»Du weißt, daß alle diese Negerdörfer von hohen Stachelzäunen umgeben sind. Die Dornen sind meist vertrocknet und brennen außerordentlich gut. Sobald man am Abende das Dorf umzingelt hat, brennt man den Zaun an verschiedenen Stellen an. In der Zeit von einigen Minuten brennt er überall; die Funken fliegen auf die Negerhütten, deren Dächer aus Schilf bestehen und sofort auch in Brand geraten. Die Schwarzen erwachen und wollen sich retten. Die kleinen Kinder und die Alten sind zu schwach dazu; sie müssen verbrennen. Den Starken aber, und gerade diese sind es, die man haben will, gelingt es, in kräftigen Sprüngen durch den brennenden Zaun zu brechen. Draußen ist es dunkel; sie sind geblendet und sehen nicht, wen und was sie vor sich haben; sie werden ergriffen und gefesselt. Wer von ihnen sich wehrt, wird niedergestochen, erschossen oder erschlagen! . . . Alte Weiber mit kleinen Kindern, denen es gelungen ist, sich aus dem Brande zu retten, treibt man einfach in das Feuer zurück. Wer unter fünf und über dreißig Jahre alt ist, den können wir nicht brauchen, da niemand einen solchen Sklaven kauft. Und indem man solche unbrauchbare Schwarze in das Feuer zurücktreibt, erspart man das Pulver, welches sie nicht wert sind.«(1)
Karl May steigert sich bei seiner Schilderung der Greuel einer Sklavenjagd noch in weitere grauenvolle Details hinein: Kinder und Erwachsene, die als Sklaven nicht zu gebrauchen sind oder von denen zu erwarten ist, daß sie den Transport nicht überstehen, werden schlicht ermordet. Der Erzähler macht aus seinem Abscheu keinen Hehl: Ich fühlte eine Wut in mir, welche gar nicht zu beschreiben ist . . . Wie oft hatte ich Ibn Asl und mehrere, ja alle seiner Mitschuldigen geschont! In diesem Augenblicke bereute ich dies auf das bitterste. (III 118)
Es ist verboten, Menschenblut zu vergießen; aber bei dem Anblicke, den ich jetzt hatte, wäre es eine Wonne für mich gewesen, dem Sklavenjäger eine gute Klinge in das Leben zu stoßen. (III 116)
An anderer Stelle beschreibt May die entsetzlichen Qualen, die versklavte Neger auf dem Transport zu erleiden hatten:
Diese armen Teufel hatten einen sehr weiten Weg hinter sich, den sie in Fesseln und im glühendsten Sonnenbrande zu Fuße durch die ausgetrocknete Chala hatten zurücklegen müssen. Wie sahen sie aus! Zum Erbarmen! Zwar war die mit Recht
so gefürchtete Schebah . . . nicht in Anwendung gebracht, doch durfte ihre Fesselung trotzdem keine leichte genannt werden. Die Hände waren ihnen nämlich durch Stricke je mit dem Fuße der andern Seite so verbunden, daß sie nur ganz kurze Schritte machen und die Finger nicht zum Munde, ja kaum bis zur Höhe der Brust bringen konnten. Von einem Handgelenke zum andern ging ein dritter Strick, in dessen Mitte ein schwerer Holzklotz hing, den sie tragen mußten, wenn er ihnen nicht die Beine zu Schanden schlagen sollte. Außer einigen Fetzen, die um ihre Lenden hingen, waren sie unbekleidet, und da auch ihre Köpfe vollständig entblößt waren, mußten sie bei der jetzt herrschenden Hitze fürchterliche Qualen ausgestanden haben. Ich sah an ihren Körpern handgroße Stellen, von denen die Sonne die Haut weggefressen hatte. Und das waren keine Neger, keine Heiden, sondern muhammedanische Bagara el Homr . . . (III 412f.)
Wie schlimm waren dagegen die fast ganz nackten Gefangenen daran! Von keinem wirklichen Kleidungsstücke bedeckt und auch nicht im stande, alle Körperteile mit den Händen zu erreichen, waren sie den schmerzhaften Stichen der Blutsauger vollständig wehrlos preisgegeben. Nur wer die schrecklich verschwollenen, bis zur Unkenntlichkeit entstellten Gesichter solcher Menschen gesehen hat, der weiß, was es bedeutet und welche unendliche Qualen es bereitet, wenn es einem unmöglich ist, sich dieser zwar kleinen aber erbarmungslosen und in wolkigen Massen auftretenden Teufel zu erwehren . . . Die Sklaven kamen von Dar Tagaleh, also von dem mächtigen Bergstocke des Tegeli herab, wo es keine Stechfliegen giebt; sie waren also gegen die Stiche dieser Insekten nicht im mindesten abgehärtet und wälzten sich unter . . . schmerzvollem Wimmern und Stöhnen hin und her . . . (III 415)
Der Erzähler, der selbst eine Zeitlang die Schebah, die Sklavengabel, tragen muß und das Los der Neger somit in gewisser Weise nachempfinden kann, läßt sich von Anfang bis Ende seines Mahdi über die Grausamkeit des Sklavenhandels aus. Ebenso ist auch Mays Jugenderzählung Die Sklavenkarawane(2) vom Antisklaverei-Gedanken getragen. »Fast 2500 Seiten flammender Empörung widmet May dem Kampf gegen den Sklavenhandel. Darin macht er sich zum Anwalt der gequälten und unterdrückten schwarzen Rasse, rüttelt mit den detaillierten Schilderungen der unglaublichen Grausamkeiten das Gewissen der mitteleuropäischen Leser auf und stellt gleichzeitig ein Modell zur Lösung des Problems vor. Zugegeben: ein utopisches Modell, denn einen Reis Effendina hat es so nicht gegeben.«(3)
Der Reïs Effendina aus dem Mahdi-Roman ist ein hoher, mit Sondervollmachten ausgestatteter Beamter, dessen Aufgabe darin besteht, Jagd auf Sklavenjäger zu machen. Sein Schicksal und das von Kara Ben Nemsi denn um ihn handelt es sich bei dem Erzähler, was sich jedoch erst in der Buchausgabe in den beiden letzten Kapiteln des dritten Bandes herausstellt sind eng miteinander verwoben. Die Freundschaft zwischen beiden, die allerdings nie ganz frei von Störungen ist, vor allem wegen Kara Ben Nemsis Humanität auch gegenüber den Sklavenjägern, geht am Ende des Romans in die Brüche, weil der Reïs Kara Ben
Nemsis Überlegenheit nicht ertragen kann.(4) Bis dahin schlägt sich Kara Ben Nemsi, mit und ohne Reïs, diesem immer ein Stück voraus, mit Sklavenhändlern und -jägern herum. Seine Hauptgegner sind der türkische Kaufmann Murad Nassyr, der ihn erst als Sklaventransporteur anheuern will und, als Kara Ben Nemsi darauf nicht eingeht, ihm größte Feindschaft schwört; ferner Abd el Barak, der Vorsteher der Heiligen Kadirine, einer islamischen Bruderschaft, und sein Gehilfe, der Muzabir; weiterhin Abd Asl, der sich als heiliger Fakir ausgibt, aber ein blutrünstiger Sklavenjäger ist, überboten allenfalls von seinem Sohn Ibn Asl, dem, wie der Erzähler hervorhebt, bedeutendsten Sklavenjäger am Nil; und schließlich auch Mohammed Achmed, der spätere Mahdi, obwohl ihm der Erzähler das Leben rettet. Bis auf letzteren, der immerhin noch eine weltgeschichtliche Aufgabe zu erfüllen hat, und Murad Nassyr, dem der Reïs auf Drängen Kara Ben Nemsis hin mißmutig das Leben schenkt, erhalten sie alle ihre gerechte Strafe; sie werden hingerichtet, Abd Asl sogar den Krokodilen zum Fraße vorgeworfen. Aber sie und das macht May in dem Roman überdeutlich erleiden nichts als nur ihre gerechte Strafe; denn das Schicksal, das sie über die versklavten Neger gebracht haben, ist von unglaublicher Grausamkeit: »Deine Schandthaten zählen nach hunderten«, wirft der Reïs Abd Asl vor und sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke des Ekels, des Abscheues auf dem Alten (II 338) , als dieser um sein Leben bettelt, »tausende von Menschen verdanken dir die Sklaverei, den Tod oder die Verarmung der Ihrigen. Wie viele Dörfer hast du ausmorden und ausbrennen lassen! Und dabei zeigtest du das Gesicht eines Heiligen, ließest die Gebete eines Ehrwürdigen hören und gabst dich für einen anbetungswürdigen Marabut aus. Diese Rolle ist zu Ende, und ich schicke dich dahin, wo du hingehörst, nämlich in die Hölle. . . . Ich habe die heilige Pflicht, dich auszurotten, damit dein Hirn endlich einmal aufhört, Blutthat nach Blutthat zu gebären« (II 338f.). Und Kara Ben Nemsi begründet seine Absage an Murad Nassyr u. a. mit den Worten: »Die Sklaverei ist eine Schande für die gegenwärtige Menschheit, und die Sklavenjagd ist ein Verbrechen, welches zum Himmel schreit.« (I 390).
Diese Haltung hält der Erzähler konsequent bei. Er als Christ gerät damit aber auch zunehmend in Konflikt mit dem Islam. Islamische Würdenträger oder solche, die sich dafür ausgeben, befürworten die Sklaverei oder sind selber Sklavenhändler. Über die Auseinandersetzung mit der Sklaverei hinaus wird Mays Mahdi-Roman zusehends auch zu einer Auseinandersetzung mit dem Islam. »Islam und Sklaverei, diese beiden Themen hat May schon durch das eingesetzte Personal als eng miteinander verbunden dargestellt (. . .) In keinem seiner
bis dahin geschriebenen Werke wird der Islam derartig negativ beschrieben (. . .)«.(5) Natürlich erhebt sich damit die Frage: Wie weit ist das alles Dramaturgie Mayscher Romane, oder wie weit stimmt seine Schilderung, zeitgeschichtlich gesehen, tatsächlich? Wenn man aber nun weiter bedenkt, daß die Wurzeln des heute im Sudan tobenden Bürgerkrieges, von dem die Weltöffentlichkeit kaum Notiz nimmt, bis in die Zeiten und Zustände hineinreichen, die May beschreibt, und wenn man die Auseinandersetzungen mit dem fundamentalistischen Islam unserer Zeit betrachtet, die ihre Vorläufer auch schon zu Zeiten Mays und des Mahdi hatten, so genügt es sicher nicht, nur der Frage nachzugehen, wie weit May die Verhältnisse unter zeitgeschichtlichen Aspekten richtig dargestellt hat, sondern wir können und müssen auch den Bezug seines Werkes zu unserer Zeit herstellen. Dies soll im folgenden versucht werden.
Die Grausamkeiten, die uns May bezüglich des Sklavenhandels berichtet, sind nicht übertrieben.(6) Im Jahre 1890, zu der Zeit also, als May seine Sklavenkarawane praktisch schon beendet hatte, verkündete Papst Leo XII.: »Die Slaverei steht im Gegensatz zur Religion und der Menschenwürde. Wir sind schmerzlich betroffen von dem Bericht über die Leiden, die die gesamte Bevölkerung mancher Gebiete Innerafrikas erdulden mußte. Es ist schmerzvoll und entsetzlich, feststellen zu müssen zuverlässige Berichterstatter haben es uns übermittelt daß jedes Jahr 400 000 Afrikaner ohne Unterschied des Alters oder Geschlechts ihren Dörfern gewaltsam entrissen werden. Man schleppt sie mit gefesselten Händen und unter den Peitschenhieben ihrer Begleiter unbarmherzig zu den Märkten, wo man sie wie Vieh auf der Versteigerung ausstellt und verkauft.«(7)
Die Schätzungen über die Opfer, die der Sklavenhandel den afrikanischen Kontinent kostete, reichen von mindestens 50 bis um 100 Millionen Menschen seit dem 15. Jahrhundert bis zu seinem endgültigen Verbot. Einig sind sich die Zeitzeugen und die Experten auch darüber, daß für einen Schwarzen, der in die Sklaverei getrieben wurde, vier oder fünf weitere gerechnet werden müssen, die in Afrika getötet wurden oder auf dem Transport ums Leben kamen.(8)
Unterscheiden muß man zwischen dem westlichen Sklavenhandel, der ganz überwiegend in der Hand der Europäer lag und die Zielrichtung Amerika hatte, und dem östlichen, den in erster Linie ab der
Wende des 16. Jahrhunderts die Araber betrieben. »Manche Autoren behaupten, daß der Negersklavenhandel der Araber viel länger dauerte und deshalb auch mehr Menschen aus Afrika herausgeholt habe. Hier muß man zwischen den Ausführenden, die oft skrupellose Räuber waren, und den Nutznießern unterscheiden, denen die Schwarzen meist im Hause dienten (. . .) Aber trotz dieser physischen Trübseligkeit, und obwohl die Pflanzungen, wie in Sansibar, manchmal noch lange die unterwürfige schwarze Arbeitskraft ausnutzten, scheint es mir objektiv unmöglich, den östlichen Sklavenhandel und den des Atlantiks gleichzustellen, der mit mächtigeren und schrecklicheren Mitteln arbeitete.«(9)
Ein wesentliches Zentrum des Sklavenhandels im Osten Afrikas lag in der Tat in Sansibar; den Höhepunkt erreichten die von hier aus organisierten Sklavenjagden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. »Das Jahrzehnt von 1880 1890 wurde für ganz Ost- und Zentralafrika zu einer Periode beispielloser Verwüstungen. Selbst die Aufhebung der Sklaverei an der Küste trug dazu bei, die Verhältnisse im Inneren zu verschlimmern. Die Sklaven häuften sich als Vorrat in den Durchgangs- und Musterungszentren. Da sie beinahe nichts mehr kosteten, mußte man viele verkaufen, um wenigstens noch einen gewissen Gewinn zu erzielen.«(10) Und andere Autoren ziehen den Schluß: »Man kann mit Fug und Recht behaupten, daß die Anlage der arabischen Plantagen auf Sansibar für Ostafrika die gleiche katastrophale Wirkung hatte wie die der amerikanischen für Westafrika.«(11)
Ob man nun den europäischen Sklavenhandel von Ausmaß und Brutalität her noch über den arabischen stellen soll oder nicht beide trugen zu grauenvollen Verwüstungen, gewaltigen Völkerverschiebungen, ungeheuren sozialen Ein- und Umbrüchen, unglaublichem Elend und dem Entstehen verheerender Kriege bei: »Schließlich ließ der Sklavenhandel den Krieg und die Gewalttätigkeit zwischen den Volksstämmen und in ihnen zum chronischen Zustand werden. Und dieser Krieg vollzog sich von nun an mit vernichtenden Mitteln. Mehr verkaufte Sklaven erlaubten, mehr Gewehre zu kaufen, und mehr Gewehre erlaubten, mehr Sklaven zu fangen.«(12) Afrikanische Despoten verkauften am Ende ihre eigenen Untertanen in die Sklaverei, wie es uns May im Mahdi schildert.
