... Es war mir so trüb und traurig zu Mute, und ich fühlte eine solche Leere in mir, als sei mit dem Freunde ein Teil meines eigenen Wesens von mir gewichen. (195)(2) ... Wer doch mit der Sonne ziehen könnte! Wer ihr doch folgen könnte weit, weit fort zum Westen, wo ihre Strahlen noch voll und warm die Heimat beleuchteten! Hier auf der einsamen Höhe streckte das Heimweh seine Hand nach mir aus, das Heimweh, dem in der Fremde kein Mensch entrinnen kann, in dessen Brust ein fühlendes Herz schlägt. (196)
Ist das Karl May?
Die Eindrücke der Jugend sind niemals gänzlich zu verwischen, und die Erinnerung kann wohl schlafen, aber nicht sterben. Sie erwacht, wenn wir es am allerwenigsten denken, und bringt jene Sehnsucht über uns, an deren Weh das Gemüt so schwer erkranken kann. (196)
Ist das Karl May, der Tatenfrohe, der Sonnenschein in die Herzen der Leser tragen will?
Ich hatte mir den jetzigen Ritt ganz anders gedacht. Das ganze Arrangement war ein verkehrtes. Vielleicht war ich selbst mit schuld daran, aber es war mir jetzt schwer geworden, eine Ansicht gehörig durchzusprechen. ... Ich fühlte mich körperlich sehr müde und geistig niedergeschlagen, ohne daß ich für dieses Accablement eine Ursache hätte angeben können. (299-300)
Ist das Karl Mays Ich-Erzähler, der Unverwüstliche?
Ich war matt; ich hatte das Gefühl, als ob meine Knochen marklos und hohl geworden wären, ... ich merkte, daß meine Willenskraft langsam schwand und ich gleichgültig gegen Dinge ward, die sonst meine ganze Thatkraft herausgefordert hätten. (310) ... Mir brannte der Kopf; ... Es war mir, als ob ich allmählich tiefer und immer tiefer sinke, in einen nebligen und dann immer schwärzer werdenden Schlund hinab. Da gab es keinen Halt, kein Ende, keinen Boden, die Tiefe war unendlich - (329)
Ist das Karl May? In der Person Old Shatterhands, des Weltenbezwingers, der keine Widerstände kennt? Oder Kara Ben Nemsis, dem das Glück und die Frauen hold sind und dessen Überlegenheit Ehrfurcht gebietet?
Ja - er ist es. Dieser Ich-Erzähler, von Elegie und Schwermut geschüttelt, von Depression, Krankheit und Hilflosigkeit übermannt, ist derselbe Kara Ben Nemsi, der uns sonst so lebensfroh, so voller Wissen und Energie, so unerschrocken, sieghaft und befehlsgewohnt entgegentritt. Derselbe - und doch ein anderer. Ein anderer - und doch derselbe.
Es ist der Kara Ben Nemsi, der, von Unruhe und bösen Ahnungen geplagt, von den starren Höhen Kurdistans abwärts schreitet, im Schatten der Todes-Karavane, fernab vom Schatten des Großherrn. Der das Unheil nicht aufhalten kann. Der an sich selber erkrankt und verstört die Ermordung der Seele miterleben muß. Den die Pest befällt. Und den nur das Wunder rettet. Das Wunder, das ebenfalls Karl May heißt. Das von Gott gesandte Wunder Karl May.
2
»"Die Todes-Karavane" ist Karl Mays düsterste Reise-Erzählung«, sagt Claus Roxin.; »Es ist«, fährt er fort, »eine Geschichte von Einsamkeit und Tod ... Das ... hat weite psychologische und biographische Perspektiven und würde eine umfassende Analyse verdienen -«
Die Analyse soll hier ansatzweise versucht werden. Gewiß nicht umfassend (welche Karl-May-Erzählung kann wohl in all ihren Tiefen und Verästelungen restlos ausgeleuchtet werden?) - nur so weit, um das in dieser düsteren Erzählung eingeschlossene wichtigste Anliegen des Autors zu erklären. Diese Geschichte, in der der Erzähler das Zutrauen zu sich selber verliert, an sich selber erkrankt und fast stirbt und nur durch ein Gnadenwunder dem Verderben entgeht, ist Karl Mays furchtgeschüttelte Auseinandersetzung mit der düstersten Zeit seiner Vergangenheit: der inneren Leere, der er als Straftäter anheimfiel, und seinem Weg in das Zuchthaus Waldheim.
3
Die Erzählung entstand 1882(3) und schließt unmittelbar an die "Reise-Abenteuer in Kurdistan" an, die in der Buchausgabe "Durchs wilde Kurdistan" heißen.(4) Kara Ben Nemsi hat in Amadijah den dort widerrechtlich gefangen gehaltenen Amad el Ghandur, Sohn des Scheiks Mohammed Emin vom Stamme der Haddedihn, befreit und muß aus Sicherheitsgründen einen längeren Umweg einschlagen, um den Befreiten in die Heimat zurückzubringen. Nach einer beglückenden Zusammenkunft mit der ebenso geheimnisvollen wie mit seltsamer Macht ausgestatteten Marah Durimeh, einer alten Kurdenfürstin, die verfein-
deten [verfeindeten] Stämmen Frieden beschert und mit der Kara Ben Nemsi sich innerlich verbunden fühlt, führt der Erzähler seine Gefährten auf gefahrvollen Wegen in Richtung Tigris. Und das eben noch hoch aufragende, schier allumfassende Glück verläßt ihn.
Kara Ben Nemsi vertraut dem Angebot eines Kurden-Anführers namens Heider Mirlam, ihn und die Gefährten Mohammed Emin, Amad el Ghandur, Hadschi Halef Omar und den Engländer Sir David Lindsay mehrere Tage lang sicher durch schwieriges Gelände und vorbei an räuberischen Horden zu begleiten - und muß dieses Vertrauen bitter büßen. Wohl ist Heider Mirlam ehrlich gegenüber seinen Gästen, aber er wird zum Dieb und Betrüger an den Bebbeh-Kurden, und diese sehen in Kara Ben Nemsi und seinen Freunden nunmehr Mitschuldige und Feinde. In mehreren bösen, immer neu aufflammenden Kämpfen mit den Bebbeh können nur Kara Ben Nemsis herrisches Auftreten und Halefs Unerschrockenheit das Leben der Gefährten retten. Von einem halbverwilderten Köhler namens Allo wird die Reisegruppe geschickt aus der Gefahrenzone gebracht - aber den rachsüchtigen Bebbeh gelingt es, den Trupp wieder aufzuspüren und ihn zu überfallen. Kara Ben Nemsis Rapphengst Rih, am Kopf getroffen von einem Kolbenschlag, rast mit seinem Reiter davon und kann nur mühsam zur Ruhe finden. Halef, Allo und der Engländer entrinnen dem Überfall unversehrt; die beiden Haddedihn geraten in Gefangenschaft und müssen von Kara Ben Nemsi in einer waghalsigen Aktion befreit werden. Über das Schicksal des als Geisel mitgenommenen Scheiks der Bebbeh-Kurden geraten die Gefährten in Streit. Mohammed Emin wirft Kara Ben Nemsi vor, seit dem Aufenthalt bei Heider Mirlam nur Fehler begangen zu haben, den Reisetrupp selbstherrlich zu führen und undankbar und des Rappen Rih nicht würdig zu sein. Tief betroffen und im Innersten verwundet, gibt Kara Ben Nemsi den Hengst zurück und übergibt die Funktion des Anführers an den alten Mohammed Emin, der dieser jedoch ebensowenig gerecht zu werden vermag, wie Amad el Ghandur den Rappen zu reiten versteht. Mohammed Emin, von Schuldgefühlen geplagt, begeht einen viel schlimmeren Fehler als jene, die er Kara Ben Nemsi zur Last gelegt hat: Er läßt den Bebbeh-Scheik zu einem Zeitpunkt frei, als die Sicherheit des Trupps absolut noch nicht gewährleistet ist. - Nach einem kurzen idyllischen Zwischenaufenthalt bei einem gastfreundlichen Gutsverwalter gerät der Reisetrupp ins Verhängnis: Er und die ihn verfolgenden Bebbeh stoßen beim Lager eines persischen Prinzen aufeinander; ein schrecklicher Kampf entbrennt. Mohammed Emin wird erschossen - ebenso wie der Scheik der Bebbeh. Kara Ben Nemsi, Halef, Lindsay und der Rappe Rih werden verwundet.
Der Tod des alten Freundes Mohammed Emin und die Beisetzung der Leiche in einem Felsengrab machen Kara Ben Nemsi niederge-
schlagen [niedergeschlagen] und gedrückt. Amad el Ghandur, von Rachedurst gegen die Bebbeh erfüllt und Vernunftgründen nicht zugänglich, entfernt sich heimlich; er bedient sich des Köhlers Allo und eines in der Nähe einsam hausenden Soran-Kurden als Führer. Rih bleibt bei Kara Ben Nemsi zurück.
Der Perser hat seine Retter gastlich aufgenommen und bittet Kara Ben Nemsi, von nun an bis Bagdad die Führung zu übernehmen. Das Zusammentreffen mit dieser persischen Karawane macht die Lage der Gefährten aber keineswegs sicherer als vorher. Prinz Hassan Ardschir ist ein politischer Flüchtling und wegen einer Blutschuld geflohen. Erst dank Kara Ben Nemsi erkennt er, daß er das Opfer einer hinterhältigen Intrige wurde und in einem seiner Diener, dem stummen Saduk, den Verräter in nächster Nähe beherbergt. Kara Ben Nemsi macht Saduk unschädlich und entdeckt, daß die Verfolger von Persien her dem Prinzen auf den Fersen sind. In Begleitung des Engländers kann Kara Ben Nemsi, während Halef das Lager bewacht, sich noch einmal kurz als Meister in der Abwehr böser Kräfte zeigen, indem er falsche Spuren legt. Es gelingt, die Verfolger des Persers irre zu leiten, aber Saduk entkommt.
Hassan Ardschir-Mirza will sich jenseits von Bagdad der Karawane anschließen, die unter Mitführung der Leichen schiitischer Gläubiger zum Pilgerfest in die heilige Stadt Kerbela ziehen. Es lockt Kara Ben Nemsi, dieser für Christen verbotenen Stadt einen Besuch abzustatten, wie vordem Mekka, doch kann der Perser das nicht zugeben. In Bagdad kann Kara Ben Nemsi zwar seinen äußeren Menschen neu einkleiden, aber Ruhe und Erholung sind ihm nur für wenige Stunden beschieden. Er gerät mit dem von Hassan Ardschir-Mirza als Wächter über das gerettete Vermögen des Prinzen nach Bagdad vorausgesandten Selim Agha aneinander - und entdeckt in diesem scheinbar loyalen Gefolgsmann des Flüchtlings nicht nur einen anmaßenden Frechling, sondern auch einen Schurken und Verräter, der mit den Verfolgern des Prinzen gemeinsame Sache macht. Von dumpfen Ahnungen geplagt, aber seltsam energielos, sucht Kara Ben Nemsi den Perser vor Selim Agha zu warnen - aber vergebens: Ehe Kara Ben Nemsi den Agha beweiskräftig entlarven kann, muß er noch eine Niederlage wegen einer Unvorsichtigkeit hinnehmen. Der Prinz, seine Frau Dschanah (»die Seele«) und seine Schwester, aber auch Saduk werden Opfer grausamer Morde. Und Kara Ben Nemsi findet sich in den Krallen der Pest.
Durch widrige Umstände von dem Engländer getrennt, verdankt er seine Errettung vor fast sicherem Tode nur Halefs heldenmütigem Verhalten und dem Eingreifen des treuen Rappen Rih in einem Moment, da Wüstenräuber den völlig Entkräfteten ermorden wollen.
4
Abstieg des Helden von erwünschter Höhe ins Tal der Finsternis - auf dem Wege zur Wiedergeburt. Kraftloser, haltloser Karl May zwischen Osterstein und Waldheim. Nur auf eins durfte er damals noch schwache - und beinahe aussichtslose - Hoffnung setzen: auf immer noch unverschüttete, obschon schwer zugänglich gewordene Hilfsquellen im eigenen kleinen Ich. Auf den Halef Omar in sich, der noch im Rachen eines Krokodiles weder verstummen noch verzagen würde.
Und Halef ist es, der in dieser Erzählung von Tod und Verhängnis und Pest vom Autor Karl May mit besonderer Liebe und Sorgfalt als der Zuverlässige herausgestellt wird: Halef, nicht Kara Ben Nemsi, entdeckt den heimlichen Lauscher im Busch (13); er wird von Kara Ben Nemsi ausdrücklich wegen seiner Umsicht gelobt (97); Halefs Treue und Anhänglichkeit trösten über das ungerechte Verhalten Mohammed Emins und sein Zurücknehmen des Rappen Rih hinweg (153-154); Halef wehrt die Hiebe ab, die Kara Ben Nemsi tödlich treffen sollen (169); er beweist trotz eigener Verwundung Umsicht nach dem Überfall (175) und darf die eigentlich für Kara Ben Nemsi bestimmten süßen Speisen verzehren (199); er erhält von Kara Ben Nemsi einen Vertrauensposten zugewiesen (»denn auf dich kann ich mich am besten verlassen«, 222) und wird dem Perser als mustergültig empfohlen (»ziehe meinen Hadschi Halef Omar zu Rate, ... Er ist ein treuer, kluger und erfahrener Mann, auf den man hören darf«, 231). Halef rettet Kara Ben Nemsi vor dem Bebbeh-Scheik Gasahl Gaboya (169) und vor dem Tode durch die Pest. Und in Bagdad gelingt Halef das Beschleichen und Belauschen der Feinde fehlerfrei (292-293), während Kara Ben Nemsi sich dort überrumpeln läßt und bekennen muß: »Ich bin unvorsichtig gewesen.« (295) Selbsterkenntnis als unerläßliche Stufe auf dem Wege zum Neubeginn.
5
Wie hat Karl May viele Jahre später, in "Mein Leben und Streben" (1910), als er sich anschickte, Rechenschaft zu geben, die Zeit zwischen dem Herbst 1868 und den ersten Monaten des Jahres 1870 geschildert?
