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Viertes Kapitel. Beim »Vater der Fünfhundert«.

Zwei Menschen, ganz allein in der weiten Wüste! Die Sonne brennt so glühend hernieder, daß man sich wie gebraten fühlt und, um nicht geblendet zu werden, die Kapuze des Haïk weit über das Gesicht ziehen muß. Zu sprechen giebt es nichts; man hat sich ja längst ausgesprochen. Zudem liegt die Zunge zu schwer in dem trockenen Munde, daß man, auch wenn Unterhaltungsstoff vorhanden wäre, doch lieber schweigen würde. Vorn, hinten, rechts und links Sand! Die Kamele gehen ihren Schritt, mechanisch wie aufgezogene Maschinen. Sie besitzen nicht das Temperament des edlen Rosses, welches dem Reiter zeigt, daß es sich mit ihm freut und auch mit ihm leidet. Der Herr kann mit seinem Rosse eins sein, mit dem Kamele aber nie, selbst wenn es das kostbarste Hedschihn wäre. Dies spricht sich schon äußerlich durch die Art und Weise aus, wie er auf dem ersteren und wie auf dem letzteren sitzt.

Der Reisige umarmt den Leib seines Rosses mit den Beinen; er hat »Schluß« und macht dadurch die Sage vom Centauren wahr. Diese Umschlingung bringt die Glieder, die Muskeln und Nerven des Mannes mit denen des Pferdes in innige Berührung. Das Roß fühlt die Absichten des Reiters, noch ehe dieser sie äußerlich zur


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Andeutung bringt. Es gewinnt ihn lieb; es wagt mit ihm; es fliegt mit ihm, und es geht mit vollem Bewußtsein dessen, was es thut, mit ihm in den Tod.

Ganz anders beim Kamele. Auf hohem Höcker im Sattel sitzend, berührt der Reiter das Tier nur, indem er seine Füße über den Hals kreuzt. Es giebt nicht den mindesten »Schluß«, keine äußere und also auch keine innere Vereinigung. So hoch er auf oder über ihm thront, so tief bleibt es im geistigen Verständnisse für ihn zurück. Ist es gutmütig, so gehorcht es ihm wie ein Sklave, ohne die Spur einer eigenen Individualität zu zeigen; ist es aber bösartig und störrisch, wie die meisten sind, so steht es mit ihm in einem immerwährenden Kampfe, welcher ihn ermüden und endlich gar mit Widerwillen erfüllen muß. Wirkliche Liebe für seinen Herrn wird man bei einem Kamele nur äußerst selten beobachten.

Das ist es, was einen einsamen Ritt durch die Wüste noch einsamer macht. Man fühlt ein lebendes Wesen unter sich und kann sich doch nicht mit ihm beschäftigen. Das Pferd giebt durch Wiehern, Schnauben, durch die Bewegung der Ohren und des Schwanzes, durch verschiedene Modulationen des Ganges seine Gefühle zu erkennen; es spricht mit dem Reiter; es teilt sich ihm mit. Das Kamel schreitet gleichmäßig weiter und weiter; es trägt seinen Herrn tage- und wochenlang, lernt ihn aber trotzdem nicht kennen.

Dann wird ein solcher Ritt durch die Einöde zur wahren Pein, und mit Freuden begrüßt man die kleinste Unterbrechung, welche einem ein günstiger Zufall entgegenschickt.

Unsere beiden Hedschihn gehörten zur Klasse der gutwilligen Kamele. Hatten wir uns aufgesetzt, so begannen sie zu laufen »wie die Schneider«, sagt der Deutsche,


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und sie liefen wie die Schneider und immer weiter, immer in einem und demselben Tempo, ohne sich zu weigern, ohne einmal anzuhalten, ohne die leiseste Spur irgend einer selbständigen Willensregung zu zeigen. Das war entsetzlich langweilig; man verlor zuletzt selbst den Willen; man schlief innerlich ein und behielt nichts als nur das öde Bewußtsein, daß man in einer endlosen geraden Linie durch den Sand getragen werde.

Da weckte mich ein scharfer Schrei aus dem Zustande der seelischen Erschlaffung, in welchen ich gesunken war. Auch Ben Nil fuhr auf und blickte empor in die Luft, in welcher der Schrei erklungen war.

»Schahin!« sagte er, mit der Hand nach oben deutend; dann sank er wieder in sich selbst zusammen. Ja, es war ein Schahin, ein Falke, dessen Schrei wir gehört hatten. Er kreiste hoch über uns. Das Erscheinen dieses Vogels schien für Ben Nil gar nicht beachtenswert zu sein; ich aber hatte sofort meine ganze Energie wieder gewonnen.

»Aufpassen! Es kommt jemand!« sagte ich.

Ben Nil richtete sich wieder empor und sah sich um. Als er innerhalb des Gesichtskreises keinen Menschen erblickte, meinte er:

»Hat mir denn die Sonne die Sehkraft geraubt! Ich sehe niemand, Effendi.«

»Ich auch nicht; aber wir werden jedenfalls bald eine Begegnung haben. Ein Falke schlägt nur lebende Beute; er frißt niemals Aas. Wenn er sich hier in der Wüste befindet, welche keine Lebewesen beherbergt, so muß er einer Karawane gefolgt sein.«

»Oder er hat sich verflogen oder befindet sich auf der Reise.«

»Ein Falke, hier, sich verfliegen? Nein. Passen wir auf, wie dieser Vogel sich verhält.«


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Die Blicke auf den Falken gerichtet, beobachteten wir ihn. Er schwebte noch immer über uns, um uns zu beobachten. Da hörten wir wieder einen Schrei, und ein zweiter Falke kam geflogen, von Westen her, und gesellte sich zu dem ersten; sie kreisten miteinander einigemale über uns und flogen dann wieder fort, der Richtung entgegen, aus welcher sie gekommen waren.

»Das war wohl Männchen und Weibchen,« meinte Ben Nil.

»Ja,« antwortete ich, indem ich mein Kamel anhielt und das Fernrohr ergriff, um mit demselben den Flug der Vögel zu verfolgen. »Bleib' auch halten! Es ist immer gut, zu wissen, was geschehen wird.«

»Hier kannst du doch nicht eher etwas wissen, als bis du es siehst.«

»Ich habe es ja schon gesehen, nämlich die Falken. Sie sind in gerade westlicher Richtung fort; ich sehe sie deutlich - - jetzt beginnen sie wieder im Bogen zu fliegen; sie kreisen.« Und nachdem ich die Vögel vielleicht zwei Minuten lang beobachtet hatte, fuhr ich fort: »Sie ziehen noch immer ihre Kreise, bewegen sich aber dabei nach Süden. Daraus ziehe ich den Schluß: Da drüben bewegt sich eine Karawane. Sie kommt von nordwärts her und bewegt sich nach Süden, und zwar so langsam, daß ich fast vermuten möchte, daß Fußgänger dabei sind!«

»Woher weißt du, daß sie sich so langsam bewegt?«

»Die Falken schweben über der Karawane; das Tempo der Vögel ist auch dasjenige der Menschen.«

»Effendi, du weißt wirklich Dinge aus Gedanken hervorzuzaubern! Werden wir auf diese Leute treffen?«

»Ja, wenn wir sie nicht absichtlich vermeiden wollen. Sie sind so weit von uns entfernt, daß ein Fußgänger den Weg in einer Stunde zurücklegen kann.«


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»W'allah! Wie kannst du das denn so genau wissen? Das haben dir die Falken doch jedenfalls nicht gesagt!«

»Wer sonst als sie! Man weiß doch wohl, wie schnell ein Falke fliegt; ich weiß auch, wie lange diese beiden brauchten, um von uns wieder dort hinüberzukommen; aus diesen beiden Zahlen ist die Entfernung sehr leicht zu berechnen.«

»Ist es möglich, sie zu beobachten, ohne daß sie uns sehen können?«

»Durch das Fernrohr allerdings. Wollen einmal hinüber. In einer Viertelstunde werden wir sie erblicken.«

Es war mit unserer geistigen Müdigkeit vorbei. Der Schrei des Falken hatte uns wachgerufen. Wir lenkten nach Südwest, und ich behielt, indem wir dieser Richtung folgten, die Falken scharf im Auge. Dies that ich, um die Entfernung abzuschätzen und der Karawane nicht etwa so nahe zu kommen, daß wir von ihr aus mit dem unbewaffneten Auge gesehen werden konnten. Der Boden war nämlich eben; wir konnten uns nicht verstecken. Der Charakter der Wüste mußte sich erst gegen Abend verändern, um welche Zeit wir an das Nid en Nil zu gelangen dachten, ein langes und stellenweise sehr breites Regenbette, welches um diese Jahreszeit viel Wasser enthielt. Ich hatte von diesem Nid en Nil sagen hören, daß es sogar in der trockensten Jahreszeit Wasser enthalte und, da es eigentlich niemals austrockne, den Aufenthalt von Nilpferden bilde. Daß diese Tiere soweit nördlich vorkommen könnten, hatte ich bisher nicht gedacht.

Nach ungefähr einer Viertelstunde waren mir die Falken im Fernrohre so nahe gekommen, daß ich es für gut fand, anzuhalten und das Rohr nun gegen die Erde zu richten. Ich versuchte es erst mit dem bloßen Auge;


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da war nichts zu sehen. Aber durch das Perspektiv - wirklich, da ritten und da liefen sie, eine lange Reihe von Tieren und Menschen. Ich hatte mich also nicht geirrt. Als ich genug gesehen hatte, gab ich Ben Nil das Rohr. Er mußte lange suchen, ehe er die Karawane fand; dann beobachtete er sie ebenso lange und sagte endlich:

»Effendi, du hattest Recht. Es ist eine Karawane. Ich hätte das nicht erraten und wenn noch so viele Falken gekommen wären. Es sind zwanzig Reiter und fünfundvierzig Fußgänger. Was für eine Karawane mag dies sein? Man geht doch nicht zu Fuß durch die Wüste! Es wird doch nicht etwa eine Sklavenkarawane sein!«

»Beinahe undenkbar! Wo sollen hier die Sklaven herkommen? Und eine Sklavenkarawane am weißen Nile, welche von Nord nach Süd zieht, das wäre jedenfalls höchst sonderbar. Die entgegengesetzte Richtung ist die gewöhnliche: die Sklavenjäger holen ihre Ware aus dem Süden und schaffen sie nordwärts.«

»Was für ein Land liegt denn in der Gegend, aus welcher diese Leute zu kommen scheinen?«

»Das Land der Takaleh. Doch warte! Bei der Nennung dieses Namens fällt mir ein, daß die Takaleh, trotzdem sie Muhammedaner sind, die verwerfliche Gewohnheit haben, ihre Kinder zu verkaufen.«

»Allah! Welch eine Sünde und welch eine Schande! Wer wird seinen Sohn oder seine Tochter um Geld verschachern! Diese Takaleh sind gewiß Neger!«

»Sie sind nicht ganz schwarz, und man darf sie nicht etwa für tiefstehende und unbefähigte Menschen halten. Als Aegypten den Sudan eroberte, haben die Takaleh am längsten widerstanden. Sie sind tapfere Krieger und durch den Kampf mit den Aegyptern sehr berühmt ge-


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worden [geworden]. Das Land Takaleh zeichnet sich aus durch seine reichen Kupferminen und durch die Gastfreundschaft, welche seine Bewohner gegen jeden Fremden, welcher bei ihnen einkehrt, üben. Dies letztere darf aber nicht dazu verleiten, ihnen außerhalb der Gastverhältnisse eine allzu große Freundlichkeit zuzutrauen. Sie stehen unter einem Mek (* Vom arab. Melek - König.), welcher das Recht hat, diejenigen Unterthanen, welche ihm nicht gehorchen oder ihm sonst aus irgend einem Grunde mißliebig geworden sind, als Sklaven zu verkaufen. Kriegsgefangene können auch, wenn sie nicht, wie der alte Gebrauch vorschreibt, alle niedergemetzelt werden, verkauft werden.«

»Dann ist es sehr leicht möglich, daß diese Karawane aus solchen Verkauften besteht. Meinst du, daß wir, wenn wir diesen Leuten begegnen, etwas von ihnen zu befürchten haben?«

»Wohl nicht. Es giebt ja weder bei uns noch bei ihnen ein Interesse, sich an dem andern zu reiben.«

»Wollen wir hinüber zu ihnen?«

»Nein. Wenn wir sie auch nicht zu scheuen haben, so giebt es auch keinen Grund, sie gerade aufzusuchen. Wir wollen noch vor Abend am Nid en Nil sein und machen dort Lager. Treffen sie da auf uns, nun so sind sie eben da; aber geradezu aufzusuchen brauchen wir sie nicht.«

Wir schwenkten wieder nach Süden ein. Die Monotonie des Rittes war glücklich unterbrochen worden, und die Erwartung, ob wir eine Begegnung mit der Karawane haben würden oder nicht, ließ es nicht wieder zu dem Zustande innerlicher Versenktheit kommen, in welchem wir uns vorher befunden hatten.


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Der Nachmittag verging, und gegen Abend bemerkten wir, daß wir uns dem heutigen Ziele näherten. Der südliche Horizont, welcher bis dahin mit dem Himmel verschwommen gewesen war, stach jetzt dunkel gegen denselben ab, und da diese dunkle Linie hier in dieser Gegend unmöglich einen Bergzug bedeuten konnte, mußten wir sie als das Anzeichen eines Waldes nehmen.

Wir erreichten denselben an einer Stelle, wo er nur schmal war, weil das Nid en Nil hier eine so tiefe Einsenkung bildete, daß das Wasser desselben die hohen Ufer fast nie berühren und befruchten konnte. Die Steilung, hüben hinab und drüben wieder hinauf, war so bedeutend, daß wir sie unmöglich mit unsern Kamelen passieren konnten. Darum mußten wir solange am Ufer hinreiten, bis wir eine zum Uebergange geeignete Stelle fanden.

Dieses Nid en Nil ist ein Regenbette, welches im Charif (* Regenzeit.) jedenfalls eine reiche Menge Wassers führt; jetzt aber war die Stelle, an welcher wir auf dieses Bett gestoßen waren, schon vollständig trocken. Nach einer Viertelstunde jedoch verflachten sich die Ufer und bildeten einen Maijeh oder vielmehr eine Art See, dessen Wasser so hell und klar war, daß er nicht wohl ein Sumpf genannt werden konnte. Er war so breit, daß man das andere Ufer nicht sehen konnte. Das unsrige war mit hohen Bäumen besetzt.

Da wir hier nicht hinüber konnten, mußten wir weiter reiten. Der See machte bald eine Krümmung nach links und ging dann in einen schmalen Arm stehenden Gewässers Ueber, welcher ihn mit einem zweiten, noch größern See verband. Das Wasser dieses Armes konnte nicht tief sein, denn es ragten zahlreiche, stark bewipfelte Bäume aus demselben empor; jedenfalls trocknete es noch vor


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der heißen Jahreszeit vollständig aus. Hier war es wohl nicht schwer, hinüberzukommen; darum beschloß ich, an dieser Stelle Halt und Lager zu machen.

Wir stiegen also ab, ließen die Kamele von dem ziemlich reinen Wasser trinken und banden sie dann an die Sträucher, welche am Ufer unter den Bäumen standen. So konnten sie von den saftigen Zweigen derselben fressen. Als wir nachher beschäftigt waren, dürres Geäst für ein Feuer zu suchen, um uns gegen die am Wasser stets vorhandenen Stechmücken zu schützen, sahen wir die Karawane kommen, welche wir vorhin beobachtet hatten. Die voranreitenden Männer, bei denen sich ein wahrer Goliath befand, hielten an und betrachteten uns von weitem. Dann kam der Riese auf uns zu, musterte uns aufmerksam und mit finstern Blicken, ritt auch an die Sträucher, um zwischen dieselben hinein- und über sie hinwegzublicken, und fragte dann, ohne vorher zu grüßen:

»Was thut ihr hier an der Mahada ed Dill?«

Dieser Name bedeutet Furt des Schattens, schattige Furt; wir hatten also richtig eine Stelle getroffen, an welcher man über das Nid en Nil kommen konnte. Wenn im Oriente jemand bei irgend einer Begegnung nicht grüßt, so ist das stets ein schlechtes Zeichen. Dieser Mann machte überhaupt keinen Vertrauen erweckenden Eindruck. Darum antwortete ich kurz:

»Wir ruhen aus, wie du siehst.«

»Werdet ihr des Nachts hier bleiben?«

»Das kommt darauf an, ob es uns hier gefällt und ob wir ungestört sein werden.«

»Seid ihr allein?«

»Frage nicht uns, sondern deine Augen!«

»Dir scheint man die Vorzüge der Höflichkeit nicht beigebracht zu haben!«


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»Ich besitze sie; aber ich pflege sie nur dann zu zeigen, wenn man auch gegen mich höflich ist. Du hast uns den Gruß versagt.«

»Ich kenne euch nicht; sage, wer du bist!«

»Erst dann, wenn ich deinen Namen und Stand erfahren habe.«

»Ich stehe höher als du, folglich mußt du mir zuerst Auskunft geben. Wisse, ich bin Schedid, der tapferste Krieger des Königs der Takaleh!«

»Und ich bin der Mudir von Dscharabub. Hoffentlich kennst du diesen Ort!«

Wie mir dieser Name auf die Zunge kam, das hätte ich damals ebensowenig sagen können, wie ich es heute sagen kann.

