| Was war das für ein Mensch? (...) Er hatte eigene Gedanken und Worte, er lebte wärmer und freier, litt seltsame Leiden und schien seine ganze Umgebung zu verachten. Er verstand die Schönheit der alten Säulen und Mauern. Und er trieb die geheimnisvolle, sonderbare Kunst, seine Seele in Versen zu spiegeln und sich ein eigenes, scheinlebendiges Leben aus der Phantasie zu erbauen. Er war beweglich und unbändig (...). Er war schwermütig und schien seine eigene Traurigkeit wie eine fremde, ungewöhnliche und köstliche Sache zu genießen. |
Als 1984 die Staatliche Kunsthalle Berlin die erste große Retrospektive Rudolf Schlichters veranstaltete,1 wurde ein Maler, Graphiker, Illustrator und Schriftsteller wieder ins Licht der interessierten Öffentlichkeit gerückt, der nach seinem Tode im Jahre 1955 in nahezu völlige Vergessenheit geraten war. Zwar waren Teile seines Werkes, besonders aus dem Bereich der Porträtmalerei, schon in früheren Jahren auf allen wichtigeren Ausstellungen zum Realismus und zur Kunst der Weimarer Zeit zu sehen gewesen,2 doch bot sich erstmals in Berlin die Gelegenheit, Einblick in das vielfältige Gesamtwerk Schlichters zu gewinnen, von seinen futuristischen und dadaistischen Anfängen bis zum surrealistischen Spätwerk, mit dem Hauptakzent auf seinen zahlreichen und bedeutenden veristischen Arbeiten der zwanziger Jahre, die ihn in der Kunstgeschichte neben George Grosz, Otto Dix, Karl Hubbuch und Christian Schad einreihen.
Die Berliner Retrospektive, die auch zahlreiche May-Bezüge eröffnete, war für mich der äußere Anlaß zu einem ersten Aufsatz über Rudolf Schlichter und Karl May, der noch im selben Jahr in den Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft erschien.3 Damit hätte es sein Bewenden haben können, alles Wichtige schien gesagt, doch ist das (nicht nur kunsthistorische) Interesse an diesem eigentümlichen Maler seither erfreulicherweise nicht mehr erlahmt und hat einige neue, teils überraschende Ergebnisse erbracht, die es wohl rechtfertigen, sich hier erneut dem Thema zuzuwenden. Anfang der neunziger Jahre gab Curt Grützmacher in der Berliner Edition Hentrich die beiden zuerst 1931 und 1933 im Ernst Rowohlt Verlag er-
schienenen Bände der Autobiographie Schlichters, Das widerspenstige Fleisch und Tönerne Füße, in sorgfältigen Neueditionen heraus,4 und 1995 legte Dirk Heißerer - gewissermaßen als Ersatz für den fehlenden dritten Band - ebenda die kommentierte Sammlung Die Verteidigung des Panoptikums vor, mit teilweise zum ersten Mal veröffentlichten autobiographischen, zeit- und kunstkritischen Schriften sowie Briefen der Jahre 1930 bis 1955.5 Vor allem dieser Band ist auch aus unserer Sicht hochbedeutsam, erweist sich darin doch, daß Schlichters Obsession für Karl May tatsächlich noch weit länger währte als bisher schon von uns angenommen - wenn sie sich auch in einer Weise fortsetzte, die nicht nach dem Geschmack der meisten May-Freunde sein dürfte. Von der Wiederentdeckung des Malers und Schriftstellers Rudolf Schlichter zeugen schließlich gerade in den letzten Jahren mehrere Neuausgaben seiner Schriften und Zeichnungen, nicht zuletzt auch die ausführlich kommentierte Edition seines Briefwechsels 1935-1955 mit dem späten Freund Ernst Jünger.6 An den überaus produktiven Buchillustrator erinnerte zudem im Herbst 1998 eine Ausstellung in seiner Heimatstadt Calw.7 Den vorläufigen Höhepunkt in der Rezeption Schlichters aber bildete zuletzt eine zweite große Retrospektive seiner Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen, die 1997/98 in Tübingen, Wuppertal und München zu sehen war.8 Hätte es überhaupt noch einer weiteren Anregung zur erneuten Beschäftigung mit dem Maler bedurft, in den Räumen dieser Ausstellung wäre sie zu finden gewesen.
Beide Schlichter-Retrospektiven veranschaulichten eindrucksvoll, daß es neben dem Großstadt-Motiv vor allem zwei Themen waren, die den Maler in seinen ersten Schaffensphasen wie unter Zwang zu künstlerischer Auseinandersetzung drängten: seine eigene etwas abwegige und sadistisch-masochistisch gefärbte Sexualität9 und seine nicht zuletzt von Karl May genährte Wildwest-Leidenschaft. Schlichters May-Vorliebe wurde schon lange vor seiner kunsthistorischen Wiederentdeckung vom - jedenfalls in dieser Hinsicht - geistesverwandten Carl Zuckmayer kolportiert, der ihn in seiner Autobiographie den »gründlichste(n) Karl-May-Forscher dieser Zeit« (um 1920) neben Ernst Bloch und sich selbst nennt.10 Die etwas hochgestapelte Bemerkung verdeckt freilich, daß diese Trias der »Karl-May-Forscher« (zu denen sich noch George Grosz, Egon Erwin Kisch, Leonhard Frank und andere gesellen ließen) doch einen eher naiven, nostalgisch-verklärten oder revolutionär-abenteuerlichen Zugang zu May besaß - womit sich die drei nicht allzu sehr und wesentlich nur im Grade von den vielen May-Begeisterten der Zeit unterschieden. Beachtenswert für die Rezeptionsgeschichte Karl Mays aber ist ihr Enthusiasmus in jedem Fall, besonders dann, wenn er sich auch in ihrem künstlerischen Werk niederschlug. Von Rudolf Schlichter läßt sich sogar sagen, daß außer Sascha Schneider wohl kein bildender Künstler von Rang ein so enges, auch konfliktreiches Verhältnis zu dem Radebeuler Phantasten ent-
wickelte wie er.11 Angeblich soll er »den ganzen Karl May fast auswendig« gekannt haben.12
Die folgenden Ausführungen beruhen im ersten Teil auf meinem Aufsatz von 1984, der jedoch gründlich überarbeitet und um neuere Erkenntnisse erweitert wurde; im zweiten Teil wird Material vorgestellt, das mir damals noch unbekannt oder unzugänglich war und das meine voreilige Annahme korrigiert, Schlichter habe Karl May in den dreißiger Jahren gänzlich aus den Augen verloren. Vielleicht wäre es manchem lieber, es wäre so gewesen, denn am Ende wurde es - zumindest auf einem Auge - ein böser Blick.
Für die Idee, ein zweites Mal das Verhältnis Rudolf Schlichters zu Karl May zu besichtigen, und für manche weitere Unterstützung danke ich Herrn Ruprecht Gammler, Bonn. Daneben gilt mein besonderer Dank Herrn Dr. Dirk Heißerer, München, Herrn Helmut Bauer, München, Herrn Dipl.-Ing. Alexander Perrot, Pforzheim, und Herrn Dr. Klaus Rudolf Wenger, Straßburg, die mir mit wichtigen Hinweisen halfen. Frau Viola Roehr-v. Alvensleben, München, danke ich für die Erlaubnis zum Abdruck der Texte und Bilder Schlichters, für Bildvorlagen Frau Dr. Dorothee Höfert (Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe), Frau Susanne Becker (Galerie Brockstedt, Hamburg), Frau Dr. Ulrike Gauss (Staatsgalerie Stuttgart) und Herrn Volker Huber (Galerie Huber, Offenbach am Main).
Um der verhaßten engstirnig-kleinbürgerlichen und beengenden Welt wenigstens zeitweise in Gedanken zu entfliehen, wandte der Knabe seine finster-skurrilen Wunschphantasien erst den blutrünstigen Ereignissen des Alten Testaments, dann der wild-exotischen Kolportage- und Triviallitera-
tur zu. In seiner schonungslos selbstanalytischen Autobiographie schreibt der Maler zu dieser Phase seiner Kindheit: »Eine ungeheure Lesewut befiel mich, ich las wahllos alles, was mir in die Hände geriet, vorwiegend natürlich, wie das in diesem Alter üblich ist, Räuber- und Indianergeschichten.«17 Anders aber als »in diesem Alter üblich« tat er dies in einer derart übersteigerten Weise, daß er schon bald die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit aus den Augen verlor:
Harmlos und wohl jedem kindlichen Leser von Indianerabenteuern vertraut wirken dagegen Schlichters Erinnerungen an seine »wilden Streifzüge« durch die heimischen Wälder: »Als Schuljunge verglich ich diese, mich phantastisch anmutende Umgebung der Stadt, mit den durch Karl May und andere Indianergeschichten berühmt gewordenen Canyons des amerikanischen Felsengebirges. Die großen, weitausgedehnten Wälder gemahnten mich an die durch Coopers Lederstrumpf so vertrauten Jagdgründe der Mingos und Delawaren. Es konnte ja auch für uns Buben kaum etwas Schöneres geben, als im Hochsommer in den Wäldern herumzutoben, Wigwams und Felsenburgen zu bauen, Kartoffeln zu stehlen, sie über selbstgemachten Feuerchen zu braten; überhaupt jeden nur möglichen phantasiebefruchtenden Unfug zu treiben.«19 Auch hier kann man eine Parallele zu Karl May selbst sehen: fand nicht auch er seine Rocky Mountains in der Sächsischen Schweiz und die indianischen Jagdgründe im lieblichen Lößnitzgrund? Die Wege der Phantasie sind so verschieden nicht.
Ganz und gar im Banne Karl Mays stand der junge Rudolf Schlichter während seiner ihn quälenden Lehrzeit in einer Pforzheimer Emailfabrik in den Jahren 1904 bis 1906. Aus dem »Zustand grauer Bedrängnisse und lähmender Einengung« rettete er sich immer wieder »in die bunte Welt (seiner) geliebten Bücher«, wobei auch hier auffällt, daß er sich ganz so in diese Phantasien hineinsteigerte wie einst der nächtlich traumschreibende Autor selbst:
sich darüber baß verwunderten und gar nicht begreifen konnten, woher ich, der ich nie über meine enge Heimat hinausgekommen war, eine so genaue Detailkenntnis wohl her haben möchte.«21
In der Zeit der erwachenden Sexualität, deren erstes - von Schlichter als unnormal empfundenes - pubertär-onanistisches Ausleben ihn mit schweren Schuldgefühlen belastete, wurde May ihm zur moralischen Instanz.
gens« aufklären konnte, was bei ihm zu »groteske(n) Vorstellungen« führte: »eine große Furcht befiel mich oft, wenn ich mir ausmalte, daß ich einmal in die Zwangslage geraten könnte, eine Frau schänden zu müssen.«24
Daß es auch das (wenngleich »monarchisch-staatstreu« verdeckte) freiheitlich-revolutionäre Element in den amerikanischen Reiseerzählungen Mays war, das ihn innerlich an den Schriftsteller band, erkannte Schlichter, der sich damals ebenso begeistert und intensiv mit jeglicher Literatur über die französische Revolution und die jüngste russische Revolution von 1905 beschäftigte, seltsamerweise nicht; er meinte vielmehr, sich »krampfhaft« vor dem heimlich in ihm wachsenden Gedanken schützen zu müssen, Mays Haltung sei finster reaktionär und stünde ganz und gar im Widerspruch zu seinem eigenen Rebellentum.
