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Viertes Kapitel

El  Aschdar.

   Der für den Kampf bestimmte Platz war die weite, sandige Strecke, über welche wir gestern abend mit dem Münedschi von Ben Nur geführt worden waren. Wir gingen hinaus und zeichneten unsere Stellung und diejenige unserer Gegner mit Strichen in den feinkörnigen Boden; Halef wollte ihr die Richtung nach Norden und nach Süden geben; ich schlug die beiden andern Himmelsgegenden vor und erklärte ihm, daß derjenige Duellant im Vorteile sei, welcher die Sonne im Rücken habe, während sie den mit dem Gesicht ihr Zugekehrten blende. Wir beschlossen also, den östlichen Teil des gezeichneten Kreises einzunehmen. Es war das einer der erwähnten »Kniffe«, welche nicht als Unredlichkeiten gelten, obgleich man dabei ein Ueberlisten des Gegners im Auge hat. Daß wir uns darüber kein Gewissen zu machen brauchten, zeigte sich, als der Bote der Beni Khalid kam; denn aus dem, was er uns zu sagen hatte, erfuhren wir, daß sie sich einer wenigstens ebenso großen Pfiffigkeit befleißigten wie wir. Halef, als unser Scheik und Anführer, ließ ihn zu sich kommen und fragte ihn nach seinem Auftrage. Er erhielt die Antwort:


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   »Tawil Ben Schahid, der Scheik der tapfern Beni Khalid, läßt dir sagen, daß geschossen, gerungen und mit dem Speer geworfen wird!«

   »Wird? Wird! Das klingt ja so abgerissen und befehlshaberisch, als ob wir es nur so hinzunehmen hätten, wie es ihm beliebt!«

   »So meint er es auch!« betonte der Bote.

   »Ah?!«

   »Ja. Er sagte, nur er allein habe die Waffen zu bestimmen, und ihr hättet nicht die Erlaubnis, Einwendungen dagegen zu machen!«

   »So! Die Wahrheit aber ist, daß ich ihm erlaubt habe, diese Bestimmung zu treffen, und so konnte er mir seinen Entschluß wohl in etwas höflicherer Weise mitteilen lassen. Also geschossen soll werden?«

   »Ja; das ist der erste Gang.«

   »Womit?«

   »Mit Flinten natürlich! Das ist doch selbstverständlich; warum fragst du also?«

   »Mann, vergiß nicht, daß du vor Hadschi Halef stehst, dem obersten Scheik der Haddedihn! Wenn du nicht weißt, in welchem Tone du zu mir zu reden hast, kannst du unverrichteter Sache wieder gehen, und wir behalten, was wir haben! Ich habe mit Tawil Ben Schahid beschworen, daß nicht beleidigend gesprochen werden darf. Das bezieht sich nicht bloß auf die Wahl der Worte, sondern auch auf die Art und Weise, wie du mit mir redest. Merke dir das! Du hast dich mit deiner übel angebrachten Frage nur selbst blamiert, denn du scheinst noch gar nicht zu wissen, daß es außer den Flinten noch andere Waffen giebt, mit denen geschossen werden kann! Hat er die Entfernung bestimmt?«

   »Sechzig Schritte und Jeder drei Schüsse.«


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   »So sehr weit? Wer soll da sicher treffen können!«

   Sein Gesicht zeigte Enttäuschung und Besorgnis; im Innern aber war er höchst befriedigt, denn sein und auch Karas Gewehr waren jeder Beduinenflinte weit überlegen; ich hatte sie ihnen als Geschenke mitgebracht.

   »Soll mit Hurduk *) oder mit Rusahs **) geschossen werden?« fuhr er vorsichtig fort.

   »Natürlich nur mit Rusahs!«

   »Ich stimme bei. Doch sag deinem Scheik, daß die Kugeln vor dem Laden vorgezeigt werden müssen, damit nicht aus Versehen Hurduk genommen wird. Und sodann soll auch gerungen werden?«

   »Ja, mit nacktem Oberkörper und einem Messer im Gürtel.«

   »Wozu das Messer? Das braucht man doch beim Ringen nicht!«

   »Weil es einen Ringkampf auf Tod und Leben sein soll. Sobald einer den andern platt auf den Boden gebracht hat, besitzt er das Recht, ihn mit dem Messer zu erstechen.«

   »Also platt auf den Boden! Eher nicht?«

   »Nein.«

   »Ihr scheint einen bedeutenden Ringer unter euch zu haben?«

   »Ja,« lächelte der Ben Khalid unbescheiden. »Unser Abu el Khuba ***) wird von keinem Menschen besiegt! Das hörst du auch dem Namen an, den wir ihm deshalb gegeben haben.«

   »Ist die Zeit bestimmt worden, wie lange das Ringen zu dauern hat?«


*) Schroot. [Schrot.]
**) Coll. von Rusahsa = Flintenkugel.
***) »Vater der Kraft.«
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   »Natürlich bis der eine erstochen worden und der andere Sieger ist.«

   »Wieder "natürlich"! Bei dir scheint alles natürlich zu sein! Wahrscheinlich hältst du es auch für natürlich, daß unsere drei Krieger von den eurigen in kürzester Zeit und mit der größten Leichtigkeit abgeschlachtet werden! Und auch mit Speeren soll geworfen werden. Meinst du da die lange Lanze oder den kurzen Dscherid *)?«

   »Den Dscherid natürlich!«

   »Schon wieder natürlich! Du bist wirklich ein vollständiger Abu el Malumat **)! Es sind doch jedenfalls auch Bedingungen dabei?«

   »Natür - - -«, er hielt dieses Mal mitten im Worte inne und verbesserte sich dann: »Ja, ich habe sie dir mitzuteilen. Die Entfernung ist fünfundzwanzig Schritte. Jeder bekommt drei Speere.«

   »Wenn nun aber diese sechs geworfen sind, ohne daß einer getroffen hat, was dann? Da wird wohl von neuem begonnen?«

   »O nein!« lächelte der Bote.

   »Warum nicht?«

   »Weil es ganz unmöglich ist, daß keiner trifft.«

   »So! Ihr habt wohl auch einen sehr geschickten Speerwerfer unter euch?«

   »Er trifft stets!« nickte der Gefragte.

   »Du machst mich ja ganz neugierig auf ihn! Ist das alles, was du mir zu sagen hast?«

   »Ich soll besonders betonen, daß keine Schonung stattfinden wird. Es soll auf den Tod gekämpft werden. Blut wenigstens muß fließen, sonst gilt der Gang nichts. Wer so verwundet ist, daß er sich nicht vom Boden er-


*) Wurfspeer.
**) Vater der Selbstverständlichkeit.
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heben [erheben] kann, der gilt als besiegt, und der Sieger hat das Recht, ihn vollends zu töten. Jetzt bin ich fertig!«

   »Ich aber nicht! Wann werdet ihr kommen?«

   »Eine halbe Stunde nach meiner Rückkehr.«

   »So schlagt den Weg westlich des Felsens ein! Wir bleiben hier auf dem Punkte, wo wir jetzt stehen. Welche Waffe hat euer Scheik gewählt?«

   »Welche - - - ? Der Scheik - - - ?« fragte der Ben Khalid sehr erstaunt.

   »Ja, euer Scheik!«

   »Du denkst, der kämpft mit?«

   »Allerdings!«

   »O nein, das thut er nicht!«

   »Nicht? Warum?«

   »Schon der Gedanke, daß er sich mit beteilige, ist eine Beleidigung für ihn! Ein Scheik ist kein gewöhnlicher Krieger; er kämpft natürlich nur mit Scheiks.«

   »Wie natürlich wieder! Wenn wir nicht ausgemacht hätten, daß nicht beleidigend gesprochen werden darf, würde ich ihm jetzt den Vorwurf der Feigheit zurückgeben, den er uns gemacht hat. Ich bin auch Scheik; aber ich kämpfe auch mit jedem Krieger, welcher meiner Tapferkeit würdig ist. Ich werde mich auch nachher beteiligen, denn ich setze meine Ehre und meinen Stolz darauf, daß ich nicht aus der sichern Ferne zusehe, wenn meine Krieger für den Ruhm ihres Stammes ihr Blut vergießen und ihr Leben wagen. Ich weiß zwar noch nicht, ob ich die Flinte, den Dscherid oder den Ringkampf wählen werde, denn ich muß mir da erst die Gegner ansehen, aber wenn - - - «

   »Das darfst du gar nicht!« fiel der Bote ein.

   »Was?«

   »Wählen!«


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   »Wie? Ich darf nicht wählen?«

   »Nein.«

   »Wer will und kann mir das verbieten?«

   »Unser Scheik.«

   »Ah! Warum?«

   »Er hat die Waffen zu bestimmen und also auch die Bedingungen zu stellen.«

   »Von den Bedingungen ist keine Rede gewesen; aber sprich nur weiter! Ich werde ja hören, was du sagst.«

   »Unser Scheik verlangt, daß eure drei Krieger zu losen haben.«

   »Sie dürfen sich nicht selbst entscheiden?«

   »Nein. Jeder von ihnen hat an dem Kampfe teilzunehmen, für den ihn das Los bestimmt.«

   »Ihr aber habt den besten Ringer gewählt?«

   »Natürlich!«

   »Den besten Speerwerfer?«

   »Natürlich!«

   »Und wahrscheinlich auch den besten Schützen?«

   »Natürlich!«

   »Höre, Mann, wenn ich dieses Wort "natürlich" nur noch einmal aus deinem Munde höre, so thue ich etwas, was dir zur Abwechslung einmal ganz unnatürlich vorkommt! Eure Pfiffigkeit wäre ja ganz lobenswert, wenn sie nicht ein so dummes Aussehen hätte. Ihr wählt für jede Waffe den besten Mann, und wir sollen uns von dem Zufall dahin werfen lassen, wohin es dem Lose beliebt! Das ist nicht etwa klug von euch, sondern etwas ganz anderes, was ich der Höflichkeit wegen nicht näher bezeichnen will!«

   Er machte eine Pause, während welcher er seine Augen von Kara auf Omar Ben Sadek und von diesem


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dann auf mich richtete. Ich wußte, was er dachte. Sein Sohn erriet es auch.

   »Vater, thue es!« sagte er in bittendem Tone.

   »Was?« fragte Halef lächelnd.

   »Wir fürchten uns doch nicht vor dem Lose, und wenn du nicht darauf eingehst, so denken sie, es sei bei uns so wie bei ihnen!«

   »Wie denn, mein Sohn?«

   »Bei ihnen weiß man wahrscheinlich wohl mit der einen Waffe umzugehen, aber mit der andern nicht. Wir wollen ihnen aber zeigen, daß die Krieger der Haddedihn gelernt haben, in jedem Sattel fest zu sitzen!«

   Da ging der Ausdruck stolzer Vaterfreude über Halefs Gesicht; er wendete sich wieder zu dem Boten und sagte:

   »Du hast die Worte Kara Ben Halefs, meines Sohnes, gehört und kennst also nun den Grund, der mich veranlaßt, auf das Verlangen deines Scheikes einzugehen. Er mag also ja nicht denken, daß er uns überlistet habe oder daß wir aus gewaltigem Respekt vor ihm das thun, was ihm seine Klugheit eingegeben hat! Die Ursache ist nur die, daß es uns ganz gleich ist, welche Waffe wir in die Hand bekommen. Bist du fertig?«

   »Ja.«

   »So kannst du gehen.«

   Der letzte Teil des Gespräches war nicht im Stehenbleiben gesprochen worden, denn Halef hatte sich während desselben nach unserm Lagerplatze gewendet, und wir gingen nebenher, der Ben Khalid auch. Anstatt sich nun nach der Verabschiedung, welche ihm von dem Hadschi geworden war, von uns zu trennen, blieb er noch. Weshalb, das erfuhren wir, denn er erkundigte sich:

   »Du sagtest, o Scheik, daß du selbst mitkämpfen werdest. Ist das wahr?«


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   »Ja,« nickte Halef. »Ich sage nie etwas, was nicht wahr ist.«

   »Wer sind die beiden andern?«

   »Warum fragst du?«

   »Weil ich sie gern sehen möchte.«

   »Ihr alle werdet sie ja zu sehen bekommen.«

   »Ich will sie jetzt sehen!«

   »Will? Du willst? Allah! Das ist ja sehr gütig von dir, daß du willst! Erlaubst du mir vielleicht einmal, auch zu wollen?«

   »Was?«

   »Sie dir nicht zeigen! Also, du kannst gehen!«

   Wir waren jetzt bei dem Brunnen angekommen, auf dessen Rande der gefüllte Ledereimer stand. Der Ben Khalid folgte der Aufforderung nicht; er blieb zudringlich stehen und sagte:

   »Ich wollte sie gern sehen, weil ich selbst es mit einem von ihnen zu thun bekommen werde.«

   »Du?« fragte der Hadschi, indem er einen forschenden Blick über die sehnige Gestalt des Beduinen gleiten ließ.

   »Ja, ich! Ich bin einer der Kämpfenden!«

   Auf seinem Gesichte war die deutliche Aufforderung zu lesen, daß wir ihn bewundern sollten.

   »Bist du etwa der Ringer?«

   »Nein.«

   »Der Schütze?«

   »Nein.«

   »Also der Mann mit den drei Speeren, welche unbedingt treffen werden!«

   Da warf der Mann den rechten Arm empor, daß der weite Aermel von ihm zurückfiel und wir die stark entwickelte Muskulatur sehen konnten, und rief in selbstbewunderndem Tone aus:


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   »Ja, der bin ich! Seht diesen Arm und diese seine Muskeln! Kein Speer ist mir zu schwer und keine Entfernung zu weit! Entferne dich vierzig Schritte von mir; hebe die Hand empor und sage mir, welchen Fingernagel ich treffen soll - - - ich treffe ihn!«

   Das war eine Prahlerei, welche dem Hadschi das Blut in die Stirne trieb. Seine Augen irrten nach dem Eimer hin, und er fragte:

   »Du triffst ihn also wirklich?«

   »Gewiß! Natürlich treffe ich ihn!«

   »Und bist also überzeugt, nachher zu siegen?«

   »Natürlich!«

   »Dem Haddedihn drei Speere in den Leib zu geben?«

   »Natürlich!«

   »So will ich dir zur Abkühlung deiner glühenden Einbildung auch etwas geben, zwar nicht in, sondern auf den Leib; aber helfen wird es doch!«

   Er griff schnell nach dem Eimer, schwang ihn hoch empor und goß dem Ben Khalid den ganzen Inhalt mit solcher Geschicklichkeit über den Kopf, daß ihm das Wasser in regelrechten Kaskaden an allen Seiten herunterlief, worüber die Haddedihn in ein ungeheures, laut schallendes Gelächter ausbrachen. Der Stolz des Beduinen kennt außer den tödlichen Beleidigungen nichts Schlimmeres, als der Lächerlichkeit preisgegeben worden zu sein. Dieser Ben Khalid stand für einige Augenblicke bewegungslos; dann aber riß er mit einer blitzschnellen Bewegung das Messer aus dem Gürtel und stieß zu, um es in Halefs Herz zu bohren. Der Hadschi wäre bei der Raschheit dieses Angriffes unbedingt getroffen worden; aber ich hatte seinen nach dem Eimer gerichteten Blick gesehen und seine Absicht erraten; ich wußte, wie gefährlich es ist, einen Beduinen in solcher Weise zum Gegenstande der


