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OTTO RUBNER


Der sächsische Phantast
Eine Pathografie Karl Mays





E i n l e i t u n g 


Eine Pathografie ist eine Biografie einer berühmten, psychisch auffälligen Persönlichkeit unter psychiatrischen Gesichtspunkten mit dem Ziel, die psychopathologisch interessanten Seiten und deren Bedeutung für den Betreffenden und das Werk darzustellen. Sie ist aber nur  e i n e  Seite zur Erfassung der Gesamtpersönlichkeit und darf nicht vereinseitigt werden. Die Entscheidung über die Frage, ob ein Individuum abnorm oder geisteskrank ist, kann eigentlich nur durch die sorgfältigste psychiatrische Untersuchung und persönliche Exploration entschieden werden. Für den Verfasser einer solchen Pathografie bestehen insofern erhebliche Schwierigkeiten, als eine endgültige und zusammenfassende Stellungnahme erst dann erfolgen kann, wenn die zu beurteilende Person gestorben ist und alle Fakten zur Bearbeitung bereitliegen. Die Kernfrage ist, wie man zu sicheren Ergebnissen kommt, ohne den zu Beschreibenden gekannt zu haben, ohne dass eine fachkundige Untersuchung durchgeführt wurde oder durchgeführt werden konnte. Je kürzer der Abstand nach dem Ableben des zu Charakterisierenden ist, umso mehr ist zu erwarten, dass das Urteil des Pathografen noch durch die bestehenden unmittelbaren Erinnerungen und begleitenden Emotionen der Zeitzeugen beeinflusst ist, und je größer der Abstand zu dem Leben des berühmten Mannes wird, umso unsicherer und verschwommener sind die möglichen Erkenntnisse und Aussagen. Es muss in solchen Fällen eben ein angemessener Kompromiss gefunden werden.1

   Ein Psychiater läuft immer Gefahr, bei der Darstellung einer solchen Abhandlung insofern missverstanden zu werden, als man meint, er wolle Werturteile fällen. Dazu ist etwas Grundsätzliches zu sagen:

   Alle in der Psychiatrie benutzten Begriffe und alle ausgesprochenen Sachverhalte sind scharf definiert beziehungsweise klargelegt. Sie haben ausschließlich im Rahmen dieser Aussagen Gültigkeit und werden nur so in Übereinstimmung mit anderen (fachlichen) Gesprächspartnern gebraucht und verstanden. Sie haben niemals wertenden Charakter. Andere Bedeutungen können und dürfen im Interesse der interpersonalen Verständigung nicht erfolgen oder unterlegt werden. Jede Form von metaphorischen Begriffswandlungen ist unzulässig.

   In der Medizin ist ein  › S y m p t o m ‹  eine Bezeichnung, durch die eine Sa-


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che beschrieben wird und die nichts über die Zugehörigkeit zu einer Krankheit aussagt.

   Mehrere Symptome bilden ein  › S y n d r o m ‹,  wenn die Symptome überdurchschnittlich häufig zusammen vorkommen. Man kann beim Auftreten den Verdacht auf die Zugehörigkeit zu einer Krankheit hegen.

   › K r a n k h e i t ‹  ist Ausdruck einer Einheit von Syndromen, zu denen die Gesamtheit der körperlichen und geistig-seelischen Normabweichungen gehört mit zureichendem charakteristischen Verlauf.

   Die Untersuchungen erfolgen mit Hilfe der  › o b j e k t i v e n ‹  Beurteilung des Verhaltens und des Ausdrucks (=  ›e r k l ä r e n d e  P s y c h i a t r i e ‹) und der  › s u b j e k t i v e n ‹  Beurteilung nach den Angaben des Patienten (=  › v e r s t e h e n d e  P s y c h i a t r i e ‹).2

   In den folgenden Ausführungen wird 1. eine kritische Darstellung der bisherigen Untersuchungen seitens der Karl-May-Forschung gegeben, 2. erfolgt ein kurzer Abriss über die allgemeine und spezielle Psychopathologie ohne jeglichen Bezug zum hier vorgelegten Untersuchungsobjekt, um auf diese Weise jede Kreiselschlussmöglichkeit zu vermeiden, 3. werden das Empfinden und Verhalten des Schriftstellers besonders an Hand der bekannten biografischen Fakten und der Selbstbiografie ›Mein Leben und Streben‹ kritisch dargestellt und in eine Beziehung zu den gewonnenen psychiatrischen Erkenntnissen gesetzt, 4. wird versucht, die Erkenntnisse dieser Arbeit forensisch auszudeuten und 5. die Ergebnisse zusammenzufassen.



V e r w e n d e t e  B e g r i f f e  u n d  i h r e  D e f i n i t i o n e n :  G l o s s a r3


Vorbemerkung: Der klinische und wissenschaftliche Psychopathologe benutzt eine ganze Reihe von Begriffen, die von Laien gern übernommen, aber häufig falsch interpretiert werden. Die psychiatrischen Termini sind indessen scharf definiert worden und werden in Fachkreisen auf diese Weise gleichartig verstanden. Jede über die Begriffsbestimmung hinausgehende Wortinterpretation ist abwegig und darf nicht hineinprojiziert werden! Darüber hinaus ist es genauso ein Fehler, Sätze wertenden Charakters bei der Beschreibung einer solchen Persönlichkeit anzuwenden, besonders wenn sie diffamierender Art sind. Solche sind unwissenschaftlich (wie z. B. in ›Sitara und der Weg dorthin‹ von Arno Schmidt). Das Glossar wird vorausgeschickt, damit der nichtpsychiatrische Leser die Termini gleich in richtiger Weise verstehen kann und er keine Vorurteile beim Lesen des Textes hineininterpretiert.


› A u t i s m u s ‹:  Rückzug aus dem Leben der Gemeinschaft. Leben in eigener Gedanken- und Vorstellungswelt. Selbstbezogenheit. Schizophrene Autisten leiden nicht darunter. Neurotische Autisten leiden unter der Einsamkeit. Kommt auch als normale Charaktervariante vor.


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› B o r d e r l i n e - S y n d r o m ‹:  Der Begriff ist sehr umstritten und nicht genügend definierbar und deswegen unbrauchbar. Dass damit ein Grenzfall zu Schizophrenie beschrieben wird, ist falsch, denn es gibt keine wirklichen kontinuierlichen Übergänge zwischen einer Schizophrenie und einem so genannten Borderline-Syndrom. Man kennt zwar gewisse von der Norm abweichende Empfindungs- und Verhaltensweisen, besonders auch vor Beginn einer Schizophrenie oder nach deren Defektheilung, die überhaupt nur schwer einzuordnen sind und psychopathischen Symptomen nahe stehen, jedoch noch nicht als Bindeglied zwischen Psychose und Neurose anzusehen sind. Dafür ist kennzeichnend: Beeinträchtigung der Anpassungsfähigkeit, Rückzugsverhalten, frei flottierende Angst, Streitsucht, Neigung zu Misstrauen. Es handelt sich dabei um die so genannten Basisstörungen.4


› D e p e r s o n a l i s a t i o n s s t ö r u n g e n ‹  (= Gefühl, dem eigenen Ich fremd gegenüber zu stehen, gewohnte Dinge und sonst bekannte Menschen fremd und unwirklich zu empfinden): Der Kranke ist sich stets des Krankhaften bzw. des abnormen Charakters der Wahrnehmung bewusst. Vorkommen erlebnisreaktiv und im Ermüdungsstadium, bei Bewusstseinstrübungen, etwa durch Drogen. Als Symptom beispielsweise beim Grübelzwang, gelegentlich auch bei Psychosen.


› D i s s o z i a l i t ä t ‹:  Konflikte mit der sozialen Umwelt durch Missachtung von Regeln sozialen Zusammenlebens. Als Folge z. B. Streitsucht, Verwahrlosung, kriminelles Verhalten.


› D i s s o z i a t i o n ‹:  Abspaltung des Bewusstseins, Spaltung des Ichs.


› D i s s o z i a t i o n s a m n e s i e ‹:  Erinnerungslücke durch Verdrängung oder Abspaltung von Erinnerungen. Nicht unkorrigierbar, meistens bewusstseinsnah, Auftreten bei Neurosen.


› D i s s o z i a t i v e  S t ö r u n g e n ‹  (oder hysterische Neurosen, dissoziativer Typ): Dazu gehören:  › M u l t i p l e  P e r s ö n l i c h k e i t s s t ö r u n g e n ‹,  unspezifische Ängste, Fluchtneigung, depressive Symptomatik.


› H a f t p s y c h o s e ‹:  Haftreaktion.


› H a l l u z i n a t i o n ‹:  Sinnestäuschung. Sinneswahrnehmung, die ohne Reizung der Sinnesorgane von außen zustande kommt, wobei fest an die Realität der Wahrnehmung geglaubt wird. Beziehungssetzung ohne Anlass. Uneinfühlbar, unkorrigierbar. Nach Virchow halluziniert der Kranke nicht die Umwelt, sondern sich selbst.


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› H y s t e r i e ‹  =  › K o n v e r s i o n s n e u r o s e ‹:  Erscheinung: Der Betroffene stellt sich anders dar, als er ist. Dabei besteht eine Tendenz zum Dramatisieren (s. Pseudologia phantastica). Bewusstseinsnah, einfühlbar.


› K l e p t o m a n i e ‹: Stehltrieb.


› M u l t i p l e  P e r s ö n l i c h k e i t s s t ö r u n g e n ‹  (= innerpsychische Selbstwahrnehmung mehrerer Persönlichkeiten), im Rahmen von Neurosen auftretend.


› N e u r o s e ‹  (Begriff wurde 1776 von dem schottischen Arzt William Cullen geprägt): ursprünglich für Erkrankungen des Nervensystems ohne nachweisbare Ursache stehend. Zur Zeit versteht man darunter eine psychisch bedingte Gesundheitsstörung, deren Symptome unmittelbar Folge eines seelischen Konfliktes sind, teilweise nach psychoanalytischer Auffassung mit symbolischem Ausdruck und verwurzelt durch Konflikte in der Kindheitsentwicklung.

   Man findet verständliche, sinngesetzliche Zusammenhänge. Nach Meinung einiger Psychoanalytiker kommt es zur Komplexverselbständigung, wobei der ursprüngliche Zusammenhang mit der bestehenden Symptomatik nicht mehr bewusst ist. Häufig sind hysterische Neurosen, Hysterien. Vgl. u. Stichwort Psychopathie.5


› N o r m ,  N o r m a b w e i c h u n g e n ‹:  Man unterscheidet bei den Normabweichungen quantitative und qualitative. Die quantitativen werden statistisch erfasst mit Hilfe der verstehend-psychologischen Untersuchung. Dabei unterscheidet man noch die statistische Norm von der Idealnorm, die als Ausdruck einer vorschwebenden Wertnorm gesehen wird und von kulturellen Faktoren abhängig ist. Im Gegensatz zu diesen Normvorstellungen gibt es qualitative Normabweichungen, die psychisch völlig neue Erscheinungen zeigen und nicht im Alltag vorkommende Symptome. Bei deren Nachweis liegt eine sog. Psychose vor. Näheres unter dem Stichwort Psychose.6


› P s e u d o h a l l u z i n a t i o n e n ‹  =  › A l s - O b - H a l l u z i n a t i o n e n ‹:  Berichte des Patienten über erlebte Wahrnehmungen besonderer Art, deren Existenz als unwirklich empfunden wird, aber von ihm korrigiert werden kann. Vorkommen bei Neurosen.


› P s y c h o a n a l y s e ‹  (Freud, etwa 1896): Verfahren zur Untersuchung seelischer Vorgänge.


› P s y c h o s e ‹  (Begriff wurde wahrscheinlich zum ersten Mal 1845 von Ernst Freiherr v. Feuchtersleben gebraucht): Geisteskrankheit; teils durch erkennbare Organ- oder Gehirnkrankheiten verursacht oder vermutlich auf


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organischer Grundlage beruhend. Hauptkriterien: Fehlen von Krankheitseinsicht, Störungen der Kommunikation, fehlende Verstehbarkeit der Erscheinungen, mangelnde soziale Anpassung. Bei einer Psychose kommt es zu einer Unterbrechung oder Störung der Sinnkontinuität und Sinngesetzlichkeit des Denkens oder Handelns. Bestandteile einer solchen Störung sind häufig unkorrigierbare Wahn-Wahrnehmungen oder ein Wahndenken usw. Es tritt eine Unfähigkeit auf, sich aus seinem egozentrischen Denken zu lösen, sich in einen anderen Standpunkt hineinzuversetzen, es wird alles auf sich selbst bezogen. Es fehlt somit die Fähigkeit zum Paradigma-Wechsel. Realitäts-Verlust. Es besteht kein Übergang zu einer Neurose. (Der Schweregrad ist im Gegensatz zu den Auffassungen der US-amerikanischen Forscher für die deutschsprachige Psychiatrie nicht verbindlich.) Die amerikanische Psychiatrie hat versucht, in der gegenwärtigen internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) diesen Begriff ›Psychose‹ ganz abzuschaffen, benutzt ihn aber als Adjektivum, als abgeleitetes Wort ›psychotisch‹, inkonsequenterweise weiter. Damit wird von den betreffenden Autoren ein definitorisches Dilemma herbeigeführt, das nicht sinnvoll aufgelöst werden kann.7


