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Viertes Kapitel. Die letzte Sklavenjagd.

Und wieder war's am Nile, und zwar im tiefen Walde, der sich bis fast ganz herunter an das Wasser zog, von welchem er nur durch einen schmalen Schilfrand getrennt wurde. Mächtige Sunut- und Subakhbäume vereinigten ihre Kronen zu einem selbst für die südliche Sonne undurchdringlichen Laubdache. Die roten Stämme der Thalha-Mimosen (* Acacia gummifera) schickten ihre langen, horizontalen Aeste über das Schilf hinüber, wo die Fiederblätter einen dichten Vorhang bildeten, der seinen Saum in die Fluten tauchte; die Glut, welche in diesem Walde herrschte, hätte man unmöglich aushalten können, wenn nicht der Strom so nahe vorübergeflossen wäre. Wie aber kamen wir von so weit oben herunter an diese Stelle des Bahr el Abiad?

Die Aussöhnung zwischen mir und dem Reis Effendina war von meiner Seite wirklich ehrlich gemeint, von der seinigen aber minder aufrichtig gewesen. Obgleich ich mich in meinem ganzen Verhalten bestrebte, das Gegenteil hervorzurufen, war doch unter seinen Leuten und allen unsern Bekannten die Ansicht verbreitet, daß ich es sei, dem man die gehabten Erfolge zu verdanken habe, daß er sehr häufig, ich aber niemals in Fehler ver-


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fallen [verfallen] sei, daß, wenn er mit seinem Wissen und Wollen am Ende stehe, ich selbst in der schlimmsten oder verwickeltsten Lage einen Ausgang gefunden habe, und daß besonders seine unerbittliche Strenge die Herzen kalt lasse oder gar von ihm entferne, während ich sie mir durch meine Milde und Freundlichkeit alle zu gewinnen wisse.

Es konnte gar nicht ausbleiben, daß er dies bemerkte; ja, es gab Schelme, die es ihm zu Ohren brachten. Er hatte keinen Grund, mir Vorwürfe zu machen, und schwieg also; aber er zog sich immer mehr von mir zurück und beobachtete eifersüchtig jeden meiner Schritte und jedes meiner Worte. Ich verhielt mich infolgedessen noch vorsichtiger als bisher, erreichte aber dadurch weiter nichts, als daß ich Mitglied der Expedition blieb, denn fort- und in die Wildnis hinausjagen konnte er mich ja doch nicht; aber er sprach nur das allernötigste mit mir und ließ mich bei jeder Gelegenheit fühlen, daß er der Herr und Gebieter sei. Hatte er mich früher als seinen Freund und Ratgeber geschätzt und behandelt, so war ich jetzt, wie man sich auszudrücken pflegt, das fünfte Rad am Wagen und wurde nur dann einmal zu einer Auskunft herbeigezogen, wenn es mit seinem Scharfsinne und seiner Thatkraft nicht mehr vorwärts wollte.

Dieser immer haltloser werdende Zustand brachte mich zu dem Entschlusse, ihn in Faschodah zu verlassen, sobald wir dort ankommen würden. Leider aber stellte sich, als wir dort anlangten, heraus, daß das Sumpffieber in der Stadt und ihrer Umgebung grassierte und daß vor Ablauf eines Monats kein Schiff zu erwarten sei, welches abwärts gehe. Der Reis Effendina blieb nur zwei Tage da und lichtete dann die Segel, um der Ansteckung zu entgehen; er gab mir ziemlich deutlich zu verstehen, daß er glaube, ich passe jetzt besser nach Faschodah als an


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Bord seines Schiffes; ich stellte mich aber unter den gegebenen Umständen taub und blieb bei ihm, obgleich es mich einen innern Kampf kostete, eine solche Undankbarkeit noch länger schweigend zu ertragen.

Dieses mein Verbleiben vergrößerte seinen Zorn gegen mich, zumal er einen neuen Grund zu haben glaubte, eifersüchtig gegen mich zu sein. Wir hatten nämlich in Faschodah gehört, daß die Sklavenjäger während unserer Abwesenheit wieder kühner geworden seien. Esch Schahin, unser vortreffliches Jagdschiff, hatte sich so lange nicht mehr auf dem Nile sehen lassen, und so war den Sklavenhändlern der Mut wieder gewachsen. Wenn in der letzten Zeit auch keine Jagden unternommen worden waren, so gab es doch immer noch Orte, an denen man heimlich Reqiq (* Sklaven zum Verkaufe.) verborgen hielt, und diese wurde nun an den Nil gebracht und über die unbewachten Furten desselben an das rechte Ufer geschafft, von wo aus der Transport dann ohne Gefahr weitergehen konnte. Ganz besonders sollte die Gegend zwischen Kaka und Kuek unterhalb Faschodah zu diesem verbotenen Treiben ausersehen sein, und so entschloß sich der Reis Effendina, einige Zeit lang hin und her zu kreuzen, um vielleicht einen Fang zu machen,

Was mich betraf, so glaubte ich nicht an die Wahrheit dieses Gerüchtes, hütete mich aber, dies zu sagen, zumal ich nicht nach meiner Meinung gefragt wurde. Kaka mit seinen in der fast baumlosen Steppe zerstreuten Strohhütten bot den Sklavenhändlern ebenso wenig wie das armselige Schillukdorf Kuek die für sie so notwendige versteckte Unterkunft, und da es zwischen beiden Orten auch keine passable Furt gab, so hätte sich der


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Händler, dessen Wahl auf diese Gegend gefallen wäre, geradezu ein Armutszeugnis ausgestellt. Freilich führt von Kaka aus eine vielbewanderte Karawanenstraße hinüber in das Gebiet der Bagara und an dem Dschebel Kedaro vorüber nach dem Lande Tagala; sie ist immer die Hauptstraße der Sklavenverkäufer gewesen, und so war es allerdings nicht unmöglich, daß sie auch jetzt wieder von diesen Leuten benutzt wurde. Der Reis Effendina wenigstens war überzeugt davon; ich aber gab diese Möglichkeit im stillen, denn laut sagte ich nichts mehr, zwar zu, nahm aber dabei an, daß der Uebergang über den Nil nicht in der Nähe oder Gegend der beiden angegebenen Ortschaften, sondern an einer unterhalb derselben liegenden Machadah (* Furt.) bewerkstelligt werde. Warum grad unterhalb? Weil die Richtung nach oberhalb ein bedeutender Umweg und also ein großer Zeitverlust gewesen wäre, und je länger der Weg, desto mehr Sklaven gehen dabei zu Grunde.

Nun der Reis Effendina sich wieder auf seinem eigentlichen Jagdgebiete befand und des beinahe festen Glaubens war, daß er einen Fang machen werde, trat ihm der Gedanke nahe, daß mir dabei Gelegenheit geboten werde, mich abermals auf eine ihm nicht genehme Weise hervorzuthun. Seine Eifersucht verdoppelte sich, und er beschloß, da er mich in Faschodah nicht losgeworden war, mich wenigstens jetzt kalt zu stellen - um mich dieses vulgären Ausdruckes zu bedienen. Er teilte mir mit dem freundlichsten Gesichte mit, daß er mir einen Auftrag zu erteilen habe, der ein Beweis seines großen Vertrauens zu mir sei. Er habe nämlich die Ueberzeugung, daß die Insel Matenieh von den Sklavenhänd-


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lern [Sklavenhändlern.] zum Uebergange benutzt werde; ich solle also hinabfahren, um die Gelegenheit auszukundschaften, und so lange dort bleiben, bis er mit dem »Falken« nachkommen werde; er hege zu meiner Erfahrung und meinem Scharfsinne das Vertrauen, daß ich dann im stande sei, ihm gute Nachricht zu geben. Ich durchschaute ihn, ging aber trotzdem gleich und ohne alle Widerrede auf seinen Vorschlag ein. Zwar wußte ich genau so gut wie er, daß grad bei der Matenieh keine Spur eines Händlers zu finden sein werde, war aber dabei im stillen der Ansicht, daß zwischen ihr und Kuek die Furten zu suchen seien, auf welche die oben erwähnte Karawanenstraße mündete. Er stellte mich also warm anstatt kalt, und während ich wußte, daß er niemand fangen werde, gab er mir die Gelegenheit, das zu thun, was er verhüten wollte, denn ich war willens, nicht direkt nach der Matenieh zu fahren, sondern die Ufer bis hinab zu ihr genau abzusuchen. Das verschwieg ich natürlich.

Er war ebenso erstaunt wie erfreut über meine schnelle Bereitwilligkeit und erlaubte mir in dieser guten Laune, die Leute, welche mich begleiten sollten, selbst auszusuchen. An der Mischrah (* Ufer, Haltestelle.) von Kaka war von einer aufwärts fahrenden Dahabijeh ein Arbat Makadif (* Vierruderboot.) zurückgelassen worden, dessen scharfer, praktischer Bau mir in die Augen fiel; ich bat den Reis Effendina, dieses Boot zu requirieren und bis Kuek an das Schlepptau zu nehmen. Er erfüllte mir diesen Wunsch. In Kuek angekommen, wählte ich vier kräftige Asaker aus, von denen ich wußte, daß sie mir ergeben waren, ließ einen Vorrat von Proviant und Munition in den Arbat Makadif schaffen, dazu verschiedene Kleinigkeiten, die ich für


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nötig hielt, und sagte dann meinem braven Ben Nil, daß er mich begleiten solle. Er war so entzückt darüber, daß er mich beinahe umarmt hätte. Das Boot war so geräumig, daß wir sechs Männer vollständig Platz hatten; ein Segel war auch da, und so machte ich mich nur zu gern auf die Fahrt, welche eigentlich eine wenn auch nur kurze Verbannung für mich bedeuten sollte. Ben Nil bewies mir, daß ich es nicht allein war, der diese Befriedigung empfand, denn als Kuek und der »Falke« aus unsern Augen entschwunden waren, sagte er:

»Effendi, ich weiß, daß er dich hat los sein wollen. Dein Ruhm ist ihm zu groß geworden; nun will er dir nichts mehr zu verdanken haben; ich aber denke, daß grad das Gegenteil geschehen wird.«

»Weshalb denkst du das?« fragte ich ihn.

»Weil du so guter Laune bist und ihm den Willen gethan hast, ohne ein Wort dagegen zu sagen. Ich kenne dich. Wenn du ein Gesicht machst wie jetzt in diesem Augenblick, so fühlst du dich entweder recht zufrieden in deiner Seele, oder du hast eine Dubara (* Pfiffigkeit.) vor, die deinem Herzen wohlthut und auch uns mit Freude erfüllen wird.«

Auch die vier Ruderer waren sehr damit einverstanden, daß meine Wahl sie getroffen hatte. Sie fühlten sich der strengen Schiffsdisziplin enthoben und hegten die frohe Erwartung, daß unsere Fahrt nicht eine so erfolglose sein werde, wie der Reis Effendina angenommen hatte. Wenn wir glücklich waren, fiel ihnen ein Beuteanteil zu, der um so größer wurde, je geringer die Zahl der Personen war, die auf ihn Anspruch hatten. Wir waren nur sechs, und sie wußten, daß ich nichts zu nehmen pflegte.


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Ich führte das Steuer; Ben Nil saß im Buge des Bootes, und die Asaker hatten sich unthätig lang ausgestreckt, denn der Wind war uns günstig; wir hatten das Segel aufgezogen und brauchten uns nicht mit Rudern abzumühen. Unsere Abfahrt von Kuek hatte am Nachmittage stattgefunden, und da keine Furt in der Nähe war, hielt ich es nicht für notwendig, nach Spuren von Sklavenhändlern zu suchen. Diese Arbeit hatte erst am nächsten Morgen zu beginnen. Wir segelten bis zum Abend und dann auch noch weiter, denn der Mond schien hell, und der Wind hatte sich nicht gedreht, wie es auf dem Nile gewöhnlich zwischen Tag und Nacht der Fall zu sein pflegt. Später machte der Strom eine energische Krümmung; das Segel fiel zusammen, und weil wir nun hätten rudern müssen, zog ich es vor, nach dem Ufer zu wenden. Dort legten wir unter Bäumen an, befestigten das Boot an einem Stamm und legten uns zum Schlafen nieder. Einer mußte wach bleiben, um das Feuer zu unterhalten, welches wegen der Stechfliegen während der ganzen Nacht zu brennen hatte.

Als am nächsten Morgen die Fahrt fortgesetzt wurde, war es nun an der Zeit, den Ufern unsere Aufmerksamkeit zu schenken und auch nach sonstigen Zeichen einer Furt auszublicken. Daß dies bei der Breite des Stromes nichts Leichtes war, ist selbstverständlich, zumal wir zwischen einer Machadah und einer Chod zu unterscheiden hatten. Der Anwohner des oberen Niles versteht nämlich unter Machadah eine eigentliche Furt, wo ein Fluß wegen seiner geringen Tiefe überschritten werden, unter Chod aber eine Stelle, an welcher man wegen des sehr ruhigen Wassers leicht übersetzen kann.

Der Mittag war nahe, als der Nil sich in mehrere Arme teilte, zwischen denen niedrige Inselbänke sich hin-


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zogen [hinzogen]. Das Wasser floß in diesen Betten so ruhig dahin, daß, wenn es eine Furt, eine zum Uebergange geeignete Stelle gab, sie unbedingt hier sein mußte. Kein einziges Krokodil war auf den Bänken zu sehen, und der tiefste dieser Flußarme hatte eine so geringe Breite, daß er sehr leicht überschwommen werden konnte. Wir legten an jeder der Inseln an, um sie zu untersuchen. Sie waren alle mit Omm Sufah und Gebüsch bewachsen, eine schnellwuchernde Vegetation, welche jede Spur in kurzer Zeit begräbt. Aber auf der Bank, welche dem linken Ufer am nächsten lag, fanden wir eine noch nicht ganz vom Sacharumgras verdeckte Schebah, also eine jener schweren Gabeln, welche die gefangenen Schwarzen am Halse tragen müssen. Wie kam diese Schebah hierher? Jedenfalls war ein Sklaventransport hier über den Fluß gegangen. Ich ließ vollends an das Ufer rudern, um auch dort nachzuforschen. Es gab dort ein dichtes Ambakgestrüpp, welches meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Der Ambak oder Ambatsch (* Aedemone mirabilis.) ist ein zu den Schmetterlingsblütlern gehöriger Strauch, dessen Stämme zur Zeit der Ueberschwemmung schnell mehrere Meter hoch über den höchsten Wasserstand aufschießen, um nach dem Falle des Wassers abzusterben. Das Holz ist schwammig, aber doch sehr dauerhaft und dabei so leicht, daß es allgemein als Material zu Flößen benutzt wird. Ein Floß, welches zwei, ja drei Personen hält, kann ohne Mühe von einem Mann über Land getragen werden.

Der größte Teil dieses Gestrüppes war schon abgestorben; die Pflanzenleichen lagen unter Papyrusstauden versteckt; aber weiter entfernt vom Wasser fand ich, was


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ich suchte: da war in einem stacheligen Akaziengebüsch ein ganzer Vorrat von Ambakhölzern aufgeschichtet. Das konnten nur Menschen gethan haben! Und wozu? Um hier, grad hier Flöße zusammenzusetzen, mit deren Hilfe solche Personen, die nicht schwimmen konnten, über den einen, tiefen Flußarm geschafft werden sollten. Wir hatten eine Furt entdeckt. Ob das uns etwas nützen werde, war freilich eine andere Frage. Wer weiß, wie lange Zeit seit der letzten Benutzung dieser Machadah vergangen war, und wer weiß, wie viele Wochen oder gar Monate man auf den nächsten Uebergang hätte warten müssen! Aber uns trieb ja nichts davon, und so nahm ich mir vor, die Stelle einmal recht gründlich in Augenschein zu nehmen.

Dazu war zunächst nötig, unser Boot zu verstecken. Es konnte ja immerhin grad jetzt jemand kommen, der es nicht zu sehen brauchte; es mußte von dieser Stelle fort. Wir ließen es also abwärts treiben, bis wir ein weit überhängendes Laubdach erreichten, unter welchem wir anlegten und das Fahrzeug ganz an das Ufer zogen. Die Asaker mußten als Wächter dabei bleiben; ich aber entfernte mich mit Ben Nil, um nach der Machadah zurückzukehren. Vorher wendeten wir uns rechts empor dem hohen Ufer zu, um zu sehen, ob es von dort aus einen besonderen Zugang zu der Furt gebe. Je weiter wir uns dabei vom Wasser entfernten, desto lichter wurde der erst sehr dichte Wald. Oben auf der Höhe angekommen, sahen wir die Bäume schon stellenweise so weit auseinander stehen, daß sich ihre Zweige nicht mehr berührten. Da bogen wir nach links ein, um in den Rücken der Machadah zu kommen.

