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Drittes Kapitel. Im Kui-erant-yuaw.

Wir waren durch den gestrigen Ritt von dem Camp nach dem Spring weit von unserer Richtung abgekommen und mußten, um diesen Umweg möglichst gut zu machen, jetzt dahin reiten, wohin wir sonst nicht gekommen wären und wohin wir die nur in unserer Phantasie existierende Bonanza verlegt hatten, nämlich nach dem Squirrel-Creek. Als Dick Hammerdull das hörte, zog er erst ein ernsthaftes Gedicht, lachte aber und sagte:

»Hoffentlich werden sie nicht so albern sein!«

»Wer?« fragte Treskow, der neben ihm ritt.

»Die Tramps.«

»Wieso albern?«

»Daß sie uns nach diesem Creek nachkommen!«

»Da verdienten sie noch mehr Prügel, als sie schon bekommen haben! Sie müssen doch einsehen, daß es diese Bonanza gar nicht giebt.«

»Einsehen? Ich sage Euch, Mr. Treskow, wer solche Pudel schießt, wie die geschossen haben, bei dem kann von Einsicht keine Rede sein. Ich wette, daß sie dieses unser falsches Geld noch jetzt für echte Münze nehmen!«


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»Wenn Ihr da recht habt, werden sie uns freilich nachkommen, und da können wir uns nur in acht nehmen, daß sie uns nicht ausfindig machen.«

»Bin ganz und genau derselben Ansicht. Ihr jedenfalls auch, Mr. Shatterhand?«

»Nein,« anwortete ich.

»Ihr denkt, sie kommen nicht hinter uns her?«

»Oh doch! Sie haben zwei Gründe, uns zu folgen.«

»Zwei? Ich weiß nur einen, nämlich die Bonanza. Ihr nehmt wohl auch an, daß sie noch heut an die Existenz dieses Placer glauben?«

»Ja. Diese Menschen halten sich trotz aller ihrer Dummheit für sehr klug, und da wir sie nicht extra darüber ausgelacht haben, daß sie dieser Täuschung Glauben schenkten, sind sie noch vollständig überzeugt, daß die Bonanza wirklich existiert.«

»Aus diesem Grunde werden sie uns also folgen. Und der zweite Grund?«

»Die Rache natürlich.«

»Ja, richtig. Es wird in ihnen wie in Siedetöpfen kochen; daran hatte ich nicht gedacht. Sie werden sich darum mit aller Macht auf unsere Fährte legen und sich alle Mühe geben, uns einzuholen.«

»Was ihnen aber nicht gelingen wird!«

»Nicht? Wohl weil wir bessere Pferde haben als sie?«

»Erstens das. Und zweitens wird eine geraume Zeit vergehen, ehe sie vom Spring aufbrechen können. Das ist ja selbstverständlich.«

»Ja, es wird lange dauern, ehe es einem von ihnen gelingt, sich von den Riemen zu befreien und auch die andern loszumachen.«

»Auf die Squaw, welche allerdings nicht gefesselt ist, können sie sich da nicht verlassen. Wenn sie die auf-


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fordern [auffordern], sie loszubinden, schüttelt sie den Kopf und geht weiter. Und dann, wenn sie frei sind und sich auf die Pferde setzen! Hm!«

Hammerdull verstand dieses Hm! Er ergänzte mich in ausführlicherer Weise:

»Dann geht es auch nicht so schnell, wie sie es wohl wünschen werden. Sie werden grad da, wo der Reiter es am wenigsten sein darf, durch die Prügel höchst empfindlich geworden sein. Wenigstens wünsche ich von Herzen, daß es so ist. Du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?«

Der Gefragte antwortete:

»Wenn du denkst, lieber Dick, daß sie in der betreffenden Gegend gemütvoller geworden seien, so habe ich nichts dagegen. Ich denke, daß es dir auch nicht viel anders ergehen würde.«

»Pfui! Ich würde mich niemals prügeln lassen!«

»Wenn sie dich erwischten, so bin ich überzeugt, daß sie dich ebenso durchhauen würden, wie sie von dir geprügelt worden sind.«

»Ob ich durchgehauen würde oder nicht, das bleibt sich gleich; das ist sogar ganz und gar egal, denn es versteht sich doch von selbst, daß sie es im Leben nicht fertig bringen, mich zu erwischen.«

»Pshaw! Sie hatten dich doch schon!«

»Halte den Schnabel, und ärgere mich nicht so unnötigerweise! Du weißt, daß ich in dieser Beziehung sehr schwache Nerven habe!«

»Ja; so dick wie Kabeltaue!«

»Haben sie etwa mich allein erwischt? Doch uns alle! Mußt du da mir die Vorwürfe machen, alter Griesgram, du? Das sollte ihnen noch einmal gelingen! Die reine, blaue Unmöglichkeit!«


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»Nimm dich in acht! Der Frosch, der am lautesten quakt, wird zu allererst vom Storch gefressen. Das ist eine alte, wahre Geschichte.«

»Frosch! Ich etwa?«

»Ja!«

»Ich, ein Frosch! Hat es schon einmal so eine Majestätsbeleidigung gegeben?! Dick Hammerdull, der Inbegriff alles Erhabenen, alles Schönen und Schlanken, werde mit einem Frosch verglichen! Was giebt es nur gleich für ein Amphibium oder Insekt, mit dem du zu vergleichen bist, altes Heupferd? Ja, Heupferd; das ist das Richtige! Bist du nun zufrieden, lieber Pitt?«

»Yes! Ein Heupferd ist, gegen den Frosch gehalten, ein sehr edles Tier!«

»Möchte wissen, wo da der Adel stecken soll! Uebrigens ist weder von Fröschen noch von Heupferden, sondern von den Tramps die Rede gewesen, die auf der zoologischen Leiter allerdings auch keine höhere Sprosse inne haben. Sie werden, wie wir alle denken, hinter uns her nach dem Squirrel-Creek reiten wollen; aber ob sie ihn finden werden, Mr. Shatterhand?«

»Sicher.«

»Sie wissen aber doch nicht, wo er liegt!«

»Sie haben unsere Fährte.«

»Ich traue ihnen nicht zu, gute Fährtenleser zu sein.«

»Ich auch nicht; aber wir kommen heut den ganzen Tag nur über Prairieland und werden eine Fährte machen, welche man noch morgen deutlich sehen kann. Außerdem vermute ich, daß einer bei ihnen ist, welcher den Weg nach dem Squirrel-Creek kennt.«

»Wer ist das?«

»Der weiße Medizinmann.«


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»Tibo taka? Woher sollte dieser imitierte Komantsche ihn kennen?«

»Er ist früher, ehe er zu den Komantschen kam, hier in dieser Gegend gewesen. Ob er sich speziell auf diesen Creek besinnen wird, das kann ich natürlich nicht wissen, aber es ist doch anzunehmen, daß er wenigstens die ungefähre Lage desselben kennt.«

»Well! Aber ob er sich den Tramps anschließen wird?«

»Gewiß!«

»Er hat sich doch mit Old Wabble entzweit, gestern auf der Prairie!«

»Aber heut wieder mit ihm vereinigt! Und wenn dies nicht so wäre, so betrachtet er uns genau ebenso als seine Feinde, wie die Tramps uns als die ihrigen ansehen; es liegt also nichts näher, als daß er sich mit ihnen vereinigt, uns zu folgen.«

»Aber ob sie ihn mitnehmen werden?«

»Ohne Zweifel! Uebrigens macht er keinen Umweg, wenn er mit ihnen reitet, weil er auch nach dem Park von San Louis will.«

»So bekommen wir ihn wohl da oben zu sehen?«

»Mehr, als ihm lieb sein wird!«

»Well, so bin ich befriedigt! Der Kerl hat ein solches Ohrfeigengesicht, daß ich mich auf dieses Wiedersehen herzlich freue. Ich werde ihm mit den Fäusten so in diesem Gesichte herumlaufen, daß meine Fährte noch jahrelang zu lesen sein wird!«

Unser Weg führte, wie schon gesagt, fortgesetzt über ein langsam aber stetig ansteigendes Savannenland. Während wir am Vormittage das Gebirge wie eine ununterbrochene, verschleierte Mauer in der Ferne liegen sahen, rückten wir demselben während unsers schnellen Rittes


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immer näher; die Schleier fielen, und am Nachmittage waren uns die den eigentlichen Rocky-Mountains vorgeschobenen Sandriesen so nahe gerückt, daß wir die zwischen den sie bedeckenden Wäldern lachsgelb hervorschimmernden nackten Felsenmassen klar und deutlich erkennen konnten.

Es dunkelte bereits, als wir den Squirrel-Creek erreichten, und zwar an einer Stelle, welche uns von früher her bekannt war, so daß wir nicht lange nach einer als Lagerplatz passenden Stelle zu suchen brauchten.

Ich hatte mit Winnetou schon zweimal je eine Nacht hier zugebracht, die Umgebung des Ortes war uns also wohlbekannt. Wir hätten sie zu unserer Sicherheit auch heut gern abgesucht, doch war es schon zu dunkel dazu. Wir ergaben uns dem Zwange zu dieser Unterlassungssünde ohne großes Widerstreben, denn wir hatten schon damals kein Zeichen davon entdeckt, daß jemals ein menschlicher Fuß hierhergekommen sei, und auch jetzt war der Lauf des Squirrel-Creek im allgemeinen noch so unbekannt, daß es keinen Grund gab, anzunehmen, daß sich grad heut und grad hier eine grad uns feindliche Person aufhalten könne.

Der Creek machte einen kurzen engen Bogen und schloß eine rings von Felsen umgebene Lichtung ein, auf welcher wir ein nach Indianerart mehr glimmendes als loderndes Feuer anzündeten. Das gegenüberliegende Ufer war mit dichtem Gebüsch bedeckt, welches sich jenseits wieder in eine Prairie verlor. Zu essen hatten wir genug, weil wir nicht nur unsern Proviant, sondern auch denjenigen der Tramps mitgenommen und ihnen gar nichts davon gelassen hatten. Sie sollten durch die Jagd aufgehalten werden.

Während des Essens lachte Hammerdull einmal laut auf und sagte dann:


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»Mesch'schurs, soeben kommt mir ein außerordentlich guter Gedanke!«

»Dir?« fragte Holbers. »Welche Seltenheit!«

»Hast du nicht gleich wieder deine Hand im Reispudding?! Wenn die guten Gedanken bei mir so selten wären, wie du glauben machen willst, würdest du doch selbst der Blamierte sein!«

»Wieso?«

»Wäre es etwa keine Blamage, daß du, der Ausbund aller Klugheit und Pfiffigkeit, mit einem so dummen Menschen reitest?«

»Ich thue das nur aus Mitleid; da blamiere ich mich nicht.«

»Höre, das Mitleid ist ganz nur auf meiner Seite! Wenn du das nicht anerkennst, so lasse ich dich einfach sitzen!«

»Ja; du lässest mich sitzen und setzest dich mit her zu mir! Aber sag , alter Dick, welchen Gedanken hast du denn gemeint?«

»Ich will die Tramps ärgern.«

»Das ist unnötig. Die ärgern sich schon jetzt mehr als genug.«

»Noch lange nicht genug! Meint Ihr nicht, Mesch'schurs, daß sie annehmen werden, wir seien gleich nach der Bonanza geritten?«

»Das ist möglich,« antwortete Treskow.

»Nicht nur möglich, sondern ganz sicher ist's! Sie werden denken, wir suchen die Stelle sofort auf, um den Fundort so zu verstecken und unkenntlich zu machen, daß er nicht zu entdecken ist. Da müssen wir uns einen großen Spaß mit ihnen machen.«

»Welchen?«

»Wir scharren hier irgend eine Stelle auf und decken sie dann in der Weise wieder zu, daß sie leicht zu er-


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kennen [erkennen] ist und jedermann gleich sehen muß, daß wir hier gegraben haben. Sie werden die Stelle natürlich für die Bonanza halten und sich mit größtem Eifer daran machen, nachzuwühlen.«

»Well! Dann finden sie nichts!« nickte Treskow.

»So meine ich es nicht.«

»Wie denn?«

»Wenn sie bloß nichts finden, so ist auch das nichts anderes, als wenn sie sonst irgendwo am Creek vergeblich suchen. Sie würden nur enttäuscht sein; ich will sie aber ärgern, tüchtig ärgern.«

»So sagt, auf welche Weise!«

»Sie sollen etwas finden.«

»Etwa Gold?«

»Pshaw! Und wenn ich im Golde bis über die Ohren steckte, diese Kerls ließe ich kein Körnchen finden, selbst zum Spaße nicht. Sie sollen etwas anderes finden, nämlich einen Zettel, einen schönen Zettel.«

»Einen beschriebenen?«

»Natürlich! Eben das, was darauf steht, soll sie riesig ärgern.«

»Dieser Gedanke ist freilich gar nicht übel!«

»Ob er übel ist oder nicht, das bleibt sich ganz gleich, wenn es ihnen nur übel dabei wird. Was meinst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?«

»Hm, ich meine, daß die Sache ein ganz guter Spaß ist, den wir uns wohl machen können.«

»Nicht wahr, alter, lieber Freund!« sagte der Dicke in seinem süßesten Tone, weil diese Zustimmung ihn erfreute. »Du bist wirklich zuweilen nicht ganz und gar so dumm, wie du aussiehst!«

»Ja, das ist eben der große Unterschied zwischen mir und dir.«


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»Unterschied? Wieso?«

»Ich bin nicht so dumm, wie ich aussehe, und du siehst gescheiter aus, als du bist.«

»Alle Wetter! Bring mich nicht schon wieder in Rage! Du bist nicht nur dümmer, als du aussiehst, sondern du bist sogar noch viel dümmer, als du bist! So, das ist die richtige Meinung, die ich von dir habe!«

»Well! Ueber die Dummheit streiten sich selbst die Götter mit Dick Hammerdull vergebens; das ist eine alte, überall bekannte Sache. Was aber den Zettel betrifft, den die Tramps finden sollen, wo willst du ihn hernehmen? In der Prairie wächst kein Papier.«

»Ich weiß, daß Mr. Shatterhand eine Brieftasche hat.«

»Die willst du wohl haben?«

»Oh, nur ein Blatt!«

»Er wird sich hüten!«

»Nein; er wird mir eins geben!«

»Wenn du das denkst, so weißt du nicht, was ein unbeschriebenes Blatt Papier hier im wilden Westen für einen Wert besitzt!«

»Das weiß ich wohl; aber mein Gedanke ist so köstlich, daß man gar wohl so ein Opfer bringen kann, um ihn auszuführen. Nicht wahr, Mr. Shatterhand?«

»Es fragt sich, ob ich diesen Gedanken auch für köstlich halte,« antwortete ich.

»Ist er es etwa nicht?«

»Nein.«

»Sprecht Ihr im Ernst?«

»Ja. Er ist weder köstlich noch auch nur drollig, höchstens kindlich.«

»Kindlich! Also ist Dick Hammerdull ein kindlicher Kerl?«


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»Zuweilen, ja.«

»Oder meint Ihr etwa gar kindisch?!«

»Hm! Wollen nicht Worte klauben! Erstens ist es noch gar nicht so zweifellos sicher, daß die Tramps grad hierher kommen. Sie können durch irgend einen unvorhergesehenen Umstand abgelenkt werden.«

»Und zweitens?«

»Zweitens wären sie geradezu überdumm, wenn sie annähmen, daß wir direkt nach der Bonanza geritten seien. Wenn es hier wirklich eine gäbe, müßten wir sie eher meiden als aufsuchen.«

»Oh, sich das zu denken, dazu sind diese Kerls nicht klug genug.«

»Und wenn es so ist und so wird, wie Ihr denkt, was haben wir davon? Wir sind doch nicht dabei, wenn sie den Zettel finden.«

»Das ist auch nicht nötig. Ich male mir in Gedanken ihre Gesichter so aus, daß ich sie genau so sehe, als ob ich dabei wäre.«

»Was soll dann auf dem Zettel stehen?«

»Das beraten wir. Es muß so sein, daß sie vor Aerger platzen!«

Er war für seine allerdings kindische Idee ganz Feuer und Flamme und bat mich so lange, bis ich ein Blatt aus meinem Notizbuche riß und es ihm mit dem Bleistifte gab. Nun sollte vor allen Dingen beraten werden, was darauf zu schreiben sei. Ich wurde um die Autorschaft angegangen, gab mich aber weder zu ihr noch zur Mitarbeiterschaft her; Treskow und die drei Häuptlinge folgten meinem Beispiele, und so blieben für die große litterarische Arbeit nur Hammerdull und Holbers übrig. Der letztere meinte:

»Du, schreiben kann ich nicht gut; das mußt du machen.«


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»Hm!« brummte der Dicke. »Ich habe es gelernt, aber es hat einen großen Haken.«

»Welchen denn?«

»Ich kann nicht lesen, was ich geschrieben habe.«

»Aber andere können es?«

»Andere erst recht nicht!«

»Da sitzen wir freilich im Pfeffer! Na, wenn die Gentlemen hier die Schrift nicht mit aussinnen wollten, so wird wohl einer von ihnen wenigstens so gut sein, sie auf das Papier zu bringen?«

Nach einigen Fragen und Bitten gab sich Treskow dazu her.