› P s y c h o p a t h i e ‹:  Charakter- und Persönlichkeitsanomalie, unter denen der Betreffende selbst oder unten denen die Gesellschaft leidet. Dazu gehört besonders die Untergruppe der geltungsbedürftigen (hysterischen) Psychopathen mit Renommiersucht. Als Merkmale beschreibt Gerd Huber: Dramatisierung, theatralisches und manipulatives Verhalten, Suggestibilität, oberflächliche und labile Affektivität, dauerndes Verlangen nach Aktivitäten, in denen der Patient im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Der Begriff ist nach den Kriterien von Kurt Schneider den geltungssüchtigen Psychopathen zuzurechnen. Dazu gehören Persönlichkeiten, die mehr scheinen wollen, als sie sind, und deren tiefste Eigenschaft die Eitelkeit und Unechtheit ist, so genannte hysterische Charaktere. Das Bedürfnis mehr zu scheinen, als man ist, kann auf sehr verschiedene Weise befriedigt werden: durch Hypermotilität und Agieren, durch Übertreibung, Renommieren, Aufschneiden und Prahlen bis hin zur Pseudologie, durch eine exzentrische Attitüde oder durch Darstellung einer Krankheit zu geltungsbedürftigen Zwecken. Huber beschreibt den Pseudologen, der Märchen erzählt und erfindet. Es geht ihm dabei um die Rolle, in der er völlig aufgeht, obschon er weiß, dass er den Boden der Wirklichkeit verlässt (insofern kann man nur bedingt von »unbewusst ins Imaginierte veränderten Zuständen« sprechen). Scharfer Unterschied zu Psychosen. Da ›Psychopathie‹ popularisiert wurde, bekam sie, besonders im angloamerikanischen Fachschrifttum, fast durchgehend eine abwertende Bedeutung. Deswegen ist der Terminus möglichst wenig zu benutzen bzw. durch das nicht wertende Wort  › P e r s ö n l i c h k e i t ‹  zu ersetzen.8


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› Z w a n g ,  Z w a n g s e r s c h e i n u n g e n ‹:  Vorstellungen und Handlungsimpulse, die sich einem Menschen aufdrängen und gegen deren Auftreten sich das Ich zugleich vergebens wehrt, Erlebnisse von sich aufdrängenden Gedanken etwa einer ständigen Gefahr, von einem Handlungsantrieb bezwungen zu werden. Der davon Ergriffene empfindet diese Zwänge als fremdartig, unheimlich, unsinnig. Eine Krankheitseinsicht ist immer vorhanden. Es besteht manchmal eine Zweifel- oder Grübelsucht. Häufig wird eine sinnvolle Aktivität vermindert oder verhindert.9


› Z w a n g s h a l l u z i n a t i o n e n ‹:  In zwanghafter Weise immer wiederkehrende Halluzinationen mit plastischer Anschaulichkeit. Es handelt sich aber um › Z w a n g s -P s e u d o - H a l l u z i n a t i o n e n ‹  oder  › Z w a n g s -a l s - o b - H a l l u z i n a t i o n e n ‹.  Sie sind korrigierbar, erlebnisbedingt mit einhergehender Selbstkritik. Die sich aufdrängenden Gedanken sind nicht selten abstrakter Natur mit Erleben von Äußerungen in verbaler Form. Sie haben nicht den Charakter leibnah wahrgenommener unkorrigierbarer Halluzinationen mit Realitätsverlust.



K a r l  M a y  i m  S p i e g e l  d e r  K a r l -M a y -F o r s c h u n g ,
i n s b e s o n d e r e  d e r  V e r ö f f e n t l i c h u n g e n
d e r  K a r l -M a y -G e s e l l s c h a f t 


Vorbemerkung: Als Folge von vielen, teils abwertenden Veröffentlichung hatte sich eine Reihe von Autoren für eine gerechte Beurteilung des Schriftstellers eingesetzt. Einige namhafte Wissenschaftler gründeten dann am 22. März 1969 die Karl-May-Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Menschen Karl May und sein Werk wissenschaftlich zu erforschen. Als Forum der Forschungsergebnisse entstanden die ›Jahrbücher der Karl-May-Gesellschaft‹, die ›Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft‹ und die ›Nachrichten der Karl-May-Gesellschaft‹. Diese Periodika haben inzwischen zu einem Fundus einer unglaublich differenzierten Darstellung dieser Untersuchungsergebnisse geführt. Ich versuche im Folgenden für mein Thema die einschlägigen Publikationen teils mit kritischen Anmerkungen darzustellen.


Im Jahrbuch 1972/73 erschienen von Hans Wollschläger ›Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays‹, ›»Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt«‹.10 Er ist der Meinung, dass, wo »solche Arbeiten sich gar, wie bei May, ganz unverhüllt als Ich-Darstellungen erweisen, (...) das Verbot an die analytische Methode ein Erkenntnisverbot schlechthin« sei.11 Später weist er auf die »Durchlässigkeit des Gedächtnisses« hin, die »starke Suspension der Bewußtseinskontrolle während der Arbeit« erkennen lasse. Schreiben bedeute


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»die Abfuhr von Innen-Konflikten«,12 und deswegen schließt Wollschläger auf eine gewisse Notwendigkeit, Einzelfaktoren für einige Zeit zu vergessen. Der Psychotherapeut Richard Engel habe auf eine schwere Hysterie geschlossen, ebenso wie Otto Forst-Battaglia, und Stolte habe »vom ›psychopathischen Traumgänger‹ May« gesprochen.13 Eine narzisstische Neurose, die bei ihm vorgelegen habe, sei Basis und Voraussetzung einer Paraphrenie. Die Katastrophe Nietzsches in Turin beispielsweise habe den »atypisch jähen Ausbruch« einer progressiven Paralyse herbeigeführt.14 Die von Wollschläger geschilderte Urszene, wonach er meint, dass May als Kleinkind die Mutter mit Liebhaber belauscht habe, ist durch nichts belegt.

   Im Jahrbuch 1978 geht Heinz Stolte auf das Thema ›Zum Identitätsproblem bei Karl May‹ ein.15 Die »Identität des Menschen« sei »sein Mit-sich-selbst-identisch-sein; und das [heiße] zweierlei: die bejahende Übereinstimmung mit dem, was man als Individualität nach Charakter und Fähigkeiten, und das sich selber bescheidende Einverstandensein mit dem, was man als Glied der Gesellschaft in Staat, Beruf und Familie nun einmal« sei. Auf »der Solidität und Nützlichkeit dieses Menschentyps« beruhe »der Bestand unserer gesamten Zivilisation«. Je »unübersehbarer und differenzierter diese Zivilisation« sich entfalte, »um so schwieriger, konfliktreicher« werde es »für namentlich junge, heranwachsende Menschen«, sich persönlich damit abzufinden. Sie könnten »das oft so rätselhafte und problematische Gesellschaftsgefüge« nicht »auf angemessene Weise« integrieren. Ein »Identitätskonflikt« sei eine »spezifisch  m o d e r n e  Erscheinung«. Doch schon Goethe habe im ›Werther‹, im ›Tasso‹, im ›Wilhelm Meister‹ und im ›Faust‹ jeweils Lebenskonflikte von Menschen geschildert, die »den Zugang zur Welt bürgerlicher Nützlichkeit und die Selbstbeschränkung in einer beruflichen Funktion und Rolle« nicht gefunden hätten.16 In Mays exzessiv gesteigerter Vorstellungskraft, der »Fähigkeit, tagträumend die Welt des Wirklichen zu überschreiten, das bloß Mögliche plastisch-anschaulich zu beschwören und das Unmögliche an sich zu reißen«, sei Mays »Begabung, sein Glück, seine Gefahr und sein Inferno«17 gewesen. Solche Geschöpfe hätten, »von wunschhaften Phantasien besessen, sich immerfort über das, was ist, hinwegträumen müssen in das, oder was nicht ist, aber doch sein könnte«. Sie sprengten »den Zwang und die Beschränkung einer Rolle«18 und würden sich mit fremdem Leben identifizieren. Stolte sieht auch etwa in dem Roman ›Am Rio de la Plata‹  d e n  »Roman der Identitätsverwirrung«19 als klassisches Modell. In diesen würden viele Identitäten hineinprojiziert, die in Wirklichkeit Bestandteil seiner überschäumenden Phantasie seien und erst im Rahmen des Alters und Alterswerkes abgeworfen würden.

   In demselben Jahrbuch berichtet Kurt Langer über den ›Psychischen Gesundheitszustand Karl Mays. Eine psychiatrisch-tiefenpsychologische Untersuchung‹.20 Er zitiert anfangs May aus der Selbstbiographie:


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Es war,  a l s  o b  diese Stimmen nicht in mir, sondern grad vor meinem äußern Ohr ertönten. Ich gab mir alle Mühe, sie zum Schweigen zu bringen, doch war das, so lange ich die Feder in der Hand hielt und zum Schreiben sitzen blieb, vergeblich. ... Das ging den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch ... Kein anderer Mensch sah und hörte es ... Jeder Andere hätte das als Wahnsinn bezeichnet, ich aber nicht. Ich blieb kaltblütig und beobachtete mich.21


Langer fährt dann im nächsten Absatz fort: »Karl May schildert neben halluzinatorischen Erlebnissen in seiner Selbstbiographie auch Stuporzustände, Depressionen, Umdämmerungen und Zwangshandlungen unter dem Einfluß imperativer Stimmen: ›Wir zwingen dich, dich zu rächen!‹«22 Langer sieht die Möglichkeit folgender psychiatrischer Diagnosen: »Hysterie in Verbindung mit Kleptomanie, Pseudologia phantastica, narzißtische Neurose, Verlangsamung des seelischen Reifeprozesses (...), Haftpsychose; außerdem müßte auch eine echte endogene Psychose, vor allem eine Schizophrenie oder eine schizoaffektive Psychose, in die Reihe der differentialdiagnostischen Erwägungen mit einbezogen werden«.23 Die Frage, ob Mays Schilderung »wahr ist oder ob (...) sie als apologetische Täuschung bzw. möglicherweise Selbsttäuschung anzusehen« sei, sei von »entscheidender Wichtigkeit«.24 Es sei unvorstellbar, dass er sich selbst bezüglich der Diagnose zu Unrecht belastet haben sollte, denn er neige »viel eher zum Verschweigen oder Verharmlosen«. Deswegen würde es sich lohnen, »Mays Äußerungen ernst zu nehmen«.25 Auf seiner Orientreise sei er »in einen derart unnormalen Zustand« geraten, dass man befürchtet habe, ihn in eine Irrenanstalt führen zu müssen. Er habe zeitweise geglaubt, »von seiner ersten Frau Emma vergiftet zu werden«.26 Wo die »Grenzen zwischen Realität und Phantasie« lägen, sei »zeitlebens unscharf« geblieben. »Die halluzinatorischen Erlebnisse« ließen sich »nach Alfred Adler als ›Objektivierung subjektiver Regungen‹ sehr gut deuten«.27 »Sinnestäuschungen, deren Trugcharakter vom Patienten selbst erkannt« werde, nenne »man Pseudohalluzinationen«. Solche könnten »tatsächlich bei psychotischen Auslenkungen schwer Neurotischer vorkommen« und ließen »die Diagnose Schizophrenie eher unwahrscheinlich«28 sein. Karl May habe »an einem sogenannten Borderline-Syndrom« gelitten, »einem Grenzzustand zwischen Neurose und Psychose bzw. einer schweren Neurose mit Neigung zu psychotischen Eskalationen«.29 Nach heutiger Auffassung würde ein psychiatrischer Gutachter dem Gericht Schuldunfähigkeit nach § 20 StGB wegen seelischer Störungen empfehlen. Auf dem Kongress der Karl-May-Gesellschaft in Hannover 1979 wurden ausführlich die Karl May bezüglichen Beurteilungen pro und kontra psychoanalytischer Meinungen so leidenschaftlich diskutiert, dass u. a. Claus Roxin polemischen Auseinandersetzungen entgegentreten musste und auch Helmut Schmiedt versöhnend eingriff. Zweifelsohne forderte von jeher die Psychoanalyse sowie auch generell die psychologische und soziologische Betrachtungsweise nicht nur zu diesem Thema Kritik heraus.


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   Sowohl im Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1980 als auch in den Mitteilungen März, Juni, September, Dezember 1979 sowie März 1980 wurden die verschiedensten Meinungen gegenübergestellt.30

   Wolf-Dieter Bach geht von dem als richtig erkannten Vorgehen aus, dass bei den Kriterien »rationale Überprüfbarkeit« erforderlich ist. Er zitiert Kant, wonach im »Bereich des sinnlich Erfahrbaren und des Verhaltens zwischen Menschen«, also in der Ästhetik und der Ethik, eine angemessene »Erhellung der Gegenstände«31 mit den Kategorien theoretisch-logischen Denkens nicht geleistet werden könne. Bach versucht seine Thesen dadurch zu unterstützen, dass es sich nicht auf diese Weise begründen ließe, warum etwa der Mensch gut sein solle oder inwiefern Beethoven'sche Quartette melancholischen Charakter hätten.

   Damit komme ich zur Arbeit von William E. Thomas ›Karl May und die ›Dissoziative Identitätsstörung‹‹ im Jahrbuch 2000.32 Thomas folgt dabei der Darstellung im DSM-IV,33 wo unter dem Oberbegriff ›Dissociative Disorders‹ Diagnosekriterien für folgende Krankheitsbilder aufgeführt sind:

   ›300.14 Dissoziative Identitätsstörung‹ u. a. mit den Kriterien: A) die Existenz von zwei oder mehr unterschiedlichen Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszuständen innerhalb einer Person (jede mit einem eigenen relativ überdauernden Muster, die Umgebung und sich selbst wahrzunehmen, sich auf sie zu beziehen und sich gedanklich mit ihnen auseinander zu setzen); B) mindestens zwei dieser Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die volle Kontrolle über das Verhalten des Individuums.34

   ›300.12 Dissoziative Amnesie‹: Die vorherrschende Auffälligkeit ist eine Episode plötzlicher Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Daten zu erinnern, die zu umfassend ist, um als gewöhnliche Vergesslichkeit erklärt werden zu können.35

   ›300.6 Depersonalisationsstörung (oder Depersonalisationsneurose)‹. Kriterien: A) anhaltendes oder wiederkehrendes Erleben einer Depersonalisation angezeigt durch das Gefühl losgelöst zu sein von eigenen psychischen Prozessen und dem Körper, so als sei man ein äußerer Beobachter; sich z. B. ›wie im Traum‹ zu fühlen; B) dabei bleibt die Realitätskontrolle intakt; C) anhaltend, so schwer, um beträchtliches Leid hervorzurufen.36

   ›300.13 Dissoziative Fugue‹: A) die vorherrschende Auffälligkeit ist ein plötzliches unerwartetes Weggehen von zuhause oder vom gewohnten Arbeitsplatz, verbunden mit der Unfähigkeit, sich an die eigene Vergangenheit zu erinnern; B) Verwirrung über die Identität oder Annahme einer neuen Identität (partiell oder vollständig).37

   Thomas behauptet in seinem Aufsatz, dass die Kriterien der genannten Krankheit (Dissociative Identity Disorder = D. I. D.) erfüllt seien. Ausgelöst worden sei sie durch Traumata in Mays Kindheit (Misshandlungen und die - umstrittene - Blindheit in den ersten Lebensjahren). Dann zitiert Thomas die Störungen des Gedächtnisses bezüglich der Ereignisse, die schließlich zur Gerichtsverhandlung und zur Inhaftierung in Waldheim


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führten. Thomas meint, dass diese Darstellungen glaubwürdig seien; May habe mehrere Episoden der Unfähigkeit gehabt, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern. Die diagnostischen Kriterien für die ›Dissoziative Amnesie‹ träfen zu.38 Trotz seiner Aktivitäten sei es für May eine »verlorene Schlacht«39 gewesen, so dass er dann angefangen habe, mehr und mehr an Halluzinationen zu leiden.