Bedroht war das »leuchtende Bild« Karl Mays für den jungen Schlichter auch durch »böse Verdächtigungen«, die ihn (wohl Ende 1906) dazu bewegten, sich persönlich an den Schriftsteller zu wenden. Die Anekdote in seiner Autobiographie ist interessant genug, um hier etwas ausführlicher zitiert zu werden:
Das Erlebnis ist bezeichnend für die gläubige May-Begeisterung (und das gänzliche Spätwerk-Desinteresse) der meisten damaligen Leser, nicht nur für die Naivität des jungen Schlichter. Anders aber als seine Alterskollegen setzte dieser die faszinierenden Leseabenteuer in den freien Stunden, die ihm nach der Fabrikarbeit blieben, auch kreativ in zeichnerische Versuche um - wenn er nicht gerade seiner Mutter die »langen, einsamen Abende« damit verkürzte, »Karl May vorzulesen«.29 Schon während der Schulzeit hatte er Bildle mit teils selbsterfundenen Abenteuergeschichten angefertigt, sie an die Schulkameraden verkauft und sich durch seine zeichnerische Begabung manchen Respekt verschafft. Nun wucherten vielfach auch blutrünstig-sadistische Sexualphantasien in seine exotische Bildwelt hinein. Im Rückblick schrieb Schlichter später zu seiner künstlerischen Initiation, dabei zweifellos auch an Karl May denkend: »Das ursprüngliche Erlebnis, das meinen ersten zeichnerischen Versuchen, die in die frühesten Jahre der Kindheit zurückreichen, zugrunde liegt, war der Drang, die Taten der Menschen festzuhalten, ihre Fahrten und Abenteuer auf der Erde Rücken, das Wirken unbekannter Mächte, die Schönheit und den Schrecken der Naturgewalten, wie sie die heimischen Berge und Wälder und die Berichte aus fernen Zonen dem kindlichen Gemüte einprägten.«30 Und in einem Brief an Ernst Jünger, der Ende 1939 einmal nach Pforzheim gekommen war, erinnerte er sich, träumend noch einmal »in jenes ferne u. doch so nahe Jugendland« zurückkehrend: »Trotz äußerer widriger Umstände begann damals der Traum u. die wilde Sehnsucht nach einer verlorenen Welt, nach einem irgendwo u. nirgendsheim seine Gestalt zu gewinnen; er trieb die ersten exotischen Blüten in den bezaubernden Figuren von Kreuzfahrern, Rothäuten, Cowboys, zarten Mädchen u. exzentrischen U.S.A.bürgern hervor. So begann ich die Grauzeit eines Fabrikalltags mit bunten Guirlanden zu schmücken. (...) Schönheit, dich will ich preisen, schrie meine Seele, nicht im faden maßvollen Gehrock eines würdig in Bildungsstätten verstorbenen Klassizismus, sondern in den bunten Improvisationen einer abenteuernden Außenseiterwelt.«31
In Stuttgart, nach dem Abbruch seiner Lehre, entdeckte Schlichter während seiner Zeit an der Kunstgewerbeschule (1906-1909) ein weiteres Stimulans für seine Kreativität: das Kino, dessen Niveau sich damals noch ganz auf der Ebene der Kolportage bewegte. Ein schauriger Film, der in der Pariser Unterwelt spielte und sogar einen echten Apachentanz zeigte, erweckte in ihm jetzt das »Ideal der großen Dirne, der alles zerstörenden, männerfressenden, Unheil verbreitenden Venus vulgivaga«,32 das fortan in seinem Kopf genauso herumspukte wie die Verbrecherhöhlen der Großstadt, die sich nun langsam zu den amerikanischen Canyons Old Shatterhands und Winnetous gesellten. Auf der Kunstgewerbeschule wurde Schlichter in seinem May-Glauben vom Lehrer Hötzer und vom Mitschüler Bruno von Sanden verunsichert,33 erhielt aber zu dieser Zeit auch einen vorübergehenden unerwarteten Auftrieb. Sein ältester Bruder Max,34
»selbst ein eifriger Leser dieser faszinierenden Bücher«, hatte eine »Stellung in einem großen englischen Hotel in Chartum im ägyptischen Sudan« bekommen, und »mit fanatischem Eifer« machte ihn Rudolf darauf aufmerksam, »was für ein großes Verdienst um Karl May er sich erwerben könnte, wenn er versuchte, durch genaue Nachforschungen herauszukriegen, wie weit die Schilderungen (seines) verehrten Helden auf Wahrheit beruhten«: »Beim Abschied bat ich ihn noch, ja nicht die Nilpferdpeitsche zu vergessen, denn dieses Instrument war mir durch den Eifer, mit dem Hadschi Halef Omar sich seiner bediente, besonders ans Herz gewachsen.« Das Ergebnis dieser »Nachforschungen« verlieh Rudolfs »Optimismus betreffs des Wahrheitsgehaltes der May'schen Romane einen neuen Schwung«:35 »Nach ungefähr einer halbjährigen Abwesenheit war Max von der Tropensonne gelbgebrannt zurückgekehrt (...). Zunächst wollte ich wissen, wie es mit den Schilderungen Karl Mays bestellt sei! Zu meiner Freude bestätigte er fast alles, was May über das mysteriöse Land des Mahdi berichtet hatte, nur meinte er, das liege schon alles sehr weit zurück, heute würde keine Sklavenjagd mehr abgehalten, auch sei durch die englische Verwaltung ziemlich Ordnung geschafft worden, mit Abenteuern sei es deshalb nicht mehr weit her, da müßte man schon weit in das Innere des Sudans eindringen, wo die Dinkas, Schilluks und Niam-Niam, die noch Menschenfresser wären, hausten. Aber den Fanatismus der Mohammedaner hätte er ganz richtig dargestellt, wäre es ihm doch selbst beinahe passiert, von den fanatischen Moslems gesteinigt zu werden, als er mit einigen andern zusammen einen Ausflug nach Omdurman machte.« Max brachte auch allerhand exotische Waffen aus dem Sudan mit, von denen Rudolf sich »außer der Nilpferdpeitsche einen schönen arabischen Dolch reserviert(e), den (er) eine Zeitlang dauernd mit (sich) herumtrug«.36
Seiner Schwester Gertrud und ihrem Mann, die ihn in ihrem neuen Heim in Zuffenhausen wohnen ließen, las Schlichter jetzt wie schon der Mutter allabendlich aus Karl May oder Gerstäcker vor; von seinem Schwager Karl wurde er nur noch »Rih, der Rappenhengst« (bzw. »Rih, Rappehengscht«) genannt, »nach dem famosen arabischen Renner Kara ben Nemsis«.37 Selbst darüber, daß er wegen seiner Kurzsichtigkeit jetzt einen Zwicker tragen mußte und deshalb wohl »kein Westmann mehr werden könnte« (»von einem Trapper mit einem Zwicker hatte ich noch nie gehört«), vermochte Karl May ihn noch hinwegzutrösten: »ich erinnerte mich, auch ihn mit einer Brille abgebildet gesehen zu haben. Wenn schon ein solcher Held sich seiner Augengläser nicht zu schämen brauchte, um wieviel weniger kam es mir zu, mich über meinen Zwicker unnötigen eitlen Grübeleien hinzugeben.«38 Dennoch begann für Rudolf bald eine Phase längerer Distanzierung von seinem Idol. Der Kunstgewerbeschüler entdeckte nämlich, »daß es nicht genüge, nur Karl May oder Gerstäcker zu kennen, sondern daß eine große Literatur existiere, die man als die gute oder klassische bezeichnete«. Wieder las er »mit einer Wut und Leidenschaft, die ans Pathologische grenzte«,
nur hießen die Autoren jetzt Grimmelshausen (Simplizius Simplizissimus), Goethe (Werthers Leiden) oder - Gustav Frenssen (Peter Moors Fahrt nach Südwest).39 Später kamen sämtliche Klassiker hinzu, außer Goethe und Schiller auch Wieland, Heine, Lessing und viele andere. Wirksam war hier der Einfluß seines Mitschülers Bruno von Sanden, unter dem er sich für einige Zeit »aus einem begeisterten Apologeten Mays in einen ziemlich heftigen, ja sogar ablehnenden Kritiker seiner Werke verwandelt(e)« - übrigens nicht eben zur Freude der Mutter: »Karl May gefiel ihr entschieden besser.«40 Mehr und mehr hatte Rudolf auch trotz allen inneren Widerstrebens erkennen müssen, daß Mays Erzählungen tatsächlich nur phantasiegeboren waren, eine Desillusionierung, die er wohl nie ganz verwinden konnte und die ihn später zu manchen ungerechten Urteilen verleitete.
Liest man Rudolf Schlichters Autobiographie und betrachtet seine oft literarisch wirkenden Bilder, so erscheint er als der vielleicht belesenste Maler seiner Zeit;41 dabei war die Auswahl seiner Lektüre höchst willkürlich, so daß von literarischer Bildung im strengen Sinn bei ihm genausowenig die Rede sein kann wie beim jungen Karl May. Beide stammten aus dem Proletariat, beide suchten der Wirklichkeit in abenteuerliche Fluchtlandschaften zu entkommen, konstruierten heroische (mitunter sadistische) Ich-Phantasien oder eigneten sich wahllos Wissen an, um sich über ihre verhaßte Klasse zu erheben und sozial aufzusteigen. Für die erwachende Lesewut Schlichters war Karl May sehr direkt mitverantwortlich, aber auch später, während seines 1911 begonnenen Studiums an der Kunstakademie in Karlsruhe, als der Maler sich in der Rolle eines ausschweifenden Unterwelt-Bohemiens gefiel und die Jugendlektüre vorerst überwunden schien, wirkte der frühe Einfluß Mays zumindest unbewußt noch in seinen literarischen Interessen nach. Um sich »wenigstens zeitweise der tristen Gegenwart der kleinen, mesquinen Bürgerwelt zu entziehen«, betrieb Schlichter jetzt »eifrig historische Studien«, aber daß diese vor allem der versunkenen Welt des alten Orients galten, dürfte nicht allein den Romanen Flauberts zu schulden sein (wie er angibt), sondern eben auch der Erinnerung an die orientalischen Abenteuerfahrten Kara Ben Nemsis - die bloße Erwähnung Mays verrät hier genug: »Mit Begeisterung versenkte ich mich in die Geschichte des alten Sassanidenreichs, las mit brennendem Interesse alles Erreichbare über die Entstehung des Islam und des Kalifats, beschäftigte mich eingehend mit den religiös-kommunistischen Bewegungen des Orients, wie der Mazdakismus und Mahdismus. Aber auch die Dichtung jener Epochen zog mich in ihren Bann. Firdusis herrliche Heldengedichte aus dem Schahnameh übten einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Die Gestalten von Rostem und Schurab gewannen wie ehemals die Gestalten Karl Mays sprühendes Leben, der Zug des Kai Kawus nach Massenderan beschwor eine Fülle merkwürdiger Assoziationen herauf.«42
Am stärksten wirkten in dieser Zeit aber die Erzählungen Scheherezades auf Schlichter; in ihnen schienen sich all seine anarchischen, von Mays eurozentrischen Reiseromanen nur ungenügend befriedigten Phantasien von Eros, Gewalt und Tod endlich zu erfüllen. Als er eine »Originalausgabe« von Tausendundeine Nacht entdeckte, verschlang er sie »gierig wie ein Evangelium«: »Hier fand ich, was ich schon lange suchte. Diese nicht endenwollende Kette von Abenteuern, Märchen, Geschichten, Schwänken, Anekdoten und Romanen überwältigte mich. Wie betrunken taumelte ich durch diesen Irrgarten, genoß ich dieses unwahrscheinliche Gemengsel von heiterer Sinnlichkeit und starrer Orthodoxie, von fröhlicher Nichtswürdigkeit und melancholischem Weltschmerz, von grober Sexualität und zartester Liebesleidenschaft, von krassem Realismus und ausschweifender Phantastik. Gleich dem Gluthauch der Wüste durchdrang der scharfe Odem des Orients mein ganzes Wesen. Ich dachte und fühlte orientalisch, die Weisheit des Ostens leuchtete wie ein helles Fanal über meinem Weg.«43 Ersten Niederschlag fand diese dekadente Orientbegeisterung in einer Reihe von Radierungen und Lithographien, die Schlichter im Graphikatelier der Karlsruher Akademie anfertigte; die wenigen erhaltenen Blätter zeigen vor allem »Folterszenen, Martern aller Art, Leichenhaufen aus vorzugsweise weiblichen, noch zuckenden oder wollüstig hingestreckten Akten«.44 Noch 1941/42 entstanden an die fünfzig detailgenaue Tuschzeichnungen zu Tausendundeiner Nacht, auch sie voller abenteuerlicher Exotik, dämonischer Gewalt und persönlicher Obsession, zugleich aber - besonders in den Illustrationen zur Geschichte von der Messingstadt - auch die dunkle Abgründigkeit ihrer Entstehungszeit verratend.45
Bemerkenswerter noch als Schlichters erneuertes Interesse für den Orient, den er zuerst durch die Bibel und Karl Mays Reiseerzählungen kennengelernt hatte, erscheint uns seine jetzige »Bekanntschaft mit Nietzsche und Richard Wagner«, die er selbst als das »stärkste Erlebnis dieser Zeit« bezeichnet.46 Auf den ersten Blick wird man hier vielleicht keinen Zusammenhang mit Karl May vermuten, oder allenfalls in dem Sinne, daß Nietzsche und Wagner in durchaus generationstypischer Weise an die Stelle des abenteuernden Jugendidols traten. Bei näherer Betrachtung jedoch zeigt sich, daß Schlichter bei allen drei Autoren (und später bei Stendhal oder Oscar Wilde) von derselben Weltsicht begeistert wurde, nämlich von ihrem vitalistischen Elan, ihrem Protest gegen bürgerliche Ordnung und vor allem von ihrer Idolatrie des überlegenen Einzelnen, die zu beglückender Identifikation einlud. Nur das »autonome Ich als Maßstab und Regulator menschlicher Handlungen«47 schien hier zu regieren, mochte es nun Old Shatterhand, Zarathustra oder Siegfried heißen. Inwieweit Schlichter sich nicht nur im Verständnis Mays, sondern auch in seiner damaligen Bewertung Nietzsches und vor allem Wagners irrte (den er für den »personifizierte(n) Widerspruch gegen die erstickende Enge und plumpe Vertraulichkeit des muffigen deutschen Kleinbürgers« hielt48), kann hier getrost dahingestellt blei-
ben. Wesentlich ist nur, daß alle drei aus denselben Motiven eine Zeitlang seine erklärten Vorbilder waren, an denen er sogar sein Alltagsleben ausrichtete: erst solche hemmungslose Verehrung in der Jugend erklärt die späterhin ebenso heftige Ablehnung, als ausgerechnet diese Idole der Antibürgerlichkeit vom »deutschen Kleinbürger« okkupiert wurden. Deutlicher noch als in seiner Autobiographie wird Schlichter dann Nietzsche und Wagner in einem Atemzug mit May nennen, alle drei Opfer seiner enttäuschten Liebe.
Etwas überraschend erwachte Schlichters Amerikakult und damit auch sein Interesse für Karl May in den letzten Jahren seines Karlsruher Studiums aufs neue und verwirklichte sich nun auf einer anderen, dezidiert künstlerischen Ebene. Karlsruhe scheint dafür gerade der rechte Ort gewesen zu sein, hatte die Indianerbegeisterung hier doch schon seit 1896 Tradition, als Buffalo Bill mit seiner Wild-West-Show auf der Schützenwiese nahe der Südstadt gastierte und dort sogar überwinterte.49 Das Erlebnis amerikanischer Wildwest-Filme ließ in Schlichter »alte, halbvergessene Jugendträume« wachwerden:
Übersetzung. »Die gebotenen Gegenbilder zum öden Werkeltag, die ausfabulierte Flucht und mit verführerischen Bildern illustrierte Flucht aus der Enge der eigenen Umwelt, die Möglichkeit Gewalt, Leidenschaft, Aggressivität und Begierden, die Schlichter nur zu drängend in sich verspürte, wenigstens in der nachvollziehenden Phantasie ausleben zu können, zogen ihn magisch an.«51 Bemerkenswert ist dabei, gerade im Hinblick auf Schlichters spätere, mehr als zwiespältige Beurteilung Karl Mays, daß diese nachpubertäre Lektüre von Abenteuerbüchern (sofern sie nicht wie Coopers Lederstrumpf oder auch Sealsfield und Harte literarisch sanktioniert waren) offenbar in ambivalenter Weise mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden war, weil sie eine Zeitlang die gesellschaftlich anerkannte und auch von ihm selbst inzwischen auf einer höheren Ebene gesehene Bildungsliteratur verdrängte; so geriet er durch das »Lesen solcher Machwerke« in einen »eigenartigen Zustand«: »Ich hatte dabei die angenehme Empfindung eines sich allmählich steigernden Alkoholrausches, dem auch regelmäßig ein Katzenjammer wie nach dem Genuß schlechten Fusels folgte. Neben dieser neuerstehenden Welt der Großen Schlange im Wigwam kriegsgewohnter Mohigans versank alles, was ich mir an klassischem Bildungsgut erworben hatte.«52 Schlichter befand sich also gewissermaßen in der klassischen Situation eines Bildungsbürgers, der sich seiner trivialen Lesebedürfnisse schämt, mit dem großen Unterschied allerdings, daß er seine Lektüre nicht verheimlichte, sondern sie - umgesetzt in anarchische Bildphantasien - im Gegenteil sogar dazu nutzte, gegen die kulturellen Normen des Bildungsbürgertums zu protestieren. Vom Antagonismus zwischen niedriger und hoher Kultur ausgenommen blieb interessanterweise Richard Wagner, den Schlichter an dieser Stelle erstmals, wenn auch nur indirekt, in einen Bezug zu Karl May setzt; vom Bildungsbürgertum mehr als anerkannt, vermochten Wagners übersteigerte Musikdramen doch zugleich auch die triebhaften Sehnsüchte des Kunststudenten zu befriedigen, ohne daß er den Widerspruch damals schon erkannt hätte: »Nur Wagner und einige Franzosen hielten dieser Flut stand, ja die Welt Wagners verschwamm mit der amerikanischen Urwaldpoesie zu einem seltsamen Mythos legendärer Abenteuer.«53
Zu vitalistisch wirkten die Bücher und Filme auf Schlichter, um nur passiv rezipiert zu werden. Wie es den Knaben zu spielerischer Imitation der Abenteuer gedrängt hatte,54 wollte der Maler sie nun in seinem ureigenen Medium lebendig werden lassen. Vehement transponierte er seine neue Farwest-Begeisterung mit Feder, Bleistift und Kreide in zum Teil direkt von der Kinoleinwand übernommene Zeichnungen. »Ich fing an, im Dunklen Skizzen nach den rasch vorüberwirbelnden Bildern anzufertigen. Diese Skizzen verwendete ich zu Hause für meine selbsterfundenen Abenteuergeschichten, die ich entweder auf zehn bis fünfzehn Meter langen Papierrollen in einer Reihe von Bildern nach Art der Moritaten zeichnete oder in Schulheften verewigte. Auch auf Aquarellen und Lithographien tobte ich
meine Lust an blutrünstigen und abenteuerlichen Wildwestszenen aus, zum großen Staunen meiner Mitschüler, von denen keiner den Mut zu solchen verpönten Themen aufbrachte. Ich ahnte damals noch nicht, daß diese Indianerei einstmals als Äußerungen eines originellen Zeitgeistes museumsfähig würden, allerdings auch nicht, daß der Ruhm der Urheberschaft Leuten zufallen sollte, die viel später als ich mit diesem Stoff bekannt wurden.«55 Die meisten dieser Bilder - frühe Zeugnisse des Kino-Einflusses auf die bildende Kunst - sind leider mit vielen anderen Arbeiten Schlichters aus der Karlsruher Zeit verschollen. Einen ungefähren Eindruck ihres flüchtigen und zugleich wild-expressiven Stils geben die Zeichnungen Reiterskizze (Lithographie, 1913; Abb. 10)56 und Cowboy zu Pferd (Lithokreidezeichnung, 1914; Abb. 12).57
War es in Schlichters frühen Jahren die instinktive Auflehnung gegen die dumpfe kleinstädtische Enge gewesen, die ihn zu Karl May und anderen Indianer-Autoren hingezogen hatte, so kam jetzt die eher kognitive Rebellion gegen eine überholte traditionalistische Kunstauffassung hinzu, wie sie seine Lehrer an der Akademie vertraten. Mit seiner »Indianerei«, von der vor allem die tumultuarischen Aquarelle Wild-West (1916-18; Abb. 3) und Der schwarze Jack (1916) eindrucksvolle Zeugnisse geben,58 beschritt er dabei einen dritten Weg, denn auch die neuen »Formalisten« um Picasso und selbst die farbensprühenden Bilder van Goghs blieben ihm fremd: »Mein angeborener Hang zum Fabulieren, die schwäbische Eigenschaft des Spintisierens und die Neigung zur endlosen Erzählung sträubten sich gegen den Zwang der Entdinglichung, wie ihn die modernen Formalisten forderten. Aus all diesen Zweifeln rettete ich mich in die wiederentdeckte Welt der Exotik und des Abenteuers. Ich glaubte dort meine ureigenste Domäne gefunden zu haben. Ohne mich allzuweit in den Van-Gogh-Rummel einzulassen, widmete ich mich ganz der Ausgestaltung technischer und graphischer Mittel, um die farbenfrohen Phantasien, die ich in mir trug, möglichst eindrucksvoll darzustellen.«59 Der hier angesprochene narrative Zug ist, von Porträts und Landschaften abgesehen, typisch für die meisten Bilder Rudolf Schlichters, auch wenn sie nicht die »Welt der Exotik und des Abenteuers« thematisieren. Die Ablehnung der Abstraktion ist geradezu konstitutiv für seine Kunst und sollte ihn ein Leben lang begleiten, bis hin zu seinem polemischen Kampfbuch über Das Abenteuer der Kunst von 1949, dessen Titel allein schon verrät, woher er (zumindest in den Anfängen) seine Inspiration bezog.
