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HELMUT LIEBLANG

»Sieh diese Darb, Sihdi ...«(1)
Karl May auf den Spuren
des Grafen d›Escayrac de Lauture

»... ich aber bin in allen Ländern der Erde gewesen und habe Städte und Menschen gesehen, deren Namen Du nicht einmal kennst.«(2)

»All devils!« rief er endlich.
»Ihr phantasirt wohl, Sir?«
(3)



1.  A u f  d e r  F ä h r t e

Spurenlesen hat in Karl Mays exotisch-fiktiver Welt des Verfolgens und Verfolgtseins vorrangige Bedeutung, gleichviel ob in Wüsten und Savannen oder Prärien und Pampas. Was Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi alles aus Spuren heraus- oder hineinzulesen vermag, mutet oft seltsam überzogen, bisweilen grotesk an. Aber Mays Fabulieren in dieser Hinsicht ist nicht allein der Macht seiner reichlich sprudelnden Phantasie zuzuschreiben, sondern hat eine durchaus reale Quelle und konkrete Vorlage:

Der Khabir muß sich nothwendig auf eine genaue Kunde der Spuren (Darb, Ethar) verstehen. Ueberhaupt verstehen alle Nomaden »im Sande zu lesen« wie sie sagen. An den Spuren der Tritte welche ein Thier im Sande zurückgelassen hat, erkennen sie Alter und Geschlecht desselben; das Weibchen des Kameels hat nämlich ein anderes Becken als der Hengst, und tritt mit seinen Hinterbeinen etwas breiter aus. Wie lange die Spuren vorhanden und wie alt sie sind, nimmt man daraus ab, wie frisch und reinlich sie sind und wieviel Sand bereits der Wind in sie hinein geweht hat. Aus tausend Anzeichen, welche dem Blick eines Europäers entgehen, kann der Araber sich jeden Augenblick gleichsam eine Chronik der Wüste zusammenstellen. Aus tiefen Spuren nimmt er ab daß die Thiere schwer beladen waren; an leichteren Spuren von Kameelen verschiedener Größe erkennt er, daß eine Heerde von Hirten nach einer Weide hingetrieben wurde. Sieht er, daß Spuren die weder sehr oberflächlich noch sehr tief sind, von vollständig ausgewachsenen Kameelen herrühren, und findet er neben denselben Fußstapfen weder von Weibern noch von Kindern, dann weiß er daß ein Gum, ein Raubzug in der Nähe ist mit Dromedaren. Auf unscheinbare Spuren begründet der Führer manchmal eine ausführliche Geschichte, deren Inhalt uns im Anfang wohl überrascht; man begreift aber später wie genau und richtig die Erzählung war. Eines Tages bemerkte ich in der Wüste zwischen Lobeidh und dem Sennaar die Spuren zweier Kameele im Sande, und fragte meinen Führer was er davon halte? Er entgegnete: »Auf diesen Kameelen reitet eine türkische Familie, begleitet von einem arabischen Diener, der am Fuße eine Wunde hat. Die Fami-


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lie besteht aus einem Türken von untergeordnetem Range, dessen Frau oder einer Sclavin, und einem Kinde von höchstens zwei Jahren.« Die Angabe so vieler Einzelheiten setzte mich in Erstaunen, und ich fragte den Führer, ob er denn jene Leute gesehen habe? Lächelnd bemerkte er: »Gesehen habe ich sie nicht; aber es müssen zwei berittene Personen nebst einem Kinde sein, denn sonst würde der verwundete Diener nicht mit seinem Fuße hinterhergehen, sondern auf einem Kameele reiten. Daß ein kleines Kind da ist, habe ich vor etwa einer Stunde an Excrementen gesehen, die keinem Erwachsenen angehören konnten. Ich habe übrigens keine Fußtritte von ihm gesehen, und ich glaube es wird getragen, wenn man Halt macht.« – »Das ist Alles recht gut,« sprach ich, »aber woraus erkennst Du daß es Türken sind?« – »Türken oder Aegypter müssen es sein, denn sie haben einen Teppich ausgebreitet als sie Rast hielten; die Nubas und Araber thun das nicht, sondern setzen sich auf bloßen Sand; auch trugen sie Schuhe, nur der Sclav hatte nackte Füße. Ihre ärmliche Ausstattung zeigt daß sie nicht wohlhabend sind; sie reisen mit zwei Kameelen und haben keine Zelte, auch werden sie nur von einem einzigen Menschen bedient. Also ist dieser Türke höchstens ein Sergeant oder ein Civilbeamter untergeordneten Ranges.« Schon am nächsten Morgen konnte ich mich überzeugen wie genau die obige Auskunft war, denn ich traf mit den Reisenden zusammen welche mein Führer mir so genau geschildert hatte. Der Mann war ein ägyptischer Kopte und bei der Landesverwaltung angestellt.

Diese Szene, die in der Tat eines May würdig ist, findet sich nicht etwa in einer seiner Reiseerzählungen, sondern auf den Seiten 286ff. des Buches

Graf d›Escayrac de Lauture: Die Afrikanische Wüste und
das Land der Schwarzen am obern Nil. Leipzig 1855.(4)

Sie ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Schlüsselszene für die zahlreichen Spureninterpretationen Mayscher Fährtenleser. Man vergleiche die Szene in ›Im »wilden Westen« Nordamerika's‹, die, chronologisch, gesehen die erste spureninterpretatorische Großtat dargestellt. Old Shatterhand ist in der Pacific-Bahn unterwegs und trifft dort den bekannten Westmann Fred Walker, der ihn für einen Sonntagsjäger, ein Greenhorn, hält. Als man an eine Stelle kommt, an der Railtroublers und Ogellallah einen Arbeiter- und Fouragezug überfallen haben, verblüfft Old Shatterhand durch seine exzellenten Fähigkeiten im Spurenlesen:

Während die anderen Passagiere noch unnöthiger Weise in den Trümmern wühlten, hielt ich es für das Beste, mich einmal nach den Spuren der Railtroublers umzusehen. Das Terrain zeigte eine offene, mit Gras bewachsene und nur von wenigen Büschen unterbrochene Fläche. Ich ging eine ziemliche Strecke auf dem Geleise zurück und schlug sodann um die rechte Seite der Unglücksstelle einen Halbkreis, dessen Grundlinie von dem Bahnkörper gebildet wurde. Auf diese Weise konnte mir bei nur einer Aufmerksamkeit Nichts entgehen.

   In der Entfernung von vielleicht dreihundert Schritten von der Unglücksstätte fand ich zwischen einigen Büschen das Gras niedergedrückt, als ob hier eine ziem-


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liche Anzahl von Menschen gesessen hätten, und die noch im niedergedrückten Grase erkennbaren Spuren führten mich an eine zweite Stelle, wo man die Pferde angehobbelt*) [Anm. May:* Trapperausdruck für »an den Vorderbeinen fesseln.«] hatte. Diesen Platz untersuchte ich sehr sorgfältig, um die Anzahl und Beschaffenheit der Pferde kennen zu lernen; dann setzte ich meine Forschung weiter fort.

   Am Schienenwege traf ich mit meinem dicken Nachbar zusammen, welcher, wie ich erst jetzt bemerkte, denselben Gedanken mit mir gehabt und die links von der Unglücksstelle gelegene Gegend abgesucht hatte. Er blickte verwundert auf und frug:

   »Ihr hier, Sir? Was thut Ihr?«

   »Das, was ein jeder Westmann thun wird, wenn er in eine ähnliche Lage kommt: ich suche nach den Spuren der Railtroubler.«

   »Ihr? Ah! Werdet auch viel finden! Das sind gescheidte Kerls gewesen, welche es verstanden haben, ihre Spuren wieder zu verwischen. Ich habe nicht das Mindeste entdeckt; was wird da so ein Greenhorn finden, wie Ihr doch seid?«

   »Vielleicht hat das »Greenhorn« bessere Augen gehabt als Ihr, Master,« antwortete ich lächelnd. »Warum sucht Ihr hier auf der linken Seite nach Spuren? Ihr wollt ein alter, erfahrener Savannenläufer sein und seht doch nicht, daß sich das Terrain hier rechts viel besser zu einem Lagerplatze und Versteck eignet als links da drüben, wo fast gar kein Buschwerk zu sehen ist.«

   Er blickte mir sichtlich überrascht in das Gesicht und meinte dann:

   »Hm, diese Ansicht ist nicht übel! So ein Büchermacher scheint doch zuweilen einen guten Gedanken zu haben. Habt Ihr Etwas gefunden?«

   »Ja.«

   »Was?«

   »Dort hinter den wilden Kirschensträuchern haben sie gelagert, und dahinten bei den Haselbüschen standen die Pferde.«

   »Ah! Da muß ich hin, denn Ihr habt doch nicht die richtigen Augen, um zu sehen, wie viele Thiere es gewesen sind!«

   »Es waren sechsundzwanzig.«

   Wieder blickte er mich mit einer Geberde der Ueberraschung an.

   »Sechsundzwanzig?« frug er ungläubig. Woraus erkennt Ihr das?«

   »Aus den Wolken jedenfalls nicht, sondern aus den Spuren, Sir,« lachte ich. »Von diesen sechsundzwanzig Pferden waren acht beschlagen und achtzehn unbeschlagen. Unter den Reitern befanden sich dreiundzwanzig Weiße und drei Indianer. Der Anführer der ganzen Truppe ist ein Weißer, welcher mit dem rechten Fuße hinkt; sein Pferd ist ein brauner Mustanghengst. Der Indianerhäuptling aber, der bei ihnen war, reitet einen Rapphengst, und ich glaube, daß er ein Sioux ist vom Stamme der Ogellallah.«

   Das Gesicht, welches der Dicke mir jetzt machte, läßt sich gar nicht beschreiben. Der Mund stand ihm vor Erstaunen offen, und die kleinen Aeuglein blickten mich mit einem Ausdrucke an, als ob ich ein Gespenst sei.

   »All devils!« rief er endlich. »Ihr phantasirt wohl, Sir?«

   »Seht selbst nach!« antwortete ich trocken.

   »Aber wie wollt Ihr wissen, wie viel es Weiße oder Indsmen waren? Wie wollt Ihr wissen, welches Pferd braun oder schwarz gewesen ist, welcher Reiter hinkt und zu welchem Stamme die Rothhäute gehörten?«

   »Ich habe Euch gebeten, selbst nachzusehen! Und dann wird es sich ja zeigen, wer bessere Augen hat, ich, das Greenhorn, oder Ihr, der erfahrene Westmann.«


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   »Well! Schön! Werde sehen! Kommt, Sir! Hihihihi, ein Greenhorn, und errathen, wer diese Kerls gewesen sind!«

   Unter diesem kichernden Lachen eilte er der bezeichneten Stelle zu, und ich folgte ihm langsamer nach.

   Als ich ihn wieder erreichte, war er so eifrig mit der Betrachtung der Spuren beschäftigt, daß er mich gar nicht beachtete. Erst als er wohl zehn Minuten lang die Umgebung auf das Sorgfältigste abgesucht hatte, kam er zu mir und sagte:

   »Wahrhaftig, Ihr habt Recht! Sechsundzwanzig sind es gewesen, und achtzehn Pferde waren unbeschlagen. Aber das Andere ist Unsinn, reiner Unsinn! Hier haben sie gelagert, und in dieser Richtung sind sie auch wieder davongeritten. Weiter sieht man nichts!«

   »So kommt, Sir,« meinte ich. »Ich will Euch einmal zeigen, welchen Unsinn die Augen eines Greenhorns zuweilen sehen!«

   »Well, ich bin neugierig!« nickte er mit einer sehr belustigten Miene.

   »Seht Euch einmal die Pferdespuren genauer an! Drei Thiere wurden abseits gehalten und waren nicht vorn, sondern übers Kreuz gekoppelt; das waren also jedenfalls Indianerpferde.«

   Er bückte sich nieder, um den Abstand der einzelnen Hufstapfen genau auszumessen. Der Grasboden war feucht, und die Spuren waren für ein geübtes Auge recht leidlich zu erkennen.

   »By god, Ihr habt Recht!« rief er erstaunt. »Das waren Indianergäule!«

   »So kommt jetzt weiter, da zu der kleinen Wasserlache. Hier haben sich die Indsmen die Gesichter abgewaschen und dann wieder mit den Kriegsfarben neu bemalt. Die Farben waren mit Bärenfett abgerieben. Seht ihr die kleinen, ringförmigen Eindrücke im weichen Boden? Da haben die Farbennäpfchen gestanden. Es ist warm gewesen, und die Farben waren in Folge dessen dünn und haben getropft. Seht Ihr hier im Grase einen schwarzen, einen rothen und zwei blaue Tropfen, Sir?«

   »Jes! Wahrhaftig, es ist wahr!«

   »Und ist nicht schwarz, roth und blau die Kriegsfarbe der Ogellallah?«

   Er nickte nur; aber sein verwundertes Gesicht sagte mir, was sein Mund verschwieg. Ich fuhr fort:

   »Nun kommt weiter! Als die Truppe hier angekommen ist, hat sie hier neben der sumpfigen Lache gehalten; das zeigen die Hufeindrücke, welche sich mit Wasser gefüllt haben. Nur zwei sind vorgeritten, also jedenfalls die Anführer; sie wollten recognosciren, und die Andern mußten bescheiden zurückbleiben. Seht hier die Pferdespur im Moraste! Das eine Pferd war beschlagen und das Andere nicht; dieses Letztere trat hinten tiefer als vorn; es saß ein Indianer darauf; der andere Reiter aber war ein Weißer, denn sein Pferd hatte Eisen und trat vorn tiefer als hinten. Ihr kennt wohl den Unterschied zwischen der Art und Weise, wie ein Indsmen und ein Weißer zu Pferde sitzt?«

   »Sir, ich möchte nur wissen, woher Ihr –«

   »Gut!« unterbrach ich ihn. »Nun paßt genau auf! Sechs Schritte weiter vor haben sich die beiden Pferde gebissen; das aber thun nach einem so langen und anstrengenden Ritte, wie diese Leute hinter sich hatten, nur Hengste. Verstanden?«

   »Aber wer sagt Euch denn, daß sie einander gebissen haben, he?«

   »Erstens die Stellung der Hufstapfen. Das Indianerpferd ist hier gegen das andere angesprungen; das werdet ihr zugeben. Und zweitens, seht Euch einmal die Haare an, welche ich hier in der Hand halte! Ich fand sie vorhin, als ich die Spuren un-


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tersuchte, ehe ich Euch traf. Da sind vier Mähnenhaare von brauner Farbe, welche das Indianerpferd dem anderen ausgerissen hat und sofort fallen ließ. Weiter vorn aber fand ich diese zwei schwarzen Schwanzhaare, und aus der Stellung der Stapfen ersehe ich ganz genau: das Indianerpferd biß das Andere in die Mähne, wurde aber von seinem Reiter sogleich zurückgedrängt und dann vorwärts getrieben; dabei langte das andere Pferd herüber und riß ihm diese Haare aus dem Schwanze, welche noch einige Schritte weit im Maule hängen blieben und dann zur Erde fielen. Das Pferd des Rothen ist also ein Rappe und dasjenige des Weißen ein Brauner. Kommt weiter! Hier ist der Weiße abgestiegen, um den Bahndamm zu ersteigen. Seine Fährte ist im weichen Sande bis heute sichtbar geblieben. Ihr könnt ganz genau sehen, daß er mit dem einen Fuße fester und heftiger aufgetreten ist als mit dem andern. Er hinkt. Uebrigens waren diese Menschen ganz außerordentlich unvorsichtig. Sie haben sich nicht die mindeste Mühe gegeben, ihre Spuren unkenntlich zu machen; sie müssen sich also sehr sicher fühlen, und das kann nur zwei Gründe haben.«

   »Welche?«

   »Entweder waren sie gewillt, heute recht schnell eine bedeutende Strecke zwischen sich und die Verfolger zu legen, und das möchte ich bezweifeln, da aus den Spuren zu ersehen ist, daß ihre Pferde sehr angegriffen und ermüdet waren. Oder sie wußten eine größere Truppe der Ihrigen in der Nähe, auf die sie sich zurückziehen konnten. Dieser Fall scheint mir der wahrscheinlichere zu sein, und da sich drei vereinzelte Indsmen nicht an über zwanzig Weiße schließen, so vermuthe ich, daß da gegen Norden hin ein zahlreicher Trupp Ogellallahs zu suchen ist, bei dem sich jetzt die dreiundzwanzig Railtroublers befinden.«

   Es war wirklich spaßhaft anzusehen, mit welch’ einer eigenthümlichen Miene mich das dicke Männchen jetzt vom Kopfe an bis herab zu den Füßen fixirte.

