8.4 | Mays Bestseller-Romane bis 1896:Unterhaltungslektüre für kleine Buben? |
In erster Linie seinen Bestseller-Romanen bis 1896 verdankt Karl May das Etikett 'Jugendschriftsteller' und das Stigma 'Trivialliterat'. Zu Recht? Viele Einzelmotive in diesen Werken sind der kindlichen Vorstellungswelt entnommen.1 Nicht nur die, bewußt für die Jugend geschriebenen, 'Union'-Bände Mays, sondern ebenso seine Reiseerzählungen (bei Pustet und Fehsenfeld) sind Jugendliteratur.2 Aber auch Erwachsene können sie lesen - mit Lust, mit Betroffenheit, mit Gewinn an tieferer Einsicht.3
Schon im Jahre 1899 belief sich die Gesamtauflage der May-Bücher auf 722.000 Exemplare.4 Bis 1975 etwa hat der Schriftsteller, nach Schätzungen und Berechnungen, allein im deutschsprachigen Raum ca. 175 Millionen Leser gefunden:5 weil er Freude, weil er Vergnügen bescherte. Und weil er die Seele, das Innerste und Tiefste seiner Leser berührte. Junge und Alte, sehr verschiedenartige Menschen mit unterschiedlichem Bildungsgrad, mit unterschiedlicher Denkrichtung und ungleichem psychischen Habitus konnten berichten, was May ihnen gegeben hat.6
Nicht die hochliterarischen Spätwerke Karl Mays, sondern seine vermeintlich so schlichten und leicht zu verstehenden Abenteuerromane haben die Massen erreicht. Den äußerst komplizierten Silberlöwen III/IV (1902/03) werden Jugendliche - und Erwachsene, die von May nur Unterhaltung erwarten - spätestens nach der Lektüre von 200 Seiten enttäuscht in die Ecke stellen. Auch Mays bedeutendstes Werk Ardistan und Dschinnistan (1907-09) lesen, mit Verstand, nur wenige. Winnetou aber kennt, und sei es nur übers Fernsehen, nahezu jeder. Auch Durch die Wüste, Der Schut, Der Schatz im Silbersee, Im Lande des Mahdi usw. sind heute noch populär.
Die Gründe für Mays Erfolg, bei jungen und naiven Lesern speziell, sind nicht schwer zu erkennen. Das 'Ich' (in den Reiseerzählungen) fasziniert - wie Harun al Raschid in Tausendundeine Nacht. Der Hauch des Exotischen, die märchenhafte Verkleidung verleihen einen besonderen Reiz. Der Stil wirkt einfach und anspruchslos, für Konsumenten natürlich eine Erleichterung. Die Handlung ist unwahrscheinlich, dafür um so spannender. Die Schauplätze, die er Autor gar nicht gesehen hat, werden plastisch und - aufgrund der Quellen, die der Schriftsteller benutzte - in der Regel authentisch7 geschildert. Die Namen von Orten und Landschaften klingen verlockend im Ohr. Der Schott el Dscherid, das wilde Kurdistan, die Traumstädte Bagdad und Stambul, die Schluchten des Balkan, die Wüste Mapimi, der Llano estacado, der Yellowstone-Park, die Rocky Mountains - jedem May-Leser sind sie vertraut. Auch die Waffen, die 'Wundergewehre', erfreuen das kindliche Herz. Die Silberbüchse des Häuptlings, den Henrystutzen und den Bärentöter Old Shatterhands - jeder Schuljunge kennt sie. Und die Tiere, die Wunderrappen Hatatitla und Iltschi und Rih! Sie tragen die Helden, zusammen mit den Lesern, in eine andere Welt - in die "Fluchtlandschaften"8 des Orients und des Wilden Westens.
Erfolg hatte der Mythendichter vor allem mit seinen bunten Figuren. Die Helden, ihre Gefährten und Widersacher prägen sich ein in die Psyche des jungen Lesers. Carl Zuckmayer, der seiner Tochter den Namen 'Winnetou' gab, verleugnet es nicht: "Karl Mays Gestalten begleiten uns wahrhaftig durchs Leben, als hätten wir mit ihnen gelebt; sie sind keine Schatten für uns, sondern Wirklichkeiten, wir werden sie nie vergessen, und sie werden uns immer treu bleiben."9
Durch ihre Kostüme, ihre vornehmen oder grotesken Gewänder, sind sie schon typisiert: die Edelindianer und Wüstenscheiks, die listigen Trapper und verschrobenen Käuze, die eingebildeten Paschas und korrupten Gesetzesverdreher. Auch die großen Verbrecher sind, bis auf wenige Ausnahmen (wie Murad Nassyr in Mahdi), sofort als solche erkennbar; ihr stechender Blick, ihr böses Gesicht verraten sie gleich von Anfang an.
Mays Phantasiegestalten sind, so wird oft gesagt,10 nur gut oder böse. Ihre Charaktere erscheinen klar, eindeutig und unkompliziert: wie Schablonen, wie Holzschnittfiguren im Marionettentheater. Gerade diese "Vereinfachung ist es, die dem Dichter das rasche Verständnis, die drangvolle Anteilnahme seiner Leser sichert."11 Zwar gibt es auch in den Bestsellerromanen bis 1896 differenzierte Charakterzeichnungen; aber die Schwarz-Weiß-Malerei dominiert. Sie wird, vom reiferen Leser, mit einigem Recht kritisiert. Doch der Naive liebt "solche Werke, wo reinlich zwischen Engeln und Teufeln geschieden ist. Er weiß dann genau und bequem, mit wem er zu sympathisieren hat. Charaktere, die aus guten und schlechten Elementen zusammengesetzt sind, mag er nicht."12
Kein Wunder: Die 'ernsthafte', dem Realismus des 19. Jahrhunderts verpflichtete Literaturwissenschaft hat sich mit den Reiseromanen Karl Mays überhaupt nicht befaßt oder hat sie, als 'nichtig', heruntergemacht. 1929 (und auch noch 1962) stellte Ernst Bloch mit Bedauern fest: "Karl May gilt als anrüchige Sache, höchstens als Ulknummer ohne literarischen Wert."13 Prominente, die Mays Erzählungen schätzten - Peter Rosegger, Albert Schweitzer, Heinrich Mann, Ernst Bloch, Carl Zuckmayer, Bert Brecht, Hermann Hesse, Theodor Heuß, Romano Guardini und andere14 -, waren, in ihrer Freude an May, doch die Ausnahmen im Kreise der Literaturkenner.
Seit Arno Schmidts, in manchen Punkten freilich verfehlten,15 Bemühungen um die May-Exegese wurde der Schriftsteller ernster genommen. Aber auch Schmidt hatte, um einige Spätwerke um so höher zu stellen, Mays Gesamtproduktion bis zur Jahrhundertwende mit einem Killer-Satz abgetan: als "quantité négligeable", die "früher oder später rettungslos verschwinden"16 werde.
Die umgekehrte Position vertrat der Historiker und Genealoge Otto Forst-Battaglia: In den Reiseerzählungen der achtziger und neunziger Jahre sah er - wie Bloch und manche andere, auch heutige Interpreten - die Bestleistung Mays, in den Altersromanen aber ein verblassendes und kraftloses Greisenwerk.17 Auch dieser Auffassung muß, aufgrund der Textanalysen, widersprochen werden: Den späten wie den früheren Erzählungen Mays kommt, in je eigener Weise, eine nicht zu unterschätzende Würde zu. So verschieden die Denkansätze innerhalb der May-Forschung auch sind, so viel ist heute geklärt: die diffizileren Alterswerke, aber auch die bekannten Reiseerzählungen (und manche frühere Schriften) Mays sind mehrschichtig und verdienen das Interesse auch der Gebildeten.
Man sah (und sieht) dennoch May weitgehend als Jugendschriftsteller an. Der Autor selbst aber war, im Alter, gegen diese Bezeichnung allergisch. Er verbat es sich dringend, als "Indianer- oder Beduinen-Schriftsteller" betrachtet zu werden," in dessen Büchern das Reiten, Hauen, Schießen, Stechen ec. die Hauptsache ist."18 Nein, seine Werke seien "etwas ganz Anderes als das, wofür man sie zu halten pflegt."19
Karl May fühlte sich mißverstanden. Im IV. Band des Silberlöwen (1903) meinte der Schriftsteller - als Kara Ben Nemsi zum Ustad, dem Spiegel-Ich des Erzählers:
Seine Hoffnung setzte der Dichter auf künftige Leser, die ihn neu entdecken würden: Sie werden "zurück nach jenen Schalen greifen, die man zur Seite stellte. Dann leben meine alten Werke auf. Man wird sie mit ganz andern Augen lesen; die Seele tritt hervor, die tief in ihnen lebt."21
In der Selbstbiographie erklärte der Autor, daß seine 'Reiseerzählungen' gar keine "Reisearbeiten" seien, "sondern ein ganz anderes, bis jetzt unbebautes Genre bilden sollen."22 Sie seien persönlich erlebt, aber nicht im wörtlichen Sinne:
Solche Sätze klingen erstaunlich. Auf die Schlußbände des Silberlöwen treffen sie zweifellos zu. Aber die Indianerromane mit ihren stereotypen Handlungsstrukturen, ihren Flucht- und Verfolgungs-, ihren Gefangenschafts- und Befreiungsszenen! Sind sie tiefgründiger, sind sie hintersinniger als 'normale' Abenteuergeschichten? Die Landschaftsbeschreibungen mit ihren Prärieen und Wüsten, ihren Oasen und Höhlen, ihren Bergen und Gewässern, ihren Schluchten und Talkesseln - 'symbolisch' sollen sie sein? Eine durchsichtige Ausrede - nachdem sich herausgestellt hatte, daß der 'Weltläufer', entgegen seinen Behauptungen,26 bis 1899 den Orient und bis 1908 Amerika nie gesehen hat?
Mays nachträgliche Erklärung ist dennoch keine Selbsttäuschung. Der Dichter hatte in einem viel "höheren Maße recht, als die Forschung ihm bislang zugestehen wollte."27 Denn in wichtigen Punkten ist die Interpretation der 'Reiseerzählungen' durch den Autor sehr hilfreich und "buchstäblich wahr".28
In einer Hinsicht hat May seine Bestseller-Romane sogar noch unterbewertet: wenn er meint, sie seien künstlerisch ohne Bedeutung. "Die künstlerische Kritik braucht sich also mit meinen Reiseerzählungen nicht zu befassen, weil es gar nicht meine Absicht ist, ihnen eine künstlerische Form oder gar Vollendung zu geben."29 In diesem Fall stapelt May eher tief, wie ihm Heinz Stolte bescheinigt.30
Daß Mays Romane mehr sind als reine Unterhaltungsliteratur, wurde - an Beispielen - bereits erörtert.31 Daß diese Bände nur scheinbar immer dasselbe erzählen, in Wirklichkeit aber jedes Buch seine spezifische, nur ihm allein zukommende Eigenart besitzt, wurde ebenfalls deutlich. Freilich gibt es Strukturen und Elemente, die sich - in je verschiedener Weise - in fast allen May-Bänden wiederholen. Diese werkübergreifenden Merkmale sollen im folgenden erläutert und in ihrem 'Mehrwert' über das spannende Abenteuer hinaus veranschaulicht werden.
Mays Reiseerzählungen bis 1896 gleichen, wie (mit anderen Stilmitteln und anderen Prioritäten) auch seine übrigen Werke, Vexierbildern mit mehreren Böden. Auf den ersten Blick sieht jeder die Story, die Bewegung im Raum, die fesselnde Handlung. Was die Fabel betrifft, hat May, bis zur Jahrhundertwende, Abenteuergeschichten geschrieben: in einer Tradition, die bis zur Antike zurückreicht und - über die mittelalterlichen Ritter-Epen, über Defoes Robinson, Swifts Gullivers Reisen, Coopers Lederstrumpf, Vulpius' Rinaldo Rinaldini und ähnliche Werke - zu Mays Erzählungen führt.32 Verändert man
aber den Blickwinkel, so entdeckt man, hinter der abenteuerlichen Fabel, in den Schriften Mays noch ganz anderes:
Der Sohn des Webers hat (1.) sein ganzes Leben, seine inneren und äußeren Erlebnisse, in die Erzählstoffe verwoben - in zum Teil sehr kunstvoller Manier; er hat (2.) die Tiefe, die Wahrheit der menschlichen Seele gesucht - im Gewand der Märchen, der Träume, der archetypischen Bilder; er hat (3.) im Sinne der "Gleichnisse Christi"33 'gepredigt': die Macht der Reue, die Erlösung von Angst, die Überwindung des Todes, die Heilung des Menschen; und er hat (4.) seinen Geschichten eine politische, eine gesellschaftskritische Relevanz verliehen: sofern sie die, religiös fundierte, 'neue Ordnung' der Liebe literarisch vorwegnehmen.
Der strahlende Held, das erzählende Ich heißt - so wird es in den Reiseerzählungen angedeutet (und im Satan-Roman ausdrücklich gesagt) - mit bürgerlichem Namen Karl May.38 Also mußte natürlich der Eindruck entstehen, NUR in Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi habe der Autor, in maßloser, hybrider und verlogener Selbstüberhöhung, sich präsentiert. Dieser Eindruck der Selbstglorifizierung des Schriftstellers wird jedoch - weitgehend - abgeschwächt, wenn man die autobiographische Darstellungsweise des Dichters näher betrachtet.
