besonders geschmückt. Es bestieg ein Kanu, das oberhalb der Fälle ins Wasser gebracht wurde, und fuhr damit in den Wasserfall hinein, also dem sichern Ende entgegen. Zu diesem Opfer ausersehen zu werden, war eine besondere Ehre, und selbst Bräute haben diese Ehrenpflicht erfüllt."50
Verschiedentlich werden Ausflüge unternommen, so zum Seneca-See, wo in vereinzelten Reservationen noch etwa 3000 Seneca-Indianer unter ärmlichsten Verhältnissen leben.
"Die Eindrücke sind im Buch dann auf den Kanubi-See überschrieben"51 Auch eine Reservation der Tuskarora-Indianer wird besucht, mit dem Häuptling und dessen Kindern läßt er sich im Eingang von dessen ärmlichem Rindenzelt fotografieren.52 Dieser Beweis, bei den Indianern gewesen zu sein, kann den Betrachter nur betroffen machen. So ganz anders sieht die Realität aus als die Wirklichkeit der Träume. Der Häuptling, bärtig, "unindianisch'., trägt zer-
lumpte Arbeitskleidung.
Karl May entflieht dieser unverhofften Realität, seiner wohl einzigen wirklichen Begegnung mit einem Indianer auf der Reise; der Grund für die Kürze des Besuchs ist die Desillusionierung, nicht so sehr - wie Wollschläger meint - "einer der häufigen Waldbrände"53, der den Mittagshimmel mit Hitze und Dunst erfüllt.
"Im übrigen aber umgibt sich May mit aller Distanz des Touristenluxus; ratloser von Tag zu Tag, fremd in seinem ureigensten Land, verzichtet er auf alle etwaigen Pläne, sein eigentliches Amerika noch zu bereisen und zieht sich in beschauliche Seßhaftigkeit zurück."54 Von nun an wird er auch den Reservationen ausweichen. Dagegen unternimmt er eine Dampferfahrt über den Ontario-See nach Toronto sowie - laut Klara - Ausflüge zu den übrigen Seen, "die wir indes nur flüchtig besuchten."55
Wollschläger rechnet diese Reisen zu den Seen, besonders auch einen von Klara behaupteten Besuch von Detroit und Montreal zu den "mehreren Fabeln, die Klara später um die Reise spann."56 Einen Beweis für die Unrichtigkeit dieser Angaben bleibt er aber schuldig. Dagegen spricht er wenig später von einem offenen Zeitraum ("zwischen dem 29.9., wo May noch im Clifton-House weilt,
und der Ankunft in Lawrence am 5.10."57), zu dem es keine Anhaltspunkte für Mays Aufenthalt gibt. Nun ist es zumindest nicht ganz unwahrscheinlich, daß er in dieser Zeit in Detroit, Montreal oder am Huron-See weilte, zumal es nicht einsichtig ist, weshalb Klara derartig touristische Ausflüge erfinden sollte, die keineswegs zu einer Legendenbildung beitragen können.
Anders sieht es dagegen mit ihrer Behauptung aus, May habe sie im Clifton-House zurückgelassen und sei in den Wilden Westen zu den Apatschen gereist. "Er hatte sich entschlossen, mich im Clifton-House zurückzulassen und für einige Wochen allein weiterzureisen. Wohin? Zu den Apatschen! Und wohin sonst? Mit Kummer bekenne ich, daß ich es nicht mehr genau weiß. Wohl hat er mir von dieser Weiterreise mehrfach geschrieben und auch viel erzählt, aber alles das verwob sich später mit seinen Wunschträumen, die in seinem Roman "Winnetous Erben" Ausdruck fanden, und es ging mir schließlich wie ihm selber: ich wußte Wirklichkeit und Phantasie nicht mehr genügend zu trennen."58
Nun existieren weder Briefe Mays aus dem Westen, etwa aus Colorado, New Mexico, Arizona, noch wäre eine solche Reise, für die
nur der oben genannte offene Zeitraum in Frage käme - von einigen Wochen kann also überhaupt nicht die Rede sein -, zeitlich überhaupt möglich gewesen, bedenkt man das damalige Reisetempo der Union Pacific.
Bemerkenswert an Klaras Aussage, die zur Legendenbildung, zum Glauben auch an frühere Amerika-Reisen dienen sollte, ist bei aller Unwahrheit zweierlei: zum einen, daß sie ihre Behauptung durch vorgebliche Erinnerungsschwächen relativiert - wohl um bei einer Überprüfung nicht gleich als Lügnerin bezichtigt zu werden, womöglich auch zur eigenen Gewissensberuhigung -, zum anderen, daß sie nicht den Eindruck zu erwecken sucht, sie habe diese Reise in den Westen mit ihrem Mann zusammen unternommen, so wie May es in "Winnetou IV" beschreibt. Letzteres erspart ihr unangenehme Fragen, läßt ihr aber die Möglichkeit zu wilden Spekulationen: "Ich kann es nicht beweisen, denn ich bin damals nicht dabeigewesen, aber ich möchte darauf schwören, daß El Taos heute und La Frijoles gestern Karl May bei der Schilderung der Burg Tatellah-Satahs am Mount Winnetou als Vorlage dienten."59
Ende des Monats September verschickt May von Niagara-Falls aus zahlreiche Postkarten, darunter auch von Klara aufgenommene Fotografien, nach Deutschland, um damit seine Reise als Tatsache zu dokumentieren. Darunter sind auch Hinweise auf den Roman "Winnetou IV". So heißt es dann wenig später in der "Donau-Zeitung" vom 12. Oktober 1908 im Anschluß an einen Artikel "Der Schlüssel zu Schamah" von Heinrich Wagner "Die 'Augsburger Postzeitung' teilt mit, daß Karl May mit seiner Gemahlin zurzeit in Amerika verweilt, um Vorstudien zu seinem 'Winnetou', Band IV, zu machen. Eine Ansichtskarte, die an unseren Chefredakteur gelangte, ist aus Canada mit englischer Briefmarke und trägt den Poststempel 'Niagara Falls, Ont(ario), 28. September 1908'."60
Spätestens jetzt muß May sich also entschlossen haben, einen Roman dieses Titels - der auf eine Weiterentwicklung des Winnetou-Bildes weist - zu schreiben, wahrscheinlich aber schon in Buffalo. Es ist denkbar, daß es die Eindrücke auf dem Friedhof von Buffalo und an den Niagarafällen waren, die ihn besonders motivierten. Dafür spricht die Tatsache, daß es gerade diese Erlebnisse sind, die im Roman auf der Autobiografischen Ebene I am ausführlichsten dargestellt sind und mit denen die eigentliche Reise dort erst beginnt. Beweisen läßt sich diese These schwerlich, es ist nicht auszuschließen - das Zitat aus der "Donau-Zeitung" legt es sogar nahe -, daß die Amerika-Reise überhaupt von daher motiviert war,
Vorstudien zu einem abschließenden Winnetou-Roman zu gewinnen, es also nicht allein die Fluchtmotivation war, die May nach Amerika trieb. Klarheit verschaffen würden möglicherweise die Skizzen und Aufzeichnungen Mays während der Reise, die im Besitz des Karl-May-Verlags sind, mithin also - wie seine Briefe oder die Studie über seine erste Frau Emma Pollmer und anderes eigentlich Unverzichtbare - der Forschung nicht zugänglich. Mag die Frage, wann May seinen kommenden Roman als Abschluß des Winnetou-Zyklus zu schreiben dachte - schon vor oder erst während der Reise - ungeklärt bleiben, den grundsätzlichen Gedanken jedenfalls, auch Amerika in sein philosophisches Spätwerk einzugliedern, sogar den speziellen Gedanken des Mount Winnetou faßte er bereits sehr früh. Schon 1904, im Nachwort von "Winnetou III", spricht er vom Dschebel Marah Durimeh und dem äquivalenten Mount Winnetou, zu einem Zeitpunkt also, als auch "Ardistan und Dschinnistan" noch nicht geschrieben war.61 Man kann aber davon ausgehen, daß diese Gedanken 1904 noch äußerst unspezifisch waren.
