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Drittes Kapitel. Bruder Jaguar.

Was ich gehört hatte, erfüllte mich mit Erstaunen. Woher hatte der seltsame Mann, in dem ich wohl das Mitglied einer Missionsgesellschaft zu verehren hatte, diesen Namen? Womit hatte er ihn verdient? Der Jaguar ist das gefürchtetste Raubtier Süd- und Mittelamerikas. Wenn ein Mann Gottes aus dem Munde des Volkes einen solchen Namen erhält, so müssen Gründe dazu vorhanden sein. Jaguar! Wie harmonierte dieses Wort mit der Sanftmut und Milde, welche sein bleiches, bartloses Gesicht so anziehend machte! Ich ahnte, daß ich da vor einem hochinteressanten Geheimnisse stand.

Die Art und Weise, in welcher er mit den Kavalleristen sprach, hatte etwas so Furchtloses, Selbstbewußtes, ja Kriegerisches. Und als er sich zu mir herumgedreht hatte, war ein so eigentümliches Leuchten in seinen Augen gewesen, als ob er sich zutraue, den stärksten und gefährlichsten Feind zu bezwingen. Er wendete sich wieder an das Guckloch und rief:

»Wartet hier! In einer halben Stunde werde ich euch Bescheid sagen. Aber wer nur einen feindseligen Griff wagt, der hat es mit Bruder Jaguar zu thun. Bedenkt das!«

Jetzt verschloß er das Guckloch. Ich war gleich anfangs vom Pferde gestiegen und hatte bis jetzt nicht aufgehört, dasselbe zu liebkosen und zu streicheln, weil es seine Schuldigkeit gethan hatte.


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Der Bruder sah das. Er reichte mir die Hand und sagte:

»Ich heiße Sie willkommen, Sennor. Sie halten Ihr Pferd gut. Das ist hier eine große Seltenheit, und ich bin überzeugt, daß Sie ein guter Mensch sind. Kommen Sie herein in die Stube!«

Er öffnete eine schmale Thüre, durch welche wir in den Wohnraum traten, der höher war, als man es gewöhnlich in Ranchos findet, und eine Bretterdecke hatte. Die Glasfenster zeigten keinen einzigen Flecken, und die einfachen Tische und Stühle waren ebenso wie die Diele blitzblank gescheuert. Das mutete einen so heimatlich an. Neben der Thüre hing ein Weihwassergefäß, was ich während dieser Tage noch nirgend anderswo gesehen hatte, obgleich die Staatsreligion der Banda oriental die katholische ist. Gegenüber hing der Spiegel und zu beiden Seiten von ihm die Mater dolorosa und der Erlöser mit der Dornenkrone in nicht üblem Oelfarbendruck. In der Ecke stand ein großer Kachelofen und hinter demselben, in dem Raume, welchen man in einigen Gegenden Deutschlands die >Hölle< nennt, ein altes, mit Leder bezogenes Sofa. Es war mir ganz so, als ob ich mich in einer thüringischen oder bayerischen Bauernstube befände. Und ebenso wie die Wohnung heimelten mich auch die Besitzer an. Die Frau, welche mich so herzlich bewillkommnet hatte, mochte an die vierzig Jahre alt sein; ihr Mann vielleicht zehn Jahre älter. Beide trugen sich heimatlich gekleidet, ungefähr wie die Leute im Fichtelgebirge. Die Frau hatte offene, lebhafte Gesichtszüge, in denen aber ein Zug der Trauer lag. Der Mann war von behäbigem Aussehen, wie einer, welcher von sich sagen kann: >Ich bin kein reicher Mann, aber was ich brauche, das habe ich, und sogar alle Wochen zwei Groschen mehr.< Das


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andere Frauenzimmer, welches mit vor dem Thore gestanden hatte, war eine Dienstperson indianischer Abstammung. Sie war nicht mit in der Stube geblieben, sondern durch eine zweite Thüre gegangen. Das Klirren von Tellern und dergleichen verriet mir, daß dort die Küche liege.

So waren wir zu vier Personen. Während Wirt und Wirtin die Stühle an den Tisch schoben, sagte der Frater:

»Meinen Namen kennen Sie, Sennor. Ich muß Ihnen denjenigen unseres Ranchero sagen, damit Sie wissen, bei wem Sie sich befinden. Sie sind nämlich bei zwei Landsleuten, bei Sennor und Sennora Bürgli.«

»Ah, Sie stammen aus der Schweiz?« fragte ich den Ranchero. »Ihr Name läßt es erraten.«

»Sie vermuten das richtige.«

»Und Sennora ist auch eine Schweizerin?« Ich sprach spanisch, da ich nicht erwarten konnte, daß der Frater deutsch verstehe.

»Nein. Sie ist eine Thüringerin aus der Gegend von Arnstadt,« lautete die Antwort.

»Das habe ich mir nicht gedacht. Ein Schweizer ist hier in der Banda oriental keine Seltenheit, aber daß ich hier am Rio Negro eine Thüringerin treffen würde, das konnte ich nicht erwarten, noch dazu eine Thüringerin, welche mir das Leben rettet!«

»O, so schlimm wird es nicht gewesen sein, Sennor!« meinte sie.

»Doch! Hätten die Bolas mein Pferd gelähmt, so wäre ich verloren gewesen. Man hätte mich erschossen.«

»Wegen Landesverrates?«

»Ja, und wegen Mordes. Zufälligerweise aber war ich derjenige, welcher ermordet werden sollte.«


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»Zürnen Sie mir, wenn ich Sie bitte, uns Ihre Erlebnisse mitzuteilen?«

»O nein. Sie haben ein Recht, es zu erfahren.«

Ich erzählte, was ich in den wenigen Tagen erlebt hatte, von dem Augenblicke an, an welchem ich vom Schiff gegangen war, bis jetzt. Sie waren sehr aufmerksame Zuhörer. Als ich geendet hatte, sagte der Bruder:

»Eigentümlich! Es hat nicht ein jeder das Glück oder das Unglück, in so kurzer Zeit so viel zu erleben wie Sie, Sennor. Sie befinden sich wirklich in Lebensgefahr.«

»Wüßte ich nur, wer mir diese wütenden Bolamänner auf den Hals geschickt hat!«

»Vielleicht erfahren wir es noch.«

»Ich habe Rixio im Verdacht.«

»Ich auch. Uebrigens kann es Ihnen, da Sie so schnell weiter und sich hier nicht verweilen wollen, eigentlich gleichgültig sein, wem Sie diese gefährliche Belästigung zu verdanken haben. Die Hauptsache ist, daß Sie von derselben erlöst werden.«

»Das wird schwer fallen.«

»Ich hoffe, daß es mir gelingen wird.«

»Und ich denke, daß sie draußen warten werden, bis ich den Rancho verlasse.«

»So bleiben Sie hier, bis ihnen die Geduld ausgegangen ist!«

»Das wäre schön!« stimmte die Sennora bei. »Sie würden dadurch bei uns eine große Freude anrichten, trotzdem wir jetzt eine große Trauer im Hause haben.«

»Ja, den Sterbenden?« fragte ich.

Ihre Miene verdüsterte sich.

»Es ist ein Oheim von mir,« sagte sie leiser. »Hören Sie ihn nicht draußen in der andern Stube?«


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Ich hatte wohl mehreremal ein unterdrücktes Aechzen und Stöhnen gehört, aber nicht darauf geachtet.

»Ist er sehr krank?« fragte ich.

»An Leib und Seele,« antwortete sie. »Leiblich kann er nicht genesen; es sind ihm wohl nur noch wenige Tage beschieden, vielleicht nur Stunden. Und doch ist die andere Krankheit noch schlimmer, denn er will den Arzt nicht zu sich lassen und von keiner Arznei etwas wissen.«

»Das ist freilich traurig. Ist er vielleicht ohne Glauben?«

»Das eigentlich nicht. Aber es scheint ihn etwas schwer zu drücken, irgend eine Schuld oder sonst eine Last, welche er vor seinem Tode von sich abwälzen möchte, ohne doch den Mut dazu zu haben. Er hat sich viel im Westen, im Gebirge umhergetrieben. Womit er sich da beschäftigte, wissen wir nicht genau. Er sagt, daß er nach vorsündflutlichen Tieren grabe. Dabei hat er sich ein kleines Vermögen gesammelt, mit welchem er für uns diesen Rancho kaufte. Er befindet sich fast das ganze Jahr in den Cordilleren und kommt nur hie und da einmal auf einige Wochen, um sich auszuruhen. Als er jetzt kam, es ist vor fast zwei Monaten, erschraken wir über sein Aussehen. Er glich einer Leiche. Von da an hat er seine Stube nicht mehr verlassen und ist wie das Abbild des Todes. Er weiß genau, daß er sterben muß.«

»So geben Sie sich alle Mühe, ihn dahin zu bringen, daß er sein Herz erleichtere! Es hängt die Seligkeit daran!«

»Sie haben recht, Sennor,« sagte der Bruder, indem er mir die Hand drückte. Er hielt inne, denn draußen vor dem Thore erhob sich ein wahrer Heidenskandal. Der Ranchero griff zu seinem Gewehre, welches an der Wand hing, aber der Frater sagte:


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»Lassen Sie, Sennor Bürgli! Waffen werden wohl nicht nötig sein. Ich glaube, diese Leute bändigen zu können. Aber Sie können mit herauskommen.«

Wir gingen in den Hof, in welchem mein Pferd sich nicht mehr befand. Ein Peon hatte es nach der andern Seite des Hauses geführt, wo die auch von Kaktusgehegen eingeschlossene Pferdeweide sich befand. Sie war von außen ebenso unzugänglich, wie der für die Rinder bestimmte Platz, welcher vorhin erwähnt wurde. Man schlug gegen die Thüre, und zehn, zwanzig Stimmen brüllten um Einlaß. Der Bruder öffnete das Guckloch abermals; es wurde still, und ich hörte den Major wieder reden:

»Zum Teufel, wie lange sollen wir warten! Es ist viel mehr als eine halbe Stunde vergangen!«

»So reitet weiter, wenn ihr keine Zeit zum Warten habt!«

»Wir werden reiten, aber ohne den Deutschen nicht! Gebt ihn heraus!«

»Das thun wir nicht.«

»Mann Gottes, bekümmere dich nicht um irdische Dinge! Ich befinde mich auf dem Wege nach meiner Garnison. Ich werde dort erwartet und muß Sie allen Ernstes ersuchen, uns hier nicht aufzuhalten.«

»Kein Mensch hält euch auf, Sennor. Reitet fort, so schnell ihr könnt! Ihr thut uns und vielen andern damit einen großen Gefallen!«

»Ohne den Deutschen nicht!«

»Den bekommt ihr nicht. Er befindet sich unter meinem ganz speziellen Schutz!«

»Ich frage nicht nach diesem Schutz und erkenne ihn auch nicht an,« fuhr der Major fort. »Ich gebe Ihnen noch fünf Minuten Zeit. Ist bis dahin der Deutsche


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nicht ausgeliefert, so werdet Ihr sehen, daß wir uns ihn holen!«

»Ihr würdet nur in Euer Verderben rennen, Sennor!«

»Oho! Glaubt Ihr, daß er so sicher bei Euch ist, weil Sie ein Bruder sind? Das bilden Sie sich nicht ein. Ihre Amtswürde ist uns sehr gleichgültig. Wenn Sie uns widerstreben, so machen wir Sie ebenso nieder, wie jeden andern!«

»So machen Sie Ernst! Versuchen Sie es! Ich will Ihnen die Gelegenheit dazu geben.«

Er verschloß das Loch und griff nach den Riegeln. Die beiden schweren Balken flogen zurück, als ob sie Bleistifte seien. Der Frater mußte wahre Riesenkräfte besitzen. Dann öffnete er die beiden Flügel des Thores, so weit es möglich war. Wir konnten hinaussehen und die Kavalleristen herein. Wir sahen sie und sie uns.

»Dort steht der Hund, der mir den Säbel zerbrochen hat!« rief der Major. »Drauf, Leute!«

Er war ein ganz anderer geworden. Als ich sein Gefangener war, hatte er mich mit wirklicher Höflichkeit behandelt. Jetzt aber war er rücksichtslos. Er hatte seine Pistolen wieder gefunden. In jede Hand eine nehmend, schritt er auf den Frater zu. Seine Leute folgten ihm zögernd. Der Bruder stand mitten in der Thoröffnung, hoch aufgerichtet und stolz.

»Zurück!« gebot er.

Die Bolamänner blieben stehen; der Major aber gehorchte nicht; er schritt weiter.

»Zurück, oder - -!« wiederholte der Bruder, indem er den Arm gebieterisch erhob. Jetzt hielt auch der Offizier den Schritt an. Ich konnte das Gesicht des Bruders nicht sehen; es mußte in demselben ein Ausdruck liegen, welcher dem Major imponierte. Er getraute sich nicht,


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an ihm vorüberzugehen, doch rief er in zornigem Tone:

»Nun gut, ich will nicht ohne Erlaubnis ein fremdes Haus betreten. Da Sie mir aber den Deutschen nicht ausliefern wollen, so mag die Sache schnell zu Ende gehen. Die Exekution mag gleich jetzt und hier stattfinden.«

Er erhob den Arm, um mit der Pistole auf mich zu zielen.

»Halt! Nieder mit der Waffe!« donnerte der Frater ihn an.

Der Major erschrak wirklich vor dieser Stimme. Er ließ den Arm sinken, schien sich aber doch zu schämen, denn er richtete die Waffe von neuem auf mich und sagte:

»Pah! Ich lasse mir nichts befehlen, am allerwenigsten von einem Mönche. Dieser Deutsche soll zur Hölle fah - -«

Er kam nicht weiter, denn in demselben Augenblicke hatte er keine Pistole mehr. Der Bruder hatte sie ihm blitzschnell aus den Händen gerissen und warf sie in den Hof herein. Dann packte er den Major an beiden Armen, drückte sie ihm fest an den Leib, hob ihn empor und trug ihn wie eine Puppe herein. Neben der Thüre stand eine aus gestampfter Erde bestehende Bank. Auf diese steifte er den Offizier auf und fuhr ihn an:

»Hier bleibst du sitzen, Mann! Sobald du aufstehst, spreche ich noch anders mit dir!«

Er kehrte an das Thor zurück, machte es zu und schob die beiden Riegel vor, ohne daß einer der Kavalleristen es gewagt hätte, ihn daran zu hindern. Der Major saß gehorsam und bewegungslos da wie ein Kind. Jetzt hatte ich gesehen, worin die Macht des Fraters lag, nämlich in seinen Augen. Diese hatten einen Glanz angenommen und einen


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Blick gehabt, welche beide ganz unbeschreiblich waren. Der rätselhafte Mann trat jetzt wieder an die Bank heran und sagte, indem er die Arme über der Brust kreuzte:

»So, jetzt haben Sie Ihren Willen, Sennor. Sie haben Einlaß erhalten und sehen den, dessen Auslieferung Sie verlangen, neben mir stehen. Sagen Sie mir, was Sie mir zu sagen haben, denn ich habe nicht Zeit, lange mit Ihnen zu verhandeln!«

»Das geht mich nichts an!« knurrte der Major grimmig. »Ich bleibe hier im Rancho, so lange es mir gefällt.«

»Oder vielmehr, so lange es mir gefällt! Denn wenn ich Sie nicht mehr hier sehen will, so werfe ich Sie über die Mauer hinaus. Sehen Sie, ungefähr so!«

Er faßte ihn an den beiden Hüften, hob ihn empor und schwenkte ihn hin und her, daß der Mann voller Angst schrie:

»Dios mio! Wollen Sie mich denn schon jetzt hinauswerfen, Sennor? Da gehe ich doch lieber selber!«

»Wenn Sie das thun wollen, so beeile ich mich, Ihnen zu erklären, daß Sie weder bleiben können, so lange es Ihnen beliebt, noch gehen dürfen, sobald es Ihnen paßt. Seit ich Sie hierher auf diese Bank gesetzt habe, besitzen Sie keinen freien Willen mehr, da Sie unser Gefangener sind.«

Der Major starrte ihn erschrocken an, dann fuhr er von der Bank auf und rief:

»Was fällt Ihnen ein, mich für Ihren Gefangenen zu erklären! Welches Recht haben Sie dazu?«

»Dasselbe Recht, welches Sie hatten, diesen deutschen Sennor und seinen Gefährten gefangen zu nehmen, nämlich das Recht des Stärkeren. Ich füge hinzu, daß unser Recht eine weit bessere Begründung hat als das Ihrige.


