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Fünftes Kapitel.

»Schöner Tag«.


   Als wir jetzt nach dem Pueblo zurückkehrten und bei demselben anlangten, sah ich erst, welch ein mächtiger, imposanter Steinbau dasselbe war. Man hält die amerikanischen Völkerschaften für bildungsunfähig; aber Menschen, welche solche Felsenmassen zu bewegen und zu einer solchen mit den damaligen Waffen uneinnehmbaren Festung aufeinander zu türmen verstanden hatten, konnten unmöglich nur auf der untersten, niedrigsten Kulturstufe gestanden haben. Und wenn man sagt, daß diese Nationen früher bestanden haben und daß die jetzigen Indianer keineswegs Abkömmlinge derselben seien, so will ich das weder zugeben noch bestreiten; aber wenn es wirklich so sein sollte, dann ist das noch kein Grund zu der Behauptung, daß die Indianer geistig nicht vorwärts kommen können. Natürlich, wenn man ihnen nicht die Zeit und den Raum dazu gönnt, so müssen sie verkommen und untergehen.

   Wir stiegen mittels der vorhandenen Leitern bis zur dritten Plattform empor, hinter welcher die besten Räume des Pueblo lagen. Da wohnte Intschu tschuna mit seinen beiden Kindern, und da bekamen wir unsere Wohnung angewiesen.

   Die meinige war groß. Sie hatte zwar auch keine Fensteröffnungen und erhielt ihr Licht nur durch die Tür, aber diese war so breit und hoch, daß es an der nötigen Helligkeit nicht mangelte. Der Raum war leer, doch Nscho-tschi möblierte ihn mir bald mit Fellen, Decken und Gerätschaften so gut aus, daß ich mich weit mehr als den Verhältnissen angemessen behag-


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lich [behaglich] fühlen konnte. Hawkens, Stone und Parker bekamen zusammen ein ähnliches Gemach angewiesen.

   Als mein "Gastzimmer" so weit eingerichtet war, daß ich es betreten konnte, brachte "Schöner Tag" mir eine prächtig geschnittene Friedenspfeife und Tabak dazu. Sie stopfte sie mir selbst und setzte den Tabak dann in Brand. Als ich die ersten Züge tat, sagte sie:

   »Dieses Calumet sendet dir Intschu tschuna, mein Vater. Er selbst hat den Thon dazu aus den heiligen Steinbrüchen geholt, und ich habe den Kopf daraus geschnitten. Sie ist noch in keines Menschen Munde gewesen, und wir bitten dich, sie von uns als dein Eigentum anzunehmen und unser zu gedenken, wenn du daraus rauchest.«

   »Eure Güte ist groß,« antwortete ich. »Sie beschämt mich fast, denn ich kann dieses Geschenk nicht erwidern.«

   »Du hast uns bereits soviel gegeben, daß wir dir gar nicht dafür danken können, nämlich wiederholt das Leben Intschu tschunas und Winnetous, meines Bruders. Beide waren wiederholt in deine Hand gegeben, ohne daß du sie tötetest. Heut wieder konntest du Intschu tschuna das Leben nehmen, ohne daß du dafür bestraft worden wärest; du hast es aber nicht getan. Dafür sind dir unsere Herzen zugewendet, und du sollst unser Bruder sein, wenn du es unsern Kriegern erlaubst, dich als solchen zu betrachten.«

   »Wenn das geschieht, so ist mein größter Wunsch erfüllt. Intschu tschuna ist ein sehr berühmter Häuptling und Krieger, und Winnetou habe ich gleich vom ersten Augenblicke an lieb gehabt. Es ist mir nicht nur eine große Ehre, sondern eine ebenso große Freude, der Bruder solcher Männer genannt zu werden. Ich wünsche nur, daß meine Gefährten auch daran teilnehmen dürfen.«

   »Wenn sie wollen, wird man sie so betrachten, als ob sie als Apachen geboren worden seien.«

   »Wir danken euch dafür. Also du selbst hast diesen Pfeifenkopf aus dem heiligen Thone geschnitten? Wie kunstvoll deine Hände sind!«

   Sie errötete über dieses Lob und antwortete:

   »Ich weiß, daß die Frauen und Töchter der Bleichgesichter


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noch viel kunstfertiger und geschickter sind als wir. Ich werde dir jetzt noch etwas holen.«

   Sie ging und brachte mir dann meine Revolver, mein Messer, alle meine Munition und die sonstigen Gegenstände, welche sich nicht in meinen Taschen befunden hatten; denn alles, was darin gewesen war, das hatte man mir gelassen. Ich bedankte mich, erkannte an, daß mir nun nicht mehr das Geringste fehle, und fragte:

   »Werden auch meine Kameraden wieder bekommen, was ihnen abgenommen worden ist?«

   »Ja, alles. Sie werden es jetzt schon haben, denn während ich dich hier bediene, sorgt Intschu tschuna für sie.«

   »Und wie steht es mit unsern Pferden?«

   »Die sind auch da. Du wirst das deinige wieder reiten und Hawkens seine Mary auch.«

   »Ah, du kennst den Namen seines Maultiers?«

   »Ja, auch den Namen seiner alten Flinte, welche er Liddy nennt. Ich habe oft, ohne daß ich es dir erzählte, mit ihm gesprochen. Er ist ein sehr scherzhafter Mann, aber doch ein tüchtiger Jäger.«

   »Ja, das ist er, und noch weit mehr, nämlich ein treuer, aufopferungsfähiger Gefährte, den man lieb haben muß. Aber ich möchte dich etwas fragen; wirst du mir die richtige Antwort geben, mir die Wahrheit sagen?«

   »Nscho-tschi lügt nicht,« antwortete sie stolz und doch so einfach. »Am allerwenigsten aber würde sie dir eine Unwahrheit sagen.«

   »Eure Krieger hatten den gefangenen Kiowas alles abgenommen, was sie bei sich hatten?«

   »Ja.«

   »Auch meinen drei Kameraden?«

   »Ja.«

   »Warum da mir nicht auch? Man hat den Inhalt meiner Taschen nicht angerührt.«

   »Weil Winnetou, mein Bruder, es so befohlen hatte.«

   »Und weißt du, weshalb er diesen Befehl gab?«

   »Weil er dich liebte.«

   »Trotzdem er mich für seinen Feind hielt?«


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   »Ja. Du sagtest vorhin, daß du ihn gleich vom ersten Augenblicke an lieb gehabt habest; dasselbe ist auch bei ihm mit dir der Fall gewesen. Es hat ihm sehr leid getan, dich für einen Feind halten zu müssen, und nicht nur für einen Feind – – –«

   Sie hielt inne, denn sie hatte etwas sagen wollen, wovon sie dachte, daß es mich beleidigen werde.

   »Sprich weiter,« bat ich.

   »Nein.«

   »So will ich es an deiner Stelle tun. Mich für seinen Feind halten zu müssen, das konnte ihm nicht wehe tun, denn man kann auch einen Feind achten; aber er hat geglaubt, daß ich ein Lügner, ein falscher, hinterlistiger Mensch sei. Nicht?«

   »Du sagst es.«

   »Hoffentlich sieht er nun ein, daß er sich da geirrt hat. Und nun noch eine Frage: Wie steht es mit Rattler, dem Mörder Klekih-petras?«

   »Der wird soeben an den Marterpfahl gebunden.«

   »Was? – Jetzt? – Soeben?«

   »Ja.«

   »Und das sagt man mir nicht? Warum hat man es mir verschwiegen?«

   »Winnetou wollte es so haben.«

   »Ja, aber warum?«

   »Er glaubte, deine Augen könnten es nicht ersehen und deine Ohren es nicht erhören.«

   »Wahrscheinlich hat er sich da nicht geirrt, und doch ist es mir möglich, es zu ersehen und auch zu erhören, wenn man meinen Wunsch berücksichtigt.«

   »Welchen?«

   »Sag erst, wo die Marter stattfinden wird!«

   »Unten am Flusse, wo du dich vorhin befunden hast. Intschu tschuna hat euch fortgeführt, weil ihr nicht dabei sein sollt.«

   »Ich will aber dabei sein! Welche Qualen hat man denn für ihn bestimmt?«

   »Alle, welche gegen Gefangene ausgeübt zu werden pflegen. Er ist das schlimmste Bleichgesicht, welches den Apachen jemals in die Hände geraten ist. Er hat unsern weißen Vater, den


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wir liebten und verehrten, den Lehrer Winnetous, ohne alle Veranlassung ermordet; darum soll er nicht an nur einigen Qualen sterben, wie es bei anderen Gefangenen zu geschehen pflegt, sondern man wird alle Martern, die wir kennen, nach und nach an ihm erproben.«

   »Das darf nicht sein; das ist unmenschlich!«

   »Er hat es verdient!«

   »Könntest du dabei sein, es mit ansehen?«

   »Ja.«

   »Du, ein Mädchen!«

   Ihre langen Wimpern senkten sich. Sie richtete den Blick einige Zeit zur Erde, hob ihn dann wieder, sah mir ernst, beinahe vorwurfsvoll in die Augen und antwortete:

   »Wunderst du dich darüber?«

   »Ja. Ein Weib soll so etwas nicht ansehen können.«

   »Ist es so bei euch?«

   »Ja.«

   »Wirklich?«

   »Ja.«

   »Du sagst die Unwahrheit, bist aber doch kein Lügner, denn du sagst sie unabsichtlich, unwissentlich. Du irrst dich.«

   »So willst du das Gegenteil behaupten?«

   »Ja.«

   »Dann müßtest du unsere Frauen und Mädchen besser kennen als ich!«

   »Vielleicht kennst du sie nicht! Wenn eure Verbrecher vor dem Richter stehen, so können andere Leute mit zuhören. Ist es so?«

   »Ja.«

   »Ich habe gehört, daß es da mehr Zuhörerinnen als Zuhörer gibt. Gehört eine Squaw dorthin? Ist es schön von ihr, sich von ihrer Neugierde nach einem solchen Orte treiben zu lassen?«

   »Nein.«

   »Und wenn bei euch ein Mörder hingerichtet wird, wenn man ihn aufhängt oder ihm den Kopf abschlägt, sind dann keine weißen Squaws dabei?«

   »Das war früher.«


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   »Jetzt ist es ihnen verboten?«

   »Ja.«

   »Und den Männern auch?«

   »Ja.«

   »Also ist es allen verboten! Wäre es allen noch erlaubt, so würden auch die Squaws mitkommen. Oh, die Frauen der Bleichgesichter sind nicht so zart, wie du denkst. Sie können die Schmerzen sehr gut ertragen, aber die Schmerzen, welche Andere, Menschen oder Tiere erdulden. Ich bin nicht bei euch gewesen, aber Klekih-petra hat es uns erzählt. Dann ging Winnetou nach den großen Städten des Ostens, und als er zurückkehrte, berichtete er mir alles, was er gesehen und beobachtet hatte. Weißt du, was eure Squaws mit den Tieren tun, die sie kochen, braten und dann essen?«

   »Nun?«

   »Sie ziehen ihnen die Haut*) bei lebendigem Leibe ab; sie ziehen ihnen auch, während sie noch leben**), den Darm heraus und werfen sie in das kochende Wasser. Und weißt du, was die Medizinmänner der Weißen tun?«

   »Was meinst du?«

   »Sie werfen lebendige Hunde in das kochende Wasser, um zu erfahren, wie lange sie dann noch leben, und ziehen ihnen die verbrühte Haut vom Leibe. Sie schneiden ihnen die Augen, die Zungen heraus; sie öffnen ihnen die Leiber; sie quälen sie auf noch viele andere Arten, um dann Bücher darüber zu machen.«

   »Das ist Vivisektion und geschieht zum Besten der Wissenschaft.«

   »Wissenschaft! Klekih-petra ist auch mein Lehrer gewesen; darum weiß ich, was du mit diesem Worte meinst. Was muß euer großer, guter Geist zu einer Wissenschaft sagen, welche nichts lehren kann, ohne daß sie seine Geschöpfe zu Tode martert! Und solche Martern nehmen eure Medizinmänner in ihren Wohnungen vor, wo die Squaws doch mit wohnen und es sehen müssen! Oder hören sie nicht das Schmerzgeheul der armen Tiere? Haben eure Squaws nicht Vögel in Käfigen in ihren


   *) Bei den Aalen. **) Bei den Krebsen.


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Zimmern? Wissen sie nicht, welche Qual dies für den Vogel ist? Sitzen eure Squaws nicht zu tausenden dabei, wenn bei Wettrennen Pferde zu Tode geritten werden? Sind nicht Squaws dabei, wenn Boxer sich zerfleischen? Ich bin ein junges, unerfahrenes Mädchen und werde von euch zu den "Wilden" gerechnet; aber ich könnte dir noch vieles sagen, was eure zarten Squaws tun, ohne daß sie dabei den Schauder empfinden, den ich fühlen würde. Zähle die vielen Tausende von zarten, schönen, weißen Frauen, welche ihre Sklaven zu Tode gepeinigt und mit lächelndem Munde dabei gestanden haben, wenn eine schwarze Dienerin totgepeitscht wurde! Und hier haben wir einen Verbrecher, einen Mörder. Er soll sterben, so wie er es verdient hat. Ich will dabei sein, und das verurteilst du! Ist es wirklich unrecht von mir, daß ich so einen Menschen ruhig sterben sehen kann? Und wenn es ein Unrecht wäre, wer trägt die Schuld, daß die Roten ihre Augen an solche Dinge gewöhnt haben? Sind es nicht die Weißen, welche uns zwingen, ihre Grausamkeiten mit Härte zu vergelten?«