Autobiografische Ebene I
Zum Aufenthalt an den Niagarafällen:
| "Und nun waren wir bei den Niagarafällen. Wir wohnten im Clifton-House, unweit der kanadischen Mündung der Hängebrücke. Man hat von diesem Hotel aus einen geradezu unvergleichlichen Blick auf das grandiose Schauspiel der stürzenden Wassermassen. Die besten Zimmer liegen in der ersten Etage und sind den Fällen zugewendet. Sie münden alle auf eine lange, vielleicht acht Schritte breite Plattform, die ein gemeinschaftliches Säulendach überragt. Wer vom Korridor aus seinen Raum betritt, ihn quer durchschreitet und sich durch die gegenüberliegende Tür hinaus auf die Plattform begibt, der hat beide Fälle, den geraden und den hufeisenförmigen, genau in eindrucksfähigster Perspektive vor seinen Augen. ... ... freute ich mich darüber, daß, als wir kamen, grad die den Fällen nächstgelegene Ecke dieser Zimmerreihe freigeworden war, so daß wir also anstatt zwei nur einen einzigen Nachbar haben konnten. .. ...Ein jeder neu eingetretene Gast des Clifton-Hotels hat sich sofort in der am Parlour liegenden Office einzutragen. Das ist die einzige Auskunft, die man von ihm verlangt." (37) | |
| "Unsere Wohnung bestand aus drei Räumen, die, wie bereits gesagt, eine Ecke ausfüllten. Das Zimmer meiner Frau lag nach dem Hufeisenfall, war größer als das meinige, hatte aber keinen Balkon. Das |
| meinige hatte die Aussicht nach dem Vereinigten-Staaten-Katarakt, war kleiner, öffnete sich dafür aber nach der großen Plattform, auf der ich mich so häuslich einrichten konnte, wie es mir nur immer beliebte. Zwischen diesen beiden Zimmern lag der Garderobe- und Toilettenraum, der sie in amerikanisch praktischer Weise vereinigte." (38) | |
| "Wir waren am Nachmittag angekommen und machten gleich noch an diesem Tag die zwei bekannten Fahrten, welche jeder Besucher der Niagarafälle unbedingt gemacht haben muß. Es ist das eine Bahn- und eine Dampfbootfahrt. Das Gleis der Bahn geht hart am kanadischen Ufer des Niagara hinab und dann drüben am Vereinigten-Staaten-Ufer wieder herauf. Tief, tief unten kocht und brodelt der Strom; die Felsen steigen vollständig senkrecht in die Höhe, und die Schienen der Bahn liegen oft höchstens zwei Meter von der Kante des Abgrundes entfernt. An diesem letzteren rast man mit der Schnelligkeit des Fluges dahin, und man hat, da man nur den geöffneten Schlund und das jenseitige Ufer sieht, vom Anfang bis zum Ende dieser Fahrt das Gefühl, als ob man direkt in die Luft hinausfahre, um dann in die Tiefe hinabzuschmettern. Die Bootsfahrt macht man auf der wohlbekannten und beliebten Maid of the mist, welche kühn bis in die nächste Nähe der Fälle steuert und am geeigneten Ort diejenigen Touristen landet, welche daheim von sich rühmen wollen, daß sie sogar 'hinter dem Wasser' gewesen seien." (39) | |
| "Wir befanden uns genau in derselben Lage, wie die Besucher des Niagarafalles, die sich hinter die herniederschmetternde Wogenwand bringen lassen, um dann später davon erzählen zu können." (330) | |
| "Später aßen wir bei den Klängen eines ausgezeichnet spielenden doppelten Streichquartetts das Abendbrot in dem großen, im Parterre des Hotels liegenden Speisesaal und zogen uns dann in unsere Wohnung oder, richtiger gesagt, auf meinen freien Altan zurück, welcher uns den unbeschreiblichen Genuß gewährte, die Fälle von dem geheimnisvollsten Schimmer des Mondes besucht und verklärt zu sehen." (39) | |
| "... Tisch, der draußen in unserer Ecke stand. Ich hatte mir ihn hinstellen lassen, um daran schreiben zu können." (40) | |
| "Du weißt doch, daß der (May) täglich bis Punkt Mitternacht unten im Lesezimmer sitzt und dann noch bis ein Uhr hier oben in seiner Stube liest." (41) | |
| "Morgen früh nach Toronto und erst übermorgen zurück." (41) | |
| "Dieses erste Frühstück war splendid im höchsten Grade: Kaffee, Tee, Kakao, Schokolade, eine Menge Fleisch- und Eierspeisen, Trauben, Ananas, Melonen und andere Früchte, so viel man wollte. Bedient wurden wir von unserm Zimmerkellner." (42) |
| "Es gibt im Clifton-House nur Einzeltische, keine große gemeinschaftliche Tafel. Am besten sitzt und speist es sich in einer langen, an den großen Saal stoßenden Veranda, die so schmal ist, daß da nur zwei Reihen von Tischen Platz finden. Es gibt von da aus eine prächtige Aussicht nach den Fällen. Wir hatten uns einen dieser Tische gewählt und beschlossen, ihn für uns zu belegen." (42) | |
| "Im Clifton-House wird nach jeder Mahlzeit, die man einnimmt, das Trinkgeld sofort bezahlt." (44) | |
| "... dann machten wir einen kurzen Spaziergang längs des Stromes, um uns auf einer der am Ufer stehenden Bänke niederzulassen." (58) |
| "Die beiden Fälle lagen wie ein Märchenwunder vor unsern Augen, und ihr Brausen drang wie die Stimme eines ewigen Gesetzes zu uns herüber..." (50) | |
| (vgl. Gesamttext Niagara-Aufenthalt 37-66) |
Eine nach Wollschläger mögliche Spiegelung des Seneca-Sees könnte der Kanubi-See sein. (Vgl. 101, 102)
Auf den offenen Zeitraum vom 29.9. bis 5 10. wurde bereits hingewiesen. Fest steht heute nur, daß Mays am 5.10. in Lawrence (Mass.) eingetroffen sind, um hier einen Schulfreund Karl Mays aus Hohenstein-Ernstthal, den 1859 in die USA eingewanderten Carl Ludwig Ferdinand Pfefferkorn (1841-1916) zu besuchen, der bereits 1895 zusammen mit seiner Frau das Ehepaar May und Emma Pollmer in Oberlößnitz besucht hatte, bei welcher Gelegenheit dann im Hause May - damals die Villa "Agnes" in der Nizzastraße62 - spiritistische Sitzungen abgehalten wurden, zweifellos auf Initiative der Pfefferkorns.
Pfefferkorn hatte sich in Lawrence zunächst als Barbier niedergelassen. Nebenbei betätigte er sich vermutlich auch als Homöopath, ab 1883 jedenfalls ließ er sich dann im Adreßbuch als "physician" eintragen. Pfefferkorn gilt als das Vorbild für den Dicken Jemmy.63
In Lawrence ist man stolz auf den berühmten Gast. Ihm zu Ehren wird am Haus des Gastgebers - Mays wohnen bei Pfefferkorns - das Sternenbanner geflaggt und im deutschen Lokalblatt erscheint ein Willkommensgruß des "Lawrencer Deutschthums für den berühmten Schriftsteller Herrn Dr. Karl May".64
Nach Informationen Maschkes, die er aus Lawrence erhielt, soll dieser Artikel allerdings "in Zusammenarbeit Karl May's mit
Pfefferkorn"65 entstanden sein. Das ist nicht zu widerlegen, sehr wahrscheinlich ist es aber auch nicht. Im Artikel wird von einem lnterview des Lokalredakteurs mit dem "seltenen Gast" gesprochen. Ein solches Interview halte ich für eher denkbar, auch, daß es von Pfefferkorn initiiert wurde.
Eine Fingierung des Artikels ist kaum denkbar, denn der späte May hätte sich wohl nicht mehr hergegeben für Wendungen wie die von dem "Mann, dessen Namen nicht nur in Deutschland mit Verehrung ausgesprochen wird, sondern in der ganzen zivilisierten Welt"66. May muß sich aber in dem Interview fälschlicherweise als Doktor bezeichnet haben, das zu einer Zeit, als ihm schon seit Jahren die Führung dieses Titels in Deutschland untersagt worden war. "Das Diplom hatte sich May von einer obskuren Institution in den USA beschafft."67
Im gleichen Artikel wird auch bereits auf den späteren Vortrag über die "Drei Menschheitsfragen" hingewiesen: "Obgleich er hier zur Erholung weilt, so konnte er doch nicht umhin, den Bitten des gesammten Deutschthums nachzugeben und versprach, am Sonntag in acht Tagen einen Vortrag über das interessante und tiefgreifende Thema zu geben 'Drei Menschheitsfragen: Wo kommen wir her? Wo sind wir? Wo gehen wir hin?'"68 Tatsächlich geht der Vortrag dann über die Fragen "Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?". Entweder handelt es sich um ein Mißverständnis des interviewenden Redakteurs (die unbeholfene Ausdrucksweise deutet darauf hin) oder May hat später die Fragen noch umformuliert. Der Vortrag geht zurück auf die Initiative Pfefferkorns, nicht etwa auf die "Bitten des gesammten Deutschthums".
Doch noch ist es nicht soweit.
Pfefferkorn genießt in Lawrence Ansehen und Reichtum. Er lebt "wie ein kleiner Fürst"69, hat Diener, besitzt Haus und Garten, Pferde und sogar ein Automobil70, mit dem die Paare May und Pfefferkorn nun mehrere gemeinsame Ausflüge in die nähere Umgebung unternehmen. So zum Canobie Lake, hinter der Staatsgrenze in New Hampshire gelegen, der dann wohl nicht nur den Namen für den Kanubi-See in "Winnetou IV" hergibt oder zum Den Rock, einer Indianer-Nugget-Fund-Höhle, ebenfalls in New Hampshire71, die ansatzweise im Haus des Todes wiederkehrt. Eine andere Autotour geht nach Manchester und von dort aus weiter zu einer der berühmten Devils pulpits, die dann im Roman eine ganz besondere Rolle spielen werden. Wie schon in der
Tuskarora-Reservation ist auch hier "die Landschaft ... dicht vom Hauch verhängt: Waldbrände soweit das Auge reicht."72
Auch ans Meer wird gefahren, zur Salisbury Beach. Mehrere Fotografien dokumentieren das Dagewesensein und wirken nicht wenig belächelnswert: einmal sind alle vier in einem Ruderboot zu sehen, unternehmungslustig, die beiden Männer verwegen ins Objektiv starrend, May ein Ruder wie eine Lanze in der Hand haltend - das Boot aber liegt auf dem Trockenen.73
"Die Attitüden abenteuerlichen Reisens verrunzeln sich zu ironischen Chiffren."74
Autobiografische Ebene I
Zum Canobie Lake (Kanubi-See):
| "... liegt im Staate Massachusetts. Ich bin von Lawrence aus dort gewesen. Dieser letztgenannte Kanubisee spielt in der Vergangenheit einiger Indianerstämme, besonders der Seneca, eine sehr wichtige Rolle. Seine im Sonnenschein funkelnden Wasser, seine weit und schön ausgebuchteten, mit sattem Grün geschmückten Inseln und Ufer waren so recht geeignet, der friedlichen Entwicklung des Stammeslebens als Unterlage zu dienen. Ich konnte mich von dem Anblick dieses Sees kaum trennen." (101) | |
| "Der Nachmittag führte uns immerwährend bergan, bis wir eine Höhe erreichten, von welcher aus wir über eine weite, unter uns liegende, sich nach Westen dehnende Hochebene blickten. Die Sonne war im Sinken. In ihrem Strahl leuchtete aus der Mitte der Ebene ein großer funkelnder Diamant herauf zu uns, der rundum von einem weiten Kranz grüner Smaragde eingefaßt schien, deren Konturen flimmerten und glühten." (102) | |
| "Rechts von uns lagen die Überreste der einstigen Senecahäuser, von dem ersten Gruß der Sonne überflutet. Vor uns die vom leisen Morgenhauch bewegte, durchsichtig grünblaue Wasserfläche, deren reich eingebuchtete Ufer sich wie Kulissen aus- und ineinander schoben, von üppigem Grün bewachsen, dessen Blätter wie eingetaucht in flüssiges Metall erschienen. (111f.) | |
| "... dieser Kanubisee war schön, sehr schön, aber seine Wasser hatten für uns keinen frohen, sondern einen mehr als elegischen Schimmer, und so blieb er in unserer Erinnerung nur als der Ort einer kurzen Rast ..." (121) | |
| (Vgl. Gesamttext Kanubi-See-Aufenthalt 100-121) |
Zum Den Rock (Haus des Todes):
| "... da sahen wir plötzlich eine hohe, fast vollständig nackte Schutthalde vor uns liegen, die aber nicht aus gewöhnlichem, kleinem Schutt, sondern aus großen Felsstücken bestand, welche den Anschein hatten, als ob vor vielen Jahrhunderten hier ein ge- |
| waltiger Bergsturz stattgefunden habe." (245) | |
| (Vgl. 245-249 |
Zur Devils pulpit:
| "'Teufelskanzeln' gibt es in diesem Land ebenso viele, wie es drüben bei uns in Deutschland Orte mit dem Namen Breitenbach, Ebersbach oder Langenberg gibt." (56) | |
| (Vgl. Gesamttext Teufelskanzel I-Aufenthalt 123-158) |
Besonderen Eindruck macht ein Besuch in Andover, wo Harriet 8eecher-Stowe, die Autorin von "Uncle Tom's cabin", bis zu ihrem Tod im Jahr 1894 lebte.