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Die beiden Sennores hatten Ihnen gar nichts gethan, als Sie sich derselben bemächtigten; Sie aber hatten uns mit Ihren Pistolen und sogar mit Einäscherung dieses Rancho bedroht, bevor ich Sie gefangen nahm.«

»Sennor, ich bin Major und werde nächstens Oberst sein!«

»Das ist mir völlig gleichgültig. Sie haben Ihre Uniform und Ihren Rang befleckt. Sie haben Privatpersonen ergriffen und eine derselben hinrichten wollen; Sie sind also Polizist und Henker in einer Person gewesen. Wenn Sie glauben, dies mit Ihrer militärischen Würde vereinbaren zu können, so muß ich dagegen andrer Meinung sein. Uebrigens flößt mir diese Würde nicht den geringsten Respekt ein, da Ihnen Ihr Säbel zerbrochen worden ist, was ja bekanntlich für die größte Beleidigung gilt, welche einem Offizier widerfahren kann.«

»Sennor!« brauste der Major auf, indem er die Hand ballte.

»Still! Mäßigen Sie sich, und setzen Sie sich gefälligst nieder! Sie dürfen nur dann, wenn ich Ihnen die Erlaubnis dazu erteile, sich von Ihrem Platze erheben, denn Sie haben keinen Willen mehr.«

Er drückte ihn wieder auf den Sitz nieder. Der Major wußte sichtlich nicht, ob er sich zornig oder nachgebend verhalten solle. Das erstere wäre unklug und das letztere gegen seine Ehre gewesen. Er machte überhaupt ganz und gar nicht den Eindruck eines >schneidigen< Kavallerieoffiziers. Seine Beinkleider waren bis zum Sitze durchnäßt, und an dem Fracke fehlte das große Stück, welches ich ihm losgerissen hatte.

»Aber was haben Sie denn mit mir vor?« fragte er.

»Wir werden Sie wegen Bedrohung des Lebens eines Mitmenschen und ebenso wegen Bedrohung mit Brand-


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stiftung [Brandstiftung] zu einer diesen Verbrechen entsprechenden Strafe verurteilen.«

»Donnerwetter! Sie - mich?«

»Jawohl. Nebenbei gesagt, bitte ich Sie, ähnliche Wörter und Flüche, wie ich jetzt hörte, zu unterlassen! Sie sind das mir schuldig.«

»Aber was fällt Ihnen ein! Sie wollen sich zum Richter über mich setzen?«

»Gewiß! Warum etwa nicht?«

»Sie haben doch nicht das geringste Recht dazu!«

»Ich habe dazu wenigstens ganz dasselbe Recht, welches Sie sich anmaßten, als Sie heute ein Kriegsgericht konstituierten. Ich kenne die Rechtsverhältnisse dieses Landes und weiß sehr genau, daß Sie sich einen Uebergriff erlaubten. Ja, dieser Uebergriff war eigentlich eine Anmaßung, eine Gewaltthätigkeit, für welche Sie hart bestraft werden, falls die beiden Betreffenden Anzeige erstatten.«

»Sennor, vergessen Sie ja nicht, mit wem Sie reden! Ich habe Ihnen meinen Namen und Grad genannt!«

»Ich sage Ihnen aufrichtig, daß ich Ihnen keinen Glauben schenke.«

»Donnerw - - wollte sagen, ja, was wollte ich sagen? Was ich da hörte, das ist so stark, daß ich mich fragen möchte, ob ich es wirklich gehört habe!«

»So will ich es wiederholen: Ich glaube nicht, daß Sie derjenige sind, für den Sie sich ausgeben.«

»Sennor, wissen Sie, welch eine Beleidigung Sie da ausgesprochen haben?«

»Sehr wahrscheinlich ist es gar keine Beleidigung. Die Armee der Banda oriental zählt nicht nach Hunderttausenden. Sie ist nicht so stark, daß man die Zahl und Namen ihrer Stabsoffiziere nicht zu übersehen vermöchte.


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Ich rühme mich, die Namen sämtlicher dieser Herren zu kennen; ein Major Cadera aber ist nicht dabei.«

»So sind Sie ungenügend unterrichtet!«

»Bitte, wenn ich mich einmal unterweisen lasse, so pflege ich das genügend zu thun. Wohl aber kenne ich einen Sennor Namens Enrico Cadera. Er ist ein argentinischer Parteigänger, von welchem mir erzählt wurde, daß er jetzt zu irgend einem noch unaufgeklärten Zwecke Truppen sammle. Er rekrutiert an den Ufern des Uruguayflusses und soll es sogar einigemale gewagt haben, das diesseitige Gebiet zu betreten. Sonderbarerweise haben dann allemal die Herdenbesitzer derjenigen Gegenden, welche er mit seinem Besuche beehrte, beträchtliche Verluste an Pferden erlitten, welche ihnen fortgetrieben worden sind.«

Es war ein etwas ängstlicher Blick, welchen der Major auf den Frater warf, als er sagte:

»Von diesem Manne habe ich noch nichts vernommen. Ich kenne ihn nicht.«

»Wie? Sie als Major sollten von einem solchen Parteigänger nichts gehört haben? Das wäre erstaunlich. Sind Sie wirklich Stabsoffizier, so müssen Sie unbedingt benachrichtigt worden sein, daß wegen dieses Enrico Cadera ein Truppenkommando an den Uruguay gesandt worden ist, um derartige Uebergriffe zurückzuweisen. Mein Zweifel an Ihrer Identität wird also immer größer. Ueberdies befürchte ich, Sie werden von der Veröffentlichung Ihrer heutigen Heldenthaten wenig Ruhm haben.«

»Desto größer wird die Strafe sein, welche man Ihnen diktieren wird! Es versteht sich ja ganz von selbst, daß ich Sie vor den Strafrichter bringe!«

»Dazu werde ich Ihnen behilflich sein. Ich bin entschlossen, einen Boten nach Mercedes zu senden, welcher


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die dort stehenden Truppen herbeiholt, damit ich von denselben arretiert werden kann. Da dies für Sie eine Genugthuung sein wird, welche ich Ihnen aufrichtig gönne, so werde ich Sie, wenn nötig mit Gewalt, veranlassen, bis zur Ankunft dieser Leute hier zu bleiben.«

Dem Major kam die Selbstbeherrschung abhanden. Man sah, daß er erschrak.

»Alle Teufel! Das werden Sie bleiben lassen!« rief er aus.

»Glauben etwa Sie, mich zwingen zu können, diesen meinen Vorsatz aufzugeben?«

»Ja. Nötigenfalls werden meine Leute diesen Rancho mit Gewalt stürmen, um mich zu befreien!«

»Sie wollen Gewalt anwenden, um von hier fortzukommen? Sie fürchten also die Ankunft unseres Militärs? Damit liefern Sie den unumstößlichen Beweis, daß meine vorhin ausgesprochene Vermutung richtig ist. Sie sind der Anführer von Freibeutern, deren Treiben ungesetzlich ist. Kommen Sie mit herein in die Stube! Ich werde sofort einen Boten absenden, und Sie haben die Güte, bis zur Rückkehr desselben hier zu verweilen.«

»Was muten Sie mir zu! Ich werde Ihnen zeigen, was ich zu thun beabsichtige oder nicht, und zwar gleich!«

Er schnellte von seinem Sitze auf und sprang nach der Stelle, an welcher seine beiden Pistolen lagen, welche der Bruder hereingeworfen hatte. Ich war darauf gefaßt gewesen, that einen Sprung, kam ihm zuvor und schleuderte ihn zurück, so daß er mit einem lauten Schlage auf die Bank flog. Das brachte ihn außer sich. Er fuhr schnell wieder auf, stieß einen grimmigen Fluch aus und wollte sich auf mich werfen. Aber der Frater faßte ihn wie vorher an den Armen, drückte ihm dieselben an den Leib und steifte ihn abermals auf die Bank zurück.


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»Sie sehen, daß Sie nichts vermögen,« sagte er. »Ergeben Sie sich also in die gegenwärtige Lage! Widerstand ist vergeblich. Sie haben es nicht mit Leuten zu thun, welche sich vor einem Freibeuter fürchten. Sie werden die Früchte Ihrer heutigen Thaten ernten, Sie und Ihre Leute, denn auch dieser werden wir uns versichern.«

Wie wollen Sie das anfangen?« fragte der Major kleinlaut-höhnisch.

»Ich will es Ihnen sagen. Sie schließen wir ein, und dann locken wir Ihre Leute herein in den Hof und lassen unsere Toros und Novillos zu ihnen, welche sich da hinter diesem zweiten Thore befinden. Ich bin überzeugt, daß Ihre tapferen Guerilleros diesen Tieren gegenüber ganz andere Gesichter machen, als heute früh, wo es sich um zwei ungefährliche Männer handelte.«

Toro ist ein alter, heimtückischer Stier, welcher leicht auf den Mann geht. Novillos werden die jungen, wilden Ochsen genannt, welche sich der Zähmung widersetzen. Beide Arten sind höchst gefährlich, denn ist ein solches Tier einmal in Wut geraten, was bei der geringsten Veranlassung geschehen kann, dann ruht es nicht eher, als bis der Feind ihm aus den Augen gekommen oder vernichtet ist. Die Drohung des Bruders verfehlte deshalb ihren Eindruck nicht, zumal er hinzufügte:

»Oder glauben Sie, daß Ihre Leute meiner Einladung nicht folgen werden? Dann giebt es ein anderes Mittel. Sie sind von den Pferden gestiegen und also nicht zu einer augenblicklichen Flucht vorbereitet. Ich brauche nur das vordere und dieses zum Ochsenplatze führende Thor zu öffnen, so stürmen die Stiere hinaus. Sie kennen das und werden zugeben, daß Ihre Leute dann sicher verloren sind. Soll ich es Ihnen etwa gleich jetzt beweisen, Herr Major?«


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Er that, als ob er zum Thore gehen wolle.

»Um Gottes willen!« rief Cadera erschrocken. »Die Bestien würden sich ja zuerst auf uns werfen!«

»Allerdings. Aber den Ranchero und mich kennen sie; wir würden uns vor den deutschen Sennor stellen, und Sie würden es also allein sein, den sie auf ihre Hörner spießten. Es ist gar nicht scherzhaft gemeint, Sennor! Sie befinden sich in großer Gefahr. Sie haben nichts zu erwarten, als das Militär aus Mercedes und obendrein die wilden Stiere. Wir wissen sehr genau, wie man mit fremden Freibeutern umzugehen hat; das sehen Sie nun wohl ein.«

»Ich mag mit Ihnen nichts mehr zu thun haben und verlange, daß Sie mich hinaus lassen!«

»Hm! Dieses Verlangen ist sehr leicht erklärlich, und ich bin vielleicht bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen, stelle aber die Bedingung, Sie gegen Ihren Gefangenen auszuwechseln.«

»Darauf lasse ich mich nicht ein! Sie müssen mich hinaus lassen. Sie haben kein Recht, mich hier zurückzuhalten!«

»Und Sie haben noch weniger Recht, sich des Sennor Monteso zu bemächtigen. Streiten wir nicht. Diese Differenz wird sofort ausgeglichen werden, wenn die Truppen aus Mercedes kommen. Sennor Bürgli, haben Sie einen sicheren Mann und ein schnelles Pferd?«

»Beides ist vorhanden,« antwortete der Ranchero, welcher sich bisher nur mit den Augen und Ohren an der Scene beteiligt hatte.

»Lassen Sie augenblicklich satteln und bringen Sie den Mann zu mir. Ich werde ihm einige Zeilen mitgeben. Die Freischärler halten vorn am Thore; er mag also hinten durch die Oeffnung der Hürde reiten. Da sehen sie ihn nicht.«


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Bürgli wollte in das Haus treten. Da aber rief der Major:

»Halt! Noch ein Wort! Ich habe die Truppen aus Mercedes nicht zu fürchten, denn sie sind meine Kameraden. Aber ich wäre blamiert, mich von ihnen in der gegenwärtigen Lage finden zu lassen. Ich gehe also auf Ihre Bedingung ein und liefere Monteso aus. Lassen Sie mich hinaus, so werde ich Ihnen den Mann hereinschicken.«

Der Frater schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete:

»In dieser Weise möchte ich die Sache nicht beilegen, Sennor. Ich öffne das Thor, so daß Sie von den Ihrigen gesehen werden und mit ihnen sprechen können. Sie geben ihnen den Befehl, den Yerbatero frei zu lassen. Sobald er zum Thore hereinkommt, dürfen Sie zu demselben hinaus. Dadurch wird jede Unehrlichkeit von Ihrer oder unsrer Seite ausgeschlossen. Ich denke, Sie gehen auf diesen Vorschlag ein?«

»Ich bin bereit dazu.«

»Gut! Aber ich verlange von Ihnen Ihr Ehrenwort, daß Sie sich dann sofort mit Ihren Leuten entfernen und jeden Versuch unterlassen, uns zu schaden. Unter diesem Wörtchen >uns< verstehe ich die Bewohner dieses Rancho, die beiden Sennores, welche Ihre Gefangenen waren, und auch mich. Ich fordere also, daß Sie einen Eid darauf ablegen. Sind Sie bereit dazu?«

Er gab diese Zusage nur sehr widerstrebend; das war ihm anzusehen, aber er hatte keinen freien Willen mehr.

»Nun, so will ich öffnen,« erklärte der Frater.

Er ging zum Thore, schob die Riegel zurück und machte beide Flügel auf. Mitten im Eingange blieb er stehen. Die Bolamänner waren abgestiegen und hielten


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in kurzer Entfernung von ihm. Monteso wurde von ihnen eingeschlossen und war an den Händen gebunden. Ich stand neben dem Major und hielt ihn scharf im Auge. Er hatte nun den betreffenden Befehl zu erteilen. Sein Auge sah das Thor offen; die Freiheit lag vor ihm; es schien ihm leicht zu sein, uns zu entkommen, ohne sein Versprechen zu halten; er schnellte plötzlich vorwärts, dem Ausgange zu. Aber er kam nicht weit. Ich sprang ihm nach und faßte ihn am Arme. Er versuchte sich loszureißen, doch vergeblich.

»Herbei, herein!« schrie er seinen Leuten zu. »Zu Hilfe!«

Ich schleuderte ihn zu Boden und hielt ihn dort fest. Mehrere der Bolamänner wollten seinem Rufe folgen; aber der Frater rief ihnen zu:

»Ihr bleibt draußen! Wer wagt es, meinem Befehle entgegen zu handeln?«

Sie wichen zurück. Er allein hielt fünfzig Männer in Schranken. Es war, als ob sein Blick lähmend auf sie wirkte.

»Verräter, Lügner!« wendete er sich an den Major. »Sie wollen Offizier sein und besitzen doch so wenig Ehrgefühl, daß Sie ein gegebenes Wort nicht achten. Ich sollte Sie dafür züchtigen, will es aber nicht thun, sondern auch jetzt noch unser Uebereinkommen festhalten. Geben Sie Sennor Monteso frei, so lassen wir Sie hinaus. Entschließen Sie sich schnell! Wollen Sie?«

»Ja,« knirschte er. »Laßt mich nur auf!«

»Nein!« antwortete ich, ihm auf der Brust knieend. »Erst geben Sie den Befehl!«

»Nun denn, laßt den Kerl herein!«

Er mußte dieses Gebot wiederholen, bevor es befolgt wurde. Montesos Fessel wurde gelöst, und er kam in den Hof.


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»Nun aber will ich fort!« rief der Major. »Ich habe Ihre Bedingungen erfüllt. Lassen Sie mich also frei!«

»Ich werde es thun, sobald Sie jetzt in aller Form Ihr Ehrenwort wiederholen, sich mit den Ihrigen sofort zu entfernen und allen Feindseligkeiten gegen uns zu entsagen.«

»Ich gebe es ja! Wir werden diese Gegend augenblicklich verlassen und nichts gegen Sie unternehmen.«

»Gut! Und das Pferd des Yerbatero verlange ich auch.«

»Nehmen Sie es sich! Aber schnell, damit ich endlich loskomme!«

Monteso holte es sich selbst, und nun erst ließ ich die Hände von dem Major, welcher schnell aufsprang und zum Thore hinaus rannte. Draußen stieg er, ohne ein Wort zu sagen, auf und ritt mit seinen Leuten davon. Der Frater war so vorsichtig, ihnen einen Gaucho von weitem nachzusenden, welcher aufzupassen hatte, daß sie sich auch wirklich entfernten und uns nicht etwa für unsere Rückkehr nach der Estanzia del Yerbatero einen Hinterhalt legten. Er meldete uns später, daß sie über den Fluß gegangen seien, ein sicheres Zeichen, daß sie nicht die Absicht hatten, sich weiter mit uns zu beschäftigen.