Karl May hat in seinem Mahdi-Roman eine Handlungszeit sowie einen Schauplatz gewählt, wo zu der damaligen Zeit der europäische Sklavenhandel keine Rolle spielte, wohl auch nie ernsthaft von Bedeutung gewesen ist; er hatte somit alle Veranlassung, den arabischen Sklavenhändlern die Schuld an jedweden Greueln aufzubürden. Daß er aber den europäischen Anteil am jahrhundertelangen Sklavenhandel in
Afrika völlig verschweigt und mit keinem Wort auf die europäische Schuld an diesem zivilisierten Barbarentum eingeht, sondern statt dessen die christliche Idee der Nächstenliebe immer wieder gegenüber den von ihm negativ geschilderten Vorstellungen des Islam hervorhebt, zeigt, daß es ihm in seinem Mahdi nicht nur um die Auseinandersetzung mit den Greueln des Sklavenhandels ging, sondern gleichrangig oder mehr noch um die zwischen Christentum und Islam. Historisch gesehen hatte er natürlich nicht unrecht: Seit 1772 war auf englischem Staatsgebiet die Sklaverei verboten, ab 1807 auch die Betätigung englischer Untertanen im Sklavenhandel; 1833 wurde in den englischen Kolonien die Sklaverei abgeschafft, und 1834 wurden alle Sklaven des britischen Imperiums freigelassen. 1793 hatte der französische Nationalkonvent die Sklaverei zwar verboten, aber Napoleon hatte sie wieder eingeführt von ihm nach seinem Ägyptenfeldzug gekaufte Schwarze dienten in seiner großen Armee im unglücklichen Marsch auf Moskau, und erst 1848 wurde die Sklaverei auch in den französischen Kolonien offiziell abgeschafft. Dennoch dauerte es noch bis zum Ende des Jahrhunderts, bis der Sklavenhandel über den Atlantik endgültig verschwand. In den Vereinigten Staaten wurde die Sklaverei bekanntermaßen erst 1865 beendet, in Brasilien und Kuba sogar erst 1888. Bis 1878 war der Sklavenhandel zwischen Angola und Brasilien noch legal, wenn er auch im Geheimen ausgeführt wurde. Immerhin wurden zwischen 1807 und 1860 etwa 70 000 Sklaven von Patrouillen aus Schiffen, die dem Sklaventransport dienten, befreit 1901 wurde zum letzten Mal ein entsprechendes Schiff auf der Fahrt nach Amerika aufgebracht.(13)
Hier hat es also mehr als ein Jahrhundert gedauert, bis sich der Antisklavereigedanke nicht etwa der von May propagierte Gedanke der christlichen Nächstenliebe endgültig durchgesetzt hatte. Dennoch konnte May zu seiner Zeit mit Recht davon ausgehen, daß der Sklavenhandel sein Zentrum überwiegend nur noch im Osten Afrikas hatte. Und indem er das Übel der Sklaverei an diesem Beispiel anprangerte, rüttelte er natürlich auch am in dieser Hinsicht nur mäßig ausgeprägten Gewissen der Europäer.
Das Eindringen der Europäer hat zu großen Umwälzungen überall in Afrika geführt. Jedoch ist die Geschichte Schwarzafrikas in Deutschland nicht einmal annähernd so bekannt und bewußt geworden wie die
Geschichte des amerikanischen Wilden Westens. Allenfalls ein paar Highlights, verknüpft mit den Namen Livingstone, Stanley und einigen mit der deutschen Kolonialgeschichte verbundenen Persönlichkeiten, haben ihre Spuren im allgemeinen Wissen über Afrikas Geschichte hinterlassen. Dabei war die Geschichte der Erforschung und Eroberung Afrikas nicht weniger reichhaltig und auch nicht weniger blutrünstig und brutal als diejenige Nordamerikas. Mays spannende Schilderungen exotischer Abenteuer in Ägypten und dem Sudan, die sich an denen der farbenprächtigen, im Fernen Westen Amerikas spielenden Erlebnisse durchaus messen lassen, haben ihren realen Hintergrund. Nun mag der ehemalige Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit Hans-Jürgen Wischnewski, der sich in seiner Laufbahn besonders auch der Pflege der deutschen Beziehungen zu den arabischen Nachbarn verpflichtet fühlte, natürlich mit Recht konstatieren: »Nicht Karl May und Romantik, nicht das deutsche Afrikakorps und nicht nur Erdöl sind die Basis unserer Beziehungen zu den arabischen Ländern«;(14) die Tatsache aber, daß er in diesem Zusammenhang Karl May überhaupt erwähnt, zeigt ein weiteres Mal die bekannte Tatsache, daß ähnlich wie die Welt der Indianer die Welt der Araber, der Beduinen, des Orients, den Deutschen überwiegend vermittels May ins Bewußtsein gekommen ist und dort entsprechende Sympathien und positive Assoziationen erzeugte. Selbst der Ethnologe Karl-Heinz Kohl, der in verschiedenen Abhandlungen Ansätze einer Motivgeschichte der Ethnologie entwarf und dabei u. a. dem beruflichen Exotismus des Ethnologen den gelebten Exotismus der Zivilisationsflüchtlinge unter ihnen, der Kultur-Überläufer, gegenüberstellte, verbunden mit der Frage, ob eine von Vorurteilen, Klischees und Eurozentrismen freie Betrachtung fremder Kulturen überhaupt möglich sei, scheut sich nicht, in diesem Zusammenhang Karl May zu erwähnen: »Einer weit verbreiteten Ansicht entgegen, war Burton keineswegs der erste europäische Reisende, der als muslimischer Pilger verkleidet nach Mekka gelangte (. . .) Ähnliche Berühmtheit wie Gordon und Burton in England erlangte zur gleichen Zeit in Deutschland der Abenteurer und Forschungsreisende Eduard Schnitzer (. . .) Sie alle wohl dienten als Vorbilder von Kara Ben Nemsi, dem Ich-Erzähler von Karl Mays Orientromanen.«(15) Mit Eduard Schnitzer, der 1840 in Oppeln geboren 1865 als Quarantänearzt in türkische Dienste getreten war, 1878 vom ägyptischen Khediven (d. h. dem Vizekönig des Osmanischen Reiches) zum Gouverneur der Äquatorialprovinz ernannt wurde, jedoch während des Mahdi-Aufstandes flüchten mußte und 1892 während einer Forschungsreise an den Victoria-See von arabischen Sklavenhändlern ermordet wurde, betre-
ten wir endgültig das Land des Mahdi, wo May seine humanitäre Kampagne gegen Sklavenjagd und Sklavenhandel angesiedelt hat: von Ägypten aus führt uns May in den Sudan.
1798, als Napoleon sein Abenteuer im damals zum Osmanischen Reich gehörenden Ägypten beginnt, findet er ein Land vor, das sich nicht von dem Ägypten des Mittelalters unterscheidet. »Wie ein Donnerschlag bricht der Westen in den Halbschlaf des osmanischen Ägypten ein, ein Donner, der erst weit hinter den Grenzen des Nil-Landes verhallt (. . .) Der Einfluß der achtunddreißig Monate dauernden Besetzung (Juli 1798 bis September 1801) muß an seinem Ergebnis gemessen werden. Frankreich hat Ägypten mit der westlichen Technik bekannt gemacht und es gleichzeitig veranlaßt, sich im Licht seiner eigenen Geschichte zu begreifen. Diese Wiederentdeckung half ihm, sich seiner Eigenart sowohl gegenüber dem durch Frankreich vertretenen heidnischen Westen als auch gegenüber der osmanischen Türkei bewußt zu werden (. . .) Der Mann, der Ägypten seinen Platz an der Spitze der Mächte des Islam und des Mittelmeers zurückgibt, ist einer der albanischen Feldherren der türkischen Armee. Er ist Analphabet, aber ausgesprochen intelligent«:(16) es handelt sich um Mehemed Ali (1769 bis 1849), der als Begründer des modernen Ägypten anzusehen ist. Das Urteil seines Jahrhunderts über ihn war eher zwiespältig: »Er hat dem Räuberwesen, der Bedrückung des Volkes durch lauter kleine Tyrannen, der kulturellen Abgeschlossenheit des Landes mit starker Hand ein Ende gemacht und sowohl die wirtschaftliche als auch die militärische Kraft seines Gebietes zu äußerster Anspannung getrieben (. . .) Der Vernichter des Mamelukentums hinterließ ein von Fronknechten bewohntes Ägypten, das durch den Anstrich europäischer Zivilisation in Gesetzgebung, höherem Schulwesen, Verwaltungsgang und Verkehr vorläufig nichts gewonnen hatte. Mehemed Ali hatte das Niltal in seinen Privatbesitz gebracht. Gleich nach dem Ende der Mamelukenbeis ließ er 1814 die Güter zur toten Hand sowie alles Stiftungsvermögen in liegenden Gründen (Wakuf), endlich auch alles in Erbpacht befindliche Land für sich beschlagnahmen, nahm den Handel Ägyptens nahezu in eigenen Betrieb und sog den dadurch noch nicht betroffenen Rest der Bevölkerung durch unglaublichen Steuerdruck und den Zwang, alle Ernten an die Regierung zu verkaufen, erbarmungslos aus.«(17) Heutzutage ist das Urteil positiver: »(. . .) so handelt es sich doch nichtsdestoweniger bei Mehemet Ali um eine der großen Persönlichkeiten in der Geschichte Afrikas.«(18) »Sein Unternehmen oft zu stürmisch, oft zu brutal und meist nur unter dem Gesichtswinkel des Nützlichen in Angriff genommen muß sehr differenziert beurteilt werden. Er versucht
zwar, einige der technischen Errungenschaften des Westens zu übernehmen, beschränkt dessen Einfluß aber argwöhnisch nur auf diese. Religion und Gesetz des muslimischen Ägypten bleiben streng und unverändert. Nichtsdestoweniger führt er Ägypten als erstes unter den arabischen Ländern auf den Weg der Modernisierung.«(19)
Von seinen vielen außenpolitischen Unternehmungen, die mit Sieg und Niederlagen verbunden: Eroberungen in Arabien mit Einnahme der heiligen Städte (1812), in Kreta (1823) sowie in Syrien bzw. Kleinasien (1831/32) dann 1841 zu einer gewissen Autonomie Ägyptens gegenüber der Türkei führten: es wurde erbliches Vizekönigreich, ist die Eroberung des Sudan, von Afrika aus gesehen, sicherlich die bedeutendste. Ab 1820 stießen Mehemet Alis Truppen, u. a. mit dem Auftrag, mindestens 40 000 Sklaven mit nach Hause zu bringen, an den oberen Nil und zum Roten Meer vor; die Streitmacht bestand aus 10 000 Mann, davon waren mehr als die Hälfte Türken und Albaner (auch in Mays Mahdi treffen wir richtigerweise noch Albaner (Arnauten) an). 1821 wurde Dongola erobert, 1824 Khartum gegründet, wo 1830 ein Gouverneur für den Sudan eingesetzt wurde Khartum wurde damit Hauptstadt des Sudan. Bald danach wurde Mehemet Ali, der schon die arabische Küste beherrschte, zum Herren des Roten Meeres, damit allerdings auch zum großen Konkurrenten Englands, das um die Sicherung des Weges nach Indien besorgt war. Der Preis für die Eroberung bestand in 50 000 toten Sudanesen; der darauf gründende Haß gegen die Ägypter kam noch zwei Generationen später beim Mahdi-Aufstand zum Ausbruch.(20)
Es ist wohl auch der Traum von der Macht über den Gold- und Sklavenhandel, der den alten Mehemet Ali, der erst mit 45 Jahren das Lesen lernte, trieb. Fast 70jährig unternahm er eine Fahrt auf dem Blauen Nil bis Fazanguru (1838/39); 1840-42 sandte er drei Expeditionen zur Erforschung des Weißen Nils bis zur Mündung des Sobat. »Diese vier Erkundungsreisen bewirkten leider eine Intensivierung des an sich schon sehr aktiven und besonders grausamen Sklaven- und Elfenbeinhandels, der sich von da an immer weiter nach Süden zu ausdehnte, bis er um 1860 den Norden des heutigen Kongo (Léopoldville) und Nord-Uganda erreichte.«(21)
Alle diese Hintergründe muß man kennen und sich vor Augen halten, um Mays Schilderung der Verhältnisse im Sudan zeitgeschichtlich richtig einordnen zu können. Der Sudan hat im übrigen schon zur Zeit der alten Ägypter, Griechen und Römer ständig Sklaven (in diesem Fall für die Reiche des Mittelmeerraumes) geliefert, was dann aber nach der arabischen Eroberung noch eine enorme Steigerung erfuhr. Da das
Wort Sudan, allerdings schon im Mittelalter gebräuchlich, ein jetzt so viel gehörtes ist, so dürfte eine kurze Bemerkung über dasselbe am Platze sein. Beled es Sudan, das ist der vollständige Name. Beled heißt Land, und es ist der Artikel. Sudan ist der gebrochene Artikel von aswad = schwarz (Plural sud). Beled es Sudan heißt also das Land der Schwarzen. Der Ton wird nicht, wie man oft hört, auf die erste, sondern auf die zweite Silbe gelegt; man sagt also nicht Suhdan, sondern Sudahn (II 1). So belehrt uns May über die Bedeutung des Wortes Sudan Land der Schwarzen: das ist für seinen Roman auch gleichzeitig Programm: es sind die Schwarzen, die Neger, die unter dem Fluch der ägyptischen Herrschaft und der Sklavenjäger zu leiden haben. »Die Unerschöpflichkeit der oberen Nilgebiete an schwarzen Menschen und an Elfenbein wurde erst recht klar, als auf Veranlassung der Regierung einzelne Expeditionen den Weißen Nil aufwärts drangen und die verhältnismäßig leichte Zugänglichkeit feststellten. Der Ruf, daß im Sudan mühelos Reichtum durch Elfenbeinhandel und Sklavenraub zu gewinnen sei, verbreitete sich rasch in Ägypten und Nubien und lockte zahlreiche Abenteurer nach dem Süden, während gleichzeitig die ersten christlichen Missionare eintrafen: zwei entgegengesetzte Weltanschauungen, die noch einen schweren Kampf hier miteinander auszukämpfen hatten.«(22) Im weitesten Sinn kann auch Kara Ben Nemsis Eintreten für das Christentum durch Wort und Tat gegenüber den Sklavenjägern, denen der Islam keine Hemmschwelle auferlegt, unter diese Auseinandersetzungen subsumiert werden.
Anfangs war wohl das Elfenbein das Hauptziel des Handels; doch trat die Sklavenjagd mit der Zeit immer mehr in den Vordergrund. »Die Negerstämme, die untereinander in herkömmlicher Feindschaft lebten, erweckten selbst die Habsucht der Händler, indem sie sich mit ihnen gegen ihre Nachbarn verbündeten, vorübergehend dadurch ihre Macht verstärkten, aber schließlich selbst der Raubgier der Sklavenräuber zum Opfer fielen«;(23) so auch bei May im dritten Mahdi-Band, in dem der Sklavenjäger Ibn Asl die Nuer anheuert und gleichzeitig betrügt. »Bei alledem breitete sich der ägyptische Einfluß wenigstens mittelbar in den Negerländern immer mehr aus. Die Kaufleute mußten feste Mittelpunkte ihrer Macht schaffen, die Handelswege durch Stationen sichern und angesichts der Abnahme des Elfenbeins in immer entlegenere Gebiete vordringen; die Regierung brauchte diesen Spuren nur zu folgen. Unter den Händlern, die wie kleine Fürsten in ihren Raubgebieten hausten und natürlich nicht auf die Dauer mit der Regierung im Frieden bleiben konnten, ist vor allem Siber zu nennen (. . .)«.(24) Auf ihn kommen wir gleich noch einmal zurück.
Nicht einmal gefährlich war es, Sklaven zu machen: »Man zieht nach einem Dorfe der Schwarzen, umzingelt es, steckt es in Brand und nimmt die Neger in Empfang, wenn sie aus den brennenden Hütten gesprungen kommen. Die Alten und Schwachen sticht oder schießt man nieder, und mit den andern geht man fort. Wo ist da die Gefahr?« (II 121) Und an anderer Stelle schreibt May sehr richtig:
Diese Menschen, die Bewohner, keineswegs aber die Herren des schwarzen Erdteiles, sind alle mehr oder weniger von dunkler Farbe Neger das vielgesuchte Wild der Sklavenjagden.
Der Weiße kommt, befreundet sich mit einem Negerstamme, erhält durch List oder für einen lumpigen Preis ein Gebiet abgetreten und errichtet auf demselben eine Niederlassung, Seribah genannt. Er ist im Besitze größerer Kenntnisse und überlegener Waffen; seine anfängliche Freundlichkeit verwandelt sich bald in Strenge; die Schwarzen fürchten ihn, während sie ihn vorher liebten.
Er läßt andere Weiße kommen, die er angeworben hat, Auswürfe aller Gegenden und Bevölkerungsklassen des Orientes. Sie bringen Flinten und Pulver mit, suchen nebenbei durch schlechtes Baumwollenzeug, Branntwein, Tabak, Glasperlen die Schwarzen zu ködern. Sie sind gekommen, um Elfenbein zu suchen, weißes in Gestalt von Elefantenzähnen und schwarzes in menschlicher Gestalt.