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Belustigung zu machen, und hatte aufgepaßt. Ich griff sehr schnell zu, aber doch beinahe zu spät; es gelang mir einstweilen nur, dem bewaffneten Arme eine andere Richtung zu geben, so daß das Messer nur die Kleidung Halefs traf und da einen langen Schnitt verursachte. Dann aber nahm ich den Mann an den beiden Oberarmen fest, drückte ihm diese so an den Leib, daß er sich nicht bewegen konnte, und herrschte ihn an:

   »Mensch, du hast gestochen! Du hast als Abgesandter eures Stammes die Waffe gegen einen von uns gebraucht! Weißt du, was das heißt? Weißt du, welche Strafe das Gesetz der Wüste auf eine solche Schändung deiner Unverletzlichkeit vorschreibt?«

   Er war sofort von unsern Kriegern umringt worden. Sie zogen alle ihre Messer und ließen drohende Worte hören. Er versuchte vergeblich, sich von mir loszumachen, und stieß dabei die abgerissene Entschuldigung hervor:

   »Er hat - - hat - - hat - - mich beleidigt - - mir Wasser - - - Wasser über - - -«

   »Er hat nichts gethan, als sein Versprechen erfüllt, welches er dir vorhin gab, als er dich warnte, nicht so siegesbewußt aufzutreten und unsere Niederlage nicht für so selbstverständlich und "natürlich" zu halten. Das war eine Beleidigung für uns! Ein Abgesandter hat seinen Auftrag auszurichten und sich dabei jedes Wortes zu enthalten, was nicht zur Sache gehört. Du hast dich deiner Arme und ihrer Muskulatur gerühmt; jetzt fühlst du, was du kannst! Wenn ich will, drücke ich dir den Atem aus dem Leibe! Wir haben, da du zur Waffe gegriffen hast, das Recht, dich sofort und ohne vorherige Beratung niederzuschießen; aber da wir neugierig auf dein unvergleichliches Speerwerfen sind, so wollen wir dich laufen lassen. Das Messer behalten wir zur Beweis-


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führung [Beweisführung] hier, falls dein Scheik auf den Gedanken kommen sollte, uns darüber zur Rechenschaft zu ziehen, daß ich mich an dir, seinem Boten, vergriffen habe. Mach dich schleunigst fort, ehe es die andern reut, daß ich dich entkommen lasse!«

   Ich gab ihn frei. Er ließ das Messer, welches ihm infolge meines ihn schmerzenden Druckes aus der Hand gefallen war, liegen und entfernte sich rasch, indem die Haddedihn auseinander traten, um ihn durchzulassen. In einiger Entfernung blieb er stehen, hob drohend den Arm und rief uns zu:

   »Das sollt ihr büßen! Für diese Nässe des Wassers fordere ich die Nässe eures Blutes!«

   »Natürlich, natürlich! Vollständig einverstanden!« lachte Halef.

   »Höhne nur jetzt! Nach unserm Siege wird dir der Hohn vergehen! Meine sausenden Speere werden euch zum Geheul des Jammers zwingen!«

   »Natürlich, des Jammers, natürlich!«

   Als hierauf das Gelächter der Haddedihn wieder erscholl, zog er es vor, zu schweigen und zu verschwinden.

   Hanneh kam besorgt herbei und freute sich herzlich, als sie sah, daß der Messerstich kein Blut gekostet habe und mit Hilfe von Nadel und Zwirn zu heilen sei.

   Wir wußten nun zwar, welche Art von Kampf uns erwartete, aber leider das Nötigste nicht: welche Waffe auf jeden von den dreien fallen werde. Es klang eigentlich rührend, als Halef, der doch so geschickt, geübt und vielerfahren war, in bescheidener Weise zu mir sagte:

   »Es wäre freilich viel, viel besser, Effendi, wenn wir in dieser Beziehung nicht im Unklaren wären. Wir könnten mit dir darüber sprechen, und ich weiß, wenn die


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Rede auf solche Dinge kommt, so kann man immer noch von dir lernen.«

   »Schwerlich, lieber Halef! Denn was ich kann und weiß, das ist dir alles schon bekannt.«

   »Noch lange nicht! Weißt du, Sihdi, bei dir ist es nämlich so: Während du über den Gebrauch dieser oder jener Waffe sprichst, fallen dir immer noch mehr und noch weitere Erlebnisse ein, bei denen du dich dieser Waffen bedient hast. Da ist jeder Fall anders, jede Anwendung und jeder Erfolg anders! Da werden Messer, Flinte und Pistole lebendig; da fühlen sie; da denken und berechnen sie; da sprechen sie förmlich mit!«

   »Wie deine Peitsche!« warf ich scherzend ein.

   »Lache nicht über sie! Sie ist eine vornehme Haremsdame, die ihre guten Seiten, aber auch ihre Mucken hat. Wir reden jetzt nicht von ihr. Fällt dir nichts ein? Kein guter Rat? Keine nützliche Verhaltungsmaßregel, die wir befolgen könnten?[«]

   »Ihr wißt ja alles schon! Aber auf Eins will ich euch doch aufmerksam machen: Richtet eure Augen ja nur auf den Gegner; alles andere schadet, weil es zerstreut. Bei den Zuschauern kann geschehen, was nur immer will, es geht euch nichts an! Oft ist ein fester, unbeirrter Blick schon der halbe Sieg; ich habe das erlebt! Für das Gewehr habe ich keine Bemerkung, für die drei Dscheride aber doch. Ich würde es folgendermaßen machen: Ich ließe den Gegner seine Speere erst verschießen, weil ich da nur auf ihn und nicht auch auf mich aufzupassen hätte. Bei dieser ungeteilten Aufmerksamkeit ist es kinderleicht, seinen Würfen auszuweichen. Hat er dann keinen mehr und hat mich auch nicht getroffen, so weiß er sich machtlos und mich als ihm über.


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Das giebt ihm ein Gefühl der Unsicherheit, welches mir Vorteil bringt.«

   »Aber er macht es dann auch wie du: Er braucht nur auf dich aufzupassen und weicht also deinem Speerwurfe leicht aus!«

   »Diese Sicherheit nehme ich ihm, indem ich eine Zeit lang die Bewegung des Werfens mache, aber doch nicht werfe. Das erscheint ihm lächerlich, und er paßt weniger auf. Wenn ich merke, daß er bei diesen Finten ruhig stehen bleibt und nicht einmal mehr zuckt, dann werfe ich wirklich, und zwar die drei Speere schnell hintereinander.«

   »Maschallah! Alle drei? Warum das?«

   »Er wird glauben, daß ich nur einen werfe und darum seine ganze Aufmerksamkeit nur auf diesen und nicht mehr auf mich richten. Während er den Bogenflug des Speeres verfolgt und aufwärts blickt, sieht er wahrscheinlich gar nicht, daß ich wieder werfe. Dieser zweite Speer wird ihn treffen, und wenn ja nicht, so doch ganz gewiß der dritte. Es ist dazu freilich notwendig, daß man erstens ein guter Dscheridwerfer ist und zweitens ein scharfes und geübtes Auge dafür hat, nach welcher Seite der Gegner ausweichen will; denn nach dieser Seite hat man den zweiten Wurf zu richten.«

   »Ich danke dir, Sihdi! Das ist eine Lehre, die ich in Uebung nehmen werde. Ich wollte, das Los drückte mir die Speere in die Hände; ich würde es genau so machen, wie du uns jetzt geraten hast! Und wie würdest du dich bei dem Ringkampfe verhalten?«

   »Das käme auf den Gegner und auf die Art und Weise an, in der er vorgenommen werden soll, und da ich beides nicht kenne, ist es mir also unmöglich, einen Plan zu haben. Es giebt Ringkämpfe verschiedenster Art.


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Es handelt sich hier jedenfalls um den bei den Beduinen der arabischen Wüste ganz gewöhnlichen, daß man den Gegner ohne Befolgung irgend einer Vorschrift so niederzubringen sucht, daß der Besiegte den Boden mit dem ganzen Körper, also nicht nur mit einem Teile, nur Händen und Knien, berührt.«

   »Da wollte ich, daß dies mir zufiele!« wünschte Omar Ben Sadek. »Mir sollte der stärkste Ben Khalid gar nicht lange aufrecht stehen bleiben!«

   Omar war, wenn man ihn so wie jetzt stehen sah, scheinbar allerdings nicht geeignet, einem Gegner große Besorgnis einzuflößen; er besaß weder eine hohe, noch eine ungewöhnlich breite Gestalt; aber wer ihn unbekleidet gesehen hatte und vielleicht gar wußte, wie oft schon er seinen Mann gestellt hatte, der traute ihm gewiß mehr zu, als ihm anzusehen war. Grad im Ringen schienen seine Muskeln von Eisen und seine Sehnen und Nerven von Stahl zu sein. Wenn er sich mit auseinandergespreizten Beinen hinstellte, die Fäuste ballte und die Ellbogen fest an den Körper legte, hatten mehrere Männer sich anzustrengen, wenn sie ihn von der Stelle, auf welcher er stand, fortbringen wollten. Seine Beine glichen dann Säulen, die nicht ins Wanken zu bringen sind. Und diese Zähigkeit besaß, ich möchte sagen, jedes einzelne Glied von ihm nicht nur im Zusammenwirken, sondern auch für sich besonders.

   »Ja, um dich hätte ich da keine Sorge,« stimmte Halef bei. »Dich bringt keiner nieder. Und deinen Griff zum langsamen Hinlegen dessen, den du gepackt hast, macht dir sogar keiner von unseren Haddedihn nach!«

   »Das ist nicht "mein" Griff, denn ich habe ihn ja von unserm Effendi gelernt. Er ist sehr leicht; aber die Finger, die dürfen freilich, wenn sie sich einmal ein-


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gebohrt [eingebohrt] haben, keinen Augenblick nachgeben; das ist die ganze Kunst. Wenn dieses Los mir zufiele, könntet ihr unbesorgt um unsere Ehre sein. Aber, Sihdi, wie hältst du es damit, daß der Kampf auf Tod oder Leben gehen soll? Die Beni Khalid werden uns freilich nicht im geringsten schonen. Meinst du, daß wir ebenso streng mit ihnen verfahren?«

   »Eigentlich ist diese Frage überflüssig,« antwortete ich, »denn meine Ansichten in dieser Beziehung sind euch ja bekannt. Wenn ich einen Feind unschädlich machen kann, ohne ihm das Leben zu nehmen, so lasse ich es ihm. Das gebietet mir schon die einfachste Menschlichkeit, von meinem christlichen Glauben gar nicht zu sprechen. Freilich dürfen wir diese Rücksicht nicht so weit treiben, daß der Sieg in Frage gestellt wird. Es ist gesagt worden, daß wenigstens Blut fließen soll; das können wir nicht ändern; aber notwendig ist es doch nicht, daß die Verletzungen tödlich sind. Wenn die drei Beni Khalid nur verwundet werden, sind sie für uns ebenso unschädlich geworden, als ob sie nicht mehr lebten; die Hauptsache ist, daß sie sich nicht vom Boden erheben können.«

   »Es ist aber doch bestimmt, daß der Besiegte glatt an der Erde liegen soll!« warf Halef ein.

   »Das bietet keine besondere Schwierigkeit, denn wer zum Beispiel von einer Kugel so getroffen wurde, daß er in die Knie zusammenbricht, bei dem erfordert es ja nur noch einen Stoß der Hand, um ihn vollends hinzulegen. Ich würde also nach seinem Knie, nicht nach dem Kopfe oder Herzen zielen. Treffe ich gut, so ist er für das ganze Leben untauglich gemacht, und das ist für einen Beduinen schlimmer als der Tod, weil er daheim bei den Schwachen, den Greisen, Frauen und Kindern hocken muß.«


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   »So wollte ich, der Kampf mit der Flinte wäre für mich bestimmt!« sagte Kara, welcher als Mitkämpfer das Recht fühlte, aus der stets von ihm geübten, bescheidenen Zurückhaltung herauszutreten. »Hadschi Halef, mein Vater, wird dir bestätigen, Effendi, daß ein Fehlschuß jetzt bei mir etwas höchst Seltenes ist. Doch schaut! Was will der Blinde? Er kommt grad auf uns zu!«

   Der Münedschi hatte bei den Mekkanern gesessen. Jetzt war er mit einer raschen Bewegung, als ob er unter einem plötzlichen Entschlusse handle, aufgestanden und kam mit großen, sichern Schritten, als ob er ganz gut sehen könne, auf die Stelle zu, an welcher wir standen. Er hielt die Linie so genau und so gerade ein, daß wir auseinander treten mußten, um den Zusammenstoß mit ihm zu verhüten.

   »Effendi, kommt mit mir! Du allein!« forderte er mich auf, indem er, ohne anzuhalten, zwischen uns hindurchging.

   Das war nicht nur sonderbar, sondern erstaunlich! Woher wußte er, wo wir standen, und daß ich mit dabei war? Hatten die Mekkaner es ihm gesagt? Aber auch in diesem Falle wäre die von ihm gezeigte Sicherheit nicht zu erklären gewesen! Und er hatte nicht mit seiner, sondern mit Ben Nurs Stimme gesprochen. Sein Gesicht zeigte das Aussehen der Leblosigkeit, der Todesstarre, und als er sprach, hatte er die Lippen kaum bewegt. Er schritt ganz in derselben Weise weiter, grad auf den Felsen Ben Nurs zu, und ich folgte ihm. Wollte er wieder hinauf? Es konnte gar kein Zweifel darüber sein, daß er geistes- oder, wenn dies bezeichnender sein sollte, seelisch abwesend war, jetzt, am hellen, lichten Tage! War das auch Somnambulismus?

   Noch ehe er den Felsen erreicht hatte, blieb er stehen,


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drehte sich nach mir um und sagte, wieder nicht mit seiner eigenen Stimme:

   »Effendi, ich liebe dich! Ich liebe alle Wesen Gottes und also auch alle Menschen, doch, sehe ich ein dem Gesetze der Liebe so freiwillig geöffnetes Herz, so neigt es mich ihm mit besonderer Liebe zu. Die Worte der Güte, welche du jetzt sprachst, ich habe sie gehört. Du willst das Leben eurer Feinde schonen und achtest also die ihnen gegebene Vorbereitungszeit; das wird dir für das Jenseits eingetragen und schon auch hier vergolten, denn ihr werdet Sieger sein. Doch warne ich dich vor dir selbst und vor El Aschdar *), der das Verderben der Menschen will und auch das deinige. Vor dir selbst, denn du bedrohst dich als dein eigener Feind.«

   Er nahm meine Hand in seine Linke, strich mit der Rechten leise, zärtlich darüber hin und fuhr fort:

   »Sei ja nie stolz auf deine Liebe! Der Himmel hat sie dir geliehen; sie ist also nicht dein sondern sein Eigentum, welches du ihm, nachdem du sie hier wirken ließest, mit Zins und Zinseszins zurückzugeben hast. Sie ist das höchste, größte Gut des Lebens, und darum hat der, welcher sie empfing, viel mehr Verantwortung zu tragen und viel strengere Rechenschaft abzulegen als jene Seelen, denen weniger anvertraut worden ist. Denk nicht, du seist ein besserer Mensch als sie! Vom armen Steppenstrauch wird nur bescheidenes Grünen, vom Baume an dem Wasser aber Frucht gefordert werden. Bilde dir also nichts auf die Früchte deiner Liebe ein! Deine Pflicht ist's, sie zu bringen, und wenn du sie bringst, so hast du nichts als eben nur deine Pflicht gethan und darfst nicht meinen, Anspruch auf besonderen Lohn zu


*) Drache.
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haben. Dies ist der Grund, daß ich dich vor dir selbst zu warnen habe. Gehorche mir! Dein Schutzgeist steht bei dir. Du siehst ihn nicht; mich aber bat er, dir zu sagen, was du jetzt vernommen hast. Er leitet dieses Blinden Hand, deren Berührung eine Liebkosung von ihm ist für dich, dem er den rechten Weg zu zeigen hat.«

   Hierauf ließ er meine Hand los und sprach weiter:

   »Und vor El Aschdar warne ich dich auch. Du hast mit ihm gekämpft, solange du lebst; er hat dich oft zum Fall gebracht, doch standest du immer wieder auf, gehoben von deinem eigenen Willen und gehalten von der unsichtbaren Hand, die dich beschützt. Diese Hand ist ohne diesen deinen Willen schwach; mit ihm vereint aber wird sie riesenstark. Darum leiste auf dein Wollen nie Verzicht; es wird im Schutz des Himmels zum Vollbringen! Dein Wille, der nach der Vereinigung mit Gottes Willen strebt, gewinnt durch diese Vereinigung eine Macht, welcher das Böse zwar widerstreben kann, doch endlich unterliegt. El Aschdar ist ein unermüdlicher und starker Feind, der immerwährend auf der Lauer liegt. Auch dich hat er nicht etwa freigegeben; er wartet nur, und kommt der Augenblick, an dem du eine Schwäche deiner Seele zeigst, so schlägt er seine Krallen plötzlich ein, und dann beginnt der schwere Kampf mit seiner Macht von neuem. Ich seh' ihn lauern hier an deinem Wege; schon speit er seinen Geifer dir entgegen; es kommt mit ihm bald zum Zusammenprall; drum sei darauf bedacht, daß du dich seiner wehrst!«

   Als er jetzt für einen Augenblick innehielt, schwebte mir eine Erkundigung auf der Zunge. Als ob er diesen meinen Gedanken lesen könne, sagte er:

   »Wer dieser Drache ist, das möchtest du gern wissen?«


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   »Ja,« antwortete ich.