Die Ranchera hatte von der Wohnstube aus den Vorgang nicht ohne Angst betrachtet, dabei aber doch Zeit gefunden, der Dienerin zu helfen, den Tisch mit den Erzeugnissen der Küche zu schmücken. Als wir hinein kamen, wurden wir aufgefordert, tüchtig zuzulangen, was wir auch thaten. Dabei war natürlich das Ereignis der Gegenstand des Gespräches. Monteso war am meisten ergrimmt und erzählte während des Essens, auf welche Weise er entkommen war. Das ihm von mir zugeworfene Messer


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hatte ihn gerettet, aber die Verfolger waren zu schnell hinter ihm gewesen. Er hatte zwar das Pferd zum schnellsten Laufe angespornt, aber es war jenseits der Bergeshöhe mit dem Fuße in einen Kaninchenbau geraten und gestürzt und er selbst war dadurch aus dem Sattel geschleudert worden. Um dem Pferde aufzuhelfen und wieder aufzusteigen, hatte er so viel Zeit gebraucht, daß ihm die Verfolger gefährlich nahe gekommen waren. Sie hatten sich geteilt, um ihn von rechts und links zu nehmen. Das hatte die Krisis auf kurze Zeit verzögert, so daß er noch eine bedeutende Strecke vorwärts gekommen war. Endlich hatten sie mit Bolas nach seinem Pferde geworfen und dasselbe zu Fall gebracht. Er war zwar gesonnen gewesen, sich zu wehren, hatte aber nur das Messer gehabt, während sie mit langen Lanzen bewaffnet gewesen waren, und da war er denn doch zu dem Entschluß gekommen, sich lieber zu ergeben. Auf der Rückkehr hatten sie mich erblickt und sofort Jagd auf mich gemacht.

»Aber,« fragte ich den Frater, »warum veranlaßten Sie mich denn, hier in den Hof einzubiegen? Warum riefen Sie mir zu, daß ich ins Verderben reiten werde?«

»Weil sich Ihnen jenseits des Rancho ein Flüßchen in den Weg gelegt hätte, über welches Sie nicht gekommen wären. Es mündet dort in den Negro.«

»Nun, wenn ich über diesen letzteren gekommen bin, hätte ich wohl auch durch dieses Flüßchen reiten können.«

»O nein. Die Ufer desselben sind außerordentlich sumpfig. Sie wären stecken geblieben und Ihren Verfolgern in die Hände gefallen. Es gibt nur wenige schmale Stellen, welche passierbar sind, und diese kennen Sie ja nicht. Nun sind Sie doch gerettet.«

»Wenigstens einstweilen. Ich traue diesen Bolaleuten nicht. Ihr Anführer hat zwar sein Ehrenwort gegeben,


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daß er keine weitere Feindseligkeit unternehmen will, aber ich denke, er ist nicht der Mann, welchem man zutrauen kann, daß er sein Versprechen halten werde. Am liebsten möchte ich selbst einmal hinunter zum Flusse reiten, um mich zu überzeugen, daß sie in Wirklichkeit fort sind.«

»Das wäre nur Zeitverschwendung; bleiben Sie ruhig hier! Sie befinden sich von jetzt an in vollständiger Sicherheit. Diese Leute sehen sich verraten. Der Boden brennt ihnen unter den Füßen, und sie werden sich gewiß beeilen, schleunigst über den Uruguay zu kommen.«

»So halten Sie sie für Argentinier?«

»Ja. Sie sind herüber gekommen, um hier zu remontieren, das heißt, Pferde zu stehlen. Ich glaube nicht, daß ich mich irre. Nun müssen sie gewärtig sein, daß wir Militär aus Mercedes holen. Darum fordert die Sorge für ihre eigene Sicherheit, daß sie sich so schnell wie möglich aus dem Staube machen.«

Jetzt ließ sich in der Nebenstube ein Ruf vernehmen. Der Frater stand auf und ging hinaus. Als er nach einiger Zeit wiederkam, teilte er mir mit, daß der kranke Oheim mich zu sehen wünsche. Der Patient hatte gehört, daß Ungewöhnliches vorgegangen sei und darnach gefragt. Als er hörte, daß ein Deutscher da sei, hatte er dringend verlangt, mit demselben reden zu dürfen, da er, außer aus dem Munde seiner Verwandten, lange Zeit kein deutsches Wort gehört habe.

»Thun Sie ihm den Gefallen, Sennor!« bat der Frater. »Der Aermste befindet sich fast unausgesetzt in einem Zustande tiefster Grübelei. Er leidet an seelischer Pein, und es ist mir bisher nicht gelungen, ihn von derselben zu befreien. Vielleicht ist es Ihnen möglich, erlösenden Eindruck auf ihn zu machen.«


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»Setzen Sie nicht eine solche Hoffnung auf mich! Ich bin überzeugt, daß Sie enttäuscht sein werden.«

»O, ich stelle ja gar nicht das Verlangen an Sie, in der Weise eines geistlichen Beraters zu ihm zu sprechen. Ich habe aber erfahren, welchen Eindruck das unerwartete Zusammentreffen mit einem Landsmanne, zumal auf einen Kranken, zu machen vermag. Die Mitteilung, daß ein Deutscher sich hier befinde, erweckte ihn aus seiner Versunkenheit. Er hat nur noch kurze Zeit zu leben; ich befürchte sogar seine baldige Auflösung. Wenn der Tod anklopft, so öffnet sich selbst das verschlossenste Herz. Es kam mir ganz so vor, als ob es nicht bloß die Landsmannschaft sei, deretwegen er Sie sehen will.«

Es verstand sich ganz von selbst, daß ich den Wunsch des Kranken erfüllte. Ich begab mich in die Nebenstube. Diese stellte das vor, was man in einigen Gegenden Deutschlands die >gute Stube< zu nennen pflegt. Sie war besser möbliert als die vordere. Ich sah sogar ein Harmonium dastehen. Es hatte den ersten Gewinn bei einer zu einem mildthätigen Zwecke in Montevideo veranstalteten Lotterie gebildet. Der Ranchero war zufällig dort anwesend gewesen, hatte einige Lose genommen und das Instrument gewonnen. Nun stand es als Luxusmöbel da, denn niemand besaß hier die Fertigkeit, es zu spielen.

Der Landsmann ruhte in einem sauberen Bette. Die Augen lagen ihm tief in den Höhlen, und die Wangen waren eingefallen. Seine hohe Stirn lief in einen haarlosen, glänzenden Schädel aus, und die Lippen bogen sich tief in die zahnarme Mundöffnung ein. Dadurch erhielt das Gesicht das Aussehen eines Totenkopfes. Es war, als ob der Mann jetzt eben zum letztenmale atmen dürfe.

Als ich grüßte, antwortete er nicht sofort, und sein


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Blick richtete sich unruhig forschend auf mein Gesicht. Vielleicht glaubte er, zu finden, was er in demselben suchte, denn nun ich zu ihm an das Bett getreten war, streckte er mir die beiden skelettartigen Hände zum Gruße entgegen und sagte, indem sein Mund ein Lächeln versuchte:

»Willkommen, Herr! Sie kommen natürlich nur ungem zu einem Sterbenden. Aber ich möchte Sie nach etwas fragen. Wollen Sie mir genau so antworten, wie Sie denken?«

»Gewiß! Ich werde Ihnen eine wahrheitstreue Antwort erteilen. Sie dürfen sich darauf verlassen.«

»Ich bitte Sie herzlichst darum! Ihre Antwort ist für mich von der größten Wichtigkeit.«

Er sprach langsam und mehr hauchend als laut. Seine Brust ging mühsam und hoch. Ich stützte seinen Oberkörper mit den Kopfkissen, so daß er eine sitzende Stellung erhielt, was ihn zu erleichtern schien. Anstatt mir nun, der ich einen Stuhl für mich an das Bett gezogen hatte, seine Frage vorzulegen, betrachtete er mich abermals eine ganze Weile, als ob er mir ins tiefste Herz sehen wolle. Es lag wirklich der Ausdruck der Angst in seinem Blicke, so daß ich ein herzliches Mitleid für den Aermsten empfand.

»Sprechen Sie getrost,« munterte ich ihn auf. »Ich will denken, ich sei Ihr bester Freund, und werde als solcher zu Ihnen sprechen.«

»Ja, ja, denken Sie so! Sie sollen mir ja den größten Freundschaftsdienst erweisen, den es geben kann, und ich will Vertrauen zu Ihnen haben.«

Er faltete die Hände und fuhr fort:

»Ich muß sterben, ich weiß es, ich fühle es. Ich soll fort, fort, fort, und doch hängt ein Gewicht an meiner


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Seele, durch welches sie mit Gewalt zurückgehalten wird. Sind Sie Freigeist oder gläubig?«

»Das letztere, eigentlich auch das erstere, denn ich hege die Ueberzeugung, daß der Geist des Menschen nur durch den Glauben frei zu werden vermag.«

»So sind Sie der richtige Mann für mich. Wie denken Sie über den Eid?«

Das war eine sonderbare Frage. Sollte ein Eid es sein, der ihn beschwerte? Sollte er ein heiliges, nicht zurücknehmbares Versprechen gegeben haben, welches ihn mit Angst vor dem Tode erfüllte? Ich antwortete nicht sogleich; dar-um fügte er hinzu:

»Sie verwerfen ihn wohl überhaupt?«

»Nein. Ein Eid ist ein heiliges Versprechen, bei welchem Gott als Zeuge angerufen wird. Wer ihn bricht, macht sich der Gotteslästerung schuldig.«

»So meinen Sie, daß er unter allen Umständen gehalten werden muß?«

»Ja.«

Er ließ die Hände sinken und seufzte:

»Das war auch meine Ansicht, und so bleibt die Last auf mir liegen.«

»Aber wie schworen Sie den Eid? Freiwillig?«

»O nein!«

»Also gezwungen! Ich würde mich zur Ablegung eines solchen Eides niemals zwingen lassen.«

»Auch nicht durch Androhung des Todes?«

»Auch da nicht.«

»So würden Sie lieber sterben?«

»Hm! Das ist eine Frage, welche ich nicht so leichthin beantworten kann. Die Angst vor dem Tode kann mächtiger als der Wille sein. Es kommt auf die Verhältnisse an. Jedenfalls würde ich alles mögliche versuchen und wagen, bevor ich mich bereit erklärte, so ein Ver-


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sprechen [Versprechen] zu geben. Müßte ich es dennoch thun, so würde ich mein Wort nur dann als bindend erachten, wenn sich mein Gewissen nicht dagegen sträubte, das heißt, wenn mein Gelöbnis mich nicht mit den göttlichen Gesetzen in Konflikt brächte, welche mir natürlich über die menschlichen gehen. Wäre ich aber durch mein Versprechen zu einer Begehungs- oder Unterlassungssünde gezwungen, so würde ich es nicht für bindend erachten.«

»Das ist wirklich Ihre Ansicht?«

»Ja. Ein Eid, welcher mich zu einer Sünde zwingt, ist eben selbst auch eine Sünde, und zwar eine sehr gefährliche und große. Wer da zögern möchte, sich selbst von ihm zu entbinden, mag sich an seinen geistlichen Berater wenden, welcher ihm gewiß die Freiheit des Gewissens zurückgeben wird.«

»Herr, Sie machen mir mein Herz leicht!« sagte er, indem er tief aufatmete. »Ich war Zeuge eines Verbrechens, und ich wurde von dem Thäter überfallen und zu dem Schwur gezwungen, es nicht zu verraten, selbst auf dem Totenbette nicht.«

»So war es ein schweres Verbrechen?«

»Ja, ein Mord. Ein Führer tötete den Reisenden, welchen er über die Cordilleras bringen sollte. Dieser Reisende war ein geistlicher Herr. Beide kamen aus Peru herüber. Ich befand mich in der Nähe und war Zeuge der schrecklichen That.«

»Konnten Sie dieselbe nicht verhüten?«

»Nein. Dazu war es zu spät. Das Opfer lag im letzten Zucken, und zwischen mir und dem Orte gab es eine steile Felsenwand.«

»Konnten Sie nicht wenigstens den Mörder durch einen Zuruf abschrecken?«

»Ich rief nicht nur, sondern ich brüllte geradezu vor


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Schreck. Er sah zu mir empor. Er bemerkte, daß ich nicht zu ihm konnte, hohnlachte zu mir herauf und würgte das Opfer vollends ab. Es war entsetzlich anzusehen.«

»Hatten Sie kein Gewehr bei sich, den Kerl zu erschießen?«

»Ich hatte eins, aber kein Pulver mehr. Ich floh von der Höhe und nahm mir vor, dem Mörder zu folgen und ihn anzuzeigen. Er aber hatte das gedacht und kam mir entgegen. Ich war nicht vorsichtig genug. Eben als ich um ein Felsenstück bog, trat er mir entgegen, warf mich zu Boden und setzte mir die Pistole auf die Brust.«

»Haben Sie sich nicht gewehrt?«

»Ja, aber ich war zu schwach. Ich hatte mich verirrt gehabt, droben in der öden Puna, und meine letzte Kugel verschossen, um ein Vicunna zu treffen, aber einen Fehlschuß gethan. Mehrere Tage des Hungers und des mühsamen Steigens hatten mich so elend gemacht, daß ich kaum mehr die Kraft eines Kindes besaß. Der Mann hätte mich sicher auch ermordet, aber er war - ein Bekannter, sogar ein früherer Gefährte von mir.«

»Hatten Sie ihn nicht sogleich erkannt?«

»Nein. Seine Gesichtszüge zu unterscheiden, war die Entfernung doch zu groß gewesen. Erst als er mich unter sich liegen hatte, erkannten wir einander. Er scheute sich doch, den Freund zu ermorden; er war mir von früher her zu Dank verpflichtet, und darum ließ er mir das Leben unter der Bedingung, daß ich einen Eid ablege, ihn nicht zu verraten. Ich war geschwächt, und nicht nur körperlich; darum gab ich den Schwur, welcher mich wie ein peinigendes Gespenst bis zu diesem Augenblick begleitet hat.«

Er hielt erschöpft inne. Er hatte nur langsam und mit vielen Unterbrechungen gesprochen; nun mußte er ausruhen. Das, was ich gehört hatte, machte einen tiefen Ein-


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druck [Eindruck] auf mich. Ich mußte bei dieser Erzählung an den Sendador denken, von welchem mir der Yerbatero erzählt hatte. Dieser Sendador hatte mit einem Padre den Uebergang über die Cordilleras unternommen und von ihm die Papiere geerbt, da der Padre unterwegs gestorben war. Sollte er jener Mörder sein? Ich hatte ja gegen Monteso ähnliche Gedanken ausgesprochen.

»Darf ich den Namen dieses Mannes erfahren?« fragte ich.

Der Kranke schüttelte den Kopf.

»Oder wenigstens den Ort und die Zeit der That?«

Er verneinte durch ein abermaliges Schütteln.

»Haben Sie erfahren, weshalb der Mann den Padre ermordete? War es etwa wegen gewisser Papiere, in denen von Schätzen die Rede war, welche in einen See versenkt und in einem alten Schacht versteckt sein sollten, Schätze aus der Zeit der Inkas?«

Er griff im tiefsten Schrecken mit beiden Händen nach mir.

»Um Gottes willen, still!« sagte er. »Sie wissen es, Sie wissen es?! Woher, woher?«

»Es ist mehr ein Schluß, den ich ziehe, als ein festes, bestimmtes Wissen. Der Padre wollte nach Tucuman in das Kloster der Dominikaner?«

»Er weiß es! Er weiß alles!« hauchte der Patient leise vor sich hin.