Der Scheik des schwarzen Stammes wird mit seinen Leuten gewonnen, indem man einen Anteil der Beute verspricht. Der Raubzug beginnt. Die weißen Teilnehmer nennen sich Asaker, Soldaten; sie sind Offiziere, Unteroffiziere und gewöhnliche Asaker; sie wagen am wenigsten und nehmen den Löwenanteil des Raubertrages für sich. Die Schwarzen sind nicht Soldaten; sie müssen die schwersten Arbeiten verrichten, Kundschafterdienste thun, sich den größten Gefahren aussetzen, die vordersten beim Angriffe sein und erhalten so viel oder so wenig, daß die ihnen gewährten armseligen Vorschüsse sich mit dem ihnen zufallenden Anteile gewöhnlich aufheben oder gar der Rest in Schulden besteht.
Bei größeren und besser organisierten Jagdgesellschaften giebt es auch schwarze Soldaten, die aber gegen die Weißen immer im Nachteile sind. Der Besitzer einer Seribah zahlt den Sold vom Raube aus, mag derselbe nun in Menschen oder Rinderherden bestehen. Die schwarzen Asaker bekommen die alten oder kranken Sklaven und Kühe, von denen sie keinen Nutzen haben.
Und wie wird eine solche Ghasuah, eine solche Sklavenjagd arrangiert und ausgeführt? Nun, ganz genau in derselben Weise, wie ein Einbrecher verfährt, welcher sich mit fremdem Gute bereichert und früher oder später dem Zuchthause verfällt. Nur ist der Sklavenjäger ein ganz klein wenig schlimmer als der Einbrecher, da er Menschen stiehlt, ganze, große Dörfer verheert und entvölkert, und während er hundert Sklaven macht, wenigstens ebensoviel Greise und Kinder als für sich unbrauchbar umbringt. (II 518ff.)
Noch viele andere Zitate aus Mays Mahdi ließen sich hier anfügen. Er hat die Verhältnisse richtig beschrieben, und auf seine Darstellung einer Seribah oder einer Sklavenjagd kann man sich ebenso verlassen wie auf die meisten Details seiner zeitgeschichtlichen und geographischen Schilderungen. »Was gehen mich die Gesetze des Vicekönigs an!« ruft
ein Sklavenhändler aus. »Ich diene meinem Könige. Unser Gesetz erlaubt es, Menschen zu verkaufen. Wenn ich darnach handle, kann kein Mensch mir etwas thun.« (II 375), oder: »Ich habe stets geglaubt, der Weiße habe das Recht, den Schwarzen zu fangen und zu verkaufen.« (II 567). Weiße das sind allerdings bei May nicht etwa die Europäer, sondern im Gegensatz zu den Schwarzen die Ägypter bzw. Araber.
Während im Süden Ägyptens und vor allem im Sudan chaotische Verhältnisse herrschten, versuchte Ägypten, dem Ruf eines Kulturstaates gerecht zu werden. Mehemet Ali war in geistige Umnachtung gefallen. Sein Sohn Ibrahim, der 1848 ein Jahr vor Mehemet Alis Tod zum Nachfolger bestimmt wurde, starb noch im selben Jahr an Schwindsucht. Es folgte Abbaß Pascha, der einerseits den auf der ägyptischen Bevölkerung lastenden Druck milderte, andererseits den europäischen Einfluß zurückdrängte; er fiel 1854 einem Mordanschlag zum Opfer. Sein Nachfolger Muhammad Said war ein Sohn Mehemet Alis und ein abendländisch gebildeter Mann. Zwar dauerte seine Amtszeit nur neun Jahre, aber in dieser Zeit wurden wichtige Fortschritte Ägyptens initiiert. 1859 begann der Bau des Suezkanals, der zehn Jahre später unter großer Pracht eingeweiht wurde. »Unter Muhammad Said (1854-63) und Ismail (1863-79) baut Ägypten intensiv Eisenbahnen, Bewässerungsanlagen, Wasserleitungen, verbessert die Ausstattung der Städte, die Beleuchtung und den Verkehr (1874 wird es in den Weltpostverein aufgenommen) und organisiert Kredit-Institute (. . .) Unter Ismail werden 1 250 000 Morgen Neuland gewonnen (. . .) Im Jahr 1861 werden 596 000 Zentner Baumwolle exportiert und im Jahr 1865 2 507 000 Zentner; das sind 90 Prozent der gesamten Ausfuhr Ägyptens (. . .) Diese große Entwicklung ging nicht vor sich, ohne die Sitten und den Geist des Landes zu verändern.«(25)
Ismail schaffte das Monopol an Handel und Boden ab und gab Handel und Warenverkehr frei, nachdem Said Pascha schon die freie Verfügung über Ackerbau und Ertrag der Bauernschaft zurückgegeben hatte. Ismail gründete Schulen, förderte die Arbeit ausländischer Wissenschaftler sowie Buchdruck und Presse und rief eine Bibliothek, ein Museum und eine Sternwarte in Kairo ins Leben. 1866 berief er einen Senat: eine beratende Versammlung von Notabeln, und setzte 1875 gemischte Gerichtshöfe für die Verhandlung von Streitfällen zwischen Ägyptern und in Ägypten ansässigen Ausländern sowie zwischen Ausländern ein. Insofern beruft sich Kara Ben Nemsi mit Recht öfter auf seinen Sonderstatus als Ausländer und Deutscher.
Eine ganz wesentliche Entscheidung hatte vorher jedoch schon Said Pascha getroffen. Die Proteste europäischer Missionare und For-
schungsreisender gegen den Sklavenhandel hatten dazu geführt, daß er 1855 persönlich nach Khartum reiste und dort den Sklavenhandel kurzweg verbot: ein Jahrzehnt vor der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten! Etwas abschätzig urteilten Zeitgenossen nur wenig später über seinen Nachfolger: »Der Einfluß der Europäer und damit der Sklavereifeinde in Ägypten stieg, als 1863 in Ismail Pascha ein Freund der westlichen Kultur auf den Thron kam, ein Mann, dem weniger aus innerer Überzeugung als aus Eitelkeit daran lag, sich allenthalben als aufgeklärten Reformator und Begünstiger des Fortschritts zu zeigen.«(26)
Erreicht wurde zunächst durch den Verbot des Sklavenhandels nicht viel: der Vizekönig Said Pascha »untersagte vor allem seinen Beamten die bisher üblichen Raubjagden in die Negerländer, wodurch er ihre Einnahmen empfindlich schmälerte. Die Folge war, daß der Handel nur gefährlicher, aber auch einträglicher wurde, und daß die Beamten ihre Einkünfte durch Annahme von Bestechungsgeldern wieder auf die alte Höhe zu bringen suchten. Zuweilen wurde auch ein Transport von Sklaven feierlich mit Beschlag belegt; die befreiten Neger aber schickte man nicht in die Heimat zurück, sondern reihte sie in das ägyptische Heer ein.«(27) Jetzt haben wir endgültig den Punkt erreicht, da wir all die Verhältnisse, wie May sie für das Land des Mahdi schildert, ohne Abstriche vorfinden. Und wenn der Reïs Effendina Kara Ben Nemsi erklärt: »Der Sklavenhandel ist verboten, wird aber noch immer betrieben. Du hast gar keine Ahnung, wie viel Menschen jährlich an demselben zu Grunde gehen!«, dann kann Kara Ben Nemsi überzeugend antworten: »Ob ich es weiß, das sollst du sogleich erfahren. Sprechen wir nur von Aegypten, wo doch der Sklavenhandel aufgehoben ist. Vom obern Nil werden jährlich 40000 Sklaven über das rote Meer geführt. Davon gehen 16000 in andere Gegenden, 24000 aber nach Aegypten. Dazu kommen 46000, welche auf dem Nile und auf Landwegen nach Nubien und Aegypten geführt werden. Dieses Land erhält also über 4 Hafenplätze und auf 14 Landrouten jährlich 70000 Sklaven. Nun muß man rechnen, daß auf einen verkauften Sklaven vier andere kommen, welche während der Sklavenjagd getötet werden oder während des Transportes umkommen. Das ergiebt den fürchterlichen Schluß, daß die Sudanländer allein für Aegypten jährlich 350 000 Menschen einbüßen . . . Nun, wenigstens wissen wir, daß es noch viel zu niedrig gegriffen ist, wenn man annimmt, daß in den Sudanländern jährlich über eine Million Menschen an den Sklavenjagden zu Grunde gehen.« (I 147f.)
Und über Ali Effendi el Kurdi, dem Mudir von Faschodah ein typisches Beispiel eines korrupten ägyptischen Beamten lesen wir: »Es
war eine Schande! Man kannte unter ihm in Faschodah zwar das strenge Verbot des Sklavenhandels, aber man sah nichts davon. Die Sklavenjäger gingen ganz offen in seinem Hause ein und aus. Sie zahlten ihm für jeden Sklaven heimlich eine Kopfsteuer und fanden dafür bei ihm Schutz gegen das Gesetz . . . Wenn das der oberste Regent einer Provinz, der Mudir, thut, was kann man dann von den unteren und untersten Beamten erwarten! Faschodah war geradezu der Ausgangspunkt aller Sklavenraubzüge geworden. Die Sklavenjäger versammelten sich dort, um sich vorzubereiten . . .« (II 345f.)
Wie wahr hat May die zeitgeschichtlichen Verhältnisse geschildert! Immer wieder betont er in Übereinstimmung mit der Geschichte, daß die Sklaverei abgeschafft sei;(28) ebenfalls entsprechend der tatsächlichen Situation im Sudan zeigt er auf der anderen Seite auf, daß die Sklavenjagd, nicht zuletzt sogar wegen des Verbots, ungeahnte Ausmaße annimmt. Wie ein Sklavenjäger sagt: »Die fränkischen Christen mögen in ihrem Lande bleiben und sich nicht in unsere Angelegenheiten mischen. Was für ein Recht haben sie, uns den Sklavenhandel zu verbieten? Nicht das mindeste!« (I 549)
May hat in seinem Mahdi, abgesehen von der geschichtlichen Gestalt, die dem ganzen Roman den Titel gab, nur wenige historische Persönlichkeiten genannt. Eine reichhaltige Auswahl hätte er sicher gehabt; vielleicht hätte er sogar noch mehr Anklang bei seinen Lesern gefunden, wenn er ähnlich wie in den Südamerika-Romanen(29) mehreren zeitgeschichtlichen Personen in seinem Roman Raum gegeben hätte. Aus den von ihm benutzten zeitgeschichtlichen Quellen(30) hätte er sicher noch eine Reihe weiterer Persönlichkeiten herausgreifen, in seine Romanhandlung einbetten und damit dieser noch mehr den Anstrich des Selbsterlebten verleihen können. Daß er es nicht tat, lag natürlich daran, daß er keine historische Romane schreiben wollte, sondern seiner Phantasie freien Lauf ließ, allenfalls eher unbewußt/halbbewußt in seiner Heimat Erlebtes, Autobiographisches in exotisches Gewand kleidete; es lag aber vermutlich auch daran, daß er sich von dem Schicksal und den Taten historischer Gestalten inspirieren ließ, aber dann die Spuren dieser Quellen verwischen wollte. Dies wäre im Mahdi nicht zum ersten Mal in seinen Werken geschehen.
Im Fall von Ali Effendi Abu hamsah miah, dem Vater der Fünfhundert, den es wie schon lange bekannt ist tatsächlich gegeben hat, er-
lag May im Gegensatz dazu vermutlich dem Reiz, die Eigenart dieses Beamten, Schuldigen 500 Hiebe angedeihen zu lassen, in seine Handlung umzusetzen. Und daß er in diesem Zusammenhang auch die Hintergründe richtig beschreibt, ist dann nur folgerichtig: Der eben erwähnte Mudir Ali Effendi el Kurdi, dessen Unterdrückungen und Gewalttaten zu seiner Amtsenthebung führten, ist wie May richtig angibt historischer Vorgänger des Vaters der Fünfhundert mit seiner Absetzung kam es allerdings erst einmal zur Freilassung von Sklavenjägern.(31)
Abgesehen von der Nennung weniger historischer Gestalten, auf die noch zurückzukommen sein wird, hat sich May im übrigen wohl von einigen zeitgeschichtlichen Personen für seinen Roman inspirieren lassen. Vorbilder für schurkische Sklavenhändler, wie er sie mit Abscheu schildert, hat es im Sudan genügend gegeben. »Er ist der berühmteste Sklavenjäger, und ich bin stolz auf ihn«, sagt Abd Asl über seinen Sohn Ibn Asl (I 496); beide gehören zu Kara Ben Nemsis Hauptgegnern, und beide haben m. E. historische Vorbilder. Im Sudan gab es nämlich ein berüchtigtes Gespann von Vater und Sohn, das von May natürlich nicht geschichtlich-treu dargestellt, sondern für seine Romanhandlung entsprechend passend umgestaltet wurde: es handelt sich um Zubeir Pascha (auch Siber, Ziber, Sobehr) und seinen Sohn Soleiman.
Zubeir Rahama Pascha, der seine Abstammung sogar auf einen Onkel des Propheten Mohammed zurückführte, wurde 1830 geboren. Schon mit dreißig Jahren war er als Sklavenhändler am Weißen Nil und in der Provinz Bahr el Ghazal berühmt-berüchtigt. Er hielt sich eine Privatarmee, mit der er auch einen Versuch der Regierung, ihn von Khartum aus niederzuwerfen, erfolgreich abwehrte. Um ihn deshalb etwas im Zaum zu halten, machte man ihn 1869 zum Gouverneur der Provinz Bahr el Ghasal, und 1874 eroberte er für den Vizekönig sogar Darfur. Zwei Jahre später begab er sich nach Kairo, um den Anspruch auf das Amt des Statthalters für die eroberte Provinz durchzusetzen. Allerdings sah man ihn in Kairo inzwischen als zu mächtig an; man überhäufte ihn zwar mit Ehren, aber hielt ihn in Kairo fest und ließ ihn nicht zurückkehren. Hier müssen wir den Ereignissen nun etwas vorgreifen. Im Sudan war 1877 General Charles George Gordon Generalgouverneur geworden, der dem Sklavenhandel energisch den Kampf ansagte. Zubeirs Sohn Soleiman erhob sich gegen ihn, sicherlich darin angestachelt von seinem ehrgeizigen Vater, und wurde im Juli 1879 von Truppen unter Befehl des Italieners Romolo Gessi besiegt, gefangen und hingerichtet so wie es Ibn Asl in Mays Mahdi-Roman durch den Reïs Effendina erging (Mays Roman spielt angeblich 1879(32)). Selbstver-
ständlich wurde Zubeir nicht den Krokodilen vorgeworfen; als 1884 der Mahdi-Aufstand tobte, setzte sich Gordon sogar dafür ein, daß Zubeir sein Nachfolger als Generalgouverneur werden sollte, um der Erhebung Einhalt zu gebieten. Dies wiederum lehnte die britische Regierung ab, und ein Jahr später wurde Zubeir nach Gibraltar deportiert, weil man ihn verräterischer Verhandlungen mit dem Mahdi beschuldigte. 1887 durfte er nach Ägypten zurückkehren, und ab 1899 wurde ihm erlaubt, sich auf seinen Besitzungen im Sudan niederzulassen. Dort in Geili ist er am 5. Januar 1913 gestorben.(33)
Halunken als Vorbilder für Mays Roman-Schurken finden wir also durchaus in der sudanesischen Geschichte. Wie steht es nun mit Vorbildern für Mays Positiv-Helden, den Reïs Effendina? Für die Expedition des Reïs Effendina zum oberen Nil gibt es jemanden, der May m. E. ganz offensichtlich von der Idee her inspiriert hat: die Antisklavenjäger-Kampagne des Engländers Samuel Baker. Daß die Einzelheiten nicht stimmen, ist kein Gegenbeweis; sie brauchen auch nicht zu stimmen; die Realität dieser Expedition, ihr Grundtypus als solcher und ihre Umstände gaben May genug Material und Ideen für die eigene phantasievolle Ausgestaltung des Kampfes des Reïs Effendina und Kara Ben Nemsis gegen die Sklavenhändler an die Hand.
