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Drittes Kapitel. An der Laguna de Carapa.

Während wir beide so an der Laguna hingingen, war ich überzeugt, daß der >Schwiegersohn< in die ihm gestellte Schlinge laufen werde. Pena schien weniger zuversichtlich zu sein, denn er fragte mit leiser Stimme:

»Meinen Sie, daß er uns wirklich nachkommen wird?«

»Ja.«

»Ich traue doch nicht ganz.«

»Und ich zweifle nicht im mindesten daran.«

»Aber, wenn er kommt, wie heißen wir? Oder wollen wir unsere wirklichen Namen sagen?«

»Nein. Zunächst sagen wir ihm gar keinen Namen. Nach dem, was er von uns gehört hat, wird er es ganz erklärlich finden, wenn wir vorsichtig sind. Ob Sie dann den Ihrigen sagen, kommt darauf an, ob sich unter den Mbocovis einer befindet, der Sie und also auch ihn von früher kennt. Horchen Sie! Er kommt hinter uns her! Sehen Sie sich ja nicht um!«

»Ich höre nichts.«

»Aber ich höre ihn. Gehen wir etwas rascher. Das wird seinen Eifer erhöhen.«

Wir schritten schneller aus, und der Erfolg zeigte sich sogleich, denn hinter uns ertönte eine Stimme:

»Alto ahi - halt!«

Der Ruf war mit unterdrückter Stimme ausgesprochen worden. Wir thaten, als ob wir ihn nicht ver-


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nommen [vernommen] hätten, und gingen weiter. Da rief der Mann nun in lauterem Tone:

»Parar, Sennores - halten Sie doch an! Ich habe mit Ihnen zu sprechen, und Sie laufen, daß ich Ihnen kaum folgen kann!«

Wir fuhren schnell nach ihm herum und machten möglichst erschrockene Gesichter. Ja, der sogenannte Schwiegersohn, der Yerno, war es wirklich. Natürlich zeigten wir ihm Gesichter, denen es nicht anzusehen war, daß wir ihn kannten.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie von uns?« fragte ich in einem Tone, aus welchem er entnehmen mußte, daß ich nicht erwartet hatte, hier jemandem zu begegnen und gar angesprochen zu werden.

»Das werden Sie gleich erfahren,« antwortete er. »Sagen Sie mir zunächst, wer und was Sie sind!«

»Welches Recht besitzen Sie, uns danach zu fragen?«

»Ein Recht nicht, sondern nur eine Veranlassung.«

»Welche denn?«

Er betrachtete uns mit forschendem Blicke, und wir machten ihm Augen, welche möglichst mißtrauisch waren.

»Sehen Sie mich nicht so argwöhnisch an! Ich meine es gut mit Ihnen,« beteuerte er.

»Das kann jeder sagen; wir aber haben keine Lust, Bekanntschaften zu schließen. Sie gehören doch zu den Schuften, denen wir soeben erst entronnen sind!«

»O nein! Meinen Sie etwa, ich sei ein Freund des alten Desierto? Gerade das Gegenteil ist der Fall: Ich bin hier, weil ich nicht zu seinen Freunden zähle.«

»Pah! Das machen Sie uns nicht weis. Bleiben Sie uns vom Leibe! Komm', Kamerad! Ich habe keine Lust, wieder in eine Falle zu laufen!«

Bei diesen Worten nahm ich Pena beim Arme und


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zog ihn mit mir fort. Der Yerno folgte uns, hielt mich zurück und sagte:

»Aber, Mann, so hören Sie doch! Ich befinde mich ganz allein hier. Welche Falle könnte ich Ihnen stellen? Ich versichere Ihnen, daß ich es sehr gut mit Ihnen meine!«

»So! Das ist schön von Ihnen; aber wir wollen von Ihrer Güte leider nichts wissen.«

»Warum? Sehe ich denn wie ein Mensch aus, vor dem man sich zu fürchten hat?«

»Das nicht. Und selbst wenn es der Fall wäre, so sind wir nicht die Leute, welche sich fürchten, sobald es zwei gegen nur einen geht. Aber Sie fragen uns nach unsern Namen und sagen doch nicht, wer Sie sind.«

»Nun, das können Sie sogleich erfahren. Ich heiße - - heiße Diego Arbolo.«

Er hatte gezögert, diesen Namen auszusprechen, und sich dabei suchend umgesehen. Dabei war sein Blick auf einen Baum gefallen, in dessen Nähe wir standen, und erst dann hatte er den Namen Arbolo genannt, welches Wort auf deutsch Baum bedeutet. Es war also klar, daß ihm nicht gleich ein Name eingefallen war, und daß derjenige, welchen er nannte, nicht der seinige war. Er wollte uns aus naheliegenden Gründen nicht wissen lassen, wie er eigentlich heiße.

»Arbolo, so!« antwortete ich. »Und was sind Sie?«

»Cascarillero.«

»Ah, dachte es mir! Also doch ein Kollege des alten Einsiedlers!«

»Aber kein Freund, sondern ein Konkurrent von ihm! Es wird ihm wohl keiner so viel Böses wünschen wie ich!«

»Was das betrifft, so möchte ich es sehr bestreiten.


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Wenigstens haben wir beide sehr genügende Veranlassung, ihm alles, aber nur nichts Gutes zu gönnen.«

»So sind wir also Gesinnungsgenossen!«

»Möglich, daß wir gleiche Gesinnung haben, aber Genossen sind wir nicht. Wir beabsichtigen nicht, hier an diesem Orte Bekanntschaften zu machen. Wir haben das einmal im Gran Chaco gethan, aber nicht wieder. Ein solches Lehrgeld zahlen wir nicht zum zweitenmal. Gehen Sie also, wohin Sie wollen, und lassen Sie auch uns thun, was uns beliebt!«

Ich that wieder, als ob ich fort wollte; er aber hielt mich energisch fest und sagte in ungeduldigem Tone:

»So nehmen Sie doch Verstand an, Sennor! Ich gebe Ihnen mein heiliges Wort, daß ich ein Feind des Desierto und seiner Indianer bin. Ich bin Ihnen nachgegangen, weil ich Ihnen helfen will. Ohne mich können Sie Ihren Vorsatz wohl schwerlich ausführen.«

»Was wissen Sie von unseren Vorsätzen?«

»Sehr viel. Ich kenne sie genau.«

»Oho! Wollen Sie da wohl die Güte haben, uns mitzuteilen, was wir uns vorgenommen haben?«

»Ich habe Sie belauscht. Ich sah den Desierto kommen, der Sie an das Ufer brachte und dann zurückfuhr. Sie befreiten sich mühsam von ihren Banden und sprachen dann miteinander, gerade unter dem Baume, auf welchem ich mich befand.«

»Auf einem Baume haben Sie gesessen? Weshalb, wenn ich fragen darf?«

»Weil ich die Laguna de Carapa beobachten wollte. Ich will das Dorf überfallen.«

»Ueberfallen?« fragte ich, indem ich ein möglichst erstauntes Gesicht machte. »Wie kann ein einzelner Mann ein Indianerdorf überfallen!«


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»Wenn ich das dächte, so wäre ich freilich verrückt. Aber ich bin nicht allein hier.«

»Nicht? Wer ist noch da?« fragte ich, indem ich mich ängstlich umblickte.

»Haben Sie keine Sorge!« lächelte er fast mitleidig. »Diejenigen, von denen ich spreche, sind nicht so nahe, wie Sie zu denken scheinen. Und selbst wenn sie da wären, brauchten Sie keine Angst vor ihnen zu haben; Sie würden vielmehr mit offenen Armen von ihnen aufgenommen werden.«

»Wer ist es?«

»Ich würde diese Frage jedenfalls nicht so schnell und offen beantworten, wenn ich nicht gehört hätte, was Sie miteinander sprachen. Auch habe ich mich mit meinen Augen überzeugt, daß Sie allen Grund besitzen, sich an dem Desierto zu rächen. Darum sage ich Ihnen aufrichtig, daß ich gegenwärtig der Anführer einer Schar von Mbocovis bin, welche sich nicht weit von hier befindet.«

»Mbocovis? Das sind ja wohl Feinde der Tobas?«

»Todfeinde sogar! Sie brauchen also gar nicht zu den Chiriguanos zu gehen, um Unterstützung zu finden, falls Sie sich an dem Desierto rächen wollen.«

»Meinen Sie damit, daß uns die Mbocovis beistehen würden?«

»Es ist wahr. Gehen Sie nur getrost mit mir, um sich zu überzeugen!«

»Wie viele Indianer sind es?«

»Achtundfünfzig.«

»Und weshalb sind Sie mit ihnen nach dieser Laguna gekommen?»

»Um die Tobas zu überfallen.«

»Achtundfünfzig Mbocovis wollen diese Ansiedelung


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überfallen? Meinen Sie denn, daß wir das für möglich halten?«

»Nun, eigentlich haben Sie ein Recht, meine Angabe zu bezweifeln, denn achtundfünfzig Mann reichen unter gewöhnlichen Verhältnissen freilich nicht aus, ein solches Unternehmen zu Ende zu führen. Aber wir wissen, daß die Krieger der Tobas gegen die Chiriguanos fortgezogen sind.«

»Das stimmt. Aber Sie mußten sich doch sagen, daß die Tobas wieder hier sein könnten, wenn Sie eintreffen.«

»In diesem Falle hätten wir gewartet, bis die andern nachkommen.«

»So sind noch andere im Anzuge?«

»Ja, eine große Schar, welche in höchstens drei Tagen eintreffen wird. Wie ich von Ihnen gehört habe, sind die Tobas von den Chiriguanos zurückgeschlagen worden?«

»So ist es.«

»Und die letzteren kommen nun nach der Laguna, um Rache zu nehmen?«

»Ja. Wir haben es gehört. Die Feinde können sehr bald, vielleicht schon morgen da sein.«

»Ah, dann darf ich nicht säumen, sonst kommen sie mir zuvor und nehmen weg, was wir uns holen wollen. Also, wollen Sie mir nun glauben?«

ich antwortete nicht, sondern sah Pena fragend an. Dieser

antwortete an meiner Stelle:

»Man' hört es Ihnen an, daß Sie uns nicht belügen. Wir wollten zu den Chiriguanos, um mit diesen nach der Laguna zurückzukehren; da wir aber Ihre Mbocovis viel näher haben, so wäre ich nicht abgeneigt, Ihnen zu folgen, wenn Sie sich nicht weigern, uns über einen mir unklaren Punkt aufzuhellen.«


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»Welchen Punkt meinen Sie?«

»Wie kommen Sie als Weißer zu den Mbocovis? Wie können Sie sogar der Anführer derselben sein?«

»Weil ich jahrelang in ihrem Gebiete als Cascarillero gearbeitet habe. Ich bin also nicht nur mit ihnen bekannt, sondern der besondere Freund ihres Häuptlings Venenoso. Welchen Grund ich habe, dem alten Desierto feindlich gesinnt zu sein, das gehört jetzt nicht zur Sache; aber ich will ihm verschiedenes heimzahlen, und die Mbocovis sind gern einverstanden gewesen, meine Pläne auszuführen. Mißtrauen Sie mir nun noch immer?«

»Nein; jetzt bin ich befriedigt. Und du?«

Diese letztere Frage war an mich gerichtet; darum antwortete ich:

»Da es der Zufall in dieser Weise fügt, so denke ich, daß wir es versuchen dürfen.«

»Sie dürfen es getrost!« versicherte der Yerno. »Ich wiederhole Ihnen, daß Sie meinen Roten willkommen sein werden. Kommen Sie! Wir haben hier genug Zeit versäumt und können das, was wir noch zu sprechen haben, auch unterwegs bereden.«

»Hm!« brummte Pena vergnügt. »Wer hätte das gedacht! Wir sahen einen langen und beschwerlichen Marsch vor uns und wußten auch nicht, wie die Chiriguanos uns aufnehmen würden. Nun sind wir diese Sorgen los.«

»Freilich sind Sie nun davon befreit. Sie sehen, daß Sie mich zu Ihrem Glücke getroffen haben, und darum denke ich, daß Sie mir dankbar sein werden.«

»Das versteht sich, ja das versteht sich ganz von selbst! Sie können sich auf uns verlassen.«

»Das thue ich allerdings, und ich werde sehr bald sehen, ob ich in der Weise, wie ich es wünsche, auf Ihre


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Erkenntlichkeit rechnen kann. Jetzt ist das Terrain zu schwierig zur Unterhaltung. Folgen Sie mir erst hinaus ins Freie!«

Er führte uns durch den Wald und kam dabei auf die Fährte, welche er bei seiner Herkunft zurückgelassen hatte. Als wir dann den baumlosen Camp erreichten und nebeneinander hergehen konnten, begann er von neuem:

»Nun kennen Sie meinen Namen und auch meine Absichten; jetzt sagen Sie mir, wie Sie heißen.«

»Ich heiße Escoba,« antwortete Pena.

»Und ich Tocaro,« sagte ich. »Wir sind Yerbateros.«

»Wie kommen Sie denn in die Gefangenschaft dieses viejo Desierto? Kannten Sie ihn?«

»Nein,« antwortete Pena. »Wir kamen von den Bergen, wo wir einen außerordentlich glücklichen Fund gemacht hatten, und - -«

»Fund?« unterbrach ihn der Yerno schnell. »So spricht man doch nicht von der Yerba. Sie haben etwas anderes gefunden?«

»Etwas viel besseres! Gold, eine ganze, starke Ader.«

»Alle Wetter! Was Sie sagen!«

»Ja, eine ganze Ader! Wir schlugen uns einen Vorrat heraus und machten das Loch wieder zu, um es später auszubeuten. Unterwegs trafen wir auf eine Schar von Tobas, denen wir uns anschlossen - -«

»Das war dumm! Das war sehr unvorsichtig!«

»Freilich wohl! Wir haben es auch zu bereuen gehabt. Aber wir waren nun einmal froh, Reisegefährten zu bekommen, und da dieselben zum Desierto gehörten, so glaubten wir, nichts befürchten zu dürfen. Wir hatten ihn zwar noch nie gesehen, aber doch so viel von ihm


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gehört, daß wir annehmen konnten, bei seinen Roten sicher zu sein.«

»Welch ein Thor sind Sie!« lachte der Yerno. »Sie meinen, weil er als fromm bekannt ist?«

»Ja.«

»Das sind die Schlimmsten! Doch erzählen Sie weiter!«

»Meine Erzählung wird nicht lang sein. Die Tobas nahmen uns mit nach hier. Der Alte empfing uns sehr freundlich; als er aber hörte, daß wir Gold gefunden hatten, ließ er uns überfallen und einsperren. Er hat uns alles abgenommen, sogar unsere Anzüge.«

»Das ist schändlich! Auch das Gold?«

»Natürlich. Er wollte uns zwingen, ihm zu sagen, wo wir die Ader entdeckt haben.«

»Das thaten Sie doch nicht etwa?«

»Ist uns nicht eingefallen! Wie lange wir eingesperrt waren, wissen wir nicht, denn da es stets dunkel in dem Loche war, konnten wir den Tag nicht von der Nacht unterscheiden. Ein altes Weib war zuweilen bei uns. Von dieser erfuhren wir, was geschah. So wissen wir, daß die Tobas gegen die Chiriguanos gezogen, aber von diesen besiegt und beinahe aufgerieben worden sind. Heute kam ein Bote, dem es gelungen ist, zu entfliehen. Er meldete, daß die Chiriguanos nach der Laguna unterwegs seien, und der Alte ließ sofort das Dorf räumen und alles auf die Inseln schaffen.«

»Das stimmt; ich habe es gesehen. Wie aber kommt es, daß er Sie freigelassen hat?«

»Das fragen wir uns auch. Für ihn war es doch sicherer, uns umzubringen! Vielleicht ist es gerade eine sehr feine List von ihm.«

»Inwiefern?«


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»Wir haben ihm die Goldader nicht verraten. Um den Ort zu erfahren, kann er uns freigelassen haben und einen Mann nachschicken, der uns folgen und heimlich beobachten muß.«

Der Yerno sah sich unwillkürlich um, um nachzuschauen, ob jemand hinter uns herkomme. Dann meinte er:

»Das wird er wohl bleiben lassen, denn er kann keinen Menschen entbehren, da er seine wenigen Leute zur Verteidigung der Insel braucht. Haben Sie ihm gesagt, woher Sie sind und wohin Sie wollten?«

»Ja.«

»So ist es eher möglich, daß er sich vorgenommen hat, einen Mann später dorthin zu senden. Aber dazu soll er nicht kommen, da es heute mit ihm zu Ende geht.«

»Hören Sie, das werden wir uns verbitten, Sennor Arbolo!«

»Warum? Was fällt Ihnen ein? Sie haben doch nicht etwa Ursache, ihn gegen mich in Schutz zu nehmen!«

»Das thue ich auch gar nicht.«

»Aber Sie verbitten sich seinen Tod!«

»Nein, den verbitte ich mir nicht. Ich verlange nur, daß nicht Sie ihn töten. Wir beide sind es, denen er verfallen ist. Wir haben ihm Rache geschworen, und wenn wir uns wirklich mit Ihnen verbinden sollen, so müssen Sie uns versprechen, daß der Alte nur allein uns gehören darf.«

»Das will ich Ihnen gerne zusagen, doch nur unter dem Vorbehalte, daß Sie weiter nichts verlangen, als nur den Alten.«

Jetzt kam der Punkt, den ich längst erwartet hatte. Pena blinzelte mir heimlich zu und antwortete:

»Warum nur ihn allein?«


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»Weil das für Ihre Rache genügt.«

»Das andere alles soll Ihnen zufallen?«

»Ja, mir und meinen Roten.«

»Hm! Sie sind sehr anspruchsvoll!«

»O nein. Bedenken Sie, daß ich, auch wenn ich Sie nicht getroffen hätte, heute -nacht das Dorf überfallen hätte und daß mir dann alles in die Hände gefallen wäre. Und bedenken Sie ferner, daß Sie ohne mich und die Mbocovis Ihre Rache gar nicht ausführen könnten, wenigstens nicht so bald!«

»Mag sein! Aber wenn Sie meinen, daß Ihnen heute nacht alles zugefallen wäre, so befinden Sie sich sehr im Irrtume. Gerade die Hauptsache hätten Sie nicht gefunden, das viele Geld des Alten.«

»Ah! er hat also wirklich so viel?« fragte der Yerno, indem seine Augen gierig zu glänzen begannen.

