Meinem Sohn Fabian
Als Karl May im Juli 1904 mit dem Schlußkapitel "Der Shen-Ta-Shi" zu seinem Roman "Und Friede auf Erden" begann, schrieb er dort verheißungsvoll, seine während der Orientreise gemachten Studien, auf denen sich "Friede" gründet, würden noch mehrere Bände füllen.(1) Drei Jahre später folgte dann aber als einziges weiteres Werk, das diese Reise reflektiert, nur noch die relativ kurze Erzählung "Schamah". Im Zusammenhang mit der intensiven Arbeit an seinem Drama "Babel und Bibel" waren inzwischen andere Themen in den Vordergrund gerückt, die Reiseeindrücke immer mehr verblaßt. Daß May überhaupt noch einmal auf seine Reise zurückgriff, anhand von Aufzeichnungen zumindest e i n e n der Reiseabschnitte literarisch (teilweise) zu rekonstruieren suchte, von denen im "Friede"-Roman nicht die Rede ist, nämlich seinen zweiten Aufenthalt in Jerusalem (7. Mai bis 13. Mai 1900)(2), erstaunt fast, bedenkt man, mit welcher Fülle von bedrängenden Ereignissen er seitdem konfrontiert war, die alle nach literarischer Bewältigung verlangten. Offenbar konnten weder die entnervenden Prozesse noch die quälenden Presseangriffe das Erlebnis der Orientreise gänzlich vergessen machen: auch im Bewußtsein Mays markierte es den Wendepunkt in seinem Leben und Schreiben.
Die genaue Entstehungszeit von "Schamah" ist zweifelhaft. Hans Wollschläger nennt den Sommer 1907(3), was aber nicht sehr wahrscheinlich ist. Während seines Kuraufenthaltes in Bad Salzbrunn (22. Mai bis 3. Juli 1907)(4) war May anfangs zu geschwächt(5), später zu sehr mit gesellschaftlichen Verpflichtungen und Theaterbesuchen ausgelastet, um eine solche Erzählung zu schreiben.(6) Im Spätsommer wiederum ist mit einiger Sicherheit die Erzählung "Abdahn Effendi" entstanden(7), so daß auch dieser Zeitraum für "Schamah" entfällt. Der wichtigste Hinweis zur Entstehungszeit findet sich in Otto Hartmanns Aufsatz "Im Banne Karl Mays", veröffentlicht im Karl-May-Jahrbuch 1923.(8) Hartmann, Schriftsteller(9) und Direktor der Regensburger Verlagsanstalt vorm. G. J. Manz, schreibt dort, May habe ihm "Schamah" bereits am 21. März
1907 »verehrt« und »ganz gewidmet«.(10) Folgt man dem, so wird die Erzählung also Ende 1906/Anfang 1907 zu datieren sein.
Mit Hartmann stand May seit der Jahrhundertwende in flüchtigem schriftlichen Kontakt. Zu einer persönlichen Begegnung kam es jedoch erst am 10. September 1907 in Regensburg.(11) Spätestens dann und dort einigte man sich darauf, "Schamah" in der Illustrierten Jugendzeitschrift "Efeuranken" des Manz-Verlags zu publizieren.(12) Diese katholische Monatsschrift, dem "Deutschen Hausschatz" geistig verwandt(13), brachte "Schamah" vom Oktober 1907 bis März 1908 in den Heften 1-6 ihres XVIII. Jahrgangs, mit dem Untertitel "Reiseerzählung aus dem Gelobten Lande".(14) Illustriert ist die Erzählung dort mit mehreren von Klara May aufgenommenen Photographien, die May zwischen Mauerresten in Bethanien (Efeuranken S. 37), im Haram Ramet el Chalil bei Hebron (Efeuranken S. 71) und am Siloahteich bei Jerusalem (Efeuranken S. 163) zeigen - und so dokumentieren, daß er diesmal wirklich da war.(15) Im Text hat May diese Bilder jeweils kurz kommentiert, Stellen, die bei den späteren bildlosen Nachdrucken natürlich entfielen.(16)
Eine Zweitveröffentlichung der Erzählung bot May dem Verlag von F. W. Cordier in Heiligenstadt für dessen "Eichsfelder Marienkalender 1909" an, was Cordier jedoch »unter Hinweis darauf, daß sie erstmals in einer Jugendzeitschrift ("Efeuranken") erschienen sei, entrüstet (zurückwies).«(17) Stattdessen konnte dann der überaus eifrige May-Apologet Heinrich Wagner - 1907 hervorgetreten mit seiner "kritischen Studie" "Karl May und seine Werke" - "Schamah" in seiner "Donau-Zeitung", Passau, abdrucken, vom 18. 8. bis 9. 10. 1908. Im Anschluß veröffentlichte er dort am 12. 10. seine erläuternde Abhandlung "Der »Schlüssel« zu »Schamah«".(18) Ab Oktober 1909 erschien "Schamah" noch im Feuilleton des "Bamberger Volksblattes"(19), 1910 dann schließlich die erste Buchausgabe, in der illustrierten Reihe "Bibliothek Saturn" (Bd. 7) des Stuttgarter Neuen literarischen Instituts, in gleicher Ausstattung wie 1909 bereits "Abdahn Effendi", mit einem farbigen Titelbild (Eccehomobogen in Jerusalem), einer Schwarzweiß-Tafel, einer Zeichnung und einer Vignette von Theodor Volz.(20) Seit 1977 liegen beide "Saturn"-Bände in einer Reprint-Ausgabe des Karl-May-Verlags Bamberg und des Verlags A. Graff Braunschweig wieder vor.(21) Nach dieser Ausgabe wird in der vorliegenden Arbeit zitiert.
Untauglich für Forschungszwecke sind die bearbeiteten Fassungen im Radebeuler wie im Bamberger Band 48, "Das Zauberwasser", des Karl-May-Verlags, erschienen 1927 bzw. 1954. Im Neudruck wurde der Originaltext 1974 wieder vorgelegt in dem von Heinz Stolte und Erich Heinemann herausgegebenen Sammelband "Der Große Traum.
Erzählungen." (München 1974, dtv 1034, S. 170-240). Er findet sich inzwischen auch in der Reihe "Reiseerzählungen in Einzelausgaben" des Pawlak-Verlages, im Band 41, "Unter heißer Sonne" (Herrsching o. J.). In Verkennung ihrer Wichtigkeit verzichteten alle diese Nachdrucke auf die Beigabe der dokumentierenden Photographien.
Von besonderem Interesse ist eine Bühnenfassung der Erzählung: "Schamah. Ein Stück in fünf Bildern von Karl May. Nach der gleichnamigen Erzählung für die Bühne eingerichtet von Hansotto Hatzig." (Sonderheft KMG 43, 1983). Entstanden ist das Stück 1972/73, im Jahre 1975 hat Hatzig es anhand des Originaltextes endgültig formuliert. Trotz notwendiger Kürzungen und Vereinfachungen ist es Hatzig gelungen, durch eine möglichst wörtliche Übernahme der Originaldialoge sowie durch geschickte Dialogisierung der indirekten Rede und wesentlicher Stellen des Erzählerberichts eine Adaption zu schaffen, die Aussage und Atmosphäre der Erzählung weithin bewahrt.(22) Dazu beigetragen hat, daß Mays Stil ohnehin vom Dialog geprägt ist und daß die Kürze der Erzählung schon May zu einer Beschränkung des handelnden Personals zwang. Eine Aufführung des Stückes erfolgte noch nicht, wäre aber sehr zu begrüßen, könnte hier doch eine Möglichkeit liegen, verbreitete Vorurteile über May abzubauen und ein neues Publikum für sein Spätwerk insgesamt zu gewinnen.
Glaubt man Otto Hartmann, fand zumindest der Erstdruck von "Schamah" in den "Efeuranken" »weithin Beifall«(23), doch sind Zweifel angebracht. Niedergeschlagen in Rezensionen o. ä. hat sich dieser »Beifall« zu Lebzeiten Mays jedenfalls nicht, sieht man einmal von dem schon genannten »Schlüssel«-Aufsatz Heinrich Wagners ab. Die geringe Resonanz wird May nicht wenig getroffen haben, hatte er doch gerade »diese Erzählung sehr hoch eingeschätzt, ja sogar in seiner Anti-Pöllmann-Polemik gegen des Paters Angriffe geltend gemacht, er habe mit "Schamah" nicht weniger als einen Schlüssel zur Lösung der orientalischen Frage gegeben.«(24) Beim jugendlich-naiven "Efeuranken"-Publikum damit ohnehin nicht am rechten Ort, war man scheinbar auch allgemein wenig an diesem »Schlüssel« interessiert. Das hat sich bis heute kaum geändert. Findet "Schamah" überhaupt einmal Erwähnung, dann eher herablassend. Wollschläger wertet die Erzählung als »schüchtern heitere, allgemeine Versöhnungsgeschichte mit sehr schlichtem Doppelboden«(25), Thomas Ostwald spricht von einer »kleinen Geschichte«,
einer »weitaus schlichteren Erzählung" als "Abdahn Effendi".(26) Annähernd gerecht geworden ist dieser »Altersnovelle voll schöner symbolischer Poetik«(27) auch innerhalb der neueren May-Forschung bisher nur Heinz Stolte, der zwar ebenfalls von der »schlichte(n) Anmut dieser liebenswürdigen Geschichte«(28) spricht, sie andererseits aber auch als »ein besonders wichtiges und interessantes Dokument« im Alterswerk Mays ansieht, »bezeugt sie uns doch, daß die Krenzritterpose des Kara Ben Nemsi, zu der das fiktive "Ich" des Autors sich jahrzehntelang mythologisiert hatte, die ganze pompöse Maskerade des Phantasten, jetzt von ihm abgefallen ist.«(29) Die Äußerungen Stoltes zu dieser Entmythologisierung und zur Lessing-Rezeption Mays, wie sie sich auch in "Schamah" nachweisen läßt, stehen neben dem Text Heinrich Wagners noch einzig da.
I . S t r u k t u r
May selbst schreibt gegen Ende von "Schamah" zum Aufbau seiner Erzählung: Wenn ich mit der vorliegenden Erzählung künstlerische Zwecke verfolgte, so hätte ich sie ganz anders aufgebaut und würde dem Schluß . . . ein eigenes Kapitel zu geben haben. Der natürliche Verlauf der Dinge sei ihm aber wenigstens ebenso interessant wie seine eventuelle, literarische Bearbeitung, so daß er lieber die Tatsachen schlicht und ungeschminkt berichte (68). Ohne konkret darauf zu verweisen, rechtfertigt May sich hier für eine formale Inkonsequenz: während des Schreibens hatte er vergessen, die begonnene äußere Strukturierung durch römisch bezifferte Kapiteleinteilungen fortzusetzen, weshalb der einzige derartige Einschnitt (32) relativ unmotiviert wirkt. Da ihm eine nachträgliche Einteilung zu Recht nicht sinnvoll schien - sie wäre ohne neue inhaltliche Abgrenzungen willkürlich gewesen und hätte das im Schreibfluß Geschaffene zerrissen -, verzichtete er darauf ebenso wie auf eine nachträgliche Verschmelzung der beiden vorhandenen Kapitel, was erfordert hätte, noch einen inhaltlich gar nicht zwingenden Übergang zu schreiben. Obgleich ihm die Inkonsequenz noch während des Schreibens auffiel, beließ er es daher bei einer indirekten Entschuldigung. Sie suggeriert dem Leser, May sei es bei der Abfassung auf formale Aspekte nicht angekommen und kolportiert damit eine Behauptung, die May im Alter immer wieder aufgestellt hat, die uns aber nur zum Teil richtig scheint. Zwar ist es unzweifelhaft, daß es ihm zu-
nächst[zunächst] um die Vermittlung seiner Botschaft ging und daß im Bemühen, Befreiung von belastendem Innenmaterial zu finden, seine Texte sich in der Regel aus sich selbst heraus entwickelten - davon zeugt ja die genannte Inkonsequenz(30) -, doch zeigt sich im Spätwerk zugleich auch häufig eine zuvor so nicht vorhandene Bewußtheit in der Formgebung. Obwohl es - abgesehen von der Lyrik und vom Drama "Babel und Bibel" - nie zu formal wirklich durchkomponierten Texten kam, weil die Zwanghaftigkeit des Schreibens bei der Prosa dem konträr lief, gibt es Ansätze dazu allerorten. So auch in "Schamah". Deutlich hat May hier versucht, eine Novelle und nicht nur eine Kurzerzählung zu schreiben.(31) Im Zentrum steht »eine sich ereignete unerhörte Begebenheit«(32), nämlich das schicksalhafte Zusammentreffen Thars mit Schamah im Haram Ramet el Chalil, die als Wendepunkt des Geschehens fungiert. Da diese »unerhörte Begebenheit« in der Folge auch zu einer Wandlung Thars führt, dessen Charakter May zuvor - allerdings novellenuntypisch - in mehreren vorwiegend heiteren Episoden gezeichnet hat, kann man eher von einer Charakter- als einer Handlungsnovelle sprechen. Die geschlossene Form der Novelle erreicht May unter anderem durch einen angedeuteten Rahmen, seine Ausführungen zum Paschasattel. Der rahmende Sattel hat zum einen beglaubigende Funktion(33), zum anderen dient er - May sagt es selbst - als eigentlicher »intellektueller Urheber« (5) der Erzählung, d. h. durch ihn wird die Handlung zur zentralen »Begebenheit« hingelenkt. Als novellistisches Spitzenmotiv (»Falken«), wie zu erwarten wäre, hat May den Sattel allerdings nicht genutzt: seine Wiederkehr im Text ist nicht leitmotivisch begründet, sondern dient lediglich der äußeren Handlungsführung, und ein bildhafter Signalcharakter fehlt ihm gänzlich. Neben dem Rahmen dient der formalen Geschlossenheit: 1.) eine längere Exposition, in der die Protagonisten Mustafa Bustani und Thar eingeführt und charakterisiert werden und in der zugleich die Ausgangsposition der Mustafa-Handlung, die außerhalb der Erzählung liegende Verstoßung Achmed Bustanis, skizziert wird; 2.) eine halbwegs lineare, nur im ersten Teil episodenhaft aufgefächerte Handlungsentwicklung, die zu einem vorbereiteten Schluß, der Erlösung Mustafas, führt; 3.) die Beschränkung des Personals und der Ortswechsel; 4.) der kontinuierliche Zeitablauf über zweieinhalb Tage; 5.) die relative Abgeschlossenheit des Ausgangs. Diese novellistischen Merkmale verleihen der Erzählung zugleich einen dramatischen Charakter, wovon auch die Mühelosigkeit zeugt, mit der es Hatzig gelang, sie für die Bühne umzuarbeiten.
Wenigstens ebenso entscheidend wie die Novellentektonik ist für den artifiziellen Wert der Erzählung die Ebenenstruktur, die "Scha-
mah"["Schamah"] von innen her konstituiert. Auf sie brauchen wir an dieser Stelle nicht ausführlich einzugehen, da ihre Wirksamkeit in den späten Texten Mays inzwischen hinlänglich bekannt sein dürfte. Wie auch sonst im Alterswerk Mays ist bei "Schamah" zwischen Handlungsebene, Autobiographischer Ebene und Philosophisch-religiöser Ebene zu differenzieren. Der innere Gehalt von "Schamah" wird sich uns nur dann erschließen, wenn wir dies berücksichtigen, unterschiedliche Interpretationswege einschlagen und gegebenenfalls auch parallele Deutungen der Bilder und Vorgänge zulassen. Was ich an anderem Ort zu "Abdahn Effendi" gesagt habe(34), betrifft aber auch "Schamah": eine ähnlich umfassende Polyphonie der Ebenen, wie sie sich in längeren Passagen der späten Romane Mays erweist, wird in "Schamah" kaum erreicht. Ursächlich dafür ist hier wie dort die Kürze der Texte, die zum Raffen zwang und Mays Bewußtseinsstrom beim Schreiben eindämmte. Seltener als in den Romanen gelangen Biographie und Botschaft zur bildlichen Deckung, verschlüsselte Biographieelemente sind oft nur unbewußt und bruchstückhaft in den Text eingebracht und der Handlungsebene fehlt häufig genug jegliche tiefere Bedeutung. Trotz der Novellentektonik als Ordnungsprinzip scheint die Botschaft nur sporadisch durch und ergibt keine klar gegliederte Parabel.