   »Mann,« rief er endlich. »Wer seid Ihr denn eigentlich, he?«

   »Ich habe es Euch ja bereits gesagt.«

   »Pshaw! Ihr seid kein Greenhorn und auch kein Büchermacher, obgleich Ihr mit Euren gewichsten Stiefeln und Eurer ganzen Sonntagsausrüstung ganz darnach ausseht. Ihr seid so abgeleckt und sauber, daß Ihr in einem Theaterstück, in welchem ein Westmann aufzutreten hätte, gleich auf der Bühne erscheinen könntet; aber unter hundert wirklichen Westmännern ist kaum Einer, der so wie Ihr die Fährten zu lesen versteht. By god, ich dachte bisher, daß ich auch etwas leiste, aber an Euch komme ich nicht, Sir!«

   »Und dennoch bin ich ein Bücherschreiber. Aber ich habe bereits früher diese alte Prairie von Norden nach Süden und von Osten bis nach dem entferntesten Westen durchmessen; daher kommt es, daß ich mich so leidlich auf Spuren verstehe.«(5)

Fürderhin gehört die stupende Fähigkeit des Spurenlesens zum Standardrepertoire von Mays Alter ego und anderen Helden seines Oeuvres. »Wie kannst Du dies so fest, so bestimmt behaupten. Du hast sie weder gesehen noch mit ihnen gesprochen. Du hast in dem Sande gelesen, als ob Worte in demselben geschrieben seien«.(6) Und natürlich ist May ein Bücherschreiber, und natürlich hat er nie selbst irgendeine Prärie oder Wüste durchmessen, aber natürlich versteht er sich so leidlich auf Spuren – ein Understatement, um die Omnipotenz des Alter ego hervorzuheben –, folgte er doch den Spuren derjenigen, die wirklich gereist sind.


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Aus der oben zitierten Szene aus ›Escayrac‹ hat May nicht nur Anregungen für spätere Erzählungen übernommen, sondern er hat auch den ›Khabir‹ und seine Fähigkeiten im Spurenlesen direkt in ›Unter Würgern‹ eingebaut:

WürgerEscayrac
»Du mußt nämlich wissen, Sihdi, daß Hassan el Kebihr, Hassan der Große ein berühmter Khabir (Karawanenführer) ist, der alle Wege der Sahara kennt und ein Auge besitzt, dem nicht die geringsten Darb und Ethar (Spuren und Fährten) entgehen!« (618)

Dieses Thier hier war eine Stute, denn die hinteren Füße hatten eine größere Spurweite als die vorderen. Die Eindrücke waren nicht tief aber auch nicht zu seicht; das Kameel war also nur mittelmäßig belastet ...

Die Spuren waren noch vollständig rein; kein einziges Körnchen Sand lag in ihnen, und keiner der Eindrücke zeigte, wie es beim Laufe nicht zu vermeiden ist, nach rückwärts einen Schweif. (651)

»Zählt die Spuren!« gebot ich.

Wir fanden Eindrücke von Menschen-, Pferde- und Kameelsfüßen Die Djemmels waren meist schwer beladen; wir hatten also eine Handelskarawane vor uns. Eine genaue Uebersicht ergab sechzig Lastkameele, elf Sattelthiere und zwei Fußgänger nebst drei Reitern zu Pferde ... (664)

Der Khabir, das heißt der Führer (...) (285)

Der Khabir muß sich nothwendig auf eine genaue Kunde der Spuren (Darb, Ethar) verstehen. Ueberhaupt verstehen alle Nomaden ›im Sande zu lesen wie sie sagen. An den Spuren der Tritte welche ein Thier im Sande zurückgelassen hat, erkennen sie Alter und Geschlecht desselben; das Weibchen des Kameels hat nämlich ein anderes Becken als der Hengst, und tritt mit seinen Hinterbeinen etwas breiter aus. Wie lange die Spuren schon vorhanden und wie alt sie sind, nimmt man daraus ab, wie frisch und reinlich sie sind und wieviel Sand bereits der Wind in sie hinein geweht hat. Aus tausend Anzeichen, welche dem Blick eines Europäers entgehen, kann der Araber sich jeden Augenblick gleichsam eine Chronik der Wüste zusammenstellen. Aus tieferen Spuren nimmt er ab daß die Thiere schwer beladen waren, an leichteren Spuren von Kameelen verschiedener Größe erkennt er, daß eine Heerde von den Hirten nach einer Weide hingetrieben wurde. (286f.)

Auch in ›Durch Wüste und Harem‹ ist May den ›Spuren‹ d'Escayracs gefolgt und hat das bei ihm Gelernte angewendet: »Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildnis giebt und wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Ethar, alle Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem Freunde oder einem Feinde begegnet.«(7)    Aber der ›Khabir‹ vermag nicht nur die Spuren auf der Erde zu lesen, sondern versteht auch die Zeichen am Himmel:

WürgerEscayrac
"Wie weit ist es noch bis zum Bab-el-Ghud?«

»Einen Tag und noch einen Tag; wenn

Der Khabir, das heißt der Führer, bedient sich aber nicht etwa der Magnetnadel; der Beduine hat keinen Begriff


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dann Dein Schatten nach Osten geht dreimal so lang wie Dein Fuß, wird Dein Bischarin unter dem Bab-el-Hadjar (Thor der Steine) niederknieen, damit Du im Schatten Ruhe findest.«

   Der Bewohner der Wüste kennt weder Kompaß noch Uhr oder Bussole. Die Sterne zeigen ihm den Weg, und nach der Länge des Schattens bestimmt er seine Zeit. Und darin besitzt er eine solche Fertigkeit, daß er sich nur selten irrt. (653)

»Wo wartet die Gum auf die Kaffilah?«

   »Wenn Du jetzt gegen Aufgang reitest, so erreichst Du sie, wenn Dein Schatten zweimal und noch die Hälfte so lang ist, wie Du selbst.« (669)(8)

von diesem Werkzeuge, das ihm völlig unbekannt ist. Auch würde der Gebrauch des Compasses mit großen Schwierigkeiten verbunden sein (...) er beobachtet Sonne und Sterne und findet am Himmel mehr Merkzeichen als er braucht (...) Der Beduine bedarf ebenso wenig einer Uhr als einer Bussole; er theilt den Tag nicht in Stunden und Minuten; er weiß aber allemal am Stande der Sonne oder an der Stellung der Gestirne wie lange Tag oder Nacht noch dauern werden (...) Manchmal richtet sich der Araber auch nach der Länge, welche der Schatten wirft, wenn er die Zeit messen will; aber er kümmert sich nicht um die Richtung desselben, weil dazu die Bestimmung einer Mittagslinie erforderlich wäre, sondern er beantwortet die eben schon einmal aufgeworfene Frage in folgender Weise: »Machst Du Dich auf den Weg sobald vor Mittag Dein Schatten doppelt so lang ist wie Dein Körper, so kommst Du Nachmittags an sobald er dreiundeinhalb Mal so lang ist wie Dein Körper.« Nur sehr selten wird er sich um eine Kleinigkeit irren. (285f.)

Am Beispiel von ›Unter Würgern‹ zeigt es sich, daß die Fährten häufig aus der realen Geographie herausführen und in einer fiktiven enden. Je weiter Kara Ben Nemsi in die Wüste gerät, desto fiktionaler werden die Beschreibungen: Die Erzählung beginnt in Algier und führt tief in die südliche Sahara, den Ténéré,(9) hinein. Das Wüstenabenteuer findet sein Ende in der fiktiven Oase Safileh,(10) die nicht spezifisch dargestellt wird, sondern mit allgemeinen Versatzstücken poetisch beschrieben wird:

   Vierzehn Tage später hatten wir die Serir durchschritten, und ein wunderbar liebliches Bild breitete sich vor uns aus. Viele tausend Palmen wiegten ihre dunklen Blätterkronen auf den schlanken Stämmen, die vom Sonnenlichte golden überrieselt wurden. Die Füße dieser Stämme standen in einem Garten von blaßrothen Pfirsichblüthen, weißen Mandelblumen und hellgrünem, frischem Feigenlaub, in welchem der Bülbül (Nachtigall) seine entzückende Stimme erschallen ließ. Es war die Oase Safileh, wohin wir die Kaffilah glücklich brachten. (Würger 694)

   Für die Inszenierung seines Abenteuer-Kosmos griff May bekanntermaßen auf die geographische Literatur und auf Reisebeschreibungen seiner Zeit zurück. Im obigen Zitat ist es die arabische Nachtigall, der Bülbül, der hier zum ersten Male seine entzückende Stimme erschallen


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läßt und von nun an des öfteren seine Auftritte im Mayschen Orient-Theater haben wird. Auch dieser Zugvogel der Mayschen Phantasie hat seine Heimat im Buche des Grafen d›Escayrac de Lauture. Dieses Buch steht in Karl Mays Bibliothek(11) und bildet, wie sich erweist, gleichsam Mays Handbuch und Reiseführer für die Sahara und Teile Nordafrikas. Außerdem dient es noch als arabischer Sprachführer (vgl. dazu den Anhang). Nordafrika außer Ägypten und dem Sudan ist Handlungsraum in den Erzählungen ›Die Gum‹,(12) ›Die Rose von Sokna‹,(13) ›Unter Würgern‹,(14) ›Das Hamaïl‹,(15) ›Christus oder Muhammed‹,(16) ›Der Krumir‹,(17) ›Eine Befreiung‹,(18) ›Er Raml el Helakh‹(19) und ›Der Kutb‹.(20) Teile der Werke ›Die Liebe des Ulanen‹,(21) ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹,(22) ›Durch Wüste und Harem‹(23) und ›Satan und Ischariot II‹(24) haben ebenfalls diesen geographischen Raum als Handlungshintergrund. In fünf Einzelerzählungen bildet die Sahara selbst den Hauptschauplatz des Geschehens: ›Die Gum‹, ›Die Rose von Sokna‹, ›Das Hamaïl‹, ›Unter Würgern‹ und ›Er Raml el helakh‹. Neben dem Reisewerk des Grafen d›Escayrac sind bisher eine Reihe weiterer Werke als geographische und inspirierende Quellen für Mays nordafrikanische Abenteuer bekannt und namhaft gemacht worden:(25)

– Gustav Rasch: Nach den Oasen von Siban in der großen Wüste Sahara. Berlin 1866 (›Die Gum‹ (1878); ›Unter Würgern‹);(26)

– Joseph Chavanne: Das algerisch-tunesische Binnenmeer. In: Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. 2. Jg., Heft 6 (März 1880) (›Der Krumir‹; ›Durch Wüste und Harem‹);(27)

– Hermann Adalbert Daniel: Handbuch der Geographie. Leipzig 1870 (›Unter Würgern‹);(28)

– Adolph von Wrede's Reise in Hadhramaut, Beled Beny ‘Yssa und Beled el Hadschar. Hrsg. von Heinrich Freiherr von Maltzan. Braunschweig 1873 (›Er Raml el helakh‹);(29)

– Otto Schneider: Das heutige Tunis. In: Aus allen Welttheilen. 5. Jg. (1874) (›Christus oder Muhammed‹);(30)

– Ein deutscher Renegat in Nordafrika. In: Magazin für die Literatur des Auslandes. 27. Bd. Berlin 1845, und P. R. Martini: Ein Spaziergang in Tunis. In: Die Gartenlaube. Jg. 1881 (›Der Krumir‹; ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹; ›Satan und Ischariot II‹);(31)

– Jules Gérard: Der Löwenjäger. Leipzig 1855 (›Unter Würgern‹; ›Die Liebe des Ulanen‹).(32)

Darüber hinaus hat May verschiedene Landkarten benutzt. Erwähnt seien jene, die handlungsrelevant sind, d. h. diejenigen, deren Angaben May besonders ausgiebig benutzt hat, um eine Verfolgungsjagd darzustellen:


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– Vollständiger Universal-Handatlas der neueren Erdbeschreibung über alle Theile der Erde in 114 Blättern. Hrsg. von Dr. K. Sohr und F. Handtke. 5. Auflage, vermehrt und verbessert durch Dr. Heinrich Berghaus. Glogau 1865; Blatt 91 – Tunis (›Satan und Ischariot II‹);(33)

– Ebd.: Blatt 92 – Nordöstliches Afrika (›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹);(34)

– Das Algerisch-Tunesische Schott-Becken nach Capt. Roudaire's Aufnahmen. Kartenbeilage zu Joseph Chavanne: Das algerisch-tunesische Binnenmeer. In: Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. 2. Jg., Heft 6 (März 1880) (›Der Krumir‹; ›Durch Wüste und Harem‹);(35)

– Karte des Kriegsschauplatzes in Tunesien, nach den Franz. Generalstabskarten bearbeitet. Wurster, Randegger & Co. Winterthur 1881 (›Der Krumir‹; ›Christus oder Muhammed‹).(36)

Karl Mays rascher und teils verblüffender schriftstellerischer Aufschwung nach 1877/78, also nach Abfassung der ›Frohe-Stunden-Texte‹,(37) die später größtenteils in erweiterter und umgearbeiteter Form im ›Deutschen Hausschatz‹ erschienen, ist nicht zuletzt auf die Benutzung zeitgenössischer Reisebeschreibungen und geographischer Literatur zurückzuführen. Sie lieferten ihm neue Bausteine zu seinem fiktiven Kosmos und boten ihm der Realität entnommene, quasi-authentische Kulissen für eine naturalistische Abenteuerinszenierung auf exotischen Schauplätzen.

   Die Reiseerzählung ›Unter Würgern‹, die stofflich und motivisch eine Symbiose bildet aus Mays zweiter und dritter Orienterzählung,(38) soll im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Denn für diese Erzählung hat May unter anderen, oben erwähnten Quellen ausführlich das Buch des Grafen d›Escayrac benutzt. Breite Spuren und kleinere Fährten finden sich als Entlehnungen, Anleihen und Übernahmen aus d›Escayracs Reisewerk auf den meisten Seiten dieser Reiseerzählung.(39) Darüber hinaus hinterließ dieses Buch noch weitere Spuren in Mays Werk, nämlich in ›Durch Wüste und Harem‹, ›Deutsche Herzen, deutsche Helden‹, ›Der Krumir‹, ›Satan und Ischariot II‹ und ›Eine Befreiung‹, wenn auch in geringerem Maße.


