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Fünftes Kapitel. Der Pampero.

Wenn ich geglaubt hatte, unsern Verfolgern glücklich entgangen zu sein, so war dies nur meine Meinung gewesen, denn meine Gefährten hielten es für leicht möglich, daß wir ihnen noch in die Hände fallen könnten. Wir bemerkten, daß die Truppen bemüht waren, das ganze rechte Flußufer zu alarmieren, aber die Krümmungen des Flusses und der Fall desselben waren uns so günstig, daß unser Floß schneller schwamm, als sie reiten konnten, und so kam es, daß meine Begleiter sich schon nach einigen Stunden beruhigten und sicher fühlten.

Major Cadera war wütend; wir aber lachten über seinen Grimm und setzten ihn gegen Mittag auf einer der schwimmenden Inseln aus, welche der Fluß so zahlreich mit sich führt. Mochte er sehen, wie er mit ihr das Ufer erreichte. Kurze Zeit später legten wir an das linke Ufer an, um den Estanziero und seinen Sohn mit ihren Pferden dort abzusetzen, weil beide nach Hause wollten. Nach einem herzlichen Dank und Abschied ritten sie mit dem freundlichen Wunsche des Wiedersehens davon.

Nach glücklicher Fahrt brachte uns das Floß nach Buenos Ayres, wo die Flößer den ausbedungenen Lohn und auch noch etwas mehr erhielten. Der Rittmeister verabschiedete sich da mit dankenden Worten, welche ganz gewiß aufrichtig waren. Wir hielten natürlich an unserm ursprünglichen Plane, nach dem Gran Chaco zu gehen,


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fest, und Turnerstick redete mir so lange zu, ihn und den Steuermann, seinen Liebling, mitzunehmen, bis ich meine Einwilligung gab. Einige Tage genügten für ihn, in Beziehung auf sein Schiff die nötigen Dispositionen zu treffen, dann waren wir reisefertig.

Da es geraten und vorteilhaft war, von Buenos Ayres bis hinauf nach Corrientes das Dampfschiff zu benutzen, so verkauften meine Gefährten ihre Pferde, ich aber behielt meinen Braunen, denn ich durfte nicht hoffen, sogleich wieder ein so vortreffliches Tier zu finden. Freilich wurden mir wegen des Pferdes einige Schwierigkeiten gemacht, doch ließ der Kapitän des Dampfers endlich mit sich sprechen. Der Braune kam zwischen Ballen, Kisten und Fässern zu stehen, welche auf dem Vorderdecke untergebracht waren. Er befand sich wie in einem kleinen Stalle, nur daß er kein Dach über sich hatte.

Der La Plata bildet nach dem Amazonas das größte Stromsystem Südamerikas. Er wird durch den Zusammenfluß des Uruguay mit dem Parana gebildet und muß als die breiteste Flußmündung der Erde bezeichnet werden. Sie ist unmittelbar nach der Vereinigung der beiden Flüsse 40 Kilometer breit. Bei Montevideo erreicht sie eine Breite von 105 und an der Oeffnung sogar von 220 Kilometer. Diese 220 Kilometer breite Mündung hat ein schlammig gelbes Wasser, welches noch 130 Kilometer weit in der See draußen sich vom Meerwasser unterscheiden läßt.

Die Tiefe des Parana beträgt da, wo er den La Plata bilden hilft, dreißig Meter. Entsprechend ist seine Breite. Er ist unbedingt der größte südamerikanische Fluß, bildet aber nicht einen geschlossenen Stromlauf, sondern teilt sich oft in mehrere Arme und bildet Inseln, welche zuweilen von bedeutender Größe sind. Er ist


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äußerst fischreich, obgleich man seines schmutzigen Wassers wegen nur selten sich eine Flosse bewegen sieht.

Wir hatten außer in Rosario noch einigemale angelegt, doch hatte ich das Schiff nicht verlassen, da ich an Bord bleiben wollte, so lange wir an der Provinz Entre Rios vorüber kamen. Wir hätten leicht einem begegnen können, welcher uns bei Jordan gesehen hatte, und dann waren wir unsers Lebens wohl kaum sicher. Sogar Santa Fé und Parana hatte ich mir nicht angesehen, denn gerade an diesen beiden Orten war eine solche Begegnung am meisten zu erwarten. Erst als wir diese beiden Städte hinter uns hatten, fühlten wir uns leidlich sicher. Wir kamen weiter an Puerto Antonio und La Paz vorüber und steuerten auf den Einfluß des Rio Guayquiaro zu, welcher von Osten in den Parana mündet.

Es war ein außerordentlich reges Leben an Bord. Leute aus allen Provinzen befanden sich da, sogar Indianer mit ihren Frauen, welche aber keineswegs den Eindruck machten, welchen ich von den Sioux, Apatschen und Comantschen mitgenommen hatte. Sie sahen verkommen, unselbständig und gedrückt aus.

Die Weißen hatten alle ein sehr kriegerisches Aussehen. Sie wußten, daß die Provinz Entre Rios den Aufstand plante, und unter solchen Verhältnissen konnte man sich selbst auf dem Schiffe nicht sicher heißen. Darum hatte ein jeder so viele Waffen, als er besaß, an sich gehängt.

Unter den Indianern fiel mir ein junger Mann auf, der sehr vorteilhaft von den andern abstach. Er war keineswegs schöner als die übrigen Roten, auch nicht besser gekleidet, aber er hatte eine, wie mir schien, kranke Begleiterin bei Sich, für welche er eine außerordentliche Sorgfalt an den Tag legte. Sie war alt und schien


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seine Mutter zu sein, aber Liebe zur Mutter ist bei diesen Leuten eine Seltenheit. Das Weib ist für die Arbeit da; sie wird weder als Frau, noch als Mutter geachtet Beide waren sehr ärmlich gekleidet. Der Indianer hatte nichts als ein Hemd, eine kurze Hose, ein Paar alte Schuhe und ein Messer, welches in dem Stricke steckte, den er um den Leib gebunden hatte. Sein Auge zeigte mehr Intelligenz, als man bei diesen Leuten zu finden gewohnt ist. Vielleicht aber war es sein liebevoller, besorgter Blick, welcher mich zu dieser Annahme verführte.

Und noch ein anderer war es, welcher meine Aufmerksamkeit erregte, kein Indianer, sondern ein Weißer, welcher in allem das gerade Gegenteil von dem ersteren war.

Er saß auf dem Hinterdecke in der Nähe des Steuermannes und hatte seinen Platz so gewählt, daß er das ganze Deck überblicken konnte, ohne selbst viel bemerkt oder gar belästigt zu werden. Es war, als ob er sich Mühe gebe, so wenig wie möglich Aufmerksamkeit zu erregen. Gekleidet war er sehr fein und nach französischem Schnitte. Den Bart trug er nach der hiesigen Mode. Seine Züge, sein dunkles, scharf blickendes Auge ließen auf ungewöhnliche Intelligenz und Willenskraft schließen. Die sonnverbrannte Farbe seines Gesichtes gab nicht zu, ihn für einen Salonhelden zu halten. Seine sitzende, zusammengebeugte Haltung erlaubte nicht, seine Gestalt zu beurteilen, doch war es mir, als ob ich in ihm einen Militär, einen Offizier, und zwar nicht einen subalternen erkennen müsse. Nicht weit von ihm saß ein Neger, welcher wohl sein Diener war, denn er hielt das Auge fast unausgesetzt mit einer zugleich liebe- und respektvollen Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet, um jeden Wunsch oder Befehl des Herrn sogleich zu erraten. Beide


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waren in Rosario an Bord gekommen und hatten sich gleich von da an abseits der andern Passagiere gehalten.

Kapitän Frick Turnerstick hatte schon in der ersten Viertelstunde unserer Fahrt die Bekanntschaft des Schiffsführers gemacht und war fast stets an der Seite desselben zu sehen. Er hielt immer Vortrag, und der andere hörte ihm schweigend und oft lächelnd zu. Hans Larsen, unser ruhiger Steuermann, hatte mit niemand auch nur ein einziges, überflüssiges Wort gesprochen. Er saß schweigsam zwischen den Kisten und andern Gepäckstücken und betrachtete die Scenerie, welche ihm das Deck und der Fluß mit seinen Ufern bot. Bruder Hilario hielt sich zu mir. Die Yerbateros aber schwärmten überall herum und machten mit aller Welt Bekanntschaft, wie das die Art und Weise dieser Leute ist.

Eine Fahrt auf dem Parana ist allerdings sehr verschieden von einer solchen auf dem Rheine, der Donau oder Elbe. Die menschliche Staffage auch abgerechnet, bietet der Strom mit seinen Ufern und Inseln ein stets wechselndes Panorama, besonders interessant durch einen Pflanzenwuchs, welcher desto tropischer wird, je weiter man nach Norden kommt. Die Ufer steigen zu beiden Seiten ziemlich steil empor, eine Bildung, welche man hierzulande >Barranca< nennt. Sie sind von grauer Farbe und fast immer mehr als zwanzig bis dreißig Ellen hoch und bestehen aus zwei durch eine fortlaufende Linie von versteinerten Muscheln getrennten Lagerungen von Kalkstein und Tosca, unter welch letzterem Namen man einen harten, aber doch zu verarbeitenden Lehm versteht.

Diese Barrancas sind teils kahl, teils mit dichtem Strauchwerk besetzt, zwischen welchem je nördlicher desto öfter die hier auftretenden Palmenarten zu bemerken sind. Zuweilen werden diese Ufersteilungen durch einen


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Einschnitt unterbrochen, welchen ein Bach oder ein kleines Flüßchen sich ausgewaschen hat.

Man darf aber nicht meinen, daß die Ufer stets zu sehen seien. Die Breite des Stromes und der Reichtum der zwischen seinen Armen liegenden Inseln verhindert das. Das Schiff fährt stets auf einem dieser Arme, welche langgestreckte Kanäle bilden, die ihr Fahrwasser während der Zeit der Regen und Ueberschwemmungen so verändern, daß die Schiffahrt den Kurs sehr oft zu wechseln hat.

Wir waren übereingekommen, nur bis Goya zu fahren, und von dort aus in den Gran Chaco einzudringen. Für diese über siebenhundert Seemeilen lange Strecke hatte ich in erster Kajüte nach deutschem Gelde nicht ganz hundert Mark bezahlt, welcher Preis sich einschließlich sehr guter Beköstigung und sogar des Weines versteht. Die Yerbateros fuhren als Passagiere niederer Klasse wohl halb so billig. Ueberhaupt schien man es in diesem Punkte nicht allzu genau zu nehmen. Ich sah Indianerinnen an Bord kommen, welche trotz ihrer Erklärung, daß sie arm seien und kein Geld hätten, doch einen Platz erhielten und mitgenommen wurden.

Gegessen wurde gewöhnlich auf dem Deck. Dann versammelten sich um die Tafel die Indianer und Indianerinnen und erhielten so viel Speisereste zugereicht, daß auch sie satt wurden. Des Nachts lagen die Leute oben, wie und wo es ihnen beliebte. Wenn man da einen Gang unternahm, mußte man sehr aufpassen, nicht über den einen oder andern Schlafenden hinweg zu stürzen.

Da alle Welt mit Waffen versehen war und es keine Jagdeinschränkungen gab, so hörte man vom Morgen bis zum Abend die Gewehre knallen. Es wurde auf alles mögliche geschossen, und Tiere, auf welche man zielen


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konnte, gab es mehr als genug. Da ist zuerst das Wassergeflügel zu nennen, welches in großer Menge vorhanden war. Am häufigsten ließ sich der Cuervo sehen, eine schwarz gefärbte Scharbenart. Er ist wegen seiner eigentümlichen Manieren für den Reisenden sehr interessant. Er sitzt in Trupps beisammen, auf kleinen Inseln, schwimmenden Gegenständen oder Baumstümpfen und Aesten, welche an seichten Stellen aus dem Wasser ragen. Wird er aufgeschreckt, so stürzt er sich in urkomischer Weise in das Wasser und schwimmt davon; der Körper ist dabei untergetaucht, so daß nur der Kopf und ein Teil des Halses zu sehen sind. Das eifrige Nicken und ängstliche Verdrehen dieser Köpfe muß selbst den Ernstesten zum Lachen reizen.

Scheuer als der Cuervo sind die Enten, welche man oft zu Hunderten beisammen sieht, ohne aber leicht zum sichern Schusse zu kommen. Die schönste unter ihnen ist der Pato real mit seinem grün metallisch schimmernden Gefieder. Neben der Bandurria, einer Schnepfenart, sieht man Möwen und Seeschwalben, auch den weißen und schwarzhalsigen Schwan. An den Lagunen oder auf niedrigen Inseln steht der Storch, hier Tujuju genannt, und im Schilfe der Sümpfe sucht sowohl der weiße als auch der Löffelreiher fleißig nach Beute.

Auch Wasserschweine und Nutrias sahen wir oft. Dieser letztere Name bedeutet eigentlich Fischotter, doch wird hier eine große Rattenart so genannt, während man den eigentlichen Fischotter mit dem Worte Lobo bezeichnet, welches richtiger >Wolf< bedeutet.

Zuweilen, besonders am frühen Morgen, sieht man einen Jaguar am Ufer schleichen, um sich ein Wasserschwein zu holen, dessen Fleisch er demjenigen anderer Tiere vorzuziehen scheint.


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Am eifrigsten schoß man auf Alligatoren, hier Jacaré genannt. Sie liegen an sandigen Stellen, welche nicht steil, sondern flach zum Ufer gehen, und sind nicht leicht aus ihrem Gleichmute zu bringen. Schlägt auch ein halbes Dutzend Kugeln in der Nähe einer solchen häßlichen Reptilie ein, so rührt sie sich darum doch nicht im mindesten. Erst wenn eine oder mehrere Kugeln direkt auf den harten Panzer prallen, bequemt sich das Tier, seinen Platz zu verlassen und in das Wasser zu gehen, aus welchem es im Schwimmen gewöhnlich die Hälfte des Kopfes streckt. Die Schüsse waren alle verloren, denn nur diejenige Kugel, welche die Weichteile trifft, die aber durch den Panzer geschützt liegen, kann das Tier verletzen.

Durch eines dieser Tiere knüpfte sich eine Art schweigender Bekanntschaft zwischen mir und dem vorhin erwähnten Passagier an. Er hatte sich nicht an der Jagd beteiligt, doch wenn auf Krokodile geschossen wurde, so stand er auf, um den Erfolg zu beobachten. Er kehrte dann immer mit einem verächtlichen Kopfschütteln an seinen Platz zurück.

Wir näherten uns einer niedrigen Stelle des Ufers, auf welcher zahlreiche Jacarés lagen. Das schien endlich seine Jagdlust zu erwecken. Ich stand zufällig ganz in seiner Nähe und hörte, daß er von dem Neger sein Gewehr verlangte. Vielleicht hatte er die Absicht, zu beweisen, daß es ihm ein leichtes sei, einen Alligator zu erlegen. Er trat mit dem Gewehre an die Brüstung des Deckes und gab auf eines der Tiere die zwei Schüsse ab. Die erste Kugel ging fehl; man sah, daß sie sich in den Sand wühlte; die zweite Kugel traf die Bestie gerade auf den Rücken. Das Tier hob den Kopf ein wenig empor, ließ ihn wieder sinken und - blieb ruhig


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liegen, als ob nur eine Erbse auf seinen Körper gefallen sei.

War die Miene des Schützen erst ziemlich siegesgewiß gewesen, so legte sie sich jetzt in den Ausdruck zorniger Enttäuschung. Er warf mir einen kurzen Blick zu, als ob er sich schäme, und gab dem Diener das Gewehr zurück.

»Soll ich laden?« fragte der Schwarze.

»Nein. Die Alligatoren sind unverwundbar,« antwortete er, indem er sich wieder niedersetzte.

»In dieser Stellung, wenn sie auf dem Bauche liegen, kann man sie freilich wohl kaum erlegen,« sagte der Frater, welcher die Worte auch gehört hatte, zu mir.

»Warum nicht?« fragte ich.

