[- 478 -]

Fünftes Kapitel. Gottes Gericht.

Die Pampa de Salinas gehört zu Bolivia. Die Bewohner dieses Landes unterscheiden in Beziehung auf das Gebirge der Anden folgende Regionen.

Die erste Region ist diejenige, welche von den Pampas bis zu einer Höhe von 1600 Metern aufsteigt und wird Yunga genannt. Hier herrscht die Ueppigkeit der Tropen im vollsten Sinne des Wortes. Ueber diese Flächen erstrecken sich undurchdringliche Urwälder, welche nur zuweilen von sogenannten Pajonales, weiten Grasfluren mit einzelnen Baumgruppen, unterbrochen werden. Die Tierwelt ist hier am reichsten vertreten durch Scharen von Papageien und buntflimmernden Kolibris; überhaupt spottet das Reich der Vögel hier jeder Aufzählung und Beschreibung. Affen giebt es in großen Scharen, Fledermäuse die Menge, und Pumas, Onzen und Jaguaren kann man täglich begegnen.

Die nächst höhere Region wird Medio Yunga genannt und steigt nicht ganz bis 3000 Meter auf. Ihr Klima ist weniger heiß, infolgedessen hier die Tiere und Pflanzen der gemäßigten Zone gedeihen.

Dann kommen die Cabezeras de los valles, die obern Thalstufen, bis 3300 Meter hoch. Diese sind gegen die Stürme der Puna geschützt und haben eine angenehme Temperatur.

Hierauf folgt die Puna bis zu einer Höhe von 3900 Meter. Die Luft derselben ist außerordentlich


- 479 -

trocken, weshalb nur wenige Pflanzen hier gedeihen. Zu denselben gehören das kurze, dürre Punagras, niedriges, schirmartig ausgebreitetes meergrünes Zwergholz, sowie einige kleine Myrten- und Lorbeerarten.

Was nun endlich über 3900 Meter hoch liegt, wird Puna brava genannt. Hier wehen heftige, kalte Winde, welche selbst im Sommer oft dichtes Schneegestöber mit sich führen und dem Wanderer, welchen sie überraschen, mit dem Tode drohen. Nur den beiden Umständen, daß diese Region sehr reich an wertvollen Erzen ist und daß die Pässe so hoch liegen, verdankt es die Puna brava, daß sie von Menschen besucht wird.

Freilich darf man nicht meinen, daß diese angegebenen Regionen scharfe und regelmäßig gezogene Grenzen bilden. Es gibt selbst in der Puna fruchtbare Thäler, und ebenso erheben sich aus den niederen, tropischen Regionen steile Hochplateaus, welche die Eigentümlichkeiten der Puna besitzen.

Über einen Monat befanden wir uns seit unserm Aufbruche von der Laguna de Bambu unterwegs. Uns möglichst in der geraden Richtung haltend, hatten wir die Grenze der argentinischen Republik hinter uns gelegt und bolivianischen Boden betreten. Wir waren durch die Gebiete feindlicher Indianer gekommen, aber stets so vorsichtig gewesen, ein Zusammentreffen mit ihnen zu vermeiden. Die Stämme befreundeter Tobas hatten wir natürlich nicht vermieden. Wir waren von ihnen stets freundlich aufgenommen worden und hatten dabei erfahren, wie vorteilhaft es für uns war, daß der Desierto uns seine zehn Roten mitgegeben hatte.

Während dieser ganzen, langen Zeit war es uns nicht ein einziges Mal gelungen, auf die Spur des Sendador zu treffen, und das hatte seinen guten Grund.


- 480 -

Während wir die Tobas aufsuchten und die Chiriguanos mieden, fand bei ihm das Gegenteil statt, und so konnten unsere Wege sich nicht berühren. Vielleicht hatten wir den seinigen gekreuzt, aber ohne daß es von uns bemerkt worden war.

Vor drei Tagen waren wir von einem Tobastamme geschieden, bei welchem wir eine Nacht geruht hatten. Eine Abteilung dieses Stammes war nach den Bergen gegangen, um dort in der Nähe der Pampa de Salinas nach Chinchillas zu jagen. Wir wünschten, mit diesen Leuten zusammenzutreffen, da sie uns nur von Nutzen sein konnten, und hielten eifrig Umschau, eine Spur von ihnen zu entdecken.

Wir befanden uns auf öder Puna. Es gab weit und breit keinen Grashalm und keinen Wassertropfen für unsere erschöpften Pferde. Die armen Tiere hatten während der letzten vier Wochen über ihre Kräfte angestrengt werden müssen und stolperten bei jedem Schritte. Die Anden sind überhaupt kein Terrain für Pferde. Die Höhen kann nur ein Maultier überwinden. Glücklicherweise hatte unser Zweck uns nicht ganz hinauf bis in die Puna brava geführt.

Pena war hier zu Hause. Er kannte jeden einzelnen Berg, jedes Thal, jede Felsplatte. Er versicherte, daß wir morgen die Salzkruste der Pampa de Salinas erblicken und heute noch ein Wasser erreichen würden, welches aus einer unzugänglichen Schlucht hervorquelle.

Auch Gomarra begann, sich zurechtzufinden; er bestätigte die Behauptung Penas, daß wir uns der Pampa näherten. Freilich war er, wenn er dieselbe besucht hatte, stets von der andern Seite gekommen, welche viel leichter zu passieren war.

Wir hatten diese Richtung vermieden, um ganz un-


- 481 -

bemerkt [unbemerkt] an das Ziel zu gelangen, und uns lieber für den schwierigen Weg entschlossen. Jetzt neigte sich unsere Puna zur Tiefe, erst leise und allmählich; dann verengte sie sich und fiel so steil nach unten, daß wir absteigen und unsere Tiere führen mußten. Das war ein halsbrecherischer Weg. Endlich wurde die Passage besser. Wir kamen auf eine breite, mit Steingeröll bedeckte Lehne, welche sich sanft niedersenkte und uns an einen Paß führte, welchem wir zu folgen hatten. Dort hielten wir an, um zu verschnaufen.

»Jetzt nur noch eine Stunde,« sagte Pena, »dann kommen wir an das Wasser und können wenigstens die Pferde trinken lassen. Wir haben Fleisch und noch ein wenig Mehl; das genügt für heute, und dann mag der morgende Tag für sich selbst sorgen. Um die Mittagszeit werden wir an der Salinas sein.«

Unsere Vorräte waren ziemlich zu Ende gegangen, was in dieser Gegend nicht ohne Bedenken war. Waren wir nur auf die Jagd angewiesen, so mußten wir hungern, da wilde Lamas nur schwer zu beschleichen sind.

Wir bogen in den Paß ein, welcher aus der Höhe kam und allmählich abwärts führte. Da Pena und Gomarra hier unsere Führer sein mußten, so ritten sie voran, und wir folgten hinterher. Ich ritt mit dem Bruder ganz zuletzt.

Dennoch fiel mir eine kaum handgroße Stelle des Weges auf, über welche die andern geritten waren und die eine abweichende Färbung zu haben schien. Ich stieg vom Pferde und untersuchte sie. Sie war feucht und gerötet.

»Das ist Blut,« sagte ich zu dem Bruder. »Meinen Sie nicht auch?«

Er betrachtete den Stein, schüttelte den Kopf und antwortete:


- 482 -

»Feuchtigkeit ist es, Blut aber schwerlich. Blut färbt röter.«

»Rinnendes Blut war es überhaupt nicht. Der Stein hat vielmehr die Färbung, als ob frisches, blutiges Fleisch auf demselben gelegen habe. Der Fleck konnte nicht rasch trocknen, weil es feucht und kühl hier ist und die Sonne nicht in diese Schlucht zu dringen vermag. Ich rechne, es muß jemand vor ungefähr zwei Stunden hier gewesen sein.«

»Ein Reisender, der über das Gebirge will?«

»Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Über das Gebirge geht man in Gesellschaft und nicht allein.«

»Wer behauptet denn, daß der Betreffende allein gewesen ist?«

»Niemand. Übrigens kommt es auf diesen Umstand weniger an, als vielmehr darauf, ob der Betreffende auf- oder abwärts gegangen oder geritten ist. Stieg er aufwärts, so brauchen wir ihn nicht zu berücksichtigen. War aber sein Weg niederwärts gerichtet, so haben wir ihn vor uns und müssen vorsichtig sein. Ich werde doch lieber voran reiten.«

Der Paß war schmaler geworden, und ich hatte Mühe, nach vorn zu gelangen. Keiner von den andern hatte die kleine Spur bemerkt. Bald hielt ich an und deutete auf eine scharf vorstehende Felsenecke, um welche wir biegen mußten.

»Soeben finde ich etwas. Sehen Sie hier diese feuchte, dunkle Stelle? Das ist wiederum Blut.«

»Um dies herauszufinden, dazu gehören eben Ihre Augen, oder eine große Portion Phantasie! Blut würde einen dunkleren Fleck hinterlassen,« antwortete Pena.

»Nein. Ich meine nicht reines Blut, sondern blutig gefärbtes oder vielmehr frisches, ungereinigtes Fleisch.


- 483 -

Es ist vor zwei Stunden ein Fußgänger mit Fleisch vorüber gekommen.«

»Wer sagt Ihnen das?«

»Die Höhe des Fleckes. Ein Reiter hätte das erbeutete Tier hinter sich auf dem Pferde liegen gehabt, und infolgedessen würde der Fleck sich höher am Felsen befinden. Der Mann hat ein Wild erlegt und es auf den Schultern oder rückenquer getragen. Als er um diese Ecke bog, hat er mit dem blutigen Fleische den Felsen gestreift.«

»Nun, angenommen, daß Sie recht haben, ist es vielleicht von Wichtigkeit für uns?«

»Natürlich! Von großer Wichtigkeit sogar. Der Mann ist ein Indianer. Er hat dem Tier das Fell abgezogen, das thut kein Weißer, wenn er geschossenes Wild trägt, weil das erstens unappetitlich und zweitens unpraktisch ist. Das Fleisch hält sich in der Haut viel länger. Ein Indianer aber, welcher ein großes Tier auf dem Rücken von einem Orte nach dem andern schleppt, muß meinen Verdacht erwecken und kann uns sehr gefährlich werden.«

»Warum?«

»Weil er Gefährten hat. Ein Roter, welcher allein und für sich jagt, nimmt von der Beute nur so viel, wie er für sich braucht; er trägt sich nicht mit einer schweren Last.«

»Alle Wetter! Von diesem Standpunkt aus betrachtet, erregt dieser dunkle Fleck freilich auch mein Bedenken. Sollte der Sendador uns doch zuvorgekommen sein und Chiriguanos bei sich haben?«

»Das ist sogar sehr wahrscheinlich.«

»Dann erwartet er uns vielleicht gar an der Pampa de Salinas und sendet täglich einige Rote auf die Jagd, um nicht Hunger leiden zu müssen.«


- 484 -

»Es ist das leicht anzunehmen. Nur kann, wenn der Sendador sich auf der Pampa befindet, der Mann, der hier vorüber kam, nicht zu ihm gehören, weil nach Ihrer eigenen Schätzung die Pampa von hier aus erst morgen mittag zu erreichen ist. So weit entfernt sich kein Jäger von der Gesellschaft, welche er mit Nahrung zu versorgen hat.«

»Das ist wahr. Vielleicht befindet sich der Sendador noch gar nicht an der Salinas, sondern in größerer Nähe als wir denken.«

»Oder der Mann, welcher hier ging, gehört zu der Tobasabteilung, mit welcher wir zusammentreffen wollen.«

»Auch das ist möglich. Mag dem nun sein, wie ihm wolle, wir müssen sehr vorsichtig sein. Machen wir so schnell wie möglich vorwärts, daß wir aus dem Engpasse kommen!«

Wir trieben die Pferde an, um die Schlucht, in welcher ein plötzlicher Überfall für uns höchst gefährlich war, rasch hinter uns zu legen, und näherten uns dabei dem Wasser, von welchem Pena gesprochen hatte. Er mußte mir die Stelle beschreiben, und ich erfuhr, daß dieses Wasser aus einer hochgelegenen Seitenschlucht komme und sich über eine Felsenwand herab auf unsern Weg stürze.

»So bildet es also einen Wasserfall?« antwortete ich. »Rauscht derselbe sehr?«

»Bedeutend.«

»Das ist gut, weil der Hufschlag unserer Pferde nicht gehört werden kann.«

»Wer darf ihn denn nicht hören?«

»Der Rote mit dem Fleische, oder vielleicht gar die Gesellschaft, für welche er zu sorgen hat. Unsere Ge-


- 485 -

fährten [Gefährten] mögen in gleicher Schnelligkeit wie jetzt fortreiten; wir beide aber wollen voran, um auszuspähen.«

Wir beiden setzten unsere Pferde in Trab. Der Weg wand sich bald nach rechts, bald nach links. Bei diesen vielen und engen Krümmungen war es unmöglich, zu erfahren, wen oder was man auf dreißig Schritte vor sich hatte. Pena tröstete mich mit der Bemerkung, daß der Weg nun bald ein besserer und offenerer werde, sobald man den Wasserfall in Sicht bekomme.

Nicht lange, so vernahm ich das Rauschen desselben. Dann öffnete sich die Schlucht auf einen tiefen Thalkessel, aus welchem nur zwei Wege führten, nämlich derjenige, den wir jetzt benützten, und ein anderer, dessen Mündung sich uns gegenüber befand. Rechts stieg die Bergwand lotrecht himmelan.

Links war sie zunächst höchstens fünfzig Fuß hoch und bildete dort einen Absatz, über welchen zwischen zwei Felsenmassen eine dunkle Schlucht gähnte, aus der das Wasser herabstürzte, um zunächst sich in ein tief ausgehöhltes Loch zu gießen und dann uns gegenüber den Thalkessel zu verlassen.

Diese Scenerie war hochromantisch, und doch beschäftigte sie mich weniger als die Staffage, welche ich im Vordergrunde links des Bildes bemerkte. Dort lag nämlich ein Indianer auf dem saftigen Rasen, welcher infolge der großen und immerwährenden Feuchtigkeit üppig grünte, neben sich ein abgehäutetes Tier, ein Lama oder Guanaco, das konnte man nicht so schnell entscheiden.

Der Mann kehrte uns den Rücken zu. Er hatte den linken Ellbogen in das Gras gestützt und den Kopf auf die Hand gelegt. Am Felsen unweit des Wasserloches, fünf oder sechs Schritte von ihm entfernt, lehnte sein Gewehr.

»Wahrhaftig, Sie haben die Spur ganz richtig ge-


- 486 -

lesen [gelesen]!« sagte Pena. »Es ist genau so, wie Sie vermuteten.«

Während dieser Worte trieb er sein Pferd zurück, um ebenso wie ich wieder in der Schlucht zu verschwinden.

»Ein unvorsichtiger Patron! Der Mann scheint zu träumen, und noch dazu das Gewehr so weit weg an der Wind.«

»Was thun wir mit ihm?« fragte Pena.

»Festnehmen natürlich.«

»Wer macht's? Sie oder ich?«

»Ich. Halten Sie mein Pferd, und kommen Sie, wenn ich winke!«

Ich stieg vom Pferde und trat wieder aus der Schlucht heraus. Der Rasen war so weich, daß mein Schritt selbst dann, wenn es den Wasserfall nicht gegeben hätte, nicht gehört worden wäre. Ich eilte nach links hinüber an die Felsenwand und an derselben hin bis zu dem Gewehre. Es war, als wisse ich ganz genau, daß er sich nicht umdrehen werde. Darum nahm ich die Flinte in die Hand und zog den Hahn halb auf. Es war kein Zündhütchen aufgesetzt. Der alte Schießkolben konnte jetzt also weder mir noch einem andern gefährlich werden. Ich stellte ihn beiseite und trat zu dem Manne. Ich beugte mich über ihn, um sein Gesicht zu sehen. Auch das bemerkte er nicht, denn er hatte die Augen geschlossen, wahrscheinlich weil er ermüdet war. Er schien etwa fünfzig Jahre alt zu sein, trug leichte Kleidung, einen breitkrempigen Strohhut und einen alten Gürtel, in welchem ein Messer steckte.

Jetzt kniete ich hinter ihm nieder, griff mit der Linken nach seinem Halse, drückte ihm den Kopf auf die Erde, zog mit der Rechten sein Messer aus dem Gürtel und stemmte ihm dann das rechte Knie quer über die Beine.


- 487 -

Das geschah natürlich sehr schnell. Ich hatte ihn schon fast unter mir, als er die Augen öffnete und mich entsetzt anstarrte. An der Bewegung seiner Lippen ersah ich, daß er schrie; hören konnte ich es wegen des Geräusches des Wasserfalles nicht.

