//155//

7.4

Das 'zweite Inferno': Die Verbindung mit Emma Pollmer


Sehnsucht und inneres Fühlen, diese Energiequellen seiner Werke hatten May auch in seiner Beziehung zur FRAU sehr beeinflußt. Traumkraft und Phantasie bestimmten wohl sein Verhältnis zu Anna Preßler und Henriette Meinhold, zu all seinen Freundinnen in den sechziger Jahren1 und schließlich zu Emma Pollmer, der künftigen Ehefrau. Auch diese Erlebnisse wurden zum Antrieb für literarisches Schaffen. "Cherchez la femme!"2 Fouchés Maxime gilt auch für May, im höchsten Grade sogar.

   In Mays Roman "Giölgeda padishanün" (später Durch Wüste und Harem, dann Durch die Wüste) behauptet der Ich-Held, "ein Feind aller Frauen und Mädchen"3 zu sein - nach Walther Ilmer "eine glatte Umkehrung der wirklichen Einstellung Karl Mays".4 Denn Frauen spielten in seinem Leben, bis ins hohe Alter, eine bedeutende Rolle.

   Auch in der Mitte der siebziger Jahre, vor der Freundschaft mit Emma Pollmer, dürfte Karl May verschiedenen Frauen sehr nahegestanden sein. Die junge Schneiderstochter Anna Schlott (geb. am 24.11.1860) soll, nach Zesewitz,5 seine Geliebte gewesen sein; sie soll wegen May ihre Webstelle verloren und dann, als seine Sekretärin, Schreibarbeiten für ihn erledigt haben.

   Mit der Cartonarbeiterin Marie Thekla Vogel (1856-1929) aus Hohenstein gab es wohl ebenfalls eine Romanze. Dieses Mädchen wird das Herz des Schriftstellers in der Tiefe berührt haben.6 Marie Thekla könnte identisch sein mit der Punktiererin, die bei Münchmeyer beschäftigt war, Mays Zimmer in Ordnung hielt7 und in dieser Beschäftigung von Minna Ey - der von May Zurückgewiesenen - verdrängt wurde. Marie Theklas Tochter Helene Ottilie Vogel (1876-1952) könnte, einer Hypothese zufolge, ein uneheliches Kind des Schriftstellers gewesen sein.8 Wichtige Fragen (etwa: warum es zur Trennung kam) entziehen sich leider ihrer Beantwortung. Nur Vermutungen kann es hier geben.

   Über Mays Beziehung zu Emma Pollmer aber wissen wir mehr: Wohl Mitte 1876 - die Geographischen Predigten waren eben erschienen - lernte May in der Heimat, nach eigener Angabe im Hause seiner Schwester Wilhelmine Schöne, ein Mädchen kennen: Emma Lina Pollmer (1856-1917) aus Hohenstein.


Sie war so still, so zurückhaltend, so bedachtsam, außerordentlich sympathisch, dazu schön, wie man sich eine Frau nur wünschen kann. Freilich flackerte hinter dieser Stille und Ruhe zuweilen etwas dem Widersprechendes auf. Dadurch wurde mir dieses Mädchen zum Rätsel und also doppelt gefährlich, weil nichts den Schriftsteller so sehr zu fesseln vermag wie ein psychologisches Rätsel, dessen Lösung ihn interessiert.9


   Zu den entscheidenden Begegnungen dürfte es, nach Ilmer, freilich erst zu Beginn des Jahres 1877 gekommen sein.10 Der herrlichen Emma, ihrem "ganz eigenartigen, geheimnisvollen Augenaufschlag",11 war May von jetzt an verfallen. Sie kam "täglich abends zu mir, [...] heimlich, leise, durch meine Hinterthür, die für sie offen stand."12 Karl verfing sich im Netz und kam nicht wieder heraus. Nach vier Jahren war die Hochzeit, nach zweiundzwanzig "Höllenjahren"13 folgte die Scheidung.

   Mays Ehe wurde, nach den Schrecken der Jugend- und Kerkerzeit, als 'zweites Inferno' bezeichnet. Geistig war Emma ihrem Gatten weit unterlegen, und die seelische Harmonie blieb wohl immer ein Wunschtraum des Dichters. Doch der sinnlichen Ausstrahlung, dem Sex-Appeal seiner Frau, konnte er nicht widerstehen.


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   Fritz Maschke schilderte Emma als hausbacken-naiv.14 Der alt gewordene Karl May stellte sie, in fassungsloser Übertreibung, als dämonisches Monstrum dar: als "perverse", gewissenlose Frau, als "raffinirte Courtisane", als besessene "Megäre", als diabolisches Weib, als "seelische Impotenz", als "Vampyr", als entfesselte "Bestie"!15 Dieses "Weib war aller Ränke voll und aller Thaten fähig!"16


7.4.1

Das Frauenbild in den Frühwerken Karl Mays


Um die Tragik und die innere Problematik dieser Ehe zu verstehen, sollte Mays literarisches Frauenbild mit bedacht werden.17 In Mays frühen Erzählungen - erst recht in den Münchmeyerromanen ab Herbst 1882 - himmelt und wimmelt es von anmutig hübschen, teils heiter und schelmisch, teils ernst und besinnlich gezeichneten Mädchengestalten. Meist sind diese Frauen künstlerisch, vor allem musikalisch begabt. Sie sind barmherzig und tapfer; sie opfern sich auf. Sie vermitteln ihren Geliebten das höhere Sein, die göttliche Gnade. Fast übersinnliche, ja engelgleiche Wesen sind sie für ihre Liebsten. Sie verkörpern die Liebe, das 'ewig Weibliche', das die Erde mit dem Himmel verbindet.

   Im Dukatenhof, einer der schönsten Dorfgeschichten Karl Mays, ist das still ertragene Leid und die selbstlose Liebe einer Frau (namens Anna) die handlungstragende Mitte aller Dramatik. Das innere Geschehen ist kompliziert und im Kein metaphysisch: Nach Annas Tod verwandelt ein Schicksalsschlag ihren Ehemann, den Verbrecher Heinrich, in einen reuigen Büßer. Und aus dem rachsüchtigen, in Anna verliebten und von Heinrich - durch einen Mordanschlag - zum Krüppel gemachten Köpfle-Franz wird durch die (posthum noch wirksame) Hingabe dieser Frau ein gütiger, zur Vergebung fähiger Mensch. Er wird zum besonderen Freund des Dukatenbauern, des ehemaligen Nebenbuhlers Heinrich. Und das Glück, der Friede zieht im Dukatenhof wieder ein - in der Gestalt Emmas, der Tochter Heinrichs und Annas. Im Klartext: das Unrecht, das Karl May (dem Köpfle-Franz) widerfuhr, und das (in der Dorfgeschichte, im Vergehen Heinrichs, verzerrt und vergrößert dargestellte) Unrecht, das er selber getan hat, sollen gleichermaßen erlöst werden - durch das mütterliche Verzeihen (Annas), durch die Liebe der Frau, durch die Liebe Emma Pollmers!

   Die Liebe der Frau "kommt von Gott, darum führt sie auch zu Gott. Sie ist die Tochter des Himmels, ohne welche unsere Erde ein Jammertal sein würde."18 Vielleicht noch deutlicher als Der Dukatenhof zeigt Mays Dorfgeschichte Der Giftheiner,19 wie der Schriftsteller seine Emma und ihre 'Erlösungsfunktion' gesehen hat. Eine mehrfache Spiegelung dürfte hier vorliegen: Verschiedene (oder alle!) Frauen-Erlebnisse Karl Mays werden überblendet und miteinander verschmolzen. Das Ergebnis: Emma Pollmer im Glorienschein.

   Die Handlung in knapper Zusammenfassung: Alma, die Tochter Alwines, einer früher bezaubernden, aber leichtsinnigen Sängerin, begegnet dem Silberheiner. Sie sieht ihn - und schenkt ihm ihr Herz. Heinrich Silbermann, der arme Vogelfänger, der in Wahrheit ein Künstler ist, findet - nach schwerster Enttäuschung - sein Glück. Denn Alma gleicht ihrer Mutter an Schönheit, bleibt aber frei von jeglichem Makel: eine Madonnen- und Beatricegestalt.

   Almas Mutter hatte in Heiners Vorgeschichte eine tragische Rolle gespielt. Alwine hatte ihren Liebsten, den Silberheiner, vor zwanzig Jahren mit einer Theatertruppe20 verlassen: weil sein einfaches Leben ihrem Stolz nicht genügte. Doch Almas Liebe ist rein. Sie wird zur (wiedergefundenen) 'Seele' des Heinrich. Sie erlöst seine Qual und auch die


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Schuld ihrer Mutter. Alwine sühnt ihre Untreue: durch den Verzicht auf Heinrich, den zu lieben sie endlich erkannt hat.

   Vielschichtig ist der autobiographische Hintergrund. Alma, die Seele, ist zweifellos Emma Pollmer. Der Name der Mutter erinnert an Malwine Wadenbach, die ihren 'Geliebten', den Landstreicher May, ja verraten hat.21 Aber auch Anna Preßler kann hier gemeint sein:22 das Mädchen, das den 'Sänger' Karl vor zwanzig Jahren verschmäht hat.

   Alwine, die treulose, aber noch immer geliebte Schönheit, fließt in Alma gleichsam hinein. Heiner, der verkannte Sänger und Dichter - ein Selbstporträt Karl Mays -, meint Alma und Alwine, meint Emma Pollmer und Anna Preßler (die junge und die alte Liebe) zugleich: "Sie kam zurück; es war kein Traum, / Und dennoch war sie's nicht. / Es war ihr Bild, nein, nicht ihr Bild, / Sie selbst war's, doch verklärt, / Und nun ist aller Schmerz gestillt, / Der, ach, so lang gewährt."23


7.4.2

Projektion und Ent-täuschung


Die Folgerung liegt auf der Hand: In Emma sah Karl May die erlösende Zukunft, den überreichen Ersatz für die Liebesverluste in der Vergangenheit. Ins Gnadenhafte, ins Absolute gesteigerte Wunschbilder wurden von May auf Emma Pollmer projiziert. "Mann und Weib, und Weib und Mann reichen an die Gottheit an."24 Doch die Wirklichkeit der Ehe entsprach dem Ideal-Bild des Dichters sehr wenig. Die Welt der Träume und die Welt der nüchternen Fakten - der große Zwiespalt und, vielleicht, der Urkonflikt aller Sänger und Dichter!

   Attraktiv und verführerisch war Emma durchaus, aber ein Engel war sie gewiß nicht. Den Jagdtrieb der Männer, der 'Vogelfänger', forderte sie heraus. Und May war, wie er später meinte, "dumm genug, stolz darauf zu sein, daß ich alter Kerl die jungen Anbeter alle ausgestochen hatte."25 Emma verstand es, Briefe zu schreiben. Und sie schwärmte, laut Mayscher Selbstbiographie, von den Geographischen Predigten. Er fiel herein und zwar mächtig. "Sie sprach da von meinem 'schönen, hochwichtigen Beruf, von meinen 'herrlichen Aufgaben', von meinen 'edeln Zielen und Idealen' [...] Welch eine Veranlagung zur Schriftstellersfrau!"26

   Zur Verzauberung kam noch Mitleid hinzu. Emma wuchs auf ohne Vater, und ihre Mutter - Emma Ernestine Pollmer (1830-1856) - war nach der Geburt des Kindes gestorben. Die Hohensteiner waren sehr abergläubisch und selbstgerecht; sie beargwöhnten die Vollwaise als 'Kind der Sünde', als "Nickel", auf dem kein Segen ruhe.27 Für Mays Retter-Manier ein Appell, ein moralischer Auftrag!

   Warum ist Mays Ehe am Ende gescheitert? Das bleibt, zuletzt, natürlich Geheimnis. Aber wichtige Gründe für dieses Scheitern sind gleichwohl erkennbar. Wir müssen darauf, an späterer Stelle,28 zurückkommen. Fürs erste sei nur, ganz allgemein, vermerkt: Der Schriftsteller war sehr verliebt. Verliebte aber verwechseln - nach C.G. Jung - das Du des anderen mit der eigenen "anima",29 mit den Suchbildern des eigenen Ich. Das MUSS, früher oder später, zur Ent-täuschung führen.

   Emma verhielt sich, natürlicherweise, als sie selbst und nicht als "anima" Karl Mays. Der Dichter liebte, so wird man annehmen müssen, nicht Emma Pollmer, sondern die (unbewußten, am Mutterbild orientierten) Wünsche, die er auf seine 'Geliebte' übertrug. An sich nichts Ungewöhnliches: so beginnt fast jede Partnerbeziehung. Aber die Chance, daß ihre Beziehung dann wachsen und reifen würde, war für Karl May und Emma Pollmer vermutlich gering. Die Gegensätze waren zu groß.


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   Die Altersdifferenz - vierzehn Jahre - war noch das wenigste. Die beiden paßten überhaupt nicht zusammen. Ihre Einstellung zum Leben war grundverschieden. Karl May war ein Tagträumer par excellence; Emma hingegen war erdverbunden, für Höhenflüge war sie wohl nicht zu gewinnen.