2. D e r  G r a f  d’  E s c a y r a c  d e  L a u t u r e  u n d  s e i n  W e r k

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war Pierre Henri Stanislas Comte d›Escayrac de Lauture einer der bekanntesten französischen Reisenden seiner Zeit. Nicht zuletzt deshalb, weil er als einer der ersten Europäer den Ostsudan bereist und Informationen über die östlichen Sudanländer gesammelt und veröffentlicht hatte.(40) Auch sein späteres Schicksal als Mitglied der französischen Expedition nach China weckte


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die Anteilnahme seiner Zeitgenossen. Allerdings trug ebenfalls eine gescheiterte Expedition zur Erforschung der Nilquellen, die in der deutschen geographischen Literatur zum Teil mit Häme kommentiert wurde – wohl wegen der damals herrschenden schlechten deutsch-französischen Beziehungen –, zu seiner Bekanntheit in Deutschland bei: »Eine fünfte ägyptische Expedition, welche mit großem, meist nichtssagendem Pompe organisiert worden war (so wurde z. B. sogar eine schwarze Musikbande an Bord geführt) und welche der Graf Escayrac de Lauture befehligte, hat Ägypten niemals verlassen.«(41)

   Der Graf wurde am 19. März 1826 auf dem Stammsitz der Familie in Fontainebleau geboren.(42) »Schon als Jüngling empfindet er Abneigung gegen das unruhige Treiben in der Hauptstadt seines Vaterlandes, er sehnt sich von der Seine weg an den fernen Nil; und in der bunten Pariser Gesellschaft mit ihren glänzenden Nichtigkeiten empfindet er einen unwiderstehlichen Hang, die gelbe einförmige Wüste aufzusuchen. Nachdem er sich genügend vorbereitet hat, steuert er nach Afrika hinüber, wird ein Wanderer in der Sahara und ein Schiffer auf dem Ocean.«(43) Träume und Sehnsüchte, die auch Karl May schon – wenngleich aus anderen Motiven – in jungen Jahren in die Exotik ziehen und ihn für den Rest seines Lebens nicht mehr verlassen: Nicht den »glänzenden Nichtigkeiten« will May allerdings entfliehen, sondern einer stumpfen Elendsgegend, sich hinweg und sozial hinauf träumend. So macht sich der junge May »eines Tages auf, um ›in Spanien‹ bei einem der Edlen Räuber Hilfe zu holen«.(44) Allerdings endet der Weg ins Land seiner Sehnsucht schon nach einem Tag »bei Verwandten in der Nähe von Zwickau«.(45) Ihm bleiben Wanderungen und Fahrten auf dem Ozean der Phantasie, den Fährten anderer folgend; anders der Graf:

   Anfang 1844 tritt d›Escayrac in den diplomatischen Dienst, wird Attaché im Außenministerium. Ein paar Monate später begleitet er als Sekretär den Kapitän Romain-Desfossés auf einer Mission in den Indischen Ozean. Um das Kap der Guten Hoffnung herum führt ihn die Reise über die Maskarenen, Madagaskar und die Komoren nach Sansibar, über Mozambique und Südostafrika zurück nach Europa. Auf einer diplomatischen Mission nach Spanien und Portugal macht er einen Abstecher an die atlantische Küste Marokkos bis hinunter nach Mauretanien und beschließt, fasziniert von der Exotik des Orients, Nordafrika genauer kennenzulernen. Nach der Februar-Revolution von 1848 verläßt er den diplomatischen Dienst. »Seine Vermögensverhältnisse erlaubten ihm ein freies, unabhängiges Leben, was seinem stolzen, abenteuerlichen und uneigennützigen Charakter entsprach.«(46) Er widmet sich geographischen und linguistischen Studien, erlernt Persisch, Türkisch und mehrere arabische Dialekte. Im Januar 1849 schifft er sich nach Tunesien ein, verbringt einige Zeit in Tunis, um dann, als Araber verkleidet, die für Europäer verbotene heilige Stadt Kairouan zu besu-


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chen: ein bedeutendes Kara-Ben-Nemsi-Motiv! Weiter führt ihn sein Weg in die Wüste: »Der Anblick der Wüste, die Unermeßlichkeit ihrer Horizonte, ihre Einförmigkeit, ihre Stille beeindrucken lebhaft denjenigen, der sie zum ersten Male schaut. Allein der Ozean und die Eismassen des Pols vermögen auf unserer Seele einen vergleichbaren Eindruck zu hinterlassen.«(47) Er kommt ins Belad el-Djerid, ins Gebiet der Schotts, und besucht die Oasen Gafsa und Tozeur: alles Schauplätze, die auch May in seiner Phantasie bereist. Im Mai des Jahres erreicht er Tripolis und begleitet von dort aus Tuareg-Karawanen auf ihrem Weg durch die Wüste. 1850 hält er sich in Kairo auf, wo er die Bekanntschaft seiner reisenden Landsleute Linant, d›Arnaud, Thibault und Laffargue macht. Er fährt nilaufwärts durch Nubien und Sennar und gelangt ins Herz Kordofans, nach Al-Ubaid (El-Obeïd), »angeblich auch an die Darforgrenze und nach Takale«(48) in der heutigen Republik Sudan. Von Khartum, dem Ausgangspunkt zahlreicher Forschungsreisen in den Sudan und seit Mitte des Jahrhunderts Handelszentrum für Nordostafrika, reist er nach Berber und von dort auf der alten Karawanenroute ans Rote Meer nach Suakin. Über Kairo kehrt d›Escayrac im Dezember 1850 nach Paris zurück, wo er in den nun folgenden Jahren seine Beobachtungen über die geographischen, ethnologischen, sozialen und religiösen Verhältnisse Nordafrikas niederschreibt.(49) Bevor er 1855 wieder nach Kairo geht, besucht er die Heiligen Stätten in Palästina und durchstreift die syrische Wüste bis Damaskus. In Ägypten sammelt er geographisches Material und Erkundigungen über die den Europäern weitgehend unbekannten Länder Darfur, Bagirmi und Wadai.(50) »Graf Escayrac de Lauture, dessen hochfliegender Plan, vom Nilthal aus Wadai zu erreichen und noch weiter nach Westen zu dringen, nie zu Stande kam, erkundete 1855 vom Scheich Ibrahim, einem Verwandten des Sultans von Baghirmi mehrere Itinerare durch Darfur und Wadai (...)«(51)

   Ein Jahr später soll er eine vom ägyptischen Vizekönig Said (1854 – 1863), einem Sohne Muhammad Alis, projektierte internationale wissenschaftliche Expedition zur Erforschung der Nilquellen leiten, die aber schon in Ägypten selbst scheitert. »Schließlich wurde noch eine vierte ›Expédition définitive‹ geplant, welche unter der Leitung des Grafen Escayrac de Lauture in großartiger Weise ausgerüstet abgehen sollte, sie kam aber nicht über Aegypten hinaus.«(52) D›Escayrac selbst berichtet darüber in ›Expédition à la recherche des sources du Nil‹ (Paris 1856).(53)

   1860 wird d›Escayrac Leiter der wissenschaftlichen Mission, die die französischen Truppen nach Peking begleitet. Die Truppen waren Teil einer anglo-französischen Expeditions-Streitmacht, die im Juli des Jahres, während des sogenannten 2. Opiumkrieges, die Dagu-Forts an der Mündung des Haihe stürmten. Hintergrund dieses imperialistischen Angriffs waren die Öffnung von chinesischen Häfen für den Außen-


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handel und eine Reihe weiterer Privilegien, die die chinesische Regierung den europäischen Mächten vertraglich garantiert hatte, allerdings mit ›der Pistole auf der Brust‹. Als Briten und Franzosen im Juni 1859 zur Ratifizierung der Verträge nach Beijing (Peking) reisten, wurden sie von den Dagu-Festungen aus unter Beschuß genommen. Als Folge dieses ›Vertragsbruches‹ wurde im folgenden Jahr das vereinte Expeditionskorps in Marsch gesetzt. Nach Erstürmung der Dagu-Forts durch die europäischen Truppen traten die Qing in Friedensverhandlungen ein. Aber statt zu einer Vereinbarung zu kommen, wurden die Vertreter der Verbündeten, unter ihnen auch der Graf d›Escayrac, gefangengenommen, auf Karren verfrachtet und schließlich als Geiseln inhaftiert. Unbeeindruckt davon rückten die britischen und französischen Truppen jedoch auf den Yuanming Yuan vor, den sagenhaften Sommerpalast der Qing-Kaiser im Nordwesten von Beijing. Vom 6. bis 9. Oktober 1860 wurde er von den Soldaten vollständig ausgeplündert. Als der britische Generalbevollmächtigte Lord Elgin nach Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen erfuhr, daß nur 19 der insgesamt 39 britischen und französischen Geiseln ihre Haft überlebt hatten – die Gefangenen waren schwer mißhandelt und brutal gefoltert worden – gab er am 18. Oktober Befehl, den Sommerpalast niederzubrennen.(54)

   D›Escayrac hat sich von den Strapazen dieser Reise und den vielerlei Mißhandlungen nie wieder ganz erholt. Seit seiner Rückkehr nach Frankreich im Mai 1861 verbrachte er die restlichen Jahre seines Lebens mit Studien und besonders mit der Niederschrift und Herausgabe seiner Reiseerinnerungen an China.(55) Er starb am 18. Dezember 1868 im Alter von 42 Jahren in Fontainebleau.

   Sein Reisewerk ›Le Désert et le Soudan‹ blieb das einzige seiner Bücher, das ins Deutsche übersetzt wurde, und fand, zumindest in Teilen, dank Karl May den Weg in die heutige Zeit, wenn auch unbeabsichtigt und bisher unerkannt, denn an keiner Stelle seines Werks weist May auf seine Quelle hin. Wenn wir also heute Mays nordafrikanische Beschreibungen von Land und Leuten lesen, blicken wir durch die Brille, die der Graf d›Escayrac de Lauture vor 145 Jahren trug.


3. A n  d e r  Q u e l l e

Es würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen, alle Belegstellen aus ›Escayrac‹ zu kommentieren. Statt dessen werde ich einzelne Zitate aus verschiedenen Themenbereichen – Geographie, Ethnographie, Linguistik und Religion – herausgreifen, die von Interesse in bezug auf Mays Umgang mit Quellen sind. Die restlichen Parallelstellen finden sich als Anhang am Ende des Aufsatzes aufgelistet.


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3.1. Geographisches

3.1.1. ... von Cap Blanco bis zu den Bergen des Nilthales ...
Steppe und Wüste

Das Bild der Sahara als Handlungsraum, wie ihn May sich selbst und seinen Lesern vor- und darstellt, ist natürlich nicht Ergebnis eigener Anschauung und subjektiver Sicht, sondern ein Puzzle, das aus mehreren Quellen zusammengesetzt ist. Der Raum bietet somit dem Leser ein Erscheinungsbild, das durch mehrere Filter gegangen ist oder – wenn man so will – in mehreren Spiegeln gebrochen wird, bevor es zur Projektion gelangt. Der erste Filter sind die Quellen, aus denen May schöpft. Filter insofern, als seine Gewährsleute selbst ja auch nur ein eigenes Abbild des Raumes entwerfen, eine subjektive Auswahl an Bemerkenswertem treffen. Der zweite Filter ist der Autor May selbst, der aus den vorgefundenen Bildelementen auswählt und dichtend einen imaginierten Raum, einen Meta-Raum, schafft und dem Leser darbietet, der als dritter Filter ein Raum-Bild, quasi ein vielfach gebrochenes Spiegelbild aus dritter Hand kreiert. Die Anzahl der Filter erhöht sich noch, wenn Mays Gewährsleute ihrerseits schon aus Originalquellen geschöpft haben, wie z. B. Daniel, der sein ›Handbuch der Geographie‹ aus Primärquellen zusammengestellt hat.

   In Mays ›Geographischen Predigten‹(56) findet sich seine früheste Darstellung der Sahara. Sie ist die geographische Keimzelle seiner späteren, vierten Orient- und dritten Sahara-Erzählung ›Unter Würgern‹. Etwa die Hälfte der geographischen Angaben stammt aus Daniel (S. 466-69), die andere Hälfte über die besonderen Schrecken der ›Spiegelung‹ (Fata Morgana) aus einer bisher unbekannten Quelle resp. bisher unbekannten Quellen. Für seine erste Sahara-Erzählung ›Die Gum‹, erschienen März/April 1878, verwendet May nicht die aus Daniel stammende Beschreibung in den ›Geographischen Predigten‹, sondern kurze Auszüge aus Rasch (S. 245ff., 253, 259, 261). Die geographische Schilderung der Wüste fällt in Mays zweiter Sahara-Erzählung ›Die Rose von Sokna‹, die quellenmäßig nicht erschlossen ist, so dürftig aus, daß man zu der Annahme neigen könnte, sie sei vor der ›Gum‹ entstanden, obwohl sie etwa ein halbes Jahr später, nämlich Okt./Nov. 1878 erschien. Aus diesen beiden Erzählungen formte May dann 1879 ›Unter Würgern‹, wobei er für die Geographika auf die von ihm vorher benutzten, uns bekannten aber auch auf noch unbekannte Quellen zurückgriff und sie mit weiteren Angaben aus Rasch und zusätzlich aus Escayrac anreicherte. Somit ergibt sich als Struktur der geographischen Genese dieser Erzählung folgendes Bild:

[Daniel + (noch unbekannte Quelle) –> ›Geographische Predigten‹] + [Rasch –> ›Gum‹ (1878)] + [Rasch] + [Escayrac] => ›Würger‹


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Eine Synopse der betreffenden Stellen aus ›Würger‹, ›Daniel‹, ›Rasch‹ und ›Escayrac‹ zeigt Mays Kompositionstechnik auf:

WürgerRaschEscayrac
Die Steppe! –

Im Süden des Atlas, des Gharian und der Gebirge von Derna liegt sie, von welcher Freiligrath so treffend sagt:

   »Sie dehnt sich aus von Meer zu Meere;
Wer sie durchritten hat, dem graust.
Sie liegt vor Gott in ihrer Leere
Wie eine leere Bettlerfaust.
Die Ströme, die sie jach durchrinnen,
Die ausgefahrnen Gleise, drinnen
Des Colonisten Rad sich wand,
Die Spur, in der die Büffel traben –
Das sind, vom Himmel selbst gegraben,
Die Furchen dieser Riesenhand. «

   Von dem Gebiete des Mittelmeeres sich bis zur Sahara erstreckend, also zwischen dem Sinnbilde der Fruchtbarkeit, der Civilisation und dem Zeichen der Unfruchtbarkeit, der Barbarei, bildet sie ein breite Reihe von Hochebenen und nackten Höhenzagen, deren kahle Berge wie die klagenden Seufzer eines unerhörten Gebetes aus traurigen, öden Flächen emporsteigen. Kein Baum, kein Haus! Höchstens ein einsames, halb

Kein Dichter hat ihren Charakter treffender und naturgetreuer gezeichnet, als der Sänger der Wüste, Ferdinand Freiligrath:

   »Sie dehnt sich aus von Meer zu Meere;
Wer sie durchschritten hat, den graust.
Sie liegt vor Gott in ihrer Leere,
Wie eine leere Bettlerfaust.
Die Ströme, die sie jach durchrinnen;
Die ausgefahrnen Gleise, drinnen
Des Colonisten Rad sich wand;
Die Spur, in der die Büffel traben: –
Das sind, vom Himmel selbst gegraben,
Die Furchen dieser Riesenhand.« (246) Die Kette des Atlasgebirges bildet im nördlichen Afrika die Grenze zwischen der Region der Sahara, zwischen dem Sinnbilde der Fruchtbarkeit und der Wiege der Civilisation der Welt, und zwischen der verkörperten Unfruchtbarkeit und der hundertjährigen Zufluchtsstätte der Barbarei (...) zwischen beiden Regionen liegt eine breite Reihe von Hochebenen, welche sich in allmäliger Steigung zu den Höhen-

Das Regenwasser, welches in den Wintermonaten von den Südabhängen des Atlas, des Gharian und der Gebirge von Derna herabströmt, verliert sich im Sande (...) (3)


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[Würger:][Rasch:][Escayrac:]
verfallenes Karawanserai bietet dem Auge einen wohlthätigen Ruhepunkt, und nur im Sommer, wenn ein armseliger Pflanzenwuchs den sterilen Boden durchdringt, wandern einige Araberstämme mit ihren Zelten und Heerden zur Höhe, um ihren mageren Thieren eine kaum genügende Weide zu bieten. Im Winter aber liegt die Steppe vollständig verlassen unter der Decke des Schnee's, welcher auch hier trotz der Nähe der glühenden Sahara mit seinen Flockenwirbeln über die erstorbene Einöde fegt.