   »Der Abfall ist's von Gott. Nicht nur der äußere Uebertritt von einem Glaubenspfad zum andern ist gemeint; El Aschdar ist das Renegatentum vom Reiche, dessen Bürger du jetzt bist, nach dem Gebiete der Lieblosigkeit. Hab acht, daß du den ersten Schritt nicht thust! Ihm folgt der andre nach, und ehe du es merkst, daß du den Pfad verlassen hast, bist du schon fern von ihm. Ich warne dich nicht nur in diesem Augenblick. Zwar werde ich dich heut verlassen müssen, doch führt mein Weg mich wieder zu dem deinen. Ich wurde jetzt gebeten, dir zu sagen, daß du dem Drachen grad entgegengehst. Es ist ein Kampf mit ihm nicht zu vermeiden, und darum soll ich dir ein Zeichen geben, wenn er die Tatzen hebt, um dich zu fassen. Du wirst mich im Momente der Gefahr das Wort "El Aschdar" dreimal rufen hören. Sobald du es vernimmst, weich schnell zurück vor dem Entschluß, den du vollbringen willst; er würde dich ins unvermeidliche Verderben führen!«

   Er hatte die Hand erhoben und so dringend gesprochen, als ob es sich wirklich um eine Gefahr für mich handle. Nun ließ er die Hand wieder sinken und sprach mit weniger lauter Stimme:

   »Der schwache Körper, welcher vor dir steht, ist durch Verführung dir zum Feind geworden; ich bitte dich, entzieh ihm dennoch nicht die Liebe, deren er so sehr bedarf, dahin zu kommen, wo er landen soll! Zusammen hab ich dich mit ihm geführt, zum Heile ihm und dir zur schönen Uebung. Verzeih' ihm, was er nur im Irrtum thut, und bleib ihm Freund trotz seines Widerstrebens! Ich weiß im heiligen Mekka ein Gemach, in dem drei Decken des Gebetes liegen; von roter Farbe zwei, die sind es nicht; der Grund der mittleren ist blau gefärbt,


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gestickt mit goldnen Sprüchen des Kurans; das ist die richtige; dort findest du das Ziel schon deiner jetzigen Gedanken und auch zugleich den Schlüssel für die That, die ihm den Glauben bringt und euch die Rettung. - Nun hab ich dir das Nötige gesagt. Geh also hin, wo man dich schon erwartet! Halt' fest an dem, was dir gegeben ist, und bleib ein guter Mensch! Leb wohl, doch nicht für immer!«

   Nach diesen Abschiedsworten verließ der Münedschi die Stelle, an welcher er stand. Er schritt an mir vorüber und ging zurück, geraden Weges wieder auf den Brunnen zu. Ich hatte mit dem Rücken nach dieser Gegend gestanden. Als ich mich umdrehte, sah ich die Beni Khalid kommen, im Westen des Brunnenfelsens, also so, wie es dem Boten gesagt worden war. Meine Anwesenheit war also dort geboten. Hatte das der Blinde gemeint, als er sagte, ich solle dahin gehen, wo man mich schon erwarte? Sonderbar! Ich ging also, ohne Zeit zu haben, über das nachzudenken, was mir gesagt worden war. Freilich wollte sich mir ganz besonders das einprägen, was ich über das »Gemach in Mekka« gehört hatte. Das war ja wie eine Prophezeiung gewesen! Drei Decken oder Teppiche des Gebetes, der mittlere blau mit goldgestickten Kuransprüchen! Dieser mittlere sollte es sein. Was denn? Meine Gedanken seien schon jetzt auf dieses Ziel gerichtet! Ich hatte allerdings schon wiederholt im stillen die Idee gehabt, daß El Ghani, welcher den Blinden so auszunützen wußte, auch schuld an den großen Verlusten sei, über welche der Münedschi geklagt hatte. War etwa das gemeint? Und Rettung sollten wir durch diesen Teppich finden? Rettung kann sich nur auf eine Gefahr, eine Not, eine Bedrängnis, überhaupt auf etwas nicht Wünschenswertes beziehen.


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Erwartete uns dort so etwas? Denkbar war dies allerdings, zumal nach dem Zusammentreffen mit El Ghani und seinen Leuten! Und El Aschdar, der Drache! Er laure schon auf mich, und der Zusammenstoß mit ihm sei unvermeidlich!

   Ich mußte dieses Sinnieren aufgeben, weil mich jetzt die Wirklichkeit mit ihren Anforderungen mehr als zur Genüge in Anspruch nahm.

   Die Beni Khalid kamen nicht gegangen, sondern geritten; sie brachten ihre Kamele und die ganze Bagage mit. Daraus war zu schließen, daß sie sich des Sieges bewußt waren und dann gleich den Platz des Brunnens besetzen wollten. Einstweilen ließen sie ihre Tiere draußen jenseits des Felsens lagern und kamen dann herbei, um sich so aufzustellen, wie der Bote es ihnen sagte. Wenigstens sah ich, daß er sie nach der Westseite des von uns gezogenen Kreises führte und sprechend und rufend dort hin und her ging. Es schien uns also gelingen zu sollen, die Sonne hinter uns zu haben. Ihr Scheik war in stolzer Zurückhaltung einstweilen noch bei den Kamelen geblieben. Unsere Haddedihn ordneten sich auch bereits hüben auf unserer Seite. Sie hatten eine Decke ausgebreitet, auf welcher Hanneh saß, um dem Kampfe zuzuschauen. So befand sich also am Brunnen jetzt niemand, denn auch die Mekkaner waren fort. Halef hatte ihnen während meiner Abwesenheit gesagt, daß sie thun könnten, was ihnen beliebe, und so sah ich sie jetzt nach der Rückkehr des Münedschi mit ihm hinüber zu den Beni Khalid ziehen. Sie hatten ihre Tiere mit. Der Schatz, um den es sich handelte, befand sich selbstverständlich in unserer Verwahrung.

   Ich holte vor allen Dingen meinen fünfundzwanzigschüssigen Stutzen. Als Halef mich mit diesem Gewehre


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kommen sah, dem wir schon manche Rettung aus verwickelter Lage verdankten, sagte er:

   »Recht so, Sihdi! Der Häuptling ist zwar sehr eifersüchtig auf seinen Ruf, daß er sein Wort nie breche, aber man kann diesen Beni Khalid doch nicht trauen. Wenn sie nicht Sieger werden, kann die Aufregung sie leicht zu Gewaltthätigkeiten führen, welche er nicht zu verhindern vermag. Da ist dein Stutzen das beste Mittel, sie in Schach zu halten. Dein Platz ist hier neben Hanneh. Khutab Agha wird an ihrer andern Seite sitzen.«

   Bei uns hier hüben herrschte Ruhe, bei den Beni Khalid aber eine ungemeine Beweglichkeit und Aufregung; es dauerte lange, ehe sie sich gelegt hatte. Endlich hatten sie sich in einem großen Kreisbogen niedergesetzt, in dem es, der fliegenden Kugeln und Speere wegen, eine Lücke gab, damit kein Nichtkämpfer verletzt werden könne. Nur drei saßen nicht. Sie gingen mit stolzen Schritten und herausfordernden Gesten hin und her. Das waren unsere Gegner; der Wassermann befand sich bei ihnen.

   Nun kam endlich auch Tawil Ben Schahid. Er betrat den Kreis und ging langsam und würdevoll nach der Mitte desselben. Seine drei Helden folgten ihm. Er erwartete, daß wir zu ihm kommen würden, und wir thaten es. In seinem von den gestrigen Hieben geschwollenen und gefärbten Gesichte war nichts als Haß zu lesen, aber hinter äußerlicher Ruhe versteckt.

   »Es ist verboten, beleidigend zu sprechen,« sagte er. »Darum werden wir so wenig wie möglich reden und euch lieber unsere Thaten zeigen!«

   Er schien uns imponieren zu wollen und eine Antwort zu erwarten. Als wir nichts sagten, fragte er:

   »Ihr kennt die Bedingungen?«

   »Ja,« antwortete Halef kurz.


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   »Es wird nicht geschont. Tot wollen wir euch sehen oder doch wenigstens so schwer verwundet, daß ihr euch nicht vom Boden erheben könnt und nachträglich elend zu Grunde gehen müßtet, wenn wir euch nicht sogleich vollends töteten!«

   »Du sprichst nur davon, was ihr thun werdet. Ich sage nur, daß wir euch schonen werden. Wir trachten nicht nach Mord und Blut.«

   »Das kannst du wohl sagen, weil ihr gar nicht dazu kommen werdet, Schonung an uns zu üben! Wir wollen losen. Wo sind eure Kämpfer?«

   »Hier wir drei.«

   »Dieser Knabe auch?«

   »Ja.«

   »Ihr seid verloren! Allah hat euch schon bei der Wahl den Verstand so verfinstert, daß eure drei schwächsten Personen ausgesucht worden sind! Die Lose habe ich hier; es sind drei Hölzchen; das längste ist die Flinte, das kürzeste das Ringen und das dritte der Dscherid. Zieht.«

   Er hielt ihm die Hand hin, aus welcher die Enden der Lose hervorragten. Als sie gezogen hatten, sah mich Halef fröhlich lächelnd an, doch ohne ein Wort zu sagen. Unsere Wünsche waren erfüllt, denn auf ihn fiel der Speer, auf Kara das Gewehr und auf Omar der Ringkampf.

   Der Scheik hatte das Lächeln doch bemerkt. Er sagte:

   »Laß deine Fröhlichkeit; du solltest lieber weinen, denn ihr habt die Lose des unvermeidlichen Todes gezogen. Ich werde den Kampf selbst überwachen. Erst wird geschossen, dann der Dscherid geworfen und zuletzt gerungen. Wir beginnen gleich, denn wir haben keine


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Lust, zu warten; in einer Viertelstunde seid ihr alle drei über die Brücke des Todes gegangen! Dann aber erwarte ich, daß ich den Kanz el A'da bekomme! Was versprochen und gar noch mit einem Schwur bekräftigt worden ist, das muß gehalten werden. Versprecht es mir nochmals!«

   »Wir halten unser Wort,« erklärte Halef. »Und du?«

   »Ich auch. Der Sieg ist uns zwar gewiß, aber für den Fall, daß er uns nicht wird, habe ich versprochen, diese Gegend mit meinen Kriegern sofort zu verlassen und für den heutigen Tag Frieden zu halten. Das würde ich thun, denn Tawil Ben Schahid, der berühmte Scheik der Beni Khalid, hat noch nie sein Wort gebrochen, und so wäre ihm auch der heutige Schwur heilig. Jetzt werde ich sechzig Schritte abmessen.«

   »Und die Kugeln vorzeigen!« erinnerte Halef.

   »Das thue ich nicht. Ich gebe euch mein Wort, daß nur mit Kugeln geschossen wird, und das muß euch genügen. Wir wollen nicht verwunden, sondern töten; da kann es uns gar nicht einfallen, Schrot zu nehmen.«

   Das war uns auch recht, denn wie hätten wir ihm beweisen wollen, daß Karas Patronen keinen Schrot enthielten?

   Die Entfernung wurde abgeschritten, und die beiden Schützen stellten sich auf. Wir hatten auf unserer Linie hinter Kara auch einen freien Raum gelassen, um von den ihr Ziel verfehlenden Kugeln nicht getroffen zu werden. Der betreffende Ben Khalid schwang sein Gewehr und warf, wie das bei den Beduinen so gebräuchlich ist, seinem Gegner eine Menge Ausrufe zu, welche sich auf seine angebliche unübertreffliche Fertigkeit im Schießen bezogen. Beleidigend aber wurde er nicht. Man schien


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also entschlossen zu sein, die gestellten Bedingungen auch in dieser Beziehung einzuhalten. Kara sagte nichts.

   Nun setzte ich mich mit dem Perser zu Hanneh. Sie schaute unbesorgt und munter drein und sagte:

   »Sihdi, es giebt in mir, vielleicht auch in jedem andern Mutterherzen, eine Stimme, welche mich zu warnen pflegt, wenn meinem Sohn Kara etwas Unerwünschtes begegnen soll. Ich habe dann eine ungewisse Angst in mir, welche mir die Ruhe raubt, bis das Ereignis vorüber ist. Da ich diese Stimme jetzt nicht vernehme, so bin ich überzeugt, daß Kara sich außer aller Gefahr befindet. Darum bin ich heiter und lasse Allah walten!«

   Jetzt gab Tawil Ben Khalid das Zeichen, daß das Schießen begonnen werden könne. Wann und in welcher Reihenfolge dies zu geschehen habe, darüber war nichts gesagt worden. Es konnte sich jeder der beiden Duellanten verhalten, wie ihm gutdünkte.

   Der Ben Khalid hielt seinen Körper in einer herausfordernden Stellung, als ob er erwarte, daß zunächst auf ihn geschossen werde. Dies geschah aber nicht. Da wurde ihm die Zeit zu lang, er legte sein Gewehr an und zielte. Ich richtete nun meine Augen auf Kara, ob ein Zucken seines Körpers uns sagen werde, daß er getroffen worden sei. Der Schuß krachte. Kara stand still und machte erst nach kurzer Zeit, sich zu uns umdrehend, eine Handbewegung der Geringschätzung für die Gegner und der Beruhigung für uns. Die Kugel war vorübergegangen. Halef, welcher mit Omar Ben Sadek neben uns stand, sagte, indem er in väterlichem Stolze glücklich lächelte:

   »Seht ihr ihn stehen? Wie eine Mauer! Er hat nicht mit einem Finger gezuckt, als der Schuß fiel! Wenn


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das der beste Schütze ist, den die Beni Khalid haben, so dürfen sie sich vor uns nicht sehen lassen.«

   »Ob unser Sohn ihm wohl den Schuß zurückgeben wird?« fragte Hanneh gespannt.

