//189//

HERMANN WOHLGSCHAFT


Karl May und die Evolutionstheorie
Quellen - geistesgeschichtlicher Hintergrund - zeitgenössisches Umfeld



Der Mensch trägt in sich eine Spur, die ihn nicht vergessen läßt, daß er woandersher kommt.
Blaise Pascal

Alle Menschen haben denselben Ursprung und kehren zu diesem Ursprung zurück.
Elisabeth Kübler-Ross



Wie andernorts dargestellt,1 war Karl May in der frühesten Zeit seines Schaffens - und modifiziert in der Altersphase - ein begeisterter, religiös motivierter, Verfechter der Evolutionstheorie. Partiell in dieselbe Richtung wie May aber dachten, lange vor ihm oder gleichzeitig mit ihm, auch andere Autoren: lateinische und griechische Kirchenväter, Theosophen und Mystiker, protestantische Theologen und katholische ›Modernisten‹, diverse Naturforscher und die Gründer/innen der Friedensbewegung.

   Damit stellt sich die Frage: Welche Quellen hatte May mit Sicherheit benutzt? Welche Quellen  k a n n  er benutzt haben? Wie ging er mit diesen Quellen um? Welche Denk-Traditionen und welche zeitgenössischen Strömungen hatten ihn beeinflußt? Übernahm er die damals gängigen Denkmuster? Oder, und inwieweit, grenzte er sich ab von herrschenden Meinungen?


//190//

   Wenigstens annähernd soll versucht werden, auf diese Fragen zu antworten - und zwar in folgenden Schritten: Zunächst werden die Spuren des heilsgeschichtlichen Denkens der Bibel (I), der neuplatonischen Lehre (II), der philosophia perennis (III) und der darwinistischen Theorie (IV) in der Mayschen Fortschritts-Idee untersucht. Anschließend wird Mays Gratwanderung zwischen kirchlicher Orthodoxie (V) und alternativen Denkansätzen der 1900er (VI) bzw. 1870er Jahre (VII) besprochen. Zudem soll die (nicht zu unterschätzende) Herausforderung des späten Karl May durch den ›Darwinisten‹ Friedrich Nietzsche (VIII) mit bedacht werden.

   Es wird sich - nebenbei - auch bestätigen: Karl Mays bereits erörterte2 Nähe zur teilhardistischen Evolutionstheorie wird im Blick auf gemeinsame Quellen und Hintergründe (Bibel, Darwin, Nietzsche) erst recht plausibel und voll verständlich.



I  B i b l i s c h e  S p u r e n  i m  W e r k  K a r l  M a y s


Wie später der Theologe und Naturforscher Teilhard de Chardin wollte auch Karl May die Religion und die Wissenschaft, genauer: den Schöpfungsglauben und die biologische Entwicklungslehre, in harmonische Berührung ... bringen.3 Was den Glauben betrifft, war Mays literarische Hauptquelle ganz offensichtlich die Bibel, die er »besser kannte als vermutlich jeder von uns«.4 Von Kindheit an war May mit den biblischen Schriften vertraut, und im Lehrerseminar gehörte Bibelkunde zu den wichtigsten Fächern.

   Freilich war die Bibel, wie schon das ›Buch der Liebe‹ (1875/76) belegt, für May kein ›papierener Papst‹, keine unfehlbare und quasi vom Himmel gefallene Selbstmitteilung Gottes. Nach der Auffassung Mays, der die Grundsätze der historisch-kritischen Bibelexegese wohl kannte,5 ist die ›heilige Schrift‹ natürlich nicht buchstäblich und nicht in jeder einzelnen Aussage ›Wort Gottes‹. Extreme Formen der Bibelkritik, die so zu sagen das Kind mit dem Bade ausschütten6 und vom Wesenskern der Botschaft nichts übrig lassen, lehnte May zwar ab. Daß sich die Bibel in menschlicher Sprache ausdrückt und die Wahrheit nur vorläufig, nur gebrochen zur Anschauung bringt, war für ihn aber selbstverständlich:


Die Bibel ahnt und glaubt, die Wissenschaft zweifelt und sucht, und beide werden an einem und demselben Ziele zusammentreffen. Und wenn der Forscher sich unmöglich entschließen kann, das »Buch der Bücher« seinem Gesammtinhalte nach zu unterschreiben, so muß er ebenso und der Wahrheit gemäß zugestehen, daß auch die Wissenschaft keineswegs den Anspruch erheben dürfe, in ihren Einzelnheiten unfehlbar zu sein.7



Die Botschaft Jesu


In den ›Geographischen Predigten‹ (und auch sonst bei May) wird klar: Als inspiriert vom göttlichen Geist verstand unser Autor die Mitte der Botschaft Jesu. Der zentrale Begriff der Verkündigung Jesu aber war das »Reich Gottes«, das in der Sicht der Evangelisten mit Jesus, in seinem vollmächtigen Handeln, schon angebrochen und doch, in der Vollendungsgestalt, noch ausständig ist.

   May wußte: Die ›basileia tou theou‹, die ›Königsherrschaft Gottes‹, die (noch verhüllte, keimhaft aber schon wirksame) Übermacht der Liebe, die die Welt überwindet, hatte Jesus in  B i l d e r n  und  G l e i c h n i s s e n  verkündet. Den Geschmack des Lebens hatte er in diesen, die Sinne ansprechenden, Bildern zu Gott - der unendlichen Tiefe, dem Grund und der Quelle des Lebens - in engste Beziehung gebracht.

   Die Einladung Gottes - zur Fülle des Lebens, zur Liebe, die bleibt - wird in Jesu Wort transparent: »Wer Durst hat, der komme.« (Offb 22, 17) In ›Ardistan und Dschinnistan‹ hat May, auf seine besondere Art, diese Einladung


//191//

neu übersetzt in symbolistische Poesie. Mays Dichtung erhellt: Dschinnistan, das Land der Verheißung, das Reich des Friedens, der wahren Menschlichkeit, der vollkommenen Liebe, ist noch unerreicht und doch - wie das kleine Senfkorn, das zu einem Baume heranwachsen wird8 (Mk 4, 30ff.) - schon mitten unter uns.



Pietismus und liberale Theologie


Dschinnistan  i s t  das Reich Gottes.9 Zur Zeit Karl Mays freilich, und auch schon früher, wurde der Reich-Gottes-Begriff des Neuen Testamentes von unterschiedlichen theologischen Richtungen differenziert und zum Teil kontrovers interpretiert. Die ›Geographischen Predigten‹ und das ›Buch der Liebe‹ lassen sehr gut erkennen, daß May von der pietistischen,10 an der christlichen Lebensführung orientierten Reich-Gottes-Deutung, aber auch von der - mehr weltlich, mehr aufklärerisch bestimmten - Reich-Gottes-Lehre der liberalen protestantischen Theologie beeinflußt war.

   Angesichts der großen Entdeckungen, der sozialen Errungenschaften und der allgemeinen Fortschrittsbegeisterung glaubten führende Theologen des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts, ein goldenes Zeitalter der Humanität, des kulturellen Aufstiegs, der Befreiung von dogmatischen Zwängen und kirchlicher Bevormundung habe begonnen. Die ethisch begründete Fortschrittsidee, das ›undogmatische Christentum‹, die Versöhnung von Religion und Wissenschaft, die Theorie von der Nächstenliebe als dem wahren und einzigen Sinn der Gottesliebe, die Vorstellung schließlich vom irdische(n) Paradies,11 vom nahen Reich Gottes als dem Reich der Brüderlichkeit und des Friedens auf Erden - alle diese, uns von May her vertrauten, Ideale waren typische Merkmale der liberalen Theologie, wie sie in der Nachfolge Friedrich Schleiermachers von Albrecht Ritschl (1822-1889) und Adolf von Harnack (1851-1930) maßgeblich vertreten wurde.

   Auch die ›Entmythologisierung‹ des biblischen - bzw. kirchlichen - Christusbildes durch die rationalistische Leben-Jesu-Forschung, deren Hauptvertreter in Deutschland David Friedrich Strauß (1808-1874) und in Frankreich Ernest Renan (1823-1892) waren, hinterließ in Mays Frühwerk sehr deutliche Spuren. Renans ›Leben Jesu‹ steht in Mays Bibliothek.12 Im ›Buch der Liebe‹ freilich werden weder Strauß noch Renan, sondern es wird - halb skeptisch, halb zustimmend - das Werk eines weniger bekannten Leben-Jesu-Autors, des Züricher Pfarrers Dr. Heinrich Lang, zitiert.13



Das heilsgeschichtliche Denken


Unbeschadet solcher kritischen Einflüsse blieb die religiöse Grundgestimmtheit Karl Mays »intensiv von Sprache und Vorstellungswelt der Bi-


//192//

bel«,14 vom heilsgeschichtlichen Daseinsverständnis des Alten und Neuen Testaments, geprägt. Die von May verfaßten Teile des ›Buches der Liebe‹ enthalten, verteilt auf über 300 Seiten, um die achtzig alt- und neutestamentliche Schriftworte. Die ›Geographischen Predigten‹ sind mit Bibelzitaten, vorzugsweise aus der Reich-Gottes-Predigt Jesu, reichlichst garniert. Und in den späteren Erzählungen, im Alterswerk insbesondere, bewährte sich May nicht nur als Künstler, als Literat und Erzieher, sondern fast ebenso als Ausleger der Bibel.15

   May zitierte nach der Lutherbibel, in der Regel aus dem Gedächtnis und ohne exakte Stellenangabe. Zu beachten sind auch indirekte Bibelzitate, freie Anklänge an Schriftworte, die als solche von May nicht gekennzeichnet wurden.

   »Jesus wußte, daß (...) er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte.« (Joh 13, 3) Wie Martin Luther und viele, darunter auch evangelische, Mystiker16 übertrug Karl May - in Lawrence/Massachusetts - diese christologische Aussage des Johannes-Evangeliums auf die Menschheit überhaupt.17 Auch sonst variierte May mit einer gewissen Vorliebe johanneische bzw. paulinische Redewendungen. In Wien zum Beispiel meinte der Dichter: So, wie alles Herzeleid durch einen einzigen Menschen auf die Erde kam, so wird es auch durch einen einzigen überwunden werden.18 Ein abgewandeltes Zitat nach dem Ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther (1 Kor 15, 21) liegt uns hier vor.

   ›Das Buch der Liebe‹ schließt mit dem Pauluswort »Die Liebe höret nimmer auf!« (1 Kor 13, 8).19 Im übrigen heißt es im Mayschen Frühwerk über die Liebe: Ehe etwas war, war sie; was ist, das ist durch sie geworden ... . Ja, Gott ist die Liebe, und wo Liebe ist, da ist sie nicht eine Eigenschaft Gottes ..., sondern sie ist Gott selbst.20 Diese - zentrale - May-These ist ein Mischzitat aus dem Johannes-Prolog (Joh 1, 3) und dem Ersten Johannes-Brief (1 Joh 4, 8), bei May freilich ohne ausdrücklichen Christus-Bezug. Und wenn May als Urkraft der Evolution die Liebe bezeichnet, welche das A ist und das O, der Anfang und das Ende,21 so finden wir die Parallel-Stellen in der Johannes-Apokalypse und beim Propheten Jesaia: »Ich bin das Alpha und das Omega, der (...) Anfang und das Ende.« (Offb 22, 13; vgl. Jes 44, 6)

   Mays Ansicht, daß auf dem Wege der Naturforschung von dem Geschöpfe auf den Schöpfer zu schließen22 sei, hat ihr biblisches Fundament im Römerbrief: »Seit Erschaffung der Welt wird (Gottes) unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit.« (Röm 1, 20) Auch die Hauptthese Mays, daß der Schöpfungsprozeß noch gar nicht abgeschlossen sei23 und die Heilsgeschichte ihr Ziel - wenn auch unter Schmerzen - mit Sicherheit erreichen werde, kann auf die Bibel zurückgeführt werden. Denn Jesaia verhieß »einen neuen Himmel und eine neue Erde« (Jes 65, 17; vgl. Offb 21, 1). Und Paulus schrieb an die Römer: »Ich bin überzeugt, daß die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar


//193//

werden soll (...). Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden (...). Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.« (Röm 8, 18-22)



I I  K a r l  M a y  u n d  d e r  N e u p l a t o n i s m u s


Die theologische Entwicklungslehre ist in der alt- und neutestamentlichen Deutung der Weltgeschichte als Heilsgeschichte enthalten. Insgesamt setzt die Bibel eine zielgerichtete Entwicklung nach dem Plan und durch das Handeln Gottes voraus. Da aber die Bibel weder ein Leitfaden für naturwissenschaftliche Forschungen ist, noch den Ausbau eines ... philosophischen Systems bewerkstelligen soll,24 konnte May die eigentliche Evolutionstheorie, den Gedanken einer Entwicklung vom Urstoff und den einfachsten Formen des Lebens bis zum Ich-Bewußtsein des Menschen, natürlich nicht in der Bibel finden, um so ergiebiger aber - wie sich zeigen wird - im Neuplatonismus, im deutschen Idealismus und, naturwissenschaftlich gestützt, im Darwinismus.



Die Seelenwanderung


Verstehen wir unter Entwicklung, ganz allgemein, die schrittweise Umbildung von einer Form zur anderen, kann auch die platonische, im ›Buch der Liebe‹ virulente Idee eines postmortalen Aufstiegs der Seele in höhere Daseinsstufen25 als ›Entwicklungstheorie‹ bezeichnet werden. In diesem weitesten Sinne wurde die Fortentwicklung des Lebens, als ›Seelenwanderung‹, schon in der antiken Esoterik, in den altindischen Philosophien, ebenso bei den Orphikern und Pythagoreern gelehrt.

   Natürlich war May das bekannt, er hatte ja Zugang zu entsprechender Sachliteratur. Er besaß z. B. eine sehr aufschlußreiche Broschüre ›Die sichtbare und die unsichtbare Welt. Diesseits und Jenseits‹ von Prof. Dr. Maximilian Perty.26 Im Unterschied zu anderen Büchern dieses Genres, die er nicht beachtete,27 hat May ›Die sichtbare und die unsichtbare Welt‹ - wie die Markierungen und Randnotizen beweisen - zumindest teilweise rezipiert.