»Well; so kann es losgehen!« sagte Hammerdull. »Fang an, Pitt!«

»Ja,« antwortete dieser; »die leichten Sachen übernimmst du stets; aber wenn es einmal etwas recht Schwieriges giebt, da bin allemal ich es, der anfangen soll! Fang lieber selber an!«

»Du wirst doch dichten können!«

»Na, was das betrifft, das kann ich schon! Du aber auch?«

»Mit Vergnügen! Im Dichten bin ich ein ausgezeichneter Kerl.«

Unter »dichten« verstanden sie nach Art vieler Analphabeten nur die Anfertigung eines Schreibens überhaupt. Treskow, der das wohl wußte und sich einen Spaß machen wollte, bemerkte:

»Dichten? Wißt ihr denn auch, daß sich die Zeilen da reimen müssen?«

»Reimen?« fragte Hammerdull, indem er vor Erstaunen den Mund weit öffnete. »Tausend Donner! Daran habe ich ja gar nicht gedacht. Also reimen, reimen muß sich die Geschichte?«


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»Natürlich!«

»Wie denn zum Beispiel?«

»Schmerz und Herz, Meer und leer, Geld und Welt, so ungefähr.«

Es wurde englisch gesprochen; also entnahm er seine Reime nicht der deutschen, sondern der englischen Sprache. Ich muß, da ich deutsch schreibe, andere Worte angeben, bringe aber solche, welche ganz desselben Kalibers sind, wie diejenigen, welche Hammerdull nun wählte. Er nickte nämlich sehr eifrig mit dem Kopfe und sagte:

»Wenn es weiter nichts ist! Das kann ich auch! Da will ich zum Beispiel sagen: Hund und Schund, Klapps und Schnapps, Speck und Dreck, Pantoffel und Kartoffel. Das geht doch ganz famos! Wie steht es denn da mit dir, lieber Pitt? Kannst du das auch?«

»Warum nicht? So ein Kerl, wie ich bin!« antwortete der Lange.

»So sag auch mal was!«

»Sofort! Also, jetzt geht es los: Brei und Ei, Rumpf und Strumpf, Syrup und - - und - - Syrup und - - - und - - -und ---«

»Du, zum Syrup scheint es nichts zu geben; ich finde auch nichts. Sag da lieber etwas anderes!«

»Schön! Also: Paul und Maul, Knabe und Schwabe, Tinte und Flinte, Gustel und Pustel, Kuh und du - -«

Da fiel der Dicke rasch ein:

»Hör auf; hör auf! Wenn du mich mit einer Kuh zusammendichtest, was soll da für ein Reim daraus werden! Aber ich höre schon, daß es gehen wird. Fangen wir also gleich miteinander an!«

»Gleich miteinander? Nein! Wer sich den Gedanken mit dem Zettel ausgesonnen hat, der muß anfangen, und das bist doch du!«


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»Well! Da mag es losgehen!«

Er rückte höchst unternehmend hin und her und bemühte sich, seinem Gesichte einen möglichst geistreichen Ausdruck zu geben, erreichte aber gerade das Gegenteil davon. Die Arbeit begann, und was für eine!

Ich habe Holzhacker, Eisengießer, Lastträger, Schiffsfeuerleute, Kesselschmiede und dergleichen im Schweiße ihres Angesichtes arbeiten sehen; aber ihre Anstrengung war das reine Kinderspiel gegen das Aufgebot aller Geisteskräfte, unter welchem Hammerdull und Holbers sich würgten, einige sich reimende Zeilen zusammenzusetzen. Wir sahen und hörten still, aber innerlich lachend, zu. Treskow warf zuweilen einen hilfreichen Brocken in die sprachliche, dicke Suppe, und so kamen nach Verlauf von vielleicht einer Stunde unter Husten, Räuspern, großem Schweiß und Angstgestöhne sechs Zeilen zusammen, welche er auf das Blatt schrieb. Sie wörtlich wiederzugeben, ist rein unmöglich; ich will ihnen hier in deutscher Sprache eine möglichst lesbare Gewandung verleihen:

»Wie sind die Kerle doch so dumm!
Vergebens wühlen sie herum
Und können weder vorn noch hinten
Die goldene Bonanza finden,
Die wir uns doch nur ausgedacht,
Worüber alle Welt jetzt lacht!«
Dick Hammerdull. Pitt Holbers.

Also auch mit der Unterschrift der beiden Angst- und Qualpoeten mußte Treskow das Meisterwerk versehen, und dann machten sie sich an das Aufwühlen des Bodens, welches ihnen, obgleich derselbe sehr steinigt war, viel leichter als das »Dichten« wurde. Sie arbeiteten wohl zwei Stunden lang, bis sie meinten, daß das so entstan-


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dene [entstandene] Loch für ihre Zwecke tief genug sei. Das Schreiben wurde hineingelegt, nachdem es so umwickelt worden war, daß es die Feuchtigkeit der Erde nicht anzog, und dann füllten sie die Grube wieder zu. Sie stampften dabei die Steine und die Erde mit den Füßen so fest wie möglich, damit die Tramps sich sehr anzustrengen hätten, und dachten nicht daran, daß ihre eigene Anstrengung noch viel größer sei als die, welche sie diesen Leuten bereiteten.

Daß dieses Graben, Treten, Werfen und Stampfen nicht ohne Geräusch abging, läßt sich denken. Wäre die Gegend, in welcher wir uns befanden, nicht eine so abgelegene und überaus selten besuchte gewesen, so hätten wir den kindischen Scherz gar nicht geduldet. Die Genugthuung, welche Hammerdull schon im voraus empfand, sollte ihm gegönnt werden; aber es gab einen, der sie bezahlen mußte, und dieser eine war, leider nicht zu meinem Vergnügen, ich!

Das Loch war gefüllt; wir saßen rund um das Feuer und unterhielten uns nach alter Gewohnheit nur in halblautem Tone miteinander. Da sah ich, daß Winnetou seine Silberbüchse beim Schloß ergriff und langsam und möglichst unauffällig an sich zog. Zugleich zog er den rechten Fuß an, so daß sich das Knie hob. Es war kein Zweifel, er wollte schießen, und zwar galt es einen Knieschuß, den schwersten, den es giebt; ich habe ihn schon oft beschrieben. Sein Gesicht war nach dem Wasser gerichtet. Er mußte jenseits desselben einen Menschen im Gebüsch entdeckt haben, den er mit seiner Kugel treffen wollte.

Der Knieschuß wird nur in ganz bestimmten Fällen angewendet. Man entdeckt einen Feind, von welchem man aus einem Verstecke heraus beobachtet wird; man muß, um sich selbst zu retten, ihn töten. Nimmt man


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das Gewehr hoch, um zu zielen, so sieht er das, ist gewarnt und verschwindet. Um dies zu vermeiden, wird der Knieschuß gewählt, so genannt, weil dabei das Knie den Zielpunkt angiebt. Man zieht nämlich den Unterschenkel so weit an sich, bis der Oberschenkel genau so liegt, daß seine Verlängerungslinie über das Knie hinaus die Stelle berühren würde, welche man treffen will. Dann greift man zum Gewehre, was nicht auffallen kann, weil jeder gute und erfahrene Westmann es stets neben sich liegen hat. Jeden Anschein vermeidend, als ob man schießen wolle, spannt man mit dem rechten Daumen den Hahn, legt den Zeigefinger an den Drücker und hebt, natürlich immer nur mit der einen, rechten Hand, den Lauf empor und legt ihn fest an den Oberschenkel, genau in die beschriebene Richtungslinie. Der Lauscher darf, obgleich die Mündung nun auf ihn gerichtet ist, auch jetzt noch nicht ahnen, daß man auf ihn schießen will; er muß durch Finten getäuscht werden: Man senkt die Augenlider, so daß er nicht merkt, wohin man sieht; das Zielen ist dabei freilich schwer, weil es nicht mit offenem Blicke, sondern durch die Wimperhaare hindurch geschieht, und weil man das andere Auge nicht schließen darf, um keinen Verdacht zu erwecken; man gestikuliert mit dem rechten Arme; man dreht den Kopf hin und her; man unterhält sich lebhaft mit den Kameraden; kurz, man thut alles, um bei dem Lauscher die Erkenntnis zu vermeiden, daß man ihn entdeckt habe und auf ihn schießen wolle. Hat nun der Lauf die richtige Lage, so drückt man los.

Das ist der Knieschuß! Er wird die Kameraden auf alle Fälle erschrecken, weil man ihnen nicht hat sagen dürfen, was man vorhat; sie würden durch ihr Verhalten, ihre Gesichter, ihre Blicke, durch das plötzlich eintretende Schweigen den Feind mißtrauisch machen und ihm ver-


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raten [verraten], daß er gesehen worden ist. Es ist, wie gesagt, der schwerste Schuß, den es giebt. Wenn tausend Meisterschützen sich im Knieschusse üben, so kann es vorkommen, daß nicht ein einziger von ihnen es soweit bringt, daß er, besonders des Abends, seines Zieles sicher ist. Man muß jahrelang unausgesetzt üben, und doch thut es diese Uebung, diese Ausdauer nicht allein, man muß auch dazu geboren sein. Ich habe den Knieschuß von Winnetou gelernt und außer uns beiden kaum zwei oder drei gekannt, denen von ihm eine gute Censur gegeben wurde. Auch sie schossen zuweilen fehl; er aber, der unübertreffliche Meister in allen Waffen des wilden Westens, hat niemals, selbst in der stockdunkelsten Nacht, einen Fehlknieschuß gethan. Ich habe überhaupt, nicht ein einziges Mal erlebt, daß eine seiner Kugeln am Ziele vorübergegangen ist.

Ich halte noch heut meine Waffen hoch. Mein Henrystutzen und mein Bärentöter sind noch jetzt meine wertvollsten Besitztümer. Kostbarer aber noch als sie ist mir Winnetous Silberbüchse, die ich schon, als er noch lebte, stets mit einer gewissen heiligen Scheu betrachtet oder in die Hand genommen habe. Als er erschossen worden war, haben wir ihn hoch zu Roß und mit allen seinen Waffen, also auch mit ihr begraben. Einige Jahre später kam ich mit meinen damaligen Gefährten bei der Verfolgung eines Truppes Ogellallah-Indianer grad dazu, daß die Sioux sein Grab öffneten und berauben wollten. Wir vertrieben sie nach hartem Kampfe. Sie hatten es auf die Silberbüchse abgesehen. Ich konnte natürlich nicht als Hüter seines Grabes stets im Thale des Metsurflusses bleiben, und da zu erwarten war, daß sich die Entweihung des Grabes wiederholen werde, nahm ich die Silberbüchse heraus und sorgte dafür, daß dies überall


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bekannt wurde. Die Sioux erfuhren, daß die Büchse nicht mehr zu haben sei, und ließen infolgedessen das Grab nun unversehrt. Jetzt hängt dieses herrliche Gewehr neben meinem Schreibtische, und während ich jetzt von ihm erzähle, habe ich es vor meinen Augen und gedenke in tiefer Wehmut dessen, den es nicht ein einziges Mal im Stich gelassen hat und der mein bester, vielleicht mein einziger Freund gewesen ist, das Wort Freund in seiner wahren, edelsten und höchsten Bedeutung genommen!

Ich habe dieser Bemerkung hier mitten in meiner Erzählung eine Stelle gegeben, um einen scheinbaren Widerspruch schon jetzt aufzulösen. Meine Leser wissen, daß Winnetou mit der Silberbüchse begraben wurde; jetzt kaufen sie sich Bilder von mir, unter denen es welche mit der Bezeichnung »Old Shatterhand« mit »Winnetous Silberbüchse« giebt; oder die wißbegierigen Besucher, welche fast täglich mit oft wunderbarer Harmlosigkeit von »Villa Shatterhand« und meiner kostbaren Zeit Besitz ergreifen, sehen dieses Gewehr zwischen Sam Hawkens' alter »Gun« und meinem Bärentöter hängen; da giebt es der brieflichen und mündlichen Fragen kein Ende. Man will nicht warten, bis ich in einem spätern Bande erzähle, wie die begrabene Silberbüchse wieder auferstanden ist, und so habe ich denn jetzt den schriftstellerischen Fehler begangen, eine hochgespannte Handlung durch eine nicht hineingehörige Auskunft zu unterbrechen. -

Also Winnetous Gesicht war nach dem Wasser gerichtet und der Lauf des Gewehres nach dem Gebüsche jenseits desselben. Dort steckte jemand, der die Kugel bekommen sollte. Ich legte mich sofort lang, griff nach dem Stutzen und hob mein rechtes Knie auch in die Höhe. Sofort mit Hammerdull ein Gespräch anknüpfend und mich stellend, als ob meine Aufmerksamkeit nur auf diesen


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gerichtet sei, senkte ich die Augenlider halb und richtete den Blick durch die Wimpern hinüber nach dem Gesträuch. Eben als ich dies that, kam unter einem Alderbusche ein Gewehrlauf zum Vorscheine, der auf mich gerichtet war, und ehe ich die kurze Zeit fand, den Stutzen nach diesem Punkte zu richten, krachte der Schuß, in demselben Augenblicke aber auch Winnetous Silberbüchse. Drüben erscholl ein Schrei; Winnetou hatte getroffen, und ich bekam einen Schlag, der mir das Bein streckte, auf oder an den Oberschenkel.

Die ganz ahnungslos gewesenen Kameraden sprangen auf, ich schnellte auch empor und stieß, während sie eine Menge Fragen hervorhasteten, mit den Füßen das brennende Holz auseinander, so daß das Feuer verlöschte. Das that ich, damit wir für weitere Schüsse keine Ziele böten. Kaum war es dunkel, so sagte der Apatsche:

»Meine Brüder mögen ganz ruhig sein und warten!«

Einen Augenblick später gab es drüben im Gebüsch einen prasselnden Krach, welchem sofort die tiefste Stille folgte. Der Creek war hier an dieser Stelle gewiß zwölf Fuß breit, trotzdem war Winnetou mit einem seiner unvergleichlichen Sätze hinüber- und mitten ins Gesträuch hineingesprungen. Wir lauschten.

Es verging eine lange, lange Zeit, wohl eine halbe Stunde. Mein Bein schmerzte mich, und als ich nach der betreffenden Stelle griff, fühlte ich, daß sie stark blutete. Ich war verwundet. Da ertönte von drüben herüber Winnetous laute Stimme:

»Laßt das Feuer wieder brennen!«

Ich schob die noch glimmenden Reste wieder zusammen, brachte sie durch Anblasen zum Brennen und legte Dürrholz zu. Nun sahen wir ihn drüben am Rande des Wassers stehen. Er hatte das eine Ende seines Lasso in der Hand; das andere war an einem neben ihm lie-


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genden [liegenden] Menschenkörper befestigt. Ohne daß er vorher einen Anlauf nehmen konnte, sprang er, den Lasso festhaltend, wieder zu uns herüber und zog dann den bewegungslosen Körper, der dabei natürlich in das Wasser fiel, nach. Ich half ihm dabei. Während dies geschah, erklärte er uns:

»Ich sah da drüben ein Gesicht und schoß darauf; es war noch ein zweiter Mann dort, den ich nicht sah; der hat auch geschossen. Ich sprang hinüber, um zu erfahren, ob noch mehr Menschen da seien. Ich hörte einen fliehen und huschte ihm nach. Jenseits der Büsche waren fünf Reiter, aber sieben Pferde; der Fliehende eilte hin zu ihnen und sagte, daß er Old Shatterhand erschossen habe, daß aber sein Gefährte von Winnetou getötet worden sei. Es waren Bleichgesichter, ohne einen roten Mann dabei, denn derjenige, welcher nun auf das eine ledige Pferd stieg, sprach ein reines Englisch. Sie warteten noch eine Zeitlang, und als der nicht kam, den Winnetou erschossen hat, sagte der Entflohene: >Er ist tot, sonst würde er kommen oder um Hilfe rufen. Wir müssen fort, denn man wird nach uns Suchen; aber mein Wunsch ist erfüllt und meine Rache gestillt, denn Old Shatterhand ist tot!< Winnetou erschrak über den Tod seines Freundes, kroch zurück, dahin, wohin er gezielt hatte und fand die Leiche des Getroffenen. Er band ihn an den Lasso und gebot, wieder Feuer zu machen. Wie freute er sich, als er sah, daß sein Bruder Shatterhand noch lebt!«

»Wer mögen die Weißen gewesen sein?« fragte Treskow.