   Nichts ist rundum zu schauen als Sand, Stein und nackter Felsen. Kieselbruch und scharfes Geröll bedeckt den Boden, oder wandernde Ghuds (Dünen) schleichen sich, von dem fliegenden Sande genährt, Schritt um Schritt über die traurige Fläche, und wo sich irgend einmal ein stehendes Gewässer zeigt, da ist es doch nur ein lebloser Schott, dessen Wasser in seinem Becken liegt, wie eine todte Masse, aus welcher jeder frische, blaue Ton verschwunden ist, um einem starren, unbelebten und schmutzigen Grau zu weichen. Diese Schotts vertrocknen während der Sommerhitze und lassen dann nichts zurück als ein mit Steinsalz ge-

zügen des Atlas erheben (...) Weite, nackte Hochebenen, hie und da mit »Chotts« oder Salzseen bedeckt, ohne jede Baumvegetation, an deren Rändern kahle Berge aufsteigen, im Sommer mit zahllosen Heerden, arabischen Zelten und Kameelen bedeckt, im Herbst und Winter das Bild vollkommener Oede und Verlassenheit und dann oft in eine leichte, weiße Schneedecke eingehüllt - so ist das Bild dieser afrikanischen Steppe. (245f.)

   So weit das Auge reichte, war weder Haus noch Baum zu erblicken (...) Die weite Fläche war nackt, wüst und leer. (253)

   Breite Ströme von Kieseln und Geröll durchzogen dieselbe nach allen Richtungen (...) Selbst die Höhenzüge des Atlas (...) hatten sich hier ihres magern Pflanzenmantels entkleidet, und traten mit nacktem Fuß auf diese nackten, öden Hochebenen, welche die Oede, die Verlassenheit und die Einsamkeit in wirklich grauenerregender Gestalt repräsentiren. (259)

   Die Farbe des Wassers war von einem schmutzigen Grau, aus dem jeder blaue Ton verschwunden war. Keine Bewegung war auf der Oberfläche des Seespiegels zu erkennen; das Wasser lag in seinem Becken, wie eine todte Masse. (261 )

(...) Ghud, das System der beweglichen Dünen (...) (19)



Oftmals erscheint es [das Wasser] in weiter Entfernung wieder und bildet eine Quelle, einen Bach, Teich oder See, der dann während der Sommerhitze verschwindet, und dessen Vorhandensein nur durch salzige Ausschläge auf dem mit


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[Würger:]Daniel[Escayrac:]
schwängertes Bett, dessen stechende Reflexe den Nerv des Auges tödten.

   Einst hat es auch hier Wälder gegeben; aber sie sind verschwunden, und nun fehlen die segensreichen Regulatoren der feuchten Niederschläge. Die Betten der Bäche und Flüsse, Wadis genannt, ziehen sich im Sommer als scharfe Einschnitte und wilde, felsige Schluchten von den Höhen herab, und selbst der Schnee des Winters vermag ihr grausiges Gewirr nicht genugsam zu verhüllen. Schmilzt er aber unter der Wärme der plötzlich eintretenden heißen Jahreszeit, so stürzt sich die brausende, tobende und donnernde Wassermasse ganz unvorhergesehen mit weithin hörbarem Brüllen zur Tiefe und vernichtet Alles, was nicht Zeit findet, die schleunige Flucht zu ergreifen. Dann faßt der Beduine an die neunundneunzig Kugeln seines Rosenkranzes, um Allah zu danken, daß er ihn nicht dem Wasser begegnen ließ, und warnt die Bedrohten durch den lauten Ruf: »Flieht, Ihr Männer, der Wadi kommt!«

   Durch diese zeitweilige Fluth und die stehenden Wasser der Schotts werden an den Ufern der See›n und Wadis dornige Sträucher und stachelige

Die Pflanzenwelt besteht nur aus den Gewächsen, welche den verheerenden Glutwinden zu widerstehen im Stande sind, oder als al- Steinsalz geschwängerten Boden angedeutet wird. Dahin gehören die Schott in der Sahara (...) (3)

   Im Gharb, das heißt in Marocco, in Algerien und den Regentschaften Tunis und Tripolis, sind im Laufe der Jahrhunderte die Gebirge eines großen Theils ihrer Waldungen beraubt worden; und man spürt nun die Folgen dieser Entholzung auf eine äußerst empfindliche Weise. Denn in den Wintermonaten stürzen hundert und aber hundert wilde Gießbäche von den Felsen herab, treiben Steinmassen in's Unterland, verwüsten die Felder, übersäen weit und breit die Ebenen mit Sand und Geröll, reißen Thalschluchten noch tiefer auf, und entwurzeln Bäume. Im Februar verschwinden diese Gießbäche und wilden Wasser; dann zeigt eine Reihenfolge kleiner Lachen (Sobha) einige Tage lang noch ihren Lauf und dessen tiefste Stellen an. Bald aber verschwinden auch diese Pfützen und der ausgetrocknete Wadi ist nun zu einem gangbaren Wege oder Graben geworden. (2)

   Die Mohamedaner beten den Rosenkranz ab; er enthält neunundneunzig Kugeln (...) (61)


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[Würger:][Daniel:]
Mimosen hervorgelockt, welche die Kameele vermöge ihrer harten Lippen benagen können, unter deren Schutze aber auch der Löwe und der Panther schlafen, um von ihren nächtlichen Razzias auszuruhen. (634) kalische Pflanzen an dem salzgetränkten Boden ihre Lust haben; spärlicher Thymian, Disteln (...) die Stachelbüsche der Mimosen und Akazien, von dem hartmäuligen Kameel gierig verzehrt (...) das Gebüsch am Wüstensaume ist der Löwen Lager. (467)

Für den zweiten Teil der Schilderung, die eigentliche Wüste, greift May auf Daniel und Escayrac zurück, natürlich unter Auslassung von Rasch der ja lediglich bis an den Nordrand der Sahara gereist war. Der letzte Abschnitt des May-Textes über den ›Zweck der Wüste‹ in dem großen Haushalte der Natur (Würger 650) ist möglicherweise eine Paraphrase aus der ›Gartenlaube‹;(57) das sei allerdings unter allem Vorbehalt gesagt.

WürgerDaniel
Die Wüste! –

   Von der Nordwestküste Afrika's zieht sich mit wenigen kurzen Unterbrechungen bis hinüber nach Asien und hinauf zu dem mächtigen Kamme des Chinggangebirges eine Reihe von öden, unwirthlichen Länderstrecken, die einander an Grausen überbieten. Die großen Wüsten des afrikanischen Continentes springen über die Landenge von Suez hinüber in die öden Flächen des steinigen Arabien's, denen sich die nackten, dürren Strecken Persien's und Afghanistan's anschließen, um hinauf in die Bucharei und Mongolei zu steigen und dort die grauenvolle Gobi bilden.

   Wohl über 120, 000 Quadratmeilen groß, er-

Im Süden der nordafrikanischen Hochländer zieht sich fast durch die Breite des ganzen Erdtheils, vom atlantischen Ocean bis zu den Bergwänden des Nilthals, die große Wüste Sahara, über 600 M. lang, bald 100, bald 200 M. breit, ein Sandgürtel, mit dem man zwei Drittheile von Europa und Deutschland zehnmal bedecken könnte. Er umfaßt mehr als 120,000  M., und da Aegypten und Nubien eigentlich auch nur Wüsten mit Oasenthälern sind, da auch jenseits des rothen Meeres die arabischen und persischen Sandebenen bis zur Wüste Multan am Indus hin in ihren Bodenverhältnissen mit der Sahara übereinstimmen, so ist


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[Würger:][Daniel:]Escayrac
streckt sich die Sahara von Cap Blanco bis zu den Bergwänden des Nilthales und vom Rif bis in die heißdunstigen Wälder des Sudan. Ihre Eintheilung ist eine sehr mannigfaltige. Die an die Nilländer stoßende libysche Wüste geht nach Westen in denjenigen Theil der eigentlichen Sahara über, von welcher der Dichter sagt:

   »... bis da, wo sich im Sonnenbrande

   Die öde Hammada erstreckt

   Und man im glühend heißen Sande

   Nicht einen grünen Halm entdeckt,«

und von hier aus zieht sich dann die Sahel bis an die Küste des atlantischen Oceans. Der Araber unterscheidet die bewohnte (Fiafi), unbewohnte (Khela), gesträuchige (Haitia), bewaldete (Ghoba), steinige (Serir), mit Felsblöcken übersäte (Warr), gebirgige (Dschebel oder Nedsched), flache (Sahel oder Tehama) und von beweglichen Dünen durchzogene Wüste (Ghud).

   Die Ansicht, daß die Sahara eine Tiefebene bilde, welche niedriger liege, als der Wasserspiegel des Meeres, ist eine durchaus irrige; vielmehr ist die Wüste ein ausgedehntes Tafelland von tausend bis zweitausend Fuß Höhe und gar nicht

ihr Gebiet nach NO. unermeßlich gedehnt (466) Für jeden Anblick, welchen die Wüste darbietet, haben die Araber eine besondere Benennung (...) Die Wüste ist bewohnbar, Fiafi, oder unbewohnbar, Khela; sie hat Gesträuche, Haitia; ist bewaldet, Ghaba; steinig, Serir, oder mit großen Felsblöcken übersäet, Warr. Sie heißt, wenn sie eine Hochfläche bildet, Dschebel (Gebirge), im Gegensatz zum maritimen Flachlande, Sahel (Plural Sowahel) oder Nedsched im Gegensatz von Tehama (11)

   (...) Ghud, das System der beweglichen Dünen (...) (19)

   Die Ebenen der Sahara liegen im Allgemeinen niedriger als der Wasserstand des mittelländischen Meeres;*) [* Diese Ansicht, daß Nordafrika und insbe-


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[Würger:][Daniel:][Escayrac:]
so arm an Abwechslung der Bodengestaltung, wie man bisher immer meinte.

   Das Letztere ist besonders der Fall im östlichen Theile, in der eigentlichen Sahara, welche sich dem Wanderer freundlicher zeigt, als die westliche Sahel, die der eigentliche Schauplatz der Wüstenschrecken und des gefürchteten Flugsandes ist, der, vom Winde zu fortrückenden Wellen angehäuft, langsam durch die Wüste wandert; daher der Name Sahel d. i. Wandermeer. Diese Beweglichkeit des Sandbodens muß natürlich dem Wachsthume der Pflanzen außerordentlich hinderlich sein, und dazu kommt der außerordentliche Mangel an Quellen und Brunnen, ohne welche das Entstehen von Oasen eine absolute Unmöglichkeit ist. Der dürre Sandboden vermag kaum einige werthlose Salzpflanzen, höchstens noch etwas dürren Thymian, ein paar Disteln und einige stachelige, krüppelhafte Mimosen zu nähren. Durch das glühende Sandmeer streift nicht der wilde Leu, obgleich der Dichter behauptet

   »Wüstenkönig ist der Löwe;«

nur Vipern, Scorpione und ungeheure Flöhe finden in dem heißen Boden ein behagliches Dasein,

   Die westliche Hälfte, die Sahel, d. i. Ebene, ist das eigentliche Flugsandmeer, eine Wirkung des Passats, welcher in seinem Fahren von O. nach W. die östlichen Theile der Wüste auf große Strecken rein fegt und dafür den Flugsand in den westlichen Wüstentheilen aufhäuft (...) Ja in das Meer hinein verbreitet der Sturm den Sand des »Wandermeeres« (...) Das Innere der Sahel hat viel weniger Brunnen und Oasen, als die östliche Hälfte (...) Die Pflanzenwelt besteht nur aus den Gewächsen, welche den verheerenden Glutwinden zu widerstehen im Stande sind, oder als alkalische Pflanzen an dem salzgetränkten Boden ihre Lust haben; spärlicher Thymian, Disteln (...) die Stachelbüsche der Mimosen (...) Aus der Thierwelt sind nur Vipern, Skorpione und Ameisen in der Wüste heimisch, von anderen Insekten begleitet die Fliege die Karawanen, stirbt aber bald auf dem Wege. Flöhe findet man südlich vom 31° nicht mehr (...) Reißende Thiere halten sich von der Wüste fern, die weder Beute noch Wasser giebt; das Gebüsch am Wüstensaume ist der Löwen Lager (...)

   Die kleinere östliche Hälfte der Wüste, die ei-

sondere die Sahara eine Tiefebene bilde, welche zum Theile niedriger liege als der Wasserspiegel des Meeres, hat sich in der neusten Zeit als unhaltbar herausgestellt (...) Die Sahara ist ein ausgedehntes Tafelland von eintausend bis zweitausend Fuß Höhe (...)] (2)


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[Würger:][Daniel:]
und selbst die Fliege, welche den Karawanen eine Strecke in die Wüste hinein folgt, stirbt bald auf dem Wege. Und dennoch wagt sich der Mensch in den Sonnenbrand und trotzt den Gefahren, welche ihn von allen Seiten umdrohen. Freilich ist deren Schilderung oft eine übertriebene, aber es bleibt trotzdem genug übrig, um die Sehnsucht nach einem »Wüstenritte« zu verleiden, dessen Opfer man in der Sahel häufiger findet, als in der wasserreicheren eigentlichen Sahara. Da liegen dann die ausgedorrten Leichen der Menschen und Thiere in Grauen erregenden Stellungen neben und über einander; der Eine hält den leeren Wasserschlauch noch in den entfleischten Händen; ein Anderer hatte wie wahnsinnig die Erde unter sich aufgewühlt, um sich Kühlung zu verschaffen; ein Dritter sitzt als vertrocknete Mumie auf dem gebleichten Skelet seines Kameeles, den Turban noch auf dem nackten Schädel, und ein Vierter kniet am Boden: das Gesicht ist gegen Morgen nach Mekka gerichtet, und die Arme sind über die Brust gekreuzt. Sein letzter Gedanke hat, wie es dem frommen Moslem geziemt, Allah und gentliche Sahara oder libysche Wüste (...) (467)

Im Jahre 1805 wurde eine Karawane von 2000 Menschen durch solchen Sandsturm verschüttet. An solche Katastrophen erinnern große Sandhügel, aus welchen Hunderte von weißgebleichten Gerippen emporragen, Ueberreste von Menschen, Pferden und Kameelen, alle in der Stellung, wie der Tod sie überraschte. Einige sitzen auf den Gerippen der niedergestürzten Pferde, den Turban noch auf dem nackten Schädel; andere halten vertrocknete Wasserschläuche in den Knochenhänden. Hier scheint einer nach dem Schwert, ein anderer auf den Boden gegriffen zu haben, um ihn nach Kühlung aufzuwühlen. Mehrere halten noch die Arme über die Brust gekreuzt, das Gesicht nach Mekka gewendet; sie waren betend gestorben. (469)


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[Würger:]Gartenlaube
seinen Propheten gesucht.