Ich war auf Gegenwehr vorbereitet gewesen; er aber schien gar nicht an so etwas zu denken, denn er blieb unter mir liegen, ohne eine Bewegung, einen Versuch zu machen, von mir loszukommen. Darum stand ich auf, hielt ihn am Halse fest, ergriff ihn bei der Brust und führte ihn fort, vom Wasser weg und in die Schlucht hinein, wo Pena hielt. Er ging mit, ganz wie einer, welcher seiner Sinne nicht mehr mächtig ist. Da, wo wir uns nun befanden, konnte man gesprochene Worte verstehen.

»Das ging schnell und leicht,« meinte Pena in deutscher Sprache. »Der Mann scheint ganz perplex zu sein.«

»Vor Entsetzen. Sehen Sie seinen Blick. Er zittert. Das ist nicht gewöhnliche Furcht oder Angst, sondern geradezu Entsetzen.«

»Ist's ein Chiriguano?«

»Das werden wir ja gleich erfahren. Fragen Sie ihn! Sie sind mir in dem Indianerdialekt über.«

»Vielleicht versteht er Spanisch.«

»Wahrscheinlich, denn wer zum Fleischmachen ausgesendet wird, der trifft leicht mit Leuten zusammen, mit denen er sprechen können muß; darum ist allerdings zu erwarten, daß dieser Mann der Landessprache wenigstens einigermaßen mächtig ist.«

»So reden Sie ihn vorerst an. Kann er Ihnen nicht antworten, dann werde ich es versuchen.«

Ich konnte dieser Aufforderung nicht sofort Folge


- 488 -

leisten, da soeben unsere Gefährten herbeikamen und uns einholten. Sie machten, als sie den Roten in meinen Händen sahen, Gesichter, welche keineswegs freundlich waren, was seine Angst bedeutend vergrößerte. Als er sah, daß sie ihre Pferde verließen und ihn und mich drohend umringten, rief er in spanischer Sprache, deren er also doch mächtig war, aus:

»Sennor, warum überfallen Sie mich? Warum lassen Sie mich nicht los? Ich habe Ihnen doch nichts gethan!«

»Bis jetzt noch nicht!« antwortete ich ihm. »Und es wird sich sogleich finden, ob wir dich als Freund oder Feind zu behandeln haben. Zu welchem Stamme gehörst du? Bist du ein Toba oder ein Chiriguano?«

»Ich bin ein Aymara und lebe mit den Weißen in Frieden.«

»Mit wem befindest du dich hier?«

»Mit niemandem.«

»Oho! Lüge nicht! Aber wenn du uns täuschen willst, so kannst du nicht verlangen, daß wir dich als einen uns freundlich gesinnten Mann betrachten. Also heraus mit der Sprache!«

Ich hielt ihn noch gefaßt und schüttelte ihn bei meinen letzten Worten derb. Hatte er bisher keine Spur von Mut sehen lassen, so brach er jetzt unter meiner Hand beinahe zusammen. Er hing an derselben wie ein Hund, den man beim Felle gepackt hat, und schrie voller Angst:

»Ich bin Ihr Freund, ich bin Ihr Freund. Glauben Sie es doch, und lassen Sie mich los!«

»Nicht eher, als bis du der Wahrheit gemäß geantwortet hast. Also sage, wer befindet sich bei dir?«

»Noch fünf Aymaras.«

»Was treibt ihr in dieser Gegend?«


- 489 -

»Wir jagen wilde Lamas, wie Sie gesehen haben, denn ich hatte jetzt eins bei mir liegen.«

»Du bist ein sehr dummer Kerl, denn mit diesen Worten hast du verraten, daß du mich belügst. Der Lamas wegen geht man nicht in die Berge, sondern aus andern Gründen. Das Lama erlegt man nur nebenbei, um Speise zu haben. Wenn ihr also alle sechs Fleisch holt, so müssen noch viele andere da sein, welche es essen wollen. Sechs Jäger erlegen mehr, als sie essen können, und man erschießt das Wild nicht nur zu dem Zwecke, es verfaulen zu lassen. Da du uns betrügen willst, so sollst du deinen Lohn haben. Es ist aus mit dir.«

Ich hielt ihn noch immer mit der Linken beim Genick gefaßt. Mit der Rechten zog ich mein Messer und holte wie zum Stoße aus, hatte aber keineswegs die Absicht, diese Drohung auszuführen. Sie hatte die gewünschte Wirkung. Der Rote faltete die Hände und rief mit zitternder Stimme:

»Nicht stechen, Sennor, nicht stechen! Ich will die Wahrheit sagen, obgleich mir das sehr streng verboten worden ist!«

Ich ließ ihn los, stellte ihn so, daß er mir sein Gesicht zukehrte, behielt aber das Messer noch hoch in der Hand und

antwortete:

»Das ist dein Glück, denn eine Sekunde später hättest du dieses Eisen im Leibe gehabt. Also rede! Bist du wirklich ein Aymara?«

»Ja. Und es ist auch wahr, daß noch fünf Stammesgenossen bei mir sind. Wir wollen Wollmäuse jagen, deren Felle von den Weißen so gut bezahlt werden. Da aber trafen wir mit andern zusammen, denen die Lebensmittel ausgegangen waren und die uns darum in ihren Dienst nahmen, damit wir für sie jagen sollten, weil sie selbst keine Zeit dazu hatten.«


- 490 -

»Warum das nicht? Womit waren sie denn beschäftigt?«

»Mit - nichts,« antwortete er mit dem dümmsten Gesichte, welches man sich nur denken kann.

»Ja, mit nichts,« nickte ich ihm zu, »denn das Warten kann doch nicht als Arbeit gelten. Diese Leute warten am Salzsee in der Pampa de Salinas auf jemand?«

»Ja.«

»Kennst du sie?«

»Das soll ich nicht sagen.«

»So werde ich dir den Mund öffnen. Bedenke, daß du zwischen Leben und Tod zu wählen hast! Ich scherze nicht!«

Seine Augen waren bis jetzt fast ausschließlich auf mich gerichtet gewesen. Nun irrte sein Blick ratlos im Kreise umher, und da schien er zu ahnen, mit wem er es zu thun hatte.

»Himmel!« rief er aus. »Da befinde ich mich wohl gerade bei denen, welche uns nicht sehen sollen! Gehören diese roten Männer zu den Tobas?«

»Allerdings.«

»Sie wollen nach der Pampa de Salinas, um den Sendador zu bestehlen?«

»Nein,« antwortete ich, lachend über seine Naivetät. »Ich weiß, daß er es ist, in dessen Dienst du dich befindest. Hat er uns als Diebe geschildert?«

»Ob er Sie gemeint hat, das weiß ich nicht. Oder doch -doch! Sie müssen es sein. Es stimmt ganz genau. Er hat Sie uns geschildert. Nun bin ich verloren!«

Er hatte mich während dieser Worte genauer betrachtet, und man sah deutlich, welchen Schreck er jetzt empfand.


- 491 -

»Der Sendador hat euch belogen,« entgegnete ich ihm. »Nicht uns, sondern ihn habt ihr zu fürchten. Wir sind ehrliche Leute.«

»Aber Sie kommen als Feinde des Sendador?«

»Allerdings. Er ist der größte Bösewicht, den es giebt, und wir wollen ihm das Handwerk legen. Wer ihm dient, fällt in die gleiche Strafe.«

»Sennor, ich habe nicht gewußt, daß er so schlimm ist. Ich diene ihm nur, weil er mich bezahlt; sonst aber habe ich nichts mit ihm gemein.«

»Und dennoch weigerst du dich, uns der Wahrheit gemäß Auskunft zu erteilen? Du widersprichst dir selbst.«

»Weil ich nicht weiß, was das richtige ist und was ich machen soll. Der Sendador ist ein berühmter Mann, der sich rächen würde, falls ich ihn verriete. Sie aber kenne ich nicht. Sie muß ich vielmehr für Diebe und Räuber halten, denn als solche hat er Sie uns beschrieben.«

Ich deutete auf den Bruder, indem ich antwortete:

»Er hat euch belogen. Siehe das Gewand dieses Herrn. Er ist der Bruder Jaguar. Glaubst du etwa, daß ein Bruder ein Räuber sein könne?«

»Der Bruder Jaguar?« fragte er, indem sein Gesicht sich schnell aufklärte. »O, von dem habe ich gehört, nicht hier in den Bergen, sondern unten am Flusse. Wenn dieser ehrwürdige Sennor der Bruder Jaguar ist, so brauche ich Sie freilich nicht zu fürchten, sondern kann Ihren Worten getrost Glauben schenken.«

»Thue das, damit du nicht mit den Ungerechten auch umkommst. Willst du uns statt ihm dienen, so werden wir nicht nur vergessen, daß du dich bei ihm befandest, sondern dir und deinen Gefährten denselben Lohn geben, den er dir versprochen hat.«


- 492 -

»Sennor, dann gehe ich zu Ihnen über. Sie sehen nicht aus wie Räuber oder Mörder, und wir Aymaras sind auf die Tobas besser gesinnt, als auf die Chiriguanos.«

»Schön! Du wirst das nicht bereuen. Und damit du überzeugt sein kannst, daß wir die Ehrlichen sind, während der Sendador ein Halunke ist, will ich dir sagen, warum wir ihn suchen.«

Ich erzählte ihm in kurzer Weise das, was er nach meinem Dafürhalten erfahren mußte. Vielleicht wäre dies nicht nötig gewesen; aber es lag mir daran, diesen Mann zu gewinnen. Er sollte sich nicht gezwungen, sondern freiwillig für uns entscheiden. Folgte er uns nur durch Zwang, so konnten wir von ihm mehr Hinder- als Fördernis erwarten. Er hatte sich in den Dienst des Sendador gestellt und konnte uns also die wertvollsten Auskünfte geben. Er hörte mich aufmerksam an und rief, als ich geendet hatte, mit aufrichtigem Staunen aus:

»So ein Bösewicht ist dieser Mann? Wer hätte das gedacht! Sennor, ich bin der Ihrige; ich bleibe bei Ihnen und mag nicht zu ihm zurück. Ich werde auch meine Gefährten heimlich benachrichtigen, und sie folgen mir dann sofort. Warten Sie hier, und lassen Sie mich fort. Ich werde Ihnen meine fünf Freunde zuführen.«

»Langsam, langsam! So schnell geht die Sache nicht. Ich muß vor allen Dingen wissen, wo der Sendador sich befindet und in welcher Weise er uns entgegentreten will.«

»Das kann ich Ihnen doch ganz genau sagen. Er hat über sechzig Chiriguanos bei sich!«

»So eine bedeutende Anzahl?«

»Ja. Es wird doch am besten sein, Sie kehren um und geben sich lieber mit ihm gar nicht ab.«

»Das werden wir freilich nicht thun. Selbst wenn


- 493 -

er noch mehr Chiriguanos bei sich hätte, müßten wir ihn haben. Wir fürchten uns nicht. Wo lagert er mit ihnen?«

»Am Salzsee.«

»Das ist im höchsten Grade unvorsichtig von ihm. Der See liegt, wie ich gehört habe, in der ebenen Pampa, welche rundum von Bergen umgeben ist. Wir müssen ihn und seine Begleiter also sehen, wenn wir von diesen Höhen kommen.«

»O nein. Er hat dafür gesorgt, daß Sie ihn nicht eher zu sehen bekommen, als bis Sie sich in seiner Hand befinden. Man kann von drei Richtungen aus nach dem Salzsee kommen, und in jeder dieser Richtungen hat er Späher ausgesandt, welche auf Sie warten und, sobald Sie sich nahen, es sofort melden müssen.«

»Also, wenn wir unseren jetzigen Weg verfolgen, werden wir auf einen solchen Kundschafter treffen?«

»Auf zwei, denn er hat sechs ausgesandt.«

»Hm! In welcher Entfernung von der Pampa halten sie? Ist der Ort, an welchem sie sich befinden, dir bekannt?«

»Ja. Ich weiß auch die Stellen, an denen die andern Wächter postiert sind. Die zwei, welche hier diesen Weg beobachten, halten auf einer Höhe, von welcher aus man eine Stunde bis zur Pampa zu reiten hat; aber sie können uns aus einer Entfernung von zwei Stunden kommen sehen.«

»Das ergiebt drei Stunden, eine hinreichende Zeit für den Sendador, sich auf unsere Ankunft vorzubereiten. Wollte er uns am See empfangen oder schon vorher überfallen?«

»Das letztere. Sie sollten überrumpelt werden. Bis Sie sich von Ihrem Schrecken und Entsetzen erholt hätten, wären Sie tot gewesen.«


- 494 -

»Da hätten wir uns gar nicht erholen können, mein Lieber. Aber wir sind überhaupt nicht die Leute, welche so schnell und tief erschrecken. Auch wäre es uns gar nicht eingefallen, dem Sendador so blind in die Falle zu laufen. Daß wir dich getroffen haben, ist uns lieb, kann aber nicht das geringste an der Vorsicht, die wir gewöhnt sind, mindern. Wichtig freilich ist es mir, zu hören, daß wir so schnell niedergemetzelt werden sollten.«

»Augenblicklich! Nur ein einziger sollte geschont werden. Das sind Sie. Der Sendador gab den Befehl, Ihnen nichts zu thun und, falls dies notwendig sein sollte, Sie höchstens nur leicht zu verwunden, damit Sie nicht entfliehen können.«

»Das ist sehr hübsch von dem Manne. Meine Gefährten hier aber werden es weniger hübsch finden. Weißt du vielleicht, weshalb er gerade gegen mich diese Schonung hegen will?«

»Das kann man wissen, ohne viel darüber nachzudenken,« fiel Pena ein. »Von uns erwartet er keinen Nutzen, also weg mit uns. Sie aber sollen die Pläne erklären und die Kipus lesen. Ohne Sie kann er die Rätsel nicht lösen. Haben Sie es gethan, dann erhalten natürlich auch Sie die Kugel, wie sich ganz von selbst versteht.«

»Dann hätte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Selbst wenn ich imstande wäre, das, was er mir zutraut, auch wirklich zu leisten, so würde ich ihm gewiß erst dann den richtigen Aufschluß erteilen, wenn ich überzeugt sein könnte, daß ich mich außer Gefahr befinde. Übrigens dürfen Sie nicht denken, daß ich, nachdem er Sie alle getötet hätte, geneigt wäre, ihm zu gehorchen. Ich würde mich scheinbar bereitwillig zeigen, mein wirkliches Augenmerk aber darauf richten, Ihren Tod zu rächen.«


- 495 -

»Dem sei, wie ihm sei. Die Hauptsache für mich ist, daß er unsern Tod will, und nun soll mich nichts mehr zur Schonung verleiten. Den Mann sehen und niederschießen, das wird ein einziger Augenblick sein.«

»Nicht Sie werden das thun!« unterbrach ihn Gomarra schnell. »Ich habe das erste und größte Recht zur Rache.«

»Streitet euch nicht,« sagte ich. »Wer ihn etwa ohne meine Erlaubnis tötet, der bekommt es mit mir zu thun. Was Sie betrifft, Sennor Gomarra, so werde ich Sie nicht hindern, mit ihm abzurechnen; aber das darf erst dann geschehen, wenn ich die Kipus in den Händen habe. Was später mit dem Sendador geschieht, das ist mir vollständig gleichgültig. Jetzt aber sind wir noch lange nicht so weit; es ist vielmehr sehr fraglich, wer die Oberhand gewinnt, er oder wir. Haben seine Leute ein richtiges Lager aufgeschlagen?«

»Nein,« antwortete der Aymara, an den ich diese Frage gerichtet hatte.