»Die Tramps keinesfalls, denn die können noch nicht hier sein.«

Ich bog mich zu dem Toten nieder. Die unfehlbare Kugel des Apatschen war ihm in die Stirn gegangen.


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Ich erkannte ihn sofort: es war einer von Toby Spencers Rowdies. Treskow bestätigte dies, nachdem er ihn auch betrachtet hatte; er hatte ihn ja auch bei Mutter Thick in Jefferson-City gesehen. Man hatte jetzt nur auf diese Leiche und auf Winnetou geachtet; jetzt sah dieser dunkelnasse Stellen im Grase, folgte ihnen mit den Augen bis zu mir und rief dann erschrocken aus: »Uff! Mein Bruder ist verwundet, also doch getroffen worden! Das Blut läuft stark. Ist es gefährlich?«

»Ich glaube nicht,« antwortete ich.

»Ist der Knochen verletzt?«

»Nein, denn ich kann stehen.«

»Aber es ist eine seltsame Wunde. In der Lage, welche mein Bruder hier am Boden hatte, konnte er gar nicht an dieser Stelle getroffen werden!«

»Das habe ich mir auch schon gesagt. Es war ein Fehlschuß. Die Kugel hat hier den Felsen getroffen und ist, von ihm abprallend, mir in den Schenkel gedrungen.«

»Das ist nicht gut. Prallschüsse verursachen Schmerzen. Ich werde sofort nach der Wunde sehen!«

»Lieber jetzt nicht gleich. Wir müssen fort!«

»Wegen der sechs Bleichgesichter da drüben?«

»Ja. Unser Feuer brennt wieder. Wenn sie umkehren, können sie uns mit der größten Bequemlichkeit auslöschen.«

»Sie kommen nicht, denn die Stimme dessen, welcher sprach, klang sehr ängstlich. Die Vorsicht treibt uns dennoch fort, vorher aber muß ich die Wunde untersuchen; sie steht schon lange offen; mein Bruder muß schon sehr viel Blut verloren haben; darum können wir es nicht länger hinausschieben, ihn zu verbinden.«

»So mag Hammerdull recht viel Holz in das Feuer werfen, daß es eine hell hinüberleuchtende Flamme giebt,


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und die andern mögen mit schußfertigen Gewehren das Ufer drüben bewachen und sofort schießen, wenn ein Zweig sich regt!«

Diese Untersuchung der Wunde ergab ein günstig-ungünstiges Resultat, günstig, weil das Oberschenkelbein unverletzt war, und ungünstig, weil die Wunde eine Eiterwunde zu werden versprach. Die Kugel war bis auf den Knochen durch die Weichteile gedrungen und wurde von Winnetou mit dem Messer herausgeholt. Sie war einseitig plattgedrückt und hatte mit der dadurch entstandenen Kante, zumal sie matt geworden war, keine glatte Wunde geschlagen, sondern das Fleisch zerfetzt. Das verhieß Wundfieber, heftige Schmerzen und eine langsame Heilung, vielleicht gar mit zurückbleibender Hyperostose. Fatal! Grad jetzt, wo jede Verzögerung unsers Rittes so bedenklich war!

Glücklicherweise führte ich einige reine Tücher in der Satteltasche mit. Indem mir Winnetou den einstweiligen Verband anlegte, sagte er: »Es ist sehr gut, daß mein Bruder gelernt hat, Schmerzen nach der Art der roten Krieger zu ertragen. Wenn wir nicht in kurzer Zeit genug Tschitutlischi (* Apatschensprache: Wundkraut.) finden, wird eine böse Entzündung eintreten; finden wir aber genug davon und vorher auch eine Dentschu-tatah (* Beizkraut.), so hoffe ich, weil du eine so kräftige Natur und sehr gesundes Blut besitzest, daß du diese Verwundung nicht schwer überwinden wirst. Hoffentlich kannst du jetzt reiten?«

»Natürlich! Ich habe keine Lust, den schwachen Patienten zu spielen.«

»So wollen wir unserer Sicherheit wegen diesen Ort


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verlassen und einen andern suchen. Doch nimm dich in acht, daß keine neue Blutung entsteht!«

Wir verließen die für mich so unangenehm gewordene Stelle und folgten dem Creek fast eine Stunde lang abwärts, wo wir abstiegen und wieder ein Feuer anzündeten. Es wurden einige harzreiche Aeste gesammelt, welche als Leuchten beim Pflanzensuchen dienen sollten; die drei Indianerhäuptlinge zündeten sie an und entfernten sich, um für ihren angeschossenen Freund und Bruder Shatterhand botanisieren zu gehen. Dick Hammerdull hatte sich neben mich gesetzt. Er hielt seine alten, guten Augen zärtlich auf mich gerichtet, strich mir plötzlich einmal mit überquellender, besorgter Zärtlichkeit über die Wange und knurrte dabei:

»Verteufelte Erfindung, diese Schießgewehre! Besonders dann, wenn die Kugeln treffen. Habt Ihr große Schmerzen, Mr. Shatterhand?«

»Gar keine jetzt,« antwortete ich.

»So wollen wir hoffen, daß es bei dieser Handschuhnummer bleibt!«

»Das steht leider nicht zu erwarten. Jede Verletzung will sich ausschmerzen; eher heilt sie nicht.«

»Schmerz! Ein ganz miserables Wort! Und dennoch möchte ich, daß ich den Eurigen auf mich nehmen könnte! Ich bin da wohl nicht der einzige, der so denkt. Nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?«

»Hm,« antwortete der Lange, »ich wollte lieber, ich wäre getroffen worden!«

»So! Warum hast du dich da denn nicht dorthin gesetzt, wohin der Kerl geschossen hat? Hinterher kannst du gut aufopfernd sein!«

»Bin ich allwissend, dicker Grobian?«

»Das nicht; aber wenn ich schon sage, daß lieber


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ich die Schmerzen haben möchte, brauchst du doch nicht auch welche zu verlangen!«

»Du hast mich doch gefragt! Und ich habe Mr. Shatterhand wenigstens ebenso lieb wie du!«

»Ob ich ihn lieb habe, oder ob du ihn lieb hast, das bleibt sich gleich, das ist ganz und gar egal, wenn wir ihn nur beide lieb haben; verstanden?! Wenn ich den Kerl erwische, der da so unvorsichtig geschossen hat, daß die dumme Kugel zurückfliegen mußte, so mag er seine zwölf Knochen nur zusammennehmen!«

»Zweihundertfünfundvierzig, lieber Dick!« verbesserte ich ihn.

»Warum so viel?«

»Weil jeder Mensch so viel hat.«

»Desto besser, denn desto länger wird er zu suchen haben, ehe er sie zusammenfindet! Aber zweihundertfünfundvierzig Knochen? Ich habe die meinigen zwar noch nicht gezählt, jedoch daß unter meiner Haut so viele Knochen stekken, das habe ich bisher nicht geahnt!«

»Knochen und Knochen ist ein Unterschied; es sind da auch die kleinen Gehör- und Sesamknöchelchen mitgezählt.«

»Sesamknöchelchen? Sesam? Ich will auf der Stelle gelyncht, geteert und gefedert werden, wenn ich solche Sesambeine schon einmal gesehen habe! Pitt Holbers, du bist doch an Knochen viel stärker und reicher als ich, aber sind dir deine Sesamknöchelchen bekannt?«

»Never mind! Glaubst du, ich habe mich schon einmal umgestülpt, wie man einen Handschuh umwendet, um die Sesams zu zählen, die in mir stecken? Daß ich sie habe, ist vollständig genügend; zu sehen und zu zählen brauche ich sie nicht.«

»Aber der Mensch, welcher geschossen hat, soll die


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seinigen zählen, wenn ich ihn erwische! Möchte wissen, wer er ist!«

»Wahrscheinlich Toby Spencer selbst.«

»Schöner Schütze!«

»Er hat früher jedenfalls besser geschossen, von mir aber bei Mutter Thick eine Revolverkugel in die Hand bekommen und zwar zu meinem Glücke, denn wenn das nicht wäre, lebte ich jetzt nicht mehr; gezielt war's gut, aber zitterig abgedrückt. Da war doch Winnetous Schuß ein anderer! Ein Knieschuß in die Dunkelheit hinein, und doch grad in die Stirn! Uebrigens werden die Tramps morgen große Augen machen, wenn sie den Toten an unserm Lagerplatze finden!«

»Well! Sie werden da erst recht denken, daß sich die Bonanza dort befindet, denn sie müssen doch annehmen, daß wir den Mann erschossen haben, weil er das Placer entdeckt hat.«

»Möglich, daß sie das denken! Aber Eure Bonanzageschichte ist schuld, daß ich verwundet worden bin.«

»Ah, wirklich? - Wieso denn?«

»Der Lärm, den Ihr mit Eurem Loche gemacht habt, hat die Leute herbeigezogen; sie haben ihn gehört.«

»Hm! Ich kann nicht widersprechen. Ihr macht mir also Vorwürfe?«

»Nein. Was geschehen ist, ist vorüber; niemand kann es ändern. Doch hört, da kommen die Häuptlinge!«

Ja, sie kamen. Winnetou teilte mir in erfreutem Tone mit:

»Mein Bruder Shatterhand mag froh sein, denn wir haben viel Tschitutlischi und auch mehrere Dentschu-tatah gefunden; er wird also die Verwundung leichter, wenn auch nicht ohne Schmerzen, überstehen.«

Wenn ich auch nicht an ein »leichtes Ueberstehen«


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dachte, so war es mir doch außerordentlich lieb, diese Worte von ihm zu hören. Bei einem Verbande, wie ich ihn jetzt trug, waren die Folgen gar nicht abzusehen. Ich hätte vielleicht auf den Weiterritt verzichten müssen, wenn nicht gar noch Schlimmeres eingetreten wäre. Ich kannte die außerordentliche Heilkraft seiner Wundpflanzen und war nun überzeugt, daß ich die Blessur ohne schweren Nachteil überwinden würde.

Der Verband wurde wieder abgenommen und die Wunde ausgewaschen; dann fertigte Winnetou aus einem weichen Blatte einen passenden Pfropf, den er mit dem beizenden Safte des Dentschu-tatah tränkte. Diese Pflanze gehört wie unser Chelidonium in die Familie der Papaveraceen, unterscheidet sich aber von diesem dadurch, daß sie keinen rotgelben Milch-, sondern einen weißen, dünnflüssigeren Saft hat. Als mir der Pfropfen in die Wunde gedreht wurde, war es, als ob ich ein glühendes Eisen hineinbekäme. ich bin gewohnt, Schmerzen zu verbeißen, mußte mich jetzt aber doch zusammennehmen, um ein unverändertes, ja lächelndes Gesicht zu zeigen. Winnetou sah mich an und sagte, mit dem Kopfe nickend:

»Ich weiß, daß Old Shatterhand jetzt am Marterpfahle hängt; da er diesen Schmerz mit Lächeln übersteht, würde er auch an einem wirklichen Pfahle lachen. Howgh!«

Die höchst schmerzhafte Prozedur wurde noch zweimal wiederholt, wobei jedesmal die Empfindung weniger peinigend war. Dann träufelte mir der Apatsche den wasserhellen Saft der Tschitutlischi ein, legte das Kraut auf die Wunde und verband sie fest. Dieses Kraut gehört in die Familie der Plantagineen, ist aber keineswegs unser Wegebreit. Ich habe beide Pflanzen, welche wahrhaft Wunder wirken, nicht in Deutschland, auch nicht


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im Osten der Vereinigten Staaten gefunden. Die Apatschen nennen, außer den zwei schon angeführten Namen, das eine wie das andere Kraut Schis-inteh-tsi, zu deutsch »Indianerpflanze« und behaupten, daß es ein Geschenk des großen Geistes für seine roten Söhne sei, nur da wachse, wo sie wohnen, sich mit ihnen aus dem Osten nach dem fernen Westen zurückgezogen habe und mit ihnen einst aussterben werde. Selbst Winnetou, der stets so vorurteilslose, behauptete einst in vollstem Ernst zu mir.-

»Wenn der letzte Indianer stirbt, wird auch das letzte Blatt Schis-inteh-tsi verwelken und nie wieder grünen. Es blüht mit der roten Nation in jenem Leben wieder auf!«

Es war doch möglich, daß die sechs Weißen, welche Winnetou gesehen hatte, wieder zurückgekehrt waren und uns beobachtet hatten. Wir trafen die gebotenen Vorsichtsmaßregeln und losten die Wachen aus, wovon indessen ich als Verwundeter entbunden wurde. Ich schlief trotz der Verletzung bis zum frühen Morgen fest, wo ich aber von einem Gefühle des Zerrens und der Trockenheit aufgeweckt wurde. Winnetou lag seinen chirurgischen Pflichten wieder ob, wobei heut nur der zweite Saft in Anwendung kam; dann aßen wir und brachen nachher auf.

Es galt natürlich zunächst, zu erfahren, wer die sechs Weißen gewesen waren. Wir setzten über den Creek und ritten, um mich zu schonen, langsam weiter, während der Apatsche fortgaloppierte, um die gesuchte Fährte zu entdecken. Es dauerte gar nicht lange, bis er kam und uns zu ihr führte. Sie lief in unserer Richtung über die Prairie, was wir uns gleich gedacht hatten. Wir wußten ja, daß Toby Spencer auch hinauf nach dem Park von San Louis wollte. Natürlich folgten wir ihr.


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Diese Prairie war nicht groß; es hörten jetzt überhaupt die Ebenen auf, die oft so langweilig sind und doch den erhabenen Eindruck des Oceans machen. Wir kamen, um mich so auszudrücken, an die Vorhöhen der Vorberge und mußten von jetzt an auf einen geradlinigen Ritt verzichten. Gut war es, daß wir die Wege und Pässe, welche wir aufzusuchen hatten, kannten. Zunächst galt es, den alten, sogenannten Kontinentalpfad zu erreichen, einen früher vielbelebten Westmannsweg, welcher in unzähligen Windungen über die Mountains führt, zur jetzigen Zeit aber vergessen worden zu sein scheint.

Da wir den grasigen Boden verlassen hatten, war die Fährte, welcher wir folgten, nicht leicht zu lesen. Oft verschwand sie für längere Zeit ganz; wir trafen aber immer wieder auf sie, ohne uns große Mühe gegeben zu haben sie zu finden, und so nahmen wir an, daß die uns Vorausreitenden auch nach dem Kontinentalpfade wollten.

Erwähnen muß ich, daß ich bei jedem Wasser, an welches wir kamen, abstieg, um meine Wunde zu kühlen, was so, wie ich es machte, freilich nicht viel Zeit in Anspruch nahm. Ich hatte mir nämlich über dem Knie einen Riemen so fest um den hohen Stiefel gebunden, daß das untere Bein luftdicht abgeschlossen war; dann schöpfte ich mir den oberen Teil des Schaftes mit den Händen voll Wasser, und dieses reichte fast stets so weit, bis es wieder frisches gab. Zuweilen stieg ich gar nicht ab und ließ mir von einem der Gefährten »den Stiefel füllen«.