   »Ich glaube nicht, daß ein weißer Richter einen gefangenen Indianer zum Marterpfahle verurteilen wird.«

   »Richter! Zürne mir nicht, wenn ich das Wort sage, welches ich so oft von Hawkens gehört habe: Greenhorn! Du kennst den Westen nicht. Wo gibt es hier Richter, nämlich das, was du mit diesem Worte meinst? Der Stärkere ist der Richter, und der Schwache wird gerichtet. Laß dir erzählen, was an den Lagerfeuern der Weißen geschehen ist! Sind die unzähligen Indianer, welche im Kampfe gegen die weißen Eindringlinge untergingen, alle schnell an einer Kugel, an einem Messerstiche gestorben? Wie viele von ihnen wurden zu Tode gemartert! Und doch hatten sie nichts getan als ihre Rechte verteidigt! Und nun bei uns ein Mörder sterben soll, der seine Strafe verdient hat, soll ich meine Augen davon abwenden, weil ich eine Squaw, ein Mädchen bin? Ja, einst waren wir anders; aber ihr habt uns gelehrt, Blut fließen zu sehen, ohne daß wir mit der Wimper zucken. Ich werde gehen, um dabei zu sein, wenn der Mörder Klekih-petras seine Strafe erleidet!«

   Ich hatte die schöne, junge Indianerin als ein sanftes, stilles Wesen kennen gelernt; jetzt stand sie vor mir mit blitzen-


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den [blitzenden] Augen und glühenden Wangen, das lebende Bild einer Rachegöttin, die kein Erbarmen kennt. Fast wollte sie mir da noch schöner als vorher vorkommen. Durfte ich sie verurteilen? Hatte sie unrecht?

   »So geh,« sagte ich; »aber ich gehe mit.«

   »Bleib lieber hier!« bat sie, wieder in einem ganz andern Tone sprechend. »Intschu tschuna und Winnetou sehen es nicht gern, wenn du mitkommst.«

   »Werden sie mir zürnen?«

   »Nein. Sie wünschen es nicht, werden es dir aber nicht verbieten; du bist unser Bruder.«

   »So gehe ich mit, und sie werden es verzeihen.«

   Als ich mit ihr hinaus auf die Plattform trat, stand Sam Hawkens da. Er rauchte aus seiner alten, kurzen Savannenpfeife, denn er hatte auch Tabak erhalten.

   »Ist jetzt eine andere Sache, Sir,« sagte er schmunzelnd. »Bis vorhin Gefangene gewesen und jetzt die großen Herren spielen; das ist ein Unterschied. Wie geht es Euch unter den neuen Verhältnissen?«

   »Danke, gut,« antwortete ich.

   »Mir auch ausgezeichnet. Der Häuptling hat uns selbst bedient. Das ist doch fein, wenn ich mich nicht irre!«

   »Wo ist Intschu tschuna jetzt?«

   »Fort, wieder nach dem Flusse.«

   »Wißt Ihr, was jetzt dort geschieht?«

   »Kann es mir denken.«

   »Nun, was?«

   »Zärtlicher Abschied von den lieben Kiowas.«

   »Das weniger.«

   »Was denn sonst?«

   »Rattler wird gemartert.«

   »Rattler wird gemartert? Und da führt man uns hierher? Da muß ich auch dabei sein! Kommt, Sir! Wir wollen schnell hinab!«

   »Langsam! Könnt Ihr denn solche Szenen ersehen, ohne daß Euch der Schauder forttreibt?«

   »Ersehen? Schauder? Was Ihr doch für ein Greenhorn seid, geliebter Sir! Wenn Ihr Euch erst länger hier im Westen


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befindet, so werdet Ihr auch nicht mehr ans Schaudern denken. Der Kerl hat den Tod verdient und wird auf indianische Weise hingerichtet; das ist alles!«

   »Aber es ist Grausamkeit.«

   »Pshaw! Redet doch bei so einem Subjekte nicht von Grausamkeit! Sterben muß er doch! Oder seid Ihr etwa auch damit nicht einverstanden?«

   »O ja. Aber sie mögen es kurz mit ihm machen! Er ist ein Mensch!«

   »Ein solcher Mann, der einen Andern, welcher ihm nicht das Mindeste getan hat, niederschießt, der ist kein Mensch mehr. Er war betrunken wie ein Vieh.«

