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FALK J. LUCIUS

Menschheitsspaltung und Erlösung
Zur Deutung der Carpio-Sappho-Beziehung in Mays ›»Weihnacht!«‹



1. Vorbemerkung


Die Beziehung der Protagonisten Sappho und Carpio in Mays pseudo-autobiographischem Roman ›»Weihnacht!«‹1 gehört zu den am meisten unterschätzten Figurenkonstellationen in seinem Werk. Das mag zunächst einmal auf den Umstand zurückzuführen sein, daß dieses singulär nur in diesem einen Band der Reiseerzählungen dargestellte Verhältnis der beiden Figuren vor dem Hintergrund der innerhalb des Mayschen Gesamtopus leitmotivisch dominierenden Beziehungen etwa zwischen Old Shatterhand und Winnetou oder zwischen Kara Ben Nemsi und Halef leicht zu übersehen ist; das geht so weit, daß ›»Weihnacht!«‹ sogar - in der Datierung korrekt, aber mit irreführender Gewichtung - als »letzte Winnetou-Erzählung« bezeichnet wurde,2 so als ob Winnetou darin die Hauptrolle spielte (was noch zu untersuchen sein wird).

   Eine zweite mögliche Ursache dafür, daß dieses Thema in den dreißig Jahren einer wissenschaftlichen Kriterien genügenden, kontinuierlichen Karl-May-Forschung den Beobachtern entgangen ist, mag darin zu finden sein, daß es seit Arno Schmidt und seinem ›Sitara‹-Buch3 eine Art Tabu zu geben scheint, das die Annäherung an alle Untersuchungsgegenstände erschwert, die im Hinblick auf die notorische, seit einem Vierteljahrhundert als widerlegt geltende,4 aber im Untergrund fortwirkende Hauptthese Schmidts, May sei latent homosexuell gewesen, irgendwie ›verfänglich‹ werden könnten, und so unser Erkenntnispotential an solchen Stellen blockiert. Dazu gehört nun in der Tat die Carpio-Sappho-Beziehung. Denn Schmidt gebührt das zweifelhafte Verdienst, zu Anfang der sechziger Jahre der erste gewesen zu sein, dem auffiel, daß es mit Sappho und Carpio etwas Besonderes auf sich haben könnte. Doch auch wenn seine perfide angedeutete Folgerung, hier - er nennt den Band »eine der ganz großen S(exual)-Revüen«5 - sei ein homoerotisches Verhältnis abgebildet, am Kern dieser Beziehung, wie wir sehen werden, völlig vorbeigeht, ist ihre Wirkung in zweierlei Ausprägungen spürbar geblieben. Einerseits hat es zwar einige Ansätze zur Deutung gegeben, die sich aber durchweg den psychologischen Implikationen dieser Figurenkonstellation eher zaghaft und


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zögerlich nähern, was sich etwa darin zeigt, daß sie zwar eine Interpretation der Figur Carpios versuchen, Sappho hingegen und damit auch seine Beziehung zu Carpio weitgehend ausblenden. Andererseits begegnen wir bis auf den heutigen Tag vereinzelt Epigonen, die an Schmidts überlebter Hypothese festhalten.

   Unter den ersteren sind vor allem die Arbeiten von Helmut Schmiedt,6 Hartmut Vollmer,7 Gerhard Neumann,8 Heinz Stolte,9 Ulrich Schmid10 und Walther Ilmer11 zu nennen, deren Beitrag zu unserem Thema ich unten kurz vorstellen werde. Unter den letzteren finden wir zu unserer Überraschung die jüngste Jahrbuch-Publikation von Andreas Graf.12 Darauf sei zuvor kurz eingegangen. Graf, in gewohnter Weise belesen und informiert, unterstellt im Verlauf seines materialreichen Essays, das erste Kapitel von ›»Weihnacht!«‹ reflektiere die zuvor biographisch nachgewiesenen onanistischen Erfahrungen des jugendlichen May. Aus vorwiegend sprachlichen Indizien, insbesondere dem weiblichen Künstlernamen Sappho des dichtenden Schülers May, zieht er den Schluß: »Die Carpio-Sappho-Geschichte wird hier also, kurz gesagt, als literarische Spiegelung realer homoerotisch-masturbatorischer Erfahrungen verstanden.«13 Er führt jedoch selbst zwei gewichtige Argumente gegen diese Lesart ins Feld, erstens Mays oft zitierte autobiographische Aussage, ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund sei ihm nie beschieden gewesen,14 zweitens die triviale Beobachtung, »literarisch gesehen [sei] (...) nicht allein Sappho als (Teil-)Spiegelung des jungen Karl May anzusehen, sondern auch Carpio«.15 Wenn nun der junge May gar keinen Freund hatte und Carpio auch nur ihn selbst spiegelt, wo bleibt dann die Homoerotik? Zu dieser offensichtlich unhaltbaren Folgerung konnte es nur in Folge jenes prinzipiellen Mißverständnisses kommen, das auf Arno Schmidt zurückgeht.16

   Nach der Widerlegung Arno Schmidts mußten immerhin sechs Jahre vergehen, bis 1979 Helmut Schmiedt im Rahmen seiner Dissertation als erster wieder eine Deutung der Carpio-Sappho-Konfiguration versuchte: »Hier ist nicht jemand von einem Freund abhängig, hier spricht ein Kind (...) mit der Mutter.«17 Und: »Der schutzlose Carpio ist jenes Kind, dem lange die nötige Zuneigung versagt blieb, und er ist zugleich der spätere May, der mit panischen Rollenspielen auf alle Niederlagen antwortete.«18 Seine Ideen, daß hier eine Mutter-Kind-Beziehung abgebildet und daß Carpio eine Spiegelung des Autors sei, gilt es weiterzuverfolgen; seine Anregung, »die Geschichte Carpios [sei] nur einer der Ansatzpunkte, von denen sich die biographischen Kräfte erschließen lassen, die den Text bewegen«,19 halte ich jedoch für wenig fruchtbar, wenn es darum gehen soll, May als Dichter gerecht zu werden. Hartmut Vollmer argumentiert ein Jahr später in einem Punkt ähnlich: Auch er betont den Spiegelungscharakter Carpios (und anderer Figuren der Erzählung); ob und wie weit seine Gleichsetzung Carpios mit der Figur des Halef trägt, werde ich untersuchen. Die Interpretation von Gerhard Neumann in seinem kleinen, bril-


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lanten Essay von 1983 wirft erstmalig ein Licht auf die Konstituenten der Carpio-Sappho-Beziehung; meine Kritik an diesem Ansatz wird nur einen einzigen, allerdings nicht ganz unwesentlichen Punkt betreffen, nämlich das Verhältnis der Konfiguration zu den daran beteiligten Figuren. Der Vortrag von Heinz Stolte aus dem Jahr 1986 ist zwar für die Deutung von ›»Weihnacht!«‹ insgesamt interessant und wird gern zitiert, ist für unser Thema jedoch weitgehend unergiebig. Die Dissertation von Ulrich Schmid aus dem Jahr 1987 als bislang jüngste themenneutrale diachrone Monographie über das Werk Karl Mays - genauer: zur Übergangsperiode von den Jugend- und Reiseerzählungen zum Spätwerk - beschränkt sich im Kapitel ›»Weihnacht!«: Aufbau und Erzähltechnik‹ auf die Aspekte der Ich-Spiegelungen, der abgebildeten mythischen Genese des Autors May, des Themas der Kommunikation und des leitmotivischen Weihnachtsgedichts. Soweit die Analyse der Carpio-Sappho-Beziehung über Schmiedt und Neumann hinausgeht, ist ihre Methode eher biographistisch als philologisch. Auch wenn seinen Befunden generell zuzustimmen ist, werde ich ihn unten doch in einem Carpio betreffenden Detail korrigieren müssen. Der umfangreichste Deutungsversuch zu ›»Weihnacht!«‹ von Walther Ilmer schließlich, der sich über drei Jahrbücher erstreckte, geht zwar über viele Seiten hinweg nur detailbesessen allen möglichen biographischen Spiegelungen nach - ein Beispiel für die möglichen Folgen der Anregung von Helmut Schmiedt -, hat aber immerhin den wichtigen Aspekt erkannt, daß die Figur des Carpio etwas mit Mays ›Persönlichkeitsspaltung‹ zu tun habe; auch wenn er dies allein auf Carpio und nicht die Carpio-Sappho-Beziehung insgesamt bezieht und obgleich er in etymologischen Begründungen für seine These steckenbleibt, die einer Überprüfung nicht standhalten, ist diese insgesamt doch so bedeutend und, wie ich zeigen werde, auch richtig, daß ich auf seine Arbeit mehrfach zurückkommen werde.

   Insgesamt besteht, wie vor allem die Arbeiten von Schmiedt, Vollmer, U. Schmid und Ilmer zeigen, Konsens darin, daß es sich bei ›»Weihnacht!«‹ um eine großangelegte literarische Ich-Spiegelung Mays handelt: »Alle Figuren - mit Ausnahme der Schurken - sind Ich-Varianten des Autors bzw. verkörpern Phasen seiner Biographie.«20 Es wäre daher äußerst überflüssig, diesen Analysen eine weitere hinzuzufügen, die nicht mehr herausfinden oder auch das bereits Herausgefundene nur durch weitere Aufschlüsselung von Erzählungspartikeln untermauern würde. Andererseits ist evident, daß die Bedeutung gerade der Figuren Sappho und Carpio im Gesamtrahmen der Erzählung bisher noch keineswegs ausreichend zur Kenntnis genommen und gewürdigt ist, gar nicht zu reden davon, daß sie über die nicht zu übersehende Ich-Spiegelung hinaus auf ihre Implikationen hin untersucht wäre.21 Ich werde im folgenden zeigen, daß es um diese Konfiguration noch eine Reihe offener oder nicht hinreichend beantworteter Fragen gibt, so zur Genese ihrer Namen, zu ihrem Verhältnis zuein-


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ander und nicht zuletzt zum Tod Carpios; daß es sich nicht nur lohnt, diese Fragen zu stellen, sondern daß damit tatsächlich eine Reihe neuer und wichtiger Perspektiven auf die Interpretation von ›»Weihnacht!«‹ eröffnet wird; und nebenbei, daß von den bereits genannten Arbeiten weder die philologischen noch die biographisch-psychologischen Ansätze einschließlich des jüngsten aller Erklärungsversuche von Graf, der diese Fragen nur streift, eine befriedigende, umfassende Deutung bieten. Und ich werde versuchen, einige der in diesem Kontext auf den drei Ebenen der Philologie, der Biographie und der Psychologie bestehenden Probleme zu formulieren und dafür Lösungen oder wenigstens Lösungshinweise vorzuschlagen.

   Vergleichsweise unproblematisch ist dabei der literaturwissenschaftliche Zugang, der die Grundlagen für eine poetologische Einordnung und ästhetische Bewertung des Mayschen Opus erweitert und zugleich den Weg für vergleichende, auch autorenübergreifende Studien bereitet. Die dabei verwendeten Methoden der Philologie und Hermeneutik variieren zwar innerhalb des ideologischen Spektrums von Positivismus bis zu Marxismus und Strukturalismus, sind dabei aber (in ihrem jeweiligen Bezugsrahmen) anerkannt. Ich selbst wähle hier einen textimmanenten Ansatz, den ich mit Elementen der Psychologie, der quantitativen Textanalyse und des Strukturalismus angereichert habe; auf Vorarbeiten konnte ich mich dabei kaum beziehen, da die bisherigen philologischen Ansätze sich in bezug auf Sappho und Carpio auf Einzelaspekte konzentrieren und einer Gesamtwertung ausweichen.

   Erheblich schwieriger ist die Untersuchung biographischer Spiegelungen im Hinblick sowohl auf die Methode wie auf den Erkenntniswert. Auf der einen Seite ist es wichtig zu wissen, welche faktischen Ereignisse aus dem Leben des Autors in sein Werk eingegangen sind, um es im Sinne positivistischer Literaturwissenschaft angemessen interpretieren zu können; einen Wert hätte dieses Wissen aber nur, wenn sich folgende Fragen damit beantworten ließen: Haben sie den Entstehungsprozeß des Werkes beeinflußt? Hat der Dichter sie literarisch gestalten wollen? Eröffnet ihre Gestaltung einen neuen Ansatz zur Interpretation? Ist damit die Stellung innerhalb des Gesamtwerks neu zu bewerten? Auf der anderen Seite ist es aber kein guter Stil, wenn nicht sogar methodisch unzulässig, worauf auch schon andere hingewiesen haben,22 umgekehrt aus dem Werk eines Autors verborgene biographische Details zu rekonstruieren, auch wenn das bei einer so schillernden Persönlichkeit wie May reizvoll wäre. Die Fragen, die hier gestellt werden, lauten also: Hat der Autor überhaupt, und falls ja, welches autobiographische Material (bewußt) verarbeitet? Was hat er dabei weshalb und auf welche Weise (bewußt) verdeckt? Und, da letztlich auch der Autor ›erfundener‹ Geschichten aus eigener Lebenserfahrung schöpft: Was hat er an autobiographischem Material auf welche Weise (unbewußt) preisgegeben? Ich habe mich bei der biographischen Ausleuchtung der


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Carpio-Sappho-Beziehung einerseits auf die einschlägigen Dokumentationen von Roxin, Hoffmann und Plaul23 bezogen, habe andererseits aber auch nicht völlig der Versuchung widerstanden, über bestimmte Ereignisse wie die Genese des Namens Sappho zu spekulieren; hier bitte ich darum, stets den noch nicht einmal vorläufigen, sondern rein hypothetischen, spielerischen Charakter dieser Überlegungen mitzubedenken und durchaus die Frage zu stellen, ob damit überhaupt Erkenntnisse gewonnen werden, die uns im Hinblick auf die Persönlichkeit Mays als Dichter und Mensch weiterbringen.