II. H a n d l u n g s e b e n e - J e r u s a l e m 1 9 0 0
Betrachtet man "Schamah" nur oberflächlich, könnte man meinen, es handele sich um eine einfache, unnötigerweise mit religiöser Problematik belastete Kindererzählung, die May in geschickter Weise mit den Erinnerungen an seinen zweiten Aufenthalt in Jerusalem und Umgebung (7. - 13. 5. 1900) verbunden hat. Tatsächlich kann man die Erzählung auch dann mit Gewinn lesen, wenn einem ihre tiefere Dimension nicht aufgeht, wenn man als naiver Leser nur die Handlungsebene wahrnimmt. Die in der ersten Hälfte detailliert geschilderten phantasievollen Streiche des kecken und unverfrorenen Knaben Thar, später auch seine spielerischen Kämpfe mit den Knaben von Hebron und seine »Verschwörung« zu Ehren Schamahs, belustigen für sich genommen, und manch einer mag sich in der zweiten Hälfte, wenn sich Thar und Schamah begegnet sind, an der idyllischen, liebreizenden Zweisamkeit der beiden Kinder erfreuen. Ludwig Thomas "Lausbubengeschichten"(35) liegen ebenso nah wie die Märchenidyllen von "Hänsel und Gretel" oder "Brüderchen und Schwesterchen", Mays eigenes "Sonnenscheinchen" von 1903 nicht zu vergessen, das (nicht nur) in der Beziehung manche Gemeinsamkeit mit "Schamah" aufweist, ja, wie ein Vor-
läufer[Vorläufer] wirkt. Auf der anderen Seite wird es jeder Leser, der sich für die Biographie Mays interessiert, begrüßen, daß der Autor es unternommen hat, der Erzählung seinen wirklichen Jerusalemaufenthalt zu unterlegen, von dem uns sonst kaum etwas überliefert wäre. Da diese Reisereflexionen sich im Gegensatz zur Kindergeschichte semantisch auf der Handlungsebene erschöpfen, seien sie vorab und isoliert betrachtet. Versucht werden soll, Mays Jerusalemaufenthalt möglichst genau und chronologisch nachzuzeichnen. Hypothesen und Hilfskonstruktionen lassen sich leider nicht vermeiden.
habe. Eine indirekte Bestätigung für seine damalige Abkehr von Emma und seine Hinwendung zu Klara findet sich in der Studie "Frau Pollmer", wo es heißt: Klara fühlte sich unendlich glücklich . . . und beschäftigte sich mit sorgenfreierem Gemüth mit den Schätzen, die der Orient vor ihrem staunenden Auge entfaltete. Sie war in künstlerischen Anschauungen erzogen und hatte einen sehr guten, offenen Blick für AIles, was sich Köstliches ihr bot. Ich begann, zu erkennen, daß sie doch vielleicht nicht das »Gänschen« sei, für das ich sie bisher gehalten hatte. Meine Frau aber sah von all diesen Herrlichkeiten nichts. Sie hatte keinen Sinn hierfür. Sie sah nur Steine, nur Sand, nur Dattelpalmen, nur Pferde und Esel und Menschen und weiter nichts. Und sie sah die Hotelrechnungenl(38) Wenn es richtig ist, daß May sich während des zweiten Teils der Orientreise, wenigstens innerlich, Klara zuwandte, wenn in dieser Zeit seine Zuneigung zu ihr wuchs, dann haben wir hier ein weiteres Motiv, weshalb er sich noch einmal literarisch mit dieser Reise auseinandersetzte. Schreibend mag er versucht haben, zu realisieren, was damals nur als unerfüllbarer Wunschtraum vorhanden sein konnte: allein mit Klara zu reisen, ohne Emma, ohne Richard Plöhn.
Abgesehen von dieser, allerdings bedeutsamen Reduzierung im Personal und abgesehen auch von der fiktiven Fabel um Mustafa, Thar und Schamah hat May die konkrete Wirklichkeit seines zweiten Jerusalemaufenthalts, dort, wo er sie eingebracht hat, recht getreu ins Literarische übersetzt. Daß es nicht sein erster Besuch in der Heiligen Stadt war, verraten mehrere Textstellen. Ohne konkret seinen Aufenthalt vom 29. Juli bis 20. August 1899 zu nennen - der sich auch sonst höchstens in einigen Milieuschilderungen in der Erzählung wiederfindet -, schreibt er etwa bei der Einführung Mustafa Bustanis: Ich kaufte, so oft ich in Jerusalem war (!), wenn möglich, nur bei ihm (6) - und wir können ihm glauben, daß er wirklich den Kaufmann näher kennenlernte, in dessen Geschäft im Suk el Bizâr er zweimal seine Ausrüstung vervollständigte.(39) Heinz Stolte wagt sogar die Vermutung, »die familiären Kümmernisse des "judarabischen" Kaufmanns, mit dem er (May) näher bekannt geworden zu sein scheint«, hätten ihn zu seiner Erzählung »inspiriert«, auch die besondere Problematik Mustafa Bustanis habe er also der Wirklichkeit entlehnt.(40) Denkbar ist es, auch, daß May tatsächlich während seines ersten Aufenthalts im August 1899 des öftern ganze Abende im Hause dieses Kaufmanns verbrachte und ihm, als (er sich) nach (seiner) letzten Anwesenheit verabschiedete, versprechen (mußte), (seine) Frau mitzubringen, sobald (er) wiederkomme. (7) Aber das muß Spekulation bleiben, ebenso wie ein möglicher Sohn dieses Kaufmanns.
Ob May seine Frau(en) im Mai 1900 wirklich dem ominösen Kaufmann vorstellte oder ob all dies nur Phantasie ist - in jedem Fall war es in der rauhen Wirklichkeit nicht ganz so leicht, sie überhaupt nach Jerusalem zu führen, wie in der Novelle, wo es lapidar heißt: . . . füge ich hinzu, daß ich von Sumatra nach Ägypten gekommen war, um dort mit meiner Frau zusammenzutreffen. Ich hatte sie durch das Land der Pharaonen und durch die arabische Wüste geführt, und nun befanden wir uns im Gelobten Lande. (8) Lassen wir die Wüste beiseite, stimmt der Reiseverlauf, nur verschweigt May, daß er im Dezember 1899 in Port Said, dem vereinbarten Treffpunkt, vergeblich auf Emma, Klara und Richard Plöhn gewartet hatte und gezwungen war, sie an der Riviera, in Arenzano zu suchen, wo die drei sich aufhielten, weil Richard unterwegs krank und pflegebedürftig geworden war.(41) Erst im März 1900 konnte die Reise fortgesetzt werden, die über einige italienische Stationen (Pisa, Rom, Neapel) zunächst ins Land der Pharaonen (Kairo 9. 4.-27. 4.) und dann ins Gelobte Land führte. Von Port Said aus kamen sie am 1. 5. in Jaffa an, wo sie einige Tage blieben, am 7. 5. öffneten sich ihnen dann die Tore Jerusalems. Wir waren tags zuvor von Jaffa nach Jerusalem gekommen, wollten einige Wochen bleiben, um Ausflüge in die Umgebung bis zum Toten Meere zu machen, und dann nach Damaskus gehen. (8)
Wie schon beim ersten Male mietete sich May im Lloyd Hotel des süddeutschen Einwanderers A. Fast ein. In der Novelle, wo der Name des Hotels nicht fällt, besuchen ihn dort später nacheinander Thar, Mustafa Bustani, Schamah und ihre Mutter, sicher nur eine literarische Fiktion. Daß May diese Besuche in die Frühstücks- bzw. Mittagszeit Iegt, ist immerhin von Bedeutung: in der übrigen Zeit hielt er sich nicht im Hotel auf, sondern erkundete die Stadt und ihre Umgebung.
Folgt man der Chronologie der Erzählung, unternahmen Mays und Plöhns gleich am Tag nach der Ankunft, also am 8. 5., eine nachmittägliche Wanderung nach dem am Ölberg gelegenen Dorf Bethanien (El Azarijeh), dem biblischen Wohnort des Lazarus und seiner Geschwister Maria und Martha. Angesichts der wenigen zur Verfügung stehenden Tage ist es aber wahrscheinlich, daß dieser Ausflug mit dem später geschilderten, der am 10. 5. stattfand, identisch ist. In jedem Fall wird man es nicht versäumt haben, schon am ersten Tag einige der wirklich klassischen heiligen Stätten zu besuchen: also Golgatha mit der Grabeskirche oder den Tempelplatz (Haram esch Scherif)(42) mit Felsendom (Omarmoschee), El-Aksa-Moschee und Klagemauer. In der Novelle spielen sie keine Rolle. Von der (angeblich) ersten Wanderung nach Bethanien schreibt May: (Wir) wanderten . . . nach dem Ölberge, um
nach Bethanien hinauf zu spazieren und dann über die Stätte Betphage und Kafret Turnach der Stadt zurückzukehren. Wir nahmen den photographischen Apparat mit, ohne den meine Frau (Klara) fast nie verreist . . . . So machte sie auch heute in Bethanien einige Aufnahmen, welche die Eigenartigkeit der dortigen Stein- und Mauerreste zeigen. Wenigstens eine dieser Aufnahmen ist uns - als "Efeuranken"-Illustration überliefert.(43) Dann stiegen wir zur vollen Höhe des Ölbergs hinauf. Da gibt es Stellen, an denen man nicht nur die ostjordanischen Berge, sondern sogar einen Teil des Toten Meeres liegen sieht. Erst einige Zeit vor der Abenddämmerung (22) kehren sie in die Stadt zurück, beeindruckt von der szenisch ergreifenden und geschichtlich gewaltigen Örtlichkeit (23).
In der Erzählung folgt nun am nächsten Tag der Ausflug nach Hebron: »Ich will meiner Frau das Grab Abrahams und den berühmten Hain Mamre zeigen, wo die drei Engel dem Patriarchen erschienen sind.« (25) In Wirklichkeit kam es dazu erst zwei Tage später, am 11. 5. Die Novellenform verlangte einen gestrafften kontinuierlichen Zeitablauf, so daß May die Spaziergänge und Besichtigungen, die er mutmaßlich am 9. und 10. 5. unternahm, zeitlich verschob.(44) Die Erlebnisse des 9. 5. sind überhaupt nur nebenbei in "Schamah" eingegangen: Wir verwendeten den Vormittag dazu, die »Gräber der Könige« und einige andere naheliegende Orte zu besuchen. Am Nachmittag wollten wir nach Ain Karim, einem meiner Lieblingsplätze, den man für den Geburtsort Johannis des Täufers hält. (69)
Ausführlicher schildert May die Ereignisse des 10. 5., einen Spaziergang zum Siloahteich und zum Grab des Lazarus in Bethanien. Auffallend ist, wie sehr er hier wie auch sonst das Photographieren betont. Von »meiner Frau« konnte er dabei mit gutem Gewissen schreiben. Meine Frau (Klara) veranlaßte mich, den Apparat mitzunehmen. Sie wollte am Siloahteiche und in Bethanien einige Aufnahmen machen . . . . Als wir hinkamen, war kein Mensch außer uns zu sehen. Ich freute mich darüber. . . . Meine Frau wollte Schamah gern mit auf das Bild bekommen; aber das Kind hatte noch kein Vertrauen zu dem schwarz überhangenen Dreigestell . . . Ich war es also allein, der aufgenommen wurde. (72) Geschickt begründet May den "Efeuranken"-Lesern, warum er auf dem realen Photo, das ihn am Siloahteich zeigt(45), nur allein zu sehen ist. Von hier aus gingen wir nach dem Kidrontal und bis zur sogenannten oberen Brücke, um Gethsemane zu sehen. Dann über den jüdischen Begräbnisplatz nach Bethanien hinauf . . . . »Dann . . . zum Grab des Lazarus, um zu photographieren.« (73) . . . die Sonne stand schon tief und für später ließ sich kein gutes Bild mehr erwarten . . . . Wir
. . .stellten den Apparat so auf, daß er grad auf den Eingang zum Grabe gerichtet war. Wir glaubten, es sei niemand drin. Da sahen wir den Wärter des Grabes, der von innen unter die Tür trat, den Arm abwehrend emporhub und uns zurief: »Jetzt nicht, jetzt nicht! Jetzt ist es verboten, denn es ist ein Moslem drin, ein Anhänger des Propheten!« Aberschnapp! ließ meine Frau nun grad erst recht die Leitung wirken. (74) Mays Interpretation des realen Bildes(46) ist bezeichnend für seine umschaffende Phantasie. Wie es sich tatsächlich verhielt, hat Klara auf der Rückseite der Photographie notiert: »Der Araber hält den Schlüssel hoch und ruft uns zum Eingang des Grabes.«(47) May fährt fort: Wir nahmen auf dem Gemäuer Platz und teilten uns unsere Gedanken mit - leise wie in einer Kirche. Wir waren ganz allein. Der Hüter hatte sich entfernt. Das Grab stand offen. Welche Gedanken schauten aus dieser geöfineten Tür zu uns herüber! (77) Dann steigen Mays und Plöhns den schon bekannten Weg über Betphage nach Kair et Tur hinauf . . . Die Sonne stand soeben im Begriffe hinter dem Horizont zu verschwinden. Mit ihren letzten Strahlen umarmte sie die heiligste der Städte, die es auf Erden gibt. Welchen Anblick Jerusalem während eines solchen Sonnenunterganges vom Ölberg aus bietet, muß man gesehen und empfunden haben; es zu beschreiben, ist nicht möglich. (79) Den läutenden Abendglocken entgegen (Vgl. 79) kehren sie durchs Stephanstor in die Stadt zurück.