   Thomas schildert dann ausführlich die Krankheit William Ohlerts in ›Der Scout‹ und dazu eben auch viele ›Zeugen‹, die in Wirklichkeit nur schriftstellerische Kunstgriffe zur Bestätigung von Mays Auffassung über William Ohlert sind. »Die Diagnose einer Fugue, Dissoziativen Amnesie, Benommenheit, Trance und Identitätsstörung« könne »bei William Ohlert gestellt werden«40 - es erscheinen Symptome, die der Schriftsteller einer seiner Figuren zuschreibt, wie sie eben auch von dem Autor in der Selbstdarstellung beschrieben wurden. Dann werden weitere Symptome, die auf D. I. D. hinwiesen, aufgeführt, wie die Entstehung der wechselnden Persönlichkeiten (multiple Persönlichkeiten). Diese Phänomene seien während der Straftaten zwischen 1864 und 1870 aufgetreten.41 May habe nach Thomas dann auch an »kurzen psychotischen Episoden« von Mai bis Juli 1869 gelitten, wofür die Tatsache spräche, dass er in »einem Kinderwagen eine Lampe mit einem Lampenschirm, eine Brille in einem Etui, zwei Brieftaschen mit zwei Talern und verschiedene andere kleine Dinge gesammelt«42 habe usw. Dann zitiert Thomas Mays Ausführungen über die ›lauten Stimmen‹ als weiteren Beleg.43

   Die Frage, ob eine echte D. I. D. vorgelegen habe oder ein »einfacher Trick des Bewußtseins«,44 würde dadurch beantwortet, dass alle diese anderen Alter Egos mit Mays Vergangenheit zu tun hätten oder unglaubwürdig seien, was »mehr auf den dissoziativen Prozeß«45 hindeute.

   Vor Gericht habe der Verteidiger ihn als einen ›komischen Menschen‹ bezeichnet, der gewissermaßen aus Übermut auf der Anklagebank zu sitzen schien. Das Vorliegen von Symptomen der D. I. D. »sollte einen Angeklagten für unfähig erklären, unter Anklage zu stehen«.46

   Ohne Unterstützung sei May »von Halluzinationen, Panikattacken und Phobien geplagt« gewesen, »verursacht durch Flashbacks«, ausgelöst durch ein weiteres Trauma.47 Durch die Einwirkung des Katecheten Kochta in Waldheim hätten sich die Symptome zurückgebildet. Es sei zu sagen, dass May im Zuchthaus geheilt worden sei.

   Die Diagnose einer Schizophrenie stehe nicht »im Einklang mit seinen schriftstellerischen Werken und dem Verlauf seines späteren Lebens«.48 D. I. D. sei »bis vor kurzem ein verwirrender Zustand gewesen, der als eine Kuriosität angesehen«49 worden sei, aber nun sei durch das DSM-IV das Krankheitsbild bestätigt. Nach seiner Entlassung 1874 habe May nicht mehr an den entsprechenden Symptomen gelitten und sei völlig geheilt gewesen.

   Claus Roxin50 berichtet über Cesare Lombrosos These aus seinem Werk ›L'uomo delinquente‹. Lombroso hat behauptet, es gäbe den Typ ›delinquente nato‹, den ›geborenen Verbrecher‹. Die medizinische Erklärung


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dafür sei eine »anthropologische Rückbildung«, die vielleicht »auf Degenerationserscheinungen in der Ahnenreihe oder fötalen bzw. frühkindlichen Erkrankungen beruhen könne«.51 Die »Lehren Lombrosos (...) haben späteren Forschungen nicht standgehalten und sind längst aufgegeben«.52 Dagegen sei richtig, dass »jedermann mit Fähigkeiten und Anlagen geboren« werde, »die sich unter dem Eindruck äußerer (meist familiärer oder sozialer) Bedingungen positiv oder negativ auswirken«53 könnten. Die Ursachen chronischer Kriminalität seien häufig Störungen der emotionalen Bindungen an die Eltern in früher Kindheit. Die »gestörte Beziehung der Eltern zueinander« und zu den Kindern begünstigten »den Aufbau asozialer Charakterformationen mehr als alles andere«.54 Mays Straftaten im Rahmen von Identifikationen mit imaginierten charakteristischen Rollen sei eine Art von Selbstverwirklichung, in denen er sich ›auslebte‹. May sei in »selbstgeschaffenen Gestalten mit spielerischem Ernst« aufgegangen und habe damit »Merkmale des Pseudologen«55 aufgewiesen. Anton Delbrück habe den Begriff der ›Pseudologia phantastica‹ 1891 eingeführt. Der Psychiater Gustav Aschaffenburg z. B. habe geschrieben: »Mancher Hochstapler ist in Wirklichkeit nichts als ein Poet mit weitem Gewissen, das unglückliche Opfer einer allzu phantastischen Veranlagung.«56

   Dann führt Roxin aus, dass die »allgemeinsten Charakteristika des Pseudologen (...) seine autistische Denkweise in Verbindung mit einer (...) auf die Realisierung der eigenen Tagträume drängenden Aktivität«57 seien. Nur ein Autist würde die Widersprüchlichkeit mit der Wirklichkeit unberücksichtigt lassen, das Denken über die Realität sei abgespalten.

   Die entwickelten Rachegefühle und der daraus entstandene Entschluss, nun wirklich auch Verbrechen zu begehen, seien auf die unverhältnismäßig harte Bestrafung zurückzuführen. May habe verständlicherweise nach dem demütigenden Ausschluss aus der Gesellschaft eine »gewaltige Überkompensation seiner Minderwertigkeitsgefühle« entwickelt, und das sei »beinahe natürlich«.58 Es sei international unbestritten, dass eine kurzfristige Zeitstrafe bei Ersttätern zu zerstörerischen Wirkungen führe. Der »Hochstapler« erweise »sich als Produkt gesellschaftlicher Bestrafungsmechanismen«.59

   In seinem Aufsatz: ›»Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand«‹ führt Claus Roxin zum ›Bild Karl Mays in der Epoche seiner späten Reiseerzählungen‹60 aus, dass Wollschläger den Deutungsansatz vorgelegt habe, dass es Mays »Sehnsucht nach Liebe«, nach dem »emotionalen Kontakt mit den Menschen und nach deren Zuneigung« gewesen sei, die ihn die »Maske seiner Heldengestalten«61 annehmen ließ. Damit wird die Grundlegung der Pseudologie und der grotesken Identifikationen mit anderen beruflichen Personen aufgenommen, ohne dass man diesen Zusammenhang wirklich sehen oder beweisen könnte.

   Später führt Roxin dann aus, dass May durch verschiedene Behauptungen das ›Ich‹ der Reiseerzählungen übertrumpft habe. Dadurch trete das Bedürfnis nach Geltung in den Vordergrund. Dieses stamme aus »dersel-


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ben Wurzel wie das Verlangen nach der Liebe der Menschen«.62 Würde dem Kind das Urvertrauen in den ersten Lebensjahren nicht vermittelt, schlügen dem Entzug folgende Frustrationen in Aggressionen um. Mays »überstarke(s) Verlangen nach Liebe und Geltung« sei durch »die Sehnsucht breiter Leserschichten« gefördert worden, die die Bewahrheitung der Romane herbeisehnten, und der Dichter habe mit seinen Büchern versucht, »die Schatten der Vergangenheit zu tilgen«.63

   Der Psychoanalytiker Otto Rank sei immer wieder »auf die Erscheinung gestoßen, daß die vorzeitlichen Heldenmythen in ihrer Struktur den Wahnsystemen von Paranoikern ebenso wie pseudologischen Fabeln weitgehend gleichen«.64 Weiter entspräche die Arbeitsweise Mays häufig »der Logik des Traumes, wie sie (...) aus den grundlegenden Arbeiten Freuds bekannt« sei, und die »Mittel der Verschiebung und Verdichtung, des Umsetzens von Gedanken in Bilder und Bewegungsabläufe und vor allem das Prinzip der Umkehrung«65 würden verwendet. Dann führt Roxin die ›Untersuchungen‹ C. G. Jungs über ›Psychologie und Dichtung‹ an, wobei sowohl im Traum als auch bei einer Geistesstörung seelische Produkte an die Oberfläche kämen, »›die alle Merkmale des primitiven seelischen Zustandes an sich‹«66 trügen in Form und Sinngehalt.

   In seiner Abhandlung ›Karl May, das Strafrecht und die Literatur‹67 geht Claus Roxin auf die Frage der Zuordnung Mays zum Begriff ›geborener Verbrecher‹ ein, den es nicht gebe. Der Verfasser weist auf »das verhältnismäßig seltene Beispiel einer geglückten Selbstresozialisierung« des sächsischen Fabulierers hin. Seine Delinquenz sei »alles andere als schicksalhaft vorgezeichnet«68 gewesen und sehr wesentlich durch die Erst-Verurteilung entstanden, durch die gesellschaftliche Diskriminierung und die weitere Stigmatisierung, deren verhängnisvolle weitere Folgen von vornherein nahe liegen müssten. Staatliche Überreaktion habe dazu geführt, dass der zu Phantasmen neigende Delinquent seine Rachegefühle entwickelte. Mays eigene Auffassung dazu würde bestätigt durch die Meinung Stephan Quensels, dass Kriminalität Folge einer fehlgeschlagenen Interaktion zwischen dem Täter und der Sanktionsinstanz sei.69 Roxin meint, dass Mays Hochstapeleien auf ein wenig entwickeltes Über-Ich schließen ließen, denn ein »in seinem Persönlichkeitsgefüge intakter Mensch würde auch dann nicht in dieser Weise handeln, wenn ihm so übel mitgespielt worden sei«,70 was man May zugute halten müsse.



D i e  p s y c h i a t r i s c h  r e l e v a n t e  L i t e r a t u r 


Die psychiatrische Literatur ist in Bezug auf das Thema durch folgende allgemeine Vorbemerkungen darzustellen: Die deutsche Psychiatrie hat sich um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert von der französischen, bis dahin sehr maßgebenden Lehre der Geisteskrankheiten gelöst.


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   1845 erschien die ›Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten‹ von Wilhelm Griesinger, die in der 3. Auflage im Besitz Karl Mays war71 und nach dessen Beschreibungen er vermutlich seine Symptomatologie dargestellt, ausgeschmückt und kombiniert hatte. Danach kannte Griesinger schon die ›sensitiven Elementarstörungen‹.72 Er berichtet über Kranke, die neben ihrem »körperlichen Selbstempfinden zugleich mit tiefgreifenden psychischen Leiden unter dem Wahn einer verwandelten Persönlichkeit«73 litten. Die Kranken hielten sich für Tiere verschiedener Art, für historische Individuen. Es wird über Ekstase-Zustände berichtet, es werden gleichfalls Halluzinationen und Illusionen erwähnt. Erstere hätten eine scheinbare Objektivität und Realität, während letztere als falsche Deutungen äußerer Objekte anzusehen seien.74 Griesinger kann noch nicht die ätiologisch verschieden einzuordnenden Halluzinationen unterscheiden und führt unter anderem auch »religiöse Visionen« sowie bei unterschiedlichen Persönlichkeiten und literarischen Figuren auftretende Wahrnehmungsstörungen an. Sie seien bei »Nicht-Irren durchaus nichts Seltenes«. Er zitiert beispielsweise »lange Zwiegespräche Tassos mit seinem Schutzgeist«, »Goethes Selbstvisionen und seine fantastisch sprossenden idealen Blumen«, Walter Scotts Erscheinung, Jean Paul, Cellinis Sonnenvisionen. Spinoza und Pascal hätten Halluzinationen gehabt usw.75

   Von Gesunden würden solche Halluzinationen ruhig betrachtet und als nur subjektiv entstanden anerkannt. »Aberglaube, Trägheit des Denkens, Lust am Wunderbaren« würden »die richtige Auffassung« dieser Phänomene »trüben und hemmen« oder sie durch »Stimmungen, Leidenschaften und Affekte, Furcht, Zorn, Freude und dergleichen« hervorrufen oder beeinflussen. Halluzinationen allein genügten durchaus noch nicht, um geisteskrank zu sein. Zusätzlich seien u. a. »ausgebildete Wahnvorstellung« erforderlich. »Von Geisteskranken« würden »die Halluzinationen fast immer für Realität« gehalten, in einigen Fällen, »namentlich im Anfang«, würden sie deren krankhafte Natur zugeben. Häufig betrachte der Kranke das als ›geistiges Hören‹. Griesinger macht eine deutliche Unterscheidung zwischen einer Geisteskrankheit und der bloßen Gemütskrankheit.76

   Parallel zu Griesinger, der nicht als einziger und alleiniger Forscher der aufkommenden wissenschaftlichen Periode der deutschen Psychiatrie zu gelten hat, gab es eine Reihe anderer Autoren, die sich zu den in Frage kommenden Symptomen geäußert und diese sowie die möglicherweise dazugehörenden Krankheitseinheiten beschrieben hat.