   Bei 'normalen' Verliebten ist die 'Realitätsflucht' eine Entwicklungsphase; bei May war sie ein beständiger Wesenszug. Sein Verhältnis zur Wirklichkeit war, genauer gesagt, ambivalent. May war - wie im Jenseits-Roman (1899) der kranke Münedschi30 - ein blinder Seher, ein gespaltener Mensch: Einerseits floh er die Realität und verschloß seine Augen vor ihr; andererseits sah er, unter der Oberfläche, die tiefere Wirklichkeit, die 'Seele' der Dinge. Emma konnte ihn da nicht mehr begreifen. Seine literarische Arbeit blieb ihr wohl fremd, für seine Ideen und Träume fehlte ihr das eigentliche Verständnis. Ihm wiederum war sie, sehr bald schon, zu 'niedrig'. In den späten Ehejahren fühlte er sich von ihr nur gestört und beengt. Er hielt sie für dumm und genußsüchtig, für herzlos und faul, für eitel und sinnlich, für geldgierig und primitiv.31

   Die allein 'Schuldige' war Emma sicherlich nicht. Doch unser Thema ist nicht die Würdigung Emma Pollmers. Es soll nur verdeutlicht werden, wie Karl May - subjektiv - diese Beziehung wahrscheinlich erlebt hat. Er hatte die Jugend schon hinter sich; eine echte, eine bleibende Freundschaft war ihm bisher nicht vergönnt. Seine Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach einer liebenden Frau, machte ihn blind für Emmas Natur. Unglück hatten sie beide; auch das lebenslustige Mädchen hatte den falschen Partner gewählt; "denn wozu Emma auch immer veranlagt war, zur 'Schriftstellersfrau' war sie's nicht."32


7.4.3

"Ich werde Dich lieben in Ewigkeit"


Die Entscheidung fiel im Frühjahr 1877. Emmas Großvater, der 'Chirurg'33 und Barbier Christian Gotthilf Pollmer (1807-1880), war gegen diese Verbindung. Er hatte, nach der Darstellung Mays, ganz andere Pläne mit der reizenden Emma: "Die kann andere Männer kriegen. Die soll mir keinen Schriftsteller heiraten, der [...] nur vom Hunger lebt!"34 Aber sie "wählte mich; sie kam. Sie verließ den, der sie erzogen hatte und dessen einziges Gut sie war. Das schmeichelte mir. Ich fühlte mich als Sieger."35

   Am 26. Mai 1877 zog Emma von Hohenstein nach Dresden in die Nachbarschaft Karls. Er brachte sie zu einer Pfarrerswitwe, zu Auguste Petzold (Mathildenstraße 18) und deren "hochgebildeten" Töchtern in Logis. May konnte sie aus eigenen Mitteln nicht ernähren; durch Arbeit in Küche und Haushalt mußte Emma ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.36 Sie sollte sich vorbereiten auf den baldigen Ehestand; und sie sollte trainieren für den geistigen Aufstieg, für die höheren Ziele des künftigen Gatten.37

   Zu Beginn des Jahres 1878 konnte sich das Paar eine gemeinsame Parterre-Wohnung leisten: in der 'Villa Forsthaus' in Dresden-Neustrießen, Straße Nr. 4 (später Forsthausstraße). Die beiden galten vor der Öffentlichkeit als verheiratet; der Schriftsteller bezeichnete Emma, auch bei den Behörden, als seine Frau.

   Aufgrund seines Einkommens als Redakteur bei Radelli hatte sich Mays Finanzlage etwas gebessert. Der alte Pollmer - so erläutert es May -


hörte von Kennern, daß ich im Begriff stehe, ein wohlhabender, vielleicht gar ein reicher Mann zu werden.38 Da schrieb er an seine Tochter. Er verzieh ihr, daß sie ihn um meinetwillen verlassen hatte [...] Ich fühlte mich wieder als Sieger. Wie töricht von mir! Hier hatte nicht ich, sondern nur die Erwägung gesiegt, daß ich es wahrscheinlich zu einem Vermögen bringen werde, und es gab sogar die Gefahr für mich, daß diese Erwägung nicht allein vorn Großvater getroffen worden war.39


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   Nach einer 'Probeehe' von fünf oder sechs Monaten kehrte Emma, im Sommer 1878, zu ihrem Großvater zurück. Der alleinstehende Pollmer bedurfte wohl ihrer Hilfe. Karl folgte nach; er wohnte bei seinen Eltern in Ernstthal, zeitweilig auch mit Emma zusammen im Hause Pollmer.40

   "Sie stand nun Tag für Tag in ihrer splitternackten Seelenlosigkeit vor mir [...] Sie gab sich nicht die geringste Mühe, geistig fortzuschreiten."41 So schrieb der Dichter - in maßloser Überzeichnung, nach schwersten Verletzungen - Ende 1907. Schon 1878/79 gab es mit Emma tatsächlich Probleme. Das vermutlich im Spätsommer 1879 entstandene Kapitel 'Der tolle Prinz' in Mays Roman Scepter und Hammer42 gibt die Ängste des Verlobten fast ungetarnt wieder: Der Schriftsteller Karl Goldschmidt sieht Gründe zur Eifersucht. An den körperlichen Reizen seiner Geliebten - Emma Vollmer - hätte selbst "ein Correggio nichts auszusetzen gehabt"; doch Karl erkennt:


"sie bemerkt es, wenn sie bewundert wird, und thut man dies nicht, so fordert sie durch Blick, Bewegung und Geberde dazu auf. Sie hatte mich lieb, aber sie will ihre Vorzüge nicht mir allein widmen, sie bedarf auch der Anerkennung Anderer, welche sie mit suchendem Auge einkassirt."43


   Der arme Goldschmidt möchte diesem Verhältnis ein Ende bereiten und kann es doch nicht, weil er die schöne Kokette "zu innig, zu innig"44 liebt.

   Karl May gewann seine Freiheit nicht wieder. Obwohl er sie, wie er später erklärte, "los sein wollte",45 blieb er Emma verfallen. Seine Eltern und Geschwister "warnten"46 ihn. Aber der alte Pollmer sah die Verbindung des Schriftstellers mit Emma jetzt positiv. Noch im Sterben soll er Karl gebeten haben, seine Enkeltochter nicht zu verlassen.47 Auch sie selbst "beschwor mich bei Gott, beim Himmel, bei meiner eigenen Seligkeit, bei ihrer tiefen Reue und bei den brechenden Augen ihres sterbenden Vaters, ihr Alles zu verzeihen und sie wieder bei mir an- und aufzunehmen."48

   May konnte (und wollte) jetzt nicht mehr zurück. Ein halbes Jahr nach der Bestellung des Aufgebots (!), am 17. August 1880, also kurz nach Pollmers Tod, hat er seinem "Versprechen gemäß die Emma Pollmer aus Mitleid, Gerechtigkeitsgefühl und in der Hoffnung, daß ich mit ihr glücklich werden würde, geheiratet."49 Am Sonntag, dem 12. September 1880, folgte die kirchliche Trauung in Hohenstein, St. Christophori.

   "Ich hab Dich geliebet und liebe Dich heut, und werde Dich lieben in Ewigkeit!"50 Das versprechen sich - in Scepter und Hammer - das Mädchen Ayescha und der Zigeuner Katombo. Auch Karl wird es Emma versprochen haben im heiligsten Ernst. Nur - er konnte sein Versprechen auf die Dauer nicht halten! Die Ehe mit Emma wurde für Karl May zum 'Inferno', weil sie die Grundlage seiner Existenz, weil sie sein höchstes Ideal, die Liebe, zu erschüttern drohte: "Das Band, das Band, das man die Ehe nennt! / Verhaßt, verhaßt, mir fürchterlich verhaßt"!51

   Diese Klage, dieser Aufschrei rührt - nach des Dichters Verständnis - an das Größte, das Heiligste im Herzen des Menschen: an seine 'Gottebenbildlichkeit' (Gen 1, 26f.). Warum? Weil Karl May die Frau als das Bild der göttlichen Liebe und den Mann als das Bild der göttlichen Allmacht betrachtete;52 diese Ebenbilder sind aufeinander verwiesen: auch der Mann ist (durch die Frau) zur Liebe, und auch die Frau ist (durch den Mann) zur 'Allmacht', zum Sieg über Widrigkeiten bestimmt; erst in der Ergänzung der Geschlechter findet der Mensch, nach Mays Überzeugung, zu sich selbst: zur Teilhabe am göttlichen Sein.53

   Im November 1878 hatte May in das Album Anna Schneiders, einer Freundin Emmas, geschrieben:


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Der Mann muß kämpfen mit Gewalten, / Die finster seinen Herd umstehn, / Und seine ganze Kraft entfalten, / Um siegreich aus dem Streit zu gehn. / Und in dem Weib muß ihn umschlingen / Die Liebe warm und hoffnungsreich / Um Muth und Tröstung ihm zu bringen, / Beglückend und beglückt zugleich.54


   Um dieses Glück fühlte sich May von seiner Emma vermutlich betrogen. Aber er gab sich - über zwanzig Jahre lang - Mühe, an das Gelingen seiner Ehe zu glauben. Kara Ben Nemsi gibt dem Ehemann Halef, im Silbernen Löwen I, den wohlmeinenden Rat: "Wenn eine Verschiedenheit der Meinung droht, so müssen Mann und Weib nachdenken und in Liebe miteinander sprechen; dann werden sie schnell einer Meinung werden."55

   Mays Beziehung zu Emma war, wohl von Anfang an, zwiespältig: "Oh du beglückende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist ganz dasselbe im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen!"56 In zahlreichen, teils positiv ins Himmlische, teils negativ ins Dämonische überzeichneten Frauenporträts hat der Dichter sein Verlangen und seine Enttäuschung literarisch 'verarbeitet'. Viele Jahre sollte es dauern, bis er die Ehe dann anders erlebte: mit Klara, seiner zweiten Frau. Diese war, in der Sicht Karl Mays, tatsächlich der 'Engel', den er in Emma vergeblich gesucht hatte.



Anmerkungen


1Vgl. oben, S. 106f.
2Vgl. Klaus Hoffmann: "Nach 14 Tagen entlassen..." Über Karl Mays zweites 'Delikt' (Oktober 1861). In: JbKMG 1979, S. 338-354 (S. 348f.).
3Karl May: Durch Wüste und Harem. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. I. Freiburg 1892, S. 42.
4Walther Ilmer: Durch die sächsische Wüste zum erzgebirgischen Balkan. Karl Mays erster großer Streifzug durch seine Verfehlungen. In: JbKMG 1982, S. 97-130 (S. 116).
5Näheres bei Roland Schmid: Anna Schlott. In: KMJB 1979. Bamberg, Braunschweig 1979, S. 209-211 (mit Bezug auf einen Brief von Hans Zesewitz vorn 22.6.1940 an Euchar A. Schmid); die Zesewitz-Mitteilung ist freilich "nicht sehr beweiskräftig belegt" (Claus Roxin in einem Brief vom 4.5.1990 an den Verfasser).
6Die wohl eindrucksvollste (nach dem Umkehr-Prinzip zu deutende?) literarische Spiegelung wäre dann Martha Vogels Liebe zum Ich-Erzähler (der Marthas Liebe nicht erwidert) im - von der 'Hausschatz'-Redaktion gestrichenen (vgl. unten, S. 247ff.) - Kapitel 'In der Heimath' des May-Romans Krüger Bei (1894/95); vgl. Hans Dieter Steinmetz: "Der gewaltigste Dichter und Schriftsteller ist ... das Leben". Zur Deutung der Nebatja- und Martha-Vogel-Episode. In: MKMG 40 (1979), S. 12-23 - Walther Ilmer: Der Professor, Martha Vogel, Heinrich Keiter und Mays Ich. In: MKMG 47 (1981), S. 3-12; Fortsetzung MKMG 48 (1981), S. 3-10.
7Vgl. Karl May: Ein Schundverlag. Ein Schundverlag und seine Helfershelfer (1905 bzw. 1909). Prozeßschriften, Bd. 2. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 304. - Vgl. auch Fritz Maschke. Karl May und Emma Pollmer. Die Geschichte einer Ehe. Beiträge zur Karl-May-Forschung 3. Bamberg 1973, S. 19.
8Vgl. Steinmetz, wie Anm. 6, S. 15ff.
9Karl May: An die 4. Strafkammer des Königl. Landgerichtes III in Berlin (1911). Prozeßschriften, Bd. 3. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 55.
10Vgl. Walther Ilmer: Karl Mays Weihnachten in Karl Mays "Weihnacht!" In: JbKMG 1987, S. 101-137 (S. 107).
11Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg 1910. Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982, S. 189.
12Karl May: Frau Pollmer - eine psychologische Studie (1907). Prozeßschriften, Bd. 1. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 810.
13Ebd., S. 814.
14Maschke, wie Anm. 7, passim.
15May: Frau Pollmer, wie Anm. 12, S. 805ff. - Vgl. aber - hier deutlich milder - auch May: An die 4. Strafkammer, wie Anm. 9, S. 52ff. - Vgl. unten, S. 419ff.