Das literarische 'Ich' kompensiert die tatsächlichen Schwächen, die Ängste und Nöte des Menschen Karl May: des blinden Kindes, des unterdrückten Heranwachsenden, des rachsüchtigen Kriminellen, des gedemütigten Strafgefangenen, des unzufriedenen Ehemanns. Biographisch signifikant ist aber nicht nur Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi: der überlegene Held, die idealisierte Ich-Perspektive des Erzählers, die "Regeneration der versehrten Psyche"39 des Autors. Nein - Mays Leben spiegelt sich, verdeckt und verfrem-
det, in mehreren (oder fast allen) Personen seiner Romane, nicht selten auch in den Randfiguren.40
Maskiert und verschlüsselt erzählt der Dichter sein "wahres Erleben auf mehreren, einander durchdringenden Betrachtungsebenen und unter mehreren, einander tragenden Betrachtungswinkeln."41 Ein und dasselbe Ereignis aus der realen vita des Autors nimmt - cum grano salis dem Traumgeschehen vergleichbar - in der Fiktion des Romans viele Gestalten an, und umgekehrt bündeln sich viele reale Erlebnisse Mays in ein und derselben Szenenfolge des Romans.42
In Mays Erzählwerk kann, für den kundigen Leser, jede Silbe und jeder Buchstabe (in den Namen43 der Romanfiguren oder der Schauplätze zum Beispiel) von großer Bedeutung sein. Dem zwölf- oder vierzehnjährigen Leser werden solche Feinheiten selbstverständlich entgehen; viel mehr als das äußere Kleid, die oberschichtige Handlung, die Abenteuer und Späße, wird er nicht registrieren. Mays Lebensspuren im Romangeschehen zu lesen, sie richtig zu deuten, die zunehmend brillanter werdende Verschleierungstechnik des Autors zu durchschauen, in seiner traumhaften Schreibweise die psychische Steuerung zu erkennen, die Assoziationen, Überblendungen, Entstellungen, Verwechslungen und Umkehrungen des Dichters zu interpretieren, seine Spiele mit Wörtern, Buchstaben und Zahlen zu entschlüsseln, das alles ist eine Wissenschaft für sich, die Scharfsinn, Fähigkeit zu Analyse und Kombination, literaturpsychologisches Wissen, philologische Versiertheit und eine genaue Kenntnis möglichst zahlreicher Mikrodetails aus dem Leben des Schriftstellers erfordert.
Mays literarische Selbstdarstellung ist wesentlich feiner, komplizierter und kunstvoller, als der oberflächliche, mit der Biographie und der Schreibweise Mays nur wenig vertraute Leser vermuten wird. Denn das wirkliche 'Ich' des Schriftstellers hat, über das Wunsch-Ich Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi hinaus, sehr viele Gesichter; und das "Mittel der vielfach gebrochenen Identität setzt Karl May souverän ein."44
Was zur Spiegelung konkreter Ereignisse aus dem Leben des Dichters gesagt wurde, gilt in ähnlicher Weise fürs Personal: Mehrere Personen aus der realen vita des Autors können, durchgehend oder in manchen Partien, versammelt sein in einer einzigen Romanfigur; und eine einzige Person aus der tatsächlichen Biographie Karl Mays, etwa die Ehefrau Emma, kann - in ihren verschiedenen Wesenszügen - projiziert werden auf mehrere (idealisierte oder dämonisierte) Romangestalten. Auch und vor allem der Autor selbst begegnet dem Leser in mehrfacher Weise: Viele Romanfiguren stellen sich als verschiedene Rollen "des einen Menschen Karl May"45 dar.
Solche Rollenspiele des Dichters sind nicht nur der Ausdruck eines eitlen und kindlichen Gemüts. Dahinter verbirgt sich etwas sehr Ernstes und Wahres. Karl May hatte, wie wir alle, seine Licht- und seine Schattenseiten. Um die "Schreckensvorstellung eines 'Ich', das die Verbrecherlaufbahn zuende gegangen wäre"46 literarisch zu bannen, schuf May seine reuigen Sünder (wie Old Death oder Klekih-petra), aber auch seine echten Bösewichte, seine Räuber und Mörder. Die inneren "Stimmen",47 die den ehemaligen Lehrer zu seinen Straftaten trieben, werden vom Schriftsteller objektiviert in 'fremden' und doch sehr vertrauten, zum 'Ich' in inniger Beziehung stehenden Verbrechern. Mit teuflischen Zügen entstellte Figuren (wie Harry Melton) kann man verstehen als, dem Autor wohl unbewußte, "Vater-Imagines";48 sie sind aber auch Ich-Derivate, ins absolut Böse gewendete 'Doppelgänger' des erzählenden 'Ich'.49 Vom Wunsch-Ich werden sie abgespalten, um nach schweren Kämpfen vernichtet (in den Abgrund gestürzt oder, wie Hamd el Amasat, geblendet50) oder, wie der Sendador, doch noch erlöst zu werden.
Karl May hatte, dies wurde wohl deutlich, einen sehr ernsten Charakter. Er war aber zugleich auch ein Schelm! Auch in den Clowns und den Narren seines Erzählwerks begegnet uns - voller Selbstironie - ein psychischer Teilbereich, ein Wesenszug des wirklichen May. Besonders im kleinen Halef und seinen Macken, aber auch in Pseudo-Helden wie Selim, dem ausgestoßenen Feigling, dem 'unbezahlbaren' Aufschneider im Mahdi-Roman, parodiert der Schriftsteller sich selbst:
May wollte, sein Leben lang, frei werden von Schuld, von Angst und von Lüge, von Jähzorn und Haß, vom - Zweifel an Gott.56 Sein Leben war ein Kampf, ein wahrhaft erschütternder Kampf gegen sich selbst, gegen die finsteren Elemente seines so spannungsreichen Charakters. Die in solcher Häufigkeit in der Literatur sonst nirgendwo anzutreffenden Motiv-Wiederholungen57 - Anschleichen und Lauschen, falsche Namen und verhüllende Masken, Gefangenschaft und Befreiung, Zweikampf auf Leben und Tod, Verbrechen und Gottesgericht58 - sind als (scheinbar eintönige, in Wirklichkeit aber fein variierte) Spannungsmomente der Fabel, aber auch als die alten, immer noch wirksamen, sich stets wieder meldenden Traumata des noch immer nicht befreiten, noch immer nicht erlösten Schriftstellers zu verstehen.
Ob alle diese - teils verdeckten, teils offenkundigen - Selbstspiegelungen Karl Mays ein bewußter oder in den Bestseller-Romanen noch unbewußter, erst im Alter von May reflektierter Vorgang gewesen sind, kann hier offenbleiben. Ob May nun mit Absicht, nach einem bestimmten System, 'allegorisch' geschrieben hat oder ob er - unbewußt dranghaft, "den geheimen Befehlen des Unterbewußten folgend"59 - einfach niederschrieb, was ihm einfiel, oder ob (was wahrscheinlicher ist) "Bewußtes und Unbewußtes, Absichtsvolles und Undurchschautes sich in der Niederschrift mischten":60 faszinierend bleibt in jedem Fall, wie sich die oberschichtige Story, das phantastische Abenteuer, mit der "Binnenhandlung",61 den Erlebnissen und Erleidnissen des Schreibers verknüpft.
Das Geheimnis seines Erfolges hat hierin einen tieferen Grund: Karl May bewegte die Massen, weil er, über selbstbiographische Spiegeleffekte hinaus, 'archetypische' Bilder aus dem Unterbewußten der "Menschheitsseele"63 geschöpft hat. Der Dichter selbst kommentierte sein Schaffen in einem Brief aus dem Jahre 1905: "Ich schreibe nicht Romane und nicht Reiseerzählungen, sondern ich bin Psycholog."64
Eine bombastische Selbsttäuschung? Ein Psychologe wie Freud oder Jung war May zwar natürlich nicht, theoretische Lehrbücher hat er keine verfaßt; aber er war, immerhin, wahrscheinlich beeinflußt von der Psychologie der Romantik, speziell wohl von Carl Gustav Carus (1789-1869) und indirekt vielleicht auch von Gotthilf Heinrich v. Schubert (1780-1860), dem in Hohenstein - der Heimat Karl Mays - geborenen Naturphilosophen.65
Mays Reiseerzählungen spielen, geographisch, zwar meist im Orient oder im Wilden Westen; aber ihr 'seelischer' Schauplatz liegt, so May (1906) an Prinzessin Wiltrud von Bayern, "in unserm tiefsten Innern".66
Als überindividuelle 'Volksdichtung'67 entspringen Mays Erzählungen dem "kollektiven Unbewußten", wie C.G. Jung die 'Menschheitsseele' genannt hat. Mays Geschichten sprechen 'von Seele zu Seele'; sie dringen - befreiend und heilend68 - ins Unbewußte, in die Innenbezirke des Lesers hinein. Auch unter diesem Gesichtspunkt sind sie 'symbolische', die abenteuerliche Handlung übersteigende Schriften.
Wie hat May selbst den Erfolg seiner Bücher erklärt? Der 'Oberlehrer Franz Langer', mit Karl May sicher identisch, brachte es auf den Punkt.
Mays Bestseller-Romane können als "Skizzen", als "Vorübungen" fürs Spätwerk interpretiert werden;71 doch Makulatur sind sie deshalb noch lange nicht. Sie sind, in ihrer besonderen Art, etwas durchaus Bedeutendes: "Zwischen Goethes Faust und Mays Volksbüchern gibt es", so Wolf-Dieter Bach in einem vorzüglichen Essay,
Bach geht noch weiter: Er traut May eine Kenntnis der menschlichen Psyche zu, die "nicht geringer war als die seiner jüngeren Zeitgenossen von der analytischen Zunft".73 Nach Bach war May, zumindest im Alter,
Märchen- und Legendenhaftes findet sich, freilich "zum Rationalen hin transformiert"81 (der Märchenerzähler May war zugleich auch der Aufklärung, dem rationalen Denken verpflichtet), in fast allen Werken Karl Mays, besonders in den Orientromanen und in der Winnetou-Trilogie.82 Die im IV. Band des Orientzyklus, In den Schluchten des Balkan, enthaltenen Geschichten um den Schmied Schimin, den Färber Boschak und den Bettler Saban zum Beispiel weisen fast vollständig die - May natürlich bekannten - Motive des Grimm-Märchens 'Rotkäppchen' auf.83 Die Entführung Senitzas in Durch die Wüste erinnert, teilweise, an das Hauff-Märchen 'Die Errettung Fatmes'.84 Und auf die Verwandtschaft der Mayschen Orientromane mit der Märchensammlung Tausendundeine Nacht wurde schon oft, von Heinz Stolte z.B.,85 hingewiesen.
Märchen und Träume (im weiteren Sinne) sind nicht nur manche Einzelpassagen in Mays Erzählwerk. Märchen-Reisen sind seine 'Reiseerzählungen' - weithin auch seine Kolportageromane - insgesamt. Den großen Menschheitsträumen sind sie entstiegen: dem Traum von der glücklichen Heimkehr nach gefahrvoller Wanderschaft; dem Traum von der Rettung aus jeglicher Not; dem Traum von der wunderbaren Erhöhung nach vielen und schwierigen Prüfungen;86 dem Traum von der "Göttererscheinung in täuschend-dürftiger Gestalt";87 dem Traum von der heimlichen Königswürde des 'verwunschenen' Menschen; dem Traum von der endgültigen Erlösung des verkannten, in ein niedriges, ihm nicht wesensgemäßes Dasein gestoßenen Menschenkinds.
Karl May habe, so wird gesagt, für Kinder geschrieben - und für Erwachsene, die sich regressiv in die Flucht-Räume ihrer Kindheit zurückziehen. Doch erwachsenes Leben fordere, so wird gesagt, den Sinn für die Realität und damit den Traumverzicht. Aber dieser Verzicht läßt den Menschen in einem sehr wichtigen (weil emotionalen) Teil seines
Wesens verkümmern. Wir können unsere Träume verraten oder verdrängen; unbewußt wirken sie fort. "Karl Mays Geschichten geben uns die Gelegenheit, wenigstens lesend unseren Verrat rückgängig zu machen - darum sind sie wahr."88
Daß Mays Erzählungen fromme Abschnitte enthalten, ist jedem Leser bekannt. Aber umstritten ist zunächst der Stellenwert solcher Passagen: Ist die religiöse Verkündigung der eigentliche Inhalt der Mayschen Erzählungen? Sind die Abenteuer nur 'Gewand', nur äußere Hülle? Oder ist, im Gegensatz zu den Spätwerken, in den Bestseller-Romanen das Religiöse "nur Nebensache"?90 Ist zum Beispiel die Feindesliebe Old Shatterhands, seine Bereitschaft, die Schurken wieder laufen zu lassen, nur ein Erzähltrick: um neue Intrigen, neue Verfolgungen, neue Gefahren, also neue Spannungseffekte zu erreichen? Oder ist, um ein anderes Beispiel zu nehmen, die bei May so auffällige Bestreitung des 'Zufalls' lediglich ein literarisches Mittel: um "handwerkliche Verlegenheiten zu vertuschen"91 und durch 'göttliches Eingreifen' den unwahrscheinlichen Handlungsverlauf plausibel zu machen?
