| Für P. Ignatius Puthiadam SJ Das Selbst ist sich selbst verborgen. Von allen Schätzen wird der eigene zuletzt ausgegraben. Nach Friedrich Nietzsche | |
| »Werde Mensch; du bist noch keiner!«1 |
Mays Alterswerk ist literarisch aufs höchste ambitioniert. Doch der späte May verstand sich selbst fast mehr noch als spiritueller Psychologe denn als Poet: Ich schreibe nicht Romane und nicht Reiseerzählungen, sondern ich bin Psycholog. Ich suche nach der Seele und dem Geiste des Menschen. Und über das, was ich gefunden habe, gebe ich Anschauungsunterricht.2 Zu den vielen Texten, die dieses neue Selbstverständnis des Dichters belegen, gehört - herausragend - das Droschkengleichnis, welches May am 6. Oktober 1905 in einem Brief an den jungen Buchhändler Hans Möller - vielleicht erstmals - konzipierte.3
Rein literarisch gesehen verdient Mays Droschkenparabel wohl keine Beachtung. Biographisch interessant ist dieser, von May selbst als trivial4 bezeichnete, Text aber wegen der außerliterarischen Ansprüche, die der Autor mit seinem Gleichnis verknüpft: Die neue, in die Zukunft weisende Psychologie will er entdeckt haben. Und die wichtigsten Menschheitsfragen sollen in der Droschkenparabel gültig beantwortet sein. Das klingt natürlich verrückt. Ob und inwiefern Mays Ansprüche dennoch ernst zu nehmen sind, dies ist der Gegenstand meiner Betrachtungen.
Führt von der Droschkenparabel ein Weg zur heutigen Psychologie? Auf welche Denktraditionen geht Mays Parabel zurück? Mit welcher Anthropologie, welchem Menschenbild, welchen Zukunftsvisionen könnte sie heute verknüpft werden?
Jürgen Pinnow dachte, Mays Gleichnis habe zumindest zwei Vorläufer, einen im hellenistischen Abendland und einen im südasiatischen Morgenland.5 Die von Pinnow genannte Passage in Platons Gesetzen kommt als Vorläufer für Mays Parabel allerdings nicht in Frage6 - schon eher das Gleichnis vom Seelenwagen im Phaidros.7 Am ehesten aber kommt die, wie der platonische Mythos an die 2400 Jahre alte, indische Kathaka-Upa-
nishade (3, 3ff.)8 als Inspirationsquelle Mays in Betracht. Daß May diese Sanskrit-Stelle gekannt hat, halte ich, aufgrund einer bemerkenswerten Indizien-Kette,9 für ziemlich wahrscheinlich. Zwar brachte meine, in anderer Hinsicht durchaus nicht vergebliche, Spurensuche in der Villa »Shatterhand« im Blick auf die Herkunft der Droschkenparabel kein zweifelsfreies Ergebnis,10 aufgrund eines zufälligen Fundes in meiner Hausbibliothek aber kann ich berichten: Wenig später als May - und sicherlich unabhängig von ihm - erklärte auch der spirituelle Lehrmeister und Enneagramm-Entdecker George Ivanovitsch Gurdjieff (ca. 1872-1949) seinen Schülern das Droschkengleichnis. Gurdjieff, einer der interessantesten Mystiker des 20. Jahrhunderts, ein Kenner auch Platons, des Neuplatonismus und der indischen Geheimlehren (Upanishaden), verwendete die merkwürdige, in ihrer Substanz uralte Droschkenparabel, um seine neue und tatsächlich revolutionäre Psychologie zu veranschaulichen. Diesem Umstand als solchem kommt, über die Quellenfrage11 hinaus, eine Bedeutung zu, die ich im vorliegenden Aufsatz erörtern will.
1. Die Droschkenparabel in den Mayschen Versionen
Die, nach dem heutigen Forschungsstand, früheste May-Fassung der Droschkenparabel - im Brief an Möller - hat folgenden Wortlaut:
Da steigt der Kutscher auf. Das ist die Seele. Jetzt ist Geschick und Wille da. Man kann loskutschiren; aber eintragen wird es nichts. Hierauf kommt ein Herr, dem man es ansieht, daß er zahlen kann. Der steigt ein und befiehlt »Lindenstraße und Jäger-Allee nach der Artillerie-Kaserne und dann nach Fahrland durch das Nedlitzer Holz!«
Dieser Herr ist nun endlich der Geist, der Menschengeist, durch den die Droschke provitabel wird, denn er verlangt nichts umsonst.
Ist Hans Möller nicht mehr blos Anima, sondern bereits schon Kutscher, so fährt er heut Göthe, morgen Schiller, übermorgen Kant, hierauf Michel Angelo, dann Wagner oder Nietzsche. Die zahlen gut ... Und ist Hans Möller kein dummer Kerl ..., so findet er, daß er nun genug beisammen hat, um nun sich selbst zu fahren, anstatt immer nur Andere. Er schraubt den Bock ab, wirft ihn herunter und setzt sich in den Fond des Wagens, wo immer nur andere Geister saßen, nach denen er sich richtete. Nun ist er selbst Geist geworden und also reif genug, einen eigenen Willen und ein eigenes Ziel zu haben. Er greift in die Zügel, knallt mit der Peitsche, und vorwärts geht es, bis er Einen hinter sich rufen hört:
»Sachte, sachte, mein lieber Hans! Ich heiße Karl May und will auch nach Fahr-
land hinaus, sogar noch weiter, immer weiter, bis grad in den Himmel hinein. Halten Sie Ihre Anima etwas zurück; das giebt einen vernünftigen Schritt, und wir fahren neben einander!«
So! Das lesen Sie! Und denken Sie darüber nach!12
In späteren Versionen des Droschkengleichnisses steht das personale Gottesbewußtsein bzw. das Christus-Bekenntnis im unmittelbaren Kontext der Parabel. Wir kennen diese Fassungen allerdings nur aus zweiter, journalistischer, Hand. Beide Sekundärfassungen sind jedoch so eindeutig von May inspiriert, daß sie als authentisch zu gelten haben.
Durch May - höchstwahrscheinlich - genau unterrichtet, referiert und erläutert Heinrich Wagner, der Chefredakteur der katholischen Donau-Zeitung, die Droschkenparabel in seiner Studie Karl May und seine Werke (1907).14 Da es auf jeden Satz ankommt, gebe ich Wagners Ausführungen, soweit sie sich auf die Parabel beziehen, hier vollständig wieder:
Er hat sich einmal, um seinen Ideengang zu erläutern, eines Gleichnisses bedient, welches zwar drastisch klingt, aber bezeichnend und erklärend ist. Der Mensch gleicht einer Droschke, der W a g e n an sich kann alt oder jung, schön oder häßlich, praktisch oder unpraktisch, dauerhaft oder wackelig sein: Das ist der L e i b. Das P f e r d kann gut oder schlecht, stark oder schwach, gefügig oder störrisch, gesund oder krank, von edler oder von gemeiner Abstammung sein: Das ist die A n i m a, welche May von der Seele unterscheidet. Die Anima ist das
T i e r im Menschen, das uns, wenn es unedel ist, so viel zu schaffen macht. Der Leib an sich, der Wagen, ist tot und bewegungslos, bis das Pferd vorgespannt wird.
Nun könnte er sich zwar bewegen, aber er darf nicht, sondern er bleibt angebunden, weil das Pferd, die Anima, ziel- und planlos fahren würde. Da kommt der K u t s c h e r; dieser kann geschickt oder ungeschickt, treu oder untreu, fleißig oder faul, kräftig oder schwächlich, ehrlich oder unehrlich sein: Das ist die Seele. Steigt er auf den Bock, so kann die Fahrt zwar beginnen, aber sie ist nutzlos, sie bringt nichts ein, sie hätte höchstens den Zweck, Wagen, Pferd und Kutscher, also Leib, Anima und Seele in Uebung zu erhalten.
Da aber kommt ein F a h r g a s t, der steigt ein und sagt zum Kutscher: »Ich muß nach der Marienstraße 24, aber schnell!« Da nimmt die Seele die Zügel in die Hand und fort eilt der Leib nach dem angegebenen Ziele. Der Fahrgast kann schwer oder leicht, anspruchsvoll oder bescheiden, friedlich oder zänkisch, freigebig oder knickerisch sein: D a s i s t d e r G e i s t! Nur wenn der Geist sich mit der Seele eint, wird der Zweck des Ganzen erreicht, bald mehr, bald weniger. Wie der Kutscher sich durch seine Fahrgäste bereichert, so daß er allmählich zur Selbständigkeit gelangt und dann selbst Fahrgast wird, so adelt und bereichert der Geist die Seele, bis sie selbst Geist wird.15
Das größte Wunder bei diesem beglückenden Werdegange ist, daß der Mensch nicht nur in zeitlicher Reihenfolge sich aus dem Stoff in Kraft, in Seele, in Geist verwandelt und veredelt, sondern daß er zugleich auch sich als Persönlichkeit aus genau diesen vier Bestandtheilen zusammensetzt. Um dies anschaulich zu machen, bediente der Vortragende sich des Bildes einer Droschke. Der Wagen ist der an sich todte, materielle Theil des Menschen, also der Leib. Das Pferd ist die vorgespannte Kraft, durch welche der Wagen, der Leib Bewegung erhält. Wir nennen diese Kraft beim Menschen die Anima. Der Kutscher ist die Seele. Sobald er den Bock bestiegen hat und zum Zügel und zur Peitsche greift, ist das
Ganze beseelt und kann zu arbeiten beginnen, bringt aber noch nichts ein. Die Fahrgäste, welche einsteigen, bilden aus der Seele den Geist, aus dem dienstbaren Kutscher den freien Selbstbesitzer des Wagens. Sie bezahlen. Ein niedriger Geist, der den Wagen besteigt, zahlt wenig, ein höherer mehr, ein sehr hoher überreichlich viel. Der Kutscher oder die Seele, die einen Schiller oder Göthe, einen Kant, einen Raphael Sanzio oder gar einen Jesus Christus fährt, wird mit so großen geistigen Schätzen bezahlt und belohnt, daß sie sehr bald selbst zur geistigen Selbstständigkeit gelangt und nicht mehr nöthig hat, in fremden Sold zu fahren. In diesem Bilde ist die Psychologie der Zukunft dargestellt, der die jetzigen Anschauungen über Leib und Anima, Seele und Geist zu weichen haben werden. Der Mensch hat zwar eine eigene Seele, aber zunächst keinen eigenen Geist. Dieser entsteht erst nach und nach dadurch, daß sich die Seele in der Schule des Lebens zum Geist entwickelt.18
Zunächst nun zu Gurdjieff. Er lehrt unter anderem, daß der Mensch »drei Gehirne« besitze, d. h. in dreifacher Weise Informationen sammle bzw. bewerte: intellektuell, emotional und körperlich-instinktiv, also mit Kopf, Herz und Bauch sozusagen. Diese drei - in sich gleichwertigen - Zentren der Wahrnehmung sind nach Gurdjieff bei den meisten Menschen sehr unterschiedlich entwickelt: Eines dieser drei Zentren dominiert über die anderen. Zur Veranschaulichung dieser These »benutzt Gurdjieff gern die Parabel von Pferd (emotionales Zentrum), Wagen (körperlich/instinktives Zentrum) und Kutscher (intellektuelles Zentrum) und beschreibt damit die Probleme, die sich aus ihrer ungleichmäßigen Entwicklung und mangelhaften Koordination ergeben, wenn dieses Transportsystem einen Passagier (einen Herren) durchs Leben befördern soll«.21
Gurdjieff also geht es zunächst um die Harmonie im Transportsystem. May aber geht es um die Verwandlung der Seele in Geist. Doch auch in der Mayschen Version läuft das Gleichnis nicht etwa hinaus auf eine prinzipielle Verachtung der Materie oder des Animalischen. Der Kutscher ist auch bei May nicht von vornherein besser als Wagen und Pferd. Das Bild von der Droschke suggeriert ja, wie ich früher, noch ohne Kenntnis der Gurdjieff-Ideen, schon sagte, keineswegs einen Gegensatz von böser Triebkraft und guter Geist-Seele, »sondern die - zu erstrebende - Harmonie des ganzen Menschen«22 (die im Falle Hans Möller insofern gestört ist, als das Pferd, der emotionale Bereich, zu sehr strapaziert wird und deshalb gezügelt werden muß).
Daß die Seele zu Geist werden soll, ist allerdings ein Gedanke, den die indische Urfassung der Droschkenparabel in dieser Form nicht zum Ausdruck bringt und den m. W. auch Gurdjieff so nicht formuliert hat. Bei Paulus aber steht es geschrieben: Der »erste Mensch Adam« wurde als lebendige »Seele« (psyche) erschaffen; der »letzte Adam« - Christus - aber wurde zum lebendigmachenden »Geist« (pneuma), und der »psychische Leib« (soma psychikon) des Menschen soll, durch Christus, verwandelt werden in einen »geistigen Leib« (soma pneumatikon). Möglicherweise hat Karl May, der mit der Bibel bekanntlich vertraut war und in seine Werke sehr viele, direkte oder indirekte, Bibelzitate verwoben hat,23 bei seiner Deutung des Droschkengleichnisses an diese Paulus-Stelle (1 Kor 15, 44f.) gedacht oder sich unbewußt an diese Stelle erinnert.24
In der Mayschen Fassung der Droschkenparabel soll - so jedenfalls verstehe ich sie - der ganze Mensch mit Leib und Seele, mit Wagen und Pferd verwandelt werden. Analog zu May postuliert aber auch Gurdjieff die Transformation der gesamten Persönlichkeit. Er kennt mehrere, »höhere«, dem »feinstofflichen Bereich« zuzurechnende Bewußtseinszentren, die über Wagen, Pferd und Kutscher hinausweisen und deren Aktivität wir, unsrer »falschen Persönlichkeit« noch verhaftet, normalerweise nicht wahrnehmen.25 Anders als bei May, anders auch als im Text der indischen Kathopanishad werden bei Gurdjieff diese höheren Zentren aber nicht eindeutig (oder nicht ausschließlich) mit dem Fahrgast, dem Herrn, in Verbindung gebracht. Weil eben May, wie Paulus, den Geist für den Herrn reserviert, entspricht dem Kopf-Zentrum Gurdjieffs bei May - terminologisch verwirrend, aber in der Sache konsequent - die Seele des Menschen, die Geist erst noch werden muß.
Freilich scheint die Droschkenparabel in der Version Gurdjieffs nur sekundär, durch Schülerberichte, überliefert zu sein. Wahrscheinlich hat Gurdjieff, der sein System ja ständig korrigierte und weiterentwickelte, auch die Droschkenparabel nicht immer in derselben Weise benutzt. Die (vermutlich) unterschiedliche Verwendung der Begriffe Seele und Geist26 durch Gurdjieff und May ist auch gar nicht der springende Punkt in der Deutung des Droschkengleichnisses. Relevant ist nur die Erkenntnis:
Der brahmanischen Weisheit, aber auch der paulinischen Theologie entsprechend sehen Gurdjieff und May in der Verwandlung des menschlichen Innern, in der Transformation des gewöhnlichen Bewußtseins ins Gottesbewußtsein, das Entwicklungsziel der Persönlichkeit.