   »Das ist doch ein Milderungsgrund. Er wußte nicht mehr, was er tat.«

   »Laßt Euch nicht auslachen! Ja, da drüben bei Euch im alten Lande, da sitzen die Herren Juristen zu Gericht und rechnen einem Jeden, dem es beliebt, in der Betrunkenheit ein Verbrechen zu begehen, den Schnaps als Milderungsgrund an. Verschärfen sollten sie die Strafe, Sir, verschärfen! Wer sich so sinnlos betrinkt, daß er wie ein wildes Tier über seinen Nebenmenschen herfällt, der sollte doch doppelt bestraft werden. Ich habe nicht das geringste Mitleid mit diesem Rattler. Denkt doch daran, wie er Euch behandelt hat!«

   »Ich denke daran, aber ich bin ein Christ und kein Indianer. Ich werde alles versuchen, einen kurzen Tod für ihn zu erreichen.«

   »Das laßt bleiben, Sir! Erstens verdient er es nicht, und zweitens wird alle Eure Mühe vergeblich sein. Klekih-petra ist der Lehrer, der geistige Vater des Stammes gewesen; sein Tod ist ein unersetzlicher Verlust für die Apachen, und der Mord geschah ohne alle Veranlassung. Aus diesen Gründen ist es gewiß unmöglich, die Roten zur Nachsicht zu bewegen.«

   »Ich versuche es doch!«

   »Aber vergeblich!«

   »In diesem Falle schieße ich Rattlern eine Kugel in das Herz.«

   »Um seine Qualen zu beenden? Das laßt ums Himmels willen sein! Ihr würdet Euch dadurch den ganzen Stamm


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zum Feinde machen. Es ist sein gutes Recht, die Art der Strafe zu bestimmen, und wenn Ihr ihn um dieses bringt, so ist es mit der jungen Freundschaft, welche wir geschlossen haben, sofort wieder aus. Also geht Ihr mit?«

   »Ja.«

   »Schön; aber macht ja keine Dummheiten! Ich will Dick und Will rufen.«

   Er verschwand im Eingange zu seiner Wohnung und kehrte bald mit den beiden Genannten zurück. Wir stiegen die Etagen hinab. Nscho-tschi war uns vorangegangen und nicht mehr zu sehen. Als wir aus den [dem] Seitentale in das Haupttal des Rio Pecos kamen, sahen wir die Kiowas nicht mehr. Sie waren mit ihrem verwundeten Häuptling fortgeritten, und Intschu tschuna war so klug und umsichtig gewesen, ihnen heimlich Späher nachzusenden, da es ihnen einfallen konnte, unbemerkt zurückzukehren, um sich zu rächen.

   Ich habe schon gesagt, daß unser Ochsenwagen auf dem Platze stand. Als wir kamen, hatten die Apachen einen weiten Kreis um denselben gebildet. In der Mitte desselben standen die beiden Häuptlinge mit einigen Kriegern. Nscho-tschi war bei ihnen und sprach mit Winnetou. Obgleich sie die Tochter des Häuptlings war, durfte sie sich nicht in die Angelegenheiten der Männer mischen; wenn sie sich trotzdem jetzt nicht bei den Frauen befand, so war es gewiß nichts Unwichtiges, was sie ihrem Bruder zu sagen hatte. Als sie uns kommen sah, machte sie ihn, wie ich bemerkte, auf uns aufmerksam und zog sich dann zu den Squaws zurück. Sie hatte also wohl von uns mit ihm gesprochen. Winnetou durchbrach den Kreis seiner Krieger, kam uns entgegen und sagte in ernstem Tone:

   »Warum sind meine weißen Brüder nicht oben im Pueblo geblieben? Gefallen ihnen die Wohnungen nicht, in welche sie geführt worden sind?«

   »Sie gefallen uns,« antwortete ich, »und wir danken unsrem roten Bruder für die Fürsorge, die er für uns getroffen hat. Wir kehren zurück, weil wir hörten, daß Rattler jetzt sterben soll. Ist dies so?«

   »Ja.«

   »Ich sehe ihn doch nicht!«


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   »Er liegt im Wagen bei der Leiche des Ermordeten.«

   »Welche Todesart soll er erleiden?«

   »Den Martertod.«

   »Ist dies unvermeidlich beschlossen worden?«

   »Ja.«

   »Einen solchen Tod kann mein Auge nicht ersehen!«

   »Deshalb hat Intschu tschuna, mein Vater, euch nach dem Pueblo gebracht. Warum seid ihr zurückgekehrt? Warum willst du etwas ansehen, was du nicht ersehen kannst?«