»Sehr viel. Sie würden es aber doch nicht finden.«

»Wo liegt es denn?«

»Hm! Müssen Sie das wissen?«

»Ja. Das ist die Bedingung, unter welcher Sie den Alten bekommen sollen. Da Sie die Goldader entdeckt haben, brauchen Sie doch wohl kein Geld.«

»Hm!« brummte Pena; dann fragte er mich: »Was sagst du dazu? Ohne dich kann ich natürlich kein Abkommen treffen.«

»Mach', was du willst,« antwortete ich. »Mir ist alles recht, was du thust.«

»Auch daß ich sage, wo das Geld liegt?«

»Ja. Sennor Arbolo hat ganz recht. Wir brauchen das Geld nicht. Wir beuten später die Ader aus. Die Hauptsache ist, daß wir den Alten bekommen, um uns an ihm rächen zu können.«

»Nun, dieser Meinung bin ich auch. Aber ich denke,


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daß wir wenigstens das, was er uns abgenommen hat, zurückverlangen müssen.«

»Das sollen Sie gern bekommen« fiel der Yerno schnell ein.

Während er das versicherte, glitt ein ganz versteckt höhnischer Zug über sein Gesicht. Er war natürlich der Ansicht, daß er diese Goldbrocken einstweilen abtreten könne, weil er später doch wohl die ganze Ader erhalten werde,

»So sind wir einverstanden!« erklärte Pena.

»Gut! Also sagen Sie mir nun auch, wo sich das Geld befindet.«

»Auf der einen Insel. Wenn Sie nämlich vom Ufer des Sees aus - -«

»Halt!« unterbrach ich ihn, da er im Begriff stand, eine unverzeihliche Unvorsichtigkeit zu begehen. »Du beschreibst den Ort noch nicht. Sennor Arbolo soll ihn erfahren, sobald der alte Desierto sich in unsern Händen befindet.«

Der Yerno warf mir einen wütenden Blick zu, den ich nicht sehen sollte, aber doch bemerkte. Er beherrschte sich aber und sagte in ziemlich ruhigem Tone:

»Sennor Tocaro, Sie scheinen Mißtrauen gegen mich zu hegen. Warum soll denn Ihr Freund schweigen?«

»Weil es nicht meine Angewohnheit ist, den Preis auf den Tisch zu legen, bevor ich die Ware wenigstens sehe.«

»Sie sind sehr vorsichtig!«

»Das muß man sein. Sie kennen uns nicht und wir Sie auch nicht. Wir glauben Ihnen alles, was Sie sagen, aber wir sind noch nicht überzeugt, ob Ihre Mbocovis uns wirklich als Freunde behandeln werden. Darum werden wir mit unseren Geheimnissen so lange zurückhalten, bis uns dieser Beweis geliefert worden ist.«


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»Habe nichts dagegen! Sagen Sie mir nur das Eine: Wissen Sie wirklich, wo sich das Geld des Alten befindet?«

»So gewiß, daß wir jeden Schwur darüber ablegen könnten.«

»So bin ich befriedigt, denn ich weiß, daß ich es in der kommenden Nacht erhalten werde.«

»Sie sind also fest entschlossen, den Angriff schon heute zu unternehmen?«

»Ohne allen Zweifel! Ich muß doch sonst gewärtig sein, daß die Chiriguanos mir zuvorkommen.«

»Und wie soll der Angriff geschehen?«

»Das werden wir dann beraten, wenn ich mit meinen Mbocovis gesprochen habe. Jedenfalls werde ich mich dabei auf Ihre Ratschläge verlassen können?«

»Ja.«

»Sie kennen das Dorf?«

»Sehr genau.«

»So bin ich gewiß, daß unser Vorhaben gelingen wird.«

»Wenn die Chiriguanos uns nicht dann die Beute wieder abnehmen.«

»Wir wehren uns!«

»Sie werden Ihren achtundfünfzig Mbocovis überlegen sein!«

»Diesen, ja, aber nicht den Gefährten, welche uns nachfolgen. Wir ziehen uns mit unserer Beute auf diese zurück, und dann mögen die Chiriguanos kommen und versuchen, sie uns abzujagen.«

»Wie stark ist die Schar, welche Sie erwarten?«

»Einige hundert Mann.«

»Unter ihren Häuptlingen?«

»Von ihren Kaziken angeführt, und zwar unter dem Oberbefehle eines Mannes, bei dessen Namen Ihnen so-


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fort [sofort] jeder Zweifel an dem guten Gelingen schwinden wird.«

Ich erriet sofort, wen er meinte, nämlich den Sendador, und mein Herz klopfte mir vor Freude; dennoch fragte ich:

»Wer ist dieser Mann?«

»Geronimo Sabuco.«

Er blickte mich triumphierend an, da er wohl überzeugt sein mochte, daß ich höchst erstaunt oder wohl gar entzückt sein werde. Statt dessen aber fragte ich in sehr gleichgültigem Tone:

»Sabuco? Wer ist das? Sabuco heißen viele Leute.«

»Aber es giebt nur einen einzigen berühmten unter denen, die diesen Namen führen! Haben Sie denn noch nie von dem Sendador gehört?«

»Von dem? Sogar sehr oft.«

»Das ist ja Sabuco!«

»Ah, der Sendador heißt Sabuco? Ja, das muß man doch erst erfahren, bevor man es wissen kann! Also der Sendador bringt die Leute geführt. Warum ist er nicht gleich mit Ihnen gekommen?«

»Weil er nicht da, sondern verreist war. Er hatte ein kleines Geschäft vor, dort in der Nähe von Nuestro Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen. Kennen Sie den Ort?«

»Einmal bin ich dort gewesen.«

»Dorthin sind die Mbocovis ihm entgegen gezogen, und sobald sie ihre Aufgabe dort erfüllt haben, kommen sie hierher. Ist es schneller gegangen, als wir dachten, so sind sie desto eher hier.«

»Was haben sie dort zu thun?«

»Etwas, was Sie nicht sehr interessieren kann. Vielleicht erfahren Sie es später. Ich sprach nur deshalb


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von dem Sendador, um Ihnen die Ueberzeugung zu geben, daß unser Plan unmöglich mißlingen kann, denn wo dieser Mann die Hand im Spiele hat, da kann es nicht fehlschlagen. Nun haben wir das Nötige gesprochen. Wollen schnell gehen, denn es wird Nacht.«

Die Sonne war gesunken, und es begann stark zu dunkeln. Der >Schwiegersohn< verdoppelte seine Schritte, und wir folgten natürlich sehr gern mit derselben Schnelligkeit. Es war schon vollständig Nacht, als er stehen blieb und, mit der Hand vorwärts deutend, sagte:

»Sehen Sie die Stelle vor uns, wo die Finsternis dicker ist als rechts und links davon? Das sind die Büsche, in denen meine Roten versteckt liegen.«

»Warum brennen sie kein Feuer?« fragte ich.

»Aus Vorsicht natürlich. So lange sie nicht wissen, wie es da hinten am See steht, dürfen sie es nicht wagen, da ein Toba zufällig in die Nähe kommen und das Licht sehen könnte. Nun ich ihnen aber die Nachricht bringe, daß so etwas nicht zu befürchten ist, werden sie sich ein Feuer machen. Warten Sie hier!«

»Sie wollen uns allein lassen?«

»Ja, ich muß. Die Leute werden scharf auslugen. Ihre Augen sind an die Finsternis gewöhnt. Sie erwarten nur mich zurück. Wenn sie drei Personen sähen, würden sie uns für Feinde halten und uns mit vergifteten Pfeilen begrüßen. Ich muß Sie also anmelden und werde bald zurückkommen, um Sie zu holen.«

Er ging.

»Schade, daß wir nicht bei ihm sein können!« flüsterte Pena. »Wir könnten da hören, was sie sprechen und beschließen. So aber können sie das Schlimmste über uns bestimmen, ohne daß wir eine Ahnung davon haben.«


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»Schlimmes werden sie allerdings verhandeln; an den Kragen soll es uns sicher gehen; aber sie können es nicht ausführen.«

»Wissen Sie das so gewiß?«

»Ja. Allerdings wenn ich Sie vorhin hätte ausreden lassen, so wären wir verloren gewesen.«

»Ausreden! Wann?«

»Als er nach dem Orte fragte, an welchem der Desierto sein Geld versteckt hat.«

»Da habe ich keinen Fehler gemacht. Ich habe doch nicht von der Felsenwohnung gesprochen?«

»Allerdings nicht. Aber sie wollten ihm einen Ort auf der Insel beschreiben, an welchem das Gesuchte angeblich zu finden sei.«

»Das wäre doch kein Fehler gewesen, denn sie hätten nichts gefunden; sie hätten nicht einmal die Zeit gehabt, nachzusuchen.«

»Aber es wäre um uns geschehen gewesen.«

»Wieso?«

»Das fragen Sie noch? Sehen Sie denn nicht ein, daß dieser sogenannte Sennor Arbolo uns nur deshalb nachgelaufen ist und uns nur deshalb mitgenommen hat, weil wir unter seinem Baume davon sprachen, daß wir wissen, wo die Reichtümer des Alten liegen?«

»Natürlich sehe ich das ein. Er will von uns den Ort erfahren und sie sich dann holen.«

»Nun, und wenn Sie ihm irgend einen Ort sagen und beschreiben, so sind wir dann überflüssig und werden aus dem Leben befördert!«

»Ah! daran dachte ich freilich nicht.«

»So seien Sie von jetzt an vorsichtiger!«

»Keine Sorge! Ich werde nicht ein Wort zu viel sagen. Am besten ist's, ich lasse Sie reden.«


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»Thun Sie das. Und wenn wir beide miteinander sprechen, so nennen Sie mich ja du; wir haben das einmal so angefangen, damit er ja nicht daran zweifeln soll, daß wir so eng verbundene Leidensgefährten sind.«

»Ich werde keinen Fehler machen. Der geringste Verstoß könnte uns verderblich sein. Glauben Sie denn wirklich, daß der Sendador kommt?«

»Ja.«

»Ich nicht. Es erscheint mir unmöglich, daß er eine solche Reise nach Palmar gemacht und zugleich den Zug gegen die Tobas verabredet hat.«

»Warum nicht? Wir können nicht wissen, welche Dispositionen er in seinem Kopfe mit sich herumgetragen hat.«

»Aber was hatte er denn mit den Ariponern zu schaffen, wenn er seine Mbocovis nach dem Kreuze bestellt hatte?«

»Er traf zufällig auf sie, und da er mit ihnen auch befreundet ist, bediente er sich ihrer zur Erreichung seiner Zwecke. Daß sie nicht seine eigentlichen Verbündeten sind, ist dadurch erwiesen, daß sie nachher doch noch mit den Karawanenleuten Freundschaft schlossen, als er von ihnen fort war.«

»So meinen Sie, daß er den Indianer, von welchem er das Messer bekam, nicht zufällig getroffen hat?«

»Ja, das ist meine Ansicht. Die Mbocovis sandten diesen Mann voraus, um am Kreuz zu rekognoscieren, ob der Sendador schon da sei. Beide trafen auf einander. Der Bote kehrte zurück, um die Seinen nach dem Walde zu führen, an welchem wir überfallen werden sollten, und der Sendador heftete seinen Zettel an und machte dann so sichtbare Spuren, um uns sich nachzulocken. Ein eigentlicher Ueberfall war aber wohl nicht


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geplant. Nur dem feindseligen Verhalten dieses Gomarra haben wir das Folgende zu verdanken.«

Wir sprachen noch längere Zeit miteinander, bis der Schwiegersohn sich nahte. Wir hatten bemerkt, daß ein Feuer in den Büschen aufleuchtete. Beim Scheine desselben sahen wir die Gestalt des Yerno auf uns zukommen.

»Pst!« machte er schon von weitem. »Sind Sie noch da? Kommen Sie mit mir!«

Ich war noch selten so gespannt gewesen, wie in diesem Augenblick. Hatte sich der Sendador inzwischen eingefunden, so war ich fest entschlossen, ein Wagnis zu unternehmen, daß er uns in die Hände fiel. Dann war mit ihm für uns alles gewonnen. Glücklicher- oder auch unglücklicherweise fand ich keine Veranlassung, diesen Vorsatz auszuführen, denn der Sendador war nicht zu sehen.

In der Bodensenkung, welche von Sträuchern umgeben war, saßen und lagen die Mbocovis, welche wir bereits gesehen hatten. Keiner rührte sich vom Platze, als wir zu ihnen traten; sie starrten uns an, nicht feindselig und auch nicht freundlich. Diese zur Schau getragene Gleichgültigkeit war kein gutes Zeichen für uns; man ersah aus derselben, daß sie uns Freundlichkeit nicht erzeigen wollten und Feindseligkeit nicht zeigen durften und sollten. Penas Blick flog schnell forschend im Kreise umher; ich wußte, weshalb. Er suchte, ob vielleicht ein ihm bekanntes Gesicht zu sehen sei. Welches Resultat er erreichte, zeigte seine befriedigte Miene und die Ruhe, mit welcher die Roten seinem Blicke begegneten. Hätte einer ihn erkannt, so wäre das sicher durch einen Aufblick oder eine Bewegung der Ueberraschung kundgegeben worden. Daß er klug daran gethan hatte, sich so schnell


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über diesen Punkt zu unterrichten, zeigte sich sofort, denn der Yerno sagte:

»Das sind also meine Mbocovis. Vielleicht können Sie mit denselben sprechen. Versteht einer der Herren ihre Sprache?«

»Nein,« log Pena beherzt.

»Leider kein Wort,« antwortete ich der Wahrheit gemäß.

»Wenn wir uns mit ihnen unterhalten sollen, so werden wir Sie also ersuchen müssen, den Dolmetscher zu machen.«

»Das soll geschehen. Setzen Sie sich hier nieder, und sagen Sie, ob Sie Hunger haben!«

»Wir danken. Wir wurden von dem schon erwähnten alten Weibe gespeist, ehe man uns in das Boot brachte. Aber um eine andere Gabe müssen wir Sie bitten. Sie sehen, daß wir vollständig ohne Waffen sind.«

»Sie brauchen keine, denn Sie befinden sich unter unserem Schutze und Schirme.«

»Aber wir werden doch wohl mitkämpfen sollen?«

»Nein. Wir sind genug Leute und werden so schnell über den Feind kommen, daß er gar keine Zeit zur Gegenwehr findet.«

»Geben Sie Pardon, wenn die Tobas darum bitten?«

»Sie müssen alle sterben. Dann werden sich genug Waffen für Sie finden. Es sind doch jedenfalls auch diejenigen noch da, welche man Ihnen abgenommen hat.«

Auch diese Weigerung war ein Beweis, daß dieser Mann nichts Gutes mit uns plante. Doch fühlte ich mich nicht davon beunruhigt, denn er konnte uns erst dann nach dem Leben trachten, wenn er von uns die Stelle erfahren hatte, an welcher sich das Geld des alten Desierto befand. Und das - - sollte er ja nie erfahren.