Weniger aus für notwendig gehaltener Vorsicht als vielmehr aus zur zweiten Natur gewordener Gewohnheit


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spähte ich da zwischen den Stämmen hindurch, um die etwaige Anwesenheit von Menschen rechtzeitig zu bemerken, dennoch hätte ich wohl kaum einem sehr wichtigen Gegenstande die nötige Beachtung geschenkt, wenn mich nicht Ben Nil auf ihn aufmerksam gemacht hätte. Er sah nämlich einige Handvoll abgerissenen Grases seitwärts von uns auf dem Boden liegen und sagte es mir. Wir gingen hin. Es war sehr langes Andropogongras. Kaum hatte ich das erkannt und die Fußstapfen dabei im weichen Boden, so nahm ich Ben Nil bei der Hand und zog ihn in schnellem Laufe fort, wieder zurück, hinunter, woher wir gekommen waren. Ich hielt erst wieder an, als wir unsere Asaker und das Boot erreichten.

»Aber, Effendi, was fiel dir so schnell ein?« fragte er. »War das Gras die Ursache dieser Flucht?«

»Ja,« antwortete ich.

»Warum?«

»Wo solches Gras ausgerissen worden ist, da müssen Menschen sein.«

»Können nicht Tiere es ausgerissen haben?«

»In diesem Falle nicht. Dieses Riesengras wird hier verwendet, um Ambakhölzer zu Flößen zu verbinden. Es war ganz frisch, noch nicht verdorrt, noch nicht einmal verwelkt. Es sind also Menschen in der Nähe, welche im Walde nach Gras suchen, um sich ein Floß zu machen.«

»Maschallah! Warum aber haben sie es liegen lassen?«

»Der Bequemlichkeit wegen. Hat einer eine Handvoll, so legt er sie einstweilen weg, um später alles zusammenzuholen.«

»Ob man uns gesehen hat?«

»Das weiß ich nicht, möchte aber annehmen, daß


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wir unbemerkt geblieben sind. Warten wir eine kurze Zeit, ob man uns nachkommen wird! Wenn dies nicht geschieht, so schleichen wir uns nach der Furt, nach welcher sie jedenfalls gehen werden.«

Nachdem zehn Minuten vergangen waren, ohne daß wir jemand bemerkten, schlichen wir uns sehr vorsichtig am Ufer hin, bis wir uns an der eingangs erwähnten Stelle unter Sunut-, Subakh- und Thalha-Bäumen befanden, deren herabhängende Fiederblätter, wie bereits gesagt, einen Vorhang bildeten, hinter welchem hervor wir die Machadah und auch die aufgestapelten Ambakhölzer überschauen konnten. Es war niemand dort zu sehen; darum schoben wir uns noch soweit vorwärts, wie es mit der gebotenen Vorsicht zu vereinbaren war, und legten uns dann nieder, um das weitere abzuwarten.

Die feuchte Glut, welche hier herrschte, trieb uns den Schweiß aus allen Poren, und die lästigen Insekten machten uns sehr zu schaffen; wir durften uns aber nicht rühren, weil die geringste Bewegung uns verraten konnte. Endlich, endlich erschienen bei dem Ambakhaufen, von welchem wir vielleicht vierzig Schritte entfernt lagen, zwei Männer, welche die dicken, langen Grasbündel, die sie in den Armen hatten, nach dem Wasser trugen und dort niederlegten. Dann machten sie sich unverweilt daran, auch so viele Hölzer, wie sie zu einem Floße brauchten, hinzuschaffen; hierauf machten sie sich an die Zusammensetzung derselben. Es waren keine Dinka- und auch keine Schillukleute, sondern ihren Gesichtszügen und auch ihrer Kleidung nach mußten sie zu einem der Araberstämme des weißen Nils gehören.

»Sie bauen sich ein Floß; sie wollen hinüber,« flüsterte mir Ben Nil zu. »Ob wohl auch noch andere bei ihnen sind?«


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»Schwerlich,« antwortete ich ebenso leise.

»Hältst du sie für Sklavenhändler?«

»Das läßt sich jetzt noch nicht sagen. Reich sind sie jedenfalls nicht. Wenn sie sich mit dem Sklavenhandel befassen, sind sie jedenfalls nur Untergebene eines Händlers.«

»Wollen wir mit ihnen sprechen?«

»Jetzt noch nicht. Warten wir ab, ob wir sie reden hören werden.«

»Zu welchem Stamme denkst du, daß sie gehören?«

»Der Hautfarbe nach sind sie weder Kababisch noch Bagara; sie scheinen Mitglieder eines östlichen Stammes zu sein, zu dem sie sich jetzt begeben wollen.«

Die beiden Fremden arbeiteten, ohne miteinander zu sprechen, bis das Floß beinahe fertig war. Da richtete der eine von ihnen sein Auge nach dem Himmel; sah an dem Stande der Sonne, welche Tageszeit es war, warf das Holz, welches er in den Händen hatte, weg und sagte laut, daß wir es deutlich hörten:

»Halt ein mit der Arbeit, denn die Zeit des Gebetes ist gekommen! Erst kommt Allah, dann der Prophet und erst nachher der Mensch mit seinem Thun. Willst du der Vorbeter sein?«

»Nein,« antwortete der andere. »Sprich du das Sallah (* Gebet.); ich spreche es dir leise nach!«

»So laß uns zunächst das Gebet gegen die Ungläubigen sagen, denn es ist die Zeit des Asr, wo es dem Strenggläubigen vorgeschrieben ist!«

Er wendete sein Angesicht in der Richtung nach Mekka, faltete die Hände und betete, ohne niederzuknieen:

»Ich suche Zuflucht bei Allah vor Satan, dem Verfluchten. Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des


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Erbarmers! Oh Allah! Unterstütze den Islam, und erhöhe das Wort der Wahrheit und den Glauben! Oh Herr aller Geschöpfe, Oh Allah! Vernichte die Ungläubigen und die Götzendiener, deine Feinde, die Feinde der Religion! Oh Allah, mache ihre Kinder zu Waisen; verdirb ihre Wohnungen; laß ihre Füße straucheln und gieb sie und ihre Familien und ihr Gesinde und ihre Weiber und Kinder, ihre Verwandten, ihre Brüder und Freunde, ihren Besitz und ihren Stamm, ihren Reichtum und ihre Länder den Moslemim zur Beute! Oh Allah, du bist der Herr aller Geschöpfe!«

Er hatte sich einen strenggläubigen Moslem genannt. Als solcher mußte er dem Gebete das Wudu, die vorgeschriebene Waschung, vorangehen lassen. Er trat also an den Rand des Flusses, streifte die Aermel bis über die Ellbogen empor und sagte dann:

»Ich beabsichtige, das Wudu zu vollziehen, um zu beten!«

Hierauf kniete er nieder, tauchte die Hände in das Wasser, wusch sie dreimal und sagte dabei:

»Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, des Erbarmers! Preis sei dir, Allah, der du das Wasser herniedergesandt zur Reinigung und den Islam gemacht zum Licht und Leiter und Führer zu deinen Gärten, den Gärten der Wonne, und zu deinen Wohnungen, den Wohnungen des Friedens!«

Dann schöpfte er sich mit der rechten Hand Wasser in den Mund, spülte ihn dreimal aus und sprach:

»Oh Allah, hilf mir, dein Buch zu lesen und deiner zu gedenken, dir zu danken und dir richtig zu dienen!«

Jetzt brachte er mit derselben Hand dreimal Wasser in die Nase, schnaubte es hindurch und rief:

»Oh Allah, laß mich die Düfte des Paradieses


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riechen und segne mich mit seinen Wonnen; laß mich nicht riechen den Geruch des Feuers in der Hölle!«

Nach diesem wusch er dreimal das Gesicht mit beiden Händen und fügte die Bitte hinzu:

»Oh Allah, mache mein Gesicht weiß mit deinem Lichte an dem jüngsten Tage, da du wirst weiß machen die Gesichter deiner Lieblinge, und schwärze nicht mein Gesicht an dem Tage, da du wirst schwärzen die Gesichter deiner Feinde!«

Diese Worte bezogen sich auf die Ansicht der Moslemim, daß am Tage des Gerichtes die Guten mit weißen, die Bösen aber mit schwarzen Gesichtern auferstehen werden. Daher sagt man, das Gesicht eines Menschen sei weiß, wenn er in einem guten, aber schwarz, wenn er in einem schlechten Rufe steht. »Möge Allah dein Gesicht schwarz machen!« ist eine Verwünschung, die man sehr oft zu hören bekommt. -

Nach dieser Reinigung des Gesichtes wusch der Fremde dreimal die rechte Hand und den rechten Arm bis an den Ellbogen und ließ das Wasser auch dreimal von dem Handteller bis an den Ellbogen am Arme herablaufen, wobei er sagte:

»Oh Allah, gieb mir mein Buch des Lebens in meine rechte Hand, und rechne mit einer leichten Rechnung mit mir!«

Dann folgte dieselbe Prozedur mit der linken Hand bis zum Ellbogen, die er mit der Bitte begleitete.

»Oh Allah, gieb mir nicht mein Buch in meine linke Hand noch auf meinen Rücken, und rechne mit mir nicht mit einer schweren Rechnung, und mache mich nicht zu einem von dem Volke des ewigen Feuers!«

Dann nahm er mit der linken Hand sein Kopftuch ab, fuhr sich mit der nassen rechten Hand über den Scheitel und sprach:


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»Oh Allah, bedecke mich mit deiner Gnade, und schütte deinen Segen auf mich herab. Beschatte mich mit dem Schatten deines Baldachins an dem Tage, da kein Schatten sein wird außer in seinem Schatten!«

Nun bestrich er den Nacken mit den nassen Fingerspitzen beider Hände und sagte:

»Oh Allah, befreie meinen Nacken von dem ewigen Feuer und bewahre mich vor den Ketten, Halseisen und Fesseln des Teufels!«

Zuletzt wusch er die Füße bis an die Knöchel, strich mit den Fingern zwischen den Zehen hindurch und betete dabei:

»O Allah, mache meinen Fuß sicher auf Esch Schireth, der Brücke des Todes, an dem Tage, da die Füße auf derselben gleiten! Oh Allah, laß meine Arbeit gebilligt, meine Sünden vergeben, meine Werke wohlgefällig sein, als eine Ware, die nicht zu Grunde geht, durch deine Verzeihung! Oh du Mächtiger, oh du Vergebender! Bei deinem Erbarmen, oh du Barmherzigster unter den Barmherzigen!«

Jetzt war die Waschung vollendet. Der Mann stand auf und rief, indem er seinen Blick erst zum Himmel und dann zur Erde richtete:

»Deine Vollkommenheit, oh Allah, erhebe ich mit deinem Preise. Ich bezeuge, daß kein Gott ist, als du allein. Du hast keinen Genossen. Ich flehe um deine Vergebung und wende mich zu dir mit Reue. Ich bekenne, daß es keinen Gott giebt außer Gott, und ich bekenne, daß Muhammed sein Diener und sein Gesandter ist!« -

Diese Waschung hat der Moslem täglich fünfmal vor den fünf vorgeschriebenen Gebeten vorzunehmen. Ist, wie beim Wüstenreisenden, kein Wasser vorhanden, so


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darf man an dessen Stelle Sand oder Staub nehmen. Eine solche trockene Waschung wird Tajemmum genannt.

Nun konnte der Fremde das Gebet des Asr beginnen. Er legte das Kopftuch auf den Boden, um es als Seggadeh (* Gebetsteppich.) zu benutzen, kniete mit gen Mekka gerichtetem Gesichte darauf nieder und begann mit lauter Stimme den Adahn (* Aufforderung zum Gebete.):

»Gott ist sehr groß; Gott ist sehr groß; Gott ist sehr groß! Ich bekenne, daß es keinen Gott giebt außer Gott; ich bekenne, daß Muhammed der Gesandte Gottes ist! Kommt zum Gebete; kommt zum Heile! Gott ist sehr groß; es giebt keinen Gott außer Gott!«

Hierauf folgte das eigentliche Gebet, welches sehr lang war und von den verschiedensten Verneigungen und anderen Bewegungen des Körpers, der Arme und der Beine begleitet wurde. Da sich vielleicht mancher Leser dafür interessiert, möchte ich es niederschreiben; andere aber würde es ermüden, besonders wegen der vielen Wiederholungen, und so mag es mit der Beschreibung der Waschungen seine Genüge haben. Jedes Wort, welches der eine Fremde sprach, sagte der andere in halblautem Tone nach, und ebenso ahmte er jede Bewegung so genau und peinlich nach, daß man sich eines Lächelns nicht erwehren kann, wenn man sich eine Versammlung vieler solcher Beter in einer Moschee vorstellt, wo alle Köpfe, Rücken, Hände und Füße den Bewegungen des Kopfes, des Rückens, der Hände und der Füße des Vorbeters mit einer Genauigkeit folgen, welche der hölzernen Uebereinstimmung am Draht gezogener Marionetten gleicht. Der Geist wird durch diese Aeußerlichkeiten getötet, und das Gebet verwandelt sich in ein gedanken-


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loses [gedankenloses] Plappern. Auch sage man mir ja nicht, daß diese vorgeschriebenen islamitischen Phrasen infolge der dabei vorkommenden Worte wie Barmherzigkeit, Gnade, Reue, u.s.w. denn doch Aehnlichkeit mit christlichen Gebeten haben! Das sind nur leere, hohle Silben, die keinen Inhalt haben und ohne wahres Herzensbedürfnis ausgesprochen werden. Das wahre, zermalmende Zentnergewicht des Wortes Sünde ist nur dem Christentum bekannt, und ebenso kennt auch nur der Christ den hellen, unbeschreiblichen Jubel, der aus dem Worte Gnade klingt.

Als das Gebet zu Ende war, banden die beiden Muselmänner ihre Tücher wieder um die Köpfe und nahmen dann die Arbeit an dem Floße wieder auf. Sie waren dabei nicht so schweigsam wie vorher, sondern sie unterhielten sich, und zwar über einen Gegenstand, welcher mein ganzes Interesse in Anspruch nahm. Sie schienen die Anwesenheit eines andern Menschen für eine Unmöglichkeit zu halten, denn sie sprachen so laut, daß wir sie verstanden hätten, auch wenn die Entfernung zwischen uns und ihnen die doppelte gewesen wäre.

Wie horchte ich auf, als ich den Namen Ibn Asl nennen hörte! Der, welcher ihn ausgesprochen hatte, fügte den Stoßseufzer hinzu:

»Wenn er doch recht bald zu den Seinen zurückkehrte! Er war streng, ja hart, und ahndete jede Widersetzlichkeit mit dem sofortigen Tode; aber unter ihm waren wir doch freie Männer, die sich selbst vor dem Teufel und dem Reis Effendina nicht fürchteten. Nun aber sind wir arme Knechte, deren Lohn in die Taschen anderer fällt, und die Botendienste leisten müssen, wenn sie nicht verhungern wollen. Allah verdamme die neue Lehre, welche sagt, daß es Sünde und Verbrechen sei, Reqiq zu machen!«


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»Diese Lehre ist von den Christenhunden ersonnen worden, um den Pascha in ihren Schlingen zu fangen,« stimmte der andere bei. »Wollen wir uns zwingen lassen, ihm und ihnen zu gehorchen?«

»Nein! Was geht uns das Christentum und was geht uns der Pascha an, welcher den Ungläubigen gehorcht? Wir sind Söhne des Islam, welcher Sklaven braucht. Predigt nicht auch der neue Murabit (* Heilige.) von Aba mit gewaltiger Stimme, daß Allah befohlen habe, alle Ungläubigen, schwarze oder weiße, sollen Sklaven der wahren Gläubigen sein?«

»Ja, das thut er, und Allah steigt des Nachts hernieder, um ihm solche Worte einzugeben. Es ist seit Muhammed kein Prophet erschienen, der diesem neuen Propheten gleicht. Wenn er von Allah den Befehl erhielte, die heilige Fahne zu entfalten, würde er sie über den ganzen Erdkreis tragen und viele Millionen Sklaven wären unser!«

Was ich da hörte, war mir ein Rätsel. Der Murabit von Aba! Wen hatte ich mir unter diesem »neuen Heiligen« zu denken? Aba ist eine Insel des weißen Niles; das wußte ich; aber nie hatte ich gehört, daß ein Murabit dort wohne. Aber der Heilige wurde »neu« genannt. War er vielleicht erst erstanden, seit wir diese Gegend des Niles verlassen hatten, um südwärts zu segeln? Die heilige Fahne sollte er entfalten? Da mußte er sich für den erwarteten Mahdi ausgeben. Ich dachte unwillkürlich an Ssali Ben Aqil, den Kurden, welcher den Mahdi suchte, und zugleich an jenen Fakir el Fukara, mit dem wir damals am Brunnen in der Chala zusammengetroffen waren, als ich den Löwen von El Teitel


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schoß; er hatte sich hinreißen lassen, mir einzugestehen, daß er sich für den Mahdi halte, aber diese Rede von seiner »Sendung« war von mir nicht ernst genommen worden. Wenn ich mich recht entsinne, hatte er sich Mohammed Achmed genannt. Ich hatte ihm das Leben gerettet und er uns dafür an Ibn Asl verraten wollen; zur Vergeltung dafür war ihm vom Reis Effendina die Bastonnade geworden. War es möglich, daß dieser Mann der »Heilige von Aba« sein konnte?