Man glaubt nicht, welchen Eindruck die Rocky-Mountains machen, wenn man so lange Zeit von Tag zu Tag vergeblich nach dem Horizonte der weiten, unendlich scheinenden Ebene gejagt hat. Auf der Savanne flieht er fort und fort ins Weite, in die Endlosigkeit; das Auge bittet förmlich um einen festen Halt, doch ohne


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ihn zu finden; es ermüdet und blickt doch immer wieder sehnend auf - - vergeblich, vergeblich! Der wie ein Halm im grenzenlosen Grasmeere sich fühlende Mensch wird zum Ahasver, der nach Ruhe schreit und doch keine findet. Da endlich tauchen nach langem Sehnen und Wünschen in der Ferne die grauen Schleier auf, hinter denen das Kanaan des Auges seine Berge gen Himmel streckt. Sie bilden nicht einen Horizont, welcher, unerbittlich zurückweichend, immer treulos flieht; nein, dieser Vorhang ist treu, hält Wort! Ja, er scheint nicht nur auf unser Nahen zu warten, sondern uns entgegenzukommen. Und je mehr wir uns ihm nähern, desto mehr gewinnt er an Durchsichtigkeit; oder er hebt sich allmählich höher und höher und läßt uns nach und nach die Herrlichkeiten sehen, viel schöner noch, als er sie uns von weitem schon versprochen hat. Nun gewinnt das Auge Halt und das Leben Farbe und Gestalt. Glich die Savanne einer keinen Anfang und kein Ende bietenden Tafel, auf welcher die große, erhabene Rune »Ich, der Herr, bin das Alpha und das Omega!« zu lesen war, so steigen jetzt die in Stein erklingenden Hymnen von der Erde auf und jubilieren: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Berge verkündigen seiner Hände Werk; ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht thut es der andern kund!« Und dieser steinerne Jubel ruft den Widerklang der Seele wach; es falten sich die Hände, und die Lippen öffnen sich zum Gebete: »Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Deine Weisheit hat sie geordnet, und die Erde ist voll von deiner Liebe und Güte!«

So, grad so habe ich stets empfunden, wenn ich aus diesen Ebenen nach diesen Bergen kam. Tausende stiegen hinauf, mit tödlichen Waffen in den Händen, um schonungslos die Geschöpfe Gottes niederzumetzeln; Tausende


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stiegen und steigen noch heut hinauf, vom trügerischen Glanze des Goldes und des Silbers geblendet, um das ihnen von Gott geliehene Leben an den verderblichen Mammon zu wagen; wie viele waren unter ihnen, welche, wenn sie das Bibelwort kannten: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, auf denen mein Heil und meine Hilfe wohnt,« dabei an ihr wahres Heil und an den allein rechten Helfer dachten?

Ich ritt auch heut hinter den Gefährten her, um nicht gestört zu sein, und ließ die Farben und Lichter, welche von oben glänzten, mir in die Seele leuchten; denn die Felsenberge sind reicher an Farben und zeigen erhabenere Lichter als jedes andere Gebirge der Erde. Es ist nicht die massigstolze Erhabenheit der Alpen, nicht die epische der Pyrenäen und nicht die unnahbare, niederdrückende des Himalaja, sondern es ist eine Hoheit, welche zwar mit ernster Würde doch mild lächelnd niederschaut. Wenn die alten Griechen ihren Göttern den Olymp zur Wohnung gaben, so hatte und hat der Indianer weit größere Berechtigung zu dem Glauben, daß auf diesen Bergen sein großer, guter Manitou wohne.

Wir ritten heut noch lange nicht im Gebirge, sondern erst unten, zwischen den weit ausgreifenden Zehen der Bergesfüße dahin, und doch schon welche Herrlichkeit rings um uns her! Bei jeder Wendung ging ein neuer Vorhang auf und bot ein andres, schönes Bild. Es war ein unvergleichliches Wandelpanorama, nur wandelten wir, und Gottes Berge standen. Schon sandte uns der hohe Wald seine Ausläufer grüßend entgegen: »Willkommen! Mein Dom ist ein Tempel, von keines Menschen Hand gemacht!« Das waren nicht die trüben, trägen Wasser der Savanne, welche uns klar und hell mit fleißigen Sprüngen ereilten und uns mahnend zuplätscherten: »Wie


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du da oben meine Quelle suchst, so strebe immer nach dem Urgrund aller Dinge!« Und die Winde, welche uns bei jeder Biegung des Weges entgegenwehten und die Wangen kühlten, sie säuselten uns zu: »Du weißt nicht, von woher wir kommen und wohin wir gehen; uns leitet der Herrscher aller Dinge. So ist auch das Leben des Menschen; du kennst weder seinen Beginn noch seinen Verlauf; der Herr allein weiß es und leitet es!«

Nicht wahr, lieber Leser, ich bin doch ein ganz übermäßig frommer Mensch? So wirst du vielleicht denken; aber du wirst dich da wohl irren. Uebermäßig? Nein! Die wahre Frömmigkeit kennt kein Uebermaß; sie kann überhaupt gar nicht gemessen werden. Ich bin ein stets gern seelenvergnügter, heiterer Gesell und weiß gar wohl, wem ich diese Heiterkeit verdanke. Du darfst es mir wirklich nicht übelnehmen, daß ich das, was ich drüben im wilden Westen dachte und fühlte, hier in der von der »Civilisation« gebändigten Heimat niederschreibe. Was ich da drüben gethan und erlebt habe, das waren doch Ergebnisse meiner Gedanken und Gefühle, und wenn ich dir die Folgen erzähle, darf ich doch die Ursachen nicht verschweigen! Ueberdies hat jeder Leser das Recht, seinem Autor in das Herz zu blikken, und dieser ist verpflichtet, es ihm stets offen zu halten. So gebe ich dir das meine. Ist es dir recht, so soll mich's freuen; magst du es nicht, so wird es dir dennoch stets geöffnet bleiben. Soll ein Buch seinen Zweck erreichen, so muß es eine Seele haben, nämlich die Seele des Verfassers. Ist es bei zugeknöpftern Rock geschrieben, so mag ich es nicht lesen. -

Es war schon Nachmittag, als wir kurz vor einem Walde den Kontinentalweg erreichten. Wir kannten die sehr charakteristische Stelle, waren sicher, daß wir uns nicht irrten, und lenkten auf ihn ein. Bald befanden wir


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uns im hohen Walde, herrliche Tannen hüben und drüben, vor und hinter uns. Wir mochten uns wohl eine Viertelstunde in seinem Schatten befunden haben, als uns ein Reiter entgegenkam, ganz in leichtes Leinen gekleidet und mit einem sehr breitrandigen Sombrero auf dem Kopfe. Der Sombrero ist überhaupt in Colorado sehr beliebt.

Der Mann war jung, wohl nicht viel über zwanzig Jahre alt. Als er uns erblickte, hielt er sein Pferd an; sein scharfer Blick schien uns taxieren zu wollen. Bewaffnet war er nur mit einem Messer im Gürtel. Kurz ehe wir ihn erreichten, grüßte er uns:

»Good day Gents! Möchte fragen, wohin ihr wollt?«

»Bergauf,« antwortete ich.

»Wie weit?«

»Wissen es nicht genau. Wohl bis es dunkel wird und wir einen guten Platz zum Lagern finden.«

»Ihr seid Weiße und Rote. Darf ich eure Namen wissen?«

»Warum?«

»Weil ich Hilfe suche und sie nur bei Gentlemen finden kann.«

»So seid Ihr bei den richtigen Leuten. Ich heiße Old Shatterhand, und ---«

»Old Shatterhand?« unterbrach er mich schnell. »Ich denke, Ihr seid tot!«

»Tot? Wer sagt das?«

»Der, welcher Euch gestern abend erschossen hat.«

»Ah! Wo ist der Kerl?«

»Bei uns.«

»Ja, wo ist denn nun das?«

»Sollt es gleich erfahren, Sir. Wenn Ihr der Seid, auf den diese Leute geschossen haben, so kann ich mich


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auf Euch verlassen. Vater ist Black-smith (* Hufschmied.). Wir haben uns vor einiger Zeit hierher gemacht, weil jetzt an diesem alten Wege ein gutes Geld zu verdienen ist. Es sind da oben in den Bergen neue Gold- und Silberfunde gemacht worden, und es kommen täglich Leute vorüber, welche hinauf wollen und einen Schmied brauchen. Es ist uns ganz gut gegangen bisher; wir sind zufrieden, nur daß manchmal Menschen bei uns anhalten, welche alles sind, nur keine Gentlemen. So schlimm aber wie heut diese sechs Kerls, hat es noch niemand getrieben. Sie kamen vor vier Stunden an, haben für sich arbeiten lassen und wollen nicht bezahlen. Die Schwester hat sich verstecken müssen, warum, das brauche ich nicht zu sagen. Den Vater haben sie eingesperrt, und ich habe alles herschaffen müssen, was zu essen und zu trinken im Hause war. Fleisch, Mehl, Brot werfen sie einfach auf dem Fußboden herum, und die Flaschen fliegen, noch ehe sie ausgetrunken worden sind, nur so durch die Luft. Es gelang mir endlich, zu fliehen, und nun wollte ich in das Deep (* Schlucht, Thal.) hinab, um meinen Bruder zu holen, welcher dorthin nach Fischen gegangen ist.«

»Wißt Ihr vielleicht, wie die Kerls heißen?«

»Einer heißt Spencer; ein anderer wird General genannt.«

»Well! Ihr seid hier an die richtigen Leute gekommen und braucht nicht ins Deep zu reiten. Wir werden Euch helfen. Kommt!«

Er kehrte um, und wir ritten weiter. Nach einiger Zeit ging zu unserer rechten Hand der Wald zu Ende; linker Hand lief er noch weiter, indem er eine Krümmung machte und dann auch aufhörte. Wir hielten unter den


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letzten Bäumen an, weil einen guten, halben Büchsenschuß von uns ein Haus am Wege lag, dem man es gleich ansah, daß es eine Schmiede war. Es stieß eine Fenz daran, in welcher Pferde standen, wieviel, das konnten wir nicht sehen.

Winnetou sah mich fragend an. Es war kein Mensch außerhalb des Hauses; die Rowdies mußten also noch in der Stube sein; darum sagte ich:

»Das beste ist, wir überraschen sie. Also im Galopp hin, von den Pferden herunter, in das Haus hinein, und ihre Flinten weg, dann hands up! Vorwärts! Mr. Treskow bleibt vor der Thür bei den Pferden!«

Diese letztere Bestimmung traf ich, weil er kein Westmann war und bei dem hands up leicht einen Fehler machen konnte; auch mußte jemand die Pferde bewachen. Wir jagten vorwärts. Bei dem Hause angekommen, waren die andern im Nu aus dem Sattel; mit mir ging es etwas langsamer. Ich folgte ihnen. Das Innere bestand aus zwei Räumen, nämlich aus der Schmiedewerkstatt und der Stube; um in die letztere zu kommen, mußte man durch die erstere gehen. Als ich in die offene Stubenthür trat, standen die Kerls schon mit hochgehobenen Händen da; ich sah nur die Hände, nicht sie selbst, denn der Raum war klein; ich mußte unter der Thür stehen bleiben und hatte die Gefährten vor mir. Winnetou kommandierte eben:

»Wer den Arm sinken läßt, wird erschossen! Schahko Matto mag ihnen die Gewehre wegnehmen!«

Als dies geschehen war, gebot er weiter:

»Hammerdull nimmt ihnen die andern Waffen aus den Gürteln!«

Auch das wurde ausgeführt; dann befahl der Apatsche:

»Setzt euch längs der Wand nebeneinander nieder!


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Jetzt könnt ihr die Hände niederthun; aber wer aufsteht, bekommt die Kugel!«

Jetzt schob ich Apanatschka und Holbers, welche mir im Wege standen, auf die Seite und trat vor. Da ertönte der Schreckensruf.

»Alle Teufel! Old Shatterhand!«

Es war Spencer. Er hatte mich bei Mutter Thick nicht gekannt, gestern aber, als er auf mich geschossen hatte, seinen Gefährten meinen Namen genannt; jetzt nannte er ihn wieder. Woher wußte er ihn? Diese Frage war jetzt nebensächlich; die Hauptsache war der Mann selbst. Ich sagte in strengem Tone zu ihm:

»Ja, die Toten stehen auf. Ihr hattet schlecht gezielt.«

»Gezielt ---? Ich ----?« fragte er.

»Versucht nicht, zu leugnen; es hilft Euch nichts! Könnt Ihr Euch besinnen, mit welchen Worten Ihr bei Mutter Thick in Jefferson City Abschied von mir nahmt?«

»Ich - - weiß --- nicht ---- mehr,« stammelte er.

»So will ich Eurem Gedächtnisse zu Hilfe kommen. Ihr sagtet: >Auf Wiedersehen! Dann aber hebst du die Arme in die Höhe, Hund!< Heut ist das Wiedersehen; wer aber hat sie hochgehalten, Ihr oder ich?«

Er antwortete nicht und sah vor sich nieder. Sein Gesicht sah aus wie dasjenige einer Bulldogge, welche Prügel bekommen hat.

»Heut rechnen wir freilich ganz anders ab als damals, wo Ihr nur die Zeche und ein zerbrochenes Glas zu berichtigen hattet,« fuhr ich fort. »Ihr habt mich verwundet; das kostet Blut.«

»Ich hab nicht auf Euch geschossen,« behauptete er.

Da zog ich den Revolver, richtete ihn auf ihn und sagte:


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»Heraus mit dem Geständnisse! Wenn Ihr noch einmal lügt, so schieße ich. Seid Ihr es gewesen?«

»Nein - - ja - - nein --- ja, ja, ja, ja, ja!« schrie er um so ängstlicher, je näher ich ihm den Lauf an den Kopf hielt.

»Euer hinterlistiges Verhalten hat Euer Kamerad gestern mit dem Leben bezahlt. Womit werdet Ihr mir die Wunde wohl bezahlen, die ich Euch zu verdanken habe?«

»Wir sind quitt!« antwortete er trotzig.

»Wieso quitt?« »Ihr habt mir die Hand zerschossen!«

Er hielt die verbundene rechte Hand empor.

»Wer war schuld daran?«

»Ihr! Wer sonst?«

»Ihr wolltet auf mich schießen, und ich kam Euch zuvor; das ist die Sache. Es war Notwehr von mir; ich hätte Euch erschießen anstatt bloß verwunden können. Wer und was hat Euch aber gestern zum Schuß gezwungen?«

Er schwieg.

»Wo ist der General?«

Douglas war nämlich nicht in der Stube; darum fragte ich nach ihm.

»Das weiß ich nicht,« antwortete er.

»Ihr müßt es wissen!« »Er hat nichts gesagt, als er ging.«

»Also hinaus, fort ist er doch?«

»Ja.«

»Wann?«

»Kurz, ehe Ihr kamt.«

»Kerl, Ihr wißt, wohin er ist! Da Ihr leugnet, mache ich kurzen Prozess und gebe Euch die Kugel.«


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Er sah den Revolver wieder auf sich gerichtet. Solche rohe, gewaltthätige Menschen besitzen gewöhnlich nicht den wahren Mut. Er hätte sich denken können, daß ich nicht schießen würde, selbst wenn er leugnete; aber die Feigheit preßte ihm das Geständnis aus:

»Er wollte dem Sohne des Schmiedes nach.«

»Warum?«

»Weil er glaubte, dieser werde Leute holen.«

»So ist er auch nicht fort, kurz ehe wir kamen?«

»Nein.«

»Sondern wann?«

»Gleich, als der Boy weg war.«

»Zu Fuße?«

»Nein; er holte sein Pferd, weil der Boy auch nicht zu Fuße fort war.«

»Nach welcher Richtung ist er fort?«

»Wir haben nicht aufgepaßt.«

»Well; die Sache wird sich bald aufklären, denke ich.«

Ich ging hinaus, um Treskow zu instruieren, für den Fall, daß der »General« zurückkommen sollte. Bei ihm stand der Schmiedssohn, der aus Vorsicht nicht mit hineingegangen war. Von links her kam ein Mädchen gegangen. Auf sie zeigend, fragte ich den Boy:

»Wer ist das?«

»Meine Schwester,« antwortete er.

»Welche sich vor diesen Rowdies versteckt hatte?«

»Ja.«

»Die muß ich fragen.«

Als sie herangekommen war, sagte ihr der Bruder, daß sie sich nun, weil wir da seien, nicht mehr zu fürchten brauche, und ich erkundigte mich:

»Wo habt Ihr gesteckt, Miß?«

»Drüben im Walde,« antwortete sie.


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»Während der ganzen Zeit?«

»Nein.«

»Wo sonst?«

»Ich sah meinen Bruder fortreiten und wollte ihm nach. Da kam der Mann, welcher General genannt wurde, aus dem Hause und holte sein Pferd aus der Fenz. Als er aufgestiegen war, sah er mich und ritt auf mich zu. Ich floh zurück; er holte mich aber ein, als ich den Wald grad erreicht hatte.«

»Und dann?« erkundigte ich mich, da sie eine Pause machte.