   Mit Sicherheit hatte er gelesen: »Der Zweck des ganzen Lebens ist, die Seele immer freier von dem Zwang der Materie zu machen, bis zur letzten Transformation, welche der Seele (...) gestattet, die weitere unendliche Entwicklung fortzusetzen«.28

   Das klingt sehr platonisch. Der Leib als Gefängnis der Seele! Platons ›Urahne‹ Pythagoras - der Indien, Persien und Mesopotamien bereist haben soll29 - nahm, so las es May bei Perty, die


//194//

Seelenwanderung an und als Endziel die Befreiung der Seele von einem sterblichen Leibe, indem die Ideen der Inder sich sowohl zu den Griechen als den Babyloniern, Medern, Persern, Israeliten und Christen verbreitet hatten (...). Der gegenwärtige Spiritualismus ist nur die neueste Form, in welcher sich jene Vorstellungen ausprägen und bei den französischen Spiritisten und in manchen amerikanischen Kreisen hat sich auch die Wiedereinverleibung des abgeschiedenen Geistes in einen neuen Organismus erhalten.30


In der Tradition Goethes oder auch Herders und Lessings31 spielte May im ›Buch der Liebe‹, wenn auch vage und eher verdeckt, mit dem pythagoreischen (der biblischen Offenbarungsreligion fremden!) Gedanken der Seelenwanderung. Darüber hinaus dachte er in seinen Erstlingswerken, um 1875/76, an eine außerirdische Weiterentwicklung der Verstorbenen. Bei Maximilian Perty, dem Anthropologen und Naturwissenschaftler,32 fand er dieselbe Idee:


Die Erde ist sicher nicht der einzige, von belebten organisirten Wesen bewohnte Weltkörper, auf unzähligen abgekühlten Begleitern der Fixsterne mag sich die reichste Fülle psychophysischer Wesen entwickeln bis hinauf zu Intelligenzen, welche z. Th. höher als die Menschen dieser Erde stehen mögen, wenn sie auch wie diese die Materie zu ihrer Erscheinung und Bethätigung bedürfen. Aber neben dieser Welt besteht noch eine unsichtbare, deren Genossen uns nur in besonderen Verhältnissen zur Wahrnehmung kommen, seien sie nun Wesen von ganz anderer Art oder seien sie  E n t w i c k l u n g s f o r m e n ,  w e l c h e  i n  f r ü h e r n  L e b e n s s t a d i e n  m i t  d e r  g r ö b e r e n  w e c h s e l n d e n  M a t e r i e  v e r b u n d e n  w a r e n ,33 - es besteht höchst wahrscheinlich eine  G e i s t e r w e l t ,34 gegliedert in unermeßlich zahlreiche Klassen und Vollkommenheitsstufen (...). Wir kommen zu dieser Annahme durch das Denken, den Glauben aller Völker und durch die von den Unsichtbaren ausgehenden Kundgebungen.35


Auch diesen Passus hatte May - sehr bewußt - zur Kenntnis genommen, allerdings erst 1881 oder später. Doch Ähnliches kann er in Zeitschriften oder Broschüren schon 1875 (oder früher) gelesen haben.36



Der Spiritualismus


In Pertys Buch, und gewiß auch in anderen Schriften, konnte sich May informieren: über den indischen Brahmanismus und die europäische Geistesgeschichte, über das Fortleben und die geistige Weiterentwicklung des Individuums nach dem Tod, aber auch über weitere - parapsychologische - Themen wie Telepathie und außersinnliche Wahrnehmung. Auch zu Spiritismus und Spukerei hatte sich Perty, ziemlich wohlwollend, geäußert. Daß May sich (zeitweilig) für solche Dinge interessierte, wird kaum zu bezweifeln sein. Daß er zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens selbst Spiritist war, folgt daraus allerdings nicht.

   


//195//

   Genauso wie Perty wußte er zwischen Aberglauben und wirklicher Einsicht in die Welt des Göttlichen sehr wohl zu unterscheiden. Ich bin weder jemals Spiritist gewesen, noch bin ich es heute,37 erklärte er im Jahre 1909. Er hat sich »gelegentlich in dem Sinne geäußert, daß er vielleicht ein ›Spiritualist‹ sei, insofern er sich von den Geistern seiner Lieben zu jeder Zeit umschwebt und umhegt fühle, daß er aber den ›Spiritismus‹ (mit seinen ›Medien‹ und ›Materialisationen‹) als Betrug ablehne«.38

   Mit Seelenwanderung und okkulten Jenseits-Vorstellungen muß die ›spiritualistische‹ Weltanschauung überhaupt nichts zu tun haben. Spiritualismus ist ein mehrdeutiges und vielfältig verwendetes Wort, das zur Zeit Karl Mays, ganz allgemein, als Gegenbegriff zum Materialismus verstanden wurde. »Zum metaphysischen Spiritualismus zählt jede Philosophie, die den Geist als Wirklichkeit (...) und alles Seiende vom Geist her versteht.«39 Als spiritualistisch ist, dem ›Lexikon für Theologie und Kirche‹ zufolge, die gesamte christliche Philosophie zu bezeichnen. Auch Leibniz, Hegel und Fichte, auch Henri Bergson, der philosophische Lehrer Teilhard de Chardins, waren, im weiteren Sinne, ›Spiritualisten‹. Auch - und in erster Linie - der Neuplatonismus ist, wie das Lexikon uns belehrt,40 eine spiritualistische Philosophie.



Die Emanationstheorie


Nicht der Spiritismus, wohl aber der ›Spiritualismus‹, präziser: die neuplatonische Philosophie stand - neben der biblischen Überlieferung - Pate für Mays Entwicklungsidee. Vielleicht auch in anderen Schriften, in jedem Falle bei Perty hat May es gelesen: »Nach der Lehre der Neuplatoniker muß die in die Materie herabgefallene Seele sich von ihr befreien und wieder zur Einigung (...) mit dem reinen (...) Sein gelangen.«41

   Das ist die Spur, die uns weiterführt! Denn Mays (1908 in Lawrence vorgetragene) Theorie, das Universum sei die Materialisation der göttlichen Liebe, die sich in Geist, Seele, Kraft und Stoff verwandelt habe und auf demselben Wege zum Ursprung zurückkehren werde, erinnert sehr an das neuplatonische Denken.

   Nach Plotin (204-269), dem Begründer des Neuplatonismus, geht alles Seiende durch ›Emanation‹, durch ›Ausfluß‹ aus dem ewig Einen hervor und zwar in mehreren Stufen: Weltgeist, Weltseele, Körperwelt, Materie. Dem in die Körperwelt gefallenen Menschen sei es aufgegeben, sich zurückzuwenden, emporzusteigen bis zum Einen und, zuletzt, mit der Gottheit zu verschmelzen.42

   Daß May die Emanationstheorie des Plotinos (im Prinzip) gekannt hatte, ist ziemlich wahrscheinlich.43 Sehr viele Denker, vor allem die geistigen ›Ahnen‹ der Entwicklungslehre, wurden durch Plotin beeinflußt, z. B. Augustinus, Nikolaus von Kues, Giordano Bruno, Herder und Goethe,


//196//

Hegel und Schelling. Zumindest über sekundäre Quellen, Perty zum Beispiel, wird auch May mit Plotins Ideengut vertraut gewesen sein.

   Bewußt oder unbewußt hatte May die neuplatonische Emanationslehre übernommen und in die eigene, von der biblischen Tradition her kommende, Weltdeutung einfließen lassen. Einer der »theologischen Spitzensätze monotheistischer Religionen«:44 der fundamentale, in den jüngeren Schichten des Alten Testaments bereits angelegte,45 in der frühchristlichen Theologie schon ausformulierte und im Mittelalter zur herrschenden Lehre avancierte Gedanke von der ›creatio ex nihilo‹ - der Weltschöpfung als freier (nicht notwendiger) Setzung Gottes - kann mit der Entwicklungslehre im Sinne Plotins freilich nur schwer vereinbart werden.

   Vielleicht hatte May diesen Widerspruch überhaupt nicht bemerkt. Jedenfalls dürfte die - theologisch nicht unbedeutende46 - Lehrdifferenz zwischen neuplatonischer Philosophie und christlicher Orthodoxie unseren Autor nicht weiter beschäftigt haben: Für Kontroversen solcher Art hatte Karl May, der ja Dichter war und nicht Professor für Systematische Theologie, nur wenig Verständnis.



I I I  D e r  E n t w i c k l u n g s g e d a n k e  i n  d e r  G e i s t e s g e s c h i c h t e


Auf welchem - ideengeschichtlichen - Wege aber kam May zur modernen Evolutionstheorie? Im ›Buch der Liebe‹ berief er sich (in ganz unterschiedlichem Zusammenhang allerdings) auf Augustinus und Spinoza, auf Leibniz, Goethe und Hegel.47 Alle diese Denker können, im weiteren oder engeren Sinne, zu den Vätern der heutigen Evolutionslehre gezählt werden.

   Der Entwicklungsgedanke hat in der Philosophiegeschichte, vor und nach Plotin, eine lange Tradition. Angeregt durch Heraklits Lehre vom ewigen Werden, sprach schon der griechische Naturphilosoph Empedokles (ca. 500-430 v. Chr.) von der »Hervorbildung des Vollkommenen aus dem Unvollkommenen«.48 Ins Theologische und Christozentrische gewendet finden wir diese Idee bei den griechischen Kirchenvätern: in deren Vorstellung von der fortschreitenden ›Erziehung des Menschengeschlechts‹ durch Gott.



Christliche Tradition und neuplatonische Philosophie


Für Origenes (ca. 185-254) »ist Christus die Kraft, die die Geschichte der Menschheit gestaltet und sie durch einen Entwicklungsprozeß auf die Höhe der Vergeistigung führt«.49 Auch Gregor von Nyssa (ca. 334-394) verstand die Erlösung als »große Aufwärtsbewegung der Geister« und »Wiederherstellung« aller Dinge durch Gott.50 Den Heilsweg der Menschheit verknüpfte er, wie Plotin, mit der Entwicklung des Kosmos: Der Mensch »er-


//197//

hebt das ganze erschaffene Universum mit sich zu Gott«.51 Der lateinische Kirchenvater Augustinus (354-430) schließlich setzte gegen die zyklische Geschichtsauffassung - mit ihrer Vorstellung von der ewigen Wiederkehr des Gleichen - »die sinnvoll gerichtete Entwicklung auf das überirdische Ziel der Wiederkunft Christi«.52 Die Geschichte der Welt verglich er, dem Senfkorn-Gleichnis Jesu entsprechend, mit der Entfaltung eines Baumes aus seinem Samen.53 Und das menschliche Leben sah er als Reifungsweg, dessen Ziel Gott selber ist: »des Menschen Herz ist ruhelos, bis es ruhet in Gott.«54

   Der scholastische Philosoph Johannes Scotus Eriugena (ca. 810-877), dessen Werk ›Über die Einteilung der Natur‹ im Jahre 1210 von der kirchlichen Glaubensbehörde verurteilt wurde, interpretierte die Welt, in der Nachfolge Plotins, als eine Ausfaltung der Ewigkeit Gottes zu einem Leben in der Zeit.55 Dem Prozeß der ›Ent-wicklung‹ (egressus) entspricht in dieser gnostisch-neuplatonischen - zum Teil auch patristischen - Sichtweise die Rückkehr aller Dinge (regressus), also der Weg von der Vielheit zurück in die Einheit. An dieses, uns von Mays Vortrag in Lawrence her bekannte,56 Denkmodell des Plotin bzw. Eriugena knüpfte der Philosoph und Theologe Nikolaus von Kues (1401-1464) wieder an. Er zog die Konsequenz, daß die Welt als »explicatio Dei«, als »Auswicklung des unendlichen Lebens«, den Trieb zu unbegrenztem Fortschritt in sich trage. Denn nur ein Fortschritt ins Unendliche könne die Lebensfülle des absoluten Seins zum Ausdruck bringen.57

   Den religiösen Einschlag dieser Anschauung ergänzte der exkommunizierte, von der Inquisition verfolgte und als Ketzer verbrannte Dominikanermönch Giordano Bruno (1548-1600) - über dessen Vita als ›Märtyrer der neuen Weltanschauung‹ Karl May ein Buch besaß58 - durch ein künstlerisches Element: Für Bruno offenbarte sich die Welt als »brausende Bewegung, Sturm und Drang, Ringen und Kämpfen«,59 aber auch als lebendiges Kunstwerk, das sich immer weiter entwickle.60

   Bruno wie Cusanus sahen in der Welt die »explicatio Dei«. Auch bei Jakob Böhme (1575-1624), dem protestantischen Mystiker, auf dessen Geistesverwandtschaft mit dem späten May in anderem Zusammenhang schon verwiesen wurde,61 »geht die Entwicklung aus dem inneren Wesen Gottes (...) in Stufen hinab zur Natur. (...) Gott entfaltet sich in die Welt, bis dieser Prozeß mit der Wiederherstellung der geistigen Natur endet.«62

   Durch den lutherischen Prälaten und Theosophen Friedrich Oetinger (1702-1782) wurde Böhme neu entdeckt. Für Oetinger - wie für Plotin -


ist Gott nicht der fertige Gott, der den fertigen Menschen in eine fertige Welt setzt, sondern der Gott, der sich zur verleiblichenden Verwirklichung seiner selbst drängt und sich in der Entfaltung des Lebens auf seinen verschiedenen Stufen manifestiert. Und der Mensch ist Miterlöser der Natur, die sich in Stufen in die Unendlichkeit des Reiches Gottes hineinentwickelt.63


//198//

Karl May und die Väter der Evolutionstheorie


Im biblischen Denken werden Gott und Welt zwar nicht getrennt, aber deutlich unterschieden. Aus alt- und neutestamentlicher Sicht ist die Welt das nicht-göttliche, von Gott geschaffene Sein. Der jüdische Philosoph und Mathematiker Baruch Spinoza (1632-1677) indessen, der - anders als Cusanus oder Böhme - die Jenseitigkeit Gottes zugunsten des Pantheismus völlig preisgegeben hatte, hob - wie ansatzweise schon Plotin - die Differenz von Schöpfer und Schöpfung praktisch auf. Er fand für diese Anschauung die Formel »Deus sive natura«, das heißt: Gott und Natur wurden gleichgesetzt.64

   Spinoza, ... einer der tiefsten Denker, den die Erde je getragen hat, ... verwarf also einen persönlichen Gott,65 wie May - oder der von May redigierte Text eines anonymen Verfassers66 - ganz richtig bemerkte. Wie Plotin lehrte Spinoza, daß alle Dinge aus Gott fließen. Wenn Gott und Natur, Schöpfer und Schöpfung aber nicht unterschieden werden, kann es eine dialogische Gott-Welt-Beziehung - und damit ein Entwicklungsziel im Sinne Böhmes oder Mays, eine Heimkehr der Schöpfung bzw. des menschlichen Subjekts zum Du eines ›Vaters‹ - nicht geben.