   »Ich glaube es nicht, denn er hat das Gewehr an den Fuß genommen und rührt sich nicht. Allah, Allah! Ich danke dir! Wie getrost und stolz er dasteht! Es ist eine Wonne, ihn zu sehen! Du siehst hier, Effendi, die Erfolge deiner und meiner Lehren. Wie freue ich mich über ihn! Er zeigt, daß er einem Stamm angehört, dessen Kriegern eine pfeifende Kugel ist wie nichts. Er macht uns Ehre, wirklich Ehre! Schaut doch dagegen den andern an!«

   Ich konnte die Gefühle meines Halef und seiner Hanneh gar wohl begreifen; war es doch jetzt das erste Mal, daß ihr Liebling sich im offenen Zweikampfe zu bewähren hatte! Wenn man das lebhafte Temperament des Beduinen in Rechnung zieht, so war die kalte Ruhe, welche der Jüngling zeigte, sehr anzuerkennen. Ein anderer hätte lebhaft gejubelt und seine Freude über die Vergeblichkeit des Schusses in lärmender Weise geäußert.

   Diese Ruhe und Stille herrschte überhaupt auf unserer ganzen Seite. Nicht so bei den Beni Khalid, welche in ein zorniges Geschrei der Enttäuschung ausgebrochen waren. Viele von ihnen waren aufgesprungen und zeigten durch ihre lebhaften Gestikulationen, wie erregt sie waren. Das mußte doch dem Schützen die für ihn so notwendige Kaltblütigkeit und Fassung rauben. Der Scheik rief ihm laut schallende Vorwürfe zu, die er mit ärgerlichen Entgegnungen beantwortete, indem er wieder lud.

   Als er das gethan hatte und also wieder schußfertig war, trat drüben wieder Stille ein. Er forderte Kara auf, ihm nun auch eine Kugel zuzusenden; dieser ant-


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wortete [antwortete] nicht und blieb so unbeweglich stehen, als ob er auf seiner Stelle festgewachsen sei. So verging eine längere Zeit. Da rief der Scheik dem Vertreter der Ehre seines Stammes zu:

   »Dieser Knabe der Haddedihn getraut sich gar nicht, zu schießen; er hat es gar nicht gelernt! Wir haben keine Zeit! Schieß du, schieß wieder! Aber mach es besser als vorhin, sonst wirst du heimgeschickt zu den kleinen Knaben, die noch nichts gelernt haben!«

   Er sagte sich nicht, daß er durch solche Drohungen den Mann aufregen müsse. Dieser antwortete mit einem unwilligen Ausrufe und riß sein Gewehr wieder empor. Er zielte dieses Mal länger als vorher; dann knallte der Schuß - - - Kara machte ganz dieselbe Bewegung der Hand: er war wieder nicht getroffen worden. Nun erhob sich drüben ein größeres Geschrei als vorher. Da drehte sich der unglückliche Schütze nach seinen Leuten um und rief ihnen so laut zu, daß wir es hören konnten:

   »Haltet die Mäuler! Wer soll da ruhig zielen und schießen können, wenn euer Gebrüll die Arme zittern macht! Ich schwöre bei Allah, daß die dritte Kugel nicht vorübergehen wird! Jetzt gilt's, und darum muß und wird sie treffen!«

   Er lud sehr sorgfältig und legte das Gewehr dann sogleich wieder an, ohne zu warten, ob Kara nun vielleicht schießen werde. Er zielte diesmal viel, viel länger als vorher, so lange, daß die Anlage unruhig werden mußte.

   »Er trifft wieder nicht!« sagte Hanneh.

   »Der Mensch ist kein Schütze!« nickte Halef vergnügt. »Er müßte wieder absetzen, um den Arm ausruhen zu lassen! Doch nein, da - - - da - - -!«

   Der Schuß war gefallen, und auch diese dritte Kugel hatte ihr Ziel verfehlt.


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   »Hamdulillah!« rief Halef aus. »Hanneh, du lieblichster Abglanz meiner Seele, siehst du ihn stehen, unsern Herzenssohn? Ungetroffen, unverletzt und ruhig, als ob er nur Luft vor sich gehabt habe, nicht aber den besten Schützen des Stammes der Beni Khalid und nicht ein auf sich gerichtetes Gewehr, aus dessen Lauf der Tod ihn treffen sollte! Ich bin stolz auf ihn, sehr stolz! Du doch auch?«

   »Ja; er ist dein Ebenbild!« antwortete sie.

   »Ich danke dir! In Beziehung auf die Tapferkeit ist überhaupt jeder Krieger der Haddedihn mein Ebenbild, und Kara ist ein Haddedihn; da braucht man sich gar nicht zu wundern!«

   Auf der uns gegenüberliegenden Seite gab es andere Worte als hier bei uns; da herrschte ein Tumult, der gar kein Ende nehmen wollte. Kara hatte uns auch jetzt die schon zweimal erwähnte, verächtliche Handbewegung zugeworfen; nun schob er den einen Fuß von dem andern ab, und stützte sich auf sein Gewehr, um zu warten, bis bei den Beni Khalid wieder Ruhe eingetreten sei.

   »Effendi,« fragte mich Halef, »siehst du ihm nicht auch ganz deutlich an, daß gleich seine erste Kugel grad da sitzen wird, wo er will?«

   »Er wird keinen Fehlschuß thun,« antwortete ich.

   »Er hat sich das zu Herzen genommen, was du in Beziehung auf den Speerkampf sagtest, nämlich, daß du warten würdest, bis der Gegner keine Lanze mehr habe. So hat auch er seine Kugeln aufgehoben, und ich bin bereit, zu wetten, daß er nur die erste braucht. Wettest du mit?«

   »Nein.«

   »Aber so thue es doch!«

   »Nein. Du weißt ja, daß ich niemals wette.«


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   »Allerdings; aber jetzt solltest du doch gegen mich setzen!«

   »Wie kann ich das, da ich doch ganz derselben Ansicht bin wie du?«

   »Ja, richtig! Also wetten wir nicht! Paßt auf, ihr Leute! Er hat uns gesagt, daß er nun zeigen will, was er, den man einen Knaben nannte, gelernt hat.«

   Kara hatte sich umgedreht und uns zugenickt. Drüben war es endlich wieder still geworden. Der Beni Khalid stand auf seinem Platze, und es war ihm anzumerken, daß er sich da doch nicht ganz behaglich fühle. Doch machte er mit dem Arme eine auffordernde Geste durch die Luft und rief:

   »So schieß doch nur! Getraust du dich denn gar nicht, ein Gewehr in die Höhe zu nehmen? Dir zittern wohl alle Glieder vor Angst, den Knall des Pulvers zu hören? Fürchte dich nicht, mein Knabe! Deine Kugel gilt ja nicht dir, sondern mir, und die Luft da um mich her hat Platz genug für sie!«

   Da sagte Kara sein erstes Wort, und zwar in so gelassener Weise, daß wir uns alle darüber freuen mußten:

   »Diese Luft hat keinen Raum für sie, denn die Stelle, wo meine erste Kugel sitzen wird, liegt nicht in der Luft, sondern in deinem Körper. Ihr trachtet nach unserm Leben, wir aber nicht nach dem eurigen. Ich werde dir also das deinige schenken!«

   »Ich brauche nicht geschenkt zu nehmen, was mir überhaupt gehört und nicht von dir genommen werden kann. Prahle also nicht, sondern schieß!«

   »Ich werde dir beweisen, daß ich es dir nehmen könnte, wenn ich wollte. Ich sage dir vorher, daß ich dich in das Knie schießen werde. Ebenso gut aber würde ich dich in den Kopf oder in das Herz treffen!«


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   »Schieß, schieß, sage ich! Ich warte mit Ungeduld darauf, um dich dann auszulachen!«

   Das war natürlich nur Redensart, denn daß er Angst hatte, getroffen zu werden, zeigte er dadurch, daß er jetzt eine Stellung einnahm, welche zur Folge hatte, daß er seinem Gegner so wenig wie möglich Körperfläche zum Zielen bot. Er kehrte ihm nämlich nicht den Vorderkörper, sondern die Seite zu.

   Als ich das sah, mußte ich an meinen dann so vielbesprochenen Schuß denken, mit welchem ich Tangua, dem Häuptling der Kiowa-Indianer, beide Kniee zerschmetterte *) und infolgedessen Mitglied des Apatschenstammes wurde. Tangua hatte damals dieselbe Stellung gewählt, um nicht getroffen zu werden, und sie trotz meiner Warnung beibehalten; die Strafe war für diese Unredlichkeit gewesen, daß ihm meine Kugel nicht bloß durch eines, sondern durch beide Kniee gegangen war. Genau denselben Schuß konnte Kara jetzt auch thun, und ich traute ihm allerdings zu, denselben Erfolg zu haben.

   »Warum stellst du dich anders, als ich gestanden habe?« fragte er.

   »Ich thue, was ich will!«

   »Du fürchtest dich!«

   »Laß dich nicht auslachen, unerfahrener Junge! Ich werde sogar selbst zählen! Also: Eins - - - - zwei - - - !«

   Da nahm Kara sein Gewehr nicht langsam und bedächtig auf, um nach Beduinen- oder überhaupt gewöhnlicher Weise zu schießen, sondern er bediente sich der schnellen Tempi der amerikanischen Westmänner, die er nach meiner Anleitung eingeübt hatte. Das Schießen


*) Siehe: Karl May »Winnetou«, Bd. I Seite 376.
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auf diese Art scheint schwerer zu sein, ist es aber nicht; es erfordert allerdings eine nur durch lange Ausdauer zu erreichende Fertigkeit, bietet dafür aber eine um so größere Treffsicherheit. Er warf, als der Ben Khalid »Eins!« sagte, das Gewehr empor, hatte es bei »Zwei!« im Anschlage, und bei »Drei!« krachte, ganz genau nach dem höhnischen Kommando, der Schuß, so daß das Wort gar nicht zu hören war. Fast in demselben Augenblicke warf der Ben Khalid beide Arme hoch in die Luft, taumelte einmal hin und einmal her und stürzte dann zur Erde, von welcher er sich nicht mehr erheben konnte. Kara hatte ihn wirklich durch beide Kniee getroffen; es war ein Meisterschuß gewesen! Für einige Augenblicke war alles still; darum hörte man die lauten, stolzen Worte des Siegers:

   »Der unerfahrene Junge hat sein Wort gehalten. Es fließt das Blut; folglich ist dieser Kampf zu Ende. Der Besiegte gehört nun mir; aber ich schenke ihm die zweite und die dritte Kugel und mit ihnen das Leben. Kara Ben Halef ist ein Krieger, aber kein Mörder!«

   Hierauf drehte er sich um und kam mit ernstem und doch freudestrahlendem Gesicht auf uns zugegangen. Drüben waren alle Beni Khalid aufgesprungen; sie rannten zu dem Verwundeten. Diese Hunderte von Stimmen vollführten einen wahren Höllenlärm, um den wir uns aber nicht kümmerten. Halef drückte seinen Sohn an das Herz und küßte ihn wohl zehnmal auf die Wangen. Als er sich vor der Mutter niederbeugte, legte diese ihm die Hand wie segnend auf das junge Haupt und sagte in überquellender Zärtlichkeit:

   »Ich wußte, daß du siegen und auch nicht verwundet würdest. Mein Sohn, du hast alle, alle unsere Hoffnungen so schön erfüllt. Deine Eltern und der ganze


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Stamm der Haddedihn sind stolz auf dich! Allah behüte und beschirme deine Wege!«

   Ich drückte ihm nur still die Hand und nickte ihm anerkennend zu. Da sah er mir so ernst in die Augen und sagte:

   »Sihdi, weißt du, was ich dachte, als ich dort stand und auf seine erste Kugel wartete?«

   »Nun?« fragte ich.

   »Ich hatte keine Sorge um mich, nicht die geringste; aber ich wußte, daß nicht ich es war, der dort stand, sondern der ganze Stamm meiner lieben, lieben Haddedihn. Und als ich dreimal nicht getroffen worden war und ihn in meine Hand gegeben wußte, da hatte ich die feste Ueberzeugung, daß von meinen drei Kugeln zwei überflüssig seien, weil gleich die erste ihre Schuldigkeit thun werde. Mein Schuß hat diesen Beni Khalid die Frage entgegengekracht: Wenn bei den Haddedihn schon die Knaben so sicher treffen, wie erst müssen da wohl die Männer schießen!«

   »Du bist von dieser Stunde kein Knabe mehr, mein braver Kara Ben Halef. Ich will es jetzt sein, der auf den "unerfahrenen Jungen" die richtige Antwort giebt: Du hast von jetzt an das Recht, an allen unsern Beratungen teilzunehmen. Ich gebe es dir als dein Lehrer und als der treuste Freund des Stammes, der stets bereit ist, sein Leben für euch einzusetzen!«

   Er trat in freudigem Schrecke einen Schritt zurück und fragte fast stammelnd:

   »Ist das wahr, Effendi, wirklich wahr?«

   »Ja. Und ich hoffe, daß die Dschemmah, die Versammlung der Aeltesten, es bestätigen wird!«

   Da ergriff er meine beiden Hände, drückte sie an sein Herz und küßte sie dann. Sein Vater nahm sie


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ihm und sagte dann, die Augen voll schneller Thränen, zu mir:

   »Natürlich wird die Dschemmah jedes deiner Worte bestätigen, Sihdi! Du bist nicht nur unser Freund, sondern du gehörst unserm Stamm und er gehört dir! Du bist der Herr und Besitzer aller unserer Herzen. Ich bin der Scheik, und doch bist auch du unser Scheik, wenn auch in anderer Weise. Für den Rang, den du bei uns einnimmst, ist das rechte Wort noch nicht erfunden worden; aber du darfst auch ohne dieses Wort sicher sein, daß die Ehrenstelle, die es bezeichnen würde, dir für die ganze Zeit des Lebens Anspruch auf unsern Gehorsam und auf unsere Liebe giebt. Du hast diese Stunde zu einer Stunde der Freude, des größten Stolzes für mich gemacht. Ich werde von ihr noch sprechen und erzählen, wenn mir die Zunge des Alters zu andern Erzählungen zu schwer geworden ist!«

   Hanneh dankte mir auch, und zwar in echter Frauenweise:

   »Ich bitte dich, Effendi, sag' deiner Emmeh, der Bewohnerin deines Zeltes, von mir, daß sie dich stets recht herzlich, recht wahr und innig lieben soll! Du bist ein unerschöpflicher Spender der Liebe; ihr Quell, der in dir liegt, kann zwar nie versiegen, aber trotz seiner Fülle soll er doch auch nehmen dürfen und empfangen, was er giebt. Sage ihr also das, und füg' hinzu, daß Hanneh auch dich liebt!«

   »Ja, vergiß das nicht, und teile ihr mit, daß ich das gern erlaube!« bekräftigte der kleine Hadschi. »Nun wird der Kampf mit den Speeren gleich beginnen. Ich sage euch: Ich hätte meinen Mann auch schon so gestellt, aber das Bewußtsein, der Nachfolger meines siegreichen Sohnes zu sein, dem von unserm Effendi die höchste


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Kriegerehre zu teil geworden ist, wird mir Unüberwindlichkeit verleihen. Ich fühle, daß ich nicht in den Kampf gehe, sondern nur zum Spiele, und ich werde es gewinnen, wie Kara es gewonnen hat!«

   Diese freudige Zuversichtlichkeit war von nicht geringem Werte. Sie machte auch auf den Perser einen wohthätigen Eindruck; das ersah ich aus den Worten, mit denen er sich an mich wendete:

   »Du kannst gar nicht glauben, wie besorgt ich war! Es geht ja um das Eigentum der heiligen Stätte, welches schon in meinen Händen lag und wieder auf die Spitze des Wagnisses gelegt worden ist. Jetzt aber bin ich fast wieder ganz ruhig geworden. Wir haben zwar erst nur einen Sieg errungen und müssen wenigstens zwei haben, doch wenn ich Halef so sehe und so sprechen höre, ist es mir, als hätte er seinen Gegner schon in den Sand gestreckt. Wie denkst du darüber?«

   »Ich wünsche dir bloß, so ruhig zu sein, wie ich es bin. Halef ist ein ausgezeichneter Dscheridwerfer. Er hat mir so oft Gelegenheit gegeben, ihn zu bewundern, daß mich sein Gegner, zumal wir ihn gesehen haben, gar nicht bange machen kann.«

   »Aber denke an die Muskeln seines Armes!«

   »Die hat der Hadschi auch, und sie sind es ja nicht allein, worauf es ankommt. Horch! Es soll losgehen!«

   Es war dem Scheik Tawil Ben Schahid gelungen, die Ruhe wieder herzustellen; er hatte den Schwerverwundeten hinter die Linie schaffen lassen und schritt nun die Entfernung ab, welche zwischen den Speerwerfern zu liegen hatte. Der »Vater der Selbstverständlichkeit« stand auch schon bereit.