»Und der Mörder ist ein berühmter Führer?«

»Auch das, auch das ist ihm bekannt! Aber, Herr, Sie müssen zugeben, daß ich Ihnen nichts gesagt habe, gar nichts, kein Wort!«

»Ja. Ich habe alles schon vorher gewußt.«

Er dachte nicht daran, daß er zwar direkt nichts verraten, aber ein indirektes Zugeständnis gemacht hatte. Um


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ihn nicht zu dieser Einsicht kommen zu lassen, fuhr ich schnell fort:

»Und das ist es, was Ihnen solche Sorge und Angst gemacht hat? Lieber Freund, ich an Ihrer Stelle hätte diese Last schon längst von meiner Seele geworfen! Ihre Pflicht war es, sich einem Priester anzuvertrauen. Indem Sie das nicht thaten, haben Sie sich einer schweren Unterlassungssünde schuldig gemacht. Da wir nun keinen Priester haben, so ziehen Sie wenigstens Frater Hilario ins Vertrauen. Er kann Ihnen sicher raten. «

»Ob ich das darf, das ist es eben, was ich nicht weiß!«

»Sie dürfen es. Die Sache ist ja kein Geheimnis mehr. Sie haben gehört, daß ich sie fast genau so kenne, wie Sie selbst. Bruder Hilario ist ein sehr würdiger Mann. Er wird, wenn Sie ihn um Rat fragen, Ihr Geheimnis ebenso sicher bewahren, wie wenn Sie es gebeichtet hätten. Freilich wird er Ihnen schwerlich eine andere Antwort geben, als wie ich es gethan habe.«

Er sah still vor sich hin. Nach einer längeren Weile meinte er:

»Wenn ich Sie so sprechen höre, muß ich Ihnen recht geben. Aber Sie wissen noch nicht alles. Der Senda - - jener Mörder hat mir noch mehr mitgeteilt.«

»Das thut nichts. Es kommt hier gar nicht darauf an, wie viel Sie verschweigen sollten; die Hauptsache ist, daß Ihr Eid Sie nicht dazu verpflichtet. Die Nähe des Todes, welche Sie doppelt bedenklich zu machen scheint, muß Sie veranlassen, aufrichtig zu sein. Ich spreche nicht aus mir selbst heraus, sondern ich versenke mich in Ihre Lage und in Ihre Qual. Ich denke mich ganz an Ihre Stelle und gebe Ihnen mein Wort, daß ich mich dem Bruder Hilario anvertrauen würde.«


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Er zupfte mit den dürren Fingern an der Bettdecke herum, legte den Kopf müde zur Seite und sagte:

»Ich will es mir bedenken.«

»Thun Sie das, lieber Freund! Aber vergessen Sie nicht, daß einem jeden Menschen der große Augenblick kommt, an welchem es keine Zeit mehr zum Nachdenken giebt!«

»Ja, der Tod, der Tod!« seufzte er. »Herr, fürchten Sie den Tod?«

»Nein.«

»Ich meine nicht, ob Sie ein beherzter Mann sind; ich meine nicht die Gefahren dieses Lebens, sondern das, was nach dem Tode kommt.«

»Ich verstehe Sie schon. Der Engel des Todes ist für den Reuigen ein Friedensbote Gottes, welcher das verlorne Kind zum Vater zurückbringt. Für den Verstockten aber ist er der Thürschließer am Thore zum ewigen Gerichte. Wer hier nach Kräften seine Pflicht gethan hat und seine Sünden aufrichtigen und gläubigen Herzens in Gottes Erbarmen legt, der kann ruhigen Herzens seine Augen schließen, denn Gott ist die Liebe!«

Er machte die Augen zu, als ob er meine letzten Worte befolgen wolle. So lag er lange, lange ruhig da; nur seine Finger zupften konvulsivisch an der Decke, und seine Brust bewegte sich. Wohl eine Viertelstunde verging. Dann öffnete er die Augen und sagte:

»Sie haben recht, Sie haben recht! Ich werde Frater Hilario fragen. Gehen Sie hinaus, und senden Sie ihn mir!«

Natürlich folgte ich dieser Aufforderung, und Bruder Hilario ging zu dem Sterbenden. Drin in der Wohnstube saßen wir wohl eine Stunde lang, doch ohne uns zu unterhalten. Dann kam der Frater zurück. Sein Ge-


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sicht [Gesicht] war ernst; aber in seinem milden Auge leuchtete es warm. Er gab mir die Hand und sagte:

»Er verlangt nach einem Priester. Sendet sofort nach Montevideo, damit er ihn noch am Leben findet. Aber der Zweifel und die Angst sind bereits von dem Kranken gewichen.«

Natürlich ward sofort ein Gaucho nach Montevideo gesandt. Dann sagte Frater Hilario:

»Der Kranke fragte mich, wann Sie fort wollen, und läßt Sie bitten, heute noch dazubleiben.«

»Aber wir müssen nach der Estanzia del Yerbatero!« widersprach Monteso.

»Nein, Sie bleiben!« bat der Ranchero.

Seine Frau und der Bruder schlossen sich dieser Bitte an, und ich blieb gern. Aber Monteso trieb es fort. Man befand sich auf der Estanzia jedenfalls in großer Sorge um uns, und er wollte hin, die Seinen zu beruhigen. Ich versuchte, ihn zum Bleiben zu veranlassen, doch vergeblich. Er bestand darauf, sofort aufzubrechen, und versprach, später wieder hier einzukehren; wir würden nach unserem Aufbruche von der Estanzia hier vorüberkommen.

»Aber der Ritt ist gefährlich, Sennor,« warnte ich ihn. »Sie haben gehört, daß ich den Bolamännern nicht traue.«

»Pah! Die sind jetzt so weit fort von hier, daß gar nicht mehr an sie zu denken ist.«

»Das möchte ich nicht beschwören. Lassen Sie sich wenigstens von Sennor Bürgli einige Gauchos mitgeben, welche Sie eine Strecke begleiten, bis Sie sicher sind, daß Ihnen kein Hinterhalt gelegt worden ist.«

»Das wäre ganz überflüssig. Uebrigens neigt sich die Sonne nieder. Ich habe mich zu sputen und kann nicht warten, bis die Gauchos fertig sind.«


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Ich ließ aber nicht nach, bis er dem Ranchero erlaubte, zwei dieser Leute herbeizurufen. Bald trabten sie von dannen, nachdem ich versprochen hatte, morgen früh nachzukommen. Doch bereits nach kaum einer Viertelstunde kehrten die Gauchos zurück. Er hatte sie fortgeschickt, da ihre Begleitung eigentlich eine Beleidigung sei.

Bei seinem Aufbruche war ich mit vor das Thor gegangen und hatte ihm nachgeschaut. Unten am Flusse war kein lebendes Wesen zu sehen. Das beruhigte mich. Besser wäre es gewesen, wenn ich selbst ihn eine Strecke begleitet hätte. Mir wären sicher gewisse Spuren aufgefallen, aus denen zu ersehen war, daß sein Heimritt doch gefährlicher sei, als er glaubte.

Als ich in die Stube zurückkehrte, war der Kranke in einen tiefen, ruhigen Schlaf gefallen. Die Bewohner des Rancho waren dann bei ihrer täglichen Beschäftigung, und mich nahm der Bruder mit hinaus ins Freie, um mir die zum Rancho gehörigen Umzäunungen zu zeigen. Dann saßen wir rauchend miteinander auf der Bank vor der Thüre. Bis jetzt war kein Wort über den Sterbenden gefallen. Auch über sich selbst machte Frater Hilario keine Bemerkung, obgleich ich neugierig war, etwas Näheres zu hören. Natürlich vermied ich es, eine Frage auszusprechen. Nur das eine bemerkte ich, daß er eine ziemlich große Bildung besaß. Die Unterhaltung spann sich anfangs eigentlich nur um mich und meine Erlebnisse und Reiseabsichten. Als er hörte, wen ich in Tucuman besuchen wollte, sagte er überrascht:

»Sennor Pena? Wie haben Sie diesen kennen gelernt?«

»Ich traf ihn vor zwei Jahren in Mexiko und hörte von ihm, daß er sich nach dieser Zeit in Tucuman befinden werde.«

»Ganz recht. Sie werden ihn dort treffen. Er


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wohnt gegenwärtig in Tucuman, wo er sich zu neuen Ausflügen vorbereitet. Gehen Sie direkt dorthin?«

»Nein. Wir wollen vorher nach dem Gran Chaco.«

»Ah, das ist mir interessant, Sennor. Ein solches Zusammentreffen ist ganz unerwartet. Ich will nämlich auch nach dem Chaco und dann nach Tucuman.«

»Wirklich? Dann wäre es herrlich, wenn wir zusammen reisen könnten.«

»Es ist möglich. Wann brechen Sie auf?«

»In ganz kurzer Zeit, in nur einigen Tagen.«

»Ich ebenso. Ich würde mich Ihnen sehr gern anschließen, wenn ich wüßte, daß ich Ihren Gefährten willkommen sei. Wer reitet mit?«

»Sennor Monteso mit noch fünf seiner Gefährten. Die Leute werden nicht nur nichts gegen Ihren Anschluß haben, sondern sich herzlich über denselben freuen.«

»Aber, was wollen diese Yerbateros im Gran Chaco? Sie können doch reichlich Thee in anderen Gegenden finden, welche weit weniger gefährlich sind.«

»Dieses Mal reisen sie nicht als Theesucher, sondern in anderer Eigenschaft.«

»Wohl ein Geheimnis?«

»Eigentlich, ja. Ist dieser Gran Chaco wirklich so gefährlich, wie Ihre Worte vermuten lassen, Frater Hilario?«

»Ja. Ihnen freilich wird er nicht so gefährlich erscheinen. Wer, wie Sie, sich mit den Rothäuten und wilden Tieren des Nordens herumgeschlagen hat, der wird meinen, über den Gran Chaco lächeln zu können. Er hat indessen ebensoviele und große Gefahren, wie die Savanne oder die Wüste.«

»Sie meinen die wilden Tiere?«

»Nun, der Jaguar ist freilich kein bengalischer Tiger, ebenso wie der Puma nicht mit dem afrikanischen oder


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asiatischen Löwen zu vergleichen ist; aber beide sind doch gefährlich genug. Am meisten sind indessen die Wilden zu fürchten, welche sich mit der Unhörbarkeit einer Schlange zu bewegen verstehen!«

»Das verstehe ich auch.«

»Das möchte ich bezweifeln, natürlich, ohne Sie beleidigen zu wollen.«

»So wette ich mit Ihnen. Es soll finster sein. Sie sitzen hier auf dieser Bank, und ich stehe draußen vor dem Thore. Es ist Nacht. Kein Lüftchen regt sich, und man möchte darauf schwören, das geringste Geräusch hören zu können. Dennoch komme ich herein und setze mich hierher neben Sie. Wenn Sie nicht gerade an mich stoßen, sollen Sie gar nicht ahnen, daß jemand neben Ihnen sitzt.«

»Sennor, Ihre Worte in Ehren, aber das glaube ich nicht!« »Sie werden es glauben lernen, da wir ja miteinander reisen. Ich denke, daß es da Gelegenheit geben wird, Ihnen zu beweisen, daß ich gar nicht zu viel gesagt habe.«

»Aber, wie wollen Sie herein? Das Thor ist ja verschlossen!«

»Ich steige über mit Hilfe des Lasso, dessen Schlinge ich nach oben werfe.«

»Dann mag es möglich sein. Aber das ist auch der einzige Punkt, an welchem Sie herein könnten.«

»Ich komme überall durch.«

»Auch durch den Kaktus?«

»Ja. Er mag noch so dicht oder voller Stacheln sein. Ich schneide mir ein Loch durch die Hecke. An die Schärfe und Festigkeit meines Bowiemessers kommt keine Ihrer Macheten.«

»Sennor, dann sind Sie ja ein ganz gefährlicher Mensch! Sie haben alles Talent zu einem Einbrecher.


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Aber selbst wenn Sie hier eingestiegen wären, würde ich Ihre Annäherung hören.«

»Machen wir einen Versuch?«

»Er könnte nicht gelingen. Denken Sie nur, daß ich jeden Schritt Ihrer Riesenstiefel hören müßte, selbst wenn Sie noch so leise aufzutreten suchten.«

»Warten Sie es ab! Wir haben zwar keine ägyptische Finsternis, aber Abend ist es doch und leidlich dunkel. Ich werde mich nach jener Ecke, da rechts, entfernen. Sie legen Ihren Hut hier neben sich auf die Stelle, an welcher ich jetzt sitze. Ich komme und hole ihn, ohne daß Sie es bemerken.«

»Ja, thun Sie es! Aber fertig bringen Sie es nicht.«

»Ich bringe es, obgleich sich der Hut viel leichter holen läßt, wenn der Besitzer nichts davon weiß. Ich mache aber natürlich die Bedingung, daß Sie ihn nicht festhalten.«

»Das versteht sich!«

»Sobald Sie merken, daß ich da bin und ihn wegnehme, sagen Sie es; aber nach dem Hute dürfen Sie dabei nicht greifen. Von dem Augenblicke meiner Entfernung an bis zum Ende des Versuches dürfen Sie ihn nicht berühren. Sobald Sie aber merken, daß ich da bin, sagen Sie es, und ich habe verloren.«

»Gut! Die Sache ist interessant. Ich werde natürlich aufpassen wie eine Eule auf die Fledermäuse.«

Er saß zu meiner Rechten. Ich stand auf, und er legte seinen Hut auf meinen Platz. Es war so dunkel, daß er ihn nicht sehen konnte. Der Mond kam erst später. Der Hut lag ihm zur Linken, und ich ging nach der Ecke, welche zu seiner rechten Hand lag. Also mußte ich an ihm vorüber, wenn ich den Hut holen wollte. Das


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sagte er sich, und darum war er sicher, daß er mich ertappen werde. Ich aber war ganz anderer Meinung. Ich ging zwar mit lauten Schritten nach rechts hin, mußte aber von seiner linken Seite herkommen, um den Hut zu erhalten. Darum war ich gezwungen, einen Umweg zu machen und mich am Thore vorüber und den Zaun entlang nach der linken Ecke schleichen. Dies that ich denn auch, indem ich mich lang am Boden ausstreckte und nur auf den Fingern und Fußspitzen ging. Das war ganz leicht. Der Boden war sandig und feucht; es gab nicht das geringste Geräusch.

Um ihn nun zu täuschen, als ob ich wirklich von rechts komme, und um seine ganze Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, nahm ich alle drei oder vier Schritte ein Sandsteinchen auf und warf es nach dieser Richtung. Er hörte das und freute sich darauf, mich abfassen zu können, denn er glaubte, daß mein Heranschleichen dieses Geräusch verursache. Auf diese Weise erreichte ich seine linke Seite und kam an die Bank. Ich hätte den Hut nehmen können, machte mir aber das Vergnügen, noch einige Steinchen über ihn weg zu werfen. Er drehte sich ganz nach der rechten Seite, denn er glaubte mich nahe. Das gab mir Gelegenheit, den Hut zu ergreifen und mich wieder auf den Platz zu setzen, den ich vorher eingenommen hatte. Er lauschte angestrengt, doch ließ sich nichts mehr hören.

»Sie warten wohl immer noch auf mich?« fragte ich.

Er fuhr ganz erschrocken herum.

»Ist es möglich! Sie sind da? Ich hörte doch nichts!«

Ich beschrieb ihm, wie ich es gemacht hatte, behielt aber dabei seinen Hut in der Hand und schlang mir den Lasso von der Hüfte los. Während ich sprach, band ich das eine Ende des letzteren an das Hutband fest.


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»Ja, wenn Sie es in dieser Weise gemacht haben!« meinte er. »Da bringe ich es auch fertig!«

»Jetzt bin ich es, welcher zweifelt. Mich würden Sie nicht täuschen.«

»O doch!«

»Nein. Ich würde das Geräusch eines geworfenen Sandkornes von demjenigen eines Menschenschrittes sofort unterscheiden. Uebrigens wirkt jede List dadurch, daß nur der sie kennt, welcher sie ausübt. Darum ist man im Leben der Wildnis gezwungen, stets neue Listen zu entdecken.«

»Mit einer zweiten würden Sie mich nicht täuschen.«

»Wollen wir es versuchen, Frater Hilario?«

»Ja, ich bitte Sie darum.«

»Nun gut. Aber passen Sie genau auf!«

»Daran soll es nicht fehlen. Wenn Sie auch jetzt Erfolg haben, gebe ich zu, daß Sie der beste Jäger sind, den ich gesehen habe.«

»Schön. Hier ist Ihr Hut. Ich stehe auf und lege ihn wieder an dieselbe Stelle, an welcher er vorhin lag und ich jetzt gesessen habe. Wollen Sie sich überzeugen, daß er da liegt!«

Ich hatte den Hut wirklich hingelegt und trat vier oder fünf Schritte von der Bank zurück, indem ich aber den Lasso in der Hand behielt.

»Er liegt da,« sagte er, ohne sich zu rühren.

»Ueberzeugen Sie sich besser, denn Sie sehen ihn ja nicht. Fühlen Sie danach!«

Er that es.

»Ja, hier liegt er. Es ist gewiß.«

Es war gewagt von mir, ihn nach dem Hute greifen zu lassen. Wenn er den Lasso berührte, war der Streich verraten. Glücklicherweise geschah dies nicht.


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»Passen Sie also auf!« fuhr ich fort. »Ich werde wieder nach derselben Ecke rechts gehen. Sie berühren den Hut nicht, fassen aber sofort nach mir, wenn ich denselben nehmen will. Verstanden?«

Ich sagte das geflissentlich laut und hustete dabei einigemal, damit er nicht hören sollte, daß ich während des Sprechens den Hut von der Bank weg und zu mir herüberzog.