   Mays Denkweise näher stand die Monadenlehre des Philosophen, Theologen und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716). Er stellte für die Elemente des Weltaufbaus ein inneres Entwicklungsgesetz auf und sprach von einem beständigen Fortschritt des ganzen Universums bis zum Gipfel der Schönheit, der Güte und Vollkommenheit der göttlichen Werke.67 Noch deutlicher wurde die Einheit von Natur- und Heilsgeschichte bei Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781). In Lessings ›Erziehung des Menschengeschlechts‹ (1780) und in Herders ›Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit‹ (1784ff.) kam der Entwicklungstheorie - in Verbindung mit dem Reich-Gottes-Gedanken - die beherrschende Rolle zu. Unmittelbar wurde Karl May von Lessing, zumindest mittelbar auch von Herder inspiriert.68

   Auch bei Friedrich Schleiermacher und im deutschen Idealismus, bei Hegel und Schelling, wurde die Entwicklung zum zentralen Begriff. Für den evangelischen Prediger, Philosophen und Pädagogen Friedrich Schleiermacher (1768-1834), den Vater der liberalen Theologie, war »Evolution das Grundgesetz der Geschichte, so daß sein Denken sogar als Theologie und Philosophie der Evolution bezeichnet werden kann«.69

   Dasselbe gilt für Hegel und Schelling. Sie begründeten in Deutschland die Auffassung der Weltgeschichte als einer Entfaltung des absoluten Geistes. In der Tradition Plotins, Böhmes und Oetingers sprach Schelling von der progressiven Selbstoffenbarung Gottes: Im Prozeß der Welt- und der Menschwerdung, in der Entwicklung der Menschheit »zu einer neuen Form von Geistleiblichkeit«, entfalte sich Gott »zur Dreieinigkeit persönlichen Lebens, seine Potenzen entwickeln sich in der Welt«.70


//199//

   Die Ideen Schellings, der den Menschen »als Urziel der Entwicklung, die niedern Tiere aber als stehen gebliebene Embryonalformen«71 auffaßte, wurden durch Mays Landsmann, den in Hohenstein geborenen Naturforscher Gotthilf Heinrich von Schubert (1780-1860), popularisiert. Zumindest über Zeitschriftenartikel könnte May auch Schelling und Schubert gekannt haben.72

   Zu den großen Denkern, die May - schon im ›Buch der Liebe‹ - beeinflußten, gehört mit Sicherheit Goethe. Wie Herder und Schelling dachte auch Goethe evolutiv - wohl fast schon im darwinistischen Sinne. Goethe, so jubilierte David Friedrich Strauß, »hätte keine größere Freude werden können, als die Ausbildung der Darwin'schen Theorie noch zu erleben«.73 Goethes Morphologie, seine Ideen zur Metamorphose der Pflanzen und Tiere, besonders aber seine Ansichten über die Bildung und Umbildung organischer Naturen faszinierten auch Haeckel so sehr, daß er ihn - neben Jean-Baptiste Lamarck und Charles Darwin - als »Begründer der Deszendenz-Theorie« feierte.74



I V  K a r l  M a y  u n d  d e r  D a r w i n i s m u s s t r e i t


1855 proklamierte der englische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer die Entwicklung von niedrigen zu höheren Stufen als Grundgesetz aller Wirklichkeit.75 Wenig später erschien in London, mit durchschlagender Wirkung, Darwins Buch ›On the Origin of Species by Means of Natural Selection; or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life‹ (1859; auf deutsch 1860: ›Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampf ums Daseyn‹). Zur grundlegenden Veränderung des Weltbildes im 19. Jahrhundert leistete dieses Werk den entscheidenden Beitrag.

   Der Naturforscher Charles Darwin (1809-1882), der das Linnésche Konzept der Artkonstanz durch die Theorie des kontinuierlichen Wandels der Pflanzen- und Tierarten ersetzte, lehrte erstens: daß sich alle Lebewesen aus einer gemeinsamen Stammform entwickelt hätten; zweitens: daß die natürliche Auslese, der ›Kampf ums Dasein‹, die Ursache des evolutiven Geschehens sei; und drittens: daß die gesamte Entwicklung durch ausschließlich materielle Kräfte des Zufalls bewirkt werde.

   Wie kam Darwin, der Theologie studiert hatte - und dem »jede aggressive Haltung in religiösen Dingen völlig fern«76 lag -, zu dieser Auffassung? Nach Rupert Sheldrake, dem bekannten Naturwissenschaftler, war


Darwins evolutionäre Vision getragen von einem starken Glauben an die Autonomie, Spontaneität und Kreativität der Natur (...). Um aber die Schöpferkraft der Natur glaubhaft machen zu können, musste er ihre Abhängigkeit vom transzendenten Gott der damaligen protestantischen Theologie leugnen und wurde


//200//

damit praktisch zum Verfechter einer materialistischen Doktrin. Deshalb bemühte er sich auch, dem Wirken der Natur alles Mysteriöse zu nehmen, so dass schließlich nur noch blinde Gesetze und der blinde Zufall als einzige Bewegungsprinzipien übrigblieben.77


In Deutschland wurde der Darwinismus vor allem durch den Zoologen Ernst Haeckel (1834-1919) verbreitet und radikalisiert: im Sinne eines mechanistischen Evolutionismus. Daß sich der populäre Darwinismus militant gegen die Religion richtete und »den Massen als der ›neue Glaube‹ gepredigt wurde«,78 ging in erster Linie auf Haeckel und dessen Schule, den 1906 gegründeten ›Deutschen Monistenbund‹, zurück. Durch die deutschen Darwinianer und namentlich durch Haeckel wurde, wie es im ›Kirchenlexikon‹ von 1886 hieß, die Annahme eines schöpferischen Gottes überflüssig gemacht.79 Haeckels ›wissenschaftliche Weltanschauung‹, die alle ›Welträtsel‹ und alle ›Lebenswunder‹ für restlos auflösbar und erklärbar hielt, »fand als Religionsersatz bei der Menge der Halbgebildeten größten Anklang«.80

   Daß Karl May die Theorien Darwins und Haeckels, in groben Zügen zumindest, gekannt hat, steht fest. Haeckels ›Welträtsel‹ (1899) und mehrere Bücher (aus den Jahren 1878 bis 1904) über Darwin und die Abstammungslehre gehören zu Mays noch erhaltenem Bibliotheksbestand.81 Doch schon im ›Buch der Liebe‹ (1875/76) wird Darwin wiederholt erwähnt82 und die darwinistische Deszendenztheorie in einer von May - mit Zustimmung - kommentierten Tabelle beschrieben:


Wenn die Darwinsche Entstehungslehre folgende Ahnenreihe des menschlichen Stammbaumes aufstellt ..., so liegt darin keineswegs eine Entwürdigung des menschlichen Geschlechtes; die Art und Weise, wie wir geschaffen wurden, ob wir aus einem Erdenkloße entstanden sind oder unser Dasein einer durch die Thierstufen gehenden Entwickelung verdanken, das ist nicht die Hauptsache, sondern die Bedeutung hat auf die Frage zu fallen:  W e r  uns geschaffen?83


Ein konsequenter Darwinist war May natürlich nicht; aber die biologische Evolutionslehre hat er gebilligt und im ›Buch der Liebe‹ missionarisch verkündet. Wie die Einleitung zu ›Winnetou I‹ (1893) verrät, war die Theorie der ›natürlichen Auslese‹, des ›struggle for life‹, des ›survival of the fittest‹, ebenfalls ein brisantes Thema für May:


Es ist ein grausames Gesetz, daß der Schwächere dem Stärkeren weichen muß; aber da es durch die ganze Schöpfung geht und in der ganzen irdischen Natur Geltung hat, so müssen wir wohl annehmen, daß diese Grausamkeit entweder eine nur scheinbare oder einer christlichen Milderung fähig ist, weil die ewige Weisheit, welche dieses Gesetz gegeben hat, zugleich die ewige Liebe ist.84


//201//

Karl May und Bernhard von Cotta


Wie nun kam May, der Christ und Humanist, zu Charles Darwin? 1860 erschien Darwins ›Entstehung der Arten‹ in Deutsch. Und 1874 bis 1888 wurden Darwins ›Gesammelte Werke‹ in deutscher Übersetzung herausgebracht.85 In diesem Zusammenhang könnte May, vor Abschluß der ›Geographischen Predigten‹, in diversen Büchern oder Zeitungsartikeln von Darwin gelesen haben.

   Der (erst im Jahre 2000 entdeckten) Schlußpartie des ›Buches der Liebe‹86 ist zu entnehmen: Wichtige Informationen über den damaligen Stand der naturwissenschaftlichen Forschung, und speziell über die darwinistische Entwicklungslehre, fand May bei Bernhard Cotta ... in seiner trefflichen Geologie der Gegenwart.87

   Der Geologe Bernhard von Cotta (1808-1879) war seit 1841 Professor der Geognosie im erzgebirgischen Freiberg. Er war - wie es im ›Pierer‹ hieß - bekannt »durch eine geistvolle systematische Auffassung der gesamten geologischen Thatsachen (...), sowie durch den Umstand, daß er in zahlreichen populären Schriften die naturwissenschaftlichen Lehren der Gegenwart auch einem größeren Publikum zugänglich machte«.88 Er schrieb u. a. ›Über das Entwickelungsgesetz der Erde‹ (Leipzig 1867).89 »Große Verbreitung und Anerkennung erwarb sich« vor allem »seine ›Geologie der Gegenwart‹ (...), in welcher Cotta sich zu wesentlich denselben Prinzipien für die unorganische Natur bekennt, welche D a r w i n  für die Organismen aufgestellt hat«.90

   ›Die Geologie der Gegenwart‹ erschien 1866 in Leipzig und erreichte bis 1878 fünf Auflagen. Schon während seiner Haftzeiten könnte May mit diesem Werk bekannt geworden sein; wahrscheinlicher aber ist, dass er unmittelbar vor oder während der Abfassungszeit des ›Buches der Liebe‹ (und der ›Geographischen Predigten‹) dieses - darwinistisch orientierte - naturwissenschaftliche Sachbuch kennengelernt hatte.

   Inwiefern ließ sich May von Cotta beeinflussen? Zweifellos konnte May in der ›Geologie der Gegenwart‹ sein Basiswissen auf dem Gebiet der Naturwissenschaft vertiefen. Cottas Grundgedanke - die »Entwickelung vom Einfacheren zum Mannigfaltigeren, vom Niederen zum Höheren, dessen Hauptursache wir in der steten S u m m i r u n g v o n R e s u l t a t e n a l l e r V o r g ä n g e zu suchen haben«91 - war für May gewiß interessant. Darüber hinaus aber, im Blick auf die Menschheitsfragen Karl Mays (wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir?),92 war Cottas Buch völlig unergiebig.

   Es ging, auf ca. 450 Druckseiten, um Gesteine und Erzlagerstätten, um den Einfluß des Erdbaues auf das Leben der Menschen, um geologisches Detailwissen unterschiedlicher Art. Religiöse Begriffe indessen - zum Beispiel: Schöpfung als Zeichen für Gottes Wirklichkeit, universaler Heilsplan, umfassende Liebe als Entwicklungsprinzip - kommen in diesem Buch über-


//202//

haupt nicht vor. Cotta war, seinem Selbstbild entsprechend, ausschließlich Naturforscher; theologisch-spirituelle Fragen (auf die es May ja gerade ankam) lagen außerhalb seines Blickfeldes.

   In ›Die Geologie der Gegenwart‹, im Kapitel ›Geologie und Philosophie‹, sympathisierte Cotta sehr deutlich mit der positivistischen Auffassung des französischen Denkers Auguste Comte (1798-1857), der jede Art von Theologie und Metaphysik - als mythologisch - ablehnte93 und als einzige Aufgabe der Wissenschaft die Ableitung von Gesetzen aus der Beobachtung des Gegebenen ansah. Es findet sich bei Cotta zwar keine Polemik gegen die Religion und den Gottesgedanken; einen (zumindest) methodischen Atheismus aber vertrat er - ähnlich wie Darwin - zweifellos: Der »metaphysische Theil der Philosophie« sei dem Naturforscher »vollständig entbehrlich, ja er hat ihn sogar bei seinen Forschungen ausdrücklich auszuschliessen«.94

   Die »Beschränktheit seiner Forschungskraft«95 gab Cotta allerdings zu. Doch der Theorie eines göttlichen Schöpfungsplans, überhaupt der teleologischen Weltbetrachtung (wie Karl May sie 1875/76 vertrat) stand Cotta, als religiöser Agnostiker, höchst skeptisch gegenüber: »Der Naturforscher maasst sich nicht an, einen bestimmten  Z w e c k «   der Welt


zu erkennen, sondern nur ein bewundernswürdiges Ineinandergreifen und gegenseitiges Bedingen alles Vorhandenen, wie es durch das Werden nothwendig geworden ist. Die Durchschauung von  Z w e c k e n  und ersten  U r s a c h e n  liegt als unerreichbar nicht in seiner Aufgabe. Verstand und Gemüth mögen zwei gleichberechtigte Elemente unseres Wesens sein; das ist aber kein Grund, in wissenschaftlichen Untersuchungen (...) dem Gemüth irgend ein Recht einzuräumen.96


Die Grundüberzeugung des frühen May: daß die Naturwissenschaft ein Weg - oder gar der ›Königsweg‹ - zur Erkenntniß des Ewigen97 sei, war Cotta absolut fremd. Es steht damit fest: Als Inspirationsquelle für die  b i b l i s c h -r e l i g i ö s e  Dimension des Entwicklungsgedankens im Mayschen Frühwerk scheidet Bernhard von Cotta aus. Denn die May-Theorien im ›Buch der Liebe‹ weisen in eine ganz andere Richtung.



Weitere (mögliche) Quellen bis 1876


Cottas ›Geologie der Gegenwart‹ war gewiß nicht die Hauptquelle Mays. Auch auf die sonstige, schon 1875 sehr umfangreiche, wissenschaftliche Sekundärliteratur zu Darwin98 - oder auf die Schriften von Haeckel - könnte Mays Darwin-Kenntnis zurückgehen.