Ich wurde begnadigt. Die Direktion hatte für mich ein Gnadengesuch eingereicht, auf welches ich ein volles Jahr meiner Strafzeit erlassen bekam. (LuS 153)(5) ... Am meisten freute ich mich auf Großmutter. Wie mußte sie sich gegrämt und gehärmt haben. Und wie gern würde sie mir ihre alte, liebe, treue Hand entgegenstrecken. Wie entzückt würde sie über meine Pläne sein! Wie sehr würde sie mir helfen, sie auszudenken und so tief wie möglich auszuschöpfen! (ebd.) ... Ich wollte nur von
Großmutter wissen, jetzt weiter nichts, und man erzählte mir. Sie hatte sehr viel von mir gesprochen, aber niemals ein Wort, welches mich hätte kränken müssen, wenn ich dabeigewesen wäre. Und sie hatte nie geklagt oder gar geweint. Sie hatte gesagt, nun wisse sie, daß ich eine jener Seelen sei, die bei ihrer Geburt zur falschen Stelle geschleudert werden, um dort vernichtet zu werden. Nun sei sie überzeugt, daß ich durch die Geisterschmiede müsse, um alle irdischen Qualen über mich ergehen zu lassen. Aber sie wisse, ich werde nicht schreien, ich werde tragen was zu tragen ist, und mir den Weg nach Dschinistan erzwingen. Je näher sie dem Tode kam, desto ausschließlicher lebte sie nur noch ihrer Märchenwelt und desto ausschließlicher sprach sie nur noch von mir. (LuS 155-156) ... Es tauchten Vorwürfe in mir auf, aber keine Vorwürfe, die nur Gedanken sind, wie bei andern Leuten, die nicht von derselben Veranlagung sind wie ich, sondern Vorwürfe viel wesentlicherer, viel kompakterer Art. Ich sah sie in mir kommen, und ich hörte, was sie sagten, jedes Wort, ja wirklich, jedes Wort! Das waren nicht Gedanken, sondern Gestalten, wirkliche Wesen, die nicht die geringste Identität mit mir zu besitzen schienen und doch identisch waren. Welch ein Rätsel! Aber welch ein ungewöhnliches, furchtbar beängstigendes Rätsel! Sie glichen jenen in mir schreienden, dunkeln Gestalten von früher her, mit denen ich --- mein Gott, kaum hatte ich an sie gedacht, so waren sie wieder da, ganz so, wie ich damals gezwungen gewesen war, sie in meinem Innern zu sehen und zu hören. Ich vernahm ihre Stimmen so deutlich, als ob sie vor mir stünden und an Stelle der Eltern und Geschwister mit mir sprächen. Und sie blieben. Sie gingen, als ich mich niederlegte, mit mir schlafen. Aber sie schliefen nicht und ließen auch mich nicht schlafen. Es begann das frühere Elend, die frühere Marter, der frühere Kampf mit unbegreiflichen Mächten, die umso gefährlicher waren, als ich absolut nicht entdecken konnte, ob sie Teile von mir seien oder nicht. Sie schienen es zu sein, denn sie kannten einen jeden meiner Gedanken, noch ehe er mir selbst zum Bewußtsein kam. Und doch konnten sie ganz unmöglich zu mir gehören, weil das, was sie wollten, fast stets das Gegenteil von meinem Willen war. Ich hatte mit meiner Vergangenheit abgeschlossen. Der vor mir liegende Teil meines Lebens sollte ein ganz anderer sein als der, welcher hinter mir lag. Diese Stimmen aber waren bemüht, mich mit aller Gewalt in die Vergangenheit zurückzuzerren. Sie verlangten wie früher, daß ich mich rächen solle. Nun erst recht mich rächen, für die im Gefängnis verlorene, köstliche Zeit! Sie wurden von Tag zu Tag lauter; ich aber stemmte mich gegen sie; ich tat, als ob ich nichts, gar nichts höre. Das war aber selbst bei der größten Kraftaufwendung nicht länger als höchstens nur einige Tage lang auszuhalten. Indessen besuchte ich einige Verleger, um mit ihnen über die Herausgabe der im Gefängnisse geschriebenen Manuskripte zu verhandeln. Hierbei stellte es sich heraus, daß während dieser meiner Abwesenheit die inneren Stimmen umso mehr ver-
stummten [verstummten], je weiter ich mich von der Heimat entfernte, und wieder umso deutlicher wurden, je mehr ich mich ihr wieder näherte. Es war, als ob diese finstern Gestalten dort seßhaft seien und nur dann über mich herfallen könnten, wenn ich die Unvorsichtigkeit beging, mich dort einzufinden. (LuS 156-158) ... Dafür aber stellte sich ein ganz ungewöhnlicher Drang in mir ein, nach der Heimat zurückzukehren. Es war kein gesunder, sondern ein kranker Trieb; das fühlte ich gar wohl, aber er wurde so stark, daß ich die Widerstandskraft verlor und ihm gehorchte. Ich kehrte heim, und kaum war ich dort, so stürzte sich Alles, was ich beseitigt glaubte, wieder auf mich. Die Anfechtungen begannen von Neuem. Ich vernahm unausgesetzt den inneren Befehl, an der menschlichen Gesellschaft Rache zu nehmen, und zwar dadurch Rache, daß ich mich an ihren Gesetzen vergriff. Ich fühlte, daß ich, falls ich diesem Befehle Gehorsam leiste, ein höchst gefährlicher Mensch sein werde, und nahm alle mir gegebene Kraft zusammen, gegen dieses entsetzliche Schicksal anzukämpfen. (LuS 158) ... Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, Großmutter meine Arbeitspläne vorzulegen; nun war sie tot. Ich sprach hierüber also mit den Eltern und Geschwistern. Vater hatte jetzt Anderes zu denken. Er war in einer Art sozialer Mauserung begriffen und darum für mich nicht zu haben, zumal er des Abends nie daheim blieb. Auch die Schwestern hatten andere Interessen. Mein ganzer Gedankenkreis war ihnen fremd. So blieb mir nur die Mutter. (LuS 160) ... Sie hörte mir ruhig zu. ... Aber auch sie verstand mich nicht. ... Ich ... fühlte mich einsam, einsam wie immer. Denn auch im ganzen Orte gab es keinen einzigen Menschen, der mich hätte verstehen wollen oder gar verstehen können. Und diese Einsamkeit war mir, grad mir, dem innerlich so schwer Angefochtenen, im höchsten Grade gefährlich. Nichts war mir nötiger als verständnisvolle Geselligkeit. Aber ich stand, wenn auch nicht äußerlich, so doch innerlich stets allein und war also den Gestalten, die mich bezwingen wollten, fast unausgesetzt und schutzlos preisgegeben. (LuS 160-161)
Die Stimmen schrieen mir zu: »Wehre dich, wie du willst, wir geben dich nicht los! Du gehörst zu uns! Wir zwingen dich, dich zu rächen! Du bist vor der Welt ein Schurke und mußt ein Schurke bleiben, wenn du Ruhe haben willst!« So klang es bei Nacht. Wenn ich am Tage arbeiten wollte, brachte ich nichts fertig. Ich konnte nicht essen. Mutter hatte es auch dem Vater gesagt (Anm. des Verf.: daß Karl May in den Verdacht geraten war, neuerlich strafbare Handlungen, unter anderem einen Einbruch, in unmittelbarer Nähe begangen zu haben). Beide baten mich, mir die Sache nicht zu Herzen zu nehmen. Sie konnten für mich eintreten. Sie wußten ja genau, daß ich in den betreffenden Zeiten nicht aus dem Haus gekommen war. ... Aber ... die heimatliche Polizei wollte mir nicht wohl ... und ... glaubte ... Veranlassung zu haben, sich mit mir zu beschäftigen. Es kamen einige neue Schelmenstreiche
vor, deren Täter ganz unbedingt mit einer gewissen Intelligenz behaftet waren. Man glaubte, dies auf mich deuten zu müssen. (LuS 162) ... Ich lief im Wald herum und kam spät abends todmüd heim und legte mich nieder, ohne gegessen zu haben. Trotz der Müdigkeit fand ich keinen Schlaf. Zehn, fünfzig, ja hundert Stimmen verhöhnten mich in meinem Innern mit unaufhörlichem Gelächter. Ich sprang vom Lager auf und rannte wieder fort, in die Nacht hinein; wohin, wohin, das beachtete ich gar nicht. Es kam mir vor, als ob die innern Gestalten aus mir herausgetreten seien und neben mir herliefen. ... Das verfolgte mich hin und her; das jagte mich auf und ab. Das schrie und jubelte und höhnte, daß mir die Ohren gellten. (LuS 163) ... Ich war allein und griff mir mit beiden Händen nach dem Kopfe. Ich fühlte da ganz deutlich die dicke Lehm- und Häckselschicht. Dieser Mensch, der da stand, war doch nicht etwa ich? An den die eigene Mutter nicht mehr glaubte? Wer war der Kerl, der in seiner schmutzigen, verknitterten Kleidung aussah, wie ein Vagabund? Hinaus mit ihm, hinaus! Fort, fort! (LuS 167)
Ich habe noch so viel Verstand gehabt, den Kleiderschrank zu öffnen und einen andern, saubern Anzug anzulegen. Dann bin ich fortgegangen. Wohin? Die Erinnerung läßt mich im Stich. Ich war wieder krank wie damals. Nicht geistig, sondern seelisch krank. Die inneren Gestalten und Stimmen beherrschten mich vollständig. ... Einzelne Bilder sind mir geblieben, doch so undeutlich, daß ich nicht behaupten kann, was wahr daran ist und was nicht. Ich habe in jener Zeit jenen dunkeln Gestalten gehorcht, welche in mir wohnten und mich beherrschten. Was ich getan habe, erscheint jedem Unbefangenen unglaublich. (LuS 167)(6) ... Für jetzt ist nur dasselbe wie früher zu erwähnen, nämlich, daß ich seelisch umso freier wurde, je weiter ich mich von der Heimat entfernte, daß mich draußen in der Ferne ein unwiderstehlicher Trieb zur Heimkehr packte und daß ich innerlich wieder umso unfreier wurde, je mehr ich mich der Gegend meines Geburtsortes näherte. Gibt es Jemand, der das zu ergründen vermag? Ich folgte teils jenem unbegreiflichen Zwange, teils kehrte ich freiwillig zurück, und zwar um meiner guten Pläne und um meiner Zukunft willen. Hatte ich gesündigt, so hatte ich zu büßen; Das verstand sich ganz von selbst. Und bevor diese Buße nicht erledigt war, konnte es für mich keine ersprießliche Arbeit und keine Zukunft geben. Ich kehrte also nach fünf Monaten wieder heim, um mich dem Gericht zu stellen, tat dies aber leider nicht stracks, wie es richtig gewesen wäre, sondern verfiel jenen inneren Gewalten, die sich wieder einstellten und mich verhinderten, zu tun, was ich mir vorgenommen hatte. Die Folge davon war, daß ich, anstatt mich freiwillig zu stellen, ergriffen wurde. Das verschärfte meine Lage derart, daß ich die Strenge des Richters, der mein Urteil fällte, vollständig begreife. Umso weniger aber ist der Rechtsanwalt zu begreifen, der mir von Gerichts wegen als Verteidiger gestellt wurde. Er hat mich nicht verteidigt, sondern belastet, und
zwar in der schlimmsten Weise. Er bildete sich ein, bei dieser billigen Gelegenheit Kriminalpsychologie treiben zu können oder treiben zu sollen, und doch fehlte ihm dazu nicht mehr als Alles ... Ich hätte gar wohl leugnen können, gab aber Alles, dessen man mich beschuldigte, glattweg zu. Das tat ich, um die Sache um jeden Preis los zu werden und so wenig wie möglich Zeitverlust zu erleiden. Dieser Advokat war unfähig, mich oder überhaupt ein nicht ganz alltägliches Seelenleben zu begreifen. (LuS 168-169)
Das Urteil lautete auf 4 Jahre Zuchthaus und zwei Jahre Polizeiaufsicht. ... Nicht mich bedaure ich, sondern meine armen, braven Eltern und Geschwister, welch erstere mir noch im Grabe leid tun, daß ihr Sohn, auf den sie so große, vielleicht nicht ganz unberechtigte Hoffnungen setzten, durch die unendliche Grausamkeit der Tatsachen und Verhältnisse gezwungen ist, derartige Geständnisse zu machen. (LuS 169)
6
Beredt und anschaulich das alles, wenngleich er die einzelnen strafbaren Handlungen nicht nennt, übergeht, pauschal abtut. Die Beschreibung des inneren Zustandes, der ihn heimsuchte, ist das Entscheidende. Der innere Zustand mit all den tosenden Konflikten, die damit einhergehen: die Einstellung zum Elternhaus, zu wohlwollenden Menschen, zur feindlichen Realität, zum Leben als Ganzes. Die völlige Vereinsamung der Seele und das Versiegen des Kraftquells. Und eben diesen Zustand und die Vereinsamung hat Karl May rund 30 Jahre vorher, in "Die Todes-Karavane", schon einmal zum Sujet erhoben.
7
Im Bemühen, uns dies zu verdeutlichen und es etwas näher zu belegen, müssen wir uns nochmals einige grundlegende Erkenntnisse vor Augen halten, die durch frühere Untersuchungen immer neu bestätigt wurden und deren Eigenart das Gesamtwerk der Reiseerzählungen markant und bestimmend durchzieht:
Das Schreiben in der Ich-Form ist für Karl May Befreiung von drückenden Schatten der Vergangenheit. Die Niederschrift der ersten Teile der großen Orienterzählung "Giölgeda padishanün"(7) vollzieht sich unter äußerlich nicht ungünstigen Bedingungen, mag auch das Einkommen vorerst mager sein: Die Eheschließung mit Emma Pollmer, nach vielen Kämpfen, Zweifeln und Rückschlägen endlich vollzogen(8), hat einen gewissen Ruhepunkt gesetzt; May hat ein Heim, ein eigenes Hauswesen, ein Ziel. Der Weg zu diesem Ziel fordert als Tribut die
Loslösung von dem Odium, ein Vorbestrafter zu sein - noch dazu ein Mensch, der sich selbst nicht trauen konnte. Dieses Bemühen um Selbstreinigung wird integraler Bestandteil der Erzählung, ja, wird deren Motor. Mit der Niederschrift der großen Orienterzählung, ab 1880, glaubt Karl May - das heißt: vermeint die auf Schuldbewältigung gerichtete Motorik seiner Seele, sein unterhalb der Bewußtseinsebene untrüglich arbeitendes Steuerungssystem -, alles von früher noch Lastende innerlich abbauen zu können und so frei zu werden für große Aufgaben. Mit dieser Erzählung hat Karl May aber auch die Form gefunden, die ihn weit hinaushebt über andere Reise- und Abenteuer-Schriftsteller; sie verleiht ihm das fortan Unverwechselbare. Das Schreiben dient nicht nur dem Lebensunterhalt, sondern wird gerade jetzt, da Karl May sein Ich in mehrfacher Spielart in den Vordergrund treten läßt, zur Therapie, die dem einstigen Zuchthäusler Genesung verheißt.
Dabei aber kann der Autor natürlich nur die aus seinem wachen Bewußtsein mit Phantasie geborene, oberschichtige Erzählhandlung in deren folgerichtigem Verlauf "wissend" zurechtzimmern, nicht aber das kontrollieren, was sich währenddessen in seinem Inneren wirklich abspielt; er kann also nicht mit sorgfältiger Intention jeweils säuberlich immer nur ein bestimmtes Ereignis oder eine genau zusammenhängende Ereignisfolge abhandeln und eine zum Beispiel auf 1864 datierbare Begebenheit scharf isolieren von Begebenheiten der Jahre 1869 oder 1870. In seinem Inneren mischen sich die Bilder fast ständig, wirbeln durcheinander, steigen hoch, sinken wieder ab, gewinnen unterschiedliche Intensität. So wird die innere »Abfuhr« (Hans Wollschläger)(9) der Delikte, die May ins Gefängnis Osterstein (Zwickau) führten(10), sich mischen mit Erinnerungen an die Affäre Stollberg(11), an schmerzhafte Erfahrungen aus seiner Zeit als Lehrer(12), wird bei der literarischen Umsetzung des waghalsigen Entweichens aus der Haft Ende Juli 1869(13) auch die Bekanntschaft mit Christian Gotthilf Pollmer durchscheinen(14), wird die Auseinandersetzung mit der Haftzeit im Zuchthaus Waldheim(15) auch Erinnerungen an die erst danach einsetzende Redakteurzeit bei Heinrich Münchmeyer(16) nicht ausschließen, usw. usw. Zur Zeit der Niederschrift der ersten Teile der großen Orienterzählung ist die Redakteurzeit bereits Vergangenheit in sich, eine Tätigkeit aber, die für May immerhin zum Sprungbrett wurde und ihm unschätzbare Möglichkeiten bot, alles Handwerkliche von der Pike auf zu erlernen und zu meistern. Karl May ist Anfang der achtziger Jahre also zunächst eher geneigt, die positiven Wesenszüge des Verlegers Münchmeyer ins Licht zu rücken, als das "Sumpfartige" des Schundverlages hervorzuheben. Aber mittendrin in der Entstehung der großen Odyssee zwischen Tunis und Skutari(17) begegnet der Schriftsteller Karl May ein zweites Mal dem Verleger Münchmeyer, dem es beschieden ist, vom Stern zum
Unstern zu werden; die folgenreiche Episode der Kolportage-Fron von "Waldröschen" bis "Wurz'nsepp" setzt ein(18); Münchmeyer und Emma scharmieren ungeniert miteinander; Mays ziehen um von Hohenstein nach Dresden -: und im Schlußteil der "Reise-Erinnerungen aus dem Türkenreiche" (so der Untertitel der Gesamterzählung) ragt der Schatten des Münchmeyer-Verlages wieder drohend auf und fordert zum Kampf heraus.(19) Und immer wieder wird Emma in vielerlei Gestalt auf den Plan treten, weil der Schriftsteller Karl May jede Nuance, jede Schattierung dieser seiner schicksalhaften, von Leidenschaft und Seelenqual gleichermaßen diktierten Beziehung zur »Frau aus der Heimat« festhält, festhalten muß, um Stabilität zu gewinnen. Die Bewältigung der Vergangenheit ist ja auch Voraussetzung für den Bestand seiner Ehe - denn Emma ist über das ganze "schändliche Vorleben" informiert, kann gegebenenfalls Karl damit unter Druck setzen, so wie Münchmeyer, der sein Wissen um Mays Vorstrafen im Bedarfsfalle unangenehm ausspielen könnte.