»Keine Sorge!« sagte er. »Werde schon aufpassen. Geben Sie sich nur Mühe!«

Ich ging lauten Schrittes nach der Ecke, band den Hut los, stäubte ihn ab und schlang mir den Lasso wieder um die Hüften. Dann legte ich mich auf den Boden und kroch nach der Bank. Jetzt war er ganz überzeugt, daß ich ebenso wie vorhin von der linken Seite kommen werde. Daher richtete er seine ganze Aufmerksamkeit nach dieser Seite. Ich erreichte die Bank und richtete mich neben ihm auf. Mich an die Wand lehnend, zog ich eine Cigarre hervor, strich ein Zündholz an und sagte:

»Jetzt kann ich wieder rauchen, denn den Hut habe ich.«

»Wirklich!« rief er und griff nach der Stelle, von welcher der Hut verschwunden war.

»Ja, da sitzt er auf meinem Kopfe. Hier haben Sie ihn wieder, Frater Hilario.«

»Unbegreiflich! Ich schaute nach links, und da stehen Sie rechts. Aber wie ist denn das zugegangen?«

»Das mag einstweilen mein Geheimnis bleiben. Sie sehen, daß es sehr leicht möglich ist, sich Ihnen zu nähern und Ihnen sogar den Hut zu nehmen, ohne daß Sie es bemerken. Glauben Sie nun, was Sie vorhin bezweifelten, nämlich, daß ich mich in nächtlicher Finsternis von draußen hereinmachen und neben Sie setzen würde, ohne daß Sie es bemerken?«


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»Ja, jetzt glaube ich es.«

»Nun werden Sie wohl auch meiner Ansicht sein, daß ich mich schwerlich von Ihren Indianern überlisten lassen würde. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich mich auf den wilden Chaco freue, besonders da ich ihn und seine Indianer an Ihrer Seite kennen lernen soll.«

»Sind auch die andern verlässige Leute?«

»Ich kenne sie nicht und habe sie noch nicht prüfen können. Als Yerbateros sind sie jedenfalls tüchtig.«

»Hm! Sie sagten vorhin, daß sie zu anderen Zwecken nach jener Gegend wollten, und ich weiß nicht, ob das Können eines Yerbatero diesen Zwecken gewachsen ist.«

»Ich verstehe, Bruder Hilario! Der Zweck, welchen sie verfolgen, soll geheim gehalten werden. Aber Sie werden uns begleiten und doch bald erraten, um was es sich handelt. Sie wollen einen berühmten Sendador aufsuchen, um mit ihm in die Cordillera zu gehen und nach vermauerten und versenkten Schätzen zu suchen.«

»Und Sie gehen mit?«

»Ja. Ich soll, sozusagen, den Ingenieur dieses Unternehmens machen.«

»Worin sollen diese Schätze bestehen?«

»Aus Gefäßen, Schmucksachen und ähnlichen Dingen aus der Inkazeit.«

»Weiß man die Orte?«

»Man hat Pläne derselben.«

»Von wem?«

»Der Sendador hat sie von einem Padre geerbt, welcher unterwegs in der Cordillera gestorben ist.«

Er hatte ruhig gefragt und ich ihm auch unbefangen geantwortet. Ich wußte ja nicht, ob er von dem Kranken erfahren hatte, daß auch ich von der Angelegenheit wisse. Jetzt sagte er:


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»Wollen nicht Versteckens spielen! Sie wissen, daß mir diese Angelegenheit nicht unbekannt ist?«

»Ich denke es mir. Der Kranke hat sich Ihnen jedenfalls anvertraut.«

»Ich kann darauf jetzt nicht antworten. Doch werde ich zu einer gewissen Zeit und unter gewissen Verhältnissen und Umständen sprechen. Ich bin entschlossen, mit den Yerbateros zu reisen. Ich muß diesen Sendador sehen. Doch warne ich Sie, den ersteren und am allerwenigsten dem letzteren etwas ahnen zu lassen. Mein Weg hätte mich für dieses Mal über Santa Fé und Santiago nach Tucuman geführt. Es ist mir kein Opfer, ein wenig nach links und in den Gran Chaco abzuschweifen. Wir brechen frühzeitig auf, und ich bekomme da gleich Gelegenheit, die fünf andem Männer kennen zu lernen, mit denen wir reisen werden. Jetzt möchte ich einmal nach dem Kranken schauen.«

Dieser schlief noch immer. Er schlief auch noch, als wir das Abendbrot eingenommen hatten; den Priester konnten wir erst nachts erwarten. Dann saßen wir ernst beieinander und sprachen von der Heimat, an welcher das Herz des Deutschen selbst dann noch hängt, wenn er sich eine Existenz in der Ferne gegründet hat. Gegen Mitternacht hörten wir seinen leisen Ruf. Der Frater ging hinaus zu ihm und holte dann das Ehepaar. Ich hörte eine Zeit lang den unterdrückten Ton ihrer Stimmen. Dann wurde es still. Später kamen sie zu mir zurück, die beiden weinend und der Bruder mit dem Gesichte eines Heiligen.

»Er ist entschlafen, ehe der Priester kam,« sagte er. »Requiescat in pace! Er ging von uns voller Vertrauen auf die Gnade des Allbarmherzigen. Leben heißt kämpfen; sterben heißt siegen. Preis sei Gott, der uns den Sieg


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verliehen hat durch Jesum Christum, unsern göttlichen Heiland!«

Die Trauer um den Toten war tief und aufrichtig; doch trat die profane Notwendigkeit in ihre Rechte. Es war nicht mehr so zeitig, wie wir aufzubrechen beschlossen hatten. Bürgli machte uns den Vorschlag, nicht unsere Pferde, sondern zwei der seinigen zu nehmen. Der Frater wollte bei dem Begräbnisse zugegen sein, und auch ich wurde gebeten, teilzunehmen. Da konnten wir die Pferde zurückbringen. Bürgli wollte den Geistlichen bitten, einen Tag bei ihm zu verweilen. Unterdessen hatten die unseren ausgeruht und waren größeren Anstrengungen sofort gewachsen. Natürlich gingen wir gern auf dieses Anerbieten ein, und der Abschied war ein zwar sehr herzlicher, aber kurzer, da wir ja sehr bald wiederkommen wollten. Wir ritten nur ganz kurze Zeit auf dem Wege, auf welchem ich mit Monteso als Gefangener gekommen war. Die Bolamänner hatten so viel wie möglich alle im geraden Wege liegenden Siedelungen vermieden und waren aus diesem Grunde oft zu Umwegen gezwungen gewesen. Wir aber hatten das nicht nötig.

Bruder Hilario kannte die Gegend sehr genau. Er wußte alle Terrainschwierigkeiten zu vermeiden, und da wir die geradeste Richtung einschlugen, ritten wir zwei volle Stunden weniger, als ich mit den Kavalleristen gebraucht hatte.

Es war nicht viel über die Mittagszeit, als wir die Estanzia del Yerbatero erreichten. Dort sprangen wir von den Pferden, übergaben dieselben den Peons und gingen in das Haus. Droben im Empfangszimmer fanden wir einen Herrn, welcher uns fragend entgegenblickte. Seine Züge waren denjenigen des Yerbatero so ähnlich, daß ich in ihm sogleich Sennor Monteso, den Haziendero erkannte.

»Willkommen, Sennores!« sagte er, indem er uns


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musternd betrachtete. »Aus Ihrer ledernen Kleidung, von welcher man mir gesagt hat, muß ich vermuten, daß Sie der deutsche Herr sind, mit welchem mein Bruder fortgeritten ist?«

»Der bin ich,« antwortete ich. »Und dieser Herr ist Frater Hilario. Wo ist denn Ihr Bruder?«

»Er ist doch bei Ihnen,« entgegnete er erstaunt. »Ich kam gestern am Nachmittage von meiner Reise zurück und fand meine Frau in Besorgnis um Sie. Und diese Besorgnis hat sich natürlich bis jetzt gesteigert.«

»Aber er ist doch bereits gestern gegen Abend von dem Rancho nach hier aufgebrochen!«

»Er ist nicht angekommen,« sagte er. »Sollte ihm gar ein Unglück widerfahren sein?«

»Wenn er nicht zurückgekehrt ist, so muß man allerdings auf einen Unfall schließen,« meinte ich betroffen. »Vielleicht haben die Bolamänner ihm wieder aufgelauert und ihn abermals gefangen genommen!«

»Bolamänner? Ah! Da Sie beide gar bis zum gestrigen Abende nicht da waren und man auch von dem Offiziere und seinen Kavalleristen nichts hörte, so zog ich natürlich Erkundigungen ein. Einige meiner Gauchos sagten mir, daß sich eine beträchtliche Reiterschar habe sehen lassen. Ueber den Zweck der Anwesenheit dieser Leute konnte ich aber nichts erfahren. Sie sind ebensoschnell verschwunden, wie sie gekommen waren.«

»Sie kamen, um mir und Ihrem Bruder aufzulauern. Man nahm uns schon einmal gefangen.«

»Dios! Ist das möglich?«

»Man sollte es freilich für unmöglich halten. Man bemächtigte sich unser so schnell, daß an einen Widerstand gar nicht zu denken war. Uebrigens zählten sie über fünfzig Reiter, waren uns also weit überlegen.«


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»Sennor, Sie sehen mich im höchsten Grade erstaunt, ja sogar erschrocken. Sie scheinen sich in großer Gefahr befunden zu haben, welche meinen Bruder auch jetzt noch umfängt. Kommen Sie schnell zu meiner Frau! Sie müssen erzählen, was geschehen ist. Die Damen haben so viel und gut von Ihnen gesprochen. Es sollte mir leid thun, wenn mein Haus Ihnen Unheil gebracht hätte.«

»Darüber kann ich Sie beruhigen, Sennor. Ihr Haus und dessen Bewohner tragen nicht Schuld an dem, was geschehen ist. Es ist wohl nur auf meine Person abgesehen gewesen, und Ihr Bruder hat mit leiden müssen, weil er sich bei mir befunden hat.«

»So kommen Sie schnell, damit wir erfahren, was sich ereignet hat!«

Er führte uns zu den Damen, welche natürlich eben solche Besorgnis zeigten, als sie hörten, daß Monteso sich eigentlich längst hier befinden müsse.

Ich erzählte, was geschehen war, und man folgte meinem Berichte mit dem allergrößten Interesse. Man konnte nur zweierlei vermuten. Entweder war er von den Bolamännern wieder ergriffen worden, oder es lag ein anderweitiger Unfall vor. Ich neigte mich der ersteren Ansicht zu, während der Frater die letztere verteidigte.

»Die Kavalleristen sind über den Fluß hinüber, wie wir uns überzeugt haben. Das hätten sie nicht gethan, wenn sie noch einen Streich beabsichtigt hätten,« sagte er.

»Sie haben uns nur täuschen wollen,« entgegnete ich. »Wären sie am diesseitigen Ufer geblieben, so hätten wir erraten, daß es uns gelte, und der Yerbatero wäre vorsichtiger gewesen. Als sie sahen, daß wir uns wirklich täuschen ließen, daß wir sie nicht weiter beobachteten, kehrten sie über den Fluß zurück und legten sich in den Hinterhalt.«


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»Aber Sie geben doch zu, daß es eigentlich nur auf Sie abgesehen gewesen ist! Was haben sie also mit Monteso zu schaffen?«

»Sie glaubten natürlich, daß ich mich bei ihm befinden werde. Der Hinterhalt war einmal gelegt, und so mußten sie sich mit dem halben Erfolge zufrieden geben.«

»Wollen Sie wohl die Güte haben, mir diese Leute einmal zu beschreiben!« forderte mich der Estanziero auf. »Sie haben das bisher unterlassen.«

Ich folgte seiner Aufforderung.

»Von einem Major haben Sie erzählt,« fuhr er fort. »Konnten Sie den Namen desselben nicht erfahren?«

»Ja. Habe ich denselben noch nicht genannt? Dieser famose Offizier hieß Cadera.«

»Cadera! Da weiß ich nun freilich, woran ich bin. Dieser Cadera ist ein gefürchteter Parteigänger, welcher bereits einigemal über den Fluß herübergekommen ist, um sich Pferde zu holen. Gestern erfuhr ich auf meiner Reise, daß er sich wieder diesseits der Grenze befinde und daß man nach ihm fahndet. Er ist es gewesen und kein anderer!«

»Das habe ich ihm in das Gesicht gesagt,« meinte der Bruder. »Er bestritt es aber.«

»Hätten Sie den Menschen nicht frei gelassen!«

»So hätte auch Ihr Bruder gefangen bleiben müssen!«

»Sie haben ihn doch wieder ergriffen. Uebrigens, so lange sich Cadera in Ihrer Gewalt befand, konnten seine Leute meinem Bruder nichts Böses thun. Jetzt befindet er sich aber wieder in ihren Händen, ohne daß wir den Major als Geisel besitzen.«

»Welch ein Unglück!« klagte die Sennora. »Sie werden ihn töten.«

»Das befürchte ich nicht,« tröstete der Estanziero. »Entweder zwingen sie ihn, in ihren Reihen Soldat zu


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werden, nur aus reiner Bosheit, oder sie fordern ihm für seine Freiheit eine Summe Geldes ab.«

»Ich glaube das letztere,« stimmte der Frater bei. »Töten werden sie ihn nicht. Und ein widerwilliger Soldat bringt mehr Schaden als Nutzen. Das werden sie sich wohl sagen. Wie ich höre, ist Ihr Bruder reich. Auch sie wissen das. Der Lieutenant hat es hier erfahren. Darum glaube ich, daß sie eine bedeutende Summe von ihm fordern werden.«

»Erpressung, Räuberei! Ich werde auf der Stelle nach Montevideo reisen, damit unsere Regierung sofort in Buenos Ayres vorstellig werde!«

»Meinen Sie nicht, daß dies ein für Ihren Bruder gefährlicher Schritt sein wird?« fragte ich ihn. »Ehe Sie nach Montevideo kommen, von dort aus die Reklamation nach Buenos Ayres geht und dann nach langen Nachforschungen die Schuldigen gefunden werden, haben die Bolamänner längst ihre Absichten erreicht. Bedenken Sie, was Ihr Bruder indessen zu leiden haben würde.«

»Das ist wahr. Sie meinen also, wir folgen den Bolaleuten nach?«

»Ja. Wir verfolgen sie so lange, bis sich uns die Gelegenheit bietet, ihn zu befreien. Ob durch Güte, List oder Gewalt, das werden die Umstände ergeben.«

»Ich kann Ihnen freilich nicht unrecht geben. Lassen Sie uns also sofort aufbrechen. Ich werde allen meinen Gauchos, welche abkommen können, Befehl erteilen, schleunigst sich zu rüsten!«

Er wollte fort.

»Halt, Sennor!« hielt ich ihn zurück. »Noch sind wir nicht so weit.«

»Aber wir dürfen doch keinen Augenblick verlieren!«

»Das ist richtig; aber zunächst ist das Ueberlegen


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weit notwendiger, als das Reiten. Wir müssen wissen, was wir wollen, und dürfen dabei weder zu viel, noch zu wenig thun. Beabsichtigen Sie etwa, selbst mitzureiten?«

»Welche Frage! Ganz natürlich!«

»Aber Ihre Anwesenheit ist hier wohl nötig? Sind Ihre Damen einverstanden?«

Beide erklärten, daß es eine Pflicht sei, den Bruder zu retten. Sie sagten sich zwar, daß mit diesem Unternehmen vielleicht Gefahren verbunden seien, und darum ließen sie ihn nur widerstrebend fort, aber die Pflicht stehe doch höher als die Rücksicht auf die gehegten Befürchtungen.