Das eindrücklichste Erlebnis während des Jerusalemaufenthalts war für May der Ausflug nach Hebron (El Chalil), am 11. und 12. 5. Das bezeugt sowohl der Raum, den er ihm in seiner Novelle gewährt, als auch die Bedeutung, die er ihm dort für die Wandlung Thars und die Wende des Geschehens beimißt. In Hebron lernte May wie nirgends sonst in Palästina die religiöse Intoleranz kennen, das vordergründige Thema "Schamahs". Trotz der unfreundlichen Bevölkerung (33) zog es ihn vermutlich auch schon 1899 von Jerusalem aus dorthin, motiviert durch seine christliche Verehrung der Erzväter, besonders Abrahams (34): Fast jede besondere Stelle der Umgegend ist mit dem Gedächnis des Patriarchen verknüpit, und darum ist es mir, so oft ich in Jerusalem war, stets Bedürfnis gewesen, auch Hebron zu besuchen. (34) Auf frühere Hebron-Besuche - natürlich kann nur der eine gemeint sein - spielt May noch mehrmals an.(48)
Am 11. 5. brechen Mays und Plöhns schon in der Frühe vom Lloyd Hotel aus auf, begleitet von ihrem Diener Sejd Hassan und geführt von einem arabischen Kutscher (Vgl. 39): Am nächsten Morgen, genau sieben Uhr, hielt ein wohlbespannter, bequemer, viersitziger Kutschwagen vor unserer Wohnung. (34) 36 km Fahrt Richtung Süden durchs karge judäische Bergland liegen vor ihnen. In vier Stunden könnten sie in He-
bron[Hebron] sein, lockten nicht eine Reihe von am Wege liegenden Sehenswürdigkeiten zur Besichtigung. Der Weg führt vom Jaffotor ziemlich steil in das Hinnomtal hinab, am Birket es Sultan (Anmerkung: Sultansteich.) vorüber und drüben wieder hinauf, zur Hochebene El Buckei'a, an deren Ende das Kloster Mar Eljas liegt, von dem aus sich eine weite, hochinteressante Fernsicht bietet. (36) Mar Eljas liegt linkerhand der Hauptstraße Jerusalem-Hebron und ist auf einer Nebenstraße direkt zu erreichen. Vom Hügel aus konnte May das 3 km südliche Bethlehem und die Hirtenfelder von Bet-Sahur sehen, auch Jerusalem und das Tote Meer. Jenseits des Klosters kommt man an das Kubbet Rachil (Anmerkung: Grabmal der Rahel.), wo Rahel, die Frau des Patriarchen Jakob, begraben wurde. (36) Der unscheinbare Kuppelbau steht rechts an der Hauptstraße und lohnt keinen längeren Halt. An dieser Stelle teilt sich der Weg. Links führt er nach Bethlehem und geradeaus nach Hebron. Wir schlugen also die letztere Richtung ein und kamen nach drei Viertelstunden zu den drei »Salomonischen Teichen« . . . (36f.) Daß May auch in Wirklichkeit Bethlehem links liegen ließ, wirkt nicht glaubwürdig. Entweder jetzt, auf der Hinfahrt nach Hebron, oder auf dem Rückweg wird man einen Abstecher dorthin gemacht haben, um die Geburtskirche und andere Stätten zu besichtigen. Auch an den Salomonischen Teichen mit dem »Schloß der Teiche« (Qal'at el Burak; May: Kastell, 37) wird man dann später nicht achtlos vorübergefahren sein. Im Wadi el' Arrnb, auf halbem Wege zwischen Jerusalem und Hebron, legen die Ehepaare in einem »Cafe« eine Rast ein. May befindet sich in gehobener Stimmung (37), man trinkt reichlich Kaffee und verzehrt den mitgenommenen Proviant. Gab es wirklich, wie von uns vermutet, einen längeren Aufenthalt in Bethlehem, wird es inzwischen Mittag geworden sein.(49) Anschließend geht die Fahrt nach Am ed Dirwe, wo es eine schön mit Quadern gefußte Quelle gibt, den Philippusbrunnen - in ihm soll der Apostel Philippus den Schatzkämmerer der Königin Candace von Äthiopien (getauft) haben -, und dann an den Ruinen von Beth Zur vorüber. Weinberge und Gärten kündigen bald darauf die Nähe der Stadt Hebron an. Nach etwa einer halben Stunde liegt links von der Straße, vielleicht 400 Schritte von ihr entternt, ein großes Mauerwerk, Haram Ramet el Chalil (Anmerkung: Heiligtum Abrahams.) genannt, in dem sich eine Zisterne, der sogenannte »Brunnen Abrahams« befindet. (39) Eine Besichtigung hebt man sich für den Rückweg auf, denn es gilt, jetzt zunächst eine Unterkunft in Hebron zu finden. Früher pflegte ich, so oft ich nach El Chalil kam (= 1899), bei dem alten, ehrwürdigen und gegen Bekannte außerordentlich gefälligen Juden Eppstein einzukehren, welcher, weil er aus Deutschland stammt,
der deutschen Sprache mächtig ist und sich jedes Deutschen annimmt, soviel es seinen, bei dem hiesigen Christenhaß allerdings nur schwachen Kräften möglich ist. (39) Wenn irgend machbar, mietete May sich während seiner Reise bei Landsleuten ein - auch »Eppstein« wird eine reale Figur sein, nur trug Mays freundlicher zweimaliger Gastgeber wohl einen anderen Namen. Mein alter, braver Eppstein nahm uns im höchsten Grade gastlich auf. Er gab uns sein mir sehr wohlbekanntes »bestes Zimmer«, welches verhältnismäßig luftig auf dem platten Dache liegt. (43) Ausführlich beschreibt May dieses sein Zimmer, scheinbar aus dem Tagebuche meiner Frau zitierend. (Vgl. 43)(50) Nachdem man sich halbwegs eingerichtet hat, will May seiner Frau und Plöhns die Patriarchengräber zeigen.
Glaubt man der Novelle, so äußert sich an diesem Tag die Christen- und Judenfeindlichkeit der überwiegend muslimischen Bevölkerung besonders scharf, weil der Geburtstag und zugleich der Verstoßungstag Ismaels, des nationalen Ahnherrn der Araber, begangen wird. Daß May und Plöhn ihre Frauen dabei haben, kann sehr leicht als Mißachtung aufgenommen werden (42). Ein durch die Gassen Hebrons gehender Christ tut wohl daran, wenn er sich bemüht, die Augen der »wahren Gläubigen« so wenig wie möglich auf sich zu ziehen, sonst kann es leicht kommen, daß wenigstens die Jugend hinter ihm herläuft, um ihn nicht nur mit Schimpfworten, sondern auch mit noch kompakteren Dingen zu bewerfen. (33) . . . überall in den engen und schmutzigen Gassen, durch die wir kamen, sah man uns mit feindseligen Augen an. Die Besichtigung des angeblichen Begräbnisortes von Abraham, Isaak, Jakob und ihren Frauen Sara, Rebekka und Lea, des Haram el Chalil (Kirche/Moschee mit Kenotaphen über der Höhle Machpela(51)), für Nicht-Muslime damals ohnehin nur von außen möglich, wird ihnen von den Moscheebeamten verwehrt: . . . wurde uns einfach bedeutet, sofort wieder umzukehren, wenn wir nicht Gefahr laufen wollten, vom Volke mißhandelt zu werden. Im Jahr zuvor war May immerhin bis an das eigentliche, innere Sanktuarium geführt worden, wenn auch nicht hinein. (42)
In der Erzählung ist May nun gezwungen, die Straßen der Stadt zu vermeiden und nur auswärts liegende Punkte zu besuchen. Davon kamen für heute nur zwei in Betracht, nämlich die Eiche von Mamre und der Haram Ramet el Chalil. (43) In Wahrheit wird es für diese Unternehmungen inzwischen wohl zu spät geworden sein und so wird man sich wieder zu »Eppstein« begeben haben, um zu Abend zu essen. »Bewirtet wurden wir mit vorzüglichem Hebronwein, die ganze Flasche für einen Frank. Das Essen, welches man uns vorsetzte, zeugte von großer
Mühe, die man sich gegeben hatte, doch wäre diese Mühe gewiß einer bessern Sache wertgewesen.« (43)
Am nächsten Morgen, dem 12. 5., brechen die beiden Paare zur russischen Abrahamseiche, zum angeblichen Hain Mamre auf, eine halbe Stunde nordwestlich von Hebron gelegen.(52) Es ist anzunehmen, daß ihnen »Eppstein« wie in der Novelle einen »zuverlässigen Eselsverleiher« (45) bestellte, die Fahrt also nicht etwa mit dem für Hebroner Straßenverhältnisse kaum geeigneten Pferdewagen unternommen wurde. Der Hammahr (Anmerkung: Eselstreiber.) stellte sich in kurzem ein, um unsere Bedingungen zu hören. Er sah mürrisch aus, war aber ein gutmütiger und gar nicht ungefälliger Mensch. (46) Ob er wirklich nur Maulesel zu vermieten hatte? (Vgl. 46) Und ob es eine störrische Güwerdschina war, auf die May zu sitzen kam? In der Erzählung jedenfalls ist der Ritt nicht ganz problemlos: So quälte ich mich mit dem bockbeinigen Tiere während des ganzen Weges, der eine halbe Stunde lang zwischen Gärten nach der Eiche führt . . . . Der Baum gehört den Russen, die hier ein Hospiz und einen Aussichtsturm erbaut haben, von dessen Höhe aus man bis zum Toten Meere sieht. Der Schlüssel zu diesem Turm ist im Hospiz zu holen; man hat hierfür eine Kleinigkeit zu entrichten. (47) Daß May die Eiche besichtigt und den Turm bestiegen hat, belegt eine gleiche Schilderung im "Silberlöwen III": Ich ritt auf dem alten Pflasterweg nach dem Hain Mamre hinaus und ließ mir im russischen Hospize dort den Schlüssel zum Aussichtsturme geben. Ich sah die unterhalb desselben stehende »Eiche Abrahams« . . . (53)
Dann reitet man zum Haram Ramet el Chalil. Der neue Weg fahrte über die Ruinen des Dorfes Chirbet en Nasara nach der Straße von Jerusalem. . . . Von der Straße aus ging es dann die erwähnten vierhundert Schritte nach dem »Brunnen Abrahams«, der in der Ecke eines quadratischen großen Mauerwerkes liegt. (49) Parallel dazu und ergänzend im "Silberlöwen III": . . . und ritt dann zwischen Weinbergsmauern weiter, die Jerusalemstraße hinaus und rechts hinüber(54) nach dem Brunnen Abrahams. Er liegt in der unteren, rechten Ecke des Mauerfeldes, und die strenggläubigen Bewohner von El Chalil sehen es nicht gern, wenn ein Christ von seinem Wasser trinkt. Ich schöpfte aber doch und trank und trank. Hierauf sammelte ich, wie ich schon früher gethan (= 1899), den Samen der dort massenhaft wachsenden Kompositenblumen ("Schamah": Glockenblumen), um ihn daheim in meinem Garten auszusäen.(55) Von der Basilika Konstantins des Großen sind nur noch die Mauerreste zu sehen. In der Nordwestecke sitzend(56) läßt May sich von Klara photographieren, der freundliche Hammahr mit dem mürrischen Gesicht gerät dabei mit aufs Bild: . . . machte sich meine Frau daran den Platz zu
photographieren. Als der Hammahr das sah, brachte er sich und seine Maulesel sofort in Sicherheit, denn er war der Meinung, daß nur Christen und Juden das Photographieren aushalten können, jede andere Kreatur aber, gleichviel ob Mensch oder Tier, daran zugrunde gehen müsse. Schließlich aber trieb ihn die Neugierde doch, sich in der Nähe an den Stein zu stellen um zuzuschauen. Er sah das »Auge des Ungeheuers«, nämlich das Glas der Kamera, auf mich nach der Ecke gerichtet und war überzeugt nicht mit getroffen zu werden; die Sonne aber hat auch ihn mit an das Licht gebracht. (50)(57)
Die anschließende Begegnung mit einem Kinderfestzug aus Hebron ist vermutlich reine Phantasie. Die Rückkehr nach Jerusalem dagegen kann sich ganz ähnlich wie in der Novelle abgespielt haben. Es ist denkbar, daß May mit dem Kutscher, der sie nach Hebron gebracht hatte, vereinbarte, sie zu einer bestimmten Zeit an der Jerusalem-Hebron-Straße zu erwarten. Andernfalls müßten sie mit dem Hammahr zunächst nach Hebron zurückgeritten sein, was unnötig Zeit gekostet hätte. Während der Heimfahrt ereignete sich nichts, was wichtig genug wäre, erzählt zu werden. Höchstens könnte ich sagen, daß wir, als wir das Wadi el' Arrab erreichten, wieder halten ließen, um in dem dort liegenden Café einzukehren. (60f.) Kam es auf der Hinfahrt nicht zu einem Aufenthalt in Bethlehem, dann jetzt. (Vgl. 61)
Am Nachmittag werden die Ehepaare wieder in Jerusalem angekommen sein. May schreibt an diesem Tag, am 12. 5., an Johann Dederle, den Chefredakteur der Dortmunder "Tremonia": Gestern waren wir in Hebron . . . Ich habe außer dem Äußerlichen auch so viel, so sehr viel Innerliches erlebt, und Palästina ist in geistiger Beziehung noch heut das Land, darinnen Milch und Honig fließt. Ich bringe davon mit!(58) Dokument dieser äußerlichen und innerlichen Erlebnisse wird lange Jahre später "Schamah" werden.
Der Jerusalemaufenthalt ist nun so gut wie beendet. Am Nachmittag des 13. 5. reisen Mays und Plöhns weiter nach Jericho, ans Tote Meer.
III . A u t o b i o g r a p h i s c h e E b e n e
1. Thar
Ein Charakteristikum der späten Arbeiten Mays ist die bewußte Verlagerung seines Ichs oder bestimmter Teilaspekte des Ichs auf verschiedene Handlungsfiguren. In "Schamah" geht dies so weit, daß die eigentliche Ich-Figur nur mehr als namenloser Beobachter agiert - so wie es realiter während der Orientreise war -, das aktive Geschehen aber von
anderen Figuren, zuvorderst vom elfjährigen Knaben Thar gelenkt wird. Durch die Delegierung seines Ichs erreicht May zweierlei: zum einen eine gewisse innere Distanzierung von sich selbst, die eine halbwegs objektive, kritische Ich-Betrachtung ermöglicht, ohne die Gefahr öffentlicher Bloßstellung, zum anderen die Schaffung einer inneren Bühne, auf der er bestimmte Ichaspekte oder variierende Ausprägungen des Ichs auf verschiedenen Entwicklungsstufen miteinander agieren lassen kann, um Innenkonflikte auszutragen und sich über seine Persönlichkeit und seinen Werdegang klarzuwerden. Bei der Realisierung dieses Verfahrens ist auch Halb- und Unbewußtes vielfach miteingeflossen, eine konkrete Bestimmung des jeweiligen Bewußtseinsgehalts ist kaum möglich.
In "Schamah" geht es May autobiographisch vornehmlich um eine Auseinandersetzung mit seinem wirklichen Ich und seinem literarisch fixierten Ich-Ideal in den Jahren vor der Orientreise, speziell zur Zeit der sogenannten Old-Shatterhand-Legende. In Thar, dem autobiographischen Protagonisten der Novelle, tritt dem reif gewordenen Karl May des Spätwerks, dem Palästinapilger, der unreife kindlich-pubertäre May entgegen, der alle Welt glauben machen wollte, er sei identisch mit seinem Ich-Helden, er selbst sei der omnipotente Old Shatterhand/ Kara Ben Nemsi.(59) Heinz Stolte formuliert treffend: » . . . die Heldenpose, das heroische Rollenspiel, einst vom Ressentiment des Deklassierten in seinen Reisogeschichten zu wunderlichem Imponiergehabe aufgebläht, ist nun zum kindischen Spiel des Knaben Thar eingeschrumpft, auf das der alte Mann lächelnd als auf seine eigene Jugendtorheit herabblickt.«(60) Er tut dies auf heiter-ironische Art und Weise, sich in Thar nicht ohne Koketterie parodierend, doch kann das die menschliche Tragik, die darin liegt, nur wenig überdecken. Das Urteil, das May über sich und seine Vergangenheit, sein Leben und Schreiben vor der alles wendenden Reise fällt, ist geradezu vernichtend: alles war nur kindisches Spiel. Einem Kind ist das adäquat, ihm kann man es lächelnd nachsehen - die Sympathie, die Thar beim Leser weckt, ist ungebrochen(61) -, einem Erwachsenen, einem Mann nicht, zumal wenn er wie May pädagogische Verantwortung für seine Leser trägt.