Eine direkte ikonographische Beeinflussung Schlichters durch Karl May ist indes nur schwer nachzuweisen, da schon die Szenerien des Schriftstellers meist den gebräuchlichen Topoi des Wildwest-Genres entsprechen und seine ureigene, leserorientierte Beschreibungskunst natürlich nicht in das bildnerische Medium übertragbar ist. Wilde Szenen zwischen Cowboys, Trappern und Indianern können, müssen aber keineswegs auf das Vorbild Mays verweisen, und die exponierte Rolle, die der Maler vielfach Frauen
einräumt, seiner sexuellen Veranlagung entsprechend meist als Opfer männlicher Gewaltakte, markiert sogar einen fundamentalen Unterschied. Immerhin gibt es aber besonders aus der Zeit um 1918 einige Arbeiten Schlichters, die sich auf Karl May beziehen lassen. Eindeutig der Fall, wenn auch nur des Titels wegen, ist dies bei der Kohlezeichnung Die Miß Admiral (1918; Abb. 4),60 einer Illustration zum Kapitel Ein Korsar im zweiten Band Old Surehand. Das transsexuelle und sadistische Wesen der piratesken Miß Admiral mußte den Maler natürlich besonders anziehen.61 Auch schon das erwähnte Aquarell Wild-West (1916-18), in erster Linie wohl eine Umsetzung eigener Gewaltphantasien, mutet wie eine Illustration zu Karl May an, erinnert der weißhäuptige Indianer in der Bildmitte doch emblematisch an Parranoh alias Tim Finnetey, den weißen Häuptling der Poncas aus der Old-Firehand-Geschichte im zweiten Band Winnetou. Ähnlich illustrativ wirken zwei Kampfszenen, die vermutlich ebenfalls 1918 entstanden: In der rechten, weiblichen Figur der lithographierten Reiterszene Die Mormonenbraut (Abb. 5)62 wiederholen sich Attribute der Miß Admiral, und das Gemetzel der Kreidezeichnung (Abb. 7; von der Galerie Brockstedt wohl fälschlich als Illustration zu Sealsfields Das blutige Blockhaus katalogisiert63), dem eine junge Indianerin zum Opfer fällt, enthält (wenn auch in freier Gestaltung) fast die ganze Konfiguration der mörderischen Szene am Nugget-tsil in Winnetou I, in der Santer Winnetous schöne Schwester Nscho-tschi tötet. Bemerkenswert bei diesem Blatt ist überdies die Typisierung des tomahawkschwingenden Indianers im Hintergrund: Mögen Streitaxt und Kriegsbemalung auch irritieren, so weisen die Bärenklauenkette und vor allem der ungewöhnliche helmartige Haarschopf (den auch eine Figur der Zeichnung Die Miß Admiral trägt) ihn doch deutlich genug als Porträt des edlen Winnetou aus. Ansonsten aber sind derart eindeutige Entsprechungen selten, kommen als Vor-Bilder des Malers im Einzelfall genausogut andere Indianer-Autoren oder Wildwest-Filme in Frage. Daß Karl May für Schlichter immerhin eine besonders wichtige Quelle der Inspiration war, belegen hinlänglich seine schriftlichen und biographischen Zeugnisse.
Aus demselben rebellischen, ja anarchischen Impetus heraus, mit dem Rudolf Schlichter während der Akademiezeit seine abenteuerliche Kunst dem Bürgerkitsch und der als leidenschaftslos empfundenden impressionistischen Pleinair-Malerei entgegenstellte, gründete er wenige Monate nach dem Krieg, Anfang 1919, zusammen mit seinen ehemaligen Studienkollegen und Künstlerfreunden Wladimir Zabotin, Georg Scholz, Walter Becker, Oskar Fischer, Egon Itta und Eugen Segewitz die Karlsruher Gruppe Rih, die man verstanden wissen wollte als Ortsgruppe der Berliner Novembergruppe. »Eine der treibenden Kräfte dabei war sicher Rudolf Schlichter; darauf verweist schon der Name der Gruppe, der Schlichters Karl-May-Begeisterung entsprang: Rih, arabisch für Wind nannte Karl May den Rapphengst Kara Ben Nemsis. Schlichter selbst wurde in sei-
ner Familie Rih genannt.«64 »Der Mythos der ungebändigten Lebenskraft des Hengstes Rih von Kara Ben Nemsi, der aus dem Karl-May-Spleen von Schlichter entsprang, sollte mit der Vitalität der Gruppe assoziiert werden.«65 Ein Nachlaßtext Schlichters bestätigt diese Namensdeutung: »der Name stammte aus Karl May; bekanntlich hieß der arabische Rapphengst, der den famosen Kara ben Nemsi durch die Länder des Orientes trug, Rih, d. h. Wind. Der Name sollte Programm u. Fanfare sein. Ein Kritiker in der badischen Post schrieb nach der ersten Ausstellung, eigentlich wäre das, was hier geboten würde, weniger ein Wind als vielmehr ein leichtes Säuseln. Trotz dieses gehässigen Anwurfes hatte die Gruppe einen ziemlichen Erfolg, sie erzeugte in dem badischen Kunsttümpel wenigstens einen Wellenschlag.«66 Für den Kenner mußte der Gruppenname außerdem Analogien zum radikalen Avantgardestil des Berliner Sturm-Kreises um Herwarth Walden nahelegen, dem in abgeschwächter Form vielleicht Schlichter, Zabotin, Scholz und Becker, kaum aber die übrigen Mitglieder entsprachen.
Die erste Ausstellung der inhomogenen, nur in ihrem Protest gegen den »Kunst-Philister« verbundenen Gruppe67 fand vom 1. April 1919 an in der Karlsruher Galerie Moos statt, in der Schlichter und Zabotin schon zuvor - vom 25. Januar bis 15. Februar - die erste umfangreichere Präsentation ihrer Werke erlebt hatten.68 Beide Ausstellungen wurden von Wilhelm Fraenger, dem damaligen Direktor des Heidelberger Kunsthistorischen Instituts, mit einführenden Vorträgen begleitet. Carl Zuckmayer, der damals in Heidelberg studierte und mit Ernst Bloch zum Kreis Fraengers (der Gemeinschaft) gehörte, erinnert sich in seiner Autobiographie:
Folgte man diesem Wegweiser, so gelangte man zu den in einer stillen Seitenstraße gelegenen Ateliers der befreundeten Maler.69
und Linien sprechen, die »ihren Gegenstand - fast sagt man ihre Opfer - wie auf geräuschlosem Mokassin umschleichen. Plötzlich, wie Lassos aus tückischem Hinterhalt zielsicher geschleudert.«71 Fast immer sind es ja Momente der Aggressionsentladung, des Überfalls oder des Kampfes, die der Maler und Zeichner zum Sujet wählte.
Obwohl die Gruppe Rih mit weiteren Ausstellungen, etwa in Berlin, Frankfurt am Main und Darmstadt, auch über Karlsruhe hinaus Aufsehen erregte - Schlichter wurde durch seine futuristischen und teilweise schon dadaistisch collagierenden Arbeiten, vor allem aber durch seine Behandlung von kruden Themen wie Bordell, Metzelei und Lustmord regelrecht zum Bürgerschreck -, löste sie sich bereits im Verlauf des Jahres 1920 wieder auf. Schlichter war schon 1919 nach Berlin übergesiedelt, wo er sich den politisch aktiven Dadaisten um George Grosz und John Heartfield anschloß. Wie die erste Einzelausstellung in Berlin, vom 20. Mai bis 15. Juni 1920 in der Kunsthandlung Dr. Otto Burchard, zeigte, waren es auch in der Großstadt zunächst noch die durchs Kino genährten Wildwest-Themen, die ihn am meisten bewegten.72 Dabei dürfte ihn die Begegnung mit George Grosz, mit dem er sich zeitweise dessen Wilmersdorfer Gartenhaus-Atelier in der Nassauischen Straße 4 teilte und dort nach denselben Modellen zeichnete, erneut gerade auch für Karl May entflammt haben, hatte Grosz doch im Herbst 1910, während seines Studiums an der Dresdner Kunstakademie, den Radebeuler Phantasten sogar noch persönlich in der Villa »Shatterhand« kennengelernt, wenn auch am Ende mit sehr gemischten Gefühlen.73 Und mit wem hätte Schlichter seine amerikanischen Träume bunter träumen können als gerade mit diesem europamüden Maler, der sich auf Fotos und Bildern großspurig zum Abenteurer stilisierte und sein früheres Atelier in Berlin-Südende einst gar in den »Wigwam eines Sioux-Häuptlings« umgestaltet hatte?74 Dabei standen Grosz und Schlichter mit ihrem Wildwest-Enthusiasmus keineswegs allein: Auch andere Berliner Dadaisten gefielen sich in der Rolle städtisch-moderner Apachen, so Raoul Hausmann, der als »der Häuptling der Dadaist brauner Mistkäfer seinen Blutsbruder rote Wolle (John Heartfield)« grüßte, oder Heartfield selbst, der sich unter einem Brief von Grosz an Hausmann (auf dem des weiteren auch Schlichter als »Balkandada« unterschrieb) gleich »Old Shatterhand« nannte - wobei er das »O« ungeniert zu einem ejakulierenden Penis auszeichnete, dadurch etwas von dem sexuellen Vitalismus verratend, der diese Dada-Apachen bei ihrer wild-exotischen Maskerade umtrieb.75
Aber natürlich konnte der schwäbische Hinterwäldler Rudolf Schlichter sich nicht lange der eigenartigen Faszination der Großstadt entziehen. Schon während eines ersten Berlin-Besuchs im Frühjahr 1913 hatte er sie als Kolportage-Welt, als »große verwegene Metropole« erlebt, »in die er als Asphaltcowboy eintauchte«:76 »Ein Märchenland war das, voll von schauerlichen Höhlen, Kellern, unterirdischen Gängen, Menschenfallen und Hin-
richtungsplätzen.«77 Das Großstadt-Thema mit seinen Straßen-, Café- und Bordellszenen wurde nun mehr und mehr bestimmend und schob den Wilden Westen und damit auch Karl May etwas beiseite. Zugleich wandte Schlichter sich nach seinen dadaistischen Experimenten zunehmend wieder einer realistischeren Darstellungsweise zu. Zwar war er noch auf der Ersten Internationalen Dada-Messe (15. Juli - 15. August 1920) in der Kunsthandlung Burchard vertreten und sorgte hier für einen gehörigen Skandal mit gerichtlichem Nachspiel,78 doch hatte Carl Einstein bereits im April des Jahres schreiben können: »Schlichter, früher unbekümmert folgerichtig dem Abstrakten folgend, geht jetzt dem Gegenständlichen minutiös veristisch nach.«79 In den zwanziger Jahren wurde er neben Grosz und Dix zu einem der führenden Vertreter der veristischen Richtung innerhalb der Neuen Sachlichkeit.
Wurden May-Themen nun auch seltener, erst verdrängt durch die Motive Großstadt und Sexualität und später durch zunehmende politisch-satirische Arbeiten für die kommunistische Presse (Der Knüppel, Der Gegner, Die Rote Fahne u. a.) - ab 1924 war Schlichter sogar Schriftführer der Roten Gruppe -, so verschwanden sie doch nicht ganz aus seinem Werk, und die Sätze, mit denen Theodor Däubler Ende 1921 einen Artikel über den Maler einleitete, behielten noch bis weit in die Dekade hinein ihre Gültigkeit: »Er ist aus dem Indianerspiel noch nicht heraus! Rothäute sind ihm auch heute das Gleichnis eines ungestümen wilden Lebens. So ein Sioux und seine Squaw bleiben für ihn der Inbegriff des Malenswerten«.80 Augenfällig wird Schlichters immer noch nicht ganz vergessener Wildwest-Kult durch die Bücher, die er in den zwanziger Jahren illustrierte. Neben Werken von Christoph Martin Wieland, Oscar Wilde, Peter Paul Althaus oder Walter Mehring81 waren das auch Charles Sealsfields Das blutige Blockhaus (aus dem Roman Nathan, der Squatter-Regulator) und die Kalifornischen Erzählungen von Bret Harte;82 als östliche Entsprechung dazu könnten die Zeichnungen zu Rudolf Geists kommunistischem Abenteuerroman Nijin, der Sibire gelten.83 Für eine erste Ausstellung der Buchillustrationen im Oktober 1924 in der Galerie der Berliner Malik-Buchhandlung (Galerie Grosz) wurde auf den Plakaten mit vier Zeichnungen zu Bret Harte geworben.84 Einen (sehr) entfernten May-Bezug kann man schließlich darin sehen, daß Schlichter 1921 den Einband zu Robert Müllers Roman Camera obscura zeichnete85 - ob der Maler wußte, daß May gerade diesem Schriftsteller den letzten großen Triumph seines Lebens, den Wiener Vortrag Empor ins Reich der Edelmenschen (22. 3. 1912), zu verdanken hatte, ist allerdings fraglich.