»Wo sollte man die Kugel anbringen?«

Am Auge.«

»Unmöglich! Ich schieße doch auch gut.«

»Man braucht nicht genau das Auge zu treffen. Es giebt über den Augen eine Stelle, an welcher der Knochen nur dünn ist, so daß eine Kugel durchdringt.«

»Und diese Stelle glauben Sie zu treffen?«

»Gewiß. Ich hoffe sogar, die Kugel genau ins Auge zu bringen.«

»Das möchte ich sehen! Bitte, wollen Sie?«

»Wenn Sie wünschen, gern, lieber Bruder. Bestimmen Sie mir das Tier, auf welches ich schießen soll!«

Bei diesen Worten nahm ich meine Büchse zur Hand, auf welche ich mich verlassen konnte. Ich hatte mit derselben schon andere Schüsse thun müssen, als so einen Bestienschuß, Schüsse, bei denen es sich um das Leben handelte. Die erwähnte Stelle lag bereits hinter uns. Wir mußten warten, bis wir wieder einen Jacaré sahen. Der Passagier betrachtete mich mit neugierigem Blicke;


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ich zeigte das gleichgültigste Gesicht. Nach einiger Zeit sahen wir zwei der Tiere am flachen Ufer hegen. Sie waren vielleicht zwanzig Schritte voneinander entfernt, beide aber kaum halb so weit vom Wasser.

»Nun jetzt?« fragte der Bruder.

»Ja,« antwortete ich. »Passen Sie genau auf!«

Ich trat an den Bord und nahm das Gewehr halb auf. Der Fremde folgte mir, mit dem Ausdrucke großer Spannung im Gesichte, was eigentlich gar nicht begründet war, denn ein Krokodil zu schießen ist für einen Westmann kein Meisterstück.

Die beiden Tiere lagen halb im Profil zu dem Schiffe, die beste Stellung für einen sichern Schuß. Es gab noch einige andere, welche auch auf sie schießen wollten; aber der entfernt stehende Yerbatero sah, daß ich das Gewehr in der Hand hatte, und rief ihnen zu:

»Schießen Sie nicht, Sennores! Dort steht einer, der Ihnen zeigen wird, wie man treffen muß.«

Aller Blicke richteten sich auf mich, was mir gar nicht lieb war, denn wenn die beiden Patronen, die ich geladen hatte, nicht ganz fehlerfrei gearbeitet waren, so schoß ich fehl und war blamiert.

Jetzt war das Schiff so weit heran, daß der gegenwärtige Augenblick der geeignetste war. Ich warf nach Westmannsart das Gewehr an die Wange und drückte zweimal ab, scheinbar ohne genau gezielt zu haben, aber eben nur scheinbar. Der Prairiejäger drückt noch, bevor er das Gewehr aufnimmt, das linke Auge zu, um das Ziel zu visieren. Durch lange Uebung hat er die Geschicklichkeit erlangt, den Lauf sofort in die Sehachse zu bringen, ohne lange probieren zu müssen. In demselben Augenblicke, in welchem das Gewehr seine Wange berührt, liegt auch schon das Korn in der Kimme, und der Schuß


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kann abgegeben werden. Die ganze Kunst liegt eben nur darin, den Lauf sofort in die Sehachse zu werfen. Das erspart das lange Suchen und Visieren, durch welches der linke Arm ermüdet und wohl gar ins Zittern kommt. Der angehende Westmann steht stundenlang, um sich mit dem ungeladenene Gewehr einzuüben. Er wirft, indem er das linke Auge geschlossen und das rechte scharf auf das Ziel gerichtet hält, das Gewehr mit schnellem Rucke auf und nieder, bis er die Fertigkeit erlangt, den Lauf sofort auf das Ziel und das Korn in die Kimme zu bringen. Viele bringen es nie zu dieser Gewandtheit und sind dann schlechte Jäger, da oft das Leben davon abhängt, der erste am Schusse zu sein.

Für andere freilich erscheint es unbegreiflich, daß jemand, ohne langsam anzulegen und scheinbar ohne sorgfältig zu zielen, das Gewehr geradezu emporwirft, augenblicklich abdrückt und - einen Nagel durch das Schwarze treibt. Die Schnelligkeit, mit welcher das geschieht, ist verblüffend, aber eben weiter nichts als das erklärliche Resultat einer langen und unermüdeten Uebung.

So war es auch jetzt. Das Gewehr aufnehmen, zweimal abdrücken und es wieder sinken lassen, das war in einer Sekunde geschehen. Der erste Kaiman fuhr empor, that mit dem Schwanze einen Schlag und sank dann wieder nieder. Der zweite schoß vier oder fünf Schritte vorwärts, blieb dann halten, richtete den Kopf auf, sank auf die Seite, dann auf den Rücken und blieb so bewegungslos liegen. Beide waren tot. Lauter Beifall erscholl.

»Zwei außerordentliche und meisterhafte Schüsse!« rief der Fremde. »Oder waren sie Zufall?«

»Nein, Sennor. Sie waren kinderleicht,« antwortete ich.


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Er warf mir unter den hoch emporgezogenen Brauen hervor einen erstaunten Blick zu, zog den Hut, machte mir eine tiefe, höfliche Verbeugung und kehrte auf seinen Sitz zurück. Von da an bemerkte ich, daß er mir und allem, was ich that, eine nicht ganz zu verbergende Aufmerksamkeit schenkte. Ich gab dem Yerbatero den Auftrag, sich unter der Hand zu erkundigen, wer er sei. Dieser gab sich alle mögliche Mühe und brachte mir endlich den Bescheid, daß niemand außer dem Kapitän ihn kenne; dieser aber habe seinen Namen nicht nennen wollen und nur angedeutet, daß der Sennor ein Oficialo nombrado (* Berühmter Offizier.) sei, der ihm Schweigen anbefohlen habe. Natürlich war diese Auskunft nur geeignet, meine Neugierde zu vergrößern.

So waren wir also bis in die Nähe des Rio Guayquiaro gekommen. Das Wetter hatte uns bisher begünstigt, jetzt aber schien es dessen müde zu sein. Der südliche Horizont nahm eine schmutzig gelbe Färbung an, und die hohen Halme des Schilfes, die Zweige der Büsche begannen sich zu bewegen. Der Kapitän wendete den Blick wiederholt nach Mittag. Sein Gesicht verfinsterte sich. Dann kam Frick Turnerstick zu mir und sagte:

»Sir, der Capt'n glaubt, daß ein Pampero im Anzuge sei. Er macht dabei ein Gesicht wie ein Teifun. Ist denn so ein Pampalüftchen so gefährlich? Wir befinden uns doch nicht auf hoher See!«

»Eben darum ist Grund zur Sorge vorhanden. Auf hoher See ist, wenn weder Land noch Riffe in der Nähe sind, ein Sturm nicht sehr zu fürchten. Hier aber kann er uns ans Ufer oder auf eine der Inseln werfen.«

»So mag der Capt'n doch vor Anker gehen und warten, bis die Prise wieder eingeschlafen ist!«


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»Das ist leicht gesagt, Sir. Zum Ankern gehört ein geeigneter Platz, und selbst wenn dieser gefunden ist, reitet das Schiff vor dem Sturm leicht so lange auf der Kette, bis es sich losreißt und zu Lande geht.«

»Das kann ich mir nicht denken.«

»Weil Ihr noch keinen Pampero erlebt habt.«

»Na, er mag kommen, dieser Master Pampero. Man wird ja sehen, ob er Zähne hat.«

»Wollen nicht hoffen, daß wir zwischen sie geraten!«

So wenig Zeit dieses kurze Gespräch in Anspruch genommen, hatte sich doch der Himmel während desselben stark verändert. Es war, als ob es schnell Nacht werden wolle, und ein starker aber unhörbarer Luftstrom bog die Pflanzen tief zum Boden nieder.

Ich ging nach dem Vorderdeck, um nach meinem Pferde zu sehen und es fester anzubinden. Eben rief der Kapitän mit lauter Stimme:

»Der Pampero kommt. Er wird nicht ein trockener, sondern ein nasser sein. Eilen Sie unter das Deck, Sennores!«

Die Schiffsbediensteten rannten hin und her, um alles gehörig zu befestigen. Ich zog mein Pferd zwischen den Kisten und Ballen, durch deren etwaigen Zusammensturz es scheu gemacht werden konnte, hervor und führte es, ohne zu fragen, ob dies erlaubt sei, nach der Mitte des Schiffes unter die dort ausgespannte Sonnenleinwand, wo ich es an einen im Boden angebrachten eisernen Ring band.

Als ich unter diesem Zeltdache hervortrat, war der Himmel rundum schwarz geworden, und der heranheulende Sturm überschüttete mich mit einer sehr großen Menge von Staub, Sand und Schmutz. Der bisher glatte Spiegel des Flusses wurde tief aufgewühlt und schickte seine


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schäumenden Wogenkämme hoch an dem Buge des Dampfers empor. Der Kapitän klammerte sich mit aller Gewalt an das eiserne Geländer der Kommandobrücke. Vier Männer standen am Steuer, dessen Rad sie kaum halten konnten. Ich wurde fast zu Boden geworfen. Ein Ruck - die Zeltleinwand wurde losgerissen und fortgefegt. Mein Pferd wollte sich losreißen und schlug hinten aus. Ich rollte den Lasso auf, warf ihn dem Tiere um die Hinterfüße und zog ihn dort zusammen, so daß es niederstürzte; dann band ich das andere Ende um die Vorderbeine; der Braune konnte also nicht auf und keinen Schaden anrichten. Und nun war es auch schon vollständig Nacht um uns. Haselnußgroße Regentropfen fielen, erst einzeln, dann aber in geschlossener Masse, als ob ein See herniederstürze.

»An die Glocke! Läuten, läuten, ohne Unterbrechung läuten!«

So rief der Kapitän mit einer Stimme, welche im Heulen des Sturmes kaum gehört werden konnte. Ich vernahm den Klang der Glocke dann leise, wie aus weiter Ferne, und mußte nun bedacht sein, unter Deck zu kommen. Es war bei dieser geradezu dicken Finsternis und der Gewalt des Orkanes nicht leicht, die Treppe zu erreichen. Dort traf ich auch Turnerstick, welcher in seinem seemännischen Stolze dem >Lüftchen< hatte trotzen wollen, nun aber von demselben auch hinabgetrieben wurde.

»All devils!« sagte er, als wir unten ankamen. »Das hätte ich nicht gedacht. Da ist ja rein die Hölle offen!«

Er mußte die Worte brüllen, damit ich sie verstehen konnte. Ich antwortete nicht. Und wie sah es da unten aus! Wo gab es da einen Unterschied zwischen Passagieren erster und zweiter Klasse! Da stand, saß, lag und fiel


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alles bunt durch- und übereinander. Das Schiff stampfte und schlingerte so, daß nur kräftige Männer sich aufrecht halten konnten. Wer seine Stütze nur für einen Augenblick losließ, der kollerte sicher über den Boden hin. Jemand war auf die gute Idee gekommen, die Hängelampen anzubrennen. Das Licht derselben beleuchtete eine bunte, tolle Scene. Hans Larsen stand mit ausgespreizten Beinen, fest wie ein Fels im Meere. Drei Indianer und ein Weißer umklammerten ihn. Da kollerte ihnen der Neger des Offiziers zwischen die Beine, und aus war es mit dem Halt - die schöne Gruppe fiel nieder und wälzte sich bis dahin, wo es nicht mehr weiter ging.

Die kranke, alte Indianerin lag neben der Treppe in der Ecke. Ihr Sohn kniete bei ihr und suchte sie mit seinem Leibe zu schützen. Ich benutzte einen verhältnismäßig guten Augenblick, zog mein Messer und trieb die Klinge desselben mit dem als Hammer gebrauchten Gewehrkolben bis an das Heft in die dünne Holzwand. Indem ich mich nun an dem Messergriffe festhielt, stand ich schützend über den Beiden, bemüht, die zu uns Herankollernden mit den Füßen abzuwehren. Der Indianer dankte mir durch einen warmen Blick.

Bei den langen Wogen einer offenen See hätte die Verwirrung nicht so groß werden können. Die hohen, kurzen, scharfkantigen Wellen des Flusses aber spielten dem Schiffe so mit, daß ich mich kaum am Messer halten konnte. Ich mußte mit den Händen, welche mich schmerzten, oft wechseln.

Dazu das Heulen und Pfeifen des Sturmes; das Brausen des Regens, welcher das Deck durchschlagen zu wollen schien; das Aechzen und Stöhnen der Dampfmaschine. Wenn eine der Lampen brach und explodierte!


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Es war wirklich ganz, um angst und bang zu werden. Ein Glück, daß man unter dem Tosen der entfesselten Elemente die Stimmen der vielen Menschen nicht vernehmen konnte.

Desto deutlicher aber hörte man die Donnerschläge, wie ich sie so fürchterlich noch nie vernommen hatte. Durch die starken Scheiben der kleinen Fenster sahen wir Blitz auf Blitz herniederkommen. Aber diese Blitze bildeten nicht zuckende Linien oder Bänder, sondern sie fielen wie große, dicke Feuerklumpen herab. Es gab nur den einen Trost, daß ein so außerordentliches Wüten nicht lange anzudauern vermöge. Ich hatte schon manches Wetter über mich ergehen lassen müssen, so schlimm aber noch keines, außer einmal einen Schneesturm mit Blitz und Donner im Gebiete der Sioux.

Eben dachte ich an dieses letztere Ereignis und verglich es mit dem gegenwärtigen, als es noch viel, viel schlimmer kommen sollte. Wir erhielten nämlich alle einen Stoß, dem auch eine Riesenkraft nicht hätte widerstehen können. Selbst diejenigen, welche sich bis jetzt gehalten hatten, wurden niedergeworfen oder vielmehr niedergeschmettert. Wem die Glieder den Dienst nicht versagten, der raffte sich wieder auf. Und siehe da, es ging, denn das Schiff stampfte nicht mehr; es schien festen Halt gefunden zu haben und schlingerte nur hinten hin und her.

Aber die Freude, welche jemand darüber hätte empfinden können, wäre nur eine kurze gewesen, denn wir bemerkten, daß der Fußboden nicht mehr wagerecht blieb. Er hob sich vorn empor, und während einer Pause, welche der Sturm machte, hörte ich deutlich jenes eigenartige Geräusch, welches entsteht, wenn die Räder eines Dampfschiffes in die Luft anstatt in das Wasser greifen.

Ich hatte mich wieder emporgerichtet und hielt mich


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am Messergriffe fest. Turnerstick kam auf mich zu und brüllte mich an:

»An das Ufer gerannt!«

»Nein, sondern auf ein Fahrzeug oder Floß gerannt!« antwortete ich ihm, auch brüllend, damit er mich verstehen könne.

»Well! Könnt recht haben. Also schnell hinauf!«

Von dem Stoße, welchen wir erhalten hatten, war glücklicherweise keine der Lampen herabgeschleudert worden. Sie erleuchteten eine im Vergleich mit vorher friedlichere Scene. Da das Schiff nicht mehr stampfte, konnte man sich trotz der schiefen Lage des Bodens leichter auf den Füßen halten, und die wenigsten ahnten, welch furchtbare neue Gefahr die Krallen nach uns ausstreckte.

Turnerstick eilte fort; der Steuermann arbeitete sich durch das Gedränge nach der Treppe. Ich wollte folgen und zog mit Anstrengung aller Kräfte mein Messer aus der Wand. Ich konnte in die Lage kommen, es zu gebrauchen. Dabei fiel mein Auge auf den Indianer und seine Mutter. Ich hob die letztere auf und trug sie nach der Treppe, indem ich ihm einen Wink gab, mir zu folgen.

Droben angekommen, hatten wir einen Anblick, welcher einem die Haare zu Berge treiben konnte. Der Regen hatte wie mit einem Schlage aufgehört. Vor und über uns sah der Himmel noch schwarz aus; im Süden aber färbte er sich bereits heller. Infolgedessen begann die Finsternis zu weichen, und wir konnten sehen, wie es mit uns stand.

Das Schiff war auf ein gewaltiges Floß gefahren und hatte sich, vorn mehr und mehr sich hebend, in den Vorderteil desselben hineingearbeitet. Es stak zwischen mächtigen Baumstämmen. Die Räder hingen über Wasser, bewegten sich aber nicht mehr, da die Maschine gestoppt


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worden war. Dagegen wurde das Hinterteil so tief niedergedrückt, daß nur noch das Steuerrad aus dem Wasser hervorragte, das Rad mit den vier Männern, welche nicht von ihrem Posten wichen, obgleich die Wogen ihnen bis über die Schultern schäumten. Diese mutigen Leute boten ein Bild treuester Pflichterfüllung.