Der Ort ist bekannt, weil der berühmteste muhammedanische Orden der Neuzeit dort gegründet wurde; aber einen Mudir giebt es da nicht und hat es nie gegeben. Ich legte mir diesen Rang bei, um dem Takaleh zu imponieren. Wer und was ich war, wollte und durfte ich ihm aus naheliegenden Gründen nicht sagen. Eine Unwahrheit ist wohl ein geringeres Verbrechen als eine Aufrichtigkeit, durch welche man nicht nur zum Selbstmörder wird, sondern auch das Wohl oder gar das Leben Anderer auf das Spiel setzt.

»Ich habe von diesem Orte noch nie etwas gehört,« antwortete er in wegwerfendem Tone. »Deine Mudirieh wird wohl eine von den Termiten zernagte sein!«

»Allah verzeihe dir diese Unwissenheit! Hast du denn noch nie von Sihdi Senussi gehört?«

»Allah durchbohre dich! Wie kannst du einen frommen Gläubigen mit dieser Frage beleidigen! Alles, was auf der Erde lebt, weiß, daß Sihdi Senussi der größte Prophet ist, welcher das Wort des Islam predigt. Kennst du die Orte Siwah und Farafrah?«


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»Natürlich!«

»Sie leuchten wie die Sterne vor allen Orten der Erde, denn dort befinden sich die Universitäten, in denen die Schüler und jünger von Sihdi Senussi gebildet werden.«

»Das weißt du und kennst doch Dscharabub nicht, welches noch viel heller leuchtet? Ja, in Dscharabub residiert Sihdi Senussi; in Siwah und Farafrah befinden sich nur seine Schulen. Alle drei Orte aber gehören zu meiner Mudirieh. Von ihnen geht das reinste Licht des Islam aus, vor welchem die Schatten aller Irrlehrer weichen müssen. Mein Haus und dasienige des Sihdi haben miteinander ein einziges Thor; wir leben unter einem Dache und trinken aus demselben Schlauche. Nun sage mir, wer höher steht, du oder ich? Wehe dem, der mir den Gruß verweigert! Es wird ihm ergehen wie dem Lästerer, von welchem die hundertvierte Sure spricht: >Er wird hinabgeworfen in Hutama (* Beiname der Hölle.). El Hutama aber ist das angezündete Feuer Allahs, welches über die Frevler zusammenschlägt!< Jetzt brüste dich weiter, o Schedid, der du nichts als nur der Diener eines Menschen bist!«

Da ließ er sein Kamel vor mir niederknieen, stieg ab, verneigte sich tief und sagte:

»Laß die Sonne deiner Verzeihung über mir aufgehen, o Mudir! Ich konnte doch nicht ahnen, daß du der Freund und Gefährte dieses heiligen Senussi bist. Euer Orden wird die ganze Welt umfassen, und vor eurer Macht werden sich beugen alle Menschen, welche leben und noch leben werden. Wie soll ich deinen jungen Gefährten nennen?«

»Die Zahl seiner Jahre beträgt nicht viel, aber die Vorzüge seines Geistes haben ihn schon berühmt gemacht.


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Er wurde auf der Universität von Farafrah gebildet und ist mit mir ausgezogen, um den Glanz unsers Ordens auch in diesem Lande hier leuchten zu lassen. Er ist Chatib (* Muhammedanischer Prediger.). Nenne ihn so!«

Das wäre etwas für Selim, den Aufschneider, gewesen! Dieser hätte gewiß sofort eine fulminante Rede gehalten, welche von Eigenlob übergeflossen wäre. Ben Nil aber sagte nur, und zwar im würdevollsten Tone, der ihm möglich war:

»Du hast dich gegen uns vergangen, weil du uns nicht kanntest. Wir verzeihen dir.«

Daß er als Muhammedaner die Unwahrheiten, deren ich mich schuldig gemacht hatte, bestätigte, war ein Zeichen, wie lieb er mich hatte. Der Takaleh befand sich in einer sichtbaren Verlegenheit. Ich sah es ihm an, daß er gern in unserer Nähe lagern wollte, dies aber mit der Hochachtung, welche er uns schuldig zu sein glaubte, nicht für vereinbarlich hielt. Er blickte nach seiner Karawane, welche halten geblieben war, zurück und sagte:

»Wir wollten bis morgen hier an dieser Stelle bleiben; nun aber werden wir uns wohl einen andern Ort suchen müssen, weil wir es doch nicht wagen können, in der Nähe so heiliger Männer zu lagern.«

»Vor Allah sind alle Menschen gleich. Ich erlaube euch also, hier bei uns Platz zu nehmen,« antwortete ich.

»Ich danke dir, o Mudir, und gebe dir die Versicherung, daß meine Leute sehr andachtsvolle Zuhörer eurer Reden sein werden.«

»Glaube nicht, daß wir euch Predigten halten. Alles zu seiner Zeit und am rechten Orte. Das Wort darf nur dann vom Munde fließen, wenn der Geist im Innern mächtig wird.«


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Es konnte mir natürlich nicht einfallen, hier als muhammedanischer Missionar aufzutreten. Ich hatte imponieren wollen und weiter nichts, und das war mir gelungen, wie das völlig veränderte Benehmen dieses Takaleh bewies. Aber trotz seiner gezeigten tiefen Ehrerbietung stieß er mich in einer Weise ab, daß ich ihn am liebsten weit von mir fort gewünscht hätte. Seine Züge waren regelmäßig, und seine Stimme hatte einen kräftigen, wohllautenden Klang; daß er mir trotzdem so sehr unsympathisch war, hatte keine äußeren, sondern innere Gründe, über welche ich mir freilich selbst keine Rechenschaft zu geben vermochte.

Er winkte seinen Leuten, herbeizukommen. Wir hatten uns nicht geirrt; es waren gerade so viele Personen, wie wir gezählt hatten. Jetzt konnten wir, was vorhin durch das Rohr nicht möglich gewesen war, auch die beiden Geschlechter unterscheiden. Die Hälfte der Fußgänger waren nämlich eigentlich Fußgängerinnen; allen aber waren, was wir erst jetzt bemerkten, die gefesselten Hände an einem langen Seile befestigt; sie waren also Gefangene.

Die Reiter brachten sie getrieben. Schedid rief ihnen einige Worte zu, auf welche hin man uns mit großer Demut grüßte. Nachdem die ersteren abgestiegen waren, versorgten sie erst ihre Tiere und führten dann die Gefangenen zum Wasser, damit auch sie trinken sollten. Dann mußten die letzteren, welche gar nicht losgebunden wurden, sich in unserer unmittelbaren Nähe niederlegen. Sie gehorchten in einer Weise, daß man sah, sie hatten sich in ihr Schicksal vollständig ergeben.

Was mir auffiel, war, daß zwischen den Gefangenen und ihren Begleitern nicht der geringste Unterschied im Typus zu entdecken war; sie schienen zu demselben Volke


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und Stamme zu gehören. Ihre Farbe war nicht schwarz, sondern schwärzlich braun, ihr Bart schwach und ihr Haar nicht gekräuselt, sondern starr. Der Anführer erteilte fünf von seinen Leuten die besondere Aufgabe, auf die Gefangenen zu achten, und sagte zu den übrigen:

»Oeffnet eure Augen, ihr Leute, und seht hier zwei Männer, deren Gebete euch den Himmel zu öffnen vermögen! Hier sitzt der berühmte und heilige Mudir von Dscharabub, welcher ein Oberster der Senussi ist und mit Sihdi Senussi in einem Hause wohnt, und neben ihm erblickt ihr einen frommen Jüngling, dem trotz seiner Jugend die Gabe gegeben ist, die reinen Lehren des Kuran zu verkündigen. Beugt euch vor ihnen, und laßt es euch nicht einfallen, ihnen durch unbedachte Worte lästig zu werden!«

Diese letztere Mahnung konnte auch in andern Worten lauten: »Seid klug und vorsichtig, und verratet nicht durch unbedachte Reden, daß wir schlechte Kerle sind!« Sie verschlangen die Arme über der Brust und beugten sich dann fast bis zur Erde nieder. Nachher setzten sie sich so nahe zu uns, daß sie uns zwar nicht lästig fielen, aber alles, was wir sprachen, hören konnten. Sie nahmen ihre Speisevorräte aus den Säcken, um einen Imbiß zu halten, aber die Gefangenen bekamen nichts. Darum fragte ich Schedid:

»Meinst du nicht, daß die andern auch Hunger haben?«

»Was geht es mich an, wenn sie hungern?« antwortete er. »Sie bekommen täglich einmal zu essen und zu trinken. Wenn sie jetzt Hunger haben, so mögen sie schlafen. Sie sind Requiq und haben übrigens heute schon mehr erhalten, als sie erwarten können, denn sie haben hier getrunken.«


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»Wasser aus dem See, während ihr aus den Schläuchen nahmt!«

»Für Requiq ist Wasser Wasser. Wenn es ihnen nicht schmeckt, so kann ich es nicht ändern.«

»Sie sind also Sklaven. Wo hast du sie gekauft?«

»Gekauft? O Mudir, wie sind die Heiligen, welche alle Himmel kennen, doch so unerfahren auf der Erde! Ein Takaleh kauft niemals Requiq, sondern er macht sie sich.«

»So sind diese Sklaven deine Stammesgenossen?«

»Natürlich!«

»Was haben sie gethan, daß man sie zu Requiq gemacht hat?«

»Gethan? Eigentlich nichts. Der Mek braucht Geld; darum verkauft er sie.«

»Kann er alle seine Unterthanen verkaufen?«

»Alle, welche ihm ungehorsam sind oder ihm aus sonst einem Grunde nicht mehr gefallen. Jeder Vater kann seine Kinder, jeder Mann seine Weiber und jeder Mächtige diejenigen verkaufen, über welche er zu gebieten hat.«

»Was würdest du dazu sagen, wenn der Mek auch dich verkaufte?«

»Ich müßte mich fügen.« Aber so leise, daß nur ich es hörte, fügte er hinzu: »Ich würde es nicht dulden, sondern ihn erwürgen!«

Der Umstand, daß er mich für einen Heiligen hielt, hinderte ihn gar nicht, mir diese Wahrheit anzuvertrauen. Entweder galt ihm selbst ein Oberster der Senussi weniger, als er sich vorhin den Anschein gegeben hatte, oder es war ihm überhaupt nichts heilig. Daß dieses letztere der Fall war, zeigte sich Sofort, als ich ihn fragte:

»Hast du auch schon Requiq verkauft?«


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»Schon oft. Auch bei diesen hier sind ein Weib und zwei Töchter von mir.«

»Warum verkaufst du sie?«

»Weil ich mir ein anderes Weib genommen habe, und weil es besser ist, man bekommt die Töchter bezahlt, als daß man sie ernähren muß.«

Er sagte das mit einer vollständig unbegreiflichen Gefühllosigkeit und in einem Tone, als ob er mit seinen Worten ganz selbstverständlich nicht nur seine eigene, sondern die Ansicht aller Menschen überhaupt ausgesprochen habe.

»Haben sie sich gutwillig gefügt?« erkundigte ich mich.

»Was wollten sie dagegen thun? Sie haben gefleht und geweint; aber was bedeutet die Thräne einer Frau? Das Weib hat keine Seele und kann also auch nicht in den Himmel kommen.«

»Wohin führst du diese Sklaven?«

»Nach Faschodah zu einem Manne, weicher mir meine Requiq regelmäßig abnimmt.«

Er hatte mir eine andere Antwort, vielleicht eine genaue Auskunft geben wollen, sich aber unterbrochen. Er traute mir also doch nicht ganz.

»Warst du schon oft in Faschodah?« fragte ich weiter.

»Ich ziehe nach jedem sechsten Monate hin, um Requiq zu verkaufen. Wohin wird denn dich deine jetzige Reise führen, o Mudir?«

»Zunächst nach Makhadat el Kelb, wo ich über den weißen Nil setzen werde, um das Volk der Fungi, dem ich predigen will, aufzusuchen.«

»Wirst du auch nach Faschodah kommen?«

»Jetzt nicht, vielleicht aber später.«

Nun hatte die Sonne scheinbar den Horizont berührt, und also war die Zeit des Mogreb-Gebetes gekommen.


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Die Leute, welche gesessen hatten, selbst auch die aneinander gebundenen Gefangenen, erhoben sich auf die Kniee, und aller Augen richteten sich auf mich. Der Vornehmste hat nämlich stets das Gebet zu sprechen, und die andern fallen nur an gewissen Stellen ein. Das war ein kritischer Augenblick für mich. Ich hatte schon sehr oft mit Muhammedanern gebetet, aber natürlich nicht laut und nicht zu Allah und den Propheten; aber jetzt so vielen Leuten die verschiedenen Verbeugungen vorschreiben und die Fathha, die vorgeschriebenen Kuranverse, den Gruß an Muhammed und den Erzengel vorbeten, das war unmöglich; das wäre eine große, große Sünde gewesen. Aus dieser Verlegenheit zog mich Ben Nil, indem er sagte:

»Mudir, du hast stets nur die drei Tagesgebete gesprochen und mir die beiden Gebete des Abends überlassen. Erlaubst du, daß es auch heute so geschieht?«

»Ja, bete vor, o Chatib, du Liebling des Propheten,« antwortete ich. »Deine Worte gehen denselben Weg wie die meinigen und werden das Ziel, nach welchem jedes Gebet gerichtet ist, ebenso erreichen, als ob sie aus meinem eigenen Munde kämen.«

Als das Mogreb gesprochen war, aß ich mit Ben Nil. Die Takaleh wendeten dabei ihre Gesichter zur Seite, um mich nicht essen zu sehen, wie es einem vornehmen oder frommen Manne gegenüber die Höflichkeit vorschreibt. Da ich mich darauf schweigsam verhielt, wagte Schedid es nicht, zu sprechen; auch die andern waren vollständig still, denn sie hielten mich und meinen jungen »Prediger« für in fromme Gedanken versunken, in denen man uns nicht stören dürfe.

Dann ging der Mond auf und warf die Schatten der Baumwipfel über uns. Zu meiner Rechten lag die sterile, erbarmungslose Wüste, und zu meiner Linken


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glänzten wie winzige Elfenleiber die Blüten jener ewig ruhelosen Pflanze auf dem Wasser, welche nicht im Boden wurzelt und deshalb immerwährend ihren Standort ändert. Sie kommt besonders im Tsadsee in großen Mengen vor, und die Bewohner von Bornu und Baghirmi singen ein Ruderlied, eine allerliebste Gondeliera von ihr, welche deutlich beweist, daß auch jene Völker poesiereich sind. Das Lied würde, frei ins Deutsche übersetzt, lauten:

»Es treibt die Fanna heimatlos
Auf der bewegten Flut,
Wenn auf dem See gigantisch groß
Der Talha Schatten ruht.
Er breitete die Netze aus
Im klaren Mondesschein,
Sang in die stille Nacht hinaus
Und träumte sich allein.
Da rauscht es aus den Fluten auf,
So geisterbleich und schön;
Er hielt den Kahn in seinem Lauf
Und ward nicht mehr gesehn.
Nun treibt die Fanna heimatlos
Auf der bewegten Flut,
Wenn auf dem See gigantisch groß
Der Talha Schatten ruht.«

Anstatt in die Tiefe des Islam versunken zu sein, dachte ich beim Anblicke der hellen Blüten der »heimatlosen Fanna« an dieses Lied und den Schauplatz desselben, wo nächtlicherweile Löwen, Elefanten, Nashörner und Nilpferde, die Riesen der Tierwelt, friedlich einander am Ufer begegnen; friedlich, aber nur aus Furcht, dem gewaltigen Gegner unterliegen zu müssen. Da unterbrach einer der Takaleh die Stille, indem er, hinaus in die Wüste deutend, rief:


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»Ein Mann, ein Reiter; wer mag er sein?«

Es kam wirklich jemand geritten, und zwar gerade auf die »Furt des Schattens« zu. Er mußte sie genau kennen. Er schien aus Nordost, also vom Nile herzukommen, während unsere Richtung eine nordwestliche gewesen war. Sein heller Burnus glänzte im Mondesscheine. Unser Feuer brannte; er mußte es sehen. Daraus, daß er trotzdem so unbedenklich näher kam, ließ sich vieles schließen. Erst als er sich ganz nahe befand, hielt er sein Kamel an und grüßte:

»Allah gebe euch hunderttausend solche Nächte! Erlaubt ihr mir, meine Ruhe bei euch zu halten?«

Da ich schwieg und Ben Nil ebenso, antwortete Schedid, der Anführer der Takaleh:

»Steig ab und setze dich! Du bist willkommen.«

Der Mann sprang aus dem Sattel, ließ sein Kamel ans Wasser laufen und trat an unser Feuer, um sich zwischen Schedid und Ben Nil niederzusetzen. Da die Gefangenen nicht so nahe am Feuer, sondern mehr im Schatten lagen, hatte er sie nicht deutlich erkennen können; jetzt aber sah er, daß diese Personen an ein Seil gebunden waren. Sein Gesicht nahm sofort einen merklich befriedigten Ausdruck an, und sein Ton klang wie erleichtert, als er sagte:

»Allah hat mich gerade zur richtigen Zeit nach der Furt des Schattens geführt, denn ich vermute, daß diese Gefangenen zum Volke der Takaleh gehören. Habe ich richtig geraten?«

»Ja,« antwortete der Anführer.