Zeichnungen wie Die Miß Admiral machen es nach unserer Überzeugung mehr als wahrscheinlich, daß Schlichter wenigstens zeitweise auch gerne Bücher Karl Mays illustriert hätte; ebenso wahrscheinlich ist aber auch, daß der eher konservative Radebeuler Karl-May-Verlag dankend auf eine Mitarbeit des erotomanen Malers verzichtet hätte (ganz abgesehen da-
von, daß die Bildabstinenz im Innern der grünen Bände längst obligat geworden war und also allenfalls eine Deckelbildgestaltung in Frage gekommen wäre).86 Pragmatische, nicht programmatische Gründe, wie sie Dirk Heißerer annimmt,87 dürften es also gewesen sein, die es in den zwanziger Jahren nicht zu einem ausgesprochenen May-Zyklus Schlichters kommen ließen. Die Annahme jedenfalls, der Maler habe die »konkreter gefaßten, dramatischer und grausamer gestalteten Geschichten« Hartes, Sealsfields oder Geists deshalb vorgezogen, weil sie seinen heimlichen Obsessionen mehr entsprachen,88 wird rasch hinfällig, wenn man an die blutige Old-Firehand-Geschichte, an den grauenhaften Tod Old Wabbles und anderer Schurken oder auch nur an die Peitschenorgien Hadschi Halef Omars denkt. Eine indirekte May-Reminiszenz findet sich im übrigen noch in Egon Erwin Kischs Reportagebuch Wagnisse in aller Welt (1927): Schlichters Zeichnung zum einleitenden Ritt durch die Wüste und über den Schott (Abb. 13)89 könnte ohne weiteres auch die Schott-el-Dscherid-Episode in Mays Reiseerzählung Durch die Wüste illustrieren und trifft sich in dieser Hinsicht genau mit Kischs eigener Intention.90
Gegen Ende der zwanziger Jahre verlieren sich dann jedoch die May-Spuren im malerischen und zeichnerischen Werk Rudolf Schlichters. Die Gründe dafür scheinen auf der Hand zu liegen: Schlichter verließ zur selben Zeit resigniert die Rolle als Revolutionär und Bürgerschreck und zog sich, darin bestärkt durch seine abgöttisch verehrte und daher nun vielfach von ihm porträtierte Frau Speedy, eine Madonna und Domina zugleich, aus dem Politischen ins Private zurück.91 Äußerlich sichtbar wurde dieser Rückzug 1932 durch die Übersiedlung aus der Großstadt Berlin in die heimische Provinz, nach Rottenburg am Neckar. Er fand wieder zur katholischen Kirche und umgab sich bald mit konservativen Nationalisten wie Ernst Jünger, Arnolt Bronnen oder Ernst von Salomon. Der aufkommende Faschismus tat ein übriges, Schlichter und die meisten seiner neuen Bilder, unter denen nun vor allem realistische Landschaftsdarstellungen der Schwäbischen Alb hervortraten, harm- und belanglos werden zu lassen. Da war offenbar kein Platz mehr für Karl May, für den Autor, bei dem er einst »auf die Unmittelbarkeit der Affekte, auf existentielle Betroffenheit, die unter die Haut geht«, gestoßen war, der in ihm die »lebendige Sprengkraft« aktiviert hatte, »die notwendig war, um sich gegen die kleinbürgerliche Engstirnigkeit aufzulehnen« und »gegen den bürgerlichen Kulturbetrieb und dessen Normen«.92
Aktuelle ideologische Vorbehalte, von denen noch zu reden sein wird, verstärkten später die Distanz zu Karl May. Schlichters Vorliebe für James Fenimore Cooper und Friedrich Gerstäcker hingegen blieb von seiner Wandlung bemerkenswert unberührt. So machte der Maler dem Rowohlt Verlag 1938 den Vorschlag, Coopers Die Grenzbewohner oder die Beweinte von Wish-ton-Wish zu illustrieren (heute vor allem durch die Conanchet-Übersetzung Arno Schmidts bekannt); der Plan, wohl weniger
aus innerem Enthusiasmus als aus dringend notwendigen finanziellen Erwägungen geboren, zerschlug sich freilich schon deshalb, weil der Lektor Friedo Lampe Coopers Roman für »altmodisch und romantisch-sentimental« hielt.93 Ebensowenig kam es wegen der Kriegswirren zu einer illustrierten Ausgabe der Lederstrumpferzählungen, für die Schlichter im November 1943 bereits einen Vertrag mit dem Züricher Atlantis Verlag geschlossen hatte. In seinem Nachlaß sind lediglich drei Zeichnungen zum Thema erhalten.94 Aus derselben Zeit dürfte aber auch ein in Privatbesitz überliefertes Aquarell stammen, das in sehr genauer Zeichnung (bis hin zu den ziselierten Körpertätowierungen der Indianer) eine Szene aus der Lederstrumpf-Erzählung Der letzte Mohikaner (mit dem weisen Tamenund, Hawk-eye, Major Heyward und Unkas) wiedergibt.95 Etwas glücklicher war Schlichter, wohl auch dank persönlicher Beziehungen, mit seinen Illustrationen zu Friedrich Gerstäcker. 1949 erschienen im Rottenburger Verlag der Deutschen Volksbücher Gerstäckers Erzählungen Aus dem Wilden Westen mit einer kurzen Einführung des Malers; seine Zeichnungen zu diesem Bändchen sind freilich nur noch konventionell.96
Weder in der Zeit seiner inneren Emigration noch nach 1945, als er sich zum Surrealisten gewandelt hatte, fand Rudolf Schlichter als Künstler wieder den Weg zu Karl May und zur alten Kraft. Im Dezember 1943, unter dem Eindruck der Bombenhagel, schrieb er dem Freund Paul Wilhelm Wenger, es sei »nicht uninteressant, daß sich, je mehr die Drohung wächst, der Wille u. die Lust zu dem festigt, was man im Grunde seines Herzens von Jugend auf liebte«: »So ist die Welt, die ich in meinen Jünglingsjahren mit aller Kraft liebte u. die meine Seele formte in einigen Erscheinungen verankert, die nach wie vor meinen Traum nähren (...). Das war zuerst die Hl. Schrift u. 1001 Nacht, später Dostojewsky, Flaubert, Cooper, um die typischen Exponenten bestimmter Kulturlandschaften zu nennen. Darum herum gruppieren sich die andern für mich liebenswerten Geister.«97 Zu diesen »liebenswerten Geistern« hatte vor allem Karl May gehört. Daß der Maler ihn dennoch nicht mit Namen nennt, ist kein Zufall.
so unterschiedlichen Stilrichtungen bestimmt, daß man mitunter glauben könnte, hier seien verschiedene, sich gegenseitig ausschließende Maler tätig gewesen. Konstanten lassen sich erkennen: das uneingelöste Primat des Individuums in allem gesellschaftlichen Wandel, die bis zur Destruktion reichende Erfahrung der Entfremdung, die jeden bloßen Formalismus meidende realistische Darstellungsweise, nicht zuletzt die sexuellen Obsessionen, die selbst noch im surrealistischen Spätwerk durchschlagen. Insgesamt aber steht Rudolf Schlichter als ein Künstler zwischen allen gängigen Fronten da, nirgends endgültig einzuordnen und zerrissen auch in sich selbst. Er selbst diagnostizierte für sich sogar eine schizophrene Disposition, die »erstaunliche Tatsache einer vollständigen Spaltung (seines) Gefühlslebens«,98 die er auf typisch deutsche und besonders schwäbische Befindlichkeiten zurückzuführen suchte: »Eine solche Aufspaltung des Gut- u. Bösekomplexes stürzt mich (...) immer wieder von neuem in Wirrnis u. schwerste Bedrängnis. Ist diese Dualität doch das fruchtbare Substrat meiner Produktion mit einer leider nicht unbedenklichen u. hemmungslosen Akzentuierung des Negativen. Das Wandern an Abgründen u. lustbetontes Schauen in die Tiefen der Verderbnis bezahlt sich teuer. Aber was will man machen, hier giebt es kein Kneifen, dem Zwang von Thesis u. Antithesis kann keiner entrinnen.«99 Von hier aus ist es nicht weit zur Dualität von Ardistan und Dschinnistan und zum Selbstbefund Karl Mays als »gespaltene(r) Persönlichkeit«100 in der »Abgrund«-Zeit seiner Verfehlungen, wofür ihm nach seinem Bekenntnis in Mein Leben und Streben das fiktive Buch Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt zur erklärenden Chiffre wurde.101 Beide Autobiographien, die des Schriftstellers wie des Malers, gehören zu den eindrucksvollsten Offenbarungen einer neurotischen Charakterstruktur im 20. Jahrhundert.
Wie wir bereits sahen, war auch Schlichters Verhältnis zu Karl May ambivalent, zwischen Faszination und Ablehnung schwankend. Nirgends wird dieser Dualismus deutlicher als in zwei Texten, die erst jüngst bekannt wurden (Karl Mays Gestalten und Karl May. Ein deutsches Phänomen). Anlaß war in beiden Fällen der 100. Geburtstag des Radebeuler Dichters am 25. Februar 1942, und doch könnte man annehmen, die Aufsätze stammten, wenn schon nicht von verschiedenen Autoren, so doch aus ganz unterschiedlichen Zeiten.
An Ernst Jünger schrieb Rudolf Schlichter am 19. Januar 1954: »Mich beschäftigt (...) immer wieder das 19. Jahrh., dieses ungeheuer profanierende, gefühlsbeladene u. zugleich an geistigen Teufeleien so reiche Säkulum. Auch der Beginn des 20igsten, wo die Früchte seiner Denkequilibristik der Ernte entgegen reiften. Ich selbst wurzle ja noch im 19. u. verstehe so gut die Anziehungskraft, die heute noch von seinen Spitzenerscheinungen ausgeht. Auf höherer Ebene die Zauberer Wagner und Nietzsche, auf der populären Karl May, alle drei deutsche (spez. sächsische) Phänomene, Erfinder von
Übermenschen - Siegfried, Zarathustra, Old Schatterhand - Kara ben Nemsi. Das ist einmalig, nur hier denk- u. schauerlich vollziehbar. Mir läuft's manchmal kalt u. heiß den Rücken hinunter, kalt vor Grausen, heiß vor Begeisterung.«102
Schlichters Antagonismus in der Rezeption Karl Mays ist in der zuletzt zitierten Formel auf den kürzesten Nenner gebracht. »Heiß vor Begeisterung« scheint der Aufsatz mit dem doppelsinnigen Titel Karl Mays Gestalten geschrieben, der am 22. Februar 1942 in der Sonntagsausgabe der Berliner Börsen-Zeitung erschien und hier zum ersten Mal wiederveröffentlicht werden kann:103
mächtige Zauberer, die im Dunkel der Erde unzerbrechliche Schwerter oder Zauberspeere anfertigen. Sein Zauberer ist ein nüchterner amerikanischer Büchsenmacher und seine Lehrmeister sind brave Indianer und Beduinen. Alles geht im hellen Tageslicht des 19. Jahrhunderts vor sich. Und doch sind wir bei seiner Lektüre weit stärker von einem geheimnisvollen Zauber gefesselt als bei allem Zauberbrimborium der alten Geschichten. Es scheint, daß die hier proklamierte Selbstherrlichkeit und Mächtigkeit eine unwiderstehliche Anziehung auf eine Jugend ausübte, die in der Drangsal des unablässigen Lernens und Bemühens endlich dies lohnende Ziel hingestellt sah: die Welt mit kraftvollem Arm zu befrieden. Der Allmächtige, als dessen Weltpolizist er sich mit so erfolgreichen Taten in Szene setzte, war nicht mehr der alte magische Donnerer, sondern bereits der väterliche Weltgeist der neuen Zeit.
Außer der ihn von den Draufgängern alten Stils unterscheidenden Sündlosigkeit und Freiheit von aller tragischen Problematik - hierher gehört auch das völlige Gefeitsein gegen die Fallstricke des anderen Geschlechts - fällt bei seinem Helden noch zweierlei auf: das versteckte soziale Ressentiment und ein merkwürdiger naiver und zugleich exzentrischer Humor. Das soziale Ressentiment läßt er als echter Volksschriftsteller bei jeder sich bietenden Gelegenheit - wenn auch sehr versteckt - aus dem Sack. So sind die Reichen und Vornehmen meist entweder hochmütige Protzen oder spleenige, äußerst tapsige englische Lords; oft sind sie aber auch böse Machthaber, deren Hauptsport in der Erniedrigung braver Seelen aus dem armen Volke besteht. Eine derartige triviale Klassifizierung könnte störend wirken (und manchmal streift sie auch hart an die Grenze des Peinlichen), würde sie nicht aufgehoben durch einen bezaubernden Ton von Gemütswärme, der diese Gestalten [aus dem Volke] mit der Aura einer sympathischen Menschlichkeit umgibt. Bezeichnenderweise sind es fast immer dem dienenden Stande angehörige Personen, denen seine ganze Zuneigung gehört: so der wackere Halef, Omar ben Sadek, Janik, Anka, Nebatja usf. Indes hier bewegt sich die Anwaltschaft für die Bedrückten immer noch in den üblichen Bahnen. Dagegen schlägt die soziale Revolte wahrhaft geniale Purzelbäume, wenn der Held mit den miserablen Vertretern einer tyrannischen, ungerechten Obrigkeit in Konflikt gerät. Was er uns hier an witziger Verhöhnung aufgeblasener, sich nur auf brutale und stupide Gewalt stützender Scheinautorität bietet, gehört zum Schönsten, was je in dieser Hinsicht geleistet wurde. Eine ausgelassene Situationskomik, die auch vor den gewagtesten Bildern nicht zurückschreckt, wetterleuchtet durch diese Szenen. [Welche Wonne erfüllt uns, wenn wir sehen, wie er mit der korrupten Obrigkeit umspringt.] Wie wohl tut es uns, wenn die Kurbatsch des guten Halef auf den [Hintern und] Rücken der bösartigen ärarischen und fiskalischen Quälgeister tanzt, die als faule Kawassen, anmaßende Kiajas, alberne Wekils und schurkische Kodscha Baschas sein türkisches Szenarium bevölkern. Hier waltet ein wirklich echter Humor, der unmittelbar aus dem Volksempfinden wächst. [Wie oft mochte er sich dabei der heimatlichen Lokaltyrannen erinnert haben. Wie sehr kommt er da den unausgelebten Süchten seiner Leser entgegen. Oh-
ne Gefahr für ihre bürgerliche Existenz können sie im verschwiegenen Kämmerlein ihre unterdrückten Rachegefühle abreagieren.]