Man konnte nicht sehen, ob wir uns zwischen zwei Inseln oder zwischen einer und dem Ufer befanden. Zu beiden Seiten gab es flaches Land, welches links von uns nur mit dichtem Schilf bewachsen war, während rechts ein nackter Sandboden langsam anstieg, den ein Buschwerk begrenzte, über welches weiter oben die Wipfel von Bäumen hervorragten.

Der Sturm blies der Richtung des Flusses gerade entgegen. Seine Gewalt staute das Wasser und wühlte tiefe Wellenthäler in dasselbe, aus welchen hohe Wasserkämme aufstiegen und sich überstürzten, zu Schaum geschlagen und in Gischt zerstäubt. Der Wasserlauf, in welchem wir uns befanden, war nicht breit. Bei hellem, ruhigem Wetter konnten zwei Fahrzeuge einander ausweichen; auch ein Floß hätte an einem Dampfer vorüber gekonnt; aber bei diesem Sturme und der Finsternis, welche wir gehabt hatten, war das Unglück fast gar nicht zu vermeiden gewesen.

Die Flößer hatten zwar die Glocke läuten gehört, aber erst dann, als es zu spät gewesen war. Der Dampfer war, von dem Sturme getrieben, auf das Floß gefahren und mit dem Vorderteile auf dasselbe gehoben worden.

Glücklicherweise hatte sich beim Zusammenprall der Himmel so weit gelichtet, daß die Flößer ihre Lage überschauen konnten. Sie hatten sich geteilt gehabt. Die eine Hälfte arbeitete vorn, die andere hinten an den langen Rudern. Die ersteren hatten kaum Zeit, schnell zurück


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zu springen, so schmetterte der Dampfer auch bereits auf das erste Feld des Floßes und schob sich auf dasselbe empor. Sie rannten nach den auf dem hinteren Felde arbeitenden Ruderern zurück und halfen dieses Feld an das Ufer drängen, und zwar auf das zu unserer linken Hand liegende, welches ihnen am nächsten lag und wo sie das Floß mittels der stets bereit liegenden Seile und einiger Pfähle befestigten.

Der Kapitän hatte die Maschine stoppen lassen, aber doch zu spät. Das Vorderteil hatte sich auf die Stämme gearbeitet und saß nun fest. Das Hinterdeck stand, wie bereits erwähnt, unter Wasser. Das Rettungsboot war zu kurz gebunden gewesen und mit niedergezogen worden. Es hatte Wasser geschöpft und war gesunken.

Die starken Lianen, welche die Stämme des Floßes verbanden, rissen teilweise, und die gewaltigen Hölzer schlugen und stampften unaufhörlich gegen den Schiffskörper. Bohrten sie ein Leck, so mußte das Schiff binnen wenigen Minuten sinken. Dem Strudel, welcher dabei entstehen mußte, fielen dann gewiß zahlreiche Passagiere zum Opfer. Es war also geraten, sich so schnell wie möglich an das Land zu retten. Das aber konnte nur durch Schwimmen geschehen, da das Boot gesunken war.

Der Kapitän ließ Rückdampf geben; da aber die Räder nicht in das Wasser griffen, war das Schiff auf diese Weise nicht loszubringen. Vielleicht war es möglich, den Dampfer dadurch zu befreien, daß die Stämme, auf denen er saß, mit Hilfe von Aexten losgeschlagen wurden. Das war aber kein ungefährliches Unternehmen, da das Floß mit dem Schiffe auf und nieder getrieben wurde und am leichtesten ein Leck entstehen konnte.

Solange durften wir unmöglich warten. Hinter uns kamen die Yerbateros und der Offizier mit seinem Neger


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an Deck. Andere drängten nach. In kurzer Zeit war eine außerordentliche Verwirrung zu erwarten, welche die Rettung noch erschweren mußte.

Ich hatte die Indianerin bis zu meinem Pferde getragen, welches noch gefesselt am Boden lag und sich alle Mühe gab, loszukommen. Ich fragte ihren Sohn, ob er schwimmen könne. Er nickte zwar, gab mir jedoch durch einen Wink zu verstehen, daß er zweifle, seine Mutter bei diesem Wogengange schwimmend an das Land zu bringen. Eben band ich den Braunen los, um die Frau mit in den Sattel zu nehmen, da faßte mich der Offizier am Arme und rief mir mit aller Anstrengung zu:

»Ich komme hinüber, habe aber wichtige Papiere, welche nicht naß werden dürfen. Wollen Sie dieselben mitnehmen?«

Ich nickte. Er gab mir eine Brieftasche, welche ich unter den Hut steckte, welch letzteren ich mit dem Taschentuche auf dem Kopfe festband. Nachdem ich den Lasso mir um die Schultern gelegt und die Gewehre umgehängt hatte, stieg ich in den Sattel und nahm die Indianerin zu mir.

Es war die allerhöchste Zeit. Die Passagiere drängten in Menge nach dem Decke. Ihr Geschrei übertäubte sogar das Wüten des Sturmes. Der Frater war ins Wasser gesprungen. Die Yerbateros folgten ihm; der Offizier mit seinem Neger ebenso. Ich lenkte das Pferd nach dem Hinterdecke, bis die dasselbe überspülende Flut bis an den Sattel ging; dann trieb ich es vom Schiffe in das Wasser. Der Indianer folgte mir; er wollte an der Seite seiner Mutter sein.

Wir wurden so kräftig von den Wogen gepackt, daß der Kopf des Pferdes verschwand und sie mir bis an die Brust stiegen; doch arbeitete sich das kräftige Pferd schnell wieder in die Höhe.


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Es war ein Glück, daß der Pampero die Wogen nicht ab-, sondern aufwärts trieb, sonst wären wir fortgerissen worden bis dahin, wo das Ufer steil aus dem Wasser stieg und wir nicht landen konnten. Dennoch bedurfte es gewaltiger Anstrengung, das Land zu erreichen. Das Pferd hielt aus. Ich mußte beim Nahen jeder Sturmwelle die Indianerin emporheben, damit ihr Gesicht nicht überspült wurde.

Endlich faßte der Braune festen Boden, den die anderen Schwimmer noch nicht erreicht hatten. Ich stieg ab, legte die Indianerin auf die Erde, warf die Gewehre ab und band den Lasso wieder los. Ich warf ihn zunächst dem Bruder zu, den ich an das Land zog, dann dem Theesammler Monteso, welcher, als er am Ufer war, sich sofort auch seines Lasso bediente, um das Gleiche zu thun. So gelang es uns, nach und nach alle an das Ufer zu ziehen, wo ich dem Offiziere seine Brieftasche zurückgab, welche vollständig trocken geblieben war. Uebrigens war ich ebenso durchnäßt wie die anderen.

Indessen war es fast vollständig hell geworden. Das Schiff hing gar nicht allzuweit vom Ufer auf dem Floße und wir sahen jeden einzelnen der Passagiere, welche sich jetzt alle auf den aus dem Wasser ragenden Teil des Verdeckes gedrängt hatten. Wir hörten ihr Geschrei durch den Sturm hindurch und ersahen aus ihren Bewegungen, daß sie sich in großer Angst befanden. Das Schiff sank hinten immer tiefer. Die vier Steurer hatten sich endlich nach vorn begeben müssen, denn das Rad wurde von den Wogen vollständig überspült. Auch vorn begann es, zu sinken. Die Flößer hatten sich mit ihren Aexten auf das zweite Feld gewagt, um das erste, auf welchem das Schiff saß, loszutrennen. Die Lianen wurden durchhauen, und das Wasser riß einen Stamm nach dem andern mit


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fort, wobei es nicht zu vermeiden war, daß die mächtigen Baumriesen scharf gegen den Schiffskörper stießen.

Jetzt konnten die Räder wieder Wasser fassen. Das Schiff ging mit Rückdampf ein wenig abwärts und kam dann wieder vor, um sich am flachen Ufer festzusetzen. Es war die allerhöchste Zeit, denn es hatte sich herausgestellt, daß ein Loch in den Bug gestoßen worden war. Das Wasser drang durch dasselbe ein und begann den unteren Raum zu füllen. Das Hinterdeck war wieder emporgekommen und wurde, als die beiden Anker ausgeworfen worden waren, ebenso wie das Vorderteil durch die vorhandenen starken Staken gesteift, so daß sich das Fahrzeug nicht auf die Seite legen konnte. Dann wurde das Boot aus dem Wasser gezogen und ausgeschöpft, um die Passagiere dann, wenn die Wogen nicht mehr so hoch gingen, an das Land zu bringen.

Hätten wir gewußt, daß die Gefahr auf diese Weise bewältigt wurde, so wären wir an Bord geblieben und nicht so arg durchnäßt worden.

Von einer Weiterfahrt war keine Rede. Das Schiff konnte mit dem Lecke nicht fort und mußte bis zur Ausbesserung desselben an Ort und Stelle bleiben. Das Wasser stieg schnell bis in den Maschinenraum und löschte das Feuer aus.

Das alles war freilich nicht so schnell gegangen, wie man es zu erzählen vermag. Seit dem Zusammenstoße hatte es fast zweier Stunden bedurft, um den Dampfer in Sicherheit zu bringen. Bis dahin hatte die Wut des Sturmes leidlich abgenommen, und die Passagiere wurden nach und nach an das Land gebracht.

Dann ließ sich der Kapitän nach dem Floße rudern, um den Flößern eine Strafpredigt zu halten, welche sie aber nicht verdient hatten. Er verlangte Schadenersatz,


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sie aber auch, da die Lösung des Dampfers ihnen ein ganzes Feld des Floßes gekostet hatte. Er warf ihnen vor, daß sie nicht auf seine Warnungsglocke geachtet hätten. Sie aber bewiesen ihm, daß er sich von dem Sturme in einen Arm des Flusses hatte treiben lassen, welcher ausschließlich von Flößen befahren werden sollte. Er mußte das schließlich zugeben und die Leute an die Kompagnie verweisen, welche die Besitzerin seines Dampfers war.

Was sollten wir nun thun?

In dem scharfen Winde trockneten unsere Anzüge außerordentlich schnell. Unterhalb des Gürtels hatte das Wasser bei mir aber nicht eindringen können; doch gehörte eine feste Gesundheit dazu, ohne Erkältung davonzukommen.

Sonderbarerweise hatte das Wasserbad auf die erkrankte Indianerin sehr günstig gewirkt. Ihr hemdartiges Gewand war sehr schnell trocken, und sie behauptete, sich wieder ganz wohl zu fühlen.

Der Kapitän sagte uns, daß wir erst übermorgen einen aufwärtsgehenden Dampfer zu erwarten hätten, mit welchem wir die Fahrt fortsetzen könnten. Er riet uns, mit Hilfe des Buschwerkes und Schilfes Hütten zu bauen und war dazu bereit, alle auf dem Schiffe vorhandenen Bequemlichkeiten an das Land schaffen zu lassen. Auch glaubte er, daß der Proviant bis dahin reichen werde. Wir stimmten ein, da es voraussichtlich keine andere und bessere Unterkunft für uns gab.

Indessen kam der Indianer, welcher mir für die Hilfe, die ich seiner Mutter geleistet hatte, eine große Dankbarkeit widmete, zu mir und sagte:

»Sennor, wenn Sie nicht hier bleiben wollen, wo Sie es vor den Mosquitos nicht aushalten können, wenn


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der Sturm sich gelegt haben wird, so könnte ich Sie an einen bessern Ort bringen.«

»Wo ist das?«

»Es giebt in der Nähe einen Rancho, auf welchem ich gedient habe. Der Besitzer ist auch ein Indianer und ein entfernter Verwandter von mir. Er heißt Sennor Antonio Gomarra und würde Sie mit Freuden bei sich aufnehmen.«

»Wie weit ist es von hier?«

»Zu gehen hat man drei Stunden, während man zu Pferde den Weg in nicht viel mehr als einer Stunde machen kann.«

»Ich werde Ihr Anerbieten wohl nicht annehmen können, da ich mich nicht von meinen Gefährten trennen kann.«

»Die können ja mit!«

»Es sind aber neun Mann außer mir!«

»Das sind nicht zu viel, nur möchte ich dem Ranchero nicht zumuten, sämtliche Passagiere bei sich aufzunehmen. Darum werde ich Ihnen die Bitte ans Herz legen, zu verschweigen, wohin Sie gehen.«

Das Anerbieten war mir nicht unwillkommen. Auf dem Rancho wohnte und schlief es sich jedenfalls besser, als hier am Flußufer. Dort konnten wir auch des Schadens, den wir doch vom Wasser davongetragen hatten, leichter Herr werden. Ich stellte also meinen Gefährten die Sache vor, und sie zeigten sich gern bereit, auf das Anerbieten des Indianers einzugehen.

Vom Kapitän erfuhren wir, daß das Schiff vor übermorgen mittag nicht zu erwarten sei, also konnten wir bis früh auf dem Rancho bleiben, ohne zu befürchten, die Fahrgelegenheit zu versäumen. Wir sagten denen, die uns fragten, daß wir lieber landeinwärts nach einem


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Unterkommen suchen wollten, und standen eben im Begriff, uns auf den Weg zu machen, als der Offizier mich um einige Worte bat.

Er hatte sich bereits dafür bedankt, daß ich seine Brieftasche trocken an das Ufer gebracht hatte, und sagte jetzt:

»Ich höre, daß Sie ein Fremder sind, Sennor. Darf ich fragen, welchen Reisezweck Sie verfolgen?«

»Ich möchte den Gran Chaco kennen lernen,« antwortete ich.

»Das ist eine eigentümliche und fast gefährliche Aufgabe, welche Sie sich gestellt haben, Sennor. Sind Sie vielleicht Naturforscher?«

»Ja,« antwortete ich, um ihn zu überzeugen, daß ich keine landesgefährlichen Absichten verfolge.

»Beschäftigen Sie sich auch mit Politik?«

»Nein. Dieses Feld liegt mir so fern wie möglich.«

»Das freut mich, und so will ich Sie denn auch fragen, ob Sie für sich ein festes Unterkommen wissen oder nur ins Ungewisse hineinwandern wollen?«

»Ich soll nach einem Rancho geführt werden. Wir halten das geheim, damit nicht alle anderen nachgelaufen kommen.«

»Würden Sie mich und meinen Neger mitnehmen? Ich habe dringende Gründe, mich hier nicht zu verweilen.«

»Sehr gern. Sie sind uns willkommen.«

So schloß er sich uns also an, und der Indianer hatte nichts dagegen. Ob zehn oder zwölf auf dem Rancho ankamen, das war wohl gleichgültig. Nur sollten nicht so viele Leute mitgebracht werden, welche essen und trinken wollten, ohne bezahlen zu können oder bezahlen zu mögen.


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Ich wollte die Indianerin, welche natürlich auch mitging, in den Sattel setzen; sie ging aber nicht darauf ein. Sie erklärte, sich plötzlich ganz gesund zu fühlen. Da es lächerlich ausgesehen hätte, wenn ich geritten wäre, während die anderen liefen, so ging ich auch und wies die Gesellschaft an, ihre Habseligkeiten auf das Pferd zu packen.

Das Ufer stieg, wie bereits gesagt, an der Stelle, an welcher wir uns befanden, langsam an, bis es die Höhe der Barranca erreichte. Das Gebüsch, welches wir zu durchschreiten hatten, war nicht dicht. Hohe Mimosen standen in demselben zerstreut. Zuweilen gab es eine Sumpflache, die wir umgehen konnten, sonst aber bot uns der Weg gegen unser Erwarten gar keine Schwierigkeiten. Der Grund davon war, daß der Indianer die Gegend sehr genau kannte. Er sagte, daß es genug undurchdringliche Dickichte und weit in das Land dringende Lagunen gebe, die er aber zu vermeiden wisse.

Später verlor sich das Gebüsch und wir gingen durch einen lichten Mimosenwald. Die Bäume standen weit auseinander. Sie werden hier wohl nur höchst selten über zehn Meter hoch, bilden aber wegen der sich an ihnen bis zur Spitze emporrankenden und blühenden Schlingpflanzen einen allerliebsten Anblick.

Der Sturm hatte sich fast völlig gelegt, und die Sonne kam wieder zum Vorschein. Es war einer jener Pamperos gewesen, die nur kurze Zeit anhalten, aber dafür eine zehnfache Stärke enthalten. Hier im Walde bemerkten wir von dem Winde fast gar nichts mehr.