   So hat Hermann Emminghaus berichtet von den dem damaligen Zeitgeist entsprechenden Hysterien, von »vermeintlicher Besessenheit, teuflischer Buhlschaft«. In diesem Zusammenhang wurde dann auch über »Sinnestäuschung, Delirien, Bewusstseinsstörungen und vollständig systematischen Wahngebilden« als der in den Vordergrund getretenen »Aberglaubensform« berichtet. Sie seien noch »1861 und 1864 in Hoch-Savoyen« aufgetreten, beispielsweise auch epidemisch bei Mädchen von 12 bis 13 Jah-


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ren, ausgelöst durch den »Anblick von Priestern oder Ärzten« oder »durch Schreck, Furcht, Zorn und Schmerz«.77 Dauerhaft trete bei denen die Idee der Bevorzugung und besonderen Erleuchtung auf. Alle solche Phänomene hätten schon im 13. Jahrhundert zu den Kinderkreuzzügen oder auch noch Mitte des 19. Jahrhunderts zu der »Predigerkrankheit« geführt, im Zusammenhang mit religiöser Überspanntheit, wie sie auch im Rahmen der »Verirrungen der Kalvinisten in Frankreich«78 im 17./18. Jahrhundert aufgetreten seien. In den entsprechenden Zeiten sei es zu einer Häufung von Irrenanstaltsaufnahmen gekommen. Emminghaus beschreibt auch das eigentümliche Phänomen, welches man als ›doppeltes Bewusstsein‹ (Jessen), ›alternierendes Bewusstsein‹ (Solbrig) bezeichnete, das ursprünglich aus dem britischen Kulturkreis kam, von nur einem Tag bis zu Monaten anhaltend. Das Phänomen, welches Jessen als »Doppelwahrnehmung« beschrieben habe, käme »nicht selten, häufiger jedenfalls, als man glaube, bei Gesunden vor«.79 Fantasievorstellungen kämen assoziativ oder willkürlich zustande. Wir könnten uns Illusionen machen, als ob ein äußerer Eindruck so oder so verändert erscheine, während man Halluzinationen nicht willkürlich imitieren könne. Die Illusionen seien (nach dem französischen Psychiater Esquirol) durch zusätzliche Einbildungen zur Wahrnehmung entstanden. Man dürfe sie symptomatisch als Übererregbarkeit der Fantasie bezeichnen. Sie seien »reine Urteilstäuschungen«.80

   Halluzinationen dagegen seien »Fantasmen, welchen keine äußeren Eindrücke entsprechen«. Nach Rudolf Virchow »appercipire der Kranke nicht die Welt, sondern sich selbst, das hieße, die Vorgänge in seinem zentralen Nervenapparat«.81 Der Halluzinierende sei völlig von der Realität seiner Eindrücke überzeugt. Ob solche Halluzinationen unter normalen Verhältnissen wirklich vorkämen, gewissermaßen physiologische Halluzinationen, sei schwierig zu entscheiden.

   »Von den willkürlich reproduzierten Vorstellungen einzelner Personen müssten wir allerdings annehmen, dass ihre Empfindungsbestandteile von einer ganz ungewöhnlichen Lebhaftigkeit seien.«82 Cardanus, Goethe, Balzac usw. hätten behauptet, »sich farbige bzw. leuchtende Bilder von Gegenständen vorstellen zu können«. Sie könnten sowohl als »Ausdruck einer einseitigen oder allgemeinen Erleichterung als auch einer Erschwerung der Assoziationen« in Form von Zwangsvorstellungen auftreten.83 Diese kämen auch beim »Gesunden hier und da« vor. Meistens verschwänden sie nach kurzer Zeit, »selten verweilten sie längere Zeit, indem sie fortwährend sich reproduzierend immer wieder in die Bewusstseinsenge« einträten.84 Es komme im chronifizierten Fall zu Ideen vom Verfolgt- und Gepeinigtwerden, vom Nichtloswerdenkönnen von Vorstellungen. Solche inneren Erfahrungen des Menschen könnten unmotiviert erscheinen. Sie würden als Zwangsvorstellungen aufgefasst werden. Sie könnten »wie beim Gesunden auch bei psychopathischen Individuen durch bestimmte und zwar peinliche Gefühle zuerst und in der Folge im-


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mer wieder von neuem angeregt werden oder völlig unabhängig von solchen, also ganz mechanisch auftreten«. Griesinger habe von einer Grübelsucht gesprochen. »Ein solcher Kranker« könne »wohl seine Stellung im Leben ausfüllen und würde sich nur selten in einer Irrenanstalt befinden«. Patienten sprächen wiederholt aus, dass sie nur so »törichte, lächerliche Gedanken hätten, aber sich von ihnen nicht distanzieren könnten«.85

   Emminghaus berichtet in späteren Passagen ausführlich über »krankhafte Impulse«; das seien »eigentümliche psychische Prozesse, welche sozusagen innerlich vernommene Vorschläge zur Vollführung gewisser, unter den obwaltenden Umständen und in unmotivierter, verkehrter oder den Sittengesetzen geradezu in widerstrebender Handlung zum Bewusstsein« brächten. Beispielsweise könne es dabei zu »Grausamkeiten, Mord, Diebstahl, Brandstiftung, zum Begehen anstößiger, obszöner, monströser, exzentrischer Handlungen kommen«.86 Wenn ein ›Kitzel‹ zur Vollführung dieser Zwangsgedanken führe, bedürfe es eines gegenwirkenden energischen Willensimpulses, dem widernatürlichen Antrieb erfolgreich zu begegnen. Manchmal würde »der Patient nicht mehr gewahr werden, dass er seiner nicht mächtig« sei, und dann »instinktiv nach einem Schema« handeln. Hinterher würde ihm klar, dass »die Tat sonderbar, verkehrt, sinnlos oder entsetzlich« gewesen sei. Er könne sich meistens »keiner Motive« entsinnen und würde zum Ausdruck bringen, dass ›ein Etwas in ihm ihn dazu trieb‹. »Entweder bekennt er sich, zur Rede gestellt, sofort zu der Tat, ja er stellt sich wohl selbst vor Gericht, wenn sie verbrecherisch ist oder er sucht, wenn moralische Analgesie bei ihm vorhanden ist, hinterdrein seine Handlung zu beschönigen und mit Scheingründen zu rechtfertigen.« »Intelligenzstörungen, Wahnvorstellungen können fehlen.« Die Symptome gehörten nicht zu abgeschlossenen Irreseinsformen, womit sicher zum Ausdruck gebracht werden soll, dass es sich um Syndrome und keine definierte Krankheit handelt.87

   Heinrich Schüle88 vertritt die Meinung, dass durch zufällige Übereinstimmung von Vorstellungsreihen mit dem Gefühlsleben Zwangsgedanken entständen. Er berichtet auch über das Phänomen des Doppelbewusstseins und des Wechselns der Persönlichkeit. Es träten mehrere kontinuierliche Hauptgipfel auf, welche sich unabhängig voneinander behaupteten: Er sieht das als Spaltung der Persönlichkeit an und spricht auch vom mehrfachen Ich.

   In dem ›Lehrbuch der Psychiatrie‹ von Otto Binswanger und Ernst Siemerling führt A. Westphal aus, »dass Zwangsvorstellungen, ohne durch einen gefühls- und affektartigen Zustand bedingt zu sein, gegen den Willen des betreffenden Menschen in den Vordergrund des Bewusstseins« träten, »den normalen Ablauf der Vorstellungen« hinderten und durchkreuzten, »sich aus dem Ideenkreis nicht verscheuchen« ließen, »obwohl sie von dem Betreffenden als abnorme, ihm fremdartige anerkannt« würden. Inhaltlich gäbe es den »Grübel- und Fragezwang« oder Zweifel in den Ablauf der Vor-


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stellungen. Zu Beginn befinde »sich der Kranke häufig in einer völlig ruhigen Gemütslage«. Versuche er, Widerstand gegen die sich ihm aufdrängenden Zwangsgedanken und Zwangsimpulse zu leisten, so komme es zu Ängsten und »Erregungszuständen«.89

   Richard von Krafft-Ebing berichtet von krankhaften Zwängen, wobei die Patienten über »quälende, lästige Gedanken« klagten, »deren Ungereimtheit sie vollkommen einsehen, jedoch nicht loswerden« könnten. »Die Gedanken« würden »sich beständig in ihr bewusstes logisches assoziiertes Vorstellen« eindrängen, »sie in dem Ablauf (stören), dadurch beunruhigen.« Es komme infolge dieser Zwangsgedanken zu Impulsen, entsprechende Handlungen damit zu verbinden, wobei die Patienten es selbst als »lächerlich oder abscheulich« ansähen. Diese Zwangsvorstellungen entständen spontan oder würden durch »Ereignisse erschütternden Einflusses hervorgerufen«. Sie müssten durch innere, physiologische, das psychische Organ treffende Reize geweckt und unterhalten sein. Solche Gedanken seien nur mit einer »gewissen Aufbietung von Willenskraft und Anstrengung zu verscheuchen«. Im Gegensatz zu Wahnideen unterschieden sich diese Zwangsvorstellungen in ihrem Verhalten gegenüber dem Bewusstsein dadurch, dass die Patienten sie »fortwährend als krankhafte Erscheinungen« beurteilten und damit über ihnen ständen.90

   Störungen des Gedächtnisses »(= der identischen Reproduktion der Vorstellungen)« würden »in Exaltationszuständen überraschend wieder hervorgerufen«.91 In einem Fall des Auftretens handle es sich um bloß funktionelle Störungen im Gedächtnisorgan, wobei die »erschwerte oder temporäre unmögliche Reproduktion« Teil-Erscheinung einer allgemeinen Hemmung der psychischen Vorgänge oder eine »Erschöpfung des psychischen Organs (geistige Ermüdungs- oder Erschöpfungszustände)« sei.92 Entscheidend für die Rückerinnerungsfähigkeit sei die Intensität der Bewusstseinstrübung, welche den Krankheitsvorgang bedingte. Partielle Amnesien seien als temporär episodische, auch bei Hysterikern, nicht selten.

   Im Gegensatz zu den Zwangsphänomenen gäbe es aber Wahnideen. Das seien inhaltliche Störungen im Vorstellen aufgrund einer Hirnerkrankung oder einer geistigen Erkrankung. Bei Wahnideen würde nichts dagegen wirksam sein, und deswegen könne »man dem Kranken seinen Wahn nicht ›wegdisputieren‹ oder seine Krankheit mit Reden kurieren, während der Gesunde seinen Irrtum« einsehen und korrigieren könne, sobald er ad absurdum geführt werde. »Wahnideen« ständen mit dem »früheren Ich des Patienten, mit seiner früheren Denk- und der Erfahrungsweise im grellen Widerspruch«, während der »bloße Irrtum eines Gesunden aus seiner früheren Anschauungsweise, seinem Bildungsgrad eher begreiflich, mindestens damit nicht im Widerspruch« stehe.93 »Der von Halluzinationen Heimgesuchte« höre, rieche, schmecke, fühle »mit der vollen Deutlichkeit einer objektiv begründeten Sinneswahrnehmung Dinge, die einer wirklichen Begründung« entbehrten. Der Vorgang sei entschieden krankhafter.94


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»Von den Halluzinationen« ließen »sich die Illusionen unterscheiden, deren Sinnesempfindungen auf dem Weg zum Apperzeptionsorgan eine Fälschung« erführen »und das Bewusstsein über die Quelle des Empfindungsvorganges« täuschten.95 »Mit Fortschreiten der Trübung« würde »der Betroffene die falschen Wahrnehmungen für Flammen, Teufel, Drohworte und Schimpfreden« halten.96

   Theodor Ziehen97 versucht Halluzinationen einerseits durch das Verhältnis Reiz - Reaktion zu beschreiben, andererseits hirnlokalisatorische Gesichtspunkte zu sehen. Er macht keine deutlichen Unterschiede zwischen Halluzinationen bei Psychosen und bei Hysterien verschiedener Krankheitseinheiten und Syndrome. Dagegen beschreibt er die Zwangsgedanken und Zwangvorstellungen in klassischer Weise (s. oben). Dissoziative Störungen handelt er unter ›Inkohärenz‹ ab. Viele Kranke würden nachträglich zugestehen, Theater gespielt zu haben. An diesen Störungen sieht der Autor häufig Übergänge zu Psychosen (Geisteskrankheiten).



D i e  E n t w i c k l u n g  d e r  P s y c h i a t r i e  n a c h  A b f a s s u n g  d e r  S e l b s t d a r s t e l l u n g  M a y s


Vorbemerkung: Die Literaturstellen beweisen, dass die Symptomatologie Mays unabhängig von seinen Beschreibungen und nicht ad hoc erfolgte.


Alexander Pilcz sieht bei den hysterischen Persönlichkeiten, dass es dort auf autosuggestiven Wegen zur kritiklosen Verfälschung der Vorstellungs-Inhalte komme. Durch Zweckvorstellungen käme es zu dem eigenartigen ›Krankheitswillen‹, teils in Form einer »Flucht in die Krankheit«. »Die Hysteriker wollten krank sein«, im Gegensatz dazu wollten »Simulanten krank scheinen«. Bei der ›Pseudologia phantastica‹ sieht er eine »abnorme Übererregbarkeit der Einbildungskraft und eine außerordentliche Beweglichkeit des Erinnerungs- und Vorstellungsinhalts«. Erlebnisse würden bei maßloser »Eitelkeit sofort in mannigfacher Art verändert«. Man wolle mehr scheinen, als man sei, mehr erlebt haben, als es die »nüchterne Alltagsprosa« mit sich bringe. Gleichgültigste Erlebnisse würden durch Zusätze, Auslassungen und Variationen ausgeschmückt, es träten »Erinnerungen aus Kolportageromanen, Räuberdramen, sensationellen Zeitungsberichten« hervor. »Dieses Krankheitsbild« würde »hinübergleiten zu den harmlosen Renommisten, Leuten mit mangelhafter Gedächtnistreue«.98

   Karl Jaspers99 ist der Meinung, dass im Rahmen hysterischer Persönlichkeiten ein hypnoider Zustand mit Tagträumen und ein Dämmerzustand unter Ausschaltung des normalen Bewusstseins aufträten mit dem Phänomen der doppelten Persönlichkeit oder des ›alternierenden Bewusstseins‹. Das abgespaltene Seelenleben trete so reich entwickelt auf, dass man glaube, es mit einer Persönlichkeit zu tun zu haben. Man habe häufig für eine große


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Zahl hysterischer Phänomene denselben Mechanismus angenommen, wahrscheinlich ausgelöst durch bestimmte Erlebnisse.