   Das bei weitem größte methodologische Problem stellt der Anspruch dar, sowohl den Entstehungsprozeß eines Werkes wie seinen Inhalt psychologisch zu interpretieren. Es lauern ja gerade Fallstricke dort, wo man versucht, psychisch prägende Vorgänge bloßzulegen, die der Autor nicht einmal seinem Therapeuten auf der Couch dargeboten hätte. Unmittelbar ansetzen kann der tiefenanalytisch vorgehende Interpret allenfalls an den Mängeln verbaler Camouflage bei der Präsentation autobiographischen Materials: Wo die sprachliche Decke zu kurz ist, wird der Autor, zieht er sie fröstelnd über allzu frei sich darbietende Partien, andere zwangsläufig und gegen seinen Willen enthüllen. Das gilt für die verdeckte Mitteilung biographischer Umstände ebenso wie für die Abbildung innerer Motive und Prozesse. Ein wesentliches Hilfsmittel zu dieser Art der Analyse kann die Kenntnis psychischer Mechanismen sein, insbesondere das Wissen um sogenannte Fehlleistungen.24 Denn gerade eine literarische Fehlleistung - also eine Stelle, wo die Decke zu kurz war und sich folglich das Hinsehen lohnt: zum Beispiel auf offenkundige sprachliche Schnitzer, unlogische Handlungen, Verwechslungen - ist ein Indiz dafür, daß hier etwas nur ungenügend verschleiert wurde.25 Ungeachtet dessen, ob Zweifel am wissenschaftlichen Anspruch der Psychoanalyse berechtigt sind oder nicht,26 darf aber der Psychologe selbst nie übersehen, daß die Anwendung solcher Mittel de facto keine gesicherte Methode darstellt und somit der projektiven Spekulation Tür und Tor öffnet,27 wenn die Analyse nicht im Dialog mit dem Analysanden und mit weitgehender Absicherung gegen Übertragungen erfolgt; das aber ist in bezug auf May wie auf die meisten anderen Autoren, ob tot oder lebend, unmöglich, denn es geht, und das sollten wir nicht vergessen, um die Entzifferung des Unbewußten, also dessen, was dem Autor per definitionem nicht bewußt ist. Darüberhinaus ist gerade im Fall von Mays ›»Weihnacht!«‹ die größte Vorsicht geboten, denn er betreibt hier ein äußerst ironisches Vexierspiel mit dem Thema pathologischer Fehlleistungen, die er in der Erzählung seinem Freund Carpio zuschreibt, worauf ich im folgenden noch zurückkommen werde. Es ist nämlich keineswegs auszuschließen, daß er auf einer zweiten Ebene, durchaus absichtsvoll, ein ebensolches Spiel mit dem Leser treibt, also ganz bewußt falsche biographische und vor allem psychographische Spuren gelegt hat. Zum Teil konnte ich mich ein wenig rückversichern durch die Bezugnahme auf die aner-


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kannten Vorarbeiten von Wollschläger, Roxin und Langer;28 in manchen Punkten blieb mir aber keine andere Wahl, als Hypothesen zu formulieren, die ich so weit als nach Lage der Dinge möglich abzustützen versucht habe.



2. Literarische Gestaltung


Unter den bisherigen Interpretationsversuchen von Mays ›»Weihnacht!«‹ in bezug auf die literarische Gestalt des Romans ragen drei heraus: der 1983 veröffentlichte Aufsatz von Gerhard Neumann, der Vortrag von Heinz Stolte, abgedruckt im Jahrbuch von 1986, sowie die 1987 abgeschlossene Dissertation von Ulrich Schmid. Bedauerlicherweise geben alle drei, wie schon eingangs skizziert, für unsere Fragestellung - die Beziehung der Figuren Sappho und Carpio - nicht allzu viel her; das Wenige sei kurz referiert.

   Neumann zeigt, wie die Figuren der beiden Freunde spiegelverkehrt angelegt sind als »Sappho, der Sprachmächtige, und Carpio, der Sprachlose«.29 Beide seien Protagonisten der »›Urszene‹ (...), aus deren Mitte zwei schriftliche Botschaften« - eine Kopie des Weihnachtsgedichts und ein Empfehlungsbrief an Carpios Erbonkel - diesen »in die Neue Welt vorauseilen«.30 Am Ende der Erzählung, bei einer erneuten Weihnachtsfeier, jetzt im Wilden Westen gewissermaßen in einer Reprise der ›Urszene‹, würden »die schriftlichen Botschaften (...) durch das Geschehen eingelöst: als tote Schrift in Gestalt von Carpios ›Empfehlungsbrief‹, der seine Wirkung verfehlt [habe], als souveräne Bewahrheitung der Wirklichkeit in Sapphos ›Weihnachtsgedicht‹«.31 In einem beigefügten Schema32 verdeutlicht Neumann die Konstituierung der ›auto(bio)graphischen Identität‹. Für unsere Betrachtung entnehmen wir dem Schema zum einen die Feststellung, daß die »Autor-Identität ›Sappho‹«, die dem leitmotivischen Weihnachtsgedicht zugeordnet ist, durch die »Konfiguration Sappho-Carpio« erst legitimiert werde. Zum anderen halten wir zwei der kompositorischen Symmetrien der Erzählung fest: erstens, daß ein zweites Leitmotiv, das der Erlösung (das eigentliche Thema des Romans), seine »rituelle Begründung« in der ›Urszene‹ als Verheißung, in ihrer Reprise als Erfüllung finde; zweitens, daß die erste Identität und Konfiguration doppelt gespiegelt sei: in der »Helden-Identität ›Old Shatterhand‹«, legitimiert durch die »Konfiguration O.S.-Winnetou«, und in der übergeordneten »Autor- und Helden-Identität ›Dr. Karl May‹«, legitimiert durch die »Konfiguration K. May-Leser«.

   Stolte arbeitet die Kunstform der Erzählung heraus, zeigt den einem Drama ähnlichen fünfaktigen Aufbau und erläutert seinen Terminus ›Motivreim‹ unter anderem am Beispiel der ›Urszene‹ und ihrer Reprise: »Während im ersten Kapitel (...) Sappho, der Ich-Erzähler, der fremden


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Frau und ihrem Kinde mit einem kargen Geldgeschenk helfen kann, jedoch der kranke, gebrechliche Großvater stirbt, so bringt das letzte Kapitel, im Motivreim dazu, den Tod des krank und gebrechlich gewordenen früheren Schulfreundes Carpio, ebenfalls inmitten weihnachtlicher Feststimmung.«33

   U. Schmid schließlich sieht - in Anlehnung an Schmiedt und Neumann - Carpio hauptsächlich als eher kindliches, »aus den schwachen, hilfsbedürftigen Persönlichkeitsanteilen Mays« zusammengesetztes, »negatives Gegenbild« des »mythischen Helden-Schriftstellers«,34 womit er sich von der Analyse der literarischen Gestaltung eher entfernt und einer biographisch-psychologischen Deutung annähert.

   Lassen Sie uns diesen Interpretationen nun einen Ansatz gegenüberstellen, den wir zunächst rein textimmanent - also ohne Blick auf biographische Spiegelungen oder in Fehlleistungen mitgeteilte unbewußte Botschaften - entwickeln wollen, auch wenn angesichts der Begrenztheit der vorliegenden Darstellung nur wenige Themen angeschnitten werden können.



2.1 Die Sappho-Carpio-Konstellation: Siamesische Zwillinge


May begegnet uns in dieser fiktiv autobiographischen Erzählung zweifach, nämlich als Autor und als der dichtende Protagonist, der unter mehreren Namen bekannt ist: zuallererst als der Ich-Erzähler; dann als Sappho bei seinen Kommilitonen, insbesondere bei Carpio, der ihn noch als Erwachsenen so nennt; als Old Shatterhand im Wilden Westen; als Dr. Karl May bei seinen Lesern. Es ist von Bedeutung, den Autor May von der erzählten Figur May (mit ihren Pseudonymen) zu trennen, denn der erstere ist real, während die letztere fiktional - aber nicht durchweg fiktiv - ist.35 Es ist meines Erachtens hermeneutisch unzulässig, von einer Identität des Autors mit dem Ich-Erzähler zu sprechen; das ›Ich‹ einer Ich-Erzählung ist vielmehr ebenso fiktional wie die dritte Person einer Er-Erzählung. Es hat lediglich den Anschein von Authentizität, wenn das ›Ich‹ spricht, um so mehr, wenn Bezüge zu realen Geschehnissen und Personen in die Komposition einbezogen werden und wenn der Autor seine Fiktion eine ›Reiseerzählung‹ nennt statt einen Roman. Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache bestehen, daß wir es mit einem Kunstprodukt zu tun haben und uns daher durch eine scheinbare Gleichheit des schreibenden Autors und des erschriebenen Ich-Erzählers nicht verwirren lassen sollten, unabhängig davon, wie das breite Leserpublikum dies auch sehen, und unabhängig davon, welche Absicht der Autor damit verbunden haben mag; Ueding nennt ihn daher zu Recht »jene künstlichste aller Mayschen Kunstfiguren, die doch durch das Personalpronomen gerade das Gegenteil nahezulegen scheint«.36 Wenn Neumann seinen Aufsatz ›Das erschriebene Ich‹ genannt


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hat, meint er diesen Aspekt und noch einen weiteren: daß der reale May sich damit eine Identität erschrieben habe. Dieser zweite Aspekt aber darf uns bei einer textimmanenten Betrachtung nicht kümmern; er gehört in den Bereich der biographischen und psychologischen Ausdeutung. An dieser Stelle ist nur entscheidend, daß das ›erschriebene Ich‹, das ›Ich‹ der Erzählung, etwas außerhalb des Autors, nicht mit diesem identisch und eine reine Kunstfigur ist, die allem Anschein zum Trotz weniger authentisch sein kann als die dritte Person einer Er-Erzählung, auch wenn ihre eventuelle Ähnlichkeit mit lebenden Personen, wie man zu sagen pflegt, nicht völlig zufällig ist.37

   Etwas weiteres fällt auf, wenn wir betrachten, in welchem Kontext der Protagonist als Sappho, als Old Shatterhand oder als Karl Meier bzw. Dr. Karl May in Erscheinung tritt. Es ist ja keineswegs so, daß er jederzeit synchron unter diesen drei Namen präsent ist, sondern zu verschiedenen Zeiten gewissermaßen verschiedene Facetten seiner Existenz hervorkehrt, die jeweils eigene Namen haben. So ist Karl Meier der journalistische Anteil in bürgerlicher Aufmachung, der sich in Amerika durch das Verfassen von Zeitungsartikeln das Budget für seine ausgedehnten Reisen verdient; so ist Old Shatterhand der in einen Habit aus Elkleder (111) gekleidete Westmann, der an der Seite von Winnetou in der Prärie und dem Felsengebirge des Wilden Westens Abenteuer erlebt; so ist Sappho der einstige Gymnasiast und Verfasser des leitmotivischen Weihnachtsgedichts. Bemerkenswert ist, wodurch der Protagonist zu einer dieser Figuren wird. Zum einen kann dies Folge eines Willensaktes sein, etwa wenn der Journalist seinen Anzug mit dem Jagdhemd vertauscht, zum anderen ist es aber eine Folge der Spiegelung in seiner Umgebung. Zu Sappho wird der Protagonist nicht durch eigenes Zutun, sondern weil Carpio ihn so nennt, Carpio, der in ihm noch immer den Mitschüler von damals sieht, als beide durch die böhmischen Wälder zogen. Diese Feststellung ist wesentlich. Ohne Carpio würde der Protagonist nicht zu Sappho, er wäre ohne ihn zwar Karl Meier und Old Shatterhand, doch die Existenzform Sappho bedarf Carpios, um sich zu manifestieren. Carpio ist also seine ontologische Prämisse, seine notwendige Seinsvoraussetzung.

   Damit gehe ich ganz bewußt einen radikalen Schritt weiter als Neumann, der sagt, die »Autor-Identität ›Sappho‹« werde durch die »Konfiguration Sappho-Carpio« nur legitimiert: soweit ich hingegen sehen kann, wird sie auf diese Weise sogar erst konstituiert. Es ist daher offensichtlich, daß am Ende mit dem Tod Carpios, mit der Auflösung dieser Konfiguration, auch Sappho als Ausdrucksform des Protagonisten zu existieren aufhört, seine besondere Form verliert und in dieser Formlosigkeit wieder mit der Gesamtperson verschmilzt: »Komm, lieber Sappho!« bat Carpio. »Richte mich auf und nimm mich an deine Brust! Ich weiß, daß ich jetzt zum letztenmal im Leben sprechen werde, und das sollen deine Weihnachtsworte sein!« (517)


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   Das bedeutet eben auch: Ich spreche dich zum letzten Mal als Sappho an, und die Worte des nachfolgenden Gedichts sind für dich ganz persönlich bestimmt:


»Selig, wer aus Herzensgrunde
Nach der - - Lebensquelle - - strebt
Und - - noch in der - - letzten - Stunde
Seinen - - Blick - - zum Himmel - - - -«
und das letzte Wort »hebt« verhauchte in einem fast unhörbaren Seufzer. (518)


Es geht hier, wie Carpio gesagt hat, tatsächlich um die letzte Stunde Sapphos und nur vordergründig um seine eigene. Carpio war tot. (518) Und, wie wir nun wissen, Sappho ebenfalls.

   Die überraschende Erkenntnis, daß die Existenz Sapphos unmittelbar von derjenigen Carpios bedingt ist, provoziert die Frage, wie es sich denn umgekehrt mit Carpio verhalte. Denn auch Carpio ist ja nur das aus der gemeinsamen Gymnasialzeit mit Sappho übriggebliebene Alter ego von Hermann Lachner, der im Wilden Westen sein Glück zu machen versucht. Und auch dieser hat, wie der Protagonist als Old Shatterhand, noch eine weitere Ausprägung, die auf den Namen Old Jumble hört. Bezeichnend ist nun die Wiederbegegnung der ehemaligen Schulfreunde im Wilden Westen. Noch während Old Shatterhand gemeinsam mit Winnetou auf ein Lagerfeuer zuschleicht, erinnert er sich: Eine solche Zerstreutheit - - - - - Zerstreutheit!!! Indem ich an dieses Wort dachte, ging es mir wie ein elektrischer Schlag, ich weiß nicht, ob durch die Seele oder durch den Körper. Und warum? Es war der Name Lachner genannt worden, und Lachner war der Familienname meines einstigen Freundes und Reisegefährten Carpio! Er hatte einen Verwandten in Amerika und war stets ein Wirrkopf; ein Old Jumble gewesen! (283)

   Und nun verwandeln sich gleichzeitig, in gegenseitiger Wechselwirkung, Old Shatterhand in Sappho und Old Jumble in Carpio. Zunächst zweifelt Old Shatterhand noch, ein retardierendes Moment, das die Spannung steigert: Ich strengte mein Gehör doppelt an, um mir keinen Laut von seiner Antwort entgehen zu lassen. ... War es Carpio oder war er es nicht? ... Das Ja klang wie aus jedem anderen Munde und genügte nicht für mich, eine Stimme, welche ich vor so vielen Jahren zum letztenmal gehört hatte, jetzt gleich wieder zu erkennen. (291)

   Doch dann sagt am Feuer der ›Neffe‹ zum ›Onkel‹: »Das bin nicht ich, sondern mein Freund Sappho ist es gewesen.« (294) Damit ist die Identität ›Carpio‹ hergestellt: Welch ein Zusammentreffen! Mein Carpio, mein alter, guter, lieber Carpio hier am Lake Jone, auf der Hochebene des wilden Westens! (295) Man beachte: Die leitmotivische Zerstreutheit ist zwar ein wesentliches Indiz, aber endgültig wird der ›Neffe‹ erst in dem Augenblick zu Carpio, als er Sappho bei seinem Namen nennt, und er wird es charak-


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teristischerweise auch nur für den so bezeichneten Protagonisten. Es zeigt sich mithin, daß Sappho, von Carpio wieder ins Leben gerufen, sogleich in Rückkopplung auch für dessen Existenz konstitutiv wird. (Daß nebenbei sich die mit der Begegnung einhergehende Wiedererschaffung Sapphos dem Protagonisten wie ein elektrischer Schlag ankündigt, erscheint dem Kenner des Frankenstein-Mythos als ausgesprochen plausibel.)