Das Haus, in dem sie wohnte, ist zum Teil ein Gasthaus, Phillips Inn. "Wir verlebten in ihrem Heim in Andover schöne Stunden."75 May empfindet ein Gefühl der Verwandtschaft mit dieser Frau, obgleich er selbst sich nie näher mit dem Problem der amerikanischen Neger auseinandersetzte und die Darstellung des Negers in seinen Reiseerzählungen auch nicht immer frei von Vorurteilen war.76 Noch in "Winnetou IV" kommen diese Vorurteile in der Figur "Nigger" durch.
Auf dem Friedhof von Andover, am Grab Beecher-Stowes, hält May sich lange auf.
"Auf ihrem stillen, von leiser Poesie umwobenen Grab saßen wir lange. Karl May sprach mit Begeisterung von der Frau, die er höher bewertete als viele mehr oder weniger schimmernden Sterne am literarischen Himmel.
| 'Diese Frau', so sagte er, 'war eine Erlöserin, eine Gottgesandte; ihr gebührt der Dank der ganzen Welt. Die Form, in die sie ihre Gedanken goß, stand nicht künstlerisch hoch, doch darauf kommt es nicht an: der kostbare Inhalt, das edle Wollen ist die Hauptsache und der unendliche Segen, der daraus erwächst... Sie erreichte, was ein ernst ringender Mensch zu erreichen vermag: Verbesserung, Veredelung. Sie hatte den Blick auf ein hohes Ziel gerichtet und es unentwegt verfolgt. Tausende segnen ihr Andenken.' |
Mein Mann war tief bewegt und schwieg. Er nahm sein Notizbuch zur Hand und begann zu schreiben. Ich ließ ihn allein und gab mich still dem Zauber des Ortes hin, während Karl May emsig arbeitend auf dem Hügel saß und von Zeit zu Zeit in die Weite blickte. Ich hoffte, einen ganzen Roman zu hören, aber nichts von dem! Er stand auf, faltete das Geschriebene zusammen und steckte es in den Efeu, der den Hügel dicht überspann, nahm ein Blatt davon und legte es in sein Buch, dann nickte er mir
freundlich zu, und still gingen wir von dannen. Am nächsten Morgen fragte ich ihn, was er am Grab geschrieben habe. Er entgegnete:'Ich sprach im Gedicht mit ihr. Was ich schrieb, war nur für sie .'"77 78
Folgt man Wollschläger, so beschäftigt sich May erst in Lawrence mit "ersten flüchtigen Planungen des neuen Buches"79.
Dagegen spricht die Ankündigung eines Romans "Winnetou", Bd.IV, in Mays Mitteilung vom 28. September (s.o.) und die Tatsache, daß die den Roman und dessen Gedankengänge bestimmenden Erlebnisse - Buffalo mit dem Grabmal Sa-go-ye-wat-has, die Niagarafälle, die Tuskarora-Reservation - bereits hinter ihm liegen. Aber wenn es auch nicht wahrscheinlich ist, daß erste Überlegungen erst in Lawrence stattfinden, so setzen sich doch die frühen Gedankensplitter erst hier zu einem Gedankengebäude zusammen, das schließlich gipfelt in der Theorie einer germanisch-indianischen Rasse. Auf diese Theorie wird im Hauptteil dieser Arbeit noch eingegangen.
Wenige Tage vor seinem Vortrag erreichen May beunruhigende Nachrichten aus Deutschland: Lebius verstärkt die Angriffe gegen ihn.80
"May telegrafiert in alter Atemlosigkeit, am 16.10. etwa ans Königliche Kammergericht und die Anwälte Bahn und Bertram in Berlin; - seine Ruhe ist dahin."81
Am 18.10., Sonntagabends, hält Karl May in der überfüllten Turnhalle von Lawrence seinen Vortrag über das Thema "Drei Menschheitsfragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?". Die Veranstaltung, von Pfefferkorn arrangiert, sorgt für ein derartiges Aufsehen, daß die Halle nicht alle Besucher fassen kann. Die Menschenansammlung "war so arg, daß die Straßenbahn nicht weiterkonnte."82
Die fünf Gesangvereine der Stadt haben sich zu einem Massenchor zusammengeschlossen und singen vor dem Vortrag "Das ist der Tag des Herrn", in der Pause - der Vortrag besteht aus zwei Teilen - ein weiteres Lied. Der Councilman (Stadtrat) der Stadt, Hermann Grundwald83, stellt den Redner "in passenden Worten"84 vor und überreicht May nach dem Vortrag "eine hübsche goldene Turnernadel, worauf dieser in gefühlvoller Weise"85 dankt.
Über den Inhalt des Vortrags gibt es nur relativ nebulöse lnformationen, die auf Artikel der beiden deutschen Zeitungen von Lawrence basieren.86 Manuskriptfragmente Mays zum Vortrag sind im Archiv des Karl-May-Verlags der Forschung unzugänglich gemacht. Man wird sich vorerst also mit den genannten "trüben Quellen"87 begnügen müssen.
Im ersten Teil des Vortrags, den Wollschläger analog den "Geographischen Predigten" als "Historische Predigt"88 bezeichnet, sucht May die drei Fragen für den Menschen, im zweiten Teil für den Deutschen zu beantworten.
In der Einleitung erklärt er, "daß es sein ganzes Lebenswerk sei, für den Gedanken der wahren Humanität zu arbeiten und diese drei hochwichtigen Menschheitsfragen aufzuwerfen und zu beantworten."89 Im Mittelpunkt des Vortrags steht dann das berühmte Droschkengleichnis, das Mays Menschenbild am sinnfälligsten vorstellt. Die drei Fragen beantwortet May seiner Altersphilosophie entsprechend: "1) Ein werdender Geist, der umso menschlicher denkt und handelt, je mehr er sich der göttlichen Liebe wieder nähert; 2) Von Gott; 3) Zu Gott zurück."90
Mays halten sich noch einige Wochen in Lawrence auf, doch "praktisch ist die Reise zu Ende. Was May in Lawrence noch erlebt, ist ein transformiertes Radebeul: häusliche Gemütlichkeit bei Pfefferkorns, müde Erinnerungen, Gespräche, Spiritismen."91
Mitte November verabschiedet man sich von Pfefferkorns und Lawrence. Mit der Bahn geht es über Boston die Ostküste entlang, wo May - laut Klara - noch in mehreren deutschen Klubs spricht.
In New York begibt man sich an Bord des Bremer Dampfers "Kronprinzessin Cecilie", Cabine No.258, um zunächst nach England zu reisen.92 Für diese Rückreise gibt es wieder eine nicht sehr glaubhafte Legende Klaras, die aber zitierenswert ist, weil sie den alten May in die Nähe des listenreichen Odysseus rückt: "Es war auf dem Dampfer 'Kronprinzessin Cecilie', als wir einen Seegang hatten, der die Wellen bis zu vier Stock Höhe trieb. Die eisernen Luken mußten geschlossen werden, und alle Fahrgäste zogen sich bescheiden und kleinlaut unter Deck zurück. Nicht so Karl May. Je toller der Seegang wurde, desto lieber war es ihm,
und als das Wüten der Naturgewalten gar zu arg wurde, ließ er sich und seinen Stuhl anbinden und blieb dennoch an Deck; die durchnäßten Kleider störten ihn nicht."93
Über Mays Aufenthalt in England ist wenig bekannt. Fotografien scheinen nicht zu existieren.94
Etwa 14 Tage bleibt man in England, hält sich fast ausschließlich in London auf, besucht einige wenige andere größere Städte, so Manchester.
Ein letztes Mal auf dieser Reise schreibt May Postkartengrüße nach Deutschland und Osterreich, bevor er in der ersten Dezemberwoche zusammen mit seiner Frau wieder in Radebeul eintrifft. Das Gedankengerüst für "Winnetou IV" steht jetzt fest:
"Bin wieder daheim. Habe Stoff zu 'Winnetou', Band IV mitgebracht. Sein wirkliches Testament gefunden. Es wird hochinteressant!"95
Von einer Handlungsebene im engeren Sinn, d.h. einer Darstellung äußerer Geschehensabläufe, deren Bedeutung vornehmlich in ihrer Spannungswirkung liegt, läßt sich bei "Winnetou IV" nur sehr bedingt sprechen. Die Reduzierung des Werkes - primär des ersten Teils - auf eine übliche spannend-unterhaltsame Abenteuer-Erzählung, in der Weise, wie man es von Mays früheren Reiseerzählungen gewohnt ist, ist nur einem Leser möglich, dem es an detaillierten Kenntnissen über die Biografie Karl Mays fehlt. Ein solcher Leser mag dann "Winnetou IV" zunächst tatsächlich als Fortsetzung und Abschluß der Romane "Winnetou", "Old Surehand" und "Satan und Ischariot" verstehen, wozu May ihn ja auch auffordert, durch den Titel und explizit: "Wer sie ("Winnetou" und "Old Surehand") noch nicht gelesen hat, den muß ich bitten, dies nachzuholen, um den vorliegenden Band, der zu gleicher Zeit auch der vierte Band von 'Old Surehand' und 'Satan und Ischariot' ist, verstehen zu können." (13f.)
Inhaltlich ist diese Kontinuität nicht zwingend, auch nicht dadurch, daß in "Winnetou IV" altbekannte Figuren wie Old Surehand, Apanatschka u.a. auftreten. Mays Kontinuitätsbehauptung ist der nachträgliche Versuch, auch den früheren Amerika-Romanen einen Platz in seinem späten literarischen und philosophischen Weltbild einzuräumen, ist ein Überhöhungsversuch, dem diese Werke bei näherem Besehen nicht standhalten können.
Diesen Gedanken wird sich ein abenteuergewohnter und abenteuererwartender Leser aber sicher nicht aussetzen, er wird sich an die nach außen hin bunte Erlebnishandlung halten, philosophische Reflexionen in der ersten Hälfte des Romans kopfschüttelnd überspringen und wohl erst bei Einsetzen der Mount Winnetou-Geschehnisse, der eklatanten Zuspitzung auf Mays Weltanschauung, das Buch verunsichert beiseite legen.