   In seinen ›Gesammelten Schriften‹100 berichtet Jaspers über einen Patienten, der nachträglich seine Krankheitserscheinungen darstellt und der über die Realität der von ihm gehörten Stimmen bei der Leibhaftigkeit derselben keine Zweifel habe. Die Stimmen seien unabhängig von seinem Willen und seinen Gedanken aufgetreten. Nur wenn die Stimmen abklängen, glaube er, dass es sich um Halluzinationen handele. Wenn sie wieder aufträten, sei er vom Gegenteil überzeugt (sog. doppelte Buchführung). Nach Meinung von Jaspers seien die Trugwahrnehmungen durch ihre Leibhaftigkeit gegenüber den Pseudohalluzinationen abzugrenzen. Bei den Trugwahrnehmungen hätten wir es mit leibhaften sinnbildlichen Erlebnissen zu tun, nicht mit vorstellungsmäßigen. Manchmal würden Kranke willkürlich aus innerer Lust sich eine eigene Fantasiewelt schaffen, lebhaft mit derselben verkehren, ohne doch im mindesten von ihrer Realität überzeugt zu sein. Sie gäben sich der Situation wie ein Schauspieler hin, aber mit größerer subjektiver Hingabe. Es entstehe der Anschein, als ob sie auch wirklich mit ihren Sinnen die imaginäre Umgebung zu empfinden glaubten. Es handele sich hier überall nicht um Sinnestäuschungen, sondern um lebhafte Fantastereien, die höchstens den Beobachter täuschen könnten. Wenige Kranke versuchten sich auch interessant zu machen, lögen hinzu und gäben nur für Sinnestäuschungen aus, was bloß Fantasterei sei.

   Aus der Literatur gehe hervor, dass es Zwangshalluzinationen gebe. Die Betroffenen würden damit leben bei klarem Bewusstsein mit voller Einsicht in das Krankhafte und mit einem Gefühl des Zwanges, diese Halluzinationen nicht loswerden zu können. Sie könnten in Form von Zwangsbefürchtungen (Phobien) auftreten.

   Friedrich Schulhof spricht von den so genannten unechten Halluzinationen (sich anlehnend an den Philosophen Hans Vaihinger von ›Als-ob‹-Halluzinationen) sowie auch in Ergänzung dazu von ›Als-ob-Gefühlen‹, ›somatischen Als-ob-Halluzinationen‹ und ›somatischen Als-ob-Gefühlen‹, von ›seelisch nervösen Als-ob-Halluzinationen‹. Bezüglich der ›Als-ob-Halluzinationen‹ führt er aus, dass diese die Erscheinungsform hätten, als ob »einer der fünf Sinne etwas wahrnehmen würde«. »Die Kranken sagten sehr oft selbst, es sei ihnen  a l s  o b  ihnen das oder jenes gemacht werden würde.«101 Bezüglich der Hochstapler meint Schulhof, das gemeinsame Merkmal sei bei ihnen die unglaubliche und schnelle Erfindungsgabe der schauerlichsten oder schönsten, der interessantesten oder gefährlichsten Romane, die sie erlebt haben wollen, wie die abenteuerlichsten Erfolge etwa bei Frauen, im Lotto, die Erfolge der Nabobs auf Börsen usw. Viele hätten geradezu eine chamäleonartige Fähigkeit, in jedem Augenblick aus einer Maske in die andere zu schlüpfen. Eine harmlose Untergruppe der Hochstapler seien die Fantasten, mit denen einfach die Fantasie bei allen möglichen Gelegenheiten durchgehe. Sie würden Pläne schmieden, die sie


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weder nach ihren Verhältnissen noch nach ihren tatsächlichen Fähigkeiten jemals ausführen könnten. Hierher gehörten die Erbauer wirklichkeitsfremder Schlösser, die Träumer, die sich eine der wirklichen Welt ganz fremde, andere, schönere und ihnen erwünschte Welt erträumten. Karl Bonhoeffer habe davon »eine Gruppe von ›pseudologischen‹ Fantasten zusammengefasst«, und »den Zustand nannte er auch Pseudologia phantastica«.102 Es gebe Hochstapler, die sonst im Leben ganz anständige Menschen gewesen seien, doch die meisten echten Hochstapler seien hinterher selbst darüber erstaunt, wie sie es hätten so weit kommen lassen können. Hochstapler arbeiteten nicht nach bestimmten, vorher bedachten Plänen und hätten aus ihrer Hochstapelei für sich selbst keine materiellen Vorteile, auch wenn sie anderen Menschen noch so viel materialen Schaden angetan hätten. Sie unterschieden sich dadurch von den gemeinen Betrügern, die nach bestimmten, wohl durchdachten und vorher festgelegten Plänen im vollen Bewusstsein handelten zu dem alleinigen Zweck, für sich selbst materielle Vorteile auszubeuten. Diese zuerst genannte Hochstapelei habe nichts Chronisches, träte höchstens in wiederholten Attacken auf und würde wie eine Krankheit wieder abklingen.

   William McDougall beschreibt eine Reihe von »Dissoziations- (Spaltungs-)Symptomen«, wie beispielsweise »die Amnesie«,103 manchmal auch eine Kontaktstörung im Rahmen eines einfachen Systems von Funktionen, Störungen der Fähigkeit, solche Funktionen zu lenken, zu kontrollieren oder zu benutzen. Häufig trete eine solche Dissoziation als Ausweg aus einem Konflikt auf. Es gebe eine Gruppe von Fällen, die als Fugue (›Flucht‹, im deutschen Fachschrifttum auch ›Poriomanie‹) bekannt seien. Solch ein Patient könne ziellos herumlaufen, könne an einem anderen Aufenthaltsort wiederum eine scheinbar gewöhnliche Lebensführung realisieren. Es könnten »geheime Wünsche« auf diese Weise »Fantasien« erzeugen, wie eine »Verwirrung, einen Traumzustand, einen emotionalen Schock«, eine »die Persönlichkeit aus dem Gleichgewicht werfende Gefühlserregung« von einer Furcht bis hin zu Phobien, und es würden »unkontrollierbare Impulse« auftreten können.104

   Werner Wagner ist der Meinung, dass es bei Zwangserscheinungen zu einem »ständigen, nie oder doch in längeren Perioden nicht zu befriedigenden Kampf« zwischen einer sozialen Eingliederung und den vom Patienten an sich bejahten »höheren Werten« einerseits und »damit nicht vereinbaren (...) Triebregungen« andererseits komme.105

   Oswald Bumke106 erklärt, das Bewusstsein könne sowohl auf gehirnorganischer Grundlage als auch erlebnisbedingt verändert sein. Im Gegensatz zur Erschwerung der Auffassung, des Wahrnehmens, des Denkens und des Merkens bei organisch bestehenden Bewusstseinsstörungen würden bei traumhaften Bewusstseinsstörungen manche Vorstellungen erleichtert, die Rangordnung würde aufgehoben, es kämen Störungen des Zusammenhangs der Denkvorgänge, Trugschlüsse, fantastische Erlebnisweisen zu-


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stande, und in Folge der fehlenden Kritik komme es leicht zu Erinnerungsbildern von bunten und fantastischen Gestalten.

   H. Pauleikhoff107 fordert, man müsse mit Kurt Schneider die Jasper'sche Unterscheidung zwischen kausalen und verständlichen Zusammenhängen sprachlich präzisieren und die Termini sinnlos - sinngesetzlich (= sinnvoll) gebrauchen.

   Der Versuch einer ›Gestaltanalyse des Wahns‹ (hier im Zusammenhang mit einer beginnenden Schizophrenie) durch Klaus Conrad108 ergab zwei zusammenhängende Momente zu Beginn der Erkrankung: das Erlebnis des abnormen Bedeutungsbewusstseins, von Conrad mit ›Apophänie‹ bezeichnet,109 und die so genannte Anastrophé, das Erleben, im Mittelpunkt zu stehen, »so als ob sich alles Weltgeschehen um den Kranken drehen würde«.110 Das sei eine tiefgreifende Störung der Fähigkeit zum Wechsel des Bezugssystems beim Kranken, nämlich der Verlust der Fähigkeit zum so genannten Überstieg (d. h. seine eigene Welt mit der Welt der anderen in Beziehung zu bringen). Den Bewegungszustand des eigenen Bezugspunktes zu sehen sei dem Kranken im Falle einer Psychose, einer Schizophrenie, wie auch bei  e c h t e n  Halluzinationen, nicht möglich. Der Gesunde sei dagegen fähig, sich selbst seinen Bezugspunkt klarzumachen.

   Nach Ausführungen von Gottfried Ewald111 komme es infolge von Irrtümern auch zu wahnhaften Ideen, die aber wieder zur Norm zurückkehrten, den so genannten ›überwertigen oder fixen Ideen‹. Es seien aber Allgemeinerscheinungen im Verlauf jedes Menschenlebens. Meistens klängen diese Ideen wieder ab, und es komme zur Gemütsberuhigung und allmählich auch zur Korrektur. Es könne andererseits aber auch zu einer völlig verschrobenen Einstellung gegenüber der Umwelt, zu einer fixen Idee kommen, die mit Fanatismus lebenslang verfolgt würde, und es entstehe die schiefe Persönlichkeitsentwicklung des Paranoikers, auch mit einer allmählichen Erweiterung zu einem Verfolgungswahn. Doch das Wahnsystem bleibe logisch und verständlich. Man finde solche Wahnentwicklungen auch bei psychopathischen oder hysterischen Persönlichkeiten.

   Henricus Cornelius Rümke berichtet besonders auch über Untersuchungen in der »Klinik und Psychopathologie der Zwangserscheinungen«.112 Er zitiert Friedman, der »unabgeschlossene Vorstellungen für den Ursprung der Zwangsvorstellungen« hält. Es bestehe eine ›Abschlussunfähigkeit‹.113 Durch die »peinliche Wirkung der Abschlussunfähigkeit« könne »eine Erwartungsangst entstehen oder bei skrupulös-pedantischer Wesensart eine abnorme Denkhemmung, wodurch die Abschlussunfähigkeit größer [werde] und damit auch das zwanghafte Zweifeln«. Es könne »die ganze Denkbewegung primär gestört sein«. Nach Meinung von Rümke »entsteht ein Teil der Zwangserscheinungen auf psychasthenischem Boden«.114 Es bestehe beim Zwang nicht eine Störung der Denkfähigkeit, sondern der Gelassenheit, bei subjektiven Zwängen sei die Kritik erhalten. Bei allen schweren Formen sei die Kritik aber verschwunden, und doch bleibe dann noch ir-


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gendetwas von einem Zwangselement erhalten. Rümke zitiert fernerhin Steiner, »die eigentliche krankhafte Störung des Zwangsneurotikers« sei »nicht die Denkautomation, der wir alle gelegentlich einmal unterworfen« seien, »sondern die pathologische Einstellung des Willkürapparates gegen die Denkautomation«. Gehäufter kämen »Zwangserscheinungen im Gebiet der manisch-depressiven Psychosen vor«.115 Noch umfangreicher seien Zwangsphänomene nicht selten im Gebiet der Normalität (z. B. in der Pubertät oder im Klimakterium), und der normale Mensch gehe darüber zur Tagesordnung hinweg. Der Zwang gehöre zu den allgemeinen Reaktionsmöglichkeiten des menschlichen Seelenlebens. Zusammenfassend kämen Zwangserscheinungen »a) bei der Psychasthenie, b) bei einfacher Zwangsneurose, c) bei der malignen Zwangskrankheit sowie d) bei den Zwangserscheinungen infolge degenerativer Erkrankungen vor«.116

   Bezüglich der dissoziativen Störungen sieht Peter Berner117 beispielsweise formale Denkstörungen und die Parathymie, Störungen der Dynamik, wie Affektverflachung, dynamische Entleerung, dynamische Entgleisungen (Ambivalenz, Depersonalisation, Derealisation, Eigenbeziehungen, Wahnbildungen).

   Walter Schulte und Rainer Tölle vertreten zu den Depersonalisations- und Derealisationssyndromen die Meinung, dass »der lebendige Bezug des Patienten zu sich selbst und zu der Umwelt verloren gegangen« sei. Das seien »unspezifische psychogene Reaktionsweisen, die nicht einer bestimmten Krankheitseinheit« zuzurechnen seien.118 Die Schilderung von ›inneren Stimmen‹ der Patienten sei ein Analogon zu eidetischen Bildern, die bei manchen hoch sensiblen, aber gesunden Menschen aufträten, beispielsweise bei der Regung ihres Gewissens. Sie sprächen auch von der Stimme Gottes. Bevor akustische Halluzinationen diagnostiziert würden, müsse geprüft werden, ob es sich nicht lediglich um diese ›inneren Stimmen‹ handele, die noch in den Bereich des normalen Psychologischen fielen.

   Henning Saß119 führt aus: Beginnend mit Lombrosos Auffassungen vom ›geborenen Verbrecher‹ entstanden Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich und schließlich auch Deutschland eine kriminalbiologische Forschungsrichtung auf dem Boden einer Generations- und Konstitutionslehre, nach dem Zweiten Weltkrieg aber eher soziogenetische Theorien bezüglich der Erklärung abweichenden Verhaltens, wobei konstitutionelle und genetische Faktoren weitgehend vernachlässigt würden. Besonders von psychoanalytischer Seite wurden ungünstige emotionale Beziehungen in den Familienverhältnissen und den Milieubedingungen angenommen. Sigmund Freud habe schon 1915 von unbewussten Schuldgefühlen und Selbstbestrafungstendenzen gesprochen, Wilhelm Reich (1925) vom triebhaften Charakter usw. Nach Émile Durkheim (1897) führen belastende soziale Umstände, Armut und Isolation auch zur Delinquenz.120 »Von den charakterologischen Persönlichkeitsauffälligkeiten der dissozialen Charakterstruktur traten am stärksten die Egozentrizität, die mangelhafte Empa-


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thie/Gefühlskälte und die paradoxe Anpassungserwartung hervor.«121 Besonders gemütlose, willenslose und stimmungslabile Persönlichkeiten seien an der Delinquenz beteiligt, äußerst selten anankastische (= unter Zwangsvorstellungen leidende) Persönlichkeiten.122

   Gerd Huber und Gisela Gross123 beschreiben die Gestalt und Struktur psychologischer Wahnbetrachtung (nach den Arbeiten von Klaus Conrad, Werner Janzarik und Karl Peter Kisker), die durch den Verlust der Fähigkeit gekennzeichnet sei, jederzeit den Übergang aus dem solipsistischen-ptolemäischen Standpunkt in die ›kopernikanische Einstellung‹ zu vollziehen (d. h. den Wechsel des Bezugssystems, nach Conrad). Dieser Gestaltwandel sei als ein völlig neues, formales Moment anzusehen und laufe auf den Verlust einer kritischen Subjekt-Objekt-Erkenntnis hinaus, bei Übrigbleiben der protopathischen Leistungsform.