Gurdjieff war eine zwiespältige, sehr geheimnisvolle, einen großen Schüler- und Jüngerkreis faszinierende Persönlichkeit.27 Er war ein Mystiker, ein bedeutender Guru, eine Art Prophet, aber er hatte auch seine Schwächen. Er konnte sehr grob sein, mochte den Wodka und neigte zum Flunkern und Übertreiben, z. B. was die zahlreichen Sprachen betraf, die zu beherrschen er gerne den Eindruck erweckte. Auch hatte er die Gewohnheit, »sich zu verkleiden und als jemand anders auszugeben, als der, der er tatsächlich war«.28 Nicht zuletzt aufgrund von übersinnlichen Kräften und hypnotischen Fähigkeiten übte er auf andere Menschen eine fast magische Anziehung aus. Seiner Natur nach wäre er der geborene Sektenführer gewesen. Die Gefahr, andere von sich abhängig zu machen, erkannte er aber sehr wohl. Er tat - wie John G. Bennett, sein bekanntester Schüler, beteuert - nahezu alles, um dieser Gefahr entgegenzuwirken. Denn sein größtes Anliegen war ja gerade, die Menschheit von ihren Abhängigkeiten zu befreien, ihr Bewußtsein zu verändern, sie aufzuschließen für den göttlichen Geist als den lebendigen Grund und das letzte Ziel ihres Daseins.
Gurdjieffs Lebensgeschichte liegt, partiell zumindest, im Dunkel. In seinen autobiographischen, erst lange Zeit nach seinem Tode publizierten Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen29 wird vieles verschleiert und mystifiziert. Was äußere Fakten und ihre Datierung betrifft, sind wir zum Großteil auf die ziemlich vagen Berichte seiner Schüler, vor allem Bennetts, verwiesen.
Um 1872 wurde Gurdjieff im Kaukasus, in Alexandropol, geboren. Sein Vater, ein zeitweilig gutsituierter Kaufmann und Literaturfreund, war griechischer Abstammung; die Mutter war Armenierin. Die Kindheit und Jugend verbrachte Gurdjieff in Kars, im Grenzgebiet zwischen Rußland, der Türkei und dem Iran, zwischen Kurdistan und dem Kaukasus. Er wuchs, umgeben von überwiegend islamischer Bevölkerung, zweisprachig auf, lernte Russisch und Türkisch. Schon im Alter von etwa fünfzehn Jahren begann er zu reisen, zunächst in die nähere Umgebung seiner Heimat. Um 1895 bis ca. 1900 bereiste er Kurdistan und die westliche Türkei, wahrscheinlich auch Ägypten, Abessinien und das Heilige Land. Um die Jahr-
hundertwende, zur Zeit der deutschen Ausgrabungen, sah er die Ruinen von Babylon, jene Stätte, die er so lebhaft wie keinen anderen Ort der Erde beschrieb. Ca. 1900 bis 1902 führte ihn die Suche nach der Seele des Menschen durchs nördliche Persien, durch Tibet und weiter zu den pazifischen Salomonen. Daß er, wie er behauptete, auch in Indien war, ist - nach Bennett - allerdings unwahrscheinlich.
Gurdjieffs »Traum war es, die Weisheit des Orients mit derjenigen des Abendlands zu verbinden«.30 In jüngeren Jahren war er aktives Mitglied der russisch-orthodoxen Kirche. Später ging er zum konfessionellen Christentum eher auf Distanz, pflegte aber noch viele Kontakte zu russischen Mönchen. Beeinflußt waren seine künftigen Lehren auch von der Spiritualität der griechisch-orthodoxen Kirche und des armenischen Christentums. Auch Fragmente der babylonischen und zoroastrischen Traditionen, auch wichtige Elemente der islamischen Mystik, des Buddhismus und der Hindu-Philosophien, aber auch semi-okkulte Strömungen des Westens, vor allem des Neuplatonismus, der Rosenkreuzer und Freimaurer flossen in seine Ideenwelt, in sein - wie er es nannte - esoterisches Christentum31 ein.
Das medizinische Studium und eine russisch-orthodoxe Priesterausbildung hatte Gurdjieff abgebrochen, weil diese Bereiche ihm keine Antwort auf seine Menschheitsfragen zu geben vermochten. Seit etwa 1895 war er vorwiegend als Heilpraktiker und Hypnotiseur32 bekannt. Parallel zu dieser Tätigkeit und vor seinen Reisen durchs wilde Kurdistan, zu den Trümmern von Babylon und ins Reich des silbernen Löwen betrieb er - als Autodidakt wohl - eine Art Studium der angewandten Psychologie. Er sagte, er habe alles erforscht, was über die europäische Psychologie zu erfahren war, und sei zu dem Schluß gekommen, daß diese keine plausiblen Erklärungen für die Natur des Menschen zu bieten habe. Um 1905 aber, also gleichzeitig mit der Konzipierung der Droschkenparabel durch Karl May, machte Gurdjieff eine Entdeckung, die für ihn zur Grundlage einer brauchbaren, im Europa des 19. Jahrhunderts noch gänzlich unbekannten Psychologie wurde. Genau wie May glaubte er, die Psychologie der Zukunft gefunden zu haben. Und genau wie May benutzte er u. a. die Droschkenparabel zur Veranschaulichung seiner Gedanken.
Was hatte Gurdjieff entdeckt? Das Enneagramm, die mit der Droschkenparabel - wie sich zeigen wird - sehr eng verknüpfte psychologische Weisheitslehre, die heute, in spirituellen Kreisen, viel beachtet wird. In Afghanistan, im oberen Buchara, hatte Gurdjieff Kontakte zu den Naqshbandi33-Derwischen, einem mystischen Geheimbund, einer Bruderschaft des islamischen Sufismus (dessen Ursprünge auf die Zeit um 700 n. Chr. zurückreichen) geknüpft. Und dort wohl34 fand er das Enneagramm: jenen Kreis und jene Linien, die neun mit arabischen Ziffern bezeichnete Punkte so miteinander verbinden, daß ein neunzackiger Stern, zusammengesetzt aus einem Dreieck und einer Hexade, entsteht.
Gurdjieffs zentrale, auf Pythagoras und Platon zurückgehende Idee war die Umwandlung von Energien, die spirituelle Transformation des Menschen, die er als »vierten«, die Energiezentren Bauch, Herz und Kopf transzendierenden »Weg« bezeichnete und die auch May, in seiner vierdimensionalen Anthropologie, postuliert hat. Das geeignetste Hilfsmittel für diesen Wandlungsprozeß sah Gurdjieff im Enneagramm, dessen therapeutischer Ansatz seiner Meinung nach den Weg in eine bessere Zukunft der Menschheit eröffnen könnte. Gurdjieffs Sendungsbewußtsein war enorm. Er wollte möglichst viele Menschen dazu bewegen, den »vierten Weg«, den Weg der Bewußtseinserweiterung, der Selbstüberschreitung, der wahren Humanität, der Gottes- und Menschenliebe bewußt zu wählen. Denn er war überzeugt, nur so könne eine große Gefahr für die Menschheit abgewendet werden: ihre Schwäche angesichts der äußeren Suggestion, ihre blinde Bereitschaft, sich manipulieren zu lassen, ihre drohende - physische oder psychische - Selbstvernichtung.
Die Veränderung des Denkens, die Umkehrung des gewöhnlichen Be-
wußtseins, die Transformation der Abhängigkeiten in lebendigmachenden Geist dient nach Gurdjieff - wie nach May - ebenso der individuellen Person wie der Menschheit als ganzer, die »auf diese Weise am Schöpfungsprozeß teilzunehmen«38 imstande sei. Um 1910 begann Gurdjieff, alles Studienmaterial zusammenzufügen. Sein zweifellos synkretistisches, aber selbständig durchdachtes System nahm Gestalt an. Ca. 1920 begann er, Bücher zu schreiben. Publiziert freilich wurde zu seinen Lebzeiten nur ein einziges, in englischer Sprache herausgegebenes Buch, das er sofort wieder zurückzog.39
Noch längere Zeit nach der Russischen Revolution und dem Ende des Ersten Weltkrieges arbeitete er im Verborgenen, um seine Theorien zu verbessern und immer wieder zu korrigieren. Dann aber hat er das Enneagramm, die bis ins 20. Jahrhundert hinein von den Sufi-Meistern geheimgehaltene, stets nur mündlich tradierte Weisheitslehre, nach Moskau und St. Petersburg, nach Westeuropa und Amerika gebracht. 1923 gründete er in Fontainebleau bei Paris ein Institut zur harmonischen Entwicklung des Menschen, wo das Enneagramm in erster Linie als kosmisches Symbol und als Modell für Transformationsprozesse des Bewußtseins verwendet wurde. Später reiste der Meister öfter in die USA. In New York und anderen amerikanischen Städten hielt er Vorträge und warb für den »vierten Weg« des menschlichen Strebens. Am 29. Oktober 1949 starb er nach einem Autounfall in Paris.
Durch heutige Psychologen wird die antike Lehre von den drei Grundkräften der menschlichen Seele erneut wieder aufgegriffen und mit weiteren, z. T. überraschenden Gesichtspunkten verknüpft. Nach Gallen und Neidhardt korrelieren die Energiezentren Bauch (= Wagen = körperlich-instinktiver Bereich), Herz (= Pferd = emotionaler Bereich) und Kopf (= Kutscher = intellektueller Bereich) mit den menschlichen Grundbedürfnissen: dem existentiellen Verlangen nach A u t o n o m i e, nach Selbstbehauptung und Macht, nach dem Ausleben vitaler Impulse (Bauch); der Sehnsucht nach L i e b e, nach Beziehung, nach Freundschaft und guten Kontakten (Herz); dem Streben nach E r k e n n t n i s, nach Durchblick und Wissen, nach Orientierung und Sicherheit (Kopf). Eine runde, voll integrierte, in jeder Hinsicht vollendete Persönlichkeit würde über alle psychischen Kräfte verfügen, »um das jeweilige Grundbedürfnis zu befriedigen. Diese Person könnte nachdrücklich aus dem B a u c h heraus nein oder ja sagen, sich eindeutig verhalten und würde sich so als ein starkes eigenständiges Ich präsentieren. Sie hätte einen klaren K o p f, würde den Überblick behalten und könnte - falls Gefahr im Verzug ist - sich sehr schnell entscheiden, ob es sinnvoll ist, zu kämpfen, zu fliehen oder zu verhandeln. Und diese Idealperson würde unkompliziert mit offenem H e r z e n auf andere Menschen zugehen und in liebevoller Beziehung zu ihnen stehen, ohne eigene oder fremde Grenzen zu verletzen. Die drei Grundbedürfnisse und die ihnen zugeordneten Grundenergien wären in einer Art Fließgleichgewicht ausbalanciert. Unsere Idealperson hätte ihre Aufmerksamkeit frei zur Verfügung, um angemessen auf jede nur denkbare Situation zu reagieren.«41
Diese Person wird es in der Realität so nicht geben, sie müßte erfunden werden: als Mythos, als Phantasiegestalt, als literarische Fiktion. Daß es den Idealmenschen in der Wirklichkeit (noch) nicht gibt, setzt das - uralte - Modell der drei Energiezentren voraus. Dieses Modell besagt ja gerade: Die konkrete Person hat im Zuge der Ich-Entwicklung eine Schlagseite bekommen, d. h. sie bevorzugt eines der drei Energie- bzw. Informationszentren, so daß auch die übrigen Zentren auf unausgewogene Weise und nicht ihrem wahren Sinn entsprechend eingesetzt werden. Die Lebendigkeit wird dadurch beeinträchtigt, die Wahrnehmung eingeengt, der Bezug zur Wirklichkeit deformiert, ein adäquates Verhalten mehr oder weniger verhindert.
Hat May das gewußt? Interessant ist in diesem Zusammenhang der Hinweis bei Stolte:42 Im ersten Band seines Romans Ardistan und Dschinnistan habe May sein Droschkengleichnis - also die drei Energiezentren in Verbindung mit dem Transformationsgedanken - literarisch gestaltet und am Beispiel der Figuren Amihn (Wagen = Körper), Halef (Pferd = Anima), Dschirbani (Kutscher = Seele) und Kara Ben Nemsi (Fahrgast = Geist) personifiziert. Diese Deutung übernehme ich, allerdings in einer erweiterten und modifizierten Form. Denn m. E. hat May die Energiezentren bzw. den
Geist als den großen Verwandler, mit verändertem Blickwinkel, auch in anderen Figuren aus Ardistan und Dschinnistan dargestellt: z. B. im Mir von Ardistan und im Panther (Bauchtypen ganz anderer Art als Amihn), in Abd el Fadl und Merhameh (Herztypen ganz anderer Art als Halef), im Sahahr und im Maha Lama von Dschunubistan (Kopftypen ganz anderer Art als der Dschirbani) sowie im Schech el Beled (einem Fahrgast auf ganz anderer Ebene als Kara Ben Nemsi). Außerdem hat May auch in anderen Spätwerken seine neue Psychologie zur Anschauung gebracht: in Figuren wie Waller (in Friede auf Erden) oder dem Ustad (im Silbernen Löwen III/IV) zum Beispiel.
Bei der späteren Darstellung des Enneagramms werde ich meine Thesen genauer erläutern. Für jetzt aber genügt die Feststellung: Schon Euchar Albrecht Schmid43 und Heinz Stolte haben erkannt, daß May die Persönlichkeits-Teile (Energiezentren) des Menschen bzw. den transformierenden Geist in verschiedenen Romanfiguren verkörpert hat. Diese Einsicht ist wichtig. Denn sie besagt in der Konsequenz: Nicht nur die Droschkenparabel, sondern - inklusive - auch die (noch zu besprechende) Typenlehre des Enneagramms hat May, in den Grundelementen und in groben Zügen zumindest, literarisch gestaltet.
Dem Enneagramm, aber auch der Droschkenparabel, liegt das Modell der drei Energiequellen zugrunde. Wie ist dieses Modell zu verstehen? Jede Einzelperson wird, oft völlig unbewußt, von einem bestimmten Energiezentrum gelenkt. Damit ist nicht gesagt, daß ein Bauchmensch wie Amihn kein Herz habe oder ein Herzmensch wie Halef keinen Verstand oder ein Kopfmensch wie der Dschirbani keinen Willen zur Selbstbehauptung. Kopfmenschen können die tiefsten Gefühle besitzen, Bauchmenschen (zwar kaum wie Amihn, um so mehr aber wie der Mir von Ardistan) können sehr intelligent sein, und Herzmenschen können sehr vitale Bedürfnisse haben. Aber die primären Impulse gehen dennoch vom unterbewußt bevorzugten Energiezentrum aus.
Ein Kopfmensch z. B. reagiert, mehr oder weniger häufig und mehr oder weniger ausgeprägt (je nachdem, ob der Kutscher »geschickt oder ungeschickt«44 ist), auch dort mit dem Kopf, wo eine Bauch- oder Herzreaktion viel vernünftiger, viel gesünder und stimmiger wäre. Kopfmenschen sind häufig verkopft, was nicht heißen muß, daß sie intelligent seien. Sie können strohdumm sein. Nur werden sie eben beherrscht von ihrer u. U. verqueren Denkenergie. Der Sahahr z. B., der »höchste männliche Priester des ganzen Landes«,45 läßt sich treiben von seinem Kopf-Streben nach Sicherheit (vor allem, was er nicht kennt, vor fremden Ideen, vor politischen, kulturellen oder theologischen Innovationen46). Er ist unfähig, sich mit dem neuen Verhalten und den neuen Gedanken des Dschirbani auseinanderzusetzen, erklärt diesen für wahnsinnig und sperrt ihn ein in den Zwinger. Tatsächlich aber verliert er selbst seine Seele und seinen Verstand:47 im kopflosen Haß auf den eigenen Enkel.