   Von Haeckel war bis 1875 erschienen: ›Generelle Morphologie der Organismen‹ (1866); ›Natürliche Schöpfungsgeschichte‹ (1868); ›Ueber die Entstehung und den Stammbaum des Menschengeschlechts‹ (1869); ›Anthro-


//203//

pogenie oder Entwicklungsgeschichte des Menschen‹ (1874). Daß May das eine oder andere dieser Werke gelesen hat, vielleicht im Gefängnis oder in einer Dresdener Bibliothek, ist immerhin denkbar. Mit eine(m) unserer scharfsinnigsten Forscher, der dem ›Buch der Liebe‹ zufolge das Schaffen eines persönlichen Gottes zugunsten der Entwickelung nach Naturgesetzen99 bestritt, war jedenfalls Haeckel oder einer seiner Anhänger gemeint.

   Allerdings nehme ich an, daß der Auseinandersetzung unseres Autors mit Darwin und Haeckel doch eher die Lektüre von Zeitschriften-Artikeln zugrunde lag als das ausgedehnte Studium von dicken Büchern. Zu denken wäre in erster Linie an eine Serie von Aufsätzen in ›Westermanns illustrirten deutschen Monatsheften‹, in Familienblättern wie ›Die Gartenlaube‹, ›Ueber Land und Meer‹ oder ›Daheim‹, evtl. auch in anderen Zeitschriften.100

   Neben unterhaltsamer Belletristik, neben Reiseberichten und völkerkundlichen Skizzen, neben Buchbesprechungen und Belehrungen aller Art enthielten diese Periodika auch - z. T. sehr materialreiche - Aufsätze zu naturwissenschaftlichen Disziplinen. Es gab Beiträge zur Geologie, zur Botanik und Zoologie, zur Physik und Chemie, oft auch zur Astronomie und seltener zur Kosmologie. Last but not least waren die Paläontologie und (damit verknüpft) die biologische Evolutionstheorie ein herausragendes Thema.

   Für Karl May, den Erzähler von Indianer- und Beduinengeschichten, aber auch für Karl May, den Verfasser der ›Geographischen Predigten‹, war speziell die ›Gartenlaube‹ - so können wir annehmen - eine Fundgrube: eine anregende (und zum Widerspruch reizende!) Inspirationsquelle.

   Schon in der Zwickauer Haftzeit 1865-68 hatte May die ›Gartenlaube‹ gelesen.101 Und nach der Entlassung aus Waldheim (1874) dürfte »der angehende Schriftsteller May auf der Suche nach geeigneten literarischen Vorbildern« dieses Familienblatt »intensiv studiert haben«.102

   Das Durchforsten der ›Gartenlaube‹ und ähnlicher, parallel erschienener Zeitschriften ist in jeder Hinsicht interessant und allemal lohnend. Auch einschlägige Lexikon-Artikel im ›Brockhaus‹, ›Pierer‹ oder ›Meyer‹ sind, im Blick auf Karl May und den Darwinismus, mit zu bedenken. Beginnen wir also die Recherche in Nachschlagewerken der Jahre 1861-76.



Brockhaus - Pierer - Meyer


Bekanntlich waren der ›Pierer‹ und andere Konversationslexika - schon 1875/76 - eine wichtige Informationsquelle für May.103 In der elften und auch noch der zwölften Auflage des ›Brockhaus‹ (1864-73 bzw. 1875-79)104 freilich konnte May zu Darwin nichts finden. Die Kolumnen ›Darwin(ismus)‹, ›Desc(z)endenzlehre‹ oder ›Urmensch‹ gab es noch gar nicht. Auch in den kurzen Artikeln ›Entwickelungsgeschichte‹ und ›Evolutionen‹ fand sich weder ein Hinweis auf Darwin noch auf die biologische Evolutionstheorie. Unter dem Stichwort ›Mensch‹ war vom Darwinismus ebenfalls keine Rede.


//204//

   Die fünfte Auflage des ›Pierer‹ (1867-72)105 war nicht viel ergiebiger. Es gab keine Auskunft zu ›Darwin(ismus)‹, auch nicht unter dem Stichwort ›Entwickelung‹. Der Mini-Artikel ›Urmensch‹106 verwies nur auf Adam. In den relativ eingehenden Spalten ›Mensch‹ aber war - im Unterkapitel ›Der Mensch als Naturwesen‹ - zu lesen: Die »thierische Natur« habe sich »zur Menschennatur veredelt«; der homo sapiens sei »das höchste organisirte Wesen in der Klasse der Säugethiere«.107

   Dementsprechend hieß es bei May: Der Mensch, das höchstorganisirte Wesen unseres Erdballes,108 sei dem Leibe nach nichts Anderes als nur eine Veredelung des thierischen Körpers.109 Im übrigen aber gehen die ›Predigten‹ Mays über den ›Pierer‹ sehr weit hinaus.

   In der zweiten Auflage des ›Meyer‹ (1861-68)110 allerdings konnte May zur Kenntnis nehmen, daß Darwins Lehre und »die darin aufgestellten neuen Ansichten über Gegenstände der Naturwissenschaft, z. B. über die Schöpfung, lebhafte Kontroversen hervorgerufen haben«.111 Die sehr knappen Spalten ›Entwickelung‹ und ›Evolutionstheorie‹ enthalten zwar keine Brisanz; unter der Rubrik ›Mensch‹ aber wurde Darwins ›Entstehung der Arten‹ recht ausführlich und mit offenkundiger Zustimmung beschrieben.

   Sogar das theologische Terrain hatte der Verfasser nicht gescheut! Den »scheinbaren Widerstreit gegen die Religion« griff er auf und vertrat die damals umstrittene Ansicht: Die Hypothese, »er habe gewisse Thierformen entstehen lassen, welche sich kraft der ihnen mitgegebenen Bildungsgesetze allmählig immer weiter und höher entwickelt haben«, sei »eines intelligenten Schöpfers« nicht unwürdig.112

   Ob May das gelesen hat? In diesem Falle würde gelten: Karl May ließ sich anregen, aber er schrieb nicht ab. Seine Diktion ist wesentlich wortreicher, seine ›Predigt‹ viel engagierter, seine Gedanken - zur Schöpfungsleiter,113 zum Aufstieg des Bewußtseins - sehr viel umfassender.114 Und seine Flammenrede vom Gottesbewußtsein115 als dem Ziel der schöpferischen Entwickelung, von der göttlichen Liebe als dem Alpha und dem Omega der Evolution116 findet sich in keinem Lexikon - vermutlich auch nicht in anderen Quellen, die Karl May benutzt haben könnte.



›Die Gartenlaube‹


Wie gesagt, ich denke zuerst an ›Die Gartenlaube‹, die 1853 von Ernst Keil in Leipzig gegründete, bis 1944 in Berlin erschienene illustrierte Familienzeitschrift. Dieses Periodikum war in Deutschland das meistgelesene Unterhaltungsblatt des gehobenen Bürgertums - ein wichtiges Zeitdokument des 19. Jahrhunderts.

   So bieder, so idyllisch und harmlos, wie der Name vermuten läßt, war ›Die Gartenlaube‹ nicht. In den Jahrgängen 1861, 1864 und 1869, vor allem aber in den Jahrgängen 1872/73 und 1875 wurde die biologische Evoluti-


//205//

onstheorie erörtert - und zwar durchweg im Sinne Darwins und mehr noch im Sinne Haeckels, das heißt: eines monistischen, mechanistisch-physiologischen Deutungsmodells der menschlichen Seele und des Daseins überhaupt.

   Die darwinistischen Forscher bzw. Naturphilosophen Louis Büchner, Carl Vogt, Karl Ernst Bock und Carus Sterne waren die Autoren. Das dem Materialismus entgegengesetzte Modell - die spiritualistisch-teleologische Weltsicht - kam in der ›Gartenlaube‹, im Zusammenhang mit der Evolutionslehre, überhaupt nicht zu Wort.117



Der philosophische Materialismus


Der Arzt und Philosoph Louis Büchner (1824-1899), ein Bruder des frühsozialistischen Schriftstellers Georg Büchner, wurde bekannt durch sein Erstlings- und Hauptwerk ›Kraft und Stoff‹ (1855, 21. Aufl. 1904). In der ›Gartenlaube‹ brachte er die Beiträge ›Das Schlachtfeld der Natur oder der Kampf um's Dasein‹ (1861) und ›Zwei Affen-Menschen‹ (1869). Er lehrte - so begeistert wie Karl May - die Herkunft aller Lebewesen »aus dem einfachsten (...) Anfang durch stufenweise Vervollkommnung«,118 leugnete aber, ganz anders als May, den Wesensunterschied von Geist und Materie. Büchner, »einer der führenden Materialisten seiner Zeit«,119 ersetzte - typisch für die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts - die göttliche Schöpferkraft durch rein mechanistisch verstandene Entwicklungsgesetze eines sich selbst organisierenden Weltalls.120

   Gemeinsam mit Büchner verbreitete auch der Genfer Zoologe Carl Vogt (1817-1895) den Darwinismus. Er publizierte in der ›Gartenlaube‹ die dreiteilige Abhandlung ›Der Urmensch‹ (1864).121 Religiöser Glaube wird hier schlichtweg abgetan als Resultat von »Furcht und Wundersucht«.122 Zu den biblischen Schöpfungsberichten erklärte Vogt nur knapp und militant: »hinab damit in die Ideenstampfe und aufgeschaut zu diesem (...) Entwickelungsgesetze, das den Menschen auf seine eigenen Füße stellt und die Verbesserung seiner Zustände in seine eigene Hand legt!«123

   Daß May die Aufsätze von Büchner und Vogt gekannt hatte, ist freilich nicht sehr wahrscheinlich: Die Publikation in der ›Gartenlaube‹ fiel in die Plauener Seminarzeit bzw. in die Landstreicherzeit Karl Mays. Die Ausführungen Sternes und Bocks aber könnte er, während bzw. kurz nach der Haftzeit in Waldheim, gelesen haben.

   Im Beitrag ›Menschliche Erbschaften aus dem Thierreiche‹ (1875) wandte sich der Botaniker Carus Sterne (1839-1903),124 einer der eifrigsten Verfechter der monistisch-atheistischen Weltanschauung in Deutschland, gegen die Auffassung vom Menschen als »Werk eines schrankenlos schaffenden Demiurgos«.125 Unter Berufung auf Haeckel führte er die Entstehung des Menschen, ganz ähnlich wie Büchner und Vogt, auf den Erfolg einer un-


//206//

persönlichen, »begrenzten, an Naturgesetze und deren Notwendigkeiten gebundenen Schöpfermacht«126 zurück.



Die Dominanz der Naturwissenschaft


Auch Karl Bock (1809-1874), seit 1845 Ordinarius für Medizin und Anatomie in Leipzig,127 bekannte sich in der ›Gartenlaube‹ zur »monistischen Schöpfungsansicht«128 Ernst Haeckels, d. h. zur mechanistisch verstandenen Evolutionstheorie. In vier sehr anschaulich geschriebenen Artikeln stellte er seine Theorien dar: ›Schöpfungs-Glaube und Wissenschaft‹ (1872), ›Entwickelung der Erdrinde mit ihren Bewohnern‹ (1872), ›Von der Abstammungslehre‹ (1873) und ›Der Thiere Ahnenreihe‹ (1875).

   Die alttestamentlichen Schöpfungsberichte reduzierte Bock - genauso wie Vogt - auf pure »Unwissenheit« und reinen »Aberglauben«.129 Die Welt wird interpretiert als »das Werk eines von Ewigkeit her und in Ewigkeit hin sich stets neuschaffenden Werdens«. Alles wird zurückgeführt auf »ewige und unabänderliche Naturgesetze«.130

   Karl May sah Religion und Wissenschaft in harmonischer Übereinstimmung: Die biologische Evolutionslehre verkündete er (1875/76) als den besten Weg zur Gotteserkenntnis! Karl Bock aber wollte die Wissenschaft und den Glauben scharf voneinander trennen:


Während der  G l a u b e  wohl einen Schöpfer kennt, der Alles zweckmäßig geschaffen und eingerichtet hat, erklärt die  W i s s e n s c h a f t  die Materie für ewig und unvergänglich und sucht zu erforschen,  W i e  alles Vorhandene aus dieser Materie hervorgegangen ist. Für die Wissenschaft gibt es gar  k e i n e  S c h ö p f u n g  oder  E n t s t e h u n g  d e s  S t o f f e s ,  wohl aber eine  E n t s t e h u n g  d e r  F o r m  und zwar durch allmähliche  E n t w i c k e l u n g  des Vorhandenen aus dem Vorhergegangenen.131



Der Schöpfungsakt


In geradezu hymnischen Tönen pries Bock die Verdienste Darwins und Haeckels. Im Unterschied zu Büchner, Vogt oder Sterne vertrat er nun freilich keinen radikalen Atheismus. Um die »Herren im schwarzen Talar« zu beruhigen, rief er aus:


D a r w i n i s m u s ?  (...) Wehe! - Sollte denn aber wirklich die ganze sittliche Weltordnung zu Grunde gehen, wenn (...) die Thiere (...) vom Schöpfer nicht gleich und für immer als solche (...) geschaffen wurden, sondern wenn sie sich ganz allmählich, in Jahrmilliarden,  a u s -  u n d  h i n t e r e i n a n d e r ,  d i e  v o l l k o m m e n e r e n  i m m e r  e r s t  a u s  i h r e n  w e n i g e r  v o l l k o m m e n e n  V o r f a h r e n ,  h e r 


//207//

v o r g e b i l d e t  h a b e n ?  Würde der Schöpfer wirklich herabgesetzt, wenn man ihm nachsagte, daß er (...) in eine sogenannte Z e l l e die Fähigkeit gelegt hätte, daß sich aus dieser (...) nach und nach alle Geschöpfe hervorgebildet hätten?132


Stimmt dieser Passus nun überein mit der Auffassung Mays in den ›Geographischen Predigten‹? Höchstens partiell! Bock konnte sich - genau wie Darwin - bestenfalls die Möglichkeit eines göttlichen Schöpfungsakts im allerersten Anfang des Werdens noch vorstellen; daß dieser Gott auch weiterhin als Schöpfer und Erhalter des Alls eine Rolle spielt, diesen Eindruck lassen die Ausführungen Bocks in der ›Gartenlaube‹ nicht aufkommen.

   Für Karl May jedoch war der Schöpfergott nicht nur die ›causa prima‹ der Evolution, sondern die umfassende, allgegenwärtige, alles zu sich emporziehende Liebe, die da ist, selbst wo wir sie nicht suchen und finden.133 Für May war Gott nicht nur ein philosophisches Prinzip und nicht nur ein ›Lückenbüßer‹ für naturwissenschaftlich nicht mehr Erklärbares, sondern, dem biblischen Denken und der religiösen Wahrnehmung entsprechend, der himmlische Vater,134 der seine Geschöpfe bewahrt und da ist für alle, die ihm vertrauen.