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16May: Frau Pollmer, wie Anm. 12, S. 922. - Vgl. Heinz Stolte: "Frau Pollmer - eine psychologische Studie". Dokument aus dem Leben eines Gemarterten. In: JbKMG 1984, S. 11-27 (S. 15ff.).
17Vgl. - über den Aspekt 'Emma Pollmer' hinaus - Otto Eicke: Die Frauengestalten Karl Mays. In: KMJB 1922. Radebeul 1921, S. 55-88 - Werner Tippel/Hartmut Wörner: Frauen in Karl Mays Werk. SKMG Nr. 29 (1981).
18Karl May: Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde, Bd. II. Leipzig 1988 (Reprint des Dresdner Erstsatzes von 1882-84), S. 762.
19Erstmals 1879 (unter dem Pseudonym 'Karl Hohenthal') in der Zeitschrift 'All-Deutschland!/Für alle Welt!' (Stuttgart) erschienen.
20Nach Walther Ilmer (Brief vom 14.5.1990 an den Verfasser) greift May hier "auf Eigenerlebnisse bei einer Theatertruppe zurück"; als May 1863/64 "komische Vorträge hielt und Musik machte", zog er - wie Ilmer vermutet - "zeitweilig mit 'fahrendem Volk' durch die Lande"; bei dieser Gelegenheit könnte er Malwine Wadenbach und deren Tochter kennengelernt haben. - Vgl. oben, S. 91.
21Vgl. oben, S. 116.
22Vgl. Ekkehard Bartsch: (Werkartikel zu) Der Giftheiner. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 476-478 (S. 477).
23Karl May: Der Giftheiner. In: Ders.: Der Waldkönig. Reprint der KMG. Hamburg 1980, S. 153-191 (S. 183).
24Aus dem Duett des Papageno und der Pamina im 1. Akt der Zauberflöte.
25May: Frau Pollmer, wie Anm. 12, S. 810.
26May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 11, S. 190.
27Vgl. ebd., S. 187ff.
28Vgl. unten, S. 200ff, 338ff. u. 419ff.
29Vgl. Carl Gustav Jung: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten (1928). In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. VII. Olten, Freiburg 1964, S. 131-264.
30Vgl. unten, S. 362ff.
31Vgl. May: Frau Pollmer, wie Anm. 12, S. 815 u. passim.
32Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 53.
33Pollmer zog auch Zähne und behandelte Wunden; folglich wurde er als 'Chirurgus' betitelt.
34May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 11, S. 192.
35Ebd., S. 193.
36Vgl. Maschke, wie Anm. 7, S. 11.
37Vgl. May: Frau Pollmer, wie Anm. 12, S. 815.
38Von 'Reichtum' konnte damals freilich noch keine Rede sein!
39May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 11, S. 194.
40Vgl. Hainer Plaul (Hrsg.): Karl May, wie Anm. 11, S. 399f. (Anm. 187).
41May: Frau Pollmer, wie Anm. 12, S. 815.
42Zu den Entstehungszeiten der einzelnen Kapitel vgl. Roland Schmid: Anhang (zu Auf fremden Pfaden). In: Karl May: Freiburger Erstausgaben, Bd. XXIII. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1984, A 1-42 (32f.).
43Karl May: Scepter und Hammer (1879/80). Karl Mays Werke II. 1. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Nördlingen 1987, S. 174f.
44Ebd., S. 176.
45Aus einer Erklärung Mays vor dem Dresdner Kgl. Landgericht am 6.4.1908; zit. nach Wollschläger, wie Anm. 32, S. 53.
46May: An die 4. Strafkammer, wie Anm. 9, S. 59.
47Ebd.
48May: Frau Pollmer, wie Anm. 12, S. 822.
49May: Erklärung, wie Anm. 45; zit. nach Wollschläger, wie Anm. 32, S. 57. - Wie erst 1992 bekannt wurde, wurde das Heirats-Aufgebot schon am 19.2.1880 bestellt. Dazu Walther Ilmer: Karl May - Mensch und Schriftsteller. Tragik und Triumph. Husum 1992, S. 254: Zwischen Karl und Emma dürfte es "eine erneute beträchtliche Verstimmung" gegeben haben, "die die Heiratsabsicht ernsthaft bedrohte."
50May: Scepter und Hammer, wie Anm. 43, S. 348f.


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51Karl May: Wüste (Notizenkonvolut aus dem Jahre 1902); zit. nach Wollschläger, wie Anm. 32,S.57.
52Vgl. z.B. Karl May: Das Buch der Liebe. Dresden 1875/76. Reprint der KMG. Bd. I (Textband). Hrsg. von Gernot Kunze. Regensburg 1988, S. 38ff. (der Reprint-Paginierung). - Vgl. auch Ernst Seybold: Karl-May-Gratulationen. Geistliche und andere Texte zu und von Karl May. Ergersheim 1987, S. 10ff., 16f. u. 24ff. (Texte zu den Hochzeitstagen).
53Vgl. May: Das Buch der Liebe, wie Anm. 52, S. 39.
54Auszug aus der Schlußstrophe eines Gedichtes von Karl May im 'Album Anna Schneider' (18.11.1878); zit. nach Roland Schmid: Das "Album A. Schneider". In: KMJB 1979. Bamberg, Braunschweig 1979, S. 195-208 (S. 197).
55Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen I. Gesammelte Reiseerzählungen, Bd. XXVI. Freiburg 1898, S. 395.
56May: Durch Wüste und Harem, wie Anm. 3, S. 82.



7.5

Die "Stollberg-Affäre": Eine doppelte Blamage


Im Sommer 1878 zogen Karl und Emma, wie schon erwähnt, zu den Eltern nach Ernstthal bzw. zum Großvater Pollmer nach Hohenstein, Am Markt Nr. 243. Auch nach der Heirat wohnte das Ehepaar May (bis April 1883) in Hohenstein, in der Marktstraße 2.

   Im Jahre 1878 war der Schriftsteller, um seinen Verpflichtungen für den Radelli-Verlag nachzukommen, sehr häufig auf Reisen: abgesehen von einer Berlinreise ausschließlich in Sachsen, vor allem zwischen Dresden und Hohenstein.1 "Es war damals eine Zeit ganz eigenartiger innerer und äußerer Entwickelungen für mich."2

   Hinter diesem Satz in der Selbstbiographie verbirgt sich der vierte und letzte Konflikt Karl Mays mit dem Strafgesetz.3 Diese "gerichtliche Blamage"4 war eine dumme, für May aber doch bezeichnende Geschichte.

   Mays Erzählungen haben stets einen kriminalistischen Hintergrund; der Held ist sehr oft auch ein Detektiv. Wir wissen: das Erzählwerk verfremdet tatsächlich Erlebtes. Aber auch umgekehrt ist zu sagen: die romantische Fiktion spielt hinein ins wirkliche Leben des Autors. Mays - an sich ernster und im Grund religiöser - Drang nach dem 'Höheren' glitt bisweilen ab ins Banale, in plattes Großmannsgetue. Oder schlug um ins Skurrile und Komische. So auch jetzt im Banne Emmas, der schönen Verlobten.

   Am 26. Januar 1878 starb Emmas Onkel, der einzige Sohn ihres Großvaters. Der heruntergekommene und trunksüchtige Emil Pollmer (geb. 1828) wurde im Pferdestall des Gasthofes 'Zum braven Bergmann' in Niederwürschnitz bei Stollberg tot aufgefunden.5 Die Sache wurde zu Recht als Unfall betrachtet: Emil Pollmer war im Rausch unter ein Fuhrwerk geraten und konnte sich gerade noch in den Stall schleppen. Der alte Pollmer dachte, aufgrund von Gerüchten, an einen Mord. Er verleitete den künftigen Schwiegerenkel zum Recherchieren. Dieser ließ sich, um Pollmer und Emma zu imponieren, wohl gern überreden. Er nahm - wie später Kara Ben Nemsi im Lande des Großherrn - alles selbst in die Hand und behandelte die Affäre wie einen Kriminalfall.

   Der ehemalige Rechtsbrecher schwang sich auf zum Verwalter des Rechts, "zum freien und autonomen Regler der Lebenswelt".6 In der Nähe des 'Tatorts', in Niederwürschnitz und Neuölsnitz, leitete Karl May am 25. April 1878 seine Untersuchungen ein. In zwei Restaurants befragte er die Gäste nach den näheren Umständen des Todes von Emil Pollmer. Nach Zeugenaussagen trat er als 'höherer, von der Regierung eingesetzter Beamter' auf. Sich einen bestimmten Titel oder Namen zuzulegen, hatte er - wie die Zeugen bestätigten - zwar vermieden; aber er stünde noch höher als der Staatsanwalt, gab er wohl vor.


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Auch mit Drohungen hielt der 'Detektiv' anscheinend nicht zurück: die Leiche des Emil Pollmer wolle er ausgraben und den Staatsanwalt werde er 'einstecken' lassen, falls dieser nicht richtig gehandelt habe.

   Ob May sich tatsächlich, expressis verbis, als 'Regierungsbeamter' bezeichnet hat oder ob die Zeugen, aufgrund seines besonderen Auftretens, nur diesen Eindruck gewannen, ist fraglich.7 Wie auch immer - Karl May hatte Pech. Der für Ölsnitz zuständige Polizist Ernst Oswald hörte von der Geschichte und bauschte sie auf zu einem Skandal. Am 15. Mai zeigte Oswald - nachdem er das Inkognito Mays gelüftet hatte - den Großsprecher an: Bei dem 'höheren Beamten' handle es sich, so der Gendarm in seiner Meldung an die Staatsanwaltschaft in Chemnitz, um den 'berüchtigten Sozialdemokraten' und entlassenen Zuchthäusler Karl May.

   Im Juni 1878 wurde der Schriftsteller in Dresden vernommen. Der Sozialdemokratie in irgendeiner Weise nahezustehen oder gar für deren Parteiblätter gearbeitet zu haben (was ja in der Tat nicht zutraf, sondern von Oswald erfunden wurde), wies er empört zurück. Auch eine 'Amtsanmaßung' bestritt er entschieden.

   Die gerichtlichen Ermittlungen dürften Karl May zunächst nicht besonders beunruhigt haben. Seine - im Frühjahr 1879 erschienene - Dorfgeschichte Der Waldkönig berechtigt zu dieser Annahme.8 Mit einem langen Schreiben (Sommer 1878) an den Untersuchungsrichter9 glaubte May die Sache bereinigt zu haben. Seine schon erwähnte Reisetätigkeit erfolgte wohl "in der Hoffnung, der läppische Fall werde sich am besten in seiner Abwesenheit von selbst erledigen."10 Aber das Gericht nahm die Affäre ernster als May. Am 9. Januar 1879 wurde er vom Gerichtsamt Stollberg wegen 'unbefugter Ausübung eines öffentliches Amtes' (im Sinne des § 132 RStGB) zu drei Wochen Gefängnis verurteilt.

   Dieses Urteil war, wie der Strafrechtler Erich Schwinge zweifelsfrei nachgewiesen hat,11 eine Fehlentscheidung. Claus Roxin kommt zum selben Ergebnis: "Es ist nicht strafbar, wenn jemand sich fälschlich eines öffentlichen Amtes rühmt."12 May hätte dieses Amt auch wirklich ausüben müssen, um rechtmäßig bestraft werden zu können. Eine Amtshandlung im eigentlichen Sinne aber hat er nicht vorgenommen. "Erkundigungen einziehen darf [...] jedermann; und mehr hat er nicht getan."13

   Mays Einspruch wurde am 12.5.1879 vom Bezirksgericht Chemnitz verworfen; sein untertänigstes Gnadengesuch (vom 2. Juli)14 an den sächsischen König Albert - mit der Bitte, die Haft zu verkürzen oder in eine Geldstrafe umzuwandeln - wurde abgelehnt. Auch sein Gesuch vom 30.7.1879 an das Gerichtsamt Stollberg, ihm wenigstens die Schande eines Gefängnisaufenthalts in der eigenen Heimatstadt zu ersparen, fand kein Gehör. Vom 1. bis zum 22. September 1879 mußte Karl May im Arresthaus des Gerichtsamtes Hohenstein-Ernstthal15 seine vierte Haftstrafe verbüßen.

   Vielleicht ist der Streit zwischen Karl und Emma - jenes Zerwürfnis, das in Scepter und Hammer sich spiegelt16 - auch im Zusammenhang mit der 'Stollberg-Affäre' zu sehen. Möglicherweise zog sich das Mädchen von Karl (im Frühjahr 1879) vorübergehend zurück, weil es sich bei andern Männern bessere Zukunftschancen erhoffte.

   Die geschilderten Ereignisse waren für May eine bittere Lehre. Doch sie konnten den Schriftsteller "nicht mehr aus der Bahn werfen [...], obwohl ihm durch die Verurteilung und ihre diskriminierenden Begleitumstände Unrecht geschah."17

   Wie ist die 'Stollberg-Affäre' insgesamt zu bewerten? Als Bagatelle natürlich, was den Sachverhalt als solchen betrifft. Doch erwähnt und erörtert werden muß die Affäre, weil sie beschämend ist - für alle Beteiligten. Blamiert hat sich, zunächst, der Obrigkeitsstaat mit seiner Rechtsprechung: Gegen den 'Zuchthäusler' war das Gericht sicher voreinge-


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nommen. Auch die Verdächtigung, Karl May sei 'Socialdemokrat durch und durch' (Brigadier Oswald),18 war böswillig und diffamierend:


wenn nichts anderes, dann mußte DIESE Beschuldigung zünden in einer Zeit, die mit den Sozialistengesetzen schwanger ging [...] Im Zuchthaus hat er gesessen, Sozialdemokrat ist er auch, [...] das eben war das bösartige Vorurteil gegen Karl May, mit dem der Brigadier das richterliche Ergebnis wie ganz selbstverständlich präjudizierte.19


   Aber blamiert hat sich auch Karl May. Kein neues Delikt, kein strafwürdiges Vergehen, auch keine Sünde im geistlichen Sinne ist seine Handlungsweise gewesen; aber eine unrühmliche Sache war diese Affäre, eine peinliche Episode im Leben des Dichters, der zur Großtuerei neigte und - zugleich - diese Schwäche als solche erkannte und (literarisch) zu bannen versuchte.