Ich hatte weder Zeit noch Lust, mich mit dieser mir so unwichtigen Frage weiter zu beschäftigen; die Gegenwart nahm meine Gedanken in Anspruch, denn die beiden Araber setzten ihre Unterhaltung fort und waren dabei so unvorsichtig, über Dinge zu sprechen, die ihrer Verschwiegenheit anvertraut worden waren. Ich erfuhr da, daß sie von einem Händler in Takoba nach dem Chor Omm Karn abgeschickt worden waren, wo ein zweiter Händler lagerte und auf ihre Botschaft wartete. Der erstere wollte eine Anzahl von sechzig Sklaven nach der Furt liefern, an welcher wir uns befanden, und der andere sollte sie von heut ab in drei Tagen gegen sofortige Bezahlung von dort abholen, wahrscheinlich um sie, wie ich für mich hinzufügte, auf der Tana-Karkoger Karawanenstraße weiterzuschaffen. Ben Nil, welcher dies alles natürlich auch hörte, stieß mich an und sagte leise:

»Wollen wir, Effendi?«

»Was?«

»Diese Leute gefangen nehmen.«

»Nein.«

»Aber wir müssen die armen Sklaven doch befreien!«

»Allerdings!«


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»Dazu gehört, daß wir diese Boten nicht fortlassen!«

»Dazu gehört grad, daß wir sie fortlassen!«

»Das begreife ich nicht, Effendi!«

»Es genügt vollständig, daß ich es begreife. Paß auf; jetzt sind sie fertig!«

Die zwei Boten waren mit der Herstellung des Floßes zustande gekommen; sie machten sich noch Ruder, indem sie an zwei langen Aesten dicke Zweigbüschel banden, schoben das Floß in das Wasser, setzten sich darauf, stießen vom Ufer und ruderten sich nach der nächsten Insel hinüber. Nachdem sie das Floß quer über diese getragen hatten, setzten sie über den zweiten, seichten Arm des Flusses. So sahen wir sie sich entfernen, bald rudernd und bald laufend, bis sie jenseits des Niles verschwanden.

»Da sind sie fort, Effendi! Und wir hätten sie doch so schön und leicht erwischen können!« klagte Ben Nil.

»Hab' nur keine Sorge; wir bekommen sie schon noch!«

»Bei ihrer Rückkehr?«

»Ja.«

»Hm! Sei mir nicht bös, wenn ich etwas sage, was gegen die Achtung verstößt, welche ich dir schuldig bin. Sie werden nicht allein zurückkommen, sondern mit den Leuten, welche die Sklaven hier abholen sollen; dann sind aber auch schon die Männer des Sklavenhändlers in Takoba hier. Zum Transporte von sechzig Sklaven gehören wohl fünfzehn Mann; wir haben es also dann mit dreißig Personen zu thun; diese zwei aber konnten wir ganz mühelos ergreifen. Wir werden uns vom Reis Effendina Hilfe holen müssen.«

»Nein.«


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»Wie? Wir sind nur sechs Mann. Denkst du, daß wir mit dreißig fertig werden?«

»Ja.«

»Allah! Da machst du schon wieder dein pfiffiges Gesicht! Bin ich etwa sehr dumm gewesen?«

»Nur vorsichtig bist du gewesen, dumm aber nicht. Du rechnest fünfzehn Mann auf jeder Seite. Glaubst du, daß wir sechs mit so viel fertig werden?«

»Wenn du dabei bist, ja.«

»Fünfzehn an diesem und fünfzehn an jenem Ufer. Wir fangen erst die eine und dann die andere Truppe ab. Und selbst wenn wir ihre Vereinigung nicht hindern könnten, wird sich eine Art und Weise finden lassen, ihrer Herr zu werden. Ich würde den Reis Effendina nur höchst ungern um mehr Asaker bitten. Die Prämie können wir uns allein verdienen.«

»Da hast du recht, sehr recht, Effendi! Aber das könnten wir noch leichter, wenn wir die Boten nicht fortgelassen hätten. Wir brauchten nur dem Transporte aus Takoba hier aufzulauern und hätten dann nicht auch noch mit den Leuten aus dem Chor Omm Karn zu kämpfen!«

»Ich denke nicht, daß es zu einem Kampfe kommen wird. Grad diese Leute aus Omm Karn sollen kommen, ihres Geldes wegen.«

»Ihres Geldes? Wie meinst du das?«

»Sie haben die Sklaven hier an der Furt zu empfangen und zu bezahlen, was mit Geld oder Waren geschehen muß. Der einen Truppe nehmen wir die Sklaven ab und der anderen das Geld; auf diese Weise werden beide bestraft, euer Lohn vervielfältigt sich und der Reis Effendina wird gezwungen, einzusehen, daß es für ihn nicht vorteilhaft ist, uns wegzuschicken, wohin es ihm beliebt.«


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Da schlug er froh die Hände zusammen und rief aus:

»Effendi, das ist ein Gedanke, wie er schöner, besser und für uns vorteilhafter gar nicht ausgesonnen werden kann. Wenn dein Plan glückt, woran ich gar nicht zweifle, denn ich kenne dich ja, so fällt uns eine große Bezahlung zu; darüber freue ich mich ja; noch mehr aber werden sich die Asaker freuen. Höher, viel höher jedoch als dieses Geld steht mir die Genugthuung, welche wir empfinden werden, wenn wir dem Reis Effendina einen solchen Fang bringen, während er keinen gemacht hat. Da muß die Röte der Scham über sein Angesicht ziehen, und wenn er aufrichtig ist, wird er sich wenigstens still in seinem Herzen sagen, daß er dir und somit auch allen, die dich lieben, unrecht gethan hat. Ja, wir wollen diese sechzig Sklaven befreien! Wie das geschehen kann, das weiß ich freilich nicht; doch steht mein Vertrauen zu dir so felsenfest, daß ich von dem Gelingen so unerschütterlich überzeugt bin, als ob diese That schon geschehen wäre.«

Wir kehrten nun zu unserem Boote und den vier Asakern zurück. Ben Nil erzählte ihnen, was wir gesehen und erfahren hatten, und als sie hörten, welche Absicht ich nun verfolgte, waren sie nicht nur einverstanden damit, sondern sogar so begeistert davon, daß sie mir erklärten, zu jedem Wagnisse, und sei es noch so groß, bereit zu sein. Sie wollten sofort hören, in welcher Weise ich mein Vorhaben auszuführen gedächte; ich erklärte ihnen, daß jetzt von einem bestimmten Plane noch keine Rede sein könne, denn ich müsse vorher nicht nur die diesseitige Mischrah, sondern auch jenseits des Flusses die Stelle genau kennen lernen, an welcher die Leute aus dem Chor Omm Karn den Uebergang über den Nil bewerkstelligen würden.


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Nun wollten sie mich sofort hinüberfahren, damit ja keine Zeit verloren gehe; doch so zu beeilen brauchten wir uns nicht, weil die Uebergabe der Sklaven erst in drei Tagen vor sich gehen sollte. Für heute genügte es, das diesseitige Ufer kennen zu lernen, was ich allerdings nicht bis morgen aufschieben durfte, weil da die Spuren der beiden Boten verschwunden sein würden, nach denen ich mich zu richten hatte.

Ich wollte nur Ben Nil mitnehmen; die Asaker baten mich aber so herzlich, mit dabei sein zu dürfen, daß ich ihnen die Erfüllung dieses Wunsches gewährte. Einer freilich mußte bei dem Boote bleiben; er wurde durch das Los bestimmt; dann stiegen wir anderen zur Höhe des Ufers hinauf, von wo aus wir geradeaus gingen, bis wir den allerdings nicht scharf gezeichneten Rand des Waldes erreichten, welcher das Ufer des Flusses begleitete.

Hier galt es nun, die Fährte der zwei Boten aufzufinden, um zu erfahren, ob sie ihre eigenen Gedanken als Wegweiser genommen hatten oder ob es einen bestimmten und stets eingehaltenen Pfad nach der Furt gab, nach welchem sich die hierher bestimmten Sklavenhändler alle richteten. Die Spuren wurden sehr bald entdeckt; sie führten rechtwinkelig vom Nile weg in die Chala (* Steppe.) hinaus. Wir folgten ihnen und erreichten schon nach einer halben Stunde die Linie, welche den Einfluß der Stromesfeuchtigkeit hier begrenzte: schon seit einiger Zeit hatte es keine Büsche, auch keine einzelnen, mehr gegeben; nun hörte auch der Graswuchs auf, derjenige nämlich, welchen der Nil stets frisch und grün erhält; denn die Chala hat auch nicht nur ihr Gras, sondern


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sie ist kurz nach der Regenzeit sogar mit einem so dichten Blütenteppich bedeckt, daß die schreienden Farben desselben den Augen des Europäers wehe thun. Diese üppige Vegetation stirbt aber ebenso schnell ab, wie sie entstanden ist, und dann bietet die Steppe eine kahle, lederfarbene Oede, welche den Menschen fast noch tiefer als der Anblick der wirklichen Wüste ergreift.

»Sie dehnt sich aus von Meer zu Meere;
Wer sie durchritten hat, dem graust;
Sie liegt vor Gott in ihrer Leere
Wie eine leere Bettlerfaust«,

so beschreibt Freiligrath die Steppe, und eine solche Bettlerfaust war es, über welche wir jetzt dahinschritten. Es war nicht leicht, hier, wo es keine Fußeindrücke geben konnte, der verfolgten Fährte treu zu bleiben; es gelang mir aber doch. Wir waren sogar so glücklich, hier und da zu finden, was ich suchte, nämlich die Reste von Kamelexkrementen, welche bewiesen, daß es hier einen nicht selten benutzten Karawanenweg gab. In der Wüste und in der ausgedorrten Chala pflegt man diese Exkremente sorgfältig zu sammeln, weil sie da das einzige Feuerungsmaterial bilden; hier aber hatte man das nicht mehr nötig gehabt, weil der nahe Nil Holz mehr als genug zum gleichen Zwecke bot.

Da ich nun wußte, woran ich war, kehrten wir wieder um und trafen bei unserm Boote grad wieder ein, als die kurze Dämmerung der Dunkelheit des Abends wich. Der Mond stand zwar schon am Himmel, hatte aber noch nicht seinen spätern Glanz.

Wir zogen uns der Stechfliegen wegen eine tüchtige Strecke vom Flusse zurück und brannten heut kein Feuer an, weil die verkohlte Stätte desselben uns später leicht hätte verraten können. Es fehlte uns also der Rauch


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zur Vertreibung der grad hier sehr lästigen und blutdürstigen Insekten, und so mußten wir unsere Zuflucht zu den Mückennetzen nehmen, mit denen wir glücklicherweise versehen waren.

Am andern Morgen fuhren wir dann Ueber, um das rechte Ufer des Flusses kennen zu lernen. Auf dieser erstreckte sich die Vegetationszone viel weiter in das Land hinein, und wir hatten nicht nötig, über dieselbe hinaus zu gehen, weil wir schon oder noch in ihrem Bereiche mehr als genug Anzeichen entdeckten, welche uns den Karawanenweg verrieten. Wir fanden sogar ziemlich leicht die Stelle, wo er auf den Fluß mündete. Die Händler schienen es nicht für nötig gehalten zu haben, hier dieselbe Vorsicht walten zu lassen, wie am linken Ufer.

Dorthin zurückgekehrt, ruderten wir eine gute Weile aufwärts, bis wir eine Stelle fanden, welche sich zum Verstecken unseres Bootes eignete; denn in der Nähe der Furt durften wir es nicht lassen. Da blieben wir die zweite Nacht. Die dritte Nacht mußten wir wieder in der Nähe des Ueberganges zubringen, denn es war möglich, daß der Sklaventransport aus Takoba eher als an dem bestimmten Tage eintraf. Diese Möglichkeit wurde zu meiner Freude zur Wirklichkeit. Wir marschierten am Spätnachmittage bis an den Rand der Chala, um Ausschau zu halten. Da sahen wir denn auch am fernen Horizonte eine Reihe von großen und kleinen Punkten, deren Bewegung den Fluß zum Ziele hatte. Die großen Punkte waren Kamelreiter; die kleinen waren die Sklaven, welche zu Fuß gehen mußten. Die Karawane hielt sich genau auf dem Wege, den uns die Fährte der beiden Boten verraten hatte. Wir standen, als wir den Zug kommen sahen, natürlich nicht auf diesem Wege, denn


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wir waren so vorsichtig gewesen, uns so weit seitwärts von demselben zu halten, daß unsere Spuren nicht gesehen werden konnten.

Kaum hatten wir das Nahen der Karawane entdeckt, so bemerkten wir, daß sich zwei Reiter von ihr trennten, um ihr voranzueilen. Sie wollten sich jedenfalls überzeugen, ob der Aufenthalt an der Furt heut sicher für sie sei oder nicht. Wir kehrten also rasch nach dem Flusse zurück und versteckten uns da an einer Stelle, welche wir uns vorher als Observatorium eingerichtet hatten.

Als wir dort anlangten und nach dem Flusse blickten, sahen wir ein Floß, welches zwei Männer über den letzten, tiefen Arm herüberruderten. Das waren die Boten, die grad zu derselben Zeit zurückkehrten, in welcher die Karawane eintraf. Ob dies aus Zufall oder auf Verabredung geschah, das konnte uns gleichgültig sein; aber lieb war es mir, denn ich konnte bei der Begrüßung, die jedenfalls laut geschah, vielleicht etwas für uns Wichtiges hören, ohne daß ich mich erst anzuschleichen brauchte. Unser Beobachtungspunkt lag nämlich so, daß wir alles, was an der Furt gesprochen wurde, wenn es nicht ganz leise war, verstehen konnten.

Die beiden Ruderer erreichten das Ufer, stiegen an das Land, zogen das Floß halb auf das Trockene und suchten die Umgebung ab. Als sie nichts Verdächtiges gefunden hatten, schickten sie sich eben an, die Mischrah emporzusteigen, als von oben herab ein scharfer, kurzer Pfiff zu hören war. Einer von ihnen antwortete mit einem ebensolchen Pfiff; dann blieben sie stehen, um zu warten. Nach kurzer Zeit sahen wir zwei wohlbewaffnete, bärtige Männer erscheinen, jedenfalls die beiden Reiter, welche ihre Kamele oben gelassen und angebunden hatten.


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Die Boten verneigten sich demütig; die beiden neuen Ankömmlinge erwiderten diesen Gruß mit kurzem, stolzem Kopfnicken, und einer von ihnen fragte:

»Wann seid ihr hier angekommen?«

»Vor einigen Minuten,« erhielt er zur Antwort.

»Habt ihr die Muchada abgesucht?«

»Ja; sie ist sicher. Es ist weder ein Mensch noch die Spur eines solchen da.«

»Konntet ihr eure Botschaft ausrichten?«

»Wir fanden alles so, wie du es uns beschrieben hast. Die Männer aus dem Chor Omm Karn werden morgen zwei Stunden nach Tagesanbruch am Flusse erscheinen.«

»Hoffentlich verlangen sie nicht, daß wir zu ihnen hinüberkommen sollen?«

»Nein; sie kommen herüber, um die Sklaven hier in Empfang zu nehmen.«

»Womit wollen sie bezahlen?«

»Sie wollten sich nicht mit Waren schleppen, weil sie da mehr Kamele brauchten, und werden dir also Goldstaub bringen.«

»Was thue ich mit dem Golde, für welches ich mir hier nichts kaufen kann! Ich habe Beda'i (* Tauschartikel.) erwartet, denn ich komme während dieser Reise an keinen Ort, wo ich bekommen kann, was ich brauche. Wenn sie mit Gold bezahlen, werde ich höhere Preise machen. Wie viel Männer zählen sie?«

»Zwölf.«

»Grad so viel wie wir. Das genügt vollständig, da der Reis Effendina mit seinem Adschnabi (* Fremden.), den Allah ersäufen möge, nicht mehr da ist. Geht hinauf zur Höhe,


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und gebt der Karawane das Zeichen, daß sie kommen soll. Wir werden hier auf sie warten. Bringt auch die Hudschun (* Reitkamele.) mit herab, daß sie trinken können!«

Der Sprecher ging mit seinem Begleiter nach einem Baume, an dessen Stamme sie sich niedersetzten, während die beiden andern sich nach der Höhe entfernten. Die beiden ersteren sprachen nicht miteinander; sie waren augenscheinlich von der Reise ermüdet. Ihrer Gesichtsbildung und Hautfarbe nach schienen sie zu den Messerijeh oder Habanijeh zu gehören, beides Stämme, bei denen der Sklavenhandel keine Seltenheit ist.