   Lilo Süllwold124 berichtet über das ›Borderline-Syndrom‹, das früher zu den Schizophrenien gerechnet wurde, jetzt als ›schizoide Persönlichkeitsstörung‹ angesehen werde mit ›Beeinträchtigung der Anpassungsfähigkeit‹, ›Rückzugsverhalten‹, frei flottierender Angst bei partieller Einsicht in die Störungen. Die Betreffenden zeigten paranoide (kurzdauernde) Reaktionen, seien streitsüchtige und ständig misstrauische Charaktere. Es komme zu Wahrnehmungsverzerrungen, Entfremdungsideen, Anhedonie.

   In den diagnostischen Kriterien und Differentialdiagnosen nach dem ›Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders‹125 versucht die amerikanische Psychiatrie sich von manchen vorgegebenen Einteilungen der bisherigen europa-kontinentalen abzusetzen insofern, als sie einerseits neue Kriterien festsetzt und andererseits den Anspruch erhebt, weniger als bei den bisherigen Klassifikationen Ursachen psychischer Auffälligkeiten mit einzubeziehen und vermeintlich neutral empirisch vorzugehen. Dabei bleibt auch die American Psychiatric Association deutlich nicht konsequent. Der Begriff der Psychose wurde zwar abgeschafft, tauchte aber dann als Adjektivum (›psychotisch‹) immer wieder auf. In der Ziffer 300.14 wird über das Krankheitsbild der ›Multiplen Persönlichkeitsstörung‹ (Dissociative Identity Disorders) berichtet, wobei zwei oder mehr unterschiedliche Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände innerhalb einer Person dargestellt werden. Dabei würden mindestens zwei dieser Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände wiederholt die volle Kontrolle über das Verhalten des Individuums übernehmen.

   Unter 300.13 schildert das DSM die ›psychogene Fugue‹ (Dissociative Fugue) und beschreibt die Kriterien so, dass die vorherrschende Auffälligkeit in einem unerwarteten Weggehen von zuhause oder vom gewohnten Arbeitsplatz bestehe, »verbunden mit der Unfähigkeit, sich an die eigene Vergangenheit zu erinnern«. Es werde dann partiell oder vollständig eine neue Identität angenommen. Unter 300.12 beschreibt das DSM die ›psychogene Amnesie‹ (Dissociative Amnesia), wobei die »vorherrschende Auffälligkeit eine Episode plötzlicher Unfähigkeit« sei, »sich an wichtige


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persönliche Daten zu erinnern«. Die Störung sei umfassender, um als gewöhnliche Vergesslichkeit erklärt werden zu können (was weiter nicht definiert, quantifiziert oder qualifiziert wird).

   Unter 300.6 (Depersonalisationsstörung - Depersonalization Disorder) schildert dieses Manual »das anhaltende oder wiederkehrende Erleben einer Depersonalisation mit dem Gefühl, losgelöst zu sein von eigenen psychischen Prozessen oder dem Körper, als sei man ein äußerer Beobachter« oder fühle sich wie ein Roboter oder ›wie im Traum‹. Die Realitätskontrolle bleibe intakt.126 Unter 300.15 führt das Manual aus, dass zu den dissoziativen Störungen NNB (Dissociative Disorders NOS [Not Otherwise Specified]) folgende Merkmale gehören: »Beeinträchtigung oder Wechsel der normalen integrativen Funktionen und der Identität des Gedächtnisses oder des Bewusstseins.« Dazu zählen auch das Ganser-Syndrom und die mangelnde Ausübung der Kontrolle über das Individuum. Darüber hinaus beständen Trancezustände, das heiße: »veränderte Bewußtseinszustände mit einer deutlich eingeschränkten selektiv gerichteten Empfänglichkeit für Umgebungsreize.« Sie träten z. B. nach »Gehirnwäsche oder Indoktrination während einer Gefangenschaft durch Terroristen oder Anhänger eines Kults« auf. Als weiteres Kriterium werden Fälle aufgeführt, »in denen plötzliche und unerwartete Reisen und ein organisiertes gerichtetes Verhalten bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sich an die Vergangenheit zu erinnern«, erfolgten. Nach Angaben des DSM sei die Gesamtheit dieser Symptome oder Syndrome statistisch gesichert worden.

   Gerd Huber, dessen Lehrbuch die Grundlage für die in der vorliegenden Arbeit im wesentlichen angeführten psychiatrischen Aussagen darstellt, nimmt zu den hier relevanten Zitaten folgendermaßen Stellung: Die multiplen Persönlichkeitsstörungen würden fast nur in den USA diagnostiziert. Sie gehörten zu den »hysterischen Persönlichkeitsstörungen, die der Pseudologia phantastica« nahe ständen, und es handle sich »um ein bewusstseinsnahes Syndrom oder sogar eine vorgetäuschte Tendenzreaktion«. Seine Mitarbeiter und er hätten in »Deutschland in 40-jähriger Tätigkeit keinen Fall beobachtet, der die genannten Kriterien erfüllen« würde.127 Er rechnet diese Störung und diesen gesamten Komplex der Dissoziation zu den hysterischen Neurosen, basierend auf unausreichender Erlebnisfähigkeit, Kommunikations- und Bindungsschwäche. Hysteriker verständen es, ihre Mitwelt, auch die untersuchenden Ärzte, die nicht selten ihre ›Pseudologenberichte‹ für bare Münze nähmen, für sich einzunehmen.



D i e  S e l b s t d a r s t e l l u n g  K a r l  M a y s  i n  s e i n e r  A u t o b i o g r a f i e  › M e i n  L e b e n  u n d  S t r e b e n ‹


Vorbemerkung: Über Selbstbiografien in der gesamten Kulturgeschichte, von den Werken des Altertums im Mittelmeerraum über Caesars ›Galli-


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schen Krieg‹ und die Fremddarstellungen wie z. B. Einhards über Karl den Großen bis zur Selbstbiografie etwa Bismarcks ›Gedanken und Erinnerungen‹ oder anderer Staatsmänner und Heerführer (insbesondere dann, wenn sie Schlachten oder Kriege verloren hatten), ja bis zu Churchill - auch Hitlers ›Mein Kampf‹, soweit er sich mit seiner Entwicklung beschäftigt, steht in dieser Reihe -, bestehen durchgängig die kritischen Meinungen und Beurteilungen, dass solche selbstentwickelten und ›gebastelten‹ Erlebnis-Darstellungen aus Gründen des von der Mitwelt und dem eigenen Rechtfertigungsbedürfnis Erwünschten fast immer eine wesentliche Diskrepanz zur Wirklichkeit aufweisen. Das liegt also im Grunde genommen in der Persönlichkeit des Darstellenden. Bei Karl May ist das natürlich in ›Mein Leben und Streben‹ anerkanntermaßen nicht anders. Wenn man also über eine solche berühmte historische Gestalt schreiben will, ist es nie angebracht, sich einzig und allein auf dessen Memoiren zu stützen, sondern es ist sehr notwendig, Zeitzeugen und objektive Darstellungen aus den betreffenden Lebensabschnitten heranzuziehen. Bei Karl May besteht die größte Schwierigkeit darin, wie schon ganz am Anfang erwähnt, dass der später so berühmte und wirkungsvolle Autor zu Lebzeiten nie psychiatrisch oder neurosen-psychologisch untersucht wurde. Wir sind also nur auf die Angaben von ihm selbst, die spärlich überlieferten, mehr oder weniger objektiven, Fakten und die immerhin schon sehr umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen angewiesen.


Nichtsdestoweniger kann man trotz vieler Unglaubwürdigkeiten und Falschdarstellungen in seiner Selbstschilderung auf diese natürlich nicht verzichten, wenn man nur die Bedenken und Einwände mitverarbeitet und sein Werk äußerst kritisch liest. Dabei kommt es häufig weniger darauf an, das von ihm Geschriebene zu übernehmen, als vielmehr die Stellen zu berücksichtigen, wo er ganz offensichtlich auch Beschreibungen beispielsweise aus dem Lehrbuch der Psychiatrie von Griesinger übernimmt, so dass die daraus entstandenen Fehlleistungen sehr gut verwertet werden können. Im Gegensatz zu sonst gebräuchlichen Bezeichnungen wie Selbstbiografie oder Autobiografie u. a. habe ich bewusst den Ausdruck ›Selbstdarstellung‹ benutzt, weil es sich sehr augenfällig um ein Werk handelt, in dem May sich nicht nur gegen die in seinen letzten Lebensjahren massiven Anwürfe und Beschuldigungen wehrt, sondern auch sein Selbstverständnis über seine Entwicklung von den Anfangsverfehlungen bis zum Verfasser eines wertvollen Alterswerkes darstellt.

   In seiner Darstellung berichtet May über die Diskrepanz zwischen seinem größeren, angelernten Wissen und dem seiner gleichaltrigen Mitschüler, sieht aber in dem Überspringen der Klassen (von ein bis zwei Jahren) einen


schmerzlichen Diebstahl, den man an mir beging. Ich bemerke hier,  d a ß  i c h  s e h r  s c h a r f  z w i s c h e n  G e i s t  u n d  S e e l e ,  z w i s c h e n  g e i s t i g  u n d  s e e l i s c h


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u n t e r s c h e i d e . ... Ich saß nicht unter Altersgenossen. Ich wurde als Eindringling betrachtet und schwebte mit meinen kleinen, warmen, kindlich-seelischen Bedürfnissen in der Luft. Mit einem Worte, ich war gleich von Anfang an klassenfremd gewesen und wurde von Jahr zu Jahr klassenfremder. ... Jeder erwachsene Mensch und noch viel mehr jedes Kind will festen Boden unter den Füßen haben, den es ja nicht verlieren darf. Mir aber war dieser Boden entzogen .. [so] daß ich ... in meiner Heimat fremd bin, ja fremder noch als fremd. Man kennt mich dort nicht; man hat mich dort nie verstanden, und so ist es gekommen, daß um meine Person sich dort ein Gewebe von Sagen gesponnen hat, die ich ganz unmöglich zu unterschreiben vermag.128


Er sei durch den Vater mit vielen Büchern und gelehrten Abhandlungen sondergleichen überfüttert worden. Durch die vom Vater gewünschte Anwesenheit bei Besuchen all seiner Bekannten habe er Dinge hören und Beobachtungen machen müssen, welche der Jugend am besten vorenthalten blieben. Er habe geistig weder innerlich noch äußerlich einen Halt besessen. Er sei nicht gesund, sondern krank, schwer krank gewesen, vergiftet durch die Schundromane der Leihbücherei:


Ich begann, Angst vor mir zu bekommen, und arbeitete unausgesetzt an meiner seelischen Gestalt herum, mich innerlich zu säubern, zu reinigen, zu ordnen und zu heben, ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, die es ja auch gar nicht gab.129


Nach der Uhren-Affäre, dem angeblichen Diebstahl, wurde May zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Dazu führt er aus:


Ob und womit ich mich verteidigt habe; ob ich zur Berufung, zur Appellation, zu irgend einem Rechtsmittel, zu einem Gnadengesuche, zu einem Anwalt meine Zuflucht nahm, das weiß ich nicht zu sagen.  J e n e  T a g e  s i n d  a u s  m e i n e m  G e d ä c h t n i s s e  e n t s c h w u n d e n ,  v o l l s t ä n d i g  e n t s c h w u n d e n .  Ich möchte aus wichtigen psychologischen Gründen gern Alles so offen und ausführlich wie möglich erzählen, kann das aber leider nicht, weil das Alles infolge ganz eigenartiger, seelischer Zustände, über die ich im nächsten Kapitel zu berichten haben werde, aus meiner Erinnerung ausgestrichen ist. ... Als ich mich mühsam erholt hatte und wieder kräftig genug auf den Beinen war, bin ich nach Altchemnitz gegangen, um mein beschädigtes Gedächtnis wieder aufzufrischen. Es war in Beziehung auf die Oertlichkeit vergebens;  i c h  e r k a n n t e  n i c h t s ,  w e d e r  d i e  F a b r i k ,  n o c h  m e i n e  d a m a l i g e  W o h n u n g ,  n o c h  i r g e n d  e i n e  S t e l l e ,  a n  d e r  i c h  g a n z  u n b e d i n g t  g e w e s e n  w a r .130


Nachdem er den Buchhalter zufällig auf der Straße wiedergetroffen hatte und dieser sich zu entschuldigen versuchte, habe er den Mann mitten auf der Straße stehen lassen und sich entfernt, ohne ihm einen Vorwurf zu machen. Ja ich ging fort, aber wohin?!  D a s  a h n t e  i c h  d a m a l s  n i c h t .131


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Weiter schreibt er:


Die im letzten Kapitel erzählte Begebenheit hatte wie ein Schlag auf mich gewirkt, wie ein Schlag über den Kopf, unter dessen Wucht man in sich selbst zusammenbricht. Und ich brach zusammen! Ich stand zwar wieder auf, doch nur äußerlich;  i n n e r l i c h  b l i e b  i c h  i n  d u m p f e r  B e t ä u b u n g  l i e g e n ; w o c h e n l a n g ,  j a  m o n a t e l a n g .132