Generell ist zu sagen: Das bevorzugte, das stärker benutzte Primärzentrum muß keineswegs gesund oder besonders gut entwickelt sein. Denn hinter diesem bevorzugten, in der Kindheit gewählten, zum Teil wohl auch durch Vererbung begünstigten Energiezentrum verbirgt sich ja gerade ein existentielles Grundproblem, eine persönliche Not, die - nach Gallen und Neidhardt48 - in der Kindheit ihren Ursprung hat, vom Kinde mit einer speziellen Überlebensstrategie beantwortet und vom Erwachsenen möglicherweise nie wirklich verarbeitet wurde.
Der riesige, gutmütig-naive Urmensch Amihn z. B. bevorzugt die Bauchenergie. In der Erstbegegnung mit Kara Ben Nemsi49 etwa spielt er den starken Mann, dem alle Welt zu gehorchen habe. Wahrscheinlich hat er als Kind schon gelernt, daß er auf diese Weise sich selbst am besten behaupten könne. Aber er ist nie wirklich erwachsen geworden und aufgrund seiner übermäßigen Trägheit nicht in der Lage, seine Bauchenergie adäquat einzusetzen, sich auf die eigenen Füße zu stellen und selbständig zu handeln: im Streit mit den rücksichtslosen Tschoban.
Eingeengt in seiner Lebendigkeit, seinem Wahrnehmungshorizont, seinem gesamten Wirklichkeitsbezug ist aber auch das - vom Autor bewußt so konzipierte50 - Alter ego des realen Karl May: der Herztyp Hadschi Halef. Menschen seiner Art lassen sich steuern vom emotionalen Bereich, dem Pferd in der Symbolik der Droschkenparabel. Dieses Pferd kann »gut oder schlecht, stark oder schwach«51 sein. Ihre Anima kann den Herztypen sehr »viel zu schaffen machen«, besonders wenn sie »unedel«52 ist. Herzgelenkte Personen haben das Herz nicht immer am richtigen Fleck, obwohl oder gerade weil ihnen die Beziehung zur Außenwelt, die Anerkennung, die Bewunderung durch andere Leute so überaus wichtig ist. Unerlöste Herzmenschen betreten gleichsam den Raum mit der heimlichen Frage: Habt ihr mich auch alle lieb? Diese Schlagseite kann, wie es bei Halef zeitweilig der Fall ist, eine Blockierung der eigenen - bevorzugten - Herzenergie bewirken: weil mit Herztypen das Pferd manchmal durchgeht, weil sie primär am persönlichen Image, an der eigenen Wirkung auf andere Menschen interessiert sind.
Nach Gallen/Neidhardt u. a. gilt für wohl sämtliche Menschen: Die bevorzugte Energiequelle, das Primärzentrum, wird im Laufe der Zeit - mehr oder weniger, je nach dem Grad der Fixierung, der persönlichen Zwanghaftigkeit - überentwickelt, blockiert oder verfälscht und verbogen. Auch dies hat May im Prinzip gewußt und literarisch gestaltet: Der Mir von Ardistan z. B. überanstrengt das Zentrum der Ich-Stärke, das Bauch-Verlangen nach M a c h t. Der Sahahr läßt seinem Grundbedürfnis nach S i c h e r h e i t keine Entwicklungschance; er blockiert aufgrund seines Starrsinns, seiner Abhängigkeit vom Gesetz, die eigene - primäre - Kopfenergie. Und bei Halef wird die bevorzugte Herzenergie, das Streben nach Liebe, tendenziell umfunktioniert in Selbstverliebtheit, in Gefallsucht und Aufschneiderei.
Den von Gurdjieff inspirierten Fachpsychologen Hurley und Dobson zufolge wird meist auch das Sekundärzentrum, in geringerem Maße allerdings, überstrapaziert. Der Einsatz des Tertiärzentrums aber wird von vielen Menschen weitgehend abgelehnt. Diese Energie schläft sozusagen, und die Fähigkeit, das Leben insgesamt wahrzunehmen, wird dadurch erheblich gemindert. Alle drei Energiezentren können »ihre richtige Arbeit nicht tun, weil zwei von ihnen übermäßig und eines zuwenig benutzt werden. Deshalb schlummert in der Tiefe eine gewaltige geistige Kraft, die darauf wartet, erweckt zu werden und bewußt werden zu können.«53 Ich meine, auch diesen Gedanken hat Karl May illustriert: Der Sahahr z. B. übernimmt sich nicht nur im kopfgelenkten - aber engstirnigen - Bestreben, die Religion vor falschen Gedanken54 zu bewahren. Auch die Bauchenergie wird überbeansprucht, sofern der Wille zur Macht (über den Dschirbani)55 sich steigert in maßlose Wut, in unkontrollierten Zorn, der nur dem Wahn56 entstammt. Das Herz des Priesters aber bleibt, obwohl sein Glaube an Gott zweifellos echt57 ist, gewissermaßen verschüttet.
Den Erlösungsweg, den Wandlungs- und Befreiungsprozeß schildert May freilich nicht am Beispiel des Sahahr, sondern des Dschirbani und vor allem des Mirs von Ardistan. Im Gegensatz zum Sahahr, dem gestörten, ja zwanghaften Denker, ist der Dschirbani eine im Kern gesunde Persönlichkeit. Zwar hat er »schon alle Arten des Gefängnisses durchgemacht, doch gelang es ihm stets, zu entkommen«.58 Er ist Visionär59 und bevorzugt insofern die Kopfenergie, das Streben nach Weisheit und tiefer Erkenntnis, als er sich gerne zurückzieht auf eine Insel, um nachzudenken über die Welt und ihre Geheimnisse. Seine Philosophie: »Werde Mensch; du bist noch keiner!«60 Aus der Sicht des Sahahr richtet er Verwüstungen an in der Religion, weil er Gedanken verbreitet, »die gegen alle Gesetze und Gewohnheiten sind, die wir von unsern Vorfahren ererbt haben«.61 Tatsächlich aber hat er von seinem Vater, dem Schech el Beled, den Geist von Dschinnistan,62 den Geist der Liebe, den Geschmack für das Neue Leben geerbt.
Im späteren Kampf gegen die Peiniger seines Stammes entwirft er den richtigen Plan und erreicht einen Ausgleich, der für beide Seiten nur Vorteile bringt und den Frieden herbeiführt. Zum Kutscher, zum Lenker der Völker ist er bestimmt! Zunächst aber kann er, wie dies bei Kopfmenschen häufig der Fall ist, nicht handeln. Der Kerker steht symbolisch für diese - psychische! - Einschränkung. Erst nach der Befreiung durch Kara Ben Nemsi, seinen künftigen Mentor, geht der Dschirbani aus sich heraus und entwickelt sich zum reifen, gefestigten Mann, zur Vollgestalt der integrierten Person; der große Mensch, der er innerlich war, hatte begonnen, nach außen zu treten.63
Während der Dschirbani, trotz der Notwendigkeit eines Befreiungsprozesses, von vornherein als von Gott begnadet64 und für alle Energiequellen (den Verstand, das Herz, die Leibmitte) und den Geist der Verwandlung
prinzipiell geöffnet erscheint, hat der Mir von Ardistan - spirituell gesehen - einen viel weiteren Weg zu beschreiten. Der Mir ist ein selbstherrlicher, gewalttätiger, vermeintlich sehr starker Tyrann, ein schamloser, menschenverachtender Bauchtyp, der alles niedertrampelt, was sich ihm in den Weg stellt. Sogar dem Mir von Dschinnistan, dem gütigsten aller Herrscher, erklärt er den Krieg. Kara Ben Nemsi aber bietet ihm die Stirn und wird - sein Therapeut. In einem sehr leidvollen Prozeß, nach schweren inneren Kämpfen, lernt es der Mir, sich selbst, seine bösartige Arroganz, seine abgrundtiefe Erbärmlichkeit zu erkennen. Provoziert durch Kara Ben Nemsi, spürt er seine eigene Schwäche, seine Verwiesenheit auf Gnade und Erbarmen. Und er findet, nach mehreren Rückschlägen, zu Einkehr, Reue und Umkehr.65 Sein versteinertes oder besser sein schlafendes Herz, seine von ihm selbst unterdrückte Fähigkeit zur Liebe und zu echten Gefühlen, wird allmählich lebendig.
Im Abgrund des Todes, im nächtlichen Schweigen, im meditativen Gebet beginnt die Auferstehung des Mir: In Christus sieht er den neuen Weg.66 Er bekennt seine Schuld und steht in wachsender Konsequenz zu seiner Verantwortung. Das Beispiel Jesu, die Solidarität mit den Armen und Schwachen, wird er künftig befolgen. Und auch seine (sekundäre, aber durchaus vorhandene) Kopfenergie, sein fehlgeleitetes Kutscher-Verhalten, wird transformiert: Als Fürst von Ardistan wird er, nach dem Scheitern des Panther-Aufstandes, bestätigt und neu geboren. Mit Ich-Stärke, aber auch mit Güte und Weisheit - den Geistesfrüchten der Energiezentren - wird er die Seinen regieren.
Als Geburtshelfer bewährt sich, beim Dschirbani wie beim Mir von Ardistan, Kara Ben Nemsi. Er wird zum Fahrgast, der den Dschirbani bzw. den Mir auf dem Weg zur Erlösung begleitet. May demonstriert: Sofern der noch unentwickelte Mensch die Einladung annimmt und sich hinbewegt auf Kara Ben Nemsi (den Geist bzw. die Menschheitsfrage67), wird er verwandelt und selbständig; er erreicht das Ziel der eigenen Menschwerdung und kann nun selbst, als Geist, die Zügel in die Hand nehmen und leben im Vollsinn des Wortes.
Hinter Kara Ben Nemsi aber steht ein ganz Anderer: der Schech el Beled, der Mir von Dschinnistan, der - auf der Symbolebene des Romans - das Absolute, den göttlichen Bereich verkörpert und in dessen Auftrag (vermittelt durch Marah Durimeh, die Menschheitsseele68) Kara Ben Nemsi seine Mission69 unternimmt. Wie sich herausstellt, ist der Schech el Beled nicht nur der Vater des Dschirbani, sondern auch der heimliche Initiator im Bekehrungsprozeß des Mirs von Ardistan und überhaupt der eigentliche Lenker des ganzen Romangeschehens. Wir sehen: Was May in Ardistan und Dschinnistan schildert, kann in der Tat als Umsetzung der Droschkenparabel in lebendige Handlung verstanden werden. Was er zu beschreiben versucht, ist nichts Geringeres als der Erlösungsweg des Menschen bzw. der gesamten Schöpfung aufgrund der göttlichen Gnade, der sich - wie der Un-
tergang des Panthers zeigt - der Mensch auch verschließen kann: wenn er den lebendigmachenden Geist zurückweist, wenn er sich für den Tod und nicht für das Leben entscheidet.
Die Seele ist um so kränker und um so weniger sie selbst, je mehr sie sich - wie der Panther - von lebens-feindlichen Mächten beherrschen läßt. Um heil zu werden, um sich selbst wirklich finden zu können, muß der Mensch sich also bekehren, d. h. die Einladung des lebendigen und lebenschaffenden Geistes befolgen. Anders gesagt: Um sich zur Vollgestalt ihrer selbst entwickeln zu können, ist die menschliche Person verwiesen auf den vierten Weg (Gurdjieff): eine vierte, über die drei Energiezentren hinausreichende Dimension ihres Daseins. Diese vierte, transzendente, dem Menschen aber doch einwohnende Dimension ist in Mays Anthropologie, wie sie im Droschkengleichnis uns vorliegt, der sehr hohe Fahrgast, der den Kutscher selbständig macht - wenn dieser es will und dem Fahrgast gehorcht.
Nicht nur Mays Vortrag in Lawrence, auch sein gesamtes Erzählwerk läßt keinen Zweifel: Die vierte, über den Leib, die Anima und die Geistseele hinausweisende Dimension des menschlichen Seins ist die - gelebte oder nicht gelebte - Beziehung des Menschen zu Gott als dem Wurzelgrund seines Daseins. Kuriert werden können die Abhängigkeiten der Seele, die fehlgeleiteten Energien, die Verstümmelungen des Menschseins nur radikal, in der Wurzel. Die Wurzel aber, die tiefste Ursache der misère humaine und des Leidens der Seele erkennt May in der erbsündlich bedingten, von Generation zu Generation überkommenen Selbstentfremdung des Menschen,70 der sich vom göttlichen Geist, der Quelle des Lebens, entfernt hat.
Wir kommen von Gott und sollen, wie May in seinem Vortrag in Lawrence betonte, zurückkehren zu Gott. Nur dort ist das Leben zu finden. Denn nur der Heilige Geist, das lebendigmachende - in der menschlichen Seele aber mehr oder weniger verschüttete - Gottesbewußtsein kann von den
Einseitigkeiten der Energiezentren befreien und die Harmonie, die Vollgestalt der Person wiederherstellen: annähernd in diesem, vollendet im künftigen Leben.
Nur die Vereinigung des Menschen mit Gott bzw. - im Droschkenbild - des Kutschers mit dem höchsten, dem göttlichen Fahrgast kann die Heilung der Seele, die Geburt des neuen Lebens und damit die Selbstwerdung der Persönlichkeit tatsächlich bewirken. Die Erfüllung der eigentlichen, der ursprünglichen Sehnsucht des Menschen nach seiner Ganzheit, der vollen Entfaltung seiner inneren Möglichkeiten, wird durch die problematischen Aspekte der jeweils bevorzugten Energiequellen vereitelt. Die letztlich geschenkte, theologisch gesprochen gnadenhafte Erfahrung der Gottesebenbildlichkeit aber weist einen Weg, der hinausführt ins Weite.
Das Entwicklungsziel der Person ist, mit Gurdjieff gesprochen, die Transformation oder, wie May sagt, die Verwandlung der Seele in Geist, d. h. die Ganzwerdung des Menschen in der Einheit mit seinem Schöpfer. Dieses Ziel, der Zuwachs an Leben durch die Früchte des Geistes (vgl. Gal 5, 22f.), wird in der christlichen Mystik vor allem des 14. Jahrhunderts, aber auch in der spirituellen Literatur der Gegenwart als Gottesgeburt in der Seele des Menschen bezeichnet.