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Wir ließen uns an der Stelle nieder, welche er uns angedeutet hatte, nämlich mitten im Kreise und ganz nahe am Feuer, so daß wir ringsum von den Roten umgeben waren. Der Yerno wollte uns so sicher wie möglich haben. Als wir nun saßen, sagte er:

»Eine eigentliche Beratung, an welcher alle teilnehmen, kann es nicht geben, da Sie die Sprache meiner Leute nicht verstehen. Sie werden mir also Ihre Ansichten mitteilen, welche ich dann ihnen bekannt gebe. Sind Sie vielleicht über die Lage, in welcher wir die Tobas finden werden, unterrichtet?«

»Sehr genau sogar. Wir horchten die alte Frau aus, welche sehr redselig war, und als man uns aus dem Loche geholt hatte, dauerte es eine Weile, ehe wir in das Boot gelegt wurden. Inzwischen erteilte der Desierto verschiedene Befehle, welche wir mit angehört haben.«

»Das wäre eine große Unvorsichtigkeit gewesen, wenn ich nicht wüßte, daß er ein sehr kluger und vorsichtiger Mann ist. Daß er die Befehle vor Ihren Ohren gegeben hat, beweist also, daß er Sie für sehr ungefährliche Leute hält. Sie scheinen von nicht sehr kriegerischer Gesinnung zu sein! Jetzt weiß ich, warum Sie sich alles so ruhig abnehmen ließen. Warum haben Sie sich denn nicht gewehrt?«

»Wir wollten wohl,« antwortete ich in selbstbewußtem Tone, »aber als wir schießen wollten, gingen unsere Gewehre nicht los. Mein Freund hier hatte das Zündhütchen vergessen, und bei meiner Flinte war der Hahn eingerostet. Ich gab mir alle Mühe, ihn aufzuziehen, doch wurde ich inzwischen zur Erde gerissen!«

»So, solche Leute sind Sie!« lachte er laut auf. »Nun, dann brauchen Sie überhaupt keine Waffen. Ich


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weiß nun sehr genau, woran ich mit Ihnen bin, und Sie mögen mir sagen, wie es im Dorfe an der Lagune steht!«

Er sprach diese Worte geradezu befehlend aus. Es war klar, daß wir uns seiner Achtung gar nicht zu erfreuen hatten. Ich antwortete:

»Das kann ich ganz genau sagen. Das Dorf ist ausgeräumt worden und ganz verlassen.«

»So ist nichts mehr dort zu holen?«

»Gar nichts mehr. Seit ' der Unglücksbote kam, haben die Tobas aus allen Kräften gearbeitet, um ihr ganzes Eigentum nach den Inseln zu schaffen.«

»Auch die Tiere?«

»Auch diese.«

»Das ist höchst fatal! Wie kommen wir hinüber?«

»Nichts ist leichter als das, denn es hängt ein Boot am Ufer.«

»Das ist unmöglich! Diese Kerle werden doch kein Fahrzeug zurücklassen, damit der Feind sich desselben bedienen kann, um sie zu überfallen?«

»Aus diesem Grunde freilich nicht,« antwortete ich halbklug. »Der Desierto hat einige Späher fortgeschickt, welche das Nahen des Feindes erkunden und dann melden sollen. Für diese hängt das Boot am Ufer, sonst könnten sie ja nicht nach der Insel.«

»Ah, so ist es! Das leuchtet mir ein. Wie aber sind denn die Leute auf den Inseln verteilt?«

»Auf der großen, von welcher aus wir an das Ufer, wo Sie auf dem Baume gesessen haben, gerudert wurden, befinden sich die Männer, auf den andern Inseln die Weiber und Kinder mit den Herden und andern Habseligkeiten.«

»Das ist ja ganz vortrefflich, denn da können wir


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die Männer mit einem einzigen Schlage unschädlich machen! Leider aber laufen wir Gefahr, bemerkt zu werden, und das ist sehr schlimm, da wir nicht alle zugleich hinüber können.«

»Es hat keine Gefahr, Sennor, wenn Sie es klug anfangen. Die Chiriguanos wohnen doch im Westen von hier, folglich kommen sie aus dem Westen. Darum wollen die Tobas auf dem westlichen Teile der Insel lagern, um den Feind möglichst bald zu hören.«

»So! Also auf der andern Seite, wo die Bäume sind, ist niemand?«

»Kein Mensch.«

»So können wir dort landen und uns unter den Bäumen verbergen, bis wir alle beisammen sind.«

»Das ist sehr klug. Daran habe ich gar nicht gedacht. Ja, das ist das Beste, denn unter den Bäumen befinden Sie sich im Freien, wo Sie alles sehen können. Das ist also viel besser, als sich im Bethause versammeln, wie ich dachte.«

»Im Bethause? Die Idee ist nicht übel. Kann man denn in das Haus?«

»Ja, denn es ist kein Schloß, sondern nur ein Riegel oder eine Klinke an der Thüre.«

»Vortrefflich. Unter den Bäumen könnten wir gesehen werden, ehe wir stark genug beisammen sind. In dem Hause aber sieht uns kein Mensch. Ich glaube nun zu wissen, was ich brauche, und werde mit meinen Leuten reden.«

Er wendete sich zu den Roten, denen er eine zusammenhängende Rede hielt. Sie hörten ihm aufmerksam zu und warfen zuweilen verächtliche Blicke auf uns. Er sagte ihnen wohl, daß wir nicht nur Dummköpfe, sondern auch Hasenfüße seien. Dann unterhielt er sich


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einige Zeit mit dem Häuptling allein. Ich verstand natürlich nichts. Aber am Schlusse der Unterredung wurde ein Wort wiederholt, welches mir auffiel; es klang wie Horno. Dieses Wort hatte ich in der spanischen Sprache nicht gefunden. Sollte das deutsche >Horn< gemeint sein, welches im Spanischen cuerno heißt?

Eine auch für mich wichtige Bedeutung hatte das Wort jedenfalls, denn Pena sah mich, als es ausgesprochen wurde, mit einem zwar heimlichen aber bedeutungsvollen Blicke an. Sonst aber saß er mit der gleichgültigsten Miene da, und wer ihn auch noch so scharf beobachtete, konnte doch nicht vermuten, daß er jedes Wort verstand.

Endlich war das Zwiegespräch zu Ende, und der Yerno wendete sich wieder an uns beide:

»Da man in jedem Augenblicke das Eintreffen der Chiriguanos erwarten muß, so ist die Eile nötig. Wir sind also entschlossen, schon jetzt aufzubrechen. Sie gehen in unserer Mitte!«

Die Bande erhob sich. Das Feuer wurde ausgelöscht, und dann traten wir die zweite Hälfte unserer Aufgabe an; die erste war gut gelungen. Daß wir während des Marsches in die Mitte genommen wurden, sah ich nicht als ein Zeichen von Mißtrauen an. Man hielt uns jetzt nicht mehr für Menschen, welche geistig genug begabt sind, um in diesem Falle Argwohn zu erwecken. Da ich Arm in Arm mit Pena ging, so befanden wir uns einander so nahe, daß wir uns zuweilen einige leise, ungehörte Worte zuflüstern konnten.

»Wir sollen ermordet werden!« raunte er mir in deutscher Sprache zu.

»Wann?«

»Wenn das Geld gefunden worden ist.«


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»Und was geschieht mit der Goldmine, die wir entdeckt haben wollen?«

»Das Geheimnis soll uns durch Qualen entlockt werden.«

»Was war es mit dem Horno?«

»Ein Mann, welcher bei den Mbocovis gefangen ist. Man hat von dem Desierto Lösegeld für ihn erpressen wollen, was aber nun natürlich nicht als nötig erscheint.«

»Was sprechen Sie?« fragte der Yerno. »Haben Sie etwa Heimlichkeiten?«

»Wir sollen doch nicht laut reden!« antwortete ich.

»Sprechen Sie gar nicht!«

Um nicht etwa erst jetzt noch Argwohn zu erwecken, trennten wir uns und hielten uns so weit voneinander, daß wir gehört worden wären, wenn wir gesprochen hätten. Von Minute zu Minute trat die Gefährlichkeit unserer Lage deutlicher hervor. Es bedurfte nur einer kleinen Berührung mit einer vergifteten Pfeilspitze, so war es um uns geschehen.

Endlich erreichten wir den Carapawald und das Ufer der Lagune. Es ging jetzt nur sehr langsam vorwärts, da der Yerno so vorsichtig war, sich nicht allein auf meine Aussage zu verlassen, sondern mehrere Späher voranschleichen ließ. Die Leute fanden nichts Verdächtiges und machten erst an dem das Dorf jetzt umgebenden tiefen Wassergraben Halt. Der Yerno fand nichts Verdächtiges darin, daß die Tobas ihr Dorf in dieser Weise vor dem ersten Anprall der Feinde geschützt hatten, sandte aber mehrere Leute über den Damm in das Dorf, um nachzusehen, ob dasselbe wirklich verlassen sei. Als sie zurückkehrten, verstand ich ihre Meldung nicht, erfuhr aber später von Pena, daß sie in mehreren Häusern ge-


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wesen [gewesen] waren und dieselben vollständig leer gefunden hatten. Nun schlichen wir nach der Stelle, an welcher das Boot am Ufer lag. Der >Schwiegersohn< untersuchte dasselbe und meinte dann enttäuscht:

»So klein! Es faßt höchstens sechs Mann. Da müssen wir ja zwölfmal fahren! Sucht nach, ob vielleicht noch ein zweites da ist!«

Auch ich und Pena suchten, natürlich vergeblich. Daß man uns diese Freiheit der Bewegung ließ, war ein Zeichen, daß man uns traute. Inzwischen hatte der Yerno sich mit dem Häuptling beraten. Das Resultat dieser Unterredung erfuhren wir, indem der erstere uns fragte:

»Können Sie rudern?«

»Ja,« antwortete ich, erfreut darüber, daß wir wahrscheinlich gleich mit hinüber sollten.

»Auch gut und gewandt?«

»Ganz unhörbar, wenn es sein muß.«

»So werden wir erst einmal rekognoscieren, ob der Weg, welchen wir einschlagen wollen, auch sicher ist. Aber, was ist denn das? Es ist ja hell da drüben!«

»Der Desierto wird ein Feuer brennen. Man sieht es von hier aus nicht deutlich, da sich Büsche dazwischen befinden.«

»So ist er mehr als dumm. Er verrät ja den Ort, an welchem er sich befindet. Also wir fahren jetzt hinüber. Sie rudern. Ich und der Häuptling begleiten Sie. Geben Sie sich Mühe, kein Geräusch zu verursachen!«

Ich stieg mit Pena ein und löste das Boot. Dann kamen die beiden nach. Sie setzten sich nicht, sondern sie legten sich ausgestreckt in den Kahn. Also das hatten sie sich ausgedacht! Wenn man das Boot drüben ja be-


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merkte [bemerkte], so sollten Pena und ich es sein, welche die vergifteten Pfeile in den Leib bekamen!

Natürlich waren wir dieser Gefahr ganz und gar nicht ausgesetzt. Wir langten auf der dunkeln Seite der Insel an, stiegen aus, banden das Boot an und schlichen uns nach dem Bethause. Die Thüre war leicht zu öffnen, und wir traten ein. Die Tobas hatten sich natürlich unter die Bänke versteckt, so daß der Yerno, als er rund um dieselben längs der Mauern herumschritt, nichts fand. Als er wieder zu uns an die Thüre kam, sagte er leise:

»Es ist kein Mensch da. Sie beide bleiben hier, und zwar mit mir. Ich als Anführer muß mich hier befinden. Der Häuptling fährt allein zurück und kommt, nachdem er seine Leute herübergeschickt hat, erst mit dem letzten Trupp.«

Er gab diese Instruktion dem Indianer, welcher sich dann entfernte. Er selbst trat vor die Thüre und blickte nach dem Feuer.

»Es scheinen auch Frauen dabei zu sein,« sagte er. »Ich möchte einmal zählen, wie viele Personen es sind.«

»Wollen Sie hin?« fragte ich.

»Ja. Ich schleiche mich so weit hinan, wie es möglich ist.«

»Das können Sie bequemer haben. Lassen Sie sich tragen!«

»Tragen? Sind Sie des Teufels? Von wem denn?«

»Von mir.«

»Mensch, Sie sind wirklich vollständig verrückt! Mich tragen zu lassen! Ich möchte wissen - -«

»Weshalb ich Ihnen das rate?« unterbrach ich ihn. »Ich will es Ihnen lieber zeigen als sagen; nämlich so, in dieser Weise - -«

Ich legte ihm die beiden Hände um den Hals und


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zog ihn in das Gebäude. Er strampelte ein wenig und lag dann still auf dem Boden.

»Sind Leute da?« fragte Pena jetzt halblaut. »Wir sind es, die beiden Freunde.«

»Ja, wir sind da,« antwortete es in gebrochenem Spanisch. »Sollen wir kommen?«

»Ja. Bindet und knebelt den Kerl.«

Die Tobas waren im Nu bei uns. Als der Yerno die Riemen und auch den Knebel hatte, hob ich ihn auf und trug ihn nach dem Feuer. Als man dort meine Schritte hörte, wendeten sich mir alle Gesichter zu.

»Hier ist der Yerno,« sagte ich, indem ich den Körper zu Boden warf. »Nehmen Sie ihn in Ihre Mitte. Ich mochte ihn nicht allein im Hause lassen, weil er der Unternehmendste von allen ist und auf den Gedanken kommen könnte, uns durch lautes Schnaufen zu verraten.«

»Aber man sieht Sie doch!« warnte der Desierto.

»Nein; die Büsche decken mich.«

»Wir sind in großer Sorge. Wie geht es?«

»Ausgezeichnet; viel besser, als ich vermuten konnte.

Postieren Sie nun mehrere Leute in das Dunkel. Wir bringen Ihnen die jedesmal Ueberwältigten, da ich es doch für geraten halte, sie nicht im Bethause liegen zu lassen.«

Jetzt kehrte ich schleunigst nach dem letzteren zurück, denn es war die Zeit, in welcher die ersten Fünf kommen mußten. Ein Sechster hatte den Kahn zu rudern und fuhr leer zurück.

Wir standen innerhalb des Hauses im Volldunkel. Die fünf kamen. Der Vorderste von ihnen that eine Frage in seiner Sprache; Pena antwortete und wurde also für den Yerno gehalten. Die Kerle traten ein und fühlten im nächsten Augenblicke unsere Hände um ihre


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Kehlen. Als sie unschädlich gemacht worden waren, wurden sie hinausgetragen zu den Leuten, welchen der Desierto inzwischen befohlen hatte, die Gefangenen zu bewachen. So erging es jedem einzelnen Trupp, und es kam nicht ein einziges Mal vor, daß einer der Mbocovis Mißtrauen gefaßt hätte. Sogar der zu allerletzt ankommende Häuptling kam so getrost zur Thüre herein, als ob er da zu Hause sei.

Die ganze Prozedur hatte ein wenig über eine Stunde gedauert. Als ich dem Desierto meldete, daß das schwierige Werk gelungen sei, wollte er es kaum glauben. Nur als er die Männer mit seinen eigenen Augen liegen sah, kam ihm die Ueberzeugung, daß wir fertig seien.