Betrachten wir im einzelnen, wie May sein früheres Ich in Thar porträtiert. Der Name des Jungen - Thar heißt Vergeltung, Wiedervergeltung, Rache, Blutrache. (8) - weist auf die Zeit zurück, als May seine Straftaten beging, auf seine nun längst verflossene Nomadenzeit (7). Nach seiner ersten Haftstrafe (8. 9. bis 20. 10. 1862 im Gerichtsgefängnis Chemnitz), der leidigen Uhrengeschichte wegen, war in May der Drang, sich für dieses (vermutliche) Unrecht an der Gesellschaft zu
rächen, übermächtig gewesen. Ich sann auf Rache, und zwar auf eine fürchterliche Rache, auf etwas noch niemals Dagewesenes. Diese Rache sollte darin bestehen, daß ich, der durch die Bestrafung unter die Verbrecher Geworfene, nun wirklich auch Verbrechen beging.(62) Von Thar schreibt May: Der Bub aber befand sich, seit er auf die Bedeutung seines Namens aufmerksam geworden war (= seit Mays Name verunglimpft war), so ganz unter dem Einflusse der Vorstellung, die er sich davon machte, daß er immer auf eine Rache sann, und wenn es keine gab, so machte er sich eine. Alles, was er hörte, und was er sah, mußte ihm zur Konstruktion einer Wiedervergeltung dienen (8). Das Objekt der Rache ist Thar also kaum von Bedeutung, wichtig ist die Rachehandlung an sich - wie es auch bei dem straffälligen May war. Beide erstreb(t)en letzten Endes nichts anderes als Anerkennung (8), wie die Art und Weise der Racheakte verrät, die bei beiden sehr ähnlich ist. Auch Mays »Verbrechen« haben etwas von Kinderstreichen - treffend hat er selbst sie im Alter einmal als Old Shatterhandstreiche bezeichnet.(63) Claus Roxin unterstreicht: »Es handelt sich gewiß um sehr handfeste, massive Delikte; aber sie haben in der Ausführung doch etwas von jugendlichen Schelmenstreichen an sich«.(64) Charakteristisch für die kriminellen Vergehen Mays wie für die scheinbar harmlosen Streiche Thars ist das Hineinschlüpfen in Rollen, die Selbstbewußtsein durch Anerkennung von außen verleihen sollen. Gab May sich als »Augenarzt Dr. med. Heilig«, »Seminarlehrer Lohse«, »Hermes«, »Polizeileutnant v. Wolframsdorf«, »Mitglied der geheimen Polizei«, »Expedient des Advocaten Dr. Schaffrath« oder »Plantagenbesitzer Albin Wadenbach« aus(65), so brüstet Thar sich als Gideon, der Held (13), Judas Makkabäus (20) oder Josua, der Eroberer (36). Solange May die Anerkennung durch Hochstapeleien und Amtsanmaßungen zu erreichen suchte, scheiterte er damit letztlich immer wie Thar: Die Rache nahm zwar stets ihren köstlichen Verlauf, machte aber zum Schlusse meist eine dumme Wendung und fiel auf die falsche Stelle, nämlich auf ihn selbst . . . (8) May wurde zu empfindlichen Haftstrafen verurteilt, die Rache an der Gesellschaft, die er sich konstruiert hatte, fiel auf ihn selbst zurück. Anspielen darauf dürfte auch die Bestrafung Thars durch den Ferik Pascha Osman Achyr im ersten Abschnitt - zumal der vorangegangene »Eselsdiebstahl« an den Pferdediebstahl Mays in Bräunsdorf erinnert. Die Strafe scheint dem Pascha besonders nötig, als Mustafa seinen Sohn als »außerordentlich klug, und so hochbegabt« preist. Begabungen dürfen nicht falsch verwandt werden. Klara lindert den körperlichen Schmerz Thars - ob auch die dunklen Erinnerungen Mays an jene erziehlichen Prozeduren . . . , von denen . . . (er) lieber zu schweigen,
statt zu reden pflegt(e) (17)? Weder die Haft im Arbeitshaus Schloß Osterstein in Zwickau (1865-1868) noch die im Zuchthaus Waldheim (1870-1874) hielten May zunächst von weiteren kriminellen Hochstapeleien und Amtsanmaßungen ab (noch 1879 Stollberg-Affäre), und auch Thar läßt sich nicht durch Strafen abschrecken: Das hinderte ihn . . . nicht, seinem Namen und seiner Bestimmung treu zu bleiben und immer wieder von neuem zu beginnen. (8) Erst nach und nach kam May zur Einsicht, daß sein Rachestreben, das ihn zu seinen Delikten trieb, nicht nur verwerflich und sträflich, sondern einfach lächerlich (8) sei.(66) Da hatte er bereits eine andere, gesellschaftlich legitimierte Möglichkeit entdeckt, sein Streben nach Anerkennung (und Liebe) zu befriedigen: das Schreiben, mit dem er sich Identifikationshelden schuf. Die rühmlichen Taten Old Shatterhands/Kara Ben Nemsis sind nichts anderes als eine literarisch transponierte Fortsetzung der realen Rollenspiele Mays während seiner Krisenzeit. Claus Roxin hat überzeugend dargelegt, daß es sich jeweils um Ausprägungen der pseudologia phantastica handelt, also des Unvermögens, »Imagination und Realität klar auseinanderzuhalten«.(67) Im Falle Mays ist sie als Symptom einer narzißtischen Affektion anzusehen. Das Erscheinungsbild der Pseudologie tritt überwiegend beim Hochstapler, beim Schriftsteller, beim Schauspieler und - beim Kind auf.(68) Alle vier Idealtypen treffen mehr oder weniger auf May zu. Sich in Thar, einem Knaben zu spiegeln, war darüber hinaus nur natürlich für ihn, der noch in seiner Selbstbiographie bekennt: Ich blieb ein Kind für alle Zeit, ein um so größeres Kind, je größer ich wurde . . . (69) Aber dieses »Kind« war sich im Alter bewußt geworden über sein verfehltes Verhalten und begann, sich und seine Vergangenheit kritisch zu hinterfragen. Mit der an Thar exemplifizierten Kritik in "Schamah" zielt May dabei weniger auf die Zeit seiner straffälligen Hochstapelei und auf die der nichtöffentlichen Identifikationsphase mit seinem Helden als auf die spätere Phase, als er seine Identität mit Shatterhand/Kara Ben Nemsi auch nach außen hin postulierte und es ihm gelang, wie Thar alle Welt zu vexieren. (9)(70) In dieser Zeit ließ er für seine Verehrer ganze Serien von Photographien anfertigen, die ihn martialisch als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi zeigen.(71) An diese peinlich anmutenden Kostümierungen, die Mays pseudologische Rollenspiele der Jahre vor 1900 augenfällig machen, ist zu denken, wenn Thar uns gleich am Anfang der Novelle dunkelbraun angepinselt (9) begegnet, gewichtig behauptend: »Ich bin Beduinenscheik und füttere mein Kamel!« (9)(72), und vor allem, wenn er wenig später als Gideon, »der Held aus dem Stamme Manasse« (16) auftritt, langsam, stolz und würdevoll (12). Er hatte sich als Held gekleidet (12) - wie May.
Mit Freude am Detail, darin an die früheren Reiseerzählungen erinnernd, persifliert May sein eigenes kostümiertes Auftreten: Sein Helm bestand aus einem halben tönernen Wasserkrug, . . . Den Brustpanzer bildete ein blecherner Lampenschirm . . . An die nackten Waden hatte er sich zwei alte, riesige Rittersporen gebunden . . . In einem Stricke, welcher den Gürtel bildete, steckten die fürchterlichsten Waffen, die man sich denken kann, nämlich drei Messer, zwei Scheren, zwei Korkzieher und vier Lichtputzen, die rund um den Leib geordnet waren. (12) Eine lächerliche Erscheinung. Sie beschreibend distanziert May sich nachträglich von seinen Kostümphotos, deren Platten er bereits 1902 vernichtet hatte.(73) Wie als Beduinenscheik ist Thar auch als Gideon bemalt, diesmal wechselnd blau und grün. (Vgl. 12f.) Der eigentliche Mensch ist hinter der »Kriegsbemalung« nicht mehr zu erkennen, er trägt eine Maske. Da - wie noch zu zeigen sein wird - die Farbe und das Bemalen bzw. Malen in "Schamah" für Mays Literatur, für seine Bücher vor der Jahrhundertwende steht, ist dies so zu interpretieren, daß May sein eigentliches Wesen in ihnen versteckte - was aber durchaus doppeldeutig zu verstehen ist. Seine persönlichen, eher unbewußten Ängste, Probleme und Wünsche waren ja auch in diesen Texten enthalten, nur eben verborgen. Was offen zutage trat, war die Larve, die Rolle, in der May sich als der Held präsentierte, der er nie war, in der ihm das gelang, was ihm im Leben verwehrt war - den wirklichen May sollte, durfte dort niemand seiner Leser sehen, niemand sollte merken, daß sein Heldentum nur angemalt war, nur existent auf dem Papier seiner abenteuerlichen Bücher.
Bestärkt wird Thar in seinem Rollenverhalten durch seine Umwelt, primär durch seine Eltern, die heitere, scherzhafte Mutter und den ernsten Vater (9) Mustafa Bustani. Beide Figuren haben in der Novelle mehrere Funktionen, stehen aber auch für Mays eigene Eltern. Dafür spricht mehr als nur die Identität May = Thar. Als nach orientalischen Begriffen hochgebildete(n), edle(n) Mann (8) charakterisiert May Mustafa Bustani und wenn wir darin auch nicht den wirklichen Heinrich August May erkennen können(74), so doch den von seinem Sohn in der Selbstbiographie Beschriebenen: Er besaß hervorragende Talente . . . Er hatte nie eine Schule besucht, doch aus eigenem Fleiße fließend lesen und sehr gut schreiben gelernt.(75) Nach den Begriffen Ernstthals konnte er damit durchaus als gebildet gelten, zumal er darüber hinaus auch eine Reihe geistiger Interessen entwickelt hatte, sich unter anderem intensiv mit Botanik beschäftigte.(76) Heißt es in "Schamah" von Mustafa: In Beziehung auf den Glauben zeigte er eine anerkennenswerte Duldsamkeit (6), so lautet eine Stelle in "Mein Leben und Streben": Vater
. . . (Mutter und Großmutter) war ursprünglich tief religiös, aber von jener angeborenen, nicht angelehrten Religiosität, die sich in keinen Streit einläßt . . . (77)
Die Mutter Thars wird in der Novelle als außerordentlich lebhaftes, liebes, gütiges Wesen (8) bezeichnet, Charakterzüge, die sowohl mit Mays Mutterbild in seiner Biographie zusammenpassen (Meine Mutter war eine Märtyrerin, eine Heilige, immer still, unendlich fleifig . . . stets opferbereit . . . (78)) wie auch mit neueren Forschungen, die Christiane Wilhelmine May als »eine sehr rührige, aktive, selbstbewußte, intelligente und praktisch veranlagte Frau« beschreiben.(79) Wie Thars Mutter starb auch sie vor ihrem Mann (1885; Heinrich August May starb 1888) und die Trauer im Hause Mustafas (Vgl. 10f.) mag Erinnerungen an den Schmerz des Vaters (»Nun weint der Vater stets, wenn er an sie denkt . . . «, 11) ebenso beinhalten wie Mays eigenes Leiden am Verlust der Mutter. Nicht zufällig steht dieser Tod ganz am Anfang: »Der Tod der Mutter bezeichnet« nach Wollschläger »die Peripetie in Mays Werksentwicklung«.(80) Wir werden darauf zurückkommen.
Man könnte noch eine ganze Reihe von Übereinstimmungen zusammentragen, doch mag es genügen, auf die wichtigste näher einzugehen, die Erziehung des Sohnes. In ihr gingen Mays Eltern wie die Thars auf falschem Wege (8). Seinem Vater Mustafa gilt Thar als »Auserwählter« (Vgl. 20),zu ihren Lebzeiten auch seiner Mutter.(81) Mustafa ist nicht nur »zuweilen nachsichtig« (28) mit ihm, sondern er ergreift fast jede Gelegenheit, auf Thar zurückzukommen und irgend ein Lob über ihn zu sagen. (12) Er hält ihn für »außerordentlich klug« (17), für »sehr hochbegabt« (19) und vor allem für einen Künstler: »Mir scheint, er ist zum Künstler geboren. Naturlich sind vorerst nur die Anfänge zu sehen . . . Alle meine Bekannten sind der Meinung, daß Bedeutendes in ihm steckt. Ist es da nicht meine Pflicht, ihn zum großen Mann zu machen?« (19) All dies sagt er auch in Anwesenheit des Jungen und kitzelt so nicht nur dessen Eitelkeit und irrationales Selbstwertgefühl, sondern lenkt ihn auch auf einen womöglich falschen, ihm nicht angemessenen Weg, auf dem seine eigentlichen Talente verkümmern. Vor allem aber berücksichtigt er neben der geistigen nicht genügend die seelische Bildung des Knaben. Der Selbstbiographie Mays kann man entnehmen, daß auch er beinahe zum Orakel oder zum Wunderkind verdorben worden wäre. Sein Vater sprach sehr gern und übertrieb . . . in allem, was er tat und was er sagte. So kam es, daß ich dem Schicksal . . . verfiel, dem entsetzlichen Schicksal, totgelobt zu werden.(82) Am Sohn sollte sich . . . erfüllen, was sich an ihm nicht erfüllt hatte. . . . er übertrug seine Wünsche und Hoffnungen und alles Andere nun auf mich. Und er nahm sich vor, alles
Mögliche zu tun und nichts zu versäumen, aus mir den Mann zu machen, welcher zu werden ihm versagt gewesen war. Das kann man gewiß nur löblich von ihm nennen. Nur kam es darauf an, welchen Weg und welche Weise er meiner Erziehung gab.(83) An einer anderen Stelle der Biographie formuliert May ganz ähnlich: Er hatte alle seine Hofinungen darauf gesetzt, daß ich im Leben das erreichen werde, was von ihm nicht zu erreichen war, nämlich nicht nur eine glücklichere, sondern auch eine geistig (!) höhere Lebensstellung. Denn das muß ich ihm nachrühmen, daß ihm zwar der Wunsch auf ein sogenanntes gutes Auskommen am nächsten stand, daß er aber den höheren Wert auf die kräftige Entwickelung der geistigen (!) Persönlichkeit setzte. . . . Ich sollte ein gebildeter, womöglich ein hochgebildeter Mann werden . . . Leider aber war er sich über die Wege, auf denen, und über die Mittel, durch welche dieses Ziel zu erreichen war, nicht klar . . . er hatte keine Ahnung davon, daß ein ganz anderer Mann als er dazu gehörte, mit leitender Hand derartigen Zielen zuzusteuern. Er war der Ansicht, daß ich vor allen Dingen so viel wie möglich so schnell wie möglich zu lernen habe, und hiernach wurde mit größter Energie gehandelt.(84) Die Erziehungsmethoden Heinrich August Mays - Überfütterung mit ungeordnetem, vielfach überflüssigem Wissensballast, äußerste Strenge (dies im Gegensatz zu Mustafa Bustani) usw. - dürften hinlänglich bekannt sein, so daß es nicht zwingend ist, hier näher darauf einzugehen, zumal in "Schamah" über die eigentliche pädagogische Methodik Mustafas kaum etwas ausgesagt wird. Das dort ins Zentrum gerückte Problem ist das mit einer bestimmten Erwartungshaltung einhergehende übergroße, schädlich wirkende Lob. Es wird vom Sohn in seinen »eitlen Stunden« (66) geglaubt und provoziert so in ihm ein übersteigertes Selbstwertgefühl, dem seine wirklichen Fähigkeiten kaum noch entsprechen können. In der Novelle, wo May das Problem nur anreißt, wird es nicht recht deutlich, aber "Leben und Streben" kann man entnehmen, was die unausweichliche Folge dieses »Auserwählt«-Fühlens, das er ganz natürlich auch nach außen hin dokumentierte, für May war: die Ablehnung durch Gleichaltrige und dadurch ein narzißtisches Zurückgeworfensein auf sich selbst. In der Schule wurde May sehr bald klassenfremd, für so ein kleines, weiches Menschenkind ein großes, psychologisches Uebel, von dem Vater freilich so viel wie nichts verstand. . . . seelisch . . . bedeutete eseinen großen, schmerzlichen Diebstahl, den man an mir beging.(85) Ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund ist mir nie beschieden gewesen.(86) Die seelische Isolation zu kompensieren, flüchtete sich der junge May schon früh in eine Traumwelt, angeleitet durch die Räuberund Schundromane der Hohensteiner Leihbibliothek.(87) Er glaubte an
das, was (er) da las(88), identifizierte sich mit den edlen Helden und Rächern und verwechselte Roman und Leben: Die überreiche Phantasie, mit der mich die Natur begabte, machte die Möglichkeit dieser Verwechslung zur Wirklichkeit.(89) So blieb es in der Zukunft, bei seinen kriminellen Hochstapeleien wie bei der Selbststilisierung als Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi. All diese Rollen sind am Vater orientiert, in allen versuchte er, der väterlichen Erwartung gerecht zu werden, dabei einsam und auf ständiger Suche nach Liebe und Anerkennung.