»So muß sich auch Schedid, der oberste Diener des Königs, hier befinden. Welcher von euch ist es?«

»Ich selbst bin es. Wer aber bist du, daß du meinen Namen kennst?«


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»Ich bin ein Ben Baqquara und wohne an der Mischrah Omm Oschrin. Ich bin der Freund eines Mannes, den auch du kennst, Ibn Asl.«

»Hat deine Bekanntschaft mit ihm etwas mit deinem jetzigen Ritte zu thun?«

»Ja, denn ich bin als sein Bote an dich gesandt.«

»Er sendet dich zu mir? Nicht dahin, wo ich wohne, sondern hierher an diese Stelle, wo es so sehr zweifelhaft ist, ob und wann ich da angetroffen werden kann? Das muß einen ganz außerordentlichen Grund haben!«

»Den hat es auch. Er war aber gar nicht ungewiß darüber, daß ich dich hier finden würde. Er sagte, daß du jährlich zweimal dein Land verließest, um nach Faschodah zu gehen, und daß diese Reisen zu ganz bestimmten Zeiten von dir unternommen werden.«

»Das ist wahr.«

»Er kennt die Tage deiner Abreise und deiner Ankunft genau und kann also ziemlich leicht berechnen, wo du dich an einem gewissen Tage befindest. Er sagte, daß ich dich ganz sicher morgen oder übermorgen hier an der Furt treffen würde.«

»Er hat sich um einen Tag geirrt, weil ich diesmal um einen Tag eher aufgebrochen bin. Welche Botschaft ist es, die du mir bringen sollst?«

»Es ist eine Warnung. Du sollst dich während des Marsches nicht dem Nile zu weit nähern und die Requiq diesmal nicht direkt nach Faschodah bringen, sondern die Leute in der Nähe verstecken und dann zu Ibn Mulei, dem Sangak der Arnauten, gehen, um ihm zu sagen, wo sie zu finden sind.«

»Wozu diese Umstände?«

»Weil es einen fremden Effendi giebt, welcher sich


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in dieser Gegend umhertreibt, um die Sklavenhändler zu fangen und an den Reïs Effendina abzuliefern.«

»Allah vernichte diesen Hund!«

»Er ist noch dazu ein Christ!«

»So möge Allah ihn nicht vernichten, sondern ihn in alle Ewigkeit im schrecklichsten Winkel der Hölle aufbewahren! Was hat dieser Christenhund sich um die Sklavenhändler zu kümmern!«

»Ich soll dir sagen, daß er sich jetzt höchst wahrscheinlich mit dem Reïs Effendina auf der Nilfahrt nach Faschodah befinden wird. Da diese Leute öfters an das Land steigen, könnten sie dich leicht entdecken und ergreifen, falls du dich dem Strome zu nahe hältst. Aus diesem Grunde sendet mich Ibn Asl, um dich zu warnen.«

»Das war nicht nötig. Was gehen mich die Gesetze des Vicekönigs an! Ich diene meinem Könige. Unser Gesetz erlaubt es, Menschen zu verkaufen. Wenn ich darnach handle, kann kein Mensch mir etwas thun. Zudem haben wir einen mächtigen Beschützer in Ali Effendi el Kurdi, dem Mudir von Faschodah, welcher dem Reïs Effendina schon manchen Fang vor der Nase weggeschnappt hat. Was hätten wir also zu fürchten? Ich werde meinen gewöhnlichen Weg nicht ändern, eines verfluchten Christen wegen erst recht nicht. Es sollte mich im Gegenteile freuen, auf ihn zu treffen; ich würde ihn hier zwischen meinen Fäusten zermalmen!«

Er rieb die gewaltigen Hände gegeneinander, wobei der Ausdruck seiner sonst nicht unangenehmen Züge ein ganz anderer geworden war. Man kann sich leicht denken, mit welchem Interesse ich Zeuge dieses Gespräches war. Dabei freute es mich, zu hören, daß weder Schedid noch der Bote etwas von der kürzlichen Absetzung des Mudirs Ali Effendi el Kurdi zu wissen schien; ebenso froh war


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ich, zu erfahren, daß der Sangak der Arnauten wirklich derjenige war, als welchen ihn uns der Oberlieutenant des Sklavenjägers bezeichnet hatte. Ich wußte nun mit Sicherheit, an welche Person ich mich wenden mußte. Die Worte Schedids bewiesen ein großes Selbstvertrauen; dies konnte mir nur lieb sein, denn je sicherer er sich fühlte, desto mehr arbeitete er mir in die Hände. Und doch ahnte ich jetzt noch nicht, was ich alles noch hören würde! Der Bote eiferte gegen dieses Selbstvertrauen, indem er warnte:

»Fühle dich da nicht so sicher! Meinst du, daß Ibn Asl mich zu dir gesandt hätte, wenn er nicht vollständig überzeugt wäre, daß dies notwendig sei? Jener christliche Effendi soll viel gefährlicher sein, als der Reïs Effendina selbst!«

Da stand Schedid auf, reckte seine mächtige Gestalt in die Länge und Breite und rief:

»Schweig lieber davon, und schau mich einmal an! Sehe ich aus, als ob ich mich vor einem Menschen, noch dazu vor einem Christen zu fürchten hätte? Ich schlage fünf oder zehn solche Hunde auf einmal nieder!«

»Ja, du bist stark; das sagte mir Ibn Asl; aber er meinte dennoch, daß dieser Christ ebenso stark, vielleicht noch stärker sei als du.«

»Als ich?! Wie kann Ibn Asl mich auf diese Weise beleidigen wollen! Ich bin noch von keinem Menschen besiegt worden!«

»Er hat dich nicht beleidigen wollen, denn er meinte wohl nicht nur die Körperkraft, sondern auch diejenige Stärke oder denjenigen Vorteil, welchen ein listiger Mann vor seinem Gegner besitzt. Dieser Giaur soll nämlich ein Ausbund von Verschlagenheit sein. Er vermag alles, selbst das Geheimnisvollste, zu erraten, und stets ist der-


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jenige [derjenige], der ihm eine Falle stellte, selbst hineingefallen. Ibn Asl hat mir einiges erzählt. Er hatte nicht viel Zeit; aber das wenige, was er mir über den Christen berichtete, müßte dich zur größten Vorsicht bewegen.«

»So erzähle einmal! Ich möchte mit meinen eigenen Ohren hören, warum ein gläubiger Moslem sich vor einem ungläubigen Hunde fürchten soll.«

Er setzte sich wieder nieder, und der Bote erzählte unsere Abenteuer. Obgleich dies nur in kurzen Umrissen geschah, meinte, als er geendet hatte, doch der Takaleh:

»Dieser Hund scheint wirklich äußerst gefährlich zu sein. Man hat sich vor ihm in acht zu nehmen. Da er mich aber nicht kennt und auch ganz und gar nichts von mir weiß, so habe ich ihn nicht zu fürchten.«

»Kannst du behaupten, daß er nichts von dir weiß? Er hat die Leute Ibn Asls gefangen. Wenn es ihm nun gelungen ist, einen dieser Leute zum Sprechen zu bewegen!«

»Das ist wahr!«

»Und selbst wenn er nichts von dir erfahren hätte, er würde dich doch anhalten, wenn du ihm mit deinen Requiq begegnetest.«

»Ich würde ihn besiegen!«

»Vielleicht, ja, wenn es ihm einfiele, dich offen anzugreifen; aber du hast ja gehört, wie vorsichtig und listig er ist. Weiche ihm also aus, so sehr du kannst!«

»Gut, ich werde dies thun, aber nicht, weil ich mich fürchte, sondern weil Ibn Asl es wünscht. Wo befindet sich dieser jetzt?«

»Es war gestern mittag, als er auf seiner Kamelstute nach der Mischrah Omm Oschrin kam. Ich bin dann sofort aufgebrochen und jetzt hier angekommen. Da kannst du rechnen, daß er heute abend schon weit über Makhadat el Kelb hinaus ist.«


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»Will er ganz bis Faschodah reiten?«

»Ja.«

»Und, da alle seine Leute gefangen sind, wo will er neue Männer für den Sklavenfang hernehmen?«

»Er will Schilluks und Nuehrs anwerben, vielleicht auch Dinkas, ganz wie er die Gelegenheit findet. Das muß aber bald geschehen, denn der Reïs Effendina ist hinter ihm her. Er muß sich in Faschodah verstecken, weil er auf dich warten will. Und da fällt mir ein, daß er mich beauftragt hat, dir besonders einen dieser Sklaven an das Herz zu legen. Ich soll dir sagen, es sei derjenige, den er vor sechs Monaten bei deiner letzten Reise bestellt hat.«

»Also Hafid Sichar! Dort liegt er. Er ist der erste am Seile.«

»Es war Ibn Asl ganz besonders darum zu thun, diesen Mann wieder zu bekommen. Du sollst ihn auf das strengste beaufsichtigen lassen.«

»Ich werde auf ihn achten und nicht unvorsichtig sein. Aber gerade die Hauptsache hat Ibn Asl vergessen. Das, worauf es am meisten ankommt, hat er mir nicht sagen lassen. Wie nun, wenn ich diesem christlichen Effendi begegne?! Ich kenne ihn nicht und kann also sehr leicht, wenn nicht seiner Stärke, so doch seiner List verfallen. Ibn Asl hat ihn gesehen und sogar mit ihm gesprochen. Wie konnte er vergessen, mir durch dich eine Beschreibung dieses Hundes zu senden!«

»Allah! Was bin ich für ein Bote!« rief der Mann, indem er sich mit der Hand gegen die Stirn schlug. »Nicht er hat, sondern ich habe es vergessen. Er gab mir sogar eine sehr genaue Beschreibung und fügte auch noch einen Namen bei, welcher Ben Nil lautet.«

O wehe! Ich griff unwillkürlich mit der Hand nach


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dem Revolver, denn das Gespräch begann eine für mich unerquickliche Wendung zu nehmen. Wenn dieser Mann unser Signalement genau behalten hatte, so war ich verraten. Ben Nil hatte ganz denselben Gedanken und warf mir einen besorgt forschenden Blick zu.

»Ben Nil?« fragte Schedid. »Wer ist das?«

»Ein junger Mensch, welcher, obgleich er Moslem ist, sich stets an der Seite dieses Effendi befindet. Allah zerreiße ihn! Nie ist der eine ohne den andern zu sehen. Darum hat Ibn Asl mir eine Beschreibung von beiden gegeben.«

»So gieb sie nun mir!«

»Dieser Ben Nil ist ungefähr achtzehn Jahre alt und ohne Bart, von schmächtiger Gestalt, besitzt aber bedeutende Körperkraft. Haare und Augen sind dunkel, die Wangen voll. Die Kleidung, welche er zuletzt trug, bestand aus - -«

Er hielt inne, musterte Ben Nil mit erstaunten Augen und rief dann aus:

»Welch ein Wunder! Die Beschreibung, welche ich von diesem abtrünnigen jungen Moslem erhalten habe, paßt ganz und genau auf diesen Jüngling, welcher da an meiner Seite sitzt!«

»Du irrst, oder es ist ein Zufall.«

»Ich sage dir aber, es stimmt genau, sehr genau.«

»Das ist möglich, da du jenen Ben Nil nicht gesehen hast. Dunkle Haare und Augen, schmächtige Gestalt und volle Wangen besitzen tausend junge Leute. Dieser Jüngling aber ist über jeden Zweifel erhaben, denn er ist ein berühmter Chatib, vom heiligen Orden des Sihdi Senussi.«

Der Bote kreuzte die Arme über die Brust, verneigte sich gegen Ben Nil und sagte:


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»Dann irre ich mich allerdings; aber ich habe diesen frommen Chatib, den Allah segnen wird, nicht beleidigen wollen.«

Gott sei Dank! Die kleinere Hälfte der Gefahr war überstanden! Wie würde es aber mit der anderen, größeren Hälfte werden! Um dies zu erfahren, hatte ich gar nicht lange zu warten, denn Schedid sagte:

»Dieser Ben Nil ist überhaupt eine Nebenperson für mich. Die Hauptsache ist doch die Beschreibung des Effendi. Du wirst sie mir so genau wie möglich geben.«

Ich wünschte im stillen, daß sie so ungenau wie möglich ausfallen möge; aber leider war dies keineswegs der Fall. Ibn Asl hatte seinem Boten meinen »Steckbrief« auf das sorgfältigste eingeprägt. Kaum war meine Gestalt, mein Gesicht und ein Teil meiner Kleidung beschrieben, so erging es dem Sprecher wie vorhin bei der Beschreibung Ben Nils: Er hielt inne, fixierte mich betroffen und fuhr dann fort:

»Allah ist groß! Sollte man es für möglich halten! Da sitzt ja derjenige, den ich beschreiben soll, in eigener Person! Er ist's, er ist's! Da ist gar kein Zweifel möglich!« - Man kann sich denken, welches Aufsehen diese Worte erregten. Alle blickten auf mich; sogar die Gefangenen erhoben ihre Köpfe, und einer von ihnen rief.

»Hamdulillah! Vielleicht bin ich nun gerettet!«

Glücklicherweise schenkte niemand diesen Worten Aufmerksamkeit, weil die letztere ausschließlich auf mich gerichtet war. Nur ich allein achtete auf sie, weil ich mich mit dem, der sie gesprochen hatte, schon seit einiger Zeit eingehend beschäftigt hatte. Er war nämlich von Schedid Hafid Sichar genannt worden, und so hieß der, den ich eifrig suchte, nämlich der verschollene Bruder des Führers von Maabdah. Sollte es dieser sein? Ibn Asl hatte


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durch seinen Boten sagen lassen, daß man auf ihn ganz besonders aufmerksam sein sollte. Er mußte ihm also wichtig sein. Ich neigte mich sehr der Ansicht zu, daß ich, so vieles auch dagegen sprach, den Gesuchten hier gefunden hatte. Und in dieser Ansicht wurde ich durch den Ausruf bestärkt, den ich jetzt von ihm gehört hatte. Die Erzählung des Boten war von ihm verstanden worden; er mußte mich für einen unternehmenden und unerschrockenen Menschen halten; er glaubte, wenn ich der gefürchtete fremde Effendi sei, könne mich nur die Absicht, die Gefangenen zu befreien, hierher geführt haben, und darum entführen seinen unvorsichtigen Lippen die Worte, daß er nun vielleicht gerettet sei. Ich hatte jetzt natürlich nicht mehr Zeit, auf ihn zu achten, sondern ich mußte meinen äußern und innern Menschen ausschließlich der Gefahr widmen, in welche ich selbst geraten war.

Ein kurzer Blick auf Ben Nil beruhigte mich. Dieser zeigte sich keineswegs erschrocken, sondern auf seinem Gesichte lag ein so überlegen lächelndes Staunen, als sei er ganz gewiß und sicher derjenige, für den ich ihn ausgegeben hatte, und wundere sich nun über die Möglichkeit, für einen andern gehalten zu werden. Ich konnte mich auf ihn verlassen und in Beziehung auf sein Verhalten vollständig ruhig sein.

Was nun mich selbst betraf, so blickte ich dem Boten wie fragend in sein erregtes Gesicht und sagte kein Wort. Ich that so, als ob ich nicht imstande sei, das, was er gesagt hatte, zu verstehen. Schedid sah bald ihn und bald mich an. Er war überzeugt worden, daß meine Person genau mit dem Signalement stimme; aber die würdevolle Ruhe, welche ich bewahrte, machte ihn irre.

»Was sagst du?« fragte er den Boten. »Dieser


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Mann, welcher hier an meiner rechten Seite sitzt, soll jener ungläubige Effendi sein?«

»Ja, er ist's! Er kann kein anderer sein.«

»Du irrst dich abermals. Dieser heilige Mann ist der Mudir von Dscharabub, der Vertraute und beste Freund des Sihdi Senussi.«

»Ist das wahr? Kannst du das beweisen?« fragte der Bote.