»Gott sei Dank!« seufzte er erleichtert auf. »Ich habe große Angst ausgestanden, weniger um uns als vielmehr um Sie beide. Wie aber haben Sie das fertig gebracht?«

Pena erzählte es ihm einstweilen in großen Zügen, und ich fügte hinzu:

»Nun meinen Sie aber nicht, daß die Gefahr vorüber sei! Die eigentliche und größere kommt erst noch. Der Sendador ist selbst im Anzuge mit einer noch viel zahlreicheren Schar. Der Yerno sagte es.«

»Dem Himmel sei Dank!«

»Wie! Sie erschrecken nicht?«

»Nein, sondern ich freue mich. Wir werden diesem Menschen das Handwerk legen.«

»Wir sind vielleicht zu schwach dazu.«

»O nein. Nachdem ich gesehen habe, was Sie wagen und fertig bringen, fühle ich mich stark genug. Sennor, ich habe Sie sehr um Verzeihung zu bitten. Ich traute Ihnen beiden nichts Gutes zu; ich beleidigte Sie; ich - -«

»Pah! Sprechen Sie nicht davon!« unterbrach ich


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ihn. »Wir haben zunächst Anderes und Nötigeres zu thun. Senden Sie einige Kundschafter aus, welche die Annäherung des Sendadors erlauschen mögen. Damit aber ist's noch bis gegen morgen Zeit. Jetzt müssen wir vor allen Dingen die Gefangenen in Sicherheit bringen. Giebt es keinen Ort, von welchem sie nicht befreit werden können?«

»Halten Sie sie hier nicht für sicher? Wir haben ja rundum Wasser.«

»Aber nicht genug Leute zur Bewachung, wenn wir gegen den Sendador kämpfen müssen. Auch wissen wir nicht, wie dieser Kampf endet. Bleibt er Sieger, wenn auch nur für kurze Zeit, so befreit er diese Leute.«

»So müssen wir sie auf meinen Felsen schaffen. Es giebt dort Räume, die ich Ihnen noch gar nicht zeigen konnte.«

»Aber wie bringen wir sie hinauf? Sie einzeln am Baume empor tragen, das ist doch unmöglich!«

»Auch gar nicht nötig. Ich bin auch darauf vorbereitet, größere Lasten emporzuschaffen. Zu diesem Zwecke giebt es eine Art Grua (* Krahn.) oben, der mehrere Mann trägt. Aber ich habe mir diese Menschen nur angesehen, und noch mit keinem gesprochen. Wollen wir nicht ein Verhör mit ihnen anstellen?«

»Jetzt nicht. Vor allen Dingen hinauf auf den Felsen mit ihnen! Und damit sie dann nicht wissen, wo sie sich befinden, lassen Sie ihnen die Augen verbinden. Die Knebel wollen wir ihnen jetzt nehmen, denn nun können sie schreien und lärmen wie es ihnen beliebt, ohne daß wir einen Schaden davon haben.«

Der Desierto erteilte die nötigen Befehle. Auf einige laute Rufe kamen die Boote von den anderen Inseln


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herbei; auch die Fähre wurde geholt, mit deren Hilfe die Mbocovis bequemer hinüber nach dem Ufer geschafft werden konnten.

Es herrschte ein unbeschreiblicher Jubel unter den Tobas. Die Gefangenen hatten Schimpfreden anzuhören, wie sie nur ein südlicher Indianer sich auszusinnen vermag. Ich stand von ferne mit Pena, welcher mich fragte:

»Wollen wir nicht auch mal hin zu den Gefangenen?«

»Ich nicht, wenigstens jetzt nicht. Warten wir, bis sie sich oben auf dem Felsen befinden. Ich habe mit dem Yerno ein ernstes Wort zu reden.«

»Worüber?«

»Ueber jenen Horno, von welchem die Rede gewesen ist. Wie lange befindet sich dieser Mann bei den Mbocovis?«

»Davon wurde nicht gesprochen. Es war eben eine flüchtige Erwähnung. Der Häuptling meinte, wenn man den Desierto ausraube, brauche man von ihm kein Lösegeld für Horno zu verlangen und könne diesen nun töten.«

»Mir fällt auf, daß der Desierto das Geld hat zahlen sollen.«

»Vielleicht ist Horno ein Verwandter von ihm.«

»Ich habe eine andere Vermutung. Horno ist ein Deutscher, Namens Horn, und zwar ist er derjenige junge Mann, welcher im Verdachte steht, mit dem Gelde des Desierto davongegangen zu sein.«

»Wetter! Wie kommen Sie auf diese Idee?«

»Auf die leichteste Weise der Welt. ein deutscher Name, der Desierto als Zahler des Lösegeldes; das genügt mir einstweilen. Der junge Mann hat durch den Gran Chaco gemußt, ist überfallen, ausgeplündert und


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gefangen genommen worden. Die Roten dieser Gegend unternehmen doch, wie man allgemein weiß, große und weite Züge, um Menschen zu rauben und dann Lösegelder zu erpressen. Horn hat gesagt, daß der Desierto ihn loskaufen werde; er hat vielleicht gar von dem großen Reichtume des Alten gesprochen, und da haben die Mbocovis, von dem Sendador und dem Yerno veranlaßt, es vorgezogen, sich das ganze Vermögen anstatt nur ein Lösegeld zu holen.«

»Hm! Das klingt ganz einleuchtend. Wir müssen es natürlich sofort dem Desierto mitteilen!«

»Nein! Wir dürfen nicht eine Hoffnung in ihm erwecken, welche vielleicht nicht in Erfüllung geht. Ich frage zunächst den Yerno.«

»Er wird nicht antworten.«

»So löse ich ihm die Zunge mit der Peitsche.«

»Ah, Sie sind doch stets und streng gegen solche Gewaltthätigkeiten gewesen!«

»Mit vollem Rechte. Hier aber ist eine Ausnahme vorhanden. Hat dieser Yerno nicht uns beide morden wollen? Beabsichtigte er nicht, den Tobas den Pardon zu versagen? Und sollen wir einen solchen Halunken schonen, nur damit ein braver Mann länger bei den Mbocovis schmachtet und endlich, wie wir vernommen haben, gar ermordet wird? Nein, der Mann bekommt Prügel nach Zweiunddreißigstel-Noten, wenn er nichts gesteht. Wir nehmen ihn sofort vor, sobald er sich auf dem Felsen befindet.«

»Wir beide allein?«

»Wir beide und zwei Indianer, welche die Peitsche führen.«

»So kommen Sie! Wir sind ja fast die letzten hier auf der Insel.«


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Er hatte recht. Wir kamen gerade noch zur rechten Zeit, um in dem einzigen noch vorhandenen Kahn, welcher sich zur Abfahrt anschickte, notdürftig Platz zu finden. Man hatte uns ganz vergessen, uns, die wir nach Penas Ansicht die Hauptpersonen des heutigen Abends waren.

Das Ufer bot jetzt einen fast feenhaften Anblick. Es waren Fackeln herbeigeschafft worden. Alle Welt war von den Inseln gekommen, um die Gefangenen zu sehen, und alle Welt, weiblich und männlich, trug eine brennende Fackel in der Hand. Man hatte den Mbocovis die Füße freigegeben, daß sie laufen konnten, aber ihre Gesichter oder vielmehr die ganzen Köpfe waren mit Bastmatten umwickelt worden. Sie wurden von den Kriegern geführt. Voran und hinterher schritten die Amazonen mit ihren Waffen, an der Spitze Unica, welche ich für heute abend zum erstenmale sah, da sie auf der Hauptinsel nicht gewesen war. Hinter ihr stieg der Tambour einher, welcher den größtmöglichen Lärm machte. Dann folgten die Dorfbewohner bunt durcheinander, lachend, schreiend, jubelnd. Es war ein wahrer Hexensabbath, bei welchem ich nicht die Gedanken und Gefühle der Gefangenen hätte haben mögen, welche nach dem Brauche des Gran Chaco unbedingt ihr Leben verwirkt hatten.

An der einen Seite des Felsens wurde Halt gemacht. Rufe erschollen von oben, und ein starkes Tau wurde herabgelassen. Man befestigte einen Gefangenen nach dem andern daran, um sie einzeln emporzuwinden. Wohin sie verschwanden, konnte ich nicht sehen, da das Licht der Fackeln nicht so hoch reichte.

Wir beide hielten uns auch jetzt fern und sahen von weitem zu. Dann gingen wir zur Algarobe, um hinaufzuklettern und zu versuchen, ob wir Eingang finden würden. Die Thüre stand offen und wir traten ein.


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Im Vordergrunde brannte ein Talglicht; ebenso fanden wir in jedem Raume, durch welchen wir kamen, eins. Es galt zunächst, uns umzukleiden, was in zwei Minuten geschehen war. Dann gingen wir weiter bis in die große Rinden-Niederlage, wo wir wohl ein Dutzend Indianer und auch den Desierto fanden, welche mit den Gefangenen beschäftigt waren.

Man hatte im hinteren Teile dieses Raumes die Wand von den aufgestapelten Rinden frei gemacht, und da sah ich einen vorher verborgenen Eingang zu einem langen, niedrigen Gewölbe, in welchem ganz regelrecht geböttcherte Fässer lagen. Zwischen diese legte man die Gefangenen nieder, denen man die Füße wieder gebunden hatte.

»Denken Sie, daß sie sicher hier sind?« fragte mich der Desierto mit einer Miene, welche sehr deutlich die Erwartung ausdrückte, daß ich über diese neue Räumlichkeit erstaunen werde.

»Vollständig!« antwortete ich. »Hier holt sie selbst der Sendador nicht heraus.«

»Nein, sondern wir holen ihn herein! Nachdem ich mit dem Boote von dem Ufer, an welches ich Sie beide gebracht hatte, zurückgekehrt war, habe ich sofort zwei Eilboten abgesandt, welche meine von ihrem Zuge zurückkehrenden Krieger zur größten Schnelligkeit ermahnen sollen. Ich hoffe, daß sie eher da sein werden als der Sendador. Dann aber wehe ihm!«

»Und wenn er eher kommt?«

»So greifen wir abermals zur List.«

»Zu welcher?«

»Hm!«

Er blickte sinnend nieder, und sein bisher so zuversichtliches Gesicht nahm einen recht bedenklichen Ausdruck an.


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»Das Brummen bringt uns nicht weiter,« sagte ich. »Mit Hm und wieder Hm fangen wir keinen Sendador.«

»Das weiß ich, Herr, und darum werde ich es Ihnen überlassen, sich einen Plan auszudenken.«

»Jetzt schwerlich. Ich bin im höchsten Grade abgestumpft und ermüdet, wie Sie sich wohl denken können. Ich und Sennor Pena müssen unbedingt schlafen.«

»Ich denke, Sie sollen mir Ihr heutiges Abenteuer noch erzählen, ausführlicher, als es vorhin geschehen konnte!«

»Heben wir das für morgen auf! Wer weiß, was der morgende Tag für Ansprüche an uns macht, und da müssen wir ausgeruht haben.«

»So schlafen Sie! Aber wie nun, wenn der Sendador während der Nacht kommt?«

»Das ist unmöglich. Senden Sie ihm beim Grauen des Tages Kundschafter entgegen!«

»Weiß ich denn die Richtung, aus welcher er kommen wird!«

»Wenn Sie nicht, so weiß ich sie. Er wird sicherlich genau auf der Fährte kommen, welche die Mbocovis gemacht haben; sie mag also Ihren Kundschaftern als Wegweiser dienen. Doch müssen diese Leute barfuß gehen und, sobald sie den Feind erblicken, genau auf ihren eigenen Stapfen umkehren. Dann wird man ihre neue Spur von der alten der Mbocovis nicht unterscheiden können.«

»Wollen wir denn nicht wenigstens die Gefangenen verhören?«

»Sie erfahren nichts von ihnen. Warten wir bis morgen. Wenn Sie ernstlich wünschen, daß wir Ihnen dienlich sein sollen, so gönnen Sie uns die Ruhe!«

»Nun wohl, ich will nicht weiter in Sie dringen und werde Ihnen eine Stube anweisen.«


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»Danke! Wir schlafen im Grase Ihres Gartens, welches für uns das beste und bequemste Lager ist.«

»Aber, Herr, was denken Sie! Zwei Deutsche, welche meine Retter sind, soll ich unter dem freien Himmel im Grase schlafen lassen? Dazu haben Sie bei all den Anstrengungen noch nicht gegessen!«

»Ist nicht notwendig. Wir wollen nur Ruhe, weiter nichts. Für alles übrige ist nach dem Schlafe auch noch Zeit. Vergessen Sie die Kundschafter nicht! Das ist das Einzige, was ich Ihnen einzuschärfen habe, und nun gute Nacht!«

Ich nahm Pena beim Arme und zog ihn mit mir fort. Der Desierto wollte uns folgen, jedenfalls um uns noch weitere freundschaftliche Vorstellungen und Anerbietungen zu machen; ich schob ihn aber zurück. Er war jetzt ein ganz anderer als vorher. Das Starre, Todesähnliche war verschwunden; er hatte Geist, Farbe und Leben bekommen.

Draußen im Garten streckten wir uns im Gras nieder. Unten am Felsen erscholl noch die Trommel; schrille Pfeifen und harte Klappern fielen ein; hundert Stimmen sangen, jede derselben klang anders. Man hätte glauben sollen, daß es ganz unmöglich sei, bei einen solchen Lärme einzuschlafen; aber ich lag kaum auf dem Rasen, so fielen mir die Augen zu, und nur wie im Traume hörte ich eine weibliche Stimme rufen:

»Sennores, wo sind Sie?«

Pena brummte, auch er war bereits im Entschlummern gewesen.

»Sennores, Sennores!« rief es wieder.

»Ah! da sind wohl wir gemeint?« fragte der Gefährte.

»Vermutlich. Es ist Unicas Stimme.«


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Das Mädchen kam näher. Wir wollten uns nicht als Grashüpfer erwischen lassen und antworteten also nicht; aber sie entdeckte uns doch. Pena blieb liegen, als ob er fest schlafe; ich aber setzte mich auf, reichte ihr die Hand entgegen und fragte:

»Sie wollen uns gute Nacht sagen, Sennora?«

»Ja, gute Nacht und Dank.«

»Das erste nehme ich an; das zweite aber nicht.«

»Sie müssen! Sie haben uns gerettet, und doch achtet niemand auf Sie. Der Oheim hat mir gesagt, daß Sie nirgend anderswo schlafen wollen als hier, und ich kann Sie zu keiner Aenderung dieses Entschlusses bringen; aber meinen Dank muß ich Ihnen mit in den Schlummer geben.«

»Wieder Dank! Nun, ich will Ihnen sagen, wie Sie uns noch heute recht herzlich danken können. Nennen Sie uns den Namen, welchen der Oheim verschwiegen wissen wollte.«

»Herr, warum gerade das?«

»Den Grund sage ich Ihnen am Tage. Also bitte, wie hieß jener untreue, undankbare Deutsche?«

Sie zögerte eine Weile, dann erklang es leise:

»Adolf Horn. Aber jetzt Sennor, muß ich fort. Gute Nacht.«

Sie eilte der Thüre zu.

»Halt, Sennora, noch eins!« rief ich ihr nach.

»Ich darf nicht mehr sagen!« antwortete sie zurück. »Gute Nacht!«

»Sie sollen auch nichts sagen, sondern ich will Ihnen was mitteilen.«

Sie blieb stehen.

»Was denn, Sennor?«

»Sennor Adolfo Horno ist vollständig unschuldig.«


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»Adolfo Horno! Sie wissen, wie sein Name hier ausgesprochen wurde! Sie sagen, er sei unschuldig! Himmel! Woher wissen Sie es? Sagen Sie es - schnell, schnell!«

Sie stand schon wieder bei mir.

»Jetzt nicht, Sennora,« antwortete ich. »Ich habe heute gehört, daß dieser brave junge Mann sich unterwegs nach hier befindet, und hoffe, daß Sie ihn recht bald sehen werden.«

»Das sagen Sie in diesem kalten Tone! Sennor, von wem haben Sie es erfahren?«

»Von - von - - aber bitte nun endlich, Sennora, ich muß schlafen!«

»Sie, ja! Aber ich werde nun nicht schlafen können!«

»Das schadet Ihnen nichts, denn Ihr Geist wird sich auch im Wachen mit etwas sehr Angenehmem beschäftigen.«

»Sennor, ich muß gehorchen. Aber wissen Sie vielleicht - -«

»Nun, was?«

»Daß Sie es gar nicht verstehen, mit einer jungen Sennorita umzugehen?«

»Das weiß ich leider schon längst. Und nun bitte, gehen Sie zum Oheim, und sagen Sie ihm, daß er Herrn Horn aus Graz sehr unrecht gethan hätte. Er soll aber ja nicht auch noch kommen, um mich zu fragen. Gute Nacht!«

»Ja, ja, Sie haben recht. Der Onkel muß es sofort erfahren. Gute Nacht!«

Jetzt ging sie in Wahrheit fort.