Denn in "Winnetou IV" gibt es - neben einer Entwicklung von der Statik zur Katastrophe - eine von der Realität zur Irrealität, von der autobiografischen Wirklichkeit der häuslichen Verhältnisse Mays in Radebeul auf den ersten Seiten und danach der seiner Reise bis hin zur Traumkulisse des Mount Winnetou, wo innere Wahrheiten in irrealen gleichnishaften Bildern dargestellt werden, Seelenlandschaften gleichsam.
Die langsame Entwicklung seiner Gedankenwelt, die es dem Leser gestattet, "Winnetou IV" zunächst als üblichen Abenteuerroman zu lesen, ist von May konzipiert, um den Leser durch Handlung zu verführen und dann hinzuführen zu seinem eigentlichen Anliegen.
Während er "Ardistan und Dschinnistan" von Anfang an in einer Traum- und Märchen-, einer Gleichnislandschaft ansiedeln konnte, mit orientalischer Einfärbung - denn vorher waren ja bereits die beiden letzten "Silberlöwen"-Bände erschienen, der Orient mithin bereits weitestgehend im May'schen Sinn mythologisiert und die Leseerwartungen korrigiert - war die ebensolche Mythologisierung des Westens - bei den üblichen Wild-West-Assoziationen, an deren Entstehen May selbst erheblichen Anteil hat, ohnehin schwieriger als beim seit je märchenhaften Morgenland - bis jetzt ausgeblieben. So galt es, in einem Roman die Verbindung zu schaffen von der letzten, noch fast ausschließlich handlungsbezogenen Amerikaerzählung "Weihnacht", die bereits gut zwölf Jahre zurücklag, bis zu den Geschehnissen am Mount Winnetou, die Gleichnisse sind. Daß dieses Unternehmen zu formalen Schwächen im Werk führen mußte, ist verständlich.
In "Winnetou IV" wird also ein Erziehungsprozeß angeboten. Aus dieser Absicht - die May vermutlich erst später entwickelte - folgt die nach außen hin relativ bunte Abenteuerhandlung zu Anfang.
Gibt es also doch eine eindeutige Handlungsebene, die Aktion zum Selbstzweck gibt, wenn auch nicht durchgängig? Indirekt ist diese Frage bereits beantwortet. Im Blick auf einen unerfahrenen Leser gibt es sie, und im Blick auf diesen hat May sie abenteuerlich gehalten. Doch hat es mit dieser Ebene auch eine ganz besondere Bewandnis, denn sie ist weitgehend identisch mit den autobiografischen Ebenen, dergestalt, daß sie bei einer Betrachtung der letzteren fast zur Gänze verschwindet, von der Handlungsdarstellung zum Lebensabbild wird.
Bei der vorangestellten Darstellung der Autobiografischen Ebene I in der Beschränkung auf die Amerika-Reise fällt auf, daß die meisten Zitate aus den ersten 70 Seiten des Romans stammen. Bis dahin handelt es sich um eine relativ kontinuierliche Be-
schreibung der Reise, explizit des Niagara- und Buffalo-Aufenthalts. Diese auf realen Erlebnissen des Autors beruhenden Beschreibungen können je nach Disposition des Lesers als einfache Handlungsebene oder als autobiografische Ebene verstanden werden, beides hat Berechtigung, nur das Augenmerk richtet sich auf anderes. Jede Darstellung einer Reise ist auch Handlungsbeschreibung, dabei ist es irrelevant, ob es sich um eine reale oder eine fiktive Reise handelt.
Nach dem Abbruch der kontinuierlichen Reisebeschreibung finden sich im wesentlichen nur noch Anklänge, etwa beim Passiflorenraum oder dem Haus des Todes. Doch bricht mit der Reisebeschreibung nicht auch die Autobiografische Ebene I ab. Deren Weiterführung wird schon durch die Figur Klara gewährleistet, von der wir so manches erfahren, durch sie auch einiges über May, das Zusammenleben der beiden u.ä. Dabei handelt es sich natürlich immer um Mitteilungen aus der Subjektivität Karl Mays.
Auffällig ist nebenbei, daß gerade die Stellen, wo Klara in den Vordergrund tritt, in eine Komik geraten, die zum Ernst des sonstigen Geschehens kontrastiert. Nicht jede Szene mit Klara ist komisch oder doch humorvoll, aber in jeder komischen oder humorvollen Szene hat Klara ihre Hauptrolle, fast jede Aussage Mays zu seiner Frau ist voll Humor. Dieses Phänomen sollte einmal psychoanalytisch untersucht werden, ein gutes Textbeispiel wäre der vermeintliche Ehebruch Klaras und Pappermanns Eifersucht.(238-245)
Wo genau nun bricht die kontinuierliche Reisebeschreibung auf der Autobiografischen Ebene I ab? Bei der Erstnennung des Namens Pappermann. Und hier, nirgends sonst, beginnt dann auch die Autobiografische Ebene II, die verschlüsselte Biografie des Karl May.
Man kann fragen, warum May überhaupt danach strebte, in seinem Spätwerk seine Biografie verschlüsselt darzustellen. Sicher nicht, um seinen Lesern die Möglichkeit zu geben, sein Leben kennenzulernen. Es wird auch damals schon nur wenige gegeben haben, die einen dieser letzten Romane als Schlüsselwerk auffaßten; wenigere noch werden den Schlüssel gehabt haben, der eben bereits in der Kenntnis der May'schen Biografie liegt. Alle diese Romane liegen zeitlich vor der Selbstbiografie "Mein Leben und Streben", der offenen Lebensbeichte
und alle diese Romane sind Schritte dorthin, Schritte zum offenen Bekenntnis also, das ihm zuvor - so scheint es - nicht möglich war.
"Winnetou IV" kann - wie auch die anderen Altersromane - als ganz persönliche Selbsthinterfragung Mays gesehen werden, als Selbstbekenntnis, das ihm notwendig wurde, als sein ganzes Dasein in der Verzerrung und Verzeichnung von seinen Gegnern an die Öffentlichkeit gezogen wurde. Mit all seinen frühen Verfehlungen, die er in den Jahren des größten Erfolgs, bis 1900, hinter sich gelassen zu haben glaubte, mußte er sich nun erneut innerlich auseinandersetzen. Alte Schuld wurde ihm von außen wieder bewußt gemacht und er sah nun als einzige Möglichkeit der Befreiung das Niederschreiben, er betrieb nun gleichsam Selbsttherapie, suchte auch immer wieder nach neuen Entschuldigungen seiner selbst. Seine Vergangenheit offen niederzuschreiben, für jeden sichtbar, das konnte er nicht wagen, hätte er doch damit seinen Gegnern nur neues Material gegen ihn geliefert. Aus dem Konflikt, auf der einen Seite schreiben zu müssen, um sich innerlich zu rechtfertigen und sich über sich klarzuwerden, und auf der anderen Seite sich schützen zu müssen, fand er den Kompromiß der verschlüsselten Selbstdarstellung.
Diese gilt es nun weitestgehend zu entschlüsseln. Legitimation dafür ist das Bestreben, ein literarisches Kunstwerk - und ein solches ist "Winnetou IV" - in all seinen Dimensionen offenbar zu machen. Es handelt sich also hier in der Regel nicht um den Versuch, vom Text ausgehend die Biografie Karl Mays zu erschliessen, vielmehr bildet das Wissen um diese Biografie die Folie für die Interpretation der Autobiografischen Ebene II, an der es sich zu beweisen hat. Endgültige und sichere Ergebnisse sind nicht zu erwarten, da es unmöglich ist, sich in die ureigene Psyche Mays zu versetzen. Es ist auch nicht möglich, zu entscheiden, welche Verschlüsselungen von May bewußt vorgenommen wurden und welche unbewußt einflossen.
Wahrscheinlich wird eine These nur dadurch, daß sie sich durch mehr als einen Beleg stützen läßt, durch deren Zusammensicht ein sinnvolles Gesamtbild entsteht.
Die Autobiografische Ebene II beginnt mit der Ersterwähnung Max Pappermanns, zu Beginn der Trinidad-Episode.
Obwohl der Westmann Pappermann eine ganz neue Figur im May'schen Ouevre ist, wird er als "alter, guter Bekannter" (62) eingeführt, mit dem Shatterhand "einige Male", wenn auch "für nur kurze Zeit zusammengetroffen war" (62). Auch mit Winnetou ist Pappermann schon zusammen gewesen: "Ich hatte ... im Verein mit Winnetou Gelegenheit gefunden, ihm bei einem Überfall durch die Sioux helfend beizustehen." (62) "Er war einer von den Westmännern, die ich wirklich und herzlich liebgewonnen hatte." (62)
All das verwundert zunächst bei einer völlig neuen Figur. Und wirklich ist der Name Pappermann auch gar nicht neu, sondern taucht bereits in der ganz frühen Humoreske "Auf den Nußbäumen" (1876) und in dem Schwank "Husarenstreiche" (1878) auf. Es handelt sich hier allerdings nur um eine Namensgleichheit.
Tatsache ist, daß May durch die Wiederverwendung des Namens Pappermann - immerhin 30 Jahre später - auf seine ersten schriftstellerischen Versuche zurückweist und zwar ganz bewußt, wie man bei der großen Zeitdifferenz der Verwendung annehmen muß. Es ist unwahrscheinlich, daß May über Jahrzehnte diesen Namen mit sich trug, ohne ihn zu benutzen, um es dann gerade in "Winnetou IV" zu tun.
Es handelt sich also wirklich um einen alten, guten bekannten - Namen. Es ist bekannt, daß May im Spätwerk Namen mit besonderer Sorgfalt wählte, sei es, daß ein Name das Prinzip nennt, für das eine Figur steht (Merhameh = Barmherzigkeit ; Schakara = Güte ; Tifl = Kind etc.), sei es, daß ein Name biografischen Hintergrund hat. Unterstellen wir dem Namen Pappermann keine andere Bedeutung als den Hinweis auf die Anfänge Karl Mays (die Deutung Pappermann = Paper-man = Papiermann = Schriftsteller oder Redakteur kann angesichts der frühen Verwendung des Namens, zu einer Zeit, als Mays Namen noch relativ bedeutungslos waren, fallengelassen werden) und betrachten den Vornamen Max. Pappermann kann kein "x" aussprechen, verballhornt seinen Namen daher ständig zu "Maksch" und ist hierüber "tief, tief unglücklich" (62). Dennoch gibt er ihn "bei jeder Gelegenheit zu hören" (62), handelt also zwanghaft, vom Unterbewußten bestimmt. Ekkehard Koch "Was 'verdrängt' dieser Laut? Vielleicht gar kein 'x' sondern - ein 'y'?"96
Mays Eitelkeit ließ ihn immer wieder seinen Namen heraushebend nennen, auch und gerade in seinen Werken, hier im Bestreben, den Eindruck der Identität mit seinem Protagonisten zu erwecken, bis hin zu "Winnetou IV", wo er gleich zu Anfang einen Brief des Schoschonen-Häuptlings Wagare-Tey erhält, der an "May. Radebeul. Germany." adressiert ist und der beginnt mit der Anrede "An Old Shatterhand," (8) Seine Eitelkeit wird May als Charakterfehler empfunden haben, als anima-haft; hier liegt ein Grund für Shatterhands und Kara Ben Nemsis häufiges Inkognito-Auftreten: es soll diesen Fehler sublimieren, Übergehung soll durch - scheinbare - Bescheidenheit, Erniedrigung aufgewogen werden. So noch in "Winnetou IV", wo May-Shatterhand lange unter dem Namen "Burton" reist.