Die Literatur, die auf diese Weise bis zur Jahrhundertwende entstand, wird in "Schamah" durch die Malerei Thars symbolisiert. Der Knabe hat ein »lebhafte(s) Interesse . . . für das bunte Reich der Farben« (19),d. h. für das bunte Reich in der Literatur, sprich Räuberromane und Kolportage. Vom Vater wird er darin (zunächst) unterstützt, ganz wie Heinrich August May es tat, der die Begeisterung für den Hohensteiner Schund mit seinem Sohn teilte und später, als dieser in Zwickau einsaß, sogar zwischen ihm, dem Künstler, und dem Kolportageverleger Heinrich Gotthold Münchmeyer vermittelte.(90)
Wir haben bereits angedeutet, daß die »Kriegsbemalung« Thars Mays Selbststilisierung als Shatterhand/Kara Ben Nemsi meint, vornehmlich zur Zeit der Shatterhand-Legende. Daß May Farbe/Malerei mit Literatur gleichsetzt, besagt eindeutig eine Stelle der Novelle, wo er schreibt, er wolle die Tatsachen schlicht und ungeschminkt berichte(n) und . . . darauf verzichte(n), sie grün oder blau, gelb oder rot anzumalen. (68) Eben darauf hatte er früher keineswegs verzichtet, vielmehr konnte es ihm in seinen Kolportageromanen und auch in den frühen Reiseerzählungen gar nicht bunt genug zugehen. Im wörtlichen Sinne in ein Bild gefaßt hat May diese Werke durch die Wandmalerei Thars im Gartenhaus. Thar zieht sich ganz so zu seiner »Arbeit« zurück, wie es auch May stets tat: »Aber es darf mich niemand stören! Es ist keinem Menschen erlaubt, zu mir hereinzukommen, wenn ich nicht will!« (21) Klara May hat von ihrem Mann überliefert: »Solange Karl May an einem Kapitel schrieb, arbeitete er Tag und Nacht ohne Unterbrechung daran. (Thar: »Da muß ich die Bilder heut' Nachmittag beginnen und vollenden!«, 21) Wir haben den ganzen Tag äußerste Stille bewahrt . . . . Es durfte niemand bei ihm sein, wenn er schrieb.«(91) Und: »Allein und ungestört wünschte er . . . beim Arbeiten zu sein. Dann . . . mußte sich ihm das ganze Haus unterordnen, und es durfte sich nichts rühren.«(92) Diese wesentliche Arbeitsbedingung blieb für May bis zuletzt unverzichtbar. Daß er Thar gerade in einem Gartenhaus sein künstlerisches Talent erproben läßt, ist sicher kein Zufall: 1897, auf dem Höhepunkt der Shatterhand-Legende, zog May sich vor seinen
Verehrern in ein Garten-Restaurant in Birnai an der Elbe zurück, um dort in Abgeschlossenheit, Sauberkeit und künstlerischer Ruhe und Bescheidenheit (27), mit keinem Blick in die Außenwelt (27), den Roman "Weihnacht" zu beenden.(93) Dieser schon recht abgeklärte Roman, ein Vorläufer des Spätwerks, ist aber mit Thars »Gemälde« kaum gemeint - überhaupt ist hier nicht an ein einzelnes Werk zu denken.
Die Innenwände des Gartenhauses waren, bevor Thar sie übermalte, ursprünglich elfenbeingelblichweiß gestrichen und mit goldenen Kuransprüchen verziert. (27) Denken wir an einige der frühesten Arbeiten Mays, etwa die "Geographischen Predigten", in denen er schlicht und ungeschminkt (= weiß) schrieb, bemüht, seine Leser im rechten christlichen Glauben und in der Gottesehrfurcht (= Kuransprüche) zu bestärken. Auf diese uns eher bieder-naiv anmutenden Traktate hat May im Alter öffentlich immer wieder mit einigem Stolz verwiesen, mit ihnen wollte er beweisen, daß er von Anfang an (und stets) nur höhere Ideale verfolgt habe. Verschlüsselt gesteht er in "Schamah" ein, diese Ideale schon bald verraten, in seinen Kolportageromanen und frühen Reiseerzählungen mit intensive(n), schreiende(n) Farben (27) übermalt zu haben. Geholfen hat Thar bei seiner Malerei die Köchin: leibliche, materielle Bedürfnisse waren es, die May zur Kolportage bewegten und seine geldfixierte Frau Emma, die später nach der Ehescheidung bat, doch wenigstens als Köchin bei ihm bleiben zu dürfen.(94) May wies sie damals brüsk von sich, wie Mustafa die Köchin: »Marsch! Fort mit dir!« Bereute er diese Härte und Unnachgiebigkeit manchmal? Entschuldigend läßt er Mustafa sagen: »Der Zorn tut nie das Richtige.« (31)
Die Identität von Thars Kunstwerk (28) mit den früheren Werken Mays vorausgesetzt, läßt sich einiges Genauere über sie und sein Selbsturteil sagen. Als Malgrund dienen die Wände des Gartenhauses - May bevorzugte früher die große Form, man denke an die ausufernden Kolportageromane oder die "Giölgeda padishanün"-Serie. Dagegen geht keines der Alterswerke im Umfang über zwei Bände hinaus(95), sein eigentliches Werk hoffte er in der relativ kurzen Dramenform zu schreiben und für "Schamah" wählte er die »bescheidene« Form der Novelle. Vielleicht glaubte May vor 1900, um so mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zu finden, je größer er die Form wählte - ein »hochstaplerisches« Verfahren.(96) In die gleiche Richtung weist die Großflächigkeit des Farbauftrags.
Neben Schwarz und Weiß hat Thar nur die vier Grundfarben verwendet: azurnes Blau (Himmel), giftiges Grün (Land), leuchtendes Gelb (Sonne) und glühendes Rot (Meer). (27) May beschränkte sich auf einige wenige, aber effektvolle Grundmotive wie Anschleichen, Ge-
fangennahme[Gefangennahme], Befreiung, Zweikampf usw. Diese Motive (Farben) waren intensiv und schreiend, sie regten May beim Schreiben auf (Vgl. 27), versetzten ihn in aggressive Stimmung. (Vgl. 28) Ursächlich hierfür war - neben der ihnen immanenten Spannung - ihr autobiographischer Hintergrund, die eigene lange Haftzeit etwa, die ihn immer wieder dazu trieb, Gefangenschaften und Befreiungen zu inszenieren. Was Wunder, daß . . . (er) nicht grad bei ganz guter Laune war! (28)
Auf Ausführung wie Gehalt des Kunstwerks bezieht sich Mays Konstatierung, daß (ihm) weder vorher noch nachher wieder etwas so hoch in der Tiefe Aufgefaßtes und so tief in der Höhe Ausgeführtes vor die Augen gekommen ist. (28) Höhe und Tiefe heben sich gegenseitig auf, es gibt keine Erhebungen, keinen Dschebel Marah Durimeh, keinen Mount Winnetou auf dem Bild, sondern nur einen planen durchgehenden Horizont. May hatte keine menschheitlichen Hochziele in seinen früheren Büchern verfolgt. Was es bei ihm allerdings von Anfang an gab, war der Dualismus von Gut und Böse (schwarzes Haus/schwarze Ferse - weißes Haus/weiße Fußspitze). Während es ihm aber im Spätwerk um die Entwicklung des Niedrigen zum Hohen, des Bösen zum Guten, um die Wandlung des Gewalt- oder des Animamenschen in der Geisterschmiede Märdistans zum Edelmenschen zu tun ist, ging es früher darum, die Bösewichter zu strafen oder ganz zu vernichten, häufig durch ein Gottesgericht: blutrot (28) ist das Rote Meer, die Grenzscheide zwischen Gut und Böse, in dem durch Gottes Gewalt »der Pharao mit seinen sämtlichen Soldaten aufgefressen wird«, so daß »kein einziger von ihnen übrig bleibt!« (31) Immerhin läßt sich sagen, daß auf archaischer Stufe schon damals die Trias von Ardistan, Märdistan und Dschinnistan angelegt war, Märdistan in diesem Fall aufgefaßt als das Gericht über Gut oder Böse, noch nicht als Bereich der Läuterung.
Das Thema des Bildes - »der Durchgang der Kinder Israel durch das Rote Meer« (31) - ist typisch für den judarabischen Thar, der »seine Helden stets nur aus dem Alten Testamente (nimmt)« (13). Seine Leitbilder und Vorstellungen sind alttestamentlich; Gott (Jahwe) ist ihm noch der strenge Gott der Macht, Rache und Vergeltung und dementsprechend sind auch Thars Prinzipien. Die Nächstenliebe und Verzeihung des Neuen Testaments, wie Christus sie lehrt, ist ihm (noch) fremd. May, sein früheres Denken und Wollen in Thar personalisierend, vergleicht sein früheres Werk mit dem Alten Testament, sein eigentliches Werk mit dem Neuen Testament. War Shatterhand/Kara Ben Nemsi ein alttestamentlicher Held, ein Gideon, so ist die Ich-Gestalt des Spätwerks zum Apostel der Nächstenliebe, zur Menschheitsfrage avanciert.
Nicht ohne Selbstironie läßt May Thar darauf beharren, sein alttestamentliches Bild, das »blaugrünrotgelbe Wunder« (29), sei voller Gedanken (Vgl. 30f.). Als May zum Spätwerk gefunden hatte, geheimnißte er im Nachhinein trotz besseren Wissens Symbolik in seine früheren Texte hinein, um sie vor der Öffentlichkeit aufzuwerten, sein Lebenswerk als kontinuierlich sich entwickelndes hinzustellen. Vor sich selbst aber gibt er freimütig zu: »Da ist doch keine Spur von Gedanken drin!« (30)
2. Thars Wandlung
Der für Thar (wie für May) erste Anstoß zur Besinnung, der Tod der Mutter, liegt zeitlich in "Schamah" vor dem Einsetzen der Erzählung und wird nur berichtet. Als May sich 1900 realiter und 1906/1907 literarisch nach Jerusalem begab, war seine Mutter Christiane Wilhelmine bereits lange Jahre tot. Am 15. 4. 1885 war sie in Ernstthal gestorben. Von diesem Tag datiert eine allmählich einsetzende innere Wandlung Mays und seiner Werke, die dann während der Orientreise endgültig vollzogen wurde. Das väterlich bestimmte Ich-Ideal (Old Shatterhand/ Kara Ben Nemsi) des Narzißten, für dessen Ausbildung letzten Endes die frühkindliche Liebesversagung der Mutter die Ursache war, trat in Konflikt mit einem sich nach und nach durchsetzenden mütterlichen Liebes-Ideal. »Mit (dem Tod der Mutter) wurde die dunkel gebändigte Macht der ersten Identifizierung schlagartig frei, der einst so ersehnten, durch Verweigerung in die Ambivalenz gedrängten und darin gefesselten Anlehnung an die Mutter; und ihre Ansprüche begannen nun immer drängender in das Gefüge der zweiten, der mit dem Vater, einzugreifen, die das Ich-Ideal aufgebaut hatte.«(97) Im Werk zwischen 1885 und 1900 schlug sich dies vorerst nur oberflächlich nieder: »immer befremdlicher wird die omnipotente Härte der Ich-Gestalten von passiv-femininen Zügen durchbrochen . . . die Kettenfunktion des "Auge um Auge", das Stufenmuster des "Sühne auf Schuld" wird von dem selbst zerstört, der es verfügte. Schwäche antwortet nun der Gewalt, der Schuld nun Milde . . . «(98) Sein väterliches Ich-Ideal und damit eine jahrelange Balance zwischen väterlicher und mütterlicher Identifikation konnte May nur dadurch bewahren, daß er sich mit seinem Ich-Helden in der Öffentlichkeit gleichsetzte und sich diese Identität immer wieder neu von ihr bestätigen ließ. Zum Zusammenbruch kam es, als er den Schutz der vertrauten Außenwelt verließ und den Orient bereiste, der ihn sich selbst überließ.
Wie sich das väterliche Ich-Ideal Mays mit seinen Ausprägungen in
Thar spiegelt, dem Knaben, der das »Auge um Auge« schon im Namen trägt, und der in seinen Heldenrollen stets Bestätigung und Anerkennung von außen sucht, haben wir im vorigen Kapitel gesehen. Unberücksichtigt blieben dabei dem konträr laufende, in der Novelle schon zu Anfang angelegte Züge seines Charakters, die mütterlich bestimmt sind. Ihre Existenz belegt noch einmal, daß der Hauptakzent der Autobiographischen Ebene in der ersten Hälfte der Erzählung auf der Zeit nach 1885 mit der Shatterhand-Legende liegt und nicht auf der dort ebenfalls zu erkennenden Abgrund-Zeit, der kriminellen Phase Mays.