   »Ich hoffe, daß ich seinem Tode beiwohnen kann, ohne daß ich mich mit Grauen abzuwenden brauche. Meine Religion gebietet mir, für Rattler zu bitten.«

   »Deine Religion? War sie nicht auch die seinige?«

   »Ja.«

   »Hat er nach den Geboten derselben gehandelt?«

   »Leider nein.«

   »So hast du nicht nötig, ihre Gebote seinetwegen zu erfüllen. Deine und seine Religion verbietet den Mord; er hat trotzdem gemordet, folglich sind die Lehren dieser Religion nicht auf ihn anzuwenden.«

   »Nach dem, was er getan hat, kann ich mich nicht richten. Ich muß meine Pflicht erfüllen, ohne nach den Gesinnungen und Taten anderer Menschen zu fragen. Ich bitte dich, eure Strenge zu mildern und diesen Mann eines schnellen Todes sterben zu lassen!«

   »Was beschlossen ist, muß ausgeführt werden!«

   »Unbedingt?«

   »Ja.«

   »So gibt es also kein Mittel, meinen Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen?«

   Er blickte sehr ernst und nachdenklich zu Boden; dann antwortete er:

   »Es gibt eines.«

   »Welches?«

   »Ehe ich es meinem weißen Bruder sage, muß ich ihn bitten, es lieber nicht in Anwendung zu bringen, weil dir dies bei unsern Kriegern sehr, sehr schaden würde.«

   »Inwiefern?«


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   »Sie würden dich nicht so achten können, wie ich es um deinetwillen wünsche.«

   »So ist dieses Mittel ein ehrloses, ein verächtliches?«

   »Nach den Begriffen der roten Männer, ja.«

   »Sage es mir!«

   »Du müßtest unsere Dankbarkeit anrufen.«

   »Ah! Das tut allerdings kein braver Mann!«

   »Nein. Wir haben dir unser Leben zu verdanken. Wolltest du dich darauf berufen, so würdest du mich und Intschu tschuna, meinen Vater, zwingen, uns deines Wunsches anzunehmen.«

   »In welcher Weise?«

   »Wir würden eine neue Beratung halten und während derselben so für dich sprechen, daß unsere Krieger den Dank, den du forderst, anerkennen müßten. Dann aber würde alles, was du getan hast, ferner wertlos sein. Ist dieser Rattler ein solches Opfer wert?«

   »Allerdings nicht!«

   »Mein Bruder hört, daß ich aufrichtig mit ihm rede. Ich weiß, welche Gedanken und Gefühle in seinem Herzen wohnen; aber meine Krieger können solche Empfindungen nicht begreifen. Ein Mann, welcher Dank fordert, wird von ihnen verachtet. Soll Old Shatterhand, welcher der größte und berühmteste Krieger der Apachen werden kann, heute von uns fortgehen müssen, weil meine Krieger vor ihm ausspucken werden?«

   Es wurde mir schwer, hierauf eine Antwort zu geben. Mein Herz gebot mir, bei meiner Fürbitte zu bleiben; mein Verstand, oder besser gesagt, mein Stolz war dagegen. Winnetou fühlte Teilnahme für den Zwiespalt in meinem Innern und sagte:

   »Ich werde mit Intschu tschuna, meinem Vater, sprechen. Mein Bruder mag hier warten!«

   Er ging.

   »Macht keine Dummheiten, Sir!« bat Sam. »Ihr ahnt gar nicht, was hierbei auf dem Spiele steht, vielleicht gar das Leben.«

   »Das jedenfalls nicht!«

   »O doch! Es ist wahr: der Rote verachtet einen Jeden,


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welcher direkt Dank von ihm fordert, ihn an das mahnt, was er ihm schuldet. Er tut dann wohl das, was man von ihm fordert, aber nachher kennt er den Betreffenden nicht mehr. Wir müßten wirklich heut noch fort und haben die feindlichen Kiowas vor uns. Was das bedeutet, das muß ich Euch doch wohl nicht erst sagen.«

   Intschu tschuna und Winnetou sprachen eine Weile sehr ernst miteinander; dann kamen sie zu uns herbei, und der Erstere sagte:

   »Hätte Klekih-petra uns nicht so viel von eurem Glauben gesagt, so würde ich dich für einen Mann halten, mit dem zu sprechen eine Schande ist. So aber kann ich deinen Wunsch sehr wohl begreifen, doch meine Krieger würden es nicht verstehen und dich verachten.«

   »Es handelt sich nicht nur um mich, sondern auch um Klekih-petra, von dem du redest.«