Johannes Tauler oder Meister Eckehart z. B. sprechen von der »Gottesgeburt im menschlichen Seelengrund« - jenseits von Verstand und Gefühl, am »Ort des reinen Schweigens«.71 Hier, in der Hingabe des eigenen Herzens, steigt der Mensch über sich selbst hinaus und erfährt den göttlichen Geist als Lebensstrom in sich selbst. »Die Empfängnis Gottes« in sich selbst »ist das Höchste, was ein Mensch erreichen kann«.72 Sie ist wie der Same, der Frucht bringt und Neues schafft. Sie heilt und verwandelt die Seele, macht sie weit und lebendig, »ähnlich wie beim Verliebtsein die Liebe des Partners (...) lebendig macht, wie sie alles (...) anregt und aufblühen läßt«.73
Auch in Mays etwa gleichzeitig mit der Droschkenparabel entstandenem Glaubensbekenntnis (1906) ist von der Gottesgeburt in der Seele des Menschen ausdrücklich die Rede. Und wie die Mystiker des Mittelalters oder auch, im 17. Jahrhundert, der geistliche Dichter Angelus Silesius verbindet May die Gottesgeburt mit Jesus Christus: Ich glaube an die göttliche Gnade, die diesen Heiland nun auch in unserem Innern geboren werden läßt ... Sie ist der heilige Geist!74 Im Droschkengleichnis indes wird das Bild der Gottesgeburt nicht expressis verbis verwendet, statt dessen - ebenfalls der Mystik entsprechend - das Bild der Verwandlung bzw. Vereinigung. Christus wird - im Vortrag Drei Menschheitsfragen - als der höchste Fahrgast des Kutschers, also der Seele betrachtet; insofern geht es auch hier, sinngemäß, um die Gottesgeburt in der Seele des Menschen. Denn der Kutscher wird ja gerade dadurch zum »freien Selbstbesitzer des Wagens«75 und findet gerade dadurch die »geistige Selbstständigkeit,«76 daß er sich mit dem
Fahrgast, im Höchstfalle dem Geist Jesu Christi, vereint. Und die Früchte dieser Vereinigung sind so »große geistige Schätze«,77 daß auch die Droschkenparabel - ebenso wie Ardistan und Dschinnistan - an die mystische Erfahrung der Gottesgeburt sehr wohl denken läßt.
Wie aber kann die Vereinigung mit Gott, die Verwandlung der Seele in Geist, die wirkliche Selbstfindung erreicht werden? Durch bestimmte Techniken, durch menschliche Anstrengung, durch strenge Askese? Nein, auf diese Art nicht. Die Gottesgeburt in der Seele des Menschen kann nur geschenkt werden. Diesem Geschenk aber kann ich mich - wie der Dschirbani oder der Mir von Ardistan - öffnen oder - wie der Panther - verschließen; die Lockrufe des Geistes kann ich hören oder mißachten.
Ein sehr guter Weg zur Selbstfindung ist die Meditation, das kontemplative Gebet.78 Die mystischen Traditionen des Ostens, der Sufismus, Buddhismus und Hinduismus vor allem, jene Strömungen also, denen das Enneagramm bzw. die Droschkenparabel vermutlich entstammen, praktizieren diese Gebetsform noch heute. Aber auch im Westen, in der christlichen Mystik, hat die Kontemplation eine bedeutende Tradition.79 Erst seit dem 16. Jahrhundert kam sie zunehmend aus der Mode und geriet immer mehr in Vergessenheit.
May freilich kann zu den postmodernen80 westlichen Autoren gezählt werden, die den mystischen Weg der Menschwerdung neu entdeckten. Da ich an anderer Stelle diese These erläutert habe,81 genügt hier der Hinweis: Der Weg zum Leben ist für die herausragenden Protagonisten des Mayschen Spätwerks das Gebet,82 die persönliche Gottesbeziehung, das kontemplative Eintauchen in den Namen Gottes, wie - in Ardistan und Dschinnistan - vor allem das Beispiel Merhamehs und Abd el Fadls erhellt.83
Berühmt wurde das Wort Karl Rahners, »daß der Christ der Zukunft ein Mystiker sei oder nicht mehr sei«.84 Heute gibt es in Europa und Amerika sehr viele geistliche Lehrmeister, die den von Rahner - aber auch von May in seiner späten Poesie - gewiesenen Weg empfehlen und in weite Kreise hinein vermitteln. Stellvertretend für eine Reihe von (in neuester Zeit erschienenen) Büchern mit derselben Tendenz nenne ich Mystik - die Zukunft des Christentums von Jörg Zink.85
Was aber bringt der mystische Weg, der in solchen Büchern beschrieben wird? Nichts - wenn ich so frage und mich selbst nicht einlasse auf diesen Weg. Die Früchte des Geistes aber, die Selbstreform der Persönlichkeit, das Einssein mit Gott, wenn ich mich mutig und ausdauernd, den märdistanischen Erfahrungen der Wüste, der inneren Leere, der dunklen Nacht nicht ausweichend, dem Fahrgast voll anvertraue und die Gottesgeburt in meinem Inneren zulasse. Wer - wie zuletzt auch der Mir von Ardistan - einfach da ist vor Gott, kann sich ändern und zugleich sich annehmen, so wie er ist. Denn er wird erfahren: seine frühere Sicht der
Realität und sein bisheriges Selbstkonzept (ich bin nicht geliebt) waren verkehrt.
Eine Bewußtseinsveränderung wird sich nach und nach einstellen. Meine in der Kindheit entstandenen Abwehrmechanismen (Sigmund Freud), meinen Schutzpanzer (Wilhelm Reich) usw., dies alles werde ich immer weniger brauchen. Und die »Recherche nach der verlorenen Liebe«86 wird ihr Ziel nicht verfehlen. Denn wer sich dem Geist, der Führung des göttlichen Fahrgastes, überläßt, wird es spüren: Ich bin ein wertvoller Mensch, weil ich bejaht bin von Gott.
Babel und Bibel, die vorchristliche und die christliche Spiritualität des Ostens müssen freilich kein absoluter Widerspruch, kein unüberbrückbarer Gegensatz sein - ein Gedanke, der dem Synkretisten May ja besonders nahelag.90 Schade, daß er es nicht mehr erlebte: daß z. B. der Jesuit Ignatius Puthiadam (ich kenne ihn gut und verbringe seit 1979 alljährlich eine gemeinsame Woche mit ihm) sehr oft nach Amerika und Europa reist, um synkretistische Meditationskurse zu halten. Puthiadam, ein Experte in traditioneller wie moderner europäischer Theologie, ist zugleich einer der besten Kenner des Buddhismus und Hinduismus. In seinen Exerzitien und Meditationen91 verbindet er wesentliche Elemente der indischen Spiritualität mit den geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola. So ist es kein Wunder, wenn auch die vorchristliche Droschkenparabel - mit Gurdjieff als Bild für die drei Energiezentren und die vierte Dimension des Menschseins verstanden - nicht nur mit der wissenschaftlichen Psychologie, sondern ebenso mit der Verkündigung Jesu sehr gut verknüpft werden kann.
Als Chiffre für den Morgen schlechthin verweist das Morgenland auf den Stern, den die heidnischen Weisen (Mt 2, 1ff.), die babylonischen oder persischen Magier,92 zu deuten verstehen und der sie nach Bethlehem führt - zur Geburt des neuen Adam, des »lebendigmachenden Geistes« (1 Kor 15, 45). In diesem Lichte gesehen meint die Vereinigung des Kut-
schers mit dem göttlichen Fahrgast die imitatio Christi,93 die Menschwerdung im Vollsinn des Wortes: das Leben in der Liebe und die größtmögliche Entfaltung aller Anlagen und Fähigkeiten, die der göttliche Schöpfungsplan dem Menschen virtuell eingestiftet hat.
Zu den wichtigsten Grundthemen der Predigt Jesu gehört zwar die Selbstverleugnung in der Annahme des Kreuzes, also der Tod des alten Adam (vgl. Röm 6), der Verlust des Lebens um des Evangeliums willen (vgl. Mk 8, 34f.). Aber gemeint ist ja nicht die Verstümmelung des wirklichen Menschseins, sondern im Gegenteil der Zuwachs an Leben, die Gottesgeburt im Sieg über die falsche Persönlichkeit. Das v e r f o r m t e Ego, der Ichling oder - wie wir auch sagen könnten - die zwanghaften, das Leben e i n e n g e n d e n Seiten der jeweils bevorzugten Energiequellen sollen befreit und erlöst werden. Denn die Selbstverleugnung als Umkehr des Herzens dient dem Gewinn des wirklichen Lebens: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.« (Joh 10, 10) Dieses Jesus-Wort meint das künftige, über den Tod hinausreichende Leben, zugleich aber das jetzige Dasein all derer, die glauben und der göttlichen Liebe vertrauen: Wer glaubt, d. h. seine gesamte Existenz hineingründet in Gott, nähert sich der Ganzheit des Lebens schon jetzt. Denn Gott, der Drei-Eine, i s t dieses Leben in Fülle.
Der Gottesgedanke, konkreter: die personale Gottes-Beziehung des Menschen steht im Zentrum des Mayschen Spätwerks, nicht zuletzt auch des stellenweise brahmanisch anmutenden Romans Ardistan und Dschinnistan. Das Handzeichen und Siegel des Mir von Dschinnistan ist ein Dreieck mit einem Auge in der Mitte:94 das trinitarische Gottessymbol. Es liegt m. E. sehr nahe, auch den, wie May wußte, in der brahmanischen Trimurti-Spekulation95 schon angedeuteten Trinitätsgedanken auf die Energiezentren der Droschkenparabel zu beziehen.96 Die A l l m a c h t Gottes - der zeugende Vater, die gebärende Mutter97 - würde in dieser Deutung dem Bauchzentrum, der schöpferischen Urkraft des Lebens entsprechen; die L i e b e Gottes - der Sohn, der den Gott der Liebe repräsentiert und verkündet - dem Herzzentrum, den emotionalen Kräften des Seins; und die W e i s h e i t Gottes - der Heilige Geist - dem Kopfzentrum, dem Streben des Menschen nach Einsicht, nach tiefer Erkenntnis. Da Gott in drei Personen aber dennoch, ganz und ungeteilt, der Eine bleibt, dürfen diese Entsprechungen natürlich nicht im exklusiven Sinne verstanden werden: als ob der Vater nicht immer auch die erkennende Liebe wäre, der Sohn nicht immer auch die machtvolle Weisheit und der Geist nicht immer auch die zeugende Liebeskraft.
Ein solches Deute-Modell kann das Glaubens-Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes zwar auch nicht erklären. Nach Thomas von Aquin, dem großen Lehrer der lateinischen Kirche, können wir nur äußerst unzureichend sagen, wie Gott ist: Deus semper maior!98 Aber aufgrund der biblischen Offenbarung können wir sagen, wie Gott n i c h t ist. Die Trinitäts-
lehre, wie sie hier vorgestellt wird, besagt also nur: Wenn Gott nach dem Zeugnis Jesu das Leben in Fülle ist, dann kann es nicht sein, daß dieser Gott eine Schlagseite hat und - wie wir Menschen - e i n e Energiequelle bevorzugt.
Dieser These zufolge ist der trinitarische Gott auch das Urbild der Energiezentren. Wenn aber der Mensch, wie May ja ständig betont, nach dem Abbild Gottes erschaffen und diesem Bild also ähnlich ist (Gen 1, 26f.) bzw. in einem Werdeprozeß dem Urbild sich immer mehr nähern soll, dann ist er dazu bestimmt, an der Vollkommenheit Gottes, am Leben in Fülle zu partizipieren (vgl. Mt 5, 48). Damit ist nicht gesagt, daß der neue Mensch in der Vollgestalt Christi (vgl. Kol 1, 15ff.) keine Grenzen mehr hätte. Auch der erlöste Mensch bleibt immer Geschöpf und insofern begrenzt. Aber wenn, mit May gesprochen, die Seele zu Geist wird und der Kutscher sich mit dem Fahrgast, dem Herrn Jesus Christus, vereint, dann werden ihm alle Energien, alle Quellen des Lebens - in spezifischer, seinen Grenzen entsprechender Weise - zur Verfügung stehen. Und die Engel, in Mays Roman die Heerscharen des Mirs von Dschinnistan, werden ihm dienen.
Auch dem psychologischen Anspruch wird May auf seine Weise gerecht. Nur darf eben nicht vergessen werden: Analog zu Gurdjieffs Ideen ist auch Mays Psychologie eine s p i r i t u e l l e Psychologie. Wenn die Seele zu Geist werden und der Kutscher sich vereinigen soll mit dem göttlichen Fahrgast, dann wird die Psychologie praktisch aufgehoben (im dreifachen Sinne Hegels) in Mystik. Denn die Gottesgeburt ist nicht mehr Thema der reinen Psychologie. Die vollständige Heilung, die endgültige Selbstfindung des Menschen kann, wie May zu Recht voraussetzt, mit psychologischen Mitteln a l l e i n nicht erreicht werden. Die Psychologie kann Unbewußtes bewußt machen. Und die Psychotherapie kann den Heilungsprozeß auf den Weg bringen. Aber die schrittweise Befreiung, die Transformation der Persönlichkeit im Neuen Leben mit Gott ist nicht mehr Sache der Psychologie. Im Erzählwerk, in Romanen wie Old Surehand, Am Jenseits oder Ardi-
stan und Dschinnistan, hat May es sehr deutlich gezeigt: Angesichts der realen Misere kann die Erlösung nicht menschliches Werk und nicht das Ergebnis von (selbst-)therapeutischer Arbeit, sondern immer nur göttliche Gnade sein - welcher sich der Mensch, in einer freien Entscheidung, allerdings öffnen muß, wenn sie wirken soll.
Der Psychologe May dachte theologisch, d. h. er deutete die menschliche Existenz im Sinne der biblischen Erlösungstheologie. Und umgekehrt verstand sich der theologische Dichter zugleich als Wegbereiter einer neuen Psychologie. Zu Recht? Selbst die scheinbar abstrusesten Ansprüche des alternden May erweisen sich oft, wenn wir genauer hinsehen, als gar nicht so abwegig. Die zunächst so seltsam erscheinende Anthropologie des Droschkengleichnisses ist dafür ein weiterer Beleg. Zwar wäre es Unfug, in May den Entdecker der heutigen Psychologie zu sehen. Der Verfasser der Reiseerzählungen und des mystisch-allegorischen Spätwerks hatte (zunehmend durchdachte) psychologische Kenntnisse, die nicht zu unterschätzen sind. Ein ausgebildeter Psychologe mit entsprechendem Bildungshintergrund war er aber nicht. Andererseits ist zu bedenken: Die Droschkenparabel enthält, wie Gurdjieff erkannt hat, die Grundelemente des Enneagramms. Diese (wahrscheinlich) uralte Weisheitslehre ist nach dem Urteil heutiger Fachpsychologen ein vorzügliches Verstehensmodell der menschlichen Seele. In Verbindung mit modernen psychologischen Einsichten dient dieses Modell der Diagnose und der Therapie von psychischen Fehlhaltungen. Insofern kann ich die These vertreten: Mit der Droschkenparabel hat May die Kernaussage, das Fundament einer alten und doch in die Zukunft weisenden spirituellen Psychologie entdeckt bzw. wiederentdeckt.