»Und haben sie die Pferde bei sich?«

»Nein. Am See ist alles Salz. Da wächst kein Halm, kein Blatt, kein Kraut. Der Sendador hat die Pferde nach einem Orte bringen lassen, wo sie notdürftig Futter finden.«

»Weit vom See?«

»Man hat eine Stunde lang zu steigen. Es ist eine kleine, grasbewachsene Puna. Zwei Chiriguanos befinden sich bei den Tieren.«

»So beschreibe uns die Stelle des Sees, an welcher er sich gelagert hat!«

Der Rote folgte dieser Aufforderung, und als er geendet hatte, sagte Gomarra ingrimmig:

»Das ist gar nicht weit von dem Punkte, wo die Flasche begraben liegt.«


- 496 -

»Liegt?« antwortete ich. »Die hat er jedenfalls entfernt und anderwärts versteckt. Es ist bedauerlich, daß wir so spät kommen. Der Zug nach der Laguna de Bambu war ein Umweg für uns, und der Sendador hat bei den Chiriguanos gegen alle Erwartung Pferde gefunden. Aus diesen beiden Gründen ist er eher als wir hier angelangt, und er befindet sich uns gegenüber nun in einem Vorteile, welchen auszugleichen uns sehr schwer werden dürfte.«

»Meinen Sie?« fragte der Bruder. »Ich nehme das nicht so schwer. Er ist uns jetzt zwar in Beziehung auf die Anzahl überlegen; aber vielleicht finden wir die Tobas, welche wir suchen. Und selbst wenn das nicht geschieht, so brauchen wir uns ja nur heimlich seiner Pferde zu bemächtigen; dann haben wir ihn samt allen Chiriguanos im Sacke.«

»An die Zahl seiner Leute denke ich gar nicht. Ich halte uns diesen Menschen für vollständig gewachsen. Aber wenn wir sie alle und selbst auch ihn in die Hand bekommen, so stehen wir nicht besser, sondern schlechter als vorher. Es ist uns doch um die Kipus zu thun. Der Sendador muß uns das neue Versteck derselben mitteilen und wird diesen Umstand benutzen, um aus demselben den größten Vorteil für sich und seine Indianer zu ziehen.«

»Hm, das ist wahr. Daran habe ich freilich nicht gedacht.«

»Sie sehen also ein, es ist sehr zu beklagen, daß wir uns verspätet haben. Wir müssen das durch List auszugleichen versuchen. Er hat die Flasche jedenfalls heimlich ausgegraben und wieder versteckt. Vielleicht sind noch Spuren zu sehen, welche uns den Ort zeigen. Es fragt sich, seit welcher Zeit er sich in der Pampa de Salinas befindet.«


- 497 -

»Seit vorgestern,« antwortete der Aymara. »Am Tage vorher traf er uns und nahm uns mit nach dem See.«

»Das ist nicht ganz ungünstig. Habt ihr euch dann gleich auf die Jagd begeben müssen?«

»Ja.«

»So hast du gar keine Zeit und Gelegenheit gehabt, den Sendador zu beobachten?«

»Nein.«

»Du hast nichts Auffälliges oder wenigstens Unregelmäßiges bemerkt?«

»Nein - und doch; er entfernte sich in der ersten Nacht von uns und kehrte erst am frühen Morgen zurück.«

»Das ist gerade von Wichtigkeit für uns. Er ist da fort gewesen, um die Flasche anderswo zu verstecken. Wie weit haben wir noch bis zur Pampa?«

Der Indianer machte eine Angabe, welche mit derjenigen Penas und Gomarras genau stimmte. Daraufhin wurde unser Plan gegründet. Wir begaben uns zunächst nach dem Wasserfall, wo die Pferde trinken konnten und auch Futter fanden, da sich infolge der Feuchtigkeit ein lebhaftes Grün gebildet hatte. Als die Pferde sich erquickt und auch leidlich ausgeruht hatten, brachen wir wieder auf. Unterwegs nahm der Bruder den Aymara vor, um ihm in das Gewissen zu reden, da ja die Möglichkeit immerhin vorliegen konnte, daß der Indianer gewisse Nebenabsichten gegen uns hegte. Der Frater teilte mir aber mit, er sei überzeugt, daß der Mann es ehrlich mit uns meine. Um den letzteren zu prüfen, ließ ich mir von ihm alle Einzelheiten des vor uns liegenden Weges beschreiben, und sowohl Pena wie auch Gomarra versicherten, daß er die Wahrheit gesagt habe. Infolgedessen schenkte auch ich ihm mein Vertrauen, welches freilich nicht


- 498 -

so weit ging, daß ich gesonnen war, ihn aus den Augen zu lassen.

Wir ritten trotz der Anstrengungen, welche die Pferde hinter sich hatten, auch den Abend über und dann sogar die halbe Nacht hindurch, bis der Aymara uns sagte, daß wir uns nun in der Nähe der beiden Wächter befänden. Diese hätten, wenn wir noch weiter geritten wären, den Hufschlag unserer Pferde gehört. Darum hielten wir an, und der Aymara beschrieb uns die Oertlichkeit.

Der Weg stieg an einer Halde empor, auf deren Höhe mehrere Felsblöcke lagen. In der Nähe derselben waren die Wächter postiert. Leider bestand die Halde aus lockerem Gestein, so daß es in der Dunkelheit schwierig war, kein Geräusch zu verursachen. Doch war anzunehmen, daß der Saumpfad hart getreten sei; nur galt es, nicht von ihm abzuweichen.

Fast jeder einzelne meiner Gefährten erbot sich, mit mir zu gehen; ich wählte aber nur den Steuermann aus, und zwar infolge seiner Körperstärke, welche mir für das beabsichtigte Vorhaben vom größten Werte war. Während die andern halten bleiben mußten, entledigten wir beide uns unserer Fußbekleidungen, um unsere Schritte unhörbar zu machen, ließen die langen Gewehre zurück und nahmen mehrere Riemen mit.

Vor uns lag die Halde in tiefster Dunkelheit. Droben auf der Höhe aber mußte es heller sein, da sich dort der Schein der Sterne geltend machen konnte. Der Weg ging in mehreren Windungen, die der Aymara uns beschrieben hatte, bergan und an den Felsblöcken vorüber. Ich mußte sehr oft niedergreifen, um mit den Händen zu untersuchen, ob wir uns auf dem Wege befanden.

Je höher wir kamen, desto weiter wurde unser durch die Dunkelheit so begrenzter Gesichtskreis. Wir konnten


- 499 -

schließlich den Weg erkennen und wohl zehn oder zwölf Schritte weit selbst kleinere Gegenstände, wie Steine oder Unebenheiten, sehen. Unser Gang war so leise, daß wir uns gegenseitig selbst nicht hörten. Nach wohl einer halben Stunde befanden wir uns oben; in gewöhnlichen Verhältnissen aber war die Strecke natürlich in kürzerer Zeit zurückzulegen. Vor uns tauchten einige dunkle Gebilde auf, die Felsblöcke, in deren Nähe wir die Gesuchten zu finden hofften.

»Legen Sie sich nieder!« flüsterte ich dem Steuermanne zu. »Von jetzt an müssen wir am Boden kriechen.«

»Nach welcher Seite? Rund um die Blöcke herum?«

»So weit vielleicht nicht. Ich denke, die Roten liegen auf derjenigen Seite, nach welcher sie ihre Aufmerksamkeit zu richten haben, nach uns zu. Sie schlafen gewiß. Das stete und scharfe Ausschauen in die Ferne ermüdet sehr. Es fällt ihnen gar nicht ein, zu denken, daß wir des Nachts kommen können. Wer reitet einen solchen Weg in der Finsternis! Er hat uns auch weidlich angestrengt. Also kriechen Sie immer nur hinter mir her!«

Ich wendete mich der angegebenen Seite zu und bemerkte sehr bald, daß dies das richtige war, denn schon nach kurzer Zeit vernahm ich fortgesetztes und durch regelmäßige Intervalle unterbrochenes Geräusch. Auch der Steuermann hörte es, denn er flüsterte mir zu:

»Da schläft einer; er schnarcht; gerade vor uns.«

»Ja. Ganz leise weiter!«

Wir krochen noch eine kurze Strecke fort; dann sahen wir zwei Bündel vor uns liegen - die beiden Chiriguanos, welche sich der nächtlichen, nicht unbeträchtlichen Kühle wegen fest und tief in ihre Decken gewickelt hatten.

»Machen Sie Ihre Riemen klar,« raunte ich dem Steuermanne zu. »Ich den links und Sie den rechts.


- 500 -

Es ist bequem. Wir schlingen die Riemen so schnell und fest um die Bündel, daß die guten Leute nicht einmal Zeit finden, die Nasen herauszustrecken. Also los!«

Die Arbeit war wirklich leicht. Erst eine Schlinge zugezogen, dann die Bündel herumgedreht, zwei enge Windungen mit den Riemen, und wir waren fertig. Unter den Decken schnaufte und brummte es gewaltig; die Bündel bewegten sich und zuckten wie Schmetterlingspuppen, wenn man sie berührt, aber es war den Überraschten nicht möglich, sich frei zu machen.

Ein scharfer Pfiff auf dem Finger war für unsere Gefährten das Zeichen, daß sie kommen sollten. In einer Viertelstunde waren sie da und stiegen von den Pferden, da wir hier den Anbruch des Tages erwarten mußten. Die Wächter ließen wir in ihren Hüllen stecken. Ersticken konnten sie nicht. -

Erst als der Morgen zu grauen begann, befreiten wir sie aus ihrer zwar nicht schmerzlichen, aber doch unangenehmen Lage. Sie schauten uns nicht wenig erstaunt an. Als sie den Aymara bemerkten, brachen sie in Ausrufungen und Fragen aus, welche ich ebenso wenig verstand wie die Antworten, welche er ihnen gab. Den Inhalt aber erriet ich aus der schließlichen Resignation, mit welcher sie die Augen schlossen und sich wieder auf die Seite legten. Sie hatten erkannt, daß sie an ihrer Lage nichts bessern konnten, und ergaben sich in ihr Schicksal Wir belästigten sie nicht mit Fragen, da wir von ihnen doch wohl nichts anderes erfahren konnten, als was wir bereits wußten.

Als es heller wurde, sahen wir, welch eine weite Aussicht man von dieser Halde aus hatte. Der Aymara zeigte uns zwei rückwärts liegende, kahle Höhen, über welche wir während der Nacht gekommen waren. Hätten


- 501 -

wir sie am Tage passiert, so wären wir von den Wächtern ganz gewiß bemerkt worden.

Letztere waren mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, deren Spitzen, wie wir nun sahen, nicht vergiftet waren. Wir brachen auf und fanden am andern Fuße des Berges ihre Pferde, welche sie zurückgelassen hatten, weil es da ein hartes, stacheliges Gestrüpp abzuweiden gab.

Wir mußten geradeaus reiten; aber nach rechts schien auch ein passierbarer Pfad in die Berge zu gehen. Eben wollte ich mich erkundigen, wohin derselbe führte, als ich einen Reiter sah, welcher an der ersten Krümmung dieses Weges erschien und, als er uns erblickte, sein Pferd schnell wandte und wieder verschwand. Auch die andern hatten ihn gesehen. Wer war er? Ein Indianer jedenfalls. Aber von welchem Stamme? War er allein oder der vorderste eines längeren Zuges?

Wir blieben halten und paßten scharf auf. Bald sahen wir zwei Köpfe, welche um die äußerste Krümmung lugten. Jetzt zeigte es sich, wie gut es für uns war, daß der Desierto uns die Tobas mitgegeben hatte. Der Anführer sagte, indem er vom Pferde stieg:

»Die Chiriguanos sind vor uns am See; die Männer, welche von rechts herkommen, können nur die Tobas sein, welche wir nicht gefunden haben. Ich werde gehen, um mit ihnen zu sprechen.«

»Aber wenn es doch keine Tobas sind?« warnte ich ihn.

»So werde ich einen Schrei ausstoßen, und Sie kommen, mir beizustehen.«

Er ging. Die beiden Köpfe lugten noch immer um die Ecke. Als sie den einzelnen Mann auf sich zukommen sahen, traten diejenigen, denen sie angehörten, ohne Besorgnis hervor. Wir hörten den Toba ihnen zurufen, und sie antworteten.


- 502 -

»Es sind Tobas!« rief einer unserer roten Begleiter: »Es sind die erwarteten Freunde. Sie werden mit uns reiten und uns helfen. Nun ist alles gut.«

Er hatte recht. Der Toba verhandelte nur kurze Zeit mit den beiden Fremden und verschwand dann mit ihnen hinter der Krümmung. Bald darauf kehrte er zurück, und ihm folgte, einer hinter dem andern, ein ziemlich langer Zug berittener Indianer, welche von unseren Roten mit lebhafter Freude begrüßt wurden.

Sie zeigten sich gern bereit, uns Hilfe zu leisten, teils weil sie Stammesgenossen waren und teils aus Dankbarkeit. Ihr Anführer gestand, daß wir ihn aus einer ziemlich großen Gefahr befreit hätten. Er wäre, wenn er uns nicht getroffen hätte, mit seinen Leuten nach der Salinas geritten, ganz ahnungslos, dort auf Chiriguanos zu treffen, und mit denselben jedenfalls in Kampf geraten.

Diese Leute waren reichlich mit Proviant versehen, was uns natürlich nur lieb sein konnte. Mit ihnen vereint, setzten wir unsern Weg fort. Das geschah in der Weise, daß ich wieder mit Pena voranritt, eine Strecke von den Nachfolgenden getrennt. Diese Maßregel bewährte sich auch heute. Wir hatten eine Stunde bis zur Pampa zu reiten, aber kaum den dritten Teil dieses Weges zurückgelegt, als wir laute Stimmen vor uns vernahmen. Sofort kehrten wir um, bis zu einer Stelle, an welcher sich der Weg soweit verengte, daß vielleicht drei Reiter nebeneinander Platz hatten.

Dort hielten wir, bis wir die Nahenden erblickten. Es waren zwei Chiriguanos, welche kamen, um die beiden Wächter abzulösen, wie wir später erfuhren. Sie waren auch zu Pferde, hatten aber so laut gesprochen, daß ihre Stimmen eher als der Hufschlag ihrer Tiere zu hören gewesen waren.


- 503 -

»Was thun?« fragte Pena. »Sehen sie uns, so jagen sie zurück und machen Alarm.«

»Natürlich werden sie uns sehen, denn sie kommen auf uns zu. Es wird gar kein Federlesens gemacht. Wir drücken uns hinter diesen Felsen, und wenn sie nahe genug sind, reiten wir in Karriere auf sie zu, an ihnen vorüber und wenden dann hinter ihnen um. Auf diese Weise kommen sie zwischen uns und unsere Gefährten, ohne sich nur fragen zu können, was da vorgegangen ist. Die Furcht vor unseren besseren Waffen und unserer Überzahl wird dann das übrige thun. Passen Sie auf! In einigen Augenblicken müssen sie uns sehen. Jetzt vorwärts!«

Die Chiriguanos hatten die Enge erreicht und waren in dieselbe eingedrungen. Wir gaben unseren Pferden die Sporen und jagten ihnen entgegen. Sie blieben erschrocken halten und schrien laut auf. Wir flogen, ohne ihre Schreie mit einem Worte zu beantworten, an ihnen vorüber und rissen dann unsere Pferde herum. Nun hielten wir am Ausgange der Enge, sie in der Mitte derselben, und am Eingange waren soeben unsere Gefährten zu sehen, welche sich nicht wenig darüber wunderten, zwei Feinde zwischen sich und uns zu sehen.

Diese letzteren waren so außerordentlich verblüfft, daß sie sich gar nicht bewegten. Der Aymara rief ihnen eine Aufforderung zu, welche sie zagend beantworteten. Es entspann sich zwischen ihm und ihnen eine kurze Verhandlung, deren Ergebnis das war, daß die beiden sich uns überlieferten. Nachdem wir sie entwaffnet, ihnen also Bogen und Pfeile abgenommen hatten, begannen wir den unterbrochenen Ritt von neuem. Wenn die Chiriguanos alle von der Art waren wie diejenigen, welche wir bis jetzt kennen gelernt hatten, so befand sich der Sendador keineswegs in zuverlässigen Händen.


- 504 -

Nach einer halben Stunde erreichten Pena und ich, die wir abermals voranritten, die Stelle, an welcher der Weg auf die Pampa mündete. Da bot sich uns ein eigener, aber auch großartiger Anblick dar.

Eine weite, langgestreckte Ebene lag vor uns, welche von der Stelle aus, wo wir uns befanden, vielleicht eine englische Meile breit war. Jedenfalls hielten wir vor einer Bucht des Salzsees. Nach vorn und rechts dehnte sich die Ebene bis zum Horizonte aus, welcher von den Bergen der Anden gebildet wurde, die sich hinter und übereinander emportürmten. Links zog sich eine steile, unzugängliche Felsenwand im Halbkreise um den See herum, bis das Wasser desselben uns gerade gegenüber so hart an sie herantrat, daß niemand zwischen ihr und ihm vorüber konnte.