   »Wieso um ihn?«

   »Er besaß denselben Glauben, der mir meine Bitte gebietet, und ist in diesem Glauben gestorben. Seine Religion gebot ihm, dem Feinde zu verzeihen. Glaube mir, wenn er noch lebte, so würde er es nicht zugeben, daß sein Mörder eines solchen Todes sterbe.«

   »Denkst du das wirklich?«

   »Ja, ich bin davon überzeugt.«

   Er schüttelte langsam den Kopf und sagte:

   »Was sind diese Christen doch für Menschen! Entweder sind sie schlecht, und dann ist ihre Schlechtigkeit so groß, daß man sie nicht zu begreifen vermag. Oder sie sind gut, und dann ist ihre Güte ebenso unbegreiflich!«

   Hierauf sah er seinem Sohne und dieser wieder ihm in die Augen. Sie verstanden sich; sie hielten Zwiesprache miteinander nur durch diese Blicke. Dann wendete sich Intschu tschuna wieder mir zu, indem er fragte:

   »Dieser Mörder war auch dein Feind?«

   »Ja.«

   »Hast du ihm verziehen?«

   »Ja.«

   »So höre, was ich dir sage! Wir wollen erfahren, ob


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noch eine kleine, kleine Spur des Guten in ihm wohnt. Ist dies der Fall, so werde ich versuchen, dir deinen Wunsch zu erfüllen, ohne daß es dir Schaden macht. Setzt euch hier nieder und wartet, was geschieht. Wenn ich dir einen Wink gebe, so kommst du zu dem Mörder und forderst von ihm, daß er dich um Verzeihung bitte. Tut er dies, so soll er schnell sterben.«

   »Darf ich ihm dies sagen?«

   »Ja.«

   Intschu tschuna kehrte mit Winnetou wieder in den Kreis zurück, und wir setzten uns da nieder, wo wir jetzt gestanden hatten.

   »Das hätte ich nicht gedacht,« meinte Sam, »daß der Häuptling doch auf Euren Wunsch eingeht. Ihr müßt sehr gut bei ihm stehen.«

   »Das tut es nicht; der Grund ist ein anderer.«

   »Welcher?«

   »Es ist der Einfluß Klekih-petras, der sich selbst nach seinem Tode geltend macht. Diese Roten haben vom wahren, innern Christentume mehr in sich aufgenommen, als sie ahnen. Ich bin sehr neugierig, was nun geschieht.«

   »Werdet es gleich sehen. Paßt nur auf!«

   Jetzt wurde die Plahe von dem Wagen entfernt. Wir sahen, daß man einen langen, kofferähnlichen Gegenstand, auf welchem ein Mensch festgebunden war, herabnahm.

   »Das ist der Sarg,« meinte Sam Hawkens; »aus hohlgebrannten Baumklötzen zusammengesetzt und mit naßgemachten Fellen überzogen. Wenn das Leder trocken wird, zieht es sich zusammen, und der Sarg wird dadurch luftdicht verschlossen.«

   Unfern von der Stelle, wo das Seiten- auf das Haupttal stieß, erhob sich ein Felsen, an welchem aus großen Steinen ein vorn offenes Viereck zusammengesetzt worden war. Daneben lagen noch viele Steine, welche hier zusammengetragen worden waren. Nach diesem Steinvierecke wurde der Sarg mitsamt dem Manne, der mit ihm zusammengebunden war, getragen. Dieser Mann war Rattler.

   »Wißt Ihr, warum man dort die Steine zusammengeschafft hat?« fragte Sam.

   »Ich denke es mir.«


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   »Nun, wozu?«

   »Man will das Grab daraus bauen.«

   »Richtig! Ein Doppelgrab.«

   »Für Rattler mit?«

   »Ja. Der Mörder wird mit seinem Opfer begraben, was eigentlich nach jedem Morde geschehen sollte, wenn es möglich wäre.«

   »Schrecklich! Lebendig an den Sarg des Ermordeten gefesselt zu sein und dabei zu wissen, daß dies zugleich die eigene letzte Lagerstätte ist!«

   »Ich glaube gar, Ihr bedauert den Menschen wirklich! Daß Ihr für ihn gebettelt habt, das kann ich noch begreifen, aber Mitleid mit ihm zu haben, das verstehe ich wirklich nicht.«