Auffallend selten spricht May direkt vom positiven, im wörtlichen Sinne begütigenden Einfluß der Mutter auf Thar, noch dazu erst im letzten Drittel der Erzählung - ihm, der diesen Einfluß als Voraussetzung seiner späten Entwicklung längst verinnerlicht hatte, war er so selbstverständlich, daß er gar nicht daran dachte, viel Worte darum zu machen. Immerhin ist einmal ausdrücklich die Rede von »Frucht und Segen«, die »das Mitleid, welches die Mutter (Thar) in die junge Seele legte« (78), gebracht hat. Dieses Mitleid ist wohl auch mit den Zinsen gemeint, die Thar monatlich von den Gläubigern der Mutter erhält, Geld, das er »nicht für (sich), sondern für arme, alte, kranke Leute, die sich in Not befinden«, ausgeben darf. (Vgl. 65) Die Liebe und das Mitleid, die der Narzißt May allzulange nur sich selbst geschenkt hatte, ließ er nach dem Tod der Mutter, sich ihr gegenüber schuldig fühlend, weil er all ihre Hoffnungen enttäuscht hatte, also wie in ihrem Auftrag, immer mehr auch anderen zukommen. »So hat es Mutter gewollt und Vater muß mich machen lassen, was ich will.« (65) Väterliche Forderungen traten zurück.(99) Was Mustafa über den Einfluß seiner Frau sagt, betrifft auch Thar, und vor allem natürlich May: »In ihrem Herzen wohnte eine Liebe und eine Güte, die es in dem meinigen nicht gab. Diese ihre Güte begann eineschwere, schwere Arbeit an mir, aber sie gelang. Meine Härte wurde weicher, immer weicher . . . « (24) Im Gedanken an die Mutter wurde May auch in der sonst so lauten Zeit der Shatterhand-Legende still: Thar »ließ . . . gar nicht mit sich reden. Das hat er an sich, wenn er seine Gedanken an die Mutter richtet. Es beschäftigt ihn dann immer irgend eine Gabe oder irgend eine Tat, mit der er jemand zu erfreuen hofft.« (67) Und wie Thar »ging er« dann »häufig fort, ohne etwas gegessen oder getrunken zu haben.« (67)
Schon gleich am Anfang der Novelle charakterisiert eine nur scheinbar nebensächliche Geste Thars die Wirkung, die der Tod der Mutter auf den Knaben hat (bzw. bis zuletzt auf May hatte). Als er an ihren Tod denken muß, beginnt er zu weinen, (greift) in die Falten des weißen Reisekleides meiner Frau (= Klara), (wischt) sich mit ihnen die Tränen
ab und dann auch die braune Beduinenfarbe aus dem Gesichte und von den Armen . . . (10) Weiß ist die Farbe der Reinheit und Wahrheit(100), noch mehrfach wird sie von May der lügenhaften Buntheit gegenübergestellt. Der Gedanke an die Mutter, später auch die Verbundenheit mit der geliebten Klara, die ihn in seinen neuen Ein- und Absichten unterstützte (wenn auch vielleicht ohne wirkliche Überzeugung), bewegte May nach und nach, an die Stelle von bunter Lüge und selbstgefälligem Rollenspiel reine Wahrheit und Realität zu setzen. Der Prozeß brauchte seine Zeit, zur endgültigen Wandlung Thars kommt es erst gegen Ende der Novelle (bei May während der Orientreise). Bis dahin begeht Thar (beging May) noch so manche Torheit. Gleichwohl kann das Ich schon früh konstatieren: » . . . du bist anders geworden, als du früher warst.« (21) Das Urteil beruft sich auf die angesichts seines sonstigen Verhaltens überraschende Bescheidenheit und hirngespinstlose Selbsteinschätzung Thars, die darin liegt, daß er dem Lehrer zustimmt, der sagt, Thar habe »nicht das geringste Talent zu irgend etwas Großem und (sei) nur zum Handel und Schacher und zum Vexieren bestimmt.« (20) »Den Lehrer habe ich nicht lieb, aber er hat recht.« (20) In ganz auffälliger Weise (ein geradezu heiliger Augenblick, 21) betont May diese, wie sich am Ende erweist, gar nicht wirklich zutreffende Selbsterkenntnis des Jungen. Der erste, wichtigste Schritt zur Besserung ist (für Thar/ May) getan mit dieser Einsicht. Sie verrät, daß sich hinter der kriegerischen Maske und dem Dünkel des »Auserwählt«-Fühlens etwas verbirgt, was bisher nur noch nicht zur Entwicklung kam: tiefe Reinheit, keusche Offenheit und der packende Zauber der Kindesseele (21).(101) Auch in diesem Zusammenhang ist eine unscheinbare Geste bemerkenswert: Da konnte ich nicht anders: Ich zog den Jungen an mich und küßte ihn auf die frei von Farbe (!) gebliebene Stirn. (20f.) Mag Thar sonst noch so sehr bemalt sein (May noch so sehr den Shatterhand/Kara Ben Nemsi fürs Publikum herauskehren), hinter der hellen Stirn ist der helle Gedanke nötiger Wandlung bereits geboren. In seinen »eitlen Stunden« freut Thar/May sich zwar noch, für einen »Auserwählten«, für Shatterhand/Kara Ben Nemsi gehalten zu werden, aber es gibt nun auch Zeiten, wo er ernst wird und sich über diese anmaßende und falsche Etikettierung ärgert. (Vgl. 66) In diesem berechtigten Unmut bestärkt den Knaben die Frau des Ich-Erzählers, also Klara, die von ihm mehrfach »unsere Gattin« (z. B. 66) genannt wird - ein weiteres Indiz, daß Thar eine Selbstspiegelung ist. Die »Gattin« verabreicht Thar, um ihm Schlimmeres zu ersparen, eine Tracht Prügel, aber »zart und mild wie Zuckergebackenes, in dem kein Pfeffer ist«. (19) »Ich werde dir das nie vergessen.« (19) beteuert Thar im positiven Sinn. Klara mag May
manche unvergeßliche Lehre erteilt haben, für die er ihr dankbar war. Sie war ehrgeizig genug, einen »Dichter« und keinen »Jugendschriftsteller« zum Mann zu wollen. Von ihrem Einfluß heißt es in Mays Selbstbiographie: Ich habe nicht mehr immer nur aus mir selbst herauszuschöpfen, sondern es hat sich mir ein köstlich reiches seelisches Leben zugesellt, durch dessen Einfluß sich Alles, was in mir zum guten Ziele führt, verdoppelt.(102) Thar/May gibt »sehr viel auf das, was unsere Gattin sagt«, denn »bisher hat sie stets das Richtige getroffen.« (66) Klara ist es auch, die zu Thar zum ersten Mal »von einem Heldentume« spricht, »welches nicht angemalt, sondern wirklich ist« (63, vgl.35). Der Einfluß Klaras auf Thar/May darf aber nicht überbewertet werden.(103) Hervorgehoben wird er in der Novelle wohl nicht zuletzt, weil May seiner Frau derart eine Freude machen wollte. Oder sollte er in ihr, der medial Begabten, zuzeiten so etwas wie eine Reinkarnation seiner Mutter gesehen haben?
Anteil an der Wandlung Thars hat auch sein Vater Mustafa. Nachdem er im Gartenhaus sehen mußte, welche Früchte seine Erziehung zeitigt, kommt ihm endlich der Gedanke, daß er sich »mit der Seele (seines) Kindes auf falschem Wege« (32) befindet. Am Morgen nach dieser Erkenntnis, als es nach Hebron gehen soll, kleidet er Thar selbst an, festlich und außerordentlich reputierlich: Gelbe Schuhe, weiße Strümpfe, eine weiße Hose, darüber ein weißes Beduinenhemd und eine rote Weste mit gelben Husarenschnüren. Auf dem Kopfe ein roter Fez, um den ein weißseidenes Nackentuch gebunden war. (34) Verbirgt sich hier vielleicht - neben anderem - der späte Wunsch Mays, auch sein Vater wäre zur rechtzeitigen Erkenntnis über seinen Sohn, über ihn gekommen?
In Hebron erweist sich Thar noch mehrfach als der alte. Der »Teufelsjunge« (45) überrumpelt den alten Juden Eppstein wie es weiland Shatterhand/Kara Ben Nemsi getan hätte (Vgl. 44), er brüstet sich mit seiner Zugehörigkeit zu allen vier Knaben-Klubs von Jerusalem(104), in denen er bisher stets unbesiegt geblieben sei (Vgl. 45), und überlistet den störrischen Maulesel (Vgl. 48f.), mit dem der Ich-Erzähler nicht zurechtkommt.(105) Auch als er dann im Haram Ramet el Chalil das kleine Mädchen Schamah mit ihrer Mutter trifft, weiß er zunächst nichts Besseres, als sich als Held und Beschützer aufzuspielen. (Vgl.51) Aber die seit dem Tode der Mutter eingeleitete Wandlung Thars beginnt nun, mit dieser Begegnung, sich endgültig zu vollziehen. Eine reale Person aus der Biographie Mays spiegelt sich in Schamah, dem noch völlig unberührten Rätsel (51), kaum.(106) Vermutlich ist auch auf der Autobiographischen Ebene mit diesem Mädchen nichts anderes gemeint
als die Verzeihung, hier die, welche sich der schuldbewußte Sohn von der Mutter ersehnte.(107) Wirklich ist Schamah ja mit ihrer Mutter unterwegs. Und zu beiden verhält sich Thar, als ob er ein längst Bekannter oder gar Verwandter (!) von ihnen wäre. (50) Als Verzeihung meint Schamah natürlich auch wieder den Einfluß der Mutter. Er wirkt sich nur langsam, aber doch unabweisbar aus: Die Stimme (Schamahs) klang weich, aber eindringlich; sie hatte einen Ton, der nicht leicht zurückzuweisen ist. (51) Als Thar, der May der Shatterhand-Legende, väterlich zur (An-)Malerei gedrängt, sich »durch blaue, grüne, rote und gelbe Farbe tapfer machen« (63) will, hat die mütterlich geleitete Schamah dafür nur ein sechsmaliges »Pfui!« übrig (Vgl.52): »Ich will dich so haben, wie du bist, nicht aber angemalt!« (52) Ohne langes Überlegen verzichtet Thar auf die »Kriegsbemalung«: »Gut, so bleibe ich, wie ich bin! . . . Dir zulieb bin ich gern bereit über alle Regeln, die nichts mehr taugen, hinwegzuspringen!« (52f.) Recht widersprüchlich dazu wirkt es, gleich darauf von ihm zu hören, »ein Grund«, »andere totzuschlagen«, ließe »sich immer finden, zumal wenn man nach ihm sucht.« (53) Auch in seiner Selbstbiographie weiß May noch, daß die Anima nicht so leicht zu überwinden ist.(108) Vor allem dann nicht, wenn fanatische Leute (53) auftreten, die zur Gegenwehr geradezu zwingen. In "Schamah" erscheint der Kinderfestzug aus Hebron, in der Wirklichkeit waren es Gegner wie Cardauns und Schumann (Lärminstrumente, 53, assoziieren die Presse) oder Feinde wie Frau Münchmeyer, Gerlach und Lebins (Kinderwaffen, 53, lassen ans »Kaput machen« denken), die May, obwohl er literarisch schon die Bemalung abgelegt hatte, zum »kriegerischen« Verhalten in der Presse und in den Prozessen nötigten. Eine gewisse Legitimation für seine animahaften Gefechte besaß May: es galt inzwischen, etwas zu verteidigen, was die Mühe wert war, nämlich die noch jungen Ideale seines Alters, in der Novelle das Mädchen Schamah, das »ersäuft« werden soll. (Vgl. 55) Nicht ohne Ironie reduziert May die schweren öffentlichen Auseinandersetzungen der letzten Jahre zu »Jugendspielen« (55). »Königin des Spieles« (55), der Presse- und Prozeßfehde, ist Schamah, die Verzeihung (Mays Ideal, Spätwerk etc.), die, ein friedliches Lächeln im lieben Angesicht und ohne alle Furcht verletzt zu werden (56), inmitten all dieser Ungetüme, die nach Rache strebten (56) (=Mays Gegner und Feinde), sitzt. Darin, daßMay die Kämpfenden hochstapelnd in die Rollen von Bestien, Löwen, Elefanten, Nilpferden und Walfischen schlüpfen läßt, artikuliert sich Selbstkritik, die Einsicht darüber, wie kindisch hier eigentlich ein Konflikt von ihm und seinen Kontrahenten ausgetragen wird. Explizit sagt Thar später: »Daß ich für Schamah und ihre Mutter (= die mütterlichen
Ideale) mit aller Welt kämpfen würde, das habt ihr gestern gesehen; aber das ist noch viel, viel zu wenig; das ist noch lange, lange nicht das Richtige (!).« (65) Verständlich, daß May gleichwohl seine triumphierende Freude über den Sieg Thars, gewissermaßen »in allen Instanzen«, und über die beschämende Niederlage der Knaben Hebrons, seiner Gegner und Feinde, nicht verleugnen kann. Auf dem Papier allein kann er sich von ihnen befreien: Sie verschwanden - - einer nach dem andern - - (59)
Jetzt, nach dieser Befreiung, ist Schamahs Einfluß auf Thar ungestört, und auch seine Hinneigung zu ihr entfaltet sich ungehindert. Noch in Hebron wird er zu ihrem heimlichen Schutzengel (Vgl. 60), folgt damit dem Gesetz Dschinnistans, wie May es im "Märchen von Sitara" formuliert hat: »D u s o l l s t d e r E n g e l d e i n e s N ä c h s t e n s e i n , d a m i t d u n i c h t d i r s e l b s t z u m T e u f e l w e r d e s t !«(109) Am nächsten Morgen taucht er äußerlich und innerlich verwandelt im Jerusalemer Hotel des Ich-Erzählers auf, ganz frisch in Weiß gekleidet, vollständig rein und fleckenlos. (63) Er ist »fest entschlossen, die Kunst in Zukunft ganz beiseite zu legen(110) und nur Dinge zu treiben, zu denen man sich nicht falsch anzustreichen braucht.« (63) Aus den »Klubs der Löwen, der Elefanten, der Nilpferde und der Walfische« wird er austreten, um nicht mehr mit »Bestien« zu verkehren. (Vgl. 63) Der Gedanke, Schamahs (und deren Mutter) Schutzengel zu sein, füllt ihn ganz aus: »Ich werde mich ihrer sehr ernstlich annehmen.« (65) Nur auf der Handlungsebene betrachtet wirkt diese Wandlung Thars nicht allzu motiviert, dazu tritt Schamah zu wenig und nur passiv in Erscheinung.(111) Thar selbst ist sich nicht so recht im klaren über seine seelische Metamorphose: » . . . als ich heute früh in mich hineinschaute, wie ich es immer mache, wenn ich an Mutter denke, da war es kein Mitleid (was ihn für Schamah und ihre Mutter einnimmt), sondern etwas ganz anderes. Nur weiß ich nicht, wie ich es nennen soll, denn es ist in mir noch niemals dagewesen. Es ist fast wie eine Pflicht und doch auch wieder wie keine, aber jedenfalls etwas, was man sehr gern tut.« (65) Was Thar nicht nennen kann, ist natürlich die Liebe. War sie in May früher noch niemals dagewesen - denken wir an die mütterliche Liebesversagung und die daraus resultierende Liebesunfähigkeit -, durch den Tod der Mutter und durch die Orientreise, während der die mütterliche Identifikation das väterliche Ideal endgültig überwand, wurde sie zum Wichtigsten seines Denkens, Lebens und Schreibens.
Auch das gewandelte Schreiben Mays findet sich angedeutet in der Novelle, im Lied von Bethanien.(112) Schrieb May als Gewandelter seine "Himmelsgedanken", so wählt Thar sich dieses . . . ganz eigenartige, tief
ergreifende Christuslied (72), um Schamah feierlich in Jerusalem zu empfangen. Die alttestamentlichen Heldenphantasien sind abgelöst durch den Christus des Neuen Testaments und seine Botschaft, die Nächstenliebe. Mit der Inszenierung des Liedes beweist Thar, daß er durchaus nicht ohne allen Kunstverstand geboren (73) ist, vielmehr bisher nur auf einem falschen künstlerischen (und menschlichen) Weg war. Wem sich dies Lied (und also die "Himmelsgedanken" und das Spätwerk insgesamt) verdankt, läßt May Mustafa sehr deutlich sagen: »Mir war es, als ob es ein Gruß von deiner Mutter sei - « (77)
Keine Frage, daß Schamah bei Thar bleiben wird, »für alle Zeit« (78) - eine Rückkehr zur alten Abenteurerei ist für May völlig undenkbar, mögen sich das seine zeitgenössischen Leser noch so sehr gewünscht haben.
3. Mustafa
Mit der bisher analysierten Thar-Handlung ist die andere zentrale Handlungsfolge, deren Protagonist Mustafa Bustani ist, bei näherem Besehen nur wenig verknüpft. Läßt man die von uns herangezogenen Stellen, an denen Mustafa als Spiegelung Heinrich August Mays erscheint, beiseite, so verlaufen beide Handlungen im wesentlichen nebeneinander her und treffen sich erst am Schluß der Novelle, als Thar seinem Vater absichtslos Schamah zuführt. Ursache dieser Zweigleisigkeit ist der Umstand, daß es May bei Thar überwiegend darum geht, sein eigenes Ich zu hinterfragen und literarisch zu projizieren, Mustafa dagegen ihm vorrangig dazu dient, seine philosophisch-religiösen Uberzeugungen zu vermitteln. Autobiographisches findet sich gleichwohl auch bei der Betrachtung Mustafas, nur ist es weniger bewußt gestaltet und also auch kaum folgerichtig durchkonstruiert. Es genügt daher, im folgenden auf die Textstellen einzugehen, bei denen May mit einiger Wahrscheinlichkeit Biographisches gibt, im übrigen aber die Mustafa-Handlung auf der Philosophisch-religiösen Ebene zu behandeln.