Immer also sind die Lasten der Vergangenheit wie auch die Lasten, die beim Zeitpunkt der Niederschrift des jeweils abgehandelten Teils der Gesamterzählung das Alltags- und das Seelenleben des Autors bedrücken, in den Manuskriptseiten lebendig und vermengen sich und durchdringen sich gegenseitig. Immer aber sind auch jedem Interpreten der inneren Vorgänge Grenzen gesetzt: Die auswuchernde Vielfalt aller Details und Assoziationen, die in jeder Szene stecken, wird sich kaum jemals restlos erschließen. Und unwillkürlich legen wir bei den Ausdeutungen die Elle an bei den sich aufdrängenden Parallelen zu den in der Tat bekannt gewordenen Geschehnissen im Leben des Autors Karl May. Dadurch bleibt das Bild, so vielfarbig es auch werde, in sich unvollendet. Vieles, sehr vieles, was sich im Alltagsleben Mays vollzog, was sich während der Straftäterzeit, während der Haftzeiten, im Verlaufe seiner ersten Ehe ereignete, ist für immer ins Dunkel entrückt. Sicherlich gab es zu allen Zeiten mancherlei Geschehnisse von herausragender Bedeutung für Karl May, Begegnungen, Zusammenhänge, die in seiner Erinnerung haften blieben und Stoff lieferten für die Umsetzung im Rahmen einer Reiseerzählung. Wir dürfen davon ausgehen, daß er im Werk weit, weit mehr verarbeitet hat als das, was bei ebenso vorsichtiger wie eingehender Deutung sichtbar wird. Doch der Schleier wird sich wahrscheinlich nie mehr lüften lassen, weil eben unser Wissen auf verhältnismäßig wenige Fakten begrenzt ist. Diesen schicksalträchtigen, Karl Mays Traumata bestimmenden Fakten begegnen wir allerdings immer wieder. Manchmal streiflichtartig, isoliert und gleich darauf wieder unbeachtet, manchmal in passenden Zusammenhang gestellt und eingepaßt in ein Thema, das wie ein Leitmotiv den Erzählgang durchzieht.
8
Das Leitmotiv der Erzählung "Die Todes-Karavane" hat Claus Roxin treffsicher beschrieben(3): »Psychologischer Hintergrund ist der Verlust der "Liebe", die Kara Ben Nemsi auf den Höhen der kurdischen Berge durch die Mutterfigur der Marah Durimeh zuteil geworden war. Mit der zunehmenden Entfernung von diesem liebenden Quell der Versöhnung erfaßt Kara Ben Nemsi "eine Unruhe, eine Angst, als hätte ich etwas Böses begangen, dessen Folgen ich nun fürchten müsse." (44).« Und das umreißt die äußere wie innere Ausgangssituation mitsamt ihren Folgen ganz genau. Denn das beglückende Beisammensein mit Marah Durimeh, aus dem Kara Ben Nemsi Kraft bezog zum Überstehen von Fährlichkeiten, entspricht dem 1868, nach der Entlassung aus dem Gefängnis Osterstein-Zwickau, e r s e h n t e n Wiedersehen mit der Großmutter, der Hauptbezugsperson seit frühester Kindheit. Wie sagte doch May -:
Ich wurde begnadigt. Die Direktion hatte für mich ein Gnadengesuch eingereicht, auf welches ich ein volles Jahr meiner Strafzeit erlassen bekam. ... Am meisten freute ich mich auf Großmutter. ... Wie entzückt würde sie über meine Pläne sein! Wie sehr würde sie mir helfen, sie auszudenken und so tief wie möglich auszuschöpfen! (LuS 153)
Amad el Ghandur, d. i. der unausgereifte Karl May, der sich bei den Behörden mißliebig gemacht hatte, kann vorzeitig das Gefängnis verlassen. Kara Ben Nemsi, also Karl Mays besseres Ich, hat - in der Erzählung - die Befreiung erwirkt. Und dieses dem Lichte der Höhe entgegenstrebende Ich sucht nun die Wiederbegegnung mit jenem Menschen, der dem verirrten Wanderer den Hort bietet, der die im tiefen Inneren des suchenden Karl May keimenden Sehnsüchte am ehesten verstehen und ihnen Ausdruck zu geben vermag. Das in der Realität nicht mehr zustandegekommene Zusammentreffen mit der Großmutter nimmt am Ende der "Reise-Abenteuer in Kurdistan" Gestalt an in dem vertrauten und verinnerlichten Zwiegespräch Kara Ben Nemsis mit Marah Durimeh, aus dem der Friede erwächst ...
So hatte Karl May es sich vorgestellt, es erhofft. Aus erzähltechnischen Gründen war die dem Treffen mit Marah Durimeh, dem Geist der Höhle, verliehene Überhöhung nicht erforderlich; sie entstand aus innerem Zwang heraus: Karl May erschrieb sich ein Glück, das das Leben ihm vorenthalten hatte. Die geliebte Großmutter war aber damals längst verstorben. Die im Schreibprozeß angefeuerte Imagination lief ins Leere - die unausbleibliche Nachwirkung des damals erlittenen Schocks holte den Schriftsteller auch jetzt beim weiteren Gestalten ein: Kara Ben Nemsi landet mit seinen Gefährten nach längerer Zeit und mancherlei Anstrengungen und Entbehrungen (9) in bedrohlicher menschenfeindlicher Bergeinsamkeit, gelangt an das nördliche Zagros-
gebirge [Zagrosgebirge] ... in der Nähe der persischen Grenze (9). Mit Rücksicht auf Amad el Ghandur muß der zeitraubende Umweg eingeschlagen werden: nicht Kara Ben Nemsi, das bessere Ich, ist Ursache der Reiseroute, wiewohl er sie festlegt(20) Der vorzeitig befreite Häftling, der immer noch - und nicht zu seinem Vorteil - im Schatten des Vaters steht, bestimmt den Weg, freilich ohne das vollauf so zu wollen. Es begann das frühere Elend, die frühere Marter, der frühere Kampf mit unbegreiflichen Mächten, die umso gefährlicher waren, als ich absolut nicht entdecken konnte, ob sie Teile von mir seien oder nicht. (LuS 157) Geradezu unheimlich mutet es an, wie Karl May diese Persönlichkeits- und Identitätskrise ein Menschenalter vorher in den erzähltechnischen Rahmen seiner »düstersten Reise-Erzählung« eingepaßt und detailgetreu aufgeschrieben hat. Hier geht er, wie gezeigt werden soll, auf die einzelnen Delikte seiner Rückfalltäter-Zeit aus dem Jahre 1869 viel greifbarer ein als später in der Selbstbiographie, wo er diesen Ausschnitt der »Pathographie« schamhaft-beklommen pauschaliert mit den Worten: Es kann mir nicht einfallen, die Missetaten, die mir vorgeworfen werden, hier aufzuzählen. (LuS 169) Einzelne Bilder sind mir geblieben, doch so undeutlich, daß ich nicht behaupten kann, was wahr daran ist und was nicht. (LuS 167)(21) Beim Niederschreiben seiner Erzählung, 1882, aber starrt er in die einzelnen Brandherde ebenso wie auf den ganzen Flächenbrand.
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Karl May kann sich selber nicht trauen im Jahre 1869. Und niemand kann ihm trauen. Es fällt ihm auch 1882 schwer, sich das noch in der Rückschau einzugestehen, aber die Leere und Einsamkeit, an deren Endpunkt Waldheim stand, sollen nun einmal im Schaffensprozeß überwunden werden, und so greift Karl May zum Mittel der Aufspaltung seiner Identität (womit die Realität von damals künstlerisch reproduziert wird) -- greift aber zunächst zu dem Hilfsmittel, über einen anderen, dem auch nicht zu trauen war, den Weg zu sich selber vorzubereiten und so die Hinwendung zur Rückschau auf die eigene Schmach zu erleichtern:
Heider Mirlam, Chef einer Abteilung der Bejat-Kurden, läßt Kara Ben Nemsi in der Nähe der persischen Grenze heimlich beobachten und nimmt ihn und seine Gefährten dann gastlich auf mit den Worten: »Ich mache mein Kompliment!« (18) Seine Züge waren offen und Vertrauen erweckend, und die achtungsvolle Entfernung, in welcher sich seine Untergebenen von ihm hielten, ließ auf einen ehrliebenden und selbstbewußten Charakter schließen. (19)
Kara Ben Nemsi nimmt den Schutz Heider Mirlams an - und wird
unversehens Opfer einer Falle, aus der ihn nur tollkühnes Ausbrechen befreien kann. Zwar ist Heider Mirlam dem Emir aus Frankistan persönlich durchaus wohlgesonnen, und er will auch dem als einstigen Häftling erkannten Amad el Ghandur keineswegs Schaden zufügen - aber dieser Heider Mirlam ist auf Raub aus und macht sich Feinde, und in das gegen ihn ausgeworfene Fangnetz gerät auch Kara Ben Nemsi mit den Seinen.
Heider Mirlam - H. M. - Heinrich Münchmeyer ... Er beobachtete Karl Mays Tun aus der Ferne, er machte May Komplimente, warb um ihn, nahm ihn in sein Unternehmen auf. Er war kein übler Chef und leitete seinen Betrieb nicht ungeschickt. Er wollte dem aus dem Zuchthaus Entlassenen nichts Übles - nur seine Arbeitskraft, seine Begabung für sich nutzen. Aber er brachte auch, außer den von Karl May betreuten Zeitschriften, bedenkenlos Raubdrucke aller Art heraus und anstößige Publikationen wie "Der Venustempel", "Memoiren der Prostitution", "Das Buch der Liebe" (LuS Anm. P 164 und 223), deren Vertrieb zu Beschlagnahme, zu Hausdurchsuchungen, zu vielerlei Unannehmlichkeiten führten, an denen einem unter Polizeiaufsicht stehenden, um seine Existenz besorgten Haftentlassenen nicht gelegen sein durfte. (LuS 184-185) »Ich konnte«, sagt Heider Mirlam zu Kara Ben Nemsi, »nur zweierlei thun: - entweder mußte ich dir mein Vorhaben verschweigen, oder ich mußte dich gefangen nehmen und mit Gewalt bei mir behalten, bis alles vorüber war. Da ich dein Freund war, so habe ich das erstere gethan.« (46) So ähnlich war seinerzeit das Verhältnis des Verlegers zu seinem Redakteur. May war mißtrauisch gegenüber Münchmeyers Geschäftspraktiken und ließ sich eine Zeitlang hinhalten. In der Erzählung drückt er es, bezogen auf eine voraufgegangene Äußerung Heider Mirlams, durch die Bemerkung aus: Diese Erklärung wollte mir nicht ganz einleuchten; aber es war mir nicht möglich, seine Gründe zu widerlegen, und so schwieg ich. (27) Karl May nutzte dann die erstbeste Gelegenheit, sich von Münchmeyer zu trennen (LuS 186), so unsicher sein Broterwerb damit auch wurde. So wie Kara Ben Nemsi flugs den zweifelhaft gewordenen Schutz Heider Mirlams verläßt und aufbricht ins Ungewisse.
Damit hat der Erzähler Karl May die Weichen gestellt. Er hat vor sich selber dargetan, daß nicht nur er - der ja auch einst ein Biedermannsgesicht zur Schau stellte - Betrug übte, sondern selbst betrogen wurde. Das verhilft zur Einstimmung. Und zudem erfüllt dieser kurze, eingeschobene Rückblick auf die Redakteurzeit bei Münchmeyer eine zweite Funktion: Sie ist der Fixpunkt, der am Ende der Zuchthauszeit stand und die Rehabilitierung einleitete. Seit 1875, dem Eintritt bei Heinrich Münchmeyer, hat es keinen Abstieg und keine seelische Zerrissenheit mehr gegeben.(22) Indem Karl May sich vor der Schilderung der Katastrophe die nachher eingetretene, im ganzen doch recht glück-
liche [glückliche] Entwicklung vor Augen hält, schafft er sich Absicherung.(23) Er kann nun mit größerem Mut das Wagnis unternehmen.
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Bald blieben die Verfolger weit zurück, und nach einer Weile befanden wir uns allein auf der Ebene. (62) ... Ich war noch nie im Leben so unsicher über die einzuhaltende Richtung gewesen, wie jetzt. (Ebd.) ... Am späten Nachmittag befanden wir uns mitten im Gebirge und kamen, kurz vor Sonnenuntergang, auf einer einsamen, dichtbewaldeten Höhe zu einer kleinen Hütte... (63) ... Ich stieg ab und schritt auf das Häuschen zu. ... Als meine Schritte im Innern des primitiven Bauwerkes zu hören waren, erschien... (ein Kopf) ... Ich sah ... weiter nichts als Haare, die verworrener gar nicht gedacht werden konnten, und eine ... Nase und zwei funkelnde Aeuglein, die denen eines zornigen Schakals glichen. (63)
»- guten Abend«, grüßte ich. ... »Wohnst du allein hier?« (63) ... »Komm heraus!« (64) Der rätselhafte Bewohner der Hütte (kam) aus der Thüre: erst das Haargestrüpp... »Wer bist du?« - »Allo!« (64) ... »Blick einmal da hinüber, Allo! Siehst du die vier Reiter?« (65) ... ein tiefer Schreck (zuckte) über seine Physiognomie. (66) ... »Herr, ich fürchte mich vor euch!« (66)
Kara Ben Nemsi kann den Überraschten beruhigen, und Allo, der Köhler vom Stamme der Bannah, dessen Name laut Karl May die Kurdische Zusammenziehung des Namens Allahverdi bedeutet (64, Fußnote), schließt sich als ortskundiger Wegweiser der Gruppe an. Droben am nördlichen Zagrosgebirge . . . in der Nähe der persischen Grenze --:
Nicht am nördlichen Zagrosgebirge, sondern südlich vom Elbsandstein-Gebirge, und nicht in der Nähe der türkisch-persischen Grenze, sondern der sächsisch-böhmischen Grenze wurde am Morgen des 4. Januar 1870 auf dem Dachboden einer Scheune jener struppige, abgerissene Vagabund aufgegriffen, der sich Albin Wadenbach nannte und als Ökonom aus Martinique ausgab. Es war Karl May, der die Lügengeschichte auftischte; Karl May, der abends zuvor abgerissen, hungernd und frierend in der Scheune Unterschlupf gefunden hatte, nachdem er längere Zeit ziel- und planlos umhergeirrt war, nur mühsam dem ihn in Sachsen jagenden Suchaufgebot zu entkommen vermochte und nun in Richtung Görlitz strebte. (H 72, 236-241).(24) Karl May - der hier in der Erzählung darauf zurückkommt, indem er Kara Ben Nemsi etwas ratlos nach dem einzuschlagenden Weg suchen und ihn die Hütte am Abend finden läßt und dann, in Umkehrung der Realität, sein Ich zum Inquisitor mit sich selber werden läßt und sich wie der Anführer der am Morgen angerückten (berittenen) Gendarmen gebärdet. - Allahverdi
- Albin Wadenbach. Köhler - Ökonom. Vom Stamme der Bannah-Kurden - aus Martinique. Sogar von einem Bruder Allos ist die Rede (67) - parallel zu dem angeblichen Bruder Fritz des angeblichen Albin Wadenbach. Und daß Allos Bruder in Bistan wohnt (67), während Karl Friedrich May damals von Niederalgersdorf ins nahe Bensen zum Verhör gebracht wurde, ist auch keine zufällige Konstellation.
Hier einmal, sollte man glauben, sind dem Autor die eigenen geschickten Verschlüsselungen kaum verborgen geblieben. Aber falls sie ihm ins Bewußtsein traten, mußte er sie sogleich von dort verdrängen, sonst hätte ihn die Kraft verlassen, die Geschichte weiterzuspinnen.
»Ich arbeite, wie es mir gefällt!« (67) antwortet Allo stolz auf die Frage, ob er abkömmlich oder seßhaft ist. Und deutlich hören wir im Geiste Karl May/Albin Wadenbach gegenüber den Polizisten betonen, er sei keineswegs ein arbeitsscheuer Herumtreiber...
Er schien ein wenig beschränkt zu sein (72) sagt Karl May von Allo - und damit das Gegenteil dessen, als was Albin Wadenbach sich erwies: ein geistig ungemein wendiger Schwindler, der eine vorzügliche Posse inszenierte! Und daß der Autor im nachhinein sein Verhalten als unwürdig empfand, symbolisiert er darin, daß Allo - sehr zum Ärger Halefs - eine kurze Zeitlang den unvergleichlichen Rappen Rih reiten darf (78, 79): Das kostbare Talent, das in sich das Glücksbehagen bildet, wird hier an einen Menschen verschwendet, der nicht damit umzugehen weiß.(25) Karl May war sich in seiner Rolle als Albin Wadenbach, Anfang 1870, gewiß schamhaft bewußt, daß er seine Intelligenz und seine Begabungen falsch einsetzte - und tut das als Halef in der Erzählung kund. Kara Ben Nemsi aber sieht die Dinge aus höherer Warte - so wie Karl May in der Retroperspektive, worin er jedem Standpunkt gerecht zu werden sucht. Von der Albin-Wadenbach-Mär führte damals der Weg ins Zuchthaus Waldheim. Und diese unausweichliche Beziehung stellt Karl May hier sofort her, indem er eben Allo nicht am Feldrande in Dorfnähe hausen läßt, sondern auf einer einsamen, dichtbewaldeten Höhe. Allos Hütte ist ein Heim im Walde. Waldheim - Kulminationspunkt, zu dem alles hinströmt, von dem alles ausgeht.