Und dennoch hat die Wüste ihren Zweck zu erfüllen in dem großen Haushalte der Natur. Sie bildet den Gluthofen, welcher die erhitzten Lüfte emporsteigen läßt, daß sie nach Norden streichen und, sich dort zur Erde niedersenkend, den Gegenden der Mitternacht die nothwendige Wärme und Belebung bringen. Die Weisheit des Schöpfers duldet keinen Ueberschuß und hat von Anbeginn dafür gesorgt, daß alle Gegensätze und Extreme zur wohlthätigen Ausgleichung gelangen. – – (650)

(...) ihr europagroßer Gluthofen wird, in Gemeinschaft mit dem Golfstrome, zur belebenden, schöpferischen Treibhauswärme für das halbe westliche Europa. Ohne diese Winde und geheizten Strömungen des Oceans würden Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, England, Holland, das nordwestliche Europa bis Schweden und Norwegen hinauf eine viel niedrigere Temperatur und für Millionen Menschen weniger Nahrungsmittel haben. (244)

In ›Satan und Ischariot II‹ benutzt May noch einmal das Zitat über die verschiedenen Benennungen der Wüste aus Escayrac, jedoch in leicht abgewandelter Form, was möglicherweise entweder auf Erinnerungslücken zurückzuführen ist oder auf Flüchtigkeiten beim Abschreiben. Denkbar ist auch eine weitere Quelle, die den Escayrac variiert und von May dann herangezogen wurde: »Warr« ist eine mit Felsblöcken übersäete Wüste. Unter »Sahar« begreift nämlich der Beduine nur die sandige Wüste. »Serir« ist die steinigte, »Dschebel« die gebirgige Wüste. Ist die Wüste bewohnbar, so heißt sie »Fiafi«, während man die unbewohnbare »Khala« nennt. Hat die Wüste Gesträuch, so heißt sie »Haitia«, und wo gar Bäume stehen, spricht man von »Khela«.(58)

   Anders als in obigem Vergleich wird hier die unbewohnbare Wüste ›Khala‹ (Würger: ›Khela‹), die bewaldete ›Khela‹ (Würger: ›Ghoba‹) benannt; ergänzt wird das Zitat durch ›Sahar‹, was May ebenfalls Escayrac entnommen haben könnte: »Nach ihrem Anblick läßt sich die Wüste naturgemäß in folgender Weise eintheilen: - S e r i r  ist der nicht von Sand bedeckte primitive Boden. Er begreift die Hochflächen, Serir, und die Gebirge, D s c h e b a 1. - S a h a r  sind Tiefebenen und Tiefthäler, in welchen der Urboden mit Sand überlagert ist. - G h u d, das System der beweglichen Dünen, sowohl am Meeresufer wie inmitten der Ebenen; sie sind hier wie dort den Einwirkungen der heftig wehenden Winde ausgesetzt.« (Escayrac 19)


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3.1.2. Ueber dem dicht umflorten Horizonte ... – Die Spiegelung

Der anschließende Text über die ›Spiegelung‹, der Anfang des 4. Kapitels von ›Würger‹, ist eine Dramatisierung der noch unbekannten Quelle der ›Geographischen Predigten‹, der durch arabische Sprachproben aus Escayrac authentischer gestaltet wird. Durch diesen kosmetischen Kunstgriff erhält die große afrikanische Wüste sozusagen ein orientalisches Gesicht, während sich der Autor, aus der ›Mappe Escayrac‹ zitierend, die Maske des Vielgereisten(59) überstülpt. Weiterhin nutzt May die Angaben d›Escayracs, um die dramatische Schilderung szenisch auszugestalten, wobei ihm ein kleiner ›Fehler‹ unterläuft. Aus Escayrac übernimmt er den Ausdruck ›Frik‹ für Karawanenabteilung: Die erst geschlossene Karawane hat sich längst in einzelne Frik (Abtheilungen) aufgelöst, welche sich mühsam hinter einander herschleppen (Würger 684f.). Im Sinne der Dramatik des Geschehens ist es durchaus legitim, die sich steigernde Erschöpfung der Verschmachtenden und das Erlahmen ihrer Kräfte so darzustellen. Richtig im Sinne der üblichen, realistischen Verfahrensweise ist es nicht. Größere Karawanen (Sie ist bereits seit Monaten unterwegs und durch die von allen Seiten sich anschließenden Zuströme sehr stark und zahlreich geworden – Würger 684) reisten damals wie heute immer in einzelnen, oft Stunden und Tage auseinanderliegenden Abteilungen, »damit die Brunnen und Wasserstellen nicht auf einmal ausgeschöpft werden und sich wieder füllen können«, wie d›Escayrac richtig bemerkt.

   In der folgenden Gegenüberstellung sind die aus den ›Geographischen Predigten‹ stammenden Textstellen des ›Würger‹ unterstrichen:

WürgerEscayrac
Die Spiegelung! –

Durch die brennende Einöde schleicht langsam die Dschellaba (Pilgerkarawane). Sie ist bereits seit Monaten unterwegs und durch die von allen Seiten sich anschließenden Zuströme sehr stark und zahlreich geworden. Reiche Uelad Arab aus dem Belad es Sudan reiten neben armen Fußwanderern, welche sich auf die Mildthätigkeit der Gläubigen verlassen müssen und nichts besitzen als einen einzigen Mariatheresienthaler, um die Ueberfahrt über das rothe Meer bezahlen zu können. Jünglinge, welche kaum das Knabenalter überschritten haben, wandern neben ausgetrockneten Greisen, die vor dem

Aber die Reise ist lang, voller Beschwerlichkeiten, und wegen der drohenden Gefahren manchmal gar nicht zu unternehmen. So kommt es daß die Pilgerkarawane (Dschellaba) aus Dar Fur manchmal in Syut gar nicht eintrifft (...) Auch der wohlhabende Pilger, und selbst der arme Takruri welcher zu Fuß neben den Kameelen hergeht treibt etwas Handel (...) (277f.)

Der Pilger macht sich auf den Weg um Gottes Willen (ala bab el Kerim), er tritt eine Reise an die Jahre lang dauert, ohne Lebensmittel oder Geld zu haben; aber tagtäglich hilft ihm das Wohlwollen und Mitleiden seiner Nebenmenschen aus der Noth (...) Um


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Tode noch die heilige Kaaba sehen wollen. Gelbe Beduinen, braune Tuareg, dunkle Tebu und wollhaarige Tekrur, wie die schwarzen Mekkapilger genannt werden, murmeln in melancholischen Tönen ihre frommen Gebete oder ermuntern sich durch den lauten Zuruf des moslemitischen »La illaha il›Allah u Mohammed rassul Allah, es ist kein Gott außer Gott, und Mohammed ist Gottes Prophet!«

   Der Himmel glüht fast wie kochendes Erz, und die Erde brennt wie flüssiges Eisen. Der Smum hat die Wasserschläuche ausgetrocknet, und bis zur nächsten Uah ist es noch weit. Ein einsamer Bir (Brunnen) kann keine Hülfe bringen, da sein weniges brackiges Wasser kaum hinreicht, die Zungen der Menschen und die Lefzen der Kameele zu kühlen. Die erst geschlossene Karawane hat sich längst in einzelne Frik (Abtheilungen) aufgelöst, welche sich mühsam hinter einander herschleppen. Brod, Mehl und Bela (trockene Datteln) sind genugsam vorhanden, aber für einen Schluck Wassers oder eine Schale Merissa (kühlender Trank aus Dokhnkorn) würden die Verschmachtenden Monate ihres Lebens hingeben. Der Dürstende greift wieder und immer wieder zur leeren Zemzemi–h, hält sie an die verlangenden Lippen und setzt sie wieder ab mit einem klagenden »bom bosch, ganz leer!«

   Die Gebete werden leiser, die Zurufe seltener, und die am Gaumen klebende Zunge liegt wie Blei im Munde. Sie vermag kaum das Surat yesin, das sechsunddreißigste Kapitel des Koran, zu seufzen, welches der Moslem »Quelb el Kuran«, das Herz des Koran, nennt und in der Noth des Todes betet.

   Da ertönt ein lauter Freudenschrei.

   Ueber dem dichtumflorten Horizonte heben sich die scharfen Umrisse der ersehnten Oase empor. Auf schlanken Säulen bauen sich die stattlichen Wipfel der Dattelpalmen über einander, und

sein Ziel zu erreichen bedarf er nur eines einzigen Maria-Theresia-Thalers, um in Soaken seine Fahrt über das Rothe Meer bezahlen zu können, und nach Dschidda zu gelangen, das den Hafen für Mekka bildet. (220)

   (...) wahrscheinlich ist dieser Hanf aus dem Sudan nach Tunis und nach Tripoli gekommen, wo man ihn  T e k r u r i  nennt, also mit demselben Namen belegt, mit dem man auch die schwarzen Mekkapilger bezeichnet, um deren Heimatland anzudeuten. Vielleicht ist, wie einige Geographen meinen,  T e k r u r  der Name einer Provinz im Sudan (...) (96)

   Das einfachste Glaubensbekenntnis ist folgendes: >>Es ist kein Gott außer Gott, und Mohamed ist Gottes Prophet.«  L a  i 1 a h a  i 1'  A 1  1 a h  u  M o h a m e d  r a s s u l  A l l a h. (56)

   Die meisten Brunnen haben brakiges schlechtes Wasser (...) (290)

   Die Karawane reist in Abtheilungen (F r i k) die einige Tagereisen von einander entfernt bleiben, damit die Brunnen und Wasserstellen nicht auf einmal ausgeschöpft werden und sich wieder füllen können. (279)

   (...) die frische Dattel (T a m r) ist die beste; die trockene (B e 1 a) wird insgemein ausgekernt und läßt sich leicht aufbewahren (...) (6)

   (...) die  M e r i s s a  wird in folgender Weise bereitet. Man läßt die Dokhnkörner eine Nacht durch kochen und dann stehen (...) (201)

   Das sechsunddreißigste Kapitel, genannt  S u r a t y e s i n, so genannt nach seinen beiden Anfangsbuchstaben, wird als das Herz des Koran betrachtet, Qalb el Kuran; man liest es am Todtenbette, um die Seele eines Sterbenden von den Qualen des Fegefeuers zu befreien (...) (54)

   (...) an demselben [dem hintern Sattelknopf] wird auch eine  Z e m z e m i e h  befestigt, das heißt ein mit Wasser gefülltes ledernes Gefäß (...) (294)


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ihre leichten Fliederkronen wehen in dem frisch sich erhebenden Wüstenwinde. Zwischen grünen Hainen schimmert es wie das Wellengekräusel eines lieblichen See's, und die Luft scheint sich von der Ausdünstung des Wassers zu feuchten. Die Palmenkronen spiegeln sich in der glitzernden Wasserfläche, und Kameele waten in der Fluth, ihren langen Hals herniederstreckend, um das belebende Naß zu schlürfen.

   »Hamdulillah, Preis sei Gott! Das ist die Uah; der Herr hat uns errettet; ihm sei Lob und Dank!«

   Die Jubelnden wollen ihre Thiere in eine schnellere Bewegung setzen; diese aber lassen sich nicht täuschen; ihr scharfer Geruch hätte es ihnen ja schon längst gesagt, wenn wirkliches Wasser vorhanden wäre.

   »Hauehn aaleïhu ia Allah, hilf ihnen, o Gott!« bittet der erfahrene Führer der Karawane. »Sie haben vor Durst und Hitze den Verstand verloren und halten die Fata morgana, die gefährliche Spiegelung, für Wirklichkeit.«

   Seine Worte rufen doppelte Niedergeschlagenheit unter den Getäuschten hervor; muthloser und langsamer schiebt sich der immer mehr ermüdende Zug weiter und geht vielleicht dem grauenvollen Schicksale entgegen, wie das vom Sonnenbrande verzehrte Wasser eines Wadi in der starren Wüste zu verrinnen. Die Dschellaba hält dann ihren Einzug in einem Mekka, welches erbaut ist hoch über den Sternen und nicht im Sande des Belad Moslemin (Arabien's). – – (684f.)

   Die Kameele deren Geruch weit sicherer und weiter trägt als ihr Gesicht, lassen sich durch diese Mirage nie berücken, aber für das menschliche Auge ist die Täuschung ganz vollkommen. (28)

Vermutlich hat sich Karl May durch Escayrac zu einer Szene inspirieren lassen, die auf die allgemeine Schilderung der Fata Morgana folgt. Der Ich-Erzähler, Hassan el Kebihr und der Staffelsteiner gelangen auf ihrem Wege zu dem Rencontre mit Emmery Bothwell zum Bab-el-Ghud, dem Kampfgebiet zwischen Ghud und Serir, als sie Zeuge einer besonderen Erscheinung der Spiegelung werden. Am Horizont erscheint in umgekehrter Stellung das Bild eines Postens der Raubkarawane. D'Escayrac beschreibt diese besondere Erscheinungsform wie folgt:


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Gegenstände, welche unter dem Horizonte liegen, erscheinen vergrößert und verkehrt; ihre Dimensionen vermindern sich, je näher sie dem Horizonte kommen, und wenn sie in den Kreis eintreten, schwindet die Erscheinung, die Gegenstände nehmen ihre wahre Lage ein und ihre Dimensionen entsprechen der Entfernung, in welcher sie vom Beschauer sich befinden. Diese Spiegelung wird manchmal im Sommer auf den Schott beobachtet. Dann zeigt sich plötzlich nahe am Horizonte ein Kameel von außerordentlicher Länge; der Kopf berührt den Gesichtskreis, während das Thier selbst eine umgekehrte Stellung hat und mit den Beinen in der Luft geht. Bald aber werden die Proportionen des Kameels kleiner, es verschwindet allmälig und zuletzt erkennt man nur noch einen schwarzen Punkt. Das Kameel hat dann den Horizont überschritten, sein Bild hat die richtige Gestalt angenommen, ist anfangs kaum sichtbar und wird dann, ganz den Gesetzen der Perspective gemäß, immer größer, je näher es kommt. (26)

Dieses Phänomen wird von May in ›Würger‹ folgendermaßen dargestellt:

Jetzt richtete sich in verkehrter Stellung eine riesige Figur empor und neben ihr eine zweite. Trotz der auseinander fließenden Umrisse erkannten wir ein an dem Boden liegendes Kameel, neben welchem ein Araber stand. Es war klar, daß die Originale dieses Bildes sich in Wirklichkeit hinter den vor uns liegenden Dünen befanden. Der Araber konnte nichts Anderes sein, als ein Posten, der von dem Hedjahn-Bei vorgeschoben worden war, um das Nahen der Kaffilah zu beobachten. Die Fata morgana hatte uns die Gum verrathen, während die Spiegelung unser Bild dem Posten nicht zutragen konnte, da wir vor der Sonne hielten.

   Es war ein eigener, gespenstischer Anblick, dieser verkehrt in den Lüften schwebende und in gigantischen Dimensionen gezeichnete Wächter der Raubkarawane ...

   Je weiter wir vorwärts kamen, desto mehr sanken die Linien desselben zusammen. Die Figur dessen, den ich für Emmery Bothwell hielt, war schon kurz nach dem zweiten Schusse verschwunden. Wegen des tiefen Sandes und weil wir zahlreiche Dünen zu umreiten hatten, kamen wir trotz unserer Eile nur langsam von der Stelle; doch wich die Spiegelung endlich, und folglich mußten wir uns in dem Gesichtskreis des Ortes befinden, an welchem die That geschehen war. (685)

Natürlich ist nicht auszuschließen, ja man muß sogar mit Sicherheit annehmen, daß May für ›Würger‹ mindestens eine weitere Quelle benutzt hat, wie der fremdsprachliche Befund (siehe dazu Kapitel 3.3.) erweist. Die inhaltliche Übereinstimmung beider Texte und die große Zahl von Zitaten im allgemeinen aber lassen die Vermutung zu, daß er sich bei Escayrac bedient hat. Die inhaltlichen Parallelen bezüglich der Komponenten dieses speziellen Phänomens(60) seien hier kurz gegenübergestellt:


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WürgerEscayrac
Jetzt richtete sich in verkehrter Stellung eine riesige Figur empor ... erkannten wir ein an dem Boden liegendes Kameel ... dieser verkehrt in den Lüften schwebende und in gigantischen Dimensionen gezeichnete Wächter der Raubkarawane ... (...) zeigt sich plötzlich nahe am Horizonte ein Kameel von außerordentlicher Länge; der Kopf berührt den Gesichtskreis, während das Thier selbst eine umgekehrte Stellung hat und mit den Beinen in der Luft geht (...)
... daß die Originale dieses Bildes sich in Wirklichkeit hinter den vor uns liegenden Dünen befanden ... Gegenstände, welche unter dem Horizonte liegen, erscheinen vergrößert und verkehrt (...)
Je weiter wir vorwärts kamen, desto mehr sanken die Linien desselben zusammen ... wich die Spiegelung endlich, und folglich mußten wir uns in dem Gesichtskreis des Ortes befinden, an welchem die That geschehen war. (...) ihre Dimensionen vermindern sich, je näher sie dem Horizonte kommen, und wenn sie in den Kreis eintreten, schwindet die Erscheinung (...)