Daß die Reiseerzählungen bis 1896 religiöse Programmdichtung seien, hat Volker Klotz entschieden negiert:
Mays Freude am Fabulieren scheint in der Tat die religiöse Tendenz und das ethische Programm zu überlagern. Klotz' These überzeugt dennoch nicht. Denn May ist beides, Geschichtenerzähler und religiöser Erzieher, in einem: Der Märchenerzähler ist Katechet, und der Katechet vermittelt seine Botschaft in den Geschichten. Um die Romane in die Länge zu ziehen, hätte es andere Mittel gegeben als die Verschonung der Bösewichte durch den Ich-Helden. Und rein erzähltechnisch gesehen wirken die Dialoge und Betrachtungen über die 'Vorsehung', über Gottes Gnade, über Reue und Vergebung, über die Macht des Gebetes, über Psalmworte, über Jesu Gebot usw. wohl eher störend als fördernd. Daraus folgt aber doch: Solche Stellen sind Selbstzweck, dem Autor mindestens ebenso wichtig wie die äußere Handlung. Dies um so mehr, als ja nicht nur einzelne Partien, sondern die Romane als ganze 'metaphysisch' konzipiert93 sind.
Biblische Einzelmotive strukturieren die Handlung, wie schon erörtert,94 zwar keineswegs durchgehend; aber religiöse (in der Regel biblische) Maximen bestimmen den Gesamt-Duktus der Mayschen Reiseerzählungen: Alle diese Geschichten setzen die Ewigkeit Gottes voraus, die "unsere Zeit umschließt";95 sie schildern den Menschen, der schuldig wird und, im Falle der Reue, Vergebung findet; sie führen - so Walther Ilmer - einen Bogen von "der Ursprungs-Schuld zur endgültigen Sühne";96 und sie beschwören, über
den Sühne-Gedanken hinaus, die 'neue Ordnung', die Ordnung der Liebe, die "Versöhnung der Gesellschaft, ja des ganzen Kosmos"97
Überall in Mays Werken, von den frühesten Dorfgeschichten bis zu Winnetou IV, speziell auch in den Reiseromanen bis 1896, finden sich Hoffnungsbilder und Rettungsszenen in schier unendlicher Fülle. Verweisen sie, als "Spuren der anderen Welt",98 auf die Wirklichkeit Gottes? Oder sind sie, als Wunsch- und Erfüllungsträume, immer nur 'Deckschilderungen'99 für innerpsychische, pathologische Vorgänge im Autor selbst?
Mays Charakter hatte, ohne Zweifel, neurotische Züge; zu den Beladenen und seelisch Geplagten (vgl. Mt 11, 28) gehörte May sicher; aber mit dieser Feststellung müßte die Transzendenz, die religiöse Echtheit in Mays Leben und Werk nicht bestritten oder desavouiert werden. Denn die Hoffnungsbilder dieses Schriftstellers sind, wie Gert Ueding formulierte, "ein Wunschmysterium von gewaltiger Wirkkraft": weil Mays Erzählwerk gerade NICHT die bloße "Verkleidung von Seelenvorgängen prätendiert, sondern hinausgreift über die begrenzten Zwecke unseres Daseins."100
Anders gesagt: die Rettungsszenen Karl Mays entsprechen der - kollektiven - Sehnsucht nach innerer Heilung, nach wirklichem Heil, das nicht die menschliche Psyche erfunden, sondern "Gott für alle bereitet hat, die ihn lieben" (1 Kor 2, 9).
Mays Reiseerzählungen sind nicht nur ich-bezogene Wunscherfüllungen. Wie schon die Kolportageromane verweisen sie auf die Transzendenzerfahrung des Menschen überhaupt: auf Heil und Erlösung. Insofern sind sie der romantischen Hochliteratur vergleichbar!101 Gert Ueding zeigte am Beispiel des Satan-Romans und anderer May-Texte erstaunliche Parallelen auf zu Byrons Kain, E.T.A. Hoffmanns Die Elixiere des Satans, Hauffs Memoiren des Satans, Raabes Abu Teyan und Strindbergs Erlösungsdrama Nach Damaskus.102 Gemeinsam ist diesen Texten das Entsetzen vor dem absolut Bösen, aber auch das 'Prinzip Hoffnung', die Suche nach Heil.
Mit unzulänglichen Mitteln (in den Spätwerken wird es dann besser), "in oft unangemessenen Formen, gewiß, [...] aber mit einer ästhetischen Leidenschaft ohnegleichen, der Leidenschaft eines großen Erzählers - und der Leidenschaft eines geistigen Führers"103 deutet May auf die göttliche Welt, die 'andere Dimension' unsres Lebens. Bei der "zügellosen Diesseitigkeit"104 vieler Zeitgenossen bleibt er nicht stehen. Erträumte Reisen, gefahrvolle Wege, leidvolle Prüfungen und die siegreiche Rückkehr des Helden sind im Genre des Abenteuerromans (und der Märchen) beliebte Erzählmuster;105 doch May führt diese Motive aus ihrer Profanität, ihrer platten Verweltlichung heraus. Er interpretiert das Leid und das Böse nicht weg. Er schildert es in seiner dunkelsten und bedrückendsten Gestalt. Aber er läßt es, nach erschütternden Kämpfen, doch umschlagen in 'Heilsgeschichte': als diesseitige Wiederherstellung von Recht und Gerechtigkeit, als jenseitige - in ergreifenden Sterbeszenen (im Tode Old Death's, Klekih-petras und Winnetous z.B.) vorausgeschaute - Neue Schöpfung durch Gott.
So große Gegensätze, wie Britta Berg es vermeinte,106 sind der "Winnetou-May" (der Abenteuergeschichten) und der "religiöse May" (der Alterswerke) wahrhaftig nicht. Auch die Reiseromane der neunziger Jahre sind, als Rettungsgeschichten, im Grunde Mysterien. Sie intendieren, auf ihre Art, was Karl Rahner den künftigen Theologen zur Aufgabe stellte: geistliche Führung, missionarische "Mystagogie"107 - Einführung in die, vom Mystagogen persönlich durchlittene, aufgrund von Gnade tatsächlich erfahrene, religiöse Wirklichkeit.
Mays Romanheld Old Surehand, der nach schlimmen Erlebnissen "den Glauben verloren" hat, stellt gequält, aber mit größtem Verlangen die Frage, ob Gott existiere. Gibt es
das: ein Heil, eine Rettung, ein Leben nach dem Tode, ein Wiedersehen in der Ewigkeit? Old Shatterhand antwortet: "Ja"! Mit welcher Berechtigung? Wer legitimiert seine Antwort? Wie begründet er seinen Glauben? "Ich beweise es Euch, indem ich zwei Koryphäen vorführe, deren Kompetenz über allen Zweifel erhaben ist [...] Eine sehr, sehr hochstehende und eine ganz gewöhnliche [...] Gott selbst und ich."108
Ist Shatterhands Rede absurd und blasphemisch? Stellt er sich mit Gott auf dieselbe Stufe? Nein - der Abstand zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen wird ja betont.109 Aber Shatterhand, und in diesem Fall ist er identisch mit Karl May, spricht mit der Autorität eines Wissenden, der Kompetenz eines Weisen. Er spricht mit dem Sachverstand eines - Armen, dem die Nacht des Zweifels nicht fremd ist, und dessen Glaube "durch zahlreiche Prüfungen"110 ging. Er argumentiert nicht, philosophierend, 'von außen'; er bringt sich selbst mit ins Spiel: Er spricht mit dem ganzen Gewicht eines Menschen, der Gott schon ERFAHREN und - wie Hiob - an diesem Gott sehr zu leiden hatte. Ein 'Gottesbeweis' im Sinn der Scholastik ist das sicherlich nicht. Doch 'Mystagogik' im Sinne Rahners ist es sehr wohl: Zeugnis eines schwachen und sündigen Menschen, der aber von Gott schon berührt wurde und später, nach der Jahrhundertwende, "von jenem Herrn da droben"111 noch ganz anders berührt werden soll.
Die religiöse Tendenz, die mystagogische Intention auch der 'klassischen' Reiseerzählungen (bis 1896) ist, nach dem Textbefund, nicht in Frage zu stellen. Hinterfragbar ist freilich die Qualität, die besondere Eigenart der Mayschen 'Verkündigung' in den Bestseller-Romanen. Es wäre zu fragen, wie fundiert oder (allzu) schlicht, wie überzeugend oder (allzu) naiv, wie feinsinnig oder trivial, wie ungewöhnlich oder konventionell, wie einladend oder penetrant und belehrend sie ist. Dies müßte differenziert - gesondert für jede Erzählung und jede wichtige Einzelpartie -, mit methodischer Sorgfalt und theologischem Sachverstand untersucht werden.112
So viel steht fest: Dem 'Transzendenzverlust' des modernen Menschen stellt May, unter dem Einfluß der Bibel und (höchst wahrscheinlich) auch des Gedankenguts Lessings und Herders,113 den Glauben an Gott, das Vertrauen in die rettende Liebe entgegen. Woher kommt das Böse, wenn Gott doch die Liebe ist? May weiß es auch nicht genau. Aber er läßt sich die Hoffnung, die größere Perspektive nicht nehmen - die Hoffnung auf "noch ungewordene Möglichkeit":114 auf das, was nicht ist, aber werden kann (vgl. Röm 8, 24ff.)!
Hat Karl May die politischen, die gesellschaftskritischen Implikationen dieses religiösen und doch sehr 'weltlichen' Denkansatzes erkannt? Gibt es in seinen Geschichten eine 'Vision' von der besseren Welt, für die der Dichter sich einsetzt und die er, erzählend, antizipiert? Wenn ja - wie stellt sich der Autor in seinen Reiseromanen die ideale Gesellschaft vor?
In der Sekundärliteratur werden diese Fragen kontrovers diskutiert und unterschiedlich beantwortet.115 Läßt der Textbefund der Reiseerzählungen solche Differenzen in der Aus-
legung zu? Fordert er sie womöglich heraus? Einen grundsätzlichen Einwand gegen die ethische (und religiöse) Substanz des Mayschen Erzählwerks hat Helmut Schmiedt formuliert: Er sieht eine mißliche Ambivalenz und so manche Brüche im Weltbild des Schriftstellers; und er betont "die manifesten Widersprüche, die der Autor selbst nicht wahrnimmt".116 Da es in Mays Erzählungen - was religiöse, ethische und politische Zielvorstellungen betrifft - progressive und regressive, geradezu revolutionäre, aber auch sehr konservative Elemente gebe,117 irrten 'rechts' stehende oder gar faschistisch denkende May-Freunde "kaum weniger als die, die in May nur den Pazifisten und Kosmopoliten sehen."118
Günter Scholdt hat dieser (von Schmiedt selbst, an anderen Stellen seiner May-Studien, wieder abgeschwächten) Kritik widersprochen:
Die Habgier der Reichen, das Unrecht der Unterdrücker, in Old Surehand III (1896) auch die Mitschuld der Gesellschaft an den Verbrechen der einzelnen,123 werden benannt und an den Pranger gestellt. Über ungerechte 'Strukturen', wie sie Karl Marx im Blick hatte, wird zwar kaum reflektiert; aber die Tränen der Sklaven werden gesehen, und die Schmerzen der geschundenen Kinder124 werden, durch den Ich-Helden Kara Ben Nemsi, gelindert.
Karl May tritt ein für die Rechte der Schwachen: der Indianer, Kurden und Neger125 vor allem. Und er weckt die Sympathien des Lesers für fremde Völker und fremde Kulturen. Gewiß, in den Reiseerzählungen finden sich - eher harmlose, dem erzählerischen Effekt dienende - Klischees und mancherlei Vorurteile: über die Chinesen (die im Spätwerk um so höher geschätzt werden) und die Armenier zum Beispiel;126 auch gibt es bei May, neben 'guten' Indianern wie den Apachen, auch 'böse', das heißt von den Weißen verführte (im Spätwerk, in Winnetou IV, freilich rehabilitierte) Indianer wie die Komantschen, die Kiowas oder die Sioux. Der Haupttendenz des Autors entspricht aber die Rede Old Shatterhands in Surehand I: "Ich [...] habe unter den schwarzen, braunen, roten und gelben Völkern wenigstens ebenso viel gute Menschen gefunden wie bei den weißen, wenigstens, sage ich, wenigstens!"127
Dennoch wurden dem Schriftsteller - von Edwin Hoernle (1929), Hartmut Lutz (1985) und anderen Kritikern128 - Nationalismus und 'Deutschtümelei' vorgeworfen. Diese stark überzogene und zum Teil schon böswillige Schelte verkennt das zentrale Anliegen Karl Mays. Zwar liebte und schätzte der Dichter sein eigenes Volk;129 auch sind die Helden
und die ehrlichen Westmänner oft deutsch oder deutschstämmig; doch dies ist, in der Hauptsache, "ein erzählerisches Mittel, dem heimischen Leser die Fremde vertraut zu machen, und zugleich ein erzieherischer Appell. Die deutschen Helden leben die Solidarität mit fremden Völkern der Leserschaft vor."130
Mays Parteinahme gilt weder dem deutschen noch dem europäischen Kolonialismus: "eine Haltung, die um so erstaunlicher ist, als gerade in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts zahlreiche Jugendschriftsteller und -verlage einen eindeutigen Schwenk zur Kolonialpropaganda vollzogen".131
Endgültig und massiv im Friede-Roman (1901/04),132 aber auch schon viel früher im Buch der Liebe (1875/76)133 und, zumindest andeutungsweise, in den Reiseerzählungen (bis 1896) übt Karl May Kritik an der Menschenverachtung des Imperialismus und der Aggression unter dem Deckmantel der Religion. In den Praktiken des 'christlichen' Abendlandes sieht, um das markanteste, freilich den - erst im folgenden Abschnitt zu besprechenden - späten Reiseerzählungen (ab 1896) entnommene Beispiel zu wählen, Karl May bzw. der Farmer Harbour - in Old Surehand III - einen Verrat an Christus:
In Mays Reiseerzählungen eine 'systemstabilisierende' Rechtfertigung des Wilhelminismus und eine rückwärtsgewandte bürgerliche Ideologie zu sehen,138 wäre grundverkehrt. Diese Romane sind nonkonformistisch:139 Der Autor sehnt sich nach Offenheit, nach umfassender Freiheit, nach unendlicher Weite;140 seine Erzählungen bauen die Gegenwelt "zur gesellschaftlichen Realität, in der zu leben er verdammt war":141 die Gegenwelt zur Abhängigkeit vom Lohn, zur Bürokratie, zur starren Bindung an die Familie, zur - herkunftsbedingten - Einschränkung der Persönlichkeit.142
Die Realität der europäischen Lebensverhältnisse hat May, jedenfalls indirekt, kritisiert. Weitblickend, um nicht zu sagen 'prophetisch', ist - nicht zuletzt - auch seine Einstellung zu Technik und Wissenschaft, wie sie in den Reiseerzählungen zur Geltung kommt. Kein 'Zurück zur Natur' im Sinne Rousseaus zwar!143 Der wissenschaftliche
Fortschritt, die Zivilisation, die Technik werden nicht generell verurteilt, sondern grundsätzlich bejaht; insofern wird auch von May die europäische Kultur als der indianischen (und orientalischen) überlegen betrachtet.144 Zugleich aber wird die Gefahr doch gesehen: die Gefahr des Verlustes der 'Seele', der Trennung von Mensch und Natur, der Lösung des Geschöpfes vom Schöpfer.