»Ich weiß es von ihm selbst.«

»Von ihm selbst, von ihm selbst!« lachte der Baqquara-Araber. »Wenn du es von keinem andern, von keinem sicherern Manne weißt, so ist es um deinen Beweis sehr schlecht bestellt. Habe ich dir nicht erzählt, daß der Giaur sich schon öfters einen falschen Namen gegeben hat?«

»Allah! Ich habe es gehört. Sollte - -!«

Er sah mich mit Augen an, in denen das Vertrauen mit dem Mißtrauen um den Sieg rang. Ich antwortete mit einem festen, verwunderten Blicke und fragte:

»Was sagt dieser Mann? Spricht er von mir?«

»Natürlich meint er dich!« antwortete Schedid. »Hast du denn nicht verstanden?«

»Hätte ich ihn verstanden, so müßte ich ihn für toll halten; lieber will ich annehmen, daß ich falsch gehört habe.«

»Er behauptet, du seist der christliche Effendi, von welchem er gesprochen hat.«

»Allah sei ihm gnädig! Also hat er es wirklich gesagt! Sein Geist ist krank. Er mag Tücher ins Wasser tauchen und sie sich um die Stirne legen, dann wird ihn das Fieber verlassen.«

»Ich bin nicht krank; ich weiß, was ich sage!« rief der Baqquara. »In einer einzelnen Person mag man


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sich irren, aber in zwei Menschen zugleich, das ist unmöglich. Der junge Mann stimmt ganz genau auf Ben Nil und der andere genau auf den Effendi. Sie sind es! Was haben sie für Kamele? Ihn Asl sagte, daß sie auf grauen Hedschihn reiten.«

»Das ist richtig,« antwortete Schedid.

»Richtig? Also ein neuer Beweis, daß ich mich nicht irre! Laß dich nicht betrügen, o Schedid! Untersuche den Fall genau!«

Schedid war jetzt doppelt bedenklich geworden. Er meinte zu mir:

»Du hörst, was er sagt. Ich hege alle Ehrerbietung für deine Heiligkeit; aber ich habe keinen Beweis, daß sie richtig ist. Also bitte ich dich, mir dazu zu verhelfen, daß ich dir vertrauen kann.«

»Also du mißtraust mir wirklich?« fragte ich in scheinbar maßlosem Erstaunen. »Ich soll beweisen, daß ich der bin, der ich bin! Sage mir doch, wo wir uns befinden!«

»Nun, hier an der Machada ed Dill.«

»Und wo ist jener Effendi, wie Ibn Asl selbst gesagt hat?«

»Unterwegs auf dem Nil.«

»Kann ich also er sein?«

»Das, was Ibn Asl gesagt hat, ist ja nur eine Vermutung. Wenn nur einer von euch mit der Beschreibung übereinstimmte, so wäre ein Irrtum denkbar, da aber euere beiden Personen stimmen, so steht es sehr schlimm um dich. Wenn du jener Effendi bist, muß ich dich töten.«

»Aber ich bin es nicht!«

»Das ist nicht erwiesen. Hast du einen Beweis bei dir, daß du die Wahrheit sagst?«


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»Der einzige und beste Beweis bin ich selbst.«

»Dann muß ich dich festnehmen und bei mir behalten, um dich Ibn Asl zu zeigen!«

»Das wirst du nicht thun, denn dadurch würde unser heiliges Werk gestört werden.«

»Wenn du mich nicht in den Stand setzest, an dieses heilige Werk glauben zu können, kann ich es nicht berücksichtigen.«

»Du wirst es berücksichtigen, denn ich bin überzeugt, daß du weißt, im Besitze welcher Mächte und Geheimnisse mein Orden sich befindet. Ich würde dieselben gegen dich in Anwendung bringen.«

In der Bevölkerung jener Gegend herrscht der finsterste Aberglaube; darum riefen diese Worte den heilsamen Schreck hervor, den ich beabsichtigt hatte. Schedid befand sich in einer schlimmen Lage. War ich der Effendi, so mußte er mich töten oder wenigstens festnehmen; war ich aber wirklich der Senussi, für den ich mich ausgab, so war ich nicht nur ein heiliger Mann, sondern auch ein Zauberer, welcher, um sich zu rächen, alle guten und alle bösen Geister auf die Beine bringen konnte. Vor diesen meinen Zauberkräften hatte er eine heillose Angst, doch hetzte ihn der Bote durch weitere Bemerkungen immer mehr gegen mich auf, daß er endlich zu mir sagte:

»Ich weiß nicht, was ich thun soll. Ich möchte dir nicht Mißtrauen, und du kannst dich doch nicht legitimieren. Aber du kannst auf zweierlei Art meine Zweifel beseitigen. Wirst du darauf eingehen?«

»Sprich zuerst!«

»Du hast gehört, daß dieser Effendi ein sehr starker Mann sein soll. Kämpfe mit mir, damit ich erfahre, ob du die Kraft besitzest, welche er haben soll.«

Das war nun freilich eine Pfiffigkeit und Findigkeit


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von ihm, die ihm keine Prämie eintragen konnte. Der gute Mann schien es gar nicht für möglich zu halten, daß ein Starker sich verstellen könne. Ich wäre sofort auf seine Forderung eingegangen, wenn ich nicht die Ehre meines angenommenen geistlichen Standes zu wahren gehabt hätte; darum antwortete ich:

»Du sagst, ich könne mich doppelt legitimieren, zunächst durch den Zweikampf mit dir. Wir sind ausgezogen, um zu predigen, nicht aber um zu kämpfen. Vergleiche deine Gestalt mit der meinigen! Wollte ich mit dir kämpfen, so müßte ich unterliegen; das ist sicher.«

»Es kommt nicht immer nur auf die Gestalt an.«

»Ja,« stimmte der Bote des Sklavenjägers bei. »Der fremde Effendi besitzt, wie ich von Ibn Asl vernommen habe, auch nicht die Figur eines Riesen, und doch hat er eine Körperkraft, welcher kein anderer, kein einzelner gewachsen ist. Bist du dieser Giaur, so kannst du Schedid hier wohl überwinden. Besiegst du ihn nicht, so ist dies dann ein Beweis, daß du der Effendi nicht bist.«

»So ist es,« nickte Schedid. »Hast du ein gutes Gewissen, so ringe mit mir. Thust du dies nicht, so nehme ich an, daß du befürchtest, dich durch deine Körperstärke zu verraten. Also entscheide dich!«

Der Rolle, welche ich spielen mußte, getreu, stand ich zwar auf, als ob ich bereit sei, sagte aber in bedenklichem Tone:

»Wenn man in Dscharabub erführe, daß ich mit dir gerungen habe und besiegt worden sei, würde die Achtung, welche ich zu fordern habe, zum größten Teile verloren sein.«

Da kam mir mein pfiffiger Ben Nil sehr klug zu Hilfe, indem er meinte:

»Wer soll es verraten, o Mudir? Von diesen


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Männern hier wird wohl keiner jemals in unsere Heimat kommen, und meiner Verschwiegenheit kannst du, wie du weißt, vollständig sicher sein.«

»Du hörst es,« sagte jetzt Schedid. »Falls ich dich überwinde, wird deine Würde keinen Schaden nehmen. Dieses dein Bedenken ist also gegenstandslos geworden, und ich fordere dich noch einmal auf, dich zu entscheiden.«

»Nun wohl, es mag geschehen. Unter welchen Bedingungen soll der Kampf vor sich gehen?«

»Wir legen die Oberkleider ab und umarmen uns. Derjenige, welcher den andern in dieser Stellung emporhebt und dann niederwirft, ist der Sieger. Bist du einverstanden?«

»Ja, ich habe nichts dagegen,« antwortete ich, indem ich ebenso wie er den seinigen, meinen Haïk auszog.

Natürlich nahm ich mir vor, mich von ihm werfen zu lassen. Doch durfte ich ihm auch nicht zu wenig Widerstand entgegensetzen, da dies seinen Verdacht hätte erregen müssen. Aufrichtig gestanden, hätte ich mich sehr gern im Ernste mit diesem Goliath gemessen, um zu erfahren, ob es mir möglich sei, ihn niederzuringen; leider aber durfte ich nicht.

Wir standen bereit. Er trat auf mich zu und legte seine gewaltigen Arme um mich, ich die meinigen um ihn. Nun versuchte er, mich emporzuheben. Ich setzte ihm den Widerstand eines kräftigen Mannes entgegen. Zweimal hob er mir die Füße aus, doch wurde es mir nicht schwer, den Boden wieder zu gewinnen. Beim drittenmale aber nahm er alle seine Kraft zusammen, hob mich empor, griff, während er den linken Arm an meinem Oberkörper ließ, mit der Rechten nach meinen Schenkeln, so daß er mich nun wagrecht an sich hatte, und legte mich dann auf die Erde nieder. Indem ich dies geschehen ließ,


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hegte ich die Ueberzeugung, daß ich, wenn ich nur wollte, ganz dasselbe mit ihm thun konnte.

»Er ist nicht schwach,« sagte er; »sondern er hat ganz gute Kräfte; aber außergewöhnlich sind sie nicht.«

»Ich wußte, daß ich besiegt werden würde,« meinte ich, indem ich aufstand. »Einem Manne wie dir kann ich unmöglich gewachsen sein. Ich habe verspielt.«

Dabei that ich, als ob ich vor Anstrengung außer Atem sei.

»Ja, zweimal gelang es dir, die Erde wieder zu erreichen; aber dafür geht nun auch deine Brust auf und nieder, als ob du lange Zeit Galopp gelaufen seist. Du bist kein Riese. Die erste Probe hast du bestanden. Jetzt werden wir die zweite vornehmen.«

»Welche?«

»Es soll Christen geben, welche den Kuran kennen, so vollständig auswendig aber wie ein Moslem kann kein Giaur ihn lernen. Ich bin überzeugt, daß wenn man einem Ungläubigen die Sure EI Kuiffar vorbetet, er sie nicht richtig nachsprechen kann. Kennst du sie?«

»Ja.«

»Kannst du sie auch ohne Fehler hersagen?«

»Vielleicht, wenn du sie mir richtig und deutlich vorsprichst.«

Ich brauchte sie mir nicht vorsagen zu lassen, denn ich konnte und kann sie auswendig. Sie ist die hundertneunte Sure und soll Muhammed geoffenbart worden sein, als einige Araber von ihm verlangten, er solle ein Jahr lang ihre Götter verehren, dann wollten sie ebensolang seinen Gott anbeten. Sie ist sehr kurz, nur einige Zeilen lang, aber ihrer eigenartigen Wortstellung wegen selbst für einen Araber nicht leicht fehlerfrei zu recitieren. Darum wird sie besonders dann angewendet, wenn man


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einen im Verdacht hat, betrunken zu sein, da es einem Betrunkenen geradezu unmöglich ist, sie ohne Anstoß zu Ende zu bringen. Ganz dasselbe setzte Schedid auch bei einem Christen voraus.

»Wollen sehen!« meinte er mit einem überlegenen Lächeln. »Ich werde sie dir also vorbeten. Uebrigens hast du dich schon verraten, indem du verlangst, daß ich sie vorsagen soll. Ein guter Senussi, und noch dazu ein Mudir, ein hervorragendes Glied dieser heiligen Bruderschaft, muß diese Sure unbedingt, ohne sie vorher zu hören, aufsagen können.«

Er stellte sich in Positur, neigte den Kopf, faltete die Hände und begann:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: O ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was ihr verehret, und ihr verehret nicht, was ich nicht verehre, und ich werde auch nie verehren das, was ihr nicht verehret, und ihr werdet verehren - - nicht verehren das, was ich nicht - - was ich verehre, denn ihr habt meine Religion, und ich - ich - ich habe - - ich habe nicht - nicht - - nicht ---«

Er hielt inne, denn er sah jetzt ein, daß er sich verfahren hatte. Die falsche Satzstellung abgerechnet, hatte er schon zweimal das Wort »nicht« und einmal das Wort »meine« gebraucht, ohne daß sie in der Sure enthalten sind.

»Nun!« lächelte ich. »Bist du kein Moslem oder bist du betrunken?«

»Keins von beiden!« rief er ärgerlich. »Diese Sure ist wirklich die schwierigste, welche es giebt. Du aber als Senussi mußt sie unbedingt ohne Anstoß sagen können!«

»Wenn ich mich nur ein einziges Mal verspreche, sollst du alles erhalten, was ich besitze!«


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»Wirklich? Ich nehme dich beim Wort. Uebrigens brauchst du mir dieses Versprechen gar nicht zu machen, denn wenn du nur den geringsten Fehler begehst, nehme ich an, daß du ein Christ oder gar jener Effendi bist. Dann hast du das Leben verwirkt, und alles, was du bei dir hast, ist mein Eigentum.«

»Wirst du denn beurteilen können, ob ich Fehler mache oder nicht? Du hast es ja selbst nicht fertig gebracht, und was man begutachten will, muß man doch wohl auch selbst können und verstehen.«

»Ich kenne die Sure, wenn ich sie auch nicht ohne Anstoß aufsagen konnte. Also sprich!«

Ich kam dieser Aufforderung nach, indem ich so schnell, daß sein Ohr wohl kaum zu folgen vermochte, recitierte:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: O ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was ihr verehret, und ihr verehret nicht, was ich verehre, und ich werde auch nie verehren das, was ihr verehret, und ihr werdet nie verehren das, was ich verehre. Ihr habt eure Religion, und ich habe die meinige.«

In der deutschen Uebersetzung klingt diese Sure nur schwülstig; im Arabischen aber ist es noch ganz anders. Die Beugung des Wortes »ihtaram« = verehren, ist da eine so eigenartige, daß es wirklich schwierig ist, die Affirmation nicht mit der Negation und die erste Person der Einzahl nicht mit der zweiten Person der Mehrzahl zu verwechseln. Als ich geendet hatte, sagte Schedid:

»Wahrhaftig, er kann es, so schnell und ohne den geringsten Anstoß! Er kann kein Ungläubiger sein!«

»Aber,« fiel der Bote ein, »ich erinnere mich, von Ibn Asl gehört zu haben, daß der ungläubige Effendi die arabische Sprache und den Kuran so genau kennt, als


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ob er hier bei uns geboren sei und beim besten Muderri (* Professor an einer muhammedanischen Universität.) in Kahira studiert habe. Nimm dich in acht! Fälle dein Urteil nicht zu früh, denn du könntest dich leicht irren!«

»Meinst du? Wie sollte ich ihn denn noch auf die Probe stellen?«

Das klang für mich gefährlich. Dieser Bote war wirklich der festen Meinung, daß ich der Effendi sei; unter seinem Einflusse konnte die gute Ansicht, welche Schedid jetzt von mir zu haben schien, sich leicht in ihr Gegenteil verwandeln.

Es war geraten, dies nicht abzuwarten; darum sagte ich, indem ich mich stellte, als ob ich zornig sei:

»Noch mehr auf Probe? Das fällt mir nicht ein! Weißt du, was ein Mudir von Dscharabub zu bedeuten hat? Dennoch habe ich mich herbeigelassen, nicht nur mit dir zu ringen, sondern auch die Sure EI Kuiffar herzusagen. Das war mehr als genug. Soll ich mich noch weiter vor euch demütigen? Nein! Wer einen Mudir der Senussi und einen Chatib dieser frommen Brüderschaft in solcher Weise beleidigt, der darf nicht erwarten, längere Zeit in die Angesichter solcher Leute schauen zu dürfen. Wir sind gastfreundlich gegen euch gewesen und haben euch erlaubt, in unserer Nähe zu sein; nun aber verlassen wir diesen Ort und kehren euch den Rücken, um - -«

»Nein, das dürft ihr nicht!« rief der Bote, indem er mich unterbrach. »Wir lassen euch nicht fort!«

»Nicht?« fragte ich, indem ich ihn stolz und von oben herab fixierte. »Wie willst du uns hindern, von hier zu gehen?«

»Ich halte euch mit Gewalt zurück!«


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»Du willst dich an uns, an den Männern Allahs vergreifen?«

»Ja; setze dich!«

Er streckte die Hand nach mir aus, um mich niederzudrücken; ich trat einen Schritt zurück und donnerte ihn an:

»Halt, Unvorsichtiger! Soll ich dir den Fluch entgegenschleudern, unter welchem dein Körper vertrocknen und deine Seele verschmachten würde? Wenn du versuchen willst, ob der Lani Allah (* Allahs Fluch.) in unsere Hände gegeben ist oder nicht, so habe ich nichts dagegen; aber ich sage dir, daß dein Leben dann ein entsetzliches und dein Ende voller Schrecken sein wird. Wer uns zurückhalten will, der halte uns! Wessen Hand wagt es, uns zu berühren?!«

Ich blickte rundum. Alle schwiegen; sie standen oder saßen unbeweglich, erschrocken nicht nur über meine Worte, sondern wohl noch mehr über den Ton, in welchem ich sie gesprochen hatte. Ich ging an das Gesträuch und band mein Kamel los. Ben Nil that dasselbe mit dem seinigen. Wir stiegen auf und trieben die Tiere in das Wasser, ohne daß es nur einem einfiel, uns zu hindern oder auch in gutem zu bitten, dazubleiben. Kein Wort wurde gesprochen; kein Ruf des Abschiedes scholl hinter uns her. Ich war froh darüber.

Das Wasser war, wie ich vermutet hatte, an dieser Stelle nicht tief, es reichte den Kamelen noch nicht einmal an den Leib. Drüben am andern Ufer gab es zunächst einiges Gesträuch, dann folgte Graswuchs, jedenfalls soweit, wie die Feuchtigkeit des Nid en Nil zu dringen vermochte.