»Hm!« brummte Pena. »Er ist es also doch!«

»Natürlich! Ich hatte das sichere Gefühl, daß ich mich da nicht irren könne.«


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»Dann Prosit die Mahlzeit, Sennor Yerno! Morgen bricht jedenfalls nicht der schönste Tag deines Lebens an!«

Das dachte ich auch; eine halbe Minute später aber dachte ich überhaupt nichts mehr, denn ich war eingeschlafen. Der reiche Sauerstoff macht, wenn man im Freien schläft, daß man viel eher erwacht und sich mehr gestärkt und erquickt fühlt, als wenn man im Zimmer geschlafen hat. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als ich mir den Tau von der Jacke schüttelte und aufstand. Pena erwachte von dem Geräusch dieser Bewegung und sprang auch auf.

»Guten Morgen! Wieder munter?« grüßte er.

»Gruß zurück! Wie eine Forelle.«

»So kann es also mit dem Yerno losgehen?«

»Ja. Aber vorher wollen wir ein Bad nehmen. Kommen Sie!«

»Dann wecken wir den Desierto auf!«

»Nein. Wir laufen gleich am Krahn hinunter.«

»Wenn Sie das laufen nennen, so möchte ich Sie dann auch einmal klettern sehen!«

Der Krahn stand von gestern abend noch aufgerichtet. Er bildete ein Balkendreieck, von dessen nach außen über die Mauer hinaus gerichteter Spitze das Tau noch hinunter hing. Durch einen ebenso einfachen wie sinnreichen Mechanismus war er sowohl zu bewegen als auch auseinanderzunehmen und wieder zusammenzufügen. Der alte Desierto hatte wirklich hier in dieser Wildnis außerordentlich viel zustande gebracht. Ich kletterte an dem schrägen Balken hinaus bis zum Seile und ließ mich an demselben hinab. Pena folgte mir. Als wir unten angelangt waren, kam ihm ein Bedenken.

»Baden?« sagte er. »Es giebt ja Krokodile massenweise in der Lagune!«


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»Ich sah eine Stelle, wo es gewiß keine giebt. Kommen Sie nur!«

Etwas aufwärts vom Landeplatze war ein Viereck abgedämmt, welches den Indianern jedenfalls als Badebassin diente. Dort erquickten wir uns in dem frischen Wasser und gingen dann ins Dorf, wo alles bis auf einen einzigen Menschen noch zu schlafen schien. Dieser Einzige stand an der Thüre und sah nach dem Wetter aus, gerade wie ein deutscher, civilisierter Spießbürger des Morgens seinen Kopf aus der Thüre steckt, um zu erfahren, ob es Sonnenschein oder Graupelwetter geben werde. Er hatte zu den Männern gehört, welche gestern in dem Bethause postiert waren, und konnte ein wenig spanisch radebrechen. Das war mir lieb. Ich sagte ihm, er solle noch einen kräftigen Kameraden holen und dann mit uns kommen. Er ging, um diesen Befehl auszuführen, und kam bald mit noch einem Indianer. Sie folgten uns, nachdem wir ihnen gesagt hatten, daß wir hinauf auf den Felsen wollten. Da, wo das Seil des Krahnes die Erde berührte, blieb ich stehen und warf Pena einen fragenden Blick zu. Er nickte lächelnd, und so ergriff ich das Tau und turnte mich empor. Pena that dasselbe. Wir riefen den beiden Roten zu, uns zu folgen, und sie gehorchten. Oben angekommen, schwang ich mich auf den schrägen Balken, um nach dem Garten hinüberzurutschen. Pena war hart hinter mir. Da bot sich uns, indem wir abwärts blickten, ein höchst interessantes Bild.

Der erste Rote hatte ziemlich die Hälfte des Seiles, der zweite aber den vierten Teil desselben zurückgelegt. Beide konnten nicht weiter, schämten sich aber, dies einzugestehen. Sie blickten bald zu uns herauf und bald zur Erde nieder, bis den ersten die Kraft verließ. Er


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sauste am Seile nieder und dem zweiten mit solcher Gewalt auf den Kopf, daß dieser sich nun auch nicht zu halten vermochte und beide mit einem höchst erklecklichen Plumps die liebe Mutter Erde begrüßten und noch eine Anzahl Purzelbäume schlugen. Der Indianer ist durchschnittlich ein schlechter Kletterer.

Wir befanden uns schon eine ganze Weile im Garten, als sie dort eintrafen. Sie hatten den gewöhnlichen Weg über die Algarobe eingeschlagen und den einen Diener des Alten wach gefunden. Nun kamen sie mit ihm herangehinkt, daß es eine Lust und Freude war.

Auf meine Frage erfuhr ich, daß der Desierto erst mit Tagesanbruch zur Ruhe gegangen sei, nachdem er die Kundschafter instruiert und fortgesandt habe. Dann verlangte ich, man solle uns den Yerno heraus in den Garten holen.

Die drei brachten ihn geführt, nachdem sie ihm die Beinriemen gelöst hatten. Er sah ganz übernächtig aus, was kein Wunder war, da er jedenfalls nicht eine Minute geschlafen hatte, und machte ein ganz unbeschreibliches Gesicht, als er uns erkannte. Welches Spiel wir mit ihm getrieben hatten, darüber war er sich nun wohl klar, aber daß wir heute andere und weit bessere Anzüge trugen als gestern, das schien er nicht begreifen und erklären zu können.

»Buenos dias, Sennor!« grüßte ich ihn. »Wie haben Sie geschlafen?«

Sein dunkles, unstätes Auge warf mir einen Blick unsagbaren Grimmes zu; dann antwortete er mit fast knirschender Stimme:

»Schuft! Sogar der Teufel wird dich einst verschmähen!«

»Was mir sehr lieb sein kann! Doch bevor Sie den


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Mund noch einmal öffnen, will ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich gern höflich bin und mich ebenso gern höflich behandeln lasse. Um Ihretwillen hoffe ich, Sie haben eingesehen, daß Sie es weder mit Hasenfüßen noch mit Dummköpfen zu thun haben. Ihre Klugheit und Logik ist gräßlich an unserm schlichten Verstande zu Grunde gegangen, und so ist es Ihnen wohl anzuraten, sich eines besseren Tones zu bedienen. Jetzt werden Sie mir sagen, wie Sie heißen!«

»Ich habe es Ihnen gestern gesagt.«

»Sie heißen nicht Arbolo.«

»Ich habe es gesagt und folglich heiße ich so. Ich bin kein Lügner, wie ihr beide.«

Wenn er der Ansicht gewesen war, daß wir uns auch diese dritte Grobheit gefallen lassen würden, so hatte er sich sehr geirrt. Wir beide waren zwar um unsere Pferde, nicht aber um die Peitschen gekommen, die an unsern Gürteln hingen. Ich griff nach der meinigen, um den Buben zu züchtigen, da aber flog ihm schon diejenige Penas über das Gesicht, daß der Getroffene fast hintenüber gestürzt wäre.

»Da hast du die Antwort, Schurke!« sagte Pena in aller Ruhe. »Ein Raubmörder, wie du bist, bekommt für jede freche Antwort einen solchen Hieb. Das merke dir. Ich bin Pena, der deutsche Cascarillero. Vielleicht kennst du meinen Namen.«

»Pena!« entfuhr es dem Yerno. Er war erschrocken, faßte sich aber schnell und fuhr fort: »Ich kenne weder Sie, noch Ihren Namen. Wer Sie sind, ist mir sehr gleichgültig!«

»Sie werden nicht ewig gleichgültig bleiben,« antwortete ich ihm. »Sie wollten die Tobas überfallen und ohne Gnade niedermetzeln. Sie wollten mich und Pena töten und - -«


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»Wer hat das gesagt?« unterbrach er mich.

»Sie selbst. Sie sind nicht der einzige Weiße, welcher die Sprache der Mbocovis versteht! Wir kennen jedes Wort, welches gestern gesprochen wurde. Wir haben Sie auch nicht etwa gestern zum erstenmale gesehen, sondern wir beide belauschten Sie und sind Ihnen vorausgeeilt, um dem viejo Desierto Ihre Ankunft zu melden.«

Er stieß einen zischenden Pfiff aus, sagte aber nichts.

»Und ebenso haben wir ihn von der zu erwartenden Ankunft Ihres Schwiegervaters benachrichtigt,« fuhr ich fort.

»Schwiegervater?« fragte er. »Soll ich etwa einen haben?«

»Natürlich, den Sendador.«

»Ich bin ja unverheiratet!«

»Und werden von den Mbocovis doch nur Yerno genannt? Machen Sie sich nicht lächerlich. Doch, das sind Nebensachen. Ich habe Sie aus einem andern Grunde zu mir kommen lassen. Sie kennen einen jungen Mann, welcher Adolfo Horno heißt?«

Er zuckte zusammen, antwortete aber doch:

»Nein.«

»Sie haben doch gestern zum Häuptlinge der Mbocovis von ihm gesprochen?«

»Das ist eine Lüge!«

»Mann, wahren Sie Ihre Zunge! Wir dulden kein solches Wort mehr! Wir haben gehört, was Sie sprachen. Sie haben für diesen Sennor Horno von dem Desierto ein Lösegeld erpressen wollen. Nach dem Siege über die Tobas sollte er ermordet werden.«

»Das ist nicht wahr.«

»Sie wissen nicht, wo dieser Mann ist, kennen ihn wohl gar nicht?«


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»Nein.«

»Das thut mir leid um Ihretwillen. Ich will erfahren, wo er sich befindet, und also werde ich es erfahren; ist's nicht auf die eine, sodann auf die andere Weise. Wollen Sie es mir freiwillig sagen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ganz wie Sie wollen! Ich werde Sie so lange peitschen lassen, bis Sie mir den Ort nennen.«

»Das wagen Sie ja nicht!« fuhr er auf. »Sie haben kein Recht dazu!«

»Wir sind im Chaco, folglich habe ich das Recht. Also, wollen Sie gestehen?«

»Ich weiß nichts. Hauen Sie zu! Ich lache Sie doch aus!«

Der Mensch wurde an den Baum gebunden mit dem Rücken nach auswärts. Die beiden Indianer bekamen unsere Peitschen und schlugen aus Leibeskräften zu, abwechselnd, jeder einen Hieb. Ich wendete mich ab und zählte. Nach dem vierzigsten Hiebe drehte ich mich wieder um. Er wandte uns das Gesicht zu, hatte die Zähne zusammengebissen und sah uns hohnlachend an. Nach dem sechzigsten Hiebe bestand sein Rücken aus blutigen Fleisch- und Kleiderfetzen, dennoch grinste er uns noch höhnisch an und sagte kein Wort.

»Immer weiter!« rief Pena. »Schlagt nur zu, bis er gesteht, und wenn ihr den Hund totprügelt!«

»Nein,« sagte ich. »Haltet ein! Wer soll das ansehen!«

Da stieß der Exekutierte ein heiseres Gelächter aus und brüllte:

»Hört das Weib! Er kann das Blut nicht ansehen! Schlagt nur immer zu! Haut mir die Knochen entzwei! Reißt mir die Eingeweide heraus! Aber er-


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fahren [erfahren] sollt ihr doch nicht, wo sich dieser Horno befindet!«

»Doch Sie wissen es?« fragte ich.

»Ja, ich weiß es,« antwortete er. »Gerade um euch zu zeigen, wie ich euch nur auslache, will ich es sagen, daß ich selbst es bin, der ihn gefangen hat. Weiter aber erfahrt ihr kein Wort, und wenn ihr mir die Glieder mit glühenden Zangen auseinander reißt!«

»Solcher Anstrengungen bedarf es nicht. Sie werden uns flehentlich bitten, es uns sagen zu dürfen, und wir werden es nicht hören wollen!«

»Bitten? Flehen? Niemals, nie!«

»Noch heute, noch an diesem Vormittage werden Sie mich um Gotteswillen bitten, das Wort anzuhören, welches Sie mir jetzt verweigern.«

»Das thue ich nicht, und wenn ich alle Qualen der Hölle erdulden sollte!«

»Pah! Sie werden das Wort laut herausbrüllen, herausschreien, damit wir es hören sollen. Bindet ihn anders, so daß er auf dem Rasen sitzt und mit dem Rücken an dem Stamme lehnt. Bindet ihm auch den Kopf fest, so daß er ihn nicht um ein Haar breit bewegen kann!«

Während die beiden Indianer dieser Weisung gehorchten, holte ich den hohlen Teil eines Tagoarabambus herbei, welcher in der Nähe lag und wohl als kleines Wassergefäß benutzt worden war. Dieser hohle Cylinder war vielleicht zehn Centimeter im Durchmesser. Ich arbeitete mit der Messerspitze ein kleines Löchelchen durch den Boden und verschloß dasselbe dann mit einem Holzpflöckchen in der Weise, daß das Wasser nur in einzelnen, langsamen Tropfen hindurchquellen konnte. Der Diener mußte das Gefäß mit Wasser füllen, und dann


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wurde es hoch über dem Kopfe des Yerno an den Stamm gehängt. Ich hatte es so getroffen, daß vielleicht alle vier Sekunden ein kleiner Tropfen drei Ellen hoch auf die Mitte des Schädels des Yerno fiel. Dann rasierte ich mit der Schärfe meines Bowiemessers das Haar von dieser Stelle.

Der >Schwiegersohn< hatte das alles wortlos geschehen lassen und mit angesehen. Jetzt lachte er trotz der Schmerzen, welche sein zerpeitschter Rücken ihm verursachen mußte, geradezu brüllend auf und geiferte dabei hervor:

»Jetzt werde ich rasiert und frisiert! Und das soll mich zum Geständnisse bringen? Ihr seid alle reif für das Narrenhaus!«

Ich winkte den drei Indianern, sich zu entfernen und nahm Pena am Arme, um ihn in die nächste Laube zu führen.

»Aber, lieber Freund,« fragte er dabei, »was ist das denn eigentlich für ein Kunststück, welches Sie da produzieren wollen? Ich verstehe es nicht und begreife es nicht.«

»Ein Kunststück ist es nicht, sondern eine ganz kunstlose, natürliche Prozedur, welche den Menschen zwingen wird, mir die verlangte Antwort zu geben.«

»Diese Wassertropfen sollen das erwirken, was die Prügel nicht zustande gebracht haben?«

»Ja, das werden sie!«

»Unbegreiflich! Sie haben doch den Rücken dieses Menschen gesehen. Der Anblick war geradezu schrecklich! Und welche Folgen hatte es? Er lachte uns aus und verhöhnte uns. Ein Geständnis aber gab er nicht. Und was dieser zerfleischte Rücken, was diese Wunden nicht vermocht haben, das erhoffen Sie von dem armseligen


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Wassertropfen, welcher ihm auf den Kopf fällt? Das wäre das größte Wunder, welches ich gesehen habe!«

»Wollen Sie einen ganz natürlichen Vorgang ein Wunder nennen, so habe ich nichts dagegen. Aber sagen Sie, haben Sie vielleicht schon einmal das deutsche Wort >prügelfaul< gehört?«

»Ja. Das ist die Unempfindlichkeit gegen Schläge.«

»Ja. Fragen Sie Eltern und Lehrer; fragen Sie Stockmeister und Korporale, nämlich wenn die letzteren aus der militärischen Prügelzeit noch lebten! Sie würden erfahren, daß es Personen oder Subjekte giebt, welche die Schläge gar nicht zu fühlen scheinen, welche desto mehr lachen, je stärker und dicker die Prügel fallen. Vielleicht gehört der Yerno zu diesen Leuten, welche Nerven von der Stärke und Unempfindlichkeit der Schiffstaue zu besitzen scheinen. Nun, wenn die Nervenverzweigungen so widerstandsfähig sind, so muß man sich an die Nervenquelle, an das Gehirn wenden. Vielleicht ist dieses empfänglicher gegen schmerzhafte Einwirkungen.«

»Nennen Sie das Gefühl, welches der Wassertropfen hervorbringt, einen Schmerz?«

»Nein; aber eine unausgesetzte Folge von Tropfen, welche nacheinander auf eine und dieselbe Stelle fallen, bringt eine Wirkung hervor, mit welcher sich kein anderes Schmerzgefühl vergleichen läßt. Die Wirkung muß, wenn sie nicht rechtzeitig unterbrochen wird, unbedingt zum Wahnsinn führen. Haben Sie noch nicht gehört, daß die amerikanischen Sklavenbesitzer diese schreckliche Strafe gegen ungehorsame Schwarze oft und viel in Anwendung brachten?«

»Nein.«

»Nun, ich bin Zeuge solcher Vorgänge gewesen. Ich habe einen Neger und eine Negerin, seine Frau, in der


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sogenannten Tropfhütte sitzen sehen; beide waren so gefesselt, daß sie weder ein Glied, noch den Kopf bewegen konnten, und die Tropfen fielen ihnen in regelmäßigen Intervallen auf die Köpfe. Sie brüllten wie wilde Tiere, und der Schaum triefte ihnen über die Lippen. Diese Strafe mußten sie erleiden, weil sie ihre Kinder nicht hatten hergeben wollen, welche früh an einen Händler verkauft worden waren. Ich machte dem Pflanzer, dessen Gast ich war und dem ich einen großen Dienst geleistet hatte, so daß er mir eine nicht gewöhnliche Dankbarkeit schuldete, freundliche Vorstellungen, und er ließ mich dafür durch seine zwei Sklavenaufseher aus der Pflanzung weisen oder vielmehr werfen.«

»Dieser Schuft! Dem hätte ich - - -« Er machte zwei Fäuste und fragte dann: »Und Sie sind ruhig gegangen? Das stimmt keineswegs mit Ihren sonstigen Eigenheiten!«

»Ja, es würde nicht stimmen, wurde aber stimmend gemacht, denn des Nachts war ich heimlich wieder auf der Plantage und holte das schwarze Ehepaar heraus. Gesehen habe ich da, welche entsetzliche Wirkung die Tropfhütte oder der Tropfstuhl hat. Es wird keine Stunde vergehen, so können Sie diese Wirkung an dem Yerno beobachten.«

Unser Gespräch wurde unterbrochen, denn Unica kam, um uns den Mate zu bringen. Sie wollte die gestern abgebrochenen Fragen wieder beginnen, wurde aber durch den alten Desierto gestört, welcher nicht hatte schlafen können und zu uns heraus kam.