   Wir müssen noch einen Schritt weitergehen. So wie in der affektiv wahrgenommenen Welt des Ich-Erzählers der andere nur als Carpio vorstellbar ist, während er dessen weitere Identitäten Hermann Lachner und Old Jumble zwar intellektuell anerkennt, aber auch mit einer gewissen Befremdung wahrnimmt, so ist wiederum in dessen Welt der Protagonist nur als Sappho möglich, nicht als Old Shatterhand und nicht als Dr. Karl May: »Du bist - - bist - - bist - - Ihr seid - - - seid Old Shatterhand?« stotterte er in seinem Schulbuch-Englisch. (310)

   Das bedeutet, daß beide im Umgang miteinander eine verengte und zugleich den anderen einengende Perspektive haben, da sie seine anderen Identitäten weitgehend ausblenden. Gleichzeitig wird einmal mehr die beiderseitige Abhängigkeit deutlich, wenn der eine die Projektion des anderen annimmt: »Sappho! Du bist's; du bist es wirklich? Ich habe mich also nicht geirrt?« »Nein, lieber Carpio, ich bin dein alter, treuer Mitschüler und Ferienkamerad.« (312)

   Es herrscht damit also auch Einvernehmen über die Spielregel, daß gewissermaßen die Zeit stehengeblieben ist. Diese zunächst rein kommunikative Basis erschafft aber zugleich ihr konnotatives Umfeld, eine Wahrnehmungsebene außerhalb der zeitlichen und räumlichen Realität, die es möglich macht, ohne weiteres die in der Jugend erlebten verschneiten böhmischen Wälder in den aktuellen Wilden Westen zu transponieren.

   Somit sind wir zu dem bemerkenswerten Resultat gelangt, daß Sappho und Carpio wechselseitig einander das Dasein verdanken, daß jeder von beiden (erst) dadurch in Erscheinung tritt, daß der andere seinen Namen ausspricht oder auch nur denkt, und daß dies in beiderseitigem Einverständnis geschieht. So etwas wie »Old Shatterhands Gespräch mit Carpio«38 kann es also gar nicht geben, da der erstere im Dialog mit seinem Freund sofort und ohne weiteres Zutun zu Sappho wird. Man könnte diesen mutuellen Schöpfungsakt durch die verbale Magie der Namensnennung geradezu als literarische Paraphrase auf Joh. 1,1 auffassen, den am weitesten zurückgreifenden Mythos zur Rechtfertigung des Schriftstellerberufs, um dessen Aneignung es in Mays Erzählung ja auch geht: »Im Anfang war das Wort.« Jedenfalls ist der eine ohne den anderen nicht vorstellbar; beide sind miteinander verbunden wie Eng und Chang, die berühmten siamesischen Zwillinge,39 und ebenso gehen beide miteinander unter. Das Besondere an dieser Konstellation ist ihre Einzigartigkeit innerhalb der Erzählung. Old Shatterhand und Winnetou etwa sind bei weitem nicht in die


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ser Weise existentiell aneinander gefesselt, was allein schon aus dem Umstand erhellt, daß beide unter ihren Namen im gesamten Wilden Westen berühmt sind und auch von anderen so genannt werden, insbesondere auch in Situationen, wo der andere nicht anwesend ist. Hier sehe ich eben auch, anders als Neumann, die »Helden-Identität ›Old Shatterhand‹« keineswegs erst durch die »Konfiguration O.S.-Winnetou« legitimiert und schon gar nicht konstituiert.

   Für die Konfiguration Kara Ben Nemsi-Halef, die in diesem Zusammenhang Vollmer ins Spiel gebracht hat,40 können ähnliche Überlegungen angestellt werden. In der Tat bedingen sich diese beiden Figuren ebenfalls gegenseitig in gleicher Weise wie Sappho und Carpio, denn auch sie treten nur in Interaktion auf; die von Vollmer vorgenommene Gleichsetzung von Carpio und Halef, die er aus völlig anderen Indizien hergeleitet hatte, darf somit in einem ersten Schritt als berechtigt gelten. Bei näherem Hinsehen fallen aber gewichtige Unterschiede ins Auge. Beide sind zwar ihrer selbst nicht bewußt; während jedoch Carpio als zutiefst gestörte Persönlichkeit anzusehen ist, worauf ich noch zu sprechen kommen werde, verkörpert Halef in seiner lächerlichen Erscheinung und seiner Großmannssucht, aber auch in seinem Selbstbewußtsein und seinem unerschrockenen Mut einen, obwohl unvollkommenen, doch verhältnismäßig ›normalen‹ Charakter, der für seinen Begleiter niemals zu einem ernsthaften Problem wird, sondern ihm bei vielen Gelegenheiten ein Freund und Helfer ist. Es sollte zu denken geben, daß May Carpio sterben ließ, Halef jedoch nicht. Im Gegenteil: Erinnern wir uns daran, daß es die Pflege des kleinen Halef war, die den von der Pest befallenen Kara Ben Nemsi vom Tode rettete. Außerdem bemerken wir, daß nicht nur ›Sappho‹ ein Zweitname ist, sondern auch ›Kara Ben Nemsi‹ - kein von Mitschülern verliehener Name, sondern eine Art (verballhornter) Übersetzung (Karl, Nachkomme der Deutschen) -, daß Halef jedoch im Gegensatz zu Carpio wirklich von Geburt an so heißt. Wenn wir jetzt noch den Umstand hinzunehmen, daß Kara und Halef sich erst als Erwachsene begegnen, Sappho und Carpio aber schon als Schüler, kommen wir nicht umhin festzustellen, daß trotz der anfänglich angenommenen Gemeinsamkeiten zwischen Kara Ben Nemsi-Halef und Sappho-Carpio bei genauer Betrachtung die Unterschiede so sehr überwiegen, daß zwei völlig verschiedene Konzepte Mays als der jeweiligen Gestaltung zugrundeliegend anzunehmen sind. Deshalb müssen wir im zweiten Schritt Vollmers Gleichsetzung wieder verwerfen.

   Halten wir an dieser Stelle einmal inne. Karl May, der gemeinhin als Unterhaltungsschriftsteller oder gar, in Unkenntnis etwa seiner Kolportageromane und seines Alterswerks, als Jugendautor (was hierzulande, anders als in Schweden, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten, leider nicht als Prädikat gilt) angesehen wird, hat, wie wir gesehen haben, mit Sappho und Carpio offensichtlich eine Konstellation geschaffen, die, obgleich sie im Gewand der Trivialität daherkommt, per se alles andere als trivial ist, ja


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überhaupt erst nach eingehender Betrachtung ihre Implikationen preisgibt. Entfernt davon, Mays Werke für ›große‹ Literatur zu halten, und durchaus davon überzeugt, daß May diese Konstellation keinesfalls ebenso subtil durchkomponiert hat - jedenfalls nicht bewußt -, wie sie sich nun in der Analyse erweist, empfinde ich um so mehr Respekt vor einem erzählerischen Talent, dem es gelang, all dies ohne literarische Bildung, ohne Kenntnis rhetorischer und poetologischer Grundlagen hervorzubringen. Doch können wir, meine ich, fast sicher sein, daß dieser auf eine sozusagen unterschwellige Art kunstvolle Charakter seiner Werke einen Teil von Mays Wirkung ausmacht, gerade auch bei denen, die diese Eigenschaft ihrerseits nur unbewußt aufnehmen. Es scheint - und ist sicher eine eingehende Untersuchung wert -, daß May die vor fast dreihundert Jahren aufgestellten Regeln der Poetik in äußerst publikumswirksamer Weise umgesetzt hat: »1. Daß man allenthalben mit der Natur einstimmen, 2. daß man durch angenehme Erfindungen den Leser ergötzen, 3. daß man allerhand und zuweilen verdeckte Lehren einstreuen, und 4. daß man das Hertz des Lesers gewinnen möge.«41



2.2 ›Sappho‹ und ›Carpio‹: Ironie und tiefere Bedeutung


Lassen wir die Frage außer acht, ob es für May noch andere als nur literarische - etwa biographische oder psychologische - Gründe gab, für den Protagonisten den Künstlernamen Sappho zu wählen, so fallen doch einige scheinbare Ungereimtheiten ins Auge. Zunächst ist festzuhalten, daß Sappho nicht den Ich-Erzähler im allgemeinen benennt, sondern nur in seiner Eigenschaft als dichtenden Gymnasiasten, insbesondere als Verfasser des Weihnachtsgedichts. Nun ist es May nicht entgangen, daß dieses Gedicht aus seiner Zwickauer Haftzeit,42 das er zwar so sehr schätzte, daß er es immerhin in zwei weiteren Romanen43 verwendete, dennoch nicht gerade das Nonplusultra an gehobener Lyrik darstellt; sein Ich-Erzähler meint selbstkritisch (wenn auch mit hörbarem Schmunzeln), daß er das Gedicht - - - fast möchte ich sagen, verbrochen habe (10),44 spricht von Knüppelversen (14) und behauptet, ein Gedicht könne »jeder machen, der die Reime dazu aus der Luft hergreift« (17). Da ist es um so verwunderlicher, daß er sich einen Namen beilegt, der, wie er weiß, der berühmteste(n) Dichterin des Altertums (33) gehörte, die durch die unübertreffliche Reinheit und Schönheit ihrer Verse ausgezeichnet (33) war, ja geradezu als ›Erfinderin‹ der Liebeslyrik gelten kann.45 Es versteht sich also, daß die reale Sappho ein solches Machwerk wie das Weihnachtsgedicht niemals verfaßt hätte, und das kann nur eines bedeuten, da May ja aus dem qualitativen Antagonismus seines Gedichts und der Lyrik Sapphos gar kein Hehl macht: Die Wahl des Künstlernamens Sappho ist Ausdruck der puren Ironie und ein Indiz für den selbstkritischen Humor Mays, der hierzulande durchaus Seltenheitswert besitzt.


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Ziehen wir weiter in Betracht, daß Sappho ein weiblicher Name ist (wenn dem weniger gebildeten Leser dies auch aufgrund der Endung ›-o‹ im Laufe der Erzählung wieder entfallen mag), können wir annehmen, daß May sich auch über herkömmliche Geschlechterrollen mokiert, zumindest über seine eigene. Nehmen wir schließlich den Umstand, daß May ein ›heidnisches‹ Pseudonym für den Verfasser eines Gedichts mit urchristlichster Thematik gewählt hat, ist auch der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß er sogar den Kanzelton des Weihnachtsgedichts zum Gegenstand seiner Ironie macht.

   Anzumerken sind in diesem Zusammenhang zwei weitere Beobachtungen. Erstens erscheint Sappho auf den ersten Blick keineswegs als eine Figur, zu der May als Autor durchgehend auf ironischer Distanz ist. Im Gegenteil ist sie als das Vis-à-vis des von einer Fehlleistung zur nächsten stolpernden Carpio darauf abonniert, die Seite der Vernunft zu repräsentieren, und in dieser Funktion daher keiner kritischen Reflexion - sei es durch auktoriale Kommentare oder ironische Erzählhaltung - unterworfen; auf der anderen Seite mag aber Mays Ironie bei der Wahl des Namens Sappho, den er bis zur letzten Rezitation des Weihnachtsgedichts im Wilden Westen beibehält, ein Hinweis darauf sein, daß auch andere Züge dieser Figur mit Ironie gestaltet wurden, daß etwa die ›klugen‹ Bemerkungen Sapphos gegenüber Carpio als altklug gemeint sind oder daß die Regression Old Shatterhands zu Sappho - »Nein, lieber Carpio, ich bin dein alter, treuer Mitschüler und Ferienkamerad.« (312) - insgesamt nicht ernst zu nehmen ist. Zweitens erstreckt sich die sichtbar gewordene ironisch-selbstkritische Haltung Mays im gegebenen Kontext nur auf die Persona46 Sappho des Ich-Erzählers, keineswegs etwa auf die Persona Old Shatterhand, die im Gegenteil völlig humorlos die Seite des moralischen Rechts vertritt und gegebenenfalls brachial mit dem Jagdhieb durchsetzt, und schon gar nicht auf die weitgehend im Hintergrund bleibende väterliche, belehrende, erfolgreiche Persona ›Dr.‹ Karl May, geschweige denn auf den real existierenden Autor, der Angriffe auf die Grundlagen seiner mühsam erschriebenen bürgerlichen Existenz mit den Mitteln entweder juristischer oder journalistischer Polemik, doch selten oder nie mit überlegenem oder gar selbstkritischem Humor abzuwehren gewohnt war. Der Autor May macht sich also nur über einen mutmaßlich seiner Vergangenheit angehörenden Anteil lustig, den er dichterisch pointiert als fiktionale Person ausmodelliert hat. Weshalb er sich hier die Ironie ›leisten konnte‹ und dort nicht, läßt sich textimmanent nicht begründen; Indizien freilich können wir sammeln. So ist die Persona Sappho aufgrund ihrer von den Desillusionierungen des Erwachsenendaseins freien Jugend relativ intakt; ihre Attribute sind neben den dichterischen Ambitionen Kameradschaft und Treue. So ist die Persona Old Shatterhand, auch wenn sie das moralische Recht auf ihrer Seite hat, vergleichsweise fragwürdig wie andere ›gebrochene‹ Gestalten der Hoch- und Trivialliteratur (Karl Moor, Michael Kohlhaas, Edmond


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Dantès, Batman); ihre Attribute sind unhinterfragter, letztlich irrationaler Gerechtigkeitssinn und Stärke; ihre - je nach Kontext zeitweilige oder finale - Unüberwindlichkeit enthält ein unübersehbares Element der Bedrohung, scheinbar zwar nur für die ›Bösen‹, de facto aber für alle, die schwächer sind und die Existenz einer absoluten Gerechtigkeit bezweifeln. Einer solchen Figur ist mit Ironie nicht beizukommen, sondern allenfalls damit, daß man sie dazu bringt, an sich selbst zu zweifeln. Die ironische Haltung Sappho gegenüber gleicht hingegen dem milden Spott des ernüchterten Erwachsenen gegenüber dem unerfahrenen Jugendlichen; sie ist zutiefst herablassend und von Selbstzweifeln frei, sie ›kostet nichts‹.

   Es gilt als weitere Frage zu beantworten, wessen ironische Haltung in der Gestaltung der Persona Sappho eigentlich zum Ausdruck kommt. Bisher haben wir ganz selbstverständlich angenommen, daß dies die Erzählhaltung des Autors May sei. Wie aber verhält es sich mit dem Ich-Erzähler May, der ja ein anderer und mehr noch, nämlich Träger der Persona Sappho, ist? Begegnet der Ich-Erzähler seiner eigenen Persona mit Ironie? Dies ist entschieden zu verneinen. Es sieht vielmehr so aus, als ob er die Verleihung des Namens Sappho durch seine Mitschüler in völligem Ernst vorträgt (33), obwohl ihm eigentlich klar sein müßte, daß Spitznamen sehr häufig in ironischer Weise vergeben werden, und der einzige kritische Satz aus seinem eigenen Munde zum Weihnachtsgedicht - Der Eindruck dieser Stellen auf mich war ein solcher, daß ich - in noch ganz unreifem Alter - beide komponiert und über die zweite auch noch ein Gedicht - - - fast möchte ich sagen, verbrochen habe (10) - ist durch das Wort ›fast‹ abgeschwächt und mit dem Hinweis auf das unreife Alter entschuldigt. Der Ich-Erzähler ist sich zwar der zeitlichen Distanz und des unterschiedlichen Entwicklungsgrades bewußt; doch er bleibt dabei ernsthaft und frei von jeder Attitüde, die sich über ihn selbst als Sappho belustigen würde. Ganz anders May als Autor: Er nutzt die Möglichkeit, die kritischen Stimmen zu seinem Gedicht anderen Personen (dem ›Alten‹ und dem Kantor) in den Mund zu legen, und produziert damit erst den Eindruck, daß der Name Sappho aus Ironie verliehen wurde. Mehr noch: Indem er den Ich-Erzähler so darstellt, als sei er sich dieser Ironie nicht bewußt, erzeugt er eine Kluft zwischen Ich-Erzähler und Autor. Obgleich beide scheinbar dieselben Worte äußern, wird doch deutlich, daß der Ich-Erzähler über eine begrenzte Sichtweise verfügt, während der Autor als Erfinder der Erzählung notwendigerweise ›allwissend‹ ist.