Und so rollt dann die Albin-Wadenbach-Mär von 1870 in verhaltenem Moll in der Erzählung ab - mit Allo, Amad el Ghandur(26) und - später - dem ebenfalls einsam im Walde hausenden, von seinem Stamm abgesprengten Soran-Kurden (177-180, 182, 191), dessen Herkunft auf den angeblichen Wohnort Orby des verirrten Wadenbach anspielt. Karl May spaltet sein Ich auf in mehrere Teil-Ich, deren jedes seine Funktion zugeteilt erhält und die einander ergänzen. Was den Menschen Karl May damals aber bewegte, was in ihm vorging, welche Leiden die Seele peinigten, das kann der Schriftsteller Karl May nicht durch eines dieser Spalt-Ich kundtun, sondern nur durch sein Wunsch-Ich Kara Ben Nemsi, da er ja eben in der Ich-Form schreibt und in das
Innenleben der anderen Personen keinen Einblick gewährt; von ihnen erfahren wir nur durch ihr Sprechen und Handeln - durch das äußerlich Wahrnehmbare. Hinsichtlich ihrer Gedanken und Gefühle müssen wir das akzeptieren, was der Ich-Erzähler darüber sagt. Insofern ist die innere Konsequenz in der unterschichtigen Wahrung der Erzählform hier durchbrochen: Der gute, positive Held (Kara Ben Nemsi) hat kein Verbrechen begangen, braucht sich keiner Missetaten zu schämen - und doch ist er es, aus dem die Stimme des Bekennenden, Bereuenden spricht. Er, der eigentlich Schuldlose, trägt die Lasten für die anderen. So vereinigen sich oberschichtige Erzählerrolle und unterschichtiges Geschehen entgegen der unbewußten Absicht - und doch wieder im Einklang mit dieser Absicht. Ein Phänomen, dem wir wohl ausschließlich bei Karl May begegnen.
Wie unsichtbar die Vermengung der Ebenen und der Funktionen ihm selbst bei Schlüsselstellen blieben, erhellt aus jener charakteristischen Szene, als ohne unbedingte erzähltechnische Notwendigkeit ein merkwürdiges Aufhebens um einen etwaigen Weg des Entkommens aus dem Bannkreis Heider Mirlams gemacht wird und Kara Ben Nemsi auf Mohammed Emins Frage, »Meinst du denn, daß wir diesen Weg gebrauchen werden?«, eindringlich und wortreich erwidert: »Ich weiß es nicht, aber ich ahne es. ... bereits seit meiner Kindheit habe ich ein gewisses Ahnungsvermögen besessen, welches mich oft auf noch entfernte Dinge aufmerksam machte. ... Freudige Dinge ahne ich nie vorher. Aber zuweilen erfaßt mich eine Unruhe, eine Angst, als hätte ich etwas Böses begangen, dessen Folgen ich nun fürchten müsse. (44)(27) Dann ist sicher und regelmäßig etwas geschehen, was mir Schaden bringt. Und wenn ich später die Zeit vergleiche, so stimmt es ganz genau: die Gefahr hat in demselben Augenblicke begonnen, an welchem mich die Angst überfiel.« (Ebd.)
Bezogen auf den rein äußeren Handlungsgang ist dieser Text befremdlich. In der die Reisegefährten umgebenden Situation hätte es völlig genügt, lakonisch auf den zum Glück vorher entdeckten Fluchtweg aufmerksam zu machen. Des Gefühlsausbruchs bedurfte es nicht. Aber im Schreibprozeß, dessen Innenbewegungen ja in seelische Abgründe hineinreichen, schlägt hier des Autors Anliegen voll durch. Nicht Kara Ben Nemsi, der wirklich keinen Grund hat, sich Vorwürfe zu machen, er habe etwas Böses begangen, spricht hier, sondern Karl May - der das aber in diesem Sinne nicht erkennt. Und gerade dadurch, daß der vom oberschichtigen Handlungsgang her untadelige - oder doch nahezu untadelige - Ich-Erzähler Funktionen übernimmt, die ihm eigentlich nicht zukommen, wird paradoxerweise die Integration der Geschichte erst gewahrt und gewinnt die innere Aufrichtigkeit des Erzählten das Profil. Karl May, 1882 unbewußt im Begriffe, sich die Qual der Jahre 1869 und 1870 von der Seele zu schreiben, wird
ebenso unbewußt und zwangsläufig zurückversetzt in jene Periode der Selbstzweifel nach der Entlassung aus Osterstein, von der er sagt: Meine Gedanken wurden trüber und trüber, je mehr ich mich der Heimat näherte. Es war, als ob mir von dort aus böse Ahnungen entgegenwehten. Meine frohe Zuversicht schien mich verlassen zu wollen... (LuS 154) Und das aus der Erinnerung heraufquellende neuerliche Aufwallen trüber Ahnungen schlägt sich alsbald nieder in der szenischen Gestaltung des Berichtes über das Entkommen aus dem "Gewahrsam" bei Heider Mirlam. Im Hinblick darauf, daß Karl May hier von bösen Ahnungen redet, dieweil er sich in versteckten Tiefen des Ich mit Heinrich Münchmeyer beschäftigt, führt uns zu der Vermutung, es habe damals in seinem Inneren eine heimliche Warnung vor der Wiederbegegnung mit Münchmeyer, im Herbst 1882, und der daraus resultierenden Tätigkeit als Autor von Kolportageromanen gegeben...
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Von der durch all diese Überlegungen gewonnenen Basis her lassen die einzelnen Spiegelungen sich unschwer erkennen:
Der Schlag, der Rih am Kopf trifft und den Rappen zum regellosen Ausbrechen veranlaßt (86), symbolisiert Karl Mays nach Osterstein erneut einsetzende Bewußtseinsspaltung und die qualvolle Störung seines Selbstwertgefühls nach jener Flucht am 26. Juli 1869, als der Häftling May seine Fessel zerbrach. (Mein Pferd) wieherte laut auf ... dann stürmte es davon, vor Schmerz keiner Führung mehr gehorchend ... alles, alles, Bäume, Büsche, Felsen, Berg und Thal flogen an mir vorüber, bis ich nur nach und nach wieder die Herrschaft über das rasende Tier gewann. Dann befand ich mich allein in einer wilden, unbekannten Gegend - (86-87) In diesen Ritt rafft Karl May die Schreckenszeit von damals zusammen. In unbekannter Gegend pausiert er überlegend und der erste, der ihm begegnet, ist Allo (89-90) ...: Die Figur Albin Wadenbach.
Die Bebbeh, die in ihrer Jagd auf den so glänzend berittenen Fremden nicht nachlassen, ihn immer wieder gefährlich bedrängen, sind die Polizeiorgane und Justizorgane von damals, die in ihrem Bemühen, das gewitzte Subjekt Karl May zur Strecke zu bringen, nicht nachließen und Verhöre anstellten und Fallstricke legten. Kara Ben Nemsi geht durchweg ruppig und herrisch mit ihnen um. Er ist dazu zwar berechtigt, da er sie nicht geschädigt hat und Achtung von ihnen erwarten darf; aber die Klugheit hätte ihn davon abhalten sollen, seine wenig beneidenswerte Lage noch zu verschlimmern. Was für ihn nackte Notwehr ist - nämlich Pferde der Bebbeh zu erschießen (60-62) oder sie ihnen zu nehmen (106) -, sehen die Bebbeh als himmelschreiende In-
famie [Infamie]. Und was der entflohene Karl May damals zu seinem Schutze unternahm, bestärkte die Polizisten nur in ihrer Sicht der Dinge, daß jener einstige Schullehrer ein ganz niederträchtiger Geselle sei... Im Lichte der psychologischen Wahrheit ist es freilich nur konsequent, daß Karl May seinen Helden in ein bestimmtes Fehlverhalten hineinsteuert und die Ereignisse so ins Bild setzt, daß Kara Ben Nemsi vom Zusammentreffen mit den Bejat an von Schicksalsmächten manipuliert wird und quasi nur r e a g i e r t , statt in sonst gewohnter Manier die Initiative in seiner Hand zu haben und den Geschehensablauf zu bestimmen. So wie Kara Ben Nemsi vom Gang der Begegenheiten überrumpelt wird und sich in die Katastrophe treiben läßt, so wurde damals Karl May willenloses Opfer der Bewußtseinsspaltung und kreierte in aussichtsloser Verzweiflung seinen Albin Wadenbach... Und so wird die zweite Betrachtungsebene sichtbar und ergänzt sinnfällig die erste: Die Bebbeh repräsentieren die fürchterlichen Stimmen und Gestalten, die in mir schreienden, dunkeln Gestalten von früher her (LuS 157). Diese Bebbeh, die darauf abzielen, den Helden zu verderben, wurden von Tag zu Tag lauter ... verlangten wie früher, daß ich mich rächen solle. (LuS 157) ... schrieen mir zu: »Du gehörst zu uns! ... Du bist vor der Welt ein Schurke und mußt ein Schurke bleiben -« (LuS 162) Und in der Tat erscheint Kara Ben Nemsi den wild bösartigen Bebbeh ja auch als ein willkommenes Opfer ihrer Willkürlaunen. Die Verschränkung der Ebenen vollzieht sich ganz glatt.
Kara Ben Nemsi brüstet sich den Bebbeh gegenüber mit seinem vom Großherrn ausgestellten Paß (55), wie Karl May das Wadenbach-Märchen durch Briefe an lauter unverdächtige Personen zu untermauern suchte und behauptete, sein Bruder Friedrich trage die Pässe bei sich. - Ähnlich verhält es sich später bei Kara Ben Nemsis autoritärem Auftreten in Bagdad, vor Selim Agha, als Bevollmächtigter des Prinzen. Der Brief Hassan Ardschir-Mirzas an Selim Agha, der Kara Ben Nemsi praktisch unbeschränkte Vollmacht erteilt (258), gleicht den Briefen des falschen Wadenbach an das Bankhaus Plaut in Leipzig sowie an den Ökonom Emil Wettig und trägt zugleich den Schatten jener keineswegs zweifelsfreien Papiere, die Karl May als vorgeblicher Beauftragter eines Dr. Schaffrath und als »Assessor Laube« 1869 jeweils in Sachen der Verwaltung einer bedeutenden Hinterlassenschaft bei sich trug (H 72, 230-231), und gemahnt noch an sein unlauteres Betragen in Sachen der Albani-Erbschaft (H 75, 259). Dies wird später noch einmal zu erwähnen sein.
Kara Ben Nemsis kurzer und angenehmer Aufenthalt in dem gepflegten Anwesen des kurdischen Gutsverwalters und seiner Familie (153ff.), der innerhalb des finsteren Erzählgeschehens fast deplaziert wirkt, hat nicht umsonst eine traumartige Note: Hierin fängt sich die von Albin Wadenbach vorgebrachte Fabel, eine Tante namens Mal-
wine [Malwine] sei Wirtschafterin bei einem Rittergutsbesitzer und eine andere Tante sei mit einem Rittergutsbesitzer bei Görlitz verheiratet.(28) Von einer Verwandtschaft zu beiden konnte keine Rede sein. Der kurze Traum, die Polizei mit der »Verwandtschaft« täuschen zu können, zerbarst an der Realität. Ob Karl May alias Albin Wadenbach dabei die Wahrheit seiner tatsächlichen vormaligen Beziehung zu Malwine Wadenbach (H 72, 240) eingestand, ist allerdings nicht überliefert.
Infolge des Streits um die Anführerschaft innerhalb der Reisegruppe (wovon noch die Rede sein wird) verliert Kara Ben Nemsi vorübergehend seinen Rih an Amad el Ghandur (143-146). Dieser aber kann mit dem Rappen nicht umgehen und wird abgeworfen (148-149). Darin liegt das gleiche Mißbrauch-Prinzip wie vorher bei Allo - aber mit dem Unterschied, daß Allo auf ausdrückliches Geheiß Kara Ben Nemsis den Rappen ritt, May sich also mit seinem Fehlgriff Albin Wadenbach identifizierte und sich dazu bekannte. Im Falle Amad el Ghandur greift das Bild tiefer und weiter: Der aus der Haft Befreite, der allen Grund hätte, bescheiden und dankbar zu sein, wird anmaßend, mißbraucht seine Gaben und das in ihn gesetzte Vertrauen - und kommt zu Fall. Auf Amad el Ghandur wird die Funktion des Uneinsichtigen übertragen, dem Rache das oberste Gebot ist: Diese Stimmen ... verlangten wie früher, daß ich mich rächen solle. Nun erst recht mich rächen, für die im Gefängnis verlorene, köstliche Zeit! Sie wurden von Tag zu Tag lauter - (LuS 157) Amad el Ghandur, unbesonnenes Opfer seines zum Fehlschlag verurteilten Dranges, sich zu rächen (153), verschwindet zusammen mit Allo und dem wege- und sprachkundigen Soran-Kurden aus dem Gesichtskreis (191): Der verblendete Straftäter Karl May verschmilzt mit Albin Wadenbach und mit Waldheim und ist für lange Zeit den Blicken der Welt entzogen. Der Rappe Rih bleibt bei Kara Ben Nemsi zurück (191) als Verpflichtung, Talent und Begabung nunmehr neuerlich positiv einzusetzen und sich des in ihn gesetzten Vertrauens
würdig zu erweisen.
Die im letzten Kampf mit den Bebbeh von Kara Ben Nemsi davongetragenen Verletzungen und Rih's Halswunde - die so auffallend an die von May späterhin, in den Jahren seines öffentlichen Auftretens als Old Shatterhand, demonstrativ zur Schau gestellte Narbe in der Halsgegend gemahnt - symbolisieren neuerlich die Einbuße an Selbstbewußtsein und Wertgefühl, die mit dem Zusammenbrechen der Albin-Wadenbach-Legende einhergehen. Dem vom Kampf Ermatteten wird es schwarz vor den Augen. Das Unechte fließt dahin wie vergiftetes Blut. Darunter und dahinter kommt der wahre Karl May zum Vorschein - sein Kern, sein ursprüngliches Wesen, das Gute in ihm, das Unvergängliche, das zum Höheren hin entwicklungsfähig ist. Ich weiß nur, daß ich blutete, daß mein Pferd blutete, daß Schüsse knallten und die Blitze derselben an meinem Auge vorüberzuckten; daß ich Hiebe
und Stöße parierte und daß eine Gestalt an meiner Seite immer beschäftigt war, Streiche, die ich nicht bemerken konnte, von mir abzuwehren - der treue Halef. Dann bäumte sich mein Pferd gegen einen Stich, den es in den Hals erhielt - er hatte mir gegolten - es stieg hoch empor und überschlug sich; weiter sah, hörte und fühlte ich nichts. - Als ich erwachte, sah ich in das Auge meines kleinen Hadschi; es war voll Thränen. »Hamdullillah - Allah sei Dank, er lebt! Er öffnet die Augen!« rief Halef ganz außer sich vor Entzücken. (169)
Kara Ben Nemsi ist durch Halef gerettet worden und erwacht in seiner Obhut - und in der des Mannes, dem er seinerseits zu Hilfe kam und dem er sich fortan widmet: Hassan Ardschir-Mirza. Die Konfiguration könnte kaum deutlicher sein: Karl May, durch sein wahres Ich dem Verderben entronnen, kann sich fortan in Gedanken mit einem anderen seiner vielen Schein-Ichs, dem von Tragik umwehten Prinzen, auseinandersetzen. Wieder schafft Karl May sich hier innerhalb der Gesamterzählung einen beruhigenden Fixpunkt, auf den die wunde Seele sich zurückziehen kann: Kara Ben Nemsi und Halef, der zum Höheren emporstrebende Karl May und sein liebenswertes Alter ego, dem er in Gefahrensituationen unbedingt vertrauen kann, leben noch. Karl May, wieder in Mittweida angelangt, vom langen Leugnen zermürbt und voll geständig, kann Bilanz ziehen und mit sich selber ins Gericht gehen.
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Er schont sich nicht dabei. Die Geschichte geht genau so bedrückend weiter, wie sie bis dahin verlaufen ist. Aber Karl May erzählt das Geschehen jetzt aus anderer Perspektive, mit verlagertem Akzent. War Kara Ben Nemsi vorher der von den Ereignissen Getriebene, der die Winkelzüge der Gegner nicht durchschaute, der das Verhängnis nicht abwenden konnte, weil die Bebbeh immer wieder überraschend und überfallend auftauchten - war also Karl May wehrloses Opfer dämonischer Stimmen, somit nicht Herr seiner Entschlüsse und somit auch kein eigentlicher Verbrecher, ebenso wie ja auch Allo, Amad el Ghandur und der Soran-Kurde, die sich absondern, weder Verbrecher noch Bösewichte sind -, so kehrt sich jetzt das Bild: Kara Ben Nemsi ist unbestrittener Anführer der Reisegesellschaft, denkt logisch und scharfsinnig, hat die Initiative in seiner Hand, lenkt die Gruppe nach seiner Entscheidung, ohne Widerspruch. Doch auch damit kann er, wie sich ihm bald zeigt, letzten Endes die Katastrophe nicht aufhalten. Es ist also diesmal die Geschichte des nach Plan und in voller Absicht handelnden Karl May, der sich seiner Taten und der Ausweglosigkeit dieser Taten voll bewußt war, des mit Vorbedacht agierenden Kriminellen.