Samuel White Baker, am 8. Juni 1821 in London geboren und von Beruf eigentlich Ingenieur, ging mit 24 Jahren nach Ceylon, wo er 1848 eine landwirtschaftliche Niederlassung und ein Sanatorium in 1900 m Höhe in Nuwara Eliya gründete. Nach seiner Teilnahme am Krimkrieg überwachte er 1859/60 den Bau einer Eisenbahnlinie am Unterlauf der Donau. In Begleitung seiner jungen Frau Florence, einer Siebenbürgendeutschen, kam er 1861 nach Ägypten sein Plan war die Suche nach den Nilquellen. Ein Jahr verbrachten beide mit der Erkundung der Nilnebenflüsse an der Grenze Sudan/Äthiopien und fuhren dann auf dem Nil aufwärts, immer weiter nach Süden, bis Gondokoro. Hier trafen sie im Februar 1863 die englischen Afrikaforscher John H. Speke und James A. Grant, die Entdecker des Victoria-Sees. Aufgrund deren Berichte, daß es neben dem Victoria-See noch einen zweiten riesigen See geben müsse, beschloß Baker, ihn zu suchen. Tatsächlich entdeckten er und seine Frau am 14. März 1864 diesen See, den sie Albert-Nyanza-See (heute: Albert-See) tauften. Im Mai 1865 erreichten die Bakers Khartum.
Hat sich May bei seiner Darstellung Murad Nassyrs, der in Begleitung seiner Schwestern an den oberen Nil reist, vielleicht sogar davon inspirieren lassen, daß Baker seine Frau bei seinen Forschungen dabei hatte? Daß man in der Schilderung der Begegnung Kara Ben Nemsis
mit Murad Nassyr auch die Nachzeichnung des schicksalhaften Zusammentreffens Mays mit dem Verleger Münchmeyer hat sehen wollen,(34) tut dieser Vermutung keinen Abbruch; denn hier geht es mehr um die Frage, woher May die Ideen und Inspirationen für die Entwicklung seiner Romanhandlungen bezog. In diesem Zusammenhang gewinnt auch ein selbstironisches Aquarell Bakers an Bedeutung, das er etwas spöttisch kommentierte: »Ugander mit Speeren und Schilden, die den auf einem Ochsen reitenden Samuel Baker umtanzen, und seine Eskorte auf dem Weg zum Albert Nyanza, 1864.«(35) Auf Ochsen reiten auch Kara Ben Nemsi und seine Gefährten, und die Ironie kehrt wieder in Mays meisterhafter Schilderung des Zusammentreffens mit dem Stamm der Gohk, wo er »als überdimensionaler Schiller-Rezitator (. . .) die Gohk zu Begeisterungsstürmen hinreißt.«(36)
Im Oktober 1865 kehrte Baker nach England zurück, wo er ein Jahr später den Titel Sir erhielt. Zu der Zeit reiften in ihm Pläne, den ägyptischen Sklavenhändlern im Sudan energisch das Handwerk zu legen. Unterstützung erwartete er von der ägyptischen Regierung, und tatsächlich ging Ismail Pascha auf seine Vorschläge ein. Von da ab verfolgte Ismail die Idee, Europäer als Gouverneure der vom ägyptischen Stammland weit entfernten Provinzen einzusetzen. Baker erhielt den Auftrag, das Becken des Weißen Nils südlich von Gondokoro einzunehmen; damit erreichte Ägypten (das bedeutete: auch England) den Norden des heutigen Uganda; Baker sollte Gouverneur der neuen Provinz Äquatoria werden. Tatsächlich gelang es Baker, dem Sklavenjäger und -händler Abu Saud das Lehen abzunehmen. Bis 1873 dehnte er die ägyptische Herrschaft bis zum Albertsee und an die Grenze von Unjoro aus. In der Folge geriet er aber zunehmend in Konflikt mit einzelnen Eingeborenenstämmen und entkam einmal nur knapp der Hinrichtung durch den König Kabarega von Bunjoro. Das Ziel, den Sklavenhandel am oberen Nil zu beenden, erreichte er nicht; allenfalls hat er, abgesehen von seinem Erfolg gegen Abu Saud, den Sklavenjägern das Leben schwer gemacht. Viel mehr Erfolg hatte auch der Reïs Effendina in Mays Roman nicht. Ist es zu weit gegangen, wenn man hier noch anmerkt, daß der Deutsche Kara Ben Nemsi nach Willen der Gohk den Reïs Effendina als Befehlshaber ablöst und das damit vergleicht, daß der Deutsche Eduard Schnitzer alias Emin Pascha 1878 nach einer Übergangszeit unter Gordon Nachfolger von Baker als Gouverneur der Äquatorialprovinz wird?
Baker war nur bis 1873 im Süden des Sudan geblieben. Später erforschte er die Insel Zypern (1879) und bereiste noch Indien, Ceylon, Syrien, die Vereinigten Staaten und Japan. Dann zog er sich auf seinen
Landsitz in Yorkshire zurück, schrieb seine Erinnerungen in vielfältigen Reiseberichten auf und starb am 30. Dezember 1893 in Sanford Orleigh in England.
Die Expedition Bakers, über die die Zeitschrift Globus ab 1870 berichtete, war May bekannt; der Globus diente als eine seiner Quellen.(37) Hat ihn vielleicht auch die teilweise sehr kritische Berichterstattung, über das, was man »als einen Flibustierzug, als eine Civilisationsrazzia«(38) bezeichnete, dazu veranlaßt, das Bild des Reïs Effendina am Ende so negativ zu zeichnen? Oder waren es vor allem autobiographische Bezüge, die sich auch im Bild dieses stolzen Jägers von Sklavenhändlern niederschlugen? Wie dem auch sei: daß die Bakersche Expedition für die Reise des Reïs Effendina und Kara Ben Nemsis vielfältige Anstöße lieferte, erscheint mir unzweifelhaft.
Die Quellen, die May für den ethnographischen, geographischen und naturkundlichen Hintergrund seines Mahdi benutzte, sind bekannt:(39) Für den in Ägypten spielenden Teil des Romans zog er die Zeitschriftentexte Durch Gosen zum Sinai von Georg Moritz Ebers (Aus allen Welttheilen, 1871), Am Nil von Adolf Rambeau (Aus allen Welttheilen, 1875) und Die Krokodilhöhle bei Maabdah von Ernst Marno (Aus allen Welttheilen, 1874) heran, für die im Sudan angesiedelten Teile die Bücher von: Ernst Marno: Reisen im Gebiete des blauen und weissen Nil, im egyptischen Sudan und den angrenzenden Negerländern, in den Jahren 1869 bis 1873, Wien 1874; Philipp Paulitschke: Die Sudanländer nach dem gegenwärtigen Stande der Kenntnis, Freiburg i. Br. 1885; sowie Richard Buchta: Der Sudan und der Mahdi. Das Land, die Bewohner und der Aufstand des falschen Propheten, Stuttgart 1884. Weitere zeitgenössische Quellen sind von Kosciuszko und Unbescheid aufgezeigt worden. Kosciuszko weist darauf hin, daß bis »auf wenige Ausnahmen (. . .) die geographischen, ethnographischen und naturkundlichen Angaben der Sklavenkarawane und der Bände II und III der Mahdi-Trilogie aus dem erwähnten Werk Marnos« stammen; die Sklavenkarawane bezeichnet er sogar als »anonymes Denkmal für den ansonsten in Vergessenheit geratenen österreichischen Afrikaforscher Ernst Marno«.(40) Auf die Angaben, die May zum geographischen Hintergrund oder zu Flora und Fauna macht, braucht in Anbetracht der Arbeiten von Kosciuszko und Unbescheid nicht weiter eingegangen zu werden; sie sind in erster Linie auf Marno zurückzu-
führen und somit weitgehend verläßlich. Die Quelle des oben erwähnten Reitens auf Ochsen geht auf Marno und möglicherweise Baker zurück. Im Hinblick auf die Schilderung des Mahdi hat sich May dann in erster Linie auf Buchta verlasssen, für seine Darstellung der Eingeborenenvölker am oberen Nil vor allem auf die Arbeit von Paulitschke.
Marno (1844-83), der aus Wien stammte und in Khartum starb, bereiste 1866/67 Abessinien und unternahm von 1869 bis 1876 verschiedene Expeditionen in das äquatoriale Nilgebiet. In Gondokoro traf er 1872 mit Baker zusammen. 1878 erhielt er von Gordon die Verwaltung der Provinz Galabat übertragen. In Meyers Konversationslexikon heißt es über ihn: »M. vereinigt mit scharfem Blick für alles Neue eine vorzügliche Gewandtheit im Verkehr mit den Eingeborenen, und Muth, Ausdauer und kräftige Gesundheit stempeln ihn zu einem Afrikareisenden, dessen Karriere noch nicht abgeschlossen ist.«(41) Heute ist Marno praktisch vergessen, während er in Helmolts Weltgeschichte (1914) noch zitiert wird.(42) Dank May ist er noch einmal zu späten, aber verdienten Ehren gekommen, und vielleicht hat sich May auch ein wenig mit ihm identifiziert. In einer Hinsicht aber hat May sich auf Marno auf keinen Fall gestützt, nämlich bezüglich dessen Einschätzung der Sklaverei und der Neger als Menschen. Diese Diskrepanz ist von Kosciuszko bereits behandelt worden.(43) Dennoch müssen wir hier noch einmal darauf zurückkommen.
Marno gibt seiner Meinung Ausdruck, daß das Los der Sklaverei in den islamischen Ländern günstiger sei als in den nichtislamischen. »Der Muhammedaner benimmt sich gegen den Sclaven humaner als der häufig nur auf Geldgewinn bedachte Europäer.«(44) Ähnlich urteilte, wie zitiert (Anm. 9), der Historiker Ki-Zerbo ein Jahrhundert später. Beide sind sich auch darin einig, daß die »Unmenschlichkeiten des Sclavenhandels (. . .) am grellsten beim Einfangen und beim Transport der Sclaven auf(treten), denn mit dem Eintreffen am Orte der Bestimmung erreichen sie gewöhnlich ihr Ende.«(45) Marno verteidigt die Sklaverei nicht direkt, aber läßt sich doch zu den Worten hinreißen: »So betrachtet, erscheint die Sclaverei nicht als jenes Verbrechen, für welches sie häufig ausgegeben wird, da sie eben nur als eine Form des Resultates von Naturgesetzen sich zeigt und deshalb mit eben so wenig Recht und Wirkung verdammt werden kann, wie diese selbst (. . .) So wenig man den Sclavenhandel und jene Uebergriffe, welchen der Sclave ausgesetzt ist, vertheidigen kann, eben so wenig wird man wenn jene Länder nicht geradezu gänzlich aufgegeben werden sollen [gemeint sind die Sudanländer! E. K.] einer gewaltsamen, plötzlichen und totalen Veränderung der gegenseitigen Stellung von Freien und Sclaven das Wort reden
können, während allerdings eine geregeltere und mildere Form dieser Stellung das nächste Ziel des Gesetzes sein sollte.«(46) Aus Marnos Darstellung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Sudan-Provinzen kann man herauslesen, daß die Sklaverei von ihm für die Wirtschaft gewissermaßen als (noch) notwendig angesehen wird. »Zu den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Ausführungen Marnos konnte May«, wie Kosciuszko schreibt, »natürlich keine Gegendarstellung liefern; er geht auf diese Aspekte des Sklavenhandels gar nicht erst ein.«(47) In seiner Anmerkung zu diesen Hinweisen relativiert Kosciuszko jedoch seine Feststellung und verweist auf Mays Aussage: »Man hat Diener, Haremswächter und Dienerinnen für die Frauen nötig, und weil man sie auf keine andre Weise bekommen kann, so kauft man sie.« (I 47), eine Aussage, die im Zusammenhang mit dem gesamten Gespräch Kara Ben Nemsis mit Murad Nassyr zu sehen ist. Kara Ben Nemsi beteuert: »Pah! Die Sklaverei ist abgeschafft.« »In den Büchern und Verträgen; in der Wirklichkeit besteht sie aber noch, in der Türkei und in Aegypten, und es fragt hier keine Behörde darnach, ob mein Neger mein Diener oder mein Sklave ist . . . Nehmen wir den Haushalt des höchsten Mannes in Aegypten als Beispiel an. Hat der Khedive nur Diener und Dienerinnen und keine Sklaven und Sklavinnen mehr? . . . Denken Sie, der Sudan liefere seit dem Verbote keine Sklaven mehr? Oder denken Sie, es sei nicht allgemein bekannt, auch der Behörde, daß jährlich noch Tausende von Schwarzen auf dem Nile bis herunter ins Delta schwimmen? Man drückt die Augen zu, weil man selbst Neger braucht.« (I 47)
Kosciuszko schließt an seine oben zitierten Ausführungen an: »Desto nachdrücklicher versuchte May das von Marno gezeichnete und so im damaligen Europa wohl auch allgemein akzeptierte Menschenbild der schwarzen Völker zu korrigieren.«(48) In der Tat ist Marnos Darstellung der Kulturstufe der von der Sklaverei betroffenen Völker bedrückend: »Das grosse, theilweise noch unbekannte Innere Africa's wird von einer grossen Anzahl von Negerstämmen bewohnt, welche in einem, nach unsern europäischen Begriffen, mehr thierischen als menschlichen Zustande leben. Die primitivsten Begriffe einer Moral mangeln, die gesellschaftliche Zusammengehörigkeit steht auf der niedersten Stufe der Horde mit dem Stammhaupt, ähnlich wie wir bei den Thieren Heerden finden, welche einem Anführer gehorchen (. . .) die Anwendung der Naturkräfte und die geringen Erzeugnisse (stehen) auf der primitivsten Stufe. Die Stämme befehden einander unausgesetzt; rohe Gewalt gegen rohe Gewalt ist, wie bei den Thieren, auch hier die Losung. Der Gegner erschlägt den Besiegten, frisst ihn vielleicht gar auf
oder macht ihn zu seinem Sclaven (. . .) Dasselbe geschieht mit seinen eigenen Kindern.«(49)
Zu Zeiten Voltaires hatte David Boullier, ein protestantischer Theologe, geschrieben: »Die Affen scheinen mehr Geist zu besitzen als die Neger, ihre Landsleute.«(50) Und Voltaire, dieser aufgeklärte Geist, hatte um 1760 von sich gegeben: »Was sie [die Afrikaner] anbetrifft, so ist es eine bedeutende Frage, ob sie von den Affen oder die Affen von ihnen abstammen. Unsere Weisen haben gesagt, daß der Mensch das Ebenbild Gottes sei: das ist wohl ein lächerliches Bild von einem ewigen Wesen mit schwarzer Plattnase, mit wenig oder gar keiner Intelligenz! Zweifellos wird eine Zeit kommen, da diese Tiere die Erde kultivieren, sie mit Häusern und Gärten verschönern können und den Lauf der Gestirne kennen: alles braucht seine Zeit.«(51) Zwar hat sich Voltaire auch positiver über die Schwarzen geäußert; daß er sich aber überhaupt zu solchen Behauptungen hinreißen ließ, zeigt, wie damals allgemein über Schwarzafrikaner in Europa gedacht wurde. Es hatte auch einmal das Bild vom weltgewandten höfischen Mohren gegeben, aber dann war er »zum kaum noch menschlichen Wilden in der Nähe des Affen degradiert«.(52) Die Leistungen verschiedener Afrikaner, die es in Europa zu hohem Ansehen brachten, darunter Generalingenieur Ibrahim Hannibal (ca. 1698 1781), der, aus Äthiopien stammend, 1706 nach Moskau gebracht wurde, in Rußland eine »beispiellose Karriere« u. a. als Festungsbauingenieur machte und eine deutschstämmige Hauptmannstochter heiratete Puschkin hatte ihn unter seinen Vorfahren (53)
wurden im allgemeinen gar nicht zur Kenntnis genommen, und nur selten wurde aus ihnen geschlossen, daß sich Schwarze unter gleichen Bedingungen genauso entwickeln wie alle übrigen Menschen. Was von den mit den Afrikanern durchgeführten Erziehungsexperimenten blieb, war vielmehr die Vorstellung, daß Neger grundsätzlich unwissend und kindisch seien und folglich immer erst von vernünftigen Menschen erzogen werden müßten, bevor sie sich als gesellschaftlich nützlich erweisen könnten. Kombiniert mit der Annahme, daß sie wegen ihrer Physis ohnehin nicht zu höheren Leistungen fähig wären, bildete sich so bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die noch heute wirksame Überzeugung, daß Afrikaner primitiver seien als Europäer.