Ich hatte mich unterwegs mit Bruder Hilario unterhalten. Der Offizier war nebenher gegangen und hatte unserem Gespräche wohl zugehört, sich aber nicht daran


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beteiligt. Erst als der Frater eine Bemerkung fallen ließ und ganz zufälligerweise den Namen des Major Cadera erwähnte, fragte der Offizier schnell:

»Cadera? Kennen Sie diesen Menschen?«

»Ja,« antwortete ich, »falls Sie nämlich denselben meinen, von welchem auch wir sprechen.«

»Es muß derselbe sein, denn es giebt nur einen einzigen Major Cadera. Sind Sie Freunde oder Feinde von ihm?«

»Hm! Das ist eine Frage, welche sich nicht so ohne weiteres beantworten läßt.«

»O doch. Wer nicht mein Freund ist, der muß doch mein Feind sein!«

»Wohl nicht. Es giebt Menschen, welche uns sehr gleichgültig sind, und das ist mir Cadera jetzt.«

»Früher war er es also nicht. So ist er entweder Ihr Freund oder Ihr Feind gewesen. Es wäre mir höchst interessant, zu erfahren, welches von beiden der Fall war.«

»Es steht nicht in meiner Macht, Ihnen die gewünschte Auskunft zu erteilen.«

»Aus welchem Grunde denn, Sennor?«

»Auch den muß ich verschweigen, da ich Sie nicht kenne. Wir haben Cadera in einer Weise kennen gelernt, daß es uns am liebsten ist, wenn wir seinen Namen nicht mehr hören.«

»Ah! So ist er also feindlich gegen Sie aufgetreten?«

»Ja.«

Er betrachtete mich mit prüfendem Blicke; ich aber wendete mich ab, zum Zeichen, daß ich dieses Thema fallen lassen wolle. Er aber hielt es fest und sagte:

»Verzeihung, Sennor! Ich bemerke zwar, daß Sie


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nicht gern von diesem Manne sprechen, aber ich möchte doch gern noch einige Fragen über ihn an Sie richten. Wollen Sie mir das erlauben?«

»Es wird das zu nichts führen. Ich kann jemandem, der mir unbekannt ist, keine Auskunft erteilen über Personen, an die ich nicht mehr denken mag.«

»Sie können mir aber doch vertrauen! Sehe ich denn wie ein Mensch aus, vor welchem man sich in acht zu nehmen hat?«

»Nein; aber der bravste Mensch kann unser Gegner sein.«

»Das bin ich jedenfalls nicht.«

»Können Sie mir das beweisen?«

Er blickte still vor sich nieder und sagte dann.

»Auch ich kenne Sie nicht. Ich weiß nicht, ob ich wirklich glauben darf, daß Sie ein Fremder sind.«

»So will ich es Ihnen beweisen.«

Ich zog meine Brieftasche heraus, durch welche das Wasser nicht hatte eindringen können, und gab ihm meinen Paß. Er las ihn, reichte ihn mir zurück und sagte.

»Da sind Sie freilich als Fremder legitimiert, und ich ersehe aus dem Visum, daß Sie sich kaum zwei Wochen im Lande befinden.«

»Kann ich mich also mit parteilichen Umtrieben befaßt haben?«

»Doch! Wer ist denn Ihr Begleiter?«

Diese Frage bezog sich auf den Frater, welcher neben uns her schritt und alles hörte.

»Mein Name ist Frater Hilario,« antwortete er selbst.

»Ich kenne Sie nicht.«

»Nun, so haben Sie vielleicht unter einem anderen


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Namen von mir gehört. Man nennt mich zuweilen auch den Bruder Jaguar.«

»Jaguar!« rief der Offizier aus. »Ist das wahr? Wenn das ist, so kann ich freilich sicher sein, daß ich Ihnen vertrauen darf. Haben Sie vielleicht einmal den Namen Alsina gehört?«

»Alsina? Meinen Sie vielleicht Rudolfo Alsina, den berühmten argentinischen Obersten, welcher so siegreich im Süden gewesen ist?«

»Denselben meine ich.«

»Kennen Sie ihn?«

»Versprechen Sie mir, mich nicht zu verraten?«

»Ja, gern. Sind etwa Sie selbst dieser Sennor?«

»Ja, Bruder. «

»Cielo! Dann wagen Sie viel, sich in diese Gegend zu begeben!«

»Das weiß ich gar wohl; aber ich bin gezwungen, dieses Wagnis zu unternehmen.«

»Wissen Sie, daß sich die ganze Provinz Entre Rios in Aufruhr befindet?«

»Ja.«

»Und wissen Sie, daß wir uns gegenwärtig noch in dieser Provinz befinden?«

»Wir sind der Grenze nahe.«

»Desto gefährlicher für Sie, da man gerade die Grenze gut besetzt haben wird. Wenn man Sie entdeckt, werden Sie ergriffen.«

»Ich werde mich möglichst wehren. Am allergefährlichsten war es für mich dort am Flusse. Der Verkehr ist stark. Flöße und Boote kommen und gehen. Wie bald konnte ich von Leuten des Generals Lopez entdeckt und festgenommen werden! Lieber gehe ich tiefer in das Land.«


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»Um dann wieder zu dem Schiffe zurückzukehren?«

»Wenn ich muß, ja. Findet sich aber eine passende Gelegenheit, so schlage ich den Landweg ein bis nach Palmar am Corrientesflusse, wo ich für kurze Zeit Station machen muß.«

»Wohl um Jordans willen?«

»Jordan! Wo lernten Sie ihn kennen?«

»Bei ihm selbst. Wir waren als Gefangene bei ihm.«

»Ist das möglich! Sie? Warum?«

»Das ist eine höchst abenteuerliche Geschichte. Wollten wir sie Ihnen erzählen, so würde das eine bedeutende Zeit in Anspruch nehmen.«

»Und doch möchte ich Sie dringend ersuchen, sie mir mitzuteilen. Ich komme eben jetzt nach der Provinz Corrientes, um von hier aus Jordan anzugreifen, während er zu gleicher Zeit im Süden gepackt wird. Ich teile Ihnen das natürlich unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit mit.«

»Sennor, das wird Ihnen schwer werden.«

»Warum?«

»Weil er einen Anhang besitzt, welchem Sie wohl kaum gewachsen sind.«

»Augenblicklich bin ich schwach. Ich hoffe aber nach Verlauf von einigen Wochen ein so starkes Corps beisammen zu haben, daß ich den Angriff unternehmen kann.«

»Dazu bedarf es vieler Pferde, welche Ihnen Corrientes nicht liefern kann.«

»Ist er denn gar so stark?«

»Ich glaube, daß er um sein Hauptquartier mehrere Tausend Reiter versammelt hat. Rechnen Sie dazu die zahlreichen übrigen Orte, an welchen er Garnisonen errichtet hat, so kommt ein ansehnliches Heer zusammen.«


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»Das habe ich freilich nicht gedacht.«

»Und zudem liegt die Provinz Entre Rios zwischen Flüssen, welche eine natürliche Schutzwehr bilden.«

»Pah! Wir haben Schiffe!«

»Denen die Ladung versagt wird, wenn der Kampf einmal ausgebrochen ist.«

»Das ist freilich wahr. Aber diese eine Provinz kann sich unmöglich gegen die anderen halten! Und bedenken Sie, welch ein Geld Jordan braucht, um sein Unternehmen auszuführen!«

»Das hat er.«

»Gehabt! Ich bin überzeugt, daß sein Vermögen bereits zur Neige ist. Er muß seine Leute gut besolden, wenn sie ihn nicht verlassen sollen.«

»Das kann er. Das Ausland giebt ihm das Geld.«

»Das wird sich hüten. Welcher Staat wird ein Unternehmen unterstützen, welches gleich von Anfang an den Keim des Mißlingens in sich trägt?«

»Ein Staat wird das nicht thun, aber es können sich Privatpersonen finden.«

»Mit Millionen? Schwerlich!«

»Gewiß! Bedenken Sie nur zum Beispiel die Eisenbahnverhältnisse in Argentinien! Es haben sich Yankeegesellschaften zum Bau großer Straßen angeboten. Sie sind abgewiesen worden. Wenn nun so eine Gesellschaft Jordan unterstützt und dafür die Konzession zugesprochen erhält, falls er siegt?«

»Halten Sie das für möglich?«

»Sogar für sehr wahrscheinlich.«

Der Oberst sah dem Bruder prüfend in das Gesicht und sagte dann:

»Sie scheinen diese Ansicht nicht ohne allen Grund


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zu hegen. Ihr Gesicht verrät mir das. Ich möchte Sie herzlichst bitten, offener mit mir zu sein!«

»Dazu kennen wir uns zu wenig.«

»Frater, ich bitte Sie, wir haben doch keine Zeit, uns kennen zu lernen, und das, was Sie wissen, kann von der höchsten Bedeutung für die gerechte Sache und die Ruhe des Landes sein!«

»Das ist allerdings der Fall. Aber zum Sprechen ist es noch nicht Zeit. Uebrigens widerstrebt es meinem Berufe, dergleichen Mitteilungen zu machen.«

»So adressieren Sie mich an einen andern, der mich gleichfalls zu unterrichten vermag!«

»Das kann ich thun. Wenden Sie sich an meinen Freund, diesen Sennor, welcher Ihnen noch weit bessere Auskunft zu erteilen vermag, als ich.«

»Ist das wahr, Sennor?« fragte der Oberst nun mich.

»Vielleicht erzähle ich Ihnen alles, was wir erfahren haben,« antwortete ich ihm. »Doch ist hier nicht der Ort dazu. Warten wir, bis wir uns auf dem Rancho befinden, wo wir alle Ruhe und Bequemlichkeit zu einer Besprechung haben, wie Sie wünschen!«

»Das mag sein, Sennor. Aber ich bitte Sie, ja Ihr Wort zu halten!«

Wir waren gegen eine Stunde lang durch den Wald gekommen, welcher von zahlreichen Papageien bevölkert wurde. Auch hier hatte der Pampero große Verwüstungen angerichtet. Mächtige Zweige waren abgebrochen und davongeführt worden. Dichte Schlingpflanzenlauben hatte der Sturm losgerissen, zusammengeballt und dann in die Wipfel gehängt. Zerschmetterte Vögel und andere Tiere lagen auf dem Boden.

Dann wurde der Wald dünner und immer dünner, bis er ganz aufhörte und in einen mit Gras bewachsenen


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Camp überging, welcher genau den Camps von Uruguay glich.

Das war zunächst eine einsame Gegend, in welcher wir nur Ratten, Eulen und Aasvögel bemerkten. Später aber sahen wir im Nordwesten weidende Pferde und noch zahlreichere Rinder. Die Herden befanden sich in Kaktusumzäunungen, wie wir sie früher gesehen hatten. Und dann tauchten hinter diesen Zäunen die niedrigen Gebäude des Ranchos auf, welcher unser Ziel bildete. Wir waren doch länger als drei Stunden gegangen, und als wir den Rancho erblickten, war die Sonne dem Untergange nahe.

Bei den Corrals hielten einige indianische Gauchos Wacht, welche aber keine Lust zu haben schienen, uns Auskunft zu erteilen. Sie ritten davon, als sie uns kommen sahen. Jedenfalls hielten sie uns für ganz verkommene Leute, für Gesindel, denn hierzulande besitzt selbst der ärmste Mensch ein Pferd, während wir nur ein einziges bei uns hatten, obgleich wir zwölf Männer waren. Dieser Umstand konnte uns für den ersten Augenblick kein freundliches Willkommen bereiten.

Der Rancho lag auf einem freien, viereckigen Platze, um welchen sich vier Umzäunungen gruppierten. Um zu ihm zu kommen, mußte man zwischen zwei derselben hindurch, mochte man nun von Nord oder Süd, von Osten oder West kommen.

Diese Lage war ganz geeignet, eine gute Schutzwehr gegen etwaige Ueberfälle zu bilden. Ein Bach, der in der Nähe vorüberfloß, war in vier Armen in die einzelnen Corrals geleitet. Neben und hinter den Gebäuden gab es Gärten. Vor dem Hauptgebäude, welches aber die Bezeichnung Haus nicht verdiente, befanden sich einige auf Pfähle genagelte Bretter, welche als Sitze dienten.


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Kein Mensch ließ sich sehen. Die Thüre war verschlossen. Wir klopften. Keine Antwort. Wir suchten hinter den Gebäuden und fanden keinen Menschen. Das war freilich keineswegs die gastliche Aufnahme, welche der Indianer mir versprochen hatte. Die Läden standen auf. Ich trat an einen derselben, um in das Innere zu blicken. Da aber sah ich den Lauf eines Gewehres, welcher mir entgegengehalten wurde, und eine Stimme rief in drohendem Tone:

»Zurück, sonst schieße ich!«

Ich wich aber nicht zurück, sondern antwortete:

»Gott sei Dank! Endlich überzeugt man sich, daß hier Menschen wohnen! Warum schließen Sie sich ein?«

»Weil es mir so beliebt. Sie sollen sich schleunigst wieder fortpacken.«

»Wir sind friedliche Leute!«

»Das glaube ich nicht. Spitzbuben seid ihr, welche keine Pferde haben und also stehlen wollen.«

»Wir haben keine Pferde, weil sie uns lästig gefallen wären. Wir sind zu Schiffe gekommen, und der Pampero hat uns an das Land getrieben.«

»Das machen Sie mir nicht weis! Warum sind Sie nicht mit dem Schiffe weitergefahren?«

»Weil es ein Loch, einen Leck bekommen hat und nun hilflos am Ufer liegt. Dort sollten wir warten bis übermorgen; aber einer unserer Begleiter hat uns hierher geführt und uns versprochen, daß wir da gastlich aufgenommen würden und bis übermorgen bleiben könnten.«

»Ich brauche keine Gäste! Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Ich wendete mich ratlos ab. Da trat der Indianer an das Fenster und fragte hinein:

»Wo ist Sennor Gomarra?«


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»Der ist nicht da,« erklang es von drinnen heraus. »Er ist fort.«

»Aber wohin?«

»Das geht euch nichts an.«

»Aber so seien Sie doch verständig, Sennor! Ich habe mich lange Zeit auf diesem Rancho befunden und bin sogar mit Sennor Gomarra verwandt. Ich kann doch unmöglich von hier fortgewiesen werden!«

»Wie heißen Sie denn?«

»Gomez.«

»Ah! So ist Ihre Mutter die Haushälterin gewesen?«

»Ja. Sie ist auch mit hier.«

»Das ist etwas anderes. Da werde ich Sie bei mir empfangen. Warten Sie, ich komme gleich!«

Nach kurzer Zeit wurde die Hausthüre aufgeriegelt, und der Mann kam heraus. Er hatte das Aussehen eines echten, verwegenen Gaucho. Mit ihm kamen noch drei andere Männer, welche von ganz demselben Kaliber zu sein schienen und uns sehr aufmerksam betrachteten.

»Also Sie sind Gomez!« sagte er zu dem Indianer. »Hätten Sie das sogleich gesagt, so wären Sie sofort empfangen worden. Sie wollen also bis übermorgen dableiben?«

»Bis übermorgen früh. Sennor Gomarra, mein Vetter, wird nichts dagegen haben, sondern es gern erlauben und sich sogar darüber freuen.«

»Der hat nichts mehr zu erlauben hier. Ich habe ihm den Rancho abgekauft.«

»Also wohnt er nicht mehr da?«

»Doch, aber nur als Gast.«

»Das ist mir sehr unlieb. Warum hat er verkauft?«

»Weil er das ruhige Leben nicht länger aushalten konnte. Er wollte wieder Abwechslung und Abenteuer


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haben. Er ist fortgeritten, kommt aber heute abend zurück.«

»Erlauben Sie uns dennoch, zu bleiben?«

»Natürlich. Sie sind mir willkommen.«

»Ich bleibe gern im Freien, die Yerbateros auch. Aber für die andern Sennores werden Sie vielleicht einen Platz im Hause haben?«

»Leider nicht. Dieser Platz ist bereits versagt. Es kommen noch andere Gäste. Wenn Sie sich ein Feuer anbrennen wollen, so werden Sie sich unter dem freien Himmel viel wohler als in der dumpfen Stube befinden.«

»Das ist richtig,« fiel ich ein. »Wir werden also im Freien bleiben. Bitte, uns einen Platz anzuweisen, an welchem wir ein Feuer anbrennen können.«

»Gleich hier vor dem Hause. Dieser Platz wird stets dazu verwendet.«

»Und darf ich mein Pferd in den Corral bringen?«

»Es ist besser, wenn Sie darauf verzichten, weil ich fast lauter störrische Tiere darin habe, welche einander gern beißen und schlagen. Ich werde Ihnen für das Ihrige dort den Schuppen einräumen. Er ist leer, außer einigem Handwerkszeug, welches sich darin befindet.«

»Und Futter?«

»Werde ich besorgen, auch Wasser.«

»Schön! Und wenn Sie dann noch Fleisch für uns haben, sind wir zufriedengestellt und werden alles reichlich bezahlen.«

Bei diesen Worten hellte sich seine Miene auf. Er wurde zusehends freundlicher und brachte mein Pferd in den hölzernen Schuppen, in welchen ich ihn begleitete. Dort band er es an, nachdem er ihm den Sattel abgenommen hatte. Ich sah einige Hacken und Schaufeln und ähnliche Werkzeuge, wie Spaten und Beile, daliegen.