»Dann kamen Reiter nach dem Hause.«

»Das waren wir. Hat er uns gesehen?«

»Ja. Er schien heftig zu erschrecken und stieß einen greulichen Fluch aus.«

»Erkannte er uns vielleicht?«

»Es schien so.«

»Hat er vielleicht in seiner Ueberraschung einen oder mehrere Namen genannt?«

»Ja. Ich glaube, er sprach von Old Shatterhand und einem gewissen Winnetou.«

»So hat er uns wirklich erkannt. Das ist unangenehm! Was that er dann?«

»Er ritt fort.«

»Ohne ein weiteres Wort zu sagen?«

»Er gab mir noch einen Auftrag.«

»An wen?«

»An Old Shatterhand.«

»Der bin ich. Was sollt Ihr mir sagen?«

»Das ist - - das ist - - - es würde Euch wahrscheinlich beleidigen, Sir.«

»Nein, gar nicht. Ich bitte Euch, mir jedes Wort genau zu sagen!«


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»Er nannte Euch den größten Schuft auf Gottes Erdboden; er habe gar nichts dawider, falls es Euch beliebte, seine Begleiter aufzuhängen oder sonstwie zu töten, er aber werde mit Euch Abrechnung halten.«

»Das ist alles?«

»Weiter sagte er nichts. Aber daß er Euch so einen Schuft nannte, machte mir Angst auch vor Euch, und wenn ich nicht gesehen hätte, daß mein Bruder so lange und so ruhig vor der Thür stand, ohne daß ihm ein Leid geschah, wäre ich jetzt noch nicht gekommen.«

»Ihr könnt ruhig sein; man wird Euch nichts mehr thun.«

Ich ging wieder hinein, und der Sohn folgte mir.

»Nun, wißt Ihr, wo der General ist?« rief mir Toby Spencer entgegen.

»Ja,« antwortete ich.

»Wo?«

»Entflohen.«

»Ah! Wirklich entflohen?« fragte er in frohem Tone.

»Ja. Ich mache es nicht wie ihr; ich sage die Wahrheit gleich beim erstenmal.«

»Gott sei Dank; so bekommt Ihr ihn also nicht!«

»Heut nicht, später aber um so sicherer. Euch aber habe ich fest.«

»Pshaw! Ihr werdet uns gern loslassen!«

»Warum?«

»Aus Angst vor ihm.«

»Vor diesem Feigling, der ausgerissen ist, sobald er uns gesehen hat?«

»Ja. Er würde uns an Euch rächen!«

»Fällt ihm gar nicht ein! Er ist froh, daß er Euch los ist.«

»Das ist eine Lüge!«


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»Pshaw! Er hat mir durch die Tochter des Schmieds sagen lassen, daß er sich gar nichts daraus mache, wenn ich Euch aufhänge oder Euch sonstwie an das Leben gehe.«

»Das glaube ich nicht!«

»Ob Ihr es glaubt oder bezweifelt, ist mir sehr gleichgültig. Jetzt zu einer andern Angelegenheit! Wo ist der Wirt dieses Hauses?«

»Da unten im Keller,« antwortete sein Sohn, indem er auf eine hölzerne Fallthüre zeigte, welche im Fußboden angebracht war.

»Ist er da eingesperrt worden?«

»Ja.«

»Mit Gewalt?«

»Ja. Sie haben ihn überwältigt und da hinabgeworfen.«

»Laßt ihn heraus!«

Es fehlte der Schlüssel. Spencer leugnete, daß er ihn eingesteckt hatte, gab ihn aber aus Angst vor meinem Revolver doch heraus.

In der Stube lagen Scherben von Flaschen, Gläsern, Töpfen und anderem Geschirr herum. Es war sehr wüst zugegangen. Als die Fallthür geöffnet worden war, kam der Schmied heraus, eine lange, starke, knochige Gestalt. Es hatte jedenfalls Anstrengungen gekostet, diesen Mann in das Verlies zu bringen, und er hatte sich gewehrt. Sein Gesicht war zerschlagen und zerkratzt; es blutete noch jetzt; er sah schrecklich aus. Nachdem er einen Blick um sich geworfen hatte und mir ansehen mochte, daß ich hier der Wortführer sei, wendete er sich an mich:

»Wer hat mich aus dem Keller gelassen?«

»Wir,« antwortete ich.

»Wie heißt Ihr?«

»Old Shatterhand.«


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»Ist das nicht der Name eines bekannten Westmannes?«

»Ja.«

»Aber die Roten hier! Ist denen zu trauen?«

»Sie sind berühmte Häuptlinge ihrer Nation und gewohnt, jeden Bedrängten zu beschützen.«

»Well, so seid ihr zur rechten Zeit und an den rechten Ort gekommen, Mesch'schurs! Ist das nicht entsetzlich, daß rote kommen müssen, um einen ehrlichen Menschen gegen weiße Schurken zu beschützen? Ihr glaubt nicht, was das für armselige, niederträchtige Halunken sind!«

»Ich glaube es, denn wir kennen sie.«

»Ah?!«

»Ja. Wir haben auch eine Rechnung mit ihnen.«

»Ist sie groß?«

»Ziemlich. Der Kerl dort mit dem verbissenen Bulldoggengesicht hat gestern abend auf mich geschossen, um mich zu töten.«

»Gott sei Dank!«

»Wie? Ihr dankt Gott, daß er auf mich einen Mordanschlag verübt hat?«

»Ja. Warum sollte ich nicht?«

»Na! Nehmt es mir nicht übel, aber das ist ja sehr freundlich von Euch!«

»Ganz und gar nicht! Das werden diese Kerle bald erkennen. Ich danke Gott zweimal, nämlich das erste Mal dafür, daß Ihr nicht getötet worden seid, denn da habt Ihr kommen und mich hier herauslassen können, und das zweite Mal allerdings dafür, daß auf Euch geschossen worden ist, denn da habt Ihr das Recht, kurzen Prozeß mit dem Meuchelmörder zu machen, obgleich er Euch nicht getroffen hat.«


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»Er hat mich getroffen!«

»Ah! Wirklich? Ist das wahr?«

»Ja.«

»Man sieht Euch aber nichts an!«

»Die Kugel traf mich hier in den Oberschenkel. Ich habe eine schwere Beinwunde davongetragen. Hier seht Ihr doch das Blut!«

»Gott sei Dank!«

»Schon wieder solch ein Dank?!«

»Ja, nun zum drittenmal!«

»Wofür?«

»Daß Ihr verwundet worden seid.«

»Hört, jetzt werdet Ihr wirklich ganz außerordentlich liebenswürdig!«

»Wie man es nimmt! Wenn er Euch wirklich getroffen hat, so geht es ihm an das Leben, und das freut mich natürlich ungemein!«

»Was habe ich davon?«

»Das Bewußtsein, daß ein Schurke weniger auf dem Erdboden ist.«

»Lindert das meinen Schmerz? Heilt das meine Wunde?«

»Hört, wollt Ihr ihn etwa laufen lassen?«

»Fällt mir nicht ein!«

»So sagt, was mit ihm geschehen soll!«

»Wir werden eine Savannenjury einsetzen, welche darüber zu entscheiden hat.«

»Das ist recht. Darf ich mit dazu gehören?«

»Dürfen? Ihr müßt sogar mit dabei sein. An Euch haben sie sich doch auch vergangen.«

»Und wie! Wenn es auf mich ankommt, wird ihnen ihr letzter Nagel eingeschlagen. Wann denkt Ihr, daß diese Jury zusammentritt?«


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»Möglichst bald.«

»Am besten gleich jetzt!«

»Ist mir recht.«

»Wo?«

»Draußen vor dem Hause. Ein Savannengericht muß bekanntlich möglichst unter freiem Himmel stattfinden, wie Ihr gehört haben werdet.«

»Da reißen uns die Kerle aus!«

»Das sollten sie versuchen! Uebrigens können wir sie ja binden.«

»Well! Das kann mir gefallen. Riemen und Leinen habe ich genug.«

»Soll ich sie holen?« fragte sein Sohn mit großer Bereitwilligkeit.

»Ja, hole sie! Sie hängen draußen.«

Da ergriff Toby Spencer das Wort:

»Thut nur nicht, als ob ihr unsere Richter sein und über uns aburteilen wollt! Ihr seid die Kerle nicht dazu. Binden lassen wir uns nicht!«

Da trat der Schmied zu ihm hin, hielt ihm die knochige Faust vor das Gesicht und sagte:

»Schweig, Kanaille! Wenn du etwa noch groß aufbegehren willst, mache ich außer der Jury noch einen Extratanz mit dir! Verstanden?«

Der Sohn brachte die Stricke und Riemen. Ich gab den Befehl:

»Bindet sie der Reihe nach, wie sie dasitzen! Wer sich wehrt, bekommt Hiebe!«

»Ja, hauen wir sie!« jubelte der Schmied. »Ich habe so mehrere schwanke Stöcke draußen; die mag der Boy auch hereinholen!«

Sein Sohn ging und brachte sie.

Das half. Sie schimpften zwar gewaltig, leisteten


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aber keinen thätlichen Widerstand; bald lagen sie, lang ausgestreckt, nach Westmannsart gebunden da. Der Schmiedeboy bekam den Auftrag, sie streng zu bewachen; dann gingen wir hinaus. Ich hatte die Absicht gehabt, die Rowdies mit hinauszunehmen; da dies aber zu umständlich gewesen wäre, unterließen wir es.

Nun traten wieder die alten Fragen und die schon wiederholten Gegensätze der Ansichten an uns heran. Ich hatte, zumal ich selbst verwundet worden war, keineswegs die Absicht, übermäßig human zu verfahren, aber sie verlangten alle, mit Ausnahme Winnetous, den Tod wenigstens Toby Spencers, und dazu konnte und wollte ich nicht ja sagen. Es gab eine lange und sehr erregte Debatte, bis endlich der Schmied, welcher sich wie ein »grimmer Hagen« gebärdete, aufsprang und rief:

»Ich sehe, daß wir noch morgen dasitzen werden, ohne einig geworden zu sein. Diese Menschen gehören zunächst mir, denn sie sind bei mir hereingefallen wie die Wilden und haben alles demoliert und mich verwundet. Ihr seht, daß mein Gesicht noch jetzt blutig ist. Ihr, Mr. Shatterhand, seid ein mir viel zu milder Herr; ich will Eurer Meinung aber Rechnung tragen und den Tod dieses Spencer nicht verlangen. Dafür aber erwarte ich, daß die Vorschläge, welche ich jetzt mache, angenommen werden.«

»Welche Vorschläge sind das?« fragte ich.

»Zunächst daß ich mich an ihrem Eigentum für alles schadlos halten darf, was sie mir vernichtet haben. Seid Ihr einverstanden, Sir?«

»Ja. Es versteht sich ganz von selbst, daß sie Euch entschädigen müssen.«

»Well! Nun kommt Spencer, der schuld an allem ist. Ihr wollt ihn nicht töten lassen, weil er Euch nicht ermordet, sondern nur verwundet hat. Ich halte das


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für eine Schwachheit von Euch, denn der wilde Westen kennt für Mörder keine Schonung, gleichviel, ob der Mord gelungen ist oder nicht. Wir wollen trotzdem eine Art von Gnade walten lassen. Er hat den Tod verdient, soll aber nicht direkt hingerichtet werden, sondern sich verteidigen dürfen.«

»Wie meint Ihr das?«

»Laßt ihn um sein Leben kämpfen!«

»Mit wem?«

»Mit mir.«

»Darauf werden wir wohl kaum eingehen können.«

»Warum nicht?«

»Er ist ein riesenstarker Mann.«

»Pshaw! Ich bin auch kein Kind! Oder meint Ihr, weil ich mich habe in den Keller stecken lassen? Sie überrumpelten mich und waren sechs Personen!«

»Mag sein! Ich sehe, daß Ihr gute Knochen habt. Der Kampf ist trotzdem ungleich.«

»Wieso?«

»Er ist ein Schurke, um den es nicht schade sein würde, und Ihr seid ein Ehrenmann, der Kinder hat, Ihr dürft Euer Leben nicht gegen das seinige einsetzen.«

»Das thue ich auch nicht. Die Ungleichheit, von welcher Ihr redet, wird durch die Waffen ausgeglichen, mit denen wir kämpfen werden.«

»Welche Waffen?«

»Schmiedehämmer.«

Schmiedehämmer! Welch ein Gedanke! Also um einen Cyklopenkampf sollte es sich handeln!

Ich gestehe aufrichtig, daß dieser Kampf dem Westmanne in mir sehr interessant vorkam, während ich als Mensch glaubte, ihn verwerfen zu müssen; aber dieser Zwiespalt in mir fand gar keine Zeit, zur Geltung zu


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kommen, denn meine Gefährten gingen mit großer Bereitwilligkeit auf den Vorschlag des Schmiedes ein. Ein Zweikampf, und noch dazu ein solcher, durfte nach dem Savannenbrauche nicht zurückgewiesen werden. Welch ein Schauspiel, diesen fest gefügten Grobschmied und Toby Spencer, welcher die Kräfte von drei, vier Menschen besaß, mit eisernen Hämmern gegeneinander losgehen zu sehen! Das hatte man noch nicht erlebt; das war noch nicht dagewesen! Man war sofort Feuer und Flamme. Hammerdull rief:

»Wunderbar großartiger Gedanke! Was für Schädel gehören dazu, solche Hiebe auszuhalten! ich stimme bei! Du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?«

»Hm! Wenn du denkst, daß so ein Hammerwerk schönere Wirkungen hat, als wenn man mit wattierten Paradieshandschuhen abgesäuselt wird, so muß ich dir vollständig recht geben, lieber Dick,« antwortete der Lange.

Auch die andern waren einverstanden. Selbst der Häuptling der Apatschen sagte:

»Ja, sie mögen miteinander kämpfen. Winnetou wird nichts dagegen haben.«

So gab es für mich also kein Widerstreben; ich erteilte meine Einwilligung.

Da das eigenartige Duell nur im Freien stattfinden konnte, wurden die Rowdies herausgeholt. Als sie erfuhren, was beschlossen worden war, wollten sie zunächst nicht daran glauben; es wurde ihnen aber ihr Zweifel derart benommen, daß sie den Ernst unseres Vorhabens schnell erkennen mußten. Natürlich war es Spencer, welcher den lautesten Einspruch dagegen erhob. Er erklärte, daß er dagegen protestiere und auf keinen Fall mitkämpfen werde; da aber sagte ihm der Schmied:

»Ob du mitthun willst oder nicht, das geht mich


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gar nichts an. Sobald das Zeichen gegeben wird, schlage ich zu, und wenn du dich nicht verteidigest, bist du im nächsten Augenblicke eine Leiche. Mit so einem Halunken, wie du bist, wird kurzer Prozeß gemacht. Du wirst dich aber schon wehren.«

»Das ist aber doch der reine Mord!«

»Was war es anderes, als du gestern auf Old Shatterhand schossest?«

»Das geht doch Euch nichts an!«

»Sehr viel sogar, denn ich kämpfe an Stelle dieses Gentleman mit dir.«

»Warum da nicht lieber er selbst?«

»Weil du geschont werden sollst, was du freilich nicht verdienst. Wenn er sich herablassen wollte, mit dir zu kämpfen, wäre dein Tod gewiß. Bei mir aber giebt es für dich doch die Möglichkeit, mich zu überwinden.«

Der Rowdy maß die Gestalt des Schmiedes mit forschendem Auge und fragte dann:

»Was aber wird mit mir geschehen, wenn ich Euch totschlage?«

»Nichts. Der Sieger bleibt unbelästigt.«

»Ich kann dann gehen, wohin ich will?«

»Gehen, ja, aber nicht reiten.«

»Warum das?«

»Weil alles, was Ihr bei Euch habt, von jetzt an mir gehört.«

»Alle Teufel! Warum das?«

»Als Entschädigung für mein Eigentum, welches Ihr zu Grunde gerichtet habt.«

»Alles? Die Pferde und auch alles andere?«

»Ja.«

»Das ist Diebstahl! Das ist Betrug! Das ist ja der reine Raub!«


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»Pshaw! Der Schaden, den Ihr angerichtet habt, muß bezahlt werden. Geld habt Ihr nicht; das weiß ich, denn Ihr habt vorhin wiederholt damit geprahlt, daß Ihr bei mir alles Vorhandene verzehrtet, ohne bezahlen zu können; da muß ich mich also an die Sachen halten, die Ihr mithabt.«

»Das ist aber viel, viel mehr, als der Betrag, der Euch gebührt!«

»Oh, das nehme ich nicht so genau! Ihr habt Euch in Beziehung auf Recht und Billigkeit ja auch nicht sehr hervorgethan. Jetzt kommen die Folgen!«

»Und das ist Euer Ernst? Das wollt Ihr wirklich, wirklich thun?«

»Mensch, frag doch nicht so dumm! Es fällt uns nicht ein, mit Euch zu scherzen!«

Da wendete sich Spencer an mich, den er für den humansten von uns hielt:

»Und auch Ihr seid im stande, eine so ungeheure Ungerechtigkeit zuzugeben?«

»Wollt Ihr etwa an mich appellieren?« antwortete ich in erstauntem Tone.