Er wunderte sich darüber, daß wir den Yerno schon im Garten hatten, und konnte die Situation nicht begreifen, in welcher dieser sich befand.

»Das geschieht unsers Landsmannes wegen, den Sie


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für einen Wortbrüchigen und Betrüger gehalten haben,« erklärte ich ihm.

»Meinen Sie etwa Horn?« fragte er.

»Ja. Sehen Sie, wie Sie nun auf einmal den Namen aussprechen können!«

»Weil Unica mir gestern abend noch erzählt hat, daß Sie ihn für unschuldig halten und daß er unterwegs nach hier ist. Ich habe deshalb nicht schlafen können und komme also so früh zu Ihnen, um Sie um Aufklärung zu ersuchen. Sie können denken, was Ihre Worte für einen Eindruck auf mich und Unica gemacht haben. Sagen Sie, wissen Sie wirklich etwas über ihn, oder haben Sie uns nur trösten oder beruhigen wollen?«

Seine Augen waren mit großer Spannung auf uns gerichtet, und auch die schöne Indianerin sah mich an, als ob sie mir die Worte von den Lippen lesen wolle.

»Wenn ich Sie hätte beruhigen wollen, so müßte ich diesen Zweck einen vollständig verfehlten nennen,« antwortete ich. »Sie sagen mir ja, daß Sie deshalb nicht haben schlafen können. Nein, wir haben wirklich bei den Mbocovis eine Spur von ihm entdeckt.«

»Herrgott! Sollte er sich etwa bei diesen befinden?«

»Ich vermute es. Hören Sie!«

Ich erzählte ihm, was wir erst vermutet hatten und uns vorhin von dem Yerno eingestanden worden war. Ich erklärte ihm auch, daß ich diesen letzteren nur deshalb unter das Wassergefäß gefesselt hatte, um zu erfahren, wo Horn zu suchen sei. Kaum war ich damit fertig, so zog Unica mir das Messer aus dem Gürtel und rief aus:

»Er weiß es und will es nicht sagen? Ich werde ihn zwingen! Wenn er es nicht sofort gesteht, stoße ich ihm das Messer in das Herz!«


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Sie wollte fort. Ich hielt sie zurück, wand ihr das Messer aus der Hand und sagte:

»Bleiben Sie! Sie würden nichts oder nur Unvollständiges erreichen. Er gesteht jetzt noch nichts, und wenn Sie ihn dann im Zorne erstechen, sind wir noch schlimmer daran als vorher. Wir wissen ja noch nicht genau, ob der Horn, welchen er meint, auch wirklich derjenige ist, von welchem wir sprechen.«

»Welcher andere sollte es sein!« antwortete der Desierto. »Ich befinde mich so lange Jahre hier im Lande und habe den Namen Horn, diesen einen Fall ausgenommen, noch nie gehört. Unser junger Freund ist auf seinem Wege nach hier überfallen und zu den Mbocovis geschafft worden. Ich will ihn retten; sie müssen ihn herausgeben, und wenn ich alles, alles in Bewegung setzen soll. Ich werde den Yerno einmal selbst ins Verhör nehmen.«

Er eilte von uns fort und zu dem Gefesselten hin. Unica folgte ihm schnell, und so gingen wir beide ihnen nach. Der Gefangene hatte ein leichenblasses Gesicht; seine Augen waren hervorgetreten, und seine Unterlippe steckte zwischen den zusammengepreßten Zähnen.

»Hund!« schrie ihn der Alte an. »Du hast Sennor Horno gefangen genommen. Sag', wo er steckt, sonst ergeht es dir schlecht!«

Der Yerno sah ihn mit einem stieren Blicke an und sagte nichts.

»Willst du reden, oder soll ich dich abermals peitschen lassen?«

Ueber die Züge des Gefangenen ging ein höhnisches Zucken, als ob er sagen wolle, daß das Peitschen ja schon einmal nichts gefruchtet habe, und daß er sich auch jetzt aus den Prügeln nichts machen werde. Aber der


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Hohn verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war. Der Yerno kämpfte bereits mit aller Kraft gegen die sichere, unausbleibliche Wirkung der Wassertropfen. Der Desierto beachtete das nicht und fuhr fort:

»Du schweigst? Ich werde dich wohl zum Sprechen bringen. Geben Sie mir die Peitsche, Sennor!«

Er wollte Pena die Peitsche aus dem Gürtel ziehen. Ich hielt ihn davon ab und sagte:

»Lassen Sie! Mit Schlägen erreichen Sie nichts. Der Mann wird in kurzer Zeit ein volles Geständnis ablegen. Sehen Sie nicht, wie er gegen die Schmerzen kämpft?«

»Ja, es ist wahr,« antwortete Pena in deutscher Sprache, deren auch ich mich bedient hatte, um von dem >Schwiegersohne< nicht verstanden zu werden. »Oder sollten diese stieren Augen nur eine Folge der Prügel sein, welche er bekommen hat?«

»Nein. Sehen Sie die Tropfen auf seiner Stirne? Die kommen nicht von da oben aus dem Gefäße. Das sind Tropfen, welche die Angst, der Schmerz austreibt. Ich habe ihm gesagt, daß er uns um Gottes willen bitten werde, sein Geständnis anzuhören, und ich werde recht behalten.«

»Wie lange werden wir noch warten müssen?«

»Wie es den Anschein hat, hält er es höchstens noch eine Viertelstunde aus. Dann wird er uns rufen; wir aber werden nicht auf ihn hören. Er soll einsehen, daß wir nicht die Leute sind, welche sich von einem solchen Menschen verhöhnen lassen. Kommen Sie also wieder zur Laube.«

Sie folgten mir. Wir setzten uns nieder, und der Desierto erzählte, daß er die Späher ausgesandt und mit den besten Instruktionen versehen habe. Aber er war


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nicht bei der Sache. Sein Blick flog wieder und immer wieder hinüber zum Yerno. Er mußte den jungen Deutschen wirklich tief in sein Herz geschlossen haben. Unica war ebenso aufgeregt; sie besaß nicht die Fähigkeit, an einem ruhigen Gespräche teilzunehmen, und entfernte sich.

Wir sprachen nun von den gestrigen Vorkommnissen und von den noch zu erwartenden Ereignissen. Darüber verging die Viertelstunde und noch mehr. Ich hatte nicht allzusehr auf den Yerno geachtet, da ich der Wirkung meines Mittels sicher war; jetzt wurde ich auf ihn aufmerksam gemacht, denn der Desierto unterbrach mich mitten in einem Satze, den ich angefangen hatte:

»Horcht! Was war das?«

Ich hatte nichts gehört und horchte auf.

»Hören Sie es?« fragte der Alte nach einer kurzen Pause. »Das klang, als ob ein Jaguar in der Ferne gebrüllt hätte. Das kann aber nicht der Fall sein, denn es ist jetzt nicht die Tageszeit dazu.«

»Ein Brüllen war es,« antwortete ich, »aber nicht aus der Ferne. Es klang so unterdrückt, weil es mit dem letzten Rest der Kraft in die Lunge zurückgedrängt wurde - -«

Ich sprach nicht weiter, denn derselbe Laut erklang abermals. Es war wie das Gähnen eines Tigers oder Löwen. Pena und der Alte waren aufgesprungen. Der erstere trat an das Mauerloch, blickte hinaus und sagte:

»Der Desierto hat ganz recht. Es ist wirklich ein Puma oder Jaguar. Jetzt, am frühen Morgen! Und so nahe am Dorfe!«

»Täuschen Sie sich nicht!« entgegnete ich. »Sie werden keinen Jaguar sehen, und wenn Sie jahrelang da hinausblicken. Es ist kein Tier, sondern der Yerno. Hören Sie!«


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Das Brüllen ließ sich wieder hören. Es erklang röchelnd, wie durch die Nase oder zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor.

»Der Yerno!« rief Pena. »Wahrhaftig, er ist's! Da, da, horchen Sie! Ich habe es ganz deutlich gesehen. Er hat die Lippen bewegt. Welch ein Laut, welch ein Ton!«

»O, das ist noch nichts! Sie werden noch ganz andere Töne hören.«

»Vielleicht gesteht er jetzt!«

»Er muß sein Geständnis in allerhöchster Angst machen; eher ist seinen Worten nicht zu glauben. Ich bin überzeugt, daß er uns jetzt belügen würde. Jetzt ist seine Verstocktheit noch größer als die Wirkung meines Mittels. Jetzt kann er noch logisch denken; er ist also noch im stande, uns zu belügen, zu betrügen und irre zu leiten. Wir müssen warten, bis die Schmerzen so übermächtig werden, daß er gar nicht mehr denken kann oder vielmehr bis er nur den einen Gedanken noch hegt, von seinen Qualen befreit zu werden. Verhalten wir uns ruhig, dann werden wir seiner Stimme anhören, daß dieselbe ein genauer Gradmesser der steigenden Wirkung meines Mittels ist.«

Das mochte unmenschlich klingen; aber Mitleid war hier ganz und gar am unrechten Platze. Es giebt Rücksichten, denen sich selbst der gefühlvollste Mensch zu unterwerfen hat, wenn er nicht sich selbst oder andere schädigen will. Ich war überzeugt, daß nur die größte Todesangst, nur eine sogenannte Höllenqual dem Gefolterten ein Geständnis, welchem wir Glauben schenken konnten, auspressen werde. Ein unzeitiges Mitgefühl wäre hier nicht nur Schwäche, sondern sogar schädlich und für Horn verderblich gewesen.


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Wir sprachen nicht weiter, sondern horchten auf den Yerno. Die Töne, welche er ausstieß, waren nicht zu beschreiben.

»Gräßlich!« sagte Pena, indem er sich schüttelte. »Wer hätte das den kleinen Wassertropfen zutrauen mögen!«

»Wir sind erst am Anfange,« antwortete ich. »Noch hat er nicht nach uns gerufen. Hören Sie, jetzt!«

Diesesmal war es kein unnatürlicher Laut, den er hören ließ. Wir hatten das Wort >Sennores< verstanden.

»Jetzt ruft er!« sagte der Alte. »Die volle Wirkung ist da. Wollen wir hin?«

»Nein.«

»Sennor, Sennor!« ertönte es nach einer kleinen Weile. »Kommen Sie!«

Und als wir nicht darauf achteten, sondern sitzen blieben, rief er:

»Sennor Pena, Sennor Pena! Hören Sie mich denn nicht?«

»Er ruft mich,« meinte der Genannte. »Warum gerade mich und nicht Sie?«

»Weil er wohl Ihren Namen, nicht aber den meinigen weiß,« antwortete ich.

»Sennor Pena, Pena, Pena!« schrie er jetzt überlaut. »So kommen Sie doch! Ich halte es nicht aus. Ich will alles sagen, alles!«

Bei dem Klange dieser Worte überlief es mich eiskalt. Der Alte eilte hin, und wir beide folgten ihm.

»Gott sei Dank!« schrie der Gefolterte. »Sie kommen! Nehmen Sie das verdammte Wasser weg!«

Das war nicht die Art und Weise, welche mich hätte bewegen können, ihm den Willen zu thun. Aber der Desierto schob das Gefäß zur Seite.


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»Geben Sie mir die Hände frei!« fuhr der Yerno fort. »Ich muß an meinen Kopf greifen, ich muß!«

»Soll ich?« fragte der Alte, indem er sich bereits bückte, um das an ihn gerichtete Verlangen zu erfüllen.

»Nein,« antwortete ich, indem ich ihn auf die Seite schob. »Er mag erst gestehen.«

Das Gesicht des Yerno hatte jetzt ein erdfahles Aussehen; seine Lippen waren blutig gebissen, und vom Blute strotzten die Adern seiner Augen.

»Sie also sind der Teufel!« knirschte er mir zu. »Die andern wollen nicht, aber Sie zwingen sie, mich zu martern!«

»Pah! Meinen Sie, daß dies die richtige Art ist, mich zur Milde zu bewegen? Ich sehe, Sie sind noch nicht so weich geworden, wie ich Sie haben will. Ich muß Ihnen mehr Wasser geben.«

Bei diesen Worten schob ich das Gefäß wieder an die vorige Stelle, so daß die Tropfen ihn wieder auf den Kopf trafen.

»Nur das nicht,« schrie er auf. »Nur das nicht wieder! Nehmen Sie das Wasser weg! Ich will ja gestehen. Aber das Wasser weg!«

Der Desierto schob das Gefäß wieder fort und sagte:

»Ich will Ihnen den Willen thun. Nun sagen Sie aber auch, wo sich Sennor Horno befindet!«

»Bei den Mbocovis am Rio dorado.«

»Beschreiben Sie uns die Stelle!«

»Das ist unmöglich. Ich könnte den Weg und die Stelle noch so gut beschreiben, so würden Sie sie doch nicht finden.«

»So! Wie befindet er sich?«

»Ganz wohl. Es ist ihm nichts geschehen.«

»Warum haben Sie ihn überfallen?«


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»Um ein Lösegeld zu bekommen.«

»Und ihm das Geld, welches er bei sich hatte, abzunehmen?«

»Nein. Er hatte kein Geld.«

»Hm! Hat er von mir gesprochen?«

»Alle Tage.«

»Und Sie haben ihn wirklich nicht gequält?«

»Nein. Er hat es wirklich gut gehabt.«

»So will ich Sie von Ihren Leiden erlösen und Sie wieder hinein zu den Mbocovis schaffen lassen.«

Er machte abermals Miene, den Yerno loszubinden; ich hinderte ihn daran und sprach:

»Begehen Sie keine Thorheit! Der Mann hat Sie belogen.«

»Ich habe die Wahrheit gesagt!« schrie der Yerno, indem er seine blutunterlaufenen Augen auf mich richtete.

»Nein. Sie logen!« behaupte ich.

»Jedes einzelne Wort ist wahr!«

»So! Also wir würden den Weg und die Stelle nicht finden und bedürfen also eines Führers?«

»Ja. Ich werde Sie hinführen.«

»Und der Ort liegt - - an welchem Flusse, sagten Sie?«

»Am Rio dorado del Valle.«

»Nun, so ist es erwiesen, daß Sie gelogen haben. An diesem Flusse hausen Indianer, welche Ihren Mbocovis feindlich gesinnt sind; also werden diese letzteren ihre Gefangenen nicht gerade in dieser so unsicheren Gegend verstecken. Sie lügen. Sie wollen uns veranlassen, mit Ihnen viele Tage lang durch den wildesten Chaco zu ziehen, und denken, daß Sie dabei gewiß Gelegenheit zum Entkommen finden werden. Wir lassen uns nicht betrügen. Da haben Sie das Wasser wieder!«


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Ich brachte das Gefäß wieder in die richtige Lage. Er brüllte wütend auf und warf mir mehrere Flüche zu, welche nicht wiederzugeben sind. Ich aber nahm Pena und den Desierto am Arme und zog sie mit mir fort.