Der schuldhaft Handelnde mußte in jedem Falle scheitern - ob er sich nun als seelisch kranken Bewußtseinsgestörten oder als Absichtstäter sah, ob als Gehetzten, der nur dumpf reagierte, oder als Planer, der selbst Gegenmaßnahmen ergriff. Im Schreibprozeß hat Karl May beides im nachhinein sozusagen klinisch untersucht, um zu dem Schluß zu gelangen, daß er keine Chance hatte, dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden zu entgehen. Diese in künstlerischer Hinsicht so makabre wie verblüffende Art der Darstellung äußerer und innerer Ereignisse durch Verlagerung von mitteleuropäischem Boden auf orientalisches Terrain gewinnt ihre einzigartige Bedeutung aber erst dadurch, daß Karl May sie eben nicht durch waches Bewußtsein von Punkt zu Punkt steuerte, sondern daß auch das, was sich in der Analyse als das damals, 1869/1870, bewußte Handeln des Straftäters Karl May und als solches in der Erzählung wiedergegeben erweist, von dem drauflosschreibenden Autor nicht in dieser Wesensart wahrgenommen wurde. Karl May schrieb wie im Traum - so zeigt es sich immer wieder. Der wachen Kontrolle des Bewußtseins blieb verborgen, was eine tiefer liegende Bewußtseinsschicht hier vorformte und verformte.
Die Gedankenfäden, die er für seine "klinische Untersuchung" benötigt, und die Erzählfäden, in die er sie einschmiegt, hat er sich genau zurechtgelegt, während der Gang der Handlung dem ersten großen Tiefpunkt (Mohammed Emins Tod und Kara Ben Nemsis Verwundung) entgegentreibt. Bevor die zweite Erzählperspektive eingenommen wird, bezieht Karl May noch sämtliche Wundkomplexe ein, die im Gefolge der Straftäterzeit in ihm entstanden, verwebt sie miteinander und setzt sie um in bewegte Abenteuerhandlung. Im Interesse des verständnisinnigen Eindringens in Karl Mays Erzählweise wollen wir daran nicht vorübergehen.
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Inzwischen nämlich - lange bevor der Perser in der Erzählung auftaucht - haben Karl Mays vor ihm dahereilende Gedanken schon einige entscheidende Schaltstellen gesetzt und Weichen gestellt:
Kara Ben Nemsi hat in dem zunächst feindseligen Bruder des angriffslustigen Bebbeh-Scheiks Gasahl Gaboya einen Bewunderer und Freund gefunden (117, 128, 136); Marah Durimeh ist in seinem Gedächtnis aufgetaucht (83); wegen der Bebbeh und ihres Scheiks hat es erbitterten Streit zwischen Kara Ben Nemsi und Mohammed Emin gegeben (114-117; 137-143); Mohammed Emin hat den Tod gefunden (171); und auch Gasahl Gaboya ist tot - von Halef erschossen (169). Hinter all dem steht die Rekapitulation seelischer Vorgänge. Paradox und doch zutreffend ausgedrückt: Es ist die unbewußte »Bewußtma-
chung [Bewußtmachung]« des inneren Erlebens des Häftlings von Tetschen und Mittweida.
Für den äußeren, oberschichtigen Gang der Handlung ist der durchweg namenlos bleibende Bruder des Bebbeh-Scheiks Gasahl Gaboya, der zweimal von Kara Ben Nemsis Hund Dojan zu Fall gebracht wird und auf den Kara Ben Nemsis Verhalten veredelnd einwirkt, durchaus entbehrlich, nicht aber im Rahmen des Seelenprotokolls - als Selbstporträt und Verkörperung des läuterungsbereiten Straftäters Karl May. Dieser Kurde bleibt namenlos, weil Karl May als Straftäter einst allzu viele - falsche - Namen getragen hatte; in ihm, dem zur Abkehr vom "falschen Glauben" Bereiten, zählt nur sein Menschtum an sich, nicht der Name; er ist gewissermaßen auf der Suche nach seiner Identität - und drückt dies in der Erzählung vor allem dadurch aus, daß er gegenüber seinem befehlsgewohnten Bruder, dem Scheik, völlig eigene und andere Ansichten geltend macht und dadurch an Eigenpersönlichkeit gewinnt. Mit diesem - sehr gespannten - Bruder-Verhältnis hat es etwas Besonderes auf sich. Wir kommen gleich dazu.
Der "Namenlose" erscheint zum ersten Male (80-83), während Allo auf Rih reitet - also während Karl May die ihm verliehenen Gaben falsch einsetzt -, und wird von Allo als Gefahrenquelle für den die Reisegruppe umgebenden trügerischen Frieden erkannt: In dem als Albin Wadenbach ertappten Karl May regten sich die ersten Zweifel, ob sein Bluff-Manöver wohl anhaltenden Erfolg haben könne. Im Erzählzuge hätte Kara Ben Nemsi, der immer Wache, Mißtrauische, Überlegene, den Aussagen des angeblichen Wildjägers nicht so gutmütig vertrauen dürfen; Karl May bleibt aber oberschichtig nichts anderes übrig, als hier seinem Helden, der ja - in dieser Erzählphase konsequent - seiner selbst nicht sicher ist, dieses Versäumnis anzulasten: er fängt darin die damals, Anfang 1870, berechtigte Unsicherheit Karl Mays ein, wie weit er das Wadenbach-Spiel werde treiben können, eine Unsicherheit, die ihn seinerzeit überzogen auftrumpfend handeln ließ und gerade darum von den erfahrenen Ermittlungsbeamten erspürt wurde. Das szenische Detail, den als Störfaktor einzustufenden Scheik-Bruder in einem Augenblick ins Bild zu rufen, als Kara Ben Nemsi sich freiwillig seines besonderen Schutzes (Rih) entblößt hat, offenbart die innewohnende psychologische Strömung. Ist es schon bemerkenswert, wie die einzelnen May-Schemen exakt so in den Seiten der Erzählung ihren Einzug halten, wie sie damals in der verängstigten Seele des zur Feststellung seiner Personalien festgenommenen May-Wadenbach auftauchten, so ist es nicht weniger erstaunlich, wie ein und derselbe zugrunde liegende Gedankengang (Der Kurde: Kann ich sie täuschen? - Allo: Was stört mich an dem Kerl? - Kara Ben Nemsi: Soll ich zweifeln oder vertrauen?) innerhalb einer Szene in drei verschiedenen Ausdrucksformen gestaltet
wird und so Karl Mays Aufspaltung ebenso zeigt wie das Zusammenfließen aller drei Figuren im Autor.
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Der Kurde entkommt unversehrt. May konnte sein Wadenbach-Märchen noch ein Weilchen aufrecht erhalten. Dann besteigt Kara Ben Nemsi Rih wieder (85) - Karl May entschließt sich, irgendwo zwischen Tetschen und Mittweida, sich zu seinem wahren Ich zu bekennen -; Allo/Albin Wadenbach muß ein weit minder gutes Pferd reiten - der Scheinglanz der Wadenbach-Existenz beginnt zu verblassen; da setzt auch schon der völlig überraschende Überfall Gasahl Gaboyas ein, in dessen Verlauf Mohammed Emin und Amad el Ghandur gefangen genommen werden. Kara Ben Nemsi kann beide befreien und den nunmehr als Bruder Gasahl Gaboyas identifizierten Kurden in seine Gewalt bringen. Den Streit über das Schicksal des Gefangenen (Tod oder zumindest entehrende Bestrafung - oder Gnade) entscheidet Kara Ben Nemsi in seinem auf Verzeihung gerichteten Sinne (110-117): May legte ein volles Geständnis ab, weil er sich ein für allemal des ihn belastenden Bösen zu entledigen und außerdem auf milde Beurteilung hoffte. Der Kurde dankt es ihm mit aufrichtiger Ergebenheitsbeteuerung und ergreift in der anschließenden, höchst gefährlichen Begegnung Kara Ben Nemsis mit dem unnachgiebigen Gasahl Gaboya (121-136) offen die Partei des Helden gegen den Scheik und erwartet Einlenken des Bruders, aber vergeblich: Karl May, einmal zum Bekennermut entschlossen, leugnete nichts mehr ab, widerrief keinen Teil seines Geständnisses - und mußte dann erleben, daß eine unnachsichtige Justiz ihn zu vier Jahren Zuchthaus mit anschließender zweijähriger Polizeiaufsicht verurteilte -: ein kaum zu verkraftender Rückschlag für das im mühsamen Erholungsprozeß befindliche Gemüt; er wird in der Erzählung umgesetzt in die von Gasahl Gaboya und seinen Anhängern vorgebrachten, Stück um Stück unannehmbaren "Friedensbedingungen" (128-130). Karl May hat damals, vor Gericht in Mittweida, vor sich selbst einen inneren Sieg errungen - wie der Bruder Gasahl Gaboyas, indem er an dem einmal als Recht erkannten Prinzip der moralischen Lauterkeit festhält; er kann aber seine eigenen Anschauungen nicht auf einen Nenner bringen mit denen seines Bruders; beide Männer bleiben sich innerlich fremd, wiewohl sie von gleicher Abstammung sind. Das ist die Parallele zur Realität: Weder die Ermittlungsbehörden noch die Gerichtsvertreter honorierten die Reumut Karl Mays; niemand von ihnen zeigte sich ihm brüderlich-verständnisvoll geneigt -- nicht einmal der eigene Anwalt, der zumindest
nach außen hin mit dem Angeklagten eine Front, eine Einheit hätte darstellen sollen...
Darin liegt der Kern, liegt das eigentliche Wesen des sonst so verzichtbaren Moments, den namenlosen, zur Wiedergutmachung bereiten Menschen und das Haupt der Verfolger zu Brüdern zu machen: zu Brüdern, die innerlich nicht zueinander finden können. Als Anführer der Bebbeh ist Gasahl Gaboya Wortführer der die Seele Karl Mays in ihrer Substanz bedrohenden brüllenden Stimmen; er will sich nicht damit zufrieden geben, daß dieses Opfer seiner Beutegelüste ihm entrückt wird; er ist zugleich herausragender Repräsentant all jener Polizisten und Justizbeamten, für die es Pflicht und eine hochwillkommene Gelegenheit zur persönlichen Auszeichnung war, den Straftäter Karl May zu überführen und unschädlich zu machen. Keiner von ihnen legte dabei die Haltung eines Menschenbruders an den Tag, wiewohl christliche Lehre forderte, den reumütigen Sünder als Bruder zu sehen, als verlorenen Sohn, der sich anschickte, heimzukehren und zu büßen. Karl May - wenn auch enttäuscht und von der Schwere des Urteils zutiefst betroffen - war verständig und vernünftig genug, eine rein menschliche Haltung bei Polizisten und Richtern nicht vorauszusetzen - so daß ich die Strenge des Richters, der mein Urteil fällte, vollständig begreife (LuS 168). Aber wenigstens bei seinem Rechtsvertreter hätte er ein halbwegs offenes Ohr, die Bereitschaft zum Einfühlungsvermögen erwarten dürfen. Dieser Mann hätte brüderlicher Ratgeber sein sollen. Statt dessen muß Karl May konstatieren: Umso weniger ist der Rechtsanwalt zu begreifen, der mir von Gerichts wegen als Verteidiger gestellt wurde. Er hat mich nicht verteidigt, sondern belastet, und zwar in der schlimmsten Weise. ... Dieser Advokat war unfähig, mich oder überhaupt ein nicht ganz alltägliches Seelenleben zu begreifen. (LuS 168-169). In diesem Anwalt sieht der sonst nicht von Vergeltungswünschen erfüllte Karl May eine Quelle für vier Jahre Lebensverlust -- und darum heißt der böse Scheik der Bebbeh-Kurden Gasahl Gaboya: In dieser Lautzusammenstellung findet sich der Name des mehr für die Anklage als für den Angeklagten tätigen Anwalts - Karl Hugo Haase (LuS Anm. P 145; H 72, 242)...
Die Unnachsichtigkeit der Strafverfolgungsbehörden wie auch die ablehnende Haltung Haases spiegeln sich, von Karl May szenisch getreu plaziert, in den von Gasahl Gaboya während der "Verhandlung" mit Kara Ben Nemsi höhnisch vorgebrachten Äußerungen: »Fremdling, du redest irre!« (123) - »Fremdling, du bist ein Schurke!« (125) - »Deine Rede ist sehr lang, Fremdling, aber alles, was du sagst, ist unrichtig und falsch.« (127) - »Deine Worte klingen nicht, als ob du die Wahrheit redest.« (129)
Da Karl May aber in der Tat die Wahrheit gesagt hat, muß er dem jetzt auch Geltung verschaffen, muß das trübe Bild des Übeltäters, das
man ihm weiter anhängen will, endgültig zerstören und muß die Welt seines Inneren geraderücken: Er sorgt durch sein einwandfreies Verhalten dafür, daß die bösen Stimmen der Versuchung für immer zum Schweigen gebracht werden, und er entzieht dem Verleumder nachträglich das Mandat. Hieraus erklärt sich in zweifacher Hinsicht der jähe und dabei so lakonisch abgehandelte Tod des Scheiks Gasahl Gaboya (169): Halef schießt ihn in Notwehr nieder -- Karl May, der zum Ursprünglichen Zurückgekehrte und zur Höherentwicklung Bereite, tötet das Böse in seinem Inneren, und im nachhinein entledigt er sich des bis dahin schmerzlichen Nachhalls an einen Feind, der Freund hätte sein sollen. Diesen Wunsch nach Vergeltung, nach verständlicher »Rache«, konnte Karl May sich 1882, bei der Niederschrift, ohne neuerlichen Schaden an seiner geläuterten Seele leisten: Karl Hugo Haase war bereits 1873 verstorben...
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Hand in Hand mit dem ersten Auftauchen des namenlosen Scheik-Bruders - also dem zum Besseren hin tendierenden Teil-Ich des Straftäters Karl May - geht die ansonsten nicht motivierte Erinnerung an Marah Durimeh (83), die ausdrücklich als »Grandmother« (Großmutter) bezeichnet wird. Und eben dies bildet den Auftakt zum kurz darauf einsetzenden Streit mit Mohammed Emin. Dieser und sein Sohn werden von den Bebbeh gefangen und von Kara Ben Nemsi in waghalsiger Unternehmung befreit. Die gegen die Bebbeh gerichtete Rachsucht der Haddedihn führt zu Unzuträglichkeiten und danach zu Fehlverhalten. Die nur notdürftig überbrückte Verstimmung findet ihr Ende in Mohammed Emins Tod und Amad el Ghandurs Verschwinden.
Auf dieser Ebene der Erzählung vollzieht sich die Erinnerung Karl Mays an die damalige innere Auseinandersetzung mit den Eltern und die dumpfe Traurigkeit, die ihn beim Eintritt ins Zuchthaus Waldheim erfüllte. Wir dürfen glaubhaft unterstellen, daß Karl May zur Zeit seiner Festnahme im Januar 1870 und vorher wie nachher keineswegs ausschließlich an Bewußtseinsstörungen litt, sondern sich zumindest periodisch seines wahren Namens, seiner Herkunft, seines Ich erinnerte und von Schuldgefühlen geplagt wurde. Was liegt näher als die Annahme, wie ein Blitz habe ihn eines Tages, während er in Tetschen als Albin Wadenbach posierte und Zweifel schon an ihm nagten, die Frage befallen, wie wohl seine geliebte Großmutter reagieren würde, wenn sie noch lebte und von seinem jetzigen Auftreten und von seinen voraufgegangenen Verfehlungen erfahren könnte. So bricht Marah Durimeh, kaum daß der zu Besorgnis Anlaß gebende Kurde aus dem Blickfeld geglitten ist, in die Gedankenwelt Kara Ben Nemsis ein. Wieder-
um [Wiederum] ein szenisch perfekt plaziertes Mosaiksteinchen. Von hier ist es nur ein Schritt zum bohrenden Gedanken an den damals begreiflicherweise verbitterten Vater. Könnte man doch zu ihm eilen, mit ihm sprechen, ihm alles erklären, wieder einmal seine Verzeihung erlangen!, wird Karl May 1870 mehr als einmal gramvoll gedacht haben. Aber der Weg zum Vaterherzen war verbaut; Karl May selber hatte dafür gesorgt. Nun sorgt er auch in der Erzählung dafür.