»Natürlich!«

»An mich, auf den Ihr geschossen habt?«

»Ja, trotzdem! Der Raub an uns hat gar nichts mit diesem Schuß zu thun!«

»Und ich habe nichts mehr mit Euch zu thun. Das könnt Ihr Euch wohl denken!«

»So hole euch alle der Teufel, alle, vom ersten bis zum letzten! Wenn ihr es in dieser Weise bis zum Aeußersten treibt, so glaubt nur ja nicht, daß ich sanft mit diesem Schmiedeskelett verfahren werde! Es ist schon so gut, als ob sein Schädel in Stücken sei. Laßt uns anfangen! Laßt den Tanz beginnen!«


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Sein Bulldoggengesicht war vor Wut tiefrot geworden, und er knirrschte so laut mit den Zähnen, daß wir es hörten. Der Schmied stimmte bei:

»Ja, ich will die Hämmer holen, dann werde ich ihn schmieden, ohne daß er glüht!«

Er ging in die Schmiede, und ich folgte ihm, um ihm einen guten Rat zu erteilen:

»Nehmt Euch in acht, Sir! Dieser Spencer ist ein starker und gefährlicher Kerl!«

»Pshaw! Ich fürchte mich nicht; ich weiß, daß er mir nichts anhaben kann!«

»Seid nicht so zuversichtlich! Ich denke, daß Ihr nur zuschlagen wollt?«

»Ja. Was sonst?«

»Ihr müßt gewärtig sein, daß er nicht nur zuschlägt, sondern den Hammer schleudert!«

»Das darf er nicht; das wird ausgemacht!«

»Wenn es auch untersagt wird, er thut es doch! Und wenn es geschehen ist, kann man es nicht mehr ändern. Würde es Euch hindern, wenn der Hammer angebunden wäre?«

»Woran gebunden?«

»Art die Hand, an den Arm, am besten an das Handgelenk, mit einem Riemen.«

»Das würde mich gar nicht hindern, ganz und gar nicht. Aber warum das?«

»Damit der Unehrliche nicht dem Ehrlichen einen Vorteil dadurch abgewinnt, daß er den Hammer wirft, anstatt nur zuzuschlagen. Ist es Euch recht?«

»Natürlich, ja! Wenn man nur Flucht behält, den Stiel bewegen zu können.«

»Dafür werde ich schon sorgen, denn ich werde binden. Also kommt!«


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Als wir auf den Platz kamen, hatte man Toby Spencer schon losgebunden. Winnetou stand, einen Revolver in jeder Hand, vor ihm und drohte:

»Wenn das Bleichgesicht etwa eine Bewegung zur Flucht macht, schieße ich sofort!«

Ich band den beiden Duellanten die Hämmer so an die Handgelenke, daß sie mit ihnen zwar zuschlagen, sie aber nicht schleudern konnten. Dann zog ich auch einen Revolver und wiederholte die Drohung des Häuptlings der Apatschen.

Es war eine erwartungsvolle, hochgespannte Situation. Wir bildeten einen Kreis, in welchem die Zwei sich nahe gegenüberstanden, die großen, gleichschweren Hämmer in den Händen. Sie maßen sich gegenseitig mit den Augen; der Schmied war ruhig und kalt, Spencer dagegen in hohem Grade aufgeregt.

»Man soll nicht eher beginnen, als bis ich es sage!« befahl Winnetou. »Es sollen alle Vorteile gelten, und die Kämpfenden können auch die freien Hände gebrauchen!«

»Das ist gut; das ist sehr gut!« jubelte Spencer. »Nun ist mir der Kerl sicher!«

»Ja,« rief einer seiner Leute. »Wenn du auch mit der andern Hand zugreifen darfst, ist er geliefert. Nimm ihn nur bei der Gurgel; da geht ihm der Atem aus!«

»Halte den Schnabel!« fuhr ihn Dick Hammerdull an. »Wer hat dich denn nach deinem Senf gefragt? Du hast ruhig zuzusehen und gar nichts drein zu reden!«

»Oho! Man wird doch noch reden dürfen! Wozu hat man denn den Mund?!«

»Ob du einen hast oder nicht, das ist ganz egal, aber halten sollst du ihn, sonst stecke ich dir einen Knebel zwischen die Zähne; das merke dir!«

Ich war natürlich nicht weniger gespannt als die


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andern. Wer würde wohl Sieger sein? Toby Spencer hatte wohl die größere Körperstärke für sich, während der Schmied im Gebrauche der ungewöhnlichen Waffe geübter war; zudem zeigte der letztere eine Kaltblütigkeit, welche Vertrauen erweckte, während der Rowdy sich je länger desto aufgeregter zeigte.

Der Schmiedeboy stand mit seiner Schwester auch in unserm Kreise. Auf ihren Gesichtern war nicht die geringste Besorgnis um ihren Vater zu entdecken; das war auch ein Umstand, welcher mich für ihn beruhigte.

»Jetzt kann es beginnen!« sagte Winnetou.

Toby Spencer holte sofort zum Schlage aus und wollte zugleich mit der linken Hand nach der Kehle des Schmiedes greifen. Er hatte nicht in Betracht gezogen, daß sich dadurch die Kraft des Hiebes vermindern mußte. Der Schmied parierte durch einen Gegenschlag, so daß die Waffen zusammenprallten; sein Hammer fuhr nieder und traf Spencers linken Arm, der mit einem Ruf des Schmerzes zurückgezogen wurde.

»Hund!« brüllte dann der Getroffene, »war's nicht sofort, aber jetzt nun gleich!«

Er holte mit aller Gewalt aus, sprang vor und schlug zu; der Schmied wich zur Seite, so daß der ihm bestimmte Hieb fehlging; die Wucht desselben zog den Rowdy halb nieder, sodaß er seinen Rücken bog.

»Jetzt schnell, Vater!« rief der Boy.

Es bedurfte dieser Aufforderung gar nicht, denn der Schmied machte mit hoch erhobenem Hammer eine Viertelwendung nach seinem Gegner hin und schmetterte ihn mit einem einzigen Schlage zu Boden. Den Arm zum sofortigen zweiten Hiebe erhebend, stand er da, das Auge auf den an der Erde liegenden Feind gerichtet, welcher krampfhaft mit den Armen und Beinen zuckte und ein


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ängstliches, röchelndes Stöhnen hören ließ, da senkte er den Arm wieder, lachte kurz und verächtlich und sagte: »Da liegt der Kerl! Ich könnte ihm den Schädel zerschlagen, thue es aber nicht, weil er sich nicht mehr wehren kann. Er hat schon so genug!«

Ja, Spencer hatte genug! Er war weder betäubt noch gar tot; aber er schien die Macht über seine Glieder verloren zu haben. Er bekam die Fähigkeit zu willkürlichen Bewegungen erst nach einiger Zeit zurück und richtete sich langsam auf, indem er sich dabei mit dem einen Arme stützte; der andere war unfähig, dabei gebraucht zu werden.

»Verdamm - - - -!« gurgelte er dabei, indem er nur diese beiden Silben zwischen den Zähnen hervorbrachte. Seine Augen waren mit Blut unterlaufen, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck eines so tierischen Grimmes, wie ihn selbst ein zähnefletschender Coyote kaum hat.

»Ich habe ihm das Schulterblatt zerbocht,« meinte der Sieger. »Wenn er nicht daran zu Grunde gehen sollte, wird er wenigstens niemals wieder friedliche Menschen vergewaltigen können. Macht mir den Hammer ab!«

Er hielt mir die Hand hin, und ich band ihm das schwere Werkzeug los.

Jetzt stand der Rowdy aufrecht da, doch wankte er hin und her. Es schien alle Kraft aus seinem Körper gewichen zu sein; dafür kam ihm die Sprache zurück, und er machte von ihr in Flüchen und Verwünschungen einen solchen Gebrauch, daß ich ihm den Revolver an den Kopf hielt und drohte:

»Schweig augenblicklich, sonst jage ich dir eine Kugel in den Schädel!«

Er sah mir grinsend ins Gesicht, spie vor mir aus, wendete sich ab und wankte zu seinen Genossen hin, wo


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er haltlos zusammenknickte. Dick Hammerdull band ihn, ohne den geringsten Widerstand zu finden.

»Fiat justitia!« sagte Treskow. »Er hat, was er verdient, wenn auch nicht den Tod. Was thun wir nun mit ihm? Soll er verbunden werden?«

Er sah dabei Winnetou an. Dieser antwortete:

»Der Häuptling der Apatschen berührt diesen Menschen nicht!«

»Von mir hat er auch keine Hilfe zu erwarten,« erklärte ich.

»Well! Mag er sehen, wo er einen Arzt für seine Schulter findet!«

Da sahen wir vier Männer vom Walde her geritten kommen, einen jungen und drei ältere; sie hielten auf uns zu. Der Schmied sagte:

»Da kommt mein zweiter Sohn, welcher fischen gegangen ist, und die andern sind drei gute Bekannte, die nächsten Nachbarn von mir, was hier freilich etwas weitläufig gemeint ist. Die kommen mir eben recht, denn sie werden, wenn sie morgen von hier fortreiten, mich von diesen Gästen hier befreien, welche sich, ohne mich zu fragen, so ohne alle Zeremonien bei mir eingeladen haben.«

Der Sohn schien einen guten Fang gemacht zu haben, denn er hatte ein mit Fischen gefülltes Netz quer vor sich liegen. Er und seine Begleiter waren natürlich erstaunt darüber, gefesselte Menschen hier liegen zu sehen. Der Schmied erzählte ihnen in kurzen Worten, was geschehen war, und teilte ihnen dann auch den Wunsch mit, den er an sie hatte. Es traf sich sehr gut, daß die drei Männer nicht in der Schmiede bleiben, sondern weiter wollten. Sie hatten irgend einen Rechtshandel vor und wollten nach der Stadt, das heißt, was man dort und damals Stadt zu nennen beliebte. Sie mußten die ganze


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Nacht durch reiten, um am Morgen hinzukommen, und erboten sich, die Rowdies mitzunehmen, aber nicht etwa nach der Stadt, sondern sich ihrer unterwegs in der Weise zu entledigen, daß in verschiedenen Zwischenräumen einer nach dem andern freigelassen wurde. Auf diese Weise wurde verhütet, daß sich die Kerls so leicht und so bald wieder zusammenfinden und etwas gegen die Familie des Schmiedes unternehmen konnten. Die Söhne des letzteren sollten, weil der Transport der Gefangenen zu Pferde geschehen mußte, mitreiten, um dann die ledigen Tiere heimzubringen.

Es gab noch eine sehr bewegte und geräuschvolle Scene, als die Taschen der Rowdies geleert und sie selbst auf die Pferde gebunden wurden. Daß sie in dieser Weise und schon heut fortgeschafft werden konnten, war auch deshalb ein günstiger Umstand, weil zu erwarten war, daß die Tramps, welche jedenfalls unserer Fährte folgten, nach der Schmiede kommen würden. Diese sollten die Rowdies nicht finden und etwa gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen.

Es waren keine Segenswünsche, die wir von den Gefangenen hörten, als sie unter Begleitung der fünf Männer den Ort verließen, an welchem es ihnen erst so sehr und dann so wenig gefallen hatte. Noch besser freilich wäre es gewesen, wenn ihr eigentlicher Anführer, der »General«, nicht das Glück gehabt hätte, uns zu entkommen.

Dieser letztere war eine für uns so wichtige Person, daß sich Winnetou aufmachte, nach seiner Spur zu sehen. Es war schon dunkel, als er zurückkehrte. Er hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß Douglas nicht die Absicht habe, sich in der Nähe der Schmiede herumzutreiben, denn seine Fährte hatte ununterbrochen geradeaus geführt. Dieser Mann fürchtete uns viel zu sehr, als daß es ihm hätte beikommen können, uns heimlich zu umschleichen,


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um zu sehen, was wir mit seinen Gefährten wohl beginnen würden. Er gab sie lieber preis, um nur so weit wie möglich von uns fortzukommen.

Winnetou brachte Wundkraut mit, welches er auf seinem Ritte gefunden hatte, und das war mir sehr lieb. Ich hatte, so lange die Rowdies bei uns waren, mehr auf sie als auf mich selbst geachtet; dann, als Ruhe eintrat, fühlte ich die Schmerzen meiner Wunde und jene mir nur zu bekannte Leere im Kopfe und im ganzen Körper, welche, wenigstens bei mir, dem Fieber voranzugehen pflegt.

Ich wurde wieder verbunden; das Wundfieber stellte sich aber doch in der Nacht ein; ich schlief viertelstundenlang, um dann immer wieder zu erwachen, und als ich am Morgen vom Weiterreiten sprach, schüttelte Winnetou, welcher bei mir gewacht hatte, den Kopf und sagte:

»Mein Bruder darf sich nicht zu viel zutrauen. Wir werden bleiben.«

»Aber wir haben keine Zeit.«

»Wenn es sich um die Gesundheit Old Shatterhands handelt, haben wir immer Zeit! Es ist besser, wir bleiben einen Tag hier und lassen die Kräuter wirken, als daß du später in den Bergen liegen bleibst.«

Er hatte recht, und so blieben wir bei dem Schmiede, der sich, natürlich nicht der Veranlassung wegen, herzlich darüber freute.

Seine Söhne kamen mit den Pferden zurück und erzählten, wie die Rowdies sich gesträubt hatten, mitten in der finstern Nacht so einer nach dem andern abgesetzt zu werden. Am weitesten hatten sie Toby Spencer fortgeschafft. Ich an ihrer Stelle hätte ihm wohl einen Gefährten zur Pflege gelassen; sie aber hatten nicht die Rücksicht gehabt, so menschlich gegen ihn zu sein, zumal


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sein Verhalten unterwegs nicht ein solches gewesen war, welches sie hätte zur Milde stimmen können.

Als die Kameraden drin in der Stube beim Mittagsessen saßen, welches aus Fisch und Wildbret bestand, lag ich vor dem Hause im Grase, denn ich hatte keinen Appetit, und im Freien war es mir lieber als zwischen den engen Wänden. Unsere Pferde standen innerhalb der schon erwähnten Fenz, wo sie reichliches Grünfutter bekommen hatten; sie konnten also von weitem nicht gesehen, wenigstens nicht als die unserigen erkannt werden, und so kam es, daß der Reitertrupp, welcher jetzt unter den letzten Bäumen des Waldes erschien, keine Veranlassung fand, die Schmiede, vor der ich lag, zu meiden. Es waren die Tramps. Cox und Old Wabble ritten voran, und der einstige Medizinmann folgte mit seiner Squaw hinterher.

Um nicht gesehen zu werden, stand ich nicht auf, sondern kroch in die Schmiede und ging von da in die Stube, um die Ankunft dieser lieben Freunde dort zu melden. Wir hatten dem Schmiede von unserm Zusammentreffen mit ihnen erzählt; darum sagte er jetzt:

»Bleibt hier, Gentlemen! Ich gehe allein hinaus. Was werden sie für Gesichter machen, wenn sie erfahren, wer sich bei mir befindet!«

Die Tramps hatten inzwischen das Haus erreicht. Sie riefen nach dem Besitzer und stiegen von den Pferden. Ihre Haltung dabei war keine sehr elegante. Dick Hammerdull kicherte in sich hinein und sagte:

»Sie fühlen noch die süße Erinnerung an unsere Stöcke. Es wäre ihnen jedenfalls lieber, hier eine Apotheke als eine Schmiede zu finden!«

Old Wabble sah, auch abgesehen von seinem halbversengten Kopfe, sehr leidend aus. Er war, außer der Squaw, allein noch nicht abgestiegen und saß matt vorn-


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übergebeugt [vornübergebeugt] im Sattel; er hatte das Fieber in noch höherem Grade als ich in der vergangenen Nacht. Als der Schmied hinaus zu ihnen kam, wurde er von Cox gefragt:

»Hört, Mann, ist gestern vielleicht ein Trupp von sieben Reitern hier bei Euch vorübergekommen?«

»Ja,« antwortete der Gefragte.