3.1.3. Ergab seine Antworten schnell ... – Topographisches Quiz

Die Handlung der Erzählung bewegt sich von der Peripherie des Großraumes Sahara, von Algier und der algerischen Küste, bis in deren Zentrum, dem von May so genannten Bab-el-Ghud, wo sich El-Kasr, der Schlupfwinkel der Raubkarawane, befindet und der ›Showdown‹ stattfindet. Der Weg führt aus der Zivilisation in die Wildnis und wieder zurück: Von dem Gebiete des Mittelmeeres sich bis zur Sahara erstreckend, also zwischen dem Sinnbilde der Fruchtbarkeit, der Civilisation und dem Zeichen der Unfruchtbarkeit, der Barbarei... (Würger 634). Dieser weite Raum wird, bevor er ausführlich dargestellt und dem Leser vorgestellt wird, durch geographische Markierungen abgesteckt, nämlich durch Routen, die diesen Raum durchlaufen, und durch Orte, die diese Routen bestimmen. Für diese Darstellung wählt May eine Form der Wissensprobe.(61) Es ist ein Spiel des Autors mit sich selbst und mit dem Leser, der staunend auf die Probe gestellt wird und demütig sein Haupt senken muß vor dem, was man alles wissen kann, vor dem, der das alles weiß: dem Autor selbst nämlich. Er führt Hassan den Großen als seinen Popanz vor, und damit auch sich selbst – der Großmäulige und Hasenfuß als Spiegelbild des Helden. Und dabei blättert er verstohlen im Buche des Grafen d'Escayrac, seinem ›Baedeker‹, der sich stets in seinem Reisegepäck, auf seinem Schreibtisch also, befindet. »Eine Geschichte unterhalb der Geschichte erzählt May an solchen Stellen, kennt man nur seine Quellen und erkennt man das Spiel seines Textes mit dem Wissen aus der Quelle.«(62) Wenn man die Figur des Hassan als frühe Spiegelung des Autors May selbst interpretiert, ist das Ge-


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spräch zwischen dem Aufschneider Hassan einerseits und dem Proto-Kara Ben Nemsi als Helden andererseits auch ein Zwiegespräch des Autors mit sich selbst, zwinkernd sich selbst und blenderisch dem Leser sein enormes, vielschichtiges Wissen in einer Art ›Examen‹ als eigene Anschauung vor Augen führend, ein Wissen, das freilich nicht erworben wurde, sondern nur entliehen – Karl May als Quizmeister:

WürgerEscayrac
»Ich will es glauben, wenn Du mir sagst, welche Oasen den Schlüssel zum Rif (Küste von Tripolis und Aegypten) bilden!«

   »Aïn es Salah, Ghadames, Ghat, Murzak, Audschelah und Siut.«

   »Und zum Sudan?«

   »Aghades und Ahir, Bilma, Dongola, Khartum und Berber.«

   »Wie reist man von Kordofan nach Kaïro?«

   »Von Lobeïdh nach Khartum über Kurssi, Sanzür, Koamat und Tor el Khada. Die Reise dauert zehn Tage. Oder von Lobeïdh nach Debbeh über Barah, Kaymar, Dschebel Haraza, Way und Ombelillah. Dieser Weg ist um acht Tage länger, aber besser als der vorige. «

   »Wie lange braucht man, um von Soaken nach Berber zu kommen?«

   »Der Weg geht über den berühmten Brunnen von Ruay und durch das Gebiet der Amaver, Hadendoa und Omram, die sämmtlich nubische Hirten sind. Du kannst ihn in zwölf Tagen zurücklegen, Sihdi.« (619)

(...) sie [die Küstenstellen von Tripolis und Aegypten] bilden die Region, welche von den Arabern insbesondere als das Rif bezeichnet wird. (3)

   Die wichtigeren Schlüssel zum Rif sind: Ain es Salah, Ghadames, Ghat, Murzuk, Audschela, Syut; die Schlüssel zum Sudan: Aghades und Ahir, Bilma, Dongola, Khartum und Berber. (268)

   Die Straße von Kordofan nach Kairo geht von Lobeidh nach Khartum über Kurssi, Sanzür, Koamat, Tor el Khada; die Reise dauert zehn Tage (...) Eine andere Straße führt von Lobeidh nach Debbeh über Bara, Kaymar, Dschebel Haraza, Way und Ombelilla, oder über Elai, Simria u. s. w.; fünfzehn bis achtzehn Tage (...) am unsichersten ist jener [Weg] von Lobeidh nach Debbeh, weil er in der Nähe der Grenze von Dar Fur hinzieht. (276f.)

   Der Weg von Soaken nach Berber wird von den Karawanen in zwölf Tagen zurückgelegt (...) Vom ersten Brunnen, der etwa fünf Stunden von Berber entfernt liegt, und erst vor einigen Jahren gegraben worden ist, hat man vier Tagereisen bis zum Brunnen von Ruay (...) Auf jener Straße ziehen nubische Hirten umher, die Amarer, Hadendoa, Omran und andere. (281)

Der zukünftige Führer des Ich-Erzählers, Hassan el Kebihr, muß sich in Algier, also an der Peripherie, erst als würdig erweisen, im Abglanz des Helden diesen in die Wüste begleiten zu dürfen – er wird examiniert, ob er denn wüstentauglich sei: Er gab seine Antworten schnell, correct und mit einer Miene, in welcher sich eine sichtbare Genugthuung über die glanzvolle Art und Weise aussprach, mit der er das kurze Examen bestand. (Würger 619)


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3.2. Ethnographisches

3.2.1. » ... die berühmtesten Kinder des großen Abu Zett«
Die Kubabisch

Verblüfft fragt sich der aufmerksame Leser beim Lesen der Erzählung ›Unter Würgern‹, wieso gerade ein Kubbaschi (Kabbaschi) aus den Savannen Kordofans am Weißen Nil alle Wege und Pfade der Sahara – Wohl über 120,000 Quadratmeilen groß (Würger 650) – kennen soll. Die Lösung ist einfach: Der ›Khabir‹, der den Ich-Erzähler in die Tiefe der Wüste führt, hatte ja seinen ›Baedeker‹ dabei. Dies erweist das Prinzip des Zufalls in Mays Kompositionstechnik: zu einem bestimmten Zeitpunkt (was ›Unter Würgern‹ betrifft, zwischen April 1878 und Juni 1879, also nach Abfassen der ›Frohe-Stunden-Gum‹ und vor der Veröffentlichung der Erweiterung im ›Deutschen Hausschatz‹) fallen ihm Texte in die Hände, die er ausschreibt, sie an den Stellen einsetzt, wo er sie gebrauchen kann und – darüber hinaus – sich durch bestimmte Beschreibungen anregen läßt, Szenen zu gestalten, die die Erzählung kolorieren und die Abenteurer im Raum, bisweilen im Zickzack-Kurs,(63) weitertreiben. Die im Text verstreuten Anmerkungen über den Nomadenstamm der Kubabisch (Kababisch) am Südostrand der Sahara und das Auftreten des Kubbaschi Hassan el Kebihr in Algier, also nördlich der Sahara, dienen außerdem dazu, dem Leser die profunde Kenntnis des Autors über diesen weiten Raum vor Augen zu führen, ebenso wie die im vorigen Kapitel aufgeführten Geographika und die Examinierung des Kandidaten Hassan. Hassans ›Nachfolger‹ Hadschi Halef Omar, der auch die Wüstenpfade kennt und außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der U–lad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen,(64) kommt, was plausibler ist, aus der Mitte der Wüste, aus der Oase Dschuneth (Djanet, Jannah) am Südostabhang des Tassili n›Ajjer. Von dort aus »zog (ich) gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Aegyptens kennen«.(65) May hat sich hier, anders als bei der Figur des Hassan, nicht mehr an eine bestimmte Textvorlage gehalten.

WürgerEscayrac
Während meiner Anwesenheit in Aegypten hatte ich einen Ausflug nach Siut, Dakhel, Khardscheh und Soleb bis zur Oase Selimeh unternommen und war auf demselben mit einigen Kubabisch zusammengetroffen, die ich als tapfere Krieger und tüchtige Führer kennen gelernt hatte. Daher sah ich der Von Legheia erreicht die Karawane nach vier Tagereisen die Oase Selimeh (...) man hat von dort bis zum Dorfe Soleb (...) nur dritthalb Tagereisen (...) durchzieht nun die Oase Khardscheh (279)

   Aus jenen Gefährten des Abu Zett welche sich in Kordofan niederließen


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Unterredung mit dem Kubbaschi (Singular von Kubabisch) nicht ohne ein auch persönliches Interesse entgegen ...

»Die Kubabisch sind die berühmtesten Kinder des großen Abu Zett, Sihdi (Herr); ihr Stamm umfaßt mehr als zwanzig Ferkah, und der tapferste derselben ist En Nurab, zu dem ich gehöre.«

»En Nurab? Ich kenne ihn; sein Scheikh (Häuptling) ist der weise Fadharalla-U–lad-Salem, neben dessen Stute ich geritten bin.« (618)

... Der gute Araber vom berühmten Stamme der Kubabisch und dem Ferkah en Nurab ... (634)

»(...) sein Fell [des Löwen] ist härter als der Schild des Nurab-a-Tor-el-Khadra.« (647)

   »Hast Du nicht gesagt, daß Du zu den Kubabisch gehörst?« vertheidigte sich der Oberste der Kameeltreiber. »Diese haben ihre Duars in Kordofan. Wie willst Du den Weg nach Safileh besser kennen, als ein Tuareg, der ihn hundertmal geritten ist? Kubabisch heißt Schafhirten; sie hüten ihre Schafe, sie reden mit ihren Schafen und sie essen ihre Schafe, ja, sie kleiden sich sogar in das Fell und in die Wolle ihrer Scha'fe ...« (667)

sind folgende Stämme erwachsen. Die Kubabisch (Singular Kubbaschi); der Name bedeutet Schafhirten; sie sind der wichtigste Stamm in Kordofan, der mehr als zwanzig Ferkah begreift; der zahlreichste derselben, en Nurab, hat gegenwärtig zum Scheikh den Fadharalla-Uad(Ulad)-Salem; er ist Befehlshaber über den ganzen Stamm.*) [ Dieser umfaßt die Nurab-a-Tor-el-Khadra; Ghalayan; Atauiah ...] Die Kubabisch haben das ganze Land zwischen Dongolah und Lobeid inne; sie geleiten die Karawanen (...) (112f.)

   (...) besitzt der Scheikh der Kubabisch, Fadharalla Ibn Salem, allein an Kameelstuten etwa 5000 (...) (140)

   Sie waren von einer Ferkah, das heißt einer Unterabtheilung, des mächtigen Stammes der Kubabisch (...) (164)

Der Vergleich der beiden Textstellen erweist folgendes: Für jeden sichtbar verarbeitet May die wenigen Angaben, die d'Escayrac über die Kubabisch macht, in Dialogform. Offensichtlich hat May sich bei seinen Zitaten auf das Register am Ende des Buches gestützt, das unter dem Stichwort ›Kubabisch‹ die Seite 112 vermerkt, und in der Tat finden sich dort und auf der folgenden Seite die Belege, die May benutzt hat; weitere Informationen, die d'Escayrac später noch gibt, werden von May nicht berücksichtigt. So unterläßt er es einerseits, die Bedeutung des Terminus ›Ferkah‹ anzumerken, wie er es sonst bei fremdsprachlichen Ausdrücken zu tun pflegt, und andererseits das Bild des weise(n) Fadharalla-Uëlad-Salem, neben dessen Stute er geritten ist, auszumalen, indem er noch auf dessen Reichtum hätte hinweisen können. Die Gegenüberstellung von Mays Quelle macht zudem deutlich, daß der weise Fadharalla eine historische Persönlichkeit ist(66) und daß das etwas


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nebulöse Nurab-a-Tor-el-Khadra(67) eine Unterabteilung der Kubabisch meint.


3.2.2. Um die Hüften trug sie den Rahad ... – Mädchen und Frauen

Auf ihrem Weg zu Emmery Bothwell, der in der Tiefe der Wüste ihre Ankunft erwartet, kommen der Ich-Erzähler und seine Gefährten in ein arabisches Duar. Nach einer kurzen Begutachtung der Bischarin-Kamele und einem Exkurs über das Gastrecht der Wüstenbewohner betritt ein Mädchen die Szene. May mischt hier wieder Angaben aus Rasch und Escayrac zusammen:

WürgerEscayracRasch
Als wir hielten, wurde das alte, vielfach zerfetzte Tuch, welches den Eingang bedeckte, bei Seite geschoben, und ein Mädchen trat heraus, um uns zu begrüßen. Sie war unverschleiert: die Frauen der Wüstenaraber sind weniger difficil als die Weiber und Töchter der Mauren (Städtearaber). Ihr Haar war in dichte Dafira (Flechten) geordnet, welche mit rothen und blauen Bändern durchflochten waren. Um die Hüften trug sie den Rahad, einen schmalen Gürtel, von welchem eine große Anzahl Lederstränge bis über das Knie herabfiel und so einen Rock bildete, welcher mit Korallen, Bernsteinstücken und Kaurimuscheln verziert war. Um den Hals trug sie den Kharaz, eine vielfache Schnur von Glasperlen und allerlei Münzen. Von den Schultern hing ein leichter Ueberwurf bis zu Die arabischen Frauen genießen viel Freiheit und haben auf ihre Männer einen durchaus nicht geringen Einfluß; im Sudan tragen sie keinen Schleier. (132)


(...) ihre [der Beduinen] Haare, welche sie ganz so wachsen lassen wie die Weiber, sind in Flechten (Dafira) verschlungen (...) (126)


Die jungen Mädchen tragen nur den Rahad, einen schmalen Gürtel, von welchem bis über das Knie eine große Anzahl Lederstränge hinabfallen, die sich bei jeder Regung des Körpers bewegen, und eine Art Rock bilden. Dieser Rahad ist mit kleinen Stücken Korallen und Bernstein verziert, an einigen der vorderen Stränge findet man auch wohl Kaurimuscheln

Auch die Frauen kamen zum Vorschein, verschwanden aber bald wieder, nachdem sie mich eine zeitlang angegafft hatten. Sie waren sämtlich ohne Schleier,



hatten das Haar in dichten Flechten und Zöpfen, welche mit rothen und blauen wollenen Bändern durchflochten waren (...)