   Von der 'Stollberg-Affäre' hat sich Karl May, auf seine besondere Weise, 'frei' geschrieben. In den Fehlern und Schrullen seiner Clowns-Gestalten nimmt er sich selbst auf den Arm.20 Auch sein Auftritt als 'Ermittlungsbeamter' spiegelt sich - mehrfach gebrochen, verschönert und umgedichtet - im Mayschen Erzählwerk: in den beiden (zum sechsbändigen Orientzyklus gehörenden) Reiseromanen Durchs wilde Kurdistan21 und In den Schluchten des Balkan22 zum Beispiel.

   Aus Mays Blamage wurden, in der Fiktion der Romane, die Niederlage der Behörde und der Triumph des erzählenden Wunsch-Ichs. "Was in Niederwürschnitz und Neuölsnitz so kläglich mißlang, Old Shatterhand und namentlich Kara Ben Nemsi führen es immer wieder zu glorreichem Ende."23 In Mays Phantasie läuft alles ganz anders. Der Sieg des Geistes über die Macht des Justizapparates wird im Roman in große Szene gesetzt. Was die Realität dem Schreiber versagte, "ist in einem Balkandorf in Erfüllung gegangen. Die Akten sind geschlossen."24



Anmerkungen


1Vgl. Fritz Maschke: Karl May und Emma Pollmer. Die Geschichte einer Ehe. Beiträge zur Karl-May-Forschung 3. Bamberg 1973, S. 14f. - Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg 1910. Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982, S. 401f. (Anm. 190).
2May: Ebd., S. 194.
3Vgl. Hainer Plaul (Hrsg.): Karl May, wie Anm. 1, S. 401f. (Anm. 190). - Vollständig dokumentiert ist dieser 'Fall' bei Maschke, wie Anm. 1, S. 129-196.
4Karl May: Frau Pollmer - eine psychologische Studie (1907). Prozeßschriften, Bd. 1. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 873.
5Vgl. Maschke, wie Anm. 1, S. Off.
6Gerhard Neumann: Das erschriebene Ich. Erwägungen zum Helden im Roman Karl Mays. In: JbKMG 1987, S. 69-100 (S. 84).
7Nach der Aussage des Zeugen Karl E. Huth hat sich May als 'Redakteur einer Leipziger Zeitung' (also doch wohl nicht als 'Regierungsbeamter') im Niederwürschnitzer Gasthofe vorgestellt; vgl. dazu Heinz Stolte: Die Affäre Stollberg. Ein denkwürdiges Ereignis im Leben Karl Mays. In: JbKMG 1976, S. 171-190 (S. 182).
8Vgl. Maschke, wie Anm. 1, S. 14.
9Diesem Schreiben fügte May auch sein königstreues Gedicht von 1875 (vgl. oben, S. 134) bei!
10Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 55.
11Das Gutachten von Erich Schwinge (Pseudonym Maximilian Jacta) ist vollständig wiedergegeben bei Maschke, wie Anm. 1, S. 130-136.
12Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 62-123 (S. 93).
13Ebd.
14Dazu - sehr kritisch - Walther Ilmer: Karl May - Mensch und Schriftsteller. Tragik und Triumph. Husum 1992, S. 62ff.


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15Schon vor der Vereinigung beider Städte (1898) führte diese Behörde den Doppelnamen.
16Vgl. oben, S. 159; vgl. auch Maschke, wie Anm. 1, S. 21.
17Roxin, wie Anm. 12, S. 93.
18Vgl. die Darstellung bei Christian Heermann: Der Mann, der Old Shatterhand war. Eine Karl-May-Biographie. Berlin 1988, S. 134-138. - In Wirklichkeit ist Karl May parteipolitisch kaum einzuordnen. Er dachte 'deutsch', aber nicht nationalistisch; er war 'königstreu', aber auch sozialkritisch und (im Alter zumindest) pazifistisch eingestellt.
19Stolte, wie Anm. 7, S. 184.
20Vgl. ebd., S. 171-174.
21Dazu Stolte: Ebd., S. 187ff.
22Dazu Walther Ilmer: Das Märchen als Wahrheit - die Wahrheit als Märchen. Aus Karl Mays 'Reise-Erinnerungen' an den erzgebirgischen Balkan. In: JbKMG 1984, S. 92-138 (S. 111-114).
23Stolte, wie Anm. 7, S. 187.
24Ilmer: Märchen, wie Anm. 22, S. 114.



7.6

Freier Schriftsteller in Hohenstein (seit 1878): Schöpferische Energie und wilde Phantasien


Seine Tätigkeit bei Radelli wird May "von vorneherein nur als Übergangslösung"1 betrachtet haben. Schon nach Ablauf des Redaktionsjahres 1878 gab er seine Stelle auf, um nun endgültig, bis zum Lebensende, als freier Schriftsteller arbeiten zu können. Auf sich selbst gestellt, ohne festes Gehalt, brauchte May - jetzt erst recht - die Gunst der Verleger: "Seine Abhängigkeit vom Markt war total. Jetzt erlernte er die 'Kunst' des literarischen Opportunismus, der vieles von dem erklärt, was nicht wenigen Zeitgenossen später so schwer verständlich war."2

   So pauschal kann dieses Urteil freilich nicht stehen bleiben. Mays Fähigkeit, auf unterschiedliche Verleger und Leserkreise sich einzustellen und dementsprechend zu schreiben, muß nicht als 'Opportunismus' bezeichnet werden. Denn als Schriftsteller hat May "die Grenzen dessen, was er (bei seinem damaligen Entwicklungsstand) verantworten konnte, wohl kaum - mit Rücksicht auf bestimmte Verleger - überschritten."3

   Für Mays literarischen Werdegang mögen die äußeren Umstände lange Zeit ungünstig gewesen sein. Nach den Werksspiegelungen zu schließen, hatte May aber schon damals den Traum, ein großer Dichter zu werden. Ganz zufrieden war er mit seinen Werken allerdings nicht. Sein Alter ego, der Novellist Karl Goldschmidt in Scepter und Hammer, bedauert: "seit meiner Bekanntschaft mit Emma (!) habe ich nicht eine einzige Arbeit vollendet, welche ich mit gutem Gewissen dem Drucke hätte übergeben dürfen. Wenn es so fortgeht, so bin ich geistig und wirthschaftlich ruinirt."4

   Einer aktuellen Verstimmtheit wird dieses Diktum entsprungen sein. Immerhin konnte May seine literarischen Pläne, wenigstens anfängerhaft,5 verwirklichen. Und seine Hoffnung, dies später noch besser und erfolgreicher zu können, trog ihn nicht.


7.6.1

Eine Reihe von Kurzgeschichten


Die illustrierten Wochenblätter 'Weltspiegel' und 'Deutsche Boten' des Dresdner Verlages Adolph Wolf brachten von Karl May weitere Stücke: die Humoreske Die verwünschte Ziege (Juni 1878) sowie die Dorfgeschichten Der Herrgottsengel (Herbst 1878), Des Kindes Ruf (Dezember 1878) und Der Gichtmüller (Frühjahr 1879). Diese Erzählungen ver-


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raten, wie die früheren Dorfgeschichten, Talent; und für den Biographen enthalten sie wichtiges Material.

   In der Mühlhausener 'Deutschen Gewerbeschau' konnte May Die Rose von Sokna. Ein Abenteuer aus der Sahara (Herbst 1878) publizieren: eine unbedeutende Kidnapping-Geschichte, die May jedoch später, unter dem Titel Eine Befreiung (1894), "um bemerkenswerte, über die Abenteuerhandlung hinausreichende Nuancen bereichert"6 hat.

   Mit diversen Verlagen stand der Schriftsteller in Verbindung. Als besonders ergiebig erwies sich für Karl May die Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Verlag Göltz & Rühling. In dessen Journal 'All-Deutschland!/Für alle Welt!' wurden - zum einen - frühere Erzählungen Mays, teilweise unter verändertem Titel, nachgedruckt: Aus Wanda zum Beispiel wurde Die wilde Polin und aus der Dorfgeschichte Der Herrgottsengel wurde Der Klapperbein.

   Zum andern erschienen im genannten Journal7 die folgenden - erstmals gedruckten -Kurzgeschichten Karl Mays: die Humoreske Die Universalerben. Eine rachgierige Geschichte von Karl Hohenthal (Januar 1879); die in Amerika spielende Erzählung Ein Dichter (Frühjahr 1879); die erzgebirgischen Dorfgeschichten Der Waldkönig (Frühjahr 1879) und Der Giftheiner (Sommer 1879); die Dessauer-Novelle Der Scheerenschleifer (Herbst 1880); die exotische Ich-Erzählung Tui Fanua. Ein Abenteuer auf den Samoa-Inseln von Prinz Muhamel Latréaumont8 (Herbst 1880) - eine Variante von Mays (stark an Gerstäcker orientierten) Südsee-Erzählung Die Rache des Ehri (1878); schließlich die, ebenfalls in der Ich-Form geschriebene und vielleicht schon einige Jahre früher entstandene, Indianergeschichte Die Both Shatters (Anfang 1882) - eine grausige Fabel, in der auch das 'Ich', im Gegensatz zum späteren Old Shatterhand, fast bedenkenlos Indianer tötet. In einzelnen Formulierungen allerdings betrauert Karl May den 'Untergang der roten Rasse' schon hier in dieser frühen Erzählung.9


7.6.2

Der Waldläufer


Im Verlag Franz Neugebauer, dessen Eigentümer die Firma Göltz & Rühling war, erschien im November 1879 das erste Buch Karl Mays: die - von Peter Rosegger zurückgeschickte10 - Neubearbeitung des Old Firehand-Abenteuers (1875) mit dem Titel Im fernen Westen.

   Gleichzeitig und ebenfalls bei Neugebauer kam Mays Bearbeitung der Waldläufer-Erzählung von Gabriel Ferry heraus. "Durch Mays Bearbeitung hat der ursprüngliche 'Waldläufer' [...] in vieler Hinsicht gewonnen."11 Andrerseits sind zahlreiche Ferry-Motive auch noch in späteren Werken Karl Mays nachzuweisen. Ferrys Indianer Rayon Brûlant (in der May-Fassung 'Falkenauge') zum Beispiel wurde mit Recht als der "Ur-Winnetou"12 Karl Mays bezeichnet. Wegen der Anregungen, die May bei Ferry gefunden hat, bleibt die Waldläufer-Bearbeitung unseres Schriftstellers für die Forschung "ein hochinteressantes Feld".13


7.6.3

Scepter und Hammer / Die Juweleninsel


Bei Göltz & Rühling, in der genannten Zeitschrift 'All-Deutschland!/Für alle Welt!', veröffentlichte Karl May seinen ersten großen Doppelroman Scepter und Hammer (1879/80)/Die Juweleninsel (1880-82). Daß May eine Fortsetzung des - in sich selbständigen und im Grunde abgeschlossenen - Textes von Scepter und Hammer verfaßte, ge-


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schah "offensichtlich auf Drängen der Stuttgarter Redaktion, die mit Mays Roman ihre bisherigen Abonnentenzahlen beträchtlich steigern konnte."14

   Eine Buchfassung oder einen Nachdruck in einer anderen Zeitschrift hat es zu Lebzeiten Mays nie gegeben. Nach dem Tode des Autors wurde der verschollene Text wieder aufgefunden und vom Karl-May-Verlag, stark bearbeitet und gekürzt, erneut auf den Markt gebracht.15 Seit 1978 ist die Originalfassung für die Öffentlichkeit wieder zugänglich.

   Als Novellist hatte der Anfänger May, mit seinen erzgebirgischen Dorfgeschichten, schon eine gewisse 'Meisterschaft' erreicht. Gilt dies für May, den Verfasser von längeren Erzähltexten, ebenfalls? Seine Erstlings-Werke als epischer Schriftsteller waren, wie seine Frühwerke überhaupt, von unterschiedlicher Qualität: Im Vergleich zu Auf der See gefangen (1878) ist Scepter und Hammer/Die Juweleninsel konzentrierter und wesentlich kunstvoller komponiert;16 hinter der Formkraft und dem Gesamtniveau des Ende 1880 - also noch während der Arbeit an der Juweleninsel - begonnenen Orientzyklus17 bleibt der, in den Schlußpartien,18 zu hastig und fehlerhaft konstruierte Fortsetzungsroman aber deutlich zurück. Ein 'Meisterstück' ist er nicht.