›Westermanns Monatshefte‹


Weniger was die Entwicklungslehre betrifft, um so mehr aber, was Religion und Glaube betrifft, standen die Darwin-Kommentare in ›Westermanns illustrirten Monatsheften‹ den Ideen Karl Mays sehr viel näher.

   Als ›Zeitschrift für das gesamte geistige Leben der Gegenwart‹ verfolgten diese Hefte mit ihren vielseitigen Bildungs-Beiträgen ein enzyklopädisches Ziel und waren »einer breiten Leserschicht zugänglich«.135 Daß auch May diese bekannte, seit 1856 in Braunschweig erschienene, Zeitschrift gelesen hat, ist sicher nicht auszuschließen.

   Im Vergleich zur ›Gartenlaube‹ finden sich in den vielen von mir durchgesehenen ›Westermann‹-Jahrgängen (1860-76) erstaunlicherweise nur wenige Titel zum Darwinismus. Nennenswert sind nur zwei, im Blick auf die Denkweise Karl Mays allerdings interessante, Aufsätze von Maximilian Perty bzw. Johann Heinrich von Maedler. Hinzu kommen, abgesehen von marginalen Darwin- und Haeckel-Erwähnungen in diversen Beiträgen, zwei relevante Buchbesprechungen.



Der göttliche Plan


Professor Perty, dessen Broschüre ›Die sichtbare und die unsichtbare Welt‹ (1881) Karl May ja mit Sicherheit gelesen hat, war ein großer Gelehrter. Er war Psychologe und Philosoph, aber als Zoologe und Mediziner auch aner-


//208//

kannter Naturwissenschaftler.136 In ›Westermanns Monatsheften‹ publizierte er Beiträge zu unterschiedlichen Themen. In ›Aufbau der Thierwelt‹ (1866), einer längeren Abhandlung, zeigte er sich, wie nicht anders zu erwarten, als Spiritualist und Gegner des Darwinismus.

   Sein Widerspruch war theologisch begründet. Wie Perty richtig erkannte, stand Darwin in der Denktradition des englischen Deismus, der den Schöpfergott zwar nicht leugnete, aber dessen weiteren Einfluß auf die Welt bestritt: »Darwin«, so Pertys Einwand, »spricht zwar mit ein paar Worten von einem Schöpfer, dessen Aufgabe jedoch mit der Erschaffung von einigen wenigen oder auch nur einer einzigen einfachsten organischen Form erfüllt ist.« Ausdrücklich werde von Darwin »hervorgehoben, daß ein schöpferischer Plan mit Fortschreiten vom Unvollkommneren zum Vollkommneren nicht bestehe, - ein  S c h ö p f e r  ohne Plan, welcher, statt seine Welt zu höheren Stufen fortzuführen, sie einer ewigen zufälligen Umwandlung überläßt!«137

   Nach Perty ist »der Natur der Weg durch den Geist vorgeschrieben«.138 Dem Spiritualisten ging es nicht darum, die Evolutionslehre grundsätzlich zu negieren. Aber die religiöse Erfahrung der Gegenwart Gottes und das, von Darwin attackierte, teleologische Deutungsmodell für die Entwicklung des Lebens wollte Perty zur Geltung bringen.

   Dasselbe trifft zu für Johann Heinrich von Maedler (1794-1874), ehemals Professor für Astronomie in Dorpat. Für ›Westermanns Monatshefte‹ schrieb Maedler zahlreiche Aufsätze. Im Artikel ›Ueber Zweckmäßigkeit im Universum‹ (1872) wies er die darwinistische Zufallslehre zurück: Der Gott, »den der Naturforscher anzuerkennen hat«, sei »nicht ein Gott der Unordnung, sondern der Ordnung«.139 Als homo religiosus bekannte sich Maedler zu Gottes Allmacht und Weisheit. Gegen Agnostiker und »Materialisten« wie Laplace, Büchner oder Haeckel hielt er fest: Das »selbstbewußte Walten, die nach einem festgeordneten Plane zu bestimmten Zwecken wirkende Macht ihres Urhebers« sei in der sichtbaren Welt »zu erkennen«.140

   Ihrem Inhalt nach könnten diese Aussagen ebensogut in den ›Geographischen Predigten‹ Karl Mays stehen. Das heißt natürlich nicht, daß May die Aufsätze Pertys und Maedlers gekannt oder gar kopiert haben muß. Mays Diktion unterschied sich von Perty und Maedler erheblich. Zudem finden wir bei May eine Besonderheit, die mir in dieser Weise bei keinem anderen Zeitschriften-Autor begegnet ist: die emphatische, in ihrer Begeisterung ja fast schon teilhardistisch anmutende Verquickung von Evolutionismus und religiöser Mystik.



Buchbesprechungen


Auch die Buchrezensionen in ›Westermanns Monatsheften‹ könnten May, falls er sie gelesen hat, Denkanstöße vermittelt haben - mehr aber nicht. Im Jahrgang 1876 fand Darwins, von Viktor Carus ins Deutsche übersetzte, ›Rei-


//209//

se eines Naturforschers um die Welt‹ ein freundliches, aber unverbindliches Lob. Ansonsten blieb die Darwin-Rezeption in ›Westermanns Monatsheften‹, einschließlich der Buchbesprechungen, zumindest bis 1875 nur negativ.

   Zwei Werke zu Darwin wurden rezensiert, die Bücher von Hermann Ulrici und Matthaeus Rauch. Zum ersten: Der pietistische Denker Ulrici, seit 1834 Professor für Philosophie in Halle, sah im göttlichen Wirken - durchaus wie May - den Ursprung und das Ziel der Natur und der Weltgeschichte. Im Darwinismusstreit bezog er Stellung gegen David Friedrich Strauß, den Darwinianer und Antichristen. Ulrici verfaßte das Buch ›Der Philosoph Strauß. Kritik seiner Schrift »Der alte und der neue Glaube« und Widerlegung seiner materialistischen Weltanschauung‹. Wir werden auf Strauß und sein Werk noch zurückkommen. Hier nur die Feststellung: In ›Westermanns Monatsheften‹ gab es (1873) eine positive Besprechung des Ulrici-Buches, die sich klar gegen Strauß und Darwin gerichtet hat.

   Zum zweiten: 1873 erschienen in Augsburg die ›Anthropologischen Studien‹ von Matthaeus Rauch, eine der vielen Anti-Darwinismus-Schriften aus dem kirchlichen Lager.141 ›Westermanns Monatshefte‹ brachten zu diesem Buch eine zustimmende Rezension. Die Quintessenz: Nur im Glauben an einen persönlichen Gott, »der Himmel und Erde nach ewig vorbedachtem Plan erschaffen hat«,142 können die Rätsel der Natur und des menschlichen Lebens gelöst werden.



Zwischenbilanz


Man muß es so eindeutig sagen: Im Darwinismusstreit bezogen ›Die Gartenlaube‹ und ›Westermanns Monatshefte‹ konträre Positionen - pro Darwin die liberale ›Gartenlaube‹, kontra Darwin die ›Monatshefte‹. Karl May aber wählte, als undogmatischer Christ und unorthodoxer Darwinianer, die Position ›zwischen den Stühlen‹.

   Der ›Gartenlaube‹ konnte May naturwissenschaftliche Informationen jeglicher Art entnehmen, vor allem aber die Abstammungslehre, die biologische Entwicklungstheorie, die evolutive Weltbetrachtung. Und in ›Westermanns Monatsheften‹ (oder ähnlichen Quellen) konnte er - neben weiteren Details der Botanik und Zoologie - das teleologische Weltbild studieren. Die durchaus eigenständige und keineswegs wirrköpfige Kombination dieser Denkmodelle finden wir in Mays theoretischen Schriften von 1875/76.



Christliche Familienblätter


Wie nun verhielten sich andere, ebenfalls populäre - und christlich geprägte - Familienblätter im Darwinismusstreit? Die Annahme liegt nahe: Darwin und seine Anhänger wurden entweder ignoriert oder, schärfer noch


//210//

als in ›Westermanns Monatsheften‹, kritisiert. Als repräsentativ können Zeitschriften wie ›Ueber Land und Meer‹, ›Daheim‹ oder ›Deutscher Hausschatz‹ betrachtet werden. Fast sämtliche Jahrgänge des hier interessierenden Zeitraums bestätigen die Vermutung: Der Darwinismus und überhaupt die biologische Evolutionstheorie wurde in christlichen - protestantischen wie katholischen - Kreisen nur wenig zur Kenntnis genommen oder, von Querdenkern wie Gustav Jaeger abgesehen, als glaubensfeindlich bekämpft.

   ›Ueber Land und Meer‹ erschien seit 1858 in Stuttgart. In jedem Jahrgang gab es, wie in der ›Gartenlaube‹, belehrende Artikel zu botanischen, zoologischen oder astronomischen Themen. Bis 1871 und dann wieder bis 1876 war jedoch weder von Darwin noch von der Deszendenztheorie oder der Evolutionslehre die Rede. Einzige Ausnahme: Die Nr. 50 des Jahrgangs 1871 enthielt einen kurzen Artikel ›Charles Robert Darwin‹ von Gustav Jaeger.143

   Sehr bemerkenswert ist dieser Beitrag zum einen wegen des Inhalts und zum anderen wegen des - seit den 1890er Jahren mit Karl May persönlich bekannten144 - Verfassers. Darwins Hauptwerk ›On the Origin of Species‹ (1859) beschrieb Jaeger in knapper Zusammenfassung. Der Artikel war frei von Polemik, sehr sachlich und informativ. Kein Wunder, denn Jaeger war selbst ein Anhänger Darwins und zugleich (eine kuriose Seltenheit!) bekennender Theist. Der Konflikt des christlichen Glaubens mit dem darwinistischen Denken wird in Jaegers Zeitschriften-Artikel, anders als in seinen Büchern, allerdings ausgespart.

   Später in Kapitel VII (zur Eigenart des Mayschen Denkansatzes) werde ich auf die Person und die, mit der Sichtweise Karl Mays verwandte, Philosophie Gustav Jaegers - der Name wurde unterschiedlich geschrieben, mal ›Jaeger‹, mal ›Jäger‹ - näher eingehen.

   Hat May den Jaeger-Artikel gekannt? Daß er während der extrem strengen Haftzeit im Zuchthaus, neben der ›Gartenlaube‹, noch weitere Unterhaltungsblätter - oder gar ein naturwissenschaftliches Buch von Gustav Jaeger - gelesen hat, ist theoretisch zwar denkbar; besonders wahrscheinlich ist diese Annahme aber nicht. Ein unmittelbarer Einfluß Jaegers auf Mays frühe Schriften ist jedenfalls nicht nachzuweisen.



Das bekenntnistreue Luthertum


Für Mays Lektüre der Familienzeitschrift ›Daheim‹ gibt es ebenfalls keinen Beweis. Relevant für die May-Forschung ist ›Daheim‹ aber doch. Denn dieses Journal belegt, wie sehr sich die Einstellung Mays zur Evolutionstheorie nicht nur vom atheistischen Freidenkertum, sondern beinahe ebensosehr von der protestantischen ›Rechtgläubigkeit‹ der 1870er Jahre unterschied.


//211//

   ›Daheim‹ erschien seit 1865 in Leipzig. In den Jahrgängen bis 1876 befaßten sich insgesamt drei - durchweg apologetische - Beiträge mit der biologischen Evolutionslehre: ›Alter und Ursprung des Menschengeschlechtes‹ (April 1865) von Friedrich Pfaff, ›Die Darwinsche Hypothese‹ (Juli 1865) von Victor v. Strauß und, sehr ausführlich, ›Die Darwinsche Entwicklungstheorie, ihre Anhänger und ihre Kritiker‹ (Oktober/November 1874) von Prof. Dr. Zöckler. Grundsätzlich könnte May diese Artikel gelesen haben, besonders den letzten und wichtigsten.

   Nach der Devise ›Und die Bibel hat doch recht‹ erklärte der Geologe Friedrich Pfaff, »daß auch die neuesten Forschungen und Entdeckungen« der Naturwissenschaft  » d e n  A u s s a g e n  d e r  B i b e l  n i c h t  w i d e r s p r e c h e n «.145 Auch der Schriftsteller Victor von Strauß beruhigte die christlichen Leser: »Entschiedene Irrthümer (...) können zwar Unheil mancher Art zur Folge haben, aber zuletzt leben sie sich aus. So wird die Zeit kommen, wo auch die Darwinsche Lehre nur noch eine historische Merkwürdigkeit ist.«146

   Genau derselben Ansicht war Otto Zöckler (1833-1906), seit 1866 Ordinarius der protestantischen Theologie in Greifswald: als Herausgeber des ›Handbuchs der theologischen Wissenschaften‹ (1882-84) und Mitglied der ›Lutheran Society for the study of the New Testament‹ in New York ein Theologe von internationalem Renommee, zudem als Dogmatiker, Verfasser von mehreren Bibel-Kommentaren und Gründer der ›Evangelischen Kirchenzeitung‹ ein herausragender Vertreter des bekenntnistreuen Luthertums in Deutschland.147

   In einer relativ umfangreichen, zum Teil schon 1871 in der ›Zeitschrift für die gesammte lutherische Theologie und Kirche‹ publizierten148 Abhandlung verwarf er die darwinistischen Lehren: mit naturwissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Argumenten. Schon der Eröffnungssatz seiner Ausführungen im Familienblatt ›Daheim‹ verriet die Tendenz: »›Entwicklung‹ heißt das Zauberwort, das jetzt auf das wissenschaftliche Forschen und Streben der Gelehrten aller Gebiete seinen bestimmenden Einfluß übt.«149

   Ähnlich wie Perty und Maedler in ›Westermanns Monatsheften‹ rügte Zöckler den deistischen Ansatz in Darwins Naturphilosophie: Die Annahme eines persönlichen Schöpfergottes wirke bei Darwin »völlig überflüssig, ja störend«. Wenn Darwin überhaupt noch von ›Schöpfung‹ rede, so erscheine dies »als inkonsequente und unpassende Ausdrucksweise«.150 Im Unterschied nun freilich zur Auffassung Karl Mays sind für Zöckler - den künftigen Autor eines zweibändigen Werkes über ›Theologie und Naturwissenschaft‹ (1877/78)151 - der Schöpfungsglaube und die Evolutionstheorie nur schwer oder gar nicht vereinbar: »Die Thätigkeit eines persönlichen überweltlichen Schöpfers wird (...) vom Entstehungsprozesse des Universums ausgeschlossen, wenn der unbelebten Materie ein selbständiges Vermögen zur Erzeugung von Leben zugesprochen wird.«152