Ein "früher Grüner"145 wurde May schon genannt. Nicht ganz richtig, aber auch nicht gänzlich verfehlt ist diese Bemerkung.146 Mays Klage über den Untergang des 'roten Mannes' ist auch in DIESEM Lichte zu sehen: Die 'Wilden', die 'Primitiven' wußten um die Einheit des Menschen mit den Flüssen und Bäumen, mit der Erde und ihren Tieren.
Und das alles soll für 'kleine Schuljungen' sein?149 Die Verlegenheit, die Karl May der Literaturwissenschaft bereitet, hat - vor allem - darin ihren Grund, daß dieser Autor sich "unterfing, die größten Themen mit weithin trivialliteratischen Mitteln anzupacken. Gleichwohl liegt in dieser außenseiterischen Position Mays ein wesentliches Element seiner Originalität und Wirkung."150
Am 6. Oktober 1896 schrieb der Autor an Fehsenfeld: Nach Old Surehand III, dem 'Wildwest'-Roman, an dem May gerade arbeitete,
Der genaue Zeitpunkt, da Mays Karriere als 'Trivialliterat' zu Ende ging,4 ist kaum zu bestimmen; denn 'platt' und völlig 'anspruchslos' hat er eigentlich nie geschrieben; und 'triviale' Passagen enthält, hier und da, das im ganzen 'hochliterarische' Spätwerk noch immer. Mays Steigerung zieht keine geradlinige Bahn; über Umwege und (vielleicht) Verwirrungen führt ihn sein Weg nach oben.
Schon in den frühesten Dorfgeschichten zeigte May beachtliches Können. Doch sein besonderes Metier wurden nicht die Novellen, sondern die epischen Werke. Auf diesem Gebiet wird seine schriftstellerische Entwicklung am deutlichsten sichtbar: Von der ästhetischen Form her gesehen sind die Jugendromane bei Spemann (1887-96) den Münch-
meyerromanen (1882-87) deutlich überlegen;5 aus dem Naturtalent wurde ein planender Architekt, ein routinierter Artist.
Innerhalb der 'Reiseerzählungen', der exotischen Ich-Romane seit "Giölgeda padishanün" (1881), scheint eine wirkliche, nun freilich bewundernswerte Überbietung des ursprünglichen - keineswegs niedrigen - Niveaus erst im Alterswerk, im Jenseits-Roman (1898/99) und den folgenden Büchern, zu gelingen: mit der bewußten Hinwendung zur 'Symbolik'. Nach dem heutigen Forschungsstand ist eine weitere Differenzierung allerdings angebracht: Der Ich-Erzähler hat seine Stilmittel verfeinert,6 noch vor der Jahrhundertwende und noch vor der krisenhaften Zuspitzung der Lebensentwicklung des Autors um 1898. Als letzte, und wohl beste, Erzählung innerhalb seiner 'echten' - im weiteren Sinne aber doch schon 'symbolischen' - Reiseromane kann "Weihnacht!" (1897) betrachtet werden. Bezüglich der Form stellt dieser Band "den Gipfel" der Mayschen "Erzählkunst in der Reihe seiner speziellen Abenteuerbücher"7 dar.
In "klarer Schreibstrategie" bereitet Karl May "den Übergang von der Abenteuer- zur Hochliteratur vor."8 Was im Rahmen der folgenden Darstellung besonders interessiert, sind spezielle Aspekte dieses Übergangs: die psychographische Relevanz und die theologische Aussagekraft der späten Reiseerzählungen.
Man muß es sich immer vor Augen halten: Mays Leben, seine Gegenwart und seine Vergangenheit, ist versammelt in seinen Büchern. Alles ist da: der äußere Erfolg des gefeierten Schriftstellers, die innere Unruhe, die verdrängte Angst, die schwierige Ehe mit Emma, die Flucht in die Tagträume, die Spannung mit dem Pustet- und der Bruch mit dem Münchmeyerverlag,9 die Jahre der Haft, die psychische Störung, die 'Spaltung des Innern', die kriminellen Vergehen, die frühere Liebe zu verschiedenen Frauen, das Scheitern im Lehrberuf, das 'Uhrendelikt', der Seminardirektor in Waldenburg, die frommen Traktate der Jugend- und Kinderzeit, die Peitsche des Vaters, die Heilung des blinden Karle, die narzißtische Prägung, die (1885 verstorbene) Mutter, die "Recherche nach der verlorenen Liebe",10 die - Suche nach Gott. Dies alles ist da. Es drängt nach immer neuer Gestaltung. Es schreit nach Verwandlung und nach Erlösung.
Mays Bücher sind verschlüsselte Konfessionen, sehr persönlich gefärbt. Und aktuell sind sie nach wie vor: weil sie 'archetypisches' Material, weil sie eine bleibende religiöse Botschaft enthalten; und weil sie einen zeitgenössischen Trend, den wilhelminischen Heldenkult, zögernd - aber mehr und mehr - überwinden.
Mays Heldenideal war bisher von männlichen, von martialischen Zügen beherrscht. Das 'Vaterbild' dominierte: Der Schriftsteller suchte wohl unbewußt, den Vater zu imitieren und diesen, als 'Schmetterfaust', an Männlichkeit womöglich zu übertreffen! Dieses Bestreben wird literarisch nun in den Hintergrund treten und zunehmend verblassen.
Im Unterschied zu den Kolportageromanen (und den frühen Novellen) kommt in den 'klassischen' Reiseerzählungen, erst recht in den Jugendromanen, Frauen nur selten eine handlungstragende Rolle zu. Jetzt aber, in vielen 'Marienkalender'-Geschichten11 und in den späten Reiseerzählungen, gewinnt das Weiblich-Sanfte, das erlösende 'Mutterbild', an Bedeutung. Die kriegerisch-männlichen Eigenschaften des Häuptlings Winnetou zum Beispiel werden durch weibliche Züge ergänzt:12 Der Apatsche hat jetzt "küßliche Lippen";13 seine Stimme besitzt einen - so heißt es in "Weihnacht!" -
Die Sehnsucht nach Liebe, die Suche nach der Frau und der Mutter,16 tritt der heldischen Attitüde zur Seite, ja verdrängt sie beinahe. Erste Anzeichen für diese Entwicklung hat es längst schon gegeben.17 Der Handlungs-Schwerpunkt verlagert sich, immer mehr nun, nach innen:18 Das in den Ich-Romanen "bisher gemiedene Sujet Familie"19 dringt ein in die Reiseerzählungen; und "der Auflösungsprozeß der Abenteuerthematik"20 ist nicht mehr aufzuhalten.
Im Jahre 1895 hat May, nach dem ebenfalls nicht besonders produktiven Jahr 1894, lediglich fünf kleine 'Marienkalender'-Geschichten (im Gesamtumfang von weniger als 300 Seiten) und den mittleren Teil der relativ kurzen Jugenderzählung Der schwarze Mustang verfaßt21 - für Karl Mays bisherige Verhältnisse auffallend wenig! Der Hauptgrund für dieses quantitative Nachlassen seiner Schaffenskraft dürfte eine innere Ermüdung, eine literarische Erschöpfung des Autors gewesen sein: Er hatte sich, wie schon früher erwähnt,22 gleichsam 'leergeschrieben'; als Abenteuerschriftsteller hatte er sich verbraucht; wesentlich Neues konnte er auf diesem Gebiet nicht mehr bringen.
In Old Surehand III (1896) meint der Ich-Erzähler zu Winnetou: "Diese Geschichte muß ein Ende nehmen. Ich habe das ewige Anschleichen satt!"23 Im Klartext: diesen Roman will er, möglichst rasch, nun zu Ende bringen. Und überhaupt: der Abenteuer, der bisherigen Merkmale seines Schreibens, ist er längst überdrüssig; es wird Zeit, in anderer Weise und mit anderen Schwerpunkten zu schreiben!
Um 1898/99, mit der Entstehung des Jenseits-Romans, wird sich der Autor tatsächlich 'verwandeln'. Doch schon jetzt, seit 1896 spätestens, hat May die Akzente verschoben. Die Metamorphose wird eingeübt.
Die Suche nach der Frau und der Mutter verbindet sich bei May, in den späten Reiseerzählungen, in drängender Weise mit der - immer schon mächtigen - Suche nach Gott. "Das schriftstellerische Werk zeigt die folgerichtige, weil von zunehmender Unruhe der Seele diktierte, Hinwendung [...] zu Gott und zu dessen Walten der Gnade oder der Ungnade über das Geschöpf Karl May."24 Da ist es kein Wunder: das äußere Geschehen, die spannende Handlung, die - sieht man genauer hin - schon in den 'klassischen' Reiseerzählungen gar nicht die Hauptsache war, verliert an Gewicht. Im Nachwort (1904) zu Winnetou III wird May dann erklären: "Ich bitte um Geduld; wir haben ja Zeit; wir sind erst im Beginn [...] Wer Mut hat, gehe mit; [...] der Weg [...] ist nicht leicht und führt über jene Stelle, jenseits der nur noch innere Ereignisse Geltung haben."25
Ähnlich wie in den Schluß-Kapiteln der Mahdi-Erzählung bricht in der Surehand-Fortsetzung der innere Zwiespalt, die psychische Last, der virulent gebliebene Konflikt des Autors viel gewaltiger durch als in den 'klassischen' Reiseerzählungen. Den Schrei nach Erlösung, nach Versöhnung mit Gott, hört der Leser sehr deutlich heraus.
Die vordergründige Story, die landschaftliche Kulisse und das psychische Innenmaterial hatten sich in den früheren Romanen, vor allem im Orientzyklus, "zu einer bruchlosen Einheit zusammengefügt".28 Diese Harmonie beginnt sich nun aufzulösen: Unterbewußte seelische Vorgänge (Angstträume und Schreckgesichte, das Verlangen nach Gott und die Sehnsucht nach Liebe) stören den Fluß der oberschichtigen Handlung. War die 'Binnenhandlung' in den klassischen Reiseerzählungen noch kunstvoll versteckt, so kann der Leser den psychodramatischen Kern, das 'Seelenprotokoll' des Autors, in Surehand III relativ leicht erkennen: Der 'Panzer', die abenteuerliche Fabel, hat größere Sprünge bekommen. Die Enthüllung beginnt.
'Symbolisch' ist, wie in vielen - auch früheren - Erzählungen Mays,29 schon der topographische Rahmen zu deuten: Die Handlung führt aus der Wüste, dem Llano estacado (in Surehand I), zu den Höhen des Gebirges, der Rocky Mountains (im Schlußband), empor.30 Die Aufwärts-Bewegung markiert auch das ethisch-religiöse Programm.31 Das Surehand-Personal strebt tastend und zweifelnd, forschend und suchend seinem Ziele entgegen. Die 'Höhe', der Ort des Göttlichen, des Gerichts und der Gnade, wird am Ende des Geschehens erreicht.
Das eigentliche Thema in Old Surehand III ist die Suche nach Gott, nach dem 'mütterlichen' Antlitz der Barmherzigkeit Gottes.32 Mays existentielle Not, seine heimlichen Schuldgefühle, seine Recherche nach der Liebe der Mutter und der Zuwendung Gottes offenbaren sich in dieser Erzählung: im Schicksal der wichtigsten Romanfiguren.