Es dauerte nicht lange, so kam die Karawane die Mischrah herabgezogen, sehr langsam, weil den Kamelen das Abwärtssteigen schwer fiel und weil, wie wir sogleich sahen, die Sklaven so erschöpft waren, daß sie sich kaum mehr schleppen konnten. Diese armen Teufel hatten einen sehr weiten Weg hinter sich, den sie in Fesseln und im glühendsten Sonnenbrande zu Fuße durch die ausgetrocknete Chala hatten zurücklegen müssen. Wie sahen sie aus! Zum Erbarmen! Zwar war die mit Recht so gefürchtete Schebah, die ich selbst auch mehr als zur Genüge kennen gelernt hatte, nicht in Anwendung gebracht, doch durfte ihre Fesselung trotzdem keine leichte genannt werden. Die Hände waren ihnen nämlich durch Stricke je mit dem Fuße der andern Seite so verbunden, daß sie nur ganz kurze Schritte machen und die Finger nicht zum munde, ja kaum bis zur Höhe der Brust bringen konnten. Von einem Handgelenke zum andern ging ein dritter Strick, in dessen Mitte ein schwerer Holzklotz hing, den sie tragen mußten, wenn er ihnen nicht die Beine zu Schanden schlagen sollte. Außer einigen Fetzen, die um ihre Lenden


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hingen, waren sie unbekleidet, und da auch ihre Köpfe vollständig entblößt waren, mußten sie bei der jetzt herrschenden Hitze fürchterliche Qualen ausgestanden haben. Ich sah an ihren Körpern handgroße Stellen, von denen die Sonne die Haut weggefressen hatte. Und das waren keine Neger, keine Heiden, sondern muhammedanische Bagara el Homr, wie ich später hörte, welche in die Kriegsgefangenschaft ihrer jetzigen Herren geraten waren! Sie hatten so lange gedürstet, daß sie, als sie das Wasser sahen, vor Freude aufschrieen und sofort nach dem Ufer laufen wollten, doch wurden sie von ihren Wächtern durch Gewehrstöße zurückgehalten. Erst durften die Kamele saufen, und dann erhielten auch sie zu trinken, und zwar aus hohlen Kürbisschalen. An das Wasser durften sie nicht, denn man fürchtete, es möchte sich einer von ihnen aus Verzweiflung hineinstürzen, um sich zu ertränken.

Als sie ihren Durst gelöscht hatten, bekam jeder von ihnen eine Handvoll trockener Hirsekörner, die sie nur im Sitzen essen konnten, weil es ihnen nur in dieser Stellung möglich war, den Mund mit den Händen zu erreichen. Dann wurden sie nach einer morastigen Sumpfgrasstelle gebracht, wo sie sich, paar- und paarweise zusammengebunden, niederlegen mußten. Dabei zündeten ihre Wächter zwei große Feuer an, um sie während der Nacht beobachten zu können.

Dadurch hatten sie sich alle von unserem Verstecke so weit entfernt, daß wir nicht mehr hören konnten, was gesprochen wurde. Ich hatte doch nicht gedacht, daß die Armen würden in dem Sumpf kampieren müssen. Aber daß wir nichts verstehen konnten, das machte uns keinen Schaden. Je weiter diese Händler von uns saßen, desto weniger konnten sie uns entdecken. Wie jetzt die Sache


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lag, mußte ich meine Absicht, die Sklaven zu befreien, auf alle Fälle erreichen; mehr konnte ich hier doch wohl nicht verlangen.

Es war inzwischen dunkel geworden, und das Moghreb (* Kurze Zeit nach Sonnenuntergang.) wurde gebetet; diesem folgte das Aschia, das Abendgebet, einige Zeit nach dem vollständigen Eintritte der Finsternis. Diese beiden Gebete wurden mit einer Feierlichkeit und Inbrunst gesprochen, auch von seiten der Sklaven, die mit der Situation im grellsten Widerspruche stand. Auch abgesehen vom Sklavenraube und Sklavenhandel, den schon die allgemeine Menschenliebe verbietet, der Islam aber erlaubt, so sollten hier Muselmänner verkauft werden, was nach dem Islam ein todeswürdiges Verbrechen ist. Trotzdem beteiligten sich diejenigen, welche sich dieses Verbrechens schuldig machten, und diejenigen, an denen es begangen wurde, mit einer Eintracht an den vorgeschriebenen Gebeten, welche das gerade Gegenteil von erhebend wirkte. Es konnte weder dem einen noch dem andern Teile wirklich ernst mit dieser seiner Andacht sein!

Die Herren der Situation, also die Männer aus Takoba, welche mit den beiden Boten vierzehn Köpfe zählten, nahmen erst nach Vollendung der Gebete ihr Abendessen zu sich, welches aus eingerührtem Mehlbrei, getrocknetem Fleische und Datteln zu bestehen schien; genau konnten wir nicht sehen, was sie aßen. Der Anführer, nämlich der, welcher vorhin das Wort geführt hatte, gab dann seine Befehle für die Nacht, die wir zwar nicht verstanden, aber aus ihren Wirkungen erkannten: Zwölf von ihnen wickelten sich - der Insekten wegen - bis über die Köpfe in ihre Decken, während die übrigen


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zwei wach bleiben mußten; diese machten sich so nahe wie möglich an das eine Feuer heran, um in dem dicken, scharfen Rauche desselben einen Schutz vor den Stechmücken zu haben. Wie schlimm waren dagegen die fast ganz nackten Gefangenen daran! Von keinem wirklichen Kleidungsstücke bedeckt und auch nicht im stande, alle Körperteile mit den Händen zu erreichen, waren sie den schmerzhaften Stichen der Blutsauger vollständig wehrlos preisgegeben. Nur wer die schrecklich verschwollenen, bis zur Unkenntlichkeit entstellten Gesichter solcher Menschen gesehen hat, der weiß, was es bedeutet und welche unendliche Qualen es bereitet, wenn es einem unmöglich ist, sich dieser zwar kleinen aber erbarmungslosen und in wolkigen Massen auftretenden Teufel zu erwehren. Ich hatte die Moskiten des untern Missisippi, Mittel- und Südamerikas und auch Ostindiens kennen gelernt und oft infolge ihrer Stiche ein blutig verschwollenes Gesicht gehabt; aber mit diesen Nahmuhs (* Stechmücken.) des oberen Niles verglichen, möchte man sie noch sehr liebenswürdige und menschenfreundliche Wesen nennen. Die Sklaven kamen von Dar Tagaleh, also von dem mächtigen Bergstocke des Tegeli herab, wo es keine Stechfliegen giebt; sie waren also gegen die Stiche dieser Insekten nicht im mindesten abgehärtet und wälzten sich unter so schmerzvollem Wimmern und Stöhnen hin und her, daß es mich geradezu empörte, die Händler dabei ruhig schlafen zu sehen. Es stand fest, daß ich alles daran setzte, sie zu befreien, aber die Schmerzen, welche sie ausstanden, mußten mich veranlassen, dies nicht nur überhaupt, sondern auch so schnell wie möglich zu thun. Ben Nil schien denselben Gedanken zu hegen, denn er fragte mich:


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»Denkst du, daß wir diese armen Menschen noch heute nacht retten können, Effendi?«

»Ja,« antwortete ich.

»So bitte ich dich darum, daß wir dies so schnell wie möglich thun, selbst wenn die Gefahr dadurch für uns größer wird, denn ich kann die Pein und die Martern, welche sie auszustehen haben, nicht länger mit ansehen und anhören. Willst du mir diesen Gefallen thun?«

»Sehr gern, zumal ich nicht glaube, daß die Gefahr für uns dadurch erhöht wird.«

»So sag, was wir dabei thun sollen! Wir sind bereit, uns auf die vierzehn Halunken zu werfen, und zwar sofort. Auch dein Zaubergewehr, mit dem du sie alle niederschießen könntest, gar nicht gerechnet, würde es genügen, wenn jeder von uns nur einen Schuß thäte; das würden sechs Kugeln sein; die übrigen acht schlagen wir dann rasch, ehe sie sich wehren können, mit dem Kolben tot!«

»Ich will das Blut dieser Leute nicht vergießen, denn sie glauben nicht, daß sie eine so große Sünde thun, indem sie mit Menschen handeln.«

»Aber, Effendi, bedenke, daß sie sich wehren und auf uns schießen werden, wenn wir sie nicht durch den Tod unschädlich machen. Du wirst dadurch, daß du ihr Blut schonst, nur erreichen, daß das unserige vergossen wird.«

»Oh nein! Der Streich, den ich ihnen spielen will, ist für mich so leicht, daß ich sehr wahrscheinlich eure Hilfe dazu gar nicht brauche. Dennoch müßt ihr euch bereit machen, mir beizustehen. Wickelt euch also aus euern Netzen heraus, und behaltet mich im Auge! Ich werde mich jetzt nach dem Feuer schleichen, an dem die beiden Wächter sitzen. Gelingt es mir, sie zu überwältigen, ohne daß ihre Kameraden aufwachen, so könnt


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ihr ruhig hierbleiben, bis ich euch dann rufe; wachen aber diese andern auf, so kommt ihr schnell zu mir hingesprungen, um mir beizustehen. Es wird aber wohl alles so glatt verlaufen, wie ich denke, denn die Gefangenen sind, wie ich vorhin aus einigen Ausrufen gehört habe, der arabischen Sprache mächtig; sie werden also das, was ich ihnen zu sagen habe, verstehen und auch so schnell ausführen, wie es nötig ist. Dennoch aber müßt ihr euch bereit zum schnellen Handeln halten.«

Ich kroch aus meinem Netze heraus, legte es und den Bärentöter in das Gebüsch und schob den Arm in den Riemen des Henrystutzens, denn diesen mußte ich mitnehmen, um nötigenfalls die Feinde mit ihm in Schach halten zu können. Als der Anführer vorhin den Adschnabi, den Fremden erwähnte, hatte er mich gemeint; mein Name war ihm also zu Ohren gekommen, und da durfte ich als sicher annehmen, daß er auch von meiner gefürchteten »Zauberflinte« gehört hatte.

Ich kroch aus dem Gesträuch, welches uns versteckt hatte, heraus und schlich mich, um von hinten an die Wächter zu kommen, in einem Bogen nach dem Feuer hin. Das war gar nicht schwer, denn ich hatte es hier mit Leuten zu thun, welche von dem echten, richtigen Wald- und Wildnisleben keine Ahnung besaßen. Ich kam ohne Anstrengung so nahe an sie heran, daß ich beide fast mit den Händen erreichen konnte, eine wahre Wonne für mich, den Westläufer, denn nun war ich sicher, daß alles genau so verlaufen würde, wie ich es mir gedacht hatte.

Ich lag in dichter Omm Sufah versteckt; anderthalb Armlängen von mir saßen die Wachen, die Gesichter von mir abgewendet; sie sprachen nicht miteinander und waren nur damit beschäftigt, Holz in die Feuer zu


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werfen, die mit ihrem Scheine alles hell erleuchteten. Rechts lagen die schlafenden, tief in ihre Decken gehüllten Händler und links und vorn die wachen Gefangenen, die mich unbedingt sehen mußten, wenn ich mich zum Angriffe gegen die Wächter erhob. Die Ueberraschung konnte ihnen Ausrufe entlocken, durch welche die Schläfer vorzeitig aufgeweckt wurden. Dem mußte ich vorbeugen. Ich zog also den Arm aus dem Riemen des Gewehres, nahm es in die rechte Hand, richtete mich langsam auf und legte die linke mit jener warnenden Bewegung auf den Mund, welche in der Zeichensprache aller Völker eine Aufforderung zum Schweigen bedeutet. Mein Zweck wurde erreicht, denn es ließ sich nicht nur kein Ruf hören, sondern das bisher ununterbrochene Stöhnen und Wimmern hörte plötzlich auf. Die Sklaven hatten mich gesehen, und wie die Umstände lagen, mußten sie sich sofort sagen, daß sie von mir nichts zu fürchten, sondern im Gegenteile nur Gutes zu erwarten hatten. Es läßt sich denken, mit welcher großen Spannung ihre Augen auf mich gerichtet waren.

Ein guter Westmann wäre durch das so plötzlich eingetretene Schweigen aufmerksam und mißtrauisch gemacht worden; von den beiden Takobaleuten aber wurde es gar nicht beachtet. Jetzt kehrte ich den Stutzen um - zwei wohlabgewogene Hiebe auf ihre Köpfe, und sie knickten lautlos zusammen. Ich bückte mich rasch zu ihnen nieder, um zu sehen, ob ich ihrer augenblicklichen Unschädlichkeit sicher sein könne; als ich mich davon überzeugt hatte, machte ich einige Schritte vorwärts, so daß die Gefangenen mich verstehen konnten, auch wenn ich mit unterdrückter Stimme sprach, und sagte:

»Seid still, und sprecht jetzt kein lautes Wort! Ich bin gekommen, euch zu befreien. Ich werde eure Stricke


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zerschneiden; dann, aber ja nicht eher, als bis ich die Wächter gebunden habe, nehmt ihr die Händler fest! Ihr sollt ihnen aber nichts thun, sondern sie nur halten, daß wir sie fesseln können. Also paßt auf!«

Dreimal sechzig Stricke zu zerschneiden, das hätte ziemlich lange gedauert; aber als ich die zwei ersten befreit hatte, forderte ich sie auf, die Messer der Wächter zu nehmen und mir zu helfen. Auf einen Wink von mir nach dem Gebüsch, in welchem Ben Nil und die Asaker steckten, eilten diese herbei, und so standen nach kaum zwei Minuten alle Sklaven mit freien Gliedern da.

»Euch hat Allah gesandt!« sagte einer von ihnen. »Willst du uns sagen, Herr, wer du bist und woher -«

»Still jetzt!« unterbrach ich ihn. »Ihr werdet nachher alles erfahren. Jetzt binden wir zunächst die Wachen, und dann machen wir uns über die anderen her. Da sie sich in ihre Decken gehüllt haben, können sie sich gar nicht wehren, wenn,wir ihnen keine Zeit dazu lassen. Stricke sind mehr als genug da. Wenn jeder dieser Leute von zwei oder drei von euch gehalten wird, während der vierte den Strick gleich um die Decke wickelt, kann ein Widerstand gar nicht stattfinden. Also, es kann beginnen!«

Es war eine wahre Lust, zu sehen, was nun geschah. Die Befreiten folgten meinem Rate, und so fühlten sich die Schläfer, ehe sie nur recht munter wurden, in ihren eigenen Decken ein- und festgeschnürt. War dies in völliger Lautlosigkeit geschehen, so erhob sich aber nun ein solches Jubelgeschrei, daß ich glaubte, die Kamele würden scheu werden und davonrennen. Wer von den geretteten Sklaven eine Stimme hatte - und die hatte jeder, und zwar was für eine! -der strengte sie in allen möglichen Höhenlagen und auf das äußerste


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an, um den Gefühlen seines entzückten Herzens Luft zu machen. Dieses Schreien und Heulen wirkte so ansteckend, daß meine Asaker und zuletzt sogar Ben Nil, auch mit brüllten. Ich war der einzige, der seinen Kehlkopf nicht für das Ventil einer Trompete und seinen Mund nicht für einen Klarinettenschnabel hielt, und mußte wohl einige Minuten lang die Arme wie Windmühlenflügel hin und her und auf und ab bewegen, ehe die so stimmbegabten Menschen einsahen, daß diese meine Gestikulationen den Zweck verfolgten, der gewaltigen Erschütterung der Atmosphäre Einhalt zu thun.