Nach einer jahrhundertelangen Entwicklung, in der der überlegene militärische Gegner und Repräsentant einer fortgeschrittenen Kultur zum Neger verwandelt worden war und seine einstmals so bewunderten Eigenschaften allenfalls noch untergründig fortbestanden, ließ das bis heute vorherrschende Bild des Afrikaners damit schließlich an der Wende zum 19. Jahrhundert alle seine negativen Züge klar erkennen. Als die Deutschen in der weiteren Geschichte der deutsch-afrikanischen Begegnung mit kolonialen Interessen in Afrika auftraten, nahmen fast alle von ihnen nurmehr Neger wahr. In dem veränderten historischen Zusammenhang leistete das Bild, nun erweitert um die Nuance des biolo-
gistischen Rassismus, neue Dienste für die Legitimation der Unterwerfung und Ausbeutung des Afrikanischen Kontinents. Die mit der kolonialen Praxis einhergehende Zerstörung der Afrikanischen Kulturen formte schließlich viele Menschen selbst nach dem unheilvollen Bild.(54)
Folgerichtig heißt es noch 1914 in Helmolts Weltgeschichte: »Mochten auch die Ägypter und vor allem die verhaßten Dongolaner schwere Schuld auf sich geladen haben, so waren sie doch die höher kultivierten Eroberer, die die Negerbevölkerung in Furcht und Gehorsam erhielten; schränkte man ihren Einfluß ein (Gordon) oder vertrieb man sie völlig (Gessi), so erschütterte man den Grund des Gebäudes und erwartete von der schwarzen Rasse mehr, als sie zu leisten imstande war: der Neger muß nun einmal, wenn er zum Bewohner eines Kulturstaates werden soll, unter straffer Führung von Hellfarbigen stehen.«(55) Und weiter lesen wir dort:
Das Ideal des Afrikaners ist der Besitz möglichst vieler Frauen und Sklaven, die für ihn den Boden bearbeiten und ihm erlauben, von den Erzeugnissen bequem zu leben und einträglichen Tauschhandel damit zu treiben; der Sklave ist in Afrika die beste und sicherste Kapitalanlage (. . .) Darum ist der Hauptzweck aller Kriege das Einfangen von Sklaven, die dann allmählich mit dem Geschlecht ihrer neuen Herren verschmelzen und die Eigenart des siegreichen Stammes beeinflussen. Aber die Sklaven waren nicht nur seit alter Zeit ein wertvoller Besitz, sondern zugleich ein hochgeschätzter Gegenstand des Handels, nach dem auch die Bewohner anderer Erdteile verlangend die Hände ausstreckten (. . .) Daß aber aus den zahlreichen Anfängen eines lebhafteren Verkehrs auf die Dauer so wenig Ersprießliches entstanden ist, liegt an einer verhängnisvollen Eigenschaft des afrikanischen Handels: er beruht fast immer auf Raubbau, und sein Ergebnis ist nach vorübergehendem reichen Nutzen Verfall und dauernde Schädigung. Das gilt am meisten von jenem verderblichen Handelszweige, der sich in keinem Teile der Erde so wie in Afrika entwickelt hat, dem Sklavenhandel. Zugleich aber ist dieser Handel für die Völkerkunde und die Geschichte wichtiger als irgendein anderer: er hat die Ausbreitung der schwarzen Rasse über Länder ermöglicht, nach denen sie sich freiwillig niemals verbreitet hätte; ja auf dem Sklavenhandel beruht lange Zeit nahezu die einzige geschichtliche Bedeutung Afrikas für die übrige Welt.(56)
Welch ein Segen ist die Sklaverei gewesen, könnte man hier zynisch anfügen!
Wie ganz anders hat May die Schwarzen in seinem Roman vorgestellt und ist gegen das zeitgenössische Bild von ihnen vorgegangen. Mehrfach zitiert er die Ansichten von Arabern, wenn sie behaupten: »Sklaven, überhaupt Schwarze, sind keine eigentlichen Menschen« (II 48), und er weist sie auch zurück, z. B. in dem Gespräch mit einem Sklavenjäger: »Waren das keine Menschen, die ihr getötet oder in die Sklaverei verkauft habt?« »Schwarze sind nur halbe Menschen; sie fühlen nichts!« »Damit
entschuldigt ihr euch, obwohl ihr sehr gut wißt, daß es nichts als eine Lüge ist.« (III 549) Zwar läßt sich auch May zu Äußerungen hinreißen wie: »Wenn die Schwarzen einmal Blut gesehen haben, hört bei ihnen jedes Gefühl und jede Rücksicht auf« (III 138), oder: Sie [eine Schwarze] war noch sehr jung und hatte nicht die eingedrückte Nase und die wulstigen Lippen der eigentlichen Neger (I 33), was zeigt, daß auch er ein Kind seiner Zeit war und seine Einstellungen gegenüber anderen Völkern differenziert gesehen werden müssen; aber die positive Haltung, das, was Kosciuszko als »direkte Replik auf Marnos abwertende Bemerkungen zur Kulturstufe der Schwarzen«(57) bezeichnet, überwiegt ganz eindeutig: Die befreiten Sklaven thaten mir von ganzem Herzen leid. Sie erhielten zwar ihre Freiheit und ihre Rinder und Schafe wieder, doch konnten sie daheim nur die Trümmer ihrer Hütten und die Leichen ihrer Angehörigen finden. Man sage nicht, der Neger fühle nicht so wie wir; er fühlt sogar leidenschaftlicher als wir und kann dem Unglücke nicht den Trost entgegensetzen, den uns der Glaube an einen Gott der Liebe und der Weisheit gibt. (III 151f.)
An anderer Stelle schreibt May: Welche Liebe und Anhänglichkeit! Er [ein Dinkajunge] unterstützte sie [seine Schwester], um sie nicht leiden sehen zu müssen! Er hatte sein Land, sein Volk und seine Eltern nicht vergessen. Er wollte zu ihnen zurück; nur darum sparte er. Und wie beschreibt man diese Schwarzen? Auf welche Stufe stellt man sie? Hätte ein weißer Knabe im Alter dieses Negerjungen besser fühlen, denken und handeln können? Gewiß nicht! Wer den Neger nicht für erziehungsfähig hält, wer ihm die besseren Regungen des Herzens abspricht, der begeht eine große Sünde nicht nur gegen die schwarze Rasse, sondern gegen das ganze Menschengeschlecht. (I 45f.) Insgesamt darf gesagt werden: »Man braucht kein positives Suchbild zu haben, um zu erkennen, daß sich May in seinem Leben stets der Minderheiten, der Verachteten, Verfolgten, Geknechteten, der unterdrückten Naturvölker oder der von der europäischen Rasse gedemütigten Völker des Orients angenommen hat. Das ist neben all seinen Leistungen auf literarischem Gebiet seine eigentliche achtunggebietende und bleibende Leistung, die umso schwerer wiegt, als er damit offen dem Zeitgeist widersprach, gegen die Vorurteile und den Hochmut seiner Zeit ankämpfte (. . .) ganz gleich, ob Indianer, Beduinen, Kurden, Zigeuner, sibirische Naturvölker oder Juden immer stand er auf der Seite der Verlierer, auch wenn er diesen im Laufe seiner Romane natürlich auch negative Gestalten zuschrieb.«(58)
Bemerkenswerterweise ließ auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) dieser Haltung Mays späte Gerechtigkeit widerfahren:
Sie [die Türken] hatten in Khartum einen Generalgouverneur eingesetzt, aber seine Macht und sein Interesse reichten kaum weiter, als man vom Ufer des Nil aus sehen konnte. Den Bachr-el-Gasal hinauf fuhr nur gelegentlich ein Schiff der Regierung, und dann nicht, um zu herrschen, sondern um die arabischen Sklavenjäger abzufangen, die keine Steuern zahlten und das Land der Schwarzen entvölkerten. Die Kunde von den Greueln der Sklavenjagd war bis Radebeul bei Dresden gedrungen. Vom Heulen der unglücklichen Neger und dem Jauchzen der Sklavenjäger, die im Schein der lodernden Flammen wie Teufel um die Seelen der Verdammten ihre höllischen Reigen tanzten, schrieb Karl May in der Sklavenkarawane. Er hatte offenbar das zwischen 1889 und 1891 erschienene dreibändige Werk Wilhelm Junkers gelesen, der gerade von seinen Reisen in Afrika zurückgekehrt war. Der österreichische Forscher beschrieb, wie die Araber ihre soeben gefangenen Sklaven das gleichfalls geraubte Elfenbein an den Nil schleppen ließen und jeden umbrachten, der unter der Last zusammenbrach. »Oh, daß alle die Klagen, Wehrufe und herzerpreßten Seufzer laut werden könnten, die ein über Tausende von Meilen gewandertes Stück Elfenbein verursacht hat«, schreibt er, »ehe es unter der Hand unserer klavierbearbeitenden Jugend dem zum Hören Verurteilten einen Teil dieser Qual nachempfinden läßt.«(59)
Der eben zitierte Beitrag in der FAZ führt den Leser ins Land der Dinka, wo auch May große Teile seines Mahdi spielen läßt. Über die beiden Sklavenkinder, die soeben erwähnt wurden und die Kara Ben Nemsi befreit und zu ihrem Volk zurückbringt, schreibt May: Welchem Volke die Kinder angehörten, darüber konnte es keinen Zweifel geben; sie waren Dongiols, und dieser Stamm gehört zur Dinkanation, welche sich auch Djangeh nennt. Diese letztere Bezeichnung war hier in Kairo der Name des Mädchens geworden. Die Dinka sind unbedingt der schönste Menschenschlag am weißen Nil; sie sind schlank und von hoher Statur, und ihr Gesichtsausdruck zeigt mehr Milde und Intelligenz, als derjenige anderer Völker. Da war es kein Wunder, daß der Knabe nicht das stumpfsinnige, teilnahmlose Wesen anderer Negerkinder besaß. Hätte er in einer deutschen Volksschule sitzen können, er wäre gewiß gegen keinen der andern Schüler zurückgeblieben. (I 46)
Wie erwähnt, verwendete May für seine völkerkundlichen Beschreibungen vornehmlich das Buch von Paulitschke, in dem dieser über die den Sudan betreffenden Ergebnisse überwiegend der deutschen Afrikaforscher, darunter des Missionars A. Kaufmann und des berühmten Entdeckers Georg Schweinfurth (1836 1925), berichtete. Die eben zitierte Beschreibung der Dinka wurde von ihm von Kaufmann übernommen und noch um die Hinzufügung der Intelligenz gekrönt.(60) Liest
man dagegen über Schweinfurths Reise, so hört sich das ganz anders an:
[Schweinfurth:] befand sich nun unter den Dinka und seine Beziehungen zu diesem seltsamen Hirtenvolke waren in den folgenden zwei Jahren auch im tiefsten Innern selten unterbrochen; so lange er die Seriba des Ghattas bewohnte dienten ihm Dinka als Kuhhirten, versorgten ihm die Küche und sowohl im fernsten Osten wie Westen trat er mit ihnen häufig in Verkehr (. . .) Diese Dinka haben wenig über mittlere Körperhöhe (1,74 Meter bei 26 gemessenen Individuen). In ihrer Statur zeigen sie als Sumpfmenschen dieselbe Langschnittigkeit der Gliedmaßen wie die Nuehr und Schilluk. Am auffälligsten prägen sich die knochigen, sehnigen Körperlinien in den horizontal gestellten und eckig abfallenden Schultern aus; ein langer, an der Basis etwas verschmälerter Hals entspricht dem stets in einem spitzen Hinterkopfe gipfelnden Haupte, das, im Allgemeinen flach, einen hohen Grad von Schmalköpfigkeit aufweist, verbunden mit stark entwickelter Prognathie. Die Dinka zählen zu den am dunkelsten gefärbten Racen, aber die tiefe Schwärze der Haut läßt deutlich einen grauen Ton erkennen, sobald sie von Asche gesäubert ist, die Haut schimmert dann wie braunschwarze Bronze. Der angeblich bläuliche Schimmer der Negerhaut beruht auf Einbildung und ist lediglich als Reflex des blauen Himmels zu betrachten. Das kann man mit gutem Gewissen sagen. Die Nasenform ist großen Schwankungen unterworfen; nach unseren ästhetischen Begriffen sind die Männer meist wohlgestalteter als die Frauen gleichen Alters. Einigermaßen einnehmende Gesichtszüge, um nicht zu sagen, menschliche [! E. K.] sind selten; unaussprechlich häßliche Fratzen, gehoben durch ein Grimassenspiel, bei welchem die kurzen Augenbrauen häufig mitwirken und den an und für sich geringen Raum zwischen ihnen und dem Beginne des Haarwuchses auf ein Minimum reduciren, verleihen der großen Mehrzahl einen affenartigen Ausdruck [!! E. K.] der Physiognomie. Doch fehlt es auch nicht an Ausnahmen. Das Haar wird meist kurz geschoren, indem man auf der Höhe des Scheitels einen Schopf stehen läßt, der gern mit Straußfedern geziert wird, um den Reihertypus nachzuahmen. [Hier folgt als Fußnote:] Nirgends in der Welt scheint sich das Gesetz der Natur, demzufolge gleiche Existenzbedingungen analoge Formen unter den verschiedensten Classen des Thierreichs hervorzurufen vermögen, mehr zu bewahrheiten als hier. Daß Menschen und Thiere in vielen Gebieten, deren physikalische Beschaffenheit sie in grellen Gegensatz zu den Nachbarländern stellt, etwas Gemeinschaftliches in der Summe ihrer Merkmale und eine gewisse Harmonie in ihrem Charakter darbieten, läßt sich nicht bezweifeln.(61)
Im Gegensatze zu den Bewohnern der steinigen und felsigen Hochländer, die das Niltal umranden, machen die an den sumpfigen Flußniederungen ansässigen Schilluk, Nur und Dinka nach Theodor von Heuglin den Eindruck menschlicher Flamingos; es sind echte Sumpfmenschen. Plattfuß und verlängerte Ferse sind für ihren Bau bezeichnend. Wie Sumpfvögel pflegen sie stundenlang bewegungslos auf einem Beine zu stehen. Ihr Schritt ist gemessen, ihre Gliedmaßen sind dürr und langschüssig, der Hals ist ebenso verlängert und mager. Liegt hier nicht der Gedanke an die Kraniche der Sage nahe, mit denen die Pygmäen kämpften?(62)
Wie sehr läßt sich hier Kohls zitierte Frage nach den Vorurteilen und Eurozentrismen bei der Betrachtung fremder Kulturen durch europäische Forscher (vgl. Anm. 15) exemplifizieren! Daß May sich auf Kaufmann und nicht auf Schweinfurth stützte, ist aller Ehren wert und zeigt einmal mehr, wie sehr ihm daran gelegen war, das Bild der Europäer, speziell der Deutschen, von den Negern zurechtzurücken. Das war eines seiner Hauptanliegen. Ansonsten teilt er über die Dinka nichts wirklich Nennenswertes mit, abgesehen von der Tätowierung: Der Negerbube war ein höchst aufgewecktes Kerlchen. Er trug das Haar ganz glatt geschoren und war trotz seiner Jugend schon tätowiert. Er hatte einen tiefen Einschnitt zwischen den Augenbrauen, von welchem, als dem Centralpunkte, kreisförmige, punktierte Linien sich nach dem Scheitel und den beiden Seiten der Stirne hinzogen, eine Art der Tätowierung, die bei allen Stämmen der Dinkaneger, und zwar sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen gebräuchlich ist. (I 38, ähnlich auch II 525) Die Angaben entnahm May Paulitschke, der sich hier wiederum auf Kaufmann bezog. Auch die übrigen Angaben zu den drei von ihm erwähnten Dinka-Stämmen, den Dongiol, Bor und Gohk, zu Bevölkerungszahl und Haartracht stammten von dort.(63) Die Gohk hat May im übrigen »ganz nach eigener Phantasie gestaltet; hierzu ist anzumerken, daß gerade die ohne jede Quellenbenutzung gestaltete Begrüßungsszene bei den Gohk wohl die gelungenste Darstellung eingeborener Lebensart ist, die wir in den Sudan-Romanen finden.«(64) Über die Gohk teilt May noch mit: »Die Gohk sind das westliche Dinka-Volk. Sie grenzen mit den Schur zusammen, haben ein großes Gebiet inne und besitzen eine Anzahl reicher Dörfer.« (II 575) Und über die Bor: Da oben wohnen die Bor, welche ungefähr zehntausend Köpfe zählen, die vierzig Dörfer bewohnen und sehr große Rinderherden besitzen. Glücklicherweise sind diese Bor ein Zweig des großen Dinka-Volkes, und da es die Rettung der ihnen stammverwandten Gohk galt, so glaubten wir, bei ihnen die notwendige Unterstützung zu finden. (III 2) In der Tat: Wir alle ritten, und zwar auf den schon erwähnten Ochsen. Voran kam eine Abteilung der Borkrieger, dann ein Trupp Asaker; dann folgten Lastochsen, dann wieder Soldaten und Lasttiere, worauf die andere Hälfte Bor den Zug beschlossen. Es war ein Glück für uns, daß die Schwarzen sich mit uns verbündet hatten, denn ohne sie hätten wir niemals unser Ziel erreicht, sondern wären in diesem unendlichen Sumpfe umgekommen. Sie aber kannten denselben, als ob er ihre Heimat sei. Ihre geübten Augen unterschieden mit Leichtigkeit die Stellen, denen man sich anvertrauen konnte . . . Ich bewunderte den Scharfblick und die Umsicht dieser Leute mehr und mehr und lernte hier auch Ochsen achten, denn ohne ihre Tiere hätten auch die Bor nicht
fortkommen können. (III 66) Wie anders liest sich diese Darstellung als diejenige Schweinfurths ihm dienen die Dinka als Kuhhirten und Küchengehilfen, für Kara Ben Nemsi sind sie gleichsam Lebensretter, die ihm Bewunderung abnötigen.