Und gerade dort an diesem Punkte lagerte der Sendador mit seinen Roten, eingekeilt zwischen Fels und Wasser, eine Unvorsichtigkeit, welche ich nicht begreifen konnte. Freilich machte Gomarra, welcher mit den andern jetzt nachgekommen war, mich auf einen dunklen Streifen aufmerksam, welcher unweit des Lagers zu bemerken war. Er sagte, indem er nach demselben deutete:

»Dort führt der Weg empor zu dem Punkte, an welchem dieser Satan meinen Bruder ermordete. Von der hohen Kante des Felsens blickte ich herab, als er die Flasche vergrub.«

»ist es so!« nickte ich. »Jetzt weiß ich, warum er gerade dort lagert. Er will uns hinüberlocken. Wenn wir ihn fast erreicht haben, verschwindet er auf dem Wege nach der Höhe, und wir stecken in derselben Falle, in welcher er jetzt zu stecken scheint.«

»Falle? Nein. Wir könnten doch wieder zurück!«

»Wenn er es uns erlaubt. Bedenken Sie, daß er


- 505 -

glaubt, die Kunde von unserm Nahen drei Stunden vorher zu erhalten. Er hat also vollständig Zeit genug, uns einen Hinterhalt zu legen, welcher erst unsichtbar ist, uns aber sofort folgt, wenn wir in die Falle gehen. Ich gäbe etwas darum, wenn wir dort auf die Höhe könnten, ohne von dem Sendador gesehen zu werden.«

»Das ist unmöglich.«

»Ja, dort hinauf führt nur der eine steile Weg, den wir als dunkeln Streifen da drüben sehen,« stimmte Pena bei.

»Die Sennores sind vielleicht nur kurze Zeit dort oben gewesen,« fiel der Aymara ein. »Da findet man keine verborgenen Wege. Ich aber habe da oft gejagt und nach Wollmäusen gesucht. Dabei habe ich einen Pfad entdeckt, von dem nur das eine zu verwundern ist, daß andere ihn nicht auch längst kennen.«

»Ist er gefährlich?« fragte ich.

»Gar nicht. Sogar Reiter können hinauf. Mühevoll ist er nur eine ganz kurze Strecke, einige Ellen lang.«

»Und wo hat der Sendador denn die Pferde?«

»Eben da oben auf dem Felsen, von welchem Sie sprachen. Man kann sie nur von hier nicht sehen.«

»Ah, vortrefflich! Da haben wir ihn und seine' Chiriguanos im Sacke. Wie gelangt man denn eigentlich zu dem Pfade, den Sie kennen?«

»Indem wir wieder umkehren. Auf dem Wege, den wir soeben gekommen sind, giebt es links eine Felsenspalte, deren unterer Teil mit Geröll verschüttet zu sein scheint. Ich kroch einst hinein, um nach Wild zu suchen, und gewahrte zu meinem Erstaunen, daß ich schon nach wenigen Schritten wieder ins Freie gelangte. Ich kam von da in einer halben Stunde ganz leicht auf die Höhe.«

»Das ist ein Umstand, den wir ausnützen müssen.


- 506 -

Jetzt thun wir mit dem Sendador genau das, was er mit uns vornehmen wollte, wir nehmen ihn in unsere Mitte.«

Wir hielten nicht etwa im Freien, sonst hätten die Chiriguanos uns bemerken müssen, sondern am Rande der Pampa, hinter Schutthöhen und Gestein. Ich wählte die zehn Tobas aus, welche der Desierto uns mitgegeben hatte, und noch zehn Stammesgenossen von ihnen. Auf diese zwanzig konnte ich mich verlassen. Mehr Leute brauchte ich nicht, da das Terrain ihrer Aufgabe sehr zu Hilfe kam.

Die übrigen mußten zurückbleiben, um meine Rückkehr zu erwarten. Dann führte der Aymara uns fort, den bisherigen Weg eine kurze Strecke zurück bis zu der Spalte, von welcher er gesprochen hatte. Am Fuß derselben gab es Geröll, welches wohl mannshoch lag. Wir kletterten über dasselbe weg - wir waren nämlich zu Fuß, da wir oben die Pferde der Chiriguanos zu finden hofften, und drangen in den Spalt ein. Bereits nach kurzer Zeit senkte sich das Geröll, und wir traten in das Freie. Der scheinbar gewaltige Felsblock war nur eine dünne Steinwand, weiter nichts.

Nun befanden wir uns am Fuße einer nackten Berglehne, welche wir unschwer erstiegen. Drüben ging es in einer Mulde weiter, eine nicht gar steile Spitze hinan, und als wir uns da oben befanden und ich sorglos weiter schreiten wollte, hielt der Aymara mich am Arme zurück und warnte:

»Sennor, nicht so rasch. Die Wächter, welche sich bei den Pferden befinden, würden Sie zu früh sehen.«

»Wo sind sie denn?«

»Kommen Sie langsam!«

Er ergriff meine Hand und führte mich einige Schritte


- 507 -

zur Seite. Dort fiel das Gestein in gelinder Senkung vielleicht dreißig Fuß abwärts, und gerade da weideten die Pferde, von den zwei Chiriguanos bewacht.

»Ah! wer konnte das ahnen,« sagte ich. »So schnell am Ziele zu sein, hielt ich nicht für möglich.«

»Am Ziele? Das sind wir noch nicht. Sie müssen doch erst die Wächter haben.«

»Wir sind über zwanzig Mann und sie nur zu zweien!«

»Aber wenn sie hier oben Lärm machen, ist der Sendador unten gewarnt.«

»Das weiß ich gar wohl und beabsichtige darum nicht, mit der Thüre ins Haus zu fallen. Die Leute kennen Sie doch und werden es nicht verdächtig finden, wenn Sie kommen und mich mitbringen.«

»Wenn ich dabei bin, wird man Sie nicht für einen Feind halten.«

»So gehen wir jetzt zu ihnen. Die andern folgen nach, sobald ich rufe.«

Wir beide, ich und der Aymara, schritten also weiter, die kurze Senkung hinab. Die Wächter hielten uns den Rücken zugekehrt; sie blickten hinab auf den See, dessen jetzt dünne Salzkruste wie mattes Silber heraufglänzte. Als sie unsere Schritte hörten, blickten sie sich um. Daß der Aymara kam, befremdete sie nicht; aber daß ich mich an seiner Seite befand, das machte sie gespannt. Vielleicht erinnerten sie sich der Beschreibung, welche der Sendador ihnen von mir geliefert hatte. Doch war die Gegenwart meines Führers ihnen Gewähr genug dafür, daß ich nicht in feindlicher Absicht komme. Sie wendeten sich an ihn mit Worten, welche ich nicht verstand. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit wissen und also lieber rasch handeln. Darum that ich schnell einige Schritte, um die Roten vor mich zu bekommen, packte den einen mit der Rechten, den


- 508 -

andern mit der Linken im Genick, drückte sie zur Erde nieder und kniete auf sie, indem ich sie so fest wie möglich bei den Hälsen hielt und dabei nach den Tobas rief.

Ich hatte bei diesem Angriffe ganz allein auf mich gerechnet, da ich des Aymara nicht sicher zu sein glaubte; aber er zeigte, daß ich ihm vertrauen könne, denn er bückte sich auf den einen Chiriguano nieder und drückte ihm die Gurgel zusammen, so daß er nicht schreien konnte.

Die Tobas kamen schnell herbei, und so war es keine Kunst, die Wächter unschädlich zu machen. Wir befanden uns gerade über dem Lager des Sendador, ohne daß dieser eine Ahnung davon hatte.

Ich trat bis an den Rand des Felsens vor und blickte hinab. Da lagen sie faul und in allen möglichen Stellungen bunt untereinander. Ein wenig zur Seite saß der Sendador, mit dem Rücken gegen den Felsen gelehnt. Die Zeit wurde ihm wahrscheinlich zu lang. Gut, daß er nicht wußte, wie so bald sie ihm kürzer vergehen werde.

Oben, wo ich mich befand, waren lose Steine zu einem Kreuze vereinigt. Das war die Stätte, an welcher Gomarra seinen Bruder begraben hatte. Unweit derselben führte der schon mehr erwähnte Saumpfad zum See hinab. Diesen Weg verfolgte ich eine Strecke weit abwärts, bis ich eine geeignete Stelle fand, an welcher ich die Tobas postierte, indem ich ihnen den Auftrag gab, die Chiriguanos oder gar den Sendador ja nicht heraufzulassen. Sie sollten erst blind schießen, dann aber, wenn man den Zugang erzwingen wolle, auf die Roten schießen, womöglich jedoch den Sendador schonen und ihn lebendig zu ergreifen trachten. Dann kehrte ich mit dem Aymara auf dem Weg, welcher uns heraufgeführt hatte, nach unten zurück.

Die Gefährten hatten verborgen gelagert, mit Sehn-


- 509 -

sucht [Sehnsucht] den Augenblick erwartend, wo wir uns dem Sendador zeigen würden. Sie glaubten ihn jetzt gekommen, aber der Aymara meinte:

»Wir müssen jetzt noch warten, Sennor. Ich habe Ihnen gesagt, daß noch zwei Wege mit Hütern besetzt sind. Diese Leute müssen doch wohl erst gefangen genommen werden!«

»Das ist nicht nötig, da sie uns keinen Schaden machen können.«

»Aber sie kommen doch herbei, und helfen dem Sendador!«

»Wie wollen sie das anfangen, da wir uns zwischen ihm und ihnen befinden? Sie werden froh sein, in unserm Rücken zu stehen, und sich sehr gern fern halten. Nehmen wir sie aber gefangen, so müssen wir sie bewachen und haben also nur Belästigung von ihnen. Wie ich mich vor diesen Chiriguanos fürchte und was für einen Respekt ich vor ihnen habe, das werde ich dir sofort zeigen.«

Ich ließ den vier Gefangenen die Fesseln ablösen und ihnen sagen, daß sie gehen möchten, wohin es ihnen beliebe. Sie rannten, ohne ein Wort zu sagen, davon, als ob der Teufel hinter ihnen dreinjage, hüteten sich aber, in der Richtung nach dem Sendador sich zu entfernen, da ich das nicht geduldet hätte.

Nun konnten sie uns nicht mehr belästigen, und es war für uns Zeit, den Tanz zu beginnen. Wir bestiegen die Pferde, deren wir nun vier erbeutet hatten, und ritten, nach links biegend, langsam zwischen dem See und der Felswand hin.

Ich zog mein Fernrohr und richtete es im Reiten hinüber nach dem Sendador. Bald sah ich, daß wir bemerkt wurden. Er und seine Leute sprangen auf, griffen zu den Waffen und standen dann still, um uns zu beobachten.


- 510 -

Während meine Leute langsam vorrückten, hielt ich an, um besser durch das Rohr sehen zu können. Ich erblickte die Züge des Sendador sehr deutlich. Er war der einzige Weiße der ganzen Gesellschaft. Die Waffen der Roten bestanden nur aus Bogen, Pfeilen und Lanzen. Wie er mit ihnen gegen uns aufkommen wolle, wäre mir ganz unbegreiflich gewesen, wenn ich mir nicht gesagt hätte, daß er mich jedenfalls nicht in solcher Begleitung erwartet hatte.

Er blickte voller Spannung zu uns herüber. Die Entfernung war noch zu groß, als daß er den einzelnen hätte unterscheiden können. Je geringer dieselbe wurde, desto deutlicher sah er, und endlich bemerkte ich, daß er unter den lebhaftesten Gestikulationen auf seine Roten einsprach und dabei oft nach uns herüber zeigte. Er wußte jetzt, wer wir waren.

Ich jagte den Gefährten nach, ritt ihnen eine ganze Strecke voraus, so daß ich die Roten mit dem bloßen Auge beobachten konnte. Der Sendador sah und erkannte mich. Hätte ich ihn töten wollen, so wäre mir das ein leichtes gewesen; meine Büchse hätte noch weiter als bis zu ihm gereicht. Er richtete sich hoch auf und rief mir mit möglichst lauter Stimme zu:

»Kommst du endlich, Hund? Diesesmal wirst du bellen, aber nicht beißen; dafür wird es dich dein Fell kosten!«

Er legte die Flinte an und drückte los. Die Kugel schlug ganz nahe bei mir in den Boden, so daß die vom Hochwasser zurückgelassene Salzkruste aufstäubte. Der Kerl hatte sich unterwegs ein sehr gutes Gewehr zu verschaffen gewußt.

»Sennor, soll ich ihm mit einer Kugel antworten?« fragte Pena erbost.

»Nein; ich will ihn lebendig haben. Wenn er eine Antwort bekommen sollte, würde ich sie ihm selbst geben.«


- 511 -

»Aber Ihre Berechnung ist falsch. Es zieht nur die Hälfte der Roten ab, der Höhe zu; die übrigen bleiben halten, doch wohl, um sich zu wehren.«

»Das scheint freilich so. Hm, da kommt mir ein Gedanke. Sollte auch der Sendador den Pfad kennen, welchen der Aymara mir vorhin gezeigt hat?«

»Ja, denn er ist doch wohl noch öfter dagewesen als der Aymara.«

»So kann ich mir seine scheinbare Sorglosigkeit nun ganz gut erklären. Er will uns auf diesem Pfade die Hälfte seiner Leute in den Rücken schicken.«

»Wenn er das beabsichtigt, so wird er sich wundern und gewaltig staunen, sobald er bemerkt, daß der Weg von uns bereits besetzt und er also überlistet worden ist.«

»Das wird sehr bald geschehen, denn die eine Abteilung seiner Leute verschwindet soeben in der Mündung des Saumpfades. In einigen Minuten werden wir die Schüsse unserer Tobas hören.«

Der Sendador hielt mit der zweiten Hälfte seiner Leute noch an dem Platze, an welchem er sich befunden hatte. Dann rückte er uns schnell eine kleine Strecke entgegen, um seinerseits nun auch den Weg zu erreichen. Es war also klar, daß, während die erste Abteilung bergauf eilte, um uns in den Rücken zu kommen, er sich mit der zweiten unten im Felsenwege, wo er Deckung fand, festsetzen wollte.

Ich stieg vom Pferde, und die andern folgten meinem Beispiele. Wir wollten die Tiere nicht der Gefahr, verwundet zu werden, aussetzen; sie blieben unter der Aufsicht einiger Tobas zurück.

»Sennor, jetzt müssen wir aber schießen,« bemerkte Pena eifrig, »sonst setzen sich die Schufte hinter den Felsen fest.«


- 512 -

»Mögen sie!«

»Was? Wie? Wenn sie dort einmal festsitzen, können wir sie nicht mehr vertreiben.«

»Gewiß doch!«

»Aber mit Blutverlust, während wir, wenn wir ihnen jetzt eine tüchtige Salve geben, ihnen einen so heillosen Respekt einjagen, daß sie sich vielleicht augenblicklich ergeben.«

»Das werden sie auch dann thun, wenn wir nicht vorher die Hälfte von ihnen erschießen.«

»Wieder diese berühmte Humanität! Sie werden jedenfalls abermals sehen, daß Sie nicht weit mit derselben kommen. Man sollte sich doch eigentlich nicht so sehr nach Ihrem Willen richten.«

»Das ist wahr und richtig!« stimmte Gomarra zornig bei. »Jetzt haben wir die Kerle so prächtig vor uns, und wenn wir diesen Augenblick nicht benutzen, so verbergen sie sich hinter die Felsen und putzen uns nach einander einzeln weg. Der Teufel hole die Humanität! Ich thue, was ich will; die Rache ist mein!«

Er legte sein Gewehr an, zielte auf den Sendador und drückte ab. Die Kugel ging fehl und traf einen Roten, dem sie durch den Kopf ging, wie wir später bemerkten. Das war so schnell geschehen, daß ich es nicht hatte verhindern können. Der Zorn wollte mich fast übermannen; ich nahm Gomarra beim Kragen, schüttelte ihn tüchtig ab und schrie ihn an:

»Mensch, wie können Sie das thun! Sehen Sie nicht, daß Sie einen Unschuldigen getroffen haben? Sie sind ein Mörder!«

»Pah!« antwortete er. »Es ist doch nur ein Wilder!«

»Ein solcher ist ebensoviel wie Sie, vielleicht noch mehr wert!«


- 513 -

»Oho! Wollen Sie abermals mit mir anbinden?«

»Fällt mir nicht ein. Mit Menschen Ihresgleichen binde ich nicht an. Aber ich verbiete Ihnen, ohne meine Erlaubnis zu schießen!«

»Was haben Sie mir zu befehlen?«

»Was mir beliebt. Und wenn Ihnen das nicht recht ist, so können Sie gehen, wohin Sie wollen, wie ich Ihnen schon einmal gesagt habe. Verstanden?«

»Und wenn ich aber dennoch bleibe und schieße?« rief er mir mit zornig blitzenden Augen zu.