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[Würger:][Escayrac:][Rasch:]
dem Gürtel herab. In den kleinen Ohren hingen goldene Ringe von enormer Größe; an den Füßen oberhalb der Knöchel glänzten silberne Spangen' und um die Gelenke der feinen Händchen, deren Fingernägel mit Hennah gefärbt waren, wanden sich starke Ringe von Elfenbein, deren weißer Glanz sehr hübsch gegen die warmen Töne der braunen Haut abstach, welche der schönsten florentinischen Bronze nichts nachgab. (646) (Cypraea moneta) befestigt (...) Um den Hals hängen die Beduininnen auch wohl Stränge von Bernsteinkügelchen, Korallen und Glasperlen (Kharaz, das heißt durchbohrt). Denselben Schmuck befestigen sie auch an ihren Haarflechten; um Handgelenke, Arme und über den Fußknöcheln haben sie Ringe von Kupfer oder Elfenbein; diese letzteren sind manchmal sehr plump und schwer, aber sie stechen mit ihrem weißen Glanz sehr hübsch ab gegen die warmen Töne der feinen braunen Haut, welche der schönsten florentinischen Bronce nichts nachgiebt. (133f.) Ihre meistens schön und kräftig geformten, nackten Arme waren mit silbernen und goldenen, zuweilen mit bunten Steinen geschmückten Spangen und Bändern geschmückt, die Nägel und oft auch die Glieder der Finger mittels Henna gefärbt, zuweilen waren auch die Arme an mehreren Stellen mit blauer Farbe tätowiert. In den Ohren trugen sie goldene und silberne Ringe von enormer Größe, der Hals war kräftig mit Perlenschnüren geziert, an deren Enden Goldmünzen befestigt waren. (305)

Mays Benutzung seiner beiden Quellen läßt seine Behauptung, »Lehrer (s)einer Leser« sein zu wollen,(68) wenn nicht fragwürdig, so doch zwielichtig erscheinen. Er vermischt hier zwei Beschreibungen, zwei Gegebenheiten aus weit voneinander entfernten Räumen, die an und für sich nichts miteinander zu tun haben, zur Kolorierung einer Szene.(69) Aus zwei realen Bausteinen macht er in einem schöpferischen Akt eine fiktive Parallelwelt. Rasch beschreibt Frauen in einem Beduinenlager am Abhang des Atlas, in das May d'Escayracs Angaben über junge Mädchen im Sudan interpoliert. Den ›Rahad‹ trugen in erster Linie Jungfrauen im östlichen Sudan, vornehmlich im Niltal, und er war eigentlich ihr einziges Kleidungsstück, anders eben als es May beschreibt.(70)

   An heutigen Ansprüchen gemessen, war May im Hinblick auf die Sachlichkeit der Realien, die er über Land und Leute seiner Zeit vermitteln wollte und auch vermittelt hat, gewiß kein ›guter‹ Lehrer: im pädagogischen Sinne war er es aber unbestritten. In seinem Selbstverständnis und auch im Verständnis seiner Zeit, was ein Lehrer zu sein habe, konnte er sich durchaus als solchen bezeichnen, wie Gert Ueding aufzeigt, der die rhetorische Ausbildung Mays auf dem Lehrerseminar und deren Auswirkung auf Mays Schreiben und Imaginieren untersucht: »Der Zweck der rednerischen Übung ist aber auch nicht etwa die kunst-


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volle Widerspiegelung einer vorfindlichen Wirklichkeit, sondern das Hervorbringen einer Welt, die nur im subjektiven Bewußtsein existiert und erst im rhetorischen Akt als ein kohärentes Bild zur Erscheinung gebracht wird.«(71)

   Auch wenn man der Ansicht ist, daß wie beim Märchen nicht der Inhalt, sondern die Botschaft wichtig ist, weist die kleine Szene doch auf Mays Dilemma hin. Denn er wollte nicht nur Lehrer und Dichter sein, was er war, sondern auch noch Reiseschriftsteller, der all das, was er erzählt, auch wirklich erlebt hat. »Ich mache Reisen, um Länder und Völker kennen zu lernen, und kehre zuweilen in die Heimat zurück, um meine Ansichten und Erfahrungen ungestört niederzuschreiben.«(72) Um die Tatsache zu kaschieren, daß er eben nicht Selbsterlebtes niederschreibt, muß er seine Quellen unkenntlich machen. Das geschieht einmal dadurch, daß er sie fast nie angibt und nur äußerst selten darauf hinweist, und dann meist indirekt.(73) Zum zweiten bedient er sich der Quellenmischung als Verschleierungstechnik, ein Kunstgriff, durch den er die Aussagen seiner Gewährsleute verwässert.(74) Um des eigenen Mythos willen bleibt die Sachlichkeit dabei oft auf der Strecke. Zum dritten scheint May keine klaren Vorstellungen von Maßstäben gehabt zu haben. ›Mit dem Finger auf der Landkarte‹(75) schmelzen riesige Entfernungen von mehreren tausend Kilometern zu wenigen Zentimetern, wie das Beispiel der Emma Arbellez aus dem ›Waldröschen‹ zeigt:(76) Von der fiktiven Insel Rodriganda im Südpazifik, »dreizehn Grade südlich von den Osterinseln«,(77) treibt sie auf einem Floß nach Nordwesten quer durch die pazifische Inselwelt, um nach über 10 000 km und mehr als 15 Tagen und Nächten schließlich zwischen den Pelew-Inseln (Palau) und den Karolinen von einem Holländer aus dem Wasser gefischt zu werden.


3.2.3. ... und wurde in das Zelt geführt ... – Wohnung

Auch die Beschreibung einer Zeltbehausung überträgt May von einem Lager im Sudan auf ein Duar in der algerischen Wüste. »Als ein Duar kann man die Lagerstätten der Araber im Sudan nicht bezeichnen, denn sie sind nicht kreisrund, sondern bestehen gewöhnlich aus parallellaufenden Straßen.« (Escayrac 139) In Ermangelung entsprechender Angaben aus dem zugehörigen Raum greift May zu dem, was er vorfindet. Man mag einwenden, daß die Ausrüstung nomadischer Stämme in ähnlichen oder gleichen Vegetationszonen keine großen Unterschiede aufweist. Die Art, wie May sein vorliegendes Material verwendet, wirft dennoch ein bezeichnendes Licht auf seine Technik der exotischen Koloratur, Schauplätze in Szene zu setzen, den Raum mit scheinbar echtem Leben auszustatten. Er begibt sich in den Fundus, wählt Staffagen und Kulissen aus, schiebt sie zusammen, die Szene erfüllt sich mit Leben – großes Orienttheater.


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WürgerEscayrac
Ich stieg ab und wurde in das Zelt geführt, wohin auch Josef und Hassan bald nachfolgten. Längs der Wand desselben zog sich das Serir herum, ein sich nur wenig vom Boden erhebendes gitterartiges Gerüste aus leichtem Holze, welches mit Matten und Hammelfellen bedeckt war. Das bildete den Divan und das Bett für die ganze Familie nebst den etwaigen Gästen. Im Hintergrunde des Zeltes waren Sättel und Schilde aufbewahrt; an den Pfählen hingen Waffen, Schläuche, lederne Eimer und allerlei wirthschaftliches Geräthe, und die Wände selbst waren mit künstlich geflochtenen Bechern, Giraffenhäuten, Bouquets von Straußfedern und vorzüglich mit Schellen und Klingeln geschmückt. Diese Letzteren sind in arabischen Zelten sehr gebräuchlich und machen in stürmischen Nächten eine dem ermüdeten Wanderer sehr unwillkommene Musik. Der Wind bewegt das ganze Zelt, das Metall der Schellen erklingt und bildet die Begleitung zum Krachen des Donners, zu dem Stöhnen der Kameele, dem Blöken der Schafe, dem Gebell der Hunde und dem Heulen der wilden Thiere. (646) Die Geräthschaften im Zelte sind äußerst einfach. Auch die Reicheren haben ein nur wenig über den Boden sich erhebendes gitterartiges Gerüst aus leichtem Holz, das auf kleinen Pfählen ruht; auf dieser Estrade (S e r i r) liegen einige Matten und Hammelfelle; sie bilden Diwan und Bett für die ganze Familie. Am Boden liegen buntem Durcheinander allerlei Gefäße umher, namentlich Kochkessel und Geschirre aus Leder, die aus einzelnen Strängen so geschickt und so fest geflochten sind, daß die in ihnen aufbewahrte Schmelzbutter nicht hindurchdringt. Im Hintergrunde des Zeltes werden Sättel und Schilde aufbewahrt; an den Pfählen hängen Waffen, Schläuche, lederne Eimer; die Zeltwände selbst schmückt man mit zierlicheren Gegenständen, zum Beispiel mit Bechern oder Bouquets von Straußfedern, Giraffenhäuten, also mit dem Ertrage einer glücklichen Jagd; sodann mit Schellen und Klingeln, die in stürmischen Nächten eine dem ermüdeten Reisenden sehr unwillkommene Musik machen. Denn der Wind bewegt das ganze Zelt, das Metall der Schellen klingt und bildet die Begleitung zum Krachen des Donners, zu dem Stöhnen der Kameele, dem Blöken der Schafe, dem Gebell der Hunde und dem Heulen der wilden Thiere. (139)

In vorstehendem Abschnitt nimmt May drei Änderungen vor (im Text von mir unterstrichen). Die erste, weniger wichtig, ist eine Zusammenfassung des von d'Escayrac im einzelnen genannten Hausrats – »allerlei Gefäße« – zu allerlei wirthschaftliches Geräthe, wobei ein Teil dieser Gerätschaften vom ›bunten Durcheinander am Boden‹ kurzerhand an die Zeltpfähle befördert wird. Die zweite und dritte Änderung ist wesentlicher Art. May fügt einen Satz hinzu – Diese Letzteren sind in arabischen Zelten sehr gebräuchlich – und läßt einen fort – »also mit dem Ertrage einer glücklichen Jagd«. Eine Maßnahme, die sich als notwendig erweist und beweist, daß May sich der Tatsache an dieser Stelle zumindest bewußt war, daß d'Escayrac Verhältnisse im Ostsudan be-


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schrieb. Er mußte also die betreffende Stelle so ändern, daß sie einen allgemeinen Charakter erhielt, denn die Szene, die May beschreibt, spielt am Südabhang des algerischen Saharaatlas, wo Straußfedern und Giraffenhäute als »Ertrag einer glücklichen Jagd« schlechterdings nicht möglich sind.


3.2.4. ... nebst der langen Flinte ... – Bewaffnung

WürgerEscayrac
»... Sieh diese Flinte, diese Pistolen, diese Muzra (Lanze), dieses Kussa (Messer) und dieses Abu-Thum (zweihändiges Schwert), vor dem selbst der kühne Uëlad Sliman flieht!« (618)

   Er ließ sofort die Flinte zur Erde gleiten und erhob die beiden Arme. An jedem Handgelenke hing ihm ein scharfes, spitzes Kussa (Messer) von wohl acht Zoll Klingenlänge. Während der gewöhnliche Beduine nur ein solches Messer trägt, fahrt der Wüstenräuber deren zwei, welche er in der Weise gebraucht' daß er den Feind umarmt und ihm die beiden Klingen dabei in den Rücken stößt. Mein Tuareg hielt sich zu demselben Verfahren bereit. (620)

   ... Er trug nebst der langen Flinte eine vollständige Kriegerausrüstung, und sein Leib stack unter dem weiten, weißen Burnus in einem eng anschließenden Wams von Ochsenleder, welches als Harnisch gegen Schnittwaffen und Wurfgeschosse dient und gewöhnlich nur von den Tuareg getragen wird. (653)

   ... Dieser Säbel wird zehn Räubern den Bauch aufschlitzen, diese Tschembea (Dolch) wird zwanzig Mördern die Kehle zerschneiden...« (669)

(...) Die Lanze heißt auf Arabisch  M u z r a g  und  H a r b a; die Saharabewohner kennen sie unter jener, die Sudanier unter dieser Benennung.

   (...) In Afrika und insbesondere im Sudan haben sie auch ein Schwert das zugleich einhändig und zweihändig geschwungen werden kann (...) Um diese plumpe Waffe einigermaßen bewegen zu können wird oben am Griff ein Gegengewicht in Gestalt eines Kreuzes angebracht, das am Ende eine bleierne oder silberne Kugel von der Größe einer Knoblauchzehe hat. Davon führt diese Waffe die Benennung  A b u - T h u m.

   Die Araber auf der Halbinsel, insbesondere jene im Hedschas, tragen im Gürtel einen gekrümmten Dolch, den sie  D s c h e m b e a  nennen und mit welchem sie von oben nach unten auf den Gegner stoßen. Im Sudan ist diese Waffe nicht gebräuchlich; dagegen trägt hier der Araber, gerade so wie der Nubier und Tuarek, am linken Arme ein gerades Messer,  K u s s a, von vier bis acht Zoll Länge; es steckt in einer Lederscheide, die vermittelst eines ledernen Bandes am Arme befestigt wird; der Handgriff steht nach oben hin. Die Räuber von echtem Schrot und Korn, namentlich jene die bei Nacht ihr Gewerbe treiben, haben auch wohl noch ein zweites derartiges Dolchmesser, das sie dann am rechten Arme tragen. Im Handgemenge ziehen sie beide Messer, umklammern ihren Gegner und rennen ihm zumal


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zwei Dolche in den Leib. Aber ein Mann der weniger blutgierig und wild ist, führt dieses zweite Dolchmesser nicht (...) (177f.)

   (...) Die Reiter im Sudan sind nicht so schwer gewappnet wie jene im europäischen Mittelalter, aber doch hinlänglich gegen die blanke Waffe geschützt. Sie tragen entweder einen Brustharnisch, eine  S a y e h  oder  S c h a y e h  die mit Baumwolle ausgefüttert ist, oder ein enganschließendes Wamms von Büffelleder, wie die holländischen Boers im Kaplande oder die Tuarek der Sahara. (209)

May entnimmt Escayrac hier in erster Linie arabische Ausdrücke, um die Szenen authentisch zu kolorieren und die Personen des Raumes als echte Eingeborene darzustellen. Von der Beschreibung des doppelten Kussa der »Räuber von echtem Schrot und Korn« läßt er sich zu einer Szene anregen, die er direkt in die Erzählung einbaut (S. 620). Veränderungen zu Escayrac finden sich bei: ›Muzra (Lanze)‹ – wobei das ›g‹ von ›Muzrag‹ entweder infolge Flüchtigkeit bei der Niederschrift oder infolge Setzerfehlers fortgefallen ist;(78) ›Abu-Thum‹ – wobei auffällt, daß von der ausführlicheren Beschreibung in Escayrac lediglich die unscharfe, verkürzende Bezeichnung als zweihändiges Schwert übrigbleibt, was allerdings als Exotikum genügt, da eine exakte Information wohl nicht in Mays Absicht lag.(79) Noch weiter geht er im Fall des ›Tschembea‹. Das zu ›T‹ veränderte ›D‹ läßt sich als Saxonismus interpretieren. Womöglich um eine Wiederholung des zweimal genannten ›Kussa‹ zu vermeiden, gibt er dem Kubbaschi Hassan diesen Dolch in die Hand, obwohl d'Escayrac deutlich macht, daß diese Waffe bei den Arabern im Hedschas gebräuchlich ist, nicht jedoch im Sudan, in Nubien und in der Sahara, wo man, wie er schreibt, den ›Kussa‹ trägt: Die Djambiyya ist ein auf der Arabischen Halbinsel verbreiteter Krummdolch, im Osten auch Khandjar genannt, der als Statussymbol der freien Stammesmitglieder gilt. Auch an dieser Stelle wird dem Augenschein zuliebe die inhaltliche Richtigkeit nicht weiter beachtet. Neben den Kubabisch, die Hassan el Kebihr vertritt, beduinischen Arabern und den räuberischen Tuareg läßt May noch eine weitere große Bevölkerungsgruppe der Sahara in Gestalt des Tebu Abu billa Beni auftreten, der als Bluträcher den Karawanenwürger verfolgt. D'Escayrac erwähnt diese aber nur am Rande: »Dahin gehören ferner die  T i b b o s  (Tibus); sie sind stärker gebräunt als die Tuareks und manchmal ganz schwarz; sie sind auch nicht so intelligent, weniger kriegerisch, ärmer und, nach Wüstenbrauch, sehr diebisch.«(80) (Escayrac 111) Weil sich also keine ent-