May litt im Alter aber auch - wie Pappermann - unter seinem Namen, genauer: darunter, May zu sein, denn der Name ist Ausdruck der Identität eines Menschen.(nebenbei: von den meisten Menschen bleibt nur der Name auf dem Grabstein)
"Karl May, Karl May, immer wieder Karl May und nur und nur Karl May! Wo sieht und liest man jemals einen andern Namen, als nur diesen einen?"97 So schreibt May in seiner Selbstbiografie, im Zusammenhang mit den Vorwürfen, Schundautor zu sein. "Tief, tief unglücklich" (62) muß er sich in solchen Momenten gefühlt haben, Karl May zu heißen, Karl May zu sein. "Ja, wenn ich anders hieße!" (98), sagt Pappermann, dachte sicher auch May des öfteren.
Ist Pappermann also eine Selbstspiegelung Karl Mays? Beschränkt auf den Menschen Karl May, wie Ekkehard Koch annimmt? Oder sogar beschränkt auf den frühen Menschen May, wie es die Wiederverwendung des alten Namens nahelegt? Diese Fragen lassen sich am ehesten bei der Interpretation der Aschta-Episode klären, in der der entscheidende Lebensabschnitt Pappermanns erzählt wird.
In der Trinidad-Episode wird Pappermann nicht viel mehr als vorgestellt, Doch gibt es auch hier schon einige Hinweise für die Richtigkeit der These, daß Pappermann eine May-Spiegelung ist. Sie seien vorwegnehmend genannt.
Es hat den Anschein, daß Trinidad der Ursprungsort Pappermanns ist. Beim Namen Trinidad - das allerdings tatsächlich im Bundesstaat Colorado existiert - mag man an die Ernstthaler Kirche St. Trinitatis denken, in deren unmittelbarer Nähe May seit 1845 aufwuchs; bedenkt man, daß May bis zum 4. Lebensjahr blind war, wird diese Kirche zum Erstgesehenem überhaupt gehören. Hier wurde er auch am 26.2.1842 getauft.
Diese Deutung Trinidads als Ernstthal ist noch mehr als spekulativ, sie ist geradezu abenteuerlich, vor allem, wenn man bedenkt, daß es sich bei Trinidad um einen real geografisch bestimmbaren Ort handelt. Die These läßt sich nur durch weitere Indizien aufrechterhalten.
May spricht davon, daß "Trinidad die Hauptstadt der Grafschaft Las Animas im nordamerikanischen Staat Colorado ist" (62). Nun gab es aber in Colorado nie eine Grafschaft Las Animas, sondern nur eine Stadt dieses Namens. Ernstthal dagegen gehörte bis 1898 zu der Grafschaft Schönburg-Hinterglauchau. Der Name "Las Animas" verweist auf die Anima-Vorstellung Karl Mays. Vom niedrigen Anima- d.h. Triebmenschen soll sich der Mensch zum Edelmenschen entwickeln. Ausgesprochener Triebmensch ist aber das Kleinkind und so schließt sich der Kreis: Trinidad kann als Spiegelung der Geburtsstadt Karl Mays, Ernstthal, aufgefaßt werden. Ein weiterer Beleg für diese Gleichung ist die Beschreibung von Hotel und Garten, vor allem der Garten erinnert an den zum Selbmann-Haus gehörenden Gartenfleck, den May in der Selbstbiografie beschreibt.98
Daß Pappermann in Trinidad-Ernstthal zum ersten Mal auftritt, also gewissermaßen geboren wird, spricht dafür, daß er für den Menschen May steht.
Shatterhand, der Trinidad von Besuchen bei Pappermann kennt, antwortet trotzdem auf die Frage, ob er "schon einmal da oben in Trinidad gewesen" (63) sei, "ausweichend" (63). Schämt May sich seiner Herkunft? Da Shatterhand - wie noch zu zeigen ist - für den Schriftsteller May steht, paßt auch seine Kenntnis Trinidads ins Bild: erste Texte schrieb May in Ernstthal, u.a. "Die Rose von Ernstthal" (1880).
Wenn Trinidad Ernstthal ist, so ist es auf der weltanschaulichen, der abstrakten Ebene gleichzeitig auch Ardistan, schreibt May in seiner Biografie doch: "Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren."99
Es wurde bereits gesagt, daß Pappermann in Trinidad keine handelnde Figur ist. Setzen wir voraus, daß er den Menschen May meint, dann ist es der frühe Mensch, der seine ursprüngliche Aufgabe (Pappermanns Hotel) verloren hat, nämlich die, Lehrer zu sein, ohne bereits wieder eine neue Aufgabe gefunden zu haben. Pappermann bereut, das Hotel verkauft zu haben, so wie May bereute, durch seine kriminellen Vergehen sich um ein erhofftes Lehrer-
dasein gebracht zu haben. Am Verlust des Hotels ist Pappermanns "unglückseliger Name" (66) Schuld, an Mays Berufskatastrophe dessen Vorstrafen. Es gab eine Zeit, in der Mays Name auf Steckbriefen stand.
Pappermann lebt noch im Hotel - May konnte sich lange Zeit nicht von der Vergangenheit trennen und lebte auch noch nach seiner Haftzeit für wenige Jahre, von 1880 bis 1883, zusammen mit seiner Frau Emma im mit Ernstthal verbundenen Hohenstein. Hier begann er dann auch mit der Niederschrift von "Giölgeda Padishanün", seiner ersten umfangreicheren schriftstellerischen Arbeit nach vielen kleineren Erzählungen, vor allem Humoresken und Dorfgeschichten.
Diese schriftstellerischen Anfänge werden in der Trinidad-Episode verschlüsselt dargestellt. Pappermann, der Mensch Karl May, der ohne Aufgabe - nach der Haftzeit - keinen Sinn mehr im Leben sieht, begrüßt Old Shatterhand geradezu überschwänglich: "Er breitete die Arme aus, als ob er mich umfassen und küssen wolle", "erging sich in allen möglichen Ausrufungen der wahrsten, herzlichsten Freude, betrachtete mich dazwischen mit tränenden Augen wieder und wieder, kurz, es war, als ob er sich vor Entzücken nicht lassen könne." (69) Die Freude ist begreiflich, denn durch Shatterhand, den Schriftsteller, wird ihm sein weiterer Lebensweg eröffnet, hat er wieder eine neue Aufgabe gefunden nach dem Hotelverlust, der bei May der Verlust des Lehrerberufs ist. Der Mensch May hat nun endlich den Schriftsteller May - in sich - entdeckt. Shatterhand verhält sich Pappermann gegenüber distanzierter, es gilt "Distanzen zu halten" (70): May hatte einigen Grund, sich von seinem vergangenen Menschen, dem straffällig gewordenen, zu distanzieren.
Vorwegnehmend wurde behauptet, Old Shatterhand stehe für den Schriftsteller May. Diese These, die beinhaltet, daß May bestimmte Teile seiner Persönlichkeit isoliert personifizierte - ein hochartifizielles Unterfangen - ist noch zu belegen. Im 4.Band des "Silberlöwen" spielt ein Pferd mit Namen Kiss-i-Darr eine nicht unwesentliche Rolle. May übersetzt dieses Wort mit " Schundroman"100 und die angeblichen Schundromane Mays, nämlich die Münchmeyer-Romane, symbolisiert es dann auch eindeutig. Der direkte Bedeutungshinweis Mays kann als Schlüssel für die Trinidad-Episode dienen. Pferde - seit jeher Mays liebste Tiere -
scheinen im Spätwerk seine Bücher zu bedeuten. Pferdereiten könnte Bücherschreiben meinen. Wie stellt sich die Szene, in der Shatterhand die Pferde gewinnt, nun dar?
Ein "halbes Dutzend junger Menschen" (71), die sich als Künstler ausgeben, in Wirklichkeit aber Pferdediebe, Tramps sind, zwingen Pappermann, den Menschen May, sich zu ihnen zu setzen und "er war so klug gewesen, sich ihnen zu fügen" (71). Sie machen sich über Shatterhand, den sie nur als Mr. Burton kennen, lustig, unterschätzen ihn völlig und schließen daher unbesorgt eine Wette um ihre - gestohlenen - Pferde und Maultiere ab, in der Überzeugung, die Tiere sicher behalten zu können und das Geld des Mr. Burton zu gewinnen. Burton hießen die beiden Amerikaner, die May 1869 in Bad Ottenstein traf und durch die er hoffte, nach Amerika auswandern zu können. In einem Brief an seine Eltern, in dem er ihnen diesen Plan eröffnet, schreibt er bereits "von einigen schriftstellerischen Arbeiten"101. Über die Existenz solch früher Texte ist nichts bekannt, was ihr Vorhandensein oder ihr Geschriebensein natürlich nicht ausschließt. In jedem Fall gehört der Name Burton in den Zusammenhang mit Mays schriftstellerischen Anfängen, sei es, daß er nur für die Amerikasehnsucht Mays steht, die sich erst später literarisch niederschlägt und so erfüllt.