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Der Boden war nicht einmal festgerammt, sondern weich. Das Dach bestand auch aus Brettern. Der Schuppen war ziemlich groß und hätte über 20 Pferde aufnehmen können. Da er an der Nordseite des Rancho lag, hatte er von dem aus Süden kommenden Pampero nichts gelitten. Die Thüre des Rancho lag gegen Norden, so daß man sie von dem Schuppen aus vor den Augen hatte.

Ich erwähne das, weil es später für uns wichtig wurde. Die Thüre lag nicht weiter als 20 Schritte von dem Schuppen entfernt. Dieser hatte nur rechts und links seines Einganges je einen Laden, welche von innen verriegelt werden konnten.

Das Pferd bekam grünes Futter vorgelegt, welches von den Gauchos mit Sicheln geschnitten worden war. Dann begab sich der Ranchero mit seinen Begleitern in seine Wohnung, um Essen für uns zu besorgen, während die Gauchos uns eine ganze Menge Brennmaterial zum Feuer herbeibrachten. Ein kleines Trinkgeld, welches ich ihnen gab, machte sie so gutwillig, daß sie uns einen Haufen trockener Kaktuspflanzen brachten, welcher gewiß zwei Tage für uns ausgereicht hätte. Das Feuer wurde ganz in der Nähe des Schuppens angebrannt, ungefähr fünf Schritte von der Thüre desselben entfernt. Das Brennmaterial war an der Schuppenwand aufgerichtet worden. Beide Umstände sollten uns später zum großen Vorteile gereichen.

Der Ranchero kehrte mit den andern zurück. Er brachte uns so viel Fleisch, daß wir uns weit mehr als satt essen konnten. Aber es waren eigentümliche Blicke, welche er dabei auf den Obersten warf. Jetzt fielen mir dieselben freilich nicht auf. Später jedoch erinnerte ich mich derselben und wußte mir dann zu sagen, was sie zu bedeuten gehabt hatten.


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Die Sonne war untergegangen, und der Abend brach an, als wir das Feuer in Brand gesetzt hatten. Jeder erhielt sein Fleischstück und steckte es an das Messer oder an ein Stück Holz, um es über der Flamme Bissen für Bissen zu braten. Wasser wurde aus dem nahen Bache geholt. Der Ranchero sah uns dabei zu, ohne sich aber in eine Unterhaltung mit uns einzulassen. Seine Begleiter, welche ich nicht für Untergebene von ihm hielt, waren fortgegangen und ließen sich nicht wieder sehen. Auch dieser Umstand fiel mir erst später auf, als ich erfuhr, daß sie heimlich fortgeritten waren, um ihre Kameraden herbeizuholen.

Als wir gegessen hatten, zog sich der Oberst in den Schuppen zurück und bat mich und den Bruder, uns zu ihm zu setzen. Wir saßen da gleich am Eingange, so daß wir alles übersehen konnten.

»Jetzt haben wir Zeit, Sennores, und sind auch unbeachtet,« sagte er. »Nun denke ich, daß Sie mir sagen können, was Sie von Jordan wissen.«

Der Frater winkte mir, daß er lieber nicht sprechen wolle; darum antwortete ich:

»Nachdem ich Ihren Namen und Charakter weiß, kann ich Ihnen wohl ohne Gefahr Auskunft geben. Freilich widerstrebt es mir einigermaßen, da ich mir fast wie ein Verräter vorkomme.«

»Verräter? Gewiß nicht. Ich diene der von Gott eingesetzten Obrigkeit. Jordan ist ein Empörer. Wenn Sie mir mitteilen, was Sie wohl über seine Pläne und Absichten wissen, so sind Sie nicht ein Verräter, sondern Sie thun etwas, was Ihre Pflicht ist. Nicht?«

»Ja, Sie mögen recht haben.«

»Ist das, was Sie wissen, wichtig?«

»Sogar außerordentlich wichtig.«


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»So säumen Sie ja nicht, es mir mitzuteilen! Vielleicht verhüten Sie dadurch viel Blutvergießen, jedenfalls aber großes Elend.«

»Das glaube ich auch. Darum will ich Ihnen gleich die Hauptsache sagen. Jordan soll Geld und Waffen erhalten.«

»Ah! Woher?«

»Von einem Kaufmanne Namens Tupido in Montevideo, welcher den Unterhändler macht.«

»Tupido? Also der! Wir haben schon längst ein Auge auf diesen Tupido gehabt. Wissen Sie es aber auch genau, daß es wahr ist?«

»Jawohl. Ich sollte sogar die Kontrakte zu Jordan bringen. «

»Haben Sie das nicht gethan?«

»Nein.«

»Ah! Sie sollten sie nehmen und uns nach Buenos Ayres bringen!«

»Danke! Die Sache geht mich nichts an. Ich bin kein Spion. Jetzt aber sehe ich mich moralisch gezwungen, Ihnen die Mitteilung zu machen. Uebrigens sind wir dann später alle bei Jordan gefangen gewesen.«

»Warum?« »Hören Sie!«

Ich erzählte ihm unsere Erlebnisse, natürlich so kurz wie möglich, und auch, daß die für Lopez bestimmte Lieferung in Buenos Ayres lagere. Er hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu. Sein Erstaunen wuchs von Minute zu Minute, und als ich geendet hatte, sagte er:

»Aber, Sennor, das ist doch ganz und gar außerordentlich! Das sollte man gar nicht für möglich halten! Können Sie beschwören, was Sie sagen?«


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»Mit dem allerbesten Gewissen.«

»So haben Sie sich durch Ihre jetzige Mitteilung um unsre gerechte Sache außerordentlich verdient gemacht. Ich werde sofort einen Kurier absenden nach Buenos Ayres, um den Präsidenten auf das schleunigste zu benachrichtigen. Sehr wahrscheinlich ist die Uebergabe dieser Geld-, Waffen- und Munitionssendung noch nicht erfolgt und kann verhindert werden.«

»Wen wollen Sie senden?«

»Meinen Neger. Er ist zuverlässiger als jeder andere.«

»Aber wie soll er nach Buenos Ayres kommen?«

»Mit Schiff natürlich.«

»So senden Sie ihn möglichst unauffällig fort!«

»Warum?«

»Weil niemand davon zu wissen braucht.«

»Trauen Sie dem Ranchero nicht?«

»Ich kenne ihn nicht; das ist genug. Er hat ein finsteres, trotziges Gesicht. Besser ist's, er erfährt es nicht eher, daß der Neger fort ist, als bis er es bemerkt oder es ihm auffallen muß.«

»Sie haben recht. Ich werde sofort schreiben, und zur Vorsicht den Auftrag dem Neger auch mündlich erteilen. Er mag gleich aufbrechen. Man weiß nicht, wodurch er später gehindert werden könnte.«

»Und wird er den Weg zum Schiffe finden?«

»Ganz gewiß, denn er besitzt einen ungemein scharf ausgebildeten Ortssinn.«

Er zog seine Brieftasche, in welcher sich allerlei Dokumente und auch eine ansehnliche Zahl großer Banknoten zu befinden schienen, riß ein Blatt heraus, schrieb einige Zeilen und winkte dann seinen Neger herbei.

Der Ranchero war einmal in das Haus gegangen. Darum sah er nicht, daß der Schwarze seine Instruktion


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erhielt und dann, ohne vorher mit jemandem ein Wort gesprochen zu haben, fortging.

Das war also besorgt; aber nun wollte der Oberst noch weit mehr wissen und erfahren. Ich erteilte ihm die möglichste Auskunft. Dann erkundigte er sich:

»Und nun wollen Sie direkt nach dem Gran Chaco, Sennor?«

»Ja.«

»Das ist mir nicht lieb, denn Sie könnten mich vorher nach Palmar begleiten.«

»Das hat für uns keinen Zweck.«

»Aber für mich! Für Sie ist es übrigens höchst wahrscheinlich auch von Vorteil. Ich fühle mich auf dem Schiffe nicht sicher. Ich möchte lieber reiten, und wenn Sie mich begleiteten, würde ich doppelt sicher sein. Die Pferde würden wir ja hier bekommen. Ich würde sie gern für Ihre Kameraden bezahlen.«

»Das ist nicht nötig. Sie brauchen sie später doch.«

»Und sodann würde ich Ihnen aus Dankbarkeit einige wichtige Empfehlungen geben, die Ihnen später von großem Nutzen sein würden.«

Dieses Versprechen des Obersten, welcher später zu noch weit größerer Berühmtheit gelangte, fiel natürlich gewichtig in die Wagschale. Er sah, daß ich zauderte, hielt mir die Hand entgegen und bat:

»Schlagen Sie ein! Reiten Sie mit!«

»Ich kann nicht allein darüber entscheiden.«

»So sprechen Sie mit Ihren Kameraden.«

Mauricio Monteso kam auf einen Wink herbei und antwortete, als ich mich nach der zwischen hier und Palmar liegenden Gegend erkundigte:

»Wir haben von hier aus verschiedenes Terrain,


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offenen Camp, Wald, aber nicht dichten, und zuweilen auch Sumpf, doch nicht viel.«

»Und wie lange reiten wir?«

»Wenn wir am Morgen aufbrechen, so können wir übermorgen am Mittag in Palmar sein. Es ist anderthalber Tagesritt, nämlich nach meiner Schätzung. Wenn die Sümpfe, welche wir umgehen müssen, nicht wären, würden wir wohl schon am Abend am Ziele sein. Warum fragen Sie?«

»Dieser Sennor will hin, und wir sollen ihn begleiten. Er ist Oberst Alsina.«

»Himmel! Sennor Alsina, der Indianerbezwinger? Welch eine Ueberraschung!«

»Schreien Sie nicht so sehr!« warnte ich ihn. »Es darf niemand wissen, wer wir überhaupt sind. Wir befinden uns doch noch auf dem Boden von Entre Rios?«

»Jawohl.«

»So sind wir keineswegs sicher, müssen daher möglichst vorsichtig sein.«

»Ich denke, bis hierher an die Grenze wird Jordan noch nicht gekommen sein.«

»Wenn er ein kluger Mann ist, wird er gerade auf die Grenzen sein schärfstes Augenmerk gerichtet haben.«

»Also der Sennor will nach Palmar, und wir sollen mit? Das ist gut.«

»So fragen Sie die andern, aber leise, daß die Bewohner des Rancho nichts davon merken.«

»Sie werden doch erfahren, was und wohin wir wollen, da wir ihnen die Pferde abkaufen müssen!«

»Vom Pferdehandel brauchen Sie erst morgen zu erfahren. Uebrigens können wir uns die Tiere ja nur am Tage aussuchen, und selbst dann brauchen diese Leute nicht zu wissen, wohin wir reiten.«


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Der Yerbatero ging. Bald kam der Kapitän zu uns und meldete:

»Sir, wir alle reiten mit, es ist uns lieb, zu Lande bleiben zu können. Auf diesen argentinischen Fahrzeugen ist ja kein Mensch seines Lebens sicher. Ich habe noch niemals eine solche Fahrt gemacht wie heute. Also wir reiten mit, und morgen früh werden wir die Pferde kaufen. Well!«

Er kehrte wieder zu dem Feuer zurück, wo er sich mit den andern so gut wie möglich in seinem englisch-spanischen Kauderwelsch zu unterhalten suchte.

Der Oberst war aufrichtig erfreut, daß wir so bereitwillig auf seinen Vorschlag eingingen. Ich hatte sehr gern ja gesagt. Das Land zu sehen war mir weit lieber, als nur auf dem Flusse zu bleiben. Am allerliebsten wäre ich mit bis in das Gebiet der Missiones geritten. Er reichte mir dankend die Hand und sagte:

»Ich habe Ihnen diese Bitte ganz besonders deshalb vorgetragen, weil ich mich bei Ihnen sicher fühlen kann. Sie und Ihre kleine Truppe sind mehr wert als dreißig oder fünfzig Argentinier.«

»O bitte!«

»Gewiß! Sie haben mir nicht alles erzählt, und das übrige nur oberflächlich. Aber ich kann doch dazwischen herauslesen, daß Sie sich selbst vor dem Teufel nicht fürchten.«

»Wer ein gutes Gewissen hat, der hat das freilich nicht nötig.«

»Ich meine es auch nur bildlich. Es hat eine Verwegenheit sondergleichen dazu gehört, Jordan zu entgehen. Sollten wir unterwegs ja zwischen Feinde geraten, so bin ich überzeugt, daß Sie sich nicht ergeben werden.«


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»Feinde habe ich eigentlich nicht. Ich bin weder Anhänger noch Gegner von Jordan. Aber wenn mir Hindernisse in den Weg gelegt werden, so werde ich dieselben freilich beiseite zu stoßen trachten.«

»Und sehen Sie den Steuermann an, der doch auch ein Deutscher ist! Dieser Mann nimmt es mit seiner Riesenkraft wohl mit Zehnen auf. Ich stehe also unter einem ganz vortrefflichen Schutz und Schirm. Uebrigens habe auch ich ein Messer und zwei Revolver nebst Munition bei mir. Sind wir dann beritten, so müßten es schon viele sein, denen es gelingen sollte, mich in ihre Hand zu bekommen.«

»Sie haben wichtige Papiere bei sich?«

»Papiere und Gelder. Es wäre ein sehr großer Verlust, wenn diese in feindliche Hände fielen.«

»Nun, so wollen wir versuchen, Palmar glücklich zu erreichen. Jetzt aber dürfte es Zeit sein, sich zur Ruhe zu begeben, da wir jedenfalls morgen früh aufbrechen wollen.«

»Ja, Sennor. Wo schlafen wir? Im Freien oder in diesem Schuppen?«

»Ich ziehe das letztere vor.«

»Ich auch.«

»So mögen auch die andern, damit wir beisammen bleiben, sich mit hereinlegen. Aber wie war es denn? Sagte nicht der Ranchero, daß er noch andere Gäste erwarte?«

»Ja.«

»Es müssen mehrere sein, da wir in der Wohnung keinen Platz finden konnten. Und warum ließ er mein Pferd nicht in den Corral?«

»Weil seine Pferde beißen und schlagen, sagte er.«

»Pah! Die Beißer und Schläger muß er doch der übrigen Pferde wegen anbinden. Seine Weigerung scheint


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also einen anderen Grund zu haben. Am liebsten möchte ich warten, bis die erwarteten Gäste angekommen sind, weil ich wissen möchte, wer sie sind. Wie nun, wenn sie Anhänger Jordans wären?«

»Das wäre freilich höchst unangenehm, denn es befinden sich nicht nur Offiziere, sondern auch Soldaten bei ihm, welche mich gesehen haben und genau kennen.«

»Nun, so wollen wir also warten! Uebrigens kommt es mir sonderbar vor, daß der Ranchero sich jetzt nicht wieder sehen läßt.«

»Er wird bei seinen Pferden sein.«

»Dazu hat er die Gauchos. Wir sind seine Gäste und gehen also vor. Und wo sind die Leute, die sich bei ihm befanden, als er uns empfing? Auch fort ohne Adieu zu sagen oder, wenn sie hier geblieben sind, sich um uns zu bekümmern. Das ist mir auffällig. Hat der Ranchero keine Frau, keine Magd? Man sieht kein weibliches Wesen. Das Haus scheint ganz leer zu stehen. Ich werde mir das Innere einmal ansehen.«

Ich verließ den Schuppen und ging hinein. Man kam durch die Thüre gleich in die Stube, welche die ganze Breite des Hauses einnahm. Von hier aus, wo ein Licht brannte, führten zwei Thüren weiter, die eine links und die andere rechts. Letztere war nur angelehnt. Der Boden war mit Schilfmatten belegt, durch welche meine Schritte gedämpft worden waren. Ich trat leise zu der Thüre und sah durch die schmale Oeffnung derselben. Da lag ein kleiner Raum, jedenfalls zum Schlafen bestimmt. Zwei Lager nahmen den Boden ein, ein breites und ein schmales. Auf dem letzteren lagen zwei Kinder. Auf dem ersteren saß eine Frau, welche beim trüben Scheine einer Talglampe irgend ein schadhaftes Kleidungsstück ausbesserte.