   Zugegeben, es ist viel verlangt, immer im Gedächtnis zu behalten, daß wir es trotz scheinbarer Personalunion mit mehreren Ebenen der Kreation und zugleich der ironischen Distanz zu tun haben: des Autors im Verhältnis zum Ich-Erzähler, des Ich-Erzählers im Verhältnis zu seiner Persona Sappho ... Doch das ist nötig, wenn wir nicht bei dem enden wollen, was Carpio mit Recht eine Konfusion (320) nennt.


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   Betrachten wir nun, wie Carpio und sein Name eingeführt werden: Ein fleißiger und ernster Junge, pflegte er, außer mit mir, nicht viel zu sprechen und wurde deshalb Cyprinus Carpio oder kurzweg Carpio genannt, weil Karpfen bekanntlich auch nicht gern viele Worte machen. (23f.) Überlegungen anderer Autoren, die mehr auf phonetischer Ähnlichkeit als auf zutreffender philologischer Analyse beruhen, etwa daß dieser Name an die Horaz entnommene Devise »carpe diem«47 erinnere,48 wollen wir hier ebenso beiseite lassen wie Ilmers Ausführungen zum lateinischen ›carpere‹49 und zum offensichtlichen Schreibfehler Carpius (45).50

   May selbst merkt in einer auktorialen Fußnote korrekt an, daß Cyprinus Carpio der zoologische Name des Karpfens ist, eines fraglos stummen Fisches, der dafür bekannt ist, in seinem Teich von möglichen sprichwörtlichen Hechten, zu Silvester aber und früher zur Fastenzeit von Menschen verspeist zu werden. Die Begründung Mays für die Wahl des Spitznamens scheint vordergründig plausibel zu sein, doch alsbald sollte dem Leser ein immanenter Widerspruch geradezu in die Augen springen. Denn Carpio - ist alles andere als stumm, und zwar von Anfang an, und durchaus gegenüber fremden Personen. So redet er umständlich mit dem Gendarmen (31f., 39), hält kräftig bei der Anulkerei des Wirtes Franzl mit (36f.), erzählt der armen Auswandererfamilie ausführlich von Amerika (46) und trägt das lange Weihnachtsgedicht vor (49ff.). Ja, er macht sich sogar darüber lustig, daß Sappho plötzlich so gesprächig sei: »Höre, Sappho, du sprichst ja wie ein Buch, und noch dazu gar wie ein gedrucktes! Das hast du während unserer jetzigen Reise noch nicht gethan!« (33) Hat hier eine Vertauschung der Rollen stattgefunden? Nein, behauptet der Erzähler: Damit er sich auf unserer Wanderung wohlbefinden solle, gab ich mich ganz so, wie er war; ihm war das nur nicht aufgefallen, weil er keine Spur von Beobachtungsgabe besaß. (33)

   Hier haben wir es gleich mit einer doppelten Ironie zu tun. Zunächst ist ganz offensichtlich, daß Carpio überhaupt nicht stumm ist, sondern seinen Spitznamen auf ebenso ironische Weise erhalten hat wie Sappho den seinigen; May (als Autor) weist indirekt darauf hin, indem er genau in dem Augenblick, wo Carpio aufdeckt, daß es sich bezüglich der Gesprächigkeit bei beiden genau umgekehrt verhält wie ihre Namen vermuten lassen, erstmalig den Namen Sappho ins Gespräch bringt und sogleich die Erklärung dafür liefert, die, wie wir gesehen haben, auch bereits durch und durch von Ironie getränkt ist. Alsdann folgt die Erklärung des Ich-Erzählers, die verkehrter nicht sein kann, denn zum einen hat Carpio ja gerade, wie jener sogar zugibt, korrekt beobachtet, zum anderen zeigt genau diese Bemerkung, daß es gerade dem Ich-Erzähler selbst an Beobachtungsgabe mangelt.

   Hier erweist sich erneut und nunmehr unumstößlich die schon mehrfach vermutete Inkongruenz von Ich-Erzähler und Autor. Denn offensichtlich hat der Ich-Erzähler eine ›falsche‹ Vorstellung der Wirklichkeit, da er Car-


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pio wahrheitswidrig und ohne Wahrnehmung der in seinem Namen enthaltenen Ironie als ›stummen Karpfen‹ vorstellt und seine ganz natürliche, für jeden erkennbare Beobachtungsgabe schlichtweg leugnet. Daß May aber diese Sätze des fiktionalen Ich-Erzählers dennoch vor aller Augen so stehen läßt, bedeutet, daß er ihn mit distanzierter Attitüde ›vorführt‹ und dadurch auf ihn ein entlarvend ironisches Licht wirft. Dieser Befund ist allerdings erstaunlich angesichts des Umstandes, daß alle Welt diese Erzählung für den Wendepunkt in Mays Werk hält, in dem er die Identität von Karl May und Old Shatterhand vor aller Welt verkündete. Und nun soll dies nur Ironie gewesen sein? Ja und nein. Doch da diese Überlegungen uns wegführen würden von der textimmanenten Untersuchung, werde ich erst im vierten Kapitel darauf zurückkommen. Hier nur soviel: Wenn der Ich-Erzähler kokett von jener verdienstvollen Bescheidenheit spricht, die jeden zeitgenössischen deutschen Dichter ziert (58), straft er sich selbst Lügen, da er ja die Gelegenheit, sein Weihnachtsgedicht in aller Breite zu präsentieren, ausgiebig nutzt. Der Autor May, davon müssen wir ausgehen, war sich dieser Koketterie bewußt; ob er aber die ironische Distanz zum Ich-Erzähler immer bewahren konnte oder ob sich ihm selbst hin und wieder die Grenzen verwischten - bei jemandem, der mit seinen Figuren zu sprechen pflegte, durchaus vorstellbar -, sei dahingestellt.

   Bleiben wir daher bei Carpio und seinem Namen. Wenn wir noch einmal den Aspekt aufgreifen, daß es das ureigene Schicksal des Karpfens ist, gegessen zu werden, erkennen wir, daß der Name Carpio viel weniger auf eine ›stumme‹ Rolle hinweist als vielmehr auf seine Funktion des Opfers, mit der wir uns im folgenden Abschnitt noch ausführlich beschäftigen werden. Nun würde ein Dichter, wenn er diese Funktion schon mit einem ›sprechenden‹ Namen versehen will, dafür vermutlich eher auf den Fundus der Märtyrerlegenden zurückgreifen oder einen solchen Namen erfinden, als ausgerechnet den zoologischen Namen eines Fisches zu benutzen. Auch dieser Aspekt der Namenswahl enthält also ein unübersehbares Moment der Ironie, so wie es überhaupt bei der wechselseitigen Anrede der beiden Gymnasiasten Usus ist:

»Mein Sohn, ich habe dich ... gewarnt ...« (69)
»Also du auch, mein ehrwürdiger Vater! ...« (70)
»Lache nicht, oh du mein armes Schmerzenskind! ...« (70)
»Gute Nacht, lieber Urgroßvater! ...« (71)
»Gute Nacht, edler Meergreis; schlaf wohl!« (71)
»Schweig, gefühlloser Mongolenhäuptling!« (77)
»Lieber Mongole ...« (79)


So können wir uns vorstellen, daß Carpio als wieder einmal ›völlig unschuldiges Opfer‹ seiner eigenen Fehlleistungen oder derjenigen bösartiger Dritter von Sappho in genau dieser Weise angesprochen würde: »Oh du mein armer Silvesterkarpfen ...«


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   Es dürfte nebenbei deutlich geworden sein, daß May mit zwei Arten von Ironie operiert, einer offenen, die sich dem Leser unmittelbar als solche erschließt, und einer versteckten, die erst durch interpretierende Analyse zugänglich wird. Zur ersteren Kategorie gehören die launigen Schülerdialoge, zur letzteren die ironischen Implikationen der Namenswahl für Sappho und Carpio sowie der Beziehung zwischen Autor und Ich-Erzähler; etwa in der Mitte zwischen beiden steht die besondere Eigenart Carpios, die ich in der Vorbemerkung ein ›ironisches Vexierspiel mit dem Thema pathologischer Fehlleistungen‹ genannt habe. Man könnte fast, wäre das nicht eine Übersimplifizierung, von einer Ironie für Jugendliche und einer Ironie für Erwachsene sprechen. Auch dabei erweist es sich, daß der an der Oberfläche dieser Erzählung so ›leichte‹ Autor May mit komplexen Problemen aufwartet, sobald man ein wenig in tiefere Schichten vordringt. Auf keinen Fall sollten wir den Fehler begehen zu glauben, daß alle Bedeutungen seiner Werke, besonders derjenigen außerhalb des ›mystischen‹ Spätwerks, offen zutage liegen und auf einfache Weise der Interpretation zugänglich sind.



2.3 Sappho und Carpio im funktionalen Kontext: Opfer und Retter


Nachdem wir zuerst die ontologische Seite der Sappho-Carpio-Beziehung herausgearbeitet und dann die ironische Seite der Namenswahl beider Freunde beleuchtet haben, kommen wir nunmehr zur funktionalen Seite ihrer Beziehung, das heißt, zu Fragen folgender Art: Weshalb sind die beiden zusammen? Was haben sie voneinander? Unterhalten beide eine gleichwertige Beziehung? Welche Entwicklung durchläuft die Beziehung der beiden? Betrachten wir, wie der Erzähler Carpio einführt: Dabei schloß sich mir meist ein mir sehr sympathischer Mitschüler an, der, wenn auch nicht so arm wie ich, aber doch ebenfalls zur Sparsamkeit veranlaßt war. ... Wir pflegten ... der eine mit den Mitteln des andern zu rechnen, was zur Folge hatte, daß der, welcher mehr besaß, sich stets bemühte, heimlich dafür zu sorgen, daß der gegenwärtig Aermere nicht unter seinem augenblicklichen Proletariat zu leiden hatte. (23f.)

   Das klingt nach Parität; die Beziehung der beiden ist durch nichts motiviert als Sympathie und den Wunsch, gemeinsam zu wandern; auch ein wechselseitiges symbiotisches Bedürfnis nach dem anderen scheint es nicht zu geben. Doch besteht eine erste Einschränkung darin, daß der Freund sich dem Erzähler anschließt und nicht umgekehrt. Daher ist auch zu vermuten, daß der Erzähler, wenn er von treue(r) Anhänglichkeit (25) spricht, die Anhänglichkeit Carpios meint. Vollends ungleich wird das Verhältnis dadurch, daß der Erzähler diesmal aufgrund des gewonnenen Gedichtwettbewerbs und der verkauften Motette über eine erheblich höhere Barschaft verfügt als der Kamerad und dieser somit von ihm abhängig ist. (Wenn übrigens der


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Erzähler implizit behauptet, er habe einen psychischen Grund (25) für die treue Anhänglichkeit, also für das Zusammensein der beiden, genannt, sagt er die Unwahrheit, denn er hat sich unmittelbar zuvor lediglich über die mit der Planung der Reiseroute verbundenen romantischen Vorstellungen geäußert. Hier haben wir es entweder mit einer neuerlichen Ironie oder aber einer Fehlleistung des Autors zu tun; ich vermute das letztere und werde dem im vierten Kapitel nachspüren.) Unsere Feststellung, daß anstelle von Parität in Wirklichkeit eine gegenseitige unausgewogene Abhängigkeit besteht, ist zu erweitern, wenn wir die bereits zitierte Aussage Wir pflegten ... der eine mit den Mitteln des andern zu rechnen in näheren Augenschein nehmen. Hier geht es um mehr als nur ein selbstverständliches Prinzip freundschaftlicher Treue; vielmehr scheint sich der eine gewohnheitsmäßig auf den anderen zu verlassen, das heißt, Verantwortung für sich selbst zu delegieren. Mehr noch: der andere unterstützt diese Einstellung offenbar, indem er seine Hilfe nicht offen anträgt, sondern heimlich ausübt. Kann man aber eine solche Beziehung, in der ein bedenkliches Verhalten Usus ist und ohne jede Kritik unter der Hand gutgeheißen und gefördert wird, mit Fug und Recht überhaupt Freundschaft nennen? Wohl kaum, denn dort wäre es normal, entweder alle Ausgaben strikt zu trennen oder von vornherein die beiderseitige Barschaft ... in eine gemeinsame Reisekasse zu verschmelzen (24); das aber verneint der Erzähler ausdrücklich. Es wäre in einer Freundschaft normal, über alles zu reden und nichts, was den anderen betrifft, heimlich zu tun. Der scheinbar altruistische Gestus des Helfens wird durch das Element der Heimlichkeit zu etwas Unsicherem, Unverläßlichem, Überraschendem, zu einem Akt der Gnade und damit zu einer Demonstration von Machtausübung über den anderen, der sich blind darauf verlassen muß, daß ihn der andere nicht im Stich läßt; selbst wenn mögliche Zweifel an dessen Treue auch nur heimlich da sind, zerstören sie doch auf lange Sicht die Basis der Beziehung. Halten wir also als ersten Befund fest, daß das Verhältnis von Sappho und Carpio an der Oberfläche zwar freundschaftlich ist, darunter jedoch ungleich, instabil, geprägt von Abhängigkeit und Macht. Auf subtile Weise kündigt sich hier außerdem an, daß es bereits aufgrund dieser Ausgangskonstellation und der darin enthaltenen Ablehnung von Selbstverantwortung zu Schwierigkeiten kommen wird, aus denen der eine den anderen wird befreien müssen; noch aber ist nicht erkennbar, wie dabei die Rollen verteilt sein werden.

   Doch bald tritt im Verlauf der Erzählung als weiteres, die Fronten klärendes Element Carpios Zerstreutheit hinzu, die May zunächst geschickt schildert, ohne sie ein einziges Mal beim Namen zu nennen (27ff.). Dann aber wird er deutlich: Der mir liebe, immer ernste und stets fleißige Freund besaß einige Eigenschaften, welche leicht seine ganze Zukunft in Frage stellen konnten. Er war zunächst von einer geradezu kindlichen oder gar kindischen Harmlosigkeit ... Eine andere und zwar seine hervorragendste Eigentümlich-


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keit war eine Zerstreutheit, ... die aber doch schon versprach, später für ihn verhängnisvoll zu werden. (33f.)