»Dieses Schreien kann uns in Verlegenheit bringen!« warnte ich, als ich mich endlich verständlich machen konnte. »Es schallt ja über den Fluß hinüber, wo die Leute aus dem Chor Omm Karn schon eingetroffen sein können!«

»Was gehen uns diese Leute an!« antwortete einer. »Sie sollen nur kommen, um uns zu holen. Wir werden sie empfangen, wie sie es verdienen!«

»Sie sollen allerdings kommen; aber wenn sie durch euer Geheul mißtrauisch gemacht werden, kommen sie eben nicht.«

»Meinst du, Herr? Ja, da hast du recht! Wir müssen ganz still sein, daß sie morgen früh ahnungslos herübersetzen; dann empfangen wir sie am Ufer und drücken ihre Köpfe unter das Wasser, daß sie ersäuft werden und im Meere des Todes untergehen. Nun aber sag uns, wer du bist, oh Herr, damit wir erfahren, wie wir unseren Retter zu nennen haben. Die Badalat (* Uniformen.) dieser vier Männer lassen uns erkennen, daß sie Asaker des Khedive sind; du aber und dieser dein fünfter Begleiter, ihr scheint keine Asaker zu sein?«


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»Nein; wir sind keine Soldaten. Ich bin ein Franke und werde Kara Ben Nemsi Effendi genannt, und dieser, mein junger Freund, heißt Ben Nil.«

Die Folge meiner Antwort war ein Murmeln, welches im Kreise herumging. Der Sprecher gab diesen unverständlichen Tönen einen verständlichen Ausdruck, indem er fragte:

»Bist du etwa ein Christ, Effendi?«

»Ja.«

»Giebt es einen Sabit (* Offizier.) des Khedive, welcher Reis Effendina genannt wird und immer den Nil hinauf- und hinunterfährt, um die Sklavenjäger und -händler abzufangen?«

»Den giebt es allerdings.«

»Du bist mit ihm gefahren und hast ihm geholfen?«

»Ja.«

»So haben wir von dir gehört, zwar nicht viel, aber doch genug, um zu wissen, daß du ein Freund und Wohlthäter aller Menschen bist, welche zu Reqiq gemacht werden. Abu Reqiq hat unterwegs öfters mit seinen Leuten von dir und diesem Reis Effendina gesprochen; er schien Angst vor euch zu haben.«

»Wer ist Abu Reqiq?«

»Das weißt du nicht? Dort liegt er gefesselt bei seinen Leuten. Er ist der reichste und berüchtigtste Sklavenhändler im ganzen Dar Sennaar; er reist bis Fodja und noch weiter nach Westen, um Reqiq zu machen, und geht ebenso weit nach Osten über den Atbara hinüber bis an das Ufer des Bahr el ahmar (* Rotes Meer.), um die Sklaven trotz der Schiffe und der Aufsicht der Franken dort zu verkaufen. Er heißt eigentlich Tamek er Rhani (* Tamek der Reiche.), denn


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sein Besitztum ist größer als das von fünf Paschas zusammengenommen, wird aber wegen seines umfangreichen und einträglichen Sklavenhandels nur Abu Reqiq genannt. Er hat uns droben in Salamat gekauft und hierhergeschafft, um uns nach Omm Karn zu verhandeln. Von da aus sollten wir über Karkog nach dem Atbara geschafft werden.«

»Er kauft und verkauft also auch Anhänger des Propheten? Hasa nasieb - Schande über ihn!«

»Ja, er behandelt den Gläubigen gleich dem Ungläubigen als eine Ware, wenn er nur Gewinn davon hat. Möge dafür sein Gesicht am Tage des Gerichtes kohlschwarz werden! Nun wirst du wohl auch wissen wollen, wer wir sind. Wir gehören zur Ferkah (* Abteilung.) El Homr des großen Stammes der Bagara und fielen einer Truppe Barabra in die Hände, weil wir im Schlafe lagen. Von ihnen wurden wir an Abu Reqiq verkauft. Ich bitte dich, uns nicht deshalb für Feiglinge zu halten!«

»Dieses Wunsches bedarf es nicht, denn ich weiß, daß die El Homr sich durch großen Mut und seltene Tapferkeit auszeichnen. Sie sind die berühmtesten Agagir (* Schwertjäger.) und gehen ohne Flinte selbst dem Fil (* Elefant.) und dem Kerkedahn (* Nashorn.) zu Leibe.«

»Es freut mich sehr, daß du dieses weißt, Effendi! Du wirst unsere Tapferkeit erkennen, wenn du siehst, wie wir hier diese Sklavenhändler bestrafen.«

»Zu ihrer Bestrafung bedarf es keiner Tapferkeit, denn ihr zählt sechzig Männer, während sie nur vierzehn sind. Uebrigens habt ihr mit ihnen nichts zu thun. Sie


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gehören mir, und ich werde sie dem Reis Effendina zur Bestrafung übergeben.«

Das war nun freilich nicht nach der Ansicht der El Homr. Ich hatte lange mit ihnen zu streiten, ehe sie mir recht gaben und mir versprachen, die Rache dem Reis Effendina zu überlassen. Der, welcher bis jetzt in ihrem Namen gesprochen hatte, war der Schech es Sehf (* Herr des Schwertes = Fechtlehrer, Fechtmeister.), des Stammes und also derjenige, welcher das größte Ansehen unter ihnen genoß. Sie hatten während ihres langen Marsches schrecklich hungern müssen und machten sich darum zunächst über die Durrhavorräte her, welche säckevoll bei den Kamelen lagen. Ebenso groß war ihr Bedürfnis zu einem Bade, und so sahen wir bald, während mehrere von ihnen den Negerhirse zwischen Steinen zu Mehl zerrieben, die anderen im seichten Wasser des Ufers plantschen. Schwimmen konnten sie als echte Beduinen nicht. Das Mehl wurde mit Hilfe des Nilwassers in einen Teig verwandelt und dann einfach mittels der Finger wie Kleister in den Mund gestrichen. Jeder ißt nach seiner Art und Weise; der eine braucht zum Fisch ein silbernes Besteck, der andere will die Auster nur mit Seewasser haben. Wer kein Silberzeug besitzt und Austern nicht bezahlen kann, ißt, wenn er in Berlin wohnt, Eisbein mit Sauerkraut; Gallertschüssel schmeckt ebenso, und wem es im Buche des Lebens vorgezeichnet war, ein Bedawi el Homr zu werden, klebt sich den kalten Hirsebrei nach Art der Maurer zwischen das Gebiß. Man trifft überall auf die bekannte Wahrheit »Ländlich, sittlich«, welche, wie man sagt, nach anderer Lesart »Ländlich, unsittlich« lautet.

Wie mochte es den so fest eingeschnürten Sklaven-


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händlern [Sklavenhändlern] zu Mute sein? Der Schlag war über sie gekommen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Was erwartete sie aber dann erst später beim Reis Effendina! Ich will offen gestehen, daß mir der Gedanke kam, sie freizulassen, sie ihm nicht auszuliefern, doch mußte ich mir sagen, daß diese Milde nicht am Platze sei. Hatten sie doch ihre eigenen Glaubensgenossen nicht geschont! Und wenn ich Abu Reqiq frei ließ, so hieß das nicht anders, als ihn in der Fortsetzung seines fluchwürdigen Gewerbes bestärken. An allem Elend, welches er später verursachte, trug dann ich die Schuld. Nein, das wollte ich denn doch nicht auf mein Gewissen laden. Er mußte unbedingt bestraft werden. Aber mußte ich auch seine Habe dem Reis Effendina treulich ausliefern? War die Gefangennahme dieses Mannes nicht mein Werk? Gehörte er nicht mit allem, was er besaß, nach den hier herrschenden Gesetzen und Gebräuchen nur mir? Mußte ich die Undankbarkeit und Hinterlist des Reis Effendina mit einer hier gar nicht angebrachten Noblesse vergelten? - Nein!

Ich nahm mit Ben Nil eine Untersuchung aller Satteltaschen der Reitkamele vor, und wir fanden viele für die Asaker wertvolle Gegenstände. Das beste fiel uns beim Kamele des Anführers in die Hände, nämlich vier Säckchen Goldstaub, die für so einfache Leute geradezu ein Vermögen ausmachten. Das war Abu Reqiqs Betriebskapital; einige leere Ledersäckchen waren auch da. Ich setzte mich mit den Asakern und Ben Nil beiseite und verteilte den Goldstaub in sechs Säckchen, von denen jeder Askari eines, Ben Nil aber zwei bekam. Sie wollten in lauten Jubel ausbrechen; aber ich gebot ihnen, zu schweigen. Die El Homr brauchten nicht zu wissen, was für einen guten Fang wir gemacht hatten.


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Wie dankbar mir die fünf Glücklichen waren! Sie hatten nur die Sorge, daß der Reis Effendina ihnen den Staub wieder abverlangen werde; ich beruhigte sie aber mit der Versicherung, daß davon keine Rede sei; ich würde diese Verteilung, die ich getroffen hatte, nötigenfalls selbst mit den Waffen gegen ihn verfechten.

Weil die Beute, auf welche sie sich so sehr gefreut hatten, so über alles Erwarten reich ausgefallen war, erklärten sie sich auf meinen Wunsch gern bereit, auf alles andere zu verzichten. Ich sagte also dem Schech es Sehf der El Homr, daß er die Kamele und alles, was er bei ihnen finden werde, als sein und seiner Leute Eigentum betrachten solle; ebenso solle ihnen alles, was die Gefangenen in ihren Taschen hatten, nur Gold ausgenommen, als Eigentum zufallen, Das erregte natürlich Freude auch bei diesen Leuten, welche, weil ich die Händler nicht als ihr, sondern als unser Eigentum betrachtete, angenommen hatten, daß ihnen infolgedessen auch von der Beute nichts zufallen werde. Daß sie gern sofort in den Besitz derselben kommen wollten, konnte ich ihnen nicht verdenken; darum gab ich, als sie mich darum baten, den Befehl, die Gefangenen aus ihren Decken zu wickeln und ihnen die Taschen zu leeren, sie aber an Händen und Füßen gut zu fesseln.

Dies geschah. Ich war neugierig, wie die Takobamänner sich dabei verhalten würden. Wäre es meine Ansicht gewesen, daß sie sich sträuben und in Schimpfreden ergehen würden, so hätte ich mich im Irrtume befunden, denn sie ließen alles ruhig und ohne sich zu wehren, über sich ergehen. Der Schreck über ihre Gefangennahme, welche für sie im Bereiche der Unmöglichkeit gelegen hatte, wirkte noch nach. Nur Abu Reqiq, welcher zuletzt an die Reihe kam, verhielt sich zwar still,


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während er von seiner Decke befreit und dann gleich wieder gebunden wurde; aber als ihm Ben Nil in die Taschen griff und die in denselben befindlichen Gegenstände herausnehmen wollte, fuhr er ihn in zornigem Tone an:

»Was fällt dir ein! Bin ich etwa unter Räuber geraten, daß man mir stiehlt, was mir gehört?«

»Kerl, sei still, und sprich nicht von Räubern und Diebstahl!« antwortete Ben Nil. »Der größte und schlimmste Dieb und Räuber bist doch du selbst! Wir haben euch ergriffen; also ist alles, was ihr bei euch habt, unser Eigentum. Das ist hier Gesetz, wie du wohl wissen wirst.«

»Du würdest anders sprechen, wenn du wüßtest, wer ich bin. Meine Macht ist so groß, daß es nur eines Wortes von mir bedarf, euch zu verderben!«

»So sprich es aus, dieses Wort! Ich bin sehr neugierig darauf, von welcher Seite dieses Verderben kommen und worin es bestehen wird.«

»Es wird in eurem Untergange, in eurem Tode bestehen!«

»Sprich nicht so dummes Zeug! Ist jemand hier, dem der nahe Tod schon zur Seite steht, so bist du es allein.«

»Höhne nicht! Ich bin Tamek er Rhani, den man Abu Reqiq nennt!«

»Das wissen wir; aber wer du bist und ob man dich Abu Reqiq oder Tamek el Chasir (* Tamek der Schuft.) nennt, das ist uns vollständig gleich. Du stehst in unseren Augen nicht höher als der ärmste Ziegenhirt; ja, ein Ziegenhirt wird von uns hundert- und tausendmal höher geachtet als du,


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denn er ist ein ehrlicher Mann, der nur thut, was Allah wohlgefällt, während du ein Schurke bist, welcher an die Stelle der Dschehenna (* Hölle.) gehört, wo die Qualen am größten sind.«

»Hund, wer bist du, daß du es wagst, mich einen Schurken zu nennen?«

»Ich heiße Ben Nil. Das ist ein Name, an welchem kein einziger Tropfen Blut und keine einzige solche Sünde hängt, wie du sie ohne Zahl auf dem Gewissen hast. Hüte dich übrigens, mich wieder Hund zu nennen! Hier neben mir steht ein Mann, der dich dafür strenger, viel strenger bestrafen wird, als du es ahnst!«

Er meinte mit diesen Worten mich, der ich an seiner Seite stand. Tamek ließ seinen Blick über mich gleiten und sagte dann.

»Dieser Mensch mag sein, wer er will, er kann mir nichts thun. Er mag sich ja hüten, mir auch nur das geringste zuzufügen! Von meiner Macht wieder zu sprechen, bin ich viel zu stolz; aber ich habe so mächtige Freunde und Bekannte, daß selbst jedes eurer Worte, welches mir nicht gefiele, von ihnen mit eurem Tode beantwortet würde. Hütet euch also!«

Da wies ich Ben Nil an:

»Laß den Kerl doch schwatzen! Er quakt wie ein Frosch, aus dessen Maule kein anderer Ton je kommen kann. Er gleicht der Mücke, die sich brüstet, den Adler zerreißen und auffressen zu wollen. Das ist rein lächerlich. Mach seine Taschen leer, und damit basta!«

Als Ben Nil diesem Befehle gehorchte, brüllte mich der Sklavenhändler wütend an:

»Mensch, ich habe dich gewarnt. Wenn du trotzdem


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in dein Verderben rennen willst, so thue es; ich habe nichts dagegen und werde es nicht hindern!«

»Du kannst allerdings nichts hindern, was ich thun will,« antwortete ich, »und solltest nur an dein Verderben, nicht aber an das meinige denken. Ich warne dich vor allen weiteren Schimpfreden und Drohungen! Bist du noch einmal so frech, uns durch ein Wort zu beleidigen, so laß ich dir die Bastonnade geben!«

»Die Bastonnade? Du?« lachte er höhnisch. »Sag mir doch, wer du bist!«

»Du brauchst nur die Asaker dort zu sehen, um zu wissen, in was für Hände du gefallen bist.«

»Asaker? Allah! Vier Asaker, nur vier! Das werden Diebe sein, welche die Uniformen gestohlen haben. Oder sie sind Deserteure, welche ausgerissen sind, weil sie zu feig waren, im Dienste des Khedive zu verbleiben.«

»Sie sind Soldaten des Reis Effendina. Ob sie feig sind, kannst du daraus ersehen, daß wir sechs Männer euch ergriffen und eure Gefangenen befreit haben.«

»Wer hat euch den Befehl dazu gegeben?«

»Niemand. Es giebt keinen Menschen, der es wagen dürfte, mir Befehle zu erteilen. Ich stehe aus eigenem Belieben an Stelle des Reis Effendina vor dir.«

Da kam ihm der richtige Gedanke; ich sah es seinem Gesichte an. Er suchte, während er mich noch einmal, und zwar genauer als vorher, betrachtete, nach Worten. Dann rief er in einem Tone, durch welchen er die Angst nicht ganz verbergen konnte, welche jetzt über ihn gekommen war:

»Allah 'l Allah! - Gehörst du wirklich zum Reis Effendina?«

»Ja.«

»Bist du ein Franke, ein christlicher Franke?«


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»Ja.«

»Heißest du Emir Kara Ben Nemsi Effendi?«

»Das ist mein Name!«

»Aber ihr seid doch ganz hinauf in die Länder der Schwarzen gefahren!«

»Du siehst, daß wir wieder hier sind. Ich hoffe, daß du dich darüber freust. Und um dein Herz mit noch größerem Entzücken zu erfüllen, will ich dir mitteilen, daß wir Abd Asl und Ihn Asl, welche du gewiß gekannt hast, gefangen und mit dem Tode bestraft haben.«

»Allah sei uns gnädig! Ibn Asl ist also tot, wirklich tot? Sagst du die Wahrheit, Effendi?«

»Kara Ben Nemsi lügt nie! Nachdem wir diesen Sklavenjäger und alle seine Leute unschädlich gemacht haben, kommen die anderen dran, und du bist der erste von ihnen. Nun wirst du wohl wissen, wer sich zu fürchten hat, ob du dich vor uns oder wir uns vor dir!«

»Maschallah - Wunder Gottes! Ihn Asl wurde für unüberwindlich gehalten!«

»Lächerlich! Das Böse, die Sünde, kann niemals unüberwindlich sein, sondern das Gute, die Gerechtigkeit, gelangt stets, wenn auch zuweilen spät, zum Siege. Das wirst du auch an dir erfahren, denn ich sage dir, daß du heut zum letztenmal in deinem Leben auf dem verbotenen Wege des Sklavenhandels gegangen bist.«

Er antwortete nicht gleich; er mochte überlegen, wie er sein Verhalten gegen mich am besten einzurichten habe. Wovon konnte er Vorteile für sich erwarten? Dadurch, daß er sich scheinbar in sein Schicksal ergab und sich demütig zeigte, oder daß er den Versuch machte, mir zu imponieren? Demut zu zeigen, dazu war später ja auch noch Zeit! Er schien sich für das letztere entschlossen zu haben, denn er versuchte, seinem Gesichte einen hoch-


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mütigen [hochmütigen] Ausdruck zu geben, und fragte mich in wegwerfendem Tone-.