»So thue ich das, was ich schon einmal gethan habe - ich schlage Sie zu Boden, aber etwas derber als damals. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es thue. Ob Sie dann jemals wieder aufstehen werden, ist mir ganz egal, denn wer das Leben eines Chiriguano nicht achtet und doch selbst ein Roter ist, der verdient auch den Atem nicht.«

Diese Drohung schien ihn eingeschüchtert zu haben, denn er antwortete nicht. Ich konnte mir aber nicht verheimlichen, daß die Mehrzahl meiner Kameraden im stillen seiner Meinung war, wie ich aus ihren Blicken ersah und ihrem leisen, heimlich sein sollenden Flüstern entnahm. Einer aber war einverstanden, der Bruder. Er drückte mir die Hand und sagte:

»Recht so! Es ist zwar nicht weltlich klug gehandelt, aber das Gewissen befiehlt es so. Wir kommen trotz der Nachsicht, die wir üben, doch zum Zwecke.«

»Zumal bei all dieser Rederei nun die richtige Zeit zum Angriffe verflossen ist. Die Roten sind mitsamt dem Sendador verschwunden.«

»Werden aber sehr bald wiederkommen.«

Der Sendador befand sich jetzt mit allen seinen Leuten zwischen den Felsenböschungen des Saumweges. Sogar


- 514 -

den von Gomarra getroffenen Indianer hatte man mitgenommen. Wir rückten langsam nach. Da krachten Schüsse, welche genau so klangen, als ob sie im Innern des Berges abgefeuert worden seien. Darauf erscholl ein wildes Geheul, und Schüsse antworteten darauf.

»Es wird Ernst!« sagte der Bruder. »Unsere Tobas sollten doch erst einmal blind feuern?«

»Ja. Die zweite Salve hat jedenfalls Opfer gekostet; die Chiriguanos haben sich nicht aufhalten lassen wollen.«

»Werden sie zurückgedrängt, so nehmen wir sie auf uns. Dann ist das Blutvergießen nicht zu vermeiden.«

»Vielleicht doch. Ich habe bisher den Sendador geschont.

Nun aber werde ich ihm eine Wunde geben, die ihn kampfunfähig macht. Das wird die Chiriguanos so erschrecken, daß sie sich ergeben und er kann uns nun auch nicht mehr entkommen.«

Die Schüsse der Tobas krachten noch immer von oben herab, und das Kampfgeschrei war noch nicht verstummt, ja, es schien ärger als vorher zu werden. Dann gab es ein entsetzliches Gebrüll, auf welches plötzliche Stille eintrat. Unsere Leute hatten nun die Stelle erreicht, wo der Saumpfad aus dem Freien in den Felsen trat; da flog ihnen eine ganze Wolke von Pfeilen entgegen, so daß sie schnell zurückweichen mußten, um sich zu decken.

»Hab's gedacht!« murrte Pena, indem er sich eine Pfeilspitze aus dem Unterschenkel zog. »Nur um Gottes willen ja keinen Tropfen Feindesblut vergießen; das unserige aber mag fließen!«

»Wer ist schuld daran?« fragte ich. »Wer heißt Ihnen denn, sich den Pfeilen auszusetzen? Sie wollten sich von mir nichts mehr sagen lassen und haben auf eigene Faust gehandelt. Nun brummen Sie nur nicht etwa mich an, da Sie von einem Spitzchen geritzt worden sind!«


- 515 -

»Spitzchen? Geritzt? Da hört doch alles auf! Ein Glück nur, daß diese Pfeile nicht vergiftet sind! Wie wollen Sie denn übrigens die Roten überwältigen, wenn Sie nicht angreifen?«

»Das sollen Sie sofort sehen.«

»Bin neugierig!«

Unweit des Ufers lag ein Felsenstück von nicht unbedeutender Größe. Ich winkte den Steuermann zu mir, und er half mir den Stein bis zum Eingang des Saumpfades wälzen. Zwischen der Felswand und dem Steine blieb eine Lücke, groß genug, um den Lauf eines Gewehres hindurchzustecken.

Dann legte ich mich zur Erde, nahm den Stutzen und kroch bis zu der Lücke. Sie erlaubte mir, den unteren Teil des aufwärts steigenden Weges überblicken zu können, ohne getroffen zu werden.

Da standen rechts und links an die Wände gelehnt die Chiriguanos, die Pfeile schußbereit in den Händen, sobald sich einer von uns unten sehen lassen werde. Andere schossen unausgesetzt nach dem Steine, hinter welchem ich steckte und dessen Zweck sie leicht errieten. Weiter oben stand der Sendador und redete lebhaft in einen Roten hinein, welcher besorgt auf die Männer deutete, welche von dort herab kamen. Mehrere von ihnen waren verwundet; auch zwei Tote brachte man getragen. Man sah es den verschiedenen Gesten und den Gesichtern der beiden Sprechenden an, daß sie sehr verschiedener Meinung seien. Der Rote riet jedenfalls zum Abbruch des Kampfes, während der Sendador die Fortsetzung desselben verlangte.

Ich beschloß, der Meinung des ersteren Nachdruck zu verleihen, und legte meinen Stutzen auf den Sendador an. Die Kugel desselben war klein, während diejenige des Bärentöters nicht nur eine größere Wunde gerissen,


- 516 -

sondern vielleicht auch noch den Knochen zerschmettert hätte. Der Sendador war dem Tode geweiht, das wußte ich; aber nicht ich wollte derjenige sein, der das Blut dieses Mannes auf seine Seele nahm.

Ich zielte sehr genau und länger als gewöhnlich auf den rechten Oberarm, welchen er heftig bewegte; ich wollte ihn nur in den rechten treffen, um ihn kampfunfähig zu machen; eine Verwundung des linken Armes hätte diese Folge wohl nicht gehabt. Jetzt hielt er ihn drohend empor, und ich drückte ab. Der Arm sank nieder, und der Sendador stieß einen Schrei aus. Er befühlte das verwundete Glied mit der linken Hand, wendete sich dann abwärts, richtete einen grimmigen Blick nach dem Steine und schrie mit solcher Stimme, daß ich trotz der Entfernung jedes Wort verstand:

»Hund, ich weiß, wer geschossen hat. Sei verflucht, deutsche Kanaille!«

Das war sehr unklug von ihm. Er mußte doch erkennen, daß der Sieg von ihm nun unmöglich zu erreichen sei; indem er mich beleidigte, verschlimmerte er doch nur seine Lage.

Er schien ins Wanken zu kommen. Zwei Indianer faßten ihn und führten ihn fort, nach einer Stelle, wo ich ihn nicht mehr sehen konnte. Der Rote, welcher mit ihm gesprochen hatte, verschwand mit ihm, kehrte aber schon nach kurzer Zeit zurück. Es versammelten sich andere um ihn, welche sich lebhaft mit ihm unterhielten. Dann band einer von ihnen ein Tuch an die Spitze seiner Lanze und kam, diese improvisierte Friedensfahne schwingend, langsam den Saumpfad herab.

Ich sah aus den Bewegungen seiner Hände und aus seinem Mienenspiele, daß er den rechts und links postierten Indianern das Schießen verbot. Darum erhob ich mich


- 517 -

hinter meinem Steine, trat in die Mitte des Weges und erwartete den Parlamentär. Meine Gefährten kamen auch herbei. Der Kampf ruhte für jetzt. Als der Mann herbeigekommen war, verbeugte er sich ungelenk und sagte in sehr gebrochenem Spanisch:

»Sennores, der Häuptling sendet mich. Wenn ihr ihn um Frieden bittet, wird er euch denselben vielleicht gewähren.«

Die erste Antwort, welche er erhielt, war ein allgemeines, lautschallendes Gelächter. Ich war der einzige, der mit Mühe seinen Ernst zu wahren vermochte. Der Bote wurde hochverlegen, hatte aber nicht anders sprechen können, als ihm befohlen worden war. Darum antwortete ich, als das Lachen so ziemlich verschollen war:

»Gehe, um deinem Häuptling zu sagen, daß, wenn er, nämlich er, nicht sofort um Gnade bittet, meine Leute von oben herab und von hier unten hinauf euch zusammendrängen und wie ein Nest voller Mäuse zerstören werden!«

»Sennor, Sie sind wohl - - -«

»Gehe, gehe!« wehrte ich seine Rede ab. »Ich habe dir gesagt, was ich verlange, ich mag kein weiteres Wort hören. Ich schieße gern, spreche aber wenig!«

Das schüchterte ihn so ein, daß er sich schleunigst entfernte.

»Wir haben durch die Ankunft dieses Parlamentärs viel gewonnen,« bemerkte ich.

»Möchte wissen, was,« brummte Pena mißmutig.

»Nun, stehen wir nicht unbelästigt hier, und vermögen wir nicht mit unsern Gewehren den Pfad zu bestreichen? Das konnten wir vorher nicht. Legt nur eure Flinten an die Wangen. Das wird meine Antwort bedeutend unterstützen.«

Der Parlamentär kam bei dem oben stehenden Häupt-


- 518 -

linge [Häuptlinge] an und sagte ihm meine Worte. Der Anführer sah zu uns nieder und erblickte die Mündungen der vielen auf seine Roten gerichteten Gewehre. Das machte ihn so bestürzt, daß er schnell hinter der Krümmung des Saumpfades verschwand, jedenfalls um mit dem dort befindlichen Sendador zu sprechen. Er kehrte erst nach längerer Zeit zurück, erteilte dem Boten neue Instruktion und dieser kam wieder zu uns herab.

»Sennor,« sagte er, »der Häuptling wünscht den Frieden, wenn Ihr uns alle ziehen lasset.«

»Auch den Sendador mit?«

»Ja.«

»Sage deinem Häuptlinge, daß wir Freunde der Chiriguanos sind. Wir haben sechs eurer Wächter gefangen und bereits vieren von ihnen die Freiheit gegeben. Wir wollen nicht mit euch kämpfen; wir verlangen weder euer Leben, noch eure Freiheit oder euer Hab und Gut. Wir wollen jetzt und stets im Frieden mit euch leben, aber wir verlangen den Sendador ausgeliefert, damit er sich für alles, was er gegen uns unternommen hat, verantworten möge. Liefert ihr ihn uns aus, so seid ihr frei und könnt gehen, wohin ihr wollt. Ich gebe euch nur zehn Minuten Zeit. Ist bis dahin euer Entschluß noch nicht gefaßt, so marschieren wir hier in den Pfad hinein, um euch unseren oben auf der Höhe stehenden Leuten in die Arme zu treiben. Es wird dann von euch keiner leben bleiben, der die Toten zählen kann. Also nur zehn Minuten, sage das dem Häuptlinge!«

Er ging trübselig von dannen. Der Bruder fragte mich:

»Warum bestehen Sie so auf diesen zehn Minuten?«

»Weil es uns Vorteil bringt. Ich denke, die Roten möchten, um sich selbst zu retten, uns den Sendador ganz gern ausliefern, aber sein Einfluß auf sie ist groß, und


- 519 -

er wird ihnen solche Versprechungen machen, daß die Verhandlung sich wohl in die Länge ziehen wird. Dies benutzen wir, indem wir hier geschlossen und mit erhobenen Läufen vorrücken. Es ist kein Waffenstillstandsbruch, wenn wir die zehn Minuten respektiert haben. Indem wir vorgehen, drängen wir die Roten, welche keinen Widerstand wagen werden, nach oben. Sie verlieren immer mehr Terrain und werden zuletzt so eingeengt, daß sie sich ohne weitere Verteidigung ergeben müssen.«

Meine Voraussetzung bewahrheitete sich. Nach der angegebenen Zeit setzten wir uns in Bewegung. Die erschrockenen Indianer, welche den Pfad besetzt hielten, wichen zurück. Ihr Geschrei lockte den Häuptling herbei. Er sah die Mauer von Gewehrläufen, welche stetig, Schritt um Schritt, nach oben rückte, und verschwand augenblicklich wieder hinter der Krümmung des Weges.

Als wir diese erreichten, erblickten wir die Schar der Roten; sie trugen ihre Toten und. Verwundeten, auch der Sendador war bei ihnen, und eilten soeben um eine zweite Krümmung des Saumpfades.

Natürlich eilten wir ihnen schneller als bisher nach. Es war ja möglich, daß sie beabsichtigten, sich nach oben durchzuschlagen. Als wir die Drehung des Weges hinter uns hatten, überblickten wir die Situation.

Der Pfad führte von hier aus in schnurgerader Richtung nach der Höhe des Felsens; er war wie künstlich in das Gestein gehauen, so daß man weder nach rechts noch links zu weichen vermochte. Unten kamen wir; da gab es keinen Erfolg für die Roten; sie hatten also ihre Hoffnung aufwärts gerichtet.

Dort standen die zwanzig Tobas, bei ihnen ein Chiriguano mit der Friedensfahne. Er hatte gemeldet, daß unten unterhandelt werde, und daraufhin hatten die Tobas


- 520 -

mit Schießen eingehalten; sie glaubten nun, so lange dieser Mann mit seiner Fahne dastehe, sich nicht feindselig verhalten zu dürfen. Das aber wollten die Chiriguanos benutzen und sich mit dem Sendador durchdrängen.

Um diesen Plan zunichte zu machen, schoß ich meine schwere Büchse ab. Der Knall, dessen Stärke durch den vielfachen Wiederhall verzehnfacht wurde, lenkte die Augen der Tobas auf uns; sie sahen uns kommen mit den Waffen in den Händen, wie zur Verfolgung der Feinde, und wußten nun, was sie zu thun hatten.

Ich sah, daß sie den Fahnenträger einfach niederschlugen und ihre Gewehre und sonstigen Waffen auf die Chiriguanos richteten. Aus der Mitte derselben erklang eine laute Stimme, doch waren die Worte wegen der Größe der Entfernung nicht zu unterscheiden. Von oben wurde geantwortet. Rede wechselte mit Gegenrede, und das gab uns Zeit, bis auf Hörweite heranzukommen. Pena rief den Tobas zu, die Feinde nicht durchzulassen; die ersteren traten enger zusammen und die letzteren sahen sich zwischen unempfindlichen Felsen und unerbittlichen Feinden so eingeengt, daß ihnen jede Hoffnung weichen mußte. Da trat der Parlamentär aus ihren Reihen, kam zu mir und meldete:

»Sennor, der Sendador will mit Ihnen reden.«

»Er mag kommen.«

»Nein, Sie sollen zu uns kommen.«

»Das fällt mir gar nicht ein!«

»Er sagt, daß Sie es wagen können; es werde Ihnen nichts geschehen.«

»Nichts, als daß man versuchen wird, mich festzunehmen, um einen Geisel zu haben, gegen welchen er und auch ihr alle eure Freiheit erhaltet! Er hat schon oft gelogen und man darf ihm nicht trauen. Ich aber lüge


- 521 -

nicht. Wenn er kommt, so kann er nach der Unterredung zu euch zurückkehren; ich gebe ihm mein Wort darauf und werde dasselbe sicherlich halten.«

»Ich werde ihm das sagen.«

Der Mann entfernte sich wieder und kam nach kurzer Zeit mit dem Vorschlage zurück, daß der Sendador mich auf der Stelle treffen wollte, welche mitten zwischen unseren gegenwärtigen Positionen liege; aber keiner solle einen Begleiter mitbringen, und die Waffen seien auch zurückzulassen. Ich ging auf diesen Vorschlag ein und schritt gleich hinter dem Boten her, bis ich an der betreffenden Stelle anlangte. Meine Gefährten schienen sich zu ärgern, daß ich sie nicht um ihre Zustimmung gebeten hatte. Vielleicht dachten sie, daß ich gar die Absicht hege, ein Übereinkommen abzuschließen, ohne sie vorher um Rat und Genehmigung gefragt zu haben, denn ich vernahm ihre unwilligen Stimmen, und dann rief Pena mir zu:

»Sennor, wir wollen Ihnen noch eine Frage vorlegen.«

»Dazu ist später Zeit,« antwortete ich ihm.

»Nein; wir müssen wissen, was Sie vorhaben.«

»Das werde ich Ihnen später mitteilen. Ich werde auf keinen Fall etwas unternehmen, ohne Ihre Zustimmung geholt zu haben. Übrigens, wenn Sie Mißtrauen in mich setzen, so kommen Sie selbst, um an meiner Stelle mit dem Sendador zu sprechen!«

»Alle Wetter! Das fällt mir freilich nicht ein. Nein, bleiben Sie nur dort!«

Ich fand keine Zeit, mich über das mir gezeigte Mißtrauen zu ärgern, denn jetzt kam der Sendador auf mich zu. Es war ein eigenes Gefühl, welches ich empfand, als ich diesen Mann hier nun abermals erblickte, ein ab-


- 522 -

gehetzter [abgehetzter], dem Tode geweihter Verbrecher, welcher bei Gott keine Gnade sucht und bei den Menschen keine findet.