Durch den Namen Marah Durimeh wurden Erinnerungen in mir erweckt, welche mich für den Augenblick die Gegenwart vergessen ließen (83). Mit diesen Erinnerungen ist aber unlösbar die Heimat verbunden - und Heimat bedeutet Konflikt und anhaltendes Toben im Inneren. ... stellte sich ein ganz ungewöhnlicher Drang in mir ein, nach der Heimat zurückzukehren. Es war kein gesunder, sondern ein kranker Trieb; das fühlte ich gar wohl, aber er wurde so stark, daß ich die Widerstandskraft verlor und ihm gehorchte. Ich kehrte heim, und kaum war ich dort, so stürzte sich Alles, was ich beseitigt glaubte, wieder auf mich. Die Anfechtungen begannen von Neuem. (LuS 158). Die Bebbeh, die Kara Ben Nemsi abgetan hoffte, stürzen sich auf die Reisenden (86) - und der Vater-Sohn-Konflikt setzt mit Macht ein. Vater hatte jetzt Anderes zu denken. Er war in einer Art sozialer Mauserung begriffen und darum für mich nicht zu haben (LuS 160) ... diese Einsamkeit war mir ... im höchsten Grade gefährlich. (LuS 161) ... ich war also den Gestalten, die mich bezwingen wollten, fast unausgesetzt und schutzlos preisgegeben. (Ebd.) Im Sohne wühlt der schuldhafte Drang, den Vater zum klärenden Gespräch zu bringen. Welche wahrgenommenen oder versäumten Gelegenheiten zu einem solchen Gespräch es damals, 1868, 1869 in Ernstthal gegeben hat, oder ob Karl May sich rein in Gedanken mit seinem Vater und dessen Härte auseinandersetzte, entzieht sich unserer Kenntnis. In der Erzählung jedenfalls verleiht Karl May dem Konflikt schrecklichen Ausdruck. Zunächst wird der Vater (Mohammed Emin) in eine schier aussichtslose Lage gebracht, aus der "der Sohn" (Kara Ben Nemsi) ihn unter Gefahr befreit. Das ist nicht nur der späte Versuch, altes Unrecht zu beschönigen und im Geiste den Vater zum Empfänger einer Wohltat durch den Sohn zu machen - also zum Beispiel Karls geistige Überlegenheit über den Vater oder aber den wenn auch bescheidenen sozialen Aufstieg des Sohnes seit 1875, beides vom Vater erwünscht, zu dokumentieren; das ist vor allem die Reminiszenz an die bitteren Wochen, als die Ortspolizisten von Hohenstein-Ernstthal jede in der Umgebung vorkommende Missetat, jeden Einbruch Karl May zur Last legten und Vater Heinrich May, mochte er auch seinen Sohn schuldlos daran wissen (LuS 161-162), doch darunter litt, daß seine Familie überhaupt derart in Verruf geraten konnte. Karls Beteuerungen konnten den Vater insofern nicht günstig stimmen, als Karl ja immerhin früher tatsächlich bereits Anlaß geboten hatte, als mißraten zu
gelten. Über Karls Einstellung zu sich selbst, über seine Behauptungen, das Opfer von Wahnvorstellungen jenseits seiner Willenskontrolle zu sein, über das Mißtrauen der Polizei und über Karls bange Versuche, einen geregelten Lebensunterhalt zu erwerben, die zu nichts führten, kam es daheim ganz sicherlich zu erbitterten Auftritten -- so wie sie sich in den scharfen Dialogen Kara Ben Nemsis mit Mohammed Emin spiegeln (113-117; 137-143). Der Vater häuft Kritik auf den Sohn - und dieser schluckt sie, wiewohl der Vater nicht im Recht ist. Mohammed Emins Ausbruch, »Du hast vergessen, was ich an dir that. Ich nahm dich auf als Gast bei mir, ich beschützte dich, ich gab dir sogar das Pferd, welches mir die Hälfte meines Lebens wert war. Du bist ein Undankbarer!« (143), ist im Lichte der in der Erzählung voraufgegangenen Geschehnisse eine ungeheuerliche Fehldarstellung der Positionen: Mohammed Emin hat es sich zur Ehre angerechnet, einen Emir aus dem Abendland, der mit Scheik Malek von den Ateibeh befreundet ist und der zusammen mit seinem Diener (Halef) den berüchtigten Abu Seif zur Strecke brachte, als Gast aufzunehmen; er hat Kara Ben Nemsi den Rapphengst Rih zur Verfügung gestellt, damit der kluge Abendländer für die vor einem Überfall stehenden Haddedihn auf Kundschaft reite - was Kara Ben Nemsi loyal und zum absoluten Vorteil Mohammed Emins besorgt; Kara Ben Nemsi hat die Schlacht im Thal der Stufen inszeniert, die es den Haddedihn ermöglichte, einen überwältigenden Sieg über ihre Widersacher zu erlangen; und er ist aus Freundschaft für Mohammed Emin ausgezogen, um den gefangenen Amad el Ghandur zu befreien, wobei er die eigene Freiheit und das Leben riskierte. In jeder Hinsicht steht Mohammed Emin in Kara Ben Nemsis Schuld - nicht umgekehrt. Und doch läßt Karl May es zu, daß der alte Scheik diesen Mann des Undanks zeiht. Er muß es zulassen - weil hier nicht ein zum Dank verpflichteter, die Dinge auf den Kopf stellender Araber mit seinem selbstlos handelnden jungen Freund spricht, sondern der Vater Heinrich May mit seinem Sohne, weil also hier der Autobiograph Karl May am Werke ist... Ja, der Vater nahm den Sohn wie selbstverständlich gastlich auf, nachdem dieser Sohn sich an den Gesetzen vergangen und Schande über die Eltern gebracht hatte; er schützte ihn, als die häßliche Zunge des Verdachtes gegen ihn gewetzt ward; und er gab ihm das wunderbare Pferd - sprich: die Begabung, das künstlerisch-musische Talent, die Lernfähigkeit, die geistige Regsamkeit, die Phantasie, kurz alles, was den Sohn befähigte, sich über das Weberelend hinaus zu schwingen und etwas Großes aus sich zu machen, und was dieser Sohn schäbig mißbrauchte und pervertierte. Zu lange hat dieser Vater diesen Sohn nach dessen Gutdünken walten lassen - es wird höchste Zeit, ihn zusammenzustauchen und ihm klarzumachen, was er dem Vater schuldig ist: Mohammed Emin übernimmt an Stelle von Kara Ben Nemsi die Führung (140), zeigt sich aber
als unfähig und als Tyrann (145) und verstrickt sich dann selbst so in Schuld und Fehler, daß er jeden Anspruch auf Respekt verliert. Er hat den Sohn psychisch degradiert, indem er ihm schmählichen Gebrauch seiner Talente vorwarf (Amad reitet den Rappen; 145, 146), hat ihm das Selbstvertrauen (Rih) genommen - und kann ihm das nicht einfach wieder aufdrängen, indem er sagt, »Du brauchst ja nur den Hengst wieder anzunehmen« (146); und er läßt zur Unzeit den gefangenen Gasahl Gaboya frei - das heißt zum einen, er bewirkt durch sein unkluges Verhalten, daß der Sohn abermals der Macht der verschlingenden Stimmen erliegt. Zehn, fünfzig, ja hundert Stimmen verhöhnten mich in meinem Innern mit unaufhörlichem Gelächter (LuS 163), bevor Karl May 1869 das Vaterhaus wieder verließ und ins Unbekannte hinausstürmte. Und es heißt zum anderen, der Vater ist - realiter oder nach Auffassung des Sohnes Karl - beim Anwalt Haase nicht nachdrücklich zur Entlastung des Sohnes - wie auch immer - aufgetreten, sondern hat Haase freie Hand gegeben. All diese Gedanken und Vorwürfe durchzogen 1870 den Haftgefangenen Karl May in Mittweida - und all diese Gedanken und Vorwürfe schreibt er nun im Gewande der Reiseerzählung nieder.
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Und an diesem Punkt läßt er Halef sagen: ... ist das Pferd dir lieber als dein treuer Hadschi Halef Omar?« (153) Und Kara Ben Nemsi antwortet: »Nein, Halef. Für dich würde ich zehn und noch mehr solcher Pferde hingeben.« (Ebd.) Und Kara Ben Nemsi alias Karl May denkt: ... das Herz wurde mir groß und weit unter der Gewißheit, die Liebe eines Menschenkindes zu besitzen, eines Menschenkindes, dem auch meine Zuneigung gehörte. (154) Das ist nicht nur Ausdruck der unverbrüchlichen Selbstliebe Karl Mays, von der er ein Leben lang zehrte; es ist auch das Zeugnis neu aufkeimenden Selbstvertrauens vor der Verurteilung: Selbst wenn es mir entgegen allen vormaligen Plänen nicht mehr gelingen sollte, meine schriftstellerische Begabung einzusetzen und durch sie zu Ansehen zu gelangen, so werde ich mich auf andere ehrliche Weise durchschlagen und ernähren! Diesen Gedanken dürfen wir ihm unterstellen. Dazu mußte er sich damals durchringen. Zum Glück ist es - das weiß Karl May bei der Niederschrift - anders gekommen:
Als Amad el Ghandur mit Allo und dem Soran-Kurden verschwindet - als also Albin Wadenbach von Karl May abfällt -, bleibt Rih bei Kara Ben Nemsi zurück... Waldheim bot unerwartet Gelegenheit zu geistiger Tätigkeit und Weiterbildung. Vor allem aber bot es in dem Katecheten Kochta (LuS 172ff.) einen Menschen, der den in May
schlummernden Fähigkeiten die Wege wies. - Freilich behält Kara Ben Nemsi dieses Vermächtnis nur um den hohen Preis, daß Mohammed Emin Im Kampfe gefallen ist. Diese Handlungsführung läßt darauf schließen, daß Karl May im Jahre 1870 das vordem bereits erschütterte Vertrauen des Vaters - auch der Mutter - in den Sohn, auf den sie so große, vielleicht nicht ganz unberechtigte Hoffnungen setzten, durch die unendliche Grausamkeit der Tatsachen und Verhältnisse (LuS 169) ganz einbüßte. Das Bekanntwerden seiner Festnahme (in Böhmen), seiner Wadenbach-Kapriolen, seine neuerlichen Vernehmungen in Mittweida und seine Geständigkeit sowie seine Verurteilung müssen für die Eltern ein fürchterlicher Schlag gewesen sein. Ob es der Vermittlung der Waldheimer Anstaltsleitung oder der des Katecheten Kochta zuzuschreiben ist, daß Heinrich May und seine Frau im Laufe der Zeit wieder eine bessere Meinung über ihren Sohn gewannen und allmählich doch wieder neue Hoffnung schöpften, sei dahingestellt. Nach Karls Entlassung aus Waldheim jedenfalls hatte die Trübung sich verflüchtigt. Und innerhalb der Erzählung hat Karl May nunmehr auch auf diesem Erzählstrang den vorhin beschriebenen Ruhepunkt erreicht, an dem er Kräfte sammelt: Mit dem untauglichen Anwalt, der das Opfer dämonischer Seelenqualen nur für einen »komischen Menschen« hielt (H 72, 242), hat er abgerechnet; und daß der Vater nicht in starrer Feindschaft verharrte, weiß er im Jahre 1882 seit langem. Und so widmet er sich, im weiteren Bemühen um Reinigung seiner Seele, der anderen Perspektive desselben Geschehens von 1869 und 1870...
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Es war ein Mann von stolzer Haltung und schönem ebenmäßigen Wuchs. (172) »Nenne mich Hassan Ardschir-Mirza -« (173) Er hatte den Titel »Mirza«, den in Persien ein Prinz zu führen pflegt; er war also jedenfalls eine bedeutende Persönlichkeit. (173) ... ich wußte nun, daß der Vater des Mirza ein Serdar (Obergeneral) gewesen war (225-226) --: Und wir wissen nun, daß hier ein neues May-Porträt entstanden ist, unter anderer Akzentuierung des Vater-Sohn-Verhältnisses.
Karl Mays sicheres Auftreten während seiner Straftäterzeit und sein gefälliges Äußeres, das ihm so vieles erleichterte und nicht zuletzt auf weibliche Personen wirkte, wird in den Polizeiberichten jener Zeit immer wieder hervorgehoben (H 71, H 72, jeweils passim). Der Vorname Hassan, d. i. »der Schöne«, gewinnt dem zusätzlich Schmeichelkraft ab. Die bedeutende Persönlichkeit vereinigt den 1878 in Niederwürschnitz hochtrabend Ermittlungen anstellenden »hohen Polizeibeamten«, »der noch über dem Staatsanwalt steht«(29), mit dem von seinem - ihn über andere Dorfkinder weit hinaushebenden - Können über-
zeugten [überzeugten] und von seinem Sendungsbewußtsein durchdrungenen Karl May: Schriftsteller werden; Großes leisten, aber vorher Großes lernen! Alle inneren Fehler, welche die Folgen meiner verkehrten Erziehung waren, nach und nach herauswerfen, damit Platz für Neues, Besseres, Richtigeres, Edleres werde! - (LuS 105). - Schriftsteller werden, Dichter werden! ... Am Großen, Schönen, Edeln mich emporarbeiten aus der jetzigen tiefen Niedrigkeit! - (LuS 110)
Der Prinz - das ist die Andeutung auf die ungewisse und vielleicht gar vornehme Abkunft des Vaters, der sich von seinem Wesen her ja in so mancher Beziehung von den übrigen Dörflern abhob; es ist aber auch die in dem Wunschbild, der Vater möge ein verkappter Prinz sein, wurzelnde Behauptung des Hochstaplers Karl May, er sei ein natürlicher Sohn des Prinzen von Waldenburg (H 72, 240); es ist überhaupt der Wunsch, sichtbar äußeren Glanz zu genießen. Der Prinz als Sohn des Obergenerals - der vom Vater wie ein Prinz erzogene, nämlich nur auf harte Pflichten vorbereitete, den Anlagen entsprechend - und dem erhofften einstigen Ansehen entsprechend - auszubildende Sohn, den dieser von geheimnisvoller Abkunft umwehte Vater tatsächlich aber völlig falsch erzieht, mit unnötigem Wissensballast vollstopft (LuS 50, 51, 53-55) und mit dem er militärisch angehauchte Übungen durchexerziert, wobei er, dieser Vater, bald Leutnant, bald Hauptmann, bald Oberst, bald General war (LuS 43). Ach ja, der im Liebesmangel nie erstorbene Wunsch, den Vater, diesen Mensch mit zwei Seelen (LuS 9), zu verklären, läßt noch im Alter den Selbstbiographen Karl May behaupten, der Vater sei Hauptmann der siebenten Kompagnie der heimischen Bürgerwehr gewesen (LuS 43). Dabei bekleidete er den Rang eines Gefreiten (LuS Anm. P 51) ...
Hassan Ardschir-Mirza - der Märchenprinz, dem so übel mitgespielt wird. Ist schon Mirza kein Zufall und Hassan wohl auch kaum, so Ardschir erst recht nicht. Das neupersische »Ardschir« (Ardaschir) entspricht dem altpersischen »Artaxerxes« - »Herrscher über Helden und ein makelloses Reich«. Sämtliche Wunschvorstellungen Karl Mays, all seine Märchenphantasien, in einem einzigen Namen zusammengerafft! Aber dem allein verdankt dieser Prinz, dessen Reise zu einer Todes-Karavane wird, die Namensgebung nicht. Dieser Ardschir-Mirza ist der zwischen Ard-istan und Dschi-nnistan dahin ir-rende M-ai(y) ... der ruhelose Flüchtling, der Ardistan wie Dschinnistan in sich trägt und, ohne es zu ahnen, auf dem Wege nach Märdistan zur Geisterschmiede ist. Märd ist ein persisches Wort; es bedeutet »Mann« (LuS 4). Und dieser suchende »Märd« ist in dem Mirza versteckt...
Somit ist es verständlich, daß dieser heimatlose und elternlose Umherzieher, der die Hilfe Kara Ben Nemsis und Halefs bitter benötigt, plötzlich ausruft: »Gieb uns gute Mütter - Das Herz der Mutter ist der Boden, in dem der Geist des Kindes Wurzel schlägt.« (204)(30) Hier spricht
Hassan Ardschir-Mirza als der Anfang 1870 angeschuldigte, von der Last seiner Lage zu Boden gedrückte Karl May, der sich von den Eltern, speziell von der Mutter, unverstanden und im Stich gelassen fühlt. Sie hörte mir ruhig zu. (LuS 160) Sie war wie eine Heilige. (Ebd.) Und doch hat sie den Sohn von sich gestoßen. (LuS 166-167) Das im ersten Teil der Erzählung verdunkelte Vaterbild wird merklich aufgehellt, die Schuld an der zeitweiligen Entfremdung der Mutter zugewiesen.
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Hassan Ardschir-Mirza ist eine tragische Gestalt. Er ist das Opfer eines Bösewichtes in seiner unmittelbaren Umgebung, dem sowohl er wie sein Vater viel zu lange blind vertraut haben, und wird später von dem Verwalter seiner Güter - gleichfalls einem Schurken - ins Verderben gelockt.