   Nun könnte ein wahrer Freund mit einer gewissen zähen Unerbittlichkeit auf eine Änderung dieses selbstschädigenden Verhaltens hinwirken (wenn er auch höchstwahrscheinlich, da er kein Therapeut ist, damit überfordert wäre), und Sappho hat das wohl auch versucht: Ich hatte mir ... Mühe gegeben ..., aber leider auch nicht den kleinsten Erfolg gehabt. Im Gegenteile, wenn er auf seine Zerfahrenheit aufmerksam gemacht wurde, steigerte sie sich nur; er wurde ängstlich und beging ... noch viel größere Fehler als vorher. (34)

   Und daraus zieht Sappho für sein künftiges Verhalten nun bemerkenswerte Konsequenzen: Ich gab es also auf, ihn zu ändern; suchte seine Eulenspiegelstreiche soviel wie möglich zu vertuschen und gab mich, wenn ich mit ihm allein war, ebenso kindlich unbeholfen wie er selber. Dadurch hatte ich ihn wahrscheinlich noch fester als früher an mich gekettet. Wir schienen zwei unbedachtsame Kinder zu sein; er war auch eins; ich aber wachte heimlich über ihn und hielt, indem ich mir den Anschein gab ganz in seinem Willen aufzugehen, alle Unannehmlichkeiten möglichst fern von ihm. Er glaubte, selbständig zu handeln; in Wirklichkeit aber war ich es, nach dem er sich richtete, ohne es zu wissen. (34)

   Hier ist nun ganz deutlich, daß es tatsächlich um Machtausübung geht:51 Sappho hat Carpio an sich gekettet, Carpio handelt nicht mehr selbständig, richtet sich nach Sappho und ist sich dessen nicht bewußt. Wieder sind - nun nicht mehr überraschend - die Elemente des Vertuschens (von Carpios Fehlverhalten) und der Heimlichkeit (von Sapphos vorgeblicher Schutzfunktion, mit der er seine Machtausübung rechtfertigt) konstitutiv für das Entstehen des Verhältnisses von Abhängigkeit und Macht. Das einzig Erstaunliche daran ist, daß May dies offen auszusprechen wagt, daß er also in diesem Punkt das Prinzip der Heimlichkeit durchbricht. Denn wenn auch die ganze Gesellschaft nach dem Grundsatz von Macht und Abhängigkeit funktioniert, ist doch das Wissen darum mit einem Tabu belegt, an das außerhalb der esoterischen Kreise Fachliteratur studierender Intellektueller niemand rühren darf.

   Zu diesem Zeitpunkt haben wir eine wesentliche Eigenschaft der ungleichen Beziehung von Sappho und Carpio herausgearbeitet, die uns die ersten zwei Fragen, die wir eingangs dieses Abschnittes gestellt haben, nun anders beantworten läßt, als dies vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Der ursprüngliche Grund für die Verbindung der beiden mag tatsächlich Sympathie gewesen sein; im Laufe der Zeit aber ist ein auf verdrehte Weise symbiotisches Spiel von Macht und Abhängigkeit daraus geworden. Verdreht deshalb, weil zwei echte Symbionten einander zum Leben brauchen und in der Regel an dem, was sie dem anderen abgeben, keinen wesentlichen Verlust erleiden. Carpio aber hat seine Selbständigkeit verloren zugunsten einer ›Überwachung‹ durch Sappho, deren Lebensnotwendigkeit zwar be-


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hauptet wird, die aber während der in der Jugend spielenden Episode des ersten Kapitels ziemlich überflüssig und unbemerkbar bleibt, da Carpios Fehlleistungen allenfalls ein Schmunzeln hervorrufen, ihn oder andere aber zu keinem Zeitpunkt wirklich gefährden, nicht einmal, als er am Wursthaken hängt und meint, nicht mehr allein herunterzukommen (75ff.). Sappho hingegen gewinnt durch die Rolle, die er Carpio gegenüber einnimmt, ohne echte Gegenleistung den Nimbus des Beschützers. Seine Beziehung zu Carpio hat also ganz wesentlich die Funktion, ihn selbst auf Kosten des anderen aufzuwerten.

   Wir haben es hier mit der aus der Gruppendynamik bekannten Konstellation von ›Opfer‹ und ›Retter‹ zu tun, für die es typisch ist, daß der Retter erst dadurch zu seiner Rolle findet, daß es überhaupt ein Opfer gibt, daß folglich seine Identität damit steht und fällt, ob es ihm gelingt, ein Opfer zu finden, an dem er sich rettend betätigen kann. Da Sappho sich für die Rolle des Retters entschieden hat, die er später nach seiner Verwandlung in Old Shatterhand in größerem Stil ausüben wird, hat Carpio gar keine andere Wahl, als das arme Opfer zu sein, das hofft, auf dem Weg zur Schlachtbank stets rechtzeitig in die Lüfte entführt zu werden: »Komm, du armer Silvesterkarpfen ...« Hier könnte man einwenden, daß auch das Opfer sich doch wohl seinen Retter suche und folglich die Beziehung von Sappho und Carpio in diesem Punkt wieder ausgeglichen sei. Dem ist entgegenzuhalten, daß es dem Opfer zunächst im Hinblick auf seine Rolle gleichgültig ist, ob es gerettet wird oder nicht; es wird zum Opfer nicht durch den Retter, sondern durch den ›Jäger‹, eine dritte Figur, von der bisher nicht die Rede war. Mir erscheint diese archetypische Konfiguration im vorliegenden Zusammenhang als so wesentlich, daß ich ihre Dynamik in einem kleinen Exkurs darstellen möchte.

   Die Konfiguration besteht, wie schon gesagt, aus den Figuren Jäger, Opfer und Retter. Das sieht zunächst simpel aus, da der Jäger das Opfer jagt, das wiederum vom Retter gerettet wird: zwei aktive und eine passive Rolle. Doch die Dynamik ist bei näherem Hinsehen etwas komplizierter. Wir haben schon gesehen, daß sich der Retter durch das Opfer definiert, das Opfer hingegen durch den Jäger. Genauer gesagt, bedingen sich aber Opfer und Jäger in der Tat gegenseitig, denn auch dieser wäre ohne das Opfer als sein Jagdobjekt kein Jäger, und, nicht zu vergessen, da sowohl Jäger wie Retter sich über das Opfer definieren, besteht zwischen beiden ein klammheimliches Einverständnis, eine Art Komplott, ja, sie können im Prinzip sogar ihre Rollen tauschen, während das Opfer stets und immer Opfer bleibt. Was aber zumeist übersehen wird, ist die Besonderheit, daß der Retter in seinem stillen Einvernehmen mit dem Jäger diesem geradezu den Jagdgrund vorbereitet, indem er dem Opfer seine Präsenz signalisiert und es in Sicherheit wiegt: Der Retter macht das Opfer erst dazu bereit, diese Rolle anzunehmen. Es kommt noch schlimmer: Der Retter, der aus seiner Rolle einen Prestigegewinn bei den Zuschauern dieses kleinen Dramas zieht (was sein ei-


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gentliches Motiv ist), ist weiter am Opfer gar nicht interessiert und schon gar nicht daran, es wirklich zu retten. Im Gegenteil: Wenn er das Opfer, anstatt es zu retten, nur erneut in Sicherheit wiegt, kann der Jäger erneut zuschlagen und kann das Spiel immer wieder von vorne beginnen, allerdings nur so lange, bis das Opfer die wahrlich miese Rolle des Retters durchschaut und sich selbst rettet.

   Übertragen wir dieses Modell nun auf Sappho und Carpio. Im Fall von Carpio haben wir es mit der Besonderheit zu tun, daß Jäger und Opfer identisch sind, daß Carpio zunächst nicht durch Dritte zum Opfer wird, sondern durch seine eigenen Fehlleistungen, was man ohne Frage pathologisch nennen darf. Wenn wir das stille Einvernehmen von Jäger und Retter in Betracht ziehen, wäre es durchaus plausibel, wenn Sappho selbst die Fehlleistungen Carpios provozierte, die ihn in Schwierigkeiten bringen; dafür finden sich jedoch keine Belege. Auf der anderen Seite finden sich aber - und das wiederum ist in völligem Einklang mit unserem Modell - auch keine Hinweise darauf, daß Sappho sich wirklich als Retter betätigt; er gibt ja, wie wir gesehen haben, nur vor, einer zu sein; und so muß Carpio die Schwierigkeiten, in die er gerät, durchaus allein auslöffeln, sei es etwa bei der ersten Begegnung mit dem Gendarmen, sei es nach der Auflösung seines Schülerpasses in Fidibusstreifen, sei es nach dem Verzehr des Quarkkuchens. Carpio wehrt sich gegen die Dominanz Sapphos nicht durch Emanzipation, sondern indem er in seinem pathologischen Muster verharrt und die Fehlleistungen zwar keineswegs leugnet, sie aber durchweg auf andere Urheber projiziert, darunter eben auch Sappho. Dieses Handeln aus Schwäche stärkt sein Gegenüber Sappho zusätzlich, der ihm seinerseits mit herablassender Überlegenheit begegnen kann: Armer, armer Carpio! Also so weit war es schon mit ihm gekommen! (321) Gleichzeitig ist aber Sappho in dieser von Macht und Abhängigkeit geprägten Konfiguration um die Chance gebracht, seine eigene Rolle zu erkennen, die Carpios Realitätsblindheit durch ihren Hang zu Vertuschung und Heimlichkeit und seine Schwäche durch ihre Machtausübung ganz wesentlich mit herbeigeführt und chronifiziert hat.

   Genau dieser qualitative Unterschied zwischen dem einst juvenil-unreifen, jetzt chronischen Fehlverhalten Carpios ist es auch, der den Wandel in der Beziehung markiert, wenn sich Sappho und Carpio nach vielen Jahren als Erwachsene wiederbegegnen. Sappho hingegen reagiert unverändert damit, daß er Carpios Fehlverhalten unter den Teppich kehrt und ihm den hilfreichen Spiegel vorenthält: Er ahnte natürlich nicht ... Ich hätte ihm dies wohl sagen können, hielt es aber bei seiner Unzuverlässigkeit für besser, darüber zu schweigen ... (324)

   Vor allem verschweigt er aber, nicht zuletzt vor sich selbst, daß - im Einklang mit der Dynamik - Carpio in seiner Rolle als Opfer durchaus zuverlässig und er selbst in seiner Rolle als Retter absolut unzuverlässig ist: ein klassischer Fall von Projektion. Zugleich ist er, in der Begleitung sowohl


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von Carpio als auch von Winnetou und daher in seiner Selbstwahrnehmung schwankend zwischen Sappho und Old Shatterhand, viel weniger als früher bereit, die Persönlichkeitsdefekte des Gefährten zu entschuldigen: Carpio war ein Hindernis ... (325) Jener ist dies um so mehr, als seine Opferrolle nun tatsächlich zusätzliche Personen als Jäger auf den Plan gerufen hat: Er war für die Absichten Corners und seiner Genossen ein Opfer, ein Werkzeug gewesen, wie sie es sich gefügiger gar nicht hätten denken können. (327)

   Doch Sappho ist daneben bewußt, daß Carpio sterbenskrank ist, und so hat das letzte Drittel der Erzählung auch die Funktion eines langen Abschiednehmens, untermalt vom Opfer-Retter-Leitthema. Wie es sich für den Retter in der neurotischen Konfiguration gehört, trifft er bei Carpio, der das Aussehen einer Leiche hatte und mir in einer in das Herz schneidenden Weise matt entgegenlächelte (475), im Grunde zu spät ein. Es vergehen zwar noch einige Wochen, aber Carpio erholt sich nicht mehr von den voraufgegangenen Strapazen: Sein Tod war sicher, und ich kann gar nicht sagen, wie wehe das meinem Herzen that! (497) Und so geht Carpio denn seinem Tode entgegen, ohne daß es zwischen den beiden jemals zu einer Aufarbeitung ihrer Beziehung käme. Auf den letzten Seiten ist alles nur noch Liebe und Rührung und Abschied, bis er, Sapphos Gedicht auf den Lippen, stirbt. Ich war tief erschüttert und weinte wie ein Kind (518), und diese Tränen gelten vermutlich ebenso dem Tod des Gefährten wie dem Untergang der den Retter konstituierenden Person, der Auflösung der eigenen Persona Sappho und dem rührenden Umstand, in dieser Situation das eigene Gedicht zu hören. Gerade dieses Weihnachtsgedicht thematisiert in charakteristischer Weise noch einmal das Motto des Retters, der vage und unverbindlich die Rettung verspricht, ohne dieses Versprechen jemals einlösen zu müssen:


Darum gilt auch dir die Freude,
Die uns widerfahren ist,
Denn geboren wurde heute
Auch dein Heiland Jesus Christ!
(519)

Diese Botschaft hat nur eine Bedeutung im Kontext des Glaubens, und Glaube ist das, was das Opfer an den Retter bindet. Es ist daher nur recht und billig und entspricht gänzlich der Dynamik dieser Konfiguration, daß kein anderer als das Opfer dazu ausersehen ist, dieses aus der Feder des Retters stammende, vorgefertigte Bekenntnis vorzutragen.52

   Schmiedt gelangt in diesem Zusammenhang von richtigen Beobachtungen zu nicht gerade falschen, aber doch unvollständigen Schlußfolgerungen. Er zitiert Carpio, der an Old Shatterhand (auch hier hätte es ›Sappho‹ heißen müssen) als Retter appelliert und sich dabei selbst in der Rolle eines Kindes gegenüber der Mutter sieht. Schmiedt erkennt die biographische


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Anspielung: »Aber  d i e s e  Mutter, die sich, da May sie nicht in ihrer individuellen Persönlichkeit, sondern in ihrer Funktion für den hilflosen, blinden Knaben herbeiruft, in den mächtigen Old Shatterhand verwandeln kann, versagt ihre Zuneigung nicht, und wenn sich schließlich herausstellt, daß der Held ›gar nichts für ihn (...) thun‹ kann, geschieht es zu Shatterhands schwerem Kummer.«53 Mit dem Wissen um die Dynamik der Opfer-Retter-Beziehung hätte Schmiedt gesehen, daß dieser Ausgang unvermeidlich war, schon deshalb, weil es zwar für den Retter rollenkonform ist, ›Zuneigung nicht zu versagen‹, diese Haltung aber zur Rettung des Opfers kaum etwas beiträgt, und daß der ›schwere Kummer des Helden‹ daher bei genauem Hinsehen an Krokodilstränen erinnert. Und weiter: Es wäre möglich geworden, diese verhängnisvolle Dynamik auch auf die Familienkonstellation aus Mays Kindheit zu übertragen, mit May als Opfer, seinem Vater als Jäger und seiner Mutter als Retter.

   Damit sei dieser Teil der Interpretation abgeschlossen. Es ist May ganz offenbar gelungen, eine psychologisch ›hochinteressante‹ Konstellation literarisch in spannender Weise abzubilden. Da zudem die Dynamik von Opfer und Retter der allgemeinen Erfahrung entspricht, ist seine Darstellung in dieser Hinsicht von hoher Glaubwürdigkeit, so wie es einst Aristoteles gefordert hat: »Das Unmögliche, das wahrscheinlich ist, verdient den Vorzug vor dem Möglichen, das unglaubwürdig ist.«54



2.4 Carpios langsames Sterben: Aus der Werkstatt des Dichters


Lassen Sie uns für eine weitere Untersuchung am Text eine Frage stellen, die weniger mit der Beziehung von Sappho und Carpio zueinander als mit der Anlage der Figur Carpios allein zu tun zu haben scheint: Mußte Carpio denn wirklich sterben? Oder, mit aller gebotenen Vorsicht ein wenig anders gefragt: Hatte May überhaupt von Anfang an die Absicht, Carpio sterben zu lassen? Ich werde zeigen, daß die von May letztlich gewählte Lösung das Verhältnis der beiden zueinander nicht unwesentlich bestimmt.