Wer waren und sind die Dinka?(65) Zusammen mit den sich östlich anschließenden Nuer bilden die Dinka eine Unterabteilung der Westnilotischen Sprachgruppe. Die eigentlichen Niloten teilen sich in die Hauptgruppen Schilluk, Dinka und Nuer. Die Dinka bewohnten und bewohnen das sumpfige Tiefland der Bahr el Ghasal-Provinz des südlichen Sudan, im Westen auch die höher gelegenen Savannengebiete des sogenannten Eisensteinplateaus. Schon um das Jahr 1000 lebten die Niloten in diesen wasserreichen Flachländern, wobei sie ihre Dörfer auf natürlichen Anhöhen erbauten. Nach der Jahrtausendwende begannen sie mit Wanderungen aus Gründen, die wir heute kaum mehr nachvollziehen können. Dinka und Nuer scheinen gemeinsam aufgebrochen zu sein und sich später geteilt zu haben; ihnen folgten die Luo (Schilluk), die sich ebenfalls teilten und verschiedene Wege einschlugen. Im Rahmen dieser Bewegungen erreichten die Dinka ihre heutigen Wohngebiete. Tatsächlich gehören sie die Männer erreichen 1,80 m Durchschnittsgröße zu den höchstgewachsenen Menschen der Welt.
Schon Helmolts Weltgeschichte weist daraufhin, daß die Völker des Niltales zwei große Kulturerrungenschaften hatten: die Rinderzucht und die Eisenbearbeitung, und betont, daß die Hauptstämme Viehzüchter und hervorragende Schmiede waren; letztere bildeten eine eigene wenn auch nicht sehr geachtete Kaste. Gezüchtet wurden neben Schafen und Ziegen vor allem Rinder, von den Dinka speziell die langhörnigen Zebu-Rinder. In diesem Zusammenhang waren den Niloten auch Verzierung der Hörner, Fleisch für Opferzwecke oder Vieh als Brautpreis wichtig. Aber auch der Feldbau spielte eine große Rolle; die Niloten bauten auf ihren in höheren Lagen außerhalb der Überschwemmungsgebiete angelegten Feldern Bohnen, Sesam, Durra, Kürbis und Melonen an, heutzutage vor allem Hirse und Mais. May schreibt über das Dorf der Gohk-Dinka im Prinzip richtig: Wir erreichten den Wald und ritten quer hindurch, um an das Ufer eines langgestreckten, seeartigen Wasserbeckens zu kommen. Ein Blick belehrte uns, daß wir uns in der Nähe des Zieles befanden. Die Ufer des Sees waren von Fruchtfeldern umgeben, von denen aus sich Weideplätze bis hin zum Horizonte zogen. Am Rande des Wassers hingen Kähne. Rechts von uns gab es einen Berg, ja wirklich, eine Anhöhe, welche im Verhältnisse zu der sonst ganz platten Gegend recht gut als ein Berg bezeichnet werden konnte . . .
(III 73), auf dem das Dorf der Neger lag. Es nahm ungefähr die Hälfte des Plateaus ein und bestand aus lauter runden Hütten von der Art, wie ich sie wiederholt beschrieben habe, und war von einem hohen, sehr dichten Dorngestrüpp umgeben. Die Fläche außerhalb des Dorfes war mit kurzem Grase bewachsen. Es gab da mehrere Einzäunungen, um die Herden des Nachts und zur Zeit eines Ueberfalles in Sicherheit zu bringen. (III 82)
Zwar waren die Niloten keine Nomaden, aber jahreszeitlich bedingte Wanderungen gab es: die Herden wurden in Anpassung an die Weidemöglichkeiten während Regen- und Trockenzeit umhergetrieben, während der Trockenzeit also in die flußnahen Gebiete, wo sie bei den Dinka von jungen Männern und Mädchen gehütet wurden. Die Männer beteiligten sich auch an den Feldarbeiten; im Gegensatz dazu wurden die Frauen bei den Niloten in der Regel von der Viehhaltung, selbst vom Melken, ausgeschlossen.
Die Dinka teilten sich in eine Reihe unabhängiger Stämme wie die Gohk, Bor, Reik, Malwal, Agar, Ngok, Niel, Aliab, Kiec, Twi u. a. Bedeutender waren jedoch als Organisationsformen die Klane; es herrschten Klantotemismus und Vaterrecht. Von einigen Klanen wurde angenommen, daß sie über magische Fähigkeiten verfügten. Dem diesen Klanen entstammenden Speerhäuptling wurden bestimmte richterliche und priesterliche Aufgaben übertragen.
Während die Dinka in den temporär angelegten Trockenzeitlagern in kuppelförmigen Grashütten lebten, bewohnten sie in der übrigen Zeit zylindrische Kegeldachhütten in festen Dorfsiedlungen. Die Männer waren meist unbekleidet, die Frauen trugen überwiegend Blättertracht; man schmückte sich mit Elfenbeinarmringen, Muschel- und Straußeneiperlketten und Hörnerkappen; die unteren Schneidezähne wurden mitunter entfernt. Wegen der Stechmücken rieb man sich mit Asche ein. Wie May richtig schreibt, spielte die Tätowierung eine wichtige Rolle. Als Waffen dienten, wie auch May angibt, Speer, Keule sowie Pfeil und Bogen (III 74); im vorigen Jahrhundert lösten Spitzen aus Eisen bei Speeren und Pfeilen die Spitzen aus Holz und Horn ab.
Von der Religion her waren die Dinkas Animisten; sie glaubten an den Naturerscheinungen innewohnende Geistwesen, an eine spirituelle Macht, Jok, sowie an einen Hochgott, Nhialic, der persönlich aufgefaßt ebenso wie die Macht Jok das Schicksal der Menschen mitbestimme. Auch die Geister der Ahnen wurden verehrt.
Heute zählen die Dinka wieder etwa 1 bis 1,5 Millionen Menschen, die ihnen verwandten und auch von May mehrfach erwähnten Nuer und Schilluk(66) etwa 300 000 bzw. 120 000. Die Nuer, von denen viele von Dinka abstammten, waren und sind ein Hirtenvolk; ihr gesamtes kul-
turelles Leben drehte sich um ihre Herden; Anbau von Hirse und das Fischen spielten ebenfalls eine Rolle. Auch hier war wie bei den Dinka das Klansystem sehr wichtig, während zwischen den einzelnen Stämmen (Thiang, Lau, Lak, Gaweier, Djekaing, Dok, Djagei, Nuong, Bul, Lek, Kilual) kein großer Zusammenhalt bestand. Die Beilegung von Streitigkeiten und Fehden oblag den sogenannten Leopardenfellhäuptlingen, aber aufgrund rituell-religiösen, weniger politischen Einflusses.
Das Bauern- und Hirtenvolk der Schilluk am Westufer des Weißen Nils, um Faschodah, hielt Rinder, Schafe und Ziegen; das Hauptnahrungsmittel bestand in Milch. Die Schilluk waren seßhaft und bauten u. a. Hirse an. Die Männer betrieben Jagd und Fischfang und beteiligten sich auch an der Feldarbeit; die Herden wurden einschließlich des Melkens von den Männern betreut. Diese wurden (und werden) wie die Dinka-Männer sehr groß, viele bis 2,10 m, im Durchschnitt 1,80 m. Die Schilluk umfaßten die Stämme der eigentlichen Schilluk, der Anuat, Berri, Luo, Thuri, Dembo, Atscholi, Shatt, Lango, Lur, Jopalyuo, Jaluo, Kavirondo u. a. Im Gegensatz zu den Dinka und Nuer war das Gesellschaftssystem komplizierter. Bemerkenswert bei ihnen war das Gottkönigtum, das auf Nyikang, den Begründer und ersten König der Schilluk, zurückgeführt wurde. Nyikang wurde als Stammesheros sogar in eigenen Tempeln verehrt; dadurch gerieten der Glaube an einen Himmelsgott und ähnliche Vorstellungen allmählich in den Hintergrund. Der König der Schilluk galt als Nachkomme Nyikangs; er konnte auf königliche Beamte zurückgreifen und übte Macht aus über die Fruchtbarkeit des Landes, so auch den Regen, und zu den Elementen seiner Herrschaft gehörten u. a. die heilige Lanze als Köngssymbol, eigene Grabhäuser, der heilige Königsmord als Opfertod des Königs, besondere Freiheiten der Königstöchter, die Ehrung der Königsmutter und Geschwisterehen. Unterhalb des Gottkönigs gab es mehrere Adelsränge, freie Bürger und Sklaven.
Für Mays Mahdi-Roman waren alle diese interessanten Einzelheiten natürlich nachrangig und hätten auch in die Handlung, in der es vor allem um Sklavenhandel und Sklavenjagd geht, gar nicht gepaßt. Tatsache ist, daß sich die Nuer und Dinka gegenseitig um Vieh und Sklaven bekämpften. Unter den arabischen Sklavenjägern hatten vor allem die Dinka zu leiden, doch gelang es selbst denen nicht, die Stärke und Größe dieses Volkes wesentlich zu beeinträchtigen. Anders bei den Schilluk: sie wurden von den Mahdisten im Laufe der Mahdi-Erhebung unterworfen und erlitten schwerste Verluste. 1903 gab es nur noch 40000 Schilluk, aber um 1960 schon wieder über 100000. Dennoch hat
der Mahdi-Aufstand im Sudan Spuren hinterlassen, die bis heute nicht getilgt sind.
Trotz des Verbotes blühte der Sklavenhandel in Ägypten. Drei bedeutende Karawanenwege gab es: die kürzeste Route führte nach El-Obeid in Kordofan und dann über Berber nach Port Suakin und Arabien; entlang des Nils wurden die Sklaven nach Kairo und dem Osmanischen Reich gebracht; am längsten war die dritte Route, die jedoch überwiegend benutzt wurde: das schwarze Elfenbein schaffte man über Darfur und Wadai zur Oase Kufra und von dort nach Bengasi bzw. über Kuka nach Tripolis. May beschreibt an verschiedenen Stellen seines Romans Wege, auf denen Sklaven transportiert werden,(67) aber dies sind überwiegend Routen abseits der großen Wege (natürlich um den Häschern des Vizekönigs zu entgehen), abgesehen von der Nilroute, wo der Reïs Effendina auf den großen Fang wartet, der am Ende immer nicht ihm, sondern Kara Ben Nemsi gelingt.
Wie schon beschrieben, bedeutete das Verbot des Sklavenhandels, auch wenn sich kaum jemand daran hielt und der Vizekönig die Verfolgung der Sklavenjäger und die Bereinigung der Verhältnisse den Europäern überließ, gewaltige wirtschaftliche Einbrüche für zahlreiche Kreise: für die ägyptischen Beamten ebenso wie für die arabischen und ägyptischen Sklavenjäger, für die Händler und Hehler (»Ich habe gar nicht die Absicht, Neger zu fangen, aber ich bin entschlossen, welche zu kaufen«, redet sich Murad Nassyr heraus, worauf ihm Kara Ben Nemsi erwidert: »Das ist sogar noch schlimmer . . . Wenn es keine Sklavenhändler gäbe, würde es auch keine Sklavenjäger geben.« (I 388)), für die Regierung selbst und natürlich auch für die sich untereinander bekriegenden Stämme der Einheimischen, der Neger oder der zwischen Nil und Schari lebenden Araber: »Denke, daß wir Baqquara nur von unsern Herden leben, und daß eine einzige Seuche, welche unter denselben ausbricht, uns leicht zu Grunde richtet. Da war es der Sklavenhandel, welcher uns bei solchen Fällen die Mittel gab, zu leben und, bis unsere Herden wieder gewachsen waren, nicht zu darben. Wir gaben den Sklavenjägern unsere Krieger als Asaker mit und bekamen für jeden gefangenen Schwarzen einen bestimmten, festgesetzten Lohn. Dieser wurde uns in Sklaven ausgezahlt, die man uns billig berechnete, wir aber verkauften sie zu einem weit höheren Preis. Das gab einen Gewinn, welcher uns willkommen war.« (II 455).
Auch hier schildert May die Verhältnisse richtig. Die Baqqara oder Baggara beteiligten sich während des 19. Jahrhunderts besonders stark an den Sklavenjagden. Im Grunde gab es die Baggara allerdings nicht; hier handelt es sich um einen Sammelnamen, abgeleitet von bakar = Rind, für Rinder-Halbnomaden, die zahlreiche Stämme umfaßten. Wahrscheinlich stammten die meisten von ihnen von Beduinen ab, die im 14. Jahrhundert in den Sudan vorstießen. Durch zahlreiche Raubzüge und Kriege wurden die Stämme mit den einheimischen Völkern vermischt; die Sudan-Neger wurden im Lauf dieses Prozesses verdrängt oder aufgesogen. Angehörige einzelner Stämme konnten je nach Schicksal oder Lebensraum ebenso Nomaden wie Halbnomaden oder sogar Seßhafte werden. Als Baggara bezeichnete man die Halbnomaden, deren Kultur auf dem Besitz von Rinderherden beruhte und auch heute noch basiert. Ochsen zum Reiten und Lastentransport waren typisch für ihre Lebensart. Die als Nomaden lebenden Stämme, die Kamele und Dromedare besaßen, wurden als Abbala bezeichnet. Die seßhaften Ackerbauern und Händler bilden die dritte Gruppe. Versucht man eine Einteilung nicht nach Lebensweise, sondern mehr nach ethnischen Gesichtspunkten, so gelangt man zu einer Fülle von Stämmen,(68) die hier im einzelnen nicht aufgezählt zu werden brauchen. Die von May in die Handlung einbezogenen El Homr und Fessarah gehören jedenfalls dazu, was May für die Homr auch an einer Stelle angibt. An anderer Stelle erwähnt May noch einen weiteren Stamm: Der Hautfarbe nach sind sie weder Kababisch noch Bagara« (III 396). Tatsächlich hat die Mischung der Völker zu unterschiedlichen Hautfarben geführt; im Süden mit der Seßhaftwerdung trat die negride Komponente in den Vordergrund. Nicht recht hat May dagegen, wenn er Baggara und Kababisch als Stämme nebeneinander stellt; vermutlich aber waren zu seiner Zeit die Abgrenzungen zwischen den Völkerschaften noch nicht so klar wie heute. Einen Kababisch hat May in einer seiner größeren Erzählungen, der Gum, in der für die Erzählstruktur wichtigen Rolle des bramarbasierenden, feigen Dieners gezeichnet: Hassan el Kebihr.