»Kommen Sie, da Sie das Geschrei nicht anhören können! Wir wollen zu den Mbocovis gehen, um ihnen zu essen und zu trinken zu geben.«

Noch als wir die Treppe hinunterstiegen, hörten wir die Stimme des nun doppelt wütenden Menschen hinter uns erschallen. Wir fanden Unica bei den gefangenen Indianern. Sie that das, was wir jetzt hatten thun wollen. Sie war von einem zum andern gegangen, um sie, ohne ihre Banden zu lösen, zu speisen und zu tränken.

»Schade, daß ich die Sprache der Mbocovis nicht verstehe,« sagte ich. »Ich würde jetzt den Häuptling nach Horn ausforschen.«

»Das kann ja ich thun!« meinte Pena.

»Versuchen Sie es! Aber machen Sie dabei keine Fehler!«

»Haben Sie keine Sorge; ich werde schon zu sprechen wissen.«

Er begann nun ein längeres Gespräch mit dem Roten. Erst wollte dieser nicht antworten, und dann schien er doch auf den Gedanken zu kommen, daß es besser sei, uns nicht in Zorn zu bringen. Er schien sogar gesprächig zu werden. Als beide endlich fertig waren, wendete sich Pena zu uns und sagte im frohen und selbstbewußten Tone:

»Nun brauchen wir den Yerno nicht! Ich bin klug gewesen und habe alles heraus. Sennor Horn steckt im Keller von Nuestro Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen

»Unsinn!«


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»Meinen Sie, daß ich so wenig scharfsinnig bin, mich von diesem Roten betrügen zu lassen?«

»Pah! Zanken wir uns nicht! Sie kennen doch diesen Keller, in welchem wir die Aripones stecken hatten.«

»Freilich!«

»Kann da ein Gefangener der Mbocovis sich dort befinden?«

»Hm!«

»Sehen Sie denn nicht ein, warum der Häuptling Ihnen gerade diesen Bären aufgebunden hat? Er weiß, daß der Sendador mit den zahlreichen Mbocovis jetzt von dorther kommt. Diesen Leuten will er uns in die Hände treiben.«

»Alle Wetter!«

»Nun sagen Sie Ihrem lieben Häuptlinge, daß er sich verrechnet hat!«

»Das werde ich ihm freilich sagen, und zwar nicht in der höflichsten Weise.«

Er wandte sich wieder zu dem Roten, sprach in zornigem Tone zu ihm und versetzte ihm sogar einen derben Fußtritt.

Von da begaben wir uns in eins der vorderen Zimmer, in welchem Unica für uns das Frühstück serviert hatte. Es bestand aus gebratenem Fleische und neubackenem Maisfladen. Der Desierto setzte sich zu uns, aß aber nicht mit. Als ich ihn nach der Ursache fragte, antwortete er:

»Ich esse täglich höchstens einmal, hungere aber oft mehrere Tage lang. Ja, es giebt jährlich eine Zeit, in welcher ich zwei Wochen lang keinen Bissen zu mir nehme und mich nur vom Wasser erhalte.«

»Warum aber das?«

»Zur Strafe.«


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Ich hatte diese oder doch eine ähnliche Antwort erwartet und entgegnete:

»Haben Sie denn das Recht, sich eine solche Strafe aufzuerlegen?«

»Nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht. Es kann keine Strafe streng genug für mich sein! Sie wissen eben nicht, welch ein schweres Verbrechen auf meinem Gewissen lastet. Sie werden von der Ausstattung des vordersten Zimmers sehr überrascht gewesen sein. Das ist meine Buß- und Strafstube. Da hungere und durste ich, da friere ich und geißele mich. Meine That ist eine schwere; Sie können sie nicht erraten.«

»Nicht? Ich glaube, daß Sie ein Mörder sind.«

»Gott!« rief er aus. »Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Mein Auge, mein Verstand. Aber sprechen wir nicht über diese Angelegenheit!«

»O doch! Sprechen wir von ihr! Wir sind Deutsche. Sie haben mir von sich erzählt, und so müssen Sie auch wissen, wer und was ich bin.«

»Das weiß ich bereits. Sie sind Pharmazeut.«

»Was? Apotheker? Herr, vor Ihnen ist doch wahrlich niemand sicher!«

»Pah! Wer nur fünf Minuten lang mit offenen Augen hier umherblickt, muß überzeugt sein, daß ich das Richtige geraten habe.«

»Ein Apotheker! Es ist wahr. Und ein Mörder! Das ist auch wahr, Herr! Fürchten Sie sich nicht vor mir? Verabscheuen Sie mich nicht?«

»Das fällt mir nicht ein! Gott hat mich nicht zum Richter über irgend einen meiner Nebenmenschen gesetzt. Ich bin wohl ein noch größerer Sünder als Sie und kann mich an Stärke der Reue nicht mit Ihnen vergleichen.«


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»Sie haben keine Ahnung von der Größe meines Verbrechens! Ich habe mit voller Absicht einen Menschen ermordet.«

»Aber in der Notwehr?«

»Vielleicht wäre das die einzige Entschuldigung, deren ich mich bedienen könnte. Und doch kann ich es weder mir noch einem andern beweisen, daß es Notwehr gewesen ist. Erlauben Sie mir, Ihnen den Vorgang zu erzählen.«

»Lassen Sie es lieber sein! Sie regen sich auf; Sie wühlen in alten Wunden.«

»Mag es schmerzen; ich habe es verdient. Ist Ihnen die Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt?«

»Ja.«

»Haben Sie auch gehört, wie es den deutsch gesinnten Bewohnern der Herzogtümer von seiten der Dänen ergangen ist?«

»In hundert und wieder hundert Geschichten.«

»So hören Sie! Ich war Apotheker in einer kleinen Stadt, der einzige gut deutsch Gesinnte der ganzen stockdänischen Bevölkerung. Damit ist vieles, wenn auch nicht alles gesagt. Ich will nicht von den Bedrückungen, von den kleinen und großen Leiden sprechen, welche ich erdulden mußte, ohne nur ein Wort sagen zu dürfen. Aber ich wurde so verbittert, daß es war, als ob mein ganzer Körper nur aus Galle bestehe. Je länger, desto deutlicher fühlte ich, daß dies nicht mehr so fortgehen könne, ohne daß es ein Unglück gab. Da kam der erwähnte Krieg und mit ihm die dänische Einquartierung. Ich war natürlich als feindlich gesinnt bezeichnet worden, und so warf man doppelte und dreifache Lasten auf mich. Mein Haus wimmelte von unten bis oben von dänischen Soldaten, welche da schalteten und walteten, als ob ich


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ein Kannibale sei. Es hatte geradezu Kämpfe gekostet, ein einziges kleines Stübchen zu behalten, und dieses konnte ich nicht hergeben, denn da lag mein geliebtes, todkrankes Weib, die einzige Seele, welche mich verstand und mit mir litt. Sie war infolge der fortgesetzten Leiden und Aufregungen in ein schweres Nervenfieber gefallen, und ich hatte alles, alles von ihrem Krankenlager fern zu halten, wenn ich die Hoffnung hegen wollte, ihr das Leben retten zu können. Da kam noch ein dänischer Militärarzt nebst Diener, welcher bei mir Quartier verlangte. Ich bewies ihm, daß kein Platz mehr sei; ich bat und flehte, umsonst! Er untersuchte meine Frau und erklärte, daß sie die Krankheit nur simuliere. Ich schickte nach dem Stabsarzte, um dessen Entscheidung zu erbitten, und wurde dann in die Apotheke gerufen, wo ich längere Zeit unausgesetzt beschäftigt war, daß ich unmöglich nach meiner Frau sehen konnte. Endlich war ich fertig und durfte Atem holen. Als ich in den Flur kam, hörte ich vom Hofe her ein leises Wimmern, und ich trat hinaus in den Hof. Dort lag der Schnee fußhoch, und eine grimmige Kälte ließ den Atem fast zu Eis gefrieren. Da draußen fand ich meine Frau. Sie lag auf der alten Decke, auf welcher der Kettenhund zu sitzen pflegte. In ihre Betten hatten sich die Soldaten geteilt. Ich zog meinen Rock aus, warf ihn über sie und wollte fort, hinauf, um zu sehen, wer Besitz von ihrer Stube genommen habe. Sie konnte nicht sprechen, meine Fragen nicht beantworten; aber als sie sah, daß ich mich entfernen wollte, legte sie die Arme um mich. So blieb ich noch einige Minuten bei ihr, bis ich fühlte, daß ich eine Leiche an meiner Brust hatte.«

Der Alte schwieg. Er stand auf und schritt eine


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Weile hin und her, um Herr seiner Bewegung zu werden. Dann fuhr er fort:

»Es wäre unnütz, Ihnen zu sagen, was ich fühlte. Ich befand mich in einem Zustande, welcher eine Mischung von kochendem Grimme und Verzweiflung war. Ich sprang die Treppe hinauf, riß die Thüre auf und sah den Arzt auf dem Sofa liegen, die schmutzigen Stiefeln an den Beinen und meinen vollen Cigarrenkasten auf dem Tische. Was ich gesagt habe, weiß ich nicht; viel wird es nicht gewesen sein, denn die Wut machte mir das Sprechen schwer. Er sprang auf, versetzte mir einen Faustschlag in das Gesicht, daß es mir dunkel vor den Augen wurde, schob die Thüre auf und gab mir einen Stoß, daß ich die Treppe hinabstürzte. Oben blieb er stehen und lachte mich aus. Da verlor ich den letzten Rest von Besinnung. Ich schoß förmlich die Stufen wieder hinauf. Was ich wollte, das wußte ich nicht; aber ich sah, daß er den Degen zog. Ich griff schnell zu, entriß ihm die Waffe und rannte sie ihm durch den Leib. Als er lautlos niederstürzte, wollte mir das Blut stillstehen. Ein Glück, die Soldaten waren jetzt nicht da. Ich raffte einiges Geld zusammen, stürzte in den Hof, nahm die Tote in die Arme und trug sie zu der Scheuerfrau, welche zuweilen von uns beschäftigt wurde, gab ihr Geld und bat sie, für das Begräbnis zu sorgen. Dann entfloh ich.«

Die Art, wie er erzählte, machte einen tiefen Eindruck auf mich. Die Worte flossen ihm schnell, aber abgerissen über die Lippen. Er starrte in die Ecke, als ob er das, was er erzählte, noch einmal erlebe, als ob er sein eigener Zeuge und Zuschauer sei. Wir unterbrachen ihn nicht. Er fuhr fort:

»Im Walde habe ich gesteckt, drei Tage lang. Von


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Vorübergehenden hörte ich die That erzählen. Das Militär war aufgeboten, mich zu suchen und zu ergreifen. Am dritten Tage, des Nachts, wagte ich mich nach dem Kirchhofe. Ich fand das Grab. Es war seicht und kaum zugeworfen. Man hatte mein Weib eingescharrt wie eine Verbrecherin, eine Selbstmörderin. Ich betete, kam aber mit dem Gebete nicht zu Ende. Man hatte vermutet, daß ich kommen werde, um das Grab zu sehen, und einen Posten an den Kirchhof gestellt. Dieser sah und schoß auf mich, traf mich aber nicht. Ich floh, und es glückte mir, zu entkommen. In meiner Heimat suchte ich einen Freund auf, von dem ich wußte, daß er mich nicht verraten werde. Er gab mir die Mittel, nach Amerika zu gehen.«

Er machte jetzt wieder eine Pause, und so fragte ich:

»Hatten Sie keine Verwandten oder Kinder?«

»Nein, und das war ein großes Glück. Aber der von mir ermordete Militärarzt war Vater von vier Kindern und hatte außerdem seinen Vater und eine Schwiegermutter zu ernähren.«

»Das wußten Sie?«

»Nein. Ich erfuhr es während meiner Flucht. Ich las es in der Zeitung, in welcher auch mein Steckbrief stand.«

»Das also ist die That, die Sie so sehr bereuen?«

»Ja, das ist sie!«

»Haben Sie sich denn nicht gesagt, daß es mehrere Gründe zur Entschuldigung giebt?«

»Ich habe es gedacht. Aber diese Gründe sind nicht stichhaltig.«

»Er hatte den Degen gezogen; er bedrohte Sie. Sie hatten sich doch gar nicht vorgenommen, ihn zu töten.«

»Ich habe ihn aber doch getötet. Das schreckliche


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Bild, als er vor mir lag, den Degen in dem Leibe, ist mit mir gegangen, hat mich durch das ganze Leben begleitet und mich keinen einzigen Augenblick verlassen. Es schwebt mir vor bei Tag und Nacht, und tausend, tausend Stimmen höre ich rufen: >Mörder, Mörder, Mörder!< Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden. Dem bin ich entgangen, aber ich habe einen mehr als tausendfachen Tod erlitten, denn ich sterbe täglich. Nach Jahren kam ich hierher und vergrub mich in die Einsamkeit, um meiner Reue und Buße zu leben. Ich wurde der Lehrer und Vater der Toba-Indianer. Ich that Gutes, damit Gott ein Kleines von meiner großen Schuld abschreibe. Ich habe auch mein möglichstes gethan, um drüben im Vaterlande meine Schuld zu verringern. Ich hatte mir den Namen und Wohnort des Ermordeten gemerkt und sandte seinen Anverwandten, die durch mich ihren Ernährer verloren hatten, so viel ich ersparen konnte.«

Pena hatte der Erzählung mit fast noch größerem Interesse zugehört als ich. Seine Mienen waren ungewöhnlich bewegt. Er griff sich in die Haare, rieb sich die Nase, kratzte sich an dieser oder jener Körperstelle. Kurz und gut, er verriet eine ganz ungewöhnliche Teilnahme. Jetzt, bei den letzten Worten des Alten, horchte er auf und fragte:

»Was? Geld haben Sie geschickt?«

»Ja.«

»Das thun Sie wohl auch noch jetzt?«

»Ja. Ich muß mich als den Versorger der Familie betrachten.«

»Und auf welchem Wege kommt das Geld hinüber?«

»Von Buenos Ayres aus. Jährlich, wenn ich nach Santiago komme, schicke ich die Anweisung dorthin.«


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Da sprang Pena auf und rief:

»Bei allen Heiligen, ich hab' mir's gedacht! Herr - - Herr - - Winter - nicht wahr, so ist Ihr Name?«

»Ja, Alfred Winter.«

»Nun also, Herr Winter, sparen Sie Ihr Geld! Sie haben nichts zu bezahlen.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich sage es ja deutlich genug! Sie haben nichts zu bezahlen. Sie sind kein Mörder!«

Er schrie den Alten an, als ob er ihn verschlingen wolle. Dieser hingegen starrte ihn an und brachte kein Wort hervor; er schüttelte nur den Kopf.

»Schütteln Sie nur!« fuhr Pena fort. »Es ist doch so, und es wird nicht anders. Sie haben ihn nicht getötet.«

»Ich habe ihn doch erstochen!«

»Auch möglich! Aber tot war er nicht!«

»Es stand doch in der Zeitung!«

»Papperlapapp, Zeitung! Die Druckerschwärze nimmt alles an. Es ist schon manches gedruckt worden, worüber man das Maul aufgesperrt und die Hände über den Kopf zusammengeschlagen hat!«

Er stieß das alles wie ein echter Poltron hervor, der er doch aber gar nicht war. Es leuchtete ihm eine versteckte Freude aus den Augen, und er war nur grob, um nicht sofort mit der ganzen Wahrheit herausplatzen zu müssen. Als der Alte ihn jetzt abermals wortlos anblickte, fuhr er fort:

»Sind Sie denn seit jener Zeit einmal in Schleswig-Holstein gewesen?«

»Nein.«

»Oder haben Sie sich nach den Verhältnissen jener Familie erkundigt?«


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»Auch nicht.«

»Da brate mir einer einen Storch! Aber Mann, was sind Sie denn eigentlich für ein Mensch? Schicken da jährlich eine solche Masse Geld an Leute, die Sie gar nicht kennen und von denen Sie nicht einmal wissen, ob sie noch leben oder ob sie gestorben sind?«

»Nachkommen leben jedenfalls noch, und ich habe mich als deren Versorger zu betrachten.«

»Versorgen Sie, wen Sie wollen, aber diese Leute nicht!«

»Es stand in dem Steckbriefe und auch in den Zeitungen!«

»Anfänglich! Weil man es nicht anders wußte. Und da Sie so schnell ausgerissen sind, haben Sie nur diesen ersten Bericht gelesen. Hätten Sie nur später einmal in die Zeitungen geguckt! Genug, ich kenne den Mann, er heißt Delmenborg.«

»Mein Gott!« schrie der Alte auf, indem er zurückfuhr.