... denn es herrschte jetzt in mir das strikte Gegenteil von Klarheit; es war Nacht; es gab nur wenige freie Augenblicke, in denen ich weitersah, als grad der heutige Tag mich sehen ließ. Diese Nacht war nicht ganz dunkel; sie hatte Dämmerlicht. Und sonderbar, sie erstreckte sich nur auf die Seele, nicht auch auf den Geist. Ich war seelenkrank, aber nicht geisteskrank.  I c h  b e s a ß  d i e  F ä h i g k e i t  z u  j e d e m  l o g i s c h e n  S c h l u s s e ,  z u r  L ö s u n g  j e d e r  m a t h e m a t i s c h e n  A u f g a b e .  I c h  h a t t e  d e n  s c h ä r f s t e n  E i n b l i c k  i n  a l l e s ,  was außer mir lag; aber sobald es sich mir näherte, um zu mir in Beziehung zu treten, hörte diese Einsicht auf.  I c h  w a r  n i c h t  i m s t a n d e ,  m i c h  s e l b s t  z u  b e t r a c h t e n ,  m i c h  s e l b s t  z u  v e r s t e h e n ,  m i c h  s e l b s t  z u  f ü h r e n  u n d  z u  l e n k e n .  Nur zuweilen kam ein Augenblick, der mir die Fähigkeit brachte, zu wissen, was ich wollte, und dann wurde dieses Wollen festgehalten bis zum nächsten Augenblicke. ...  U n d  i c h  w a r  m i r  d i e s e s  s e e l i s c h e n  Z u s t a n d e s  g e i s t i g  s e h r  w o h l  b e w u ß t ,  besaß aber nicht die Macht, ihn zu ändern oder gar zu überwinden. Es bildete sich bei mir das Bewußtsein heraus, daß ich kein Ganzes mehr sei, sondern  e i n e  g e s p a l t e n e  P e r s ö n l i c h k e i t ,  ganz dem neuen Lehrsatze entsprechend, nicht Einzelwesen, sondern Drama ist der Mensch.  I n  d i e s e m  D r a m a  g a b  e s  v e r s c h i e d e n e ,  h a n d e l n d e  P e r s ö n l i c h k e i t e n ,  d i e  s i c h  b a l d  g a r  n i c h t ,  b a l d  a b e r  a u c h  s e h r  g e n a u  v o n e i n a n d e r  u n t e r s c h i e d e n .

   Da war zunächst ich selbst, nämlich ich,  d e r  i c h  d a s  A l l e s  b e o b a c h t e t e .  Aber wer dieses Ich eigentlich war und wo es steckte, das vermochte ich nicht zu sagen. Es besaß große Aehnlichkeit mit meinem Vater und hatte alle seine Fehler.133


Es sei ihm vorgekommen, als ob die innern Gestalten aus ihm herausgetreten seien und neben ihm herliefen. Nachdem er auf dem Felde Rüben gegessen habe, hätten ihn  S t i m m e n  geweckt und gehöhnt: »Du bist ein Vieh geworden, frissest Rüben, Rüben, Rüben!«134

   Als May den Auftrag erhielt, eine Parodie zum Gedicht ›Des Sängers Fluch‹ von Uhland zu schreiben, traten bei Belastungen Grübel-Wiederholungen der Überschrift auf. Er wiederholte im Innern die Zeilen ›Des Schneiders Fluch‹ oder »Die Hypotheken lauern, die Hypotheken lauern; ihr hörts, verruchte Mauern, ihr hörts, verruchte Mauern!« Das wiederholte sich gedanklich noch mit hundert Stimmen. Die Stimmen seien stundenlang unaufhörlich vorhanden gewesen: ... sie sprachen auf mich ein; sie beeinflußten mich. Und wenn ich mich dagegen sträubte, so wurden sie lauter ...135

   May schildert, wie er nach seiner ersten Haftstrafe von seiner Mutter gedrängt worden sei, das Land zu verlassen. Da sei er wieder krank geworden, (n)icht geistig, sondern seelisch.136  S e i n e  E r i n n e r u n g  h a b e  i h n  i m


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S t i c h  g e l a s s e n .  Wenn er weit weggelaufen sei, habe ihn immer wieder ein unwiderstehlicher Trieb zur Heimkehr gepackt, und dann sei er wieder  u m s o  u n f r e i e r  geworden, je mehr  e r  s i c h  d e r  G e g e n d  s e i n e s  G e b u r t s o r t e s  g e n ä h e r t  h a b e .  Ich folgte teils jenem unbegreiflichen Zwange.137 Ihm seien allerlei Straftaten unterstellt worden, und er habe sich dem Gericht stellen wollen, sei dann allerdings ergriffen und unter Anklage gestellt worden. Er habe alles zugegeben, dessen man ihn beschuldigt habe, um die Sache um jeden Preis los zu werden, um so wenig wie möglich Zeitverlust zu erleiden,138 und sei zu einer schweren und langen Strafe verurteilt worden.

   Über das Erleben im Zuchthaus und den dortigen Werdegang hat jeder May-Leser oder -Forscher aus der Biografie des Schriftstellers Kenntnis. In dieser Zeit habe May bezüglich seines seelischen Zustandes Ruhe, vollständige Ruhe139 gehabt, die Quälereien seitens der dunklen Gestalten und die Zurufe von ihnen und anderen hätten aufgehört. Er behauptet in ›Mein Leben und Streben‹, durch eine ihm zur Verfügung gestellte Aufklärungsschrift mit dem Titel »Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt«140 sei er zu einer Selbsterkenntnis geführt worden und damit auch zur Fähigkeit, gegen die Gestalten und Stimmen anzukommen.



F o r e n s i s c h e  A s p e k t e


May hatte bekanntlich strafrechtlich relevante Delikte begangen. Diese sind nicht nur für die Biografie und Pathografie von Bedeutung, sondern auch für Form und Inhalt seines Gesamtwerkes.

   Nach Karl Birnbaum141 werden in der Kriminalpsychopathologie im engeren Sinne Beziehungen zwischen Psychopathologie und Verbrechen festgestellt, in der Pönalpsychopathologie Beziehungen zwischen Psychopathologie und Strafvorgängen, und in der kriminalforensischen Psychopathologie werden die Beziehungen zwischen Psychopathologie und strafgesetzlichen Normen untersucht. Dem psychiatrischen Gutachter werden von dem Gericht die Fragen vorgelegt, welche psychiatrische Krankheit vorliege. Das Gericht beurteilt dann aus juristischer Sicht die  S c h u l d f ä h i g k e i t ,  eine  v e r m i n d e r t e  S c h u l d f ä h i g k e i t  (nach § 21 StGB) oder eine  a u f g e h o b e n e  S c h u l d f ä h i g k e i t  (nach § 20 StGB); zu dieser Urteilsbildung soll der Sachverständige zwar beitragen, aber nicht Entscheidungen treffen. Darüber hinaus ist das Gericht an der  K r i m i n a l p r o g n o s e  interessiert.

   Nach Siegfried Haddenbrock142 sollen durch den Sachverständigen die psychiatrischen Tatsachen sehr ausführlich dargestellt werden, während in der  n o r m a t i v e n  Bewertung dieser Tatbestände die psychiatrischen Sachverständigen aber gar nicht zurückhaltend genug sein könnten. Am sichers-


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ten sei die Aktualdiagnose unter Einschluss des vergangenen So-Gewesen-Seins einer leiblichen und seelischen Struktur und Dynamik zu stellen. Die Prognose bezüglich der Selbst- und Gemeingefährlichkeit eines Menschen, der notwendigen Rechtsgüterabwägung, »der mittelgradigen Rückfallwahrscheinlichkeit« und »die Frage der Gefährlichkeit (Sozialprognose)« könne »nur auf Grund eines normativen Kalküls zwischen dem Schutzanspruch der derart gefährdeten Gemeinschaft und dem Freiheitsanspruch des derart gefährlichen Einzelnen vom Gericht beantwortet werden«. Das sei »jedoch nicht Sache der psychiatrischen Seinswissenschaften, sondern der juristischen Sollenswissenschaft«. »Da die spezifisch humane Steuerungsfähigkeit empirisch weder zu erweisen noch zu widerlegen, insbesondere nicht kasuistisch graduierbar ist, entscheidet letztlich die vom Richter heute praktizierte und zu verantwortende Konvention, daß der Psychopath in der Regel für seine angelegten und der Neurotiker für seinen erlebnisbedingten erworbenen Charakter und beide für ihre Straftaten als schuldfähige Täter ihre Tat einzustehen haben.«

   Auch Hermann Witter143 kommt zu ähnlichen Schlüssen. Er ist der Auffassung, dass auch dann, wenn eine Abnormität »eindeutig auf leibliche Krankheit rückführbar« sei, die betreffende Tat »psychopathologisch gesehen grundsätzlich verstehbar« bleibe, also nur quantitativ abnorm sei, »wie als Beispiel die von Kurt Schneider als ›Zuspitzung‹ bezeichnete Übertreibung vorgegebener Persönlichkeitszüge«. Nach Witter gehören dazu also alle Arten von quantitativen Störungen der Verstandestätigkeit, des Willens, des Gefühls- oder Trieblebens, ebenso Psychopathien und neurotische Fehlhaltungen. Forensisch relevant sei das doch nur dann, wenn eine Schwelle überschritten werde, bei der der Täter infolge seiner triebhaft verbundenen Persönlichkeitsentartung der natürlichen Hemmungen entbehre, deren er bedürfe, um der Versuchung zur Tat widerstehen zu können.

   Bezüglich der forensischen Beurteilung damals ist auszuführen: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der May seine Delikte beging, hatte die rein naturwissenschaftliche Methode eine starke Bedeutung bekommen und dadurch Ableitungen der Straftaten aus Leidenschaften und Sünde weitgehend ersetzt. Damals wurden 1. schwere Desorganisationen, 2. eine Herabsetzung der psychischen Aktivität, dann 3. qualitativ von der Norm abweichende Halluzinationen von Realitätswert und Sinnfälligkeitscharakter des Delinquenten bevorzugt bewertet. Es wurde nach dem Sinncharakter und Inhalt der Halluzinationen gesucht und besonders die imperativen Stimmenhalluzinationen beleuchtet. Man sah krankheitsbedingte Delikte bei der Alkoholhalluzinose, bei Angstaffekten, die mit Sinnestäuschungen einhergingen, und bei epileptischen Dämmerzuständen. Man war der Meinung, dass die illusionären Druckwahrnehmungen, teils Verarbeitungen tatsächlicher Sinneseindrücke, kaum selbständige kriminelle Bedeutung gewönnen. Das Gebiet der pathologischen Emotionserscheinungen in seinem ganzen Umfange umfasste nach damaliger Auffassung einen


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guten Teil der kriminalpsychopathologischen Phänomene, und man glaubte, dass durch die Bearbeitung wesentliche kriminalpsychopathologische Aufgaben gelöst würden. Eine Erhöhung der Gefühlsintensität verstärke die kriminelle Tendenz und Entladungsenergie. Dadurch werde von dem Delinquenten der psychische Kontroll-, Hemmungs- und Reguliermechanismus ausgeschaltet, verstärkt durch eine Einengung der psychischen Bewegung im Rahmen einer Bewusstseinsstörung. Emotionelle Partialeffekte, sozial grundlegende Gefühle speziell moralischer und altruistischer Art, gewönnen zumeist eine schwerwiegende kriminelle Bedeutung. Angst und Verzweiflung müssten von größter krimineller Wertigkeit angesprochen werden. Ein verstärkter Betätigungs- und Expansionsdrang mit gehobenem Selbstgefühl und verflachtem höheren Gefühlsleben könnte zu sozialen Entgleisungen führen. Poriomanische Verstimmungen mit Trieb zum Fortlaufen und Herumtreiben äußerten sich in Phasen zweck- und planlosen Herumschweifens mit oft ungeordnetem, parasitärem Treiben unter Außerachtlassung aller geregelten Lebensbeziehungen (Arbeit, Familie, Wohnung usw.). Man ordnete diese Erscheinungen in Episoden ausgesprochener Asozialität ein. Als Folge davon könnten Zechprellerei, Ruhestörung, Beleidigung, Körperverletzung auftreten. Bei Zwangsvorgängen reiche meistens die psychische Hemmungs- und Steuerungsfähigkeit aus. Alle diese Ereignisse hätten keine große schuldmindernde Bedeutung.

   Birnbaum berichtet weiter über die seinerzeitige Auffassung über den degenerativen Phantasten mit pathologischem Hang zu Fantastereien, Erfindungen, Gründungen, Reformen und sonstigen hochfliegenden Untersuchungen und mit Neigung zu Umsetzung der Fantasieprodukte in die Wirklichkeit ohne Tatsachen- und Realitätssinn und ohne Anpassungsfähigkeit an das reale Leben. Die Betreffenden seien sozial unzugänglich. Der Schwindelfantast mit Großmannssucht sei auf Erhöhung des eigenen Ich ausgerichtet. Er gefalle sich in der ›Romannacht‹ einer fantasievollen Ausschmückung der eigenen Person und versuche sich in Auftreten und Lebensführung entsprechend nach außen darzustellen. Das führe im fließenden Übergang zum pathologischen Schwindler, der zu autosuggestiver Realisierung der selbst erfundenen Schwindelfantasien und zur schauspielerischen Durchführung seiner Rolle neige.

   Die ethisch-philosophischen Kriterien der Zurechnungsfähigkeit (jetzt Schuldfähigkeit) ergäben sich hier nicht nur aus der objektiven Möglichkeit, sondern auch der subjektiven Freiheit. Letztere sei Ausdruck der Willensentscheidung zur Begehung und Unterlassung des Deliktes. Diese freie Willensbestimmung werde als eigentliche Grundlage der Zurechnungsfähigkeit (jetzt: Schuldfähigkeit) angesehen. Schwierigkeiten bestanden nach damaliger Meinung darin, dass die Willensfreiheit als metaphysische Erscheinung im Sinne eines ursachlosen, von aller Kausalität unabhängigen Willens aus aller wissenschaftlichen Diskussion herausfällt. Sie widerspreche aber dem Grundgesetz der Kausalität. Die Erfahrung widerlege eine


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vollständige Determinierung. Die Willensfreiheit sei als psychologische Erscheinung in Wirklichkeit das Produkt einer psychologischen Selbsttäuschung und von Trugschlüssen. Sie beruhe im Wesentlichen auf dem Gefühl der Selbständigkeit.