Zusammen mit den Hamar, Habbania, Tundjer u. a. gehörten die Kababisch zu den Baggara und bildeten wohl deren bedeutendste Gruppe. Sie besaßen riesige Kamel-, Schaf- und Ziegenherden, im Süden ermöglichte ihnen das Land sogar die Rinderhaltung, die hier ein großes Ausmaß annahm. Noch heute leben die Kababisch teilweise beinahe so wie zu Mays Zeiten in den nördlichen Teilen der sudanesischen Provinzen Darfur und Kordofan bis nach Dongola. Ein Teil des Stammes kümmert sich um die Herden, ein Teil betreibt ausgedehnten Handel und verkauft Vieh gegen das Grundnahrungsmittel Hirse. Ein
Großteil der Viehexporte des Sudan nach Ägypten stammte bis in neuere Zeit von den Kababisch. Daneben war bis in unser Jahrhundert der Handel mit Gummiarabikum, gewonnen aus dem Harz verschiedener im Norden Kordofans beheimateter Akazienarten, ein wesentlicher Wirtschaftszweig dieses Volkes.
Wie alle anderen Baggara sind auch die arabisch sprechenden Kababisch ethnisch nicht einheitlich, aber sie stellen sicherlich ihre homogenste Gruppe dar und nennen sich mit mehr Recht Araber als die meisten anderen dieser Mischvölker. Sie wurden von Häuptlingen regiert, die an der Spitze der patrilinearen Klans standen und wiederum einem Oberhäuptling (Nasir) unterstanden. Jeder Klan war in Gruppen geteilt, die aus größeren Familien bestanden, zu denen neben den Familienangehörigen auch Sklaven und Schützlinge gehörten. Die Position des Nasir ist wohl erst unter dem Druck der türkisch-ägyptisch-englischen Herrschaft entstanden. Bewaffnet waren die Kababisch mit Lanzen, Speeren und Messer; die Männer spielten auch in der Erbfolge die wesentliche Rolle. Der Stamm hing wie die meisten dieser Völkerschaften dem Islam an; durchgeführt wurden Knaben- und Mädchenbeschneidung.
Noch heute wandern die Baggara während der Regenzeit zu den Grassteppen im Norden und kehren in der trockenen Jahreszeit zu den südlichen Flußtälern zurück. Hier sind sich einige der Stämme auch nicht für den Ackerbau (vor allem Hirse) zu schade, der von anderen stolz abgelehnt wird.
Der große Ein- und Umbruch kam für die Baggara wie für viele andere Völker des heutigen Sudan und der angrenzenden Gebiete durch den Aufstand des Mahdi. Sie wurden zu seinen glühendsten Anhängern.
Erinnern wir uns: Ismail Pascha, der ägyptische Vizekönig, versuchte, Ägypten auf den Weg zur Moderne zu führen, und überließ den Kampf gegen die Sklavenjäger und die Ordnung der Provinzen des Sudan verschiedenen Europäern. 1874 erlangte Ägypten seine größte Ausdehnung und reichte fast bis zum Äquator. Von 1874 bis 1877 vollendete Charles George Gordon (geb. 1833) eine »edle, nur zu vertrauensselige Natur, von unverwüstlicher Gesundheit, schien er ganz der geeignete Mann, als Organisator und Soldat die Kultur des Landes zu fördern und die Rechte der Menschlichkeit zu wahren«,(69) wie die Zeitgenossen ihn sahen die Mission am oberen Nil, die zu Ende zu bringen Baker nicht vergönnt gewesen war. 1877 zum Pascha und Generalgouverneur ernannt, führte er, der über große Erfahrungen aus Kriegen in China verfügte, mit Abessinien lange Verhandlungen um die
Grenzen zu den ägyptisch-sudanesischen Provinzen und schlug dann in Darfur den erwähnten Aufstand Soleimans, des Sohnes des Sklavenjägers Zubeir, nieder. Da Kairo ihm nicht die erhoffte Unterstützung zuteil werden ließ und die Zustände im Sudan nach wie vor chaotisch waren, trat Gordon Pascha 1880 zurück. Sicherlich war das Urteil seiner Zeit etwas blauäugig, wenn es heißt: »Immerhin waren die Verhältnisse im nördlichen Sudan, in Kordofan, Senaar usw. leidlich geordnet. Auch im Süden hatten Gessi (gest. 30. April 1881 in Suls) und später F. Lupton, die Gouverneure der Provinzen Bahr el-Ghasal, vor allem aber Eduard Schnitzer (Emin Pascha) in der Äquatorialprovinz die Entwickelung in hoffnungsvolle Bahnen gelenkt (. . .)«(70) Eher stimmt wohl Ki-Zerbos Urteil: Der Khedive »vertraute die Grenzgebiete seines Reiches nun europäischen Forschern und Abenteurern an. Die Äquatorialprovinz im Norden der Großen Seen wurde zunächst Samuel Baker und später dem Deutschen Schnitzer (Emin Pascha) überantwortet. Darfur bekam der Österreicher Slatin übertragen. Diese Männer führten nun Ägyptens Politik. Ungeachtet manch schwacher Besserungsversuche setzte sich der Machtmißbrauch gegen die sudanesischen Autochthonen fort und erstickte die regionalen Revolten in einem Strom von Blut.«(71)
Waren diese Europäer sicher alle auch guten Willens, die Abneigung der Einheimischen gegen die Fremden nahm aufgrund der geschilderten Verhältnisse immer mehr zu. Hinzu kam die Entwicklung in Ägypten selbst: »(. . .) Ismaïl trieb den Prunk seines Auftretens, seine blind verschwendende Gastlichkeit und ähnliche Schwächen ins Grenzenlose.«(72) Ab 1875 geriet Ägypten in den Strudel nicht mehr aufzufangender finanzieller Schwierigkeiten. Selbst der Verkauf der Suezkanal-Aktien konnte die Lawine nicht aufhalten; noch im selben Jahr war der Staat bankrott. 1876 bildeten England und Frankreich eine Finanzkommission, geleitet von einem Engländer und einem Franzosen als Generalkontrolleure für die ägyptischen Finanzen; und 1878 übernahm Nubar Pascha mit Charles R. Wilson als Finanzminister und anderen Europäern im Kabinett auf Druck europäischer Staaten die Regierung. Diese europäische Vormundschaft führte zur Steigerung der Fremdenfeindlichkeit in Ägypten und im Sudan. Ismail geriet unter Druck seiner eigenen Landsleute, aber er konnte sich gegen die europäischen Staaten nicht wehren, die ausgelöst durch eine Protestnote des Deutschen Reiches anläßlich Ismails Vorgehens gegen die aufgezwungene Regierung seine Absetzung durch den Sultan betrieben, die dann 1879 erfolgte. Ismail starb 1895 in Konstantinopel.
Ismails Sohn und Nachfolger Tewfik (1879-92) war ein schwaches
Werkzeug in den Händen Englands und Frankreichs. Unter ihm erreichten die fremdenfeindlichen Strömungen im ägyptischen Reich einerseits, der Einfluß der Europäer andererseits den Höhepunkt. So war aus der Sicht der einen, wie zitiert, »die Entwickelung in hoffnungsvolle Bahnen gelenkt, als ein ungeheurer Ausbruch des altsudanesischen Glaubenseifers mit einem Schlage das Werk zerstörte, aber zugleich bewies, wie morsch und hohl das äußerlich so glänzende Gebäude gewesen war: Mohammed Achmed, der angebliche Mahdi (Reformator), entrollte 1881 das Banner des Aufstandes und hatte nach wenigen Jahren sich des gesamten Sudan bemächtigt.«(73) Man hat es auch nüchterner gesehen: »Es gab demnach um 1880 von Sennar bis Darfur mehrere Zentren des Widerstands gegen die ägyptische Herrschaft und die ausländischen Beamten, welche deren Vertreter waren; von 1881 an gelang es dem Mahdi Mohammed Achmed, unter dem Banner des Islam so verschiedenartige Forderungen zu vereinigen, wie sie von den ihrer früheren Unabhängigkeit nachtrauernden Volksmassen und den die animistischen Stämme im Süden ausbeutenden Sklavenhändlern erhoben wurden.«(74) Oder poetischer: »In dieser Situation, als der Sturz des Khediven Ismail eine politische Lücke bis in die Randgebiete des ägyptischen Reiches riß, tauchte aus dem trostlosen Dunkel des oberen Niltales der erstaunliche Schatten des Mahdis auf.«(75)
Die Deutsche Hausschatz-Fassung der späteren Mahdi-Trilogie erschien 1891 bis 1893; angekündigt worden war der Roman in dieser bedeutenden katholischen Zeitschrift schon 1885, also bereits in dem Jahr, in dem der Mahdi starb. Wie in anderen Fällen ließ sich May von zeitgenössischen Ereignissen, die sich in exotischen Ländern abspielten, für seine Erzählungen inspirieren, um entsprechendes Interesse bei seinen Lesern zu wecken. Die Erzählung, die dann der Hausschatz veröffentlichte, hatte den Obertitel Der Mahdi und bestand aus den Teilen Am Nile und Im Sudan. Als 1896 die Fehsenfeld-Buchausgabe herauskam, firmierte sie unter dem Titel Im Lande des Mahdi: zu Recht, denn der Mahdi selbst kommt darin kaum vor, er wird hin und wieder erwähnt, tritt aber nur wenig vor allem im ersten Kapitel des zweiten Bandes persönlich in Erscheinung; dennoch hat man als Leser das Gefühl, daß er und sein Gedankengut ihren Schatten über den Roman geworfen haben. Um diese Zeit war der Mahdi schon Historie, wenn auch sein Reich noch bestand; von daher ist verständlich, daß May sei-
nen Roman anderen Themen, nämlich Sklaverei und Islam, widmete, für die der Mahdi dann eben als Aufhänger diente. Dennoch konnte er damit rechnen, daß der Klang des Namens Mahdi bei seinen Lesern Neugier und Spannung erzeugen würde.
Wie gesagt, spielt der Roman um 1879, also vor dem großen Aufstand des Mahdi; von der eigentlichen Erhebung erfährt der Leser aber so gut wie nichts. May ging wohl davon aus, daß seiner Leserschaft die Vorgänge im Sudan weitgehend vertraut waren. Er benutzte, wie bereits ausgeführt, als Quelle für seine Darstellung offenbar das Werk von Buchta. Darüber hinaus gab es sicher genügend Zeitungs-, Zeitschriften- und Lexikon-Artikel, aus denen er schöpfen konnte.(76)
Der Mann war wohl etwas über dreißig Jahre alt, hager und trug einen dunkeln, nicht sehr dichten Vollbart . . . Der Ausdruck seines Gesichtes war streng, düster asketisch . . . Ich ahnte nicht, daß dieser Mann später als Mahdi eine so hervorragende Rolle spielen werde. (II 48) Buchta beschreibt ihn folgendermaßen: »Mohammed Achmed ist vor etwa 40 Jahren in Dongola geboren, ein schlanker, gut gewachsener Mann von tief brauner Gesichtsfarbe, ein echter Nubier und kein Araber.«(77) Nach anderen Quellen war »Mohammed Achmed, der neue Messias, der aus Dongola stammte«, in der Tat »ein Mann von außergewöhnlich eindrucksvoller Erscheinung und feinen, kühnen Gesichtszügen. Diejenigen, die ihm zum ersten Mal begegneten, bemerkten sein Lächeln, das stets auf seinen Lippen zu spielen schien und von großer Anmut war. Das Lächeln versteckte vor gelegentlichen Besuchern einen unerbittlichen Willen und einen Hang zu religiöser und politischer Führerschaft, die eine ganz besondere Charaktereigenschaft bedeuteten.«(78)
Lassen wir die religiöse Komponente einstweilen noch beiseite; auf den Mahdismus kommen wir gleich noch einmal zurück; begnügen wir uns an dieser Stelle mit den äußeren Ereignissen. May teilt einige Einzelheiten über Mohammed Achmeds Leben mit: Für einige Zeit Steuerbeamter gewesen, hatte er sich gezwungen gesehen, sein Amt niederzulegen, und war Sklavenhändler geworden. (II 49) Ähnliches weiß der Lexikon-Artikel Mahdi in Meyers Jahressupplement V, 1884,(79) zu berichten, während Buchta sein Leben prosaischer schildert. Dies gilt ebenso für seinen weiteren Lebensweg; auch hier weiß May Vornehmeres zu berichten (III 444). Kosciuszko vermutet: May »erfindet eine Heiligenlegende, wie sie den einfachen Leuten vielleicht sogar in Wirklichkeit erzählt worden war. Aus der Vertreibung von Tamaniat wird so ein heiliger Streit, aus dem der Prophet an Macht und Würde gestärkt hervorgeht. Ein besonders gelungenes Kabinettstückchen fügt May dem hinzu: Die von ihm selbst inszenierte Begebenheit, die Fußsohlen
des Mahdi und ihre Bekanntschaft mit der ehrwürdigen Einrichtung der Bastonade betreffend (. . .) [II 336f.], läßt er nun als Legende von den im Dienste der heiligen Sendung wundgelaufenen Füßen des Mahdi im Volksmunde weitererzählen.«(80)
Die prosaischere Seite seines jungen Lebens war offenbar die historisch gesehen richtige. Mohammed Achmed wurde um 1843, wahrscheinlich im Jahr 1844 geboren. Der Vater war Bootsbauer, und auch Mohammed verdiente sich mit diesem Beruf zuerst sein Geld. Aber er fühlte sich zu Höherem berufen und wurde Schüler bedeutender islamischer Lehrer, darunter des Enkels des Gründers des Sammaniya-Derwischordens im Sudan. Weite Missionsreisen führten ihm schon früh eine große Anhängerschar zu. 1870 ließ er sich dann auf der Insel Aba im Weißen Nil nieder und richtete hier sein Hauptquartier ein. Mitte der siebziger Jahre bereiste er Kordofan und gehörte nun schon zu den bedeutendsten Führern des Ordens. Mit dem alten Lehrer gab es Streit (wie auch May erwähnt: III 444), aber Mohammed Achmed setzte seinen Weg nach oben unbeirrt fort.(81)
Ohne die zeitgenössischen Hintergründe von Zeitgenossen notiert zu kennen, ist der Aufstieg des Mahdi nicht zu verstehen:
Mohammed Achmed stammte aus dem alten Mittelpunkte christlicher Glaubenstreue, dem jetzt ebenso eifrig islamischen Dongola, dessen regsame Bewohner im ganzen Sudan als Sklaven- und Elfenbeinhändler verbreitet waren und mit den Europäern in ägyptischen Diensten auf dem schlechtesten Fuße standen. Der künftige Erneuerer der Religion zog längere Zeit als Derwisch im Lande umher, wobei er auf Grund der Lehren Mohammed ibn Abd el-Wachhabs die Unzufriedenheit schürte und Anhänger warb [letzterer gründete die Sekte der Wahabiten, um den Islam zu reformieren, zu reinigen und auf die erste Grundlage zurückzuführen; er starb 1787; seine Ideen liegen noch heute der saudiarabischen Staatsführung zugrunde. E. K.]; seine Klage, daß die Religion im Verfall und durch die Freundschaft der Mohammedaner mit den Christen gefährdet sei, fiel auf fruchtbaren Boden: hier wie in fast allen Glaubenskriegen war ja die Religion das allen verständliche Feldgeschrei für die tieferen nationalen und wirtschaftlichen Gegensätze. Nach Vollendung seiner Reisen zog sich Mohammed Achmed auf die Insel Aba im Weißen Nil zurück, wußte sich bald den Ruf eines Heiligen zu schaffen und machte seinen Zufluchtsort zum Mittelpunkt einer Verschwörung gegen die ägyptische Herrschaft. Lange ließ man ihn unbehelligt, um dann durch unkluge und ungenügende Maßregeln die glimmenden Funken zur hellen Flamme anzublasen.(82)
Ssali Ben Aqil, dem Kara Ben Nemsi das Leben gerettet hat, gerät auf der Suche nach dem Mahdi auf die Insel Aba. Ssali, mit einem ungewöhnlichen Scharfblicke begabt, durchschaute sehr bald das ganze innere Wesen des Mannes, welcher sich bisher den Fakir el Fukara genannt
hatte, nun den Titel eines Sahed, eines Entsagenden, führte, bald darauf sich als el Murabit, der Heilige, verehren ließ und ihm schließlich die stolze Mitteilung machte, daß er mit Allah in direktem Verkehre stehe und von ihm den Befehl bekommen habe, als der längst erwartete Mahdi den Erdkreis zu erobern und allen Gläubigen das Glück der wahren Erkenntnis zu bringen. Ssali hatte sich mit Schmerzen nach dem Mahdi gesehnt . . . Er erschrak, anstatt daß er sich freute, denn es graute ihm vor dem Manne, welcher sich vermaß, der Menschheit die Seligkeiten aller Paradiese zu bringen. Der sollte der Mahdi sein? Eine größere Lüge oder wenigstens Selbsttäuschung konnte es gar nicht geben. (III 537)
Mays Verhältnis zum Mahdi erscheint etwas zwiespältig. Einer früheren Analyse zufolge hat May ihn schlechter dargestellt, als den von ihm benutzten Quellen zu entnehmen sei.(83) Die weitere Entwicklung der Mahdi-Bewegung gibt aber Mays am Ende des dritten Bandes zum Ausdruck gebrachte, eindeutig negativen Beurteilung recht; in der Begegnung zwischen Kara Ben Nemsi und dem angehenden Mahdi wird letzterer allerdings noch längst nicht so schlecht dargestellt; Kara Ben Nemsi nimmt ihn zwar nicht ganz ernst, bringt ihm aber doch eine gewisse Achtung entgegen; ja, mitunter scheint auch etwas Sympathie durchzuschimmern, und trotz aller Feindschaftsbekundungen des Mahdi rettet er diesem das Leben. May wußte, daß die üblen Verhältnisse im Sudan, die Ausbeutung der Menschen, den Nährboden für die Mahdi-Bewegung gebildet hatten. Zwar konnte er, wie Kosciuszko(84) richtig bemerkt, dies in einer konservativen Zeitschrift wie dem Deutschen Hausschatz nicht so deutlich zeigen, aber der Mahdi, der gegen die Mißstände anging natürlich nicht der Mahdi, der die Sklavenjäger unterstützte mußte bei einem Autor, der sich immer wieder aufs neue der Unterdrückten annahm, durchaus Sympathien wecken.