Pappermann stellt Burton alias Shatterhand den Tramps als Musikanten vor. Als Musikant konnte May tatsächlich gelten, nachdem seine Lehrerlaufbahn abgebrochen war - Pappermann sein Hotel verloren hatte. Nach seiner Entlassung aus dem Chemnitzer Stadtgefängnis versuchte May sich als Komponist und Mitarbeiter des Ernstthaler Gesangvereins "Lyra" den Lebensunterhalt zu verdienen. "Es kehrte mir die Kraft und der Wille zum Leben zurück. Ich arbeitete. Ich gab Unterricht in Musik und fremden Sprachen. Ich dichtete; ich komponierte. Ich bildete mir eine kleine Instrumentalkapelle, um das, was ich komponierte, einzuüben und auszuführen. ... Ich wurde Direktor eines Gesangvereins, mit dem ich öffentliche Konzerte gab, trotz meiner Jugend."102
Der kurzen Lebensphase als "Musikant" folgten die Zeit "im Abgrund", schließlich die langjährigen Gefängnisaufenthalte und danach der Beginn als Schriftsteller, die Zeit bei Münchmeyer. Mays Verhältnis zu Münchmeyer wird wie die Schriftsteller-Entwicklung, beides gehört ja eng zusammen, in der Trinidad-Episode gespiegelt. Die angeblichen Künstler tragen Münchmeyer-Züge. Die
"Künstler" verstehen in Wirklichkeit nichts von Kunst. Über H.G. Münchmeyer schreibt May: "Er gehörte zu jenen Leuten, die gern vom Hohen schwärmen, aber doch vom Niedrigen leben."103 In anderer Lesart gehört er zu jenen, die von Kunst reden, aber vom Pferdediebstahl leben. Shatterhand wird für "minderwertig" gehalten. Von Münchmeyer wegen seiner Vorstrafen? Die "Künstler" karikieren May - Münchmeyer ließ Mays Kolportage-Romane bearbeiten, es entstanden "Karikaturen" der Werke, "Karikaturen" Mays.104 May in der Selbstbiografie: "... hat man schon Jahrzehnte lang an mir herumgearbeitet, ohne es weiter zu bringen als zu der traurigen Karikatur ... "105
Unter den Sätteln der "Künstler" befinden sich auch einige Damensättel. "Gehörten zu den sechs überlauten, jungen Männern vielleicht auch einige Frauen, die man jetzt noch nicht sah?" (73) Ein versteckter Hinweis auf Pauline Münchmeyer und ihre zukünftige - beim Schreiben gegenwärtige - Rolle als Gegenspielerin Mays? Auf die Wette gehen die "Künstler" gerne ein, sie hoffen, sich an Burton-Shatterhand bereichern zu können. Ähnliches hoffte auch Münchmeyer, als er May dazu gewann, für ihn zu arbeiten. Die Pferde, also die Bücher Mays, haben sie sich widerrechtlich angeeignet, sie gehören Old Surehand, der sie aber für Shatterhand bestimmt hat. Surehand steht - wie an anderem Ort noch zu zeigen - für Mays Verleger Fehsenfeld, der May in Bezug auf seine Bücher größte Freiheit gewährte, so daß dieser weithin die Verfügungsgewalt über seine gedruckten Texte behielt. Auch die frühen Münchmeyer-Romane sollten nach Mays Wunsch in die Fehsenfeld-Reihe integriert werden, doch wurden ihm diese Werke vom Münchmeyer-Verlag vorenthalten, in den Augen Mays wurden sie ihm also gestohlen. Daß er im Roman die Pferde für sich gewinnen kann, ist Zeichen seiner Hoffnung bis zuletzt. Diese Hoffnung stützt sich auf die Behauptung , mit Münchmeyer vereinbart zu haben, daß seine Romane bei einer Abonnentenzahl von 20 000 mit allen Rechten an ihn zurückfallen. Es sei zwar kein schriftlicher Kontrakt gemacht worden, doch habe er sich dieser Abmachung durch mehrere Briefe Münchmeyers versichern können. Dieses Beweismaterial soll dann aber seine Frau Emma vernichtet haben Die Wahrheit dieser Behauptung läßt sich heute noch weniger als damals überprüfen. May selbst hat die Erwähnung der Briefe an anderem Ort einmal als "Diplomatie" bezeichnet.106
Im Roman jedenfalls besteht Shatterhand auf einen Kontrakt, da
"die Pferdehändler die pfiffigsten Kreaturen sind, die es gibt, und ... man sich bei ihnen in jeder Weise vorzusehen und sicherzustellen hat " (81) Daß May die "Künstler" als Pferdehändler bezeichnet ist ein weiterer Hinweis auf Münchmeyers; analog der Gleichung Pferd=Buch sind Buchhändler gemeint.
Nachdem Shatterhand im Besitz des Kontrakts ist - Pappermann steckt ihn ein - sieht er sich schon als Besitzer der sechs Tiere, so wie May sich bei der Absprache mit Münchmeyer seiner Bücher versichert zu haben glaubte, die er dann erst noch zu schreiben hatte - Shatterhand muß sich die Pferde erst noch "erreiten".
Die "Künstler"(Münchmeyers), die glauben, Shatterhand ausbeuten zu können - Münchmeyer erhoffte sich durch Mays Mitarbeit eine finanzielle Sanktionierung auf dessen Kosten - werden insgeheim von May-Shatterhand nur zu seinen eigenen Zwecken benutzt. Münchmeyer bot May die Möglichkeit, sich im Schreiben zu beweisen, wichtige schriftstellerische Erfahrungen zu gewinnen, bekannt zu werden. In der Selbstbiografie heißt es etwa zur ersten Geschäftsverbindung mit Münchmeyer: "Es wurde mir ganz unerwartet die prächtigste Gelegenheit geboten, den Buchdruck, die Schriftsetzerei, die Stereotypie und alles noch hierher Gehörige in bequemster Weise kennen zu lernen. Das hatte für mich als Schriftsteller sehr hohen Wert und wurde mir wahrscheinlich nie wieder geboten."107 Größeren Wert noch wird für May - den gerade erst entlassenen Strafgefangenen - der Verdienst gehabt haben, der ein weiteres "Musikanten"-Dasein unnötig machte. Mit auf der Seite der "Künstler" stehen die Peone. "Peone sind Pferdeknechte, sind Diener, sind Untergebene." (82) Einer von ihnen, Corner, profiliert sich später - neben Howe - als Wortführer der Gesellschaft. Hinter diesem könnte sich das in der Biografie "oft erwähnte Faktotum Walther"108 verbergen. Laut May ließ Münchmeyer von Walther, der wie May vorbestraft war, alles tun, "was Niemand wissen durfte."109 Doch muß dieser Gedanke - Corner=Walther - Spekulation bleiben.
Ganz eindeutig ist das Reiten der Pferde und Maultiere zu interpretieren, die Shatterhand gewinnt, wenn es ihm gelingt, die Tiere "im Galopp glatt über die Mauer" (80) hereinzubringen. Reiten meint Schreiben und das erste der Maultiere - die ja trotz ihres "Adels" nicht den Wert der Hengste erreichen, sowenig wie die Münchmeyer-Romane den der Reiseerzählungen -
den Beginn des Kolportage-Schreibens für Münchmeyer, im Bild für die "Künstler". Der literarische Anfang fällt nicht leicht: "Ich schuckerte. Ich verlor zuweilen die Zügel, und ich fuhr hier und da aus den Bügeln. Das sah alles so urgemütlich aus und war doch in Wirklichkeit ein scharfes, sehr scharfes Examen, welches ich mit dem Maultier unternahm. Es geschah kein Schritt, kein einziger, ohne meinen Willen, und ich bemerkte sehr bald, woran ich war." (83) Daß die Maultiere aus Mexiko stammen - "das prächtige Geschöpf besaß die beste mexikanische Schulung." (83) könnte ein konkreter Hinweis auf das "Waldröschen" sein.
Nachdem es Shatterhand gelungen ist, mit dem ersten Maultier (dem "Waldröschen"?) die Mauer zu überspringen, er den großen Sprung in die Öffentlichkeit, d.h. in den Garten gewagt hat, folgen die anderen Maultiere schnell hintereinander - May schreibt weitere Romane für Münchmeyer. Die "Künstler"-Münchmeyers müssen einsehen, daß sie Burton/Shatterhand-May als Reiter-Schriftsteller unterschätzt haben. Schließlich stellt sich auch der erste grössere Erfolg ein: der Hof "stand ... schon fast ganz voller Menschen. Die Sache war publik geworden, und die Leute kamen herbei, ihr beizuwohnen." (85) Der erste Öffentlichkeitserfolg, zunächst noch nicht viel mehr als Aufmerksamkeit, bringt materiellen Nutzen: "Dem Wirt war das lieb, weil er dadurch Gäste bekam." (85) Doch die Maultiere-Münchmeyer-Romane sind erst der Anfang.
Die entscheidende Phase tritt ein, als Shatterhand seinen europäischen Rock gegen den indianischen Beratungsrock austauscht, Nur so - in exotischem Gewand - gelingt es ihm, auch die Hengste über die Mauer des Erfolgs zu bringen. May schreibt zu seinen Reiseerzählungen: "Ich hatte meine Sujets aus meinem eigenen Leben, aus dem Leben meiner Umgebung, meiner Heimat zu nehmen. ... Aber ich mußte diese Sujets hinaus in ferne Länder und zu fernen Völkern versetzen, um ihnen diejenige Wirkung zu verleihen, die sie in der heimatlichen Kleidung nicht besitzen."110 Immer wieder wies May daraufhin, er habe in seinen Reiseerzählungen heimatliche Probleme in exotischer Verkleidung geben wollen, aus dem Bewußtsein heraus, den Leser nur so zu interessieren. Die Hengste stehen also für die Reiseerzählungen. Da es sich bei dem exotischen Gewand - natürlich nicht sehr verwunderlich bei einem Amerika-Roman - um ein indianisches handelt, wäre es denkbar, daß die drei Hengste für drei ganz bestimmte Indianer-Romane stehen. Die drei großen und exemplarischen Amerika-Romane
Mays sind "Winnetou", "Old Surehand" und "Satan und Ischariot". Als Abschluß eben dieser drei Romane möchte May "Winnetou IV" verstanden wissen. Da er auch in diesem Zusammenhang den Roman "Weihnacht", der als einzige Amerika-Erzählung noch in Frage käme, nicht erwähnt, muß auch sein Fehlen als Personifikation nicht wundern. Vermutlich bedeuten die drei Hengste zunächst die drei genannten Romane (daß es sich jeweils um mehrbändige Werke handelt, ist unerheblich), und stehen darüber hinaus exemplarisch für Mays Reiseerzählungen überhaupt.
"Lauter Beifall erscholl in den Höfen" (87), als Shatterhand auch die Hengste über die Mauer gebracht hat. Seine Reiseerzählungen bringen May noch größeren Erfolg ein als die Münchmeyer-Romane, er erhält große Leserzustimmung.