   Schon auf der zweiten Seite erklärt der Ich-Erzähler zwei Bibelzitate zu den Leitmotiven seines Lebens und seiner Erzählung: Der eine Spruch lautet Hiob 19,25: »Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich aus dem Grabe auferwecken«, und der zweite ist eben die Verkündigung des Engels: »Siehe, ich verkündige Euch große Freude - - - denn Euch ist heute der Heiland geboren - - -«. (10)

   Es ist nun meines Erachtens verfehlt, aus der Erwähnung des Grabes im ersten Bibelwort den Schluß zu ziehen, daß hier bereits Carpios Tod angedeutet wird, denn es geht ausdrücklich um Zitate, die einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf mich machten (10), also auf den Ich-Erzähler, und die folglich von ihm auf sich selbst bezogen werden, nicht auf einen


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Dritten. Der Satz »... er wird mich aus dem Grabe auferwecken« (10) drückt somit die Erlösungshoffnung des Ich-Erzählers aus, nicht die motivische Vorwegnahme der Sterbeszene eines anderen. Außerdem geht es dabei um die Erlösung von irdischer Schuld nach der Auferstehung nach dem Tode, während der Tod Carpios die Erlösung von einem leidensvollen Leben illustriert; mithin sind es zwei völlig verschiedene Arten von Erlösung.

   Auch aus der Art, wie Carpio in die Erzählung eingeführt wird, können wir nicht entnehmen, daß der Autor seinen Tod geplant hat: Eine andere und zwar seine hervorragendste Eigentümlichkeit war eine Zerstreutheit, ... die aber doch schon versprach, später für ihn verhängnisvoll zu werden. (33f.) Das bedeutet zwar, daß für Carpio noch einige Verwicklungen geplant sind, an denen seine Zerstreutheit maßgeblichen Anteil hat, aber es ist nicht erkennbar, daß sie für ihn tödlich sein sollen. Im Gegenteil: Am Ende wird sein Tod auch tatsächlich die Folge nicht seiner Zerstreutheit, sondern einer schicksalhaften Verbindung von physischer Erschöpfung und Lebensmüdigkeit sein. Was an dieser Stelle auffällt, ist die merkwürdig begrenzte, im Damals fokussierte Perspektive des Ich-Erzählers, der doch aus einer zeitlich nach den letzten Ereignissen liegenden Position berichtet und daher wissen müßte, wie die Geschichte ausgeht. Ohne diese Beobachtung überzubewerten, haben wir hier doch immerhin einen Hinweis darauf, daß May vielleicht zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht sicher wußte, wie seine Erzählung enden sollte.

   Dabei ist zu berücksichtigen, daß May nach eigener Aussage gewohnt war, linear sofort in Reinfassung zu schreiben, ohne den Text anschließend noch einmal zu überarbeiten und von eventuellen Unstimmigkeiten oder logischen Brüchen zu bereinigen.55 Abgesehen von der damit vollbrachten Gedächtnisleistung ergibt sich für den Autor daraus das Problem, entweder von Anfang an die gesamte Fabel im Kopf zu haben und bei der insofern eingeschränkten Kreativität den Prozeß des Schreibens zu einem handwerklichen Ausformulieren zu degradieren oder sich den kreativen Spielraum zu bewahren und dabei zu riskieren, sich während der Niederschrift von der ursprünglichen Fabel und schon angedeuteten Handlungsverläufen zu entfernen. Die einzige Möglichkeit, in letzterem Fall der Erzählung die Konsistenz zu bewahren, besteht darin, von Anfang an mit einer begrenzten Perspektive zu operieren; daher kann umgekehrt diese ein Indikator dafür sein, daß May eher die zweite Variante des Schreibens vorzog.56 Die Möglichkeit, daß so auch die Fabel der Erzählung ›»Weihnacht!«‹ erst während des Entstehungsprozesses vollständig ausgeformt wurde, ist daher nicht von der Hand zu weisen.

   Die erneute Begegnung mit Carpio im Wilden Westen im dritten Kapitel wird nun vom Ich-Erzähler völlig anders beleuchtet: Die Augen lagen tief in ihren Höhlen; die Wangen waren eingefallen, und seine Haltung war eine so müde, als ob er mehrere Tage lang nicht aus dem Sattel gekommen wäre.


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Uebrigens werde ich mich wohl hüten, von der Art und Weise zu sprechen, wie er auf dem Pferde saß. Ich habe meinen guten Carpio noch heute viel zu lieb, als daß ich so rücksichtslos sein möchte, ihn in den Augen meiner lieben Leserinnen und Leser so schmählich herabzusetzen ... Er sah so elend, so mitleiderweckend aus, daß ich am liebsten hinausgesprungen wäre, um ihn an das Herz zu drücken ... (306f.)

   Erstens haben wir hier die Erscheinung eines todkranken Menschen in Evidenz, zweitens sieht der Wunsch des Ich-Erzählers, ihn an das Herz zu drücken, wie ein Vorgriff auf die Sterbeszene aus - Ich erfüllte seinen Wunsch und hielt ihn an meinem Herzen fest (517) -, und schließlich zeigt auch der Wechsel des zeitlichen Standorts des Ich-Erzählers, der von heute aus seine lieben Leserinnen und Leser anspricht, daß er jetzt den Ausgang der Geschichte kennt. Auch wenn May Carpios Tod ursprünglich nicht beabsichtigt gehabt haben sollte - und diese Frage konnten wir bisher noch nicht eindeutig entscheiden -, ist hier die Möglichkeit von Carpios Tod zum ersten Mal zumindest angedeutet. Nur wenig später wird freilich die Andeutung zur Gewißheit, wenn May Winnetou sagen läßt: »... Dein Schützling ist nicht nur krank am Geiste, sondern auch krank am Körper; ich habe es ihm angesehen, gleich als mein Auge auf ihn fiel. ... Wir werden ihn vor dem Tode im eisigen Wasser des Finding-hole bewahren, aber dennoch wird er weder das Land seiner Vorfahren noch auch nur die grünen Prairien des Kansas oder die häuserstarrenden Städte des Ostens wiedersehen, denn der Schnee des Westens wird auf die Stelle fallen, wo das Erbarmen der Erde ihn willkommen heißt ...« (325f.)

   Rückblickend ergibt sich damit für das vorangehende Zitat (306f.) nur eine mögliche Interpretation: Die Formulierung, er habe ihn noch heute viel zu lieb, bedeutet, daß er sich seiner als einer vergangenen, verstorbenen Person erinnert, und die Erklärung, er wolle nicht so rücksichtslos sein ..., ihn ... schmählich herabzusetzen, ist als Paraphrase auf das Motto ›de mortuis nil nisi bene‹ zu verstehen.

   Der Ich-Erzähler verstärkt zudem Winnetous Prophezeiung, indem er sie durch eigene Beobachtungen von Carpios Verfallssymptomen ergänzt, vor allem seiner Energie- und Antriebslosigkeit, einer hilflosen Gleichgültigkeit ..., die alles ohne Widerstand mit sich machen ließ, die ihn ebenfalls zu der Überzeugung führen, daß wir gezwungen sein würden, ihn hier auf den Höhen des Felsengebirges zu begraben. (327) Das klingt nicht mehr nach Zerstreutheit als hervortretendem Charakterzug, sondern nach tiefer seelischer Depression auf seiten Carpios, die sich auf seiten Sapphos, der allzu schnell bereit ist, den Freund aufzugeben, als Resignation spiegelt. Aber hat Carpio seinen Lebenswillen denn wahrhaftig völlig verloren? Appelliert er nicht mindestens zweimal an Sappho, ihn zu retten?


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»Verlaß mich nicht, Sappho, verlaß mich nicht! Ich gehe sonst zu Grunde. Der Onkel mag mich nicht leiden, und die andern trachten mir gar nach dem Leben!« (313)


»... Rette mich, Sappho, rette mich! Ich kann dir freilich dabei gar nicht helfen, denn ich bin so unwissend und so schwach, daß ich nach dir greifen muß, wie ein kleines Kind sich an die Rockfalten seiner Mutter hängt. Wir wollen wieder einmal jung sein und mit einander in die Berge wandern!«57

   Er reichte mir weinend seine Hand; ich drückte sie ihm tief bewegt, versuchte aber, ihn durch einige heitere Worte anzuregen:

   »Ja, wollen in die Berge wandern! Wir sind ja schon mitten drin. Weißt du vielleicht, welchen Kurs heut der Gulden hat?«

   »Gar keinen mehr, denn ich bin der Gulden, für den man keinen Pfennig zahlt. Wenn es dir nicht gelingt, mich wieder in Kurs zu bringen, ist es für immer mit mir aus!« (332)


Im Grunde ist es erstaunlich, wie Sappho darauf reagiert. Wenn er als Ich-Erzähler berichtet, Carpio sei anschließend in seine frühere Teilnahmslosigkeit zurückgefallen (332), scheint es sich um eine offensichtliche Projektion zu handeln, denn es ist nicht zuletzt Sapphos eigene Teilnahmslosigkeit, die sich in stummen Ausrufen58 wie Armer, armer Carpio! ergeht, ohne wirklich zu handeln, die den Freund zugrunde gehen läßt. Und das ist erst recht bemerkenswert, wenn wir berücksichtigen, daß derselbe Ich-Erzähler als Old Shatterhand das Handeln gewohnt ist.

   Grundsätzlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, einen leidenden Menschen zu erlösen, wenn dieser nicht gerade unheilbar krank ist; neben dem Tod als finalem Ausgang bleibt ja immerhin die Heilung und Rückführung der Person ins Leben. Wenn wir uns fragen, ob es für Carpio eine solche Hoffnung gegeben habe, sollte uns doch auffallen, daß sich schon beim Wiedersehen mit Carpio in Old Shatterhands Begleitung ein gewisser Dr. Rost befand, der eigentlich dazu prädestiniert gewesen sein müßte, den entkräfteten ehemaligen Schulfreund wiederherzustellen:


   »... es genügt, zu sagen, daß ich vor einem halben Jahre die St. Louis-Universität mit guten Zeugnissen verlassen habe. ... Ich bin Mediziner, mag aber von Medizin, wie sie von unsern Aerzten verordnet und gegeben wird, nichts wissen. Ich bin vielmehr der Ansicht, daß der kranke Körper, wenn er überhaupt noch Lebensfähigkeit besitzt, keine fremden, wohl gar giftigen Stoffe in sich aufzunehmen braucht, um wieder gesund zu werden ...« (121)


   Bemerken will ich, daß er eine zwar kleine aber umsichtig zusammengesetzte Apotheke bei sich trug und auch eine Anzahl chirurgischer Instrumente mitgenommen hatte. Er nahm als möglich oder auch wahrscheinlich an, daß er in die Lage kommen werde, von ihnen einmal Gebrauch machen zu können. (262f.)


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Betrachten wir, welche Funktion diese Figur, die immerhin schon zu Beginn des zweiten Kapitels eingeführt wird, im Rahmen der gesamten Erzählung hat. Nachdem Rost als Kellner mit Doktortitel in Weston die Bekanntschaft mit dem noch als Karl Meier auftretenden Old Shatterhand geschlossen hat, darf er ihn und Winnetou auf dem Ritt zu den Shoshonen und zur Befreiung des von den Kikatsa gefangenen Hiller begleiten. Im Dialog mit Old Shatterhand lernt er dabei manches über das Lesen von Spuren und das Verhalten eines Westmannes; seine Funktion ist hier also gewissermaßen als Stellvertreter des Lesers zunächst nur didaktischer Art. Später ist er mit Carpio und Old Shatterhand Gefangener der Upsaroka und Zeuge des ›Kampfes auf Leben und Tod‹. Als die Gesellschaft endlich am Finding-hole angelangt ist, darf er drei Tage vor Weihnachten mit Old Shatterhand eine zum Christbaum passende Tanne ... schneiden (497), bekommt am Heiligen Abend von Winnetou ein paar Nuggets beschert (510) und darf schließlich zum weiteren Studium bei den Shoshonen bleiben: Er ist jetzt einer der angesehensten Naturärzte des Ostens und - - - ein Leser meiner Reiseerzählungen. (520)

   Das ist sehr wenig an erzählerischer Funktion für eine Figur, die so sorgfältig konstruiert und mit Attributen ausgestattet wurde. Wenn es May in erster Linie darum ging, an ihm die Erziehung zum Westmann zu demonstrieren, warum mußte es ausgerechnet ein Mediziner mit guten Zeugnissen, einer umsichtig zusammengesetzte(n) Apotheke und einer Anzahl chirurgischer Instrumente sein, die alle ausdrücklich, also mit erzählerischer Absicht, erwähnt werden? Ein guter Erzähler wird schon aus Gründen narrativer Ökonomie und Stringenz niemals solche Details in eine Erzählung einführen, wenn er nicht beabsichtigt, von ihnen Gebrauch zu machen;59 Dr. Rost hingegen erhält zu unserer Verwunderung überhaupt keine Gelegenheit, mehr von seinen medizinischen Kenntnissen zu zeigen als den ›running gag‹ des Kaputzenmuskels im Munde zu führen. Mehr noch: Wenn er Old Shatterhand und Winnetou sozusagen als Tourist begleiten darf, ohne ihnen eine Hilfe zu sein, ist er als Figur im Grunde überflüssig. Da wir aber May keine grundsätzliche Schlamperei unterstellen dürfen, schon gar nicht in seinen späteren Reiseerzählungen, und da im Gegenteil sogar (etwa von Stolte) auf die kompositorischen Qualitäten gerade dieser Erzählung hingewiesen worden ist, läßt sich daraus, wie ich meine, nur ein möglicher Schluß ziehen: Bis zum Anfang des dritten Kapitels beabsichtigte May, diesen Arzt auch als solchen tätig werden zu lassen; er hätte die Funktion einer weiteren positiven Hauptfigur gehabt mit der besonderen Aufgabe, Carpio mit den Mitteln natürlicher Medizin von seinen Depressionen zu heilen und ins Leben zurückzuführen. Dann und nur dann wäre die hervorgehobene Position des Arztes gerechtfertigt. Mit einer solchen Fabel hätte sich zudem die weihnachtliche Erlösungsbotschaft als ›Evangelium‹ möglicherweise besser illustrieren lassen als mit dem Tod Carpios am Heiligen Abend, der auf diese Weise nicht mit fröh-


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lich erhobenen Herzen, sondern in allgemeiner tränenreicher Rührseligkeit endet.