   Als "wilde Fabeleien"19 hat Claus Roxin die bunten und (teilweise) schaurigen Szenen dieses Werkes bezeichnet; auch bei anderen Auslegern gilt der Doppelroman als wenig geglückt.20 Christoph F. Lorenz indessen hat "subtile Motivkorrespondenzen" entdeckt und eine "sorgfältige Planung"21 des, mit Ausnahme der Schlußkapitel, konsequent durchdachten Romanes aufgewiesen. Ein (völlig unreifes) 'Lehrlingsstück' ist das Werk also auch nicht.

   Die keineswegs 'chaotisch' entworfene (sondern klug konzipierte und systematisch aufgebaute), aber doch bizarre und äußerst unwahrscheinliche Handlung spielt in den fiktiven Staaten Norland und Süderland, in Ägypten, in Indien und im Wilden Westen. Die Verbindungslinien zu den Raubrittergeschichten in Mays Quitzow-Roman (1876/77), zu ihren Klosterruinen, ihren unterirdischen Gängen und geheimnisvollen Türen, sind offenkundig. Auch die Verwandtschaft mit der zeitgenössischen Abenteuerliteratur, die Einflüsse Eugène Sues, Philipp Galens, Frederick Marryats, John Retcliffes, Alexandre Dumas' und der englischen 'Gothic Novel' des 18. und 19. Jahrhunderts, sind unverkennbar.22

   Man möchte fast denken: Mays - durch komische Szenen nur wenig gemilderter -Schauer- und Gruselroman hätte ebensogut von jedem anderen Trivialliteraten verfaßt sein können - wenn jene verräterischen, für May eben doch spezifischen Stellen nicht wären: Motive und Szenen, in denen die persönlichen Traumata, die inneren Spannungen, die ungeheilten Konflikte des Autors ihren Niederschlag finden.

   Nicht nur das berühmte Motiv 'Gefangenschaft und Befreiung', auch das kuriose, den Doppelroman beherrschende Neben- und Ineinander von Königstreue, von Staatsbejahung und zum Teil schon massiver Gesellschaftskritik ist bezeichnend für May: den resozialisierten Gefangenen, der (als 'Leutnant von Wolframsdorf usw.) den Obrigkeitsstaat beleidigt hatte. Im Roman wird die High Society teilweise bewundert und teilweise verachtet: Der edle Ma(y)x Brandauer, aufgrund einer Kindsvertauschung (im trivialen Genre ein bekanntes Motiv) zum Sohn eines Hufschmieds geworden, erhält seinen rechtmäßigen Platz als Kronprinz von Norland zurück; andre Vertreter des Hochadels, der norländische Herzog von Raumburg und der 'tolle Prinz' von Süderland, werden als die Hauptschurken entlarvt und blamiert.

   Der Despotismus des katholischen Königs Max Josef von Süderland, aber auch die "falsche wirthschaftliche Politik" (SH 576)23 des, ansonsten liebenswürdigen, protestanti-


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schen Königs Wilhelm II. von Norland werden gerügt. Und demokratische Ideen spuken herum: Die staatliche Macht bedarf der "Zustimmung" (SH 573) des Volkes! Mays Dichtung ist, wie so oft, auch in diesem Fall Wunscherfüllung: "Wie durch einen Zauberschlag hatte sich [...] die Nachricht verbreitet, daß der König die bisherige Regierungsform aufgegeben, die verhaßten Räthe und Minister entfernt habe und seinem Volke eine Konstitution geben werde." (SH 647)

   'Affirmative' und 'revolutionäre' Elemente sind in Scepter und Hammer/Die Juweleninsel, wie im Gesamtwerk Karl Mays, miteinander verquickt. Das gilt, nicht zuletzt, auch für die Verschränkung von unterschwelliger Frömmigkeit und bissiger Religionskritik.

   Von der 'Gothic Novel' wohl übernommen,24 aber - wie die Quitzow-Geschichten z.B. erhellen - nicht untypisch für den frühen May ist der "Antiklerikalismus"25 des Doppelromans: Das Bündnis der religiösen Obrigkeit mit der Geldgier, dem Absolutismus und der Scheinheiligkeit der Fürsten - die der Kirche ihren "Glanz" verleihen (J 81) - wird angeprangert und desavouiert. Denn mit kirchlichen Amtsträgern hatte May, dies könnte der biographische Hintergrund sein, zum Teil sehr schlechte Erfahrungen gemacht!

   Überraschend und verblüffend wirkt die krasse Überzeichnung, der antikatholische Effekt,26 der möglicherweise einer Tendenz von 'All-Deutschland!' entgegenkam. Die frommen und salbungsvollen Priester, die "Gesellschaft Jesu"27 mit dem Giftmörder Aloys Penentrier an der Spitze, die Mönche und Nonnen, die sexuellen Exzessen sich hingeben und zu abscheulichen Verbrechen bereit sind - an Trivialromane der Goethezeit,28 an Otto von Corvins Pfaffenspiegel (1868),29 an Münchmeyers Venustempel30 und die Hohensteiner 'Schundbibliothek'31 erinnern sie uns.

   Mays Ton ist stellenweise ironisch, ja geradezu frivol - selbst "für das Genre der Kolportage starker Tobak"!32 Im Gegensatz zu den "Seligen", die "kein Geschlecht und keine andere Lust, als die Lust am Herrn" (J 69) kennen, plappern die Mönche - in Mays Juweleninsel - ihre Gebete herunter und frönen, ansonsten, der Fleischeslust in pikanter Manier - hinter der Maske der Frömmigkeit.

   "Die Herren Patres gaben der heiligen Mutter Gottes ihre Erlaubniß, irgend ein in die Augen fallendes Wunder zu verrichten, verkauften Rosenkränze und Heiligenbilder und vertauschten ihren Segen gegen klingendes Metall." (J 51) Was soll man da sagen? Zu solcher Polemik? Der mögliche Mißbrauch, die Perversion der geistlichen Gewalt (vgl. J 71) ist ein ernstes Thema, das Karl May, in den Alterswerken besonders, sehr oft behandelt. Anders als in der Poesie des Spätwerks ist die Tendenz im Doppelroman - mit seinen knalligen Sujets - aber zu grobschlächtig, zu ungerecht und in dieser Form natürlich nicht diskutabel.

   In Scepter und Hammer/Die Juweleninsel gibt es, das sollte nicht übersehen werden, auch gute, erzählerisch geglückte Partien: in der Indien-Episode der Juweleninsel zum Beispiel (wo die tödlich endende Liebesgeschichte des Alphons Maletti und der Begum Rabbadah geschildert wird).33 Doch viele Passagen wirken insgesamt ziemlich unerfreulich; das ständige Blutvergießen z.B. ist, für den sensibleren Leser, eine Zumutung: Selbst die positiven Helden - die mächtige Zarba, der Aufsteiger Katombo, der Apachenhäuptling Rimatta u.a. - stehen im Zwielicht und handeln oft grausam. Da blitzen die Schwerter, rollen die Köpfe, krachen die Kanonen und werden die Comanchen gleich reihenweise (mit dem Henrystutzen!) erschossen. Bhowannie, die von Zarba, der Zigeunerfürstin, noch im Sterben beschworene Göttin der Rache (J 573),34 führt das blutige Zepter. Schonung und Milde sind nur die Ausnahme (z.B. J 421f.). Der Humanitätsgedanke,


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das Nein zur Gewalt, die versöhnliche Liebe, die Karl Mays Schriften, vor allem später, doch prägen, treten in Scepter und Hammer/Die Juweleninsel weitgehend zurück.

   Zwar warnt der Kadi den ergrimmten Katombo: "Das Leben eines Herrschers ist heilig und unantastbar." Und Katombo, der Zigeuner und Admiral in türkischen Diensten, erwidert: "Nicht heiliger und unantastbarer als jedes andere Leben." (SH 467) Doch der Haß scheint in vielen Passagen des Doppelromans weit mächtiger als die Liebe, und die Resignation scheint größer als das Vertrauen. Der Autor fragt: "Sind nicht alle unsere Ideale geistige oder verkörperte Lichtgebilde, welche aufgehen, kulminiren und - verschwinden?" (SH 194)

   Dominiert der Zweifel an Gott? Ist die Skepsis in Scepter und Hammer/Die Juweleninsel das herrschende Selbstgefühl? Das Mädchen Ayescha kniet nieder und betete -


nicht wie eine Muhammedanerin, sondern wie eine Christin zu Isa Ben Marryam, dem Gottessohne, der in die Welt gekommen ist um zu rufen: "Kommet her, Alle, die Ihr mühselig und beladen seid; ich will Euch erquicken und erretten!" (SH 444)35


   Ayescha setzt ihre Hoffnung auf Gott, auf das Kreuz Jesu Christi. Katombo, dem Geliebten, teilt sie es mit:


"So wisse, daß wir eine alte Sklavin hatten, die nach dem Tode der Mutter immer bei uns sein mußte. Sie war keine Gläubige, sondern eine Christin und hat mir und Sobeïden heimlich viel erzählt von ihrem Heilande, der [...] für die Elenden und Armen gar gestorben ist. Die Worte, welche er lehrte, waren wie Thau in der Dürre und wie Balsam für die Schmerzen. Wir haben viel geweint über seine Leiden; aber er wohnt jetzt bei Allah und regiert die Erde. Ich liebe ihn [...]" (SH 348f.)


   Dieses Bekenntnis! Mitten im Gruselroman! In solchen Partien unterscheidet sich das Werk Karl Mays vom abenteuerlichen Genre der zeitgenössischen Trivialliteratur!

   Ayescha und überhaupt die Frau soll, nach May, die Liebe Gottes verkörpern.36 Um so befremdlicher scheint das Verhalten des 'Bowie-Paters', der schaurigsten und widersprüchlichsten Figur der Juweleninsel. Der Pater, der Missionar, der in Wirklichkeit eine Frau, eine Kunstreiterin mit dem Namen Ella (Emma!)37 ist, führt - als 'Indianertöter' - im Wilden Westen ein entsetzliches Leben. Er "muß" (J 415) jeden ermorden, der den christlichen Glauben nicht annimmt. Aus Indianerknochen hat er eine Perlenschnur, eine Art 'Rosenkranz' angefertigt; jede 'Rothaut' soll diese Kette betrachten und zur Jungfrau Maria beten; im Weigerungsfalle stößt der 'Pater' dem 'Wilden' - die Klinge ins Herz (J 404)!

   Die Bekehrungswut - und die Heilung - eines Mannes im Priestergewand finden sich wieder im Friede-Roman (1901/04) Karl Mays, in der Gestalt des Missionars Waller. Während die Entwicklung Wallers überzeugend gestaltet, psychologisch motiviert und theologisch reflektiert wird,38 gibt May für das Treiben des Bowie-Paters so gut wie keine Begründung. Der Leser erfährt nur: dieses Mann-Weib, die frühere Geliebte des Prinzen von Süderland, "ist ein Satan" (J 404), ein "ungelöstes Räthsel" (J 639) zugleich. In ihrem "tief gequälten und ungeheilten" (J 436) Herzen lebt "ein Teufelsweib, welches aus Liebe sündigte und in der Rache Vergessenheit und Vergebung sucht." (J 642)

   Vergebung durch Indianermord? Wieso? Der Autor sagt es uns nicht; und der Interpret kann nur rätseln und spekulieren.39

   Am Ende der Erzählung WEINT Miß Ella "wie ein Kind" und kniet "im tiefen, innigen -Gebete. - -" (J 658f.) Ihr letztes, ihr eigentliches Rachewerk mißlingt: Ihr Todfeind, der 'tolle Prinz', überlebt - durch eine Art Wunder - den Sturz in den Abgrund und entrinnt seiner Strafe. Ein "Zug stiller seliger Befriedigung" (J 660) verklärt jetzt Ellas Gesicht.


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Sie ist wie verwandelt. Ihr Frausein, ihr Menschsein hat sie wiedergefunden. Der 'Drache' in ihr ist erlöst. Und ihre Rache hat sie vergessen.

   Erzähltechnisch gesehen ist das alles absurd, ohne Stringenz40 und ganz und gar unglaubwürdig. Wollte sich der Schriftsteller, gegen Ende seines Romans, von einem Alpdruck befreien? Vom Blut- und Rachegesetz, das so viele Szenen beherrscht?

   Auch in Scepter und Hammer/Die Juweleninsel entpuppt sich May, in einigen Textstellen, als 'Prediger' und 'Katechet'. Aufs Ganze gesehen gehört der Doppelroman freilich zu den dunkelsten, mit bedrückendem Anamnese-Material (aus der Biographie des Autors) aufgeladenen Werken Karl Mays. Erstaunlich ist vieles. Und merkwürdig sind die 'antikatholischen' Spitzen,41 wenn man bedenkt: in Waldheim hatte May seine befreiende Begegnung mit Johannes Kochta, dem katholischen Katecheten;42 später neigte er selbst zum katholischen Glauben (zum Reform-Katholizismus allerdings, zum gesellschaftskritischen, ökumenisch geöffneten Christentum);43 und schon jetzt stand er in geschäftlicher Verbindung mit Friedrich Pustet, dem katholischen Verleger in Regensburg!