   Einen Wurfspeer hat jeder Haddedihn, auch wenn er mit dem Gewehre bewaffnet ist, stets bei sich, und zwar


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meist zu Jagdzwecken. Gazellen zum Beispiel werden meist nur mit dem Dscherid und nur höchst selten durch die Kugel erlegt. Die Spitze dieser Speere besteht in einem scharf und lang zugespitzten Eisen, der Schaft aus Palmenholz; Halef hatte sich die drei ihm handlichsten und dem jetzigen Zwecke entsprechendsten ausgesucht. Den Haïk trug er gar nicht; nun warf er auch die Jacke ab, und als hierauf die nackten Arme zu sehen waren und ich den Perser durch einen Wink auf sie aufmerksam machte, sagte er mir leise:

   »Das ist allerdings beruhigend für mich. Solche Muskeln hätte ich diesem kleinen Manne freilich nicht zugetraut!«

   »Und ich wiederhole, daß es auf sie nicht allein ankommt. Sieh, wie er über seinen Gegner lächelt!«

   Dieser sprang nämlich, Probewürfe machend, hin und her. Halef schenkte ihm nur kurze Aufmerksamkeit und fällte dann sein Urteil über ihn:

   »Er weiß nichts von der Dschewirma *), Effendi! Und indem er thut, als habe er nur die Absicht, mich bange zu machen, indem er mir seine Geschicklichkeit zeigt, will er seinen Arm für die Entscheidung vorbereiten. Das habe ich nicht nötig. Ich werde deinen Rat befolgen und ebenso wie Kara warten, bis er keinen Speer mehr hat.«

   »Und dann die deinigen rasch nacheinander?«

   »Ja.«

   »So paß auf seine Füße auf! Aus ihrer Stellung und der Neigung seines Körpers kannst du schließen, wohin er ausweichen will; dorthin wirfst du die beiden andern!«


*) Das Drehen, Effektgeben.
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   Jetzt erscholl die Stimme des Scheikes, und Halef schritt langsam seinem Platze zu. Ich warf unwillkürlich einen Blick auf Hanneh. Sie lächelte, und als sie bemerkte, daß ich sie ansah, nickte sie mir zu und sagte:

   »Es ist mein Hadschi Halef!«

   Sie ahnte wahrscheinlich gar nicht, welches Lob sie in solcher Kürze ausgesprochen hatte und welche Summe von Vertrauen in diesem einfachen Ausspruche lag!

   Tawil Ben Schahid empfing unsern Scheik mit den Worten:

   »Der Schejtan *) hat gewollt, daß der erste Gang zu euern Gunsten ausgefallen ist; er hat unserm besten Schützen die Ruhe des Armes und die Festigkeit des Blickes genommen; aber bildet euch ja nicht ein, daß ihr gewinnen werdet! Ich sehe die drei Lanzen schon in deinem Leibe!«

   »Was hast denn du hier herumzureden?« fragte ihn Halef. »Du hast dich vom Kampfe ausgeschlossen, obwohl du als Scheik die erste Person desselben sein solltest. Was wirfst du also mit Worten um dich herum? Du gehörst gar nicht hierher!«

   Da stieß der Zurechtgewiesene einen zornigen Fluch aus, zog sich aber zurück, ohne noch etwas zu sagen.

   Nun standen sich die beiden Hauptpersonen in einer Entfernung von fünfundzwanzig Schritten gegenüber. Der Ben Khalid hatte zwei seiner Speere vor sich in den Sand gesteckt; den dritten hielt er in der Hand, fuhr mit ihm demonstrierend durch die Luft und rief:

   »Schau her! Hier steht der berühmteste Mann des Speeres, vor dessen Kraft und Geschicklichkeit du dich verkriechen mußt!«


*) Teufel.
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   »Natürlich!« antwortete Halef lachend.

   »Du wirst jetzt erfahren, was es zu bedeuten hat, wenn jemand das Wagnis unternimmt, sich mit mir messen zu wollen!«

   »Natürlich!«

   »Mein Dscherid wird dir mitten durch den Leib fahren!«

   »Natürlich!«

   Erst jetzt, beim drittenmal, erkannte der Prahler die ironische Bedeutung dieses Wortes. Er wurde darüber zornig und schrie den Hadschi an:

   »Du willst mich höhnen? Meine Antwort darauf wird deinen augenblicklichen Tod bedeuten!«

   »Natürlich![«] lachte Halef nun zum viertenmal.

   »Das, das soll dein letztes, dein allerletztes Lachen sein! Paß auf, er kommt - - - er kommt!«

   Während er das sagte, holte er aus und ließ den Speer bei dem letzten Worte fliegen. Die Waffe ging sehr nahe an Halef vorbei und fuhr hinter ihm mit ihrer Spitze in den Sand. Dieser Mann war ein sehr beachtenswerter Gegner!

   Es hatte genau so ausgesehen, als ob der Dscherid den Hadschi treffen müsse. Der Wurf war gut gezielt, und so ließ keiner der Beni Khalid ein Wort des Tadels hören, vielmehr erklangen die aufmunternden Rufe:

   »Das war gut, recht gut! Schnell noch einmal - - noch einmal, ehe er selbst wirft!«

   Der Mann folgte dieser Aufforderung. Er zog den zweiten Dscherid aus dem Sande und wog ihn vor dem Wurfe weit länger als den ersten in der Hand. Er sauste zwei Hände hoch über Halefs Kopf hinweg in den Sand.

   Das war nicht schlechter als das erste Mal; aber


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nun wurde doch gezürnt, denn die Siegessicherheit war von drei Dritteln auf eines, und zwar auf das letzte gefallen!

   Es wurden dem Ben Khalid eine solche Menge von Ratschlägen zugerufen und so kräftige, moralische Rippenstöße versetzt, daß er sich zornig umdrehte und seinen Leuten zurief:

   »Ich brauch euer Besserwissen nicht! Wenn ihr mehr könnt als ich, warum habt ihr euch nicht gemeldet. Kommt her, und macht es anders! Ich lasse mich von - - -«

   Er wurde in seiner Rede durch einen scharfen Pfiff Halefs unterbrochen, dem er sich jetzt wieder zuwendete.

   »Was fällt dir ein, dich umzudrehen!« tadelte ihn der Hadschi. »Wenn ich das benutzt und geworfen hätte, wärst du jetzt eine Leiche!«

   »Warum hast du es denn nicht gethan?!« hohnlachte der andere.

   »Weil der Scheik der Haddedihn keinen Feind heimlich angreift. Diese meine Ehrlichkeit hat dich gerettet!«

   »Bilde dir das nicht ein! Wer weiß, wohin dein Speer geflogen wäre! So nahe wie ich dir, kommst du mir nicht!«

   »Natürlich!«

   »Laß deinen Spott! Bis jetzt habe ich nur probiert, nun aber werde ich dich so gewiß durchbohren, wie ich den Dscherid schon hier in der Hand halte!«

   »Natürlich!«

   Es war klar, daß Halef durch die immerwährende Wiederholung dieses lächerlich gewordenen Wortes seinen Feind in Aufregung setzen und dadurch veranlassen wollte, auch noch den dritten Wurf zu thun. Diese Absicht erreichte ihren Zweck, denn der Ben Khalid schrie jetzt wütend:


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   »Ja, natürlich, natürlich und zum drittenmal natürlich, ganz natürlich! Ich werde dir beweisen, daß es so ist!«

   Er that, um mehr Wucht geben zu können, einige Schritte zurück, holte aus und schleuderte, wieder vorwärtsspringend, den Speer mit solcher Kraft, daß wir sein summendes Zischen hörten. Dann stand er bewegungslos, um mit weit vorgelegtem Oberkörper und stieren Augen den Flug der Waffe zu verfolgen, denn sie mußte, mußte und mußte treffen, weil sie die letzte war!

   Halef hatte zwei Speere in der linken und den dritten in der rechten Hand. Er sah, daß der Speer richtig gezielt war und ganz genau auf ihn zugeflogen kam; es schien, als könne er sich nur durch einen Seitensprung retten. Aber der Hadschi war zu ehrliebend, als daß er hätte von sich sagen lassen mögen, daß er auch nur einen Finger breit von seinem Platze gewichen sei. Die rechte Faust bereit haltend, sah er der feindlichen Lanze scharf entgegen; die beabsichtigte, lebensgefährliche Parade gelang: Wir hörten die Speere zusammenschlagen - - der feindliche flog, seitwärts abgelenkt, vorüber!

   Da erschollen nicht etwa hundert Schreie, sondern es war nur ein einziger Schrei, der aus mehreren hundert Kehlen kam. Der Wurf war ausgezeichnet gewesen; er hatte treffen sollen und hätte auch absolut treffen müssen, unbedingt getroffen, wenn diese gewagte und so außerordentliche Parade nicht gewesen wäre! Dazu kam, daß dies die letzte Waffe des zweiten Ganges war. Man kann sich also die Enttäuschung, die Empörung der Beni Khalid über dieses Mißlingen denken! So viele Männer sie zählten, so viele Stimmen schallten durcheinander, bis diejenige des Scheikes, sie alle übertönend, Ruhe gebot.


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   »Seid still!« rief er. »Der Gang ist ja noch nicht vorüber! Wenn der Haddedihn auch nichts trifft, so ist noch gar nichts verloren! Er mag nun auch zeigen, was er kann, oder vielmehr, was er gar nicht kann!«

   Dieser Scheik sagte sich nicht, daß eine so meisterhafte Art der Abwehr auch in Beziehung auf den Angriff auf ein ungewöhnliches Können schließen ließ! Es trat wieder Ruhe ein, und der frühere Besitzer von drei Speeren ließ seine vor Wut heiser klingende Stimme erschallen, um dem Hadschi allerhand zu sagen, was alles aber nur nicht höflich war, doch auch nicht direkt beleidigend. Es war so, wie der Scheik gesagt hatte: der jetzige Augenblick lag auf dem Mittelpunkte der Wage. Wenn Halef dasselbe Unglück hatte und der dritte Gang von den Feinden gewonnen wurde, so gab es keine Entscheidung, und es mußte wahrscheinlich beschlossen werden, noch einmal von vorn anzufangen. Darum war, wenigstens bei den Beni Khalid, die Spannung jetzt auf das höchste gestiegen.

   Halef sah die Augen aller auf sich gerichtet. Ich nahm an, daß er seinen Gegner nun für einige Zeit mit Finten beschäftigen werde; er that dies aber nicht. Später erklärte er mir auf meine darauf bezügliche Frage, daß er es als der Würde eines Scheikes der Haddedihn nicht für angemessen gehalten habe, wie ein Gaukler unausgeführte Bewegungen vorzutäuschen. Er hatte recht!

   Er stand lange still und unbeweglich, wie aus Marmor gemeißelt, und ließ alle Zurufe von sich abprallen. Aber dann fuhr auch ganz plötzlich, gradezu gedankenschnell, sein Arm mit dem Speer empor; der so lange erwartete Wurf geschah, und der Dscherid flog in einem hohen Bogen so genau auf sein Ziel zu, daß der Ben Khalid verloren war, wenn er auf seinem Platze blieb.


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Aller Augen, außer den unserigen, waren auf die fliegende Waffe gerichtet, und niemand achtete in diesem Augenblicke auf Halef. Dieser sah, daß sein Gegner den Fuß hob, um sich durch einen Sprung nach rechts zu retten, und ließ darum schnell hintereinander auch die beiden übrigen Speere fliegen, sie um ein weniges nach dieser Richtung dirigierend. Die erste Lanze kam; und der Ben Khalid machte die vorausgesehene Bewegung des Ausweichens, doch kaum hatte er das gethan, so fuhr ihm die zweite, ihn mit sich niederreißend, in den seitlich obern Teil der Brust, und die dritte nagelte ihm den Arm fest in den Sand.

   Der Aufruhr, den dies bei den Beni Khalid hervorbrachte, ist nicht zu beschreiben. Der Sieger kümmerte sich nicht um diesen mehr als hörbaren Erfolg seiner Ueberlegenheit. Er kehrte so ruhig, wie er gegangen war, zu uns zurück und sprach da nur die Frage aus:

   »Hätte ich es besser machen können, Sihdi?«

   »Nein,« antwortete ich. »Du hast alle Erwartungen so vollständig erfüllt, daß ich dir danken muß. Komm, gieb mir deine Hand!«

   Während ich sie ihm schüttelte, richtete er sein Auge auf Hanneh. Sie sah lächelnd zu ihm auf und sagte nichts als:

   »Ich wußte es!«

   Doch reichte sie ihm beide Hände hin, die er, sich zu ihr neigend, an seine Lippen zog. Dabei flüsterte er ihr zu:

   »Ich zeige auch sonst meinen Rücken keinem Feinde; aber wenn ich dich bei mir weiß, dann wird aus deinem alten, tapfern Löwen eine ganze Löwenschar!«

   Auch der Basch Nazyr richtete das Wort an ihn:

   »Hadschi Halef, du hast mir den Schatz gerettet,


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denn nach dieser ihrer zweiten Niederlage haben die Beni Khalid keinen Anspruch darauf. Wahrscheinlich werden sie nun auf den dritten Gang verzichten.«

   Da entgegnete ihm Omar Ben Sadek, der sich schon bereit gemacht und seinen Oberkörper entkleidet hatte:

   »Das darfst du ja nicht denken. Du siehst, daß ich schon kampffertig bin. Dieser Gang wird ihnen zwar auf keinen Fall den Schatz der Glieder bringen, aber sie meinen, sich rächen zu können, darum darfst du sicher sein, daß sie nicht auf ihn verzichten werden.«

   Der Perser betrachtete den jetzt nicht mehr verhüllten Bau des Oberkörpers dessen, der dies sagte. Er schüttelte den Kopf und sprach:

   »Eure kriegerische Befähigung entdeckt man erst, wenn man euch ohne Hülle sieht. Du bist ja fast zweimal so breit wie ich!«

   »Das hast du noch nicht bemerkt?« lachte Omar vergnügt.