Er trug den rechten Arm in einer improvisierten Binde. Als er vor mir stehen blieb, blickte er mir mit scharfen, finsteren Augen in das Gesicht, als ob er mein Inneres ganz durchdringen wolle. Ich muß gestehen, daß es mir herzlich leid um ihn that. Was hätte dieser Mann bei seinen hohen Gaben, wenn er auf dem rechten Wege geblieben wäre, sein können, und was war er geworden, da sein Fuß die Irrwege des Verbrechens betreten hatte! Bei den Verhältnissen des Landes, in welchen er lebte, hätte er es zu hohen Ehrenstellen bringen können; nun aber stand er vor mir als ein ebenso gehaßter wie gefürchteter Verbrecher, dem keine Gnade gegeben werden sollte, welcher vielmehr dem baldigen und gewaltsamen Tode entgegen ging. Es erfaßte mich eine unbeschreibliche, milde Regung. Wäre es jetzt auf mich angekommen, wahrhaftig, ich hätte ihn gegen das Versprechen der Besserung laufen lassen.

»Da haben wir uns ja wieder,« sagte er mit ungewisser Stimme und indem er zu lächeln versuchte, aber nur eine krampfhafte Verzerrung des Gesichtes hervorbrachte. »Die Verhältnisse sind genau dieselben. Werden wir auch wieder so glatt und schnell auseinander kommen?«

»Schwerlich, denn die Verhältnisse sind nicht dieselben, sondern ganz andere. Als wir uns das letztemal sahen, befand ich mich in Ihren Händen; jetzt aber sind Sie in meiner Gewalt.«

»Noch nicht!«

»Gewiß! Wenn Sie es noch bezweifeln sollten, so blicken Sie um sich. Sie sind mit Ihren Leuten von uns eingeschlossen.«

»Allein wir werden uns wehren, bis zum letzten Mann sogar!«


- 523 -

»Welchen Nutzen werden Sie davon haben? Keinen, nicht den mindesten. Sie müssen sich das eingestehen, wenn Sie es mir auch nicht zugeben.«

»Wir sind unser noch genug, um die Mehrzahl von Ihnen zu töten!«

»Selbst wenn ich Ihnen da recht geben müßte, würden Sie gezwungen sein, einzugestehen, daß wenigstens eine Anzahl von uns Sie alle überleben würde. Selbst in diesem Falle würde keiner von Ihnen entkommen.«

Er sah finster vor sich nieder und antwortete nicht; ich fuhr fort:

»Aber die Sache liegt ganz anders. Vergleichen Sie Ihre Leute und Ihre Waffen mit den meinigen!«

»Ihre Waffen haben wir zu fürchten; aber meine Chiriguanos sind ebenso tapfer wie Ihre Tobas.«

»Möglich, aber ich bezweifle es. Ich habe gar wohl bemerkt, daß Ihre Indianer sich weigern, den nutzlosen Kampf fortzusetzen; sie sehen ein, daß sie durch einen schnellen Friedensschluß nur gewinnen können, und ich habe dem Häuptlinge bereits gesagt, daß wir sie in diesem Falle ruhig ihres Weges ziehen lassen werden.«

»Das haben Sie gesagt?« fragte er schnell. »Also darum riet dieser Rote zur Ergebung!«

»Hat er das gethan? Nun, so sehen Sie, daß meine Voraussetzung die richtige ist. Sehen Sie meine Leute an! Ich brauche nur ein einziges Wort auszurufen, so krachen alle ihre Gewehre; diejenigen Ihrer Roten, welche da nicht getroffen werden, wird die zweite Salve wegfegen, ohne daß sie Zeit zum Schießen gefunden haben. Ich bin überzeugt, daß kein einziger Toba verwundet oder gar getötet wird. Von meinen weißen Begleitern und mir selbst will ich gar nicht sprechen. Es bleibt eben für Sie nichts übrig, als sich zu ergeben.«


- 524 -

»Und was haben Sie in diesem Falle in Beziehung auf mich beschlossen?«

»Noch nichts.«

Sein Blick senkte sich wieder zur Erde. Ich wartete, bis er sprechen werde. Er schien nach Auswegen zu suchen, aber keine zu finden. Wenn auch nicht gegen mich, gegen sich selbst aber mußte er aufrichtig sein und sich sagen, daß es für ihn keinen Ausweg gebe, wenigstens keinen, der mit Gewalt zu erzwingen war. Gab es je Rettung für ihn, so konnte er sie nur durch List erreichen. Das wußte ich ebenso gut wie er und nahm mir deshalb vor, mich nicht übertölpeln zu lassen.

»Seien Sie also klug,« sagte ich, »und fügen Sie sich!«

»Um mich dann von Ihnen umbringen zu lassen! Ich danke! Hätte ich doch Sie niemals kennen gelernt!«

»Ich hege ganz denselben Wunsch! Da wir es nun aber miteinander zu thun haben, so müssen wir eben mit diesen Thatsachen rechnen.«

»So sagen Sie mir aufrichtig, was mit mir geschehen wird, wenn ich Ihrer Aufforderung folge und mich ergebe.«

»Hm! Ich glaube, daß Sie sich das selbst sagen können.«

»Man wird mich töten?«

»Wahrscheinlich.«

»Auf Ihren Befehl?«

»Nein.«

»Ja, das dachte ich. Was Sie wollen, das weiß ich genau. Sie würden mich vielleicht entfliehen lassen.«

Er sah mich dabei prüfend an; ich antwortete ihm kopfschüttelnd:

»Täuschen Sie sich nicht! Ihr Tod kann mir allerdings nichts nützen; aber so, wie ich es am Nuestro Sennor gemacht habe, würde ich es keinesfalls wieder


- 525 -

thun. Ich verhalf Ihnen zur Flucht; Sie täuschten mein Vertrauen, lockten uns in einen Hinterhalt, und nahmen uns gefangen. Sollte ich ja auf den Gedanken kommen, Ihnen die Freiheit zu geben, so würde ich Sie sicher vorher unschädlich machen.«

»Auf welche Weise?«

»Auf keine, denn es giebt Ihnen gegenüber keine, und also ist gar nicht daran zu denken, daß ich Ihnen Hoffnung geben kann.«

»Und doch! Ich bin überzeugt, daß Sie mir behilflich sein werden, von hier zu entkommen.«

»Und ich sage Ihnen, daß Sie sich da gewaltig irren. Ganz abgesehen von mir und meinen Begleitern, von allem, was Sie uns gethan und gegen uns beabsichtigt haben, sind Sie ein so allgemein gefährlicher Mann, daß es eine Sünde gegen andere und uns Fremde wäre, Sie wieder auf freien Fuß gelangen zu lassen.«

»So sagen Sie wenigstens, was ich Ihnen gethan habe! Können Sie mir etwa beweisen, daß ich Ihnen nach dem Leben getrachtet habe?«

»Nun, ich dächte doch!«

»Nein, ich wollte mich Ihrer Person bemächtigen, weil ich glaubte, es werde mir mit Ihrer Hilfe möglich sein, die Pläne und Kipus zu entziffern.«

»Und wenn diese Voraussetzung eingetroffen wäre, was hätten Sie dann gethan?«

»Ich hätte Sie reichlich belohnt entlassen.«

»Das machen Sie mir lieber gar nicht weis. Ich kenne das Schicksal, welches mich dann betroffen hätte, sehr genau.«

»Sie irren. Und sagen Sie mir doch, was Ihre Gefährten zu fürchten hatten? Ich hätte sie ermorden können; aber ich habe es nicht gethan, sondern sie zu den Mbocovis bringen lassen.«


- 526 -

»Um zunächst möglichst viel Lösegeld zu erpressen und sie nachher verschwinden zu lassen, wie dies ja stets Ihre Art und Weise gewesen ist.«

»Gewiß nicht! Ich brauchte nur Sie. Durch Ihre Hilfe wollte ich mich in den Besitz der vergrabenen alten Schätze setzen. Dabei waren Ihre Begleiter mir natürlich im Wege. Darum wurden sie gefangen genommen und entfernt. Es gelang mir auch, Sie zu ergreifen. Wären Sie nicht entflohen, so befänden wir uns schon längst an Ort und Stelle, und Sie wären überzeugt, daß ich es gut mit Ihnen gemeint habe. Waren die Schätze gehoben, so hätte ich den Chiriguanos den Befehl erteilt, Ihre Begleiter frei zu lassen. Und das wollen Sie mir dadurch vergelten, daß Sie mir nach dem Leben trachten!«

»Ich persönlich trachte nicht nach demselben. In Ihrer jetzigen Lage sind Sie natürlich gezwungen, Ihr Verhalten zu beschönigen und Ihre Absichten als die besten darzustellen; aber Sie können unmöglich verlangen, daß ich Ihnen glaube.«

»Zum Teufel! Warum denn nicht?«

»Weil Sie mich bereits belogen haben, überhaupt, weil Sie der Sendador sind.«

»Sennor, ich glaubte, Sie würden verständiger denken!«

»Ich verhalte mich so verständig wie möglich, denn einem Manne, wie Sie sind, gegenüber, kann man den Verstand nicht anhaltend und scharf genug zu Rate ziehen.«

»Nun, mögen Sie von mir gedacht haben, was Sie wollen, jetzt meine ich es ehrlich, und Sie können mir vertrauen. Ich meine es wirklich gut mit Ihnen, wie ich sofort beweisen werde.«

»Dieser Beweis dürfte Ihnen wohl nicht leicht werden.«

»Sehr leicht. Ich habe mit Ihnen, aber auch nur


- 527 -

mit Ihnen allein, also unter vier Augen sprechen wollen, um Ihnen einen Vorschlag zu machen.«

»Welchen?«

ich fragte das, obgleich ich genau wußte, welchen Antrag ich zu hören bekommen würde. Jedenfalls wollte er mich verlocken, mit ihm nach seinem Versteck zu gehen, die Kipus zu entziffern und dann, falls mir dieses gelingen sollte, den Ort aufzusuchen, auf welchen sich die Aufzeichnungen bezogen. Ging ich auf diesen Plan ein, so erlangte er die Freiheit und konnte nach Belieben mit mir verfahren. Er hatte schon jetzt mit gedämpfter Stimme gesprochen. Nun antwortete er noch leiser als bisher:

»Lassen Sie mich frei. Dann heben wir die Schätze und teilen sie miteinander!«

Sein Auge war mit größter Spannung auf mich gerichtet. Ich antwortete ihm in sehr ernstem Tone:

»Sie haben mir schon einmal einen ähnlichen Vorschlag gemacht, und ich war so unvorsichtig, darauf einzugehen. Wir alle haben die bösen Folgen davon zu tragen gehabt. Zum zweitenmal lasse ich mich nicht bereden. Das können Sie sich denken.«

»Bedenken Sie, was ich Ihnen biete!«

»In Worten, ja; aber in der That bieten Sie mir das Gegenteil. Falls ich mich bereitwillig finden lassen wollte, könnte ich nur hinter dem Rücken meiner Freunde handeln, und nach den Erfahrungen, die wir mit Ihnen gemacht haben, würde das ein doppelter Fehler von mir sein.«

»Was gehen diese Leute Sie an? Sind sie Ihnen nicht ganz und gar fremd?«

»Nein. Wir sind Freunde geworden, und ich bin es ihnen schuldig, aufrichtig und ehrlich zu sein. Und zweitens gebietet mir die Sorge für mich selbst, Ihren Vorschlag zurückzuweisen.«


- 528 -

»Warum? Ich wüßte doch wirklich nicht, welche Bedenken Sie gegen denselben hegen könnten.«

»Nicht gegen den Vorschlag, sondern gegen die Ausführung desselben, welche eine ganz andere sein wird, als Sie mir jetzt versprechen.«

»Sennor, ich halte Wort! Ich schwöre es Ihnen zu!«

»Schwören Sie lieber nicht, denn einem Manne, welcher sein Wort nicht hält, wird auch der Schwur nichts gelten. Sie meinen, ich solle an meinen Freunden zum Verräter werden, indem ich hinterlistig mit Ihnen davonlaufe. Gelingt es mir, die Kipus zu lesen und die Zeichnungen zu verstehen, Ihnen also den Ort anzugeben, an welchem gesucht werden muß, so erhalte ich dann den wohlverdienten Lohn, den Tod.«

»Sennor!« rief er aus.

»Bemühen Sie sich nicht! Ich kenne Sie. Sie werden sich hüten, mit mir zu teilen. Lassen wir diesen Gegenstand fallen. Ein Gespräch über denselben führt zu keinem Ziele.«

»Wovon aber sollen wir denn da eigentlich sprechen?«

»Nur allein davon, ob Sie sich ergeben wollen oder nicht.« »Also, Sie wollen meine Kipus nicht?«

»Nein, wenigstens von Ihnen nicht.«

Da lachte er halblaut vor sich hin und sagte:

»Sennor, jetzt wiederhole ich Ihnen Ihre eigenen Worte: Machen Sie mir nichts weis! Sie sind ganz des Teufels auf diese geheimnisvollen Schnüre, denn nur um ihretwillen sind Sie mir durch dick und dünn bis hierher gefolgt. Und das beruhigt mich, denn dieser Ihrer Gier werde ich mein Leben und sogar auch meine Freiheit zu verdanken haben.«

»Sie bauen Luftschlösser!«


- 529 -

»Gewiß nicht. Wenn Sie mich ermorden, stirbt mein Geheimnis mit mir, und das können Sie nicht wollen. Aus diesem Grunde sind Sie gezwungen, mich gegen Gomarra und Pena, welche die schlimmsten sind, in Schutz zu nehmen.«

»Ihre Berechnung ist falsch. Gomarra hat wegen seines ermordeten Bruders mit Ihnen abzurechnen, und ich fühle weder die Lust, noch die Verpflichtung, ihm hinderlich zu sein.«

»So müssen Sie also auf die Kipus und die an ihnen hängenden Schätze verzichten!«

»Auch hierin täuschen Sie sich. Ich werde die Kipus von Ihnen erhalten.«

»Oho! Werde mich hüten, Ihnen zu sagen, wo sie sich befinden!«

»Das weiß ich; aber ich werde es dennoch erfahren.«

»Durch wen denn? Niemand außer mir weiß, wo sie sind.«

»Gomarra kennt den Ort genau, an welchem Sie die Flasche vergraben haben.«

»Sie halten mich für sehr dumm. Die Flasche habe ich weggeholt und anderswo versteckt.«

»Das kann ich mir leicht denken. Sie haben eine ganze Nacht gebraucht, um das Versteck zu ändern.«

»Wer sagte Ihnen das?« fragte er erstaunt.

»Das ist Nebensache.«

»Nun, ich brauche es nicht zu erfahren. Aber wenn ich eine ganze Nacht gebraucht habe, um ein anderes und besseres Versteck zu suchen, so müssen Sie sich doch sagen, daß es sehr schwer zu finden sein wird.«

»Höchst wahrscheinlich sogar sehr leicht. Gerade weil Sie die Nacht dazu genommen haben, ist es Ihnen nicht möglich gewesen, Ihre Spuren zu verbergen. Ich


- 530 -

lasse mich von Gomarra an die betreffende Stelle führen und hoffe sehr zuversichtlich, daß ich Ihre Fährte finde, welche mich zum neuen Verstecke führen wird.«

»Da hoffen Sie freilich viel zu viel, Sie personifizierter Scharfsinn Sie!« rief er höhnisch aus.

»Lachen Sie immerhin!« antwortete ich gelassen. »Ich habe noch ganz andere Dinge zustande gebracht.«

»Was denn?«

»Habe ich nicht meine Gefährten befreit? Wie konnte ich wissen, wo sie sich befanden?«

»Ja, in dieser Beziehung sind Sie ein Teufel. Wagt dieser Mensch sich ganz allein nach der Laguna de Bambu, um die Gefangenen zu holen!«

»Nun, so ganz allein war ich nicht. Ich hatte die Tobas bei mir.«

»Diese Hunde! Dachte es mir, als ich sie heute bei Ihnen sah!«

»Diese waren es nicht, denn sie haben wir erst hier getroffen. Es waren die Tobas des alten Desierto.«

»Unmöglich!« rief er aus, wobei ich sah, wie sehr er erschrak.