   Wenn wir übrigens den Hinweis auf die Naturmedizin des Dr. Rost60 und Mays bekannte Sympathie für die homöopathische Medizin Samuel Hahnemanns und seines ›Erben‹ Willmar Schwabe61 mit Carpios Familiennamen Lachner in Verbindung bringen, sollte uns das homöopathische Konstitutionsmittel ›Lachesis‹ in den Sinn kommen, das potenzierte Sekret aus den Giftdrüsen der lanzenförmigen Viper: »Lachesis paßt sowohl für die pastöse, phlegmatische Konstitution wie auch für magere, erschöpfte und depressive Kranke.«62 Nun ist in Mays Bibliothek kein Werk nachzuweisen, das eine solche Beschreibung enthalten hätte; zeitgenössische Beschreibungen sind außerdem in ihrer therapeutischen Aussage meist sehr viel weniger dezidiert.63 Es wäre daher eine gewagte Spekulation anzunehmen, daß May den Namen Lachner nicht nur in Anspielung darauf bewußt gewählt hat, um den mageren (progressive Muskelatrophie), erschöpften (Schlafleiden), depressiven (Seelenleiden) Carpio zu charakterisieren,64 sondern sogar richtig erkannt hat, daß Lachesis das Mittel der Wahl gewesen wäre, um ihn zu retten. Wenn dies jedoch zuträfe, könnten wir den Umstand, daß der Name Lachner ebenso wie die Figur des Dr. Rost bereits im zweiten Kapitel (259) erstmalig erwähnt wird, als weiteres Indiz dafür werten, daß der Autor zu diesem Zeitpunkt noch die Wiederherstellung Carpios im Sinn hatte.

   May hat sich aber mitten in der Erzählung gegen diese Fabel entschieden. Als der Ich-Erzähler Carpio wiedergefunden hat, darf auf einmal nicht der anwesende, zweifellos kompetente und ursprünglich wohl auch für diese Aufgabe vorgesehene Arzt eine fundierte Diagnose stellen, eine Therapie vorschlagen und eine fachliche Prognose äußern, sondern Winnetou betätigt sich als unfehlbares Orakel. Welch ein herrlicher Mann! (326) So ruft der Ich-Erzähler angesichts des vom Autor verhängten Todesurteils aus, weil der Indianer seiner Prophezeiung einige kanzelhafte Ermahnungen über die Nächstenliebe einem Sterbenden gegenüber hinzugefügt hat. Die Frage, weshalb May sein ursprüngliches Konzept änderte, vielleicht sogar ändern mußte, leitet von dieser Betrachtung über zur psychologischen Deutung. Eines jedenfalls ist klar: Erst mit dem Untergang des Opfers wird der Retter, der leider zu spät kam, zum wahrhaften Heros. Würde hingegen Carpio am Leben bleiben, gar geheilt werden und damit seine Opferrolle hinter sich lassen, müßte Sappho seine Beziehung zu ihm völlig neu definieren; falls das überhaupt gelänge, wären Komplikationen, so etwa Spannungen aus der Position Carpios gegenüber der Freundschaft von Old Shatterhand und Winnetou, die unausweichliche Folge. Anders gesagt: Der Tod Carpios stellt auf die einfachste Weise wieder klare Verhältnisse her. Aus erzähltechnischer Sicht wäre diese Lösung aber nicht erforderlich, denn hier ließe sich ja, wie im Film, auf elegante Weise sozu-


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sagen ›nach dem Happy-End abblenden‹, ohne weitere Verwicklungen überhaupt nur anzudeuten.

   May hatte also, soviel hat unsere Untersuchung ergeben, wohl nicht von Beginn der Erzählung an den Tod Carpios beabsichtigt, sondern hat sich erst nach dem geschilderten Wiedersehen mit Carpio dafür entschieden. Diese Veränderung der Fabel führte zu einer Abwertung der Figur des Dr. Rost und zu einer seltsam fatalistischen, teilnahmslosen Haltung aller Personen gegenüber dem langsamen Sterben Carpios. Insbesondere verpaßt Sappho auf diese Weise die Gelegenheit, sich in einen wirklichen Freund zu verwandeln, und verstrickt sich statt dessen noch mehr in die psychologisch fragwürdige Rolle des Retters.



2.5 Carpio oder Winnetou: Bedeutung der Sappho-Carpio-Konstellation als Leitthema


Zum Abschluß unserer textimmanenten Interpretation der Carpio-Sappho-Beziehung, deren wichtigste Aspekte damit beleuchtet sein dürften, wollen wir noch untersuchen, wie die Ausgestaltung der einzelnen Figuren innerhalb der Erzählung gewichtet ist, um auf einem quantitativen Weg festzustellen, welche Bedeutung der Sappho-Carpio-Konstellation insgesamt zukommt. Es besteht ja daneben noch eine Reihe weiterer Erzählstränge, deren Präsenz zuweilen diese Konstellation so stark überlagert, daß nicht leicht zu entscheiden ist, ob sie wirklich das Hauptmotiv bildet.

   Wir wählen einen verhältnismäßig einfachen und leicht nachvollziehbaren Ansatz, indem wir jede Seite der Erzählung bewerten einerseits nach der Person, die darauf dominiert, andererseits nach der Art, wie das geschieht, ob im Dialog, im Agieren (Erzählerbericht) oder im Erzählerkommentar (darunter zählen wir hier auch innere und erzählte Monologe sowie Landschaftsbeschreibungen); wo sich zwei Personen im Dialog oder in einem Handlungszusammenhang befinden, wird beiden jeweils die halbe Seite zugerechnet; ist der Gegenstand eines Dialoges eine dritte Person, wird das nicht berücksichtigt. Wenn sich etwa der Ich-Erzähler den Erziehungsstil von Carpios Vater ins Gedächtnis ruft (295-297), zählt dies zur Person ›Carpio‹ in der Spalte ›Kommentar‹. Entscheidend ist, daß wir bei der Auszählung in bezug auf den Ich-Erzähler zwischen ihm und den Personae Old Shatterhand und Sappho differenzieren. Daraus ergibt sich insgesamt folgendes Bild, nach abnehmender Häufigkeit geordnet:65

Person
Dialog
Aktion
Kommentar
Gesamt
Ich-Erzähler (Karl May, Karl Meier)37,522,523,583,5
- Old Shatterhand49,030,52,081,5
- Sappho30,04,01,535,5
Carpio34,512,59,056,0


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Winnetou19,514,57,541,5
Elise Wagner/Frau Hiller22,52,50,525,5
Dr. Rost21,02,00,523,5
Prayer-man/Sheppard14,54,51,020,0
Peteh7,57,03,017,5
Watter13,52,5 - 16,0
Yakonpi-Topa14,01,0 - 15,0
Wirt Franzl9,54,5 - 14,0
Hiller9,50,53,513,5
Corner6,53,01,010,5
Der alte Lachner7,01,02,010,0
Eggly6,01,00,57,5
Wirt in Weston7,0 - - 7,0
Sheriff in Weston4,50,5 - 5,0
Reiter4,00,5 - 4,5
Vater von Elise Wagner3,01,0 - 4,0
Amos Sannel2,02,0 - 4,0
Kantor3,5 - - 3,5
Welley1,02,0 - 3,0
Gendarm1,50,5 - 2,0
Frau des Wirtes Franzl1,50,5 - 2,0
Schuldirektor0,5 - - 0,5
Sonstige Personen6,02,00,58,5


Zunächst können wir feststellen, daß tatsächlich Carpio mit deutlichem Abstand vor Winnetou die wichtigste Person nach dem Ich-Erzähler und den von ihm verkörperten Gestalten ist. Mit Hilfe dieser rein quantitativen Analyse ist somit die Berechtigung des Etiketts »letzte Winnetou-Erzählung«66 noch fragwürdiger geworden.

   Man könnte nun meinen, daß die Konfiguration Old Shatterhand-Winnetou (123 Seiten) dennoch gegenüber der Konfiguration Sappho-Carpio (91,5 Seiten) dominiert; doch in dieser Hinsicht vermittelt die vorstehende Tabelle nicht das richtige Bild, denn die Addition der den jeweiligen Figuren gehörenden Werte ist schlicht unzulässig, weil die kumulierten Einzelwerte nichts über den interaktiven Kontext der Figuren aussagen. Betrachten wir statt dessen eine zweite Auswertung, in der nur diejenigen Seiten ausgezählt sind, die jeweils zwei Partnern zugeordnet wurden; danach sind die zehn häufigsten Konfigurationen:

Erste Person
Zweite Person
Seiten
SapphoCarpio59,0
Old ShatterhandWinnetou29,0
Old ShatterhandDr. Rost25,0
Old ShatterhandYakonpi-Topa25,0
Ich-Erzähler (Karl May, Karl Meier)Watter23,0
Ich-Erzähler (Karl May, Karl Meier)Elise Wagner/Frau Hiller22,0


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Old ShatterhandPeteh17,0
Ich-Erzähler (Karl May, Karl Meier)Prayer-man/Sheppard13,0
Ich-Erzähler (Karl May, Karl Meier)Dr. Rost10,0
SapphoWirt Franzl10,0


Hier bemerken wir, daß die Interaktion zwischen Sappho und Carpio gegenüber derjenigen zwischen Old Shatterhand und Winnetou bei weitem überwiegt. Eine kleine Umrechnung zwischen beiden Tabellen bestätigt außerdem meine obige These, daß die Persona Sappho durch die Begegnung mit Carpio hervorgebracht wird,67 während die Persona Old Shatterhand auch unabhängig von Winnetou besteht.68 Da übrigens mit dieser Auszählung auch alle ›sprachlosen‹ Interaktionen erfaßt werden, ist damit auch die von Schmiedt geforderte »detaillierte Analyse« geleistet, die mit Blick auf »die anhaltend sprachlose Kommunikation zwischen Shatterhands Freund Winnetou und seinem Schützling Carpio«69 deren relative Irrelevanz erweist; in der obigen Tabelle erscheint sie gar nicht erst.70

   Vor allen anderen Erzählsträngen bildet somit tatsächlich das Geschehen um die Sappho-Carpio-Konstellation den dominierenden Motivkomplex von ›»Weihnacht!«‹. Darüberhinaus wird das Gewicht der Figur des Dr. Rost noch einmal überdeutlich, der alles andere als eine Nebenperson ist, während Figuren wie der Gendarm oder der Schuldirektor, die in früheren Interpretationen wegen ihres Bezuges zur Biographie Mays hervorgehoben wurden, zur Bedeutungslosigkeit herabsinken.



3. Biographische Spuren


Wenn wir im folgenden die Erzählung ein zweites Mal, jetzt im Hinblick auf das von May verarbeitete autobiographische Material, einer näheren Betrachtung unterziehen, soll unsere Aufgabe darin bestehen, Begebenheiten, Namen und Orte zu entschlüsseln und in eine Bezi-


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hung zu Mays Leben zu setzen. Wir wollen uns dabei auf äußere Umstände beschränken, soweit sie für das Verhältnis der Figuren Sappho und Carpio von Belang sind; schon hier sei aber der Hinweis angebracht, daß nicht einmal hier alles zu belegen ist und daher manches, wie auch schon etwa bei Ilmer und Graf, Spekulation bleiben muß. Was wir an dieser Stelle hingegen nicht tun werden, ist, mutmaßlichen Spiegelungen der seelischen Entwicklung Mays, seinen Traumatisierungen, Ängsten, Hoffnungen und Motivationen nachzugehen; dies sei dem vierten, ›psychologischen‹ Kapitel vorbehalten.



3.1 ›Sappho‹ und ›Carpio‹: Dichtung oder Wahrheit?


Wir wollen die Untersuchung mit der Frage beginnen, welche Herkunft die ungewöhnlichen Namen der beiden Freunde haben und in welcher Beziehung sie zu May stehen. Es ist zu notieren, daß niemand diese Untersuchung bisher geleistet hat; es reicht beispielsweise nicht aus, daß Graf seine Anmerkungen zu der antiken Sappho (die im übrigen nur die von altersher bestehenden Vorurteile dieser Dichterin gegenüber referieren, wie sie sich, da sie auf der Insel Lesbos lebte, noch heute im Attribut ›lesbisch‹ abgebildet finden; in Wahrheit war Sappho verheiratet und hatte eine Tochter namens Kleïs - aber Vorurteile haben ihre eigene Realität) unvermittelt mit dem Satz enden läßt: »Meines Erachtens läuft es letztlich, auf die eine oder andere Weise, nahezu zwangsläufig auf den dargestellten autobiographischen Sachverhalt71 des Masturbierens hinaus.«72 Hier ist es Graf augenscheinlich nicht gelungen, den logischen Zusammenhang zwischen einer angeblich homosexuellen Dichterin und Mays onanistischen Eskapaden schlüssig herzustellen; der Künstlername Sappho bedarf daher einer anderen Deutung. Ilmer wiederum deutet Sappho und Carpio zwar scharfsinnig, doch ausschließlich aus psychologischer Perspektive und greift damit, wie ich meine, über das Naheliegende hinaus. Ich behaupte nun, daß sowohl Carpio als auch Sappho nicht nur Spiegelungen des Autors sind, sondern beide wenigstens einen Teil ihrer literarischen Existenz, ihre jeweiligen Namen, konkreten biographischen Erlebnissen Mays verdanken und somit in dieser Hinsicht aus bewußten Verschlüsselungen hervorgegangen sind.

   Zur Entstehung des Künstlernamens Sappho biete ich folgendes erdachte, aber plausible Szenario an. Nehmen wir an, daß sich May bereits zum Zeitpunkt des von Graf dokumentierten Plauener Skandals in kleinen poetischen Fingerübungen erging, wahrscheinlich Gedichte schrieb, wie dies so viele Halberwachsene tun. Unser Anhaltspunkt für diese Vermutung ist neben dem Umstand, daß May die Transposition der Affäre ausgerechnet in einen Gedichtwettbewerb wählte - ich gehe mit Graf davon aus, daß die Teilnahme am Gedichtwettbewerb und das folgende Einzelgespräch mit dem eher freundlich gesonnenen ›Alten‹ zu Mays Plauener Erlebnissen gehört, die ja für ihn auch ohne äußerlich negative Folgen blieben, während ich bezüglich des auch in der Erzählung zeitlich vorangehenden Diebstahls der Motette mit Ilmer meine, daß er das Waldenburger Vergehen des Kerzendiebstahls reflektiert73 -, die bekannte biographische Vermutung, daß bereits der 15jährige May, damals Schüler des Proseminars in Waldenburg, seine ›erste Liebe‹ Anna Preßler74 mit selbst verfaßten und vertonten Gedichten umworben habe.75 Unterstellen wir weiterhin, daß er auch jetzt heimlich dichtete und das Geschriebene im Schlafraum versteckte, vielleicht sogar im Bett. Nun wissen wir, daß im Zuge der Untersuchung diese Räumlichkeiten und insbesondere die Betten durchsucht wurden.76 Wie weit hergeholt ist dann die Annahme, daß etwas aus seiner Hand, seien es auch nur ein paar gereimte Zeilen, gefunden wurde? (Wir wollen die Spekulation an dieser Stelle noch nicht einmal so weit treiben, daß es sich dabei um ein Liebesgedicht mit anonymem Adressaten gehandelt habe, das man


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ebensogut auf ein Mädchen außerhalb des Seminars wie auf einen Kommilitonen hätte beziehen können.) Nun lassen wir ein solches Blatt in die Hände eines Lehrers fallen, der in seiner Jugend auch einmal hochfliegende Ideale hatte, nun aber desillusioniert und humorlos geworden ist und sich aus Motiven, die er sich selbst nicht eingesteht, zum Amt des Inquisitors hergegeben hat. Er erkennt in May einen Teil seines jüngeren Selbst, den er längst begraben hat. Vielleicht steht May auch unter dem Verdacht, einer der Rädelsführer der Onanisten zu sein; für den Part des Opfers war er in diesen Jahren ja immer zu haben. Mag sein, daß es nicht einmal zu einer besonderen Konfrontation mit May kommt, sondern nur zu einer zynischen, vage auf den Unterleib und Mays mögliche Rolle zielenden Bemerkung (sexualisiert genug dürfte die Atmosphäre ja gewesen sein), möglicherweise im Beisein von Kommilitonen, etwa der Art: »Na, was ist das denn? Haben wir hier unter uns etwa eine kleine Sappho?« Die Herumstehenden lachen, May wird schamrot, das Etikett bleibt hängen.