»Sie sehen, daß es nun gar nichts weiter zu überlegen giebt,« sagte der Estanziero. »Wir reiten eben, und zwar sofort.«

»Noch nicht. Wir müssen uns anders als zu einem gewöhnlichen Ritte ausrüsten. Wir dürfen uns nicht wegen der Nahrung aufzuhalten haben, müssen also einen Speisevorrat mitnehmen, welcher für mehrere Tage ausreicht, und die besten Pferde.«

»Dafür wird schleunigst gesorgt werden.«

»Viel Geld, um Ihren Bruder loszukaufen, im Falle es nicht gelingt, ihn auf andere Weise zu befreien.«

»Ich werde mich mit demselben versehen. Nun aber sind wir fertig, und ich will den Gauchos sagen, daß - -«

»Bitte!« unterbrach ich ihn. »Haben Sie Gauchos, welche die Grenze kennen?«

»Nein.«

»So können wir sie nicht gebrauchen. Je mehr Leute wir mitnehmen, desto schwieriger wird unsere Aufgabe. Fünfzig bringen wir doch nicht zusammen, und so viele müßten wir doch haben, um den Bolamännem gleichzählig zu sein und sie offen anpacken zu können. Da dieses letztere nicht möglich ist, so sind wir auf List angewiesen. Sind


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wir zahlreich, so werden wir leicht bemerkt. Darum, je weniger Leute, desto besser.«

»Ich gebe Ihnen vollständig recht,« sagte der Frater, »Gewalt möchte ich vermeiden. Blut soll nicht fließen. Wenige, aber tüchtige Männer werden mehr erreichen, als eine große Schar, welche die Aufmerksamkeit auf uns lenkt.«

»Sie sagen: auf uns lenkt?« fragte ihn der Estanziero. »Sie drücken sich so aus, als ob Sie sich uns anschließen wollten?«

»Jawohl reite ich mit!«

»Aber, bedenken Sie! So ein anstrengender und sogar gefährlicher Ritt und Ihr Stand -«

»Hindert mich der, ein guter Reiter zu sein?«

»Nein, gewiß nicht. Aber vielleicht müssen wir kämpfen!« »Nun gut, so kämpfen wir!«

Der Estanziero trat einen Schritt zurück und sah dem Bruder erstaunt in das Gesicht.

»Kämpfen? Sie selbst auch?« fragte er.

»Wer verbietet es mir? Soll ein Laienbruder, wenn er angegriffen wird, sein Leben nicht verteidigen dürfen? Soll er sich der Vergewaltigung und Ueberlistung anderer nicht kräftig erwehren dürfen?«

»Auf diese Fragen verstehe ich nicht zu antworten, Sennor. So wie Sie, gerade so würde der berühmte Frater Jaguar sich aussprechen.«

»Kennen Sie diesen?«

»Gesehen habe ich ihn noch nicht, desto mehr aber von ihm gehört. Er gehört eigentlich zu den Mönchen von Tucuman, befindet sich aber stets auf Reisen. Er geht zu den Indianern des Urwaldes, der Pampa und der Cordillera. Er fürchtet keine Gefahr; er greift den Jaguar mit dem Messer an und flieht vor keinem Bravomanne.


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Man fürchtet ihn, obgleich er kein Blut vergießt, denn er steht jedem Bedrängten bei und besitzt eine ungeheure Körperkraft, die ihresgleichen sucht. Haben Sie, der Sie sein Kollege sind, noch nichts von ihm gehört?«

Der Frater antwortete lächelnd:

»Nur von Leuten, welche ihn noch nicht gesehen haben. Diejenigen, welche ihn kennen, pflegen zu mir nicht von ihm zu sprechen.«

»Sennor, sollte ich vielleicht ahnen, daß Sie selbst der Bruder Jaguar sind?«

»Ich bin es allerdings, den man so zu nennen pflegt.«

»Dann sind Sie mir zehnfach willkommen, und dann glaube ich auch gern, daß Sie sich uns anschließen wollen.«

»Ich reite nicht etwa mit aus purer Kampfes- oder Abenteuerlust, Sennor. Ihr Bruder will mit diesem Sennor und seinen Yerbateros nach dem Gran Chaco. Da ich dort auch zu thun habe, bat ich um die Genehmigung, mich anschließen zu dürfen. Sie wurde mir erteilt, und so habe ich mich als den Gefährten und Kameraden Ihres Bruders anzusehen und bin ihm zu Beistand verpflichtet. Töten werde ich keinen seiner Widersacher, denn Menschenblut, selbst das des ärgsten Feindes, darf meine Hände nicht beschmutzen; aber ich kenne den Grenzfluß genau und glaube also, Ihnen gute Dienste leisten zu können.«

»Ich danke Ihnen von Herzen. Uebrigens müssen wir auch mit dem Umstande rechnen, daß mein Bruder sich gar nicht bei den Bolamännern befindet, sondern unterwegs einen Unfall erlitten hat. Er kann vom Pferde gestürzt sein und nun auf einem Rancho liegen.«

Er hatte dies kaum gesagt, als ein Peon meldete, daß ein Reiter unten im Hofe sei, welcher mit dem Sennor sprechen wolle.

»Wer ist er?« fragte Monteso.


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»Einer von den Kavalleristen, welche mit dem Lieutenant hier waren, um Pferde zu kaufen.«

»Führe ihn hierher!«

Wir blickten einander erstaunt an. Dieser Major Cadera sandte uns einen Boten! Zu welchem Zwecke?

»Jetzt werden wir hören, was geschehen ist!« sagte der Estanziero. »Ich bin im höchsten Grade gespannt darauf.«

»Ich würde Ihnen sehr dankbar für die Erlaubnis sein, an Ihrer Stelle mit ihm verhandeln zu dürfen,« sagte ich.

»Warum? Glauben Sie, daß mir das Geschick dazu fehlen würde?«

»O nein. Sie kennen ja die hiesigen Verhältnisse weit besser als ich; aber Sie sind der Bruder des Yerbatero, um den es sich handelt, und darum denke ich, daß ein anderer die Angelegenheit weit mehr objektiv in die Hand nehmen würde.«

»Sie mögen recht haben. Sprechen Sie an meiner Stelle mit dem Manne!«

Der Kerl kam herein. Es war einer der beiden, welche ich vor der Laube im Garten belauscht hatte. Jedenfalls war er der Ansicht gewesen, nur den Estanziero zu treffen. Als er den Frater und mich erblickte, nahm sein Gesicht einen weniger selbstbewußten Ausdruck an.

»Was wollen Sie?« fragte ich ihn.

»Von Ihnen nichts,« antwortete er trotzig. »Ich habe allein mit Sennor Monteso zu sprechen.«

»Er hat mich beauftragt, Sie an seiner Stelle zu empfangen.«

»So geben Sie ihm diesen Brief!«

Er zog ein Couvert aus der Tasche und reichte es mir. Der Name des Estanziero war mit Tinte darauf geschrieben. Ich reichte es dem letzteren hin. Er sah die Schrift und sagte:


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»Von meinem Bruder. Ich kenne seine Schrift.«

Er öffnete das Couvert, las es und erbleichte. Er zog einen Bleistift aus der Tasche, schrieb eine kurze Bemerkung dazu und gab dann den Brief mir und dem Frater zu lesen. Der Inhalt lautete:

»Mein Bruder! Ich bin abermals in die Hände derjenigen gefallen, denen wir entgangen waren. Unterwegs trafen wir dann zufälliger- und unglücklicherweise auf José, welcher Santa Fé eher verlassen hat, als wir dachten. Auch er ist ergriffen worden. Sende durch den Ueberbringer dieses Briefes sofort 10000 Bolivianos, mit denen ich ein ausgezeichnetes Geschäft machen kann, wenn sie zeitig genug eintreffen. Kommen sie zu spät, so bringst du uns und dich in großen Kummer. Vertraue dem Boten, und frage ihn nicht aus. Lege ihm auch nichts in den Weg, denn dadurch würdest du uns in eine sehr üble Lage bringen. Es ist ihm sehr streng verboten worden, euch ein Wort zu sagen. Dein Bruder Mauricio.«

Unter diese Zeilen hatte der Estanziero geschrieben:

»Das von Josés Gefangennahme dürfen meine Damen nicht erfahren; sie würden erschrecken.«

Das war sehr richtig. Damit die Sennora den Brief nicht in die Hand bekommen oder von ihrem Manne fordern könne, steckte ich ihn in meine Tasche.

»Sie kennen den Inhalt dieses Schreibens?« wendete ich mich nun an den Ueberbringer desselben.

»Ja.«

»Was enthält es?«

»Die Aufforderung, an mich zehntausend Bolivianos zu zahlen.«

»Sind Sie allein hier?«

»Ja.«


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Er gab diese Antwort schnell und ohne zu überlegen; ich sah es ihm dennoch an, daß er log.

»Sie sagen mir die Unwahrheit! Sie haben ja noch jemand mit!«

»Sie irren, Sennor!«

»Ich irre mich nicht. Ihr Gesicht sagt es mir und mein Verstand ebenso. Man konnte Sie nicht allein schicken. Man wußte nicht, wie Sie aufgenommen werden. Man gab Ihnen darum noch jemand mit, welcher, falls Ihnen hier etwas geschieht, sofort zurückeilt und den Major benachrichtigt.«

»Das ist nicht der Fall!« behauptete er.

»Werden sehen! Ich glaube Ihnen nicht. Wissen Sie, was Sennor Monteso mit dem Gelde thun will?«

»Nein.«

»Das ist wieder eine Lüge! Sie wissen ganz bestimmt, daß es das Lösegeld sein soll. Sie sind übrigens außerordentlich kühn, indem Sie nach der Estanzia del Yerbatero kommen. Wissen Sie nicht, was Sie hier erwarten muß?«

»Ja, eine freundliche Aufnahme.«

»Und wenn Sie sich nun irren?«

»So wird der Yerbatero es sehr zu beklagen haben. Wenn ich nicht bis zu einer bestimmten Zeit zurückkehre und das Geld mitbringe, dürften Sie ihn schwerlich wiedersehen. Er würde sich nach einer sehr entfernten Gegend begeben, aus welcher gewöhnlich niemand wiederkehrt.«

»Hm! Ich muß freilich zugeben, daß Sie die Macht in den Händen haben, das Geld zu erpressen. Aber, wer giebt uns die Sicherheit, daß Sie ehrlich handeln?«

»Der Major hat sein Ehrenwort gegeben, daß die Sennores entlassen werden, sobald ich das Geld bringe.«

»Ihr Major hat uns zweimal sein Wort gebrochen.


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Ich glaube ihm nicht. Frißt der Fuchs zum erstenmal hier, so sehnt er sich nach Wiederholung. Geben wir die Summe, so wird vielleicht noch eine zweite verlangt.«

»Gewiß nicht.«

»Oder der Major meint es wirklich ehrlich. Wer aber giebt uns die Sicherheit, daß auch Sie es sind? Zehntausend Pesos aus Bolivien sind ein Reichtum für Sie. Wie nun, wenn Sie das Geld für sich behalten und gar nicht zum Major zurückkehren?«

»Sennor, ich bin kein Spitzbube!«

»So! Nun, Ihr Gesicht ist freilich nicht das eines Diebes, und ich möchte Ihnen Vertrauen schenken. Sie geben aber jedenfalls zu, daß diese Angelegenheit eine so wichtige ist, daß man die Entscheidung nicht in zwei Minuten treffen kann.«

»Darüber habe ich kein Urteil. Ich soll nicht lange warten.«

»So gehen Sie in die Küche, und lassen Sie sich etwas zu essen geben. Kommen Sie dann wieder, um den Bescheid zu hören. Ich werde mich für Ihre Forderung verwenden, denn ich sehe ein, das dies das beste ist.«

Ich rief den Peon herein, welcher draußen stand, und gab ihm den Befehl, den Fremden in die Küche zu führen, was auch gleich geschah. Zehntausend Bolivianos sind nach deutschem Gelde beinahe neunundzwanzig Tausend Mark. Darum war es sehr erklärlich, daß der Estanziero mich jetzt fragte:

»Wollen Sie mich wirklich bestimmen, ihm das Geld zu geben, Sennor?«

»Fällt mir gar nicht ein.«

»Dann kommt mein Bruder nicht frei!«

»Gerade darum kommt er frei. Wir wissen nun, daß er sich wirklich bei den Bolamännern befindet.«


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»Aber wir wissen nicht, wo diese sind!«

»Wir werden es erfahren. Der Bote wird es sagen, darauf können Sie sich verlassen! Uebrigens ist er nicht allein da.«

»Denken Sie das wirklich?«

»Ja. Oder wollen Sie glauben, daß man diesem Menschen eine so große Summe anvertraut?«

»Das ist allerdings unwahrscheinlich!«

»Sehen Sie! Der Major legt dieses Geld jedenfalls nur in ganz sichere Hände. Selbst wenn der Bote ein ehrlicher Mann wäre, würde man ihn nicht so allein mit dem Gelde über den Camp reiten lassen. Er hat noch andere mit. Das ist entweder der Major selbst oder der Lieutenant, welcher uns so hübsch in die Falle lockte und damit dem Vorgesetzten bewies, daß er Vertrauen verdient. Ist's der erstere, so haben wir gewonnenes Spiel. Ist's der letztere, nun, so ergreifen wir ihn und zwingen ihn, uns den Weg zu den Bolamännern zu zeigen.«

»Sennor, das ist zu gefährlich! Man wird meinen Bruder umbringen!«

»O nein! Der Major wird ja gar nicht erfahren, was wir seinem Boten für einen Bescheid gegeben haben. Indem er auf denselben wartet, kommen wir selbst.«

»Aber, auch angenommen, daß Ihr Plan gut ist, wie erfahren wir, wo sich der eigentliche Bote befindet?«

»Dieser Kavallerist, welcher sich jetzt in der Küche befindet, wird es uns sagen. Haben Sie denn wirklich die verlangte Summe hier im Hause?«

»Glücklicherweise, ja. Ich hatte in den letzten Tagen Geld einkassiert.«

»Das werden wir aber diesem Kerl nicht sagen, Sennor. Er wird sofort glauben, daß Sie nicht so viel haben. Sie müssen zu einem Nachbar reiten, um sich das


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Fehlende geben zu lassen. Er wird bis zu Ihrer Rückkehr warten, aber nicht hier im Hause, sondern er wird zu den andern zurückkehren. Dabei folge ich ihm und entdecke das Versteck. Lassen Sie mir einen gestreiften Poncho und einen andern Hut besorgen. Auch ein Pferd wird gesattelt im Hofe bereit zu halten sein. Uebrigens ist es geraten, sich mehr auf das eigene Nachdenken, als auf die Aussagen dieser Leute zu verlassen. Der Mann wird, wenn er von hier fortreitet, nicht gleich die beabsichtigte Richtung einschlagen, sondern eine falsche. Ich werde mich nicht irre machen lassen.«

»Darf ich Sie begleiten, Sennor?«

»Eigentlich möchte ich Ihnen die Erfüllung dieses Wunsches versagen. Ihre Begleitung könnte mir meinen Plan verderben. Aber ich will trotzdem nichts dagegen haben, falls Sie mir versprechen, sich ganz nach meinen Wünschen zu richten.«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»So lassen Sie zwei der schnellsten Pferde für uns satteln und auch zwei Lassos bereit halten.«

»Sie haben ja bereits einen, und ich auch!«

»Wir brauchen noch zwei. Nehmen Sie auch eine Bola für sich mit, und lassen Sie die Pferde nicht unten im Hofe, sondern anderswo in der Nähe, wo sie nicht gesehen werden können, bereit sein. Ich glaube nicht, daß das Versteck auf Ihrem Grund und Boden liegt. Die Leute sind von Westen her gekommen. In dieser Richtung, jenseits der Grenze, müssen wir suchen. Auf einer kahlen, nackten Höhe versteckt man sich nicht. Wir haben also nicht auf den Bodenerhöhungen, sondern in den Vertiefungen zu suchen. Wenn wir es klug machen, erreichen wir das Versteck noch eher als der Kavallerist.«

Der Estanziero gab die betreffenden Befehle. Dann


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erwarteten wir die Rückkehr des Boten. Derselbe hatte sich mit dem Essen sehr beeilt und ließ sich wieder anmelden. Sein Gesicht war ein sehr zuversichtliches. Er sagte sich vielleicht, da er mit Speise und Trank regaliert worden sei, habe er ein feindseliges Verhalten nicht zu befürchten. Darum fragte er, ohne zu warten, bis er angeredet wurde:

»Nun, was haben Sie beschlossen?«

»Wir haben beschlossen, den Weg der Gütlichkeit einzuschlagen,« antwortete ich ihm. »Aber Zehntausend ist zu viel!«

Ich wollte scheinbar abhandeln, um ihn desto sicherer zu machen.

»Ist nicht zu viel, gar nicht zu viel,« antwortete er.