Am Anfang der Novelle rückt May den Ich-Erzähler und Mustafa so eng zusammen, wie es die Handlungsebene überhaupt erlaubt: wir . . . unterhielten uns in einer Weise, als ob wir Brüder wären (!) und keine Spur von Geheimnis vor einander zu haben brauchten. (6) Zu dieser hier eigentlich Identität meinenden Nähe paßt es auch, wenn später das Ich (und seine Frau) Mustafa versichern, daß (sie) alles, was ihn und ganz besonders sein Seelenleben betreffe, im höchsten Grade interessiere (23). Seelisches Interesse hatte May natürlich zuerst für sich selbst. Die
Charakterisierung Mustafas läßt gezielt an May denken: Mustafa Bustani war ein großer Märchenfreund. Am liebsten aber hörte oder erzählte er jene Art von Märchen, in denen der Wunderglaube oder der Zusammenhang zwischen Verstorbenen und Lebenden eine Rolle spielt. (6) Ein Märchenfreund, seit seiner Kindheit, war bekanntlich auch May, der sich im Alter gern als Hakawati (Märchenerzähler) sah und der seine Erzählungen, bei denen es zumindest seit "Am Jenseits" auch um sogenannte Wunder und die Diesseits/Jenseits-Problematik geht, als Märchen verstanden wissen wollte. Hinzu kommt Mays Hang zum Spiritismus, sein Glaube an den Zusammenhang der sichtbaren mit der unsichtbaren Welt (23). Als abergläubisch im gewöhnlichen Sinne sah May sich dennoch ebensowenig wie Mustafa, der schließlich gleich ihm ein gebildeter Mann ist und außer arabisch auch noch türkisch und persisch (spricht) und sich mit Abendländern ganz leidlich französisch und englisch verständigen (kann). (6) May, in Wahrheit lediglich im Umgang mit Wörterbüchern bewandert, verstand sich ja gern als Sprachgenie.
Mustafas Trauer und Schmerz über den Tod seiner Frau entspricht sicher den Empfindungen, die May beim Tod seiner Mutter gehabt haben wird. Nach einer Aufzeichnung Klara Mays aus dem Jahre 1932 starb Christiane Wilhelmine May in den Armen ihres Sohnes, der sie dann »vom Abend bis zum Morgen als Leiche in seinen Armen (hielt).«(113) Dieser Hintergrund ist zu assoziieren, wenn Mustafa vom Tod seiner Frau sagt: »Sie dankte mir, segnete mich, schloß die Augen und - - - und - - - verschied.« (24) Auch Thar, der ja unzweifelhafter als Mustafa eine Ich-Spiegelung ist, war bezeichnenderweise beim Tod seiner Mutter dabei: »Da kam die Krankheit(114) und schloß ihr die Augen; ich habe es selbst gesehen. (!) Man trug sie fort.« (11) Wenn Mustafa an seine tote Frau denkt (May an seine tote Mutter), weint er stets (Vgl. 11), so auch, als er erstmals der Frau des Ich-Erzählers gegenübertritt: . . . als er zu ihr sprechen wollte, versagte ihm die Stimme, und es stürzten ihm Tränen aus den Augen. Er legte beide Hände auf das Gesicht und schluchzte leise. (10) Die Erschntterung Mustafas über den Tod seiner Frau, der ihn viel, viel tiefer ergriffen (hatte), als man einem Mohammedaner sonst zuzutrauen pflegt (22), kannte May sehr gut und auch die Wirkung dieses Verlustes: Mustafa sieht nicht nur gegen früher leidend aus . . . und (ist) schnell und mehr gealtert . . . , als die Jahre eigentlich mit sich (bringen) (22),»er lacht« auch »nicht mehr und prügelt auch nicht mehr« (11) (wie auch Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi nach 1885 weniger prügelt). Die Wirkung ist also ganz vergleichbar der auf Thar, was ja nicht verwundern kann, sieht man in beiden eine Selbstspiegelung. »Meine Härte wurde weicher, immer weicher, und als
sie starb, die Mutter meines Sohnes(115), starb sie als Siegerin.« (24) Mustafa verspricht ihr, seinen verstoßenen und verschollenen Bruder Achmed zu suchen und seinen Besitz mit ihm zu teilen. Ob dieser Bruder und das mit ihm zusammenhängende Geschehen nicht nur philosophisch-religiös, sondern auch autobiographisch deutbar ist, scheint zweifelhaft. Möglich wäre es immerhin, in Achmed und Mustafa das gute und das böse Prinzip im Innern Mays zu sehen.(116) Äußerlich, körperlich sind sich beide ganz ähnlich (Vgl. 68), es geht um den e i n e n Menschen May, innerlich sind sie »um so verschiedener«: Achmed war »weich, nachgiebig und zum Frieden geneigt«, Mustafa »aber unzart, rauh und stets bereit als Gebieter aufzutreten.« (68) Im notwendigen Konflikt zwischen diesen Seelenprinzipen siegte das Böse; das Gute, Achmed, wurde verstoßen. May beging seine kriminellen, später literarischen Hochstapeleien. Der Tod der Mutter bewegte ihn, nach dem Guten zu suchen, dem im Gegensatz zum Bösen gänzlich Verarmten, »Enterbten« (Vgl. 24), ja, schließlich Gestorbenen. Als ihm dann (in seiner Vorstellung) die Mutter ihre Verzeihung sandte, zu datieren während der Orientreise, wurde das Gute wie Lazarus von den Toten erweckt, gewandelt erschien der neue, gute May. Während seines Jerusalemaufenthalts mag May am Grab des Lazarus in Bethanien ganz die gleiche Christus-Erscheinung gehabt haben wie der Ich-Erzähler: Ich hörte etwas in mir. Oder war es außen? Stand jemand hinter uns? Ein Gewaltiger, von keinem Menschen jemals zu Erreichender, der über uns hinweg zum Grabe hinüber rief, aber doch auch mich mit meinte: »Lazarus, komm' heraus!« Es gibt ja nicht bloß in körperlicher Beziehung Wundertaten, durch welche Tote wieder lebend werden. (77)
Diese Andeutungen mögen genügen.
Mays eigentliche Motivation zu "Schamah" verdankt sich nicht dem inneren Bedürfnis biographischer Selbstschau, sondern seinem Anliegen, »die orientalische (und darüber hinaus auch menschheitliche) Frage auf friedlichem Wege zu lösen.«(117) Während Biographisches mitunter nur unbewußt in die Handlung eingegangen ist, bestimmt die Botschaft bewußt Struktur wie Inhalt des Textes und wo dennoch Inkonsequenzen auftreten, die die Schlüssigkeit als symbolische Parabel beeinträchtigen, resultieren sie lediglich aus dem U n v e r m ö g e n, das psychische Innenmaterial allezeit den didaktischen Absichten unterzuordnen. Unberührt von dieser Feststellung bleibt selbstredend die Tatsache, daß die Motive für Mays S c h r e i b e n ü b e r h a u p t autobiogra-
phischer[autobiographischer] Natur sind. Die Eigenart des Mayschen Spätwerks beruht auf eben diesem Zusammengehen divergierender, dabei bewußter, halbbewußter oder unbewußter Intentionen.
1. Die Heilige Stadt im Gelobten Land
Die äußere Inspiration zu seiner Novelle empfing May während seiner Orientreise in Jerusalem (und Hebron), wo er sich aufs deutlichste konfrontiert sah mit der »latent brodelnde(n) und gelegentlich sichtbar ausbrechende(n) Feindschaft der Religionen«.(118) In Jerusalem, der Heiligen Stadt des Judentums, des Christentums und des Islam, fand er die drei großen monotheistischen Religionen so eng beisammen wie nirgendwo sonst und doch zugleich auch durch die äußere Aufteilung in ein nordöstliches Muslimen-, ein nordwestliches Christen-, ein südwestliches Armenier- und ein südliches Judenviertel augenfällig voneinander getrennt, »ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt«. Das so notwendige und doch täglich gefährdete friedliche Zusammenleben der Religionsgemeinschaften in Jerusalem muß May beeindruckt haben, ebenso wie die offene Christenfeindlichkeit der Bevölkerung von Hebron. Diese Eindrücke blieben auch in den Jahren nach der Reise für May aktuell, fand er doch in Deutschland eine ähnliche und wenigstens genauso erbitterte Feindschaft zwischen den religiösen Konfessionen - in die er noch dazu als katholisierender Protestant unfreiwillig selbst hineingezogen war. Eine Lösung dieses Konfliktes erwartete sich May bekanntlich durch den Gedanken eines überkonfessionellen Christentums; im Verhältnis der großen Religionen zueinander erhoffte er ein tolerantes Geltenlassen spezifischer Riten und Gebräuche und einen endlichen Synkretismus, allerdings unter der Dominanz des Christentums.(119) Diese im Blick auf seinen Toleranzgedanken etwas befremdende Erwartung christlicher Dominanz relativiert sich durch Mays Verständnis des Christentums als Religion der Nächstenliebe. Um die Verbreitung dieser Liebe war es ihm zu tun, nicht um eine Missionierung, bei der es darum geht, Andersgläubigen christliche Glaubensdogmen zu vermitteln oder gar aufzuzwingen. Utopisches Ziel von "Schamah" ist die Überwindung des Hasses durch die Liebe, der Rache durch die Verzeihung. Auch vor diesem umfassenderen Hintergrund könnte kein Handlungsort idealer sein als Jerusalem, die Stadt des Erlösers, der stets die Liebe predigte und sich hier für die Menschheit opferte. Heinrich Wagner, von May instruiert, schreibt in seinem »Schlüssel«-Aufsatz: »Nicht ohne Absicht hat Karl May Jerusalem als den Schauplatz der Handlung gewählt, Jerusalem, wo der Menschheit
Erlöser sein versöhnendes Opfer gebracht hat.«(120) Weil Jerusalem ihm dies zuerst war, die heiligste der Städte, die es auf Erden gibt (79), hat er wohl darauf verzichtet, es in seiner Novelle hier zu handfesten religiösen Auseinandersetzungen auf der Handlungsebene kommen zu lassen - was die exemplarische, ihn ja inspirierende Trias der Religionen nahelegte - und diese lieber in Hebron geschehen lassen, der alten, berühmten Königs- und Levitenstadt (32), in der nichts an den christlichen Heiland erinnert, die vielmehr geprägt ist von alttestamentlicher Vergangenheit - ein Umstand, auf den May recht ausführlich eingeht (Vgl. etwa 32f., 34), assoziiert er doch mit dem Alten Testament das Fehlen von Toleranz und Nächstenliebe.
2. Achmed und Mustafa Bustani
Protagonist auf der Philosophisch-religiösen Ebene ist der reiche, judarabische Händler Mustafa Bustani in Jerusalem (5). May führt ihn als Typus ein: Unter Judaraber sind diejenigen Araber des heiligen Landes zu verstehen, welche im Zusammenleben mit den Juden den überlieferten Haß gegen die Hebräer nach und nach aufgegeben haben und sich den streng alttestamentlichen Ansichten des »auserwählten Volkes Gottes« mehr zuneigen als dem Christentum. Ein Christ zu werden ist bei diesen Leuten keine geringere Schande als der Übertritt zum Judentum. (5f.) Mustafa ist also Muslim, orientiert sich aber auch an jüdischen, alttestamentlichen Vorstellungen - was später augenfällig wird, wenn er seinen Sohn Thar als »Auserwählten« (Gottes) bezeichnet und dessen Rollenspiele fördert, bei denen dieser, für einen muslimischen Knaben doch recht ungewöhnlich, »seine Helden stets nur aus dem Alten Testamente (nimmt)« (13). Mustafa repräsentiert sowohl Islam wie Judentum und erleichtert es May derart, trotz der Kürze der Erzählung alle drei großen, eng miteinander verwandten Religionen darzustellen, um deren Versöhnung es ihm zu tun ist. Die Legitimation dazu gewann er durch die Vorstellung, Islam und Judentum verfolgten beide den alttestamentlichen Rachegedanken, beiden sei die neutestamentliche Nächstenliebe und Verzeihung, die das Christentum predige, fremd. Auch wenn dies in Wahrheit nicht zutreffend ist, eine wichtige Eigenschaft Allahs etwa die Barmherzigkeit und Güte ist, so ist doch zu konstatieren, daß alle drei Religionen mehr oder weniger auf dem Alten Testament, speziell dem Pentateuch basieren und daß es das Christentum war, welches sich am weitesten von diesen Traditionen entfernte. Jahwe und Allah stehen einander näher als Jesus Christus zu ihnen steht.
Der judarabische Mustafa ist ein reicher Händler(121), mit anderen Worten, Judentum und Islam sind aufs Materielle, aufs Diesseits fixiert. Ist der Islam ohnehin eine eher diesseitige Religion, wird May beim Judentum an den jüdischen Handelseifer gedacht haben. Sein Geschäft hat Mustafa im Suk el Bizâr . . . , rechter Hand, wenn man nach dem heutigen Haram esch Scherif geht, wo früher der Tempel des Salomo gestanden hat. (5) Die scheinbar nebensächliche Ortsangabe signalisiert erneut Mustafas jüdisch-muslimische Identität (Haram/Tempel) und unterstreicht seinen Materialismus.