   Nach Haddenbrock sei jetzt die Willensphäre aus verschiedenartigen psychischen Vorgängen und Abstraktionen zusammengesetzt, wie die inneren Dispositionen und Triebkräfte. Diese stehen für die wichtigsten psychischen Determinanten aus dem Gebiet der regulierenden und hemmenden höheren Gefühle. Sie seien nicht ihrer Wertigkeit entsprechend vertreten. In der Beurteilung fänden sich einerseits neben dem intellektuellen Teil, der Fähigkeit zur Einsicht in das Unrecht der Tat, auch andererseits der emotionell-volutionale Teil der psychischen Selbstregulierung und Hemmung wieder. Es seien zur Beurteilung als eine Ergänzung der qualitativ determinierten psychopathologischen Kriterien auch gradmäßige erforderlich. Der Sachverständige habe nur biologische und psychologische Tatsachen mitzuteilen. Ob eine Psychopathie von Krankheitswert, verminderte Unrechtseinsichts- oder Steuerungsfähigkeit vorliegen, entscheide allein der Richter.

   Belangvoll sei in gewissen Fällen der vorhandene oder fehlende Zusammenhang des strafbaren Tuns mit normalen oder pathologischen Seelenvorgängen für eine partiell bedingte Unzurechnungsfähigkeit (Schuldfähigkeit), die im Rahmen sonstiger Zurechnungsfähigkeit in Betracht kämen. In diesem Sinne etwa könnten Affektdelikte aus pathologischer Reizbarkeit, sittlichkeitsgelenkte Delikte aus sexualpathologischer Disposition und Hochstapelei aus pseudologisch-fantastischer Veranlagung entscheidend sein.

   Haddenbrock ist der Meinung: Für den psychiatrischen Sachverständigen ergibt sich die Notwendigkeit der rückläufigen Rekonstruktion psychopathologischer Tatbestände. Der gesamte psychische und psychopathologische Zustand kann sich nach der Begehung des Deliktes geändert haben. Seitens des Delinquenten komme es dann auch noch zu psychologischen Korrekturen durch Verheimlichung, Lüge, Aggravation und selbst Simulation auf der einen sowie durch unwillkürliche, mehr oder weniger unbewusste Selbstbeeinflussung auf der anderen Seite. Eine Trennung der echten und unechten Elemente sei schwierig, unsicher und bei behaupteten Erinnerungsdefekten überhaupt kaum möglich. Bei der Beurteilung der kriminalforensischen Wirklichkeit müsse allgemein der Wirkungsgrad der pathologischen Erscheinungen auf das gesamte psychische Leben, nicht nur, wie der kriminalpathologischen auf die Kriminalität, zugrunde gelegt werden.

   In den nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführten Strafrechtsreformen ist nach § 20 StGB ein Delinquent wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Artigkeit unfähig, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser


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Einsicht zu handeln. Es bestehe dann eine krankhafte seelische Störung. Dazu wird ein intellektueller Faktor (Unrechtseinsichtsfähigkeit) von einem voluntativen Faktor (Steuerungsfähigkeit) des Handelnden unterschieden. Es werden dabei die so genannten exogenen Psychosen nach Hirnverletzungen, Intoxikationen, Infektionen, genuine Epilepsie und Demenz einerseits sowie andererseits Psychosen aus dem Formenkreis der Schizophrenie und des manisch-depressiven Irreseins erfasst. Als Bewusstseinsstörungen werden Schlaftrunkenheit, Halluzinationen, krankhafte Dämmerzustände, jedoch in der Regel nicht leichtere hypnotische und posthypnotische Zustände und eine schwere Übermüdung in Betracht gezogen. Im Rahmen einer schweren seelischen Abartigkeit werden Psychopathien, welche die soziale Anpassungsfähigkeit beeinträchtigen, aber nur in extremen Fällen, als vermindert schuldfähig angesehen. Neurosen spielen danach strafrechtlich keine besondere Rolle. Wenn ein Delinquent psychische Auffälligkeiten besonderer Art zeigt, verlangt das Gesetz die Einholung eines sachverständigen Gutachtens. Der Sachverständige habe biologische und psychologische Tatsachen mitzuteilen, während die Beantwortung der Frage, ob eine Psychopathie Krankheitswert aufweise und ob Unrechtseinsichtsunfähigkeit und Steuerungsfähigkeit anzunehmen sei, allein beim Richter liege. Wenn die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, erheblich vermindert sei (§ 21), kann die Strafe gemildert werden. Die Steuerungsfähigkeit sei erheblich gemindert, wenn das Hemmungsvermögen des Täters so herabgesetzt sei, dass er den Tatanreizen gegenüber weniger Widerstand leisten könne als der Durchschnittsmensch. Praktisch spielen hier u. a. die Psychopathien und auch Neurosen eine Rolle, jedoch keine bloßen Charaktermängel.

   Infolgedessen rechnete man nach der modernen Rechtsauffassung im Rahmen der Strafrechtslehre dazu, dass einerseits die Fähigkeit, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln, andererseits der Vorsatz dazu gehöre, um sichere Voraussagen machen zu können. Wichtig seien der gesetzliche Tatbestand und ein normgemäßes Verhalten, was der Delinquent verwirklichen und man ihm zumuten kann. Ausschließungsgründe für eine Schuldfähigkeit sind eine Bewusstseinsstörung oder eine krankhafte Störung der Geistestätigkeit. Bei der Interpretation des Gesetzes werden ›krankhaft‹ und ›Krankhaftigkeit‹ über den medizinisch-psychiatrischen Krankheitsbegriff ausgeweitet und jede hochgradige Abnormität seelischen Geschehens einschließlich abnormer Erlebnisreaktion einbezogen. Im Gutachten muss die psychologische bzw. psychopathologische Diagnostik von der  S t r u k t u r -D y n a m i k  der Persönlichkeit zur Tatzeit ausführlich dargelegt werden. Das Urteil der Schuldfähigkeit und die Vermutung der Sozialprognose unterliegen aber dem Richter. Die Tatsache, dass sich Karl May bezüglich einer Aufklärung seiner Straftaten nicht genügend abgesichert hat, ist im Rahmen einer nicht gewinnorientier-


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ten Hochstapelei immer wieder beschrieben worden und sehr charakteristisch. Er hat in den Konfliktfällen und auch bei den späteren Prozessen niemals die Steuerungsfähigkeit verloren, er war stets einsichtig und auch immer in der Lage, in einer freien Willensentscheidung nach Einsicht zu handeln.

   Bei Karl May wäre zur Beurteilung eines solchen Grenzgebietes natürlich die persönliche Anwesenheit des psychiatrischen Gutachters bei der Gerichtsverhandlung erforderlich gewesen. Die Hinweise, dass der Fabulierer vor Gericht eher einen spielerisch anzusehenden Part abgab, sprechen unter allen anderen Gesichtspunkten, die in den Wertungen schon aufgeführt wurden, dafür, dass May nicht nur die Normabweichungen seiner Taten erkannte, sondern dass er auch die genügende Steuerungsfähigkeit aufzubringen in der Lage war. Die Prognose ist natürlich sehr schwierig zu beurteilen, sie wurde aber von der Anstaltsleitung des Arbeitshauses Zwickau offensichtlich als günstig angesehen, da es zu einer vorzeitigen Entlassung kam. Nachträglich gesehen mit Recht, doch war die günstige Prognose wohl etwas verfrüht.

   Es käme letztendlich (nach Haddenbrock) doch zur Entscheidung, dass der Psychopath in der Regel für seine angelegten und der Neurotiker für seine erlebnisbedingten erworbenen Eigenschaften als schuldfähige Täter ihre Tat einzustehen haben.



W e r t u n g e n  u n d  D e u t u n g e n


Vorbemerkung: Diese Beurteilung richtet sich streng nach den nachweisbaren biografischen Tatsachen, andererseits nach den anerkannten psychiatrischen Erkenntnissen und schließt weitgehend Vermutungen und Spekulationen aus.


Man kann im Gegensatz zu den Befürchtungen von Volker Klotz eine wissenschaftliche Abhandlung auch o h n e  eine »selbstzweckliche Methodendiskussion schierer Wissenschaftstheorie unter Fachsimplern«, o h n e  das »zähnefletschende Bekennen (...) des (...) eigenen Standpunkts«,144 o h n e  Vertreten »literaturkritischer Priesterherrschaft«145 schreiben, wenn das Thema sinnvoll vorgegeben ist und mit Anwendung von Begriffen und Aussagen allgemeingültiger Natur beleuchtet wird.

   Dass May durch die Verurteilungen in ein psychisches Trauma fiel, ist als sicher anzunehmen, das Kausalitätsverhältnis ist zweifellos auch umgekehrt interpretierbar. Die Schlussfolgerungen, dass ein derartiger Zustand den unter traumatischem Schock stehenden Menschen verletzt, sollte man ebenfalls in ein anderes Kausalitätsgeschehen einordnen, denn dieser traumatische Schock, die Behauptung Karl Mays, dass sein Gedächtnis in Teilen oder zur Gänze ausgeschaltet wurde und dass jene Tage aus seinem Ge-


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dächtnis entschwunden seien, muss als Rechtfertigungsversuch, nicht als objektivierbare Tatsache, gesehen werden.

   Der immer wieder geführten Diskussion, ob das Ergebnis einer Charakteranalyse Karl Mays Hinweise für eine ›Spaltung des menschlichen Innern‹ liefert und diese wiederum als ›Bild der Menschheitsspaltung‹ anzusehen ist, und der Annahme einer Notwendigkeit, Einzelfaktoren für einige Zeit zu vergessen und dadurch eine Abfuhr von inneren Konflikten zu erreichen, liegt eine als sehr spekulativ zu bewertende, der Psychoanalyse nahestehende Auffassung zugrunde. An der Verbindlichkeit solcher Auffassungen ist sehr zu zweifeln. Die Erklärung ist schlicht und einfach: Die ›Vergesslichkeit‹ ist gezielt in den Fällen eingetreten, in denen für den Memoirenschreiber unangenehme Ereignisse geschildert werden mussten, die sein Ansehen trüben konnten. Die ›Spaltung der Persönlichkeit‹ ist verstehend-psychologisch das Ergebnis einer Entscheidungsschwäche bei zwei oder mehreren Angeboten von Denk- und Handlungsmöglichkeiten und damit einfühlbar zu erklären. Natürlich kann man auch die Identitätswechsel wie z. B. das Auftreten als Dr. Heilig oder Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi unter dem Gesichtspunkt einer ›gespaltenen Persönlichkeit‹ sehen, man muss aber die Begriffe eindeutig definieren: Die Persönlichkeit als Einheit des Denkens, der Gefühlsintensität, des Selbsterlebens und des Handelns kann nicht, außer in einer Psychose, gespalten sein, sondern es können nur verschiedene Erlebensweisen, Vorstellungen, Entscheidungsplanungen oder Entscheidungsausführungen etwa alternierend oder schwach ausgeprägt sein. Das läuft aber alles bewusst, selbstkritisch und mehr oder weniger willkürlich beeinflussbar ab. Diese Phänomene treten natürlich in grübel-intensiven Perioden, wie etwa betont in der Pubertätszeit, ein. Es handelt sich um den Ausdruck eines intensiven fantasievollen Fabulierens, schon etwa auch als ›rächender Geist‹ nach den überzogenen Verurteilungen, aus Gründen der Befriedigung des Geltungsbedürfnisses: Das ist alles nicht krankhaft.

   Die von Wollschläger angenommene sog.  U r s z e n e ,  wonach May die Mutter mit einem Liebhaber belauscht habe, ist hergeleitet aus einer Spekulation der Psychoanalyse, die aus einer ihrer Theorien ein damit zusammenhängendes ›traumatisches Erleben‹ folgert. Aus dieser Annahme dann wieder auf ein solches Erleben spekulativ zu schließen, ist ein typischer Kreiselschluss und damit logisch unzulässig und völlig unbewiesen und unbeweisbar.

   Die interpretativen Schwierigkeiten der so genannten Zwangshandlungen Mays unter dem Einfluss imperativer Stimmen resultieren aus falschen Begriffsabgrenzungen einer trivialen Definition seltener psychopathologischer Termini. Die Frage, ob bei May wirklich  S t i m m e n h a l l u z i n a t i o n e n  vorgelegen haben, ist aus seinen eigenen Darstellungen meiner Meinung nach mit ›nein‹ zu beantworten, denn aus seiner Selbstbiografie geht hervor, dass er solche  n i c h t  hatte. Er schildert sie z. B. einmal mit der


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Formulierung: als ob diese Stimmen nicht in mir, sondern grad vor meinem äußern Ohr ertönten.146 Das mag für einen Laien nicht eindeutig erkennbar sein, bei einem sehr feinen Sprachgefühl, das übrigens May selbst auch hatte, heißt eine solche Formulierung eigentlich: ›Ich hörte keine Stimmen, sondern nahm nur Phänomene wahr, als ob in meinem Inneren Stimmen aufgetreten seien.‹ Auch weiß ein erfahrener Psychiater, dass Patienten, die in der Vergangenheit echt halluziniert haben, eher, und  n u r  hier, dazu neigen, diese Tatsache zurückzuhalten. Jetzt in einer Dokumentation einen so großen Wert auf diese Erscheinung zu legen, wäre im Falle einer echten Wahnwahrnehmung ungewöhnlich, wenn diese Tatsache auch nicht beweisend ist. Allenfalls spricht aber die Selbstbeurteilung des Phänomens, des erhalten gebliebenen reflektierenden Erkennens eindeutig gegen einen durchgemachten Paradigmenwechsel und ebenfalls gegen das Vorliegen einer früheren echten Halluzination. Die ›imperativen Stimmen‹ sind bei May bereits Selbstbeurteilungen der lebhaften Gedanken im Rahmen der geistigen Beweglichkeit. Ihnen fehlt die Uneinf&