   »Nein!«

   »So paß nachher auf, wenn ich den Ben Khalid aus den Angeln hebe! Wir haben von unserm Effendi einen wunderbaren Griff unter das Schlüsselbein gelernt. Dazu gebe ich einen Stoß in die andere Achselhöhle, fasse an der Seite herunter in das Fleisch und lege, wenn dies sehr schnell und mit voller Körperkraft geschieht, den stärksten Mann dann nieder in den Sand.«

   »Also das ist auch vom Effendi?«

   »Nein,« fiel ich da ein. »Nur den Griff unter das Schlüsselbein habe ich gezeigt; das andere hat Omar Ben Sadek hinzuprobiert und mir erst kurz vor unserer Reise gezeigt. Er ist also in Beziehung auf dieses Kunst- und Kraftstück mein Lehrer, und ich bin neugierig, ob ich es ihm nachmachen kann. Heut werde ich es zum erstenmale im Ernste ausgeführt sehen.«


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   Da ertönte die donnernde Stimme des Scheiks Tawil:

   »Der Ringer her!«

   Ich stand sofort auf und ging hinüber zu ihm. Diese Art und Weise, uns anzuschreien, verdiente eine Lektion.

   »Bist du es denn, der ringen wird?« fragte er mich, indem er mich mit seinen Augen durchbohren zu wollen schien.

   »Nein,« antwortete ich.

   »So packe dich fort! Hier haben nur die Ringer Platz.«

   »Bist du einer?«

   »Welche Frage! Ich doch nicht!«

   »So packe auch du dich fort!«

   »Ich befehlige den Kampf!«

   »Ich auch!«

   »Wer hat dir das erlaubt?«

   »Wer dir?«

   »Ich!«

   »Ich sage ebenso "Ich!" Du hast dir dieses Recht angemaßt, und wir sind dazu still gewesen, weil es dem Stärkeren geziemt, daß er nachgiebt; aber den Ton, in welchem du jetzt zu uns zu sprechen wagst, den werden wir uns verbitten! Du hättest vielmehr alle Veranlassung, höflich und bescheiden zu sein, denn wir sind nicht nur bisher Sieger, sondern werden euch beweisen, daß wir es auch bleiben! Der Kanz el A'da gehört uns schon; die Fortsetzung des Kampfes ist also vollständig überflüssig.«

   »Ihr fürchtet euch?!«

   »Diese Frage ist nach dem bisher Geschehenen so kindisch lächerlich, daß ich sie gar nicht beantworte. Ich will dir nur das Verständnis dafür geben, daß wir, wenn wir auch den dritten Gang beenden, dies nur freiwillig thun.«


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   »Freiwillig? Ich würde euch zwingen!«

   »Alah mahlak!« *)

   »Sieh dort meine Leute!«

   »Alah mahlak!«

   »Und sieh hier mich!«

   Er warf sich in die Brust, als ob er ein Halbgott und ich ein reiner Garnichts sei. Darum ließ ich meine Augen vom Kopfe bis zu den Füßen herab langsam und höchst geringschätzig über ihn gleiten und antwortete wieder nur:

   »Alah mahlak!«

   Dies brachte ihn so in Wut, daß er mich beim Arme faßte und mir grad in das Gesicht brüllte:

   »Leiste sofort Abbitte, sonst zermalme ich dich mit meinen Fäusten!«

   »Ich habe nichts abzubitten,« antwortete ich sehr ruhig. »Es ist ausgemacht, daß jede Beleidigung zu vermeiden sei; du aber hast uns angebrüllt, als ob wir räudige Hunde seien; du beleidigst jetzt auch mich; ja, du wagst es sogar, die Hand an mich zu legen. Du brichst also den Frieden! Paß auf, was ich dir jetzt sage! Achtest du nicht sofort auf meine Worte, so zeige ich dir, ob du es bist, der mich zermalmen kann! Also: Weg mit deiner Hand von meinem Arm!«

   »Hund!« antwortete er, indem er auch den andern faßte. »Ihr habt euch darüber aufgehalten, daß ich mich nicht mit am Kampfe beteiligt habe. Jetzt will ich dir zeigen, ob - - - «

   Er sprach nicht weiter, denn was jetzt geschah, raubte ihm die Sprache. Er hatte während seiner überlaut gebrüllten Worte versucht, mich niederzuwerfen; da aber


*) Gemach! Pah!
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bekam er den vorhin erwähnten Griff unter das Schlüsselbein, was ihn zwang, mit der entgegengesetzten Hand mich loszulassen und herüberzulangen. Dadurch gab er die Achselgrube frei, in welche sofort von unten herauf mein Hieb zu sitzen kam, der ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Seite warf, indem er ihm den Fuß aushob, und nun fuhr ich mit derselben Hand schnell herunter und faßte ihn so rücksichtslos fest in der Weiche, daß er sogar das Schreien vergaß. So hob ich ihn auf und warf ihn nieder auf die Erde.

   Das war in Zeit von kaum zehn Sekunden geschehen, so schnell, daß seine Leute ihn liegen sahen , ohne eigentlich zu wissen, wie das zugegangen war. Er wollte zwar wieder aufspringen, um mich zu fassen, konnte aber nicht. Es gelang ihm nur, sich unter schmerzlichem Aechzen und fast atemlos sehr langsam zu erheben. Als er dann gebeugt vor mir stand, denn den Oberkörper grad zu halten, das brachte er noch nicht gleich fertig, sprach ich in demselben ruhigen Tone wie vorher:

   »Nun, wie steht es mit dem Zermalmen? Daß du mich einen Hund genannt hast, das verzeihe ich dir; aber du hast dich an mir vergriffen und das bringt Schande über dich und deinen ganzen Stamm! Von nun an wird es heißen: Tawil Ben Schahid, der Scheik der Beni Khalid, der so stolz auf die Unverbrüchlichkeit und Heiligkeit seines Wortes ist, hat nicht nur dieses sein Wort, sondern sogar seinen Schwur, höre! seinen auf den Kuran geleisteten Schwur gebrochen! Wenn du diese Schande tragen kannst, so trage sie; ich aber würde mir eine Kugel durch den Kopf jagen!«

   Nach diesen Worten ließ ich ihn stehen und ging an meinen Platz zurück. Von da aus sah ich ihn langsam forthinken, zu seinen Leuten hin.


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   »Das hast du recht gemacht!« sagte Halef. »Nun ist auch er besiegt, körperlich und moralisch! Wie wird er seinen Zorn verwünschen, der ihn zu diesem Fehler verführt hat!«

   »Und ich habe da gleich Gelegenheit gefunden, den Kraftstreich auszuführen, den ich von Omar gelernt habe. Er ist ausgezeichnet. Nur schonen darf man nicht dabei; dann nimmt er dem Betreffenden den Atem und die ganze Kraft zum Widerstande.«

   »Das scheint der Fall zu sein,« bemerkte Halef; »denn Tawil Ben Schahid geht gebückt wie ein alter Greis, der den Stock zu Hilfe nehmen muß. Nun bin ich wirklich neugierig, was geschehen wird. Vielleicht hetzt er seine Krieger zum offenen und sofortigen Angriff gegen uns!«

   »Das befürchte ich nicht,« war meine Meinung. »Ich halte den Stolz, welchen er auf die Unverletzlichkeit seines Wortes legt, für echt. Er wird die jetzige Niederlage schwer empfinden, so schwer, daß er gegen seine Leute darüber schweigt. Wenn mich meine Vermutung nicht täuscht, so tritt etwas ganz Unerwartetes ein.«

   »Was?«

   »Das kann Verschiedenerlei sein, wahrscheinlich ein Rückzug ohne Beendigung des Kampfes.«

   »Das würde mir sehr unlieb sein,« bemerkte Omar Ben Sadek. »Ich will doch auch meinen Gegner haben!«

   »Sei nicht unwirsch darüber! Du wirst später mehr als nur diesen einen finden. Unser Uebereinkommen bezieht sich ja nur auf den heutigen Tag; von morgen an ist ihre Feindschaft doppelt unversöhnlich. Ich bin vollständig überzeugt, daß wir nach unserer Entfernung von hier nicht lange auf einen neuen und zwar viel gefährlicheren Angriff von ihnen zu warten haben. Sie


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werden überhaupt nach Rache dürsten, und der Scheik wird im Besonderen darnach trachten, denjenigen den Mund sprachlos zu machen, welche erzählen können, daß er seinen Schwur gebrochen hat.«

   Die Vermutung, von welcher ich gesprochen hatte, ging wirklich in Erfüllung. Wir sahen, daß der Scheik die ansehnlichsten seiner Krieger um sich versammelt hatte und mit ihnen beriet. Das dauerte eine geraume Zeit; dann kam er allein wieder über den Platz herüber und blieb, uns winkend, dort stehen. Er konnte sich schon besser aufrichten als vorhin. Ich ging mit Halef hin. Als wir ihn erreichten, versuchte er, seinem Gesichte nur einen Ausdruck des Ernstes zu geben; aber er konnte doch nicht ganz verleugnen, daß ein Vulkan des Hasses und der Rache in ihm lag.

   »Hadschi Halef Omar und Akil Schatir Effendi,« begann er, »ich will euch mit dem Freimute eines berühmten Kriegers gestehen, daß ich eine Uebereilung begangen habe, die ich hätte unterlassen sollen. Ich bitte euch, sie zu vergessen und gegen niemanden davon zu sprechen! Für die Erfüllung dieses Wunsches biete ich euch Entschädigung.«

   »Welche?« fragte ich.

   »Wir verzichten zunächst auf die Fortsetzung des Kampfes.«

   »Das heißt, wir sollen auf den dritten Sieg verzichten; so ist es. Doch weiter!«

   »Wir nehmen sofort unsern Aufbruch und ziehen fort!«

   »Das müßtet ihr so wie so, denn der Besiegte ist dazu gezwungen. Weiter!«

   »Wir lassen euch den Kanz el A'da.«

   »Den könnt ihr uns nicht nehmen; er ist dem Sieger zuerkannt, und wir haben ja gesiegt. Noch etwas?«


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   »Ihr macht keine Ansprüche auf die Mekkaner.«

   »Behaltet sie in Allahs Namen, denn wir sind herzlich froh, daß wir uns nicht mehr mit ihnen zu befassen brauchen!«

   »So seid ihr also einverstanden?«

   »Das habe ich nicht gesagt. Du verlangst von uns das Geschenk der Verschwiegenheit und bietest uns dafür nur Dinge, die schon unser Eigentum sind. Das ist für dich freilich ein vorteilhafter Handel, bei dem du alles bekommst und nichts zu geben hast. Da wir nun keine geistig blinden Menschen sind, so wollen wir uns, ehe wir dir unser Wort geben, die Angelegenheit doch erst einmal näher betrachten. Wohin reitet ihr von hier?«

   »Nach der Ain Bahrid« *).

   »Wirklich?«

   »Ja.«

   »Irre ich mich nicht, so liegt sie eine volle Tagesreise im Südwesten von hier?«

   »Ja.«

   »Und dorthin wollt ihr reiten? So, so! Ich habe bisher angenommen, daß der Pfad des Krieges, auf dem ihr euch befindet, euch nach Westen und Nordwesten führt! Doch geht uns das nichts an, denn eure Wege sind nicht unsere Wege; aber weil wir darum wünschen, daß sie nicht wieder zusammenführen, so hoffen wir, daß ihr auch wirklich und direkt nach der Ain Bahrid reitet. Es war ausgemacht, daß nach der Beendigung des Zweikampfes für heute Friede zwischen uns sein solle. Wie steht es damit?«

   »Es bleibt dabei.«

   »Für heute nur?«


*) Kalte Quelle.
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   »Ja.«

   »Und später?«

   »Wieder Kampf.«

   »Und da sollen wir dir Verschwiegenheit versprechen, für die du nichts weiter als nur Fortsetzung der Feindschaft bieten kannst!«

   »Ich habe euch doch viel, viel mehr versprochen!«

   »Das haben wir ja alles schon! Dieser dein Vorschlag ist so kindisch, daß wir uns sogar schämen müssen, darüber zu lachen! Wir sind keine Kinder, die man mit nichtssagenden Worten oder mit leblosen Puppen beruhigen kann, sondern Männer, denen die Stürme der Wüste und des Lebens noch öfter und drohender als euch um die Nase gepfiffen sind, und als solche durchschauen wir dich nur zu wohl. Du sollst also auf deine Anfrage nicht eine kindische Zusage, sondern eine Männerantwort zu hören bekommen, und diese lautet folgendermaßen: Ihr verlaßt den Bir Hilu sofort und gebt uns für heute den ausbedungenen Frieden. Wenn ihr das thut, so versprechen wir dir die gewünschte Verschwiegenheit für uns so lange, als uns nichts Feindliches von euch widerfährt. Das ist unser Entschluß, zu welchem nichts gethan und von welchem auch nichts genommen wird.«

   »Hast du nichts hinzuzufügen?«

   »Nein; ich sage es ja; kein Wort!«

   »Also ihr werdet schweigen, so lange euch von uns nichts geschieht?«

   »Ja.«

   »Gut, ich bin zufrieden!«

   »Dieser jetzige Handel gilt?«

   »Ja.«

   »Du giebst dein Wort?«

   »Ich gebe es!«


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   »Reiche Hadschi Halef Omar, dem Scheik der Haddedihn, deine Hand darauf, dann sind wir fertig!«

   Er that es, hielt die Hand Halefs fest, sah ihm und dann auch mir ebenso fest in die Augen und wiederholte, jedes Wort einzeln und schwer betonend:

   »Ihr schweigt, so lange euch von uns nichts geschieht! Abgemacht! Wir reiten fort!«

   Hierauf drehte er sich um und ging hinüber zu seinen Leuten. Halef sah mich fragend an und schüttelte den Kopf.

   »Dir ist etwas nicht klar?« fragte ich ihn.

   »Allerdings!«

   »Was?«

   »Warum wiederholte er diesen Satz und betonte ihn in solcher Weise, Effendi?«

   »Weil er ein höchst unvorsichtiger Mann ist, der gar nicht ahnt, daß er uns seine Absichten damit verraten hat.«

   »Wieso?«

   »Du glaubst doch, daß die Beni Khalid darauf brennen, sich an uns zu rächen?«

   »Das ist doch so sicher, daß wir gar kein Wort darüber zu verlieren brauchen!«

   »So dauert also unsere Verschwiegenheit von heut an bis zum nächsten Angriffe ihrerseits; da der Scheik aber unserer Schweigsamkeit nicht traut, wird er diese Zeit möglichst abzukürzen, zu verringern suchen. Verstehst du mich?«

   »Sehr gut, sehr gut! Du meinst, daß wir es baldigst wieder mit ihnen zu thun haben werden.«

   »Ja. Heut zwar nicht, denn Wort wird er halten, aber sehr wahrscheinlich morgen schon, und wenn das nicht, dann sicher übermorgen, damit wir nicht etwa Ge-


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legenheit [Gelegenheit] bekommen, mit Leuten zusammenzutreffen, denen wir von seinem Schwuresbruche erzählen können. Wir haben uns also so in acht zu nehmen, wie noch selten in unserm Leben. Das hat er uns verraten, ohne es zu wissen. Er wollte uns unsere Verpflichtung so tief und fest wie möglich einprägen und dachte dabei aber nicht, daß grad in dieser Wiederholung für einen vorsichtigen und scharfsinnigen Mann die Aufforderung lag, zwischen seinen Worten die verborgenen Gedanken herauszulesen.«

   Omar Ben Sadek sah sich also zu seinem wirklichen Leidwesen gezwungen, auf eine der Ehre seines Stammes geltende Heldenthat zu verzichten. Er versicherte, sich darauf gefreut zu haben, und wir alle glaubten ihm das gern. Eigentlich trug ich die Schuld an dieser Entsagung, denn wenn ich nicht auf den Gedanken gekommen wäre, dem Scheik der Beni Khalid die erteilte Lektion zu geben, so hätte der dritte Gang wohl noch ausgekämpft werden müssen; aber dann wäre uns nicht durch den Wortbruch Tawils eine Waffe in die Hand gegeben worden, die nicht nur für heut', sondern auch für später geeignet war, uns gute Dienste zu leisten.