   Wie schon gesagt, gibt es keinen Beweis, daß sich eine solche Szene überhaupt abgespielt hat, aber sie hat die Wahrscheinlichkeit auf ihrer Seite.77 Wenn wir uns nämlich fragen, ob es im Zuge der Inquisition etwas gab, was May durch eine tiefe Verletzung seines Egos nachhaltig traumatisieren konnte, dann war dies weniger der Verdacht, ein Onanist zu sein, denn das waren ja viele (und vielleicht hatte die Untersuchung die Gruppe der Onanisten noch nicht so sehr gespalten, daß die Zugehörigkeit zu ihr irgendeine Art von Ächtung bedeutet hätte), sondern viel eher eine Bloßstellung seiner frühen dichterischen Ambitionen, die Preisgabe einer aus dem Herzen kommenden Schöpfung an die Lächerlichkeit. Wie sagt May selbst? Ich war bis vor kurzem so glücklich gewesen, nur bei meinem gewöhnlichen Namen genannt zu werden, aber das war seit meinem Weihnachtsgedichte anders geworden. (33)

   Man streiche die Wortkomponente ›Weihnachts-‹, und die fiktive Szene mit ihrer repressiven Gruppendynamik gewinnt Realität: Was konnte ich nun thun? Ich mußte mich fügen! (33) Dies würde nahtlos erklären, weshalb May das doch sehr dem Individuum eigene Verfassen eines Gedichts dichterisch überhöhte und nicht etwa irgendeine Art von spätpubertärem Gemeinschaftserlebnis. Hierhin paßt nun auch der von ihm geschilderte körperlich verfallene Zustand nach Einwurf seines Gedichts, der in einem solchen biographischen Kontext nichts anderes wiedergäbe als die ins Somatische umgeschlagenen Gefühle Mays angesichts der erlittenen Demütigung. Ein solcherart beiläufiges Ausspielen einer Machtposition (ein Thema, das May immer wieder beschäftigen sollte), um einen Unterlegenen vor seiner Gruppe mit deren offenem Beifall gewaltsam zu entblößen, hat stets den obszönen Geruch einer Vergewaltigung, und zudem hätte eine zynisch herabsetzende Bemerkung wie diese auf perfide Weise die Bereiche der Sexualität und der literarischen Kreativität dauerhaft miteinander verknüpft. Der Hinweis von Graf, daß Mays Zustand moralisierenden Medizi-


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nern und Pädagogen »noch während des gesamten 19. Jahrhunderts (und teils bis tief in das 20. Jahrhundert hinein) als die typischen, körperlichen und geistigen Symptome des tätigen Onanisten«78 gegolten habe, führt meines Erachtens in die Irre. Zwar zeigen Mays Ausführungen in seinem Artikel ›Ein wohlgemeintes Wort‹,79 daß er - obwohl er mit seiner langjährigen onanistischen Erfahrung »eigener Aussage gemäß mindestens von seinem zwölften bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr«80 im Grunde aus persönlicher Anschauung um die Unsinnigkeit dieser Theorie wissen mußte - gleichwohl das angebliche Onanistensyndrom für wahr hielt; gerade wenn dies so war, hätte er sich aber gehütet, es zumal in (wenn auch fiktionalem) autobiographischem Kontext sich selbst zu attestieren.

   Was nun Carpio betrifft, hat dankenswerterweise Roland Schmid darauf hingewiesen, daß May einen Schulfreund mit Namen Garbe gehabt habe.81 Ilmer meint, dieser könne »in Mays Vorstellungen nicht mit ›Carpio‹ identisch gewesen sein«, da die spätere, in Amerika spielende Episode und ihr Ausgang dagegen sprächen, »der reale Garbe könne gemeint gewesen sein«.82 Dieser Auffassung vermag ich mich nicht anzuschließen. Wir haben es hier schließlich mit einer dichterischen Umformung von möglichem biographischem Material zu tun, und der Gedanke, Carpio könne einer realen Person nachgebildet sein, ist einfach nicht von der Hand zu weisen. Ich ziehe darüber hinaus die bereits zitierte Aussage Mays in Betracht, ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund sei ihm nie beschieden gewesen.83 Indem ich sie als Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht deute, fasse ich einen Teil der Genese der Person Carpio, soweit ihr Name nämlich aus der Transformation des Namens Garbe hervorgegangen ist, als Wunscherfüllung Mays auf. Allerdings wäre es hier hilfreich zu wissen, in welcher Beziehung May und Garbe als Schüler tatsächlich standen; das sei als offener Punkt notiert und als Aufgabe an fleißige May-Forscher weitergegeben. Die Umformung von ›Garbe‹ in ›Carpio‹ ist etymologisch jedenfalls weniger weit hergeholt als manche andere Namensdeutung.84

   Es ist mithin durchaus möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, daß die Namen Sappho und Carpio keine ›frei erfundenen‹ (was immer das unter psychologischem Aspekt heißen mag) Kunstnamen sind, sondern aus dem persönlichen Erleben Mays hervorgegangen sind. Damit ist freilich keine Aussage darüber verbunden, ob und gegebenenfalls welche biographischen Entsprechungen die individuellen Züge der Gestalten haben, die diese Namen tragen. Unter anderem dieser Frage wollen wir im folgenden Abschnitt nachgehen.


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3.2 Erste Carpio-Sappho-Episode: In Böhmens Wäldern


Für die erste Carpio-Sappho-Episode gibt es keine unmittelbare biographische Vorlage, wenn man von dem späteren Umherirren des vor der Strafverfolgung fliehenden May zwischen Sachsen und Böhmen Ende Dezember 1869 absieht, an dessen Ende er schließlich am Morgen des 4. Januar 1870 festgenommen wurde.85 Schon Hoffmann entging nicht die Spiegelung in Mays Roman, wenn auch seine Inhaltsangabe mehr als ungenau ist: »Die Route Eger-Falkenau-Carlsbad-Teplitz-Aussig-Tetschen-Bensen-Niederalgersdorf,86 eine Strecke von fast 200 km, legte Karl May bekanntlich in stark erschöpftem Zustand zurück. Zur Bewältigung dieser Entfernung dürfte er zu Fuß gut und gern 14 Tage gebraucht haben. Deshalb ist zeitlich gut möglich, daß er ›Weihnachten 1869‹ beim gastfreundlichen Wirt ›Franzl‹ Scholz in Falkenau verbracht hat. Mays Erzählung ›Weihnacht‹ schildert die sorgenvolle Reise eines armen, vor Hunger ganz erschöpften Auswanderers, der auf dem Weg nach Amerika ist und beim barmherzigen Wirt ›Franzl‹ Zuflucht findet. Die Passage ist stark autobiographisch gefärbt.«87 Die eingeflochtene Szene, in der am Weihnachtsabend die arme Auswandererfamilie die Gaststube betritt, welche sich im Winter zu Fuß nach Bremen durchschlagen will, erinnert auch an den gescheiterten Versuch Mays, im Sommer 1869 über Bremen nach Amerika zu gelangen;88 doch hat diese Szene für die Carpio-Sappho-Beziehung (nicht für den Roman insgesamt) eher untergeordnete Bedeutung, wenn man davon absieht, daß sie auf die späteren, in Amerika spielenden Kapitel vorausweist. Interessanter erscheint da schon eine Bemerkung, die May Carpio in den Mund legt, obgleich sie direkt auf May verweist und ein Indiz für die Spiegelung seiner Straftaten und seiner Flucht ist: »... Nun ist der Paß futsch, vollständig futsch! Wenn es nun der Polizei einmal einfällt, mich mit einem gesuchten Raubmörder oder durchgegangenen Bankdirektor zu verwechseln, so kann ich mich nur ruhig einsperren lassen ...« (56)89 In die gleiche Richtung, Mays damalige, keineswegs paranoide, sondern sehr berechtigte Befürchtung, ergriffen zu werden, weist das Auftreten des Gendarmen, als die Freunde die Herberge in Falkenau betreten wollen (30ff.). Auszuschließen ist hingegen nach übereinstimmender Auffassung der Biographen die Annahme, May habe bereits in seiner Schülerzeit derartige ausgedehnte Wanderungen unternommen.90

   Falls dieser Befund, dessen spekulativen Gehalt ich hier nicht weitertreiben will,91 zutrifft, hat May den betreffenden biographischen Abschnitt gleich mehrfach übertüncht: durch die zeitliche Rückdatierung um etwa zehn Jahre in seine Jugend, durch die Verdoppelung der handelnden Person und durch die Vorspiegelung eines harmlosen touristischen Handlungszusammenhangs mit Komponenten von Pennälerstreichen und Samaritertum. Allein diese dreifache Absicherung zeigt, wie wichtig es ihm war, vom tatsächlichen Geschehen nichts durchsickern zu lassen. Und er hatte


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wohl gute Gründe, so zu verfahren, wenn man in Betracht zieht, daß gerade sein angebliches ›Räuberleben‹, das zeitlich seiner Wanderung durch die böhmischen Wälder unmittelbar voranging, ihm später in so vernichtender Weise zur Last gelegt wurde. Was uns hier aber in erster Linie interessieren muß, ist die Frage, ob das Auftreten von zwei Personen - Carpio und Sappho - eine biographische Entsprechung hat oder ob es sich dabei, wie Ilmer vermutet, ›nur‹ um einen Akt der überwiegend psychologisch zu deutenden Verschlüsselung handelt.

   Angesichts der in Mays Leben so raren Männerfreundschaften, deren Mangel er - zu allen Zeiten (ungeachtet der von ihm in späteren Jahren gepflegten gesellschaftlichen Kontakte) im Grunde ein Einzelgänger, der sich, wenn er überhaupt Kontakte suchte, eher zum anderen als zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlte - empfand und literarisch auf mannigfaltige Weise kompensierte, ist dieses Thema in seiner Biographie äußerst überschaubar und läßt nur wenige mögliche Antworten zu. Die beiden einzigen männlichen Personen, die ihm zum Zeitpunkt der Niederschrift von ›»Weihnacht!«‹ (dem zweiten Halbjahr 1897) menschlich und persönlich nahestanden, waren der Kommerzienrat Emil Seyler (1845-1926), Weingutsbesitzer in Deidesheim, den das Ehepaar May erst im Juni besucht hatte, und Richard Alexander Plöhn (1853-1901), der Gründer und Besitzer der ›Sächsischen Verbandstoff-Fabrik‹ in Radebeul, der mit May seit Anfang der neunziger Jahre befreundet war und von dem Ilmer meint, er sei »Karls bester, wenn nicht einziger, Freund«92 gewesen. Gegen eine Abbildung Seylers in Carpio spricht freilich der einfache Umstand, daß May ihn in seiner Korrespondenz als »Mein herzlieber Winnetou« ansprach, während er selbst als »Charley« oder »Old Shatterhand« unterschrieb.93 Sollte die Beziehung von Sappho und Carpio auf der biographischen Ebene hingegen eine Spiegelung der Freundschaft zwischen May und Plöhn sein, müßten befriedigende Antworten auf die Fragen gefunden werden, wo in der Erzählung die Frauen bleiben, die im wirklichen Leben die Freundschaft eingeleitet hatten; weshalb von dem Spiritismus, der für die Beziehung der Ehepaare so wichtig war, nichts wiederzufinden ist; oder in welcher Weise das Verhältnis von Opfer und Retter, das wir im Text vorgefunden haben, eine biographische Entsprechung hat. Diese Feststellungen und Fragen zeigen, daß hinsichtlich einer solchen biographischen Deutung der Sappho-Carpio-Beziehung Skepsis angebracht ist, selbst wenn wir berücksichtigen, daß May sich nur wenig später auf dem zweiten Teil seiner ersten großen Reise (auch) von Richard Plöhn begleiten ließ, daß dieser dabei schon todkrank war und daß er kurz darauf verstarb - so als hätte May einzelne Motive dieser Ereignisse in seiner Erzählung gewissermaßen präkognitiv verarbeitet.94

   Andererseits gibt es aber eine solche Fülle von Parallelen zwischen Mays eigener Biographie und derjenigen, die er Carpio zuschreibt, daß wir nicht unbedingt nach einer realen Person in Mays Umgebung Ausschau halten


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müssen, die in Carpio abgebildet ist. Die Entsprechungen haben als erste Schmiedt und Vollmer herausgearbeitet,95 auf deren Ausführungen und zitierte Textbelege ich hiermit verweise. Auch darin wird nochmals deutlich, daß die Freundschaft zwischen Sappho und Carpio eher metaphorisch als biographisch auszulegen ist, weil sie keine Beziehung zwischen wirklichen Personen reflektiert, sondern einen inneren Vorgang des Autors dramatisiert. Somit bleibt für die Sappho-Carpio-Beziehung in dieser Phase der Erzählung neben der textimmanenten Interpretation in der Tat nur die psychologische Deutung, wie sie Schmiedt und Vollmer bereits begonnen haben und Ilmer fortgeführt hat.



3.3 Zweite Carpio-Sappho-Episode: Zum Sterben nach Amerika


Auch für die zweite Carpio-Sappho-Episode gibt es keine direkte biographische Vorlage, denn wie wir wissen, ist die Frage, ob May vor 1908 jemals in Amerika war, von der Forschung abschlägig beantwortet worden.96 Wenn also überhaupt biographisch bedeutsame Ereignisse in den Hauptteil der Erzählung, insbesondere das dritte und fünfte Kapitel, eingegangen sind, muß es sich um Erlebnisse in der sächsischen Heimat handeln. Hier gab es nun vor allem eine für May außerordentlich erschütternde Begebenheit, deren Zeuge er war und die sein Alterswerk, besonders dessen Mystizismus, nachhaltig beeinflußte, nämlich den Tod seiner Mutter am 15. 4. 1885, von dem ich behaupte, daß er in der Sterbeszene Carpios abgebildet ist.

   In einem Aufsatz seiner zweiten Frau Klara von 1932 findet sich eine Wiedergabe dessen, was er ihr wohl einst erzählt hatte: »Als seine Mutter in seinen Armen starb, hielt er sie vom Abend bis zum Morgen als Leiche in seinen Armen. Handelt so ein uns normal erscheinender Mensch?«97 Vergleichen wir damit die Schilderung von Carpios Tod:


»Komm, lieber Sappho!« bat Carpio. »Richte mich auf und nimm mich an deine Brust! ...«

   Ich erfüllte seinen Wunsch und hielt ihn an meinem Herzen fest. Ueber uns leuchteten die Sterne Gottes; vor uns brannten die Lichtreste des Christbaumes; sie waren abgebrannt und begannen, nacheinander zu erlöschen. So verlischt das Menschenleben hier im Erdenthale ... (517)

   ... Carpio war tot. ... Das letzte Licht am Baum verlöschte; es war, als ob das ganze Thal und je