»Herr,« lachte ich ihn an, »Jedes Kind konnte sich denken, daß wir von der Laguna de Carapa aus nach der Laguna de Bambu gehen würden. Und Sie sind doch wohl scharfsinniger als ein Kind, dessen ich mich als Beispiel bediene, weil Sie soeben dasselbe thaten.«

»Was konnte ich denn wissen? Ich war nicht dabei.«

»Nicht? Sie lügen. Ich habe Sie gesehen, und wenn nicht eine unverzeihliche Nachlässigkeit vorgekommen wäre, so hätten Sie uns nicht entkommen können. Wollen Sie etwa auch das leugnen, daß Sie des Nachts, als wir das Lager umzingelt hielten, mir nach dem Leben getrachtet haben?«


- 531 -

»Zum Henker!« knirschte er hervor. »Mit Ihnen ist wirklich nichts anzufangen.«

»Wenigstens Sie werden nichts fertig bringen. Sie wollten mich töten, und nun soll ich mich mit Ihnen verbinden und Ihnen mein volles Vertrauen schenken!«

»Ich habe Sie mir stets erhalten wollen, schoß aber in jener Nacht auf Sie, weil ich glaubte, daß die Tobas nichts machen könnten, wenn nur erst Sie tot seien.«

»Das ändert nichts an meinem Entschlusse. Fassen Sie sich kurz! Ergeben Sie sich?«

»Nein.«

»So sind Sie verloren. Liefern Sie sich aber freiwillig aus und geben Sie mir die Kipus, so werde ich nach Kräften auf Gomarra einzuwirken versuchen, um ihn zum Verzicht auf seine Rache zu bewegen.«

»Fällt mir nicht ein! Die Kipus sind das einzige Mittel, welches mir das Leben retten kann.«

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Ja.«

»So sind wir fertig. Gehen Sie!«

ich drehte mich um.

»Sennor,« rief er mir zu, »ich sage Ihnen, daß wir uns bis auf den letzten Mann wehren werden!«

»Immerzu!«

Ich kehrte zu den Meinigen und er zu den Chiriguanos zurück. Pena fragte, was er mir für Vorschläge gemacht habe, und ich berichtete ihm die Wahrheit. Es war gar kein Zweifel an unserem Siege zu hegen. Die Tobas und wir Weißen hielten die Gewehre schußbereit, um sofort abzudrücken, falls auch nur ein einziger Feind seinen Bogen gegen uns anlegen werde. Aber das geschah nicht. Der Sendador war in dem dichten Haufen der Roten verschwunden, und wir ersahen aus ihren lebhaften


- 532 -

Gestikulationen, daß mit großem Eifer verhandelt wurde. Dann sandte man uns abermals den Unterhändler, welcher die bereits erwähnte Fahne trug.

»Sennor,« meldete er, »der Häuptling wünscht noch einmal mit Ihnen zu sprechen.«

»Er mag kommen; aber es ist das letzte Mal!«

Der Rote kehrte zurück, und dann kam der Anführer langsam auf uns zugeschritten. Vor mir blieb er halten und fragte:

»Habt ihr es wirklich nur auf den Sendador abgesehen?«

»Ja,« antwortete ich. »Auf euch nicht.«

»Wenn wir ihn euch übergeben, dürfen wir in unsere Heimat zurückkehren?«

»Das dürft ihr. Freilich müssen wir vorsichtig sein. Ihr werdet uns die Waffen ausliefern müssen und erhaltet sie aber zurück, wenn wir uns von euch trennen.«

»Gut! Ihr sollt den Sendador haben!«

»Aber lebendig!«

»Natürlich, und unsere Waffen dazu! Er will, daß wir uns für ihn von euch niederschießen lassen sollen. Er ist unser Verbündeter, und wir würden ihn verteidigen, wenn wir nur den geringsten Erfolg erwarten könnten. Da ich dagegen war, raste er vor Zorn und beleidigte mich mit Worten, welche den besten Freund zum Feinde machen. Wartet nur wenige Augenblicke, so werden wir ihn bringen!«

Er entfernte sich wieder. Als er die Seinen erreichte und im Kreise derselben verschwand, bemerkten wir ein kurzes Durcheinander und hörten die fluchende, schreiende Stimme des Sendador. Dann öffnete sich der Knäuel, und der Häuptling erschien wieder, gefolgt von vier Kriegern, welche den an den Händen gefesselten Sendador geführt brachten.


- 533 -

»Da nehmt ihn hin,« rief uns der erstere schon von weitem entgegen. »Ich habe Wort gehalten und mag mit ihm nichts mehr zu thun haben. Meine Leute sind einverstanden. Ich hoffe, daß ihr nun auch euer Versprechen erfüllen werdet!«

Während dieser Worte waren die sechs Männer herangekommen. Nie hatte ich ein so grimmiges, von Wut verzerrtes Gesicht gesehen, wie dasjenige des Sendador.

»Ja, hier habt ihr mich!« zischte er mich an. »Die Hunde sind mir untreu geworden; sie hätten mich wohl nicht überwältigt, wenn Sie mir nicht den Arm zerschossen hätten! Das ist auch eins Ihrer Kunststücke, welche Ihnen der Teufel einst lohnen wird. Nun ist geschehen, was Sie wollten; ich befinde mich in Ihrer Gewalt; aber erreicht haben Sie Ihren Zweck noch lange nicht!«

Ich hielt es für unnötig, ihm eine Antwort zu geben, und wendete meine Aufmerksamkeit zunächst den Chiriguanos zu, welche entwaffnet werden mußten. Sie lieferten ihre Messer, Bogen, Pfeile und Lanzen ab; der Häuptling gab seine Flinte her, und dann zogen wir durch den Hohlweg hinauf zur Felsenplatte, wo sich die Pferde der Feinde befanden. Diese letzteren wurden in eine Ecke gewiesen, die von einer Reihe bewaffneter Tobas eingeschlossen ward.

Von hier oben hatten wir eine weite Aussicht auf den Salzsee. Der Häuptling sagte mir, wo sich die noch ausstehenden Posten befanden, meinte jedoch dann, als ich ihm wiederholte, daß wir die vier gefangenen Wärter freigelassen hätten:

»Die werden zu den andern gelaufen sein und sie benachrichtigt haben. Nun stecken sie alle irgendwo in der Nähe, um zu erfahren, was hier geschehen ist und


- 534 -

noch geschehen wird, dann werden sie sich freiwillig zu uns finden. Was werdet ihr mit dem Sendador nun thun? Ihn töten?«

»Ich fürchte, daß er nicht zu retten sein wird.«

»Immerhin! Er hat mich einen Feigling genannt, wofür ich mir sein Blut nehmen muß. Laßt ihr ihn am Leben, so fällt er in meine Hände!«

Das war eine neue Verschlimmerung der Aussichten des Sendador, der sich jetzt so zu beherrschen wußte, daß er ganz fröhlich dreinschaute. Das ärgerte Pena und noch mehr Gomarra. Dieser letztere kam zu mir und sagte in zornigem Tone:

»Sehen Sie sich den Halunken an! Macht er nicht ein Gesicht, als ob wir seine Gefangenen seien und nicht er der unserige? Endlich befindet er sich wieder in unserer Gewalt, und diesesmal soll er mir nicht wieder entkommen. Oder haben Sie etwa abermals die Absicht, einen heimlichen Pakt mit ihm zu machen?«

»Nein.«

»Also gehört er mir?«

»Noch nicht.«

»Ich habe das erste und größte Recht der Rache!«

»Das gebe ich zu. Aber er ist unser aller Gefangener und ein jeder hat mit zu bestimmen. Wir wollen die Kipus haben. Was dann geschehen soll, das werden wir jetzt beraten.«

»Der Henker hole Ihre Beratung! Er gehört mir; er ist mein, und damit basta!«

Das klang so drohend und leidenschaftlich, daß ich antwortete:

»Keine Dummheit! Wer sich an ihm vergreift, ohne daß ich es ihm erlaubt habe, dem jage ich eine Kugel durch den Kopf.«


- 535 -

»Auch das noch! Sehen Sie dort das Kreuz? Da modern die Gebeine meines ermordeten Bruders. Soll diese That nicht ihre Strafe finden?«

»Sie soll es, aber in der gehörigen Weise. Der Thäter soll bestraft, aber nicht ermordet werden, verstanden?«

»Ich handle nach den Gesetzen der freien Pampa!«

»Ich auch. Verbietet dieses Gesetz etwa, daß verständige Männer über eine geschehene That zu Gericht sitzen?«

»Nein; aber ich kenne diese Gerichte, und ich kenne euch, besonders Sie. Wenn es auf Sie ankäme, so ließen Sie den Schuft frei und gäben ihm sogar noch ein Pferd, Waffen und Proviant mit auf den Weg.«

»Die Beratung soll sofort stattfinden; da wird es sich zeigen, was ich sage.«

»Ich stimme für den augenblicklichen Tod.«

»Du hast gar nicht mitzustimmen.«

»Ich nicht?« fragte er erstaunt.

»Nein, denn du bist der Ankläger und hast dich zur Seite zu halten und nur dann zu antworten, wenn du gefragt wirst.«

»Sennor, das dulde ich nicht!«

»Schweig'! Ich frage wahrlich nicht darnach, was dir gefällig ist. Wir werden beschließen, und du hast dich zu fügen. Zügle deine Leidenschaft, denn ich werde unserm Beschlusse Nachdruck zu geben wissen.«

»Und ich meinem Willen auch!«

Mit dieser Drohung wendete er sich ab und setzte sich in einiger Entfernung auf den Boden nieder. Darauf traten wir Weißen zusammen, um über das Schicksal des Sendador zu entscheiden. Nur der Bruder und ich waren dafür, ihn mitzunehmen und der Obrigkeit zu übergeben;


- 536 -

die andern stimmten dagegen und betonten ganz besonders die möglichen Zwischenfälle, durch welche der Verbrecher uns entrissen werden konnte. Kein einziger war für die Begnadigung desselben. Alle aber waren darin überein, daß wir die Kipus haben müßten.

Als die Beratung zu Ende war, erhielt ich den Auftrag, das Resultat derselben dem Sendador und Gomarra mitzuteilen. Wir umringten den ersteren und riefen den letztern herbei. Der Sendador schaute sehr hoffnungsvoll drein. Er deutete es jedenfalls für einen guten Umstand, daß wir nicht nach der Meinung Gomarras, seines größten Feindes, gefragt hatten.

»Nun,« lachte er mir entgegen, »sind die Herren Richter fertig? Was haben sie beschlossen?«

»Lachen Sie nicht! Ihre Lage ist sehr ernst,« antwortete ich ihm. »Sie haben den Tod vieler Menschen verschuldet, und da das Gesetz der Pampa gebietet, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, so wird man kurzen Prozeß machen und Ihnen eine Kugel geben.«

Er entfärbte sich, stand von der Erde auf und rief aus:

»Eine Kugel? Wann?«

»Jetzt gleich.«

»Alle Wetter! Warum so schnell?«

»Weil Sie nicht verdienen, auch nur eine Minute länger zu

leben.«

»Aber - aber - aber,« stotterte er erschrocken, »dann sind die Kipus für Sie verloren!«

»Auf welche Sie Ihre einzige und dabei so große Hoffnung gesetzt haben! Nun, ich gestehe, daß wir auf unser Verlangen freilich nicht verzichten, und stelle Ihnen folgende Bedingung: Liefern Sie uns die Kipus und die Pläne aus, so unterbleibt die Exekution!«


- 537 -

»Und ich werde frei?« fragte er, wieder aufatmend.

»Nein, denn so weit können wir nicht gehen, da dies eine Ungerechtigkeit gegen Gomarra wäre. Sehen Sie dort das Grab seines Bruders? In solcher Nähe des Thatortes können wir ihm nicht zumuten, sich einem Beschlusse zu unterwerfen, welcher Sie straffrei entkommen läßt. Antworten Sie uns die erwähnten Gegenstände aus, so lassen wir Sie allerdings laufen, aber ohne jede Waffe und ohne allen Proviant. Nach einer Viertelstunde kann Gomarra Ihnen folgen. Das übrige ist dann eure Sache.«

»Das ist der sichere Tod! Wie kann ich ohne Proviant entkommen und ohne Waffen mich gegen ihn wehren?«

»Wir beabsichtigen auch gar nicht, Ihnen die Mittel zu bieten, sich zur Wehre setzen zu können. Das wäre ja eine Belohnung Ihres Verbrechens.«

»Die Belohnung ist auch ohnedies schon da,« fiel Gomarra grimmig ein. »Ich habe geahnt, daß es so kommen werde! Ihn laufen lassen, und dann erst nach einer Viertelstunde ich hinter ihm drein! Wie soll ich ihn, der hier alle Schliche kennt, dann einholen? Er wird vom ersten besten Indianer, der ihm begegnet, Waffen erhalten, denn alle kennen ihn. Nein, damit bin ich nicht einverstanden!«

»Ich ebensowenig!« rief der Sendador. »Mein Arm ist zerschossen, und das Wundfieber würde mich nach kurzer Zeit niederwerfen. Dafür, daß ich die Kipus und die Pläne ausantworte, muß ich wirklich eine Möglichkeit und nicht nur den Schein einer solchen zum Entkommen haben.«

»Es bleibt bei unserm Beschlusse. Weder Sie, noch Gomarra können etwas daran ändern. Auch liegt es nicht in unserer Absicht, Ihnen eine lange Bedenkzeit zu geben.«


- 538 -

»Ich verlange nur eine Stunde Zeit zum Überlegen, und während derselben kann ich ordentlich verbunden werden.«

»Das gewähre ich Ihnen, aber dann nicht einen Augenblick länger.«

»Und wenn ich auf Ihren Vorschlag eingehe und Sie finden die Schätze, wer erhält dieselben?«

»Derjenige, dem sie gehören. Wahrscheinlich beabsichtigte der ermordete Padre, diese Gegenstände seinem Kloster in Tucuman zu bringen. Wir werden die nötigen Erörterungen anstellen. Läßt sich dann nichts über den Eigentümer entscheiden, so werden wir uns nach den Fundgesetzen derjenigen Provinz richten, zu welcher die betreffende Gegend gehört.«

»Also ich erhalte nichts - gar nichts?«

»Nein. Sie haben die Wahl zwischen dem Tode durch die Kugel und der Möglichkeit, Gomarra zu entkommen. In einer Stunde sagen Sie uns Ihre Antwort.«

»Ich wollte, Sie säßen hier an meiner Stelle, und ich befände mich in Ihrer Haut!«

»Das glaube ich, ist aber glücklicherweise nicht gut möglich.«

Da er an den Händen gebunden und sein rechter Arm schwer verwundet war, so brauchten wir seinerseits keine Gewaltthätigkeit zu befürchten, gaben ihm aber doch zwei Tobas bei, welche kein Auge von ihm lassen sollten.

»Er kann nichts thun und auch nicht fliehen,« meinte der Bruder Jaguar. »Noch schärfer als auf ihn müssen wir auf Gomarra aufpassen.«

»Das ist wahr,« antwortete Pena, »denn er ist im stande und übt auf eigene Faust Rache, was ich ihm übrigens gar nicht verdenken kann.«

»Daran werde ich ihn auf gute Weise hindern,« bemerkte ich. »Ich nehme ihn mit hinab zum See.«


- 539 -

»Jetzt?« fragte Pena.

»Ja. Auch Sie und der Bruder können mit, da es möglich ist, daß ich Ihrer Hilfe, Ihres Rates, Ihrer Augen und Ihres Nachdenkens bedarf. Gomarra soll uns nämlich die Stelle zeigen, an welcher die Flasche bisher vergraben gewesen ist. Vielleicht gelingt es uns, eine Spur zu entdecken, welche uns nach dem Orte führt, an welchem der Sendador sie von neuem versteckt hat.«

»Das wäre freilich gut; das wäre vortrefflich!«

»Natürlich. Sieht der Sendador, daß wir die Kipus haben, so wird er geneigter als jetzt sein, uns auch die Pläne auszuantworten. Übrigens müssen wir seine Taschen durchsuchen, denn es ist möglich, daß er diese Gegenstände bei sich hat.«

Die Durchsuchung wurde sofort vorgenommen, doch war sie erfolglos. Als wir alle seine Taschen vergeblich durchstöbert hatten, sagte er unter höhnischem Lachen:

»Wie klug die Sennores sind! Nur ich allein bin der Dumme und schleppe alles mit mir herum! Nun ist mir nicht mehr bange um mich. Sie wollen und müssen die Kipus haben, und ich gebe sie nur her, wenn ich meine vollständige Freiheit erhalte.«

Der Mensch war in höchstem Grade zuversichtlich, doch wollte ich mich nicht über seine Dreistigkeit ärgern. Jedenfalls aber wäre es besser gewesen, wenn ich dies gethan hätte, denn dann wäre mir nicht nur sein Hohn mehr aufgefallen, sondern ich hätte seinen Worten eine andere Bedeutung beigelegt und ihn nochmals durchsucht, und zwar genauer als vorher.

Als ich Gomarra aufforderte, uns hinab zum See zu begleiten, folgte er uns sichtlich widerwillig; er hatte also wohl vor, sich eigenmächtig an dem Sendador zu vergreifen.


- 540 -

Wir gingen den bereits beschriebenen Felsenweg hinab, und unten angekommen, bedeutete ich Gomarra, sich der betreffenden Stelle nicht ganz zu nähern, damit nicht etwa vorhandene Spuren verwischt würden. Als wir die Ausmündung des Weges erreichten, wendete er sich nach rechts, ging ein Stück an dem lotrecht aufsteigenden Felsen hin, blieb dann stehen, deutete vorwärts und sagte.