   Wir sahen zu unserer Genugthuung, daß sich die Beni Khalid zum schnellen Aufbruche rüsteten. Daß sie nicht direkt nach der Ain Bahrid reiten würden, stand für mich außer allem Zweifel. Ich hatte diese Quelle und ihre Lage, als er von ihr sprach, gekannt, weil sie auch unser nächstes Ziel war, nach welchem wir uns zu wenden hatten, gleichviel, ob die Beni Khalid auch hingingen oder nicht. Sie war die nächste Wasserstation auf unserer Route.

   Eigentlich konnten wir mit unserm Erfolge sehr zufrieden sein. Wir hatten die gestohlenen Sachen bekommen und den Perser mit seinen Soldaten befreit, wir


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Fünfzig gegen eine uns so vielfach überlegene Schar! Ja sogar den Kampfplatz hatten wir behauptet, während die Ueberlisteten und Besiegten gezwungen waren, abzuziehen!

   Als ihre Vorbereitungen ziemlich vollendet waren, sahen wir den Scheik noch einmal herüberkommen. Hinter ihm ging zu unserem Erstaunen der Ghani, welcher den Münedschi an der Hand führte. Daß dem ersteren noch etwas eingefallen war, was er uns nachträglich zu sagen hatte, das war ja leicht denkbar; was aber wollten die beiden andern noch hier bei uns?

   Sie kamen zunächst nicht ganz heran, sondern blieben in einiger Entfernung von uns stehen. Der Scheik sagte:

   »Ich komme nicht um meinetwillen, sondern nur um dieser beiden Männer wegen. Sie wollen von euch etwas holen und fürchten, von euch feindlich behandelt zu werden. Da sie als Gastfreunde unter meinem Schutze stehen, habe ich dafür zu sorgen, daß dies nicht geschehe, und sie also begleitet. Dürfen sie hinkommen zu euch?«

   »Ja,« antwortete Halef.

   »Ihr vergreift euch nicht an ihnen und haltet sie fest?«

   »Das kann uns gar nicht in den Sinn kommen!«

   »So habe ich meine Pflicht gethan und werde hier stehen bleiben, um auf sie zu warten. Geht!«

   Diese letztere Aufforderung war an den Ghani gerichtet, welcher ihr folgte, indem er mit dem Blinden vollends zu uns kam. Er deutete auf das Paket, welches neben dem Perser lag und sagte:

   »Ihr habt mir dieses mein Eigentum gestohlen, welches ihr als Kanz el A'da bezeichnet, um euern Diebstahl - - -«

   »Halt!« unterbrach ich ihn da. »Wir haben euch


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erlaubt, mit uns zu sprechen, und unser Wort gegeben, daß euch nichts geschehen soll. Wenn du es aber wagst, uns solche schamlose, freche Beschuldigungen, deren Grundlosigkeit du am allerbesten kennst, in das Gesicht zu werfen, so stehe ich für nichts. Sag' also kurz, was du willst, und nimm dich zusammen, kein unnützes Wort zu sprechen!«

   Er schien sich gar nicht sehr eingeschüchtert zu fühlen, fuhr aber nun ohne weitere Beleidigungen fort:

   »Die Sachen sind in meinen Gebetsteppich gewickelt. Ich muß sie euch lassen, weil der Scheik der Beni Khalid sie euch zugesprochen hat, aber den Teppich verlange ich zurück!«

   »Du irrst. Es hat uns niemand diese Gegenstände zugesprochen, sondern das Wüstengericht der Haddedihn hat erkannt, daß sie Eigentum des Kanz el A'da in Meschhed Ali sind, wo sie gestohlen wurden. Daß ein Teppich des Gebetes zur Umhüllung gestohlener Sachen benutzt wird, könnte man vielleicht einem ungläubigen Abd el Asnahm *), nie aber dem "Liebling des Großscherifs" von Mekka zutrauen. Ihr habt da eben ganz Unglaubliches geleistet. Daß ein so entweihter Teppich wieder seine fromme Benutzung finden werde, halte zwar ich für ganz ausgeschlossen, euch aber ist das allerdings wohl zuzutrauen - - -«

   »Ibn Harahm! Cha'in!« **) rief der Blinde laut dazwischen, indem er mit der Gebärde tiefsten Abscheues seine Hände emporwarf.

   Ich wußte in diesem Augenblicke nicht, wem das gelten sollte, und fuhr also fort:


*) Heide, Götzendiener.
**) Schurke! Schuft!
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   »Es fällt uns gar nicht ein, uns an diesem Stücke zu bereichern, es wird dir gleich zurückgegeben werden.«

   »Ja, sofort!« stimmte der Basch Nazyr bei. »Es kann mir bloß lieb sein, wenn ich nichts mehr zu berühren brauche, was Eigentum von Dieben ist.«

   Er wickelte das Paket auf, legte die Beutel einstweilen neben sich und warf dem Ghani den Teppich samt der Schnur zu. Dieser hob beides auf.

   »Seid ihr nun fertig?« fragte ich.

   »Nein. Der Münedschi ist auch da,« antwortete der »Liebling«.

   »Was will er?«

   Da trat der Blinde, dem Klange meiner Stimme folgend, nahe zu mir heran und sagte:

   »Damit ich mich ja nicht irre, muß ich wissen, ob du der Effendi aus dem Wadi Draha bist. Du hast seine Stimme, ich könnte mich trotzdem täuschen und einen großen Fehler begehen. Was ich dir zu sagen habe, ist für keinen andern. Also du bist es?«

   »Ja.«

   »Neige dein Gesicht ganz nahe her zu mir! Du weißt, daß ich dich dann erkennen kann, weil die Sonne scheint.«

   Ich hatte keinen Grund, ihm diese Bitte abzuschlagen, und hielt ihm das Gesicht hin. Er hob die Hände, faßte hüben und drüben meinen Kopf, hielt ihn fest und - - - spie mir ein-, zwei-, dreimal in das Gesicht. Auf so einen Angriff gar nicht gefaßt und von ihm mit allen seinen Kräften festgehalten, gelang mir die Befreiung meines Kopfes nicht schnell genug, der dreimaligen Mißhandlung zu entgehen. Ein fünfzigfacher Schrei der Haddedhin ertönte rundum, und Halef packte mit beiden Fäusten den Blinden an der Brust.


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   »Mensch! Wahnsinniger!« schrie er ihn, ganz außer sich, an. »Was hast du gethan! Du bist ein Greis und blind dazu, aber das soll mich nicht abhalten, dich zu Brei zu malmen!«

   Er hatte ihn schon fast nieder; ich griff also, ohne mich abwischen zu können, schnell zu, riß ihn von dem Münedschi weg und befahl mit lauter Stimme:

   »Daß keiner den Blinden anrührt! Diese Beleidigung geht nur mich an, keinen andern Menschen!«

   »Aber, Sihdi, er hat es gewollt; er hat es beabsichtigt!« rief Halef, noch immer höchst aufgeregt. »Er befindet sich nicht in seinem Zustande des Traumes, sondern er ist wach und vollständig im Besitze seiner Sinne! Er hat also nicht unbewußt gehandelt, sondern mit klarer Ueberlegung, und da ist es eine so freche und infame Besudelung deiner Person, daß die Strafe gar nicht hart und schnell genug erfolgen kann!«

   »Das ändert gar nichts daran, daß nur ich allein darauf zu antworten habe! Er will sprechen, seid still!«

   Hanneh war auch erschrocken aufgesprungen. Sie kam heran zu mir, wischte mir den Geifer aus dem Gesichte und liebkoste mir dann, ohne dabei zu sprechen, mit ihrer Hand die nach Ansicht ihres Mannes so fürchterlich gekränkten Wangen. Während sie das that, sprach der Münedschi:

   »Das, das wollte ich dir sagen, ja, sagen, denn das Anspeien ist ja die deutlichste der Sprachen! Du bist der elendeste, der armseligste Mensch, der mir jemals vorgekommen ist! Mit Worten der Liebe hast du dich in mein Herz gestohlen, während in dem deinigen nur der Haß regiert! Du gabst dir den Anschein der Seelenreinheit, der Gedankenhöhe und wälzest dich doch in dem tiefsten, niedrigsten Schmutze des Verbrechens! Du hast


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das Kleid der Güte, der Barmherzigkeit um dich geschlagen und hetzest doch die Menschen wie Hunde, die sich zerreißen sollen, auf einander. Du heuchelst Wahrheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Treue und bist doch voller Falschheit, Lug und Trug! Ja, deine Gelehrsamkeit ist groß, wohl größer als das Wissen, welches ich mir mühsam erworben habe, aber du hast sie in den Pfuhl der sittlichen Verdorbenheit geworfen, aus dem heraus sie nur verderbend anstatt Segen bringend wirken kann! Du giebst vor, himmelan zu streben und stehst doch nicht nur auf dem Weg zur Hölle, sondern bist schon jetzt und selbst ein Abgrund schlimmster Teufelei! Du thust, als liege dir der Menschen Seligkeit am Herzen und bist doch ein Verführer zum Verbrechen und trägst die Schuld an all der Schlechtigkeit, die hier geschehen ist! Ihr sprecht von einem Kanz el A'da, der eine unverschämte Lüge ist, du aber hast einen Raub an mir begangen, hast meine Seele betrogen und bestohlen und mir einen innern Verlust zugefügt, für den es keinen Ersatz giebt! Das mußte ich dir sagen; nur darum ließ ich mich jetzt zu dir führen, um dich des Seelenraubes, ja, des Seelenmordes anzuklagen und dir in das Gesicht zu speien, damit du erfährst, wie der von dir denkt, dem du das Herz nur öffnetest, um es noch ärmer und elender zu machen, als es vorher war! Das erblindete Auge meines Körpers ist trocken, aber mein inneres Auge weint. Ich gebe dich der Strafe Allahs heim und fordere von ihm, für dich nicht Gnade, nicht Barmherzigkeit zu haben, sondern nur den Untergang, das ewige Verderben!«

   Die Wucht dieser gegen mich geschleuderten Anklagen wurde durch den Eindruck seiner Persönlichkeit überhaupt und dann auch durch die Art und Weise verstärkt, wie er sie vorbrachte. Das wahren [waren] ja wahre Keulen-


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schläge [Keulenschläge], die mich aber nicht treffen konnten, und also in die Luft geführt. Die Haddedihn waren so betroffen, daß sie nur erstaunte Blicke hatten. Halef schaute mich erwartungsvoll an, was ich nun sagen werde. Ich öffnete auch schon den Mund, um zu antworten, da trat der Ghani auch zu mir heran und warf mir die Worte zu:

   »Mein Schützling, der von meiner Barmherzigkeit lebt und unsere Unschuld kennt, hat mir aus dem Herzen gesprochen. Ich bestätige alles, was er gesagt hat, und zeige dir meine Verachtung in ganz derselben Weise wie er, indem ich dich ansp- - - -!«

   Wahrhaftig, dieser Mensch war so frechverwegen, auch speien und spucken zu wollen! Vielleicht machte ihn meine Selbstbeherrschung, welche ich dem Münedschi gegenüber zeigte, so vermessen! Aber er hatte das Wort noch nicht ganz ausgesprochen, so bekam er von mir eine so gewaltige Maulschelle, nicht etwa bloß Ohrfeige, daß er, wie von Pulverkraft getrieben, zur Seite und unter die Haddedihn hineinflog. Fast hätte er einige von ihnen mit in seinen Sturz gerissen. Sie waren sofort über ihn her, um das von meiner Hand begonnene Werk so thatkräftig fortzusetzen, daß seine heulende Stimme über den ganzen Platz schallte. Da sprang der Scheik herbei. Er schlug, um ihn zu befreien, auf sie ein und schrie:

   »Weg von ihm, weg! Er steht unter meinem Schutze! Indem ihr euch an ihm vergreift, brecht ihr die für heut getroffene, friedliche Vereinbarung!«

   Da drängte ihn Halef von ihnen ab und antwortete drohend:

   »Zurück mit dir, augenblicklich zurück! Wer hat sie zuerst gebrochen, wir oder ihr? Das weiche Herz unsers Effendi hat den Münedschi geschont, weil der alte Mann blind und auch sonst unzurechnungsfähig ist, dem Ghani


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aber, diesem Ausbund der maßlosesten Unverschämtheit, muß gezeigt werden, daß wir ihn mit demjenigen Eifer zu behandeln wissen, den wir seinem Verhalten schuldig sind. Ich an deiner Stelle würde mich schämen, hier noch von Schutz zu sprechen! Eure Dreistigkeit ist geradezu empörend!«

   Er nahm sich aber doch des Gezüchtigten an, indem er ihn aus den Händen der Haddedihn befreite, was allerdings nicht allzuschnell von statten ging. Die »eifrige Behandlung« hatte zur Folge, daß er fast des Gebrauches seiner Glieder beraubt war. Er hinkte zu dem Münedschi hin und ergriff seine Hand, um ihn fortzuführen; dies geschah aber nicht, ohne daß er uns noch drohend zuzischte:

   »Wartet bis Mekka, bis Mekka! Oder vielleicht noch viel, viel eher, ihr Hunde!«

   Der Scheik entfernte sich mit schnellen Schritten. Sein »Schützling« krümmte sich, so gut oder übel er konnte, mit dem Blinden hinter ihm her.

   »Ich habe schon viel, sehr viel erlebt,« meinte Halef, »und so manchen von Gott verlassenen Menschen kennen gelernt, aber so etwas hätte ich doch nicht für möglich gehalten! Doch, er hat für einstweilen seinen Lohn, und wahrscheinlich wird er uns in dieser Beziehung noch besser kennen lernen! Aber Effendi, du warst ganz still! Warum hast du zu dem Münedschi kein einziges Wort der Verteidigung gesagt? Nun ist er überzeugt, daß er recht habe!«

   »Erstens ging alles so schnell, daß es für mich keine Zeit zum Sprechen gab, und zweitens war es wohl genug von mir, daß ich überhaupt schwieg. Und wenn ich ihm eine stundenlange Rede gehalten hätte, so wäre sie doch ohne Erfolg geblieben. Ich habe ihm verziehen und


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denke, daß für jetzt nicht mehr erforderlich war. Betrachten wir diesen so ganz unerwarteten Angriff als ungeschehen!«

   »Gut! Es ist wohl auch am richtigsten so! Wir haben jetzt an Dinge zu denken, welche für uns wichtiger sind als diese grundlosen Beschuldigungen aus dem Munde eines armen, mißgeleiteten, blinden Mannes. Ich hätte ihn in der ersten Hitze umbringen können, nun aber freue ich mich, daß du mich davon abgehalten hast, ihn zu züchtigen. - - Was thun wir jetzt? Wann setzen wir unsere Reise fort?«

   »Morgen früh.«

   »Erst? Warum nicht schon heut?«

   »Weil wir erst an der Ain Bahrid Wasser finden und sie heut' nicht erreichen würden, denn die Beni Khalid sind zwischen uns und ihr. Ich vermute überhaupt, daß wir nicht so schnell, wie wir es wünschen, an diese Quelle kommen werden; die Rache Ben Schahids hält uns auf. Darum haben wir uns vor allen Dingen mit Wasser zu versehen und werden den heutigen Tag zur Füllung unserer Schläuche benutzen, doch nicht eher, als bis Khutab Agha dies mit den seinigen gethan hat.«

   »Warum ich?« fragte der Perser.