Die "Künstler" aber wollen Shatterhand nun betrügen. "Es galt also nur noch, mich um den wohlverdienten Ertrag meiner Mühe zu bringen." (87) Auch May sollte um den Ertrag jahrelanger Mühe mit den Kolportage-Romanen gebracht werden: lange Zeit verschwieg man ihm, daß die für jeden der fünf Romane vereinbarte Abonnentenzahl, bei deren Erreichen ihm "eine feine Gratifikation"111 ausgezahlt und die Rechte an ihn zurückfallen sollten, bereits längst überschritten war. Im Gegensatz zur Realität - da blieb diese Vereinbarung für die Justiz aufgrund fehlender Beweismittel reine Behauptung - hat sich May-Shatterhand in "Winnetou IV" von vornherein der Zeugenschaft der Obrigkeit - des Bürgermeisters und dreier Polizisten - versichert, so daß jeder Betrug gleich erkannt und geahndet werden kann. So hätte es nach den späten Wünschen Mays auch damals mit Münchmeyer sein sollen. Und wie sehr mag sich May gewünscht haben, daß ihm ein Richter sagt "Die Pferde (Reiseerzählungen) und Maultiere (Münchmeyer-Romane) sind Euer. Kein Mensch kann sie Euch nehmen. Und auch Euer Geld gehört Euch wieder!" (91) Diese Stelle ist ein gutes Beispiel für Mays Realisierung von Wunschträumen in der Phantasie, in der Imagination, die ihm Erleichterung und Befreiung verschaffte. "Nun sah man sie laufen, alle, alle." (92) Shatterhands, Mays Feinde fliehen nur im Traum hasengleich vor ihm. Aber dies sind Vorstellungen, die dem sich von allen Seiten eingekreist fühlenden May, Paranoiker nicht ganz zu Unrecht, beistehen und Mut machen.
Bisher unberücksichtigt blieb das erste Auftreten des Jungen Adlers in der Trinidad-Episode. Er trägt hier - ähnlich wie Pap-
permann - noch kaum protagonistische Züge, verhält sich passiv beobachtend. Er sieht "matt und angegriffen" aus, "hat Hunger" (76) und "war so ermüdet, daß er gar nicht daran gedacht hatte, die Last, die er trug, erst abzulegen." (77) Später stellt sich heraus, daß es sich bei dieser Last um einen Flugzeugmotor handelt, den der Junge Adler von einer Reise in den Osten mitgebracht hat, wohin er ging, um dort das Fliegen zu lernen. Mit diesem Fliegen ist auf der weltanschaulich-abstrakten Ebene das geistig-seelische Fliegen gemeint, das auch May in seinem Spätwerk anstrebt. Er verstand sich als Aviatiker und unzweifelhaft steht der Junge Adler autobiografisch für den Aviatiker Karl May. Die Tatsache, daß der Junge Adler schon in der Trinidad-Episode auftritt - wo er sich noch passiv verhält - ist ein Zeichen dafür, daß May im Alter meinte, schon in den Anfängen seiner Schriftstellerkarriere den geistig-seelischen Flug angestrebt zu haben, ohne allerdings schon die zum Fliegen nötige Kraft besessen zu haben. Die nötige Kraft bekommt der Junge Adler durch die Unterstützung Klaras, die ihm kräftigende Suppe einflößt, so daß er sich dem Menschen und dem Schriftsteller, Pappermann und Shatterhand anschließen kann, um mit ihnen und Klara, dem 'Herz', den Mount Winnetou zu erreichen. Es läßt sich vermuten, daß May ohne die Unterstützung seiner Frau wirklich nicht die Kraft aufgebracht hätte, sein Spätwerk zu schreiben - sie hielt ihm so manches vom Leibe.
Wir haben gesehen, daß es sich bei der Trinidad-Episode um eine verschlüsselte Darstellung der schriftstellerischen Entwicklung Mays bis zu den Reiseerzählungen handelt. Das Spätwerk nun ist Bild geworden im Mount Winnetou (dessen eigentliche Bedeutung liegt allerdings auf der weltanschaulichen Ebene). Um diesen Berg zu erreichen, war es für Old Shatterhand notwendig, die Pferde und Maultiere zu gewinnen, ohne die man die Reise nicht hätte auf sich nehmen können. May schienen seine Reiseerzählungen und Münchmeyer-Romane notwendige Skizzen, Vorübungen für das eigentliche Werk, ohne die er meinte es nicht schreiben zu können. Der Mount Winnetou, das "Große Werk", ist das persönliche Lebensziel Karl Mays, der Weg dorthin führt über Stationen seiner Lebensreise.
Die postulierte Gleichung Pappermann=Mensch Karl May erscheint bisher noch nicht zwingend, da Pappermann in der Trinidad-Episode noch Randfigur ist. Auch später am Mount Winnetou steht er im Hintergrund, fast als ob May ihn dort vergessen hätte. (ähnlich ergeht es Halef in "Ardistan und Dschinnistan"; es ist denkbar, daß Pappermann - auf der ideologischen Ebene - die gleiche Funktion hat wie Halef, nämlich die der Personifizierung der menschlichen Anima) So reduziert sich die Protagonistenstellung Pappermanns auf seine Erzählung in der Aschta-Episode. Hier haben wir vor allem zu prüfen, inwieweit sich hinter ihm Autobiografisches verbirgt.
Autobiografische Doppelspiegelungen sind keine Seltenheit in den letzten Romanen Mays. "May scheint in gewisser Hinsicht ein 'Trance-Schreiber' gewesen zu sein. Auf irgendeine Weise entstandene Symbole, die über eine Fülle von Gedanken, Assoziationen, unbewußten Strömungen verfügen, worüber sich May bewußt vielleicht nicht einmal in dem Umfang Rechenschaft abzugeben vermochte, ergeben bei dem 'wie im Traume Schreibenden' eine einzige Vorstellung, ein Bild - ähnlich wie ein Traumsymbol, das auch verschiedene, sogar widersprüchliche Aspekte haben kann und doch für den Träumenden ein Einziges ist."112 Dieses Traumschreiben, das auch Mehrfachspiegelungen zuläßt, macht eine Interpretation äußerst schwierig und beläßt sie mehr oder weniger im Raum der Spekulation. Ist die Trinidad-Episode noch biografisch einstrangig auflösbar - weil sie relativ bewußt verschlüsselt scheint und das, weil es sich um ein Thema handelt, das May kaum Anlaß zu Verdrängungen gab, seine schriftstellerische Entwicklung - so kann eine Deutung der Aschta-Szene, die - wie zu zeigen - Mays (Pappermanns) innerste menschliche Problematik behandelt, nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, die Parallelverschlüsselungen, die Doppelspiegelungen der Autobiografischen Ebene II zu trennen und isoliert voneinander zu betrachten. Die Schwierigkeit dabei ist eben, daß ein und dasselbe Bild verschiedene Interpretationen nicht nur zuläßt, sondern diese geradezu fordert, eine präzise Abgrenzung also nicht schon im Text selbst vorhanden ist, sondern erst in der Interpretation entstehen kann und muß Die Isolierung einzelner Spiegelungen ist ein notwendiges wissenschaftliches Mittel der Erkenntnis, öffnet aber auch der Willkürinterpretation Tür und Tor.
Soweit Karl May "wie im Traum" schrieb, soweit also unterbewußtes in den Text einfloß und ihn prägte, kann eine Interpretation, die nicht mit Hilfe der Psychoanalyse arbeitet, nur unvollkommen sein und ihre Wahrscheinlichkeit ist direkt abhängig von der Intuitionsfähigkeit des Interpretierenden. Textvergleiche mit der Selbstbiografie Karl Mays, wie sie Ekkehard Koch unternommen hat und wie sie auch hier als Erkenntnismittel dienen, können nur begrenzt als Interpretationsstützen dienen, weil es ein Kennzeichen unterbewußten Schreibens ist, daß es sich nicht ohne weiteres vom Bewußtsein deuten läßt. Das ist auch dann nicht anders, wenn es der Autor selbst ist, der bewußt reflektiert, in diesem Fall Karl May, dessen Biografie durchweg das Bemühen zeigt, sich selbst bewußt zu werden. Alternativinterpretationen eines Werkes von Autor und Außenstehendem negieren keineswegs immer die Deutung des letzteren, jedenfalls dann nicht, wenn Einflüsse des Unterbewußtseins zu konstatieren sind. Die Grenze zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein ist nicht zu ziehen.
Die folgende Interpretation hat zweigeteilt zu verlaufen; zum einen wird sie die Aschta-Episode als Seelenbild des Menschen Karl May zu einer ganz bestimmten Zeit verstehen, zum anderen als Spiegelung eines bestimmten Lebensabschnittes Mays in seinen äußeren Gegebenheiten. Anders ausgedrückt ist das autobiografische Thema der Aschta-Szene einmal der innere Mensch Karl May, das andere Mal der äußere Mensch.
Bisher ist die Aschta-Episode nur im Sinne eines autobiografischen Seelenbildes - also einstrangig - gedeutet worden.Die Zweitspiegelung blieb unbekannt. Da das Bekannte dem Unbekannten vorangestellt werden sollte, ich im übrigen Ekkehard Kochs Erstinterpretation im wesentlichen zustimme, soll im folgenden zunächst der innere Mensch Karl May behandelt werden, so wie er sich in der Aschta-Episode darstellt.
Über Pappermann schreibt May, noch vor dessen Erzählung: "... er hatte sehr viel gehört und sehr viel nachgedacht und war trotz der Niedrigkeit seines Lebensweges keineswegs unbegabt." (101) Das weist gleich zu Anfang der Aschta-Episode auf Mays eigene Lebensphase in der Niedrigkeit hin, als er, der begabte Junglehrer, der viel gehört und viel nachgedacht hatte, in den "Abgrund" geriet. In diesem "Abgrund" wuchs dann aber auch der Gedanke "Schriftsteller werden, Dichter werden! Lernen, Lernen,
Lernen! Am Großen, Schönen, Edeln mich emporarbeiten aus der jetzigen tiefen Niedrigkeitl"113
"Trübe Erinnerungen" (101) sind es, die May nun aufschreiben muß, für Pappermann die Erinnerungen an die Zeit, in der er sein "Brandmal" erhielt. Die doppelte Bedeutung des Wortes "Brandmal" liegt auf der Hand und schon Koch verwies auf die Worte Karl-Hans Strobls "Im Leben dieses Menschen birgt sich ein Geheimnis, ... ein Brandmal ..."114 und sah das Mal Pappermanns als "Symbol für Mays Vergangenheit, seine Jugendsünden, seine 'Verbrechen'"115:
In diese Vergangenheit führt die Aschta-Episode und liegt damit zeitlich ganz in der Nähe, jedoch vor der Trinidad-Episode, seinen schriftstellerischen Anfängen.