//212//

Der Antidarwinismus


Nicht nur das darwinistische Gottesbild und nicht nur die darwinistische Zufallslehre, überhaupt die Evolutionstheorie war Zöckler suspekt. Während May der darwinistischen Abstammungslehre grundsätzlich zustimmte, hielt es Zöckler mit der radikalen Kritik Albert Wigands, »daß die Descendenztheorie Darwins in ihrer Totalität und nach allen ihren Einzelheiten der wissenschaftlichen Haltbarkeit ermangelt«.153

   Albert Wigand (1821-86), der Kronzeuge Zöcklers, war als Botaniker einer der Hauptgegner des Darwinismus und der Evolutionstheorie. Ob May den Zöckler-Artikel gelesen hat, wissen wir nicht. Von Wigand jedoch besaß er ein kleines, aber brisantes Buch. Diese Broschüre (›Der Darwinismus, ein Zeichen der Zeit‹, 1878)154 gipfelt in dem Verdikt: »Der Darwinismus ist eine (...) naturwissenschaftliche und philosophische Verirrung.«155

   Der Stuttgarter Professor Dr. Gustav Jaeger indessen war anderer Meinung. In seiner Schrift ›In Sachen Darwins kontra Wigand‹ (1874) hatte er die Entwicklungslehre verteidigt. Wir kennen die Zusammenhänge nur unzureichend, aber Tatsache ist: Mit dem Zoologen Jaeger, dessen weltanschaulicher Standpunkt ihm, wie sich zeigen wird, nahelag, hat Karl May (in späteren Jahren) korrespondiert. Ich frage: Ist das nicht interessant?156



Der ›Deutsche Hausschatz‹


Mays literarisches Schaffen war vernetzt mit illustrierten Familienblättern, vorzugsweise (seit 1879) mit dem ›Deutschen Hausschatz‹. Dieses Journal, gewissermaßen die katholische Gartenlaube,157 hatte insgesamt einen konservativen Zuschnitt und vertrat aus kirchlich-dogmatischen Gründen einen rigiden Antidarwinismus. Der ›Hausschatz‹ wurde 1874 gegründet, erschien im Regensburger Pustet-Verlag und war im ›Kulturkampf‹ (1871ff.) - der geistigen und politischen Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem neugegründeten Kaiserreich und der modernen Kultur - ein publizistisches Instrument, ein bedeutsames Sprachrohr der deutschen Katholiken.

   Im 1. Jahrgang 1874/75, ebenso im 3. Jahrgang 1876/77 finden sich zwar Beiträge zu naturwissenschaftlichen Themen, nichts aber zu Darwin oder der Evolutionstheorie. Im 2. Jahrgang 1875/76 jedoch - parallel zum ›Buch der Liebe‹ im Münchmeyer-Verlag und parallel zu Mays ›Geographischen Predigten‹ in ›Schacht und Hütte‹ - brachte der ›Hausschatz‹ einen scharfen Artikel ›Ueber den Darwinismus‹ von Karl Scheidemacher.

   Schon früher, in der Kampfschrift ›Die Nachteule des Materialismus scheel und scheu vor dem Lichte der Thatsachen‹ (Köln 1868),158 war Scheidemacher als Antidarwinist hervorgetreten. Im ›Hausschatz‹ schrieb er erneut gegen die »Seelen- und Gottesleugner«, führte die darwinistische


//213//

Abstammungslehre auf den »Aufklärungsschwindel des vorigen Jahrhunderts« zurück und ordnete die Deszendenztheorie, ohne weitere Differenzierung, dem »Culturkampfe« zu.159

   Freilich muß man bedenken: ›Die Gartenlaube‹, deren Einfluß durch den ›Hausschatz‹ zurückgedrängt werden sollte,160 stand auf der Seite Bismarcks und bot dem mechanistisch verstandenen Darwinismus, verstärkt in den 1870er Jahren, eine wirksame Plattform. Vor diesem Hintergrund wird manche, an sich ja weit übertriebene, Formulierung Scheidemachers verständlich.

   Der Beitrag Scheidemachers erschien ca. Februar 1876. Zu diesem Zeitpunkt hatte May sein evolutives Weltbild in den Grundzügen schon konzipiert: im ›Buch der Liebe‹ und in der ersten ›Geographischen Predigt‹ (Ende 1875).161 Zum ›Deutschen Hausschatz‹ hatte er 1875/76, nach dem heutigen Forschungsstand, wohl noch keinen Kontakt. Jedenfalls ließ er sich bei der Niederschrift seiner Fortsetzungstexte in den ›Geographischen Predigten‹ von Scheidemachers Artikel nicht irritieren.



Zwischen den Fronten


In der Auseinandersetzung mit Darwin nahm Karl May, wie gesagt, eine Position ›zwischen den Fronten‹ ein. Der Antidarwinismus Albert Wigands oder des ›Deutschen Hausschatzes‹ lag May, dem christlichen Evolutionisten, ebenso fern wie der Darwinismus Ernst Haeckels oder der ›Gartenlaube‹.

   Wie einschlägige Titel in der Bibliothek der Villa ›Shatterhand‹ belegen,162 hat sich auch der spätere May mit dem Darwinismus, mit Haeckel und überhaupt mit naturwissenschaftlichen Themen befaßt. Der Medizinstudent und May-Verehrer Willy Einsle hatte dies wohl gewußt. In einem Brief vom 8. Juni 1908 an ›Onkel Karl‹ schrieb er: Haeckel sei zuzugeben, daß der Mensch zumindest »physiologisch das letzte Glied der Wirbeltierreihe sei (...). Somit geht also bei mir alles, was ich bisher über Schöpfungsgeschichte lernte, in die Brüche (...). Onkel, wenn Du mir helfen kannst, bitte tus, es hängt ja so viel, so viel davon ab.«163

   Wir wissen nicht, wie May seinem ›Neffen‹ geantwortet hat. Aber wir kennen Mays Standpunkt: Die biologische Evolutionslehre war für ihn kein Problem, im Gegenteil, er hat sie selbst verfochten - allerdings, im Gegensatz zum Darwinismus à la Haeckel, ohne Preisgabe des Glaubens an die Wunder des Lebens. Und ganz anders als Haeckel bekannte sich May zum persönlichen Gott164 - den er als Urgrund des Lebens, als unendliche Liebe, als ›Alpha und Omega‹ der ganzen Schöpfung verstand.

   Wenn May dem ›Hausschatz‹-Redakteur Otto Denk und dem Theologen Paul Rentschka gegenüber versicherte, daß er das  h a l t l o s e  E v o l u t i o n i s t e n t h u m165  verabscheue, so war dies zum einen eine Schutzbehauptung:


//214//

Angesichts der totalen Ablehnung der Evolutionstheorie durch die katholische Kirche wollte May sich nicht bloßstellen als ›Modernist‹, als ›Gegner des Glaubens‹. Zum anderen entsprach seine Formulierung, richtig gelesen, ja durchaus der Wahrheit: Der haltlose, sprich gottlose Evolutionismus lag ihm wirklich sehr fern. Im Blick auf die Haeckelsche Lösung der ›Welträtsel‹ hatte May völlig recht, wenn er beteuerte, daß das Wunder hoch über aller Wissenschaft steht und selbst von keinem Darwin oder Häckel hinwegdisputirt werden kann.166



V  D e r  D a r w i n i s m u s  u n d  d i e  k i r c h l i c h e  O r t h o d o x i e


Was den Darwinismus betraf, hatte May zur Vorsicht allen Grund. Denn die Lehre Darwins wirkte auf die christlichen Kirchen wie ein Schock. Wie sehr sie religiöse Menschen irritierte, zeigt die folgende Anekdote: »Als Frauen anglikanischer Geistlicher davon hörten, sagten sie zueinander: ›Wir wollen beten, dass all das nicht wahr ist. Sollte es aber tatsächlich wahr sein, wie es Charles Darwin sagt, dann wollen wir Gott bitten, dass er die Ausbreitung dieser Lehre verhindert!«167

   Daß es für Menschen und Affen gemeinsame Vorfahren gebe, wurde lange Zeit nicht akzeptiert. Warum? Das theologische Deutungsschema der Menschheitsgeschichte ging aus von einem paradiesischen Zustand menschlicher Vollkommenheit, der sich im Verlauf der Geschichte, infolge des Sündenfalls, immer mehr verschlechtert habe. Das naturwissenschaftliche Deutungsschema hingegen setzt einen primitiven menschlichen Urzustand voraus, der sich erst allmählich zu höheren Formen entwickelt.

   »Hinab also«, triumphierte der Darwinist Carl Vogt in der ›Gartenlaube‹,


hinab mit jener Annahme von ursprünglicher Einheit des Menschengeschlechtes und Abstammung desselben von einem einzigen Menschenpaare - hinab mit jenen Träumen von einem früheren glücklicheren Zustande, von einem Paradiese und ursprünglicher Unschuld und Leichtlebigkeit ohne Kampf um das Dasein.168


Ein zweiter, noch gewichtigerer, Grund für die Abwehrhaltung der Kirchen war Darwins (von Spiritualisten wie Maximilian Perty oder Karl May zurückgewiesene) Auffassung, daß sich die gesamte belebte Welt durch die Kräfte des Zufalls und keineswegs nach göttlichem Plan entwickle. Der Unwille gegen Darwins Theorie »von Seiten der Kirchlichen, der Altgläubigen, der Offenbarungs- und Wundermänner« - so höhnte David Friedrich Strauß, der Ex-Theologe und Darwinist - sei »wohl zu begreifen; sie wissen was sie thun und haben allen Grund und alles Recht, ein ihnen so feindliches Princip auf Leben und Tod zu bekämpfen«.169


//215//

Das Machtwort des Papstes


Was die Stimmung in der kirchlichen - zumal der römisch-katholischen - Orthodoxie betraf, schien Strauß zunächst einmal recht zu behalten. In der Enzyklika ›Pascendi dominici gregis‹ (8. 9. 1907) - die freilich, wie jede andere Enzyklika, keine endgültige Entscheidung des vatikanischen Lehramtes darstellt - verwarf Papst Pius X. die Evolutionslehre zusammen mit den ›Irrtümern‹ des ›Modernismus‹.170

   Schon Pius IX. hatte in der Enzyklika ›Quanta cura‹ (8. 12. 1864) und seinem, höchst unglücklichen, ›Syllabus errorum‹171 der ganzen modernen Wissenschaft - so sah es Haeckel mit einigem Recht - »den Krieg erklärt«. Dieses »brutale Attentat gegen die höchsten Güter der Kultur«, so Haeckel, »forderte blinde Unterwerfung der Vernunft unter die Dogmen des ›unfehlbaren Statthalters Christi‹«.172

   Die strikte Ablehnung der Evolutionstheorie hielt sich in der katholischen Amtskirche durch bis zu Papst Pius XII. und seiner Enzyklika ›Humani generis‹ (12. 8. 1950), die erstmals eine, wenn auch äußerst zögerliche, Neubesinnung verhieß. Zuvor aber, mindestens bis zum Ende der 1940er Jahre, »wurde in den theologischen Fakultäten durchweg die unmittelbare Erschaffung des ersten Menschen aus dem Lehm der Erde gelehrt, allen Evolutionstheorien zum Trotz«.173

   Ein wirkliches Umdenken erfolgte erst während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1964)174 - aufgrund der Schriften des bis dato verfemten Jesuiten Teilhard de Chardin.



Der religiöse Fundamentalismus


Das Nein zu Darwin und zur modernen Naturwissenschaft, unter Berufung auf die Bibel, war keineswegs beschränkt auf den Katholizismus. Traditionalistische Richtungen gab und gibt es in allen Religionen und auch in allen christlichen Konfessionen.

   In fundamentalistischen Kreisen des protestantischen Christentums wird der Genesis-Bericht von der Erschaffung Adams noch heute buchstäblich verstanden.175 »Gewiss sind diese Gruppen«, so hieß es in einem Bericht der ›Süddeutschen Zeitung‹,


eine Minderheit, aber eine sehr aktive. Es gibt in Kansas und Missouri eine ›Wissenschaftliche Schöpfungs-Gesellschaft für Mittelamerika‹, die im Internet Seminare (...) anbietet, bei denen die Evolution (...) widerlegt werden soll (...). Insgesamt ist nicht zu übersehen, dass bibeltreue Christen im US-Erziehungswesen generell auf dem Vormarsch sind. In Alabama und Nebraska erreichten sie, dass den Biologiebüchern Zettel beigelegt werden, die die Evolutionstheorie als umstritten kennzeichnen. In Kentucky und Illinois wurde das Wort Evolution aus einer Erziehungsrichtlinie getilgt.176


//216//

V I  A l t e r n a t i v e  D e n k a n s t ö ß e  i n  d e n  1 9 0 0 e r  J a h r e n


Konservative Theologen gingen zu Darwin von vornherein und grundsätzlich in Opposition. In England und in den USA freilich gab es auch andere Stimmen. Der Prediger und Geologe George F. Wright z. B. »hatte am Oberlin College in Ohio von 1892 bis 1907 einen ›Chair of the Harmony of Science and Religion‹ inne. Hier war die physikotheologische Tradition speziell des Calvinismus, die auch Darwins Lehrer William Paley (1743-1805) bestimmte, weiter wirksam.«177

   In Deutschland war es die liberale protestantische Theologie, die zu Darwins Lehre ein differenziertes Verhältnis fand. Adolf von Harnack, der berühmteste Vertreter der liberalen Theologie um 1900, fühlte sich, wie Schleiermacher, dem evolutiven Denken verpflichtet. Idealistischen Philosophemen entsprechend, gab er bekannt: Die Menschheit sei aufgestiegen »aus dem dumpfen Grunde der Natur« und verfüge »über Kräfte, die aufwärts führen«.178

   Weniger pathetisch schrieb der - von Albrecht Ritschl beeinflußte - Theologe Arthur Titius (1864-1936)179 in ›Religion in Geschichte und Gegenwart‹, dem renommierten protestantischen Lexikon (1909ff.), sehr ausgewogene Artikel über die Entwicklungslehre. Er stellte sich redlich der Frage, »ob und wie der christliche Glaube die hier für ihn vorliegenden Probleme und Schwierigkeiten zu bewältigen vermag«.180

   Zwischen Religion und Naturwissenschaft versuchte Titius zu vermitteln. In Gottes Wirken sah er »den treibenden innern Grund aller Entwicklung«. Wie Titius betonte, schließen sich die biologische Abstammungslehre und der biblische Schöpfungsglaube nicht aus: »Ist ein geistiges Moment schon in den Organismen (...) mehr oder minder stark wirksam, so entfällt die Nötigung, bei der Entstehung des Menschen einen absoluten Neuanfang anzunehmen«.181

   Die Evolution verstand Titius »als Schöpfung, als dauernde Hervorbringung Gottes«, und »erst durch Verbindung mit der Gottesidee« bekomme die Entwicklungslehre »den notwendigen Halt«.182 An die Auffassung Mays, wie er sie in Amerika (1908) vorgetragen hatte, kam diese Sichtweise sehr nahe heran.