Saduk - das ist der Name des Verräters, dem die Zunge fehlt, der sich nur durch Zeichen verständlich macht und Treue und Dankbarkeit heuchelt und der Heimlichkeiten schlimmster Art treibt (207ff.). Angesichts der Eigenschaften und Funktionen Saduks gibt es keinen Anhalt dafür, daß sein Name in Verbindung gebracht werden könnte mit Zadok, dem altisraelischen Priester, oder den Sadduzäern. Die Deutung ergibt sich aber sofort, wenn wir bedenken, daß dieser Saduk gerade das Gegenteil von dem ist, was er zu sein scheint, und dementsprechend andersherum betrachtet werden muß. Liest man den Namen also rückwärts, ergibt sich K-udas -- oder: J-udas. Und ein Judas ist dieser Mensch.
»Dieser Saduk war in seiner Jugend Bogenschütze meines Vaters (des Obergenerals) (209). (Er) verkehrte viel in dem Hause des Muschtahed (wörtlich, so May, »Beweisführer«; 209) und sah die Tochter desselben. Sie gefiel ihm, und er war ein schöner Mann. Er ... wagte es, zu ihr von seiner Neigung zu sprechen. Der Muschtahed befand sich unbemerkt in der Nähe und ließ ihn festnehmen.« (Ebd. ) Als Strafe wird dem Beleidiger der Frauenehre die Zunge genommen.
Mögen hier Anklänge sein an Karl Mays erstes Werben um Emma Pollmer, das vom Großvater des Mädchens zunächst keineswegs begünstigt wurde -- die eigentliche hier verfremdet erzählte Erinnerung reicht viel tiefer und weiter zurück:
Der Bogenschütze des Obergenerals - der kleine Karl, der mit dem Vater Soldat spielte und immer wieder neue Befehle erhielt (LuS 43). Der schmucke Jüngling, der singen konnte und so betörend Klavier spielte und sich nicht scheute, der hübschen jungen Ehefrau seines Quartierswirtes, des Kaufmanns Meinhold in Glauchau, recht nahe zu treten. (Zu nahe?) Der dabei ausgerechnet vom Ehemann Meinhold,
eben dem späteren »Beweisführer« (!), ertappt wurde. Und der dafür mit dem Verlust seiner ersten Stelle büßte.(12) (28) Und der dann, irgendwann auf seinem späteren Wege, 1864, erstmals zum Lügner und Betrüger und zur gespaltenen Persönlichkeit wurde. Der »mit der Zunge gesündigt« (210) hatte und keinen seiner Frevel rechtfertigen konnte - nicht den in Glauchau und nicht die anderen. Karl May - besessen von brüllenden, schreienden, peinigenden Stimmen, die ihn ins Böse zerrten, Karl May, der aber eben dies schon in jener Zeit, vor Osterstein, nicht klar auszudrücken verstand und der stumm blieb, als er in Verruf geriet und 1865 ertappt wurde.(31) Der Schande über den ehrlichen Vater, den so wohlmeinenden und opferwilligen, brachte. Der aber zu seiner Verteidigung nichts vorzubringen vermochte. Der Stumme, der nicht reden konnte - eben weil zuviele Stimmen in ihm tobten. Der von den Stimmen des Bösen zu immer neuen Untaten veranlaßte Verräter all dessen, was er früher an Werten aufgebaut und in sich getragen hatte: Vater - ordentliche Existenz - innere Sauberkeit - Aufstieg. Zum Verbrecher war dieser Karl May geworden, dieser Judas Saduk.
Hier nun geht Karl May besonders hart mit sich ins Gericht. Die auf den Verlust der Zunge folgenden Verbrechen Saduks in der Erzählung sind unverzeihliche, heimtückische Morde. May war nie ein Gewalttäter. Aber er verzerrt die Schuld ins Schauderhafte, weil er zeitweise zweifelte, ob die Menschen, an denen er gesündigt, deren Vertrauen er so schmählich getäuscht hatte - die Eltern und wohlgesinnten Freunde der Familie voran -, ihm je würden vergeben können, und weil er manchmal zweifelte, ob er je wieder gesunden werde. Die gleiche Aussage, aus der ersichtlich wird, daß Saduk seine Verbrechen im Schutze eines inszenierten Alibis begeht (»Saduk war sehr oft krank, und er lag grad an den Tagen, an denen die drei den Tod fanden, als Patient in seiner Kammer.« - 210), beschreibt den verzweifelten May von Ende 1868, Anfang 1869, der mancher Taten zu Unrecht bezichtigt wurde, aber eben in Verdacht geriet: sie (die Eltern) konnten für mich eintreten. Sie wußten ja genau, daß ich in den betreffenden Zeiten nicht aus dem Haus gekommen war. (LuS 162) Die Tatsache, daß er überhaupt einer üblen Handlung fähig war und von anderen für noch schlimmerer Taten fähig gehalten wurde, daß vielleicht nur ein Gnadenakt Gottes ihn hinderte, eines Tages einen Mord zu verüben, ermöglicht im Schreibprozeß des in seinem Innern noch immer um Rehabilitierung kämpfenden Karl May, mit einer jeweils gleichen Aussage zwei verschiedene Sachverhalte zu kommentieren, weil er im Grunde denselben Vorgang beschreibt.
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Die schier magisch anmutende Befähigung Karl Mays, seine geheimsten, auf Rückschau gerichteten Seelenregungen in jedweder Ausprägung dem Papier anzuvertrauen und - fast immer - bruchlos oder zumindest plausibel in eine weiter und weiter vorwärts jagende Abenteuergeschichte zu integrieren, ja, die Geschichte überhaupt auf nichts anderes als eben auf diesen verborgenen Seelenregungen aufzubauen, ist ihm im Zusammenhang mit seiner späteren eigenen Beschreibung der ihn ab Ende 1862 quälenden Empfindungen wahrscheinlich, in Umrissen, bewußt geworden: Ich war seelenkrank, aber nicht geisteskrank. Ich besaß die Fähigkeit zu jedem logischen Schlusse, zur Lösung jeder mathematischen Aufgabe. Ich hatte den schärfsten Einblick in alles, was außer mir lag; aber sobald es sich mir näherte, um zu mir in Beziehung zu treten, hörte diese Einsicht auf: Ich war nicht imstande, mich selbst zu betrachten, mich selbst zu verstehen, mich selbst zu führen und zu lenken. Nur zuweilen kam ein Augenblick, der mir die Fähigkeit brachte, zu wissen, was ich wollte, und dann wurde dieses Wollen festgehalten bis zum nächsten Augenblicke. Es war ein Zustand, wie ich ihn noch bei keinem Menschen gesehen und in keinem Buche gelesen hatte. Und ich war mir dieses seelischen Zustandes geistig sehr wohl bewußt, besaß aber nicht die Macht, ihn zu ändern oder gar zu überwinden. Es bildete sich bei mir das Bewußtsein heraus, daß ich kein Ganzes mehr sei, sondern eine gespaltene Persönlichkeit, ganz dem neuen Lehrsatze entsprechend, nicht Einzelwesen, sondern Drama ist der Mensch. In diesem Drama gab es verschiedene, handelnde Persönlichkeiten, die sich bald gar nicht, bald aber auch sehr genau von einander unterschieden.
Da war zunächst ich selbst, nämlich ich, der ich das Alles beobachtete. Aber wer dieses Ich eigentlich war und wo es steckte, das vermochte ich nicht zu sagen. Es besaß große Aehnlichkeit mit meinem Vater und hatte alle seine Fehler. Ein zweites Wesen in mir stand stets nur in der Ferne. Es glich einer Fee, einem Engel, einer jener reinen, beglückenden Gestalten aus Großmutters Märchenbuche. Es mahnte; es warnte. Es lächelte, wenn ich gehorchte, und es trauerte, wenn ich ungehorsam war. Die dritte Gestalt, natürlich nicht körperliche, sondern seelische Gestalt, war mir direkt widerlich. Fatal, häßlich, höhnisch, abstoßend, stets finster und drohend; anders habe ich sie nie gesehen, und anders habe ich sie nie gehört. Denn ich sah sie nicht nur, sondern ich hörte sie auch; sie sprach. Sie sprach oft ganze Tage und ganze Nächte lang in einem fort zu mir. Und sie wollte nie das Gute, sondern stets nur das, was bös und ungesetzlich war. Sie war mir neu; ich hatte sie nie gesehen, sondern erst jetzt, seitdem ich innerlich gespalten war. Aber wenn sie einmal still war und ich darum Zeit fand, sie unbemerkt und aufmerksam zu betrachten, dann kam sie mir so vertraut und so bekannt vor, als ob ich sie schon tau-
sendmal [tausendmal] gesehen hätte. Dann wechselte ihre Gestalt, und es wechselte auch ihr Gesicht. (LuS 111-112) ... Die Spaltung ... griff weiter um sich. Jede Empfindung, jedes Gefühl schien Form annehmen zu wollen. Es wimmelte von Gestalten in mir, die mitsorgen, mitarbeiten, mitschaffen, mitdichten und mitkomponieren wollten. Und jede dieser Gestalten sprach; ich mußte sie hören. Es war zum wahnsinnig werden! Wie es früher außer mir selbst nur zwei Gestalten gegeben hatte, die helle und die dunkle, so jetzt außer mir zwei Gruppen. Und je länger es dauerte, daß sie sich von einander unterschieden, um so deutlicher erkannte ich sie. Es kämpften da zwei einander feindliche Heerlager gegen einander: ... Ardistan gegen Dschinnistan. (LuS 113-114)
Was den damals (1862) aus der ersten Haftstrafe Entlassenen, der die Verurteilung wegen »Uhrendiebstahls« als Sieg der Verleumdung über die Wahrheit sehen mußte und daran beinahe zugrunde ging, zutiefst peinigte, wurde dem Autor der Reise-Erzählungen zur Wohltat: noch immer spaltete sich sein Ich, noch immer dachte, sah, hörte und sprach ein und derselbe Karl May in vielerlei Gestalt; aber nun geriet das, was dabei zustande kam, nicht zur Gefahr für die geschundene Seele, sondern zum dichterischen Werk, daran diese Seele sich reinigte. Und die vielleicht erst beim Abfassen der Selbstbiographie, 1910, aufkommende Erkenntnis dieses überwältigenden innerlichen Wertes seiner Reiseerzählungen - die ihn ja auch bereits berühmt gemacht hatten - bewog ihn dann, sie so zu charakterisieren: Mein schriftstellerisches Gewand ... ist Naturtuch. Ich werfe es über und drapiere es nach Bedarf oder nach der Stimmung, in der ich schreibe. (LuS 228) Ich schreibe nieder, was mir aus der Seele kommt, und ich schreibe es so nieder, wie ich es in mir klingen höre. (Ebd.) Wie er es auch im Falle Hassan Ardschir-Mirzas und seines Schicksals tat. Inzwischen hatte sich in ihm auch die anfangs nicht näher reflektierte Überzeugung gefestigt, mit bestem Gewissen behaupten zu können, daß ich den Inhalt dieser Erzählungen selbst erlebt oder miterlebt habe, weil er ja aus meinem eigenen Leben oder doch aus meiner nächsten Nähe stammte. (LuS 146) Mit dem in Bezug auf wechselnde Stimmungslagen des Menschen ganz allgemein gemünzten Satz, So aber ist der Mensch - immer und immer ein Sklave des Augenblickes! (164), hat Karl May schon 1882 seine spezifische Schreibart im Prinzip zu charakterisieren gewußt.
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Dem Prinzen sind von Persien her Häscher auf der Spur. In die Tat, die ihm zur Last gelegt wird, wurde er, ohne eigentlich selbst Schuld zu tragen, hineinmanövriert; er hat sie auf Veranlassung Saduks begangen (211) und sich dadurch dem Verräter ausgeliefert. Karl May nahm als
Straftäter für sich in Anspruch, nicht immer gewußt zu haben, was er tat; er gehorchte seinem inneren Dämon. Saduk liefert den Feinden des Prinzen heimlich Zeichen, um ihnen die Verfolgung zu erleichtern (211-212, 214-217) - und Kara Ben Nemsi beeilt sich, nachdem er Saduk überführt und gefangengesetzt hat (214), seinerseits Zeichen zu legen, die die Verfolger in die Irre führen. (226, 231-235) Beides nimmt Bezug auf Karl Mays Flucht und Verfolgung 1869, als er einerseits oft genug Spuren hinterließ, die verräterisch wurden, anderseits Geschick genug besaß, die Häscher von sich abzulenken.(32)
Saduk kann entfliehen, wie Karl May 1869 entfloh, um weiter auf Unheil zu sinnen. Sein Befreier, ein aus falschen Ehrbegriffen heraus handelnder anderer Diener, wird »nach kurzem Kampfe überwältigt« (H 72, 232), wie einstmals May, und sieht wie May einer strengen Bestrafung entgegen (238-241). In der überraschenden Begnadigung des Irregeleiteten (242-243) entwirft Karl May ein Bild des Vorgehens, wie er es sich von den Strafverfolgungsbehörden für sich selber erwünscht hatte: Freispruch auf Bewährung.
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Das Bestreben, vor sich selbst jede von ihm begangene ungesetzliche Tat weit weniger schlimm erscheinen zu lassen, hielt sich im Autor Karl May zumeist die Waage mit dem gegenteiligen Bestreben in übersteigerter und überdramatisierter Darstellung die Schuld möglichst zu vergrößern. So konnte Karl May sich je nach Stimmungslage als willenloses Opfer ungreifbarer Mächte fühlen oder das hohe Ausmaß seiner Bußfertigkeit betonen. Beide Momente werden in der hier behandelten Reiseerzählung deutlich.
Im ersten Teil waren Allo, der Wegekundige, der es ehrlich meint und an einem Pakt mit den Bebbeh kein Interesse hat, und Kara Ben Nemsi, der die von den Bebbeh drohende tödliche Gefahr erkennt, ohne sie beseitigen zu können, die für das Schicksal der Gruppe verantwortlichen Handlungsträger. Kara Ben Nemsi kann sich der Bebbeh nicht entledigen, die er wider seinen Willen hinter sich herzieht. Allo und später der Soran-Kurde stoßen nicht aus eigenem Antrieb zu der Reisegruppe, sondern werden von Kara Ben Nemsi dazu veranlaßt; und der Umweg, den die Gruppe zwecks Rückkehr Amad el Ghandurs zu den Haddedihn einschlägt, wird ebenfalls von dem landesfremden Kara Ben Nemsi ausgewählt (obschon nicht mit Rücksicht auf s e i n e Person). Vor allem aber ist Kara Ben Nemsi das Objekt der Raublust der Bebbeh.
In Karl Mays innerer Betrachtung der Dinge werden also »die Schuld« und die Verantwortung »Albin Wadenbachs« dadurch herab-
gemildert [herabgemildert]; denn Amad, Allo, der Soran-Kurde sind nur »Werkzeuge eines fremden Willens«; Schuld und Verantwortung werden demjenigen zugewiesen, der unwillkürlich die Feindschaft herausfordert! Da dieser aber - nämlich Kara Ben Nemsi - in seinem Denken und Handeln christlichen Geboten folgt und nicht wissentlich Unrecht begeht, trifft auch ihn keine »Schuld« an dem Geschehen. Es läuft also darauf hinaus, daß Karl May sich vor sich selbst entlastet.
Der hierdurch erzielte »Befreiungseffekt« wird freilich überschattet von Mohammed Emins Tod, d. h. von der Erschütterung des Verhältnisses zum Vater: ich fühlte eine solche Leere in mir, als sei mit (ihm) ein Teil meines eigenen Wesens von mir gewichen (195) - und von dem quälenden Heimweh (196). Diese beiden Gemütsbewegungen schaffen aus sich heraus das »Reue-Moment«, und damit hindert Karl May sich daran, in der Fortsetzung der Geschichte etwa einen leichteren Ton anzuschlagen.