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Da war nichts zu hören und auch nichts zu erfahren. Ich begab mich also nach der andern Thüre, welche zur linken Hand lag. Diese war nicht mit einem Riegel, sondern mit einer Holzklinke versehen, welche sowohl von innen, wie auch von außen geöffnet werden konnte, und zwar durch ein kleines Loch, durch welches es möglich war, den Finger zu stecken. Ich machte sie auf.

Beim Scheine der Lampe, der aus der Stube hinausfiel, sah ich, daß es eine Art von Küche war, aus welcher wieder eine Thüre weiter führte, und zwar ins Freie, wie ich mich überzeugte. Diese Thüre konnte ebenso von innen wie von außen geöffnet werden. Trat man durch sie, so kam man hinter das Hauptgebäude des Rancho.

Dorthin ging ich und kehrte dann an das Feuer zurück, wo jetzt auch der Oberst mit dem Frater stand.

Eben wollte ich den Gefährten mitteilen, daß ich eine Frau mit zwei Kindern gesehen hätte und daß es mir sehr auffällig sei, daß diese drei Personen sich gar nicht blicken lassen, als der Ranchero zwischen zwei Corrals nach dem Rancho kam. Er war auch jetzt wieder nicht allein, sondern es begleitete ihn ein Mann, den ich noch nicht gesehen hatte, der vorher nicht bei ihm gewesen war.

Dieser Mann war noch ziemlich jung und trug die Jacke, die Schärpe und den Hut eines Gaucho. Aber seine Stiefel waren diejenigen eines vornehmeren Mannes. Seine Sporen leuchteten wie Gold, und seine Haltung zeigte eine Eleganz, welche ein Gaucho unmöglich besitzen konnte. Sollte dieser Mann nicht der sein, für den er sich ausgeben wollte? Sollte er verkleidet sein?

Die beiden kamen auf uns zu, und der Ranchero fragte:

»Haben die Sennores alles genug gehabt? Oder wünschen sie noch etwas?«


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»Ich danke!« antwortete ich. »Wir haben keinen Wunsch und werden baldigst schlafen gehen.«

Der junge Mann betrachtete den Oberst prüfend. Ich sah, daß dieser letztere sich schnell abwendete, damit er sein Gesicht in den Schatten bringe. Dann sah der Mensch auch mich, den Bruder und die andern scharf an und fragte schließlich:

»Darf ich das Pferd noch versorgen und ihm Wasser geben, Sennor?«

Mit dieser Frage hatte er sich an mich gewendet. Ich antwortete:

»Schon gut! Das Pferd bedarf nichts. Uebrigens will ich doch nicht Sie belästigen!«

»Warum nicht?«

»Weil Sie kein Diener sind.«

»Aus welchem Grunde bezweifeln Sie das?« fragte er, indem er die Farbe wechselte.

»Aus verschiedenen Gründen. Wo kommen Sie her?«

»Vom Corral.«

»So! Nun, ich kann nichts dagegen haben; doch sind wir mit allem versorgt und brauchen wirklich nichts.«

Die beiden gingen, und zwar in das Innere des Rancho. Der Oberst wollte mir eine Bemerkung machen. Ich ahnte aber schon, was er mir zu sagen hatte, und durfte auch keine Minute oder Sekunde verlieren, ihm zuzuhören. Ich rannte in höchster Eile hinter das Haus, öffnete die Hinterthüre, schlich mich in die Küche und von da an die Thüre, welche zur Stube führte. Dort sah ich jetzt nur den jungen Mann stehen. Der Ranchero war nicht zu sehen. Nach weniger als einer Minute aber hörte ich seine Stimme. Er war bei der Frau und den Kindern gewesen, kam jetzt zurück und rief der ersteren noch zu, ehe er die Thüre zumachte:


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»Also ihr löscht nun das Licht aus und kommt nicht eher zum Vorscheine, als bis ich euch hole; vor morgen früh gar nicht.«

Ich hörte, daß er die Thüre zuschob, und nun erst kam er zu dem andern und sagte:

»Nun, Lieutenant, hat der Sergeant recht gesehen? Ist es Oberst Alsina?«

»Kein Zweifel! Ich habe ihn in Buenos Ayres sehr oft gesehen.«

»Tempestad! Machen wir da einen Fang!«

»Größer als Sie denken!« lächelte der Lieutenant. »Aber gefährlich ist er.«

»Oho! So viele Reiter werden wohl einen Obersten ergreifen können! Seine Begleiter schlagen wir einfach nieder!«

»Das geht nicht so leicht. So ein Kerl fürchtet sich vor fünf oder zehn nicht, falls ich mich nicht irre. Wir machen nämlich einen doppelten, einen dreifachen, einen zehnfachen Fang. Diese Kerle werden von Jordan auch gesucht.«

»Wer sind sie denn?«

»Wenn meine Vermutung richtig ist, so sind sie die niederträchtigsten Schwindler, welche es nur geben kann. Sie haben die Absicht gehabt, Jordan zu betrügen und seine ganze Politik zu Schanden zu machen.«

»Ist das möglich?«

»Leider! Major Cadera nahm sie gefangen und brachte sie zu Jordan. Von dort haben sie sich losgelogen. Sie machten Jordan Teufelszeug weis, haben aber nicht Wort gehalten und Cadera sogar auf einer Flußinsel ausgesetzt.«

»Ist er ertrunken?«

»Nein. Er kam schnell und glücklich an das Ufer,


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nahm dem ersten besten Reiter, welcher ihm begegnete, das Pferd und jagte zu Jordan zurück. Dieser sandte den Kerlen natürlich sogleich heimlich Boten nach. Diese erfuhren in Buenos Ayres, daß die Halunken Schiffsbillets nehmen würden, um im Parana wohl bis nach Corrientes zu gehen. Nun ist der Fluß besetzt, um alle Schiffe anzuhalten.«

»Und sind sie denn nicht angehalten worden?«

»Nein. Sie wären ja sonst nicht hier. Man hat nicht schnell genug sein können. Glücklicherweise aber hat der Pampero sie zum Aussteigen gezwungen.«

»Sind es diese Leute wirklich?«

»Ich glaube es. Die Beschreibung stimmt genau. Der allerschlimmste soll derjenige mit dem ledernen Anzug sein. Wer ihn fängt, wird dreitausend Papierthaler von Jordan erhalten.«

»Animo! Die verdiene ich mir!«

»Uebrigens werde ich ganz genau gehen und mich überzeugen, daß ich mich nicht etwa täusche. Wir haben einen mit, welcher im Hauptquartiere war, als die Kerls sich dort befanden. Er hat sie alle ganz genau gesehen, und ich werde ihn herschicken, damit er sie sich ansehen kann.«

»Aber vorsichtig, damit sie nicht Verdacht fassen!«

»Ja. Dieser Weißlederne glaubte mir doch auch nicht, daß ich ein Gaucho sei. Er ist ein niederträchtiger Mensch Aber wir werden ihm die Flügel beschneiden!«

»Ist er wirklich so gefährlich?«

»Jeder von dieser Gesellschaft. Wir werden besser mit List als mit Gewalt verfahren.«

»Das ist doch überflüssig, Sennor. Denken Sie, daß hier gegen vierhundert Soldaten, welche nach der Grenze sollen, zufälligerweise vorhanden sind. Die Hälfte ist


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bereits da und hat die Gänge und Corrals besetzt. Die andere Hälfte wird in kaum einer Viertelstunde kommen. Wozu da eine so große Vorsicht?«

»Weil Sie diese Leute nicht kennen. Der Major Cadera hat gesagt, daß sie den Teufel im Leibe haben. Wir müssen warten, bis sie schlafen. Dann beschleichen wir sie und fallen über sie her. Da haben wir sie, ohne daß ein Tropfen Blut vergossen wird. Wo werden sie schlafen?«

»Im Freien oder im Schuppen.«

»Warum nicht hier in der Stube?«

»Weil die Herren Offiziere da schlafen wollten.«

»Davon konnten Sie getrost abweichen. Schliefen die Männer hier, so könnten wir uns am allerleichtesten ihrer bemächtigen.«

»Ja, das habe ich freilich nicht gewußt. Ich hielt sie nur für Vagabunden.«

Die beiden sprachen noch weiter. Da ich aber beim Feuer sein wollte, wenn sie aus dem Rancho kamen, so schlich ich mich zurück und wartete dort. Es dauerte gar nicht lange, so kam der Lieutenant heraus, leider allein. Sollte ich ihn entkommen lassen, um den Ranchero nicht mißtrauisch zu machen? Es war das eine wichtige Frage. Hielt ich den Lieutenant fest, so konnte mir der Ranchero entgehen, indem er schnell entfloh. Ließ ich ihn aber fort, so half mir die Festnahme des Ranchero nichts. Ich verzichtete also darauf, einen oder den andern von ihnen allein zu ergreifen, und ließ den Lieutenant an uns vorübergehen.

Bis jetzt hatte ich den Gefährten nichts gesagt. Sie wußten aber doch, daß irgend etwas geschehen sei, worüber ich schon noch sprechen werde. Nun, als der junge Offizier fort war, fragte ich den Oberst:


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»Sie wendeten sich vorhin ab. Warum?«

»Sennor, ich bin verraten,« antwortete er.

»Dieser sogenannte Gaucho kannte Sie?«

»Ja. Er war ein Offizier, ein Lieutenant im Dienste von Lopez.«

Er stand früher in Buenos Ayres, und dann hörte ich, daß er zu Lopez Jordan übergegangen sei. So sagte er dem Ranchero.«

»Sie haben ihn belauscht?«

»Ja. Einer der Männer, welche vorhin hier waren, ist Sergeant. Er hat Sie erkannt und es gemeldet.«

»So müssen sich also doch Soldaten hier befinden?«

»Allerdings. Zweihundert Mann, welche bereits die Ausgänge besetzt haben. In wenigen Minuten aber kommen noch weitere zweihundert Mann.«

»Demonio! Was wollen so viele Soldaten plötzlich hier?«

»Sie sind nach der Grenze beordert, und da Sie zufälligerweise von dem Sergeanten erkannt wurden, hat man sie schnell herbeigeholt, um Sie zu ergreifen. Uebrigens ist nun auch der Fluß besetzt, um sich unserer zu bemächtigen.«

»So dürfen wir nicht dorthin zurück, was wir ja auch gar nicht beabsichtigen, sondern wir müssen schleunigst nach der Grenze!«

»Wie wollen Sie das anfangen?«

Er hatte schnell gesprochen. Jetzt kratzte er sich hinter dem Ohre und antwortete viel langsamer:

»Ja, ja, da haben Sie recht. Daran dachte ich ja gar nicht. Die Ausgänge sind doch besetzt. Sollte es keine Hilfe geben?«

»Pah! Man bekommt uns noch lange nicht. Vor Anbruch des Tages wird sich freilich nicht viel thun


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lassen, denn wir müssen sehen, gegen wen wir uns zu verteidigen haben. Allzulang aber dürfen wir uns auch nicht verweilen, sonst zieht man noch mehr Truppen herbei, so daß dann ein Entkommen ganz und gar unmöglich ist. Wir werden also am besten den Tagesanbruch abwarten.«

»Sind Sie denn so gewiß, daß es uns dann gelingen wird?«

»Ich denke es. Geht es nicht auf die eine Weise, so wird es auf die andere erzwungen.«

»Aber meinen Sie denn wirklich, daß wir es mit vierhundert Mann aufzunehmen vermögen? Das wäre doch ein außerordentliches Selbstbewußtsein!«

»Ich habe es. Wenigstens ist mir bis jetzt noch nicht bange. Für Sie ist die Hauptsache, daß Sie Ihre Botschaft glücklich fortgebracht haben, und ich hoffe, daß es dem Neger gelungen ist, nach dem Flusse zu gelangen.«

»Aber wie wollen Sie es denn anfangen, beim Tagesgrauen durch diese Leute zu entkommen?«

»Entweder geschieht es ganz offen oder heimlich. Werden erst sehen.«

Bis jetzt hatte nur der Oberst gesprochen. Nun fragte der Kapitän Turnerstick, welcher unser Spanisch nicht sogleich verstand, was wir so eifrig zu besprechen hätten. Als ich es ihm erklärte, meinte er zornig:

»Schon wieder! Diese Schufte mögen uns doch einmal in Ruhe lassen! Wir haben ja gar nichts mit ihnen zu schaffen und wollen auch nichts von ihnen wissen. Wenn sie uns nicht fortlassen, nun, so habe ich verschiedene Dutzende von Patronen für die Revolver und auch für das Gewehr, welche ich glücklich durch die Nässe gebracht habe. Fangen lasse ich mich nicht wieder und erschießen nun vollends nicht. Ich habe keine Lust, hier


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in diesem Camp zu allen meinen Vätern versammelt zu werden!«

Und sein Steuermann fügte seinerseits hinzu, indem er seine gewaltigen Hände freundlich anschaute:

»Jetzt endlich könnte es die ersehnte Gelegenheit geben, einige von diesen Menschenkindern zwischen die Finger zu bekommen. Ich freue mich darauf!«

Jetzt kam der Ranchero aus dem Hause. Er wollte zu uns, damit der Soldat, den er erwartete, dadurch Veranlassung bekäme, auch nahe an uns heranzutreten und uns genau zu betrachten. Eben sahen wir auch diesen Mann durch einen der Kaktusgänge herankommen. Er trug die Kleidung eines Gaucho.

»Steuermann,« flüsterte ich Larsen schnell zu, »wenn ich Ihnen einen Wink gebe, nehmen Sie den Ranchero schnell beim Kragen, doch so, daß er nicht schreien kann!«

»Soll geschehen, Herr!« nickte der Riese.

Der Ranchero war nun da. Er that, als ob er den Gauchosoldaten erst jetzt bemerke und wendete sich zu ihm:

»Was willst du? Diese Sennores brauchen nichts.«

»Ich wollte nur fragen, ob ich ihr Pferd vielleicht hinaus zum Camp auf die Weide bringen soll.«

»Nein,« antwortete ich. »Es bleibt bei uns, wo es sich in größerer Sicherheit befindet.«

»Wer sollte ihm draußen etwas thun? Raubtiere giebt es hier ja nicht.«

»Aber Raubmenschen.«

»Auch nicht. Pferdediebe sind seit Menschengedenken nicht hier gewesen. Und selbst wenn so ein Kerl käme, halten wir Gauchos so gut Wache, daß er sich unverrichteter Dinge wieder zurückziehen müßte.«

»Aber wenn nun ihr selbst es auf das Pferd abgesehen hättet?«


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»Wir?« fragte er lang gedehnt und im Tone des Erstaunens.

»Ja, ihr!«

»Sennor, wir stehen im Dienste des Ranchero und werden doch seine Gäste nicht in Schaden bringen! Uebrigens sind wir ehrliche Leute, und keiner von uns hat jemals ein Pferd gestohlen.«

»Das glaube ich nicht. Es würde euch sehr lieb sein, das einzige Pferd zu bekommen, welches wir haben. Ich kann mir das denken.«

»Sie irren sich sehr!«

»Sie kennen mich ja und wissen also, daß ich mich nicht irre.«

»Ich? Sie kennen?! Ich habe Sie noch niemals in meinem Leben gesehen.«

»Sie wissen es nur zu genau. Ihr Lieutenant hat Sie gesandt.«

»Lieutenant? Wer ist das?«

»Der Gaucho, welcher vor einigen Minuten hier war. Er hat Sie hergesandt, um sich zu überzeugen, daß ich wirklich derjenige bin, für den ihr mich haltet.«

»Davon weiß ich kein Wort!«

»Wissen Sie auch nichts davon, daß Sie sich noch vor einigen Tagen bei Lopez Jordan befunden haben?«

»Ist mir nicht eingefallen!«

»Sie sahen uns, als wir aus dem Hause nach dem Brettergebäude geführt wurden, in welchem wir während der Nacht bleiben sollten?«

»Nein.«

»Sie befanden sich sogar unter den Leuten, welche uns bedrohten und nur auf den strengen Befehl des uns begleitenden Rittmeisters zurückwichen?«

»Sennor, ich habe keine Ahnung davon!«


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»Sie sind wirklich Gaucho im Dienste dieses Ranchero?«

»Ja.«

»Nun, so werden Sie sich auch nicht scheuen, unserer Einladung zu folgen und während der Nacht hier bei uns im Schuppen zu bleiben.«

»Gern! Vorher aber muß ich noch einmal in den Corral!«

»Das ist nicht nötig. Aus einem Corral können die Pferde nicht ausbrechen; sie befinden sich da ganz sicher. Sie bleiben also sogleich bei uns, um uns Gesellschaft zu leisten.«

»Aber es kann Ihnen doch sehr gleichgültig sein, ob ich bei Ihnen schlafe oder anderswo!«

»Nein! das ist uns eben nicht gleichgültig. Sie sollen uns dadurch beweisen, daß Sie wirklich Gaucho sind und zu diesem Ranchero gehören.«

Der Mann hatte keine andere Waffe als sein Messer bei sich. Er konnte uns keinen Widerstand leisten. Meine Gefährten hatten um ihn und den Ranchero einen Kreis geschlossen. Der Steuermann stand hinter dem letzteren und ich vor dem Soldaten.