Allerdings wird das Enneagramm auch in esoterischen Kreisen, in der New-Age-Bewegung z. B., verwendet.102 Das ist aber kein Grund, dieses Psycho-Modell in die Nähe von Astrologie oder sonstigen Pseudowissenschaften zu rücken. Denn die (berechtigten) Einwände gegen New Age usw. treffen nicht das Enneagramm.103 Dieses ist, recht verstanden, keine Heilslehre, kein neues Evangelium, sondern nur eine - nicht notwendige, aber sinnvolle und gute - Methode, ein Instrument zur Selbsterkenntnis, zur Charakterentwicklung und zur Erweiterung des Realitätsbezugs. Dieses Instrument kann jeder benützen, gleich welcher Religion oder Weltanschauung er nahesteht. Auch in den christlichen Kirchen wird das Enneagramm heute empfohlen: von theologisch gebildeten, psychologisch und pädagogisch geschulten Autoren. Es wird - gelegentlich - eingesetzt in der Partnerberatung, der Exerzitienarbeit, der Einzelseelsorge, der geistlichen Begleitung oder der pastoralen Aus- und Weiterbildung von Ordensleuten, von Pfarrern und kirchlichen Mitarbeiter/innen.104
Persönlich sehe ich im Enneagramm ein Hilfsmittel, mich selbst und andere besser zu verstehen. Grundsätzlich ist es aber nicht mein Anliegen, der
Karl-May-Forschung das Enneagramm anzupreisen. Daß ich dieses Psycho-Modell überhaupt ins Spiel bringe, hat - wie gesagt - seinen Grund in erster Linie darin, daß Gurdjieff zwischen dem Enneagramm und der Droschkenparabel einen inneren Zusammenhang sah. Die Befreiungsimpulse des Enneagramms vom Fahrgast des Droschkengleichnisses her zu interpretieren und auf bestimmte Figuren des Mayschen Spätwerks zu beziehen, ist m. E. ein naheliegender Gedanke.
Relevant für die May-Forschung ist das Enneagramm natürlich nur dann, wenn May selbst dieses Modell gekannt hat und/oder wenn es eine Hilfe bietet zum besseren Verständnis von Mays Leben und Werk. Zunächst also die Frage: Kannte May das Enneagramm? Gekannt und literarisch gestaltet hat er zumindest die Droschkenparabel - die Energiezentren in Verbindung mit dem Transformationsgedanken. Das Enneagramm aber ist, wie ich später verdeutlichen will, im Grunde nichts anderes als die psychologische Weiterentwicklung, die Ausdifferenzierung und Konkretisierung der Droschkenparabel: Den Energiequellen der menschlichen Psyche werden jeweils mehrere, sehr unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen (die neun Enneagrammtypen) zugeordnet und in eine dynamische Wechselbeziehung gebracht. Vorwiegend am Beispiel Ardistan und Dschinnistan möchte ich aufweisen, daß May auch diese Ausdifferenzierung der Droschkenparabel gekannt und poetisch dargestellt hat: nicht in ihren sämtlichen Finessen und nicht in ihrer - von Gurdjieff und einer Reihe von Fachpsychologen entdeckten bzw. neu formulierten - Begrifflichkeit, aber doch, der Sache nach, in den wichtigsten Grundzügen.
Das ist nichts Sensationelles. Denn das Enneagramm ist im Kern (nicht in den Feinstrukturen) eine ganz einfache Sache. Auf allgemeines, sozusagen archetypisches Menschheitswissen greift dieses Verstehensmodell ja zurück. Unmittelbar einleuchtende, empirisch überprüfbare105 und doch den meisten Menschen noch unbewußte Erfahrungswerte der Psyche werden im Enneagramm systematisiert und, wenn die Lehrmeister Christen sind, mit der Botschaft Jesu (Mk 1, 15: Kehrt um und glaubt an das Evangelium!) konfrontiert. Jeder nachdenkliche Mensch, der offen ist und wächst, kann - wie Richard Rohr, einer der bekanntesten Enneagramm-Autoren, betont - »ganz von selbst«, auch ohne formale Kenntnis der Enneagramm-Theorie, »zu einem Großteil«106 der Enneagramm-Erkenntnisse kommen und, wenn er wie May literarisch begabt ist, diese Erkenntnisse treffend ins Bild bringen.
Jeder kann den Sanguiniker vom Choleriker unterscheiden - auch dann, wenn er von Hippokrates und seiner Typenlehre107 noch nichts gehört haben sollte. Ähnlich verhält es sich mit den Charaktermustern des Enneagramms. Wir kennen sie, wenn wir aufpassen, aus der nächsten Umgebung. Auch wohl jede Erzählung eines jeden beliebigen Autors könnte daraufhin untersucht werden, welche Enneagrammtypen - in archetypischer Deutlichkeit oder realtypischer Mehrschichtigkeit - zur Darstellung kommen.
Mayspezifischer aber scheint mir ein anderer Gesichtspunkt: Im Spätwerk, in Romanen wie Ardistan und Dschinnistan werden nicht nur fast sämtliche Enneagrammtypen z. T. sehr genau und in mehreren, sehr aufschlußreichen Varianten beschrieben, sondern - und darauf kommt es mir an - die möglichen Entwicklungswege bestimmter Charaktermuster, den Befreiungsimpulsen des Enneagramms entsprechend, sehr eingehend geschildert.
Intuitiv kannte May das Enneagramm. Und positiv zu beantworten ist m. E. auch die Frage: Ermöglicht das Enneagramm ein tieferes Verständnis der Mayschen Biographie? Im folgenden will ich - zum einen (Kap. 9) - das Enneagramm bzw. seine poetische Darstellung bei May und - zum andern (Kap. 10) - den Erkenntniswert der Enneagramm-Theorie im Blick auf Mays Leben und Streben erörtern. Zuvor aber scheint es mir angebracht, die Entwicklungsgeschichte des Enneagramms sowie dessen Rezeption durch die christliche Theologie und die psychologische Wissenschaft zu skizzieren.
Den Sufi-Meistern diente das Enneagramm als spirituelles Modell der Seelenführung,109 als Instrument der Selbsterkenntnis und der optimalen Entfaltung des Bewußtseins. Doch wie die Droschkenparabel (in der Sanskrit-Version) dürfte auch die Urgestalt des Enneagramms noch wesentlich älter sein als der Sufi-Orden, in dessen Umfeld Gurdjieff die Neunerfigur gefunden hat. Denn der christliche Mystiker und Wüstenvater Evagrius Ponticus - dessen Lehre von den neun Leidenschaften große Dichter wie Dante und Chaucer beeinflußte110 - hatte schon im 4. Jahrhundert, mit seiner ausführlichen Beschreibung dieser neun Leidenschaften (Logismoi),111 die Grund-Elemente des Enneagramms angedeutet und kommentiert. Auch das von Gurdjieff wiederentdeckte Enneagramm-Symbol: die Neunerfigur, zusammengesetzt aus einem Dreieck, einem Sechseck und einem Kreis, scheint Evagrius gekannt und im christlichen Sinne interpretiert zu haben.112
Möglicherweise hatten schon der Apostel Paulus und der Evangelist Matthäus die Weisheitslehre des Enneagramms gekannt und partiell genutzt: in der Aufzählung der Charismen, der neun verschiedenen Gnadengaben (1 Kor 12, 8-11),113 der neun Früchte des Geistes (Gal 5, 22f.) und der neun Seligpreisungen (Mt 5, 3-11), die ziemlich genau der Enneagrammlehre ent-
sprechen. Doch die Ursprünge dieser Lehre sind wahrscheinlich in vorchristlicher Zeit zu suchen.
Manche Forscher sehen, mit bedenkenswerten Argumenten, in Pythagoras (ca. 570-496 v. Chr.) einen Stammvater des Enneagramms. Denn für Pythagoras - und seine esoterische Schule, die Pythagoreer, deren Lehre auch den Wüstenmönch Evagrius Ponticus entscheidend beeinflußte114 - war die Symbolik der Zahl Neun besonders wichtig: Die neun Musen z. B. verstand Pythagoras als »Symbole der neun grundlegenden Energien, die zugleich die neun Facetten unserer selbst«115 bedeuten. Die Zehn stand in dieser heiligen Mathematik für das Absolute, für Gott. Die Neun aber stellte »den letzten und höchsten Schritt in der Seinsverwirklichung dar, die der Mensch erreichen kann.«116
Der Esoteriker Gurdjieff wußte von den Lehren der Pythagoreer, setzte aber eine noch wesentlich frühere Entstehungszeit des Enneagramms voraus. Er behauptete, die Neunerfigur sei schon 4500 Jahre alt. Auch der Gurdjieff-Schüler John Bennett nahm an, das Enneagramm gehe auf die Zeit des Übergangs von der sumerischen zur chaldäischen Kultur in Mesopotamien zurück. Ob diese Annahme zutrifft oder ausschließlich ins Reich der Spekulation und der Mythenbildung gehört, sei dahingestellt.117
Fest steht jedenfalls: Gurdjieff hat die Neunerfigur in Asien kennengelernt. Sein Bestreben war es, die Gesamtsituation des Menschen mit Hilfe des Enneagramms besser zu verstehen und positiv zu beeinflussen. Wesentlich war für ihn - wie im 16./17. Jahrhundert für Kepler und Newton - die Überzeugung, daß es ein Harmoniegesetz118 geben müsse, dessen Beachtung eine gesunde Beziehung des einzelnen zu sich selbst, zu seiner Umgebung und zum göttlichen Grund seines Daseins bewirken würde. Das Enneagramm benutzte er, wie die Sufi-Meister und (vermutlich) die Pythagoreer, zum Zweck der Selbsterkenntnis und der Veränderung des Verhaltens. »Damit half er seinen Schülern, ihre Fixierungen zu überwinden und über ihr Ego hinauszukommen.«119 Als psychologische Typenlehre aber spielte das Enneagramm bei Gurdjieff, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle. Denn Gurdjieff hat »niemals eine Beschreibung der neun Persönlichkeitstypen ausgearbeitet«.120
In einer veränderten Form, die die Typenlehre stärker hervorhebt und in dieser modifizierten Gestalt auf den bolivianischen Psychiater Oscar Ichazo (geb. 1931)121 zurückgeht, wurde das Enneagramm erst 1984 einer größeren Öffentlichkeit bekannt: durch katholische Ordensleute in Nordamerika, die das Enneagramm bei Claudio Naranjo, einem chilenischen Psychiater, kennenlernten und für die eigene Exerzitienarbeit benutzten.
Gurdjieffs Ideen, aber auch Ichazos Modell konnten »nicht ohne weiteres in eine psychologische Terminologie übersetzt werden«.122 Erst Naranjo, der bei Gordon Allport studierte, später in Kalifornien lehrte und sein Enneagramm-Wissen von Ichazo (1970) übernommen hatte, gelang es, eine Synthese von Enneagramm und moderner Psychologie zu erarbeiten. Er
»verband die Einsichten und Methoden eines mystischen Transformationspfades erfolgreich mit der intellektuellen Kraft eines westlichen psychologischen Modells«.123 Auch Freuds Theorien, auch die Charaktertypologien C. G. Jungs, Ernst Kretschmers, Karen Horneys u. a., nicht zuletzt auch die Gestalttherapie von Fritz Perls wurden nun aufgegriffen und mit den Befreiungsimpulsen des Enneagramms zu einer Synthese verschmolzen.
Nach Deutschland kam dieses weiterentwickelte Modell Naranjos, »nach langjähriger Erprobung und theologischer Prüfung«,124 durch die therapeutische Arbeit der Jesuiten. Und richtig populär wurde das Enneagramm durch Die 9 Gesichter der Seele,125 verfaßt von Richard Rohr, einem deutsch-amerikanischen, durch zahlreiche Publikationen berühmt gewordenen Franziskanerpater, und Andreas Ebert, einem - in Fachkreisen ebenfalls sehr bekannten - Pfarrer der lutherischen Landeskirche in Bayern. Sogar für die May-Forschung hat dieses brillant geschriebene, mit subjektiven Assoziationen durchsetzte, psychologisch aber fundierte und mit Recht zum Bestseller gewordene Buch von Rohr/Ebert schon Pate gestanden: in einer freilich sehr problematischen Studie von Heinz-Lothar Worm.126
Seit 1989 schießen Enneagramm-Bücher in deutscher Übersetzung (die Autoren sind meist Amerikaner/innen) wie Pilze aus dem Boden. Aber ist die Brauchbarkeit dieses Psycho-Modells schon genügend belegt? »Es hat sich gezeigt, daß das Enneagramm mit der religiösen (und christlichen) Tradition geistlicher Begleitung und Menschenführung zu vereinbaren ist. Gleichzeitig hat es den Anschein, daß es auch mit vielen Erkenntnissen und Erfahrungen neuzeitlicher Humanwissenschaften kompatibel ist. Deshalb könnte es eine Brücke zwischen Spiritualität und Psychologie schlagen. Das Enneagramm beansprucht im jetzigen Stadium allerdings nicht, wissenschaftlich erhärtet zu sein (...) Solange kein statistisches Material vorliegt, das sich auf anerkannte Untersuchungsmethoden stützt, wollen wir uns deshalb damit bescheiden, das Enneagramm als weisheitlichen Zugang zur Innenwelt zu verstehen.«127
Empirische Forschungen zum Enneagramm befinden sich mittlerweile aber in einem fortgeschrittenen Stadium.128 Außerdem haben die Psychotherapeuten Maria-Anne Gallen und Hans Neidhardt - beide sind evangelische Christen - das Enneagramm nochmals neu interpretiert: vor dem Hintergrund der Humanistischen Psychologie, speziell der klientzentrierten Psychotherapie von Carl Rogers. Auch die Einsichten anderer, vor allem neo-psychoanalytischer Schulrichtungen (z. B. der Individualpsychologie Alfred Adlers und der Charakteranalyse Wilhelm Reichs), die Transaktionsanalyse Eric Bernes sowie die System- und Kommunikationstheorie (Friedemann Schulz von Thun u. a.) werden - soweit ich das beurteilen kann - sorgsam beachtet und mit dem Enneagramm-Modell verknüpft.
Im Rowohlt-Taschenbuch Das Enneagramm unserer Beziehungen129 von Gallen und Neidhardt liegt somit die Entdeckung Gurdjieffs - auf dessen Lehre die Autoren immer wieder zurückkommen - in einer wissenschaftlich gereiften, dem aktuellen Forschungsstand der Psychologie verpflichteten und dennoch sehr bildhaft und verständlich geschriebenen Form neu auf dem Tisch. Vorzugsweise auf dieses Buch, aber auch auf Rohr/Ebert, auf Hurley/Dobson: Wer bin ich? (1994),130 Beesing/Nogosek/O'Leary: Das wahre Selbst entdecken (1995),131 Baron/Wagele: Bin ich dein Typ? (1997),132 Salmon: Verstehen, was uns motiviert (1998)133 und eine Reihe von weiteren Enneagramm-Büchern134 stützen sich, in wesentlichen Teilen, meine Erörterungen in den nächsten Kapiteln.