Old Surehand, der Titelheld, hat seit langer Zeit das "Beten" verlernt (S. 468).33 Er führt das Leben Ahasvers. Er verschweigt mit verbissenem Eigensinn (S. 457f.) seinen Gram, sein Geheimnis: daß sein Vater - wie der junge May - ein 'Verbrecher', ein "Zuchthäusler" (S. 504) war. Old Surehand alias Leo Bender verschließt sich im Schweigen: weil er - wie der Autor - Angst hat vor dem Bekanntwerden seiner Vergangenheit, vor dem Verlust seines Ansehens.34 Er schweigt. Und er sucht seine "Mutter" (S. 562). Gegen Ende der Trilogie findet Surehand - zu Gott (S. 498). Der 'Stumme' kann wieder reden, seine Angst ist geheilt, und - die Mutter ist nahe.
Das Leid, die Sehnsucht nach der Liebe der Mutter bedrängen auch Apanatschka, den Unterhäuptling der Naini-Komantschen. Der tapfere Held denkt zärtlichst an Tibo-wete, die er für seine Mutter hält, und die dem Wahnsinn verfallen ist. Auch dieser Mann ist ein Rätsel. Eigentlich heißt er Fred Bender und ist, ohne es zu wissen, der jüngere Bruder Old Surehands. Als er seine Mutter, seine richtige Mutter, erkennt, fällt er "mit ihr in die Knie", hält sie "fest umschlungen" und drückt "seinen Kopf an ihre Wange" (S. 521). Das 'mütterliche Prinzip' hat, auch hier, den männlichen Stolz, die Heldenpose des Kriegers überwunden.
Der innere Friede kehrt für Surehand und Apanatschka, die halbindianischen Brüder, zurück in der Gestalt Kolma Puschis. Dieser ruhelose, immer hilfsbereite, jede menschliche Bindung - zunächst - aber zurückweisende (S. 182) Indianer hat im Aussehen die größte "Aehnlichkeit mit Winnetou" (S. 181). Doch selbst den Apatschen scheint Kolma Puschi ('Schwarzes Auge'), der geheimnisvolle, zu keinem Volk und keinem Stamm gehörende Fremde, zu übertreffen: an magischer Ausstrahlung, vollendeter Männlichkeit und kriegerischem Genie. Zuletzt freilich entpuppt sich der Indianer als - eine Frau namens Tehua ('Sonne') alias Emily35 Bender!
Kolma Puschi ist die Schwester von Tokbela (Tibo-wete-elen alias Ellen Bender), der vermeintlichen Mutter des Naini-Häuptlings. Leo und Fred, ihre verlorenen Söhne, hat sie gesucht - so viele Jahre vergeblich. Sowie sie in Apanatschka den jüngeren Sohn wie-
dererkennt, fällt die Maske, die Männlichkeit, ab. Wie der Bowie-Pater (Miß Ella) in Die Juweleninsel36 - aber erzählerisch viel besser motiviert als in der Parallel-Szene des Frühwerks - sinkt die Indianerin auf die Knie (S. 521). Sie muß ihre Tränen jetzt nicht mehr verbergen. Sie darf nun sein, was sie ist: die Sonne, die Mutter, die liebende Frau.
Das erzählende 'Ich' hat alle Zusammenhänge vorausgeahnt. Old Shatterhand kann und weiß wieder fast alles. Doch "erst in fünfter, sechster Stelle ist er Westmann, in erster aber Christ." (S. 81) Das Wunsch-Ich des Autors versucht, nach besten Kräften, den Grundsätzen des "wahren Christentums" (S. 469) - der dienenden Liebe, die nicht auf Verdienste pocht, die nicht den eigenen Glanz und die eigene Ehre sucht (S. 469f.) - zu entsprechen. Old Shatterhand ist überlegen, aber er spielt sich nicht auf; er lenkt, im Rahmen seiner Möglichkeiten, das Geschehen und vertraut vor allem auf Gottes Führung. Nur: die empirische, die vorläufige Wirklichkeit Karl Mays zeigt sich weniger in Old Shatterhand, um so mehr aber in Surehand und anderen Protagonisten.
Die, autobiographisch gesehen, wohl interessanteste Figur des Romans ist Fred Cutter, genannt Old Wabble, der (über neunzig Jahre alte) 'König der Cowboys'. Zum ersten Mal tritt er auf in der 1889/90 verfaßten May-Erzählung Der erste Elk.37 Spiegelt er dort - nach Hartmut Vollmer - den Charakter des Vaters, die bezwingende Macht, aber auch die Härte des Heinrich May, so kann er jetzt, in der Surehand-Trilogie, zum einen als partielle Selbstdarstellung des Autors und zum andern als Symbol des "fin de siècle" (S. 151), des gottfernen Materialismus, verstanden werden.38
In der Figur des Old Wabble ist May vom "Typenschilderer zum Menschengestalter"39 gereift. Gebrochen und widersprüchlich ist dieser Charakter: Zunächst, in Surehand I, als eher sympathisch beschrieben,40 verkörpert Old Wabble, im folgenden, die düstersten Möglichkeiten des früheren, des kriminell gewordenen Karl May. Eine lange, silbrige Haarmähne schmückt das gottlose Haupt; doch dies ist die einzige Zierde des Cowboys. Old Wabble sieht aus wie der Tod: ein Misanthrop, ein 'Schnitter' (Cutter), ein 'Sensenmann'! Zu den destruktivsten - natürlich übersteigerten, ins Dämonische verzerrten, zur eigenen Abschreckung bestimmten - Spiegelungen des 'anderen', des 'finsteren' May gehört dieser Cutter. Er lästert Gott und die Ewigkeit mit hämischer Bosheit (z.B. S. 44); und er scheut keine Untat und keinen Verrat an Old Shatterhand, dem früheren Gefährten, den er als "Heulmaier", als bigottischen Missionar und albernen "Schäfleinshirten" (S. 294) verhöhnt.
Cutters Leben wird, konsequent, als Sein zum Tode geschildert. Das Sterben kündigt sich an in Etappen: Der Alte versengt sich die langen Haare (S. 207) - ein "Signum des Macht- und gleichzeitig des Lebensverlustes";41 und kurze Zeit später erleidet Old Wabble, in seinem Alter kaum heilbar, einen doppelten Armbruch (S. 263) - was autobiographisch als Chiffre für die Krise des Autors: die "Zerstörung des Abenteuerschreibens"42 interpretiert werden könnte.
Die letzten Stunden Old Wabbles offenbaren, wie Claus Roxin gezeigt hat,43 die Ängste, die Schrecken des armen May, des nach Erlösung hungernden Schriftstellers. Fred Cutter stirbt eines gräßlichen Todes: Eine gespaltene Fichte, die wir "als weibliches Sexualsymbol"44 verstehen könnten, preßt den Unterleib (den Sitz der Begierde und der männlichen Kraft) Old Wabbles zusammen. Cutters "kein Ende" nehmender Schrei brüllt die seelische Not Karl Mays und "die Schmerzen einer ganzen Welt" (S. 490) heraus!
Daß es in Surehand III und in weiteren, etwa gleichzeitig entstandenen, Erzählungen Mays45 gehäuft solche Szenen gibt (Atheisten, in ihrer Kälte, ihrer Liebesleere erstarrte Verbrecher werden durch 'Gottesgerichte' geblendet, zerschmettert, von Tieren gefressen
usw.), wirft natürlich die Frage auf: WARUM erfindet May solche Szenen? Welche Gemütsverfassung treibt ihn dazu? Das Zerbröckeln der - bisherigen - 'Charakterpanzerung'46 und des Heldenideals Karl Mays, aber auch die Eheprobleme und die bevorstehende, von May vielleicht vorausgeahnte Vernichtung seines Rufes haben "ersichtlich schon in den Jahren 1896/97 zu schweren Angstzuständen, zu jenem alptraumartigen Gefühl, zermalmt, erdrückt, zerquetscht zu werden, geführt, das in den Werken dieser Jahre schockierend und zwanghaft immer wiederkehrt."47
Über psychographische, ans persönliche Schicksal des Autors geknüpfte Gesichtspunkte hinaus ist die - theologische - Frage allerdings nicht zu umgeben: Welche Gottesvorstellung wird von May hier vermittelt? Ein beleidigter, ein grausam sich rächender, die Lästerung (Old Wabbles u.a.) entsetzlich vergeltender Gott? Ein 'gerechter', ein strafender Gott, der Blut sehen will? Ist dieses Gottesbild zu vereinbaren mit der Liebe, der ewigen Liebe, an die Karl May doch geglaubt und die er verkündet hat?
Ein reines Phantasieprodukt, eine bloße Angstprojektion unseres Schriftstellers ist Old Wabbles Tod keineswegs. So wie Fred Cutter - gefoltert, erdrückt und zerstampft - sind schon viele, auch Unschuldige, tatsächlich ums Leben gekommen. Wie kann Gott, der barmherzige Vater, das zulassen?48 Kein Mensch, kein Theologe, kein Papst und kein Heiliger, kann diese Frage erschöpfend beantworten. Denn es gibt - wie Karl Rahner, einer der bedeutendsten Ausleger des menschlichen Seins und des christlichen Glaubens, bemerkt hat - kein Licht, das die "Abgründigkeit des Leides erhellt, als Gott selbst. Und ihn findet man nur, wenn man liebend Ja sagt zur Unbegreiflichkeit Gottes selbst, ohne die er nicht Gott wäre."49
Was will Gott von den Geschundenen? Was will er von Karl May? Und was will dieser - von Gott?50 Der Schriftsteller sucht den Frieden der Seele, die Versöhnung mit der dunklen Vergangenheit. Er schafft sich in Cutter ein Alter ego, das die (abgründigen) Möglichkeiten Karl Mays in exzessiver Weise verwirklicht. Und in der Schilderung des Todes, der Sterbestunde Old Wabbles, die auf dreizehn Buchseiten seziert wird, faßt er seine tiefste und letzte Hoffnung, sein - in der Anfechtung durchgehaltenes - Ja zu Gott, seine (in späteren Werken verfeinerte) "Lebens- und Sterbensphilosophie"51 ins stammelnde Wort.
Das Wunderbare geschieht: Der 'verlorene Sohn' kehrt doch noch zurück. Der sterbende 'King of the cowboys' fleht, in seiner äußersten Angst, um Gnade, um die Vergebung des Himmels.52 Ein einziger Augenblick der wirklichen Reue - subjektiv wie eine "Ewigkeit" (S. 497) empfunden - verändert sein Leben. Old Wabbles Haß, seine Kälte, sein Spott sind gebrochen.
Old Shatterhand betet für Cutter. Und dieser berichtet:
Das Lächeln war in seinem Angesichte geblieben; es war so mild, als ob er wieder von seiner Mutter träume. Doch war's kein Traum mehr, der ihm die Erbarmung zeigte; er sah sie jetzt in Wirklichkeit, in jener Wirklichkeit, die über allem Irdischen erhaben ist; - - er war tot! - (S. 501)
"Ich schrieb eine Menge Bücher. Ich ließ mein 'Ich' in ihnen sprechen. Ich wurde nicht verstanden. Ich gab das Köstlichste, was es auf Erden giebt, in irdenem Gefäße [...] Es tranken Hunderttausende daraus, doch allen war der Trank nichts als nur Wasser. Die Schale täuschte alle! Ich hatte es den Menschen zu bequem gemacht. Man trank gedankenlos und lachte mich dann aus."20
//267//
Ich hatte meine Sujets aus meinem eigenen Leben, aus dem Leben meiner Umgebung, meiner Heimat zu nehmen und konnte darum stets der Wahrheit gemäß behaupten, daß Alles, was ich erzähle, Selbsterlebtes und Miterlebtes sei. Aber ich mußte diese Sujets hinaus in ferne Länder und zu fernen Völkern versetzen, um ihnen diejenige Wirkung zu verleihen, die sie in der heimatlichen Kleidung nicht besitzen.23
Der Inhalt seiner Geschichten sei - so beteuerte May - rein bildlich gemeint, er bestehe "fast nur aus Gleichnissen";24 "rein deutsche Begebenheiten" habe er "im persischen Gewande"25 erzählt, um sie farbiger und interessanter zu gestalten.
//268//
8.4.1
Biographische Spiegelungen
Nichts, was May schrieb, ist vollkommen. Aber auch nichts ist literarisch ganz wertlos. Und das meiste ist authentisch im Sinne des echten Erlebens.34 Denn in allem gab der Autor sich selbst:
Ich schreibe ein Werk, in dem ich mein inneres Wesen sprechen lasse. Ich lege alles Hässliche hinein, was mich quälte, und alles Schöne und Edle, was mich begeisterte und hob. Ich will ehrlich zeigen, wie ich sank und wie ich stieg, damit alle, die mich lesen, nicht sinken, sondern steigen. Ich gebe meinen Geist und meine ganze Seele hin, genau so, wie ich bin, im Gemüt, im Kopf, im Herzen. Für diese meine innere Persönlichkeit und all ihr Glauben, Hoffen, Lieben, Dulden und Leiden, artikuliere ich den einzig möglichen Körper, in dem sie von anderen Leuten verstanden und begriffen werden kann; er hat die Gestalt eines Romans.35
Seine Erzählungen hat May, so Walther Ilmer,
als ein Instrument genutzt, sich die aus [...] den Straftäterzeiten herrührenden Qualen aus dem Inneren des Ich herauszuschreiben und auch die jeweils aktuellen, im Lebensverlaufe neu hinzutretenden Problemlasten mit zu verarbeiten [...] Insoweit sind eben die Reise-Erzählungen der getreue Spiegel des Lebens ihres Autors und gewinnen auch eben dadurch ihren ganz besonderen unauslöschlichen Reiz.36
In den Freuden und Leiden eines Vielgelesenen (1896) versicherte May: "Weil ich meist Selbsterlebtes erzähle und Selbstgesehenes beschreibe, brauche ich mir nichts auszusinnen."37 Richtig verstanden ist diese Aussage wahr. Die Frage ist nur: WAS hat der Verfasser der Ich-Romane persönlich erlebt? Hat er die Großtaten Old Shatterhands und Kara Ben Nemsis persönlich vollbracht?