»So? Denkst du wirklich, daß nun ich nach Ihn Asl an die Reihe komme? Das glaubst du doch wohl selber nicht!«

»Zu glauben brauche ich es nicht, weil ich vollständig überzeugt davon bin.«

»Du willst mich dem Reis Effendina ausliefern?«

»Ja.«

»Wann?«

»Ich brauchte es dir nicht zu sagen, doch kann es mir nicht schaden, wenn du es erfährst. Wir bleiben hier liegen, bis er in einigen Tagen mit seinem Schiffe kommt, um uns an Bord zu nehmen. Wir sind ihm vorausgefahren.«

Ich wußte, welcher Gedanke ihm jetzt kommen würde, und nahm ihn scharf in die Augen. Es glitt ein nicht ganz zu unterdrückender Zug der Freude über sein Gesicht, und er sagte in demselben höhnischen Tone wie vorher:

»Ich bin entzückt von deiner Aufrichtigkeit und will dir daher das Vergnügen machen, ebenso offen zu sein wie du. Deine Wünsche, Hoffnungen und Absichten gleichen den leisen Wellen der Luft, welche über den mächtigen Talhabaum streichen, ohne ihn beugen zu können. Wenn du uns nicht sofort freigiebst, werdet ihr euch morgen in unserer Gefangenschaft befinden. Wie ihr euch heut zu uns verhaltet, so werden wir euch dann morgen behandeln. Das gebe ich dir zu bedenken! Sei also klug, Effendi! Diese Warnung spreche ich nicht etwa aus Angst aus, sondern weil ich mich in der gnädigen Stimmung befinde, dich retten zu wollen.«

»Ich bedarf deiner Gnade nicht und habe auch gar


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nicht die Absicht, dir die meinige anzubieten. Jeder hat die Last zu tragen und die Schuld zu büßen, die er auf sich genommen hat.«

»So bist du verloren, unbedingt verloren!«

»Pah! Die Leute, auf welche du rechnest, mögen nur kommen! Anstatt euch befreien zu können, werden sie gefesselt neben euch liegen.«

Er fuhr erschrocken zusammen und fragte:

»Welche Leute meinst du?«

»Die aus dem Chor Omm Karn.«

»Von solchen Leuten weiß ich nichts, gar nichts!«

»Lüge nicht! Die zwei Boten, welche du zu ihnen schicktest, haben dir ja mitgeteilt, daß sie morgen kommen werden, um die Sklaven in Empfang zu nehmen und mit Goldstaub zu bezahlen. Auf ihre Hilfe rechnest du vergeblich.«

Da trat wieder eine Pause ein, die er nötig hatte, um sich zu fassen. Dann sagte er:

»Ich weiß nicht, was du meinst. Du mußt im Fieber gelegen haben, als du glaubtest, Dinge zu sehen, die sich gar nicht ereigneten, und Worte zu hören, welche gar nicht gesprochen wurden. Die Hilfe, welche ich erwarte, ist eine ganz andere, als du denkst. Indem du uns als Feinde behandelst, hast du dich auf Es Sireth begeben, auf die Brücke des Todes, und es bedarf nur eines leisen Stoßes meines Fingers, so stürzest du in den Abgrund hinab, welcher dir aus der schauerlichen Tiefe entgegengähnt.«

»Laß ihn gähnen! Ich gähne ja auch, und zwar aus Langeweile über die leeren Drohungen, von denen du meinst, daß sie mich erschrecken sollen.«

»So denkst du, daß ich lüge?«

»Ja.«


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»Effendi, beleidige mich nicht! Ich bin ein gläubiger Moslem, du aber bist ein Christ, der tief, tief unter mir steht!«

»So wirst du, da du so hoch über mir stehst, um so tiefer fallen!«

»Du willst dich also nicht überzeugen lassen? Frag Geri, meinen Mulasim (* Lieutenant, Unteranführer.)! Da liegt er als der dritte zu meiner linken Seite. Er wird bei Allah und dem Propheten bestätigen, daß ich recht habe.«

»Ich glaube ihm ebensowenig wie dir.«

Da fuhr er mich an:

»Hüte dich, Giaur! Ich mag solche Worte nicht hören!«

Ich trat ganz nahe zu ihm heran und drohte:

»Ich warne dich zum letztenmale. Wenn du wirklich denkst, so hoch über mir zu stehen, weil ich ein Christ bin, so lache ich darüber; aber wenn du diesen albernen Hochmut so weit treibst, mich zu schimpfen, so werde ich dich zwingen, einen bescheideneren Ton gegen mich anzuschlagen.«

»Ich, der reiche und berühmte Abu Reqiq, bescheiden gegen dich, der du doch nur der Sklave und Speichelfresser des Reis Effendina bist? Ich möchte den Ungläubigen, den ewig Verfluchten sehen, der dies fertig brächte. Wisse, daß grad der Islam es ist, der dich in meine Hände liefern wird! Der neuerwachte Islam wird seinen Rachen öffnen und dich und deinen Reis Effendina verschlingen, dem du nachläufest und gehorchest wie ein Hund!«

»Gut, du hast's gewollt! Du wirst sofort erfahren, daß der Giaur, der ewig Verfluchte, der Hund es wohl


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versteht, dich demütiger zu machen. Ben Nil, der Kerl bekommt einstweilen zehn Hiebe auf jede Fußsohle. Besorge das! Und wenn er dadurch nicht bescheidener wird, werden ihm noch zwanzig aufgezählt!«

Ben Nil war eine solche Strenge so wenig an mir gewöhnt, daß er, anstatt mir zu gehorchen, einen fragenden, zweifelnden Blick auf mich war. Als ich ihm aber mit einer energischen Handbewegung bedeutete, daß es mein Ernst sei, rief er erfreut aus:

»Oh, Effendi, welche Wonne du mir damit bereitest! Fast hätte ich es nicht geglaubt, denn deine Güte und Langmut pflegen unendlich zu sein. Es schmerzt mich nur, daß nicht auch seine Leute die Hiebe bekommen, welche sie alle so wohl verdient haben; aber ich werde diesen Schmerz von mir abladen und auf die Sohlen seiner Füße übertragen. Kommt, ihr Krieger vom tapfern Stamme der El Homr! Schafft euern Peiniger hier auf die Seite; legt ihn auf den Bauch; kniet auf seinen Rücken, daß er sich nicht bewegen kann, und zieht ihm die Sandalen ab. Haltet ihm dann die Füße hoch, daß die Sohlen gegen den Himmel schauen; sie sollen die Gaben des Stockes empfangen, den ich mir jetzt abschneiden werde, eines schönen Stockes, dessen Stimme deutlicher erklingen wird, als die Gesetze des Kuran und aller Ausleger desselben!«

Er ging zum nahen Busche, um einige passende Ruten abzuschneiden, während zehn, zwanzig El Homr sich über Abu Reqiq hermachten. Wie gern sie das thaten! Sie faßten ihn bei den Beinen, zogen ihn auf die Seite und gaben da seinem Körper und seinen Gliedern die Lage, welche Ben Nil ihnen bezeichnet hatte. Er wehrte sich dagegen, soweit die Stricke, mit denen er gebunden war, es ihm erlaubten. Das half ihm nichts,


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denn es hatten ihn so viel Fäuste gepackt, daß seine Kraft gegen die ihrige gleich Null war.

Hätte er mich um Verzeihung gebeten, so wäre ich sehr wahrscheinlich so schwach gewesen, ihm die Bastonnade zu erlassen; aber es fiel ihm gar nicht ein, dies zu thun. Er schleuderte vielmehr eine solche Flut von Schimpfworten gegen uns und besonders gegen mich, daß ich befahl, ihm nicht zehn sondern zwanzig Hiebe auf jeden Fuß zu geben. Als das sein Mulasim hörte, rief er ihm zu:

»Schweig doch, schweig! Du siehst ja, daß du es mit deinem Zorn noch schlimmer machst. Wenn du deine Zunge nicht zähmst, wirst du dreißig oder fünfzig Streiche erhalten, während dich doch schon die ersten zehn vollständig zufriedenstellen konnten!«

Diese Warnung fruchtete; Abu Reqiq schwieg; aber um Verzeihung zu bitten, das ließ ihm sein Stolz auch jetzt nicht zu. Mehrere der El Homr baten, die Rute führen zu dürfen, doch Ben Nil antwortete:

»Ihr seid halb verhungert und verdürstet und habt also die Kraft verloren, welche dazu gehört, alles, was im bösen Herzen dieses Menschen lebt, so deutlich auf seine Sohlen zu zeichnen, daß er es endlich selber glauben muß. Ich aber bin kräftig genug dazu und habe mir hier diese vier schönen, starken und biegsamen Stöcke nicht für euch, sondern nur für mich abgeschnitten. Haltet ihn also fest! Es kann beginnen.«

Die El Homr bildeten einen Kreis um die bei der Exekution beteiligten Personen; ich aber zog es vor, nicht Zuschauer bei derselben zu sein. Bald hörte ich die Hiebe fallen, deren jeder durch ein tierisches Gebrüll des Empfangenden quittiert wurde. Die einzelnen Schreie, welche er ausstieß, zogen sich nach und nach in ein immer-


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währendes [immerwährendes], pausenloses Heulen zusammen, welches mich verhinderte, die ferneren Schläge zu hören und also auch zu zählen. Endlich verstummte das Gebrüll; es gab nur noch ein tiefes, schweres Stöhnen. Der Kreis öffnete sich; Ben Nil kam zu mir und meldete:

»Wir sind zu Ende, Effendi, und du wirst mit mir zufrieden sein.«

»Warum?«

»Weil ich ihm fünfundzwanzig anstatt zwanzig gegeben habe.«

»Warum hast du das gethan?«

»Weil ich so schön im Zuge war, daß ich meinen Arm nicht eher zum Stillstehen brachte, als bis es fünf zu viel geworden waren. Nun liegt er da und kann sich nicht rühren. Was sollen wir mit ihm machen?«

»Schafft ihn hinter das Akaziengebüsch rechts dort an der Wasserlache! Wenn er dort liegt, tragt ihr seinen Mulasim zu ihm und bindet sie so neben einander an die Büsche oder an Pflöcke, die ihr in die Erde schlagt, daß sie sich nicht bewegen und nicht sehen können, was hinter ihnen geschieht.«

»Warum?«

»Kannst du dich noch erinnern, wie ich Abd Asl belauschte, als wir an der Quelle lagen, wo ich den Löwen schoß?«

»Ja.«

»Grad in derselben Weise will ich diesen Abu Reqiq belauschen. Er drohte mir, daß grad der Islam seinen Rachen gegen mich öffnen werde, um mich zu verschlingen. Das hat eine Bedeutung, die ich nicht kenne und die ich kennen lernen will und muß. Er würde es mir weder gutwillig noch gezwungen sagen; darum wende ich die List, welche damals so glückte, hier wieder an. Es ist


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ein dafür sehr günstiger Umstand, daß er seinen Mulasim bei sich hat, mit dem er jedenfalls auf einem vertraulicheren Fuße steht als mit seinen andern, gewöhnlichen Leuten. Wenn beide glauben, allein und unbeobachtet bei einander zu liegen, werden sie ihren Herzen Luft machen, und ich müßte mich sehr irren, wenn dabei nicht auch das mit zur Sprache käme, was ich erfahren will. Die Hauptsache ist, daß sie sich für unbelauscht halten, daß sie überzeugt sind, ich befinde mich in eurer Mitte, nicht aber bei ihnen.«

»Das laß mich machen, Effendi! Die El Homr müssen sich in einem Kreise um dich niedersetzen und so thun, als ob die Beute unter sie verteilt würde. Inzwischen schaffe ich die beiden Kerls nach dem Gebüsch und binde sie dort an, und du schleichst dich, ohne daß sie es bemerken, hinter sie. Wenn ich dann wieder bei den El Homr sitze, werde ich öfters so thun, als ob ich mit dir spräche. Sie werden das hören und dann gewiß nicht denken, daß du nicht bei uns, sondern bei ihnen bist.«

Dieser Vorschlag Ben Nils war gut; ich stimmte ihm bei, und er machte sich gleich daran, ihn in Ausführung zu bringen. Es dauerte nicht lange, so lag ich an dem betreffenden Gesträuch hinter Abu Reqiq und seinem Vertrauten, welche beide der festen Ueberzeugung waren, daß ich inmitten der El Homr säße.

Sie sprachen zunächst nicht miteinander. Die Schmerzen des Gezüchteten waren so groß, daß er nicht an Unterhaltung dachte; er wimmerte in einem fort leise vor sich hin. Wie oft hatte er wohl gefangene Neger noch ganz anders, ja zu Tode schlagen lassen, ohne daß sein Gewissen nur im geringsten dadurch beschwert worden war?

Dieses Schweigen dauerte dem Mulasim endlich doch zu lang. Nach dem, was geschehen war, gab es so viel


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zu besprechen, und die Gelegenheit, dies zu thun, konnte gar nicht bequemer kommen. Er begann also:

»Wer hätte gestern um diese Tageszeit gedacht, daß es uns heut so traurig ergehen werde! Der Scheitan muß diese Hunde grad jetzt von den Grenzen des Niles herabgeführt haben, grad an dem Augenblicke, wo wir hier angekommen sind! Nur einen einzigen Tag später, und unser Handel wäre gelungen. Thun deine Wunden dir sehr wehe, Herr?«

»Frag nicht so dumm!« antwortete Abu Reqiq stöhnend, wie er überhaupt während des ganzen Gesprächs fortwährend ächzte und wimmerte. »Soll es nicht schmerzen, wenn einem die Füße so zerschlagen worden sind, daß die Knochen aus dem Fleische schauen? Allah verdamme diesen Christenhund in denjenigen Teil der Hölle, wo die Teufel ohne Aufhören und in alle Ewigkeit Bastonnade erteilen!«

»Du hättest nur zehn Streiche erhalten; aber weil du ihn schimpftest und beleidigtest, so bist du selber schuld ---«

»Schweig!« unterbrach ihn der Sklavenhändler. »Ich will deine guten Lehren nicht hören! Ich wollte ihn durch mein sicheres Auftreten ängstlich machen.«

»Allah! Wir haben genug über diesen Christen gehört, um zu wissen, daß ihm keine Angst einzujagen ist. Er ist milde wie ein Weib, aber stolz und unerschütterlich dabei. Ich möchte wissen, weshalb er uns beide so allein hat hierherschaffen lassen.«

»Weil er sich trotz seines Stolzes vor uns scheut und fürchtet. Wir sollen nicht sehen, was sie thun, und nicht hören, was gesprochen wird. Er hält es trotz seines Leugnens für möglich, daß wir gerettet werden. In diesem Falle wäre es gefährlich für ihn, wenn wir etwas


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über seine Absichten gehört hätten. Nur aus diesem und keinem andern Grunde hat er uns beiseite schaffen lassen!«

»Oder ist er gar nicht dort, sondern hier bei uns, um uns zu belauschen!«

»Fällt ihm nicht ein! Ich sah ihn, als ich fortgeschafft wurde, inmitten der El Homr sitzen; du hast ihn auch gesehen, und--- horch! Hörst du seinen Namen nennen? Hörst du, daß dieser verfluchte Ben Nil mit ihm redet?«

»Ja; er ist also wirklich dort, und wir können mit einander sprechen, ohne zu besorgen, daß wir belauscht werden. Hältst du es für möglich, daß die Männer aus dem Chor Omm Karn uns befreien werden?«

»Ja.«

»Aber sie werden ahnungslos herüberkommen und ihm grad in die Hände laufen! Er sagte doch Selbst, daß er sie festnehmen wolle!«

»Ich werde sie warnen. Sobald wir sie kommen sehen, rufe ich ihnen zu, daß wir gefangen sind und daß sie uns befreien sollen.«

»Da wird er dich töten!«

»Nein; ein Mörder ist er nicht. Wir haben ja gehört, daß er nur im äußersten Notfalle Blut vergießt. Er wird uns dem Reis Effendina ausantworten; ehe dies geschehen ist, haben wir wenigstens für unser Leben nichts zu fürchten. Er wird also, wenn er hört, daß ich die Omm Karn-Leute warne, mich nicht töten, sondern die Warnung dadurch erfolglos zu machen suchen, daß er hier diese Furt verläßt und irgendwo ein anderes Lager bezieht. Unsere Verbündeten aber werden ihm folgen, ihn finden und uns befreien. Aber dann!«

Er knirrschte bei diesen beiden letzten Worten mit den Zähnen. Der Mulasim wiederholte sie:


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»Aber dann! Ja, dann wird es ihm traurig ergehen!«

»Trauriger, als es ihm in der Hölle ergehen könnte! Ich lasse ihn peitschen, daß ihm alle Knochen aus dem Leibe schauen. Und dann mache ich ihn zu meinem eigenen Sklaven, den ich von früh bis abends peinige, wie noch kein Sklave gepeinigt worden ist. Also, ich bin überzeugt, daß wir nicht gefangen bleiben; aber wir werden einige kostbare Tage verlieren und also später nach El Michbaja kommen, als man uns dort erwartet.«

»Zumal du durch die Bastonnade so verwundet bist! Du wirst dich kaum auf dem Kamele halten können.«

»Wir werden ein Boot haben.«

»Ein Boot? Von wem?«

»Von diesem Christenhunde. Er hat ja gesagt, daß er dem Reis Effendina vorausgefahren sei, und ist also im Besitze eines Fahrzeuges, welches hier irgendwo am Ufer liegen muß. Das nehme ich für mich und laß mich nach El Michbaja rudern, während du mit den andern den Weg mit den Kamelen zurücklegst. Diese Hunde haben uns alles, alles abgenommen. Sogar mein Goldstaub wird sich in ihren Händen befinden. Das könnte mich rasend machen, wenn ich nicht wüßte, daß sie alles wieder hergeben müssen. Dafür wird Kara Ben Nemsi mir einen Gegenstand lassen müssen, welcher hundertmal mehr wert ist, als das Gold, welches er jetzt wohl glaubt, ganz sicher zu besitzen.«