»Bedenken Sie, daß eine solche Summe geradezu ein Vermögen ist!«

»Der Yerbatero muß aber doch wissen, daß er es geben kann, sonst hätte er es nicht geboten.«

»Es ist ihm abverlangt worden.«

»Nein. Er hat sogleich von selbst dieses Angebot gemacht.«

»Unsinn! Sagen Sie uns, wie weit Sie in Ihrer Forderung herabgehen können!«

»Um keinen Peso. Das ist mir noch ganz ausdrücklich angedeutet worden. Der Yerbatero hat sich einverstanden erklärt und uns versichert, daß sein Bruder es geben werde.«

»So ist er sehr unvorsichtig gewesen. Er mußte doch wissen, daß man zehntausend Bolivianos nicht im Hause liegen hat, selbst wenn man ein reicher Mann ist.«

»Das geht mich nichts an. Das ist seine Sache und nicht die meinige!«

»Das ist sehr wohl auch Ihre Sache! Welche In-


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struktion [Instruktion] haben Sie denn für den Fall erhalten, daß Sennor Monteso das Geld nicht vollständig daliegen hat?«

»Gar keine, das hängt von meiner Bestimmung ab.«

»Dann will ich Ihnen einen Vorschlag thun. Wir wollen Ihnen 6000 bar und einen Wechsel über 4000 geben.«

»Nein, nein! Einen Wechsel darf ich nicht annehmen. Das ist mir untersagt. Das Einkassieren desselben ist für uns zu gefährlich.«

»Hm! So müßte sich Sennor Monteso das Fehlende borgen. Ein Nachbar hat in den letzten Tagen eine Geldauszahlung erhalten. An diesen wird Ihnen Sennor Monteso eine Anweisung geben.«

»Danke! Darauf kann ich mich nicht einlassen. Ich will mit möglichst wenig Leuten zu thun haben. Ich halte mich an den Estanziero.«

»So müßte er selbst es holen.«

»Dauert das lange?«

»Er würde ungefähr drei Stunden bis zu seiner Rückkehr brauchen, vorausgesetzt, daß er den Nachbar daheim antrifft. «

»Hm! So werde ich mich wohl gedulden müssen!«

»Wir bitten Sie darum. Sie können ja auf der Estanzia bleiben und sich da ausruhen.«

»Danke sehr, Sennor! Ich will Sie nicht belästigen. Ich reite indessen fort und kehre nach drei Stunden wieder.«

»Ganz wie Sie wollen! Nach Empfang des Geldes verlangen wir aber natürlich Quittung!«

»Davon steht nichts in meinem Auftrage.«

»Wir müssen sie dennoch haben. Hat der Major Ihnen keine mitgegeben, so mögen Sie Ihren Namen unterzeichnen.«


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»Den kennen Sie gar nicht. Wie leicht kann ich Sie täuschen?«

»Ihr ehrliches Gesicht ist uns Bürgschaft, daß Sie keinen falschen Namen unterzeichnen.«

»Sehr schmeichelhaft für mich, Sennor. Ich bemerke, daß Sie die Absicht haben, die Angelegenheit als Caballero zu erledigen. Das freut mich. - Schenken wir uns gegenseitig Vertrauen. A Dios!«

Er ging, und ich trat schnell an das Fenster. Hinter der Gardine versteckt, blickte ich in den Hof und sah, daß er nach links schwenkte, als er zum Thore hinaus war. Nun eilte ich hinab vor das Thor und sah ihn an der nächsten Kaktushecke abermals nach links biegen. Natürlich ging ich nun auch zu dieser Ecke, wo ich ihn im Galopp das Freie gewinnen und dann in gerader Richtung gegen Osten reiten sah. Nun kehrte ich zurück und begab mich nach meiner Wohnung, die ich heute noch gar nicht betreten hatte. Ich wollte mein Gewehr holen und fand da den Poncho und den Hut. Ich warf den ersteren über, setzte den letzteren auf, und da kam auch der Estanziero mit dem Bruder.

»Nun, wo ist er hin?« fragte der erstere.

»Nach Ost. Folglich will er nach West. Nehmen Sie mir die Frage nicht übel, Sennor Monteso, ob Sie ein guter Reiter sind?«

»Welche Frage!« lachte er. »Natürlich bin ich es.«

»Vielleicht wird es notwendig, dies zu beweisen. Können Sie sich während des Rittes lang an die Seite des Pferdes legen?«

»Lang an die Seite des Pferdes legen? Wie meinen Sie das? Wie macht man das? Ich habe es noch nie gesehen.«

»Die Indianer Nordamerikas bringen dieses Kunst-


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stück [Kunststück] sehr oft in Anwendung. Wenn man den Körper lang an denjenigen des Pferdes legt, kann man von der entgegengesetzten Seite weder gesehen noch von einer Kugel getroffen werden.«

»Da fällt man ja herab!«

»O nein. Ich habe zu diesem Zwecke zwei Lassos bestellt. Wir schlingen sie um die Hälse der Pferde. Das ist die ganze Vorkehrung, deren wir bedürfen. Gesetzt den Fall, wir haben zu unserer rechten Hand einen Feind, welcher uns nicht sehen soll, so müssen wir uns an der linken Seite des Pferdes verbergen. Zu diesem Zwecke rutschen wir langsam nach links aus dem Sattel, lassen aber den rechten Fuß im Steigbügel und ziehen ihn mit demselben hinter dem Sattel über die Kruppe des Pferdes. Wir hängen also mit dem Fuße im Bügel. Mit dem Arme fahren wir in den Lasso, welcher um den Hals des Pferdes geschlungen ist. In dieser Weise liegen wir links lang am Pferde und können unter dem Halse desselben hinweg nach rechts schauen und sogar nach dieser Richtung schießen.«

»Das geht ja nicht. Wie kann ich mich mit der großen Zehe im Bügel halten?«

»Ihre Steigbügel sind eben sehr unpraktisch. Glücklicherweise hängen sie im doppelten Riemen, zwischen welchen Sie den Fuß stecken können. Auf diese Weise ist der Feind zu täuschen. Befindet er sich so weit entfernt, daß er den Sattel nicht zu unterscheiden vermag, so hält er das Pferd für ein lediges, weidendes Tier.«

»Sennor, das bringe ich nicht fertig.«

»Wir werden sehen. Kommen Sie.«

Wir gingen nach dem Corral und schlangen den Pferden die Riemen mehrfach um den Hals. Im Hofe stand noch das Pferd, auf welchem ich gekommen war.


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Es trug meine Satteltaschen, und ich nahm mein Fernrohr aus denselben. Dann ging es fort. Der Frater wünschte uns Glück, und die Damen riefen uns von oben zu, vorsichtig zu sein. Wir ritten nach Nordwest. Als wir die Estanzia so weit hinter uns hatten, daß sie uns die Fernsicht nicht mehr hinderte, blieben wir halten, und ich suchte den östlichen Camp nach dem Kavalleristen ab. Nach einiger Zeit entdeckte ich ihn. Er hielt noch immer die anfängliche Richtung bei, ritt aber nur noch im Schritt.

Jetzt ging es im Carriere über den Camp dahin. Wie groß das Besitztum des Estanziero war, zeigt sich daraus, daß wir erst nach vollen zehn Minuten die Grenze erreichten und uns nun langsam südwärts wendeten. Hier gab es keine Umfriedungen. Wir hatten freies Land, da die Hecken sich nur in der Nähe der Gebäude befanden. Da gab es auch wenig Spuren von Vieh, weil die Gauchos es vermeiden, ihre Tiere bis zur Grenze zu lassen, durch deren Ueberschreiten sehr leicht Unzuträglichkeiten entstehen. Nun saß ich vornübergebeugt im Sattel und hielt das Camposgras scharf im Auge. Der Estanziero that ebenso.

»Wollen sehen, wer die Spur zuerst entdeckt,« sagte er. »Vorausgesetzt, daß Sie sich nicht geirrt haben und sie sich wirklich hier befindet.«

»Sie muß hier sein. Passen wir nur gut auf!«

Er hatte zugeben müssen, daß ich im Reiten geschickter sei, als er. Nun wollte er mich bezüglich des Scharfsinnes im Auffinden einer Fährte schlagen. Ich that, als ob ich das nicht bemerkte. Bald richtete ich mich im Sattel auf. Ich hatte die Spur entdeckt. Er aber ritt weiter, und ich blieb an seiner Seite.

»Hm!« sagte er endlich. »Wir suchen vergeblich. Ich sage Ihnen, Sennor, daß wir unsere Zeit verschwenden!«

»Das ist freilich wahr!«


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»Sie geben das zu? Sind also nun auch meiner Meinung, daß es hier die gesuchte Fährte nicht giebt?«

»Ganz und gar.«

»So sind Sie also geschlagen?«

»Nein.«

»Aber Sie haben die Spur doch nicht!«

»Ich habe sie. Da hinter uns. Wir sind darüber weg.«

»Warum sagten Sie es nicht?«

»Weil ich Ihnen Zeit lassen wollte, einzusehen, daß sich ein Deutscher wenigstens ebenso wie ein Orientale in der Banda Uruguay zurechtfinden kann. Kehren wir um! Wir werden sehr bald wieder an der Stelle sein.«

Wir jagten zurück und stiegen ab, als wir den betreffenden Punkt erreichten. Der Boden war lehmig und das Gras ganz kurz abgefressen. Darum gab das Gras keinen Anhalt, aber in dem Lehm selbst hatten sich, obgleich er nicht feucht, sondern hart war, die Hufspuren eingedrückt. Ich erklärte dem Estanziero die betreffenden Zeichen. Er blickte mich groß an, gab aber schließlich kleinlaut zu, daß wir die Spuren dreier Pferde vor uns hatten.

»So sind es also zwei, die jetzt auf den Kerl warten?« fragte er.

»Ja; anders ist es nicht. Folgen wir dieser Fährte!«

Wir stiegen wieder auf und ritten weiter, bis wir bemerkten, daß die Spur keine gerade Linie mehr bildete, sondern von jetzt an nur den Bodenvertiefungen folgte. Ich stieg ab, nahm mein Gewehr schußbereit und schlang mir den Zügel um den Arm.

»Wollen wir denn gehen?« fragte Monteso erstaunt.

»Wenn wir zu Pferde kommen, so erblicken sie uns eher als wir sie und sind also vorbereitet. Das können wir vermeiden. «

Ich nahm das Fernrohr wieder zur Hand und brauchte


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nicht lange zu suchen. Ganz zufällig bekam ich gleich in den ersten Augenblicken eine Gestalt vor das Glas, welche auf der Höhe einer der Bodenwellen saß, uns den Rücken zukehrte und in der Richtung nach der Estanzia ausschaute. Nachdem auch der Estanziero durch das Rohr gesehen hatte, sagte er:

»Das ist jedenfalls einer von den beiden. Ein Glück, daß der nicht nach rückwärts sieht, sonst hätte er trotz der Entfernung die Pferde erkannt. Was thun wir?«

»Wir steigen wieder in den Sattel, um ihm schneller näher zu kommen, halten uns aber in den Vertiefungen. Nun wir wissen, wo die beiden sich befinden, können wir uns ihnen zu Pferde nähern.«

Die tiefer liegenden Wellenthäler schlangen sich in mehr oder weniger engen Windungen um die Bodenerhebungen. Sie waren feucht und mit Sträuchern bestanden. Darum fanden wir die Spuren hier auf das deutlichste charakterisiert.

Als wir nahe genug gekommen waren, stiegen wir ab. Ich kroch die Böschung empor, um nach der Gestalt zu sehen, Sie war verschwunden; aber das war mir nur lieb. Ich hatte mir die Stelle, an welcher sie gesessen hatte, ganz genau gemerkt. Es waren nur noch zwei Thalwindungen von uns zurückzulegen, um zu den Gesuchten zu gelangen. Da wir die Pferde hier zurücklassen mußten, banden wir sie ans Gesträuch, nahmen ihnen aber die Lassos von den Hälsen, um sie später als Fesseln zu benutzen. Nun gingen wir vorwärts, erst eine Windung nach links und dann eine nach rechts. Diese letztere brachte uns an Ort und Stelle. Die Terrainsenkung war hier weiter und tiefer als anderwärts. Auf ihrem Grunde hatte sich stehendes Wasser gesammelt, welches von einem ziemlich hohen und dichten Mimosengebüsch eingefaßt wurde.


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Jenseits des Wassers knabberten zwei Pferde an den jungen Zweigen. Diesseits, zu unserer linken Hand, hörten wir sprechen. Sehen konnten wir die Personen aber nicht.

»Dort sind sie!« flüsterte mir der Estanziero zu. »Auf! Werfen wir uns auf sie!« -

»Nein. Wir schleichen uns an, was ganz leicht ist, da die Mimosen unten am Boden genug freien Raum zum Kriechen lassen. Folgen Sie mir; machen Sie es wie ich, und vermeiden Sie jedes Geräusch! Die Gewehre lassen wir hier liegen, sie würden uns nur hindern. Wir müssen suchen, ganz nahe hinter sie zu kommen, ich an den einen, Sie an den andern. Wir fassen sie dann um die Hälse und drücken ihnen die Gurgel zusammen. Greifen Sie aber nicht eher zu, als bis Sie sehen, daß ich es thue!«

»Ganz wie bei den Indianern! Das kann mir gefallen, Sennor.«

Er war ganz begeistert, den Indianer zu spielen. Hätte ich es allein unternommen, so wäre ich des Gelingens sicherer gewesen; ich that ihm aber den Willen, weil ich ein Mißlingen selbst dann nicht zu befürchten hatte, wenn er einen Fehler beging. Es wäre nur ein wenig schwieriger geworden. Ich kroch also voran, und er folgte mir. Die Mimosen teilten sich erst vielleicht eine Elle oberhalb des Bodens in Zweige; infolgedessen kamen wir leicht und schnell vorwärts. Die Anwesenheit des Wassers gab dem Grase ein üppiges Wachstum. Es stand vor dem Gebüsch fast über eine Elle hoch, so daß man von draußen nicht hereinblicken und uns sehen konnte. Das war höchst vorteilhaft für uns.

Die Stimmen wurden vernehmlicher, je näher wir kamen. Bald hatten wir die betreffende Stelle erreicht. Wir kauerten unter dem Gezweig innerhalb der Sträucher


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auf dem Boden, und sie lagen draußen, ganz nahe dem Rande. des Gebüsches, im hohen Grase.

»Und wenn er aber nicht wiederkommt, wenn sie ihn festhalten?« hörten wir fragen.

»Das wagen sie nicht,« lautete die Antwort.

Ich erkannte in dieser Stimme augenblicklich diejenige des Lieutenants.

»Und wenn sie es dennoch wagen?«

»So soll es ihnen schlecht bekommen. Wir legen ihnen den roten Hahn an die Estanzia und schneiden dann nach unserer Rückkehr den beiden Montesos die Kehlen durch.«

»Davon haben wir aber nichts! Uebrigens habe ich einen Gedanken, welcher mich beunruhigt, der Gedanke, daß dieser Deutsche mit dem Bruder schon hier sein könnte. In diesem Falle wird unser Bote einen schweren Stand haben.«

»Sie können ihm doch auch nichts anderes sagen, als Ja oder Nein!«

»Sie können wohl etwas anderes! Sie können Ja sagen, um ihn sicher zu machen; sie können ihm das Geld geben, um uns heimlich zu folgen.«

Der Estanziero stieß mich an. Er brannte vor Begierde, zuzugreifen; aber ich wollte noch warten. Es lag mir vor allem daran, zu erfahren, wo der Major auf seine drei Gesandten wartete. Konnte ich diesen Ort erfahren, so war das Gelingen des Unternehmens meiner Ansicht nach leidlich sicher. Gefährlich war es trotzdem; aber man wußte dann doch wenigstens, daß man die Leute gewiß treffen werde, und konnte sich die zum Suchen erforderliche Zeit ersparen.

»Das werden sie bleiben lassen,« meinte der andere. »Wir haben ja für diesen Fall den strengen Befehl, die


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Verfolger irre zu führen. Ich weiß ein Mittel, wie uns das gelingen kann.«

»Welches?«

»Wir trennen uns, um später wieder zusammenzutreffen. Da machen wir drei Fährten, und sie wissen nicht, welcher sie folgen sollen.«

»Schafskopf! Sie können jeder beliebigen folgen, so treffen sie uns dann doch beisammen.«

Himmel! Daran dachte ich nicht.«

»Ja, auf deine Klugheit brauchst du dir freilich nichts einzubilden. Unser einziges Gelingen liegt, falls wir verfolgt werden, in der Schnelligkeit unserer Pferde. Wir müssen sofort aufbrechen und die ganze Nacht durch reiten. Glücklicherweise scheint der Mond, daß es fast so hell ist, wie am Tage.«

»Das ist aber auch für sie ein Vorteil.«

»Kein großer. Sie können des Nachts trotz des Mondscheines unsere Fährte nicht sehen. Die Hauptsache ist, sobald wie möglich im Lager anzukommen. Dann unterrichten wir die Unserigen von der Verfolgung und empfangen die Kerle, wie sie es verdienen. Werden wir aber vorher erreicht,

so --

»So hat es auch nichts zu bedeuten,« fiel ihm der andere in die Rede.