//269//
//270//
"Ich war der berühmteste Krieger meines Stammes und nehme es, wie du weißt, mit allen Helden des Weltalls auf [...] Sende mir nur einmal leibhaftige, lebendige Feinde, etwa fünfzig oder hundert oder meinetwegen auch tausend! Du sollst sehen, wie mein Heldenarm unter ihnen aufräumt! Mein Mut ist wie der Sturm der Wüste, der alles niederreißt, und vor meiner Tapferkeit erbeben selbst die Felsen. Wenn ich im Kampfe meine Stimme und meinen Arm erhebe, so rennen selbst die Tapfersten davon, und vor dem Brüllen meines Gewehres hält kein Verwegener stand."51
In vielen Szenen und vielen (dem Charakter und Temperament nach ganz unterschiedlichen, gelegentlich auch widersprüchlichen, in sich selbst gespaltenen) Figuren schildert Karl May seine innere Biographie, seine eigene Seelenwelt: "Ich schreibe nieder, was mir aus der Seele kommt, und ich schreibe es so nieder, wie ich es in mir klingen höre."52 Dieser Hinweis in der Selbstbiographie trifft sicherlich zu. Daß Mays Werke, besonders die in der Ich-Form erzählten Reiseromane, in Wahrheit 'Reisen ins Innere'53 sind, daß sie die - nach der Meinung verständiger Interpreten oft "großartig gelungene"54 - Umsetzung seines Innenlebens in Literatur, daß sie mehrfach geschichtete Schlüsselromane, daß sie im Grunde bewundernswerte 'Seelenprotokolle' des Autors sind, dies haben die Untersuchungen Walther Ilmers, Claus Roxins, Heinz Stoltes u.a. so plausibel gezeigt, daß an der grundsätzlichen Richtigkeit und Ergiebigkeit dieses Forschungsansatzes nicht mehr zu zweifeln ist.55
//271//8.4.2
Die Botschaft der Seele
Das Wesen des Kunstwerks besteht - nach C.G. Jung - darin, "daß es sich weit über das Persönliche erhebt und aus dem Geist und dem Herzen und für den Geist und das Herz der Menschheit spricht."62
Der Erfolg eines Buches hängt davon ab, ob aus ihm der Geist oder die Seele des Verfassers spricht und ob es an den Geist oder an die Seele des Lesers gerichtet ist [...] Wer eine allgemeine, unbeschränkte Wirkung erstrebt, wer ganze Kreise, ganze Klassen, ja vielleicht gar ein ganzes Volk hinreißen und begeistern will, der spreche von Seele zu Seele. Und das ist nicht leicht; die Volksseele läßt sich nicht täuschen. Der Verkehr von Seele zu Seele gleicht einer drahtlosen Telegraphie. Die Stimmung muß hüben wie drüben auf dieselbe Schwingung gestellt sein. Der Geist mag noch so sehr raffinieren, mag es noch so pfiffig anfangen, mag sich noch so große Mühe geben, für die Seele gehalten zu werden, er wird doch keine Wirkung erzielen, weil ihn die Seele da drüben gar nicht hört und also auch gar nicht versteht.69
Karl May spricht, wie die Märchen und Mythen, aus der (so oft) verschütteten Tiefe, aus der 'Menschheitsseele' heraus zum Herzen des Lesers. Aus Ur-Symbolen der Angst und der wunderbaren Errettung, aus archetypischen Träumen, aus dem Urgrund, in dem das Menschliche zuunterst verwurzelt ist, steigen seine Geschichten herauf. Dies verleiht ihnen die zeitlose Gültigkeit, über das Individuelle, Karl May nur persönlich Betreffende hinaus: Jeder Leser kann sie auf sich, "auf die Widerfahrnisse seiner eigenen Seele beziehen"!70
nichts in der deutschen Literatur, was sich in ähnlicher Fülle und Deutlichkeit mit Archetypen beladen ins Herz des Lesers wälzt. Goethe mochte sich für den letzten Homeriden halten; Karl May IST der letzte Homeride gewesen [...] Der in die Subkultur geflohene Homer ist Karl May.72
//272//
sich dessen bewußt, daß seine Phantasiewelt dieselben Inhalte besaß wie die große mythische und religiöse Tradition, und daß diese Tradition ein PSYCHOLOGISCHES Phänomen darstelle - eine damals höchst fortschrittliche Einsicht gegenüber der offiziellen akademischen Haltung, die Mythen nur als verdunkelte Berichte von naturhistorischer [...] Wirklichkeit zu deuten versuchte.74
Die Mythen enthalten - wie die Märchen - eine Botschaft, die nicht nur für Kinder bestimmt ist. Denn in Mythen und Träumen, in Märchen und Sagen wohnt die Seele des Menschen, die verlorene Seele des 'erwachsenen' Denkens. Die Psychologen und zum Teil auch die Theologen75 haben das inzwischen erkannt. Karl May, der "mythologische Puppenspieler",76 wußte dies früher schon:
Wie man behauptet, daß das Märchen nur für Kinder sei, so bezeichnet man mich als "Jugendschriftsteller", der nur für unerwachsene Buben schreibe. Kurz, ich brauche mich gar nicht zu entschuldigen, daß ich so verwegen gewesen bin, nur ein Märchen- und Gleichnisschriftsteller sein zu wollen.77
Daß May schon in den Reiseerzählungen (bis zur Jahrhundertwende) ein 'Märchen-Schriftsteller' sein WOLLTE, mag man bezweifeln;78 aber er IST es gewesen. Er war, wie Ernst Bloch sagte, aus dem Geschlecht Wilhelm Hauffs, "nur mit mehr Handlung"; er schrieb "keine blumigen Träume, sondern Wildträume, gleichsam reißende Märchen".79 Spätestens um 1900 hat May den Märchen-Charakter seiner Werke erkannt; als "Hakawati", als - verkannten - Märchenerzähler, hat er sich selbst nun bejaht: "Das Märchen und ich, wir werden von Tausenden gelesen, ohne verstanden zu werden, weil man nicht in die Tiefe dringt."80
//273//
8.4.3
Die mystagogische Intention
Mays Reiseerzählungen sind nicht nur fesselnde Abenteuerromane und nicht nur verkappte Selbstbiographie und nicht nur mythologische Tiefenpsychologie. Alle diese Bereiche werden überschritten ins Metaphysische, ins Theologische. Mays epische Dichtung ist, dieser Aspekt wird oft übersehen, zumindest streckenweise 'erzählende Theologie'.89
Karl May schrieb nicht, wie er im Alter behauptete, ethische Romane trotz ihres Abenteuergerüstes, er schrieb, umgekehrt, Abenteuerromane trotz ihres ethischen Programms. Es ist offensichtlich, wie die Ideologie dem Bau seiner Romane mehr als erzähltechnische Funktion denn als 'Botschaft' zugute kommt.
Was für May - so Klotz - "nur Gefäß schien", das Abenteuer, "war die Sache selbst, wofür wir ihm wider seinen Willen dankbar sind".92
//274//
//275//
8.4.4
Gesellschaftskritische Ansätze
Der Schriftsteller glaubt an die Macht und die Weisheit des Schöpfers; aber die Kreatur, der Mensch, wird nicht entmündigt in der Sichtweise Mays. Die Weltverantwortung des Menschen wird ernstgenommen. Denn Mays Reiseerzählungen setzen immer voraus: Erlöst wird durch Gott, aber nicht ohne den Menschen, nicht gegen ihn und nicht an seinem Wollen und Handeln vorbei.
//276//
Ganz so gleichwertig, wie Schmiedt es hier nahelegt, nehmen sich die Tendenzen in Mays Werk nämlich trotz weitgehender Offenheit für unterschiedliche Deutungen keineswegs aus; die dominierende Haltung läßt sich durchaus bestimmen, [...] der rote Faden humanitärer Gesinnung gerät bei abwägender Deutung nie außer Blickweite.119
Wichtige (freilich nicht die einzigen) Ursachen für das Leid in der Welt sind die Unwissenheit, die menschliche Selbstsucht, die rücksichtslose Profitgier, die nationale und rassistische Überheblichkeit, die weltanschauliche und religiöse Intoleranz, die Bereitschaft zum Krieg, zur gewaltsamen Durchsetzung der eigenen Interessen. Gegen alle diese Strömungen wendet sich May, wenn auch nicht so pointiert wie im Spätwerk, in seinen Bestseller-Romanen. Der Grundtenor, auch in den Reiseerzählungen bis 1896, ist die Gerechtigkeit, die friedliche Aussöhnung, die Liebe im Sinne des Evangeliums. Das den 'Abenteuerromanen' zugrundeliegende Lebensgefühl ist anti-materialistisch, anti-rassistisch, anti-kolonialistisch120 und mit zunehmender Konsequenz auch anti-militaristisch.121 Es richtet sich, deutlich genug, gegen den Ausbeutungswillen der 'Ölprinzen', die Geldgesinnung, der 'Yankees',122 die Brutalität der Sklavenjäger und Indianerverderber.
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"'An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen', steht in der heiligen Schrift. Nun zeigt mir gefälligst die Früchte, welche die Indsmen von den [...] christlichen weißen Gebern geschenkt bekommen haben! Geht mir mit einer Civilisation, die sich nur von Länderraub ernährt und nur im Blute watet! [...] Schaut in alle Erdteile, mögen sie heißen, wie sie wollen! Wird da nicht überall und allerwärts grad von den Civilisiertesten der Civilisierten134 ein fortgesetzter Raub, ein gewaltthätiger Länderdiebstahl ausgeführt, durch welchen Reiche gestürzt, Nationen vernichtet und Millionen und Abermillionen von Menschen um ihre angestammten Rechte betrogen werden? Wenn Ihr ein guter Mensch seid, [...] so dürft Ihr Euer Urteil nicht nach der Ansicht der Eroberer richten, sondern nach den Meinungen und Gefühlen der Besiegten, der Unterdrückten, Unterjochten [...] 'Ich bringe Euch den Frieden; ich lasse Euch meinen Frieden!' hat der Weltheiland gesagt; nun tragt als Christen diesen Frieden hin in alle Lande und hin zu allen Völkern! Steckt, wie Petrus, Eure Schwerter in die Scheide; Eure einzige Waffe soll nur die Liebe sein, und auf Eurem Banner darf man nur das Wort Versöhnung lesen. Wie es einen Menschen gab, welcher die erste Mordwaffe erfand, so wird es dereinst [...] auch einen Menschen geben, der die letzte Waffe zwischen seinen Fäusten zerbricht."135
Die Welt und ihre Geschichte nicht mit den Augen der Sieger, sondern der Besiegten, der Opfer, betrachten! Das ist - alternatives Denken! Mays Bestseller-Romane als "ehrlichen Revolutionsersatz"136 oder als "Schule des aufsässigen Denkens"137 zu interpretieren, mag neckisch und überzogen sein; die Autorität, die staatliche Ordnung werden von May, dem resozialisierten Strafgefangenen, nicht grundsätzlich abgelehnt; eine absolut 'machtfreie' Gesellschaftsstruktur (die ja nun wirklich illusionär wäre und auch nicht wünschenswert ist) wird von May nicht gefordert. Aber kritisiert wird der MISSBRAUCH von Macht; bloßgestellt wird die rein formale, in Sachkompetenz und moralischer Integrität nicht begründete 'Autorität' der Tyrannen.
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Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig [...] Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns [...] Was ist der Mensch ohne die Tiere? [...] Was immer den Tieren geschieht - geschieht bald auch den Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde [...] Eines wissen wir, was der weiße Mann vielleicht eines Tages erst entdeckt - unser Gott ist derselbe Gott [...] Dieses Land ist ihm wertvoll - und die Erde verletzen heißt ihren Schöpfer verachten.147
So nicht bei Karl May, sondern in der Rede des Häuptlings Seattle zu lesen. Aber man nehme nur Winnetou I zur Kenntnis! Dieselbe Klage, derselbe Protest, dieselben Perspektiven!148
Anmerkungen
1 Vgl. Martin Lowsky: Karl May. Stuttgart 1987, S. 78f. 2 Vgl. Claus Roxin: Vorläufige Bemerkungen über die Straftaten Karl Mays. in: JbKMG 1971, S. 74-109 (S. 89). - Vgl. oben, S. 210. 3 Vgl. Gunter A. Öslers Interview mit Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. In: Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur Nr. 27. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Zürich 1989, S. 230-244. 4 Nach Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 62-123 (S. 101). 5 Nach Heinz Stolte: Wertung im Widerspruch. Ein Literaturbericht. In: JbKMG 1978, S. 264-291 (S. 276 mit Bezug auf Jochen Schulte-Sasse). 6 Vgl. z.B. 'Das gab mir Karl May'. Mitglieder berichten über Leseerfahrungen. SKMG Nr. 66 (1986). 7 Dazu Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 57ff. (dort auch ausführliche Angaben zur Sekundärliteratur). 8 Vgl. Wolf-Dieter Bach: Fluchtlandschaften. In: JbKMG 1971, S. 39-73. 9 Carl Zuckmayer: Palaver mit den jungen Kriegern über den großen Häuptling Karl May. In: KMJB 1930. Radebeul 1930, S. 35-43 (S. 39). 10 Vgl. z.B. Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 64. 11 Max Finke: Karl Mays Schreibart. In: KMJB 1924. Radebeul 1924, S. 267-289 (S. 268). 12 Richard Müller-Freienfels: Psychologie der Kunst I. Leipzig, Berlin 1923, S. 215; zit. nach Viktor Böhm: Karl May und das Geheimnis seines Erfolges. Gütersloh 21979, S. 143 (Anm. 33). 13 Ernst Bloch: Die Silberbüchse Winnetous (Neufassung des Erstdrucks von 1929). In: Ders.: Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt/M. 1962, S. 169-173; neu abgedruckt bei Helmut Schmiedt (Hrsg.): Karl May. Frankfurt/M. 1983, S. 28-31 (S. 28).