7.6.4

Die ersten 'Hausschatz'-Erzählungen


Seit 1879 belieferte May den Pustet-Verlag (Regensburg, New York, Cincinnati), der schon bald, in den achtziger und neunziger Jahren, Mays bekannte Reiseromane in der Ich-Form verbreiten sollte. Mays Beiträge erschienen in Pustets - 1874 mit einer Startauflage von 30000 Exemplaren gegründetem - Wochenblatt 'Deutscher Hausschatz in Wort und Bild', dem katholischen Gegenpart zur bismarckfreundlichen Leipziger 'Gartenlaube'.

   Der Redakteur Venanz Müller bot dem Schriftsteller bereits im Herbst 1879 die Abnahme sämtlicher Manuskripte an: "Ich bitte Sie freundlichst, mir ALLE Ihre Geistesprodukte nach deren Vollendung SOFORT senden zu wollen."44 Zur ausschließlichen Arbeit für den Regensburger Verlag ist es bei May freilich nie gekommen; aber der 'Hausschatz' wurde für lange Zeit sein wichtigstes Publikationsmittel, das ihm soziales Prestige und größte Anerkennung in weiten Kreisen verschaffte.45

   Im Frühjahr 1879 kam bei Pustet Three carde monte. Ein Bild aus den Vereinigten Staaten Nordamerika's von Karl May46 heraus; im Sommer 1879 folgte das Sahara-Abenteuer Unter Würgern (mit der erstmaligen Erwähnung des Namens Old Shatterhand); im Herbst 1879 Der Girl-Robber. Ein singhalesisches Abenteuer von Karl May; Ende 1879 Der Boer van het Roer. Ein Abenteuer aus dem Kaffernlande von Karl May; Ende 1879/Anfang 1880 Der Ehri. Ein Abenteuer auf den Gesellschaftsinseln von Karl May; im Frühjahr 1880 (unter Pseudonym) Ein Fürst des Schwindels47 und die - später für Winnetou III übernommene - Wildwestgeschichte Deadly dust; im Sommer 1880 Der Brodnik. Reise-Erlebnisse in zwei Welttheilen von Karl May; und im Herbst 1880 Der Kiang-lu. Ein Abenteuer in China von Karl May.

   Mit Ausnahme von Deadly dust (wo Old Shatterhand zum ersten Mal auftritt) und Der Kiang-lu (wo der Ich-Erzähler Charley drei wissenschaftliche Arbeiten in chinesischer Sprache verfaßt) sind diese 'Reiseerlebnisse Karl Mays' nur Varianten, verbesserte Zweitfassungen von früheren, bei Radelli erschienenen Werken unseres Autors. Zu seiner eigenen, besonderen Form hat May in diesen Erzählungen noch kaum gefunden; der Stil ist weithin klischeehaft; und die Abenteuermotive dieser - zum Teil recht blutrünstige Episoden enthaltenden - Kurzgeschichten sind immer dieselben: Verbrechen und Sühne, Anschleichen und Lauschen, Gefangenschaft und Befreiung.


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   Charakteristisch sind solche Motiv-Wiederholungen auch für die künftigen 'Reiseerzählungen' Karl Mays; im Blick auf die Form und den Inhalt kommt diesen, in der Regel, jedoch eine andere - subtilere - Qualität zu. Dem exotischen Oeuvre der literarischen Anfänge Mays, einschließlich der genannten Hausschatz-Erzählungen, fehlt noch der künstlerische Schliff, das ethische Niveau, "die durchschlagende Faszination"48 der späteren Reiseromane.

   Andrerseits müßte anerkannt werden: Unter Würgern zum Beispiel zeigt bereits


die Entwicklung, die Mays schriftstellerische Fähigkeiten innerhalb kurzer Zeit genommen haben: schon zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Vorläufers Die Gum [...] in den 'Frohen Stunden' [...] ist aus der hart, relativ farblos und knapp ausgeführten Novelle eine wesentlich umgestaltete und spannender geschilderte, ausgereifte, ins Detail gehende Erzählung geworden.49



Anmerkungen


1Claus Roxin in einem Brief vom 4.5.1990 an den Verfasser.
2Gerhard Klußmeier - Hainer Plaul (Hrsg.): Karl May. Biographie in Dokumenten und Bildern. Hildesheim, New York 1978, S. 77.
3Ernst Seybold in einem Brief vom 25.6.1990 an den Verfasser.
4Karl May: Scepter und Hammer (1879/80). Karl Mays Werke II. 1. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Nördlingen 1987, S. 176. - Zu literarischen Fehlleistungen Mays in diesen Jahren vgl. Walther Ilmer: Karl May - Mensch und Schriftsteller. Tragik und Triumph. Husum 1992, S. 60.
5Vgl. Ekkehard Koch: Der 'Kanada-Bill'. Variationen eines Motivs bei Karl May. In: JbKMG 1976, S. 29-46.
6Ekkehard Bartsch: (Werkartikel zu) Eine Befreiung/Die Rose von Sokna. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 497-500 (S. 500).
7Vgl. Christoph F. Lorenz: Landesherr und Schmugglerfürst. Eine Rezensionsabhandlung zu den Erzählungen Karl Mays in der Zeitschrift 'Für alle Welt' (= 'All-Deutschland') in den Jahren 1879 und 1880. In: JbKMG 1981, S. 360-374.
8Dies ist die einzige Erzählung Mays, die bisher unter diesem Pseudonym bekannt ist; aber noch in späteren Jahren gab May in 'Kürschner's Literatur-Kalender' das Pseudonym 'Latréaumont' mit an.
9Vgl. Ekkehard Bartsch: (Werkartikel zu) Die Both Shatters. In: Karl-May-Handbuch, wie Anm. 6, S. 500-502 (S. 502).
10Vgl. oben, S. 151.
11Hedwig Pauler: (Werkartikel zu) Bearbeitung: Gabriel Ferrys "Der Waldläufer". In: Karl-May-Handbuch, wie Anm. 6, S. 537-540 (S. 539).
12Vgl. Franz Kandolf: Winnetou und Rayon Brûlant. In: KMJB 1932. Radebeul 1932, S. 484-493.
13Pauler, wie Anm. 11, S. 540.
14Christoph F. Lorenz: Verwehte Spuren. Zur Handlungsführung und Motivverarbeitung in Karl Mays Roman 'Die Juweleninsel'. In: JbKMG 1990, S. 265-286 (S. 265).
15Als Bd. 45/46 der 'Gesammelten Werke' Karl Mays.
16Nach Christoph F. Lorenz: (Werkartikel zu) Scepter und Hammer. In: Karl-May-Handbuch, wie Anm. 6, S. 371-376 (S. 373f.)
17Vgl. unten, S. 173ff.
18Im 9. Kapitel der Juweleninsel wird "deutlich, daß erst hier der Autor wirklich begann, die Übersicht über frühere Handlungselemente gänzlich zu verlieren." (Lorenz: Spuren, wie Anm. 14, S. 283).
19Claus Roxin: Vorläufige Bemerkungen über die Straftaten Karl Mays. In: JbKMG 1971, S. 74-109 (S. 87).
20Vgl. z.B. Karl Mays erster Großroman "Scepter und Hammer/Die Juweleninsel". SKMG Nr. 23 (1980) (mit Beiträgen von Werner Tippel u.a.) - Ilmer, wie Anm. 4, S. 69ff.
21Lorenz: Spuren, wie Anm. 14, S. 279.


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22Vgl. Lorenz: Scepter und Hammer, wie Anm. 16, S. 371 - Ders.: (Werkartikel zu) Die Juweleninsel. In: Karl-May-Handbuch, wie Anm. 6, S. 376-380 - Volker Klotz: Die Juweleninsel - und was man draus entnehmen könnte. Lese-Notizen zu den Erstlingsromanen nebst einigen Fragen zur Karl-May-Forschung. In: JbKMG 1979, S. 262-275 (S. 266ff.).
23Seitenangaben in (SH) bzw. (J) beziehen sich auf May: Scepter und Hammer, wie Anm. 4, bzw. ders.: Die Juweleninsel (1880-82). Karl Mays Werke II. 2. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Nördlingen 1987.
24Vgl. Christoph F. Lorenz: Die wiedergefundene "Juweleninsel" II. In: MKMG 46 (1980), S. 14-19 (S. 16) - Ernst Seybold: Karl Mays 'Scepter und Hammer'. In: MKMG 77 (1988), S. 50f.
25Klotz, wie Anm. 22, S. 263.
26Allerdings kommt auch der protestantische Oberhofprediger in Scepter und Hammer nicht besonders gut weg; insofern könnte man selbst in diesem Roman das - für Mays Spätwerk bezeichnende - Bemühen um 'Ökumene' erblicken. - Dazu Ernst Seybold: Karl-May-Gratulationen. Geistliche und andere Texte zu und von Karl May. Ergersheim 1987, S. 26.
27Nach Klotz, wie Anm. 22, S. 267, hat Mays Polemik gegen die Jesuiten in E. Sue's Ewigem Juden ihr Vorbild; natürlich paßt diese Polemik auch zur Politik Bismarcks und zur 'Kulturkampf' -Stimmung der damaligen Zeit.
28Dazu Lorenz: Spuren, wie Anm. 14, S. 267.
29Unter dem Titel Historische Denkmale des christlichen Fanatismus (2 Bände) ist dieses Werk 1845 erstmals erschienen.
30Vgl. oben, S. 135; dazu Gernot Kunze: Einführung. In: Karl May: Das Buch der Liebe. Dresden 1875/76. Reprint der KMG, Bd. II (Kommentarband). Hrsg. von Gernot Kunze. Regensburg 1988/89, S. 12.
31Vgl. oben, S. 55f.
32Lorenz: Spuren, wie Anm. 14, S. 267.
33Ebd., S. 281, wird das "'Liebe-Tod'-Motiv" an neun Stellen der Juweleninsel aufgewiesen.
34Vgl. ebd., S. 278: In der indischen Mythologie ist die Göttin Bhawani sowohl die "alles Gebärende, die Dasein Gebende" als auch die Zerstörerin, die Göttin des Todes und der Rache; die dunkle Seite dieser Göttin wird in Mays Roman hervorgehoben!
35Dieses Jesus-Wort (Mt 11, 28) steht in großen Lettern über dem Portal der Ernstthaler Kirche; der Knabe Karl May wird es jeden Sonntag gelesen haben; und - es wird ihn getröstet haben.
36Vgl. oben, S. 159.
37Werner Tippel/Hartmut Wörner: Frauen in Karl Mays Werk. SKMG Nr. 29 (1981), S. 19, sehen im 'Bowie-Pater' eine Spiegelung Emma Pollmers. - Ähnlich Lorenz: Die Juweleninsel, wie Anm. 22, S. 379 - Ders.: Spuren, wie Anm. 14, S. 275f.
38Vgl. unten, S. 410ff.
39Vgl. Lorenz: Spuren, wie Anm. 14, S. 277f.
40Vgl. den editorischen Bericht zu May: Die Juweleninsel, wie Anm. 23, S. 667-672 (S. 671): Wiedenroth und Wollschläger vermuten den Textverlust eines ganzen Kapitels der Juweleninsel; gegen diese Hypothese führt Lorenz: Spuren, wie Anm. 14, S. 282f., allerdings plausible Argumente an. - Nach Lorenz: Ebd., S. 283, ließ das Interesse des Autors "an der logischen Fortführung des so geschickt Begonnenen sichtlich nach". Seine Aufmerksamkeit galt einem neuen, völlig andersartigen Projekt: dem Beginn des großen Orientzyklus!
41Genaugenommen sind es keine anti-'katholischen', sondern anti-'klerikale' Spitzen; vgl. oben, Anm. 26.
42Dazu Seybold: Scepter und Hammer, wie Anm. 24.
43Vgl. unten, S. 224ff.; auch Hermann Wohlgschaft: Mays Friede-Roman und die Lehre der Kirche. In: MKMG 83 (1990), S. 18-24.
44Aus Müllers Brief vom 14.10.1879 an May; zit. nach Wilhelm Vinzenz: Karl Mays Reichspost-Briefe. Zur Beziehung Karl Mays zum 'Deutschen Hausschatz'. In: JbKMG 1982, S. 211-233 (S. 218).
45Vgl. Fernand Hoffmann: Karl May im katholischen Verlagswesen während des Kulturkampfs. In: Stimmen der Zeit. Freiburg 118. Jg. 1993, S. 177-186.
46Diese Erzählung (eine Überarbeitung von Self-man) hat May später nochmals umgearbeitet und für Old Surehand II (1895) verwendet.
47Vgl. oben, S. 151 f.
48Walther Ilmer in einem Brief vom 14.5.1990 an den Verfasser.


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49Herbert Meier: Einleitung. In: Karl May: Kleinere Hausschatz-Erzählungen. Reprint der KMG. Hamburg, Regensburg 1982, S. 4-43 (S. 11).