»Es waren drei Redmen dabei?«

»Stimmt!«

»Zwei tiefschwarze Rappen unter den Pferden?«

»Auch das ist richtig.«

»Ihr habt sie jedenfalls beobachtet und wißt, ob sie es sehr eilig hatten?«

»Nicht eiliger als Ihr.«

»Gut! Habt Ihr vielleicht ein Mittel gegen das Fieber im Hause?«

»Nein. Wir pflegen uns hier mit dem Fieber gar nicht abzugeben.«

»Aber Proviant ist bei Euch zu haben?«

»Leider nicht. Ich bin von einer Horde Rowdies vollständig ausgeplündert worden.«

»Das macht Ihr uns nicht weis. Wir werden selbst nachsehen, was zu finden ist.«

»Das muß ich mir verbitten. Dieses Haus gehört nicht jedem Fremden, sondern mir!«

»Laßt Euch nicht auslachen! Ihr werdet doch nicht denken, daß sich zwanzig Männer vor Euch fürchten! Wir wollen essen, und Ihr habt zu schaffen, was wir brauchen!«

»Ihr seid ja ungeheuer kurz! Wie steht's mit der Bezahlung? Habt Ihr Geld?«

»Geld?« lachte Cox. »Wenn Ihr Hiebe haben wollt, die sind da, Geld aber nicht!«


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»Hm, daß Hiebe da sind, merke ich; ich sehe sie noch deutlich sitzen!«

»Mann, wie meint Ihr das?«

»Genau so, wie ich es sage.«

»Ich will, wissen, wie Ihr dazu kommt, von Hieben zu reden!«

»Wer hat angefangen, von ihnen zu sprechen? Doch ich wohl nicht, sondern Ihr!«

»Ach so! Ich dachte - - -! Jetzt macht einmal Platz da an der Thür!«

»Der Platz an meiner Thür gehört mir und keinem andern!«

»Redet nicht dummes Zeug! Wir brauchen Fleisch und Mehl und andere Sachen, und Ihr werdet uns nicht verbieten, nach ihnen zu suchen!«

»Well, ganz wie Ihr wollt! Verbieten werde ich es Euch freilich nicht; ich denke nur, daß Ihr Euch über das Fleisch, welches Ihr findet, wundern werdet!«

»Keine Redensarten, sondern Platz gemacht!«

Der Schmied ließ sich vorwärts schieben; die Tramps drängten sich hinter Cox her. Als der Schmied zur Thüre hereingeschoben wurde, sagte er:

»Hier seht Ihr mein Fleisch. Es ist Menschenfleisch, lebendiges Menschenfleisch.«

Unsere Gewehre waren alle nach der Thür gerichtet. Cox sah uns und erschrak:

»Zurück, zurück!« rief er. »Macht doch zurück, ihr Kerls! Hier sind sie in der Stube, Old Shatterhand und Winnetou und alle andern auch!«

Die hinter ihm kamen, sahen uns auch; sie wendeten sich schleunigst um. Es gab ein Stoßen, Schieben und Drängen, zurück, wieder zum Hause hinaus; unser Lachen schallte hinter ihnen her. Draußen sprangen sie auf die


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Pferde und ritten schleunigst davon, schneller, als sie gekommen waren. Der letzte war wieder der Medizinmann, welcher das Pferd seiner Squaw am Zügel zog. Der dicke Hammerdull konnte es nicht unterlassen, ihnen durch das Fenster einen Schuß nachzusenden, indem er rief.

»Da machen sie sich fort, ohne Fleisch und ohne Mehl! Die Suppe ist ihnen versalzen! Habe ich da nicht recht, Pitt Holbers, altes Coon?«

»Hm, bloß auf eine Suppe hatten die es gar nicht abgesehen! Die hätten es heut grad so wie gestern die Rowdies hier gemacht. Es ist ein wahres Glück für den Schmied, daß wir nicht fortgeritten, sondern hiergeblieben sind!«

»Ob ein Glück oder ein Unglück, das ist ganz egal, das bleibt sich sogar gleich, wenn nur sie kein Glück dabei gehabt haben!«

Winnetou war schnell hinaus und zu den Pferden; eine Minute später sahen wir ihn fortreiten, um den Tramps zu folgen. Ich wußte, warum er das so rasch that: sie sollten ihn sehen; sie sollten wissen, daß er hinter ihnen war und sie beobachtete. Dadurch benahm er ihnen die Lust, etwa heimlich umzukehren und uns zu belauern. Als er nach vielleicht zwei Stunden wiederkam, konnte er uns versichern, daß sie sich aus dem Staube gemacht und wir wenigstens in der nächsten Zeit nichts Feindliches von ihnen zu erwarten hätten.

Da wir uns nun sicher fühlen konnten und nicht zur gegenseitigen Hilfe bei einander zu bleiben brauchten, gingen Schahko Matto und Apanatschka fort, um »Fleisch zu machen«; sie hatten guten Erfolg. Winnetou blieb daheim, um sich nur mit meiner Blessur zu beschäftigen.

Erwähnen muß ich, daß schon seit dem Morgen das Feuer brannte, denn der Schmied hatte für unsere Pferde


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zu arbeiten, wobei ihm dann auch seine Söhne halfen. Wir befanden uns nicht mehr auf dem weichen Boden der Prairie und wollten hinauf in die Felsenberge, wo wenigstens für die Pferde der Bleichgesichter ein guter Hufbeschlag sehr nötig war. Unsere beiden Rappen bekamen stets, sobald es nötig wurde, die Eisenschuhe angeschraubt, welche eine Erfindung des Apatschen waren; sie und das dazu nötige Werkzeug befanden sich stets in unsern Satteltaschen. Wir hatten uns für den Fall, daß Späher irre zu führen waren, sogar Hufeisen mit Vexierstollen machen lassen, die uns schon sehr oft von Nutzen gewesen waren.

So verging die Zeit bis zum Abend, wo ich wieder das Fieber bekam, doch gelinder als früher und nur für kurze Zeit. Die Nacht durchschlief ich ganz, und auch Winnetou schlief bis früh. Als er dann die Wunde untersucht hatte, sagte er befriedigt:

»Die kräftige Natur meines Bruders und die Wundkräuter haben meine Erwartungen übertroffen. Dein Hatatitla hat einen sanften Gang, und so wie du zu reiten verstehst, können wir es wagen, aufzubrechen, ohne daß es dir Schaden macht, wenn wir nicht gezwungen sein sollten, auf ein Terrain zu gehen, wo der Ritt zu anstrengend wird. Wir werden öfter ausruhen als sonst.«

Er nahm einige Nuggets aus seiner verborgenen Gürteltasche, um den Schmied zu bezahlen. Dieser meinte, es sei zu viel, er wolle sich nur seine Arbeit, nicht aber seine Gastfreundlichkeit bezahlen lassen; der Apatsche aber nahm nichts zurück; seine Noblesse gab dies nicht zu. Mit den herzlichen Wünschen der vier braven Menschen versehen, setzten wir uns auf und ritten fort, dem Gebirge zu.

Es liegt nicht in der Absicht dieser Zeilen, male-


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rische [malerische] Schilderungen unsers Weges zu geben, der uns von jetzt an stets aufwärts führte. Wir kamen am Abende jenseits der vorlagernden Sandsteinberge an und befanden uns nun vor den eigentlichen Felsenbergen.

Es war uns nicht eingefallen, uns sehr darum zu kümmern, wohin die Tramps geritten seien. Es galt für uns, so bald wie möglich den Park von San Louis zu erreichen, und wir wußten oder ahnten vielmehr, daß wir Thibaut und die Squaw dort wiedersehen würden; die andern Personen konnten uns, Old Wabble ausgenommen, gleichgültig sein.

Nun mußten wir den alten Kontinentalpfad verlassen und uns seitwärts wenden; die Scenerie des Gebirges entfaltete sich in ihrer ganzen imponierenden Herrlichkeit um uns. Wir befanden uns in der Region der Taxodieenwälder und staunten oft über die außerordentliche Höhe der Bäume, obgleich dieselben noch lange nicht mit den riesigen Sequoias der Sierra Nevada zu vergleichen waren, unter denen es Giganten giebt, welche mehr als hundert Fuß im Umfang haben. Im Visalia-Distrikte steht eine Sequoia, welche einen Durchmesser von fünfunddreißig Fuß besitzt.

Wir ritten jetzt auf einer schräg hinaufziehenden, mehrere englische Meilen breiten Ebene, welche wie ein Dach zur Höhe stieg und vollständig von Wald bedeckt war. Das war nicht der in den Wipfeln dicht verschlungene, grüne überdachte Urwald des Nordens, sondern die riesigen Koniferen standen einzeln, weit auseinander, sich kaum mit den Wipfelrändern berührend; ihr Streben ging nur in die Höhe, nicht nach Vereinigung. Die Sonnenstrahlen fanden den Weg zwischen sie herein und ließen nicht jenes Dunkel aufkommen, welches den nördlichen Wäldern eigen ist. Wir ritten langsam und stetig diese schiefe Ebene hinan,


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die ich noch nicht kannte. Winnetou aber war schon dagewesen und verkündigte uns: »Jenseits dieser Höhe liegt das Kui-erant-yuaw (* Bärenthal.), in welchem man zu jeder Zeit den Grizzly trifft. Kein roter Mann schlägt da gern über Nacht sein Lager auf, denn der graue Bär der Felsenberge mag nicht gern ein Feuer dulden und greift den Menschen an, ohne erst von ihm belästigt worden zu sein.«

»Werden wir da übernachten?« fragte Hammerdull.

»Nein.«

»Warum nicht? Ich hätte gar zu gern einen Grizzly geschossen.«

»Wir sind sieben Personen und müßten der Grizzlys wegen vier Wächter haben; da könnten nur drei von uns schlafen; wenn aber von sieben Männern, welche der Ruhe bedürfen, viere wachen müssen und nur drei schlafen dürfen, so ist das kein gutes Lager zu nennen.«

»Ob ich den Grizzly im Schlafe oder im Wachen schieße, das ist ja ganz egal, wenn ich ihn nur so treffe, daß er liegen bleibt.«

»Hat mein kleiner, dicker Bruder schon einmal ein Wild im Schlafe erlegt?«

»Hunderttausende! Wie oft habe ich geträumt, daß ich Büffels und andres Viehzeug gleich herdenweise geschossen habe! Nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?«

»Ja,« nickte der Lange. »Du hast die Heldenthaten alle im Traume zu verrichten, und wenn du dann aufwachst, ist es mit dem Heldentum vorbei.«

»Blamiere mich nicht! Ich versuche wenigstens im Schlafe ein tüchtiger Kerl zu sein; du aber bleibst im Wachen und Schlafen das alte, ungeschickte Coon.«

»Ungeschickt? Bring mir den größten Grizzly her,


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den es auf Erden geben kann, so sollst du erfahren, wer geschickter ist, du oder ich!«

Die Art und Weise, in welcher Winnetou von den grauen Bären dieses Kui-erant-yuaw gesprochen hatte, interessierte mich in hohem Grade. Der Grizzly pflegt ja nicht in Gesellschaften beisammen zu leben; aus den Worten des Apatschen aber war zu entnehmen, daß man da schon mehrere zugleich getroffen hatte. Darum erkundigte ich mich bei ihm:

»Leben die Bären dieses Thales nicht so einsam wie diejenigen anderer Gegenden?«

»Kein Grizzly ist gesellig,« antwortete er. »Es zieht sich sogar seine Frau von ihm zurück, sobald sie Junge hat, weil er ein sehr liebloser Vater ist und seine Kinder gern verzehrt. Aber wenn mein Bruder dieses Thal zu sehen bekommt, wird er sich nicht darüber wundern, daß die grauen Bären dort häufiger als sonst irgendwo anzutreffen sind. Wenn die Büffel der Felsenparks sich auf der Wanderung befinden, müssen sie durch das Kui-erant-yuaw ziehen; das lockt die Bären herbei und hält sie fest. Die Gegend ist so abgelegen und zugleich auch so verrufen, daß selten ein Jäger sie aufsucht; es giebt Beeren in großer Menge, welche der Grizzly liebt, und in den wilden Seitenschluchten des Thales kann er wohnen, ohne von seinesgleichen belästigt zu werden. Dennoch kommen, besonders zur Paarungszeit, furchtbare Kämpfe zwischen ihnen vor, denn man hat die Ueberreste der Besiegten gefunden, denen es anzusehen war, daß sie von keinem Jäger erlegt worden waren. Wenn wir Zeit hätten, würden wir da bleiben, um zu jagen.«

Ja, wir hatten leider keine Zeit, und dennoch war es uns vorbehalten, eine längere Dauer, als wir jetzt ahnten, in dem verrufenen Thal auszuhalten.


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Wie hoch die schräg ansteigende Felsenwand war, welche unsere Pferde zu erklimmen hatten, läßt sich daraus ersehen, daß wir über eine Stunde brauchten, ehe wir die Höhe erreichten. Droben gab es ein lang gestrecktes, auch bewaldetes Plateau, welches von zahlreichen Klüften zerrissen wurde und sich jenseits sehr steil abwärts senkte.

Unten lag das »Bärenthal«, auf welches wir aber des Waldes wegen jetzt noch keine Aussicht hatten. Winnetou leitete uns nach einer der Klüfte, welche durch ein rauschendes Gebirgswasser gerissen worden war; sie fiel so schnell in die Tiefe, daß wir absteigen und die Pferde führen mußten. Erwähnen muß ich, daß der Ritt von der Schmiede bis hierher mich nicht sehr angestrengt und das Fieber sich nicht wiederholt hatte. Schmerzen, und zwar nicht unbedeutende, verursachte mir die Wunde freilich, aber das war doch kein Grund, etwa anzuhalten oder gar auf dem Faulpelze liegen zu bleiben.

Unten angekommen, konnten wir einen Teil des »Bärenthales« überblicken. Es war da, wo wir uns befanden, wenigstens eine englische Meile breit. Auf seiner Sohle floß ein Creek, welcher von den rechts und links herbeirauschenden Bergwassern gespeist wurde. Zahlreiche von oben herabgestürzte Felsblöcke lagen zerstreut umher und boten mit dem sie umgebenden Strauchwerke den Tieren dieser Wildnis willkommene Verstecke. Zu beiden Seiten gab es Schluchten wie diejenige, in welcher wir herabgekommen waren. Einzelne breitwipfelige Riesenbäume ragten gen Himmel, und an den Thalwänden stieg der mit dornigem Gestrüpp unterholzte Wald zu den Höhen auf. Es konnte gar keinen bessern Aufenthalt für graue Bären geben, und daß diesen Tieren, falls sich jetzt welche hier befanden, reichlich Nahrung geboten war, das


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ersahen wir aus den Büffelfährten, welche zahlreich zu erkennen waren.

Die eigentliche Zeit der großen Büffelwanderung war noch nicht gekommen, aber die Bisons, welche sich während des Sommers auf den hochgelegenen und also kälteren Gebirgswiesen aufgehalten hatten, waren doch schon herniedergestiegen und durch das Thal gekommen. Der Buffalo, besonders in seinen älteren, starken Exemplaren, ist das einzige Tier, welches es mit dem Grizzly aufzunehmen wagt; der graue Bär erreicht eine Schwere bis zu zehn und der Bison eine solche bis über zwanzig Zentner; was für gewaltige Kämpfe mußte dieses stille, weit abgelegene Kui-erant-yuaw wohl schon gesehen haben!

Wir durchquerten es, ohne uns um die Büffelspuren zu kümmern, und hielten auf eine Seitenschlucht zu, weiche, wie Winnetou wußte, jenseits mit verhältnismäßiger Bequemlichkeit zur Höhe führte.