Und der Angelpunkt, das Hauptelement der Droschkenparabel: der Fahrgast, der Herr? Er ist der eigentliche Beweger auch im Psycho-Modell des Enneagramms, das ja keine starre, keine statische Typologie136 ist. Die Beschreibung der neun verschiedenen Typen, des Perfektionisten, der Helferin, des Dynamikers usw., bildet zwar die Grundsubstanz der Enneagrammtheorie. Noch viel wichtiger aber ist der Entwicklungs- und Transformationsgedanke, den alle Enneagrammlehrer/innen betonen - wenn auch, aufgrund der unterschiedlichen religiösen oder ethischen Positionen, mit unterschiedlicher Akzentuierung, was konkrete Inhalte und letzte Ziele des Erlösungspfades betrifft. Christliche Enneagrammlehrer/innen setzen, wie grundsätzlich auch May, natürlich voraus: Die Botschaft Jesu öffnet in einzigartiger Weise den Weg zu Gott und damit zur vollständigen Menschwerdung, zum Leben in Fülle. Daraus folgt: Welcher Typ auch immer ich bin, wenn ich - wie der Mir von Ardistan im Tempel
der Totenstadt137 - Christus als den Herrn anerkenne und an diesem Begleiter, diesem Fahrgast, mich orientiere, dann kann ich Gott finden und zugleich mich verändern; dann kann ich Abschied nehmen von den Verhaltenszwängen und Wahrnehmungsverengungen meines Charaktermusters, um ein neuer, lebendigerer, von Existenzängsten befreiter und liebesfähiger Mensch zu werden.
Nach - zum Verständnis dieses Kapitels erforderlichen - Grundsatzbemerkungen zu den Enneagrammtypen (9.1) will ich am Beispiel von Mays Romanfiguren diese neun Muster beschreiben (9.2), anschließend verdeutlichen, inwiefern die Wandlungsprozesse der Mayschen Protagonisten den Befreiungsimpulsen der Enneagrammtheorie entsprechen (9.3), und schließlich zurückkommen auf die Droschkenparabel als die Herzmitte des Enneagramms (9.4).
Das Enneagramm unterscheidet neun verschiedene Strickmuster, die mit den Kennziffern EINS bis NEUN bezeichnet werden. Damit ist nicht gesagt, daß sich alle Einser usw. in jeder Hinsicht sehr ähnlich seien. Es gibt tausend verschiedene Arten, eine Eins zu sein. Wenn ich im folgenden z. B. Winnetou, Karl Sternau und Gustav Brandt als Einser charakterisiere, so meine ich nicht mehr und nicht weniger als dies: Alle drei sind Moralisten und Perfektionisten. Die Gemeinsamkeit liegt in der Grundmotivation der Wahrnehmung und des Verhaltens. In anderer Hinsicht können Einser sehr verschiedene, ja gegensätzliche Menschen sein, z. B. humorvoll und locker oder todernst und verspannt.
Wie kann ich wissen, welcher Typ ich bin? Wenn ich die Charakterbeschreibungen der Enneagrammliteratur gründlich studiere und wenn ich mich selbst genauer beobachte, kann ich z. B. erkennen: Meine Motivation
und mein Verhaltensstil entsprechen am ehesten dem Strickmuster Fünf. Jeder Enneagrammkenner wird freilich einräumen: In manchen Fällen ist die eindeutige Bestimmung der Persönlichkeitsgestalt sehr schwierig. Der wichtigste Grund für diese Schwierigkeit liegt darin, daß z. B. die Sechs u. U. mit der Acht sehr leicht zu verwechseln ist:140 wenn nämlich die Verhaltenssymptome recht ähnlich, die darunterliegenden - oft unbewußten, manchmal schwer klärbaren - Motive aber ganz unterschiedliche sind. Außerdem gilt: »Keiner von uns ist nur e i n Typ. Wir haben Anteile von jedem in uns, auch wenn es Menschen gibt, deren Verhaltensweisen und Einstellungen fast ganz mit einem vom Enneagramm beschriebenen Typ übereinstimmen.«141
Nicht sämtliche Personen in unserer Umgebung und nicht alle Romanfiguren Karl Mays sind ohne weiteres als Einser usw. zu identifizieren. Empirischen Untersuchungen zufolge läßt sich »nur etwa die Hälfte der Menschen klar einem Typ zuordnen«.142 Aber auch in diesen - astreinen - Fällen gilt: Unbeschadet des eigenen Hauptmusters wird die konkrete Person auch von anderen, meist jedoch von den beiden benachbarten Mustern, den Flügeln, etwas haben. Wenn ich z. B. den Dschirbani als Fünfer bezeichne, so schließt das nicht aus, daß er auch von Vier und/oder Sechs - vielleicht auch von anderen Typen - wichtige Anteile besitzt.
Nicht nur die Mitte seiner Persönlichkeit, sondern auch die Flügel möglichst genau zu kennen und optimal zu entfalten kann sogar - um fliegen zu lernen, um sich selbst übersteigen zu können - von großer Bedeutung sein.143 Im nächsten Unterkapitel soll diese These, im Zusammenhang mit der Typenbeschreibung, veranschaulicht werden.
Natürlich wußte auch May: Jedes Charaktermuster gibt es in vielen Schattierungen, von extremer Zwanghaftigkeit bis hin zur integrierten, annähernd erlösten Gestalt. Zu bedenken ist allerdings: Ein real existierender Mensch wird wohl nie auf der ganzen Linie einfach erlöst oder unerlöst sein. Oft oder nahezu immer wird er in manchen Schichten seiner Persönlichkeit eher gesund und in anderen Schichten eher gestört sein. Trotz seiner Neigung zur Schwarz-Weiß-Malerei hat auch May diese Einsicht, wie sich zeigen wird, literarisch gestaltet.
Die Charaktermuster (bzw. Wahrnehmungsstile und Verhaltensprogramme) entstehen sehr früh in der Kindheit: als kreative Not-Lösungen zur Bewältigung von Konflikten. Hinter pathologischem Geltungsdrang und übertriebenem Erfolgsstreben z. B. - charakteristisch für die unerlöste Drei - verbirgt sich häufig ein Minderwertigkeitsgefühl, das auf kindliche Erlebnisse zurückgeht. Die Überlebensstrategie des Kindes war in diesem Falle die Kompensation. Solche infantilen Not-Lösungen können zunächst situationsgerecht und insofern sinnvoll gewesen sein. Sie werden aber höchst problematisch und können zur psychischen Krankheit führen, wenn sie auch vom Erwachsenen in veränderter Grundsituation beibehalten werden.
Soll und kann eine Drei usw. sich verwandeln in ein anderes Muster? Nein, jede Person soll sie selbst werden; sie soll - wie es May in sämtlichen Spätwerken zum Ausdruck bringt - ihr höheres, wahres Selbst entdecken und (annähernd) verwirklichen: in einem Entwicklungsprozeß, der die eigenen, bisher ungelebten Möglichkeiten besser entfaltet. In der Sprache des Enneagramms: Eine Drei bleibt immer eine Drei. Aber eine fixierte, eine kranke und unreife Drei kann sich verwandeln in eine freiere Drei, die den eigenen Käfig verläßt und insofern sich selbst übersteigt.
Ihre primäre, von der Leibmitte her gesteuerte Lebensthematik ist der Zorn bzw. die Beherrschung des Zorns. Typ ACHT ist der Boß, der geborene Anführer: motiviert vom Bedürfnis, stark zu sein, »sich auf sich selbst verlassen zu können und etwas in der Welt zu bewirken«.145 Achter erkennt man in der Regel sofort. Die Energie spiegelt sich in ihren Gesten und ihrem Gesicht. Sie bevorzugen eine kräftige, sehr offene Sprache. Ihr Wirklichkeitsbezug ist konfrontativ. Zeigen sich Achter von der schlechtesten Seite, sind sie Gewaltmenschen. Wenn sie sich nicht durchsetzen können, reagieren sie mit unverhohlener Wut. Wie der Mir von Ardistan - vor seiner Bekehrung - und wie auch sonst viele Bösewichte in Mays Romanen sind sie unbeherrscht, arrogant und rücksichtslos-aggressiv. Die Braven sind in ihren Augen nur Duckmäuser, nur »Waschlappen oder Schlappschwänze«.146 Demütige oder schüchterne Menschen sind Würmer, Läuse und Wanzen,147 die man zertritt. Zeigen sich Achter aber von ihrer besten Seite, sind sie - wie der Mir von Ardistan nach seiner Wandlung - die großen Beschützer: gerecht, mitfühlend und verantwortungsbewußt. In jedem Falle, unabhängig vom Grad der Erlösung, sind sie energisch, stets bodenständig und sehr direkt im Umgang mit anderen. Sie sind, als Kämpfernaturen, die großen Beweger. Ohne die Acht würde sich in der Welt nichts verändern, und ohne die Acht wären Mays Romane viel weniger interessant.
Daß Leute wie der Mir von Ardistan Achter sind, wußte May zwar nicht. Und daß Ussul-Scheik Amihn ein Neuner ist, wie er im Buche steht, wußte er auch nicht. Aber wohl kein anderer Schriftsteller hat die Enneagrammtypen Acht und Neun präziser geschildert (oder, wie im Falle Amihns, karikiert) als Karl May.
Die Acht steht für Leben, für ungehemmte Vitalität. NEUN aber fährt mit angezogener Handbremse. Typ Neun ist der Friedfertige: motiviert vom Bedürfnis, in ungestörter Harmonie zu leben und Konflikte zu vermeiden. Archetypische Neuner sind gutmütig, bequem und geduldig. Sie fügen sich in ihr Schicksal, passen sich an und sind sich ihrer Wut überhaupt nicht bewußt. Zeigen sich Neuner von der schlechtesten Seite, sind sie - wie Amihn den Tschoban gegenüber - völlig passiv, apathisch und verantwortungslos-nachgiebig. Nur ausnahmsweise, wenn Smihk, das Gemütspferd (auch eine Neun!), noch fauler ist als der Scheik, läßt Amihn seiner ansonsten blockierten Wut freien Lauf. Zeigen sich Neuner von der besseren Seite, sind sie - wie Amihn in seiner Beziehung zu Taldscha - sehr zartfühlend, tolerant und empathisch. Zeigen sie sich von der besten Seite, sind sie - wie Mary Waller oder Pfarrer Heartman in Friede auf Erden - charmante Vermittler und energische Friedensstifter: verständnisvoll, wahrnehmungsfähig und weise. Fast immer aber haben Neuner etwas kindlich Naives an sich: »das ursprünglichste menschliche Wesen (...) so, wie wir alle waren, bevor wir kompliziert wurden«.148
Die meisten Ussul sind, als Urmenschen, Neuner. Aber auch Kara Ben Nemsi (von seiner Rolle als Geist, als Fahrgast im Sinne der Droschkenparabel, sehe ich zunächst noch ab) verhält sich in wichtigen Situationen wie eine friedliche, zum Ausgleich mahnende Neun. Vom zentralen Muster her gesehen aber ist er eine typische Eins, ein Missionar und Perfektionist: motiviert vom Bedürfnis, stets richtig zu handeln, die Welt zu verbessern und die Menschheit in Ordnung zu bringen. Einser sind, im Unterschied zu den Achtern, von Haus aus Moralisten. Den Bauchtyp sieht man ihnen nicht an. Ihren Zorn über eigene oder fremde Unvollkommenheiten verraten sie keinem, vor allem nicht sich selbst. Denn Einser sind Mustermenschen. Und Mustermenschen dürfen nicht zornig sein. Zeigen sich Einser - wie Kara Ben Nemsi, wenn er den armen Halef heruntermacht (in Ardistan und Dschinnistan besonders oft und besonders auffällig!149) - von der schlechteren Seite, sind sie ungenießbare Rechthaber, die keine Gelegenheit auslassen, ihre moralische (und sonstige) Überlegenheit zu demonstrieren und andere zurechtzuweisen. Zwanghafte Einser kontrollieren ihre Umgebung, nörgeln an allem herum und sind ständig damit beschäftigt, die Fehler anderer Leute zu korrigieren. Sind sie aber gesund und zeigen sie sich - wie im Normalfall Kara Ben Nemsi - von ihrer besten Seite, dann lieben sie auch das Unvollkommene, akzeptieren die Realität, sind barmherzig, humorvoll, stets hilfsbereit, absolut fair und immer verläßlich. In jedem Falle sind Einser diszipliniert, anspruchsvoll und ihren politischen, religiösen oder ethischen Prinzipien treu.
Integrierte Einser können die besten Anführer sein. Mays Superhelden, Winnetou, Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi, Doktor Sternau, der Fürst von Befour usw., unterscheiden sich zwar in vielen Nuancen; aber wohl aus-
nahmslos sind sie Einser: Mustermenschen und Perfektionisten, die alles können und anderen zeigen, wo's lang geht. Was sie dennoch sympathisch macht, ist das nur selten gestörte Fließgleichgewicht der zentralen Persönlichkeitsgestalt mit den positiven Aspekten der beiden Flügel: dem Neuner-Anteil der Friedfertigkeit und dem Zweier-Anteil der Hilfsbereitschaft.
ZWEI gehört, wie Drei und Vier, zu den Herz- oder (wie May sagt) Anima-Typen. Ihr Hauptthema, ihre bevorzugte Energiequelle, ist die Liebe bzw. das Geliebtseinwollen. Sind herzgelenkte Menschen desintegriert, kreisen sie ums eigene Image und konzentrieren sich auf die Frage, wie andere auf sie reagieren.
Zweier sind die Fürsorglichen, die Helfer- und Gebertypen: motiviert vom Bedürfnis, zu lieben, alle Welt zu beschenken und positive Gefühle möglichst ungehemmt auszudrücken. Zeigt sich Zwei von der problematischen Seite, wird sie besitzergreifend, hysterisch und märtyrerhaft. Sie hält keine Distanz, überschlägt sich in vermeintlicher Selbstlosigkeit, gesteht sich keine eigenen Bedürfnisse ein und wird, ohne daß sie es zugibt und ohne daß sie es selber erkennt, bitterböse, wenn ihr zu wenig gedankt wird. Diese Falle, dieses negative Potential der Zwei, wird in Ardistan und Dschinnistan freilich kaum beschrieben. Eingehend aber schildert May die erlöste Zwei: Zeigen sich Geber/innen von ihrer besten Seite, sind sie - wie Abd el Fadl und Merhameh, oft auch wie Halef oder Kara Ben Nemsi - wunderbare Menschen, liebevoll, beglückend, aufmerksam, sozial engagiert und zur echten Hingabe bereit: die Barmherzigkeit (Merhameh) und die Güte (Abd el Fadl) in Person.
Abd el Fadl und seine Tochter Merhameh verhalten sich wie integrierte Zweier: Sie helfen, wo immer es nötig ist, und achten zugleich auf sich selbst. Ob ihre Persönlichkeitsstruktur tatsächlich vom Muster Zwei dominiert wird, ist allerdings eine andere Frage. Wir können diese Frage nicht beantworten und zwar aus folgendem Grund: Charaktermuster sind vorwiegend an ihren Defekten erkennbar. Abd el Fadl und Merhameh aber wirken, wie auch andere Edelmenschen des Mayschen Spätwerks, vom ersten Moment ihres Auftretens an schon derart erlöst (und derart entrückt), daß sich die ursprüngliche Persönlichkeitsgestalt nur schwer oder gar nicht bestimmen läßt.
Anders liegen die Verhältnisse bei Kara Ben Nemsi und Halef. Auch diese verhalten sich, wo Menschen sie brauchen, wie Zweier. Aber sie sind es nicht. Kara Ben Nemsi ist, wie gesagt, eine Eins. Und Hadschi Halef ist der eigentlichen Struktur nach wahrscheinlich ein Dreier - mit erkennbarem Zweier-Anteil.