//279//14 Vgl. Erich Heinemann: Über Karl May. Aussprache namhafter Persönlichkeiten, mit 40 Zeichnungen von Carl-Heinz Dömken. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 5. Ubstadt 1980. - Zu Romano Guardini vgl. unten, S. 367, Anm. 37. 15 Vgl. besonders Arno Schmidt: Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays. Karlsruhe 1963 - dazu Heinz Stolte - Gerhard Klußmeier: Arno Schmidt & Karl May. Eine notwendige Klarstellung. Hamburg 1973 - Hans Wollschläger: Arno Schmidt und Karl May. In: JbKMG 1990, S. 12-29. - Weitere Sekundärliteratur bei Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 80. 16 Arno Schmidt: Abu Kital. Vom neuen Großmystiker. In: Dya Na Sore. Gespräche in einer Bibliothek. Karlsruhe 1958, S. 150-193; hier zit. nach Schmiedt (Hrsg.): May, wie Anm. 13, S. 45-74 (S. 57). 17 Otto Forst-Battaglia: Karl May. Traum eines Lebens - Leben eines Träumers. Beiträge zur Karl-May-Forschung 1. Bamberg 1966, S. 78 u. passim. 18 Aus Mays Brief vom 15.4.1901 an die 'Wiener Reichspost'; abgedruckt bei Wilhelm Vinzenz: Karl Mays Reichspost-Briefe. Zur Beziehung Karl Mays zum 'Deutschen Hausschatz'. In: JbKMG 1982, S. 211-233 (S. 214). 19 Klara Plöhn in einem undatierten (1902) Brief mit der Unterschrift 'Emma May' an Baronin Bertha von Wulffen (abgedruckt in: JbKMG 1983, S. 78ff., hier S. 79); der Brief wurde von Karl May sehr wahrscheinlich diktiert. 20 Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen IV. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXIX. Freiburg 1903, S. 70. 21 Ebd., S. 71. 22 Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg 1910. Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982, S. 131. 23 Ebd., S. 139. 24 Ebd., S. 211. 25 Ebd. 26 Vgl. unten, S. 321ff. 27 Engelbert Botschen: Die Banda Oriental - ein Umweg zur Erlösung. In: JbKMG 1979, S. 186-212 (S. 202). 28 Walther Ilmer: Durch die sächsische Wüste zum erzgebirgischen Balkan. Karl Mays erster großer Streifzug durch seine Verfehlungen. In: JbKMG 1982, S. 97-130 (S. 108). 29 May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 22, S. 15 1. 30 Heinz Stolte: Der Fiedler auf dem Dach. Gehalt und Gestalt des Romans '"Weihnacht!"'. In: JbKMG 1986, S. 9-32 (S. 22, mit Bezug auch auf frühere Reiseerzählungen Mays). 31 Vgl. oben, S. 173ff., 218ff. u. 243ff. 32 Vgl. Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 62ff. (mit ausführlichen Literaturangaben). 33 May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 22, S. 15 1. 34 Vgl. Ilmer: Durch die sächsische Wüste, wie Anm. 28, S. 105. 35 Karl May: Ein Schundverlag. Ein Schundverlag und seine Helfershelfer (1905 bzw. 1909). Prozeßschriften, Bd. 2. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 374. 36 Walther Ilmer: Karl Mays Weihnachten in Karl Mays '"Weihnacht!"' In: JbKMG 1987, S. 101-137 (S. 109). 37 Karl May: Freuden und Leiden eines Vielgelesenen. In: Deutscher Hausschatz. 23. Jg. 1897 (erschienen September/Oktober 1896); hier zit. nach der Original-Wiedergabe in: 'Der Rabe', wie Anm. 3, S. 175-211 (S. 202). 38 Vgl. oben, S. 244f. 39 Heinz Stolte: Die Reise ins Innere. Dichtung und Wahrheit in den Reiseerzählungen Karl Mays. In: JbKMG 1975, S. 11-33 (S. 32). 40 Vgl. z.B. Walther Ilmer: Mit Kara Ben Nemsi 'im Schatten des Großherrn'. Beginn einer beispiellosen Retter-Karriere. In: JbKMG 1990, S. 287-312 (S. 292). 41 Walther Ilmer: Das Märchen als Wahrheit - die Wahrheit als Märchen. Aus Karl Mays 'ReiseErinnerungen' an den erzgebirgischen Balkan. In: JbKMG 1984, S. 92-138 (S. 110). 42 Vgl. ebd. 43 Vgl. z.B. Wolf-Dieter Bach: Fluchtlandschaften, wie Anm. 8, passim - Ders.: Sich einen Namen machen. In: JbKMG 1975, S. 34-72. 44 Ilmer: Mit Kara Ben Nemsi, wie Anm. 40, S. 300.
//280//45 Roxin: Bemerkungen, wie Anm. 2, S. 80 - Vgl. Heinz Stolte: Der Volksschriftsteller Karl May. Beitrag zur literarischen Volkskunde (Reprint der Erstausgabe von 1936). Bamberg 1979, S. 118ff. 46 Claus Roxin: Einführung. In: Karl May: EI Sendador. 'Deutscher Hausschatz'. 16./17. Jg. (1889-91) Reprint der KMG. Hamburg, Regensburg 1979, S. 2-8 (S. 5). 47 May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 22, S. 116 u. passim. 48 Nach Hans Wollschläger: Der "Besitzer von vielen Beuteln". Lese-Notizen zu Karl Mays 'Am Jenseits' (Materialien zu einer Charakteranalyse II). In: JbKMG 1974, S. 153-171 (S. 158). 49 Dazu Gert Ueding: Die Rückkehr des Fremden. Spuren der anderen Welt in Karl Mays Werk. In: JbKMG 1982, S. 15-39 (S. 20ff.) 50 Dazu Ilmer: Durch die sächsische Wüste, wie Anm. 28, S. 125: "So straft Karl May im Geiste alle, die ihm Übles taten: er schickt sie in die Finsternis, die ihn als Kind umgab." 51 Karl May: Im Lande des Mahdi I. Gesammelte Reiseromane, Bd. XVI. Freiburg 1896, S. 211 f. - Dazu Heinz Stolte: Narren, Clowns und Harlekine. Komik und Humor bei Karl May. In: JbKMG 1982, S. 40-59 (S. 52). 52 May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 22, S. 228. 53 Vgl. Stolte: Reise ins Innere, wie Anm. 39, passim. 54 Nach Hanswilhelm Haefs: Der verlorene Sohn oder Der Fürst des Elends. Versuch einer Bilanz. In: MKMG 73 (1987), S. 45-49 (S. 48). 55 Daß alle, gelegentlich sehr waghalsigen, Kombinationen (etwa Ilmers) in allen Details immer richtig sein müssen, soll damit freilich nicht behauptet werden. 56 Vgl. oben, S. 118ff. 57 Vgl. Claus Roxin: "Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand". Zum Bild Karl Mays in der Epoche seiner späten Reiseerzählungen. In: JbKMG 1974, S. 15-73 (S. 49f.). 58 Zum letzteren Gesichtspunkt vgl. Ingmar Winter: Gottesurteil - Gottesgericht. Die Wiederbelebung des Ordals durch Karl May. In: MKMG 81 (1989), S. 19-26. 59 Ilmer: Karl Mays Weihnachten, wie Anm. 36, S. 109. 60 Ilmer: Das Märchen als Wahrheit, wie Anm. 41, S. 94. 61 Roxin: Einführung, wie Anm. 46, S. 3. 62 Carl Gustav Jung: Gestaltungen des Unbewußten. Zürich 1950, S. 29 - Dazu Ingrid Bröning: Die Reiseerzählungen Karl Mays als literaturpädagogisches Problem. Ratingen, Kastellaun, Düsseldorf 1973, S. 109-166 (zu Karl May und C.G. Jung). 63 Die "Menschheitsseele" gehört zu den wichtigsten Schlüsselbegriffen des Mayschen Alterswerks. 64 Aus Mays Brief vom 6.10.1905 an Hans Möller; zit. nach Claus Roxin: Das dritte Jahrbuch. In: JbKMG 1972/73, S. 7-10 (S. 7) - Doch schon 1886-88 bezeichnete May sein Spiegelbild Ma(y)x Walther als "Lehrer" und "Psycholog" (Karl May: Der Weg zum Glück. Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten. Hildesheim, New York 1971 (Reprint der Dresdner Erstausgabe von 1886-88, S. 638)! 65 Ausführlich dargestellt bei Udo Kittler: Karl May auf der Couch? Die Suche nach der Seele des Menschen. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 9. Ubstadt 1985, S. 17-65 - Vgl. May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 22, S. 81; der dortige Hinweis auf Schubert klingt nach Ernst Seybold (Brief vom 10.4.1991 an den Verfasser) freilich eher nach Distanz. 66 Aus Mays Brief vom 29.11.1906 an Prinzessin Wiltrud von Bayern; abgedruckt in: JbKMG 1983, S. 92ff. (S. 92). 67 Zu diesem Aspekt vgl. Stolte: Volksschriftsteller, wie Anm. 45, passim - Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 71 ff. 68 Vgl. Bröning, wie Anm. 62, S. 169f. - Nach Dieter Ohlmeier: Karl May: Psychoanalytische Bemerkungen über kollektive Phantasietätigkeit. In: Materialien zur Psychoanalyse und analytisch orientierten Psychotherapie 4 (1978), S. 337-360 (S. 339), hingegen werden (in Winnetou I) Adoleszenzkonflikte nicht gelöst, sondern nur "arretiert"; zit. nach Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 73. 69 Franz Langer (= Karl May): Die Schund- und Giftliteratur und Karl May, ihr unerbittlicher Gegner (1909). In: Schriften zu Karl May. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 2. Ubstadt 1975, S. 199-236 (S. 203f.). 70 Claus Roxin: Einführung. In: Karl May: "Giölgeda padishanün" - Reise-Abenteuer in Kurdistan. 'Deutscher Hausschatz' 7./8. Jg. 1880-82. Reprint der KMG. Hamburg, Regensburg 1977, S. 2-6 (S. 3).
//281//71 Vgl. May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 22, S. 314 u. 317. 72 Bach: Fluchtlandschaften, wie Anm. 8, S. 41. 73 Ebd., S. 62. 74 Ebd. - Vgl. auch Erwin Koppen: Christliche Mythen bei Alexandre Dumas und Karl May. In: Mythos und Mythologie in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Hrsg. von Helmut Koopmann. Frankfurt/M. 1979, S. 199-211. 75 Interessant sind in diesem Zusammenhang die tiefenpsychologischen Deutungen diverser Grimm-Märchen, des Kleinen Prinzen (von A. de Saint-Exupéry) und der Kindheitsgeschichte Jesu (nach Lukas) durch Eugen Drewermann. 76 Bach: Fluchtlandschaften, wie Anm. 8, S. 63. 77 May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 22, S. 141. 78 Mays öffentliche Auftritte als Old Shatterhand (vgl. unten, S. 325ff.) sind freilich kein zwingendes Argument gegen die Möglichkeit, daß May den Märchen-Charakter seiner Erzählungen schon früh erkannt haben könnte. 79 Ernst Bloch: Traumbasar. In: KMJB 1930. Radebeul 1930, S. 59-64 (S. 61). 80 May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 22, S. 141. 81 Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 72 (mit Bezug auf Böhm, wie Anm. 12, S. 167ff.). 82 Vgl. auch Franz Cornaro: Der Märchenerzähler. In: KMJB 1924. Radebeul 1924, S. 173-198 - Klaus R. Meichsner: Der Hakawati. Die Märchen von Karl May. Heidelberg 1978 - Wiltrud Ohlig: Das Vermächtnis des Hakawati. In: MKMG 46 (1980), S. 31-37 - Weitere Literatur bei Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 74ff. 83 Dazu Ralf Harder: Kara Ben Nemsi und der Wolf. In: MKMG 60 (1984), S. 21 ff. 84 Vgl. oben, S. 145. - Weitere Beispiele für Märchen-Motive bei May nennt Ilmer: Das Märchen als Wahrheit, wie Anm. 41, S. 92 u. 131f. (Anm. 5). 85 Vgl. z.B. Stolte: Die Reise ins Innere, wie Anm. 39, S. 12. 86 Vgl. Bernd Steinbrink: Vom Weg nach Dschinnistan. Initiationsmotive im Werk Karl Mays. In: JbKMG 1984, S. 231-248. 87 Roxin: Bemerkungen, wie Anm. 2, S. 108 (Anm. 95). 88 Rainer Stephan: Karl May oder Brauchen wir eine erwachsene Literatur? Bemerkungen zur seltsamen Rehabilitation des Großschriftstellers. In: Süddeutsche Zeitung (7.10.1987), S. XV. 89 Vgl. oben, S. 189ff. 90 So Britta Berg: Religiöses Gedankengut bei Karl May. SKMG Nr. 47 (1984), S. 11. 91 Volker Klotz: Durch die Wüste und so weiter. In: Schmiedt (Hrsg.): May, wie Anm. 13, S. 75-100 (S. 92). 92 Ebd., S. 99. 93 Vgl. Ueding: Die Rückkehr des Fremden, wie Anm. 49, passim. 94 Vgl. oben, S. 246. 95 Karl May: "... daß ja diese Ewigkeit auch unsere Zeit umschließt" (Brief aus dem Jahre 1902). In: MKMG 56 (1983), S. 19ff. 96 Ilmer: Durch die sächsische Wüste, wie Anm. 28, S. 124. 97 Ueding: Die Rückkehr des Fremden, wie Anm. 49, S. 32. 98 Ebd., S. 15 u. passim. 99 Vgl. Hans Wollschläger: "Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt". Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays. In: JbKMG 1972/73, S. 11-92. 100 Ueding: Die Rückkehr des Fremden, wie Anm. 49, S. 38. 101 Vgl. Harald Fricke: Karl May und die literarische Romantik. In: JbKMG 1981, S. 11-35. - Vgl. oben, S. 261. 102 Vgl. Ueding: Die Rückkehr des Fremden, wie Anm. 49, S. 19, 21f, 32f. 103 Ebd., S. 34. 104 Ebd., S. 35. 105 Vgl. Steinbrink, wie Anm. 86. 106 Vgl. Berg, wie Anm. 90, S. 3. 107 Zum Begriff der "Mystagogie" vgl. Karl Rahner: Atheismus und implizites Christentum. In: Ders.: Schriften zur Theologie VIII. Einsiedeln, Zürich, Köln 1967, S. 187-212 (S. 205).