Im "Silberlöwen IV" heißt es an einer Stelle, an der May sichtlich auf seinen Jerusalemaufenthalt zurückgreift: So geht überall, nicht bloß im heiligen Jerusalem, die Menschheitsseele betteln, wenn sie den Geist verlor, der hier ihr Führer ist, damit dann sie ihn fort, nach oben, leite! Er aber, dieser Geist, schleicht forschend durch den Sukh des niederen Lebens, an Kesselflickern, Krämern und Wechsel-Habichten vorbei, nach dieser Seele suchend, die er verlieren mußte, weil er sein Herz an eitle Dinge hing!(122) Auf "Schamah" angewandt, erlaubt das Zitat mehrere Folgerungen: Äußerlich ist Mustafa, sind Judentum und Islam Krämer des niederen Lebens. Innerlich charakterisiert May ihn als gebildeten Mann (6, vgl. auch 8), also als den Geist, von dem im "Silberlöwen" die Rede ist. Dieser Geist hat seine Seele verloren, weil ersein Herz an eitle Dinge hing - die beiden Religionen sind zwar mit Geist (des Alten Testaments) erfüllt, aber seelenlos, weil sie materialistisch sind. Mustafa hat seine Frau verloren, seine Seele(123), ein Verlust, der ihn nach und nach wandelt und dazu drängt, nach dieser Seele (zu suchen). Daß auch die beiden Religionen sich auf diese Suche machen, erhoffte May und erwartete dadurch eine Annäherung ans wahre, geistig-seelische Christentum und die endliche Bildung des einen, einzigen, großen, über alles Animalische hoch erhabenen Edelmenschen.(124)
Eine Schwierigkeit der Interpretation mag jetzt schon deutlich geworden sein: Auch die Philosophisch-religiöse Ebene ließe sich noch in weitere Unterebenen differenzieren. Mustafa ist Repräsentant von Judentum/Islam, meint zugleich aber auch den sich dort manifestierenden Geist, der sich vom Materiellen, also von Körper und Anima bestimmen läßt. Dadurch qualifiziert Mustafa sich auf einer dritten Unterebene als Animamensch. Ähnlich verhält es sich auch mit anderen Figuren. Das machte es eigentlich notwendig, auch noch jede dieser Unterebenen isoliert zu betrachten, ein Verfahren, das aber nicht nur ermüdend, sondern auch wenig effektiv wäre, da es sich in der Regel nur um Konkretisierungen eines auf allen diesen Ebenen evidenten Phänomens handelt. Am sinnvollsten scheint es, die Erzählung so all-
gemeingültig[allgemeingültig] wie möglich zu deuten, also menschheitlich oder menschlich, darüber aber nicht die engere, religionenbezogene Deutung, die »orientalische Frage«, ganz aus den Augen zu verlieren, zumal sie an einigen Stellen die allein denkbare ist. Daß die Binnenstruktur der philosophischen Ebene von May bewußt angelegt ist, bezeugt im übrigen Heinrich Wagner in seinem »Schlüssel«-Aufsatz: »Jede dieser Personen ist menschheitspsychologisch individualisiert und (!) hat eine völkergeschichtliche Aufgabe zugeteilt erhalten; Schamah ist eine Probe Mayscher Innenkunst «(125)
Der Mustafa, den der Ich-Erzähler zu Anfang der Novelle in seinem Geschäft, also noch im niederen Leben besucht, ist bereits ein in der Entwicklung Begriffener: In Beziehung auf den Glauben zeigte er eine anerkennenswerte Duldsamkeit (6). Der unduldsame Mustafa wird nur retrospektiv vorgestellt, wodurch May Raum gewinnt, seine Wandlung durch deren Allmählichkeit glaubwürdig zu machen: früher aber schien das Gegenteil der Fall gewesen zu sein, denn er hatte einen Bruder gehabt, der von der Familie verstoßen worden war, weil er sich hatte taufen lassen, und Mustofa Bustani verheimlichte es nicht, daß er mit dieser Verstoßung damals vollständig einverstanden gewesen sei . . . . Ich erfuhr . . . , . . . daß dieser Bruder sich nach dem Ostjordanlande gewendet und dort eine Christin geheiratet habe, weshalb dann alle seine Aussöhnungsversuche zurückgewiesen worden seien; hierauf war er verschollen; aber man weiß ja nur zu gut, daß Familienbande niemals ganz zerrissen werden können . . . (6f.)(126) Achmed Bustani, der Bruder, sah Mustafa »außerordentlich ähnlich« (68), wie wir gegen Ende der Novelle erfahren, war »innerlich« aber »um so verschiedener«: »Er (Achmed) immer weich, nachgiebig und zum Frieden geneigt, ich (Mustafa) aber unzart, rauh und stets bereit als Gebieter aufzutreten. Das trennte uns dann schließlich.« (68) Die äußere Ähnlichkeit meint die körperliche Identität, Achmed und Mustafa sind zusammen zu sehen, als die beiden denkbaren dualistischen Geistesausprägungen d e s Menschen: Jeder Mensch trägt zwei Prinzipe in sich, ein gutes und ein böses.(127) Bedeuten Achmed und Mustafa den »zum Frieden geneigten« neutestamentlichen (christlichen) und den »als Gebieter auftretenden« alttestamentlichen (jüdischen/islamischen) Geist, so stehen sie, wenn man sie in Verbindung mit ihren Frauen sieht, für Anima-(oder gar Gewalt-)mensch und Edelmensch. Wie Achmed und Mustafa in eins zu sehen sind, so auch ihre Frauen, beide personifizieren die nach Mays Vorstellung notwendig gute Seele d e s Menschen. Achmed und Frau also als der Edelmensch, Mustafa und Frau als Animamensch. Ganz natürlich ist die Frucht (das Kind) des
Animamenschen Thar, die Rache, die des Edelmenschen Schamah, die Verzeihung.
Dem Materiellen, Anima und Körper, verhaftet, hat Mustafa seinen Bruder, seine edelmenschliche Ausprägung, verstoßen, nicht zuletzt auch, um sich zu bereichern, wurde er doch so zum »einzige(n) Erbe(n)«, während Achmed »arm, arm wie ein Bettler« (24) wurde. Hätte May seine Novelle kausal richtig konstruiert, so müßte der Tod von Mustafas Frau, seiner Seele, ursächlich mit dieser Verstoßung zusammenhängen, schreibt er doch im "Silberlöwen III": »Das Böse und das Häßliche hat nur darum so große Macht über uns, weil die Seele davon abgestoßen wird. Sie zieht sich zurück; dann stehen wir ohne ihren Schatz allein.«(128) Tatsächlich aber stellt May es so dar, daß sie, in deren Herzen Liebe und Güte wohnte (Vgl. 24), bereits v o r ihrem Tod Mustafas Wandlung bewirkt und so als Siegerin über seine Härte stirbt. (Vgl. 24) Das ist inkonsequent, da Mustafas eigentliche Wandlung ja erst am Ende der Erzählung erfolgt. Immerhin, erst ihr Tod, erst der Seelenverlust bringt Mustafa dazu, nach seinem verschollenen Bruder zu suchen, nach seiner edelmenschlichen Identität zu streben. (Vgl. 24) All seine Gedanken kreisen jetzt um diese Suche nach dem Edelmenschlichen und nach seiner verlorenen Seele: »Ich dachte stets, stets an ihn, fast ebenso oft wie an sie, deren Tod mir mehr genommen hat, als du, Effendi, wahrscheinlich denkst.« (24) Er fürchtet, es sei bereits zu spät zur Wandlung, Achmed, sein utopisches edelmenschliches Ich, sei gestorben: »Mir kam die Frage, ob mein Bruder wohl gar gestorben sei und ob er und sie (Mustafas Frau/Seele) sich jenseits dieses unseres Lebens finden, sehen und sprechen.« (24) Vordergründig bewahrheitet sich diese Befürchtung, Achmed ist wirklich gestorben, »am fünfzehnten Tage des Monats Adar« (24, vgl. 76), an den Iden des März.(129) Er selbst teilt es Mustafa in einem Traum mit: »Ich bin gestorben, aber ich lebe. Nicht ihr habt mir, sondern ich habe euch zu verzeihen. Ich werde dir diese meine Verzeihung senden. Sie naht von Osten her. Schau täglich nach ihr aus und mach' an ihr wiedergut, was ihr an mir verbrochen habt!« (24f.) Körperlich mag Achmed tot sein und war es eigentlich schon, als er denJordan überschritt (die Redensart!), um sich als christlicher Geist im Ostjordanland mit einer christlichen Seele zu verbinden - impliziert dies doch für May die Hintanstellung alles Körperlichen. Achmeds Geist aber lebt, damit auch die Möglichkeit, ihn in Mustafa zu erwecken, durch die Verzeihung Gottes, die ihm seine Seele - Achmeds Frau - zuführt, die er aber nur findet, weil er auch nach ihr sucht, auf sie hoffend wartet. Fast täglich geht er zum Ölberg, in der Nähe eines Johannisbrotstrauches (22)(130) »gegen Osten (ausschauend), ob der
Traum in Erfüllung geht«. (25) Dabei verweilt er »stets für kurze Zeit« in Bethanien, »um das Grab des Lazarus zu besuchen«, weil ihm ist, »als ob (er) mit dem Boten (seines) Bruders grad dort zusammentreffen werde, an keiner andern Stelle.« (25) Wir werden darauf zurückkommen.
Die »völkergeschichtliche« Deutung dieses Wartens auf die Verzeihung ist diffizil: Konsequent interpretiert hieße es, das Christentum habe dem Judentum/Islam zu verzeihen. Bekanntlich dachte sich May dies gerade umgekehrt, »denn nicht das Abend- sondern das Morgenland ist der beleidigte, der schwer gekränkte, der unterdrückte Teil.«(131) Das Problem löst sich nur dann, wenn man in diesem Fall Achmed nicht mit dem Christentum identifiziert, sondern mit dem Morgenland, dem »Osten«, in dem es entstand, Mustafa aber mit dem Westen, dem May ja immer wieder vorwarf, nur namenschristlich, im Alten Testament steckengeblieben zu sein wie Judentum und Islam.
3. Thar und das Land der Kananiter
Obwohl die Problematik Mustafas wesentlicher Handlungskern auf der Philosophisch-religiösen Ebene von "Schamah" ist, wirkt er auf der Handlungsebene besehen auffallend blaß und wenig konturiert. Nur selten wird er aktiv, im langen Hebron-Teil tritt er kaum in Erscheinung. Es gibt dafür mehrere Gründe, zuvorderst den, daß sein Sohn Thar ihm zugehörige Funktionen übernimmt. Auf der Abstrakten Ebene personifiziert Thar nämlich die Taten Mustafas, die Rache ist die Frucht, an der der Anima-, Gewaltmensch zu erkennen ist. So gesehen unterstützt Mustafa nicht nur die alttestamentlich orientierten, triebhaft gesteuerten Streiche und Vergeltungen Thars(132), e r s e l b s t ist es, der sie begeht und ausübt. Er, der Animamensch, ist »Kind und Knabe (geblieben)«, es ist ihm (noch) »unmöglich . . . , über das Alter, in dem man sich nur immer schlägt und prügelt, hinauszukommen.«(133) Dadurch, daß May Mustafas kindische Triebe von ihm abtrennt, vermeidet er es, diesen lächerlich erscheinen zu lassen, erschwert andererseits das Verständnis natürlich erheblich.
Die Deutung Thars als die personifizierte Handlungsweise Mustafas erlaubt es, die Geburt der Animamenschlichkeit (bzw. Gewaltmenschlichkeit) zu datieren: Es war in der Familie Mustufa Bustanis seit Menschengedenken Brauch gewesen, daß immer ein Angehöriger Thar geheißen hatte. Das stammte aus ihrer nun längst verflossenen Nomadenzeit. (7)(134) Seit Menschengedenken wie die Nomadenzeit verweist zurück auf den Brudermord Kains an Abel(135), durch den das alte, fürchterliche
Gesetz des Gewaltmenschen in die Welt kam, welches die Forderung stellt: Blut um Blut, Auge um Auge, Zahn um Zahn! (8) An diesen Brudermord erinnert auch Mustafas Verhalten gegenüber seinem Bruder: letztlich hat er durch Achmeds Verstoßung dessen Tod bewirkt. (Vgl. 69)
Zu unserer Deutung paßt es, daß die Entwicklung Mustafas und Thars im wesentlichen parallel verläuft. Beide sind bereits zu Anfang der Novelle durch den Verlust der Frau/Mutter (Seele) im Wandel begriffen, beide sind am Schluß endgültig gewandelt.
Ganz selbstverständlich verdient nicht Thar Strafe für sein Tun, etwa für die alttestamentliche, zerstörerische Malerei im Gartenhaus, sondern Mustafa, der der eigentliche Urheber ist, weil er allzu nachsichtig mit seinen Trieben umgeht (Vgl. 28): »Wer hier, in diesem Falle, die Strafe verdient, darüber werde ich nachdenken« (32). Wesentliche Voraussetzung für Mustafas Wandlung ist die Selbsterkenntnis, die Erkenntnis seiner Animahaftigkeit. Er gewinnt sie angesichts der Malerei Thars, also angesichts seiner eigenen, Wertvolles vernichtenden Taten: »Ich habe nachzudenken. Ich habe allein zu sein. . . . Mir ist der Gedanke gekommen, daß ich mich mit der Seele meines Kindes (mit der Anima) auf falschem Wege befinde.« (32)
In Hebron werden wichtige Wesenheiten Mustafas neben Thar auch von den Hebroniten vertreten, was Mustafas Präsenz dort weitgehend überflüssig macht. Der ausführliche historische Abriß zu Anfang der Hebron-Episode (32f., 34) lenkt geschickt das Augenmerk des Lesers auf das Alte Testament, über dessen Geistesgut die Bewohner nicht hinausgekommen sind - die Botschaft des Neuen Testaments haben sie nicht angenommen. Sie sind intolerant, nicht freundlich gegen Fremde, zumal gegen Christen (33) und aufs äußerste bigott. (Vgl. 33) Obwohl Abraham und die Patriarchen von allen drei Religionen gleichermaßen verehrt werden, beanspruchen die Muslime ihn für sich allein. Nachgiebig sind sie nur, »wenn es sich um Geldverdienst handelt, aber rücksichtslos und hart, wenn es darauf ankommt, dem Nächsten Liebe und Güte zu erweisen« (40). »Sie sind . . . nur äußerlich Moslemin, innerlich aber noch immer Kananiter. Die Feinheiten des Mosaismus und des Islam sind an ihnen vorübergegangen und nur der Bodensatz blieb haften.« (41)(136) Indirekt will May mit dieser Kritik auch die Namenschristen treffen, die nur äußerlich, nicht auch innerlich Christlichen. Und sie trifft natürlich Mustafa, der inzwischen zwar dabei ist, dieses Stadium hinter sich zu lassen, den Hebroniten aber einst ganz ähnlich war, wie er auf der Rückfahrt nach Jerusalem im Angesicht Bethlehems, im Angesicht der Liebe und Güte (Vgl. 61) bekennt: »Heute wurde ich ein-
mal[einmal] recht schonungslos und aufrichtig an meinen eigenen Zelotismus erinnert. Was hast du (gemeint ist der Ich-Erzähler) den Hebroniten getan? Nichts. Und doch verstoßen sie dich! Welch eine Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit! Und was hatte mein Bruder mir getan? Nichts. Und doch verstieß ich ihn, ihn, meinen leiblichen Bruder! Ich war also noch viel liebloser und noch viel ungerechter als die Kananiter von El Chalil!« (61) Die Unduldsamkeit der Muslimen von Hebron ist in der Novelle besonders groß, weil der Geburtstag und zugleich der Verstoßungstag Ismaels is
A. WERKGESCHICHTE
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B. BISHERIGE WERTUNGEN
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C. WERKANALYSE
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"Schamah" besitzt einen Realitätsgehalt wie kaum ein anderer Erzähltext Mays. Die Erzählung übertrifft hierin auch die beiden vergleichbaren, ebenfalls auf Reisen basierenden Romane "Et in terra pax" ("Und Friede auf Erden") und "Winnetou IV", denn im Gegensatz zu ersterem ist die Ich-Darstellung ungeschminkter und im Unterschied zu beiden ist die Handlung frei von jedweder Phantastik und die ohnehin nur rudimentär vorhandene Abenteuerlichkeit ist vom Ich weg ins kindliche Milieu, ins Spielerische verlagert. Beim Erstdruck in den "Efeuranken" wurde der reale Hintergrund ganz augenfällig durch die Beigabe der Photos, die May an wichtigen Handlungsorten zeigen, in der "Bibliothek Saturn"-Ausgabe durch ein Tafelbild, das deutlich May und Klara erkennen läßt (bei 46), doch hätte es dieser visuellen Unterstreichung gar nicht bedurft. Das Ich, das »da durch die Gassen Jerusalems (streift) und . . . seine Einkäufe im Bazar und seinen Ausflug nach Hebron (macht)«, ist ganz unverkennbar »genau der liebenswürdige, gütige, humorvolle, wohlmeinende ältere Herr, der (May) wirklich war«(36), ohne jede Ähnlichkeit mit dem früheren Alleskönner Kara Ben Nemsi. Die Frau an seiner Seite ist ebenso eindeutig mit Klara May (damals Plöhn) zu identifizieren. Zwar wird ihr Name nirgends genannt, aber ihre Charakterisierung, beispielsweise ihre Vorliebe fürs Photographieren und Tagebuchschreiben, läßt keinen Zweifel daran, daß May hier seine zweite Frau gezeichnet hat, und nicht etwa Emma Pollmer, wie es für 1900 biographisch richtig gewesen wäre.(37) Daß für die geschiedene Emma in seiner Novelle kein Platz mehr war, versteht sich von selbst. Daß May sie aber problemlos durch Klara ersetzen konnte, läßt Rückschlüsse zu auf sein Verhältnis zu den beiden Frauen während der zweiten Reiseetappe, als er mit ihnen und Richard Plöhn gemeinsam unterwegs war. Schon damals muß er sich Klara, dem Mausel, innerlich näher gefühlt haben als seiner Frau Emma; spätestens jetzt wird der Gedanke entstanden sein, die Andere wäre die Richtigere für ihn, mit ihr könne er all das teilen, wofür seine Frau keine Augen
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IV. P h i l o s o p h i s c h - r e l i g i ö s e E b e n e
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