»Wozu ein solcher Beweis?« fragte dieser. »Mein Herr hier kann es mir bezeugen.«

»Ja, Sennores,« fiel der Ranchero ein. »Sie haben diesen braven Gaucho in einem ganz falschen Verdachte.«

»Der Verdacht ist richtig,« antwortete ich ihm. »Und nicht er allein, sondern auch Sie selbst stehen unter demselben. Haben Sie nicht gehört, daß ich einen Lieutenant erwähnte, welcher soeben auch als Gaucho hier gewesen ist?«

»Das ist eben ein ganz gewaltiger Irrtum Ihrerseits.«


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»So ist wohl auch alles das, was Sie mit ihm in der Stube gesprochen haben, Irrtum gewesen?«

»Was?«

»Daß Sie zunächst Ihrer Frau befohlen haben, die Schlafkammer nicht eher zu verlassen, als bis es ihr erlaubt wird? Sie wollten diese Maßregel treffen, damit Ihr braves Weib nicht erfahren solle, welche Schlechtigkeiten hier unternommen werden.«

»Welche Schlechtigkeiten wären das? Ich muß mir solche Reden verbitten!« brauste der Ranchero auf.

»Nicht so laut, Sennor! Ist es nicht eine Schlechtigkeit, wenn jemand seine Gäste an das Messer liefern will?«

»Wer ist dieser Jemand?«

»Sie sind es!«

»Nein und abermals nein!«

»Pah! Sie sprachen von einem Sergeanten, von Boten, welche fortgeschickt worden sind, von zweihundert Soldaten, welche hier die Ausgänge besetzt halten, von abermals zweihundert, welche noch kommen wollen, von diesem Manne hier, welcher nachschauen solle, ob wir wirklich diejenigen sind, welche Jordan so gar zu gern fangen will! Wollen Sie auch jetzt noch leugnen?«

»Sie haben gehorcht?« fragte er betroffen.

»Allerdings, und ich habe ein jedes Wort gehört.«

»Das war nur Scherz. Gehen Sie nach jeder Richtung. Sie werden keinen einzigen Soldaten finden!«

»Danke! Ich würde Ihnen geradezu in die Hände laufen.«

»Nein. Es ist wahr!«

»Nun, wenn Sie das so fest versichern, so kann es Ihnen ja sehr gleichgültig sein, wenn wir auch Sie auffordern, die ganze Nacht bei uns im Schuppen zu bleiben.«


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»Das geht nicht. Ich muß natürlich in meiner Wohnung sein.«

»Damit machen Sie sich verdächtig!«

»Meinetwegen. Lassen Sie mich fort!«

Er wurde zornig.

»Bleiben Sie nur!« lachte ich ihm in das Gesicht. »Der Lieutenant sagte Ihnen vorhin, daß wir wahre Teufel seien. Sie aber hielten es für leicht, uns zu ergreifen. Sie werden jetzt erfahren, daß er recht gehabt hat. Sie bleiben bei uns!«

»Und wenn ich nicht will?« fuhr er auf.

»So werden wir Sie zwingen.«

»Ich gehe!«

»Versuchen Sie es!«

Er wollte fort. Ich gab dem Steuermann den Wink, und dieser nahm ihn bei Brust und Rücken, eine Hand vom, die andere hinten, daß ihm der Atem ausging und er kein Wort mehr sagen konnte.

»Soll ich ihn zerquetschen, Sennor?« fragte mich der Riese.

»Nein. Aber binden müssen wir ihn, an den Händen und den Füßen.«

Larsen legte den Ranchero auf den Boden nieder. Sogleich waren Riemen genug da, ihn zu fesseln. Er konnte wieder Atem schöpfen, stöhnte ängstlich auf, wagte aber nicht zu rufen, da der Yerbatero ihm das Messer vor die Brust hielt. Der Soldat hatte das mit angesehen, ohne sich von der Stelle zu rühren. Es war, als ob er vor Schreck sich gar nicht mehr bewegen könne.

»Aber, Sennor!« rief er jetzt aus. »Was thun Sie da? Der Ranchero ist doch Ihr Feind nicht!«

»Pah! Er ist es ebenso, wie Sie es sind. Oder wollen Sie leugnen, daß Sie nicht Gaucho, sondern Soldat sind?«


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»Lassen Sie mich fort von hier,« antwortete er, ohne auf meine Frage ein direktes Wort zu sagen. Er machte eine Bewegung, als ob er sich schnell entfernen wolle; ich hielt ihn aber beim Arme zurück und sagte:

»Nicht so plötzlich, mein Lieber! Sehen Sie diesen Revolver! Sobald Sie ohne meine Erlaubnis noch einen Schritt thun, sitzt Ihnen die Kugel im Kopfe! Wir sind nicht Leute, welche Spaß mit sich treiben lassen!«

Jetzt bekam er Angst.

»Sennor,« sagte er in bittendem Tone, »was kann ich dafür? - Bin ich schuld? - Muß ich nicht gehorchen?«

»Das weiß ich, und darum soll Ihnen kein Leid geschehen, obgleich Sie als Spion zu uns gekommen sind. Wenn Sie meine Fragen der Wahrheit gemäß beantworten, so soll Ihnen nichts geschehen; ich werde Sie sogar zurückkehren lassen. Aber sobald ich Sie auf einer Lüge ertappe, ist es um Sie geschehen. Wollen Sie aufrichtig antworten?«

»Ja, Sennor!«

Der Mann war kein Held. Daß er zu uns geschickt worden war, hatte er nicht etwa seinem Mute, sondern nur dem Umstande zu verdanken, daß er uns kannte. Sein Blick irrte von einem zum andern und blieb angstvoll auf unsern Waffen haften.

»So sagen Sie mir, wo Lopez Jordan sich jetzt befindet!« forderte ich ihn auf.

»Noch im dermaligen Hauptquartiere.«

»Major Cadera?«

»In Parana. Er leitet die Truppen, welche Sie auf den Schiffen suchen sollen.«

»Wie viele Leute sind jetzt am Rancho beisammen?«

»Vierhundert.«


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»Wer kommandiert sie?«

»Ein Major.«

»Ist Antonio Gomarra, der frühere Besitzer dieses Rancho, mit dabei?«

»Ja. Als Führer, da er diese Gegend genau kennt. Er hat den Rang eines Oberlieutenants.«

»Warum kam er nicht zum Rancho?«

»Weil wir ihn noch mit den andern zweihundert Mann erwarten.«

»Wo wollten Sie hin?«

»Ueber die Grenze nach Corrientes, Pferde zu holen und Soldaten zu werben.«

»Das heißt so viel wie Pferde stehlen. Ich weiß es. Sind noch andere Trupps hier in der Nähe?«

»Nein.«

»Aber es könnten schnell welche herangezogen werden?«

»So schnell nicht. Es würde wohl einige Tage dauern.«

»Ist Euer Major bei Euch oder kommt er erst?«

»Er ist da, rechts am Ausgange der beiden Corrals.«

»Wie hat er seine Truppen verteilt?«

»An jedem Ausgange fünfzig.«

»Patrouillieren sie?«

»Nein. Dann wären sie ja nicht da, wenn Sie durchbrechen wollten.«

»Sehr klug! Wie werden die zweihundert verteilt, welche noch kommen?«

»Gerade auch so, so daß vor jedem Durchgange zwischen den vier Corrals je hundert Mann stehen.«

»Das ist dumm, sehr dumm! Auf diese Weise kommen wir nicht durch!«

Ich sagte das im Tone des Bedauerns, ja sogar im Tone großer Besorgnis. Der Mann fiel schnell ein:


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»Da haben Sie sehr recht, Sennor. Sie können uns unmöglich entkommen.«

»Das scheint wirklich so. Hm! Mit hundert Mann nehmen wir es freilich nicht auf!«

»Nein. Und dazu kommt noch ein wichtiger Umstand, welchen Sie nicht vergessen dürfen. Sobald Sie auf der einen Seite durchbrechen wollen, ruft der Major die Besatzung der drei andern Ausgänge herbei. Sie haben dann alle vierhundert Mann gegen sich.«

»Pah! So gescheit ist der Mann nicht!«

»O doch! Ich habe ja gehört, was er sagte.«

»Er wird Ihnen, der Sie ein gewöhnlicher Soldat sind, doch nicht etwa seine Dispositionen mitteilen?«

»Nein. Aber ich hielt in der Nähe, als er den andern Offizieren seine Befehle gab. Da hörte ich es.«

»Caspita! Das ist allerdings sehr schlimm! Wir können ausbrechen, wo wir nur wollen, so haben wir vierhundert Mann gegen uns! Da werden wir augenblicklich zusammengeschossen!«

»Ganz gewiß, Sennor! Darum rate ich Ihnen, sich lieber gleich freiwillig zu übergeben.«

»Freiwillig?« brummte ich, indem ich mir den Anschein gab, als ob ich im höchsten Grade verdrießlich sei. »Das hätte ich nicht gedacht! Ich wollte mich meiner Haut wehren.«

Es gelang mir, ihn durch dieses Verhalten irre zu machen.

Dieser Schwachkopf nahm alles für bare Münze und glaubte nun gar, mir gute Lehre geben zu können.

»Es ist das Klügste und Allerbeste, was ich Ihnen raten kann, Sennor,« sagte er in einem plötzlich sehr zutraulichen Tone. »Sie können wirklich nicht fort, denn Sie sind ja von allen Seiten so gut eingeschlossen, daß wohl keine Ratte oder Maus hindurch könnte. Befolgen


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Sie also meinen Rat. Ich meine es sehr gut mit Ihnen; das können Sie mir glauben. Es ist sonst keine Rettung vorhanden.«

»Hm! Sie scheinen allerdings recht zu haben. Wir sind da ganz ahnungslos in eine schlimme Falle gegangen. Dennoch möchte ich mich nicht so ohne allen Widerstand ergeben. Es muß doch noch irgend ein Rettungsweg vorhanden sein. Wie nun, wenn wir ganz ruhig hier sitzen bleiben?«

»So kommen wir herein.«

»Wir postieren uns an die vier Corralgänge und verteidigen dieselben.«

»Bitte, Sennor, wie wollen Sie das denn eigentlich anfangen?« lachte der gute Mann in überlegener Weise.

»Sehr einfach. Wir sind doch bewaffnet!«

»Wir auch. Durch jeden Gang kommen hundert Mann von uns. Sie aber haben diesen hundert kaum drei entgegen zu stellen. Es bleibt Ihnen wirklich nichts anderes übrig, als sich zu ergeben.«

»Das will ich mir doch erst noch einmal überlegen.«

»Thun Sie das! Aber es wird wohl vergeblich sein. Vielleicht giebt Ihnen der Herr Major eine kurze Bedenkzeit. Soll ich ihn fragen?«

»Jetzt noch nicht. Sie sind ja noch nicht bei ihm!«

»So senden Sie mich hin!«

Es schien ihm sehr darum zu thun zu sein, möglichst schnell von uns fortzukommen, obgleich unser Aussehen bedeutend weniger drohend war, als vorher. Sobald ich eine scheinbar bedenkliche Miene angenommen hatte, thaten auch meine Gefährten ganz so, als ob sie nun von großen Befürchtungen erfüllt seien und den Gedanken an Rettung aufgeben wollten. Sie verstellten sich natürlich ebenso, wie ich mich selbst verstellte. Was mir der Mann mit-


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teilte [mitteilte], war nicht nur nicht beunruhigend, sondern sogar sehr beruhigend für uns. Es erschien mir jetzt als eine ziemlich leichte Sache, uns aus dieser Falle zu ziehen. Dennoch sagte ich auch jetzt in sehr bedenklichem Tone zu dem Soldaten:

»Ich kann hin- oder hersinnen, so ersehe ich keinen Ausgang. Sie haben uns geradezu überrumpelt!«

»Nicht wahr?« lachte er gemütlich. »Ja, wir wissen einen Lasso zu werfen!«

»Befanden Sie sich denn so gar sehr in der Nähe?«

»Ja. Wir wollten eben nach dem Rancho, um da Nachtlager zu machen. Wir hatten unsre Quartiermacher vorausgeschickt.«

»Ah! Unter denen der Sergeant war?«

»Ja. Sie gingen natürlich nicht als Soldaten, denn man muß vorsichtig sein.«

»Warum hatten Sie denn gerade diesen Rancho gewählt?«

»Er war uns vom Führer vorgeschlagen worden, welcher ihn ja ganz genau kannte, da er bis vor kurzer Zeit Besitzer desselben gewesen war.«

»Und Ihre Pferde haben Sie in den Corrals untergebracht, wie sich ja von selbst versteht?«

»Nein. So dumm waren wir nicht. Das hätten Sie ja doch bemerken müssen.«

»Was hätte das geschadet?«

»Sie hätten ja gesehen, daß Truppen einrückten, und wären uns da ganz gewiß entflohen. Darum haben wir die Pferde außerhalb der Corrals gelassen, welche nun freilich leer stehen. «

»Leer? Die Tiere des Ranchero befinden sich doch wohl jedenfalls darinnen?«


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»Nein, sie wurden still fortgetrieben, um den unsrigen Platz zu machen.«

»Ah so! Nun, dann können Sie ja Ihre Pferde in die Umzäunung treiben, da es nichts mehr zu verraten giebt. Wir wissen ja nun, daß Sie sich hier befinden und uns eingeschlossen haben.«

»Auch das werden wir wohl schwerlich thun. Wie nun, wenn es Ihnen gelingt, sich durchzuschlagen? Man muß eben mit allem rechnen. Man ist ja Soldat!«

»Nun, was meinen Sie?«

»Dann können wir Sie nicht verfolgen, denn ehe jeder sein Tier aus den Corrals gefunden hat, sind Sie ja über alle Berge fort.«

»Hm! Auch das ist richtig. Ich sehe jetzt, wie klug Ihr Major seinen Plan angelegt hat. Sie können ihm meinetwegen sagen, daß ich ihn für einen außerordentlich gescheiten Mann halte!«

»Danke! Werde mich hüten! Er braucht nicht zu wissen, wie lange und was ich hier geschwatzt habe.«

»Auch wieder richtig! Aber es giebt wohl doch noch ein Mittel, mich zu wehren. Soeben fällt es mir ein. Ich habe ja Geiseln.«

»Ah so! Etwa mich?«

»Nein. Ich habe Ihnen ja versprochen, Sie fort zu lassen.«

»Der Major würde Sie meinetwegen auch nicht verschonen. «

»Das glaube ich selbst. Ja, wenn Sie ein hoher Offizier wären! Ich habe aber doch Personen, wegen deren Ihr Kommandant Rücksicht gebrauchen muß. Ich werde sie Ihnen jetzt zeigen.«

»Wohl den Ranchero hier? Auf den wird der Major nicht allzu viel geben.«


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»So hole ich die andern. Der Herr Oberst Alsina, dessen Namen ich nun wohl nennen kann, weil er doch erkannt worden ist, mag Sie indessen weiter fragen.«

Der Oberst wollte jedenfalls gern möglichst viel über Jordan und seine Pläne wissen; darum konnte ich mir denken, daß er diesen Soldaten auszufragen beabsichtige. Konnte er von demselben auch nichts Direktes erfahren, so war es doch möglich, aus den Angaben und Antworten dieses Mannes indirekte Schlüsse zu ziehen.