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Sobald ich annehmen konnte, daß man uns nicht mehr zu sehen vermochte, wendete ich mich nach links nach dem See. Ben Nil war bis jetzt still gewesen, nun aber sagte er:

»Du reitest ja nach Osten, Effendi! Unser Weg führt uns ja nach Süden! Warum weichest du von ihm ab?«

»Aus zwei Gründen. Erstens sollen die Takaleh unsere Fährte nicht sehen. Wären wir weiter geritten bis dahin, wo das Gras aufhört und der Sand wieder beginnt, so würden in dem letzteren unsere Spuren morgen früh zu finden sein, im Grase aber nicht, denn dieses wird sich bis zum Morgen wieder aufgerichtet haben. Es giebt Wasser in der Nähe, auch wird Tau fallen, und infolge dieser Feuchtigkeit richtet sich das von unsern Kamelen niedergetretene Gras schon nach einigen Stunden auf.«

»Hast du die Takaleh im Verdachte, daß sie uns verfolgen wollen.«

»Nicht nur im Verdachte, sondern ich weiß es ganz genau. Sie werden uns Hafid Sichar wieder abnehmen wollen.«

»Hafid Sichar? Ja, dieser Name wurde genannt. Er fiel mir auf. Er ist der Name des Bruders des Führers in der Höhle von Maabdah. Denkst du etwa, daß er sich hier bei den Takaleh befindet?«

»Ich bin fast überzeugt davon.«

»Und du willst ihn befreien?«

»Ja. Und das ist der zweite Grund, weshalb ich jetzt ostwärts nach dem See einbiege.«

»Allah! Das giebt wieder ein Abenteuer! Effendi, wer mit dir reitet, darf um Ereignisse, Unterbrechungen und sogar Gefahren keine Sorge tragen. Fast wurde es


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mir angst um uns, als man vorhin erriet, wer wir sind. Warum hast du dich erniedrigt und dich prüfen lassen!«

»Weil dies das klügste war. Wüßte Schedid bestimmt, daß ich der christliche Effendi bin, so würde er nicht nach Faschodah gehen und überdies einen Eilboten dorthin senden, Ibn Asl und auch den Sangak der Arnauten warnen zu lassen. Unser Ritt nach Faschodah würde dann umsonst und erfolglos sein. Wir haben ja soviel gehört; das weiß und das überlegt sich Schedid ebensogut wie wir.«

»Das ist wahr, Effendi. Also wir reiten jetzt ostwärts, um die Takaleh irre zu führen, und biegen dann aber nach Süden ein?«

»Nein. Wir reiten am diesseitigen Ufer des Sees zurück, bis wir an die schmale und steile Vertiefung kommen, über welche wir vorhin die Kamele nicht hätten bringen können. Dann bleibst du hüben bei den Tieren zurück, und ich klettere hinüber, um Hafid Sichar zu holen.«

»Was willst du mit ihm anfangen?«

»Er muß natürlich mit nach Faschodah.«

»Dazu bedarf er eines Kameles!«

»Ich werde den Takaleh eines abnehmen.«

»Hm! Hafid Sichar vom Seile losmachen, ohne daß jemand es bemerkt, und dann auch noch die kostbare Zeit auf die Habhaftwerdung eines Kamels verwenden, das ist zu viel für eine Person.«

»Ich hätte nichts dagegen, dich bei mir zu haben, wenn nicht der wilden Tiere wegen jemand bei den Kamelen bleiben müßte.«

»Glaubst du, daß es hier welche giebt?«

»Wo Wasser ist, da giebt es Leben, und wo es hier Leben giebt, findet man auch sicher reißende Tiere.«


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»Glaubst du, daß ich die Kamele gegen Löwen zu verteidigen vermag? Wenn du mit ja antwortest, werde ich dir sehr dankbar für das Vertrauen sein, welches du mir dadurch erweisest; aber ich glaube nicht, daß ich demselben entsprechen könnte. Daß ich mich nicht fürchte, daß weißt du ja; aber einen Löwen zu erlegen, dazu gehört mehr als bloße Furchtlosigkeit. Du würdest bei deiner Rückkehr mich und auch die Tiere zerrissen vorfinden. Darum ist es auf alle Fälle besser, du nimmst mich mit.«

Er hatte recht, und darum zeigte ich mich bereit, seinen Wunsch zu erfüllen. Es war ja richtig, daß ich in die Lage kommen konnte, einen Gehilfen zu brauchen.

Wie schon bereits beschrieben, hatte das Nid en Nil an der Stelle, an welcher wir es erreicht hatten, aus einer schmalen, wasserleeren Schlucht bestanden. Dann hatten wir uns rechts gewendet und waren an zwei seeartigen Erweiterungen des Nid vorübergekommen, worauf wir erst dann die Furt erreicht hatten. Wir waren da an der Nordseite hingeritten. Jetzt aber ritten wir an der Südseite des einen Sees zurück, kamen dann an den zweiten und langten nachher an der trockenen Schlucht an, gerade gegenüber der Stelle, an welcher wir auf das Nid en Nil gestoßen waren. Der Weg war gar nicht schwierig, denn es schien der Mond. Dennoch wäre es mir lieber gewesen, wenn wir Finsternis gehabt hätten. Mein Vorhaben war derart, daß der Mondschein mir gefährlich werden konnte.

Wir hielten an, stiegen ab und banden die Kamele an Baumstämme fest. Die Gewehre hätte ich gern zurückgelassen; aber wir konnten leicht einem größeren Raubtiere begegnen, gegen welches mit Messern und Revolvern nichts zu machen war; darum nahmen wir sie mit.


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Nun kletterten wir diesseits in die Schlucht hinab und jenseits wieder hinauf. Dann verfolgten wir denselben Weg, auf welchem wir bei unserem Kommen die Furt erreicht hatten. Natürlich ging dies jetzt langsamer als vorher, wo wir zu Kamele gesessen hatten.

In der Nähe der Furt bemerkten wir, daß dort kein Feuer mehr brannte. Das war mir lieb, denn es bewies, daß die Takaleh nun schliefen. Ich ließ Ben Nil unter einem Baume zurück und schlich nun allein weiter. Ungefähr hundert Schritte vom Lagerplatz entfernt, legte ich mich nieder, um zu kriechen.

Der Mond stand schon tief und ließ die Schatten der Bäume auf den Platz fallen, was mir außerordentlich nützlich war. Die Takaleh hatten aber einen Wächter ausgestellt, wohl nur ihrer Sklaven wegen, denn er schritt da, wo diese lagen, langsam auf und ab. Ich sah ihn zwar nicht, aber ich hörte seine leisen Schritte. Bevor ich etwas Direktes unternehmen konnte, mußte ich mich ganz genau orientieren; darum umkroch ich das ganze Lager in einem Bogen. Ich fand alles so, wie ich es verlassen hatte. Die Gefangenen lagen da, wo sie vorher lagen; die andern ebenso. Um zu demjenigen zu kommen, den ich für Hafid Sichar hielt, mußte ich den Wächter unschädlich machen. Die Sättel lagen in zwei Haufen nebeneinander. Die Kamele lagen teils an der Erde, teils standen sie mit gefesselten Vorderbeinen am Wasser hin bei den Büschen oder im Grase, um zu fressen. Nach dieser Lage der Dinge galt es zu handeln. Ich kehrte also zunächst zu Ben Nil zurück, um diesen zu holen. Er schlich sich dann mit mir so nahe heran, wie es bei seinem Mangel an Uebung geraten war; dann mußte er das Lager umgehen, um jenseits desselben, wo sich die Kamele befanden, auf mich zu


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warten. Ich bezeichnete ihm einen Baum, hinter dessen Stamm er sich zu verstecken hatte. Dann kroch ich wieder zu den Gefangenen hin.

Als mich höchstens noch zehn Schritte von denselben trennten, hielt ich an und lauschte. Sie schienen alle zu schlafen, was freilich kein Wunder war, da sie, schlecht genährt und schlecht getränkt, während des ganzen Tages im Sonnenbrande marschiert waren. Nichts regte sich, und nichts bewegte sich; nur der Wachtposten schritt noch immer hin und her. Er bewegte sich immer auf einer und derselben Linie. Ich näherte mich derselben soweit wie möglich, ließ ihn an mir vorüber, sprang dann auf, packte seine Kehle von hinten mit der linken und gab ihm mit der rechten Faust einen Hieb auf den Kopf. Er breitete die Arme aus und sank nieder. Auffälliges Geräusch war dabei nicht zu hören gewesen. Ich ließ die Linke vorsichtig locker. Er blieb still; er war besinnungslos. Ich hob ihn auf und trug ihn zu Ben Nil, der ihn bewachen sollte. Als ich dabei über eine vom Monde beschienene Stelle kam, fiel das Licht für einen Augenblick auf sein Gesicht, und ich sah zu meiner Verwunderung, daß es kein Takaleh, sondern der Baqquara-Araber war, der Bote, den Ibn Asl an Schedid gesandt hatte. Das war mir aus mehreren Gründen außerordentlich lieb.

»Wen bringst du da?« fragte Ben Nil leise, als ich zu ihm kam. »Ist es Hafid Sichar?«

»Noch nicht. Es ist der Baqquara, welchen die Takaleh als Wächter zu den Gefangenen gestellt haben.«

»Er war schlimm gegen uns und muß zum Schweigen gezwungen werden. Soll ich ihn erstechen?«

»Nein. Wir nehmen ihn mit. Er ist ein Verbündeter


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Ibn Asls. Indem wir ihn an den Reïs Effendina ausliefern, erfüllen wir unsere Pflicht.«

»Wenn wir ihn erstechen, erfüllen wir sie noch weit besser.«

»Dann aber kann Schedid sich leicht sagen, wer hier gewesen ist. Nehmen wir ihn aber mit, so kommt er in den Verdacht, Hafid Sichar befreit und mit sich fortgenommen zu haben.«

»Das ist sehr wahr, Effendi. Aber dann müssen wir auch gerade seinen Sattel und gerade sein Kamel haben!«

»Das ist nicht nötig. Je besser die Kamele und die Sättel sind, welche wir mitnehmen, desto größer ist gegen ihn der Verdacht, sein geringes Eigentum mit Absicht gegen besseres vertauscht zu haben. Laß mich nur machen. Wir können uns Zeit nehmen; die Takaleh schlafen fest.«

Der Baqquara wurde gebunden und bekam einen Knebel in den Mund. Dann kroch ich wieder zu den Gefangenen. Hafid Sichar, den ich suchte, war der vorderste am Seile gewesen, ein Umstand, welcher mir sehr günstig war. Ich hatte mir die Stelle, wo er lag, genau gemerkt und fand sie sehr leicht. Die Gefangenen lagen, noch immer an das Seil gefesselt, im Kreise. Sie schliefen, als wären sie tot. Nur einer schlief nicht, nämlich gerade derjenige, den ich suchte. Als ich, mit meinem Kopfe bei dem seinigen angekommen, ihn mit dem Finger leise berührte, flüsterte er:

»Effendi, bist du es?«

»Ja.«

»Allah! Ich habe dich erwartet. Mein Herz hämmerte vor Sorge, daß du vielleicht nicht derjenige seist, von dem ich Rettung erwarten kann.«

Der Kreis der Gefangenen war so gebildet, daß sie mit den Füßen nach innen und mit den Köpfen nach


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außen lagen. Da ich mich, wie selbstverständlich, außerhalb dieses Ringes befand, lag ich, wie schon erwähnt, mit meinem Kopfe vor dem seinigen, und er konnte mich nicht sehen. Ich erhob den Oberkörper, schob mein Gesicht über das seinige und raunte ihm zu:

»Wie heißest du?«

»Hafid Sichar aus Maabdah.«

»Wie heißt dein Bruder?«

»Ben Wasak.«

»So bist du wirklich derjenige, den ich haben will. Ich grüße dich von deinem Bruder!«

»O Himmel, o Allah! Was will - -!«

»Pst, still! Nicht so laut! Schlafen deine beiden Nachbarn?«

»So fest, wie du es nur wünschen kannst.«

»So liege still; ich werde machen.«

Ich untersuchte mit den tastenden Fingern, auf welche Weise er gefesselt und dann an das Seil gebunden war; darauf gab es einige Schnitte mit meinem Messer, und er war los. Aber frei noch nicht. Falls er versuchte, aufzustehen, konnte er leicht einen seiner Nachbarn wecken. Ich ergriff ihn also unter den Armen und zog ihn aus dem Kreise heraus, langsam und vorsichtig, so daß er weder rechts noch links anstieß. Dann mußte er hinter mir her zu Ben Nil kriechen. Dort angekommen, wollte er sich in Danksagungen ergehen, ich aber schnitt ihm das Wort ab:

»Jetzt still! Später kannst du sprechen, soviel es dir beliebt. Wir müssen uns beeilen.«

Ich untersuchte den Araber. Er kam eben jetzt zu sich. Er versuchte, seine Fesseln zu zerreißen und zu schreien; es gelang ihm aber weder das eine noch das andere. Die ersteren hielten fest, und das, was ein Schrei,


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ein Hilferuf sein sollte, kam als leises, röchelndes Stöhnen aus der Nase. Ben Nil setzte ihm das Messer auf die Brust und drohte:

»Noch einen solchen Laut, und ich stoße dir die Klinge in das Herz!«

Das half; der Baqquara blieb still und bewegte sich von jetzt an nicht wieder, als bis wir ihn später in Sicherheit hatten.

»Nun zwei Kamele, Effendi,« meinte Ben Nil. »Für jeden eins.«

»Wir brauchen drei,« antwortete ich. »Da wir jetzt mehr Wasser haben müssen als vorher, so müssen wir ein Tier haben, welches die Schläuche trägt. Auch einige Schläuche müssen wir von hier mitnehmen, denn wir haben jetzt nur zwei.«

»Erlaube mir, die Kamele auszusuchen, Effendi! Ich kenne unsere Tiere,« sagte Hafid Sichar. »Ich werde die drei besten wählen.«

Er huschte, ehe ich ihn halten konnte, fort, und so blieb uns freilich nichts anderes übrig, als zu warten, bis er zurückkehren würde. Natürlich war ich mit seiner Entfernung ganz und gar nicht einverstanden; er konnte uns alles verderben. Glücklicherweise aber war dies nicht der Fall. Nach ungefähr einer Viertelstunde, welche mir aber wie eine ganze Stunde vorkam, kehrte er zurück und sagte:

»Ich bin fertig, Effendi. Wir können aufbrechen.«

»Fertig? - Womit?«

»Ich habe nach und nach drei Sättel und auch drei Schläuche über die Furt getragen. Hast du es nicht gesehen?«

»Nein. Du mußt sehr vorsichtig gewesen sein.«

»Das war notwendig. Und die drei besten Kamele stehen auch bereit. Wir können gehen.«


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»Hast du nicht bemerkt, ob einer der Schläfer aufgewacht ist?«

»Sie schlafen alle. Kommt, und folgt mir getrost.«

»Nimm zuvor dieses Messer und diese Flinte! Ich habe beides dem Baqquara abgenommen. Du mußt ja nun auch Waffen haben.«

Ich warf den Baqquara über die Schulter, um ihn zu tragen. Hafid Sichar führte uns nach der Furt. Dort hatte er die drei Kamele angebunden. Wir durften sie nicht besteigen, da sie dabei geschrieen hätten. Ben Nil und Hafid führten die Tiere; ich trug den Baqquara, und so stiegen wir in das Wasser, welches mir bis an den Gürtel ging.

Als wir drüben ankamen, löste ich dem Baqquara die Beinfesseln, damit er laufen könne. Die Sättel wurden den Kamelen im Stehen nur lose aufgelegt, was sie sich ruhig gefallen ließen; dann ging es vorwärts, an der Südseite des größeren Sees hin. Jeder von uns führte ein Tier, ich auch noch den Baqquara, während Ben Nil und Hafid die Wasserschläuche trugen.

Als wir die geeignete Strecke zurückgelegt hatten, hielten wir an, um die Kamele richtig zu satteln. Jetzt mochten sie Lärm machen, sie konnten von den Takaleh nicht mehr gehört werden. Sie mußten niederknieen. Ich stieg auf und nahm den Baqquara quer vor mir über; als auch die beiden andern saßen, ging es im scharfen Schritte fort, auch an dem andern See vorüber und dann nach links, wo wir unsere Tiere gelassen hatten.

Würden wir sie noch finden? Ja, sie waren noch da. Wir stiegen ab und banden die mitgebrachten drei Tiere in der Nähe an, nachdem wir sie von den Sätteln befreit hatten. Wir lagerten uns unter einem Baum, an welchen der Baqquara befestigt wurde. Ich nahm ihm den Knebel aus dem Munde und fragte ihn dann:


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»Ben Baqquara, weißt du nun genau, wer ich bin?«

Er gab keine Antwort.