   »Weil du natürlich so bald wie möglich fortreitest.«

   »So bald wie möglich? Nein, Effendi! Ich habe gesagt, daß wir diesen Ort nicht eher als ihr verlassen werden, und von diesem Vorhaben bringt mich niemand ab, auch du nicht. Soll Dschafar, unser gemeinschaftlicher Freund, wenn ich ihn treffe, mir den erstaunten Vorwurf machen, daß ich mit Kara Ben Nemsi zusammen gewesen bin und dieses Glück, diesen Vorzug nicht bis zum letzten Augenblick ausgenützt habe? Und wenn du mir alles zumuten darfst, alles andere, aber nur das nicht!«


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   »So ist es meine Pflicht, dich zu warnen! Der Scheik der Beni Khalid ist ohne Zweifel gewillt, dir den Kanz el A'da wieder abzunehmen. Jetzt, wenn du dich so bald wie möglich von hier entfernst, muß er darauf verzichten; bleibst du aber bis morgen hier, so giebst du ihm Zeit, diese seine Absicht auf irgend eine Weise auszuführen. Das mußt du bedenken!«

   »Ich bedenke es und bleibe dennoch da. Auf mein gestriges Zusammentreffen mit ihm war ich nicht vorbereitet; nun ich aber weiß, woran ich bin, kann es ihm unmöglich gelingen, mich zum zweitenmal festzunehmen. Also, ich bitte dich, rede mir nicht darein; ich bleibe!«

   Er sagte das in einem so bestimmten Tone, daß ich die Vergeblichkeit jedes weiteren Einspruches einsehen mußte und also schwieg, obgleich ich es viel, viel lieber gesehen hätte, wenn er von diesem seinem Vorhaben abgewichen wäre, welches gefährlicher für ihn war, als er in seiner Unerfahrenheit jetzt dachte.

   Bald hierauf sahen wir die Beni Khalid mit ihren »Gastfreunden« abziehen, und einige Zeit später schickten wir ihnen zwei Haddedihn zur Beobachtung nach. Das war eine Vorsichtsmaßregel, deren Ausführung wir nicht versäumen durften.

   Nun waren wir allein und für den heutigen Tag wahrscheinlich sicher. Da machten unsere Leute es sich bequem. Der Platz und seine Umgebung wurden auf das genaueste durchforscht und die hiesigen Verhältnisse ebenso genau und ausgiebig im Gespräche durchgenommen. Der Vormittag verlief vollends, ohne daß etwas Erwähnenswertes geschah, und ein großer Teil des Nachmittages auch. Dann aber bekamen wir am Brunnen Besuch, nämlich zwei Beduinen, welche auf Eilkamelen aus westlicher Richtung kamen und, als sie den Brunnen


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besetzt sahen, von weitem halten blieben. Sie beobachteten uns eine Weile und kamen dann näher. Der Umstand, daß Soldaten bei uns waren, mochte ihr Mißtrauen zerstreut haben. Als sie uns erreicht hatten, stiegen sie aber nicht sogleich ab.

   »Hadschahdsch!« sagte der eine von ihnen, weiter nichts.

   Dieses Wort ist der Plural von Hadschi und sollte soviel heißen wie: »Wir sind Mekkapilger!« Es giebt nämlich eine Vorschrift, nach welcher man gegen jeden Pilger Frieden zu halten hat, während er unterwegs ist, selbst wenn er einem feindlichen Stamme angehört. Doch aber sind es grad die Pilgerzüge, welche sich vor den räuberischen Beduinen am meisten in acht zu nehmen haben. Daß diese beiden Männer hier Hadschahdsch seien, das glaubten wir nicht; sie legten sich diese Eigenschaft nur bei, um von uns nicht feindlich aufgenommen zu werden. Halef antwortete:

   »Seid uns willkommen, und steigt getrost ab! Wir haben Platz und auch Wasser für euch!«

   »Wer seid Ihr?«

   »Ich bin Hadschi Halef Omar, der oberste Scheik der Haddedihn vom Stamme der Schammar.«

   »Und diese Asaker?«

   »Sie sind in der hiesigen Gegend gewesen, um einen Flüchtling einzufangen, und kehren nun nach Meschhed Ali zurück. Und welchem Stamme gehört ihr an?«

   »Wir sind Scherarat von der Ferkah *) Fawwahl und haben nicht die Absicht, lange hier zu bleiben. Erlaubt uns nur, unsere Kameele zu tränken; dann reiten wir wieder fort.«


*) Unterabteilung.
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   Das mußte auffallen. Wenn sie friedliche Pilger waren, so blieben sie hier, denn der nächste Brunnen war eine Tagereise entfernt, und als Wallfahrer treibt man sich doch nicht des Nachts in einem unbekannten Teile der Wüste herum. Ich machte also Halef die leise Aufforderung, seinen Leuten und auch den Soldaten den Befehl zu geben, sich ja nicht etwa ausfragen zu lassen. Er that dies so, daß die Fremden es nicht bemerkten.

   Diese letzteren hatten ganz besondere Blicke für unsere Pferde und für das getüpfelte Hedschihn des Persers. Die Art und Weise, wie sie diese Tiere nur ganz verstohlen aber mit gieriger Bewunderung betrachteten und einander dann ansahen, fiel nicht mir [fiel nicht nur mir], sondern auch Hadschi Halef auf.

   »Effendi, das sind Pferdediebe!« flüsterte er mir zu.

   »Vom Stamme der Beni Lam,« ergänzte ich seine Worte.

   »Maschallah! Das ist möglich!«

   »Ich habe zwar keine Beweise dafür, möchte aber behaupten, daß ich mich nicht irre. Daß sie zu den Fawwahl der Scherarat gehören, ist eine Lüge, denn wären sie das wirklich, so führte sie der Weg nach Mekka immer den Tebuk-, Madschihn- und Medina-Karawanenpfad entlang, aber nicht so weit in die südöstliche Nedschd-Wüste herüber. Der Scheik der Beni Khalid hat uns ja gesagt, daß sein Kriegszug den Beni Lam gelte, und so ist es klar, wenigstens für mich, daß diese zwei Beduinen Kundschafter dieses Stammes sind, welche nach den Beni Khalid suchen.«

   Bald darauf wurde uns der Beweis geliefert, daß ich mit dieser Vermutung nicht fehlgegangen war, denn als ihre Kamele getrunken hatten, fragte uns der eine:

   »Wohin geht von hier aus euer Weg?«


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   »Nach der Ain Bahrid,« antwortete ich.

   »Dahin reiten wir jetzt und ruhen uns dann dort aus. Ihr werdet uns also morgen abend dort wiedersehen.«

   Wie schlau! Er wollte nur wissen, wann wir von hier aufzubrechen beabsichtigten. Darum führte ich ihn irre:

   »Die Freude, euch dort zu treffen, ist uns versagt, denn wir sind so ermüdet, daß wir diesen Brunnen hier erst übermorgen verlassen werden.«

   Da fragte er unvorsichtig schnell: »So seid ihr morgen den ganzen Tag noch hier?«

   »Ja.«

   »Habt ihr vielleicht Begegnungen gehabt? Wir wurden vor den Beni Khalid gewarnt, welche sich auf einem Kriegszuge gegen die Beni Lam in der Gegend des Bir Hilu herumtreiben sollen.«

   Jetzt hätten wir die beste Gelegenheit gehabt, uns dadurch an den Beni Khalid zu rächen, daß wir die Beni Lam auf sie hetzten. Eine schnelle Bewegung Halefs sagte mir, daß er auch wirklich in diesem Sinne an meiner Stelle antworten wolle; ich kam ihm aber zuvor:

   »Wir sind Hadschahdsch, grad so wie ihr und bekümmern uns nicht um die Streitigkeiten fremder Leute.«

   »Aber Auskunft könnt ihr uns doch geben, ob ihr eine Spur der Beni Khalid oder gar sie selbst gesehen habt!«

   »Nein, denn ihr seid Beni Lam und keine Scherarat! Wir Haddedihn lassen uns nicht täuschen, und es fällt uns nicht ein, die Schuld am Blute anderer auf uns zu laden!«

   Da wollte er heftig werden, besann sich aber eines anderen und war still. Nach kurzer Zeit stiegen sie auf, grüßten ganz kurz und ritten fort, und zwar in west-


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licher [westlicher] Richtung, während der Weg nach der Ain Bahrid sie doch nach Süden geführt hätte. Sie hielten es also für überflüssig, noch einen Versuch zu machen, unsere Ansicht über sie zu ändern.

   »Warum sagtest du ihnen die Wahrheit über die Beni Khalid nicht?« fragte mich der Hadschi, als sie fort waren.

   »Habe ich ihnen die Unwahrheit gesagt?«

   »Nein. Du hast nichts als nur geschwiegen. Aber wie schön hätten wir uns der Rache Tawil Ben Schahids entziehen können, wenn wir ihnen die Beni Lam nachgeschickt hätten, von denen ich jetzt überzeugt bin, daß sie da im Westen von uns irgendwo stecken!«

   »Wir hätten dadurch einen blutigen Zusammenstoß zwischen ihnen verursacht!«

   »Der aber doch auch ohne uns ganz sicher geschehen wird!«

   »Da sind wir ohne Schuld; meine Mitteilung aber wäre eine so direkte Ursache gewesen, daß ich mir später die bittersten Vorwürfe gemacht hätte. Denke doch an El Mizan, lieber Halef, an El Mizan!«

   »Ja, ja, an die Wage der Gerechtigkeit! Du hast recht, Effendi! Es wird Liebe von uns verlangt, immer nur Liebe; hättest du aber die Frage dieses Kundschafters beantwortet, so würde es uns dereinst als Haß, als Rache angerechnet werden, und diese schwere Last wollen wir ja nicht auf unsere Seelen laden. Ich fürchte mich in meinem Leben zum allererstenmal, und zwar vor dieser fürchterlichen Wage, welche nichts verschweigt, sondern alles Verborgene an das helle Licht des Tages zieht!« -

   Wollte doch jedermann die Augen stets immer zu der Beobachtung offenhalten, daß das Gute die Belohnung und das Böse die Bestrafung ohne alles Zu-


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thun [Zuthun] des Menschen schon in sich trägt! Leider üben die meisten Menschen diese Aufmerksamkeit fast nie, und nur in ganz in die Augen springenden Fällen läßt man sich zu einer Art von Erstaunen herbei, denkt einen kurzen Moment darüber nach und hält dann die Sache mit dem geistreichen Endurteile »Sonderbarer Zufall!« für abgethan! Und doch giebt es keinen Zufall! Wenigstens für den gläubigen Christen ist durch dieses Wort ein starker, dicker Strich gemacht. Der Erfinder desselben wußte von Gottes Weisheit und Gerechtigkeit nichts, und alle, die es nach ihm in den Mund nahmen, hatten, grad wie er, ihr Augenmerk zwar auf die irdische, nicht aber auf die himmlische Erkenntnis gerichtet. Man spricht so schön gelehrt vom Makrokosmos und vom Mikrokosmos; der erstere bedeutet die ganze Welt, der letztere ist der Mensch. Nun ist man wohl bereit, jene sogenannte »große Weltordnung« zu bewundern, nach welcher alles zum Makrokosmos Gehörige sich auf streng vorgeschriebener Gesetzesbahn bewegt und keine einzige der Welterscheinungen absolut für sich selbst bestehen kann, sondern sich in der innigsten Beziehung zum Ganzen befindet, weil sich das eine aus dem andern mit lückenloser Folgerichtigkeit entwickeln muß und bisher auch entwickelt hat. Das hat man wohl erkannt, und das giebt auch der Gottesleugner zu. Er giebt sogar auch zu, daß Gesetze von ähnlicher Unverbrüchlichkeit ebenso im Mikrokosmos, also im Menschen, walten, meint aber damit nur den für die Erde existierenden Menschen; der für den Himmel, den ich hier »Seele« nennen will, existiert ja für ihn nicht. Und doch giebt es eine - - bitte, ja nicht zu lächeln! - - eine Seelenweltordnung, welche wenigstens ebenso große Bewunderung verdient wie jene angestaunte Ordnung der makrokosmischen Welt!


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   Wie das Leben der Einzelseele eine gottgewollte Entwicklung eng zusammenhängender Folgerichtigkeiten zeigt, so werden auch die Beziehungen der Seelen zueinander von Gesetzen regiert, von welchen es keine Abwege und gegen die es kein Widerstreben giebt. Schau nur hinein in deine Seele, lieber Leser! Beobachte sie und ihre Regungen mit nachdenkender Aufmerksamkeit! Du wirst bald wunderbare Entdeckungen machen und vor allen Dingen zu der Erkenntnis gelangen, daß dir diese deine eigene Seele bisher eine vollständig unbekannte Welt gewesen ist! Es ist mir ja ganz ebenso gegangen! Aber als ich erst einmal mit Ernst angefangen hatte, da wuchs mein Interesse für diese meine innere Welt von Tag zu Tag, und es thaten sich mir Ausblicke auf, die mich zum Weiterforschen förmlich begeisterten. Es begann zunächst eine große, leider so unendlich schwierige Reinigung, daß ich gar wohl einsehe, mit ihr in diesem kurzen Erdenleben nicht fertig werden zu können; aber es wurde doch wenigstens soviel Erdenschmutz überwunden, daß mir jetzt, wo ich fast sechzig Jahre zähle, das Weiterlernen und Weiterüben als die schönste Aufgabe der mir noch beschiedenen, abendroten Tage erscheint. Wie herzlich, aber wie so von ganzem Herzen wünschte ich, daß jeder meiner Mitmenschen ein so beseligendes Abendrot haben möge!

   Könntest du, meine Freundin oder mein Freund, deine Seele in die Hand nehmen und beobachten wie eine Uhr, welch ein wunderbares, wohlgeordnetes Ineinandergreifen sämtlicher Regungen würdest du da bemerken! Du würdest sehen, wie reingehalten sie werden muß, wieviel hinderlicher Erdenstaub stets zu entfernen ist. Du würdest erkennen, daß jedes einzelne »Tick und Tack« darauf berechnet ist, den Zeiger nach der mitternächtlichen, letzten Zwölf zu leiten, nach welcher dir die Eins des Jenseits


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schlägt. Das hängt alles, alles so innig zusammen, das kommt wie ganz von selbst; da kannst du dir nicht eine einzige Sekunde ohne die vorhergehenden denken; da kann nicht eine einzige Minute als überflüssig weggelassen und zur zeitleeren Lücke werden. Genau so steht die leiseste Seelenvibration im Zusammenhange mit dem Ganzen, und ob dein Leben ein Streben nach dem Himmel oder ein Sträuben gegen den Himmel sei, es ist nicht das kleinste seelische Stäubchen in dir zu finden, welches unbeteiligt an diesem Streben oder Sträuben ist. Und wie in deinem Seelenmikrokosmos die treibenden Kräfte nur nach ganz bestimmten Regeln und Geboten thätig sind, so herrschen auch im Seelenmakrokosmos, also auf dem Gebiete der Zusammen-, der Auseinanderwirkung menschlicher Seelen, Vorschriften und Gesetze, welche selbst die geringste Ordnungslosigkeit, also auch den Zufall, vollständig ausschließen. Es können zwei Seelen nicht, wenn auch noch so kurz, aneinander vorüberstreifen, ohne aufeinander zu wirken. Und wenn eine Seele die deinige nur einen Augenblick berührt, so wird diese Berührung einen Punkt in deinem innern Leben schaffen, der sich zur für dich vielleicht nicht bemerkbaren Linie weiterbildet. So e