Ich ging in den Rancho, und zwar nach der Schlafstube. Als ich die Thüre derselben öffnete, war es dunkel darinnen. Aber der Schein der Stubenlampe war hinreichend, mir zu zeigen, daß die Frau noch wach sei. Sie bewegte sich. Als sie sah, daß ein Fremder dastand, fragte sie erschrocken:

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Ich will Sie zu Ihrem Manne holen.«

»Ich komme gleich!«

»Bringen Sie auch die Kinder und einige Betten mit in den Schuppen.«

»Warum?«

»Die Offiziere werden das ganze Haus haben wollen, und so giebt es hier keinen Platz für Sie.«

»Ich komme gleich, Sennor.«

Sie hielt mich nicht für einen Soldaten. Sie mußte mich ja bei unserer Ankunft gesehen haben. Da sie jetzt glaubte, daß ich im Auftrage des Militärs handle, konnte sie also noch gar nicht wissen, daß die Soldaten unsere Gegner seien. Ihr Mann hatte alles vor ihr geheim gehalten.

In so einem Rancho schläft man nur selten entkleidet. Die Frau war sofort fertig, mir zu folgen. Sie lud einige Decken auf und rief die Kinder zu sich. Wir gingen hinaus.


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Ich führte sie in den Schuppen und ging so an ihrer Seite, daß sie ihren noch an der Erde liegenden Mann nicht sehen konnte. Drin machte sie sich dann für sich und die Kinder das Lager zurecht, und ich winkte einen der Yerbateros an die Thüre, welcher darüber wachen sollte, daß sie sich nicht entferne. Ebenso winkte ich den Indianer zu mir und erkundigte mich bei ihm:

»Glauben auch Sie, daß Sie sich in Gefahr befinden?«

»Natürlich, ich und meine Mutter. Mitgegangen, mitgefangen.«

»Hm! Angst brauchen Sie aber nicht zu haben. Was für ein Mann ist denn eigentlich Ihr Verwandter, der frühere Besitzer dieses Rancho? Ein böser Mensch?«

»O nein. Er ist nur sehr ernst und verschlossen. Es wurde ihm ein Bruder getötet, den er sehr lieb gehabt hat. Seit jener Zeit ist er Menschenfeind.«

»Und Anhänger von Jordan?«

»Wie er dazu kommt, das weiß ich wirklich nicht. Er ist niemals der Anhänger einer Partei gewesen.«

»Sie sagten, er sei Indianer?«

»Ja, gerade wie ich.«

»Nun, Jordan scheint den Indianern große Vorteile und Freiheiten vorzuspiegeln. Da ist es kein Wunder, wenn er unter ihnen Anhänger findet. Aber begeistert kann der Mann doch nicht sein!«

»Man weiß es nicht, da er zum Oberlieutenant gemacht worden ist. So etwas pflegt nicht ohne Eindruck zu sein.«

»Was war er früher?«

»Chinchilla-Jäger.«

Die Chinchilla gehört zu den Wollmäusen, lebt in bedeutender Höhe in den Anden und wird unter großen


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Gefahren wegen ihres wertvollen Pelzwerkes gejagt. Hatte sich der Ranchero mit der Jagd dieser Tiere beschäftigt, so besaß er also Eigenschaften, welche man zu achten und anzuerkennen hatte.

»Ich werde ihn mir schicken lassen,« sagte ich zu dem Indianer, »um zu unterhandeln.«

»Diesen Wunsch wird man erfüllen; nur wird es zu nichts führen.«

»Ich weiß das; aber ich habe eine gewisse Absicht dabei.«

Jetzt trat ich wieder zu dem Feuer, an welchem der Oberst noch mit dem Soldaten sprach. Aus der befriedigten Miene des ersteren war zu ersehen, daß seine Erkundigungen wohl nicht so ganz ohne Resultat gewesen seien. Als ich kam, machte er mir Platz und sagte:

»Es wird wohl dabei bleiben, Sennor, daß wir uns ergeben müssen. Diese Leute sind uns an Zahl weit überlegen.«

»Ja,« nickte ich. »Und dazu haben sie ihre Vorkehrungen so außerordentlich gut unternommen und getroffen, daß kein Mensch entkommen kann, ohne kämpfen zu müssen.«

»Was thun wir also?«

»Nun, haben Sie denn gar so große Lust, möglichst bald Gefangener von Jordan zu sein?«

»Das freilich nicht. Ich möchte mich gerne meiner Haut wehren. Es geht aber nicht. Und mich ganz unnötigerweise und ohne den geringsten Erfolg in den Tod stürzen, das kann mir doch auch nicht einfallen.«

»Mir ebensowenig. Aber ich habe da ein Mittel entdeckt, wenigstens einen Angriff abzuwehren und Zeit zur Verhandlung zu gewinnen. Der Ranchero ist ge-


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fangen [gefangen], und soeben habe ich auch seine Frau und Kinder in den Schuppen geschafft. Sobald man uns überfällt, werden wir diese Personen erschießen.«

»Alle Wetter! Das ist freilich ein sehr guter Gedanke!«

»Nicht wahr? Ich bin vollständig entschlossen, diese Leute zu töten, sobald der Feind hier durch einen der vier Gänge brechen oder eine Kugel nach uns senden sollte!«

»Qué desgracia - welch ein Unglück!« stieß der Ranchero hervor.

»Sie sind selbst schuld daran!« antwortete ich ihm. »Sie haben den Verräter gegen uns gespielt. Wir waren Ihre Gäste, und Sie lieferten uns dem Feinde aus. Nun hängt Ihr Leben an einem einzigen Haare. Larsen, schaffen Sie ihn fort, und bringen Sie ihn zu seiner Frau! Aber diese muß auch gebunden werden, damit sie nicht etwa auf den dummen Gedanken geraten kann, ihm die Fesseln zu lösen.«

»Soll besorgt werden, Sennor!«

Nach diesen Worten nahm der riesige Steuermann den Ranchero auf die Schulter und trug ihn in den Schuppen. Ich aber wendete mich an den Soldaten:

»Sie sehen, wozu wir entschlossen sind. Seien Sie überzeugt, daß wir thun, was ich gesagt habe.«

»Das ist Mord, Sennor!« antwortete er. »Und Sie verbessern sich dadurch Ihre Lage nicht. Sie können höchstens die Entscheidung um einige Stunden hinausschieben.«

»So ist wenigstens Zeit gewonnen.«

»Die Ihnen aber nichts nützen wird!«

»Wollen sehen. Uebrigens ist dies nicht das einzige, was ich thun will. Ich bin erbötig, mit dem Major zu unterhandeln und seine Bedingungen zu hören.«


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»Soll ich ihm das sagen?«

»Ja. Ich bitte Sie darum. Warten Sie aber noch einen Augenblick! Ich wünsche, daß er seinen Führer, den Oberlieutenant Sennor Gomarra sendet.«

»Warum gerade diesen?«

»Weil er die Gegend und die hiesigen Verhältnisse genau kennt. Was er sagt, muß also doppelten Wert für uns haben.«

»Das gebe ich zu und werde also Ihren Wunsch dem Major mitteilen.«

»Und sodann - doch, ich will mich erst mit dem Obersten besprechen.«

Ich wandte mich an den letzteren, nahm ihn einige Schritte beiseite und sagte ihm leise, wie er sich jetzt verhalten solle. Dann thaten wir, als ob wir uns eifrig und mit halber Stimme besprächen, und endlich sagte der Oberst wie im Eifer und zwar so, daß der Soldat es hörte, aber scheinbar ohne es hören zu sollen:

»Darauf gehen sie nicht ein!«

»Sie müssen!«

»Nein! Wir können sie nicht zwingen.«

»So überfallen wir sie, höchstens eine Stunde, nachdem der Unterhändler sich entfernt hat. Aber reden Sie doch nicht so laut, denn dieser Kerl darf das nicht hören!«

Wieder sprachen wir leise; dann that ich, als ob ich zornig werde und sagte lauter und für den Soldaten hörbar:

»Es ist gar nicht schwer und gefährlich!«

»Sogar sehr! Wir können alle miteinander erschossen werden!«

»Ja, wenn die Kerle aufpaßten. Aber ich wette, daß sie müde werden. Wir kommen ganz plötzlich und schnell über sie.«


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»Nach welcher Richtung?«

»Nach Süd, weil da das Schiff liegt, mit welchem wir fort wollen. Wir werfen uns plötzlich zwischen die beiden Corrals, zwischen denen der Gang südwärts führt. Binnen einer Minute haben wir uns durchgeschlagen.«

»Hm! Es mag vielleicht gehen.«

»Auf alle Fälle geht es; es muß ja gehen. Aber sprechen Sie nicht so laut! Der Mann könnte es hören, und dann würde er es verraten. In diesem Falle würde es dann keine Rettung für uns geben.«

Wir gaben uns noch für ein kleines Weilchen den Anschein, als ob wir miteinander verhandelten, dann wendeten wir uns zu den andern zurück. Um die Lippen des Soldaten spielte ein triumphierendes Lächeln. Er war vollständig überzeugt, in unser tiefstes Geheimnis eingedrungen zu sein. Die Art und Weise, wie wir das ausgeführt hatten, hätte wohl auch einen Klügeren, als dieser war, zu täuschen vermocht. Unsere Unterhaltung hatte einen so natürlichen Anstrich gehabt, daß nur schwer auf eine beabsichtigte Täuschung zu schließen war.

»Ich bin mit diesem Sennor einig geworden,« sagte ich zu dem Manne. »Er hat sich auch entschlossen, daß wir unterhandeln. Der Major soll uns sagen, wen er überhaupt gefangen nehmen will.«

»Alle natürlich, alle!«

»Oho! Es sind auch Männer bei uns, mit denen er gar nichts zu schaffen hat.«

»Das weiß ich nicht. Das ist seine Sache.«

»Und das Lösegeld will ich wissen.«

»Das wird's nicht geben, weil er die Gefangenen abzuliefern hat.«

»Das wollen wir doch sehen. Also sagen Sie dem


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Major, daß wir nur Sennor Gomarra als Parlamentär haben wollen!«

»Wenn er nun nicht darauf eingeht, sondern einen andern schickt?«

»So behalten wir diesen als Gefangenen, als Geisel bei uns. Nur Sennor Gomarra lassen wir wieder fort, weil er der Freund unseres Führers ist. Er weiß vielleicht schon, daß dieser sich hier befindet, nämlich Gomez, sein Anverwandter.«

»Er wird es wohl gleich bei seiner Ankunft erfahren haben. Soll ich auch noch anderes melden?«

»Ja. Gomarra soll allein kommen, ohne alle Begleitung.«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Sagen Sie ferner, daß wir die vier Ausgänge der Kaktushecken, welche nach dem Rancho münden, besetzen werden, um jeden niederzuschießen, welcher sich zu uns wagt. Ich betrachte nämlich die Zeit zwischen jetzt und dem Ende unserer Verhandlung als die Zeit des Waffenstillstandes, während welcher jede Feindseligkeit zu unterbleiben hat. Sollte das nicht beobachtet werden, so würden wir den Unterhändler augenblicklich erschießen. Jetzt gehen Sie!«

»Gott sei Dank!« rief er tief aufatmend. »Endlich, endlich!« Als er verschwunden war, fragte der Oberst:

»Sennor, Sie scheinen einen Rettungsplan zu haben?«

»Einen ganz vortrefflichen. Wir rücken aus, vielleicht noch während der Verhandlung.«

»Das ist doch nicht möglich!«

»Sogar sehr wahrscheinlich. Wenigstens beabsichtige ich es.«


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»Zwischen Absicht und Ausführung pflegt ein bedeutender Weg zu sein.«

»Hier nicht.«

»So! Aber wohin?«

»Nach Nord.«

»Also nicht nach Süd! Sie sagten vorhin doch so?«

»Weil ich diesen Mann täuschen wollte. Man wird nun südwärts die meisten Leute stellen. Uebrigens wäre es eine Dummheit, nach dieser Richtung zu fliehen, da wir ja nach Corrientes, also nach Norden wollen und es uns überhaupt versagt ist, zum Schiffe zurückzukehren.«

»Ganz recht! Aber in welcher Weise?«

»Nun, durchbrechen.«

»Das kostet Blut!«

»Allerdings.«

»Ah, ich begreife Sie. Sie werden einen Scheinangriff nach Süd unternehmen, aber sich dann schnell nach Norden wenden?«

»Dieses letztere jedenfalls.«

»Also eine Finte! Sie denken, daß die nordwärts postierten Soldaten ihren Ort verlassen, wenn sie im Süden die Schüsse hören?«

»Wahrscheinlich. Wir können dann recht gemächlich fort. Wir gehen durch die Kaktushecken.«

Er war starr vor Erstaunen.

»Ah - - - so! Glauben Sie denn, daß dies gelingt?«

»Ja. Wenn der Major seine bisherigen Dispositionen nicht verändert, so muß es gelingen, und zwar sehr leicht.«

»Man wird auf uns schießen!«

»Das bezweifle ich. Man schießt nicht auf jemand, den man weder sieht, noch hört.«


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»Sennor, Sennor, stellen Sie sich die Sache nicht so leicht vor!«

»Das pflege ich nie zu thun. Ich male mir im Gegenteile alles schwer aus, um dann nicht enttäuscht zu werden. Hören Sie!«

Indem ich meine Ausführung mit den erklärenden Handbewegungen begleitete, fuhr ich fort:

»Die Besitzung bildet ein großes Viereck, welches aus wieder vier zusammengeschobenen Vierecken besteht, in deren Mittelpunkte, da, wo sie mit den Ecken zusammenstoßen, der Rancho liegt. Diese Vierecke sind durch vier gradlinige Wege voneinander getrennt, welche alle zum Rancho führen. Sie sind ferner von Kaktushecken umgeben, welche Ausgänge nur hier gegen den Rancho und gegen die äußern Ecken haben. Es stoßen also hier am Rancho vier Ausgänge aufeinander; an den Grenzen der Corrals aber sind nur die Ecken zu öffnen. Nun aber hat der Major die Wege besetzt; es steht zu erwarten, daß er auch die Ecken besetzt hat, da wir sonst so einen Ausgang öffnen und entfliehen könnten. Die ganze Linie des einzelnen Corrals ist aber nicht besetzt. Posten stehen an den Ecken und Gängen, dazwischen aber niemand. Und da müssen wir hindurch.«

»Aber wenn Sie ein Loch in den Kaktus machen, zerreißen Sie sich die ganze Haut!«

»Bei meinem ledernen Anzuge? Sie werden sehen, wie glatt das geht. Ich habe das nicht zum erstenmal unternommen. Doch still, ich höre Schritte!«

Es war eigentümlich, daß es mir gar nicht einfiel, die Mündungen der Gänge zu besetzen. Eigentlich konnte es gar keine größere Unvorsichtigkeit geben. Aber ich hatte die feste Ueberzeugung, daß man wenigstens jetzt an keinen Angriff denken werde. Und wie leicht hätte


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man uns überwältigen können! Die Soldaten brauchten nur eben leise herbeizuschleichen und über uns herzufallen. Jeder Widerstand unsererseits wäre vergeblich gewesen. Statt dessen kam ein einzelner Mann langsamen Schrittes herbei. Er trug keinerlei Waffen an sich, wie das von einem Unterhändler sich ganz von selbst versteht. Seine lange, hagere Gestalt steckte in keiner außergewöhnlichen Kleidung. Er trug den ordinären GauchoAnzug. Um seinen breitkrämpigen Hut hatte er ein buntes Tuch gebunden, welches unter dem Kinn fest geknüpft war. Die Züge waren indianisch, sehr ernst, ja finster. Sein großes Auge schien gar nicht freundlich blicken zu können, zeigte aber ungewöhnliche Intelligenz und Willenskraft.

Als unser Führer ihn erblickte, sprang er schnell auf, trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte:

»Endlich, Sobrino (* Vetter.), bist du da! Endlich sehe ich dich! Nun wird alles gut!«

Der Ernste nickte ihm zu und sagte in einfachem Tone:

»Bleib' sitzen! Was ereiferst du dich?«

»Soll man sich da nicht ereifern?«

»Gar nicht! Dich geht's nichts an!«

»Sogar sehr viel, ebenso wie jeden andern. Es wurde ja gesagt: Mitgegangen, mitgefangen!«

»Das betrifft dich nicht, Vetter. Dir wird niemand etwas thun. Aber die andern sind verloren.«

»Sie sind meine Freunde! Ich habe sie hierher geführt!«

»So müssen sie dich sogar dafür bezahlen!«

»Aber ich habe sie ins Verderben geleitet! Und dieser Sennor hat meiner Mutter während des Pampero das