Nicht weniger anregend sind seine Darstellungen subalterner Beamter und närrischer Berufsmaniker nebst ihren verschiedenen Wirkungsbereichen. Manchmal erreicht er in den Schilderungen von Barbierstuben, Apotheken und anderer Lokalitäten durch die Häufung oder Aneinanderreihung der unmöglichsten Gegenstände eine geradezu umwerfende Wirkung. Man lese z. B. einmal die folgende Aufzählung im 2. Band »Durchs wilde Kurdistan«, Seite 209: »Ich trat in die kleine Budika und sah mich von einem Chaos von allerlei nötigen und unnötigen Dingen umgeben. Ranzige Pomaden, Pfeifenrohre, alte vertrocknete Pflaster und Talglichter, Rhabarber und brauner Zucker in einem Kasten, Kaffeebohnen neben Lindenblüten, Pfefferkörnern und geschabter Kreide, Sennesblätter in einer Büchse, auf welcher Honig stand; Drahtnägel, Ingwer und Kupfervitriol, Seife, Tabak und Salz, Brillen, Essig, Scharpie, Spießglanz, Tinte, Hanfsamen, Gallizenstein, Zwirn, Gummi, Knöpfe, Schnallen, Teer, eingemachte Walnüsse, Teufelsdreck und Feigen.«
Ich muß gestehen, angesichts eines solchen Aufzugs wandelt mich die Lust an, Kopf zu stehen und mit den Beinen zu winken.104 Und nicht minder stark zwickt mich die Lust zu solchen Kapriolen bei seinen prächtigen Dialogen mit den verschiedenen dunklen und hellen Gestalten seiner exotischen Panoramen. Wenig Autoren fürwahr gibt es in unserer Zeit, die wie er imstande wären, eine so köstliche Mischung von burlesker Groteske und atemraubender Spannung zu erzeugen. Gewiß, seine Erzählungen weisen viele sprachliche Saloppheiten und Unzulänglichkeiten auf; auch geraten sie oft bedenklich in die Nähe einer billigen Kolportage. Aber all dies wiegt nicht schwer gegen sein großes Talent, Junge wie Alte seiner zahlreichen Leserschaft den trüben und toten Stunden des verdrießlichen Alltags zu entreißen und in das schimmernde Phantasiereich seiner buntscheckigen Figuren und Staffagen zu entführen. Dafür sei ihm immerdar Dank gesagt mit den schönen Worten seines treuen Beschützers und Freundes Halef: »Kara ben Nemsi Emir el baracki, el muhab'bi, lilistiskar, es sallah!«, auf deutsch: »Kara ben Nemsi Emir sei Segen, Liebe, Andenken und Gebet!«
»vollkommenen Bösewichtern«, der »fleckenlosen Lichtgestalt« des aufgeklärten Ich-Helden mit ihrem »sozialen Ressentiment« gegenüber den Reichen und Mächtigen und der »sympathischen Menschlichkeit« gegenüber den »Bedrückten«, an »ausgelassener Situationskomik« und »prächtigen Dialogen«, kurzum: an der »köstlichen Mischung von burlesker Groteske und atemraubender Spannung«. Daß Schlichter auch (mit einigem Recht) auf literarische Schwächen hinweist, die gelegentliche Nähe zu »billiger Kolportage« bemängelt, die allzu »triviale Klassifizierung« oder die »sprachlichen Saloppheiten und Unzulänglichkeiten«, verringert keineswegs die von ihm postulierte und selbsterfahrene Wirkkraft, im Gegenteil bekräftigen solche Einschränkungen die emotionale Echtheit seines insgesamt enthusiastischen Urteils, das in der vom »unvergeßlichen« Hadschi Halef Omar entliehenen Danksagung gipfelt.106
Schlichters warmherzige Eloge auf Karl May bedürfte also weiter keines Kommentars, gäbe es nicht noch den zweiten Text aus annähernd derselben Zeit (Karl May. Ein deutsches Phänomen), der im krassen Gegensatz dazu »kalt vor Grausen« geschrieben scheint, und hätte dieser nicht noch das Verständnis des ersten innerhalb der Schlichter-Forschung negativ beeinflußt. Eine verzeihliche Unkenntnis über Karl May107 und eine Unterschätzung seiner Bedeutung für den Maler dürften mit dazu beigetragen haben, daß der im übrigen sehr verdienstvolle Schlichter-Herausgeber Dirk Heißerer die Lobeshymne in der Berliner Börsen-Zeitung nicht ernst nehmen, sondern nur ironisch auffassen konnte als ein Beispiel für die Doppelsprache im Dritten Reich. Als »Subtext« nimmt er bereits im Jubiläumsartikel »kritische Ansätze« zu einem »Bild deutschen Totschlagwesens« wahr,108 die dort in Wahrheit allenfalls rudimentär angelegt sind. Die von Heißerer ansonsten durchaus anerkannte Widersprüchlichkeit Schlichters scheint für ihn ausgerechnet in der Beziehung zu Karl May keine Geltung zu haben, so daß für ihn der spätere Text der gültigere der beiden ist. Nicht nur Karl May, auch Schlichter muß man hier in Schutz nehmen.
Schon Heißerers Hinweis, bei dem Artikel der Börsen-Zeitung handele es sich um »eine offizielle Variante« eines für die Schublade geschriebenen »Klartext(es)«, eben des Phänomen-Aufsatzes,109 ist mindestens irreführend, da suggeriert wird, beide Texte unterschieden sich nur in der Deutlichkeit der Aussage - was der Leser der Schlichter-Ausgabe nicht überprüfen kann, weil ihm lediglich innerhalb des Kommentars einige wenige Zitate der »offizielle(n)« Version geboten werden. Tatsächlich stimmen die beiden höchst unterschiedlichen Texte im wesentlichen nur in der Beschreibung der außerordentlichen Fähigkeiten Old Shatterhands, hier allerdings zum Teil sogar wörtlich, überein. Wenn Heißerer dann feststellt, der »Vergleich« der beiden »Variante(n)« zeige »Schlichters Begabung, sein Thema als Subtext zwischen den Zeilen zu formulieren und dabei die sich nur auf brutale und stupide Gewalt stützende() Scheinautorität doppeldeutig
ebenso allgemein wie mit konkret aktuellem Bezug zu benennen«,110 so zeigt sich eher, daß eine vorgefaßte Meinung auch zu selektiver Lesewahrnehmung führen kann. Nicht Karl May resp. sein Alter ego wird ja von Schlichter als »Scheinautorität« denunziert, die Rede ist vielmehr ganz im Gegenteil von der »witzigen Verhöhnung« der Antipoden Kara Ben Nemsis, den »miserablen Vertretern einer tyrannischen, ungerechten Obrigkeit«, den in den Orient projizierten »heimatlichen Lokaltyrannen«, mit denen May nur zu sehr seine Erfahrungen hatte. Das Beispiel zeigt nebenbei, daß Schlichter auch über die Biographie Karl Mays inzwischen einigermaßen Bescheid wußte, wobei er offenbar dennoch weiterhin Autor und Protagonist miteinander identifizierte. Wenn er aber - was durchaus anzunehmen ist - bei der »aufgeblasenen, sich nur auf brutale und stupide Gewalt stützenden Scheinautorität« insgeheim an die Nazischergen dachte, so stand für ihn Karl May zumindest in diesem Zusammenhang auf der richtigen Seite.
Wenig geeignet für eine Interpretation als »Subtext« ist auch Heißerers Hinweis auf die vermeintliche »Kernthese« Schlichters, es scheine, daß Mays »proklamierte Selbstherrlichkeit und Mächtigkeit eine unwiderstehliche Anziehung auf eine Jugend ausübte, die in der Drangsal des unablässigen Lernens und Bemühens endlich dies lohnende Ziel hingestellt sah: die Welt mit kraftvollem Arm zu befrieden«. Zwar ist den Begriffen »Selbstherrlichkeit« und »Mächtigkeit« bereits etwas Pejoratives immanent, das spätere Aussagen Schlichters antizipiert, aber sie werden hier doch gleich mehrfach abgeschwächt, indem sie etwa mit »geheimnisvollem Zauber« konnotiert sind und der Ich-Held als »Weltpolizist« bezeichnet wird, der im Auftrag eines »väterlichen Weltgeists« mit seinen »erfolgreichen Taten« die Welt eben nicht - wie der Interpret möchte - unterjochen oder bekriegen, sondern vielmehr »befrieden« will, was bei dem Pazifisten May wörtlicher zu nehmen ist, als Schlichter wohl selbst wußte. Entscheidender für die richtige Bewertung dieser Stelle scheint jedoch noch etwas anderes, das auch für den von Heißerer angeführten, ungedruckt gebliebenen Passus über die »heimatlichen Lokaltyrannen« und die »unausgelebten Süchte« der Leser gilt, die sie »ohne Gefahr für ihre bürgerliche Existenz (...) im verschwiegenen Kämmerlein (...) abreagieren«. Daß es sich bei diesem letzten Zitat um »eine zu deutliche kritische Anspielung«111 handelt, ist zweifellos richtig, aber sie gilt ebenso wie auch der vorige Passus nicht in erster Linie allgemein der wilhelminischen »Jugend« oder dem kleinbürgerlichen »Leser« als Wegbereitern des Faschismus, sondern Schlichter spricht hier überdeutlich von sich selbst und der eigenen Leseerfahrung: Wie seine Bekenntnisse in der Autobiographie hinreichend belegen, waren es eben »Selbstherrlichkeit und Mächtigkeit«, die für ihn (nicht nur bei May) eine »unwiderstehliche Anziehung« in der Drangsal des Alltags ausübten und ihm zur heimlichen Befriedigung »unterdrückter Rachegefühle« dienten.
Diese kritische Selbsterkenntnis vor dem Hintergrund des aktuellen Faschismus könnte erklären, weshalb Schlichter nach psychischer Entlastung suchte und in einem zweiten Anlauf Karl May nun nicht nur für die eigenen, sondern gleich für die Verstrickungen des ganzen deutschen Volkes verantwortlich machte.
Während Schlichters Artikel in der Berliner Börsen-Zeitung eigentlich erst durch seine heutige Rezeption problematisch wird, vermag die Tendenz des undatierten Nachlaßtyposkripts Karl May. Ein deutsches Phänomen tatsächlich zu irritieren. Daß er nur kurz nach dem Jubiläumsaufsatz entstanden sein soll, ist schwer vorstellbar; solange es jedoch keine anderen Datierungshinweise gibt, müssen wir uns der Ansicht des kundigen Schlichter-Forschers Dirk Heißerer anschließen, der aufgrund der Typoskriptbeschaffenheit (Papierqualität, Stockflecken, Rostflecken einer Büroklammer etc.) und inhaltlicher Zusammenhänge mit anderen zeitkritischen Texten112 fest davon überzeugt ist, daß auch dieser Text 1942 anläßlich des 100. Geburtstages von Karl May entstand.113 Immerhin halten wir es aber für wahrscheinlich, daß mindestens mehrere Monate zwischen den beiden Aufsätzen liegen. Ausgeschlossen werden kann eine Entstehung nach 1945, und zwar nicht nur aus inhaltlichen Gründen (aktuelle Bezüge zu Faschismus und Weltkrieg). Der Text ist im Original und als Durchschlag (mit identischen handschriftlichen Korrekturen) erhalten, war also erkennbar für die Schublade geschrieben. Der Aufsatz erschien erstmals 1995 im Sammelband Die Verteidigung des Panoptikums:114
zu schweigen von jenen erhitzten Köpfen und empfindsamen Nervenbündeln, die, von düsterem Pessimismus heimgesucht, abseits vom großen nationalen Aufbruch der erwachten Massenseele einen leidenschaftlichen, dieser aber völlig unverständlichen und gleichgültigen Kampf um Naturalismus, Symbolismus oder sonst einen Ismus führten. Sie wurden einfach nicht bemerkt, oder man begegnete ihnen mit offener Feindschaft. Der im pubertären Stadium steckengebliebene deutsche Allerweltsbramarbas brauchte für seine juvenile Phantasie einen idealen Helden, in dem er sich spiegeln konnte und der ihn erfolgreich an der ihm so lästigen kritischen Einkehr und reifemachenden Einsicht zu hindern vermochte. Denn sein Trieb ging in die weite Welt; er hatte Hunger, und voll Gier schielte er abenteuerlustig nach den Schätzen der Erde. Er ertrug die Enge seines Vaterlandes nicht mehr, er fühlte sich ihr entwachsen und über alle Maßen leistungsfähig. Auf jedem Gebiet trachtete er die andern niederzukonkurrieren oder sie seine starke Schmetterhand fühlen zu lassen. Nicht umsonst hatten alle diese nach Macht und Reichtum gierenden schnurr- und knebelbärtigen Eisenköpfe auf dem Pennal ihren Winnetou oder den Ölprinzen in sich hineingeschlungen und in ihrer Seele einen unvergänglichen Altar der Selbstherrlichkeit und des unausweichlichen Erfolges errichtet. So wurden der Henrystutzen und der Bärentöter für sie zum Symbol überlegener Waffenhandhabung; zwar im Auslande erfunden und von dort bezogen, wurden sie doch erst in der kundigen Hand des deutschen Überhelden zu jenen furchteinflößenden Wunderwaffen, die den Schrecken zurückgebliebener Völkerschaften bildeten. Sein Ehrgeiz, es allen andern nicht nur gleichzutun, sondern sie auch noch auf ihrem ureigensten Gebiet zu übertreffen, wurde mächtig angefeuert durch die stupenden Fähigkeiten Shatterhands, der besser reitet als ein Apache, sicherer trifft als Lederstrumpf, den Lasso gewandter wirft als ein Cowboy, die Bolas fixer schleudert als der Gaucho, im Tomahawkwerfen den Sioux beschämt, in der Handhabung des Czakan den Skipetar übertrifft und im Speerkampf über den Beduinen obsiegt; der ficht wie ein altfranzösischer Edelmann und schwimmt wie ein Polynesier; der hohe Politik treibt wie ein Bismarck und Feldherrngaben entwickelt wie ein Moltke. Mit einem Wort, er wurde das Urbild jenes deutschen Tausendsassa, der mit seinem schnoddrigen »können wir ooch« die Welt aus den Angeln zu heben vermeint. Er vereinigte alle Trivialitäten und Gemeinplätze der deutschen Spießerseele in sich, aber er versah sie mit den Riesenflügeln einer dichterischen Phantasie von ungewöhnlichem Ausmaße. Er eroberte sich im Geiste Kontinente und zwang die Großen der Erde in seinen Dienst. Vorwegnehmend zeigte er, wie eine Neuordnung der Welt durch Deutschland aussehen würde: bedingungslose Gefolgschaft unter Ausschaltung jeder selbständigen Willensäußerung. Was Old Shatterhand unternimmt oder was unter seiner Leitung unternommen wird, gelingt und trägt die Garantie des Erfolges in sich; alles, was andere aus eigener Initiative unternehmen, mißlingt oder trägt zum mindesten den Keim des Mißlingens in sich. Er ist der geborene Führer, und wehe dem, der ihm widerstrebt: die Hand des Allmächtigen kommt in Gestalt der schmetternden Faust wie ein rächender
Blitz über ihn. Eine Gestalt, so schwindelerregend sündlos und so frei von jeder Schuldverstrickung wie dieser absolute, pure Lichtpinkel findet sich in keinem Werke der Weltliteratur. Sie ist eine einmalige, originale Erfindung made in Germany, in einem andern geistigen Klima nicht vorstellbar; weder vor noch nach ihm wird es je wieder möglich sein, eine solche Gestalt aufzufinden. Sie gehört zum Mythos des deutschen Volkes, und sie trägt alle jene Züge, die dieses Volk den andern Erdenbewohnern so schwer verdaulich macht: den unstillbaren Machthunger, die prahlerische Selbstgefälligkeit, die unnaive Überheblichkeit und die daraus entspringende verletzende Taktlosigkeit; das Ressentiment, die völlige Kritiklosigkeit dem eigenen Wesen gegenüber und - die fatalste Frucht einer lange gezüchteten Schizophrenie - die idealistische Verlogen- und Verbogenheit als Tarnkappe für seinen uferlosen Egoismus. Diese Eigenschaften, verquickt mit einem größeren Aufstiegswillen, ermöglichten es ihm, vor sich selbst und vor anderen die wirklichen Beweggründe seiner dunklen Süchte mit dem dicken Weihrauch frömmelnder Sprüche geschickt zu vernebeln. Für alle Fußtritte, Demütigungen und Entwürdigungen, die er als armseliger, nach dem Lichte strebender Nachtalbe von den einheimischen Machtgötzen in Kauf nehmen mußte, rächte er sich, indem er die Angehörigen fremder Nationen mit all den üblen Lastern versah, die er in so reichlicher Auflage bei den großen und kleinen Tyrannen seiner Heimat vorfand. So entstand aus dem Mangel an Zivilcourage jenes üble Völkerzerrbild, das noch die Enkel beflügelt und das als Rechtfertigung dient für die tobsüchtige, ressentimentgeladene Vernichtungswut, die heute den europäischen Kontinent in Schutt und Asche zu legen droht. Darüber hilft auch die dickwattierte christliche Humanität, womit sein Held dem geduldigen Leser auf Schritt und Tritt auf die Nerven geht, nicht hinweg, zumal sie sich bei näherem Hinsehen nur als die geschickte Verkoppelung eines alten, sehr lukrativen Kolportagetricks mit der guten Witterung für Konjunktur erweist. Man vergesse nicht, seine Zeit hallte wider von den Forderungen nach Humanität und sozialer Ethik. Wollte er bei seinen Zeitgenossen Erfolg haben, so mußte er diesen Ton sogar zum dominierenden in seinem abenteuerlichen Orchester machen. Auch der in späteren Werken so konzessionsfreudig unternommene Versuch, die lockende Fata Morgana eines planetarischen Friedensreiches auf den verdüsterten Horizont Europas zu zaubern, mildert dieses Bild nicht. Gewiß, er war nicht der alleinige Urheber dieses Monumentes von Schiefheit und Ignoranz; Hunderte von nationalen Soldschreibern jeglichen Formats waren an dem unlöblichen Werk beteiligt. Aber keiner hat es so wie er verstanden, die berauschenden Narkotika exotischer Figuren und Landschaften mit dem tödlichen Gift des deutschen Wahnes zu einem solch gefährlichen Zaubertrank zu manschen. Ich glaube, jeder von uns weiß aus eigener Erfahrung, welch maniakalische Wirkung diese einprägsamen Gestalten auf die jugendliche Psyche ausübten; sie lassen manchen guten Mann das ganze Leben lang nicht mehr los. Wahrlich, weit mehr als je ein Werther, Faust oder Tasso hat die fatale Schmetterhand den seelischen Habitus des Deutschen zwischen 1880 und 1914 bestimmt. Wenigstens des
Deutschen, auf den es im politischen Raume ankam und den wir jetzt wieder so prächtig am Werk sehen.