»Ich weiß, daß du nicht taub bist, und bin gewöhnt, eine Antwort zu bekommen, wenn ich frage. Ist dir der Mund jetzt geschlossen, so kann er mit der Peitsche wohl leicht geöffnet werden. Also antworte!«

»Ja, ich weiß es!« stieß er zornig hervor. »Du bist der Effendi und dein Begleiter ist Ben Nil.«

»Der Effendi soll doch aber so ungeheure Körperkräfte besitzen, und ich bin von Schedid besiegt worden?«

»Du hast dich verstellt. Ich ahnte es.«

»Aber ich habe doch die Sure Kuiffar ohne Anstoß hersagen können! Wir kann ich da jener christliche Effendi sein!«

»Du kannst alles!«

»Nicht alles, aber viel. So kann ich zum Beispiel sehr leicht einen Baqquara-Araber unter einer Schar Takaleh herausholen, um ihn nach Faschodah zu schaffen und dort dem Reïs Effendina zur Bestrafung auszuliefern.«

»Weshalb sollte man mich bestrafen? Was habe ich gethan?«

»Du besitzest noch weniger Gedanken, als das Krokodil Federn hat; aber ich werde dafür sorgen, daß du Gedanken bekommst! Der Reïs Effendina - -«

»Den fürchte ich nicht!« fiel er mir in höhnischem Tone in die Rede.

»Ich weiß wohl, warum. Du meinst, daß der Mudir von Faschodah dir gegen ihn beistehen wird.«

Er gab dies, wenn auch nicht direkt aber doch indirekt zu, indem er antwortete:

»Was ist ein Effendi gegen einen Mudir! Welche Macht besitzt ein Effendi?«


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»So kann nur ein Dummkopf, ein Mensch fragen, welcher nichts gelernt hat, nichts weiß und nichts versteht. Dein Kopf gleicht einem ausgelaufenen Ei, von weichem nur noch die Schale übrig geblieben ist. Ich sage dir, daß die großherrlichen Prinzen, die Söhne des Sultans, Effendi tituliert werden. Die Minister nennen sich Effendi, und auch der Vicekönig von Aegypten sieht es gern, wenn man ihn Effendi nennt. Was aber ist der Mudir von Faschodah gegen diese mächtigen Herren! Kennst du denn überhaupt diesen Mudir?«

»Ja.«

»So sage mir seinen Namen!«

»Er ist auch ein Effendi, denn er heißt Ali Effendi el Kurdi.«

»Das ist nicht wahr.«

»Wie kannst du mich der Lüge strafen, du, ein Fremder, der dieses Land und seine Verhältnisse unmöglich kennen kann!«

»Es scheint, daß ich das alles doch besser kenne als du, denn der Mudir von Faschodah heißt anders. Ist dir vielleicht der Name Ali Effendi Abu Hamsah Miah bekannt?«

»Ja.«

»So höre weiter. Der berühmte General Musah Pascha ist infolge der Wünsche des Reïs Effendina jetzt in Faschodah gewesen, um el Kurdi ab- und Abu Hamsah Miah einzusetzen. EI Kurdi wurde als Gefangener nach Chartum geschafft. Das ist auf Veranlassung des Reïs Effendina geschehen. Nun leugne noch, daß dieser nicht so mächtig sei als dein untreuer und verräterischer Mudir el Kurdi!«

Er schwieg. Jedenfalls erschreckte ihn das, was er von mir hörte. Ich fuhr fort:


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»Jetzt weißt du, wie sehr du dich auf deinen el Kurdi verlassen kannst. Diesem ist es nun nicht mehr möglich, ausgesprochene Verbrecher in seinen Schutz zu nehmen; er würde jetzt Allah danken, wenn er selbst jemand hätte, der für ihn sprechen wollte. Wenn ich dich dem Reïs Effendina überantworte, wird er dich zum neuen Mudir bringen, und dann wirst du erfahren, daß dieser seinen Namen mit vollstem Rechte trägt. Das soll heißen: Der Vater der Fünfhundert wird dir sofort als Einleitung zum ersten Verhöre fünfhundert Hiebe geben lassen.«

»Mir, einem freien Araber!«

»Dir, einem Boten des Sklavenjägers! Was oder wer du sonst noch bist, das geht uns nichts an.«

»Da will ich dich darauf aufmerksam machen, daß dich die Rache aller Stämme der Baqquara treffen wird! Werde ich geschlagen, so ist das noch viel schlimmer, als wenn man mich tötet. Das merke dir!«

»Deine Stämme, und wären es ihrer hundert oder tausend, können mir nichts thun. Sie haben ebensowenig Macht über mich, wie sie dich jetzt beschützen können. Dennoch, und obgleich ich sie nicht im geringsten fürchte, bin ich bereit, dich morgen freizugeben, doch knüpfe ich eine Bedingung daran.«

»Welche?«

»Du sagst mir der Wahrheit gemäß, auf welche Weise du Ibn Asl kennen gelernt hast. Auch beantwortest du mir alle Fragen, welche ich in Beziehung auf ihn sonst noch an dich richten werde.«

»Das thue ich nicht!«

»So sind wir miteinander fertig. Wenn du jetzt, wo ich dich mit der Freiheit dafür belohnen würde, nicht reden willst, so wird dir später der >Vater der Fünfhundert, den Mund öffnen.«


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Da fiel Hafid Sichar ein:

»Effendi, wenn du die Bosheit dieses Ibn Asl kennen lernen willst, so bin ich der richtige Mann, dir ein Beispiel von derselben zu erzählen.«

»Ich möchte dich allerdings darum bitten. Vorher aber mußt du ein weniges über mich erfahren, denn -«

»O, Effendi,« unterbrach er mich, »ich kenne dich schon; ich habe genug über dich gehört von dem Baqquara, als vorhin Schedid von dir erzählte. Ich lag in der Nähe und hörte alles. Ich hatte keine Ahnung davon, daß du meinen Bruder kennst, aber es war mir, als ob Allah mir eine Stimme sende, welche mir heimlich zuflüsterte: Dieser Effendi hat schon soviele andere befreit; wenn er und der Mann, welcher dort sitzt, einer und derselbe ist, so ist er wohl gekommen, um auch dich zu retten. Darum war ich so unbedacht, meinen Namen zu nennen und dazu Worte der Hoffnung auszusprechen. Hätte Schedid sie gehört, so wäre es mir schlimm ergangen.«

»Es war sehr gut, daß du deinen Namen nanntest, denn nur dadurch wurde meine Aufmerksamkeit auf dich gelenkt und du bist schon jetzt frei. Uebrigens wärest du später in Faschodah auch in den Besitz der Freiheit gelangt, denn ich hatte mir vorgenommen, dort den Mudir auf euch aufmerksam zu machen. Du kennst mich aus der Erzählung dieses Baqquara einigermaßen, und ich habe nur weniges hinzuzufügen. Ich kam nach Maabdah, um die dortige berühmte Krokodilhöhle zu sehen. Dein Bruder führte mich in derselben herum und schenkte mir dann die Hand einer weiblichen Mumie - -«

»Die Hand einer weiblichen Mumie?« fiel er rasch ein. »Beschreibe sie mir!«

Als ich dieser Aufforderung nachgekommen war, rief er aus.


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»Effendi, da mußt du ihm einen sehr großen Dienst erwiesen haben!«

»Gar nicht!«

»Nicht? Nun, so hast du einen so guten Eindruck wie noch kein anderer auf ihn gemacht. Es ist die Hand einer Pharaonentochter, einer altägyptischen Prinzessin. Ich weiß, welchen Wert mein Bruder auf dieselbe legte, und freue mich außerordentlich darüber, daß es dir so schnell gelungen ist, sein Wohlwollen zu erwerben.«

»Dieses Wohlwollen ist ein gegenseitiges, wie ich dir versichern kann. Ich habe die Hand noch bei mir und kann sie dir zeigen, sobald es hell geworden ist. Sie befindet sich in meiner Satteltasche. Als dein Bruder hörte, daß ich nach Chartum wollte, erzählte er mir von deinem Verschwinden, welches er sich nicht zu erklären vermochte, und bat mich, nach dir zu forschen.«

»Hatte er dies denn nicht auch schon vorher gethan?«

»Natürlich hat er sich alle Mühe gegeben, dich zu finden, leider aber vergeblich. Wir mir schien, hat er dabei einen sehr großen Fehler begangen, indem er dem Kaufmanne Barjad el Amin, eurem Geschäftsfreunde, zu viel Vertrauen geschenkt hat. Dieser durfte gar nicht wissen, daß man nach dir suchte. Ich habe ihn sehr stark im Verdachte, daß er mit deinem plötzlichen Verschwinden in Verbindung steht.«

»Natürlich, ganz natürlich!« rief Hafid Sichar aus. »Er ist es ja, welcher mich an Ibn Asl ausgeliefert hat!«

»Ah, dachte es mir! Als dein Bruder mir von ihm erzählte, kam mir einiges nicht recht sauber vor. Barjad führt zwar den Beinamen el Amin, der ehrliche, kam mir aber nicht sehr ehrlich vor. Er wollte dir das viele Geld


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ausgezahlt haben, behauptete aber, weiter gar nichts von dir und über dich zu wissen. Das erschien mir als eine Unmöglichkeit. Ich nahm diesen Menschen sofort aufs Korn; ich wollte ihn heimlich beobachten, ihn, ohne daß er es merkte, ausforschen. Leider aber drängten mich dann meine Reiseerlebnisse so seitwärts, daß ich bis heute noch nicht nach Chartum gekommen bin.«

»Und zwar zu meinem Glücke! Wärest du uns heute nicht begegnet, so hätte ich die Freiheit niemals wiedererhalten.«

»Diese Voraussetzung ist vielleicht doch trügerisch. Ibn Asl war in dem Geschäft von Barjad el Amin thätig gewesen. Als ich das hörte, vermutete ich sofort, daß dein Aufenthalt oder Schicksal bei ihm am sichersten zu erfahren sei. Dann kamen weitere Gründe dazu, diesen Menschen zu verfolgen, um seiner habhaft zu werden. Dies mußte uns früher oder später gelingen, und dann hätte er mir unbedingt und unter allen Umständen gestehen müssen, was aus dir geworden war.«

»Dennoch preise ich Allah, daß ich es dir schon jetzt und selbst erzählen kann. Ich hätte nie geglaubt, daß mir ein solches Unglück widerfahren könne, und weiß wirklich nicht, wie ich es verdient habe.«

»Was dieses letztere betrifft, so sind alle Menschen, auch du und ich, Sünder, welche nur von Allahs Gnade und Barmherzigkeit leben. Jedes Ereignis, wenn wir es ein Unheil nennen, haben wir reichlich verdient, und dennoch fügt es Allah, daß dieses Unheil, wenn wir es in der rechten Weise auf uns wirken lassen, uns zum Heile und Segen wird. Sprich also nicht vom Verdienen! Es war eine Prüfung, von Allah gesandt, vielleicht um dein Herz zu läutern, deinen Sinn nach innen und nach oben zu lenken.«


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Er antwortete nicht; es entstand eine längere Pause. Dann ergriff er meine Hand und sagte, indem er sie mir herzlich drückte:

»Effendi, du hast mit deinen Worten das Richtige getroffen. Ich habe im Elende mit Allah gehadert; ich habe mein Leben verflucht und die Menschheit verwünscht. Zuweilen kamen bessere, lichtere Gedanken, doch verschloß ich ihnen die Thüre meines Herzens. Jetzt aber, wo ich wieder in das Leben trete und mein Inneres vor Wonne bebt, wo du von Läuterung redest und von dem Gerichtetsein des Sinnes nach innen und oben, da überkommt mich wie ein heller Blitzstrahl die leuchtende Erkenntnis, daß du recht hast. Wer und wie ich früher gewesen bin, davon werde ich dir später erzählen. Heute stehe ich plötzlich, ohne daß ich selbst eine Vorahnung davon hatte, als ein Neuer auf. Ja, ich habe nicht umsonst gelitten. Allah sei gelobt dafür!«

»Es freut mich aufrichtig, solche Worte aus deinem Munde zu hören. Du hast Monate und Jahre deines Lebens verloren, dafür aber innere Schätze gefunden, deren Wert nicht wie die Zeit vergänglich ist. Und was dir an Hab und Gut genommen wurde, das, hoffe ich, werde ich dir später zurückgeben können.«

»Du?« fragte er verwundert. »Bist du so reich, Effendi?«

»O nein; ich bin sogar arm. Aber ich weiß, daß Ibn Asl sehr viel Geld bei sich führt. Erwische ich ihn, ehe er es ausgegeben hat, so muß er dir und deinem Bruder alle eure Verluste ersetzen.«

»Dazu bedarf es Ibn Asls nicht. Er ist mir nicht so sicher wie Barjad el Amin.«

»So hat auch dieser von dem Verbrechen profitiert?«

»Natürlich! Barjad war arm, aber brav. Mein


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Bruder wußte dies und gab ihm das Geld, welches zur Errichtung eines Geschäftes in Chartum gehörte. Später lieh er ihm eine noch höhere Summe, um sein Geschäft zu vergrößern. Dann, als die Zeit kam, in welcher diese Beträge zurückzuzahlen waren, reiste ich nach Chartum, um sie in Empfang zu nehmen. Ich kam zu Barjad el Amin. Er war ein anderer geworden. Er hatte einen Gehilfen, welcher Ibn Asl hieß, in sein Geschäft genommen und war von diesem auf die hohe Erträglichkeit des Sklavenfanges aufmerksam gemacht worden. Es gelüstete ihn nach den Reichtümern, welche auf diesem Wege zu erlangen sind; die Habgier hatte in seinem Herzen Einzug gehalten. Aber zum Sklavenfange gehört, wenn er kaufmännisch betrieben werden soll, Geld, sehr viel Geld. Wenn er soviel an mich zu zahlen hatte, blieb ihm nicht genug. Da raunte ihm der Teufel zu: Gieb es ihm nicht, oder noch besser, gieb es ihm, verlange Quittung, und nimm es ihm dann wieder! Er gehorchte dieser Teufelsstimme. Ich hatte keine Ahnung davon. Ich wurde freundlich empfangen, bekam das Geld und quittierte. Ich wohnte dann noch einige Tage bei ihm. Am Tage vor meiner Abreise verabschiedete ich mich von den andern Bekannten in Chartum, denn die Dahabijeh, mit welcher ich nilabwärts zu fahren beabsichtigte, sollte schon beim Morgengrauen ihre Fahrt beginnen. Ich legte mich zeitig schlafen und erwachte von einem Schlage, den ich auf den Kopf erhielt; ich sage, erwachte, um aber die Besinnung sogleich wieder zu verlieren. Als ich dann wieder zu mir kam, fühlte ich schaukelnde Bewegungen unter mir. Lag ich in einem Schiffe? Nein, denn in dieser Weise schaukelt höchstens ein kleiner Kahn, aber kein Schiff. Ich öffnete die Augen; es war dunkel. Ich wollte aufstehen, mich bewegen; ich war gebunden. Da


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rief ich laut um Hilfe, aber nur, um eine drohende Stimme unfern von mir sagen zu hören, daß man mich peitschen werde, falls ich nicht vollständig ruhig sei.«

»Du befandest dich wohl auf einem Kamele?«

»Ja. Es war Nacht, aber ich sah keine Sterne, denn ich lag, wie ich beim Anbruch des Morgens sah, in einem Tachtirwahn, einer Frauensänfte, welche von einem Kamele getragen wurde und mit dicken Decken verhangen war. Denke dir, man hatte mir, wie ich später bemerkte, Frauenkleider angezogen und sogar einen mehrfachen Schleier über das Gesicht befestigt. Ich sollte bei einer etwaigen Begegnung als Weib gelten. Du weißt ja, daß sich niemand um die Insassin eines Tachtirwahn kümmern darf. Am Vormittage wurde Halt gemacht. Das Kamel kniete nieder, und man nahm mich aus der Sänfte. Wir befanden uns in der Steppe. Fünf Reiter waren meine Begleiter. Vier davon kannte ich nicht; den fünften aber kannte ich desto besser; es war - - Ibn Asl.«

»Wie? Er wagte es, vor dein Angesicht zu treten?«

»O, er wagte noch viel mehr. Er hatte die Stirn, mir alles zu sagen. Ohne diese geradezu unvergleichliche Frechheit und ohne seine Anwesenheit damals wüßte ich heute noch nicht, wie damals alles gekommen ist. Er erzählte mir mit lachendem Munde, daß man meines Geldes zum Sklavenfange bedürfe, daß er und Barjad el Amin Compagnons seien und den Ertrag der Jagden teilen würden. Er selbst sei dafür gewesen, daß ich getötet würde, aber Barjad habe die Schwachheit besessen, dies nicht zuzugeben, weil er meinem Bruder große Gefälligkeiten zu verdanken habe. Da ich aber unschädlich gemacht werden müsse, wolle man dafür sorgen, daß ich niemals einem Bekannten begegnen und auch nie zurück-


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kehren [zurückkehren] könne. Was man damit meinte, erfuhr ich erst am Ende der Reise, als wir in das Land der Takaleh kamen und ich dem Mek dieses Volkes als Sklave übergeben wurde. Er brauchte nichts für mich zu bezahlen, hatte aber dafür zu sorgen, daß mich niemand, dem ich vielleicht bekannt sei, sehen könne. Ich hörte noch, daß Ibn Asl mit dem Mek den Vertrag abschloß, daß der letztere ihm jährlich zweimal an ganz bestimmten Terminen Sklaven nach Faschodah zu senden habe, welche sofort mit gewissen Waren zu bezahlen seien. Dann wurde ich fortgeschafft.«

»Wohin?«

»An einen schrecklichen Ort, welchen ich seit jenem Tage nur verlassen habe, um jetzt nach Faschodah transportiert und Ibn Asl wieder ausgeliefert zu werden. Weißt du vielleicht, daß es bei den Takaleh berühmte Kupferbergwerke giebt?«