   Auch Mays Kernthese, daß die Schöpfung - bzw. die Menschwerdung - noch längst nicht vollendet sei und ihr Ziel in der Vereinigung des ›Edelmenschen‹ mit Gott habe, ist, der Sache nach, wiederzufinden bei Titius: Nicht der Mensch in seinem jetzigen, empirischen Bestande, sondern der Mensch »als sittlicher Geist in seiner innigsten Vereinigung mit dem unendlichen Geiste« sei das »Ziel der irdischen Entwicklung«. Dabei werden wir, wie Titius hervorhob, »als Christen überzeugt sein dürfen, daß die Entwicklung des höchsten und reichsten Lebens dem Geiste nur im bleibenden Zusammenhange mit seinem Ursprunge, mit Gott gelingen wird«.183


//217//

Was May tatsächlich gelesen hat


Titius' 1904 erschienenes Buch ›Religion und Naturwissenschaft‹ wird ähnlich konzipiert gewesen sein.184 Als Inspirationsquellen für May kommen aber - so möchte es scheinen - viel eher ›Die Erde kein Abschluß!‹ (1890) von Jakob Heinrich Schmick, ›Gott und Materie. Betrachtungen zur Versöhnung von Religion und Wissenschaft‹ (1891) von W. Heinrich und ›Entwickelung. Woher? Wohin?‹ (1905) von Friedrich Wilhelm Otto in Betracht. Denn diese Werke finden sich in Mays Bibliothek.185

   Intensiv beschäftigt hat sich Karl May mit diesen Büchern allerdings nicht.186 Gründlich gelesen und an vielen Stellen markiert aber hat er die Broschüren ›Naturwissenschaft und Bibel‹ (1904) von Lehmann-Hohenberg187 und ›Wahrheit und Irrtum in der materialistischen Weltanschauung‹ (1906).188

   Die letztere Schrift wurde »von einem Selbstdenker« anonym publiziert. Sie wendet sich scharf gegen die kirchliche Orthodoxie - aber ebenso scharf gegen »König Haeckel« und seinen Monistenbund. Der Autor versteht das Leben, zur Freude Mays, als »Kunstwerk« und »großes Geheimnis«189 und plädiert - ebenfalls wie May - für einen »spiritualistischen Vernunftglauben«, konkret: für eine individuelle Weiterentwicklung des Menschen nach dem leiblichen Tode (wie sie May schon im ›Buch der Liebe‹ postuliert hatte).

   ›Naturwissenschaft und Bibel‹ von Johannes Lehmann-Hohenberg, einem damals bekannten Naturwissenschaftler,190 lief hinaus auf die Forderung: »Wir sollen bewußt an unserer Weiterentwickelung arbeiten und ein Reich Gottes schaffen.«191 Durch fette Randmarkierung hob May, unter anderem, die Stelle hervor: »Gott hat Sein ›E s w e r d e !‹ für Aeonen bestimmt und die Schöpfung niemals abgeschlossen.«192 Mit ähnlichen Worten sagte May dasselbe in Lawrence - allerdings auch schon wesentlich früher, im ›Buch der Liebe‹ und in den ›Geographischen Predigten‹.193

   Interessant fand May, wie die Markierung belegt, auch folgenden Passus:


Nicht von einem sündlos geschaffenen Menschenpaar stammen wir ab, sondern von (...) tierischen Vorfahren (...). Die Erkenntnis dieser Entwickelung, zu der ein göttliches »Es werde!« den Anstoß und die Bedingungen gegeben hat, muß notwendigerweise unser (...) soziales Verhalten anders beeinflussen, als das der Bibel entnommene Weltbild. »Gott und Sein Wirken«, wie es die Bibel darstellt, erhält eine andere Beleuchtung. Die geistigen und ethischen Werte fallen deshalb nicht fort.194


Dick unterstrichen hat May dann die These:


Die Entstehung und Entwickelung der Religion bilden einen Teil der geistigen Urzeit des Menschen (...). Der gottgläubige Mensch ist also nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern hat sich langsam entwickelt von Vorfahren, die Gott


//218//

nicht kannten (...). Dadurch wird die Entwickelungslehre zur wissenschaftlichen Grundlage des Glaubens und zum stärksten Gottesbeweis.195


Auch diese - religionsgeschichtlichen - Gedanken sind uns in der Grundlinie vom ›Buch der Liebe‹ her vertraut.196 Später aber hat May im Volksstamm der Ussul, der ›Urmenschen‹ in ›Ardistan und Dschinnistan‹, den religiösen Anfängen, der kulturellen Kindheitsphase der Menschheit ein phantastisches und (im Vergleich zu Lehmanns Theorien) sehr eigenwilliges literarisches Denkmal gesetzt.



Karl May und Herman Schell


Johannes Lehmann-Hohenberg, dem die römische Kirche ansonsten suspekt war, verwies zustimmend auf den katholischen Reform-Theologen Herman Schell (1850-1906): weil dieser Theologe »den naturwissenschaftlichen Anschauungen in seinen Schriften wohl am nächsten«197 komme. Eine aufschlußreiche Bemerkung! Denn Karl May, der, dem Bibliotheksbestand nach zu schließen,198 dem Reformkatholizismus überhaupt nahestand (ein interessanter Aspekt, der noch zu wenig erforscht ist), hatte Schells Buch ›Der Katholicismus als Princip des Fortschritts‹ mit Beifall gelesen.199

   Aus Mays Unterstreichungen200 geht hervor, daß er die Forderung Schells nach einer Öffnung der Kirche zur modernen Welt mit Interesse zur Kenntnis nahm. Dieser Befund wird bestätigt, wenn wir uns die - ebenfalls in Mays Bibliothek zu findende - Broschüre ›Streiflichter auf die Inferiorität der Katholiken von Kassandrus‹ (1898) näher ansehen.

   In diesem, pseudonym von einem katholischen Pfarrer verfaßten, Werk wird die Fortschrittsidee Herman Schells engagiert unterstützt. Karl May hat viele Stellen am Rande markiert, besonders dick den folgenden Passus:


Und wie in der Liturgie, so gibt es überhaupt in der katholischen Kirche gar Manches, was (...) geändert werden kann und muß (...). Fortschritt  m u ß  es auch in der Kirche Christi geben!201


(...) Wenn der Katholicismus ein Princip des Fortschritts sein soll, so müssen alle katholischen Priester (...) mit großen Gedanken erfüllt, sich an die Spitze des Fortschritts stellen, die Priester müssen (...) die Fahne der Civilisation und allseitiger Bildung hinaustragen in die Welt.202


W e l c h e n  Fortschritt »muß es auch in der Kirche Christi geben«? Natürlich hat Schell - als katholischer Theologe und Professor für Apologetik in Würzburg - nicht die Wahrheit der göttlichen Offenbarung geleugnet. Aber auch die Wahrheit, so sah es Schell, unterliegt einem evolutiven Erkenntnisprozeß!


//219//

   Erst sechzig Jahre nach seinem Tode, in wichtigen Texten des II. Vatikanischen Konzils, kam das Anliegen Schells - die Öffnung der Kirche für wissenschaftliche Argumente - zur Wirkung. Zu Lebzeiten aber wurde Schell des ›Monismus‹ bezichtigt.203 Ihn traf ein ähnliches Schicksal wie später Teilhard de Chardin. Ein Teil seiner Schriften kam 1898 auf den Index der verbotenen Bücher (eine Art von Beachtung, der die Spätwerke Mays, 1910, nur knapp entgingen204).

   Doch Schell, auch hierin ein Vorläufer Teilhards, ließ sich nicht aus der Fassung bringen. In ›Der Gottesglaube und die naturwissenschaftliche Welterkenntnis‹ (1904)205 versuchte er - im Ergebnis vergleichbar mit der Auffassung Mays - zwischen moderner Evolutionslehre und christlicher Theologie, speziell dem Unsterblichkeitsglauben, eine Brücke zu bauen.

   Ob May auch dieses Werk von Herman Schell gekannt hat, wissen wir allerdings nicht.



V I I  Z u r  E i g e n a r t  d e s  M a y s c h e n  D e n k a n s a t z e s


Vergessen wir nicht: Unter dem Einfluß des Pietismus, der teleologischen Denktradition und der liberalen Theologie wollte May schon 1875/76 die biologische Deszendenztheorie mit dem biblischen Schöpfungsglauben verbinden: dem Glauben an einen Vater,206 zu dem man beten und singen kann und dessen Führung und Liebe zu spüren ist.

   Gab es um 1875 (oder früher) Autoren, die dies in ähnlicher Weise versuchten? Die Recherche in der ›Gartenlaube‹ und anderen damals bekannten Familienzeitschriften hatte ergeben: Der Denkansatz Karl Mays unterschied sich von den einschlägigen Journal-Artikeln sehr deutlich, zum Teil sogar fundamental. Um die Frage nach der Originalität der Mayschen Denkweise annähernd zu beantworten, müßte aber die religionsphilosophische, theologische und naturkundliche Spezialliteratur des entsprechenden Zeitraums noch genauer untersucht werden.

   Auch populärwissenschaftliche Beiträge in weiteren Familienblättern müssen in die Untersuchung einbezogen werden.



›Unterhaltungsblätter für Jedermann‹


Im von May redigierten 2. Jahrgang des vom Dresdener Kolportageverleger Bruno Radelli herausgegebenen Wochenjournals ›Frohe Stunden. Unterhaltungsblätter für Jedermann‹ (1877/78) erschien ein anonym verfaßter Artikel ›Die Erde und ihre Entstehung‹.207 Da sich dieser Text stilistisch vom ›Buch der Liebe‹, den ›Geographischen Predigten‹ und sonstigen May-Aufsätzen in ›Schacht und Hütte‹ in mehrfacher Hinsicht unterscheidet, kommt Karl May als möglicher Autor wohl nicht in Betracht.


//220//

   In der Botschaft freilich sind, neben geringeren Differenzen, auch bemerkenswerte Gemeinsamkeiten zu beobachten: Wie in ›Schacht und Hütte‹ finden wir in den ›Frohen Stunden‹ des Münchmeyer-Konkurrenten Radelli die biologische Evolutionstheorie in enger (im Gegensatz zur Darlegung Mays aber völlig unreflektierter) Verknüpfung mit dem Gottesglauben. Auch Mays Vision einer künftigen Höherentwicklung des Lebens - weit über die jetzige Menschheit hinaus - taucht im Anonymus-Aufsatz, in veränderter Form allerdings, wieder auf.

   Vielleicht gab es ähnliche Artikel in anderen Journalen  v o r  1876. Es steht aber fest: Das maytypische Ineinander von Evolutionismus und teleologischer Weltanschauung, von Fortschrittsoptimismus und pietistischer Frömmigkeit, von Esoterik und liberaler Theologie, von neuplatonischem Gedankengut und biblischer Schöpfungsspiritualität, findet sich - in dieser Zusammensetzung - in den ›Frohen Stunden‹ ebensowenig wie in der ›Gartenlaube‹, in ›Westermanns Monatsheften‹ oder den übrigen von mir untersuchten Zeitschriften.

   Gab es in sonstigen Familienblättern Artikel, deren Grundtendenz - was die Evolutionslehre betrifft - den ›Geographischen Predigten‹ Karl Mays im wesentlichen entsprach? Wir werden das nicht völlig ausschließen können, da die in Frage kommenden Zeitschriften-Jahrgänge zum Teil überhaupt nicht mehr greifbar sind. Verschollen sind zum Beispiel die ›Feierstunden am deutschen Heerd‹ (1865-69), die ›Zeitbilder‹ (1872ff.) und ›Victoria‹ (um 1874). Daß in solchen Heften etwas zu finden wäre, das den Ausführungen Mays besonders nahekommt, ist denkbar, aber nicht sehr wahrscheinlich.



›Der alte und der neue Glaube‹


Wie wurde - über Beiträge in Unterhaltungsjournalen hinaus - die Darwinsche Lehre und ihre weltanschauliche Relevanz durch zeitgenössische Geistes- und Naturwissenschaftler beurteilt? Inwieweit entsprach die Position Karl Mays der Stellungnahme von Experten, von Philosophen, Theologen oder Naturforschern?

   In der ›Real-Encyklopädie für protestantische Theologie und Kirche‹208 von 1878/79 kamen die Stichworte ›Darwin(ismus)‹, ›Entwicklung‹ oder ›Evolution‹ noch nicht vor. Aber einschlägige Monographien hat es gegeben, in beträchtlicher Anzahl sogar.209 Zum Beispiel: ›Der alte und der neue Glaube‹ (1872) von David Friedrich Strauß und ›Schöpfung oder Entstehung‹ (1875) von Adolf Bastian.

   Der berühmte, philosophisch und naturkundlich versierte Ethnologe Adolf Bastian (1826-1905) widersprach Darwin und Haeckel aus methodologischen Gründen in wesentlichen Details, schloß sich der Evolutionstheorie aber grundsätzlich an. Nach Bastian »ruht unsere Hoffnung in der  N a-


//221//

t u r w i s s e n s c h a f t  a l l e i n ,  kann einzig aus ihr das ersehnte  H e i l  erstehen, die  R e l i g i o n  d e r  Z u k u n f t  geboren werden«.210

   Nicht nur die biblische Kosmogonie, überhaupt der Glaube an einen transzendenten Schöpfergott war für Bastian - unter Berufung auf Feuerbach - unhaltbar geworden. Statt dessen lehrte er die »Harmonie des Weltgesetzes«.211 Dem »ultramontanen Wunderglauben« setzte er das »harmonische Zusammenwirken der Naturgesetze« entgegen:212 »Aus solcher Einheit gesetzlichen Ineinanderwirkens schöpft das Denken (...) die Beruhigung harmonischer Erfüllung, der auch die eigene Wesenheit sich eingereiht empfindet.«213

   Mit diesem Diktum beschloß Bastian seine Erörterungen, die wir hier nicht weiter besprechen können, weil sie, über das Gesagte hinaus, die May-Forschung nicht tangieren.