Eine ebenso eigenartige Schöpfung wie seine Schmetterhand sind seine Bösewichter. Nirgendwo in der Weltliteratur wird man je wieder eine so vollkommene Schwarzweißtechnik finden wie in den Schöpfungen dieses sächsischen Kriminalfalls. Seine Schurken sind sozusagen vollkommene Schurken, Inkarnationen des Bösen von einer geradezu unirdischen, übermenschlichen Größe. Man stöbere alle Romane von der ältesten bis in die neue Zeit durch, vergeblich wird man nach solch fleckenlosen Nachtgestalten suchen. Ihre Wirkung auf unausgereifte Gemüter ist auch dementsprechend; sie gleicht der von konzentriertem Alkohol. Und hier komme ich auf das wesentlichste Merkmal seiner seltsam unwirklichen Fabelwesen. Diese Bösewichter entbehren genau wie seine Guten jedes menschlich rührenden Zuges. Sie sind absolut und unmenschlich. Und sind auswechselbar. Denn der vor seinem Tode bekehrte Verbrecher wird genauso unvermittelt zu einem vollkommenen Tugendbolde, wie er vorher ein vollkommener Lasterknecht war. Und ist nachher genau so unfaßbar unausstehlich wie zuvor. Die Bekehrung geschieht von seiten des Guten mit scharfsinnig ausgeklügelten Folterungen jeglichen Grades; nur daß Mister Shatterhand die Anwendung der Folter gnädig dem ihm hörigen lieben Gott überläßt, nachdem dieser vorher die Befehlsgewalt in seine nervichte Faust gelegt hat. Dieses erstaunliche Zuckergemüt voll triefender Edelnis offenbart eine Fähigkeit, das absolut Böse frei von allen Schlacken menschlicher Gefühle so erschreckend körperhaft werden zu lassen, daß man sich unwillkürlich fragt, bis in welche Unterwelt des Unbewußten reichen die Wurzeln eines solchen Vermögens. Bei dem Gedanken, zu welch absurden Auswüchsen der zwiespältige Genius einer derart beschaffenen Rasse noch zu führen vermag, wird es einem leicht unbehaglich zumute. Denn inzwischen erlebten wir die Fleischwerdung jener trüben Entlassungen; die Nachtmahr des Radebeuler Phantasten ist zu einer gleichmütig hingenommenen Tageswirklichkeit geworden. Wir können nun einmal dem Verhängnis der Leibwerdung gedanklicher Emanationen im irdischen Raum nicht entrinnen. So erleben wir sicherlich in den zahllosen Mördergestalten, die heute in unserer zerbröckelnden Kulturwelt herumwimmeln, nichts anderes als die Volkwerdung jener schauerlichen Homunkuli, die sein Gehirnkasten ausbrütete. Hinter diesem unscheinbaren, gütigen Schulmeistergesicht brodelte ein Slum von beträchtlicher Abgründigkeit. Sein Anteil an der geistigen Vorbereitung einer Bereitschaftsstellung zum blutigen Run auf die europäische Kulturwelt ist nicht hoch genug anzuschlagen, zumal bei einem Volke, das darauf brannte, seine aufgestauten Kräfte an einer fiktiven Welt von Feinden auszutoben. Doch die Generation, der er angehörte, fühlte sich noch unsicher; sie hatte Gewissensskrupel, deren Zwang die Söhne und Enkel sich hohnlachend und leichten Herzens entledigten. Sie brauchte noch gut frisierte Lügen, sie konnte dem inneren Schweinehund nicht ohne einen Rest von Scham ins nackte Antlitz schauen. Es war notwendig, sich mit einem Missionsgedanken eine höhere Weihe und damit ein gutes Gewissen
zu geben, sonst bot das geplante Unternehmen einen allzu schäbigen Anblick. Nun, diese ideale, gut frisierte Lüge lieferte er ihnen und besonders ihrer heranwachsenden Jugend in der Gestalt des faustgewaltigen Befriedungsapostels Shatterhand. Und zwar nach dem Grundsatz: je platter, desto wirksamer. Und da wir gerade bei der Lüge sind, möchte ich hier gleich noch eine andere Seite dieser genuin deutschen Lügenhaftigkeit erwähnen, eine Seite, die besonders aufreizende Züge trägt. Ich meine die beharrliche, offizielle Verleugnung der menschlichen Hinfälligkeit, die dumme Eskamotierung kreatürlichen Jammers, den man nur deshalb nicht wahrhaben will, weil er mit dem flachköpfigen Optimismus der holdblumigen, frohgemuten Siegfriedfressen zu unliebsam kontrastiert. Daß unser wackerer Autor auch hierin den Wünschen seines Publikums weitgehend entgegenkommt, zeigen seine oft wiederholten Schilderungen größerer kriegerischer Unternehmungen. Hier hat er den Stil der Frontberichte vorweggenommen. Wie bei ihnen spielen auch bei ihm die Toten und Verstümmelten keine erhebliche Rolle. Sie werden mit einer kurzen bedauernden Geste beiseite geschoben. Die Verluste seiner Gefolgsleute sind immer gering; die wenigen, die der Tücke feindlicher Kriegsführung zum Opfer fallen, sterben in Schönheit und würdiger Pose; wohingegen das Sterben der Feinde meist jämmerlich oder in schäumender Wut und bar jeglicher W&uum
BIOGRAPHISCHE DATEN
1890 Am 6. Dezember wird Rudolf Schlichter als jüngstes von sechs Kindern des katholischen Lohngärtners Franz Xaver Schlichter (1852-1893) und der evangelischen Näherin Rosine Pauline, geb. Schmalzried (1857-1942) im Gartenhaus der Villa Doertenbach in der württembergischen Kleinstadt Calw geboren. 1893 Nach dem frühen Tod des Vaters und einer Schwester zieht die Mutter mit ihren fünf Kindern, den Töchtern Klara und Gertrud und den Söhnen Max, Franz und Rudolf, ins Biegel, eine kleine Calwer Gasse. 1895 Umzug in das große Haus des Uhrmachers Louis Rist und des Bäckers Heugle an der Nikolausbrücke in Calw 1896 - 1904 Katholische Volksschule und Lateinschule (bis zur sechsten Klasse) in Calw
//363//1904 - 1906 Lehre als Emailmaler in der Pforzheimer Schmuckfabrik Herion; Schlichter wohnt aber weiterhin in Calw bei der Mutter. 1906 - 1909 Kunstgewerbeschule in Stuttgart; Schlichter wohnt bei seiner Schwester Gertrud und ihrem Mann, dem Kaufmann Karl Wassmannsdorff, im Vorort Zuffenhausen. 1910 - 1911 Vorbereitung auf die Akademie in der Karlsruher Malerschule von Ludwig Wilhelm Plock 1911 - 1916 Studium an der Großherzoglichen Badischen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe; Schlichter wohnt mit seiner Mutter bei der ältesten Schwester Klara und ihrem Mann Emil, einem Bäcker, im Dörfle, dem Armenviertel der Stadt. Studienkollegen sind u. a. Willi Egler, Egon Itta (in der Autobiographie gen. Egon T.), Julius Kasper (gen. Zack, auch Juller), Willi Müller-Hufschmid (gen. Willy N.), Wladimir Lukianowitsch Zabotin (gen. Wladimir Stepanowitsch Nikenin). Studium: zwei Jahre Zeichenklasse bei Walter Georgi, zwei Jahre Malklasse bei Caspar Ritter (verm. gen. Herzog), anschließend Meisterschüler bei Ritter und Wilhelm Trübner, Abendakt bei Hans Thoma; bei Walter Conz erlernt Schlichter die Techniken der Radierung und der Lithographie. Verschiedene Studienreisen ins Ausland (Mailand, Venedig, Straßburg); über den Libertin Julius Kasper Kontakte zur Unterwelt; Zusammenleben mit der Gelegenheitsprostituierten Fanny Hablützel und Verkauf pornographischer Graphik, meist unter dem Pseudonym Udor Rétyl 1916 - 1917 Einziehung zum Militärdienst; 1917: Munitionsfahrer an der Westfront. Nach einem Hungerstreik Abschiebung in ein Heimatlazarett 1918 Soldatenrat in Karlsruhe 1919 Januar / Februar: Erste Ausstellung, zusammen mit dem russischen Freund Wladimir Zabotin, in der Karlsruher Galerie Moos; Frühjahr: Mitbegründer der Gruppe Rih in Karlsruhe, zusammen mit Zabotin, Itta, Georg Scholz (gen. Wolfgang Fuchs), Walter Becker, Oskar Fischer und Eugen Segewitz; im April erste Gruppenausstellung in der Galerie Moos; Spätsommer: Übersiedlung nach Berlin; Schlichter wird Mitglied der Novembergruppe und der Berliner Secession. Er schließt sich den Berliner Dadaisten um George Grosz, Wieland Herzfelde, John Heartfield und Raoul Hausmann an.
//364//1919 - 1927 Mitglied der KPD; extraordinäre, teilweise kriminelle Revolutionseskapaden (»Expropriationen«); zeitweises Zusammenleben mit der Prostituierten Jenny (seit etwa 1922) 1920 Mai / Juni: Erste Einzelausstellung in der Galerie Dr. Otto Burchard am Lützowufer in Berlin; Juli / August: Teilnahme an der von Grosz, Heartfield und Hausmann veranstalteten Ersten Internationalen Dada-Messe in der Galerie Burchard; in den folgenden Jahren Illustrationsaufträge von mehreren Verlagen (u. a. Verlag Richard Weissbach, Gustav Kiepenheuer Verlag, Orchis Verlag, O. C. Recht Verlag, Malik-Verlag, Elena Gottschalk Verlag) 1922 Illustrationen zu Charles Sealsfields Das blutige Blockhaus (Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam) 1924 Illustrationen zu Bret Hartes Kalifornischen Erzählungen (Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam); Juni: Gründungsmitglied und Schriftführer der Roten Gruppe, einer Vereinigung kommunistischer Künstler in Opposition zur Novembergruppe; weitere Mitglieder u. a.: George Grosz (Präsident), John Heartfield, Otto Dix und Otto Schmalhausen; Schlichters Adresse wird mit Berlin-W. 30 (Schöneberg), Neue Winterfeldstraße 17a, angegeben. Kontakte zu zahlreichen Linksintellektuellen, darunter Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Erich Kästner, Egon Erwin Kisch und Oskar Maria Graf; Beteiligung an der ersten deutschen Kunstausstellung in der UdSSR 1925 Beteiligung an der Ausstellung Neue Sachlichkeit in der Städtischen Kunsthalle Mannheim 1927 Beteiligung an der Ausstellung Das Problem der Bildnisgestaltung in der jungen Kunst in der Galerie Nierendorf, Berlin; folgenreiche Begegnung mit der späteren Frau Speedy (Elfriede Elisabeth Koehler, 1. 9. 1902 - 3. 3. 1975), einer Kokotte und Filmstatistin (Die freudlose Gasse, 1925) aus Genf, im Restaurant des Bruders Max; fundamentale Krisis; unter Speedys Einfluß Beginn des Rückzugs aus dem politischen Leben und der Rückkehr zur katholischen Kirche (»geistige Wandlung und Umkehr«) 1928 Eingeschriebenes Mitglied der Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands (ASSO); Einzelausstellung Rudolf Schlichter in der Galerie Neumann-Nierendorf in Berlin
//365//1929 Kontakte zu Ernst Jünger, Ernst von Salomon, Arnolt Bronnen, Ernst Niekisch und anderen Nationalisten; 23. Dezember: Heirat mit Speedy (im selben Jahr Nebendarstellerin im Film Das Tagebuch einer Verlorenen von Georg Wilhelm Pabst); einer der Trauzeugen ist George Grosz. 1931 Frühjahr: Im Ernst Pollak Verlag Berlin-Charlottenburg erscheint Zwischenwelt. Ein Intermezzo, die Geschichte der Beziehung zu Speedy, vom Verlag annonciert als »das leidenschaftliche Bekenntnis einer erotisch abwegigen Natur«. November: Der erste Band der Autobiographie, Das widerspenstige Fleisch, erscheint im Berliner Ernst Rowohlt Verlag, vordatiert auf 1932. 1932 Schlichter verläßt »großstadtmüde« Berlin und zieht sich in die schwäbische Bischofsstadt Rottenburg am Neckar (bei Tübingen) zurück; Wohnung in der Seebronner Straße 1/II, gegenüber dem Dom. 1933 »Abschneidung jedes öffentlichen Wirkens«; der zweite Band der Autobiographie, Tönerne Füße, kann noch erscheinen, wird aber im Juli vom Kampfbund für Deutsche Kultur zusammen mit dem ersten Band als »pervers-erotische Selbstdarstellung« auf die Schwarze Liste für öffentliche Büchereien und gewerbliche Leihbüchereien gesetzt. Ende des Jahres werden beide Bücher auch offiziell ausgemerzt. 1935 1. Juni: Beginn des Verfahrens zum Ausschluß aus der Reichsschrifttumskammer wegen der beiden autobiographischen Bücher und der Zeichnung Goliath verhöhnt das Volk Israel in der Jungen Front (1934), einer katholischen Wochenzeitung junger Deutscher; 1. Oktober: Ausschluß aus dem Reichsverband Deutscher Schriftsteller und der Reichsschrifttumskammer 1936 1. April: Umzug nach Stuttgart, Neue Weinsteige 5; November: Weitgehend geheimgehalten eröffnet Schlichter in den Räumen der Privatkunstsammlung von Hugo Borst in Stuttgart eine Ausstellung seiner Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle. 1937 Verweis der Reichskammer der Bildenden Künste wegen des allegorischen Bildes Blinde Macht; aus den Museen werden siebzehn Werke Schlichters entfernt, in der Münchener Ausstellung Entartete Kunst ist er mit vier graphischen Blättern vertreten.