Das Spiel der Liebe spielt, auf ihre Art, auch die DREI: orientiert am Erfolg und motiviert vom Bedürfnis, zu glänzen und aufgrund von Leistung bewundert zu werden. Dreier wollen gut dastehen, vor sich selbst und in den Augen des Publikums. Ihre Falle, ihre Hauptversuchung ist es, mehr zu
scheinen als zu sein, u. U. eine Leistung vorzutäuschen, die sie gar nicht erbracht haben. Zeigen sich Dreier - wie manchmal Halef - von der schlechteren Seite, sind sie eitel und anmaßend, oberflächlich und selbstbezogen. Aufgrund seines Witzes und seiner Possierlichkeit scheint bei Halef dieser Charakterzug erheblich gemildert und konterkariert. Aber deutlich wird, besonders in Ardistan und Dschinnistan, dennoch: Unerlöste Animatypen des Musters Drei spielen sich auf und schmücken sich gerne mit fremden Federn. Zeigen sich Dreier, wie normalerweise auch Halef, von ihrer besseren Seite, dann freilich sind sie wirkliche Lebenskünstler, angenehme Gesellschafter, unterhaltsame und liebenswürdige Menschen. Ihr Optimismus steckt an und reißt andere mit. Und vor allem: Wenn Dreier die Einladung des Geistes annehmen, wenn sie reifen und Wandlungsprozesse durchlaufen, dann können sie, wie im Jenseits-Roman und im Silbernen Löwen III Hadschi Halef,150 Kontakt zur eigenen Tiefe gewinnen und bedeutende Menschen werden.
Als Helfer bzw. Dynamiker sind Zweier und Dreier extravertiert. VIERer aber, die Ästheten, die Romantiker und Individualisten, neigen, wenn sie sich schlecht fühlen, zum Rückzug. Sie gelten als introvertiert: gesteuert vom Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein. Sie betrachten nostalgisch ihre Vergangenheit und betrauern ihre eigene Tragik. Oft sind sie Künstlernaturen und nicht selten sind sie exzentrisch. In narzißtischer Übersteigerung und im Gefühl, von der Menschheit nicht verstanden zu werden, neigen sie zur immerwährenden Beschäftigung mit sich selbst.
In Ardistan und Dschinnistan kommen Vierer nicht vor - es sei denn, wir interpretieren Abd el Fadl, den schönen Greis, den Sänger und Dichter, den Denker und Staatsmann, als erlösten Vierer, der die positiven Merkmale der Zwei - und vieler anderer Charaktermuster - in sich integriert. (Auf diese Möglichkeit und ihre Begründung komme ich später zurück.) In den Schlußbänden des Silbernen Löwen freilich schildert uns May einen richtigen Vierer: den Ustad, den Meister - eine scheinbar souveräne, sehr würdevolle Erscheinung, ein überaus frommer, verdeckt hybrider, subtil arroganter Mann, der stolz ist auf seinen Leidensweg, sich in hypochondrischer Selbstbemitleidung aus dem Weltgeschehen zurückzieht, heimlich und unbewußt seine innere Einsamkeit genießt, erst im hohen Alter zur Selbsterkenntnis findet und die echte imitatio Christi von der pseudoreligiösen, nur eingebildeten Nachfolge des Herrn zu unterscheiden lernt.
Offenbaren sich Vierer - wie im Nachtgespräch des Ustad mit Kara Ben Nemsi151 - von der dunkelsten Seite, sind sie als launisch, übersensibel, allzu nachgiebig sich selbst gegenüber, oft niedergeschlagen und isoliert zu durchschauen. Zeigen sie sich - wie der Ustad auf dem Weg zur Befreiung - von der lichtvollen Seite, dann sind sie herausragende, wirklich außergewöhnliche Menschen, sehr feinsinnig, warmherzig, weltzugewandt, kon-
taktstark und aufnahmefähig. Wenn sie es gelernt haben, von sich selbst einmal abzusehen, können sie sich in andere bestens hineinfühlen und der Menschheit sehr dienlich sein.
Vierer sind Herztypen, weil ihre Psyche strukturiert wird von emotionaler Bedürftigkeit. Aufgrund ihres Fünfer-Anteils aber haben sie zum Kopf-Zentrum, zum Kutscher (wie es in der Parabel heißt), einen mehr oder weniger guten Kontakt.
Das zentrale Thema der Kopfmenschen ist, ihnen selbst meist gar nicht bewußt, der Umgang mit Angst bzw. die Vermeidung von Angst.152 Sie sammeln Informationen: um den Überblick zu behalten, um gesichert zu sein vor allem, was sie bedrohen könnte.
FÜNFer sind die Beobachter: motiviert vom Bedürfnis, sich genau zu orientieren, die Welt zu ergründen, alles zu wissen und die tieferen Zusammenhänge zu verstehen. Sie sind in der Regel ungesellig, teilen sich nur wenigen mit und scheuen (oberflächliche) Gruppen-Kontakte zugunsten von exklusiven und möglichst hochgeistigen Zweierbeziehungen. Sie sitzen am liebsten vor ihren Büchern und mögen es nicht, wenn jemand sie stört und etwas von ihnen will. Ihre Falle ist der gänzliche Rückzug, die Tendenz, sich selbst zu genügen.
In archetypischer Überdeutlichkeit hat May die Fünf im, zu Lebzeiten nicht publizierten, Heimath-Kapitel153 des Romans Krüger Bei charakterisiert: in der Figur des Professors. Aber auch in Ardistan und Dschinnistan begegnen uns - sehr verschiedenartige, ihrer Gesinnung nach gegensätzliche - Fünfer: der Dschirbani und der Maha Lama von Dschunubistan. Anders als der zerstreute Professor sind diese beiden nicht gleich auf Anhieb, vom äußeren Habitus, von der Kleidung und Gestik her, als Fünfer erkennbar. Doch die wesentlichen Merkmale dieses Typs weisen sie auf. Zeigen sich Fünfer - wie der Maha Lama, der Priesterfürst - von der übelsten Seite, sind sie nicht nur verkopft, nicht nur versponnen und weltfremd, sondern im Höchstmaße arrogant und in ihrer Selbstsucht und Lieblosigkeit geradezu zynisch. Die völlige Isolierung des Maha Lama, sein Bestreben, sich auf nichts einzulassen und jede soziale Verantwortung zu vermeiden, gipfelt in der Idee: Die ganze Menschheit, der ganze Kosmos solle vernichtet werden (durch Auflösung ins Nichts, ins Nirwana), und nur er selbst werde, als Inkarnation des Göttlichen, auf ewig bestehen.154 Zeigen sich Fünfer jedoch von der besten Seite und realisieren sie, was grundsätzlich möglich ist, die positiven Impulse auch anderer Enneagrammtypen, dann sind sie nicht nur, wie der Dschirbani vor seiner endgültigen Befreiung, ruhig und besonnen, klug und objektiv, wissensdurstig und einsichtsvoll, freundlich und aufgeschlossen, sondern - wie der Dschirbani nach seiner Befreiung durch Kara Ben Nemsi - auch führungsstark, also tatkräftig und initiativ. Im Gegensatz zu unerlösten oder durchschnittlichen Fünfern ist ihr Interesse an Menschen sehr groß, und ihr Mut ist bewundernswert. Sind sie, wie der Dschirbani, spirituelle Naturen, dann wissen und spüren sie sich getragen
von Gott. Aus dem Zwinger entlassen, sind sie befähigt zu angstfreiem Handeln.
Ausgeprägter und offensichtlicher als bei Fünf ist die Angst das große Thema der SECHS. Ihr geht es, im Vergleich zu Fünf, weniger um Wissen und Überblick. Sechser sind die notorischen Zweifler oder, je nachdem, auch die Streiter: in jedem Falle motiviert vom Bedürfnis nach Sicherheit. Ängstliche (phobische) Sechser zeigen ihre Furcht, ihre Unsicherheit und Abhängigkeit. Sie suchen Schutz bei Autoritäten, klammern sich legalistisch an religiöse oder sonstige Dogmen, an Vorschriften und Rituale. Sofern sie fromm sind und außerdem - wie der Sahahr, der Priester der Ussul - psychisch krank, verwechseln sie die göttliche Autorität mit menschlichen Satzungen. Angstvermeidende (kontraphobische) Sechser hingegen sind risikofreudig, suchen, wie Achter, aber aus anderen Motiven als diese, die Konfrontation und rebellieren u. U. gegen jede Art von Autorität.
Aggressive und ängstliche Züge der Sechs verbinden sich häufig in derselben Person; beim Sahahr z. B. ist dies der Fall. Zeigt sich Sechs - wie der Sahahr im Umgang mit dem Dschirbani - von der schwächsten Seite, fühlt sie sich ständig bedroht durch neue Ideen. Sie ist von vornherein mißtrauisch, verdächtigt ihre Umgebung und kann sich, besonders wenn sie in Panik gerät, sehr grausam verhalten. Im Extremfalle des Sahahr wirkt sie paranoid. Zeigt sich Sechs aber von der besseren Seite, ist sie loyal und steht dennoch auf eigenen Füßen. Erlöste Sechser sind die treuesten Freunde und die besten Mitarbeiter. Sie fürchten, wenn sie gläubig sind, nur Gott. Wie der Sahahr, solange er mit dem Dschirbani nichts zu tun hat, sind sie re-ligiös im ursprünglichen Sinne, d. h. rück-gebunden an Gott, die Quelle des Lebens. Aus dieser Quelle schöpfen sie Mut, Charakterstärke und Willenskraft.
Die Angst wird von Sechsern offen gezeigt, überspielt oder, falls sie gesund sind, besiegt. Grundsätzlich geleugnet aber wird die Angst bei der SIEBEN. Als Kopftypen bezeichnet das Enneagramm diese Menschen, weil sie unermüdliche Planer sind: motiviert vom Bedürfnis, das Leben von der leichtesten Seite zu nehmen, den Genuß durch Vorausplanung zu maximieren und Leid zu ignorieren. Träumereien, Vergnügungs- und Abenteuerreisen sind ihre Lieblingsbeschäftigung. Für Spaß und für Komik haben sie einen besonderen Sinn. Martin Albani, Hamsat al Dscherbaja (der Barbier von Jüterbog), Sir David Lindsay, Lord Eaglenest, John Raffley, Kapitän Turnerstick, der Hobble Frank und viele andere May-Figuren sind, wenn auch jede auf ihre Weise, typische Siebener: putzmunter, leichtsinnig, skurril, die Szene belebend. Selbst wenn sie, wie Lindsay und Raffley, mit Worten sehr sparen, sind sie doch - wie in der Regel auch Dreier155 - die besten Unterhalter und wirken auf ihre Umgebung sympathisch.
In Ardistan und Dschinnistan finden wir keine Sieben - es sei denn, wir
interpretieren Merhameh, die Schwester Immerfroh, als von vornherein begnadete, in ihrer Unschuld bezaubernde Sieben, die (analog zu Abd el Fadl) die positiven Merkmale auch der Zwei und anderer Charaktermuster in sich vereint. Ob nun als Zwei oder Sieben - Merhameh ist schon erlöst, sie braucht keinen Wandlungsprozeß. In Friede auf Erden aber, in der Person des gereiften und veredelten Raffley,156 können wir den Transformationspfad der Sieben studieren.
Zeigt sich Sieben von der schlechteren Seite, ist sie eigenbrötlerisch, manisch-impulsiv, unzuverlässig und flatterhaft. Wie das traurige Ende des Barbiers aus Jüterbog illustriert,157 wird die Sieben im schlimmsten Fall süchtig und selbstzerstörerisch. Zeigt sie sich aber von der besseren Seite, ist sie - wie Lindsay oder auch Raffley im frühen Erzählwerk - wohl spleenig und überbegeistert, aber stets großzügig und andere bereichernd. Zeigt sie sich gar von der besten, der göttlichen Seite, ist sie, wie der geläuterte Raffley in Friede, erfüllt von sprühendem Geist: der liebenswürdigste Mensch, den wir uns denken können. Die erlöste Sieben verkörpert, wie Franz von Assisi, die vollkommene Freude. Doch sie findet zu dieser Freude nur dann, wenn sie sich, wie Raffley, der Gründer der Shen, des Bundes der Menschlichkeit, in Yin, die Güte, verliebt, die Distanz zu den Leidenden überwindet, »dem Schmerz ins Auge sieht und den Aussätzigen küßt, anstatt ihm aus dem Weg zu gehen«.158
In der Sprache des Enneagramms: Wenn Menschen sich ändern und innerlich wachsen wollen, können sie versuchen, die positiven Züge der benachbarten Flügel-Muster in ihre Persönlichkeit aufzunehmen und die negativen Züge des zentralen Charaktermusters - wie auch der Flügel - abzuschwächen. Das therapeutische Ziel der Enneagramm-Methode besteht eben darin, in einem Prozeß des Wachstums und der Erneuerung die gesunden Aspekte auch anderer Charaktermuster zu integrieren und dadurch die eigene Persönlichkeit zu stärken.
Allgemeiner gesagt: Im Handeln gegen den Strom, gegen die Selbstverstrickungs-Tendenzen des eigenen Charaktermusters gewinnen wir an Freiheit und an Lebendigkeit. Natürlich hat auch May das gewußt. Im Wachstumsprozeß des Dschirbani z. B. hat er zur Anschauung gebracht: Integrierte Fünfer nehmen die Stärke der Acht an; Erkenntnisse setzen sie um in die Praxis. May illustriert: Befreit aus dem Kerker der Isolation, der bloßen Kopfenergie, wird der Dschirbani befähigt zur Tat, zum Eingreifen in die Verhältnisse, zur Mitgestaltung der Welt.
Nicht bei jeder Krankheit hilft dieselbe Medizin. Der Mir von Ardistan z. B. braucht nicht die Gabe der Acht (die hat er schon und zwar im Übermaß), sondern die Gabe der Zwei, d. h. die Gabe der Herzlichkeit, der Zuwendung zu den Armen und Schwachen, den Erniedrigten und Beleidigten. Das Charisma der Zwei »entschärft den Machtinstinkt der Acht und fördert ihre weiche Seite, die helfen, nähren und beschützen will. Eine Acht, die zu Zwei geht, (...) wird umgänglicher, sanfter und verwundbarer (...) Schwach, verwundbar und zärtlich zu sein, ist die größte H e l d e n t a t,
die eine Acht vollbringen kann.«160 May hat dies richtig gesehen. Denn Ardistan und Dschinnistan erhellt: In der Nähe Kara Ben Nemsis, der dem Mir von Ardistan mit Verständnis und Güte (wichtigen Merkmalen der gesunden Zwei) begegnet, lernt es der Mir, seine schwache Seite zu zeigen und zärtlich zu seiner Frau und seinen Kindern zu werden. Auf dem Weg zur Totenstadt wird er immer schwächer und immer verwundbarer. Doch Kara Ben Nemsi erklärt: »Deine bisherige Stärke war Schwäche, aber deine jetzige, vermeintliche Schwäche wird dir zur Stärke und zum Ruhme werden.«161
Da steht eine Droschke. Der Wagen ist der menschliche Leib; die Anima ist das Pferd. Wenn die Anima sich in Bewegung setzt, so laufen sämmtliche Räder. Aber diese Bewegung gleicht derjenigen des Neugeborenen, der nur erst aus Leib und Anima besteht.