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sprechende Stelle findet, wird der Tebu kurzerhand und ohne nähere Erläuterung nach Art der Tuaregkrieger eingekleidet. Bemerkenswert vielleicht, daß dabei das Büffelleder zum Ochsenleder wird. Überhaupt berichtet d›Escayrac an der betreffenden Stelle nicht über die Ausrüstung nomadisierender Wüstenkrieger, sondern über die militärische Reiterei der von selbständigen Sultanen beherrschten Feudalstaaten des mittleren und östlichen Sudan, vornehmlich über die erst durch Gustav Nachtigal(81) in Europa bekannt gewordenen Panzerreiter von Bornu, Wadai und Darfur. D›Escayrac selbst hat diese Länder nicht bereist, sondern berichtet seinerseits nur nach Hörensagen. »Auf diese Herren [Würdenträger des Fürsten] folgten Panzerreiter, theils solche, welche ein maschiges Metallhemd und einen metallenen Helm mit vorspringenden Visirstangen, zuweilen auch Armschienen trugen, theils und vornehmlich solche, welche in weniger kriegerisch aussehende, unbehülfliche Wattenpanzer – Libbes – gekleidet waren. Diese letzteren bestehen in so umfangreichen, wattirten und gesteppten Röcken, dass der Körper vollständig in ihnen verschwindet, und sind so dick und fest durchnäht, dass der Inhaber jeder freien Bewegung beraubt ist. Dazu gehört eine ähnliche Kopfbedeckung, und womöglich werden auch die Pferde in gleicher Weise ausgerüstet (...) In diesen Panzerreitern, welche als Waffen die Lanze und meist ein kurzes, breites Schwert führen, beruht die Hauptreitermacht des Landes, und jeder Würdenträger sucht aus seinen berittenen Sclaven so Viele als möglich mit Wattenpanzern zu versehen.«(82)


3.2.5. »Ed dem b›ed dem« – Das Gesetz der Wüste

Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm [Abu en Nassr] das Leben zu nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich wußte, daß keine Bitte meinerseits Omar vermocht hätte, ihn zu begnadigen. Ed d›em b›ed d›em, oder wie der Türke sagt, kan kanü ödemar, das Blut bezahlt das Blut.(83) Das Gesetz der Blutrache, der Qissas oder Tha›r, und das damit verbundene Prinzip des Blutgeldes, der Diyeh (Diyya), tauchen als handlungstragendes Motiv in zahlreichen Orienterzählungen Mays auf.(84) Als Blutrache bezeichnet man das Recht und die Pflicht der Familien-, Sippen- und Stammesangehörigen eines Erschlagenen, am Mörder Rache zu nehmen oder die Ehrenkränkung eines der Ihrigen am Schuldigen oder an einem seiner Verwandten zu rächen. Bei vielen Völkern war sie Pflicht der Anverwandten. Um der Kette der Wiedervergeltung ein Ende zu machen, konnte z. B. bei den Germanen die Blutrache durch Zahlung des sogenannten Wergelds abgewendet werden. Bei den arabischen Stämmen war sie Ursprung einer endlosen Reihe von Stammesfehden, bis Mohammed sie im Koran (II, 179f.)(85) dahin


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milderte, daß sich der Mörder durch Zahlung eines Blutgeldes lösen konnte. »O Gläubige, die ihr vermeint, euch sei bei Totschlag (Mord) Vergeltung vorgeschrieben: ein Freier für einen Freien, ein Sklave für einen Sklaven und Weib für Weib! Verzeiht aber der Bruder dem Mörder, so ist doch nach Recht billiges Sühnegeld zu erheben, und der Schuldige soll gutwillig zahlen. Diese Milde und Barmherzigkeit kommt von euerem Herrn. Wer aber darauf sich doch noch rächt, den erwartet harte Strafe. Dieses Wiedervergeltungsrecht erhält euer Leben, eure Sicherheit, wenn ihr vernünftig nachdenkt und gottesfürchtig seid.«(86) Außerdem muß im islamischen Recht die Schuld in einem Gerichtsverfahren nachgewiesen werden.(87) Bei Karl May erscheint dieses Motiv zum ersten Mal in ›Unter Würgern‹. Quelle der Inspiration und des späteren Standardrepertoires ist wiederum Escayrac:

WürgerEscayrac
Das ist das Bab-el-Ghud. Wer sich zwischen seine Felsen und Sand wogen wagt, muß von schwer wiegenden Gründen dazu gedrängt werden.

   Und doch gibt es wilde Gestalten, welche vor einem solchen Wagnisse nicht zurückbeben. Sie schöpfen den Muth dazu aus dem fürchterlichen »Ed dem b'ed dem – en nefs b'en nefs, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut.« Neben der Gastfreundschaft ist die Blutrache das erste Wüstengesetz, und wenn es auch zwischen den Angehörigen verwandter Stämme vorkommt, daß ein Mord mit der Entrichtung des Diyeh (Blutpreis) gesühnt wird, so ist dies doch wohl niemals der Fall bei einem Verbrechen, welches durch das Glied einer fremden oder feindlichen Völkerschaft begangen wurde. Da erfordert die Schuld blutige Rache; sie wandert herüber und hinüber, wird größer und immer größer, bis sie endlich ganze Stämme erfaßt und zu jenem öffentlichen und heimlichen Hinschlachten führt, zu welchem das Bahr-el-Ghud zwischen den Tuareg und Tebu den Schauplatz bildet. (650f.)

Aber diese vielbewunderten, jedoch selten befolgten Lehren [Feinden zu verzeihen] sind nicht das Gesetz der Wüste. In ihr gilt: Blut um Blut (e d  d e m  b'e d  d e m,  e n  n e f s  b'e n  n e f s), und der Mörder muß sterben, wenn er die Angehörigen des Getödteten nicht dadurch begütigt und zufrieden stellt, daß er ihnen einen Theil seiner Habe überläßt (...) (167)

   Die arabische Vendetta wird sehr verwickelt durch die Solidarität, welche zwischen dem Einzelnen, seiner Familie und seinem Stamme gilt; oft erstreckt sich dieselbe auch auf jeden Gastfreund. Wir wollen einige Fälle anführen. Ein Mann wird von einem andern Manne desselben Stammes getödtet. Die Familie desselben, insbesondere der Sohn, wenn er schon waffenfähig ist, rächt den Tod dadurch, daß er den Mörder selbst oder einen seiner Verwandten ums Leben bringt, vorausgesetzt, daß nicht vermittelst eines Blutgeldes ein Abkommen getroffen wurde. Gehört aber der Thäter einem andern Stamme an, so fordert der ganze Stamm des Ermordeten den


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Blutpreis oder Wiedervergeltung, und greift zu den Waffen, sobald jener verweigert, oder der Mörder nicht ausgeliefert wird. Nun bricht die Fehde aus, und es ist für sie kein Ende abzusehen, weil Jeder, der im Gefecht erliegt, den Seinigen eine Blutrache vermacht, und ein ehrenvoller Friede nur abgeschlossen werden kann, wenn beide Theile eine gleiche Anzahl von Getödteten nachzuweisen haben. Es giebt dergleichen Fehden, die vor einigen Jahrhunderten ihren Anfang nahmen und noch heut nicht zu Ende gekommen sind. (168f.)

   Ein Todschlag, ohne Absicht und Vorbedacht begangen, gleichviel ob mit einer quetschenden Waffe, oder in Folge eines Irrthums, oder eines Zufalles, wird nur durch Zahlung des Blutpreises gebüßt, und durch die gesetzlich vorgeschriebene Sühne (...) Zufällige Tödtung, zum Beispiel wenn ein Vorübergehender von einer baufälligen Mauer erschlagen wird, die in gutem Zustande hätte sein müssen, wird von dem, an welchem die Schuld liegt, durch Erlegung des Blutpreises (D i y e h) gesühnt. (75)

D'Escayrac gibt in dem ganzen diesbezüglichen Abschnitt eine detaillierte Darstellung des für einen Außenstehenden verwickelten und komplizierten Systems der arabischen Vendetta, auch mit regionalen Unterschieden. May bearbeitet sie recht geschickt, indem er sie für seine Zwecke verdichtet und herrichtet, natürlich auf die Gefahr hin, sie durch eine verkürzte Zusammenfassung zu verzeichnen. Die wesentlichen Elemente bleiben bei ihm aber erhalten: das Gesetz der Wüste angereichert mit einem Bibelzitat,(88) die Einrichtung des Blutpreises für Angehörige desselben oder eines verwandten Stammes und die wachsende Kette endloser Blutfehden. Mays Darstellung zu Anfang des 3. Kapitels hat innerhalb der Erzählung eine zweifache Funktion. Zum einen setzt er sie in Beziehung zum geographischen Raum und verstärkt so die Beschreibung der Wüste und ihrer Schrecken: Das berüchtigte Bab-el-Ghud liegt ungefähr auf dem einundzwanzigsten Breitengrade an der Grenze zwischen der Sahara und Sahel, wo auch das Gebiet der Tuareg oder Imoscharh mit demjenigen der Tebu oder Teda zusammenstößt. Diese Grenzverhältnisse geben sowohl der Landschaft als auch ihrer menschlichen Staffage etwas fortwährend Kampfbereites. (Würger 650)


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Zum anderen dient der Abschnitt der Vorbereitung der finalen Auseinandersetzung mit dem Hedjahn-Bei, einem Tuareg, und seinem Tod durch den Tebu Abu billa Beni, den Bluträcher: Als ich mich am andern Morgen erhob und hinaus in den Hof trat, überraschte ich den Tebu bei einer schrecklichen Arbeit. Er hatte während der Nacht den Räuber getödtet und stand jetzt auf der Mauerzinne, um die blutige Leiche desselben in den Spalt zu stürzen. Ich stellte ihn zur Rede, erhielt aber keine andere Antwort als: »Ed dem b›ed dem – en nefs b›en nefs, Leben um Leben, Blut um Blut, Auge um Auge, Sihdi; ich habe es geschworen, und ich halte es!« (Würger 694)

   Eine ausführliche Schilderung über die Entrichtung des Blutpreises gibt May in ›Satan und Ischariot II‹. Kara Ben Nemsi agiert als Unterhändler zwischen zwei verfeindeten Stämmen in Tunesien, den Uled Ayar und den Uled Ayun. Eine willkommene Gelegenheit, zu beweisen, daß seine Omnipotenz, der Christ Kara Ben Nemsi, den Koran besser kennt als ein Mohammedaner: »Ein Nemsi, ein Ungläubiger, ein Christ will den Kuran besser kennen als wir, und nach dem heiligen Buche die Diyeh bestimmen! ...«(89) Die folgende Belehrung des ›unwissenden‹ Arabers darüber, wie es zur Einrichtung des Blutpreises kam, bildet eine Geschichte innerhalb der Geschichte. Sie entstammt allerdings nicht dem Koran, sondern dem Hadith (Überlieferung). May entnimmt sie nahezu wörtlich Escayrac. Außer stilistischen Glättungen nimmt May keine Änderungen an seiner Textvorlage vor. Zwei Einschübe, von mir unterstrichen, dienen lediglich der Orientierung des Lesers:

Satan IIEscayrac
»... Abd el Mottaleb, der Vatersvater des Propheten, hatte der Gottheit gelobt, wenn sie ihm zehn Söhne bescheren würde, ihr einen derselben zu opfern. Sein Wunsch wurde erfüllt, und um seinem Gelübde treu zu sein, befragte er das Los, welchen seiner zehn Söhne er zum Opfer bringen solle; es traf Abd-Allah, den nachherigen Vater des Propheten. Da nahm Abd el Mottaleb den Knaben und verließ mit ihm die Stadt Mekka, um ihn draußen vor derselben zu opfern. Inzwischen aber hatten die Bewohner der Stadt gehört, was er vorhatte; sie folgten ihm und stellten ihm vor, wie frevelhaft und grausam zu handeln er im Begriffe stehe. Sie versuchten sein Vaterherz zu erweichen, aber er widerstand allen ihren Reden und schickte sich an, das Opfer zu vollziehen. Da Abd el Mottaleb hatte der Gottheit gelobt, ihr einen seiner Knaben zu opfern, wenn ihm zehn Söhne bescheert würden. Es kam die Zeit, da dieser Wunsch erfüllt wurde. Abd el Mottaleb befragte nun das Loos, um zu erfahren, welchen seiner Söhne er zum Opfer bringen solle. Das Loos traf den Abd-Allah, des Propheten Mohamed Vater; und Abd el Mottaleb ging mit dem Knaben aus der Stadt, um sein Gelübde zu vollziehen. Inzwischen hatten die Bewohner Mekka's von alle dem Kunde erhalten und waren dem Vater gefolgt. Sie stellten ihm vor, wie grausam und frevelhaft er handeln wolle, sie bemühten sich sein Vaterherz zu erweichen; allein er wollte auf Alles nicht hören, und traf Anstalten, das Opfer zu vollziehen. Da trat ein


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trat ein Mann zu ihm und bat ihn, ehe er handle, eine berühmte Wahrsagerin zu befragen. Abd el Mottaleb that dies, und sie erklärte, daß man rechts den Abd-Allah und links zehn Kamelstuten stellen möge und dann das Los werfen solle, wer zu töten sei, der Knabe oder die Stuten. Wenn das Los auf Abd-Allah falle, müsse man weitere zehn Kamelstuten bringen und wieder das Los befragen, und in dieser Weise fortfahren, bis es auf die Stuten falle, wodurch die Gottheit erkläre, wieviel Stuten das Leben und das Blut des Knaben wert sei. Es wurde auch in dieser Weise verfahren. Zehnmal fiel das Los auf den Knaben, sodaß bereits hundert Kamelstuten auf der linken Seite standen. Zum elftenmale traf das Los die Kamele, und Abd-Allah, der Vater des Propheten, wurde dadurch vom Opfertode erlöst. Seit jenem Tage und zum Andenken an denselben, wurde der Blutpreis eines Menschen auf hundert Kamelstuten festgestellt, und jeder wirklich gläubige Moslem darf sich nicht nach dem Brauche seiner Gegend, sondern er muß sich nach diesem geheiligten Brauche richten.« (90)

   Es ist allerdings gebräuchlich, die Höhe der Diyeh, des Blutpreises, nach den Verhältnissen der Person, welche ihn zu bezahlen hat, zu bestimmen.(91)

Mann hervor und rieth ihm, er möge eine berühmte Wahrsagerin befragen, ehe er zum Werke schreite. Das geschah. Sie erklärte, daß man auf die eine Seite den Abd-Allah, auf die andere zehn Kameelstuten hinstellen und dann das Loos werfen solle. Wenn das letztere auf Abd-Allah treffe, so müsse man noch zehn Kameele den ersten zehn hinzufügen, dann von Neuem das Loos befragen, und so lange damit fortfahren, bis dasselbe auf die Kameele fallen werde. So wurde denn auch verfahren, und zehnmal traf das Loos auf Abd-Allah, sodaß schon hundert Kameele dastanden. Zum elften Mal endlich fiel es auf die Kameele, und dadurch wurde der Vater des Propheten vom Opfertode erlöst. Seit jenem Tage und zum Angedenken desselben ist der Blutpreis auf hundert Kameelstuten festgesetzt worden. Das muselmännische Gesetz hat in der Theorie diese Bestimmung angenommen, aber in der Praxis wird sie selten befolgt, insbesondere nicht von den nomadischen Arabern, welche das Lösegeld des Mörders nach der Habe des Letzteren und dergleichen Sachen nach Gutdünken zu behandeln pflegen. (167f )

Eine besondere Form der Rache für Beleidigung oder Ehrenkränkung erwähnt d'Escayrac fü