»Was ist das?«

»Sein Zaubergewehr, von welchem wir gehört haben. Jedenfalls hat er es noch, denn so etwas hütet man wie das eigene Augenpaar. Bin ich Besitzer dieser Flinte, so darf man mich den unüberwindlichsten Mann des ganzen Sudahn nennen, und das wird mich vollständig


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entschädigen für die Bastonnade, gegen die ich mich leider nicht wehren konnte.«

»Wenn aber nun der Reis Effendina kommt, ehe wir wieder frei sind?«

»Geschähe das, so wären wir verloren, denn die Strenge dieses Abgesandten des Teufels würde unser Leben fordern. Glücklicherweise war aus den Reden des Christen zu entnehmen, daß der Reis Effendina erst nach einer Anzahl von Tagen hier eintreffen wird. Da sind wir wieder frei, weil die Leute aus Omm Karn schon morgen kommen.«

»Wir wären dann mit ihnen sechsundzwanzig tapfere Männer. O Allah! Wenn es möglich wäre, mit diesen Leuten das Schiff des Reis Effendina zu ersteigen und ihm wegzunehmen!«

»Diesen Gedanken laß nur fallen! Selbst wenn es gelänge, würden so viele von uns dabei zu Grunde gehen, daß die übrigen das Schiff nicht lenken könnten, zumal sie nichts davon verstehen. Es wird mit ihm und seinen Leuten auch ohnedies in unsere Hände fallen.«

»Bei El Michbaja?«

»Ja.«

»Steht denn der Wächter noch immer dort am Ufer?«

»Ja, bei Tage und bei Nacht. Der >Heilige< hat es so befohlen. Niemand weiß, weshalb er den Untergang des Reis Effendina beschlossen hat; er muß von diesem auf eine Weise beleidigt worden sein, die selbst ein Heiliger nicht verzeihen kann, zumal dieser behauptet, daß Allah und der Prophet den Sklavenhandel befohlen haben. Kennst du die Stelle des Niles, an welcher El Michbaja angelegt worden ist?«

»Nein.«


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»Der Fluß hat dort eine so schnurgerade Richtung, daß man jedes abwärtskommende Schiff schon aus weiter, weiter Ferne erblickt. Dann macht er einen raschen Bogen, indem er um eine weit vorgeschobene Landzunge oder Halbinsel fließt, die von sehr dichtem Walde bedeckt ist. In diesem Walde liegt El Michbaja, wo man mit einer großen Sklavenherde auf uns wartet. Die Bewohner von El Michbaja haben den Segen des >Heiligen< erhalten, und ihr letzter Bote teilte mir im Geheimnis mit, daß dieser Reqiq nicht nur aus Schwarzen bestehe. Es giebt Menschen, die man beseite schaffen muß, ohne sie grad töten zu wollen; die macht man einfach zu Reqiq. Ich nehme sie sehr gern mit und bin verschwiegen dabei, weil ich sie umsonst bekomme und nicht zu bezahlen brauche. Es hat sogar Fälle gegeben, daß man mir einige Schwarze dafür schenkte, daß ich einen Weißen mitnahm, um ihn als Sklaven verschwinden zu lassen. Wahrscheinlich steht mir in El Michbaja wieder ein so gutes Geschäft bevor, denn sonst hätte man mir den erwähnten Wink nicht gegeben.«

»Befinden sich denn genug Leute dort, den Reis Effendina abzufangen?«

»Ja. Und diese Männer sind alle mit dem Wasser wie Fische vertraut. Ich habe es bisher geheim gehalten; jetzt aber will ich es dir sagen, daß einer von uns zu den dortigen Leuten gehört und nur deshalb zu mir geschickt wurde, um mein Führer dorthin zu sein, sobald ich einen brauchen sollte.«

»Allah! Solche Geheimnisse hast du vor mir gehabt? Ich habe stets gemeint, du wüßtest, daß du mir vertrauen darfst!«

»Das wußte ich; aber ich mußte versprechen, es so lange geheim zu halten, bis ein triftiger Grund ein-


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trete, es zu sagen. Dieser Grund ist jetzt da. Also am Ufer der Landzunge, auf welcher El Michbaja liegt, hält Tag und Nacht ein Posten Wache, der auf das Schiff des Reis Effendina aufzupassen hat. Es ist so gebaut, daß er es sofort erkennen muß, und sobald es erscheint, hat er es zu melden.«

»Dann wird es angegriffen?«

»Ja.«

»Was soll mit der Besatzung geschehen?«

»Sie kann getötet oder gefangen genommen und als Reqiq verkauft werden, aber zwei sollen unbedingt geschont werden, nämlich der Reis Effendina und dieser Kara Ben Niemsi Effendi.«

»Warum?«

»Der >Heilige< will sie haben.«

»Wozu?«

»Das weiß man nicht. Er hat sie sich auf das allerstrengste ausbedungen, und du kannst dir denken, daß man ihm gern gehorsam ist. Wir sind in die Hände dieses Giaur geraten; das ist ein Unglück, welches vorübergehen wird, und bei jedem Unglück pflegt ein Glück zu sein.«

»So auch hier?«

»Ja. Es ist ein Glück für uns, daß der Reis Effendina grad zu der Zeit angesegelt kommt, in welcher wir uns in El Michbaja befinden werden. Ich bin überzeugt, daß man uns dort die ganze gefangene Besatzung umsonst als Sklaven überlassen wird. Was man nicht tötet, muß verschwinden, und zum Verschwindenlassen bin ich wie kein anderer der richtige Mann.«

»Warst du schon einmal dort?«

»Auch nicht; aber ich kann mich auf Hubahr so verlassen wie auf mich selbst.«


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»Ach, Hubahr ist also der, den du vorhin meintest?«

»Ja.«

»Ich habe ihm nicht viel zugetraut, denn er scheint nicht tapfer, sondern ein Feigling zu sein.«

»Feig ist er, ja; er fürchtet sich sogar im hellen Mondenscheine, wenn er von weitem die Stimme der Hyäne hört, die ihm gar nichts anhaben kann. Ein Krieger ist er also nicht; aber zum Boten, Führer und Spion, da paßt er ausgezeichnet, und da er für uns nur dieses sein soll, so kann ich nicht mehr von ihm verlangen. Er ist mir von El Michbaja aus nicht nur sehr empfohlen worden, sondern er steht sogar unter dem Schutze des >Heiligen<, den er persönlich kennt, denn er hat bei ihm auf der Insel Aba gewohnt und ist in den frommen Regeln und Satzungen der Terika (* >Weg zum Heile<.) es Samania einer seiner besten Schüler gewesen.«

»Maschallah - Gott thut Wunder! Wer hätte das von diesem Hubahr gedacht, der mit uns auf den Sklavenhandel gegangen ist und doch vor Angst zusammenzuckt, wenn nur der Hahn seiner eigenen Flinte knackt!«

»Es ist nicht notwendig, daß ein Streiter Allahs auch ein kühner Krieger im irdischen Sinne ist. Der Islam braucht außer den streitbaren Schwertträgern, welche seine Fahne in alle Länder tragen sollen, noch viel nötiger auch kluge, listige Bekenner, von denen ein einziger durch seine Verschlagenheit mehr, viel mehr leisten kann als tausend Asaker, die nur durch die Kraft ihrer Arme wirken. Das hat Mohammed Achmed selbst sehr oft gesagt und gelehrt.«

»So heißt der Heilige?«


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»Weißt du das noch nicht? Habe ich noch nicht mit dir von ihm gesprochen? Du widmest deine ganze Kraft und alle deine Gedanken dem Sklavenhandel; aber nebenbei solltest du dich doch auch um die Ereignisse und Personen kümmern, welche für den Islam von Wichtigkeit sind. Mohammed Achmed Ibn Abdullahi war ein Hauar (* Jünger.) des berühmten Scheich Mohammed Scherif von der Samania. Er entzweite sich mit ihm und ging zur Terika des Scheiches el Gureschi über. Dadurch wurde er berühmt. Er wurde der Fakir el Fukara genannt und wohnte auf der Insel Aba, wo er den Titel eines Sahed (* Entsagenden, Heiligen.) erhielt. Er wollte die hervorragenden Anhänger des Islam in den westlichen Gegenden kennen lernen und machte darum eine Reise nach Kordofan. Von da zurückgekehrt, war er eine Zeit lang sehr krank. Er konnte nicht gehen, denn er hatte diese Reise als Sahed meist zu Fuße gemacht und dabei seine Sohlen im heißen Sande so verletzt, daß fast kein Mittel Heilung bringen wollte. Die Schmerzen, welche er infolge dieser seiner Entsagung auszustehen hatte, vermehrten den Ruf seiner Heiligkeit, und es hatten sich in wenigen Wochen so viele Schüler und jünger um ihn gesammelt, daß er jetzt eine Macht besitzt, wie sie vor ihm noch kein Heiliger besessen hat. Als ich zum letztenmal von ihm hörte, sagte man sogar, er sei der Mahdi, welchen wir schon seit Jahrhunderten erwarten; er werde den reinen, geläuterten Glauben lehren und dann die Streiter des Islam siegreich in alle Gegenden der Erde führen, um überall die grüne Fahne des wahren Glaubens aufzupflanzen. Nun weißt du, wen du unter dem >Heiligen< zu verstehen hast, und da Hubahr einer seiner besten Schüler ist, wirst du


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ihm von jetzt an dein Vertrauen schenken, welches du ihm bisher verweigert hast.«

»Allah, Allah, Allah!« sagte Geri erstaunt. »Der Mahdi soll endlich gekommen sein! Und dieser heilige Mann lehrt, daß der Sklavenhandel keine Sünde sei?«

»Sogar daß er befohlen sei! Er wird schon durch diese Lehre allein das Christentum besiegen, welches die Sklaverei verbietet und also keine Männer hat, sich gegen uns zu wehren, die wir Hunderttausende bewaffneter Sklaven gegen die Ungläubigen aussenden können. Sie werden also grad durch diejenigen niedergeworfen und zerschmettert, welche sie in Schutz nehmen wollen. Allah verderbe sie!«

»Zunächst möge er diesen einen Christen vernichten, der es gewagt hat, sich an uns zu vergreifen und deine Füße mit den Stöcken der Bastonnade zu berühren!«

»Das wird er thun; ich bin ganz überzeugt davon! Allah kann unmöglich wollen, daß wir das neue, große Licht des Islam nur aufgehen sehen sollen, um uns hier ruhmlos von dem Reis Effendina abschlachten zu lassen. Jetzt aber schweig! Ich habe über unsere Lage und über die Rettung aus derselben nachzudenken, und wenn ich spreche, werden die Schmerzen meiner Füße um das Doppelte vermehrt. Wenn ich diesen Giaur in meine Hand bekomme, soll er Qualen erleiden, als ob er hundert Füße hätte, auf die ihm die Bastonnade gegeben worden ist.«

Sie hüllten sich nun in Schweigen; das heißt, so weit es sich auf gesprochene Worte bezog, denn still verhielt sich Abu Reqiq keineswegs, sondern sein Stöhnen und Seufzen ertönte ebenso fort, wie es das ganze, von mir belauschte Gespräch begleitet hatte. Weil es für mich nun keine Hoffnung gab, noch mehr zu hören und


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zu erfahren, entfernte ich mich leise von der Stelle, an welcher ich gelegen hatte, und kehrte zu den El Homr zurück. Als Ben Nil mich von weitem kommen sah, war er so klug, aufzuspringen und auch die anderen zum Aufstehen zu veranlassen. Diese vielen aufgerichteten Gestalten boten mir eine willkommene Deckung, daß ich mich in einem kleinen Bogen dem Platze nähern konnte, ohne von Abu Reqiq und Geri gesehen zu werden. Auf diese Weise blieb es diesen beiden unbekannt, daß ich nicht nur vom Lagerplatze weg, sondern sogar bei ihnen gewesen war.

Als wir uns dann wieder gesetzt hatten, warf mir Ben Nil einen fragenden Blick zu, den ich mit einem leichten Nicken des Kopfes beantwortete. Nun wußte er, daß es mir gelungen war, den Sklavenhändler und seinen Mulasim zu belauschen. Es war inzwischen der Inhalt der Taschen der Händler verteilt worden, der besonders bei Abu Reqiq reichlich ausgefallen war, wenn er auch nicht aus Gold bestanden hatte.

Mich beschäftigte natürlich das, was ich gehört hatte. Also Mohammed Achmed, der Fakir el Fukara, spielte sich jetzt als Heiliger, sogar als Mahdi auf! Ich konnte nicht daran zweifeln, daß es sich um dieselbe Person handelte, die wir in der Chala kennen gelernt hatten. Seine Reise nach Kordofan war erwähnt worden; er war uns auf der Rückreise von dort begegnet. Die schwere Krankheit seiner Füße, welche er sich durch seine fromme Entsagung zugezogen haben sollte, war nichts als eine Folge der Bastonnade, die ihm der Reis Effendina hatte geben lassen, und daß er diesen und mich gern in seine Gewalt haben wollte, daß er die Rückkehr unseres Schiffes so aufmerksam erwarten ließ, das war mir leicht erklärlich; er wollte Rache nehmen, natürlich auch an mir, ob-


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gleich [obgleich] ich mich seiner erbarmt hatte, als er mit zerschlagenen Füßen im Sumpfe lag. Wie er von dort weg und nach der Insel Aba gekommen war, das konnte mir gleichgültig sein; es genügte mir, zu wissen, daß er auf irgend eine Weise wieder heimgelangt war.

Umso wichtiger war mir der Ort, welchen der Händler El Michbaja genannt hatte. In welcher Gegend mußte er gesucht werden? Ich kannte keinen Ort dieses Namens am Nile, Ben Nil, den ich nachher fragte, auch nicht, und als ich mich später bei seinem Großvater erkundigte, hatte dieser ihn ebensowenig gehört und meinte, daß es eine ganz neu angelegte Niederlassung sein müsse. Zwischen unserer Fahrt stromaufwärts und jetzt waren allerdings Monate vergangen, denn ich erzähle nur die hervorragenden Ereignisse derselben, und die Zeit unserer Abwesenheit war mehr als lang genug, daß aus dem Fakir el Fukara inzwischen hatte ein Heiliger werden können und am Ufer des Niles ein Ort entstanden war, den es damals noch nicht gegeben hatte.

Dieser Ort schien aber nicht nur uns unbekannt zu sein; das ging aus seinem Namen hervor. El Michbaja heißt »das Versteck«; es handelte sich also wahrscheinlich um eine geheim gehaltene Stelle, an welcher verkäufliche Sklaven versteckt wurden, um bei passender Gelegenheit auf gefahrlosen Wegen weitertransportiert zu werden. Aber wo lag dieser Ort? Das wollte und mußte ich wissen, denn dort wartete man auf uns, um Rache an uns zu nehmen. Ich zweifelte zwar gar nicht daran, daß es uns gelingen würde, ganz glücklich dort vorbeizukommen, aber doch nur dann, wenn wir wußten, an welcher Stelle die Gefahr uns drohte. Und aufrichtig gestanden, hatte ich gar keine Lust, eben nur glücklich vorüberzufahren. Es gab dort Sklaven zu retten, unter


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denen sich sogar Weiße befinden sollten! Da war es doch wohl unsere Pflicht, denen, die auf uns warteten, um uns zu verderben, nicht feig aus dem Wege zu gehen, sondern ihnen erst recht zu zeigen, daß wir sie nicht fürchteten.

Also wir mußten unbedingt erfahren, wo El Michbaja lag. Aber von wem? Natürlich von Hubahr, dem bevorzugten Schüler des neuen Propheten, welcher lehrte, daß die Sklaverei eine von Allah befohlene Einrichtung sei. Bei dem Gedanken, daß grad dieser Schüler uns gegen seinen Meister beistehen solle, drängte sich mir ein behagliches Lächeln auf, denn ich war überzeugt, daß es mir gar nicht schwer fallen werde, ihn dazu zu bewegen, allerdings auf freundlichem Wege freilich nicht. Abu Reqiq hatte ihn als einen verschlagenen, listigen aber feigen Menschen geschildert. Nun, die List eines Sudanesen fürchtete ich nicht, und die Feigheit war der Punkt, an dem ich ihn zu fassen hatte.

Dies zu thun, war jetzt noch lange nicht an der Zeit. Zunächst genügte es mir, zu wissen, welcher von den Leuten dieser Hubahr war. Ich hatte den Gefangenen nicht verboten, miteinander zu sprechen, und sie machten von dieser indirekten Erlaubnis reichlichen Gebrauch. Indem ich, scheinbar gar nicht auf sie achtend, die abgerissenen Reden verfolgte, welche sie einander zuwarfen und bei denen auch Namen genannt wurden, erfuhr ich bald, wo der Betreffende lag. Er war ein kleiner, schmächtiger Kerl mit drei schrägen Schnittnarben auf den Schläfen und den Wangen und gehörte also dem Fundschvolke an, höchst wahrscheinlich der Abteilung der Hammedsch oder der Beruhn. Sein dunkles Gesicht zeigte eine ausgesprochene Fennek(* Kleiner Wüstenfuchs.)-Physiognomie, und er wäre


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von mir, auch wenn ich Abu Reqiq nicht belauscht hätte, gleich beim ersten Blicke für ein schlauer Mensch gehalten worden, dem man nicht trauen durfte. Sein ruheloses, unstätes Auge konnte diese Meinung nur begründen. Also das war einer jener Streiter des Islam, von denen ein einziger mehr wert war als tausend tapfere Asaker.