»Das ist mir allerdings bekannt.«

»Nun, in eine solche Grube wurde ich geschafft, um, angefesselt, in derselben zu arbeiten. Ich habe von jenem Tage an die Sonne nicht mehr gesehen. Und als man mich vor kurzem von der Kette löste, sagte mir einer, der wenig Erbarmen mit mir hatte, daß man mich jetzt dem Tode entgegenführe.«

»Wieso dem Tode?«

»Beim letzten Sklaventransporte hat Ibn Asl mich zurückverlangt. Er ist mit Barjad el Amin uneinig geworden und führt nun sein Geschäft auf seine eigene Rechnung fort. Er hat auf die Wünsche seines frühern Compagnons nicht mehr Rücksicht zu nehmen und glaubt sich sicherer, wenn ich nicht mehr lebe. Er könnte zwar dem Mek sagen, daß derselbe mich töten lasse, traut ihm aber nicht. Darum hat er meine Auslieferung verlangt,


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welche für mich mit dem Tode gleichbedeutend ist. Soll ich dir erzählen, was ich erlitten und ausgestanden habe? Jetzt nicht, aber vielleicht später einmal. Und soll ich dir nun sagen, welche Wonne ich jetzt empfinde, da ich gewiß bin, der bisherigen Sklaverei und dem auf mich wartenden sicheren Tode entgangen zu sein? Ich sehe in dir einen Engel, von Allah gesandt, welchem ich - -«

»Sprich nicht so!« fiel ich ihm in die Rede. »Allah hat es gefügt. Ihm allein hast du zu danken. Fühlst du dich stark genug, den Ritt nach Faschodah auszuhalten?«

»Ja. Hätte ich doch sonst durch die Wüste dahinmarschieren müssen! Die schwere Arbeit hat meine Muskeln gestählt. Du brauchst um mich keine Sorge zu tragen. Wann werden wir in Faschodah sein?«

»Ich hoffe, in vier Tagen dort anzukommen.«

»Und Ibn Asl ist dort?«

»Sehr wahrscheinlich.«

»Dann wehe ihm! Ich werde mich rächen. Ich werde ihn nicht etwa dem Mudir übergeben, sondern ich will - -«

»Erlaube, daß ich dich unterbreche! Zerbrich dir nicht den Kopf mit dem Gedanken, wie du dich an ihm rächen willst. Du bist nicht der einzige, der mit ihm abzurechnen hat. Ich werde dir davon erzählen. Jetzt wollen wir ruhen. Wir haben einen weiten Ritt vor uns, und ich denke, daß besonders du des Schlafes nicht entbehren darfst.«

»Ich schlafen? Effendi, welch ein Gedanke! Einer, der tot war und wieder lebend wurde, soll im Augenblicke des Erwachens an den Schlaf denken! Nein, nein! Wenn ich auch wollte, ich könnte nicht schlafen. Schlaft aber ihr. Ich will hier sitzen, still und ohne mich zu


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regen, und die Seligkeit durchkosten, das Firmament und den Himmel Allahs über mir zu haben und tausend und abertausend Sterne in mir aufgehen zu fühlen.«

»Nun wohl, ich sehe allerdings ein, daß du viel, viel lieber wachen als schlafen willst. So wache; aber wecke uns beide, kurz ehe der Tag zu grauen beginnt, später ja nicht, damit wir die Takaleh beobachten können. Und paß gut auf diesen Baqquara auf; er darf uns ja nicht etwa entkommen.«

»Effendi, was das betrifft, so kannst du dich auf mich verlassen. Er ist der Gesandte Ibn Asls, der mein Teufel war. Wer von diesem Menschen kommt, der hat von mir keine Nachsicht und kein Erbarmen zu erwarten. Ich würde mich eher töten als ihm die Freiheit geben.«

Nach dem, was er durchgemacht hatte, mußte ich freilich überzeugt sein, daß ich für den Baqquara keinen bessern Wächter haben könne; darum legte ich mich nieder, hüllte mich in meinen Haïk und schlief ohne Sorgen ein. Er war sehr pflichtgetreu, denn als er mich und Ben Nil weckte, war es noch nicht Morgen, sondern die Sterne begannen eben erst zu erbleichen.

Im Einschlafen war mir ein Gedanke gekommen, den ich jetzt zur Ausführung brachte. Ich wünschte, die Takaleh zu belauschen, um zu wissen, was ich von ihnen zu denken und zu erwarten hatte. Zu Lande war dies, wenn vielleicht auch möglich, aber doch höchst gefährlich; es mußte also zu Wasser geschehen. Aber wie? Selbst wenn es einen Kahn hier gegeben hätte, hätten wir uns desselben nicht bedienen dürfen, also mußte ein Floß gewählt werden, aber ein solches, welches die Augen nicht auf sich zog. Es durfte keine künstliche, sondern es mußte eine natürliche Gestalt haben. Ich beschloß, eine kleine, schwimmende Insel zu bauen, was gar nicht schwer war,


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denn Material dazu war mehr als genug vorhanden. Um mir dasselbe auszuwählen, ging ich mit Ben Nil näher an das Wasser.

Da sah ich die borstig behaarten Triebe und gefiederten Blätter zahlreicher Ambagsträucher emporragen. Dieser Ambag giebt das vortrefflichste Material zu Flößen. Das Holz ist so leicht, daß ein Floß, welches drei Männer hält, sehr leicht von einer Person getragen werden kann. Da das Wasser mit der Zeit in das Mark, welches sehr schwammig ist, eindringt und dann das Floß zum Sinken bringt, ist ein solches Fahrzeug für eine längere Fahrt freilich nicht zu gebrauchen; für kürzere Zeit aber oder gar für meinen Zweck konnte ich gar nichts Geeigneteres finden. Eine Eigentümlichkeit dieses Ambag ist übrigens, daß er stets die Papyrusstaude begleitet.

Daneben stand zähgrasiges Andropogon giganteus und auch Hibiscus cannabinus, beides ganz vortrefflich, die drei bis vier Meter langen Ambagstämme zu verbinden. Um dem Floße ein inselartiges Aussehen zu verleihen, besetzten wir es rundum mit hohen Omm-Sufah-Büscheln. Einige starke Aeste, an welche wir Schilf breit banden, mußten als Ruder dienen. Diese Arbeit war so leicht und ging so schnell, daß wir fertig waren und das Floß im Wasser hatten, noch ehe es völlig Tag geworden war. Dieses Fahrzeug trug mich und Ben Nil mit Leichtigkeit. Hafid Sichar mußte bei den Kamelen und dem Baqquara bleiben.

Beim Grauen des Tages konnte ich mich zu meiner Freude davon überzeugen, daß sich auf unserer Fährte das Gras vollständig wieder aufgerichtet hatte. Der Platz, an welchem wir geschlafen hatten, lag hinter Büschen gut versteckt, und so konnte ich überzeugt sein,


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daß die Takaleh, selbst wenn sie nach uns suchen würden, uns nur durch einen bloßen Zufall finden konnten.

Wir bestiegen das Floß und ruderten es zunächst über den kleinen See, der eigentlich nur ein Teich zu nennen war. Als wir den größeren erreichten, mußten wir vorsichtig sein, denn wir näherten uns dem Lagerplatze der Takaleh. Wir ruderten das Floß so langsam vorwärts, daß es schien, als ob es nur von dem Morgenwinde getrieben werde. Wer nicht besonders und sehr scharf acht auf dasselbe gab, bemerkte gar nicht, daß es sich bewegte. Auch die Ruder waren nicht zu sehen, denn wir hatten die Omm-Sufah-Büschel so angebracht, daß sie dieselben verdeckten.

Die Takaleh schienen eine sehr schlafsüchtige Gesellschaft zu sein. Wir näherten uns ihrem Lagerplatze mehr und mehr und hörten doch nicht das mindeste von ihnen. Es war schon ganz hell. Dennoch wagten wir es, uns bis an das Ende des Sees zu rudern, wo der Nid en Nil, plötzlich enger werdend, die Furt des Schattens bildete. Dort legten wir an. Wären wir hier ausgestiegen, so hätten wir mit fünfzig oder sechzig Schritten das Lager erreichen können, und dennoch war es, die verschiedenen Tierstimmen natürlich nicht in Mitrechnung gezogen, rundum so still, als ob kein Mensch vorhanden sei. Wir lugten zwischen den Schilfbündeln hindurch, vergeblich; es war auch niemand zu sehen. Eben wollte ich aufstehen, um einen besseren Ueberblick zu bekommen, da wurde es plötzlich laut und lebendig. Ich hörte eine Stimme erschrocken rufen:

»Erwacht, ihr Schläfer, erwacht; es ist ein Unglück geschehen!«

Einige Augenblicke der Stille traten ein; dann folgte ein Gewirr von vielen Stimmen; man lief fort, nach


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allen Richtungen; man kehrte zurück; man rief, schrie, fluchte, fragte und antwortete. Es war schwer, das, was einzelne sagten, deutlich zu unterscheiden; ich konnte nur soviel entnehmen, daß man die Flucht Hafid Sichars, das Fehlen des Baqquara und das Nichtvorhandensein der drei Kamele bemerkt hatte. Jeder schien eine andere Meinung darüber zu haben und gerade diese zur Geltung bringen zu wollen. Der Lärm, welcher dadurch entstand, konnte mit nichts besser als mit einer Spatzenkirmes verglichen werden, welcher nur dadurch ein Ende gemacht wurde, daß der Hauptspatz, nämlich Schedid, in donnerndem Tone rief.

»Still, ruhig, ihr Schwätzer! Redet keine Dummheiten, sondern laßt uns diesen sonderbaren Fall mit Scharfsinn und Ruhe untersuchen.«

Nun, ich war neugierig, zu welchem Resultate es der Scharfsinn dieser Leute bringen werde. Der Baqquara war fort; man rief nach ihm, aber er kam nicht. Hafid Sichar war fort; man rief nach ihm, aber er kam nicht. Die drei Kamele waren fort; man suchte nach ihnen, aber man fand sie nicht. Da diese beiden Menschen und diese drei Tiere zu gleicher Zeit als abwesend entdeckt worden waren, so war man der Ansicht, daß sie auch zu gleicher Zeit miteinander fortgegangen seien. Da aber Kamele Menschen nicht zu entführen pflegen, sondern gewöhnlich der umgekehrte Fall stattfindet, so nahm man auch hier an, daß die Kamele von den beiden fehlenden Männern fortgeschafft worden seien. Der eine von diesen zweien war frei, der andere gefangen, angebunden gewesen. Dieser letztere hatte ohne die Hilfe des ersteren nicht fortgekonnt, folglich mußte der Baqquara Hafid Sichar losgebunden haben, um ihn zu befreien und mit Hilfe der Kamele fortzubringen.


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»Dieser Verräter, dieser Hund!« schrie Schedid zornig. »Darum bot er sich selbst und freiwillig an, Wache zu halten!«

»Er ist vielleicht gleich in der Absicht, Hafid Sichar zu befreien, hierher gekommen,« meinte ein anderer.

»Natürlich!« stimmte ein dritter bei. »Was er gesagt hat, war alles Lüge, alles Flunkerei.«

»Er war ein Schurke,« behauptete ein vierter; »die beiden Senussi aber waren brave Leute.«

»Sie waren sogar heilige Männer!« schrie ein fünfter. »Wie haben wir den frommen und gelehrten Mudir beleidigt, und zwar um eines solchen Schuftes willen! Er wird die Strafe Allahs auf uns herniederrufen.«

»Das hat er schon gethan,« ließ sich eine sechste Stimme hören, »und eben darum hat Allah uns diesen schweren Verlust gesandt. Hätten wir diesen heiligen Männern geglaubt, so wäre das Unglück nicht geschehen.«

»Mir fehlt mein Schlauch!« schrie plötzlich einer.

»Seht nach, ob noch andere Sachen fehlen!« gebot Schedid.

»Mein Schlauch fehlt auch!« rief ein anderer.

»Auch meiner, und mein Kamel dazu!«

»Mein Kamel ist auch fort, und das deinige ebenso, o Schedid!« brüllte es zornig von weiter her.

»Was?« fragte der Anführer. »Mein Kamel soll fehlen, mein teures Abu Havas-Hedschihn?«

»Ja. Da haben wir die Tiere alle zusammengetrieben. Sieh her! Du kannst sehen, daß du gerade die drei besten Kamele nicht siehst.«

»O Allah, o Hölle, o Teufel! Das Verderben über diesen verfluchten Baqquara! Seine Spur müssen wir zu entdecken suchen.«


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»Ja, lauft, sucht, ihr Männer!« befahl Schedid. »Sucht nach allen Seiten, diesseits und jenseits der Furt! Nur drei oder vier mögen da bleiben, um die Sklaven zu bewachen!«

Man gehorchte diesem Befehle, und darum wurde es für einige Zeit still.

»Effendi,« kicherte Ben Nil mir zu, »wenn wir das gewußt hätten, so hätten wir alle Gefangenen und alle Kamele entführen können. Wir sind viel, viel zu vorsichtig gewesen.«

»Ja, wir hätten alles fortschaffen können. Aber warum uns damit schleppen, da Schedid es uns gewiß nach Faschodah bringen wird! Es ist uns alles über Erwarten geglückt. Nun bin ich neugierig, ob sie, wenn sie mit Suchen fertig sind, ihre irrige Ansicht ändern werden.«

»O nein, denn diese Leute scheinen mit Blindheit geschlagen zu sein.«

Er hatte Recht. Die nach allen Richtungen ausgesandten Männer kehrten zurück, und das Resultat war, daß keiner etwas gefunden hatte. Nördlich vom Wasser, welche Richtung der Baqquara, falls er wirklich an der Mischrah Omm Oschrin wohnte, eingeschlagen haben mußte, war keine Spur von ihm zu finden gewesen. Er mußte also nach Süden geritten sein. Aber diejenigen, welche nach dieser Richtung gesucht hatten, behaupteten, daß auch dort keine Fährte zu entdecken sei. Darum watete Schedid selbst durch die Furt, um darüber nachzuforschen. Er kehrte nach einiger Zeit wetternd und fluchend zurück und erklärte:

»Es ist wirklich nichts zu finden. Was wird der Mek und was wird In Asl sagen, wenn wir ihnen sagen müssen, daß gerade dieser Hafid Sichar entkommen


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ist! O Allah, wie werden wir von diesen beiden empfangen werden!«

Da meinte einer, der jedenfalls der klügste von allen war.

»Während so kurzer Zeit verwischt sich keine Spur; das solltest du bedenken, o Schedid!«

»Was willst du damit sagen?« fragte der Genannte.

»Wo keine Spur ist, da ritt kein Kamel. Ist rundum keine Fährte zu sehen, so ist der Baqquara noch gar nicht fort, sondern irgendwo versteckt mit Hafid Sichar und den Kamelen. Du wirst doch zugeben, daß er sehr schlau gehandelt hat. Die Frömmigkeit und Heiligkeit der beiden Senussi war ihm im Wege; er hielt sie für gefährlich für sich; darum klagte er sie an; darum erfand er ein Märchen, um sie für sich unschädlich zu machen. War das nicht klug, nicht schlau?«

»Sehr listig sogar!«

»Nun, so darfst du ihm zutrauen, daß er später ebenso schlau gehandelt hat. Er mußte sich sagen, daß wir seine Spur entdecken würden; darum machte er lieber keine, indem er in der Nähe blieb und sich versteckte, um zu warten, bis wir fort seien.«

»Allah akbar! Daran habe ich gar nicht gedacht. Du kannst sehr recht haben. Auf, ihr Männer, um nach dem Verborgenen zu suchen. Forscht überall, aufwärts und abwärts, rechts und links, hüben und drüben vom Wasser!«

Jetzt wurde die Sache für uns etwas weniger angenehm. Blieben wir mit unserem Floße hier liegen, so konnte ein kleiner Zufall uns verraten. Wir hatten übrigens genug gehört; darum stießen wir ab und ruderten zurück, aber so langsam, daß nur einer, welcher den Blick minutenlang auf uns gerichtet hielt, bemerken konnte, daß unsere Insel sich bewegte. Und daß man derselben


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eine so scharfe Aufmerksamkeit widmen werde, das stand nicht zu erwarten, denn es gab in dem See mehrere wirkliche, mit Schilf bewachsene Inseln, wodurch das Dasein der unserigen weniger auffällig wurde.

Wir sahen mehrere Takaleh wieder durch die Furt gehen. Man suchte an beiden Ufern. Wenn man die Nachforschung auch nach dem andern See, an dessen Ende unser Lagerplatz war, hin erstreckte, konnte dieser letztere noch entdeckt werden. Aber zu fürchten brauchten wir diesen Fall ganz und gar nicht. Wurden wir bemerkt, dann doch jedenfalls nur von einigen wenigen Männern, vor denen sich zu fürchten die reine Lächerlichkeit gewesen wäre. Ehe sie die übrigen herbeibrachten, waren wir auf unseren Tieren schon soweit fort, daß wir uns in vollster Sicherheit befanden. Lieber freilich war es mir, wir wurden nicht entdeckt. Es paßte sehr gut in meinen Plan, daß man der Geschichte von dem fremden Effendi keinen Glauben mehr schenkte; dies mußte aber sofort anders werden, wenn man erkannte, daß der Baqquara nicht unehrlich gehandelt habe, sondern mit Hafid und den Kamelen selbst entführt worden sei.