7.7

'Im Schatten des Allmächtigen': Mays erster bedeutender Reiseroman in der Ich-Form


Je mehr wir uns mit Karl May und seinen Schriften befassen, um so plausibler wird die Altersthese des Dichters: Alle seine Werke sind Skizzen, Entwürfe und Vorübungen für Künftiges und Besseres.1

   Mays Themen entsprechen den 'Urträumen' des Menschen; seine 'Abenteuer' entspringen den Tiefen, den Angst- und Rettungsbildern der Seele.2 Unser Schriftsteller malt, wie die Mythen und Märchen, mit der "Urfarbe des Traums".3 Für die ersten, bei Münchmeyer und Radelli, bei Pustet und anderen Verlegern erschienenen Abenteuergeschichten trifft dies in geringerem Maße zu; um so mehr aber für die höchste, die literarisch wertvollste Leistung des vierzigjährigen Autors, die nach Forst-Battaglias (die Altersromane Mays zu Unrecht mißachtender) Bewertung das beste Werk Karl Mays überhaupt ist:4 "Giölgeda padishanün". Reise-Erinnerungen aus dem Türkenreiche (publiziert zwischen Januar und September 1881) mit den Fortsetzungen Reise-Abenteuer in Kurdistan (Oktober 1881 bis März 1882), Die Todes-Karavane (Frühjahr bis Herbst 1882), In Damaskus und Baalbeck (November 1882 bis Januar 1883) und Stambul (entstanden wahrscheinlich bis Herbst 1882,5 veröffentlicht im Februar/März 1883).6

   Alle diese - auch 'symbolisch', als verschlüsselte Biographie, als maskierte 'Erinnerungen' an Mays tatsächliche Lebens-'Reise' verstehbaren7 - Erzählungen erschienen in Pustets 'Deutschem Hausschatz'. Sie läuteten den Großerfolg des 'meist gelesenen deutschen Schriftstellers' ein. Jetzt erst hat der Autor zu seinem besonderen, seinem einmaligen und unverwechselbaren Genre gefunden. "Mit 'Giölgeda padishanün' begann Mays eigentliches Ansehen als populärer Schriftsteller von unverkennbar eigener Note und Faszination."8


7.7.1

Die Qualität des Romans


Die genannten Hausschatz-Texte entsprechen, mit geringfügigen Abweichungen, den späteren Fortsetzungsbänden Durch die Wüste, Durchs wilde Kudistan und - zum Großteil - Von Bagdad nach Stambul des insgesamt sechsbändigen Orientromans, der 1892 in Buchform (bei Fehsenfeld in Freiburg) erschien.

   Von Ende 1880 bis Oktober 1882 konzentrierte sich Karl May, von kürzeren Unterbrechungen abgesehen,9 auf die Arbeit an diesem Werk. Wenn wir die literarisch (und theologisch) noch höher stehenden Altersromane zunächst einmal ausklammern, gilt das Urteil Roxins: In "Giölgeda padishanün" und seinen Fortsetzungstexten bewegt sich May "auf einem Niveau, das er in seinen Reiseerzählungen nur noch gelegentlich erreicht und nie mehr übertroffen hat."10

   Roxin erläutert seine These mit vier Bewertungskriterien:


Wenn man sich fragt, worin diese Qualität begründet ist, so wird man sagen müssen, daß sich nirgends in Mays Abenteuerromanen erzählerische Meisterschaft (1) mit zuverlässiger völkerkundlicher Detailinformation (2), psychologischem Hintergrund (3) und ethisch-erzieherischer Vertiefung (4) so zwanglos und faszinierend vereint wie hier.11


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   Was die formale Seite betrifft, lobt Roxin die epischen Kunstgriffe des Autors, die "fast spielerische Leichtigkeit der Stoffbewältigung", die "suggestive Kraft des erzählerischen Vortrages", den "Erfindungsreichtum bei der Ausgestaltung und Variierung der Motive", die "handlungsfördernde Gespanntheit des scheinbar lockeren Dialogs".12

   Auch der Stil, die sprachliche Form des Orientromans ist - wie neuere Analysen bestätigen - alles andere als kunstlos. Hermann Wiegmann scheute sich nicht, die Schreibweise Mays mit der Sprache Franz Kafkas zu vergleichen. Zwar wird dem Leser, so Wiegmann,


alles beschrieben, was wahrnehmbar ist. Das ist anders als etwa bei Kafka, aber so blasphemisch es klingen mag, die traumhafte Deutlichkeit und das nüchterne präzise Papierdeutsch erinnern an keinen modernen Schriftsteller mehr als an ihn, die Sprache ist von fast kafkaesker Reduktion und Präzision.13


   Karl May bewährt sich als Schriftsteller, aber auch als Literatur-Pädagoge. Der geographische, historische und ethnologische Hintergrund seines Romans ist weitgehend authentisch.14 Für seine bunten Schilderungen benutzte May hervorragende Quellen, die er mit größtem Geschick verarbeitete: unter anderem die zweibändige Studie Ninive und seine Überreste (Leipzig 1850) des englischen Assyriologen Austen Henry Layard (1817-1894).15

   Auch ethisch gesehen hat der Schriftsteller May nun eine bedeutend höhere Stufe erreicht als in den früheren Abenteuergeschichten: Kara Ben Nemsi stellt sich "demonstrativ auf die Seite der unterdrückten Völkerschaften"16 - der Araber, der Kurden, der Nestorianer z.B. - und wirkt für den Frieden der verfeindeten Volksgruppen.

   Einer großen und später noch viel größeren Lesergemeinde17 eröffnet Mays Orientzyklus "auf fesselnde Weise den Zugang zu den erstrebenswürdigsten Werten des Menschentums".18 Und nicht zuletzt muß gesehen werden: Mays Roman atmet, so Walther Ilmer, "christliche Gesinnung und stete Hinwendung des Helden zu Gott".19

   Der Literatur-Pädagoge May erweist sich, viel wirksamer als in den Geographischen Predigten (1875/76), als überzeugender Katechet, als Lehrer der 'anderen Dimension': Er vermittelt den Lesern psychologisch sehr fein (fast heimlich, nicht aufdringlich und doktrinär) das 'Urvertrauen' auf Gottes Führung, die - über geheimnisvolle Wege - alles zum Guten lenkt; er verweist, erzählend, auf Gott, der das Recht wiederherstellt, auch menschliches Versagen und menschliche Schuld in seinen Heilsplan mit einbaut, die Leidenden "durch Leiden errettet" (Hiob 36, 15) und, gerade so, "seine Werke offenbar werden läßt" (Joh 9, 3).

   Nimmt man alle - erzählerischen und pädagogischen - Gesichtspunkte zusammen, dann darf man schon fragen, ob nicht so manche Partien des Orientromans als Schullektüre besser geeignet wären "als manches Werk des klassischen Bildungskanons".20


7.7.2

Das Ich-Ideal


Im Orientzyklus bricht Karl May als Autor und (Lebens-) Künstler auf zu neuen Gestaden. Einen "vielversprechenden Anfang"21 seines Weges zu literarischen und menschlichen Höhen bildet der schöne (mehrdimensionale, in vielfacher Hinsicht besonders reizvolle), von May im November 1880 verfaßte22 Eröffnungsdialog zwischen Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar (die hier zum ersten Mal auftreten):

"Und ist es wirklich wahr, Sihdi, daß du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?" - "Ja."23


//175//

Ein 'Giaur', ein 'Ungläubiger' ist Kara Ben Nemsi, in der Sicht Halefs, als Christ, als Nicht-Mohammedaner. Halef Omar, der Diener, der Moslem, will seinen Herrn zum Islam, zum 'wahren Glauben' bekehren; und wird doch selbst von Kara Ben Nemsi, nach und nach, in einem langen Prozeß, für die Botschaft Jesu gewonnen.

   Karl May verherrlicht - im ganzen Roman und schon gleich zu Beginn, im Dialog über den christlichen Glauben und die islamische Religion - die Leuchtkraft der Gottes- und Nächstenliebe. Der Schriftsteller wirbt, sehr klug, sehr dezent, für das Christentum; und - er rehabilitiert, in der geistigen Dominanz, der moralischen Überlegenheit des Ich-Helden Kara Ben Nemsi, die eigene Persönlichkeit, die "versehrte Psyche"24 des gescheiterten Lehrers, des Straftäters und Häftlings, "welcher verächtlicher ist als ein Hund" und "widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt".

   "Giölgeda padishanün", zu deutsch, nach der Erklärung Mays,25 Im Schatten des Großherrn, "will sagen im Schutze des Allmächtigen",26 beginnt in der tunesischen Wüste und führt hinauf zu den albanischen Bergen. In Mein Leben und Streben erläutert der Dichter:


Meine "Reiseerzählungen" haben von der Wüste [...] aufzusteigen [...] Indem mein Kara Ben Nemsi [...] in diese Wüste tritt und die Augen öffnet, ist das Erste, was sich sehen läßt, ein sonderbarer, kleiner Kerl, der [...] sich einen langen berühmten Namen beilegt und gar noch behauptet, daß er Hadschi sei, obgleich er schließlich zugeben muß, daß er noch niemals in einer der heiligen Städte des Islam war, wo man sich den Ehrentitel eines Hadschi erwirbt [...] Und dieser Hadschi ist meine eigene Anima, jawohl, die Anima von Karl May!27


   Mays 'Ich' wird also (für den Autor, 1880, vielleicht noch unterbewußt?) in 'Halef' und 'Kara Ben Nemsi' gespalten.28 Während das 'böse' Ich Karl Mays, der frühere Straftäter, auf verbrecherische Romanfiguren projiziert (und auf diese Weise gebannt) wird,29 hat die Anima eine ganz andere Bedeutung: Halef, das muntere Kerlchen, ist die - eher skurrile, unbeschwert heitere, alles andere als böswillige - Imponiersucht, das triebhafte Leben, das leichtsinnige, allzu waghalsige, aber doch entwicklungsfähige, äußerst liebenswürdige, auch lebenskluge und deshalb notwendige Teil-Ich des Autors.

   Und Kara Ben Nemsi? Das Roman-Ich verkörpert, als Ideal schlechthin, eine große Vision: das höchste Streben, die (göttliche) Berufung des Menschen und des Schriftstellers Karl May.

   Kara Ben Nemsi, Karl der Deutsche,30 zieht durch die Wüste, vom kleinen Hadschi, seinem poetisch "gelungensten alter ego",31 seinem 'Freund und Beschützer' (wie dieser sich nennt), getreulich begleitet. Er steigt auf zu den 'Höhen', von Rih, dem herrlichen Rappen,32 wie auf Flügeln getragen; er überwindet im Schatten des Allmächtigen, im Schutze Gottes,33 des wirklichen 'Goßherrn', jede Gefahr; er besteht, wie der Märchenheld, jede Prüfung; er rettet die Bedrängten, besiegt jeden Feind und läßt Gnade vor Recht ergehen.

   Kein Wunder - die Leser begannen zu fragen: nach Karl May, nach seinen Reisen und seinen Erlebnissen! Schon im Mai 1880, noch vor dem Erscheinen von "Giölgeda padishanün", hatte die Hausschatz-Redaktion eine Leseranfrage nach dem Aufenthalte des Schriftstellers beantwortet: "Gegenwärtig reist er in Rußland und beabsichtigt, bald wieder einen Abstecher in's Zululand zu machen."34

   Im März 1881 folgt die Auskunft, Karl May habe ALLE Schauplätze seiner Erzählungen "selbst bereist"; erst kürzlich sei er von einem Ausflug nach Konstantinopel zurückgekehrt "und zwar mit einem Messerstich als Andenken. Denn er pflegt nicht, mit dem rothen Bädeker in der Hand im Eisenbahn-Coupé zu reisen, sondern er sucht die noch wenig ausgetretenen Pfade auf."35 Und im Oktober 1881 erfahren die Leser, Karl May


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liege "krank darnieder [...] in Folge einer wieder aufgebrochenen alten Wunde. Auf seinen weiten und gefahrvollen Reisen in allen Theilen der Erde hat er sich selbstverständlich manche Wunde geholt."36

   Solche Antworten hat May (der Halef-May, der flunkernde Schelm) - zumindest indirekt - selbst provoziert. Daß das Roman-Ich Kara Ben Nemsi identisch sei mit dem wirklichen, dem bürgerlichen May, wird in den achtziger Jahren vom Autor zwar nicht ausdrücklich behauptet; aber angedeutet, suggeriert wird es im Romantext sehr wohl.

   Gewiß, das erzählende Ich ist zunächst nur ein Kunstgriff, ein (in der Literatur auch sonst sehr verbreitetes) Stilmittel, durch welches erreicht wird, "was das Geheimnis der wahren lebendigen Wirksamkeit jeder Dichtung ausmacht: die unmittelbare Verschmelzung des Lesers mit seinem Helden."37 Darüber hinaus aber hat das 'Ich' Karl Mays eine biographische Relevanz: Seinem - teils bewußten, teils unterbewußten - Ich-Ideal schuf der Schriftsteller jenen Traumraum, jenes imaginäre Umfeld, auf dem es sich voll entfalten und das Publikum faszinieren konnte.