»Ja, ja!« fuhr der Cascarillero fort, indem er triumphierend mit dem Kopfe nickte. »Harald Delmenborg! Stimmt dieser Name?«

»Ja - ja - er - er - stimmt!«

»Aus Handsted an der Westküste von Jütland. Stimmt auch das?«

»Auch - - auch - - das!« antwortete der Alte wie geistesabwesend.

»Schön! So sind wir also über die Person einig. Ich denke, daß wir uns über die Sache auch noch verständigen werden. Ist Ihnen vielleicht die dänische Insel Sankt Thomas bekannt, da oben um die Antillen herum?«

»Ja.«

»Sehr schön! Als ich mich von meinem Freunde, diesem Sennor hier, den ich in Mexiko traf, verabschiedet


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hatte, ging ich nach Sankt Thomas, aus welchen Gründen, das ist hier Nebensache. Dort traf ich einen jungen Menschen, einen halben Lüdrian, der sich Arzt nannte, aber keine Patienten hatte und doch herrlich und in Freuden lebte. Er hieß Knut Delmenborg und machte sich an mich, weil er gehört hatte, daß ich Goldsucher sei und eine tüchtige Bonanza gefunden hätte. Wir waren einigemale beisammen, tranken eins und noch eins, bis der liebe Knut einen tüchtigen Affen hatte und mir seine Erlebnisse erzählte.«

»Weiter, weiter!« rief der Desierto fast atemlos, als Pena jetzt eine kleine Pause machte.

»Was weiter! Es ist nicht viel mehr zu berichten. Sie kennen ja die Geschichte auch. Sein Vater war von einem Apotheker gestochen worden und drei oder vier Tage als tot liegen geblieben. Dann aber war der Starrkrampf gewichen, welcher zur Untersuchung der Wunde und dem Verbande sehr glücklich beigetragen hatte; edle Teile waren nicht oder nur ganz leicht verletzt, und so spazierte der Erstochene nach kurzer Zeit gesund in seine Heimat, also nach Handsted zurück. Nach dem Mörder wurde nicht mehr gesucht. Die Justiz begnügte sich damit, sein Hab und Gut eingezogen zu haben.«

Da fuhr der Alte auf Pena zu, ergriff seine beiden Hände und fragte, ich konnte nicht unterscheiden, ob mit fliegendem oder stockendem Atem:

»Herr Pena, erzählen Sie die Wahrheit?«

»Wenn nicht jedes Wort wahr ist, so mögen Sie mir auch etwas durch den Leib rennen, es mag sein, was Ihnen beliebt, ein Säbel, ein Konzertflügel oder gar ein Kanapee!«

»Sie täuschen sich nicht? Sie meinen wirklich jenen Harald Delmenborg aus Handsted?«


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»Nur diesen! Denken Sie sich nun sein Erstaunen, als nach Verlauf von zwei Jahren tausend Dollars an seine Frau kommen, und dazu die Bemerkung, daß dieses Geld von dem Mörder komme, welcher bis an seinen Tod jährlich eine möglichst hohe Summe senden werde! Der Sohn hatte mit Hilfe auch dieses Geldes studiert, aber nichts gelernt. Er that wahrscheinlich nicht gut und wurde von seinem Vater in die Kolonie geschickt, um sich die Hörner abzustoßen. Dort traf er mich.«

»Sie schwören mir zu, daß Sie mir die Wahrheit sagen, daß Sie sich diese Geschichte nicht ausgesonnen haben, um mich glücklich zu machen?«

»Eigentlich sollte ich Ihnen wegen dieser Frage zürnen; aber ich habe jetzt zufällig eine gute Stunde und werde Sie also nicht zur Strafe für diese Beleidigung erstechen.«

Der Alte rannte thränenden Auges zur Thüre hinaus. Nun veränderte sich das Gesicht Penas schnell. Es zeigte eine tiefe, tiefe Rührung, und mit leise zitternder Stimme sagte er:

»Was sagen Sie dazu?«

»Gottes Wege sind wunderbar! Sehen Sie das ein?«

»Ich müßte blind und taub und noch viel mehr sein, wenn ich das nicht einsähe! Hätte ich das ahnen können, als ich jene Woche in Sankt Thomas war! Wissen Sie, wo der Alte jetzt ist?«

»Sicher in seiner Betstube.«

»Ja, er hat nun mit einem ganz andern als mit mir zu sprechen. Der Abend seines Lebens wird nun leicht und hell werden. Und ich weiß, warum ich von einer starken Hand hierher nach der Laguna de Carapa gezogen wurde. Wollen wir nicht nun wieder nach dem Yerno sehen?«


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»Ja, kommen Sie!«

Wir hatten die Stube noch nicht verlassen, da kam Unica und sagte:

»Sennores, kommen Sie um des Himmels willen in den Garten! Der Yerno ist verrückt geworden. Ich war soeben fertig mit den Gefangenen und ging hinaus, aber es war mir unmöglich zu bleiben. Und unten am Felsen stehen alle Bewohner des Dorfes, um seine Stimme zu hören. Niemand weiß sich dieses Gebrüll zu deuten.«

Wir eilten nach dem Garten; wir waren länger fortgeblieben, als ich mir vorgenommen hatte. Noch schritten wir durch den Lagersaal, da hörte ich die Stimme. Es klang, als ob ein Stier erdrosselt werde. Als wir aus dem Treppenhäuschen traten, sah er uns und schrie uns mit einer wahrhaft unmenschlichen Stimme entgegen:

»Sennores, kommen Sie, kommen Sie!«

Ich hielt Pena am Arme zurück. Der Yerno sah das und brüllte.

»Zögern Sie nicht! Ich weiß, warum Sie stehen bleiben. Ich soll Sie um Gottes willen bitten. Ich thue es, ich thue es! Ich bitte Sie um Gottes, um des Himmels und um aller Heiligen willen, erlösen Sie mich von diesem Leiden, von dieser Qual!«

»Jetzt wollen wir hin,« sagte ich. »Er befindet sich in dem von mir erwarteten Zustande.«

Wie sah der Mann aus! Sein Gesicht hatte die Farbe des Löschpapieres. Seine Augen waren weit aus ihren Höhlen getreten, erbsengroße Schweißtropfen rannen ihm von der Stirne und den Wangen, und aus dem Munde geiferte dicker, blutiger Schaum.

»Schnell, schnell!« bat er. »Ich sehe Sie nicht deutlich. Sie sind rot, ganz rot, denn meine Augen sind voll Blut. Aber ich sehe doch, daß Sie der Sennor sind,


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welcher mich erhören wird, wenn ich ihn um Gottes willen bitte, mein Geständnis anzuhören.«

Es schauderte mich. Ich hätte ihn herzlich gern sofort befreit, aber ich beherrschte mich und antwortete in ruhig strengem Tone:

»Das werde ich; aber erst dann, wenn ich überzeugt bin, daß Sie die Wahrheit sagen.«

»Ich sage sie; ich sage sie! Schnell, schnell, nehmen Sie das Wasser weg!«

»Sagen Sie vorher, wo Sennor Horno sich befindet!«

»An der Laguna de Bambu auf der Isleta del Circulo.«

»Allein?«

»Ein Kaufmann Parduna mit seinem Sohne aus Goya ist bei ihm.«

»Auch wegen Lösegeld?«

»Ja.«

»Liegt ein Dorf der Mbocovis dort?«

»Zwei.«

»Wie viele Krieger befinden sich an dieser Laguna?«

»Nur vierzig.«

»Wie weit ist es von hier bis hin?«

Da legte Pena mir die Hand auf die Achsel und sagte in deutscher Sprache:

»Quälen Sie ihn nicht. Ich war an der Laguna de Bambu bei den Mbocovis, kenne die Isleta del Circulo und werde auch' den Weg von hier leicht finden. Dieses Mal sagt er die Wahrheit.«

»Ich denke es auch, werde es aber doch streng prüfen.«

Ich schob das Gefäß, welches fast kein Wasser mehr enthielt, zur Seite und zog Pena mit mir fort. Das Brüllen des Yerno hatte sich in ein herzzerbrechendes Seufzen und Wimmern verwandelt.


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»Wohin führen Sie mich?« fragte Pena.

»Zum Häuptling.«

»Soll ich wieder mit ihm sprechen?«

»Nein; Sie würden sich vielleicht abermals eine Nase drehen lassen. Sie sollen den Dolmetscher machen. Sie verändern aber nicht ein einziges Wort, lassen keins weg und fügen auch keins hinzu.«

»Kommt es darauf gar so sehr an?«

»Ja. Zwar auf die Worte nicht allein. Die Hauptsache ist, daß ich seine Gesichtszüge beobachte. Ich muß wissen, bei welchem Worte sie sich verändert haben.«

Unica stand im Lagerraume. Sie hatte es nicht über sich gewinnen können, mit in den Garten zu gehen; für das Geheul des Yerno waren ihre sonst so starken Nerven doch nicht kräftig genug.

»Hat er es endlich gesagt?« fragte sie hastig.

»Ja; aber ich will mich nun überzeugen, ob er mich nicht vielleicht doch noch belogen hat. Diesem Menschen ist selbst jetzt nicht zu trauen. Bringen Sie ein Licht, und führen Sie uns zum Häuptlinge.«

»Den wollen Sie auch fragen?«

»Fragen und beobachten. Das letztere ist die Hauptsache.«

Sie nahm das Licht in die Hand, um uns zu leuchten, und öffnete die Thüre. Wir traten in den Raum, in welchem die Fässer und zwischen ihnen die Gefangenen lagen. Dort suchten wir den Häuptling El Venenoso auf. Er war ebenso an den Händen und Füßen gefesselt wie die andern. Ich band ihm die Riemen los, so daß er sich im vollständigen Gebrauche seiner Glieder befand, und sagte zu Pena:

»Jetzt sagen Sie ihm alles, was ich Ihnen vorspreche, aber möglichst wörtlich, wie ich Ihnen bereits


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bemerkte. Und die Uebersetzung jeden Wortes, welches ich betone, betonen Sie ebenso. Also zunächst: Der Häuptling der Mbocovis, welcher sich Venenoso nennt, ist als ein sehr tapferer Mann bekannt.«

Venenoso war, obgleich ich ihn von den Fesseln befreit hatte, in derselben Stellung liegen geblieben, die er vorher eingenommen hatte. Er schien den Stummen spielen zu wollen. Als Pena ihm die wenigen Worte in langsamer Weise sagte, mochte er doch über diese Art der Einleitung erfreut sein, denn er wendete uns das Gesicht zu, antwortete aber kein Wort. Ich diktierte weiter:

»Und der Häuptling der Mbocovis ist auch ein reicher Mann.«

Das dünkte ihm für seine gegenwärtige Lage so fremdartig, daß er sich aufsetzte, ohne aber ein Wort hören zu lassen. Weiter:

»Da es ein so tapferer und reicher Krieger ist, mit dem ich sprechen will, so habe ich ihm dadurch meine Achtung zeigen wollen, daß ich ihn losgebunden habe. Nun schickt es sich für ihn, daß er sich erhebt und sich in seiner ganzen Gestalt sehen läßt.«

Sofort sprang er auf. Ich nahm Unica bei der Hand und stellte sie so, daß der Schein ihres Lichtes voll auf sein Gesicht fiel.

»Der Häuptling ist ein reicher Mann, weil er Weiße raubt und sich Lösegeld für sie bezahlen läßt,« mußte Pena sagen. »Die Geldgier aber ist ein Feind der Tapferkeit. Sie verdunkelt die Augen, schwächt das Gehör und trübt den Verstand. Darum hat der Tapfere sich von uns überlisten lassen.«

Er kreuzte die Arme über die Brust, blitzte mich mit einem zornigen Blicke an und schwieg noch immer.


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»Die Geldgier scheint den Häuptling auch stumm gemacht zu haben. Oder wagt er nicht zu sprechen, weil er Angst vor uns hat?«

»Ich fürchte mich nicht,« antwortete er nun.

»Auch den Tod nicht?«

»Nein. Alle Menschen müssen sterben!«

»Aber man stirbt nicht gern eines grausamen Todes.«

»Wollt ihr uns martern?«

»Ja.«

Die Indianer Südamerikas sind bei weitem nicht so unempfindlich gegen Schmerzen, wie diejenigen der Vereinigten Staaten. Das zeigte sich hier, denn Venenoso antwortete schnell:

»Thut es nicht!«

»Ihr hattet uns aber Schlimmes zugedacht.«

»Nein!«

»Lüge nicht! Ihr wolltet uns alle töten! Der Yerno hat es uns ja gesagt, als er uns für Verbündete hielt.«

»So hat er gelogen!«

»Ich habe mich geirrt. Ich hielt den Häuptling für einen tapfern Mann. Jetzt aber höre ich, daß er aus Angst lügt und die Unwahrheit einem andern aufbürdet. Ich werde ihn also verachten müssen. Auch habe ich gehört, daß er nicht selbst gegen die Weißen kämpft, sondern sie durch andere überfallen und zu sich bringen läßt. Das ist feig. Ueberdies ist er auch ein Lügner!«

»Ich lüge nicht!«

»O doch!«

»Beweise es mir!«

»Du hast gesagt, daß Sennor Homo im Keller von Nuestro Sennor Jesu-Cristo de la floresta virgen stecke.«

»Das ist auch wahr!«


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»Nein; es ist Lüge. Wir wissen, wo er sich befindet. Ihr habt von dem alten Desierto ein Lösegeld für ihn fordern wollen; falls aber der geplante Ueberfall gelungen wäre, hättet ihr das ganze Eigentum des Alten in eure Hände bekommen und Sennor Homo dann getötet. Kannst du das leugnen?«

Er senkte den Blick und antwortete nicht.

»Wie viel Lösegeld willst du für ihn haben?«

Er sah sofort wieder zu mir auf. Sein Blick war ein hoffnungsvoll forschender. Wenn ich ein Lösegeld anbot, so konnte seine Lage doch wohl kaum eine lebensgefährliche sein.

»So biete!« sagte er.

»Ich biete nicht. Du hast zu verlangen.«

»Der Desierto ist reich und hat Sennor Homo lieb; er kann viel geben!«

»Du giebst also zu, daß der Sennor sich bei euch befindet. Also, sage, was forderst du?«

Er verlangte eine Summe, welche nach unserm Gelde vielleicht zwanzigtausend Mark betrug. Ich zeigte ihm ein frohes Lächeln und sagte:

»Ich glaubte, du würdest mehr verlangen.«

»So bist du zufrieden mit dem Preise?«

»Sehr gern, wenn wir einig werden.«

»Wir sind ja einig. Ich habe ihn verlangt, und dir ist er nicht zu hoch.«

»Allerdings. Aber du vergissest, daß auch du gefangen bist mit deinen Leuten. Wir wollen euch nicht töten, sondern werden euch gestatten, euch loszukaufen.«

Er erschrak abermals und rief schnell aus:

»Loskaufen? Das ist doch noch nie dagewesen, daß ein Indianer gefangen wurde, um sich loskaufen zu müssen!«


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»Das gebe ich zu. Auch ich habe euch nicht ergriffen, um Geld zu verdienen; aber da du für deinen Gefangenen Bezahlung verlangst, so thun wir ganz dasselbe.«

»Wie viel wollt ihr haben?«

»Ungefähr so viel wie du.«

»Wie meinst du das?«

»Sennor Horno ist kein Häuptling, sondern ein ganz gewöhnlicher Mann. Darum bin ich überzeugt, daß jeder deiner Krieger ebensoviel wert ist wie er.«

Venenoso stieß einen unartikulierten Ruf aus. Ich fuhr fort:

»Du wirst also für jeden Roten so viel bezahlen, wie wir für den Sennor bezahlen sollen. Du als Häuptling bist wenigstens zehnmal mehr wert als ein gewöhnlicher Mann und wirst also den zehnfachen Preis zahlen müssen.«

»Das ist zu viel!«

»Nein, denn du selbst hast diesen Preis bestimmt.«

»Aber wir haben nicht so viel Geld!«

»So habt ihr Tiere und Waren.«

»Aber nicht so viel!«

»O doch! Ich habe dir gesagt, daß du ein reicher Mann bist, und du hast kein Wort dagegen gesagt. Nun ich meine Forderung nach diesem Maßstabe stelle, kommt deine Entgegnung zu spät.«

»Wenn du wirklich so viel forderst, können wir uns nicht loskaufen. Was werdet ihr da mit uns machen?«

»