Gerade während seiner Reise nach el-Obeid in Kordofan hatte Mohammed Achmed gesehen, wie feindselig und ausbeuterisch die ägyptischen Beamten gegen die Einheimischen vorgingen; manche hofften hier auf das Auftreten eines Gerechtigkeit bringenden Mahdi; die meisten waren empört über das Vordringen der Fremden der Europäer, der Christen. Und diese Haltung war nicht nur auf den Sudan beschränkt. Man kann die Mahdi-Bewegung nicht unabhängig von anderen Erhebungen in Nordafrika, die sich zur gleichen Zeit ereigneten, sehen: »Vom 18. Jahrhundert an und vor dem Masseneinbruch der Christen im mittelmeerischen Afrika hatte das Entstehen neuer Moslembruderschaften die Lebenskraft und gleichzeitig das Bedürfnis nach Eigenständigkeit des afrikanischen Islam unter Beweis gestellt.«(85) Von
Libyen aus bekehrte Mohammed Ibn Ali es-Senussi (1792 1869) die »gesamte Ostsahara bis nach Wadai und Kordofan zum intoleranten und extrem christenfeindlichen Senussismus (. . .) Sein ältester Sohn Scheich el-Mahdi führt das Werk des Vaters fort und stößt im Jahre 1883 in Wadai auf einen Konkurrenten in Gestalt eines anderen Mahdi, der wesentlich berühmter ist als er selbst.«(86) Die Eifersucht der von May übrigens mehrfach erwähnten (z. B. II 379) Senussi verhinderte zum gut Teil eine weitere Ausbreitung der sudanesischen Mahdisten in ihren Machtbereich. Zu den entstehenden Moslimbruderschaften gehörten auch der Sammaniya-Orden, aus dem der sudanesische Mahdi hervorging, und die nach Ermittlungen Unbescheids allem Anschein nach ebenfalls historische, ihm nahestehende heilige Kadirine, der May in seinem Roman so eine finstere Rolle zuschreibt. Regelrecht explosionsartig brach Anfang der 80er Jahre der angestaute Haß der Einheimischen gegen die Europäer, religiös, islamisch untermauert, hervor: ob im südlichen Oranais die Uled Sidi Schech, ob im Ahaggar die Tuareg, in Mali die Samorys oder in Kairo die Aufständischen unter Arabi Pascha überall gärte es und kam es zur Verfolgung der verhaßten Fremden. Nur selten scheint bei May der Anteil der Christen, der Europäer, an diesen Ereignissen auf: »Beobachte die Christen, was sie thun! Gleichen ihre Werke ihren Lehren? Geben sie nicht Lüge anstatt Wahrheit, Strafe statt Verzeihung, Falschheit anstatt Aufrichtigkeit und Krieg anstatt des Friedens?« (III 296) So mußte es den Ägyptern und Sudanesen trotz aller europäischer Bemühungen erscheinen.
In Ägypten versuchte eine internationale Kommission, die Finanzen des Staates allmählich zu sanieren. Erfolg war ihr am Ende nicht beschieden, da die fremdenfeindlichen Strömungen immer mehr erstarkten. 1881 kam es zu Militärrevolten, und der Khedive Tewfik sah sich gezwungen, eine neue Regierung einzusetzen, in der der fremdenfeindliche Kriegsminister Oberst Arabi Pascha den Ton angab. Als daraufhin eine englisch-französische Flotte vor Alexandria erschien, gab Tewfik den Europäern vollends nach und setzte Arabi Pascha ab; dies allerdings führte zur Zunahme der Spannungen, zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen und als die Engländer am 11. Juli 1882 die Stadt beschossen zu Massakern an den Christen in den Siedlungen der Europäer. Die vier Tage später erfolgte Besetzung der brennenden Stadt machte die Toten nicht mehr lebendig. Arabi Pascha seinerseits, dessen Revolte ausgesprochen volkstümlich war, sammelte seine Truppen in Unterägypten, wurde aber am 13. September bei Tell el-Kebir geschlagen und geriet wenig später in Kairo in Gefangenschaft. Er wurde zum Tode verurteilt, aber begnadigt und starb nach langer Verbannung in
Ceylon 1911 in Kairo. Nach seiner Niederlage kam die ägyptische Verwaltung endgültig unter britischen Einfluß.
Die Schwächung Ägyptens durch die Erhebung Arabi Paschas begünstigte den Mahdi. Eine Verbindung zwischen beiden vermutet auch May: Mohammed Achmed hatte davon gesprochen, daß der Mahdi sich mit einem höheren ägyptischen Offizier verbünden werde . . . Erst viel später, als der Aufstand im Sudan im Gange war, hörte ich, daß mit jenem Offiziere wohl Arabi Pascha gemeint gewesen sei, doch steht es sehr zu bezweifeln, daß er damals schon mit ihm in irgend einer Beziehung gestanden habe (II 140). Von direkten Verbindungen aber weiß May im Zusammenhang mit Ssali Ben Aqil zu berichten, den Arabi Pascha mit einem Schreiben zu dem späteren Mahdi sendet (III 536f.). Beziehungen zwischen Arabi Pascha und dem Mahdi sind nicht auszuschließen, die zeitgenössischen Quellen heben jedenfalls darauf ab.
». . . bald aber kommt die Zeit, und sie ist schon nahe, in welcher ich sprechen werde. Dann werden Millionen auf meine Stimme hören, und du wirst der erste sein, der vor mir im Staube kriecht«, erklärt Mohammed Achmed, an Kara Ben Nemsi gewandt (II 263). Die erste Prophezeiung erweist sich jedenfalls als richtig: 1881 begab sich Mohammed Achmed noch einmal nach Kordofan. Der Ruf, er sei der Mahdi, eilte ihm voraus. Im Juni sandte er dann von seiner Insel Aba aus ein Rundschreiben an die Notabeln des Sudan und teilte ihnen mit, er sei der erwartete Mahdi. Sein alter Widersacher und ehemaliger Lehrer, von dem er im Streit geschieden war, hatte die Regierung gewarnt (auch Kara Ben Nemsi überlegt, ob er die Regierung warnen solle); als der Mahdi einer Aufforderung, sich nach Khartum zu begeben, nicht nachkam, sandte man ein Truppenkontingent aus, aber dieses wurde von den Anhängern des Mahdi im Juli 1881 bis auf den letzten Mann niedergemacht. Nur mit Lanzen, Stöcken und Knüppeln bewaffnet, siegte in diesem Wunder die fanatisierte Streitmacht des Mahdi über eine mit Gewehren gut ausgerüstete Armee, und dieses Ereignis führte dem Mahdi zahlreiche weitere Anhänger zu, vor allem die Baggara, aber auch die ausgebeuteten, unterdrückten Einheimischen, die von Gessi aus dem Bahr el-Ghasal vertriebenen Danagla, und bald auf der anderen Seite viele südlichen Sudanesen, die hofften, von dem Sieg der Mahdisten bezüglich ihrer einträglichen Sklavenjagden profitieren zu können.
Im August 1881 erklärte der Mahdi den Heiligen Krieg gegen die fremden Unterdrücker, unter denen er nicht nur die Europäer, sondern auch die ägyptischen Vertreter des Osmanischen Reiches also auch Mohammedaner verstand. Er zog von Sieg zu Sieg; wir können die Er-
eignisse im einzelnen nicht nachzeichnen, aber es sei an das Gespräch zwischen Kara Ben Nemsi und dem künftigen Mahdi erinnert: letzterer behauptet nicht ganz zu Unrecht: »Wir sind unwiderstehlich, wenn wir uns im Kriege über eure Länder ergießen!« (II 106), aber der Deutsche weist ihm, was natürlich aus der Perspektive des späteren Erzählers leicht möglich ist, sehr klar seine Grenzen auf. Auf jeden Fall ließ jeder Sieg des Mahdis Macht zunächst größer werden und führte ihm weitere Anhänger zu. Noch ohne rechte Bewaffnung schlugen seine Truppen in vernichtenden Überraschungsattacken im Dezember 1881 den Mudir von Faschodah, Raschid Bey, und im Juni 1882 den Gouverneur von Kordofan, Jussef Pascha Schellali, mit seinen 6 000 Soldaten. Auf diese Weise zu Waffen und Proviant gekommen, erstürmten die Mahdisten dann unter schrecklichen Grausamkeiten die Städte und Festungen Kordofans. Die Zeit bis zur Aufgabe der Hauptstadt el-Obeid unter ihrem zähen Befehlshaber Mohammed Said Pascha im Januar 1883 nutzte der Mahdi, um sein Heer und Reich zu organisieren und zu festigen.
Am 12. September 1883 wurde Sir Evelyn Baring, der spätere Earl of Cromer, englischer Hochkommisssar für Ägypten. In der britischen Regierung sah man in der Erhebung des Mahdi eher einen Befreiungskampf; aus diesem Grunde und aus finanziellen Erwägungen hielt man sich mit größeren Unternehmungen zurück, doch legte Baring dem Khediven Tewfik nahe, ein Expeditionskorps gegen den Mahdi zu entsenden, um das Prestige des Vizekönigs zu erhöhen. Die Kampagne des 10 000 Mann starken Heeres unter dem englischen Obersten William Hicks war zunächst erfolgreich in Senaar schlug es die Baggara entscheidend, aber der Vormarsch durch die Wüsten von Kordofan erschöpfte die Truppe, und am 4. November 1883 wurden 9 500 Soldaten einschließlich Hicks Paschas bei Kaschgil von den Mahdisten niedergemacht. Daraufhin beschlossen die Briten, nur Khartum und Port Suakin am Roten Meer zu behalten und ansonsten den Sudan zu räumen. Im Dezember 1883 übergab Slatin Pascha Darfur und wurde gezwungenermaßen technischer Berater des Mahdi. Erst elf Jahre später gelang ihm die Flucht; entsprechend negativ sind seine Berichte über das Mahdi-Reich.(87) Frank Lupton Bey, der englische Nachfolger des Italieners Gessi, übergab Bahr el-Ghasal im April 1884 und konvertierte zum Islam, kam aber nach langer Gefangenschaft bei den Mahdisten ums Leben. Von Emir Paschas Flucht aus der Äquatorialprovinz nach Süden und seiner Ermordung durch arabische Sklavenjäger wurde bereits berichtet. Am 26. Mai 1884 eroberten die Mahdisten Berber; damit war auch der Fall Khartums vorprogrammiert.
Von all diesen Ereignissen teilt May nichts mit. Er erwähnt allerdings den Anführer der Monassir, welche später im Mahdikriege den Adjutanten Gordons, den Obersten Stewart, ermordeten und aus Strafe dafür dann von General Earle überfallen werden sollten. Die Monassir sind ritterlich gesinnte, kriegerische Leute, welche auch heute noch ihre Unabhängigkeit mit größter Eifersucht bewachen. Sie zeigen ihren Haß offen und ehrlich, und sind mir infolgedessen sympathischer als jene Stämme, welche sich kriechend unterwerfen und später hinter dem Rücken des Siegers Heimtücke üben. (I 518) Hier handelt es sich um ein historisches Ereignis: Im September 1884 überfielen Monassir bei Dar Djumna einen auf Grund gelaufenen Raddampfer auf ihm wollte Oberst Stewart nach Kairo fahren, um dort über die verzweifelte Lage Khartums zu berichten, eine Mission, die er nicht mehr erfüllen konnte. In der Schilderung der Monassir kommen Mays Sympathien für den Mahdi indirekt zum Ausdruck.
Und noch eine historische Gestalt aus den Mahdi-Kriegen erwähnt May: den Baggara-Scheich Amr el Makaschef, welcher als außerordentlich kriegerisch und gewaltthätig bezeichnet wurde. Damals spielte er seine Rolle noch innerhalb engerer Grenzen, später aber trat er aus denselben heraus. Er war ein Verwandter des Mahdi, und am 6. April 1882 sandte der Mudir von Sennaar an den Vicegouverneur eine Depesche, welche lautete: »Der Baqquara-Scheik Amr el Makaschef, ein Vetter des Mahdi, nähert sich mit mehreren tausend Baqquarakriegern meiner Stadt, um dieselbe für den Mahdi einzunehmen. Sende mir so schnell wie möglich Hilfe!« Dieser Mann war also jetzt mein Gefangener. (II 430f.) Der Vize-Gouverneur war übrigens der Deutsche Giegler Pascha, dessen Truppen die Stadt Sennar retteten der Scheik wurde dabei verwundet, aber im Sommer 1885 siegten dann doch auch hier die Mahdisten.(88)
Zu dieser Zeit war Khartum schon gefallen. Auch Gordon Pascha, der als Mann der Stunde galt, konnte das nicht verhindern. Sein Auftrag bestand darin, Khartum und den Sudan von englischen Truppen zu räumen. Gordon, der den Mahdi offenbar unterschätzte, ging widersprüchlich vor und fand sich nach einigen erfolgreichen Ausfällen ab Herbst 1884, als der Mahdi mit dem Hauptheer persönlich eintraf, in Khartum eingeschlossen. Halbherzig sandte die englische Regierung ein Hilfskorps, das zwei Tage zu spät eintraf. Am 26. Januar 1885 erstürmten die Mahdisten Khartum; an die 4 000 Angloägypter wurden massakriert, auch Gordon war unter den Toten; das abgeschnittene Haupt wurde dem Mahdi gebracht, dem allerdings eine lebendige Geisel Gordon sicher mehr wert gewesen wäre. »Der Kopf wurde ausge-
stellt, der Körper im Hof des Palastes von den Lanzenstichen der Vorübergehenden durchlöchert. Die Stadt Khartum verfiel der Verwüstung anheim. Die Frauen, die sich die Haare abgeschnitten und als Männer verkleidet hatten, um
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