   Die schlichte Gleichsetzung von May und Kara Ben Nemsi ist ein absurdes, von May leider selbst - in den neunziger Jahren - auf groteske Weise gefordertes Mißverständnis. Kara Ben Nemsi und der Autor des Orientromans sind selbstverständlich nicht identisch; aber daß es keine Verbindungen gebe, ist damit nicht gesagt. Was haben Karl May und Kara Ben Nemsi miteinander zu tun? Sehr wenig und sehr viel! Sehr wenig: denn May ist kein strahlender Held. Sehr viel: denn das Ich-Ideal, die 'Vision', die größere Perspektive, die unendliche Sehnsucht gehören zum WESEN des Menschen Karl May (und des Menschen überhaupt).38

   Hat der Schriftsteller, in Kara Ben Nemsi, sein reales Ich völlig zugedeckt? Nicht immer, nicht in jeder Roman-Passage! Im Orientzyklus gibt es wichtige Stellen, in denen das erzählende 'Ich' mit dem wirklichen May tatsächlich verschmilzt: Die Begegnung Kara Ben Nemsis mit Marah Durimeh, der uralten Kurdenfrau, zwingt das 'Ich' zur Selbstoffenbarung. Unter dem Einfluß der schützenden Frau, der mütterlichen Gestalt, legt Kara Ben Nemsi seine Heldenrolle ab: "Er nennt sich einen 'Emir des Leidens, des Duldens und des Ringens'39 und bekennt die zentrale Not seines Lebens, die auch sein Schreiben bis zum Ende bewegte: 'auf wem das Gewicht des Leidens und der Sorge lastete, ohne daß eine Hand sich helfend ihm entgegenstreckte, der weiß, wie köstlich die Liebe ist, nach der er sich vergebens sehnte'".40

   Marah Durimeh verkörpert die verstehende Güte, die May so nötig hat: "'Herr', sagte sie, 'ich liebe Dich!'"41 Dieses - erlösende - Wort, so erläutert Roxin,


bedeutet wie das gesamte abschließende Zwiegespräch mit Marah Durimeh einen Höhepunkt im frühen Werk Mays. Man kann - was die psychischen, nicht die literar-ästhetischen Voraussetzungen betrifft! - den Gehalt der späten Romane aus dieser Szene entwickeln, auf die sich das ganze Kurdistan-Buch hinbewegt.42


   Das Roman-Ich Kara Ben Nemsi und das wahre Ich Karl Mays berühren sich, auf erschütternde Weise, auch in Die Todes-Karavane (in Bagdad und Stambul enthalten), einer der düstersten und beklemmendsten Partien des Orientzyklus, die erzählerisch zu den besten Texten unseres Autors gehört:43 Mit dem 'Verlust der Liebe', der Entfernung von Marah Durimeh, erfaßt den Helden "eine Unruhe, eine Angst, als hätte ich etwas Böses begangen, dessen Folgen ich nun fürchten müsse"!44 Depressionen stellen sich ein, und das 'Ich' begeht Fehler. Es versagt und erkrankt an der Pest. Fast hilflos ist es ausgeliefert an eine ungewisse und dunkle Bedrohung. Der Traum vom gelungenen Leben wird


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"konfrontiert mit der Alternative des Scheiterns"45 - bis der 'Schutz des Allmächtigen' wieder spürbar wird und die neue Wende herbeiführt.

   Der Orientzyklus kann, wie später die Winnetou-Trilogie, als eine Art Entwicklungs- und Bildungsroman verstanden werden: als fiktive "Reise zum Ziel der Selbstbefreiung und Selbstreinigung"46 des Dichters. Denn jede Episode dient "dem Werden und Reifen des Helden und dem Anwachsen seiner Befähigung, es mit Widerständen aller Art [...] erfolgreich aufzunehmen."47

   Auch Mays reales Ich ist auf dem Wege zur Selbstfindung. Seltsam sind freilich die Umwege: Flucht aus der planen Realität, phantastische Überhöhung des wirklichen Ich, wechselnde Teil-Identitäten in zahlreichen literarischen Ich-Derivaten.48 Das Ziel, die Vollendung und die Erlösung des Menschen Karl May, ist scheinbar so nahe und in Wahrheit doch sehr viel entfernter noch als das (im April 1888 bzw. Dezember 1892 verfaßte)49 Ende der - über 3600 Buchseiten umspannenden - Orient-'Odyssee'.



Anmerkungen


1Vgl. z.B. Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg 1910. Hrsg. von Hainer Plaul. Hildesheim, New York 21982, S. 299.
2Vgl. unten, S. 271ff.
3Ernst Bloch: Urfarbe des Traums (3.12.1926). In: JbKMG 1971, S. 11-16.
4Vgl. Otto Forst-Battaglia: Karl May. Traum eines Lebens - Leben eines Träumers. Beiträge zur Karl-May-Forschung 1. Bamberg 1966, S. 171. - Zur Deutung und Bewertung des Orientzyklus vgl. Karl Mays Orientzyklus. Karl-May-Studien Bd. 1. Hrsg. von Dieter Sudhoff und Hartmut Vollmer. Paderborn 1991 (mit Beiträgen von Rudolf Beissel, Claus Roxin, Hermann Wiegmann, Martin Lowsky, Franz Kandolf u.a.) - Heinz-Lothar Worm: Karl Mays Helden, ihre Substituten und Antagonisten. Tiefenpsychologisches, Biographisches, Psychopathologisches und Autotherapeutisches im Werk Karl Mays am Beispiel der ersten drei Bände des Orientzyklus. Paderborn 1992 (ein Buch, das - wegen methodischer Fragwürdigkeiten - freilich umstritten ist).
5Zu den Entstehungszeiten Roland Schmid: Anhang. In: Karl May: Freiburger Erstausgaben, Bd. XXIII. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1984, A 1-42 (32 u. 36); Stambul ist nach Claus Roxin (Brief vom 10.6.1990 an den Verfasser) nicht - wie Schmid vermutet (ebd., A 36) - im Januar 1883, sondern noch vor der zweiten Münchmeyer-Tätigkeit Mays, also bis spätestens Oktober 1882, entstanden.
6Zu den weiteren Fortsetzungstexten des Orientzyklus vgl. unten, S. 198f. u. 218ff.
7Vgl. Walther Ilmer: Durch die sächsische Wüste zum erzgebirgischen Balkan. Karl Mays erster großer Streifzug durch seine Verfehlungen. In: JbKMG 1982, S. 97-130 - Ders.: Das Märchen als Wahrheit - die Wahrheit als Märchen. Aus Karl Mays 'Reise-Erinnerungen' an den erzgebirgischen Balkan. In: JbKMG 1984, S. 92-138 - Ders.: Von Kurdistan nach Kerbela. Seelenprotokoll einer schlimmen Reise. In: JbKMG 1985, S. 263-320 - Ders.: Mit Kara Ben Nemsi 'im Schatten des Großherrn'. Beginn einer beispiellosen Retter-Karriere. In: JbKMG 1990, S. 287-312. - Vgl. unten, S. 268ff.
8Ilmer: Das Märchen als Wahrheit, wie Anm. 7, S. 137 (Anm. 73) - Ähnlich ders.: Mit Kara Ben Nemsi, wie Anm. 7, S. 297. - Vgl. ders.: Karl May - Mensch und Schriftsteller. Tragik und Triumph. Husum 1992, S. 83ff.
9Vgl. Claus Roxin: Einführung. In: Karl May: Giölgeda padishanün - Reise-Abenteuer in Kurdistan. 'Deutscher Hausschatz' 7./8. Jg. 1880-82. Reprint der KMG. Hamburg, Regensburg 1977, S. 2-6 (S. 2).
10Ebd.
11Ebd. - Vgl. auch Claus Roxin: Bemerkungen zu Karl Mays Orientroman. In: Orientzyklus, wie Anm. 4, S. 83-112.
12Roxin: Einführung, wie Anm. 9, S. 2. - Zur erzählerischen Qualität des Romans vgl. auch Hermann Wiegmann: (Werkartikel zu) Der Orientzyklus. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 177-205 (S. 191 ff.) - Ders.: Stil und Erzähltechnik in den Orientbänden Karl Mays. In: Orientzyklus, wie Anm. 4, S. 113-127.


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13Wiegmann: Werkartikel, wie Anm. 12, S. 190.
14Vgl. Roxin: Einführung, wie Anm. 9, S. 3.
15Vgl. Franz Kandolf: Kara Ben Nemsi auf den Spuren Layards. In: KMJB 1922. Radebeul 1921, S. 197-207. - Zu Mays Quellen vgl. auch Roxin: Einführung, wie Anm. 9, S. 3 - Wiegmann: Werkartikel, wie Anm. 12, S. 178f.
16Roxin: Einführung, wie Anm. 9, S. 4.
17Vgl. unten, S. 236f.
18Ilmer: Durch die sächsische Wüste, wie Anm. 7, S. 105.
19Ilmer: Mit Kara Ben Nemsi, wie Anm. 7, S. 288.
20Roxin: Einführung, wie Anm. 9, S. 4.
21Walther Ilmer: Karl Mays Weihnachten in Karl Mays "Weihnacht!": In: JbKMG 1987, S. 101-137 (S. 108).
22Nach Schmid, wie Anm. 5, A 32.
23Karl May: Durch Wüste und Harem. Gesammelte Reiseromane, Bd. I. Freiburg 1892 (seit 1895 Durch die Wüste), S. 1 - Zur Deutung dieses Dialogs vgl. Heinz Stolte: Die Reise ins Innere. Dichtung und Wahrheit in den Reiseerzählungen Karl Mays. In: JbKMG 1975, S. 11-33 (S. 25) - Ilmer: Durch die sächsische Wüste, wie Anm. 7, S. 110f. - Helmut Schmiedt: Karl May. Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers. Frankfurt/M. 21987, S. 230-234 - Günter Scholdt: Und ist es wirklich wahr, Sihdi, daß du ein Giaur bleiben willst? Vorläufiges über Erzählanfänge bei Karl May. In: Karl May. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Sonderband Text + Kritik. München 1987, S. 101-126 (S. 122ff.).
24Stolte: Die Reise ins Innere, wie Anm. 23, S. 32.
25Vgl. May: Durch Wüste und Harem, wie Anm. 23, S. 32. - Die türkische Bezeichnung Giölgeda padishanün ist "syntaktisch wie morphologisch falsch" (Ilmer: Mit Kara Ben Nemsi, wie Anm. 7, S. 288). - Vgl. Jürgen Pinnow: Sächsisches in den Werken Karl Mays. In: JbKMG 1989, S. 230-264 (S. 259, Anm. 18) - Ders.: Fremdsprachliche Angaben Karl Mays aus dem orientalischen Raum. In: MKMG 83 (1990), S. 41-45 (S. 41).
26Ilmer: Durch die sächsische Wüste, wie Anm. 7, S. 109; vgl. ders.: Mit Kara Ben Nemsi, wie Anm. 7, S. 288.
27May: Mein Leben und Streben, wie Anm. 1, S. 209ff.
28Nach Ilmer: Mensch und Schriftsteller, wie Anm. 8, S. 84ff., bedeutet der Name 'Halef' eigentlich 'Chalef' = 'Kalif' = 'Stellvertreter' (des Menschen Karl May)!
29Vgl. unten, S. 269.
30Vgl. Anton Haider: Was bedeutet Kara Ben Nemsi wirklich? In: MKMG 76 (1988), S. 54 - Ders.: "Karl der Deutsche". In: MKMG 8 1 (1989), S. 54 - Jügen Pinnow: Zum Namen Kara Ben Nemsi. In: MKMG 77 (1988), S. 13f. - Ilmer: Mit Kara Ben Nemsi, wie Anm. 7, S. 289.
31Ilmer: Ebd.
32Dazu ebd., S. 297.
33Vgl. Psalm 91, 1: "Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen [...]"
34Zit. nach Gerhard Klußmeier: Karl May und Deutscher Hausschatz. Bibliographische Dokumente aus 30 Jahren. In: MKMG 16 (1973), S. 17-20 (S. 19).
35Ebd., S. 20.
36Ebd.
37Carl Zuckmayer: Palaver mit den jungen Kriegern über den großen Häuptling Karl May (3.4.1929). In: KMJB 1930. Radebeul 1930, S. 35-43 (S. 41).
38Vgl. unten, S. 314ff.
39Karl May: Durchs wilde Kurdistan. Gesammelte Reiseromane, Bd. II. Freiburg 1892, S. 632.
40Roxin: Einführung, wie Anm. 9, S. 4; Binnenzitat: May: Durchs wilde Kurdistan, wie Anm. 39, S.633.
41May: Ebd., S. 636.
42Roxin: Einführung, wie Anm. 9, S. 4.
43Vgl. Claus Roxin: Einführung. In: Karl May: Die Todes-Karavane - In Damaskus und Baalbeck - Stambul - Der letze Ritt. 'Deutscher Hausschatz' 8./9. Jg. (1881-83) bzw. 11./12. Jg. (1884-86). Reprint der KMG. Hamburg, Regensburg 1978, S. 2-6 (S. 3f.) - Wiegmann: Werkartikel, wie Anm. 12, S. 194.


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44Karl May: Von Bagdad nach Stambul. Gesammelte Reiseromane, Bd. III. Freiburg 1892, S. 44; zit. nach Roxin: Einführung (zu Die Todes-Karavane), wie Anm. 43, S. 4 - Zur autobiographischen Deutung vgl. auch Ilmer: Von Kurdistan nach Kerbela, wie Anm. 7, S. 263-320.
45Wiegmann: Werkartikel, wie Anm. 12, S. 195.
46Ilmer: Durch die sächsische Wüste, wie Anm. 7, S. 110 - Zu den Kriterien des 'Bildungsromans' vgl. Gerhard Neumann: Karl Mays 'Winnetou' - ein Bildungsroman? In: JbKMG 1988, S. 10-37 (S. 11 ff.).
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