//282//108 Karl May: Old Surehand I. Gesammelte Reiseromane, Bd. XIV. Freiburg 1894, S. 408f. - Vgl. Ueding: Die Rückkehr des Fremden, wie Anm. 49, S. 37. 109 Vgl. May: Old Surehand I, wie Anm. 108, S. 410f. 110 Ebd., S. 408. 111 Heinz Stolte: Hiob May. In: JbKMG 1985, S. 63-84 (S. 77). 112 Ansätze bei Walter Schönthal: Christliche Religion und Weltreligionen in Karl Mays Leben und Werk. SKMG Nr. 5 (1976). - Vgl. Ernst Seybold: Aspekte christlichen Glaubens bei Karl May. SKMG Nr. 55 (1985) - Ders.: Karl-May-Gratulationen. Geistliche und andere Texte zu und von Karl May 1 - V. Ergersheim 1987 u. 1989ff. 113 Dazu Heinz Stolte: Auf den Spuren Nathans des Weisen. Zur Rezeption der Toleranzidee Lessings bei Karl May. In: JbKMG 1977, S. 17-57 - Ekkehard Koch: "Jedes irdische Geschöpf hat eine Berechtigung zu sein und zu leben". Zum Verhältnis von Karl May und Johann Gottfried Herder. In: JbKMG 1981, S. 166-206. 114 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt/M. 1959 u.ö., S. 5, 115 Vgl. die Zusammenfassung bei Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 86-96. 116 Helmut Schmiedt: Karl May. Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers. Frankfurt/M. 21987, S. 182. 117 Vgl. auch Peter Krauskopf. Die Heldenrevision in Karl Mays Reiseerzählung 'Und Friede auf Erden' als Kritik am wilhelminischen Imperialismus. In: MKMG 71 (1987), S. 3-10; Fortsetzung in MKMG 72 (1987), S. 3-11. 118 Schmiedt: Karl May, wie Anm. 116, S. 261. 119 Günter Scholdt: Hitler, Karl May und die Emigranten. In: JbKMG 1984, S. 60-91 (S. 78). 120 Vgl. Jochen Schulte-Sasse: Karl Mays Amerika-Exotik und deutsche Wirklichkeit. Zur sozialpsychologischen Funktion von Trivialliteratur im wilhelminischen Deutschland. In: Schmiedt (Hrsg.): May, wie Anm. 13, S. 101-129 (S. 113ff.). - Schulte-Sasse will in Mays Wildwest-Geschichten nun allerdings eine spezifisch deutsche Imperialismus-Gesinnung erkennen, die zwar den fremden Kolonialismus attackiert, das Deutschtum aber glorifiziert. - Dagegen zu Recht Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 88. 121 Vgl. Lowsky: Ebd., S. 87. 122 Zu Mays eigener - ambivalenter - Einstellung zum Geld vgl. Martin Lowsky: Problematik des Geldes in Karl Mays Reiseerzählungen. In: JbKMG 1978, S. 111-141. 123 Vgl. Karl May: Old Surehand III. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XIX. Freiburg 1896, S. 2f. 124 Vgl. May: Im Lande des Mahdi I, wie Anm. 51, S. 41 ff. (die Szene mit den beiden Negerkindern). 125 Zum letzteren Aspekt vgl. Hartmut Schmidt: Karl May und die Neger. In: MKMG 24 (1975), S. 11-14; Fortsetzung in MKMG 25 (1975), S. 12-15. 126 Vgl. Erwin Koppen: Karl May und China. In: JbKMG 1986, S. 69-88 - Rainer Jeglin: Karl May und die Armenier. In: MKMG 6 (1970), S. 20-24; Fortsetzung in MKMG 7 (1971), S. 22-25. 127 May: Old Surehand I, wie Anm. 108, S. 241. 128 Vgl. bes. Edwin Hoernle: Unorganisierte Formen der Kindermassenbeeinflussung, In: Ders.: Grundfragen proletarischer Erziehung. Darmstadt 1969 (Erstveröffentlichung in: Grundfragen der proletarischen Erziehung. Berlin 1929) - Hartmut Lutz: "Indianer" und "Native Americans". Zur sozial- und literarhistorischen Vermittlung eines Stereotyps. Hildesheim, Zürich, New York 1985, S. 318-410 - Dazu kritisch: Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 88. 129 Die in Deutschland spielenden Erzählungen Mays weisen freilich nicht weniger (und hier natürlich deutsche) Schufte auf als die exotischen Erzählungen. 130 Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 88. 131 Ulrich Schmid: Das Werk Karl Mays 1895-1905. Erzählstrukturen und editorischer Befund. Materialien zur Karl-May-Forschung, Bd. 12. Ubstadt 1989, S. 157. 132 Vgl. unten, S. 626ff. 133 Vgl. oben, S. 142. 134 Nach Schmiedt: Karl May, wie Anm. 116, S. 243, könnte May hier vor allem die Franzosen meinen. 135 May: Old Surehand III, wie Anm. 123, S. 127f. 136 Bloch: Das Prinzip Hoffnung, wie Anm. 114, S. 427.
//283//137 Gert Ueding: Glanzvolles Elend. Versuch über Kitsch und Kolportage. Frankfurt/M. 1973, S. 137. 138 Vgl. die differenzierenden Ausführungen bei Schulte-Sasse, wie Anm. 120, S. 124f. 139 Vgl. Roxin: "Dr. Karl May", wie Anm. 57, S. 53. 140 Vgl. Martin Lowsky: "Aus dem Phantasie-Brunnen". Die Flucht nach Amerika in Theodor Fontanes 'Quitt' und Karl Mays 'Scout'. In: JbKMG 1982, S. 77-96 (S. 88f). 141 Bach: Fluchtlandschaften, wie Anm. 8, S. 41 (zu Ferdinand Freiligrath sieht Bach hier Parallelen). 142 Vgl. Lowsky: May, wie Anm. 1, S. 88. 143 Gegen Lowsky: "Aus dem Phantasie-Brunnen", wie Anm. 140, S. 91 - Vgl. Schulte-Sasse, wie Anm. 120, S. 121. 144 Vgl. z.B. Karl May: Winnetou I (1983). Karl Mays Werke IV. 12. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Zürich 1990, S. 9ff. 145 Karl May in Berlin. SKMG Nr. 33 (1981), S. 42. 146 Parteipolitisch ist Karl May nicht zu vereinnahmen; dafür ist seine Denkweise zu facettenreich. 147 Wir sind ein Teil der Erde. Die Rede des Häuptlings Seattle vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika im Jahre 1855. Olten, Freiburg 1982, S. 10ff. 148 Vgl. auch Ekkehard Bartsch: "Mensch und Tier! und Gedanken Karl Mays zum Natur- und Landschaftsschutz. In: JbKMG 1975, S. 90-98. 149 Daß die hier besprochenen Aspekte 'kleine Schuljungen' irgendwie mitlesen, wenn sie Karl May lesen, ist aber natürlich positiv zu bewerten. 150 Claus Roxin: Das zwölfte Jahrbuch. In: JbKMG 1982, S. 7-14 (S. 8).
8.5
Die späten Reiseerzählungen (1896-98): Hohe Erzählkunst mit forcierter 'Predigt'-Tendenz
Claus Roxin hat Mays "späte" Reiseerzählungen von den "klassischen" (bis ca. 1896) unterschieden.1 Tatsächlich weisen die Romane Old Surehand III, Im Reiche des silbernen Löwen I/II und "Weihnacht!" so viele und so gewichtige Besonderheiten auf, daß die Behandlung als eigene Werksgruppe gerechtfertigt ist.
sollte "Marah Durimeh" kommen, 3 Bände, MEIN HAUPTWERK, welches meine ganze Lebens- und Sterbensphilosophie enthalten wird. Ich habe aber eingesehen, daß es ein großer Fehler wäre [...], dies schon jetzt zu bringen, denn es würde möglicher Weise die folgenden Bände in Schatten stellen, und ein Autor soll doch nicht zurückgehen, sondern sich steigern.2
Mays Neigung, sich endgültig vom Abenteuer-Genre zu lösen, deutet sich in diesem Brief bereits an - VOR den, etwa gleichzeitig mit der Orientreise (1899/1900) beginnenden, Presse-Angriffen, die oft als der Anlaß oder gar als der Grund für die literarische 'Wende' des Schriftstellers betrachtet werden.3
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gutturalen Timbre, [...] welcher nur mit dem liebevollen, leisen, vor Zärtlichkeit vergehenden Glucksen einer Henne, die ihre Küchlein unter sich versammelt hat,14 verglichen werden kann [...] Wenn er von Gott sprach, seinem großen, guten Manitou, waren seine Augen fromme Madonnen-, wenn er freundlich zusprach, liebevolle Frauen-, wenn er aber zürnte, drohende Odins-Augen.15
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8.5.1
Old Surehand III. Die Suche nach Gott oder Die Rückkehr der Mutter
Im Herbst 1896 verfaßte May, nach zweijähriger - durch die Schreibkrise um 1894/95 bedingter - Unterbrechung seiner Arbeit am Surehand-Stoff,26 den Schlußband der Trilogie. Noch vor der Entstehung von Surehand III (Band XIX der Freiburger Reihe) brachte Fehsenfeld Im Lande des Mahdi I-III (Bd. XVI-XVIII) heraus. Dieser Roman wurde aus dem 'Deutschen Hausschatz' fast unverändert übernommen; allerdings fügte May im Frühjahr 1896 zwei neue Kapitel - mit insgesamt über 400 Seiten - hinzu: 'Thut wohl Denen, die Euch hassen!' und 'Die letzte Sklavenjagd'.27
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1ch schlief jetzt einen langen, tiefen Schlaf und sah im Traum mein Vaterhaus und meine Mutter drin, die ich beide hier nie gesehen habe. Ich war bös, sehr bös gewesen und hatte sie betrübt, so träumte mir; ich bat sie um Verzeihung. Da zog sie mich an sich und küßte mich. Old Wabble ist nie im Leben geküßt worden, nur jetzt in seiner Todesstunde. War das vielleicht der Geist von meiner Mutter, Mr. Shatterhand?" - "Ich möchte es Euch gönnen, Ihr werdet's bald erfahren [...]" (S.499)
Erstmals im Leben betet Old Wabble:
"Herrgott [...] Es giebt keine Zahl für die Menge meiner Sünden, doch ist mir bitter leid um sie, und meine Reue wächst höher auf als diese Berge hier. Sei gnädig und barmherzig mit mir, wie meine Mutter es im Traume mit mir war, und nimm mich, wie sie es that, in Deine Arme auf. Amen!" (S. 499f.)
Fred Cutter findet den Frieden:
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Old Wabbles Mutter ist, psychographisch gedeutet, die Mutter Karl Mays. Der vom 'Tode', von der inneren Krise gezeichnete Schriftsteller sucht den Schutz seiner Mutter. Der "Regressionsschock", der May - um die Jahrhundertwende - "auf die Stufe des kleinen Kindes zurückwarf" und die Mutterbindung vertiefte, ist in der Sterbeszene Old Wabbles "mit beklemmender Genauigkeit vorweggenommen".53 Zugleich aber verweist Old Wabbles Traum auf jene Wirklichkeit, die alles Irdische übers