Auch sie hatte einen, allerdings kleinen, schmalen Spring, welcher sich in zahlreichen dünnen Kaskaden abwärts stürzte und uns den nötigen Raum zum Aufstieg ließ. Wir mochten die halbe Höhe erreicht haben, als der Apatsche, welcher voranritt, anhielt und vom Pferde sprang. Er untersuchte den vielfach zerrissenen, oft mit Gras und Moos bedeckten Boden mit ungewöhnlicher Sorgfalt und sagte dann:

»Wenn wir Zeit hätten, könnten wir uns jetzt das Fell eines grauen Bären holen. Er ist hier von rechts her quer über die Schlucht gewechselt und wird sein Lager wahrscheinlich da links drin in den Felsen haben.«

Wir waren natürlich alle auch schnell von den Pferden herunter, um die Spur anzusprechen. Winnetou wies die Gefährten mit den Worten zurück:

»Meine Brüder mögen stehen bleiben, um die Fährte


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nicht zu verderben! Nur Old Shatterhand mag her zu mir kommen!«

Ich ging hin. Es hatten die scharfen Augen des Apatschen dazu gehört, sie zu entdecken. Wir beide folgten ihr über den Spring hinüber, wo sie deutlicher wurde. Es mußte ein alter, sehr starker »Vater Ephraim« sein, von dem sie stammte. - Der Westmann nennt den Grizzly nämlich »Vater Ephraim«. - Die Spuren der gewaltigen Tatzen waren hier ganz deutlich zu sehen, und als wir ein Stück weitergeklettert waren, zeigten die von den Seiten herankommenden Gänge, daß wir wirklich das Lager des Bären vor uns hatten.

Ich fühlte große Lust, diesem Ephraim einen Besuch abzustatten, und sah Winnetou fragend an. Er schüttelte den Kopf und kletterte zurück. Wir mußten freilich annehmen, keine Zeit zu haben, und uns mit dem schweren Pelz des Bären zu schleppen, war auch nicht grad bequem. Als wir drüben wieder ankamen, sah ich die Augen Schahko Mattos und Apanatschkas leuchten; sie sagten aber nichts, doch Hammerdull fragte: »Liegt einer drüben?«

»Ja,« nickte ich.

»Well- den holen wir uns!«

»Nein; wir lassen ihn in Ruhe.«

»Aber warum? Ein Bärenlager zu finden, ohne das Nest auszunehmen, ist doch grad so, wie eine Bonanza zu entdekken und das Gold liegen zu lassen! Ich kann das wirklich nicht begreifen!«

»Wir müssen fort.«

»Ja, aber erst dann, wenn wir dem Kerl eins auf den Pelz gebrannt haben!«

»Das ist nicht so leicht und geht nicht so schnell,


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wie Ihr denkt, lieber Hammerdull. Ihr müßt in Betracht ziehen, daß wir dabei das Leben riskieren.«

»Ob wir es riskieren oder nicht, das bleibt sich gleich, wenn er es uns nur nicht nimmt. Ich schlage also vor, daß wir uns jetzt mit ---«

»Mein Bruder Hammerdull mag uns folgen, ohne etwas vorzuschlagen,« unterbrach ihn Winnetou, indem er aufstieg und weiterritt.

»Welch ein großer Fehler!« brummte der Kleine mißmutig, indem er sich auf seine alte Stute schwang. »Haben das Nest so schön vor uns liegen und lassen die Eier drin! Was sagst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?«

»Daß das gefährliche Eier sind, lieber Dick. Lassen wir sie drin!« antwortete der Lange.

»Gefährlich? Möchte wissen! Ein Grizzly ist ein Grizzly, weiter nichts!«

Mir that es auch leid, dieses »Nest« liegen lassen zu müssen, ohne die Eier, wie er sich ausdrückte, ausnehmen zu dürfen; aber Winnetou hatte recht. Wenn wir auch nicht grad das Leben gewagt hätten, so muß man bei einer Begegnung mit dem grauen Bären auf einen Unfall doch immer gefaßt sein, und ich hatte an meiner Wunde schon genug!

Kurz, nachdem wir die jenseitige Höhe erreicht hatten, gelangten wir an den Rand einer jener Lichtungen, welche in den Rocky-Mountains »Parks« genannt werden. Dieser Park lief wohl zwei englische Meilen lang auf der Höhe hin und war durchschnittlich eine halbe Meile breit. Einzelne schattige Bäume oder Baumgruppen und boskettartig verteiltes Strauchwerk gaben ihm das Aussehen eines künstlich angelegten Geheges. Vom jenseitigen Rande an senkte sich der Wald allmählich wieder in ein breites Thal hinab.


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Der Park war fast genau von Süd nach Nord gerichtet, und wir befanden uns in der nach Südost gelegenen Ecke desselben, von wo aus wir am südlichen Rande weiterritten, um noch vor Abend in das nächste Thal hinabzukommen und dort Halt zu machen. Indem wir dies thaten, sah ich im Nordwesten eine Krähenschar, welche, von Zeit zu Zeit über dem Walde in die Luft steigend, sich immer wieder niedersenkte, und zwar nicht an einer und derselben Stelle, sondern in fortlaufender Weise. Das mußte mir auffallen. Auch Winnetou hielt den Blick nach der betreffenden Gegend gerichtet, um die Krähen zu beobachten. Die andern wurden auch aufmerksam, und Schahko Matto sagte:

»Uff! Dort kommen Leute aus dem Thale herauf. Die Krähen fliegen von Zeit zu Zeit auf, weil sie von diesen Leuten gestört werden.«

»Die Vermutung des Häuptlings der Osagen wird wohl richtig sein,« antwortete ich. »Auch ich nehme an, daß dort Menschen kommen, und zwar nicht wenige, weil die Vögel sich vor zwei oder drei Personen nicht so sehr scheuen würden, wie es dort geschieht.«

»Müssen wir nicht zu erfahren suchen, wer es denn ist?«

»Eigentlich haben wir keine Zeit dazu. Wenn wir uns hier verweilen, kommen wir nicht vor Abend in das Thal hinab. Winnetou mag bestimmen, ob das Erscheinen so vieler Leute wichtig genug für uns ist, hier zu bleiben und sie zu beobachten.«

»Es müssen Indianer sein,« erklärte der Apatsche.

»Das ist für uns bedenklich! Was wollen sie auf dieser Seite des Gebirges? Wenn es wirklich Indianer sind, so können sie nur dem Volke der Utahs angehören, deren Paßpfade weiter nördlich liegen.«


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»Mein Bruder Shatterhand hat recht. Was wollen sie hier? Wir müssen das zu erfahren suchen. Da wir aber nicht wissen, welche Richtung sie nehmen werden, wenn sie diesen Park erreicht haben, so müssen wir in den Wald zurück und da warten, bis sie kommen.«

Ich war, ein höchst seltener Fall, diesmal nicht mit Winnetou einverstanden; darum sagte ich in dem höflichen Tone, der unter Freunden erst recht geboten ist:

»Mein Bruder möge es verzeihen, daß ich lieber nicht hier warten möchte!«

»Warum nicht?« fragte er.

»Wenn wir hier warten und sie dann sehen wollen, müssen wir ihnen nachreiten, sobald sie den nördlichen Rand des Parks erreicht haben. Das giebt bis dorthin einen Weg von zwei Meilen. Da sie nicht halten, sondern weiterreiten werden, müssen wir ihrer Spur folgen, was sehr schwer sein wird, weil es inzwischen dunkel geworden ist.«

»Mein Bruder hat recht,« stimmte er bei.

»Ich möchte sie im Vorbeireiten beobachten!«

»Dazu ist die Zeit zu kurz. Ja, wir beide kämen noch hin, weil wir die besten Pferde haben, aber unsere Gefährten nicht.«

»So reiten wir allein, und die Kameraden mögen uns langsamer nachkommen. Da wir auf dem offenen Parke keine Spuren machen dürfen, haben sie sich längs dieses Waldrandes unter den Bäumen zu halten und sich drüben bei der andern Ecke, auch immer am Rande hin, nordwärts zu wenden. Sie sehen die hohe Baumgruppe, welche da oben hoch über den Wipfeln emporragt; dort mögen sie uns erwarten.«

»Winnetou. stimmt seinem Bruder bei; sie mögen dort auf uns warten, aber ja kein Feuer anzünden, durch welches sie sich verraten würden!«


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Wir trennten uns also von ihnen und jagten unter den Bäumen des Waldrandes erst west- und dann, als wir die südwestliche Ecke erreicht hatten, nordwärts. Das wurde uns nur dadurch möglich, daß die Bäume nicht dicht beisammenstanden; dennoch mußten wir gut aufpassen, denn es gab hervorragende Wurzeln und maskierte Löcher genug, welche uns zu Falle bringen konnten.

Unser jetziger Weg war, da er eine Ecke bildete, fast drei Meilen lang, während es von da aus, wo wir die Krähen über dem Walde gesehen hatten, bis zum Parke nur wenig über eine halbe Meile war; aber die Ankömmlinge ritten bergauf, also wahrscheinlich langsam, und wir flogen in schlankem, wenn auch vorsichtigem Galoppe hin, so daß wir hoffen durften, noch vor ihnen an der nordwestlichen Ecke des Parks anzukommen.

Bevor wir diese erreicht hatten, hielten wir an, um unsere Pferde zurückzulassen. Wir banden sie an einer dazu geeigneten Stelle an und gingen dann zu Fuße weiter, bis wir an den obern Rand einer Vertiefung gelangten, welche hinunter in das Thal zu führen schien. Dies war jedenfalls der Weg, auf welchem die Erwarteten heraufgeritten kamen. Sie waren noch nicht vorüber, denn als wir uns zwischen den Sträuchern so weit vorschoben, wie es möglich war, und hinunter in die Vertiefung blickten, war keine Spur, weder eines Menschen noch eines Pferdes, zu sehen.

Erfreut darüber, daß wir noch zur rechten Zeit gekommen waren, lauschten wir gespannt nach unten. Es dauerte nicht lange, so hörten wir die nahenden Schritte eines Pferdes. Sollten wir uns geirrt haben? Sollte es ein einzelner Reiter anstatt einer ganzen Schar sein? Höchst unwahrscheinlich! Jedenfalls ritt einer als Späher voran.


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Jetzt erschien er. Wir sahen erst seinen Kopf über das Gesträuch ragen, und dann erblickten wir ihn und sein Pferd in voller Gestalt. Es war ein Utah-Indianer, und zwar ein Häuptling; er hatte zwei Adlerfedern in dem Haarschopfe stecken. Sein Pferd ---

Mein Himmel! Sein Pferd ---! Ja, sah ich denn recht? Das war ja ganz genau, Haar für Haar, das Pferd, welches ich damals dem Häuptling der Komantschen aus dem Kaam-kulano entführt und später Old Surehand geschenkt hatte! Winnetou stieß mich an und sagte leise:

»Uff! Dein Komantschenpferd! Das Pferd unsers Bruders Surehand!«

»Ja, es ist es; es ist es ganz gewiß!« antwortete ich ebenso leise.

»Wenn sie ihn gefangen und getötet hätten!«

»Dann wehe ihnen! Kennst du diesen Roten?«

»Ich kenne ihn. Es ist Tusahga Saritsch (* Utahsprache: Schwarzer Hund.), der Häuptling der Utahs vom Capote-Stamme. Ich habe ihn schon mehrmals gesehen.«

»Was für ein Krieger?«

»Nicht tapfer, sondern falsch und voller Hinterlist.«

»Wollen warten und seine Krieger sehen!«

Der Häuptling war vorüber. Nun kamen seine Leute, nach Indianerart, einer hinter dem andern. Wir zählten zweiundfünfzig Mann. In ihrer Mitte ritt auf einem alten Klepper - - - Old Surehand, an den Händen gefesselt und mit den Füßen an das Pferd gebunden.

Wie war er in die Hände der Utahs gefallen? Das fragten wir uns natürlich. Er sah leidend, aber keineswegs niedergeschlagen aus. Es war anzunehmen, daß


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er sich schon einige Tage bei diesen Roten befand, die ihn wahrscheinlich schlecht behandelt und ihm keine Nahrung gegeben hatten.

Es war jetzt nichts, gar nichts für ihn zu thun. Wir mußten sie vorüberreiten lassen, doch stand fest, daß wir alles zu seiner Befreiung aufzuwenden und zu wagen hatten. Als wir die Schritte ihrer Pferde nicht mehr hörten, krochen wir aus dem Gebüsch, um ihnen vorsichtig zu folgen. Es verstand sich natürlich ganz von selbst, daß wir erfahren mußten, wo sie ihr Lager aufschlagen würden.

Als sie den Park erreicht hatten, ritten sie am nördlichen Rande desselben hin, doch gar nicht weit; dann stiegen sie von den Pferden. Wir sahen bald, daß sie an dieser Stelle bleiben wollten, und kehrten darum zu unsern Pferden zurück, um nach der hohen Baumgruppe zu reiten, wohin wir unsere Gefährten bestellt hatten.

Sie waren schon dort angekommen und warteten auf uns. Es läßt sich denken, welchen Eindruck das, was wir ihnen erzählten, auf sie machte. Sie wollten wissen, was wir zu thun beschlossen hatten, doch konnten wir es ihnen nicht sagen, weil wir es selbst noch nicht wußten. Es kam ja alles darauf an, in welcher Absicht die Utahs hierhergekommen waren, was sie mit Old Surehand vorhatten und welcher Art Gelegenheit sich uns bot, ihm zu Hilfe zu kommen.

Zunächst mußten wir das nächtliche Dunkel erwarten, um sie ungesehen beschleichen zu können. Die Dämmerung war zwar schon nahe, doch mußte es für unser Vorhaben vollständig finster sein. Inzwischen sah Winnetou nach meiner Wunde, die er in zufriedenstellendem Zustande fand.

Als dann das erste, tiefe Dunkel des Abends hereingebrochen war, machten wir uns nach dem Lagerplatze der Utahs auf.


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Wir gingen natürlich nicht über den offenen Park hinüber, sondern wieder am Rande desselben hin und bogen an der Ecke rechts ab. Nicht lange, so sahen wir mehrere Feuer brennen, deren Rauch wir schon vorher gerochen hatten. Daß sie nicht unter freiem Himmel, sondern unter den Bäumen angezündet worden waren, konnte uns nur lieb sein, weil uns eben diese Bäume Deckung gaben. Nur die Pferde waren draußen angehobbelt und wurden von zwei Roten bewacht, welche gelangweilt auf und ab spazierten.

Wir drangen links in den Wald ein, um von hinten an die Roten zu kommen, was uns ganz vortrefflich gelang. Es gab da hohe, kräftige Farnpflanzen, durch die wir uns bis fast ganz an sie heranschieben konnten. Freilich gehörte große Geschicklichkeit und viel Zeit dazu, dies zu thun, denn die geringste Berührung an den untern Teilen der Wedel hatte oben eine sehr auffällige Bewegung derselben zur Folge. Wir vereinfachten das, indem der Apatsche vorankroch und ich ihm folgte und wir uns erst dann trennten, als wir möglichst weit gekommen waren. Auf diese Weise hatten wir uns nicht zwei Wege, sondern nur einen zu bahnen und ersparten die Hälfte der Arbeit, welche auf unserm Rückzuge vorzunehmen war.

Mit dieser Arbeit meine ich die Vertilgung unserer Spuren. Die Indsmen durften morgen früh, wenn es hell geworden war, natürlich nicht sehen, daß sich jemand in den Farn befunden hatte. Wie schwer und zeitraubend eine solche Arbeit ist, brauche ich wohl nicht zu sagen. Es muß, indem man sich rückwärts bewegt, jede einzelne Pflanze, ja jeder einzelne Wedel gerichtet und auch der Boden von jedem Eindrucke der Hände und der Füße gesäubert werden.

Tusahga Saritsch saß, mit dem Rücken an einem


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Stamme lehnend und uns sein linkes Profil zukehrend, an einem Feuer, welches fast seine Füße berührte. Jenseits dieses Feuers war Old Surehand ihm gegenüber an einen Baum gebunden; außerdem hatte man ihm die Hände und die Füße gefesselt. Seine lange, braune Haarmähne hing ihm wirr und ungeordnet bis auf den Waldboden herab. Das gab ihm eine Aehnlichkeit mit Winnetou, noch größere aber - - - mit Kolma Puschi, dem geheimnisvollen Indianer, eine Aehnlichkeit, welche mir jetzt, da ich ihn vor mir hatte, geradezu auffallend vorkam.

Wir sahen an den herumliegenden Resten, daß die Utahs gegessen hatten. Wahrscheinlich hatte Old Surehand nichts bekommen. Es war für ihn ganz unmöglich, unsere Gegenwart zu ahnen; er wußte ja nicht, daß ich in Jefferson-City gewesen, dort von seinem Vorhaben gehört hatte und ih