Unsere Fahrt ging über den größeren See nur langsam von statten; aber als wir den kleineren erreicht hatten, waren wir den Takaleh aus den Augen und ruderten schneller. Bald legten wir bei dem Lagerplatze an und stiegen aus. Wir waren lange fort gewesen; darum hatte Hafid Sichar sich in Unruhe wegen uns befunden; er war froh, als er uns jetzt zurückkehren sah. Wir erzählten ihm, was wir gesehen und gehört hatten, und dann stieg ich, um eine etwaige Annäherung zeitig bemerken zu können, auf einen nahen Baum, dessen dichtes Blätterwerk mich vollständig verbarg und mir aber doch den Ausguck nach allen Richtungen erlaubte.


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Nach einiger Zeit sah ich drüben am nördlichen Ufer zwei Takaleh, welche suchend an demselben hinschritten. Sie konnten nicht herüber, uns also nicht gefährlich werden. Aber bald darauf kamen diesseits drei andere, welche von Busch zu Busch, von Baum zu Baum schritten und hinter jedes Strauchwerk blickten. Wenn sie nur noch zwei Minuten in dieser Weise fortsuchten, mußten sie uns finden. Ich glitt schnell vom Baume herunter, verließ unsern Lagerplatz und ging ihnen, natürlich ohne mich sehen zu lassen, eine kurze Strecke entgegen. Es gab da ein dichtes Gebüsch, bis zu dessen Spitzen sich scharfes Dornwerk rankte. Aller Erwartung zufolge mußten sie da vorüberkommen; ich kroch also hinein.

Es dauerte nicht lange, so kamen sie, sahen erst in ein benachbartes Gesträuch und wendeten sich dann nach meinem Versteck.

»Es ist vergebens,« sagte einer von ihnen. »Hier hüben sind sie nicht. Kehren wir wieder um!«

»Nur noch einige Schritte, bis dort zu der Ecke, an welcher der Subakh steht!« lautete die Antwort.

O weh! Auf jenem Subakh hatte ich soeben gesessen, und hinter dieser Ecke befand sich unser Lagerplatz! Jetzt waren sie nur noch fünf Schritte von meinem Buschwerk entfernt. Ich griff in die schwachen Stämmchen, bewegte sie, als ob ein Tier sich da, wo ich mich befand, vom Boden erhebe, und versuchte, jenes knurrende Pfauchen nachzuahmen, welches ein in seiner Ruhe gestörtes Raubtier hören läßt. Dann rollte ich mit der Zunge in möglichst tiefem Tone, röchelte dazu durch die Nase und stieß darauf einen kurzen, heiseren Schrei aus, bei welchem der Wüstenbewohner, wenn er ihn hört, in den Stoßseufzer ausbricht:


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»Der Löwe ist erwacht. Allah beschirme uns vor dem Würger der Herden!«

Ich hatte auf einsamen Ritten aus Langeweile oft versucht, das Gebrüll des Löwen nachzuahmen. Es richtig wiederzugeben, dazu sind die menschlichen Stimmwerkzeuge unfähig, aber eine Aehnlichkeit läßt sich doch erreichen. Das war auch jetzt der Fall. Die drei Takaleh prallten, als sie mich hörten, ganz entsetzt zurück.

»Eine Löwe, ein Löwe!« schrie einer von ihnen. »O Allah, o Beschützer, o Erhalter des Lebens, bewahre uns vor - -«

Die Fortsetzung dieser Worte konnte ich nicht hören, weil der Kerl, während er in dieser Weise zeterte, so schnell davon rannte, daß er bei dem letzten Worte schon nicht mehr zu sehen war. Und seine beiden Gefährten, welche noch flinkere Beine besaßen, waren ihm sogar schon weit voran. Da hörte ich hinter unserer Ecke Ben Nils lachende Stimme:

»Effendi, die kommen nicht wieder! Was bringst du doch alles fertig! Jetzt hast du dich sogar in einen Löwen verwandelt! Das zornige Knurren und Pfauchen voran war vortrefflich. Es klang ganz genau so, als ob ein Löwe aus dem Schlafe gestört worden sei. Aber dann das Brüllen war weniger gut. Man hörte, daß es aus keinem Löwenrachen kam.«

»Weil du wußtest, wer dieser Löwe war!«

»Jawohl. Den Takaleh aber ist es ganz naturgetreu erschienen. Sie werden sich nun hüten, den Subakh und unsere Ecke zu untersuchen. Als du fortgingst und dort in das Loch krochst, dachte ich, daß uns dies gerade verraten könnte. Ich wußte ja nicht, daß du den >Herrn mit dem dicken Kopfe< spielen wolltest. Nun aber bin


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ich froh, daß du es gethan hast. Wie bist du denn auf diesen Gedanken gekommen, Effendi?«

»So, wie einem in der richtigen Lage der richtige Gedanke kommen muß: ganz unerwartet und ohne langes Suchen.«

Ich war inzwischen zurückgekehrt und sah, daß Ben Nil sein Messer in der Hand hatte. Auf meinen fragenden Blick erklärte er:

»Als die Takaleh kamen, sagte ich diesem Baqquara, daß ich ihn, falls er den leisesten Laut hören lasse, sofort erstechen werde. Nun sind sie fort. Wollen wir nicht aufbrechen?«

»Nein. Ich will sie erst fortlassen.«

Aber wir versäumen damit eine kostbare Zeit. Du weißt, wie eilig wir es haben, nach Faschodah zu kommen!«

»Diesen Zeitverlust holen wir mit unseren guten Kamelen bald wieder ein. Ich muß wissen, wie wir zu reiten haben, damit diese Takaleh nicht auf unsere Fährte stoßen. Da sie einen Löwen in ihrer Nähe vermuten, werden sie sich nicht lange mehr an der Furt aufhalten, denn sie müssen annehmen, daß das Raubtier diese Furt als Wechsel benutzt. Ich werde sie beobachten.«

Um dies zu thun, stieg ich wieder auf den Baum und nahm dieses Mal mein Fernrohr mit. Ich konnte mit Hilfe desselben über beide Seen hinwegblicken; aber die Bäume und Sträucher der Ufer, hinter denen sich die Karawane befand, verhinderten mich, zu beobachten, was die Leute thaten.

Nach vielleicht einer halben Stunde bemerkte ich eine Bewegung oben an der Furt, und dann sah ich den Zug am diesseitigen Ufer unter den Bäumen hervorkommen und sich südwärts hinaus in die Wüste wenden. Eine


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Abteilung der Reiter war voran, die andern hinterdrein; die Gefangenen marschierten in der Mitte. Ich verfolgte die Karawane mit dem Rohre, bis sie am Horizonte verschwunden war. Dann richtete ich das Teleskop ohne eine bestimmte Absicht, ganz unwillkürlich, nach Norden und nach Osten. Dort, in letzterer Richtung, bewegten sich einige Punkte. Waren das Tiere oder Menschen? Sie näherten sich, aber nicht gerade auf uns zu, sondern in südwestlicher Richtung, so daß dieselbe mit derjenigen der Karawane im Süden von uns zusammenstoßen mußte. Die Gestalten waren selbst durch das Rohr zu klein, als daß ich hätte bestimmen können, wer oder was sie seien. Und sie wurden noch kleiner und immer kleiner, bis ich sie gar nicht mehr sehen konnte. Jetzt stieg ich vom Baume herab.

Gestern abend hatte ich die Züge Hafid Sichars nicht deutlich erkennen können; jetzt am Tage sah ich, daß er eine große Aehnlichkeit mit seinem Bruder besaß. Er bat mich, ihm die Mumienhand zu zeigen, und als ich dieser Aufforderung nachgekommen war, erklärte er, daß er sie erkenne, und daß sie wirklich die Hand der Pharaonentochter sei, die er gemeint habe. Darauf öffnete ich meinen wasserdichten Gürtel, nahm die beiden unadressierten Briefe heraus, welche sein Bruder mir in Siut gegeben hatte, und sagte:

»Diese Briefe brachte mir Ben Wasak in den Palast des Pascha nach Siut. Er sagte mir, daß ich sie nach meiner Ankunft in Chartum öffnen solle.«

»So sind sie dein Eigentum,« sagte er, indem er sie in die Hand nahm, um sie zu betrachten. »Stecke sie wieder ein, und öffne sie, wenn du nach Chartum kommst!«

»Ich hätte lieber Lust, sie dir jetzt zum Oeffnen zu übergeben. Ich glaubte damals, und infolgedessen dein


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Bruder auch, daß ich direkt nach Chartum gehen würde. Es ist aber anders gekommen. Ich mußte nach dem Lande der Fessarah; es ist inzwischen eine nicht unbedeutende Zeit vergangen, und wer weiß, welchen wichtigen Inhalt diese Briefe haben. Es ist vielleicht besser, wenn wir ihn kennen lernen.«

»So öffne sie jetzt!«

»Nein, du! Ich bin noch nicht in Chartum.«

»So werde ich sie aufmachen. Es könnte doch etwas darin stehen, was uns zu wissen Vorteil bringt.«

Er öffnete die Umschläge. Sie enthielten je einen offenen Empfehlungsbrief und eine Anweisung auf ein Chartumer Haus.

»Hat mein Bruder dich gekannt, ehe du zu ihm nach Maabdah kamst?« fragte Hafid Sichar.

»Nein.«

Er sah mich mit einem langen, großen Blicke an, und seine Augen glänzten feucht, als er dann sagte:

»Das, das that mein Bruder für mich, und ich glaubte, er habe mich ganz aufgegeben. Diese Anweisungen sagen Mehr, als du denkst. Sie sind von hohem Betrage. Er muß vorher alles mögliche, mich zu entdecken, aufgeboten haben. Er sah dich zum erstenmale und gab dir solche Briefe mit! Du mußt ihm als ein sehr ehrlicher und vertrauenswerter Mann erschienen sein. Bedenke, daß du ein Christ und ihm vollständig Fremder warst! Was hättest du mit dem vielen Gelde gemacht?«

»Dir gegeben, sobald ich dich fand. Stecke die Empfehlungen und Anweisungen ein; sie gehören dir! Wir werden zusammen bleiben, bis du zu deinem Bruder kommst, und falls ich etwas bedarf, werde ich es dir sagen.«


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»Gut! Unter dieser Bedingung werde ich die Papiere behalten. Aber wohin soll ich sie stecken, da ich keine Taschen habe?«

Es war wahr; er hatte keine einzige Tasche, da er, der reiche Mann, nur mit einem, noch dazu ziemlich defekten Lendenschurze bekleidet war.

»Du wirst gleich Taschen haben,« antwortete ich. »Dieser Baqquara ist von deiner Statur. Ihr werdet eure Anzüge wechseln. Du nimmst den seinigen, und er bekommt den deinigen.«

»Wage das!« fuhr mich der Baqquara an. »Ich bin ein freier Ben Arab und gehe nicht nackt!«

»Vorher war er gefangen, und du warst frei; darum ging er nackt, und du trugst Kleider. Jetzt bist du gefangen, und er ist frei; folglich wechselt auch die Kleidung.«

»Ich dulde es nicht!«

»Ben Nil, schneide Stöcke ab zur Bastonnade!«

»Schlagen, mich schlagen?« schrie der Baqquara auf. »Mir die Bastonnade, mir? Wer giebt dir das Recht dazu?«

»Der Vicekönig. Ich stehe hier an Stelle des Reïs Effendina. Aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre, würde ich thun, was mir beliebt. Du bist ein Verbündeter meines Todfeindes, der mir nach dem Leben trachtet. Du selbst hast gestern abend direkt gegen mich gesprochen und gehandelt. Mit welchem Rechte? So frage ich dich ebenso, wie du nach meinem Rechte fragst. Mit dem Rechte des Stärkern! Nach dem Gesetze der Wüste und Steppe. Ich rate dir: Wenn dir deine Fußsohlen lieb sind, so füge dich freiwillig meinem Befehle! Ich habe dir die Freiheit gegen ein offenes Geständnis geben wollen; du bist nicht auf meinen Vorschlag eingegangen


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und hast es dir also nur selbst zuzuschreiben, wenn die Folgen davon dich nicht gerade in Entzücken versetzen. Herunter mit dem Anzuge!«

Ben Nil wollte ihm den Haïk ausziehen, aber er wehrte sich. Da machte ich nun Ernst. Er wurde vor dem Baume auf den Bauch gelegt und mußte die Unterschenkel von den Knieen an aufwärts heben. Sie wurden an den Stamm gebunden, so daß er sich nicht bewegen konnte. Dann setzte Hafid Sichar sich ihm auf den Rücken, damit er liegen bleiben mußte, und Ben Nil schnitt einen fingerstarken Stock vom Busche. Gleich beim ersten Hiebe schrie der Gezüchtigte grell auf; beim zweiten jammerte er:

»Laß ab, laß ab, Effendi! Ich will gehorchen. Diese Bastonnade kann kein freier Arab Baqquara aushalten!«

»Du konntest sie dir ersparen. Laß dir die beiden Streiche zur Lehre dienen!«

Er wurde losgebunden, und nun ging der Kleiderwechsel ohne weiteres von statten. Dann rüsteten wir uns zum Aufbruche. Für die Menschen war noch Wasser vorhanden; für die Kamele wurden die Schläuche aus dem Nid en Nil gefüllt. Dann stiegen wir auf und verließen den Ort, von welchem ich nicht geahnt hätte, daß ich an demselben den von seinem Bruder so lange vergeblich gesuchten Hafid Sichar finden würde.

Wie schon erwähnt, sollten die Takaleh unsere Fährte nicht sehen; deshalb hatte ich sie voranziehen lassen. Dennoch folgten wir zunächst der ihrigen, um später von derselben abzubiegen. Als wir ungefähr eine Viertelstunde geritten waren, sahen wir von links her eine zweite Fährte kommen. Sie stammte jedenfalls von denjenigen Wesen, welche ich als kleine Punkte durch das Fernrohr am östlichen Horizonte gesehen hatte, und hier war der


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Punkt, an welchem sie auf die Spuren der Takaleh gestoßen war.

»Wer mag das gewesen sein?« meinte Ben Nil. »Es sind so kleine Stapfen.«

Ich stieg ab und hieß auch ihn absteigen, denn er sollte sich im Fährtelesen üben. Was er von und bei mir lernte, konnte ihm später wohl von Nutzen sein. Ich wußte gleich beim ersten Blicke, woran ich war, doch forderte ich ihn auf:

»Sieh dir diese Spuren genau an! Von weichen Tieren können sie eingetreten worden sein?«

»Das - das sind wohl Esel gewesen?« sagte er, mich fragend anblickend.

»Ja, Esel,« nickte ich ihm befriedigt zu. »Und wie viele?«

»Vier oder fünf.«

»Nein, sondern nur drei. Wenn man die Zahl der Tiere wissen will, muß man sein Augenmerk nur auf die Summe der Eindrücke eines bestimmten Beines richten. Wer die Spuren aller Hufe zählt, wird irre. Nehmen wir zum Beispiel den rechten Vorderhuf. Du erkennst den Eindruck an mehreren Zeichen, vor allen Dingen daran, daß er nach außen, also nach rechts, mehr konvex ist als nach innen, nach links. Zieh dann die Verschiedenheit der Eindrücke dieser rechten Vorderhufe zu Rate, so wirst du die Zahl der Tiere haben.«

»Ja, es waren nur drei Esel,« sagte er, nachdem er die Spur von den gegebenen Gesichtspunkten aus noch einmal genau betrachtet hatte.

»Was trugen die Esel? Reiter oder Lasten? Oder ging einer von ihnen vielleicht frei?«

»Woran erkennt man es?«

»An der Tiefe der Eindrücke, an der Regelmäßigkeit


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des Ganges und aus andern, mehr durch den Zufall gegebenen Zeichen. Je schwerer ein Tier beladen ist, desto tiefer drückt sich sein Fuß in den Sand. Ein Lasttier wird meistenteils vorn leichter als hinten gehen. Ein Reittier hat einen unregelmäßigeren Gang als ein Saumtier, weil es mehr von dem Willen seines Reiters abhängig ist, während das Lasttier ruhig seinen Gang fortgeht. Komm ein Stück auf dieser Fährte weiter, so siehst du, daß jeder der Esel einmal rechts, einmal links, einmal in der Mitte gegangen ist. Das kommt bei Saumtieren nicht oder nur höchst selten vor; sie haben also Reiter getragen. Was für Reiter mögen das gewesen sein?«

»Wie kann ich das wissen! Ich habe sie nicht gesehen, und da sie im Sattel saßen, konnten sie von sich keine Spuren zurücklassen.«

»Und doch ist nichts leichter als das. Auf Eseln reitet hier nur eine ganz bestimmte Art von Leuten.«

»Meinst du, es seien Dschellab gewesen?«

»Ja, da nur ein Dschellabi, ein Hä