//366//1938 27. Januar: Ausschluß aus der Reichskammer der Bildenden Künste; November: aufgrund anonymer Verleumdungen wegen »unnationalsozialistischer Lebensführung« und »Kuppelei« inhaftiert (weil das Ehepaar Schlichter mit zwei jungen Freunden, den katholischen Juristen Otto Blessing und Dieter Sekler, zusammenwohnt); Anfang 1939 Verurteilung zu zwei Monaten Gefängnis, verbüßt durch dreimonatige Untersuchungshaft in Stuttgart 1939 Januar: Wiederaufnahme in die Reichskammer der Bildenden Künste; April: Übersiedlung nach München, Pettenkoferstraße 25/III; in den folgenden Jahren Kontakt zu einem Kreis maßgeblicher Katholiken, die sich um die (1941 verbotene) Zeitschrift Hochland und ihren Herausgeber Carl Muth in München-Solln gruppieren, darunter die christlichen Philosophen Theodor Haecker und Alois Dempf. 1943 lernt Schlichter hier auch den Studenten Hans Scholl kennen. 1940 Beginn der Arbeit an einem Illustrationszyklus zu Tausendundeine Nacht 1942 19./20. September: Verlust von Wohnung und Atelier durch einen Bombenangriff; ein Teil der Werke verbrennt. Notwohnungen in Althengstett bei dem befreundeten Calwer Fabrikanten Heinrich Perrot und in München, Fraunhoferstraße 38/I 1943 Januar: Umzug nach München-Laim, Egetterstraße 17/II, der letzten Wohnung; zeitweises Zusammenleben des Ehepaars mit dem jungen Medizinstudenten Horst Richard Münnich 1946 Beteiligung an der Ersten Deutschen Kunstausstellung in Dresden, in der Schlichter mit seinem surrealistischen Spätwerk an die Öffentlichkeit tritt. Gründung der Neuen Gruppe in München (mit Edgar Ende u. a.) 1947 Juni / Juli: Erste Ausstellung der Neuen Gruppe in der Städtischen Galerie München; Schlichter stellt in den folgenden Jahren regelmäßig im Rahmen der Neuen Gruppe in der Großen Münchner Kunstausstellung (Haus der Kunst) aus und beteiligt sich an Ausstellungen in München, Stuttgart, Mannheim, Köln, Heidelberg, Konstanz und anderen Städten. 1949 Illustrationen zu Friedrich Gerstäckers Erzählungen Aus dem Wilden Westen (Verlag Deutsche Volksbücher, Rottenburg am Neckar); die Schrift Das Abenteuer der Kunst er-
//367// scheint im Ernst Rowohlt Verlag, Stuttgart-Hamburg-Baden-Baden. Schlichter begründet darin und in zahlreichen Artikeln seine Hinwendung zum Surrealismus und verurteilt die einseitige Vorherrschaft der abstrakten Malerei. 1953 Februar - April: Ausstellung Rudolf Schlichter in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München 1955 April: letzte Ausstellung zu Lebzeiten im Kunstverein München; gezeigt werden u. a. die Illustrationen zu Tausendundeine Nacht. Am 3. Mai stirbt Rudolf Schlichter an einer Urämie als Folge einer Darmkrebsoperation in einem Münchener Krankenhaus. Begräbnis am 6. Mai auf dem Waldfriedhof (Alter Teil, Grabstätte 108-W-69, 1984 aufgelassen und neu belegt)
I.
Rudolf Schlichter wuchs, wie vor ihm schon der dreizehn Jahre ältere Hermann Hesse, im schwäbischen Pietistenstädtchen Calw an der Nagold auf.13 Es waren die »Kindheits- und Jugenderfahrungen in einer proletarischen und subproletarischen Umgebung einer verlogenen Kleinstadtidylle im wilhelminischen Deutschland«, die in ihm früh die »Sehnsucht nach Abenteuer und großer Welt« schürten.14 Beflügelt wurde das »brennende Interesse« an den »fernen mysteriösen Welten der Historie und Exotik« durch Erzählungen vom ruhmreichen Schicksal des Onkels Wilhelm, eines Bruders der Mutter, der 1870 nach Nordamerika ausgewandert war und fünf Jahre als Soldat der US-Miliz »im fernen Westen« gewesen sein soll, wo er den »letzten großen Indianerkrieg gegen den Siouxhäuptling Sitting Bull im Jahre 1876« mitmachte und »verschiedene Scharmützel gegen die vereinigten Dakotas« unter dem prominenten Kommando von Major Reno, Texas Jack und Oberst Cody alias Buffalo Bill erlebte.15 Mag der Wahrheitsgehalt dieser Familienlegende auch mehr als fragwürdig sein, so versteht man doch, wie sehr dem jungen Rudolf Schlichter eine solche heroische Alternative zur bieder-langweiligen Wirklichkeit in Calw imponiert haben muß. Auch in ihm war der »Traum der unterdrückten Kreatur, die großes Leben haben will«,16 von allem Anfang an lebendig, und Autoren wie Karl May sollten ihm den besten Stoff dazu liefern.
//368//
(...) der Fanatismus, mit dem ich mich auf diese Dinge stürzte, (rief bei mir) Erscheinungen hervor, die an ein zeitweiliges Irresein erinnerten und die absolut den Charakter einer schweren Gemütserkrankung aufwiesen. Zwar betätigte auch ich mich wie die andern Jungen in wilden Streifzügen durch die schönen Wälder unserer Heimat, aber ich steigerte das Spiel sofort ins Gesetzlose, ich begnügte mich nicht mit dem einfachen Kriegspielen, sondern versuchte, durch regelrechte Einbrüche in Gartenhäuschen, wilde Zerstörungsakte in Höfen und Anlagen durch das Anlegen von Böschungsbränden der ganzen Indianerei erst das richtige Gesicht zu geben. Ich erfand grausame Foltern, führte geheimnisvolle Riten ein, versuchte auch einmal, einem meiner zärtlich geliebten Oberklassenjungen Blut abzuzapfen; ich sammelte fleißig Bilder von Hinrichtungen, Menschenopfern, Sklavenjagden und wühlte mich auf diese Weise in einen Orkus von Greueln ein; ich verlor mich in einem Gestrüpp peinigender Vorstellungen, in einem Irrgarten brennender Qualen, aus dem ich vergebens nach Rettung brüllte. In der Hauptsache war es die Lektüre Karl May's, Wörishöfers, Coopers und Rinaldo Rinaldinis, die mich immer wieder in einen wilden Paroxysmus versetzte; ich lebte in einer wirren Traumwelt, die Wirklichkeit wurde blaß und schemenhaft, Schule, Aufgaben, Mutter, Geschwister, Kameraden existierten für mich nur noch als lästige Störungsmomente. Ich saß nachmittagelang in irgendeinem Winkel hinter unserem Haus und las vier bis fünf Stunden wie besessen; mit offenen Augen träumend wandelte ich nach solchen Leseexzessen in den Straßen umher und murmelte, geschüttelt vom Rausche des Gelesenen, während mir eine angenehme Gänsehaut nach der andern den Rücken herunterlief, die Illustrationsunterschriften oder besonders eindrucksvolle Sätze des Textes vor mich hin.18
Die Beschreibung dieses »Paroxysmus« wäre Wasser auf die Mühle so manchen zeitgenössischen Pädagogen gewesen, der in Karl May den Jugend- und Volksverderber schlechthin sehen wollte (tatsächlich blieb Schlichter dann in der Schule sitzen); sie erinnert nicht zufällig aber auch an ähnliche Stellen in Mays eigener Autobiographie Mein Leben und Streben, so vor allem an seine Schilderung der verheerenden Wirkung der Ritter- und Räuberromane aus der Hohensteiner Leihbibliothek, die den Knaben schließlich sogar dazu brachten, nach Spanien auswandern zu wollen, um bei einem edlen Räuberhauptmann Hilfe zu holen. Schlichter und May besaßen offenbar - zumindest in jungen Jahren - eine vergleichbare psychische Disposition, die sie beide für Rinaldo Rinaldini begeisterte und ihre Wirklichkeitsbegriffe verwirrte. Schlichters May-Faszination erklärt sich gerade auch von daher.
//369//
Vor allem war es Karl May, der mir unzählige Stunden sublimster Träumerei, fantastischster Aufschwünge bescherte. Ich war so befangen in den Schilderungen der fremden exotischen Welten seiner Romane, daß ich alles andere rings um mich her vergaß; seine Gestalten wurden so sehr lebendige Wirklichkeit, daß ich in den nächtlichen Träumen oft vermeinte, sie leibhaftig sprechen und agieren zu sehen. Dabei war ich noch so naiv, daß ich alles, was er berichtete, wörtlich glaubte. Mit leidenschaftlichem Fanatismus verteidigte ich ihn gegen alle Angriffe auf die Glaubwürdigkeit seiner Geschichten; ich wollte einfach glauben und so wies ich auch alle bei mir etwa auftauchenden Zweifel hartnäckig von mir. Jeden Pfennig sparte ich mir vom Munde ab, um meine Sammlung an Maybänden zu erweitern und zu vervollständigen, jeder Tag, an dem ich in der Lage war, mir einen neuen Band zu erwerben, war für mich ein Festtag.20
Er verschaffte sich »genaue Landkarten«, um Mays fiktive »Reiserouten bis in die letzten Einzelheiten« zu verfolgen, »suchte für seine Schilderungen fremder Länder und Völker Bestätigung in allen möglichen ausgefallenen ethnographischen Werken und Lexika« und »stöberte jede erreichbare Bildersammlung von Trachten und Kostümen auf, um die Echtheit seiner Angaben nachzuprüfen«: »Auf diese Weise eignete ich mir ein ziemlich großes Wissen an auf allen Gebieten der Geographie und Völkerkunde, ein Wissen, mit dem ich sogar oft weitgereiste Menschen verblüffte, die
//370//
Im Gegensatz zu den meisten meiner Altersgenossen, die sich über die christlichen Tugenden und die allzuweit getriebene Nachsicht Old Shatterhands-Kara ben Nemsis ärgerten und an seiner Langmut auch mit den ärgsten Verbrechern heftig Anstoß nahmen, fesselten mich gerade diese Stellen der Bekehrung im letzten Moment am meisten; solche Szenen riefen bei mir allemal eine tiefe Rührung hervor, ja ich erwischte mich oft bei einem quälenden Mitleid mit diesen schwarzen Schurken, dunkel fühlte ich, daß auch in mir ein solcher Verbrecher schlummerte, der allen Grund hatte, ein nicht zu hartes Strafgericht gegen andere zu befürworten. Wie, dachte ich oft, wenn du nach Verübung feiger Freveltat in die Hände Winnetous oder Old Shatterhands geraten solltest, wie würdest du bestehen? Würde er nicht auch dir, wenn du gefesselt am Boden liegst, mit einem verächtlichen »Pshaw« den Rücken kehren? Würde nicht der edle Winnetou dir sein vernichtendes »Uff, die Bleichgesichter sind jammernde Coyoten« ins Gesicht schleudern, wenn er deinen gnadeflehenden Blick bemerken würde? Angesichts solcher Möglichkeiten erschrak ich ernsthaft; ich gelobte mir, sobald ich meine Lehre beendet hätte, durch fleißiges Üben im Reiten, Schießen und Lassowerfen jenen Grad von Geschicklichkeit zu erwerben, der mich jederzeit in die Lage versetzen würde, die gemeinen Schwächen meiner Natur in Gefahrsmomenten so in Schach zu halten, daß die Möglichkeit eines Versagens beinahe ausgeschlossen war.22
Derartige moralische Bedenken hinderten den jungen Lehrling freilich nicht, auch mit Hilfe Karl Mays um erotische Gunst zu werben. Als ihm einmal eine stille Emailleuse auffiel, die »in den Vesperpausen eifrig in merkwürdigen, mit bunten Umschlagbildern versehenen Heftchen las«, und er »zu schüchtern war, mit ihr eine Unterhaltung anzufangen«, griff er »zu einer List, um ihr Interesse zu erwecken«: »Ich ließ abends wie aus Zufall einen Karl-May-Band auf dem Hocker, der vor ihrem Arbeitsplatz stand, liegen und tat am andern Morgen so, als ob ich das Buch suchte. Richtig, sie meldete sich auch prompt, wir kamen ins Gespräch und sie erklärte mir sogleich, daß auch sie eine große Verehrerin von Karl May sei, aber fügte sie gleich hinzu, es gäbe noch schönere und spannendere Geschichten wie die von Karl May: z. B., ob ich schon Lips-Tullian, der große Räuberhauptmann Schlesiens oder Hans Rudolf Zimmermann, der kühnste Räuberhauptmann Sachsens gelesen hätte?«23 Mehr als eine »kindische Liebe« wurde allerdings nicht aus diesem verheißungsvollen Anfang, auch wenn das Mädchen den nicht nur in dieser Hinsicht Unerfahrenen endlich über die »Vorgänge des Schändens und Vergewalti-
//371//
Nur ein Umstand fiel mir an den sonst so geschätzten Erzählungen unangenehm auf: das war die Abwesenheit jeglicher revolutionärer Idee. Mich quälte diese mir immer wieder peinlich aufstoßende, monarchisch-staatstreue Gesinnung seiner Helden entsetzlich; daß auch nirgends in keiner Zeile das Hohelied des Empörers gesungen wurde, daß nirgends auch nur ein leichter Hauch der Freiheit wehte, ja im Gegenteil jede auch die leiseste Form von politischer Opposition hart verdammt und der Revolutionär mit dem infamsten Schurken auf eine Stufe gestellt wurde, das konnte ich nicht schlucken, dagegen bäumte sich alles in mir auf. Viele seiner Bücher wurden mir durch diese mir ganz unbegreifliche Ablehnung auch des edelsten Umsturzwillens verekelt. Ich half mir, um mein Idealbild nicht zu sehr getrübt zu sehen, einfach damit darüber weg, daß ich krampfhaft die Augen vor dieser Tatsache verschloß und mir einredete, das wäre ja im Grunde nicht so wichtig, damals wäre das auch anders gewesen, er hätte doch auch an andern Stellen wieder ein warmes Herz für's Volk bewiesen, usw. Nach außen hin verheimlichte ich natürlich diese meine betrübliche Entdeckung seiner finster reaktionären Haltung, um ja keinen Schatten auf das leuchtende Bild meines Helden fallen zu sehen.25
Jahrzehnte später sollte dieser ungerechte, nie wirklich korrigierte ideologische Vorbehalt noch durch äußere Einflüsse bestärkt werden und Schlichter am Ende endgültig gegen seinen »Rocher de bronze« aufbringen, den er sich »in (seiner) Seele errichtet hatte«.26 Den Ursprung hiervon kann man schon in diesem frühen Mißverständnis sehen, durch das der Knabe in einen »argen Widerspruch« geriet, weil es ihm nicht gelang, die »Ideenwelt« Karl Mays mit seiner »exaltierte(n) Begeisterung« für die vermeintlich entgegengesetzten Tendenzen der Revolution in Einklang zu bringen: »Vergebens suchte ich die Brücke zwischen dieser Welt idealer ritterlicher Christlichkeit und jener nicht minder idealischen meiner vergötterten Freiheitshelden.«27 Es scheint, daß dieser unechte »Widerspruch« sich für Schlichter erst dann löste, als er sich in späteren Jahren von beiden Idealwelten verabschiedete.