//299//
Wenige Zeilen später - sie bilden den Abschluß des Briefes an Möller - unterstreicht Karl May, freilich ohne erkennbaren Zusammenhang mit der Droschkenparabel, seinen Glauben, sein christliches Daseinsverständnis: Ich glaube an einen persönlichen Gott, der herrlicher und gütiger ist, als Menschenworte ausdrucken können. Ihm gehöre ich, und ihm diene ich heut und in Ewigkeit. Amen.13
Es wird nicht an Leuten fehlen, welche den Religionsphilosophen May als R e l i g i o n s p h a n t a s t e n betrachten; immerhin aber zeigen Mays Gedanken große Tiefe. A l s d a s E n d z i e l a l l e r i r d i s c h e n Dinge betrachtet May C h r i s t u s d e n H e r r n, kein anderer kann endgültig Aufschluß geben über die Wesenheit der Dinge. Die Wissenschaft mag die Verwandlung des Irdischen in das Himmlische, des Zeitlichen in das Ewige durch die 4 Stationen S t o f f, K r a f t, S e e l e und G e i s t gehen lassen, oder sie mag diese vier Stationen als U n b e w u ß t s e i n, B e w u ß t s e i n, S e l b s t b e w u ß t s e i n und G o t t e s b e w u ß t s e i n bezeichnen, so daß also der Stoff das Unbewußte, die Kraft das Bewußte, die Seele das Selbstbewußte und der Geist das Gottesbewußtsein wäre, so steht doch auf alle Fälle fest, daß es ohne Gottes Mitwirkung gar nicht denkbar ist, zum Gottesbewußtsein zu gelangen. Diese Mitwirkung Gottes ist eben die Offenbarung. Das kleine Seelchen geht von seiner Heimat aus. Diese Heimat ist das Selbstbewußtsein. Das Seelchen wächst, wird männlich stark und ernst, wird G e i s t. Das ist der Weg ins Morgenland (...) So muß sich jede Seele zum Geist entwickeln, den Weg hiezu will Karl May zeigen.
//300//
Am 18. 10. 1908, in Lawrence/Massachusetts, integrierte May das Droschkengleichnis in seinen Vortrag Drei Menschheitsfragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?16 Der Deutsche Herold brachte einen ausführlichen Bericht.17 Dem Presseartikel zufolge wollte May mit der Droschkenparabel seinen Gottesgedanken, zugleich aber auch die Psychologie der Zukunft zur Anschauung bringen:
Die Erde ist eine Materialisation des göttlichen Willens. Sein Geist hat sich in Seele, sodann in Kraft und endlich in Stoff verwandelt. Auf demselben Wege hat der Stoff die Aufgabe, als Kraft, als Seele, als Geist zu Gott zurückzukehren (...) Die vier Stufen dieser Heimkehr zum Schöpfer, zum Vater, nämlich Stoff, Kraft, Seele und Geist, stellen sich der Reihe nach im Stein, in der Pflanze, im Thier, im Menschen dar. Die Schöpfung ist noch nicht vollendet. Der Mensch ist also noch kein ganz fertiges, sondern ein erst noch werdendes Geisteswesen. Er kommt aus Gott und hat zu Gott zurückzukehren, gleich viel, ob er an ihn glaubt oder nicht und ob er ihn als Gott oder als etwas Anderes bezeichnet.
//301//
2. Die Droschkenparabel bei May und bei Gurdjieff
Nach May also ist der Mensch als Gesamtpersönlichkeit eine dynamische Einheit (Droschke), zusammengesetzt aus dem Körper (Wagen), der Anima (Pferd) und der Seele (Kutscher). Die Seele aber soll sich verwandeln in Geist, wobei es entscheidend ist, zu w e l c h e m Geist sie sich entwickelt. Pinnow bedauert zu Recht, daß diese Anthropologie Karl Mays in der Sekundärliteratur »nur relativ wenig Beachtung« fand.19 Ich selbst habe mich in meinen bisherigen Interpretationsversuchen zum Mayschen Spätwerk auf die neue Psychologie unseres Autors kaum eingelassen, weil sie mir weniger wichtig erschien und weil ich, offen gesagt, mit ihrer Begrifflichkeit nichts anfangen konnte. Gewiß, daß May auch im Reiche der Psychologie sehr bewandert war, stand für mich außer Zweifel. Aber seine viergliedrige Anthropologie hielt ich eher für eine Marotte. Die Verwendung des Droschkengleichnisses durch Gurdjieff jedoch und die Deutung dieser Parabel durch die Fachpsychologen Gallen und Neidhardt20 (dort, wie bei Gurdjieff, freilich ohne jeden Bezug auf May) brachten mich auf andere Gedanken.
//302//
//303//
3. Gurdjieffs Recherche nach der Seele oder Merkwürdige Parallelen zu May
Warum und inwiefern führt mich Gurdjieff zu neuen Überlegungen in Sachen May und seiner nicht drei-, sondern vierdimensionalen Anthropologie? Wer ist überhaupt dieser Gurdjieff? Worin besteht sein Verdienst?
//304//
//305//

Abb. 1
Äußerlich gesehen dürfte diese Figur das Emblem der Sufi gewesen sein, vielleicht ein geheimes Erkennungszeichen von der Art, wie sie Karl May oft beschrieben hat, z. B. in Friede auf Erden, wo sich die Mitglieder der Shen, des Bundes der Menschlichkeit, an den beiden Hälften einer zackig zerschnittenen Betel-Nuß35 bzw. - in der Urfassung Pax - an einem geheimnisvollen ... Dreieck36 mit chinesischen Schriftzeichen erkennen. Was bedeutet nun aber das Sinnbild der Sufi, der Stern-Kreis, den Gurdjieff Enneagramm nannte? In der Deutung Gurdjieffs und seiner Schüler, aber wahrscheinlich auch der Sufi-Meister, zeigt die Symbolik der Neunerfigur, wie psychische Entwicklungsprozesse so ineinander verschachtelt sein müssen, daß sie sich gegenseitig unterstützen und die Persönlichkeit von Grund auf erneuern. Kombiniert mit der uralten Lehre von den drei Energiezentren (Wagen, Pferd und Kutscher) galt für Gurdjieff diese Neunerfigur geradezu als der »Stein der Weisen«.37
//306//
4. Ardistan und Dschinnistan oder Die Umsetzung der Droschkenparabel in lebendige Handlung
Die von Gurdjieff in den Westen gebrachte Enneagramm-Theorie und ihre mögliche (m. E. tatsächliche) Relevanz für die May-Forschung klammere ich zunächst noch weitgehend aus. Die folgende Darstellung beschränkt sich auf den K e r n des Enneagramms, den Transformationsgedanken in Verbindung mit den drei Energiezentren, die der (altindischen) Droschkenparabel und zugleich auch dem Menschenbild der griechischen Philosophie zugrunde liegen. Auch in frühchristlichen, vom Platonismus beeinflußten Mönchskreisen waren diese Grundenergien der menschlichen Psyche bekannt. Der Kirchenvater Augustinus (354-430) hat sie, um die Trinitätslehre verständlicher zu machen, in seinen Bekenntnissen mehrfach erwähnt, und der große, durch neuere Forschungen wieder interessant gewordene Mystiker und Wüstenmönch Evagrius Ponticus (346-399) hat sie - unmittelbar vor Augustinus - sehr eingehend beschrieben und psychologisch meisterhaft gedeutet.40 Auch Karl May hat die Energiezentren der Sache nach gekannt und noch vor Gurdjieff im Rahmen seines Vortrags in Lawrence der Öffentlichkeit präsentiert: als neue Psychologie, als viergliedrige Anthropologie im Bilde der Droschkenparabel.
//307//
//308//
//309//
//310//
//311//
//312//
5. Die vierte Dimension des menschlichen Seins oder Die Selbstreform der Persönlichkeit
Der Geist, der die Zielrichtung des Lebens bestimmt, ist im Bilde der Droschkenparabel der Fahrgast. Dieser kann niedrig sein oder hoch. Der Fahrgast, dem sich der Panther verschreibt, ist ein sehr niedriger Geist: ein Geist der Habgier, des Betrugs und der Rücksichtslosigkeit. Dieser Geist engt das Leben nur ein und bringt zuletzt nur den Tod. Im Droschkengleichnis bzw. im Schicksal seiner Romanfiguren will May also sagen: Je nachdem, w e l c h e Mächte, welchen Geist ich Herr sein lasse über mich selbst, wird das Ziel meines Lebens, die Menschwerdung, erreicht oder - wenn der mitreisende Passagier ein niedriger, ein unreiner Geist ist - verfehlt.
//313//
//314//
//315//
6. Der Weg ins Morgenland oder Das Leben in Fülle
Die Bewußtseinsveränderung, die Verwandlung der Seele in Geist, des Selbstbewußtseins ins Gottesbewußtsein, sei der »Weg ins Morgenland«,87 schrieb Heinrich Wagner bzw. May. Was hat der Autor gemeint? Die Reise des Pythagoras:88 den Weg nach Babylonien, nach Persien und Indien, den möglichen Ursprungsländern der Droschkenparabel oder ähnlicher Weisheitslehren? Ich möchte diese Deutung nicht ausschließen, zumal sich May mit den asiatischen Religionen sehr intensiv beschäftigt hat89 und sein literarisches Werk entsprechendes Kolorit in wichtigen Partien deutlich erkennen läßt. Vor allem aber wird May, als Christ, den Weg nach Bethlehem, die Reise nach Jerusalem gemeint haben.
//316//
//317//
7. Karl May als Psychologe oder Vom Droschkengleichnis zum Enneagramm
»Wer Gott hat, dem fehlt nichts. Gott nur genügt.«99 Dieses berühmte, oft aber mißverstandene Wort der hl. Theresia von Avila ist die Quintessenz auch der Mayschen Droschkenparabel und ihrer viergliedrigen Anthropologie, vor allem dann, wenn wir den Kontext, Mays Vortrag in Lawrence, nicht übersehen. Dem Anspruch, auf die wichtigsten Menschheitsfragen - »Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?«100 - eine gültige Antwort zu geben, wird die Droschkenparabel, im Lichte der Mystik gesehen, durchaus gerecht. Aber die »Psychologie der Zukunft«?101 Hat May sie vorweggenommen?
//318//
//319//
//320//
8. Die neun Gesichter der Seele oder Zur Entwicklungsgeschichte des Enneagramms
Wann und wo das Enneagramm entstanden ist, konnte bisher nicht erforscht werden. »Wir wissen nicht, woher es stammt. Wir können einige Spuren zurückverfolgen, aber wir gelangen nie zum Ausgangspunkt.«108
//321//
//322//
//323//
9. Kara Ben Nemsi als Therapeut oder Romanfiguren Karl Mays und die Befreiungsimpulse des Enneagramms
Das Enneagramm kann, wie gesagt, als Ausfächerung der Droschkenparabel Mays bzw. Gurdjieffs verstanden werden. Warum und inwiefern? Wie - im Prinzip - schon Evagrius Ponticus,135 der große Mystiker und geistliche Lehrer des vierten Jahrhunderts n. Chr., ordnen sämtliche Enneagrammlehrer/innen die neun Gesichter der Seele (d. h. die archetypischen Kernstrukturen der menschlichen Psyche, auch Persönlichkeitsgestalten oder - treffender noch - Charaktermuster genannt) den Energiezentren zu: die Muster ACHT, NEUN, EINS dem Bauchzentrum, die Muster ZWEI, DREI, VIER dem Herzzentrum, die Muster FÜNF, SECHS, SIEBEN dem Kopfzentrum. Das Enneagramm bewegt sich also auf drei Ebenen. Im Bild der Droschkenparabel: auf der Ebene von Wagen (= Bauchenergie = körperlich-instinktives Zentrum), von Pferd (= Herzenergie = emotionales Zentrum) und von Kutscher (= Kopfenergie = intellektuelles Zentrum).
//324//
9.1 Die Charaktermuster / Wahrnehmungsstile / Verhaltensprogramme
Keiner gleicht dem anderen, und jeder ist etwas Besonderes. Man kann individuelle Personen nicht simpel, in einem Schubladendenken, etikettieren: nach dem Motto So einer bist du. Dennoch ist es sinnvoll, menschliche Charaktere nach verschiedenen Grundmustern zu unterscheiden. Plausibel scheint mir der folgende Vergleich, auch wenn er wie jeder Vergleich etwas hinkt: Viele Pullover können im Detail, z. B. in Farbe, Zuschnitt und Wollqualität, sehr verschieden aussehen und doch nach demselben Muster gestrickt sein. Ähnlich verhält es sich mit Charaktermustern: »Äußerlich völlig verschieden wirkende Menschen können doch nach demselben Muster funktionieren.«138 Gallen und Neidhardt definieren dieses Muster als »einen bestimmten Stil des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens und Verhaltens, der uns zur Gewohnheit geworden ist und uns deshalb normal vorkommt, der weitgehend automatisiert ist, uns daher nicht oder nur teilweise bewußt ist«.139
//325//
//326//
9.2 Erster Streifzug durchs Enneagramm
Wie unterscheiden sich die Charaktermuster, durch welche Merkmale sind sie erkennbar? Die folgende Darstellung hält sich an die Typenbeschreibungen der Enneagrammliteratur.144 Am Exempel Mayscher Romanfiguren, vorzugsweise aus Ardistan und Dschinnistan, möchte ich diese Beschreibungen illustrieren. Beginnen wir mit der Bauch-Energie, den Charaktermustern Acht, Neun und Eins.
//327//
//328//
//329//
//330//
//331//
//332//
9.3 Zweiter Streifzug durchs Enneagramm
Die Geburt des wahren Selbst und die Überwindung des falschen Ego - mit seinen Abhängigkeiten und Fixierungen - beschreibt Eric Salmon als »Reise des Helden«: Das Ziel dieser Reise sei stets »eine Erfahrung des Hinauswachsens über sich selbst. Immer geht es darum, größere Fernen zu erkunden. Damit fängt ein Abenteuer an, die Suche nach einer neuen Geburt. Der erste Schritt in dieses Abenteuer besteht darin, seine festgefahrenen Gewohnheiten, sein kleines Ich zu sprengen und einen neuen Zustand zu erreichen, der die Entdeckung neuer Gesichtspunkte mit einbezieht.«159
//333//
Der Enneagrammtheorie nach hat jedes Charaktermuster einen besonderen Zugang nicht nur zu den Flügeln, sondern auch zu jenen Punkten, die durch Pfeillinien mit dem eigenen Muster verbunden sind (s. Abb. 2). Fünf z. B. hat, über die Kreislinie, eine engere Beziehung zu Vier und Sechs, aber auch, über die Pfeillinien, zu Sieben und Acht. Warum? Auch ohne formale Kenntnis des Enneagramms weiß jeder: Ein Kopftyp, der sich am liebsten zurückzieht in seine private Ideenwelt (ein Fünfer also), wird lebendiger, wenn er handelt, wenn er zugeht auf Menschen, wenn er die Welt nicht bloß zu verstehen, sondern auch zu verändern sucht. Der Befreiungsweg der Fünf ist also, neben der Flügelentfaltung und damit der Öffnung zur Herzenergie der Vier, die Hinbewegung vor allem zu Acht, d. h. zum aktiven - wo es sein muß, auch konfrontativen - Wirklichkeitsbezug und damit zur Bauchenergie.
//334//