   ›Schöpfung oder Entstehung‹ von Adolf Bastian ist ein umfangreiches und schwieriges Werk, ›Der alte und der neue Glaube‹ von Strauß hingegen ein publikumswirksames, eher feuilletonistisches Buch. Der Theologe und Philosoph David Friedrich Strauß, der sich selbst als Links-Hegelianer und zuletzt als Gesinnungsfreund Ludwig Feuerbachs verstand, war berüchtigt wegen der »Rabiatheit seiner Destruktionen und Polemiken«.214 Nach Erscheinen des umstrittenen Erstlingswerks ›Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet‹ (1835) verlor er den Lehrauftrag in Tübingen. Seine Berufung auf eine Professur in Zürich scheiterte am Protest der evangelischen Pfarrerschaft. Das Ressentiment gegenüber dem Christentum wuchs und fand in Strauß' letztem Werk ›Der alte und der neue Glaube‹ den radikalsten Niederschlag.

   Dieses vielgelesene Buch, das 1877 die 15. Auflage erlebte, enthält die totale Absage an den »alten Glauben« der Kirche: Ein apokalyptischer Schwärmer wie Jesus und der »welthistorische Humbug«215 seiner angeblichen Auferstehung - »ein Schmähwort, das selbst Nietzsche ärgerte«216 - könnten unser Leben unmöglich bestimmen. In aggressiver Diktion und striktem Entweder-Oder-Denken ersetzte Strauß den christlichen Glauben durch das evolutionistische Weltbild. Die Lehre Darwins, den er »als einen der größten Wohlthäter des menschlichen Geschlechtes«217 pries, und den biblischen Schöpfungsglauben sah er im absoluten Widerspruch: »Uns ist der Mensch nicht aus der Hand Gottes hervorgegangen, sondern aus den Tiefen der Natur emporgestiegen.«218

   Karl Mays, interessanter, Begriff einer schöpferischen Entwickelung219 ist bei Strauß nicht zu finden (wohl aber, wie gezeigt wurde,220 Jahrzehnte später bei Henri Bergson). Die unausweichliche Konsequenz der Darwinschen Theorie ist nach Strauß, mit dem »Wegfall des Vorsehungsglaubens«,221 der Atheismus. Unermüdlich und mit scharfen Sprüchen peitscht er es seinen Lesern ein: »daß wir weder die Vorstellung eines persönlichen Gottes, noch die eines Lebens nach dem Tode mehr aufrecht zu erhalten im Stande sind«.222


//222//

Das Nein Karl Mays


David Friedrich Strauß lag voll auf der Linie Haeckels. Die philosophische Quintessenz seiner früheren Schriften faßte Haeckel in seinem Spätwerk ›Die Welträtsel‹ zusammen:


Die alte Weltanschauung (...) versinkt in Trümmer; aber über diesem gewaltigen Trümmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres Realmonismus auf, welche uns den wundervollen Tempel der Natur in seiner ganzen Pracht erkennen läßt. In dem reinen Kultus des ›Wahren, Guten und Schönen‹, welcher den Kern unserer neuen  m o n i s t i s c h e n  R e l i g i o n  bildet, finden wir reichen Ersatz für die verlorenen anthropistischen Ideale von ›Gott, Freiheit und Unsterblichkeit‹.223


Der Atheismus wird durch Haeckel und Strauß zur neuen Religion erklärt. Die ›Geographischen Predigten‹ Mays und das ›Buch der Liebe‹ könnten in zentralen Partien als theistische Gegenposition zu Ernst Haeckel, aber ebenso zu Autoren wie Louis Büchner, Carl Vogt, David Friedrich Strauß und Adolf Bastian interpretiert werden. Daß May deren Bücher (oder Zeitschriftenartikel) gelesen hat, ist durchaus möglich; nachweisbar ist es freilich nicht.224 Wie auch immer - ganz ohne Zweifel steht ›Der alte und der neue Glaube‹ von Strauß bzw. ›Schöpfung oder Entstehung‹ von Bastian exemplarisch für jene Geisteshaltung, von der sich May distanzieren wollte.

   Als Antithese zur Denkweise Haeckels, Strauß' oder Bastians gesehen, ist Mays differenzierter Konsens mit Darwin - leidenschaftliches Ja zur Evolutionslehre, entschiedenes Nein zum Atheismus bzw. Materialismus - um so bemerkenswerter. Denn so wie May, dessen religionsphilosophische Darlegungen im ›Buch der Liebe‹ »durchaus selbständig-kritisches (...) Denken«225 verraten, rezipierten die Deszendenztheorie um 1875 die wenigsten Zeitgenossen.



Wider die falsche Alternative


In einer ›theologisch-naturwissenschaftlichen Studie zur Rechtfertigung der biblischen Schöpfungsgeschichte‹ (1872) wird die darwinistische Entwicklungslehre verspottet und schlichtweg als »albern« bezeichnet: »Unmöglich kann man der Meinung sein, (...) daß der Mensch aus den schon vor ihm vorhandenen Schöpfungselementen habe hervorgehen können.« Darwins Transmutationstheorie werde »völlig unmöglich, sobald man den Uebergang vom Thier zum Menschen dadurch anschaulich machen will«.226

   Für die theologische Literatur der 1870er Jahre war diese Auffassung bezeichnend. Der Darwinist Georg Seidlitz, Dozent für Zoologie in Dorpat, hatte 1874, auf 49 Buchseiten, die deutsch- und fremdsprachige Darwinismus-Literatur aus den Jahren 1859 bis 1874 zusammengestellt:227 insgesamt


//223//

ca. 1500 (!) Titel, darunter mehrere philosophische Erwiderungen auf David Friedrich Strauß sowie 43 - allesamt  g e g e n  die Deszendenztheorie Darwins gerichtete - theologische Bücher bzw. Aufsätze.228

   Falls das Seidlitzsche Literaturverzeichnis vollständig und in der Klassifizierung der einzelnen Titel (nach naturkundlicher, philosophischer oder theologischer Provenienz, nach pro oder kontra Deszendenztheorie) im wesentlichen korrekt ist,229 läßt sich die Frage, wie die biologische Evolutionslehre  v o r  Beginn der literarischen Tätigkeit Karl Mays theologisch bewertet wurde, so beantworten: Abgesehen von David Friedrich Strauß, der 1872 der Theologie faktisch abgeschworen hatte, wurde der Darwinismus in der theologischen (katholischen wie protestantischen) Literatur zumindest bis 1875 grundsätzlich abgelehnt.

   Für Seidlitz - wie für Haeckel und Büchner, Sterne und Vogt, Strauß und Bastian - gab es am Ende nur noch die Alternative zwischen dem ›alten‹ und dem ›neuen Glauben‹:  E n t w e d e r  Ja zur Evolutionslehre bei gleichzeitigem Nein zu allem ›Übernatürlichen‹  o d e r  religiöser Fundamentalismus, d. h. Leugnung des innerweltlichen Fortschritts im ausschließlichen Vertrauen auf »überirdische Hülfe«.230 Dieser, aus seiner Sicht falschen, Alternative aber wollte May entgehen.



Karl May und Gustav Jäger


War Karl May nun der erste christliche Autor, der zwischen der modernen (darwinistischen) Evolutionslehre und dem theistischen Schöpfungsglauben zu vermitteln versuchte? Nein. Es gab vor May - zumindest -  e i n e n  Darwinisten, der dem allgemeinen Trend widersprach und sich ausdrücklich zu den wichtigsten christlichen Dogmen bekannte: der Mediziner und Zoologe Prof. Dr. Gustav Jäger in seinem Buch ›Die Darwin'sche Theorie und ihre Stellung zu Moral und Religion‹ (1869).

   Der Verfasser dieses Werkes - wie des Artikels ›Charles Darwin‹ in der Zeitschrift ›Ueber Land und Meer‹ (1871)231 - ist zweifellos identisch mit dem Stuttgarter Prof. Dr. Gustav Jäger (oder, wie erwähnt, Jaeger), dem May - in der Pose des ›Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand‹ - im (bisher nie vollständig publizierten) Brief vom 9. August 1894 versicherte, er habe jene Länder wirklich besucht und spreche die Sprachen der betreffenden Völker.232

   Auch fünf Jahre später noch hat May an Jäger einen, ebenfalls nur teilweise bekannten, Brief (oder Postkartenzyklus) à la Shatterhand gesandt.233 Jäger schrieb zurück am 14. November 1899. Karl May, der zu diesem Zeitpunkt Sumatra besuchte, hat die Zeilen des Professors wohl nicht erhalten. Am 26. Oktober 1901 sandte Jäger eine, leider verschollene,234 Abschrift seines Briefes vom 14. 11. 1899 an May - mit der Bitte um nachträgliche Antwort.235


//224//

   Es ist schade, daß wir die Korrespondenz May/Jäger nur bruchstückhaft kennen. Über die ›Old-Shatterhand-Legende‹ hinaus ist Mays Brief vom 9. August 1894 nur so viel zu entnehmen:236 Der schriftliche Kontakt kam, wohl im Sommer 1894, auf Jägers Initiative zustande. Es ging, zunächst jedenfalls, ausschließlich um den - von May behaupteten - Realitätsanspruch der exotischen ›Reiseerzählungen‹. Dafür, daß Karl May in den 1870er Jahren (oder später) die weltanschaulichen Positionen des Philosophen und Naturwissenschaftlers Gustav Jäger zur Kenntnis genommen hätte, gibt es, nach dem heutigen Wissensstand, keine Anhaltspunkte.

   Gustav Jäger muß, wie May, eine interessante Persönlichkeit gewesen sein. In Eislers ›Philosophen-Lexikon‹ wird er als »Anhänger Darwins«237 bezeichnet. Er wurde 1832 geboren, habilitierte sich 1856 für vergleichende Zoologie in Wien und wirkte 1867-84 als Dozent und Professor, u. a. an der Technischen Hochschule in Stuttgart, wo er auch wohnte und 1917 verstarb.

   1884 quittierte Gustav Jäger den Staatsdienst, um sich ausschließlich der Verbreitung seiner Ideen in Wort und Schrift zu widmen.238 In seinem Buch ›Die Entdeckung der Seele‹ (1879) wollte er in spezifischen »Seelenduftstoffen« die Erzeuger der Affekte, Triebe und Instinkte, »wahrscheinlich auch die Träger der Formungskräfte, der Entwicklung und Vererbung sehen«.239 Auch in Laienkreisen war Jäger, als »Erfinder der Normalkleidung«,240 bekannt.



Das »Glaubensbekenntniß eines Darwinianers«


In seinem Frühwerk ›Die Darwin'sche Theorie‹ erklärte Jäger die »ehrliche Versöhnung zwischen Religion und Naturforschung«241 zu einer der dringlichsten Aufgaben der Zukunft. Da es »nur Eine Wahrheit« gebe, stellte sich der Gelehrte, als gläubiger Mensch, »mit Ueberzeugung auf den Boden des Christenthums«. Seine Außenseiter-Position als Christ und Darwinianer verteidigte er »sowohl gegen Extremkirchliche als gegen hartgesottene Atheisten«.242 Den Theologen aber schrieb er ins Stammbuch: »Um mich mit der Religion zu befreunden, habe ich mit Ernst und Eifer die Religionsurkunde studirt. Wenn sie [die Theologen] mit eben so viel Ernst und Eifer an's Studium der Darwin'schen Lehre gehen, dann wird auch ihnen geholfen sein.«243

   Im Stil, im Aufbau, in der Weise des Argumentierens unterscheiden sich die Ausführungen Jägers vom ›Buch der Liebe‹ und den ›Geographischen Predigten‹ ganz erheblich. Im Resultat aber stimmen Jäger und May überein: »Die Naturforschung (...) will und kann nicht beweisen, daß es keinen Gott gibt und hindert Niemand zu glauben an einen Gott, der die Herzen der Menschen lenkt, für sie ist ein Stecken und Stab, ein Tröster in Noth und Tod.«244

   Dieses »Glaubensbekenntniß eines Darwinianers« hatte in Deutschland um 1870 einen Seltenheitswert. Berühmt wurde Jägers Buch jedoch ebenso


//225//

wenig wie die - mit dem Standpunkt Karl Mays noch enger verwandte - Studie ›Natur und Gott‹ (1870) des Arztes und Naturforschers Heinrich Baumgärtner.245



Die teleologische Weltbetrachtung


In seinem ›Lehrbuch der Physiologie‹ (1853) hatte Baumgärtner schon v o r Darwin die Deszendenztheorie, d. h. die »Lehre von der Abstammung der höhern Geschöpfe von den niederen«246 vertreten. 1870 ergänzte Baumgärtner, avanciert zum Professor, seine früheren Thesen. Er grenzte sie ab gegen Darwins, mechanistische, Auffassung von der natürlichen Zuchtwahl aufgrund des Zufalls. Anders als Darwin und die große Mehrheit der damaligen Naturwissenschaftler dachte Baumgärtner - ähnlich wie Karl May - streng teleologisch: Die Bewegungen im Universum seien »nach bestimmten Zielen gerichtet«, und dem »Gesetz der fortschreitenden Entwickelung« entspräche »die immer höher steigende Entfaltung der geistigen Kräfte«.247

   Seine empirische Forschung und seine, im Prinzip auf Aristoteles zurückgehende, teleologische Weltbetrachtung führten Baumgärtner zur »Gottesidee« - zur Annahme einer allmächtigen, die Welt transzendierenden, mit den Naturgesetzen nicht einfach identischen Schöpferkraft:


Die Wissenschaft und der Glaube (...) stehen sich demnach keineswegs feindlich gegenüber, und es bietet vielmehr die Wissenschaft die sichersten Mittel dar, den Glauben zu befestigen, wie auch andererseits der Glaube dadurch einen Einfluß auf die wissenschaftlichen Forschungen ausüben darf und muß, daß er sie auf jene höchsten Ziele hinweist, welche ihnen durch die Fragen der Religion gesetzt werden.248


Im Menschen sah Baumgärtner, der Bibel gemäß, das »Ebenbild Gottes«. Zugleich jedoch fragte der Naturforscher, »ob mit der Hervorbringung des Menschengeschlechts das Ziel der großen Bewegung, welche mit der Erzeugung der Urzellen begann, in der That erreicht sei, oder ob noch weitere Zwecke verfolgt werden?«

   Genau wie May - und später Teilhard de Chardin - bestritt Heinrich Baumgärtner, daß die Entw