»Wieso?«

»Weil man in Rücksicht auf die Gefangenen uns nichts thun darf.«

»Hm! Ja! Das ist richtig. Aber wir dürfen uns nicht sehen lassen. Wenn man Militär zu Hilfe ruft und uns in der Ueberzahl angreift, so sind wir verloren. Kein Lopez Jordan kann uns dann retten. Glücklicherweise liegt die Peninsula del crocodilo für unsere Zwecke so gut, daß wir uns - horch!«


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Wir hörten Hufschlag. Die beiden erhoben sich aus dem Grase. Nun war es zu spät, sie zu ergreifen, denn der Kavallerist war da. Wir sahen ihn draußen vor dem Gebüsch vom Pferde springen.

»Nun?« fragte der Lieutenant.

»Wir bekommen das Geld,« lautete die Antwort. »Der Estanziero hatte nicht genug. Er ist zum Nachbar geritten, um sich das Fehlende zu borgen.«

»Mit wem sprachst du?«

»Mit dem Deutschen und dem Frater.«

»War der Estanziero nicht da?«

»Auch dieser.«

»So hattest du doch mit ihm, nicht aber mit dem Deutschen zu reden!«

»Das wollte ich auch. Ich sagte ihm anfangs, daß ich mit Monteso allein zu sprechen habe; später aber war ich froh, daß der Deutsche für denselben sprach, denn er zeigte sich außerordentlich vernünftig. Monteso hätte das Geld wahrscheinlich verweigert; der Deutsche aber hat ihm jedenfalls zugeredet; er sagte es.«

»Dem Menschen traue ich nicht weiter, als ich ihn sehe. Erzähle einmal!«

»Viele Worte kann ich nicht machen, denn ich brauche anderthalb Stunden, um den Bogen wieder zu reiten und sie irre zu führen. Ich kam nur für die wenigen Minuten, um euch Nachricht zu bringen und zu beruhigen. Also hört!«

Er erzählte wortgetreu das Geschehene. Als er geendet hatte, standen sie eine kleine Weile still beieinander. Sie überlegten. Dann fragte der Lieutenant:

»Hast du nicht gesehen, ob dir jemand nachgeritten ist?«

»Ich hielt öfters an, um scharf zurückzublicken. Kein Mensch war zu sehen.«


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»Und der Deutsche hat wirklich abhandeln wollen und deine Unterschrift verlangt?«

»Ganz so, wie ich es erzähle.«

»Hm! So scheint er einen Hintergedanken zu verbergen.«

»Welcher sollte das sein?«

»Das weiß man eben nicht. Sei vorsichtig! Wenn du das Geld erhalten hast, reitest du keinen Bogen wieder, sondern kommst direkt hierher.«

»Da weiß man ja gleich, woran man ist!«

»Das schadet nichts. Wir müssen schnell und stracks fort und dürfen keinen Augenblick verlieren. Natürlich schreibst du nicht deinen wirklichen Namen hin, sondern einen andern, falschen.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Nun aber muß ich wieder fort. Ich darf die Sennores nicht warten lassen.«

»Ja, reite, und halte dich tapfer. Ich fürchte mich nicht, aber es ist doch immer eine gewisse Angst, bevor man das Geld in den Händen hat. Ich traue nicht.«

»Und ich traue. Uebrigens steht mein Entschluß fest, falls man die Absicht haben sollte, mich zu betrügen, dem Deutschen das Messer in den Leib zu rennen, auf das Pferd zu springen und fortzujagen. Ehe man sich vom Schreck erholt, befinde ich mich in Sicherheit. A dios!«

Er bestieg sein Pferd und ritt davon. Die beiden andern gingen mit ihm. Sie stiegen auf die Bodenwelle, sahen ihm kurze Zeit nach und kehrten dann zurück.

»Mir gefällt die Geschichte wenig,« erklärte der Lieutenant. »Wenn er sich wenigstens das vorhandene Geld hätte geben lassen, um uns einstweilen dieses zu bringen. Gab man ihm dasselbe wirklich, so konnten wir jetzt ruhig sein. So aber schweben wir noch im Zweifel.«


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Der andere setzte sich in das Gras, zog eine Spielkarte hervor und meinte:

»Es ist nun nicht zu ändern und muß abgewartet werden. Brennen wir uns einen Cigarillo an und machen ein Spiel dazu! Nicht?«

»Ja, spielen wir! Mag geschehen, was da will, hier und jetzt sind wir sicher.«

»Sie irren, Sennor! Mit Ihrer Sicherheit steht es schlecht.«

Ich hatte dem Estanziero einen Wink gegeben, fuhr, während ich die letzteren Worte sprach, zwischen den Büschen hervor, faßte mit der Linken den noch aufrecht stehenden Lieutenant bei der Gurgel und schlug ihm die rechte Faust an den Kopf. Er sank zusammen. Monteso war nicht weniger schnell. Er faßte den andern mit beiden Händen von hinten um den Hals und drückte ihm denselben zusammen. Der Mensch stöhnte und strampelte dazu mit den Beinen. Er wurde schnell entwaffnet und mit dem einen Lasso gebunden. Der Lieutenant war nur für einige Augenblicke betäubt. Er begann, sich wieder zu bewegen, und wurde mit dem anderen Lasso umschnürt. Der Ausdruck seines Gesichtes, als er die Augen öffnete, war unbeschreiblich.

»Der Deutsche!« stieß er hervor.

»Ja, der Deutsche, Sennor!« nickte ich ihm zu. »Es ist mir sehr schmeichelhaft, daß Sie sich meines Gesichtes noch erinnern.«

»Sie sind ein Teufel!«

»O nein, Sennor! Ich bin vielmehr ein wahrer Engel an Geduld. Ich liege bereits seit über einer halben Stunde hinter Ihnen in den Büschen und höre, wie Sie auf mich schimpfen, und dennoch habe ich Ihnen den Mund nicht verschlossen. Ich verzeihe es Ihnen sogar, daß sie


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so unhöflich gewesen sind, uns einen Untergebenen zu senden, anstatt selbst zu kommen. Da ich aber weiß, was sich schickt, bin ich gekommen, Sie einzuladen, uns nach der Estanzia del Yerbatero zu begleiten.«

»Ich verlange, daß Sie mich freilassen,« brüllte er mich an.

»Gedulden Sie sich noch. Ueber Ihre Freiheit sprechen wir später, wahrscheinlich schon nach einigen Wochen.«

»Spotten Sie nicht! Es handelt sich um das Leben des Yerbatero und seines Neffen.«

»Allerdings und nebenbei auch noch um zehntausend Bolivianos. Ich komme ja, um Sie über diese Punkte aufzuklären. Sie werden nämlich nichts bekommen, weder das Geld, noch das Leben der beiden Gefangenen.«

»Das wird sich finden! Vor allen Dingen verlange ich als Offizier behandelt zu werden! Ich bin Offizier der Banda Oriental und diene unter Latorre!«

»Vorhin, als Sie nicht wußten, daß Sie Ohrenzeugen hatten, haben Sie sich zu Lopez Jordan bekannt. Sie sind nicht Offizier, sondern Strauchdieb und werden als solcher behandelt werden.«

»Dann sterben die Gefangenen!«

»Ich werde mir das Vergnügen machen, Ihnen zu beweisen, daß wir Sie behalten und unsere Freunde dennoch glücklich wiedersehen.«

»Sie wissen nicht, wo sie sich befinden,« brüllte er mich höhnisch an.

»Ich hoffe zuversichtlich, sie auf der Peninsula del crocodilo zu treffen. Wir werden schleunigst nach dort aufbrechen.«

»Teufel!« stieß er hervor.

»Sie haben vorhin selbst gesagt, daß Sie dort er-


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wartet [erwartet] werden, und daß dieser Ort sehr geeignet für Ihre Zwecke sei. Es mag sein, daß der Major auf dieser Krokodilshalbinsel sich sehr leicht zu verteidigen vermag, noch wahrscheinlicher aber ist es, daß er durch unsern Angriff von der Halbinsel hinunter ins Wasser getrieben und dort von den Krokodilen gefressen wird.«

»Vorher wird er die Gefangenen diesen Tieren als Fraß vorwerfen!«

»Wir werden das zu verhüten suchen. Und damit wir die dazu nötige Zeit gewinnen, wollen wir jetzt aufbrechen. Erlauben Sie mir, Ihnen beim Aufsteigen behilflich zu sein!«

»Ich bleibe liegen!«

»Pah! Meine Höflichkeit bringt Sie sehr schnell in die Höhe. Lassen Sie sich Folgendes sagen: Wir binden Ihnen die Hände auf dem Rücken und die Füße unter dem Bauche des Pferdes hinweg zusammen. Sie lassen sich das ohne Gegenwehr gefallen, sonst erzwingen wir uns den verweigerten Gehorsam.«

»Wie wollen Sie das thun?«

»Sehr einfach: durch Ohrfeigen. Leute Ihres Schlages dürfen nicht zarter behandelt werden.«

»Wagen Sie es nicht, sich an mir zu vergreifen!«

»Mensch, drohe nicht noch!« donnerte ich ihn nun an. »Du bist ein Schuft und wirst als solcher angefaßt. Ihr habt mich morden wollen. Ihr habt Menschen gestohlen, um Lösegeld zu erpressen! Sag noch ein Wort, so werfe ich dich hier in das Wasser! Ich kann es verantworten, wenn ich es thue. Und nun auf mit dir! Und keinen Widerstand, sonst soll dich der Teufel reiten!«

Ich riß ihn auf und stieß ihn zum Pferde. Er knirschte mit den Zähnen, wagte aber kein Wort und keine Bewegung des Widerstandes. Damit er auf das Pferd


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steigen könne, ließ ich ihm die Füße frei, welche ich dann festband, als er im Sattel saß. Monteso that dasselbe mit dem andern, welcher kein Wort sprach und ganz starr vor Entsetzen war. Wir führten die Tiere fort, hoben vorn an dem Gesträuch unsere Flinten auf und kehrten zu unsern Pferden zurück. Nachdem wir diese bestiegen hatten, ergriffen wir die Zügel unserer Gefangenen, und fort ging es im Galopp, der Estanzia zu. Dort hatte sich das, was geschehen war, unter den Gauchos herumgesprochen. Als diese Leute uns mit den Gefangenen kommen sahen, empfingen sie uns mit Jubelrufen. Ich war gezwungen, sie versammeln zu lassen, um ihnen zu sagen, wenn der dritte Bolamann komme, sollten sie freundlich zu ihm thun und ihn ja nicht ahnen lassen, welch ein Empfang seiner warte. Die beiden Kerle wurden in eine Nebenstube geschafft und dort auf Stühle gesetzt und so an dieselben gebunden, daß sie weder Hände oder Füße, noch den Oberkörper zu bewegen vermochten. Dann erzählte Monteso. Der Frater hörte leuchtenden Auges zu. Als der Bericht beendet war, gab er mir die Hand und sagte:

»Sennor, Sie sind der Mann, mit dem ich gern nach dem Gran Chaco gehen will. Wir werden uns verstehen und einander nicht im Stiche lassen. Aber was soll nun mit den beiden Männern geschehen?«

»Zunächst müssen die vier Pferde in den Corral geschafft werden, damit der zurückkehrende Bote sie nicht sieht. Er würde sogleich ahnen, was geschehen ist, und die Flucht ergreifen.«

»Das sollte ihm nicht gelingen!« meinte Monteso. »Herein läßt man ihn, aber nicht hinaus; dafür werde ich sorgen.«

»Haben Sie ein Gelaß, in welchem Sie die Gefangenen sicher aufbewahren können, Sennor?«


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»Mehr als eins. Eine Flucht ist unmöglich. Aber wie lange soll ich sie hier behalten?«

»Das steht in Ihrem Belieben. Wollen Sie sie sofort der Behörde übergeben?«

»Soll ich das überhaupt thun?«

»Um ihrer Gefangenen willen wenigstens nicht sofort. Uebergeben Sie die Kerle gleich heute der Behörde, so spricht sich die Sache schnell fort. Sie wissen ja, welche Flügel die Fama besitzt. Wir müßten gewärtig sein, der Major erführe es, ehe wir ihn erreichten. Dann würde er sich aus dem Staube machen.«

»Sie haben recht. Ich werde die Gefangenen hier einschließen, bis ich zurückkehre.«

»Das ist das beste. Dann können Sie je nach den Verhältnissen thun, was Sie für klug halten, können sie dem Strafrichter übergeben oder auch, um Scherereien zu entgehen, sie laufen lassen. Was uns aber jetzt betrifft, so müssen wir uns auf den Ritt machen, sobald wir den dritten festgenommen haben. Frater Hilario, ist Ihnen in Uruguay die Krokodilshalbinsel bekannt?«

»Nein. Ich glaubte, die beiden Ufer des Flusses genau zu kennen, habe aber diesen Namen noch nicht gehört. Krokodile giebt es in den Lagunen genug, Halbinseln auch. Wollen Sie es sich nicht von den Gefangenen sagen lassen?«

»Nein. Sie werden uns falsch berichten, und wir können ihnen die Lüge nicht beweisen, sondern müssen sie wohl oder übel hinnehmen. Wir werden indessen nicht nur die Spuren der Bolaleute, sondern in der Nähe des Flusses jedenfalls auch Personen finden, welche diese Halbinsel kennen. Ich bin überzeugt davon.«

Jetzt eben meldete der Peon den Boten. Als der letztere hereintrat, warf er einen besorgten Blick rund umher, aber er fand gar nichts verändert. Unsere Gesichter


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waren zwar ernst, wie bei seinem ersten Besuche, aber nicht feindselig, und so fragte er den Estanziero:

»Nun, waren Sie bei dem Nachbar und haben Sie das Geld empfangen?«

»Leider nicht. Er war nicht daheim. Ich kann es erst morgen erhalten.«

»Aber so lange darf ich nicht warten!«

»Das sehe ich nicht ein. Warum können Sie nicht hier bleiben, bis ich das Geld habe?«

»Weil mein Auftrag lautet, höchstens zwei, drei Stunden zu warten. Geben Sie mir wenigstens das Vorhandene.«

»Dadurch würde ich meinen Bruder nicht retten. Sie haben ja gesagt, daß Sie nicht weniger nehmen dürfen.«

»So hole ich das Fehlende später.«

»Da schlage ich Ihnen doch lieber vor, das Ganze später zu holen. Teilzahlungen haben keinen Zweck, da Sie den Gefangenen nur dann freigeben, wenn Sie die volle Summe empfangen haben.«

Der Mann wurde verlegen. Er sah, daß der Bruder sich langsam nach der Thüre begab, ahnte aber doch nicht, daß dies nur geschah, um ihm die Flucht abzuschneiden. Was mich betrifft, so hatte ich mich bis jetzt schweigend verhalten und war langsam nach dem einen Fenster gegangen, dessen Flügel offen stand. Ich sah da hinaus. Im Hofe stand das Pferd des Mannes nicht mehr. Man war so vorsichtig gewesen, es zu entfernen.

»Da weiß ich wirklich nicht, was ich machen soll!« sagte er mißmutig.

»Ich an Ihrer Stelle wüßte es,« sagte ich. »Sie reiten zu dem Major zurück und lassen sich neue Befehle geben.«


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»Aber das dauert lange. Sollen die Gefangenen bis dahin schmachten?«

»Es ist eben nicht zu ändern. Uebrigens ist die Peninsula del crocodilo kein ganz unangenehmer Ort. Sie werden sich dort leidlich wohl befinden.«

»Mein Gott!« rief er erstaunt. »Sie wissen, wo der Major ist und kennen die Insel?«

»Zweifeln Sie daran?«

»Sennor, der Major hat Sie einen Teufel genannt. Sie sind wirklich einer!«

»Danke sehr! Grüßen Sie den Major von mir, wenn Sie sich neue Befehle holen, und sagen Sie ihm, er solle sich vor Latorre in acht nehmen!«

»Wir gehören zu Latorre!«

»Zu Lopez Jordan, wollen Sie sagen? Man darf solche Namen, hinter denen ganz verschiedene Länder, Völker und Parteien stehen, nicht verwechseln. Ich nehme an, daß Latorre ein sehr starkes Detachement nach Ihrer Halbinsel geschickt hat, um den Major aufzuheben.«

Der Mann vergaß sich so weit, mir zu antworten:

»Niemand sagt ihm, wo diese Halbinsel und welche sie ist!«

»Pah! Sie hören ja, daß ich sie kenne.«

»So sind Sie der einzige Weiße, zu dem Petro Aynas von ihr gesprochen hat.«

»Petro Aynas?« fragte der Frater schnell, indem er mir einen bezeichnenden Blick zuwarf, denn er hatte verstanden, daß ich den Mann nach der Lage der Halbinsel ausforschen wolle. »Den kenne ich und werde, wenn ich ihn wieder aufsuche, sicherlich von ihm willkommen gehei&szl