//372//
Ich mußte meinen Helden gegen böse Verdächtigungen in Schutz nehmen, üble Gerüchte und Verleumdungen tauchten auf; als sich gar noch einer in meiner Gegenwart erlaubte, die Behauptung aufzustellen, Karl May wäre gar nicht in jenen Ländern gewesen, da faßte ich den heroischen Entschluß, selbst an ihn zu schreiben und an ihn die vertrauensvolle Frage zu richten, ob er wirklich all das erlebt hätte, was er geschrieben habe. An einem Sonntag setzte ich mich mit einem gleichgesinnten C....r [Calwer] Schulfreund, der allerdings schon in einem bedenklichen Ausmaße vom Zweifel angefressen war, zusammen, um den Plan eines Schreibens an unsern Heros in die Tat umzusetzen. Man kann sich kaum die Spannung vorstellen, mit der wir auf die Antwort, die ziemlich lange auf sich warten ließ, lauerten. Endlich nach Wochen bangen Wartens traf ein großes dickes Couvert bei uns ein. Voll Neugier, mit dem Gefühl, als ob Seligkeit und Verdammnis davon abhingen, öffneten wir die umfangreiche Sendung; aber wie enttäuscht wurden wir durch die betrübliche Feststellung, daß das Couvert nichts weiter enthielt als langwierige gedruckte Prospekte mit dunklen Philosophastereien über das »Ich«, über Babel und Bibel, über den symbolischen Gehalt der May'schen Werke, über seine geistig-religiösen Ziele usw.; sonst aber nichts, aber auch gar nichts von dem, was wir eigentlich wissen wollten. Da war nirgends die Rede vom Henrystutzen, vom Bärentöter, von Tah-tscha-schtunga, von Iben Aßl, von Begegnungen mit Texas-Jack oder Buffalo-Bill; kein Bild war zu finden, das unsern Helden in seiner berühmten Farwestausstattung oder in seinem arabischen Kostüm zeigte; nur die simple Photographie eines alten gütig blickenden Mannes in schlichtem Zivilröckel war auf einem der Prospekte aufgedruckt. Das war er, unser mit heiliger Einfalt verehrter Held. Lange fanden wir keine Worte für unsere Enttäuschung; endlich meinte mein Schulfreund mit bedauerndem Achselzucken: »do schtimmt was net, mit dene G'schichte, i glaub, dös muß mer älles ganz anders verschteh'!« Ich protestierte natürlich dagegen, denn ich wollte mir den empirischen Wahrheitsgehalt der Reiseschilderungen nicht rauben lassen; ich versuchte, ihm zu beweisen, daß diese Sendung auf einem Mißverständnis beruhen müsse, daß wahrscheinlich sein Sekretär daran schuld wäre, wenn wir nicht das Richtige bekommen hätten, außerdem wisse ich genau, daß Bilder von ihm in mexikanischer Tracht existierten, sogar eine Photographie gäbe es von ihm mit Winnetous Silberbüchse! Ich hätte das Bild selbst gesehen, mir könnte er doch glauben! Schließlich nach langem Hin und Her einigten wir uns dahin, daß der größte Teil der Geschichten doch wahr sein müsse, was durch die Bilder hinlänglich bewiesen sei und daß vielleicht nur ein kleiner Teil erdichtet wäre. Diese Übereinkunft beruhigte mich wieder; mein Glaube an Old Shatterhand ging neu gestärkt aus diesem Feuer der Prüfung hervor, bereit, neuen Zweifelsstürmen auch weiterhin mit beharrlicher Treue zu trotzen.28
//373//
//374//
//375//
//376//
//377//
Die elementare Lust, die lange verdrängte Leidenschaft für die wilde, schöne Welt des Farwest brach mit Macht hervor und schwemmte alle durch ein besorgtes Kunstphilistertum angehäuften Vorurteile und Hemmungen gegen die Zulässigkeit solcher Stoffe in der bildenden Kunst hinweg. Warum sollten derartige Sujets nicht ebenso geeignet für die Kunst sein wie die reichlich abgedroschenen Gestalten des klassischen Altertums. War nicht das Leben des Unkas ein ebenso großes Beispiel edler männlicher Tugend wie das Leben Achills oder Hektors! Was war die Rache des Odysseus gegen die Rache Carlos des Ciboleros, des weißen Häuptlings, der nicht nur eine kleine Anzahl schäbiger Freier, sondern gleich eine ganze Stadt seiner Rache opferte! Welche Heroengalerie, angefangen von den weißen Vätern Kanadas, den Gründern Montreals über Sieur de Lasalle, dem prächtigen Marquis Frontenac, Falkenauge, Steinherz bis zu Old Firehand, Buffalo Bill, der Miß Admiral und Texasjack; wahrlich gegen diese lebensnahen Helden der Wildnis verblaßten die ohnehin nicht sehr farbigen Gestalten der griechischen Mythologie. Begeistert zog ich die alten Schmöker wieder hervor. Mit Wonne vergrub ich mich in die Geschichte der Eroberung und Kolonisierung Amerikas, wie damals von derselben heißen Sympathie für das tragische Geschick des roten Mannes erfüllt. Namen wie Conanchet, Metakom, Tekumseh jagten mir wie einst Schauer der Begeisterung durch den Leib und gar Worte wie Susquehanna, Llano Estakado, Rio Grande del Norde, Santa Fé und Frisko wirkten wie magische Zeichen auf mich ein.50
Neben den »alten Schmökern«, zu denen natürlich auch wieder Karl May zählte, verschlang Schlichter jetzt die für ihn noch neuen Schmöker von Sir John Retcliffe und Captain Mayne Reid; nicht zuletzt machte er wichtige literarische Neuentdeckungen, las erstmals Charles Sealsfield, Gustave Aimard, Bret Harte und Coopers Lederstrumpf in der originalgetreuen
//378//
//379//
//380//
//381//
Besonders häufig fuhren wir nach Karlsruhe, wo es eine Vereinigung moderner Maler gab, die sich die Gruppe Rih nannte - nach Karl Mays unvergleichlichem, über die arabische Steppe dahinfliegendem Rapphengst. Doch hätte sich der keusche May nicht träumen lassen, welch erotomane Bedeutung seinem braven, ehrbaren Schammar-Hengst dort beigelegt wurde. Wenn man um diese Zeit die biedere Stadt Karlsruhe betrat, gleich ob vom Bahnhof her oder aus irgendeiner ländlichen Umgebung, fand man überall, an Häuserwänden und Mauern, ein mit farbiger Kreide gezeichnetes - allerdings kubistisch verschlüsseltes - phallisches Symbol, in seinen Grundformen unmißverständlich, darunter ein Pfeil mit der in kindlichen Schriftzügen angebrachten Weisung: Z u r G r u p p e R i h!
Von Wilhelm Fraenger wurde Schlichter wegen seiner »Vorliebe für die Indianer« angeblich »Der große Häuptling Wigwamglanz« genannt,70 ein Name, den man ihm allerdings schon in der Heimat spöttisch angehängt hatte. Tiefer geht der exotische Vergleich, wenn er sich auf künstlerische Aspekte bezieht. So ließ der affektive, das Wesentliche oft schon im ersten Strich erfassende Zeichenstil Schlichters den Kunsthistoriker später von Formen
//382//
//383//
//384//
//385//
II.
Rudolf Schlichters Leben und Werk erweisen ihn als eine zutiefst ambivalente Persönlichkeit. Obschon er seine Herkunft leidenschaftlich haßte, blieb er ihr ein Leben lang verbunden; obwohl er alles Kleinbürgerliche zornig verachtete, wurde er nicht müde, es immer wieder neu zu thematisieren. Sein Weg führte ihn aus der Provinz in die Weltstadt und wieder zurück; ideologisch bewegte er sich von einem mühsam errungenen revolutionären Linksintellektualismus hinein in das Lager kulturkonservativer Katholiken und Nationalisten. Auch sein künstlerisches Werk ist so uneinheitlich, von
//386//
//387//
Zur Wiederkehr seines 100. Geburtstages am 25. Februar
»Und ist es wirklich wahr, Sihdi, daß du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund [widerlicher als eine Ratte, die nur verfaultes frisst]?« Wer unter uns Karl-May-Lesern erinnerte sich nicht mit pietätvoller Lust dieser von dem unvergeßlichen Hadschi Halef Omar seinem Herrn Kara ben Nemsi gehaltenen Bekehrungsrede, womit das erste Buch der ersten sechsbändigen Romanreihe anhebt. Sogleich sind wir entrückt in die heiße Welt des islamischen Orients, und voll Spannung verfolgen wir den Ablauf der tollen Abenteuer, die fast sämtliche Provinzen des alten türkischen Reiches zum Schauplatz haben. Gleich einem neuen Cid oder Amadis von Gallien hetzt der intelligente und glaubensstarke Kara ben Nemsi hinter einer Unterwelt von Nachtalben her [deren fleckenlose Bösartigkeit allein schon seinem Erfinder alle Ehre macht]. Ich glaube kaum, daß man noch irgendwo in der europäischen Literatur so vollkommene Bösewichter auftreiben kann. Ihnen entgegen steht die [ebenso] fleckenlose Lichtgestalt Kara ben Nemsis, die nicht nur mit einer unüberwindlichen Körperkraft ausgestattet ist, sondern die auch noch alle Tugenden und Vorzüge eines deutschen Mannes und Christen besitzt. Auch diese Erschaffung [Schöpfung] des völlig sündlosen, von aller Schuldverstrickung freien und keiner menschlichen Leidenschaft unterliegenden Helden ist einmalig. Doch nicht nur hierin unterscheidet er sich von seinen älteren Vorgängern. Er hat es beispielsweise nicht mehr nötig, mit geweihten oder verzauberten Waffen den Gegner zu besiegen. Seine Zauberwaffe ist ein Wunder der Technik und seine körperliche Ueberlegenheit ist einfach die eines Zirkusartisten, erreicht durch pausenlose Ertüchtigung. Denn er handhabt den Lasso wie ein Mustercowboy, schleudert die Bolas fixer als ein Gaucho, wirft den Czakan gewandter als der Skipetar, reitet mit dem Sioux um die Wette, ficht wie ein altfranzösischer Edelmann und schwimmt wie ein Polynesier. Und er macht kein Geheimnis daraus, wie er in den Besitz der Wunderwaffen gelangt und wie man die stupenden Eigenschaften erwirbt, womit er vor der staunenden Welt brilliert. Da gibt es keine geheimnisvollen Zwerge, Hexen oder
//388//
//389//
Abgesehen vielleicht von einigen (für den Zeitungsdruck zum Teil gestrichenen) Stellen, die eher unfreiwillig etwas von den sexuellen Obsessionen des Autors verraten (etwa seiner Vorliebe für Prügelszenen), dürfte es an diesem Text kaum etwas geben, mit dem nicht auch heute noch jeder begeisterte May-Leser ohne weiteres einverstanden sein könnte. Schlichters Perspektive ist hier noch einmal ganz die des jugendlichen Fanatikers; die von ihm beschriebenen Gefühle der »Lust« und »Wonne«, »Spannung« und Entrückung wurden und werden von allen abenteuerhungrigen Lesern geteilt, und der »geheimnisvolle Zauber« entzündet sich tatsächlich immer wieder an den von ihm genannten Elementen, an »tollen Abenteuern«,105
//390//
//391//
//392//
Ein deutsches Phänomen
Die Bedeutung Karl Mays für die seelische Formung des deutschen Volkes im letzten halben Jahrhundert ist, wie mir scheint, bis jetzt noch nicht genügend erkannt worden. Es ist kein Zufall, daß zur selben Zeit, als Nietzsche seinen Übermenschen konzipierte, Old Shatterhand-Kara ben Nemsi im dunstigen, gewitterschwangeren Zwielicht des neuen Deutschlands das Licht der Welt erblickte. Er wuchs rasch und eroberte sich die Herzen und Hirne nicht nur der Jugend, sondern auch zahlloser Erwachsener. Wie hätten auch einem solchen Helden, der die unausgesprochenen Sehnsüchte von Millionen schnell aufgeschossener, von einem unstillbaren Appetit befallener deutscher Gründerzeitflegel verkörperte, die Klassiker standhalten können. Diese armen Klassiker, deren nüchternes Menschenbild sich neben der sieghaften christlich-germanischen Schmetterhand in ein wesenloses Nichts auflöste, hatten einer Rasse, der die Kleider oben und unten zu eng wurden und deren Muskeln so zu schwellen begannen, daß sie in keinen Rock mehr hineinpaßten, nichts mehr zu geben. Sie waren auf den Altenteil gesetzt und dienten höchstens noch als Aushängeschilde oder Warenmarken für expansionstrunkene Emporkömmlinge. Ganz
//393//
//394//
//395//
//396//