»Sehen Sie den Kriechkaktus aus der Erde ragen und sich an das Gestein schmiegen? Nur zwei kleine Schritte weiter war die Stelle. Darf ich hin?«

»Ja, aber ich gehe voran.«

ich schritt nur Zoll um Zoll vorwärts, damit mir nicht das geringste, was als Hindeutung zu nehmen war, entgehen könne. Die Stelle, an welcher die Flasche in der Erde gesteckt hatte, war aufgewühlt worden; das sah ich deutlich. Und daneben hatte jemand im Sande gesessen, und zwar längere Zeit; er hatte sich dabei oft von einer Seite nach der andern und infolgedessen eine leicht wahrnehmbare flache und glatte Vertiefung ausgedreht. Im Halbkreise um diese Stelle war der Boden wie mit den Stiefelabsätzen aufgewühlt. Das war alles, was man jetzt noch zu sehen vermochte.

Nun galt es, zu erfahren, wohin der Sendador sich von hier aus gewendet hatte. Aber das war schwer, da zwischen jetzt und der Stunde, in welcher die Spuren entstanden waren, eine zu lange Zeit lag. Dazu führte unsere eigene Fährte, welche wir bei unserer Ankunft am See gemacht hatten, hier vorüber und bildete eine solche Zahl von Fußeindrücken, daß eine ältere Spur unmöglich zu erkennen war.

Ich blickte aufmerksam nach rechts und nach links. Vor uns lag der See, das Wasser nur zwanzig Schritte von uns entfernt. Er war mit einer dicken Salzkruste


- 541 -

bedeckt gewesen, wie andere Wasser mit Eis zur Winterszeit, und Wind und Wetter hatten diese Decke zerrissen und die Schollen durch- und aufeinander getrieben.

Am Rande einer solchen Scholle lag etwas Dunkles, Kreisrundes. Ich nahm das Fernrohr her und erkannte, als ich durch dasselbe blickte, diesen Gegenstand als den abgebrochenen, konkav nach innen gebogenen Boden einer gläsernen Flasche. Daneben lag ein kleines Häufchen Sand auf der sonst vollständig reinen und blanken Salzscholle.

Ich kehrte mich wieder zu der vorigen Stelle zurück, um nochmals zu suchen, ohne aber etwas zu finden. Dann aber sah ich an der nahen Kaktusstaude einen vielleicht acht oder zehn Zoll langen Zwirnfaden hängen.

Bis jetzt hatte ich kein Wort gesagt, und die andern hatten meinem Thun schweigend zugesehen. Jetzt erklärte ich:

»Wir sind sehr dumm gewesen. Der Sendador hat die Kipus bei sich.«

»Nein«, antwortete Pena. »Ich habe ihn ganz genau untersucht.«

»Und doch hat er sie bei sich! Wir müssen ihn durchsuchen. Was zwischen dem Zeug und dem Futter steckt, das wissen wir nicht.«

»Was soll da stecken! Wie kommen Sie überhaupt auf diese Idee?«

»Hier haben Sie mein Rohr. Betrachten Sie sich den dunkeln, glänzenden Gegenstand auf jener Scholle genau!«

Pena richtete das Fernrohr nach dem angegebenen Punkte und sagte:

»Ich sehe ihn, ganz deutlich, es ist ein Stück Flasche.«

»Was liegt daneben?«

»Sand.«


- 542 -

»Gut, die ganze Flasche ist hinübergeworfen. Sie ist mit Sand gefüllt worden, damit sie im Wasser untergehen solle. Da es aber nachts gewesen ist, so hat der Betreffende nicht eine offene Stelle des Sees, sondern den Rand dieser Scholle getroffen. Die Flasche ist daran zersprungen, der Boden mit einem Teil des Sandes auf der Scholle liegen geblieben, das übrige aber in das Wasser gefallen.«

»Mit Sand gefüllt? Warum diese Vorsicht?«

»Der Betreffende wußte, daß wir kommen würden; darum mußte die Flasche untersinken, damit wir sie nicht sehen könnten. Es ist die Flasche, welche hier vergraben war.«

»Das begreife ich nicht.«

»Ich sehr leicht. Er hat die Flasche weggeworfen, weil er inzwischen erfahren hatte, daß man den Ort und auch die Flasche genau kannte; darum mußte er die Kipus auf eine andere, vorteilhaftere Weise verbergen. Er grub sie aus, füllte die Flasche mit Sand, warf sie in den See und setzte sich dann her, um die Kipus in seinem Anzug zu verstecken. Daß darüber die Nacht vergangen ist, darf gar nicht Wunder nehmen. Nicht jeder ist ein guter Schneider, zumal des Nachts, ohne Licht.«

»Woher wissen Sie denn das vom Nähen?«

»Hier in dieser Vertiefung hat er gesessen, die er durch sein Hin- und Herdrehen ausgehöhlt hat, und die parallel laufenden Eindrücke rühren von seinen Stiefeln her.«

Die beiden betrachteten die Stelle genau und dann meinte Pena, indem er mir beistimmte:

»Ja, hier hat einer gesessen; das kann aber auch nur in der Absicht, sich auszuruhen, gewesen sein. Wie kommen Sie auf die Vermutung, daß der Betreffende geflickt hat?«


- 543 -

»Durch den Vergleich der Umstände und vor allen Dingen durch dieses hier.«

Ich nahm den Faden vom Kaktus und gab ihn Pena.

»Ein Zwirnfaden, ein dunkelblauer, wahrhaftig!« rief dieser. »Eine Rolle gerade solchen Zwirns hatte der Sendador vorhin nebst Nähnadeln im Gürtel!«

»Da haben Sie es. Wir brauchen also nur wieder nach oben zu gehen und mit Gomarra - - - ah, wo ist dieser? Ich sehe ihn ja nicht?«

»Ich auch nicht; er ist fort.«

»Dann schnell nach, und hinauf auf die Höhe! Dieser Kerl hat irgend eine Teufelei vor.«

Ich hatte, nachdem mir Gomarra die Stelle, an welcher die Flasche vergraben gewesen war, gezeigt hatte, nicht weiter auf ihn geachtet. Er war uns entflohen, und da konnte er nur die Absicht gehabt haben, sich in meiner Abwesenheit an den Sendador zu machen. Wir folgten ihm in eiligem Laufe, sahen ihn aber nicht, da der Weg eine weite Krümmung machte. Aber als wir nicht mehr weit von der Felsenplatte entfernt waren, hörten wir einen wahren Höllenlärm vor uns.

»Hund!« hörte ich die Stimme des Sendador brüllen. »Du hast mich nicht zu richten. Warte, bis der Deutsche kommt!«

»Halt, nicht weiter, ihn nicht anrühren!« hörte ich dann die Stimme des Steuermanns. »Sie dürfen ihm nichts thun!«

»Zurück!« ertönte die keuchende Stimme Gomarras. »Zurück, oder ich steche! Mein Messer ist vergiftet!«

»Wetter!« rief der Steuermann erschrocken.

»Ja, Sennor, vergiftet! Und wer mich stört, bekommt es in den Leib. Er soll sterben, augenblicklich, und zwar da, wo er gesündigt hat. Hinab mit ihm!«


- 544 -

Dieser wahnsinnige Gomarra wollte den Sendador von der Platte hinab in die Tiefe stürzen! Wir setzten uns in Galopp, mußten aber leider der Krümmung des Felsenpfades folgen und kamen nicht schnell genug oben an.

Auf dem Felsen herrschte ein ganz unbeschreibliches Getümmel. Alle schrien durcheinander. Als ich aus dem Wege hervorsprang, erblickte ich Gomarra, welcher den Sendador mit einem Arme umfaßt hielt und ihn nach der Kante des Felsens drängte, während er mit der andern Hand, in welcher er das vergiftete Messer hielt, die andern, die ihn hindern wollten, von sich abdrängte. Der Sendador brüllte vor Angst wie ein Stier. Er konnte sich kaum wehren, da ihm die Hände gefesselt waren und ich ihm den Oberarmknochen verletzt hatte.

»Halt!« rief ich, »halt! Gomarra, lassen Sie, sonst schieße ich Sie über den Haufen!«

Er hatte meine Stimme sofort erkannt, drehte sich einen kurzen Augenblick mir zu und antwortete, noch ehe ich mit meinen Worten zu Ende war:

»Der Deutsche! Aber ich thue doch, was ich will! Hinab mit dir, du Hund von einem Mörder!«

Er umklammerte den Sendador mit beiden Armen und drängte ihn schnell der Kante zu, damit ich zu spät kommen möge - noch einen Schritt - noch einen halben - er stieß den Sendador vor die Brust; dieser verlor das Gleichgewicht, schlang aber im letzten Augenblicke seine beiden Beine um diejenigen Gomarra's - ein fürchterlicher Schrei aus dem Munde des einen, ein noch entsetzlicherer aus dem Munde des andern, und beide stürzten aus der schwindelnden Höhe in die Tiefe hinab, gerade als ich nahe genug herangekommen war und die Hände nach Gomarra ausgestreckt hatte.

Ich selbst stand nur zwei Ellen vom Abgrunde ent-


- 545 -

fernt [entfernt]. Nicht die Tiefe desselben, sondern die Scene, welche soeben vor meinen Augen versunken war, machte mich schwindelig. Ich griff mir mit den Händen nach dem Kopfe und machte mit Anwendung aller Willenskraft eine Bewegung rückwärts. Der Schwindel wollte mich hinabziehen; diese Anstrengung hielt mich oben; sie war so bedeutend, daß ich vier oder fünf Schritte weit zurücktaumelte und dann beinahe niedergefallen wäre.

Niemand hatte sehr auf mich geachtet. Jeder war mit sich selbst oder dem ihm Nächststehenden beschäftigt. Keiner getraute es sich, über den scharfen Rand des Abgrundes hinabzublicken, und doch wollten alle die nun unten liegenden Körper sehen. Sie rannten hin und her, gebärdeten sich fast wahnwitzig, stießen alle möglichen Ausrufe des Schreckens und Entsetzens aus und rannten dann in den Hohlweg hinein, um hinab an den See zu gelangen, wo die Leichen der Abgestürzten liegen mußten.

Nur die wenigen Weißen hatten sich leidlich gefaßt und ruhig gezeigt. Wie ein Fels im Meere stand der Steuermann. Er hatte sich nicht von der Stelle bewegt, seit ihm Gomarra mit dem Messer gedroht hatte. Viele rannten an ihn an, ohne ihn aber einen Schritt weit von der Stelle bringen zu können.

»Die beiden Männer müssen einen schrecklichen Anblick bieten,« sagte ich und wollte vor an die Kante treten, um hinabzublicken; der Steuermann aber hielt mich am Arme zurück und bat:

»Bleiben Sie, Herr, bleiben Sie, ich kann es nicht sehen.«

»Sind Sie schwindelig?«

»Niemals gewesen; hier aber kann ich es werden. Der stärkste Großmast ist mir noch zu niedrig; dieser Felsen aber ist entsetzlich. Ich sehe noch jetzt die beiden


- 546 -

vor mir, wie sie über die Kante gingen, und da ward es mir grau und schwarz vor den Augen.«

»Ich will aber sehen, wo sie liegen.«

»Der Fels kann losbröckeln!«

»O nein; der ist zu hart und ohne jeden Riß. Er hat bereits Jahrtausenden widerstanden und wird noch vielen Jahrhunderten trotzen.«

Ich legte mich lang auf den Boden nieder und schob mich nach vorn. Der Felsen war über dreihundert Fuß hoch und stürzte sich senkrecht in den See hinab. Am Rande desselben lag ein dunkler Klumpen. Eben sah ich mehrere Tobas als die ersten aus dem Hohlwege vorkommen und sich diesem Gegenstande nähern. Es war der ganz und gar zerschmetterte Leichnam Gomarras, wie ich später erfuhr.

Die Leute sahen nur diese eine Leiche, aber die andere nicht. Sie suchten, sahen empor und deuteten nun mit erhobenen Händen und laut rufend zum Felsen herauf. Ich schob mich noch weiter vor, so daß nicht nur der Kopf, sondern auch die beiden Achseln über die Kante hinausragten, und sah nun den Gegenstand, nach welchem die Leute von unten deuteten. Es war ein menschlicher Körper, welcher an der scheinbar glatten, nackten Steinwand klebte, als ob er dort angenagelt sei. Es war mir, als ob er sich bewege. Ich schob mich zurück, sprang auf und rief dem Steuermann zu:

»Einer ist an dem Felsen hängen geblieben und lebt noch. Springen Sie hinab und bringen Sie die Leute herauf! Wir müssen ihn retten.«

»Sind Sie des Teufels?«

»Nein. Eilen Sie; rennen Sie! Es liegt Gefahr im Verzuge.«

Ich drehte ihn um und gab ihm einen tüchtigen Stoß


- 547 -

in den breiten Rücken; auf diese Weise einmal in Bewegung gebracht, rannte der Riese wie ein galoppierender Schnellläufer von dannen und in den Hohlweg hinein.

Ausgenommen die Wächter und die gefangenen Chiriguanos war er der einzige gewesen, welcher noch mit mir oben war. Die Hauptsache aber hatte ich vergessen. Darum schob ich mich wieder an den Rand des Felsens und rief denen, die da unten bei der Leiche standen, zu:

»Alle herauf! Lassos, Riemen und Stricke von den Pferden mitbringen.«

Ich sah sie nach den Pferden rennen, welche wir da unten zurückgelassen hatten. Mein Lasso war dreißig Ellen lang und so ausgezeichnet gearbeitet, daß er drei Menschen ohne Gefahr für dieselben tragen konnte; aber er war zu kurz.

Aber die Chiriguanos hatten Riemen und Bolas, sogar einige Lassos, denen ich aber nicht trauen mochte, da ich sie nicht kannte. Bald kamen die Gefährten, und nun entspann sich ein hitziger Streit über das, was gethan werden sollte.

»Es ist der Sendador, der an der Wand hängen geblieben ist,« sagte Turnerstick. »Gomarra liegt unten, ist aber kaum zu erkennen. Warum ruft Ihr nach Riemen, Charley?«

»Weil wir den Sendador heraufholen müssen,« antwortete ich.

»Fällt keinem Menschen ein! Das fehlte noch!« rief Pena aus.

»Fällt sogar einem jeden ein, welcher wirklich Mensch ist!« entgegnete ich. »Er muß herauf; er lebt noch.«

»Unsinn! Wie kann der noch leben? Er ist an irgend etwas hängen geblieben. Das plötzliche Anhalten im Sturze hat ihn ganz gewiß getötet. Und wegen der Leiche


- 548 -

eines solchen Menschen, die doch nur den Geiern verfallen ist, werden wir uns doch nicht extra bemühen oder gar in Lebensgefahr begeben sollen!«

»Sennor Pena hat recht,« meinte der Yerbatero. »Lassen Sie doch hangen, was da hängt! Ich war einst der Freund des Sendador; aber nachdem ich ihn jetzt kennen gelernt habe, möchte ich keine Hand für ihn rühren, selbst wenn er noch lebte.«

»Und da nennen Sie sich einen Christen?«

»Ja, der bin ich, und zwar ein sehr guter! Aber die Seele dieses dreifachen Mörders mag zum Teufel fahren!«

»Sennor Monteso, Sie sind kein Christ, wirklich nicht, und ich möchte fast bedauern, Sie lieb gehabt zu haben. Mögt ihr alle denken, was und wie ihr wollt, ich kenne meine Pflicht. Verhaltet euch möglichst still, damit ich hören kann, und haltet meine Füße fest!«

Ich nahm das Fernrohr in die Hand und kroch wieder bis zum Felsenrande vor. Ich schätzte die Entfernung zwischen mir und dem Verunglückten auf siebzig Fuß. Als ich ihn durch das Fernrohr betrachtete, sah ich, daß er mit dem Rücken an der Wand hing. Es mußte da einen Spalt im Felsen geben, aus welchem ein spitzer Gegenstand ragte, der den Abstürzenden festgehalten hatte. Ich sah ganz deutlich, daß dieser letztere die Beine bewegte, und glaubte auch, wimmernde Laute zu hören.

.Es war gar nicht ungefährlich, sich so weit über die Kante vorzuschieben, daß man hinabzublicken vermochte; darum hatte ich mich an den Füßen festhalten lassen. Nun richtete ich mich wieder auf und gebot, alle vorhandenen Lassos zusammen zu binden.

»Lebt er denn noch?« fragte der Bruder.

»Ja, er bewegt sich.«


- 549 -

»Gott erbarme sich seiner! Wir können ihm nicht helfen.«

»Wir k&ou