Ich wußte nun genug und beschäftigte mich nur noch mit den nötigen Bestimmungen für die Nacht. Die Wachen wurden so eingeteilt, daß zu je fünf El Homr ein Askari kam, weil ich mich auf meine vier Asaker mehr verlassen konnte, als auf alle sechzig Homr; dann legten wir uns schlafen.

Am Morgen wurde ich auf meinen Befehl sehr frühe geweckt und stieg die Mischrah hinauf, um eine für meine Absicht passende Stelle zu suchen. Als ich sie gefunden hatte, kehrte ich zurück und gab den Befehl, die Gefangenen nach diesem Orte zu schaffen. Dort angekommen, wurden sie entfesselt und dann wieder gebunden, nachdem wir ihnen ihre Kleidungsstücke genommen hatten, welche die heller Gefärbten unter den El Homr anzuziehen hatten. Zwei Asaker und zwanzig Homr sollten bei ihnen bleiben. Sie hatten sich natürlich alle in diese Veranstaltung fügen müssen, Abu Reqiq auch; aber als er hörte, daß er mit seinen Leuten hier bewacht werden sollte, wurde er von seiner Enttäuschung und Besorgnis zu der Frage getrieben:

»Wie kommst du zu diesem Befehle, Effendi? Warum sollen wir nicht unten am Flusse bleiben?«

»Das kannst du dir nicht denken?« antwortete ich.

»Nein.«

»So will ich es dir sagen. Hier oben könnt ihr die Leute vom Chor Omm Karn nicht kommen sehen,


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und sie vermögen deine Stimme nicht zu hören, wenn du sie aufforderst, euch zu befreien.«

Da rief er erschrocken aus:

»Allah kerihm - Gott sei uns gnädig! Wer hat dich auf den Gedanken gebracht, daß ich das thun will?«

»Frage doch nicht! Wir Christen besitzen die Eigenschaft, die Gedanken der Moslemim so genau zu erraten, als ob sie auf ihren Stirnen geschrieben ständen. Ich werde nicht vor den Leuten aus Omm Karn diese Mischrah verlassen; sie werden mir nicht folgen und euch befreien, und du wirst mir nicht Qualen bereiten, als ob ich hundert Füße hätte, auf denen ich die Bastonnade bekomme. Ich habe dir gesagt, daß ich die Händler, welche du jetzt erwartest, gefangen nehmen werde, und was ich gesagt und mir vorgenommen habe, das pflege ich auch auszuführen. Nun höre noch, was ich den Wächtern, die bei euch bleiben, jetzt anbefehle! Jeder von den Gefangenen, der einen lauten Ruf ausstößt oder nicht still und ruhig auf seinem Platze liegen bleibt, soll augenblicklich erstochen werden! Jetzt, Tamek er Rhani, der du dich Abu Reqiq nennst, such deine Hilfe bei dem >Heiligen<, welcher seine Streiter über den ganzen Erdkreis senden wird, um die grüne Fahne des Islam in allen Ländern aufzupflanzen. Er hat die Sklaverei als ein Gebot Allahs hingestellt und mag dir helfen, die Gefangenen, welche ich aus deinen Händen befreit habe und die dich jetzt bewachen, wieder in Fesseln zu schlagen und als Reqiq zu verkaufen!«

»Sei verflucht, in die tiefste Dschehenna hinab verflucht!« knirschte er vor Grimm darüber, daß ich ihm die Hoffnung auf die Omm Karn-Leute vernichtet hatte.

An das Ufer zurückgekehrt, wies ich die vierzig El Homr an, wie sie sich zu verhalten hatten. Die Anzüge


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der Händler wurden von denen angelegt, welche bei mir und Ben Nil zu bleiben hatten; die übrigen sollten sich zurückziehen und sich verstecken, um nicht gesehen zu werden, mit ihnen der dritte und vierte Askari, deren Uniformen die Kommenden verscheucht hätten. Erst hatte ich die Absicht gehabt, die El Homr scheinbar zu fesseln und am Ufer liegen zu lassen, hielt aber bei den jetzigen Verhältnissen diese lästige Vorsichtsmaßregel nicht mehr für nötig.

Als diese Vorbereitungen getroffen worden waren, sahen wir der Ankunft der Erwarteten mit Spannung entgegen. Wenn sie einzeln kamen und einer der ersten Verdacht schöpfte, konnten uns die andern entgehen. Wir überzeugten uns indes sehr bald, daß diese Besorgnis überflüssig war, denn wir sahen sie alle auf einem großen Floße kommen, und zwar nicht über den geteilten Nil. Der Transport des Floßes über die verschiedenen Inselbänke hätte doch Anstrengung gekostet, und so waren sie weiter oben, wo der Strom sich noch nicht geteilt hatte, in das Wasser gegangen und ließen sich nach dem tiefen Arme, an welchem wir uns befanden, herabtreiben.

Als sie angelegt hatten, banden sie das Floß fest und sprangen alle an das Land, ohne erst einen von ihnen abzusenden, um sich von ihrer Sicherheit zu überzeugen. Diese Leute hatten hier wohl schon oft Sklaven in Empfang genommen, ohne dabei gestört worden zu sein, und waren dadurch nachlässig und unvorsichtig geworden.

Sie sahen uns sitzen und kamen auf uns zu. Ich hatte nicht erfahren können, ob sie Abu Reqiq persönlich kannten, und stand auf, sie zu begrüßen; auch die El Homr erhoben sich. Sie kamen bis ganz heran zu uns. Wir wechselten die üblichen Grüße, und dann fragte derjenige


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von ihnen, welcher der Anführer war, in einem einigermaßen erstaunten Tone:

»Wo ist Abu Reqiq? Ich sehe ihn nicht! Und wo sind die Sklaven, welche wir holen wollen?«

»Sie liegen auf der Höhe der Mischrah,« antwortete ich, »und Abu Reqiq befindet sich bei ihnen. Er hatte geglaubt, ihr brächtet als Bezahlung Waren mit, und war sehr enttäuscht, als er hörte, daß ihr nur Goldstaub hättet.«

»Ist Gold nicht grad so gut wie Ware? Laß uns zu ihm gehen, damit wir die Sklaven sehen können! Wir haben keine Zeit, uns lange zu verweilen, denn der Reis Effendina ist in der Nähe.«

»Was? Der Reis Effendina?« that ich erschrocken. »Ist das möglich? Woher wißt ihr es?«

»Ein Mann, der aus Chrab el Aisch herabgesegelt kam und nach Omm Karn wollte, sagte es uns. Er hat das Jagdschiff des Khedive in Kuek liegen sehen. Wir müssen uns beeilen, denn die Hunde, welche dieses Schiff bewohnen, beißen gern. Allah sei Dank, daß sie sich noch so weit oberhalb dieser Furt befinden und daß dieselbe ihnen unbekannt ist!«

»Du dankest Allah vergeblich.«

»Wieso?«

»Diese Hunde kennen die Furt und sind bereits hier.«

Er sah mir betroffen forschend in das Gesicht und sagte:

»Ich verstehe dich nicht. Du scherzest doch?«

»Nein, denn ich selbst bin einer dieser Hunde.«

Ich schlug ihn bei diesen Worten mit der Faust nieder. Dies war das mit den versteckten El Homr verabredete Zeichen; sie sprangen herbei, und die wenigen Händler wurden von über vierzig Gegnern zusammen-


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gedrängt [zusammengedrängt], überwältigt, entwaffnet und gebunden, ehe sie nur recht auf den Gedanken kamen, Gegenwehr zu leisten. Als sie, so schnell überrumpelt und gefesselt, am Boden lagen, schien es ihnen schwer zu werden, die Sache ernst zu nehmen, wenigstens drückten ihre Züge mehr Verwunderung als Schreck aus, und der Anführer herrschte mich an:

»Was ist das für ein Verhalten! Wollt ihr uns etwa eine neu erfundene Phantasia lehren?«

»O nein,« antwortete ich. »Für Scherz hast du ja keine Zeit; es ist keine Phantasia, sondern Ernst. Ich gehöre, wie du an diesen beiden Uniformen sehen wirst, zum Schiff, in welchem Hunde wohnen, und die vierzig Männer, welche euch niedergeworfen und gebunden haben, sind zwei Drittel der Sklaven, welche du kaufen wolltest; ich habe sie gestern Abend befreit und Abu Reqiq mit seinen Leuten gefangen genommen.«

Jetzt stockte ihm der Atem; der Ausdruck der Angst trat auf sein Gesicht, und er fragte, nur mit Zwischenpausen sprechend:

»Höre ich - - - richtig - - -? Bin ich - - - denn bei - - -Sinnen? Solltet ihr - - - wirklich zum - - - Reis Effendina gehören?«

»Ja, wir gehören zu ihm,« nickte ich.

»Aber du bist --- der Reis wohl --- nicht selbst?«

»Nein, ich bin ein Freund von ihm.«

»Freund - -? Kein --- Untergebener?«

»Nein.«

»Allah, Allah! Da kannst du nur der Ben Nemsi sein!«

»Der bin ich allerdings.«

Es gab nun eine der gestrigen, bei der Ergreifung


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Abu Reqiqs, ganz ähnliche Scene, so daß es überflüssig wäre, sie zu beschreiben. Es waren ganz dieselben Grobheiten und Verwünschungen, dieselben anmaßenden Drohungen, die ich über mich ergehen lassen mußte, und ich wunderte mich gar nicht darüber, daß Ben Nil mir schließlich den Rat gab, mir auch hier durch die Bastonnade Achtung zu verschaffen. Am schlimmsten wurde das Geheul, als ich den Befehl gab, den Gefangenen die Taschen zu leeren; doch gelang es mit Hilfe kräftiger Hiebe bald, die nötige Ruhe herzustellen. Der Goldstaub wurde heut wie gestern unter Ben Nil und die Asaker verteilt; die übrige Beute fiel den El Homr wieder zu. Als dies vorüber war, transportierten wir die Händler hinauf zu den andern Gefangenen.

Das Zusammentreffen - bei einigen Personen wohl ein Wiedersehen - der beiden Parteien war ein sehr, sehr ruhiges. Niemand sprach ein Wort; aber hätten ihre Gedanken laut werden können, so wäre das ein zum Himmel aufsteigender, betäubender Lärm gewesen. Welcher Haß sprach aus all den Zügen, welcher Grimm aus all den Blicken! Als Muhammedaner betrachteten sie ihre Gefangennahme als ein im Buche des Lebens vorgezeichnetes Ereignis, welches nicht zu umgehen gewesen war; aber daß eigentlich nur sechs Personen das fertig gebracht hatten und daß der Anführer derselben ein Giaur war, das erregte in ihnen eine Wut, welche sie nicht bemeistern und verbergen konnten. Mich ließ diese Wut sehr gleichgültig; die El Homr lachten und freuten sich darüber. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten wir die Gefangenen samt und sonders in den Nil geworfen, um sie von den Krokodilen, deren es grad hier freilich keine gab, verzehren zu lassen.

Die Leute aus Omm Karn hatten natürlich auch


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Kamele mit den nötigen Vorräten bei sich gehabt und sie am andern Ufer unter Aufsicht eines Mannes oder einiger Personen zurückgelassen. Diese mußten herübergeholt werden. Ich ließ zu diesem Zwecke ein großes Floß zusammensetzen, welches gegen Mittag fertig war, und machte mich mit einer Anzahl El Homr an die Ueberfahrt. Ben Nil blieb zurück, um an meiner Stelle den Befehl zu übernehmen.

Wir hatten trotz aller Drohungen nicht erfahren können, an welcher Stelle wir drüben anlegen mußten, doch war es für mich gar nicht schwer, sie, als wir hinüberkamen, zu finden. Ein halb niedergeschnittenes Ambaggebüsch verriet uns den Ort, wo das Floß angefertigt worden war. Nicht weit davon lagen wiederkäuend die Kamele, von einem einzigen Mann bewacht, mit dem wir kurzen Prozeß machten. Wir mußten trotz der Größe des Floßes mehrmals Ueberfahren, was bis gegen Abend dauerte.

Ben Nil hatte inzwischen oben auf der Mischrah einen sehr passenden Lagerplatz abgesteckt und eingeteilt und den notwendigen Dienst so unter die El Homr vergeben, daß mir nichts zu thun übrig blieb, als ihm die Bestätigung zu erteilen. Proviant war für mehrere Tage da; dennoch ließ ich unser Boot holen, um abends beim Scheine einiger am Ufer brennender Feuer ein Fischstechen zu veranstalten, durch welches wir reichlich frisches Fleisch bekamen.

Die Feuer brannten während der ganzen Nacht, um dem Reis Effendina, falls er kommen sollte, als Zeichen zum Ankerwerfen zu dienen, und am Morgen wurden Posten aufgestellt, um auf sein Nahen acht zu haben. Ich war der Ansicht, daß er des Nachts kommen werde, weil er uns auf der Insel Matenieh wähnte. Wie ich


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ihn kannte, richtete er es so ein, daß er früh dort ankam, und wenn dies keine falsche Berechnung war, so mußte er nicht lange nach Mitternacht bei uns vorübersegeln. Die Posten besaßen genaue Weisung, wie sie sich zu verhalten hatten.

Es war auch möglich, daß der Reis Effendina, sobald er die Feuer sah, das Schiff weiter oben halten ließ und ein Boot absandte, um zu erfahren, welcher Art Menschen sich bei den Feuern befanden.

Es vergingen zwei Nächte und zwei Tage, ohne daß sich ein Fahrzeug sehen ließ; ich war also nicht nur kalt, sondern sehr kalt gestellt worden, was mich aber nicht ärgern, sondern die Genugthuung, welche ich empfand, nur vergrößern konnte. In der dritten Nacht richtete ich es so ein, daß zwei Asaker nach Mitternacht Wache standen. Die Vermutung, welche mich dazu bewogen hatte, erwies sich als begründet, denn es fiel so gegen zwei Uhr unten an der Mischrah ein Schuß, das verabredete Zeichen, daß ein Schiff in Sicht sei. Ben Nil mußte im Lager bleiben, an dessen vier Ecken Feuer brannten; ich stieg mit den zwei übrigen Asakern hinab. Man sollte zunächst nur mich mit den vier Soldaten finden, die übrigen Leute aber erst dann, wenn es mir beliebte, zu sehen bekommen.

Als wir das Ufer erreichten, zeigten die Posten uns das Mastlicht eines Schiffes, welches eine Strecke aufwärts von uns den Anker geworfen hatte, sobald unsere Feuer bemerkt worden waren.

»Das ist >Esch Schahin<, unser Falke,« sagte ich. »Der Reis Effendina wird das Boot zu Wasser lassen und den Lieutenant senden oder selbst kommen.«

»Wie wird es ablaufen, Effendi?« erkundigte sich einer der Asaker, dem es um seinen Goldstaub war.


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»Kommt der Lieutenant, so geht alles glatt, wenigstens hier; kommt der Reis aber Selbst, so wird es zunächst einen Auftritt geben.«

»Und dann?«

»Und dann wird sich alles zu eurer Zufriedenheit machen; das verspreche ich euch.«

»Wir danken dir, Effendi! Wir sind durch dich so reich geworden, daß wir nicht mehr nötig haben, des armen Lebens wegen solche Strapazen durchzumachen, und es würde uns also mit großer Wehmut erfüllen, wenn wir das schöne Gold wieder hergeben müßten.«

»Ihr dürft es behalten; verlaßt euch darauf! Stellt euch jetzt in den Schatten, damit ihr nicht gesehen werdet! Und wenn dann Fragen oder gar Vorwürfe an euch gerichtet werden, so sagt kein Wort, sondern überlaßt das Antworten mir.«

Sie zogen sich ins Dunkel zurück, und auch ich setzte mich so, daß man mich vom Wasser aus nicht gleich bemerken konnte. Es währte nur kurze Zeit, so sah ich ein Boot langsam herabgeschwommen kommen. Die sechs Ruder gaben leichten, taktweisen Gegenschlag, so daß das Fahrzeug nicht die Schnelligkeit der Strömung bekam. Diese Langsamkeit wurde durch die Vorsicht geboten. Als es näher kam, sah ich eine hochaufgerichtete Gestalt am Buge stehen; es war der Reis Effendina selbst. Als er niemand bei den Feuern erblickte, ließ er stärkeren Gegenschlag geben, sodaß das Boot trotz der Strömung halten blieb, und rief herüber:

»Bana bak - heda! Wer ist da drüb