Im inneren Anfang des zweiten Teils der Handlung sind Saduk und Kara Ben Nemsi die Protagonisten und zugleich auch Gegenspieler. Bis zum Eintreffen des Emirs aus dem Abendland - der in Karl May wirksamen Gegenkraft - hing das Schicksal Hassan Ardschir-Mirzas von dem Verhalten des ihn in die Falle lockenden Verräters und Bösewichtes ab. Nun soll die Korrektur des dem Prinzen drohenden Schicksals einsetzen. Saduk zog die Häscher heran - Kara Ben Nemsi sucht sie nach Kräften abzuweisen. In dem gegenüber dem ersten Teil der Erzählung verschobenen Blickfeld des Autors treten die Verfolger des Prinzen an die Stelle der Bebbeh -- und das für die Bebbeh gültige Bild wahrt diese Konsequenz: Die Funktion der einen entflohenen Straftäter suchenden Polizisten ist ebenso gegeben wie die Funktion der peinigenden, dämonischen Stimmen; denn Hassan/May, von Saduk begleitet, hat ein Verbrechen begangen, und Saduk/May handelt in einer Weise, daß die Stimmen, die Boten des Bösen, ihn jederzeit wiederfinden können. - Das »Stimmen«-Moment tritt aber gegenüber dem anderen zurück, da Saduk die Verfolger in voller Absicht hinter sich herlockt, während dies bei den angreifenden Bebbeh nicht zutrifft. Der heimlich agierende Saduk, der Schicksal spielen will, ist ebenso »Absichtstäter« wie der offen agierende Kara Ben Nemsi, der das Schicksal meistern will, anstatt ihm nur zu entrinnen und nur Instrument fremden Willens zu sein. Die Entlastung vor sich selbst findet Kara Ben Nemsi alias Karl May später, am Ende des zweiten Teils der Erzählung, nur in der Rechtfertigung, durch schwere Erkrankung (310) nicht in gewohnter Weise handlungsfähig gewesen zu sein - womit die Bewußtseinsspaltung angesprochen wird; er läßt diese Rechtfertigung aber sogleich einmünden in bittere Selbstvorwürfe (332 unten, 333 oben) - als Signal der Erkenntnis, der Versuchung zur Abkehr vom Wege der Pflicht nicht energisch genug entgegengetreten zu sein. Das
Reue-Moment ist also stark ausgeprägt. Die von Saduk/May personifizierte Schuld - dramatisch erzählt als mehrfacher Mord - wird nicht abgeschwächt, sondern als himmelschreiende Heimtücke verbucht, deren Verzeihung nicht in Menschenhand, höchstens in Gottes Hand liegt. Wie es Mays Flehen entspricht.
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In ähnlicher erzählerischer und psychologischer Ausgewogenheit behandelt Karl May auch die anderen Motive, die sich im ersten Teil wie selbstverständlich ergeben und die er im zweiten Teil wieder aufgreift und in anderer Sicht darbietet:
Die Beratschlagung Kara Ben Nemsis mit Allo über den günstigsten Reiseweg (71; 151-152) findet auch zwischen Kara Ben Nemsi und Hassan Ardschir-Mirza statt (205-206). Karl May erwägt 1869 mit sich selbst das Für und Wider der sich bietenden Fluchtwege.
Die kurze angenehme Raststation zwischen aufregenden Ereignissen findet sich im ersten Teil bei dem kurdischen Gutsverwalter, im zweiten Teil bei dem alten Polen in Bagdad. Auf beiden Erzählebenen: Jede Zuflucht ist nur Ausgangspunkt für neue Gefahren.
Die trotz sonstiger persönlicher Wertschätzungen zwischen zwei Angehörigen verschiedener Glaubensrichtungen unverwischbaren Unterschiede treten zutage, indem der Sunnit Mohammed Emin das Christentum schmäht (116) und Kara Ben Nemsi sich dagegen zur Wehr setzt, und indem der Schiit Hassan Ardschir-Mirza es ablehnt, seinen Retter mitzunehmen nach Kerbela (202, 247, 286), und Kara Ben Nemsi sich darein fügt. Das oberschichtig plausible Religionsmoment ist für die »Binnenhandlung« (Claus Roxin) nicht erheblich. Mohammed Emin/Heinrich May tadelt das Verhalten des Sohnes - und Karl liegt mit sich im Kampf über das Ratsame seines Tuns.
Die zunächst unbestrittene Autorität Kara Ben Nemsis als Anführer der Reisegruppe wird von Mohammed Emin offen in Frage gestellt (139-140), weil der alte Scheik sich übergangen fühlt und Kara Ben Nemsi Fehlverhalten anlastet, von Hassan Ardschir-Mirza aber aus Selbstüberschätzung unterlaufen (296-297, 310), dieweil er dem Manne Kara Ben Nemsi, dem er mehr vertraute als Selim Agha, dem langjährigen Gefolgsmann, keinen Fehler vorhalten kann. In der äußeren Handlung ist beider Kritik nicht berechtigt. In der Binnenhandlung bedeutet sie die Zweifel des Vaters an der moralischen Festigkeit des Sohnes und dessen Beobachtung seiner eigenen Zwiespältigkeit.
Letzten Endes verlieren Mohammed Emin und der Prinz ihr Leben, weil sie nicht in allem Kara Ben Nemsis wohlbegründetem Rat folgten; der Scheik erleidet aber einen ehrenvollen, wenngleich unverdienten
Tod im Kampf, während der Prinz unter dem Mordstahl fällt. Das zum besseren hinstrebende Ich hat es wegen der auf ihm liegenden Schatten schwer, nur Glaubwürdigkeit zu verbreiten - das muß Kara Ben Nemsi und mußte Karl May erfahren. Die Enttäuschung über den Sohn hätte für den Vater tödlich sein können -- und dieser selbst hätte bei der risikoreichen Art, sich durchs Leben zu schlagen, ebenfalls traurig enden können.
Die Erinnerung an bestehende enge menschliche Beziehungen wird zum einen in Kara Ben Nemsi lebendig durch Marah Durimeh (83) - zum anderen beschäftigt sie den hier zum Handlungsträger werdenden Halef, der an Scheik Malek und Hanneh denkt (293). Was dem Straftäter Karl May die Großmutter war als innere Heimstatt und Herzensanker, sollte für den Schriftsteller Karl May die bei ihrem Großvater Christian Gotthilf Pollmer lebende Emma sein. Aus keiner der beiden Quellen kam dann die von der Seele ersehnte Liebe.
Die erfolgreiche Lausch-Aktion Kara Ben Nemsis am Kurdenlager (100-102) findet ihre Parallele in Halefs Erkundungsgang in Bagdad (291-293): Karl May muß neben all seinen dunklen Seiten hin und wieder auch seine Qualitäten durchscheinen lassen.
Die Vater-Sohn-Tragödie, im ersten Teil von Kara Ben Nemsi und Mohammed Emin ausgetragen, erscheint im zweiten Teil in der bereits vollzogenen Ermordung des Vaters von Hassan Ardschir-Mirza durch den ihm persönlich nahestehenden Saduk (210); die Leiche (203) soll nach Kerbela geschafft werden, das den Persern heilig und »Heimat« ist. Hassan Ardschir-Mirza ist sich bewußt, daß in Kerbela seine Feinde auf ihn lauern mögen, aber aus Pflicht gegenüber dem Vater - und von Saduk schlecht beraten - wagt er den Ritt dennoch. Hier ist Karl Mays Schuldkomplex, soweit er auf dem gespannten Verhältnis zum Vater beruht, voll erkennbar. Die Reise nach Kerbela spiegelt Karl Mays Flucht vor der Heimat, in die er ja auch vor Waldheim tatsächlich nicht zurückkehrte: Hassan Ardschir-Mirza verwehrt dem »nicht Rechtgläubigen« die letzte Etappe dorthin, und weder Kara Ben Nemsi noch der Mirza selber erreichen den Ort.
Die jeweilige innere Bedeutung in der Behandlung all dieser Motive unterliegt, trotz unterschiedlicher Nuancierung im ersten gegenüber dem zweiten Teil, den jeweils gleichen Prinzipien, die im Lichte der bislang hier vorgenommenen Analyse ohne weiteres einsichtig sind. Nähere Betrachtung verdient aber noch das Moment der Rast. Spiegelt der Aufenthalt im Gutshof Erinnerungen an das Umfeld Malwine Wadenbach, so deutet der Aufenthalt bei dem Polen und seinem dicken Diener in Bagdad auf vorübergehenden Unterschlupf des damals flüchtigen Karl May bei jenem Gastwirt »Franzl« in Falkenau in Böhmen, etwa um Weihnachten 1869 (H 72, 245). Die Beschreibung des Dieners des Polen und seines Betragens (278, 280, 281-282) stimmen
auffällig überein mit dem Aussehen des Gastwirts Franzl in Karl Mays Erzählung "Weihnacht!" (Fehsenfeld, Freiburg 1897; S. 33-34) und dessen umständlicher Geschäftigkeit(33)(34)...
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Dank der Initiative und Umsicht Kara Ben Nemsis gelangt die kleine Karawane unbehelligt bis Bagdad. Dort befindet sich der von Hassan Ardschir-Mirza als vertrauenswürdig angesehene Selim Agha, der die aus Persien herübergeretteten Vermögenswerte des Prinzen bewacht. Kara Ben Nemsi, der mit allen Vollmachten Hassan Ardschir-Mirzas zwecks Disposition der gesamten Habe ausgestattet ist, gerät mit dem anmaßenden Selim Agha hart aneinander (250ff.). Natürlich ist Kara Ben Nemsi kein Schwindler - aber die ihm hier übertragene Rolle mit anderen Vorzeichen ist die des geltungssüchtigen und von viel Geld träumenden Karl May von 1869, der sich raffiniert allerlei Vollmachten in Sachen Vermögensverwaltung ausstellte - oder von Gutgläubigen, die aber dazu auch nicht berechtigt waren, ausstellen ließ - und als »Assessor Laube« oder »im Auftrage des Notars Dr. Schaffrath« oder in Sachen der Erbschaft der Familie Albani entweder auftrat oder doch berechtigten Verdacht gegen sich nährte, so auftreten zu wollen (H 72, 229-231; H 75, 259). Auch der Schatten des windigen Albin Wadenbach, der mit Briefschaften nur so um sich warf und eine Herrenpose an den Tag legte (vgl. oben 11), ragt noch einmal herüber. Aber Selim Agha läßt sich nicht so ohne weiteres einschüchtern, zumal er Arges im Schilde führt. Er macht Hassan Ardschir-Mirza Vorhaltungen, woraufhin dieser kühl-distanziert erklärt: »Du warst mein Diener, dem ich vertraute; wann aber habe ich dir das Recht erteilt, dich meinen Freund zu nennen?« (263) - und fortfährt: »ich habe nicht geglaubt, daß du mir deine Pflichten als Verdienst vorzählen würdest.« (Ebd.) Der tiefere Sinn dieser Bemerkung wird uns gleich offenbar werden.
Saduk taucht in Bagdad auf (285) - und Selim Agha gerät bei Kara Ben Nemsi mehr und mehr in den Verdacht, insgeheim mit den Verfolgern des Prinzen zu paktieren (291ff.). Die Beweise fehlen, bis es zu spät ist (323) - obwohl Halef bei einem Alleingang in mustergültiger Weise Indizien sammelt (291-293); bezeichnenderweise wird nicht er, sondern Kara Ben Nemsi beim Lauschen ertappt (295), so daß der Held bekennen muß: »Ich bin unvorsichtig gewesen.« (Ebd.) Hand in Hand mit dem zunehmenden Verdacht, Selim Agha handle treulos (307-310), geht die körperliche Ermattung Kara Ben Nemsis (299-300, 310-311), die den Leser Schlimmes befürchten läßt: Man ahnt, daß Hassan Ardschir-Mirza von Kara Ben Nemsi nicht länger gerettet werden kann. Und in der Tat entdecken der bereits entkräftete
Kara Ben Nemsi und Halef bald darauf die Leichen Hassan Ardschir-Mirzas und der Seinen (327-328) - und auch die des Verräters Saduk, des Judas (327).
Diese Motivkonstellation und über längere Zeit hinweg spürbare schreckliche Entwicklung des Erzählgeschehens umfaßt die gleichen Seelenschwingungen, wie sie im ersten Teil der Erzählung in Gang gesetzt waren:
Der Bösewicht, Heuchler, Verräter der guten Sache, Saduk, der Straftäter Karl May, führt sich selber (Hassan Ardschir-Mirza) ins Verderben; er zieht die Häscher hinter sich her. Der Stimme der Vernunft, die ihn auf einen anderen Weg bringen will (Gespräch Kara Ben Nemsi/Hassan, 205) und die ihn auch später immer wieder vor Unbedachtheiten warnt (Kara Ben Nemsi zu Hassan, 296, 309-311, 319), gibt er nicht nach, obwohl er erkennt, daß das Einwirken der Vernunft ihm nur Vorteile gebracht hat (Kara Ben Nemsis sichere Führung des Trupps, umsichtiges Handeln in Bagdad usw.).
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Hassan Ardschir-Mirza verfällt dem trügerischen Glauben an die Loyalität Selim Aghas - und dieser verrät ihn, wie Saduk, und läßt ihn sterben. Der anmaßend-gierige Selim Agha ist die genaue Parallele zum anmaßend-gierigen Gasahl Gaboya; beide haben kein moralisches Recht zu ihrer Haltung; Kara Ben Nemsi entlarvt beider niedrige Gesinnung; und in beiden, Gasahl Gaboya und Selim Agha, prangert Karl May seinen Anwalt Karl Hugo Haase an. »Agha« bedeutet »älterer Bruder« - und damit wird das Bruder-Motiv aus dem ersten Teil, das wir untersucht haben, d. i. das Motiv der zumindest nach außen hin hervorzukehrenden Einheit Verteidiger/Angeklagter, auch im zweiten Teil subtil eingebracht. (Haase wurde übrigens 1827 geboren.) Auf wirklich freundschaftliche Gefühle des Anwalts spekulierte Karl May sicherlich nicht, und gegen Anbiederungen war er sicherlich mißtrauisch (»wann ... habe ich dir das Recht erteilt, dich meinen Freund zu nennen?« - 263); aber jeden vom Gesetz her erlaubten tatkräftigen Einsatz des Anwalts durfte er erwarten - und darin sah er sich getäuscht: Haase tat sehr wenig - und strich das Wenige ungebührlich heraus, so daß Karl May mit den Worten des unglücklichen, zu Tode gehetzten Prinzen erbittert reagiert: »ich habe nicht geglaubt, daß du mir deine Pflichten als Verdienste vorzählen würdest.« (263) Selim Agha, der mit Hassan Ardschir-Mirza eine Front gegen die Feinde bilden müßte, verdient das in ihn gesetzte Vertrauen nicht und paktiert heimlich mit den Gegnern. Ihm verdankt der Prinz das ruhmlose Ende.(35)
Saduk erhält den verdienten Lohn. Was schlecht war an und in Karl
May und nicht lebenswert, und was anfällig war für Versuchungen, starb auf der Anklagebank in Mittweida. Auf der Mitte zwischen Bagdad und Kerbela - auf ödem Boden, der als Weide nicht taugt.
Während das weniger gute Ich (Albin Wadenbach) im ersten Teil im Ungewissen verschwimmt und das absolut nicht gute Ich (Saduk) im zweiten Teil schrecklich endet, leidet das wahrhaft gute Ich, das sich veredeln will (Kara Ben Nemsi), im ersten wie im zweiten Teil unter dem Druck des Gewissens. Davon spricht Karl May sich nicht frei. Dennoch weist er das wirklich schuldhafte Handeln dem desinteressierten Rechtsanwalt zu - und dabei bemerken wir, wie die vom Unterbewußtsein gespeiste nachträgliche Kritik des Autors erstaunlicher Nuancierung fähig war und uns zwei Facetten Haases präsentiert: War (unabhängig von dem mitschwingenden Bruder-Motiv) das Verhalten des Scheiks Gasahl Gaboya (dessen eigene Sicht der Dinge unterlegt!) immerhin noch verständlich, da es sich bei dem von ihm angefeindeten Kara Ben Nemsi um einen Fremden handelte, dessen Schicksal einem stolzen Kurden-Scheik gleichgültig sein durfte - war also Haases Desinteresse an Karl May insoweit gerade noch begründbar -, so handelt Selim Agha von vornherein verwerflich gegen einen unglücklichen Mann, der sich voll auf des Aghas Treue verläßt und für dessen Interessen dieser kämpfen müßte; und damit wird die in Mays Augen schlichtweg unethische Handlungsweise des Anwalts hervorgehoben. Dieser Mann, den Karl May in beiden Teilen verantwortlich macht für das überstrenge Urteil, dem er in Mittweida anheimfiel, überließ kaltblütig den Angeklagten Karl May seinem Schicksal: Nachdem auch Mirza Selim mir einige kurze, fast feindselig klingende Worte des Abschiedes zugerufen (hatte) (319) ... war es auch mit meiner Kraft zu Ende. (Ebd. ) »Halef«, sagte ich, »diese Perser sind die Verfolger Hassan Ardschir-Mirzas. Selim Agha ist mit ihnen im Bunde.« (323)
Selim Agha entkommt ungestraft. Wie der Anwalt Karl Hugo Haase. Die Strafe hatte May ihm im Geiste schon zuteil werden lassen, indem er ihn als Gasahl Gaboya an der Kugel eines »Dieners«, eines auf unterer Stufe Stehenden, sterben ließ. In der Parallel-Schilderung der Ereignisse läßt er den Menschen, der ihn, Karl May »verriet«, weiterleben - wie es damals der Realität entsprach.
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Der Titel der Erzählung "Die Todes-Karavane" erklärt sich augenfällig aus jenem schrecklichen, von Pilgern und Eiferern begleiteten Leichenzug nach Kerbela, den Karl May so anschaulich und so furchterregend schildert (286-290) und der mit all seinen Begleiters