Wie erhielt Pappermann nun das Brandmal, "jenen niederträchtigen Schuß in das Gesicht ... der mich für das ganze Leben entstellte und verbitterte" (101) ? Wie kam May zu seinen Vorstrafen, die ihn bis ins hohe Alter "verbitterten" und belasteten, und ihn, als sie publik gemacht wurden, in der Öffentlichkeit "entstellten"? Von denen Pappermann-May sagt "Ich spreche nicht gern davon." (102) und von denen May verschlüsselt - auch in anderen Werken - doch immer wieder spricht, denn: "Herunter muß es nun doch einmal." (102)
Pappermann hat Aschta, die "Güte" kennen und lieben gelernt. Mit "Güte" ist hier weniger Barmherzigkeit gemeint, eher "das Gute" schlechthin, May definiert es durch die Attribute "still, fromm, wohltätig, rein und gütig" (104). Dieses Gute ist das Ideal Mays, das er - aus seiner subjektiven Sicht - schon damals, als angehender Lehrer anstrebte und das er eine Zeitlang, bis zu jenem unglückseligen Uhrendiebstahl, auch um sich, in sich fühlte. "Ich bin stundenlang und tagelang an ihrer (Aschtas) Seite gewesen." (104) "Es war eine liebe, schöne Zeit! Die einzige Zeit meines Lebens, in der ich einmal wirklich Mensch gewesen bin, und zwar ein guter Mensch." (105) Aschta personifiziert das Gute als Prinzip im Menschen May. Die jeweilige Nähe Pappermanns zu Aschta ist der Gradmesser für Über- oder Unterlegenheit des Guten im Wesen Karl Mays während seiner Entwicklung. Pappermanns anfängliches enges Zusammensein mit Aschta - das ist Mays "Voll-des-Guten-Sein" während seiner kurzen idealistischen Lehrerzeit.
Es gehört zum Menschsein, daß das gute Prinzip in ihm nie absolut
sein kann, sondern in ständigem Kampf mit dem bösen Prinzip in ihm liegt. Die menschliche Seele ist ein Konfliktfeld.
Aschta - das Gute - ist bedroht von Tom Muddy, der Personifikation des Bösen.
Das Böse ist äußerlich nicht sichtbar, Tom Muddy ist "weder ein schöner, noch ein häßlicher Kerl." (106) May bezeichnet ihn aber charakterlich als "zudringlich und roh" und als einen "Schurken, dem nichts und nichts zu schlecht war, wenn es nur zum Ziel führte." (107) Klara wird durch Pappermanns Schilderung soweit gebracht, auszurufen "Der ist ja gar kein Mensch gewesen, sondern ein Teufel!" (107) "Muddy" heißt "schmutzig, schlammig" und wir erinnern uns, daß May in seiner Biografie des öfteren vom "heimatlichen Sumpf" spricht.116 May macht also indirekt das heimatliche Elendsmilieu für die damalige Überlegenheit des Bösen in ihm während seiner Krisenzeit verantwortlich. Diese Überlegenheit des Bösen wird darin Bild, daß sich Tom Muddy Pappermann näher anschließt: "Am liebsten verkehrte er mit mir." (106) Warum das Böse in ihm damals so stark wurde, weiß May auch im Alter noch nicht so recht zu sagen: "Warum, das weiß ich eigentlich noch heute nicht. Wahrscheinlich weil ich der wertloseste von allen war und es nicht über das Herz brachte, mich von ihm derart zurückzuziehen, wie die anderen es taten." (106)
Über die Beziehung Muddys zu Aschta wird nicht mehr gesagt, als daß er sie nicht nur liebte, sondern auch haßte, "eben weil sie ihm ihre Abneigung so offen und ehrlich zeigte." (106) Der direkte innere Konflikt von Gut und Böse wird also nicht in Handlung verschlüsselt, sondern durch Begriffe wie Haß und Abneigung explizit gemacht. Das Böse strebt dabei auch gleichzeitig in "Liebe" zum Guten, das Gute aber kehrt sich entschieden vom Bösen ab.
Eine weitere Ausführung des Verhältnisses wird May nicht nötig erschienen sein, da die Bedrohung des Guten durch das Böse für ihn Selbstverständlichkeit war.
Daß Pappermann Aschta verloren hat, erfährt er durch das Böse, durch Tom Muddy, indirekt gibt May also dem Bösen die Schuld am Verlust des Guten.
Wenn wir von der These ausgehen, daß Mays Weg in den "Abgrund", der Sieg des Bösen in ihm, seine erste sichtbare Erscheinung in der leidigen Uhrengeschichte hat, müssten sich die entsprechenden Stellen in der Selbstbiografie, wo May auf diese Uhrengeschichte und deren Wirkung und Auswirkung eingeht, mit der Aschta-Episode vergleichen lassen.
Eine ganze Reihe Übereinstimmungen verifizieren dann auch tatsächlich die vermutete Spiegelung.
Bereits genannt wurde die Phase, in der May des Guten innewurde - gespiegelt im engen Verhältnis Pappermanns und Aschtas; in der Biografie schreibt er von seinen "Idealen, die ... alle im hellsten Weihnachtsglanze standen."117 Das war kurz vor der Entdeckung des Uhrendiebstahls. Auf diese Entdeckung reagierte May bestürzt: "Mir flimmerten die Augen. Ich hatte das Gefühl, als habe mich jemand mit einer Keule auf den Kopf geschlagen."118 "Meine Bestürzung war unbeschreiblich."119 "Die ... Begebenheit hatte wie ein Schlag auf mich gewirkt, wie ein Schlag über den Kopf, unter dessen Wucht man in sich selbst zusammenbricht."120 Als Pappermann von Muddy erfährt, daß er Aschta verloren hat, reagiert der ähnlich: "Als ich diese Neuigkeit von Tom Muddy erfuhr, war es mir, als ob ich von ihm einen schweren Faustschlag gegen die Stirn bekommen hätte. Das Gehirn begann mir zu brummen. Ich fühlte mich zunächst ganz dumm im Kopf." (107)
"Tom Muddy aber war wütend." (107) Das Böse in May erweckte damals Zorn in ihm, der sich gegen die Gesellschaft richtete, die er für seine sechs Wochen Gefängnis, seine erste Haftstrafe verantwortlich machte und für seinen weiteren kriminellen Weg, da sie ihm die Möglichkeit nahm, weiterhin als Lehrer tätig zu sein. In seiner Selbstbiografie gibt May uns eine sichere Stütze für die Interpretation der Aschta-Szene, für die Aufspaltung seiner Persönlichkeit in Pappermann=der Mensch Karl May schlechthin und in Aschta=das Gute in May und Tom Muddy=das Böse in May.
"Es bildete sich bei mir das Bewußtsein heraus, daß ich kein ganzes mehr sei, sondern eine gespaltene Persönlichkeit, ganz dem neuen Lehrsatz entsprechend, nicht Einzelwesen, sondern Drama ist der Mensch, In diesem Drama gab es verschiedene, handelnde Persönlichkeiten, die sich bald gar nicht, bald aber auch sehr genau von einander unterschieden. Da war zunächst ich selbst, nämlich ich, der ich das alles beobachtete. Aber wer dieses Ich eigentlich war und wo es steckte, das vermochte ich nicht zu sagen. Es besaß große Aehnlichkeit mit meinem Vater und hatte alle seine Fehler."121 Dieses Ich ist in Pappermann gestaltet, dessen Erzählung - nebenbei - auch in der Ich-Form steht. Die "Fehler", die auch Pappermann hat, sind bei May Ausdruck des Anima-haften. (Auf der Abstrakten Ebene verkörpert Pappermann Mays Anima.) Die Frage, ob auch biografische Züge von Mays Vater in Pappermann eingeflossen sind, müßte einmal gesondert behan-
delt werden.
"Ein zweites Wesen in mir stand stets nur in der Ferne. Es glich einer Fee, einem Engel, einer jener reinen, beglückenden Gestalten aus Großmutters Märchenbuche. Es mahnte; es warnte. Es lächelte, wenn ich gehorchte, und es trauerte, wenn ich ungehorsam war." Das Gute in May also, gestaltet in Aschta.
"Die dritte Gestalt, natürlich nicht körperliche, sondern seelische Gestalt, war mir direkt widerlich. Fatal, häßlich, höhnisch, abstoßend, stets finster und drohend; ... sie wollte nie das Gute, sondern stets nur das, was bös und ungesetzlich war. Sie war mir neu; ich hatte sie nie gesehen, sondern erst jetzt, seitdem ich innerlich gespalten war."123 Das Böse in May, personifiziert in Tom Muddy. "Mays innere Kämpfe spiegeln sich in Pappermanns Versuchen, die Übermacht Tom Muddys, des 'Schmutzigen', über Aschta, die Fee, zu verhindern."124 schreibt Ekkehard Koch treffend. Aschta ist aber nicht nur direkt durch Muddy bedroht, sondern auch indirekt dadurch, daß dieser Wakon blenden will, um so die Verbindung der beiden zu verhindern. Auch Wakon ist eine Selbstspiegelung Mays. Von ihm heißt es nämlich wenig später, "er habe ... für sich und seine Schüler eine eigene Reservation gegründet und lebe dort nur für alte Totems und Wampums, die er sammle und für die Bücher, die er sich von den Bleichgesichtern schicken lasse. Er sei ... ein sehr geehrter und sehr berühmter Mann," (109) "Er hat sein ganzes Leben und seine ganze Kraft dem Studium der Geschichte der roten Rasse gewidmet und Werke über sie geschrieben, die leider noch nicht erschienen sind, weil er sie erst dann veröffentlichen will, wenn auch der letzte Band vollständig vollendet ist. Man ist auf dieses sein Lebenswerk mit Recht ungewöhnlich gespannt." (110) Auf die Frage des Herzle, wie alt Wakon jetzt sei, sagt Shatterhand: "Das ist Nebensache, ... wahrhaft große Männer pflegen nicht eher zu sterben, als bis sie wenigstens innerlich das erreicht haben, was sie erreichen wollten oder sollten." (110) Genau ebenso verstand sich der alte May bei der Niederschrift von "Winnetou IV". Das Lebenswerk Wakons ist das Lebenswerk Karl Mays, ist sein Spätwerk, von dem er zur Zeit von "Winnetou IV" erst weniges geschrieben hat - aus seiner Sicht - und von dem das meiste nach seinem Wunsch noch folgen sollte - im neuen Geist. Wakon heißt Geist.
Der Geist kann für May nur in inniger Verbindung mit dem Guten, also mit Aschta, fruchtbar werden. Diese fruchtbare Verbindung
hat May aus seiner Sicht schon damals im tiefsten Abgrund angestrebt. In der Biografie heißt es bereits im Zusammenhang mit der Zwickauer Haftzeit: "Da entstand in mir meine Marah Durimeh, die große, herrliche Menschheitsseele ... Da tauchte zum ersten Male mein Tatellah-Satah in wir auf, jener geheimnisvolle 'Bewahrer der großen Medizin',..."125. Die Tatsächlichkeit dieser beiden Behauptungen läßt sich zwar ausschließen, nicht aber die persönliche lmagination