   Jetzt wurde der Sarg aufgerichtet, so daß Rattler auf seine Füße zu stehen kam. Man band beide, den Sarg und den Menschen, mit starken Riemen an die Steinmauer fest. Die Roten, Männer, Frauen und Kinder, näherten sich der Stelle und bildeten einen Halbkreis um dieselbe. Es herrschte tiefe, erwartungsvolle Stille. Winnetou und Intschu tschuna standen neben dem Sarge, der Eine rechts und der Andere links davon. Da erhob der Häuptling seine Stimme:

   »Die Krieger der Apachen sind hier versammelt, Gericht zu halten, denn es hat das Volk der Apachen ein großer, schwerer Verlust betroffen, den der Schuldige mit seinem Leben bezahlen soll.«

   Intschu tschuna sprach weiter, indem er in der indianischen, bilderreichen Weise von Klekih-petra, seinem Charakter und seinem Wirken redete und dann ausführlich erzählte, in welcher Weise sich die Ermordung ereignet hatte. Er berichtete über die Gefangennahme Rattlers und machte zum Schlusse bekannt, daß dieser jetzt zu Tode gemartert und dann grad so, wie er an den Sarg gebunden war, mit dem Toten begraben werden solle. Hierauf sah er zu mir herüber und gab mir den erwarteten Wink.

   Wir standen auf und wurden, als wir hinkamen, in den Halbkreis aufgenommen. Vorhin hatte ich wegen der Entfernung den Verurteilten nicht deutlich sehen können; jetzt stand


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ich vor ihm und fühlte, so schlecht und gottlos er gewesen war, doch ein tiefes Mitleid mit diesem Menschen.

   Der auf das Fußende gestellte Sarg war über doppelt mannesstark und über vier Ellen lang. Er sah aus, als habe man von einem dicken Baumstamm einen Klotz abgesägt und diesen mit Leder überzogen. Rattler war in der Weise mit dem Rücken auf diesen Sarg befestigt, daß seine Arme nach hinten lagen und seine Füße jetzt auseinander standen. Man sah ihm an, daß er weder Hunger noch Durst zu leiden gehabt hatte. Ein Knebel verschloß ihm den Mund; er hatte also jetzt nicht sprechen können. Auch sein Kopf war so befestigt, daß er denselben nicht bewegen konnte. Als ich kam, nahm Intschu tschuna ihm den Knebel aus dem Mund und sagte zu mir:

   »Mein weißer Bruder hat mit diesem Mörder reden wollen. Es mag geschehen!«

   Rattler sah, daß ich frei war; ich mußte mich also mit den Indianern befreundet haben; das konnte er sich sagen. Darum hatte ich geglaubt, er werde mich bitten, bei ihnen ein gutes Wort für ihn einzulegen. Statt dessen aber fuhr er, sobald der Knebel entfernt worden war, mich giftig an:

   »Was wollt Ihr von mir? Packt Euch fort; ich mag nichts mit Euch zu schaffen haben!«

   »Ihr habt gehört, daß Ihr zum Tode verurteilt worden seid, Mr. Rattler,« antwortete ich ruhig. »Daran ist nichts zu ändern. Sterben müßt Ihr unbedingt. Aber ich will Euch – – –«

   »Fort, Hund, fort!« unterbrach er mich, wobei er mich anspucken wollte, mich aber nicht traf, weil er den Kopf nicht bewegen konnte.

   »Also sterben müßt Ihr,« fuhr ich unbeirrt fort, »doch in welcher Weise, das soll auf Euch ankommen. Ihr sollt zu Tode gemartert werden; das heißt, man wird Euch lange, lange quälen, vielleicht heut, vielleicht auch noch morgen den ganzen Tag. Das ist entsetzlich, und ich mag es nicht haben. Auf meine Bitte hat sich Intschu tschuna bereit erklärt, Euch schnell sterben zu lassen, falls Ihr die Bedingung erfüllt, welche er daran knüpfte.«


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   Ich hielt inne, denn ich dachte, daß er mich nach dieser Bedingung fragen werde. Statt dessen aber warf er mir einen so schrecklichen Fluch zu, daß es ganz unmöglich ist, denselben wiederzugeben.

   »Diese Bedingung ist, daß Ihr mich um Verzeihung bitten sollt,« erklärte ich weiter.

   »Um Verzeihung? Dich um Verzeihung bitten?« schrie er. »Lieber beiße ich mir die Zunge ab und erleide alle Qualen, die sich diese roten Schufte ausdenken können!«

   »Wohlgemerkt, Mr. Rattler, ich bin es nicht, der diese Bedingung gestellt hat, denn ich brauche Eure Bitte nicht. Intschu tschuna hat es so gewollt, und da ich es Euch sagen sollte, so will ich dies hiermit getan haben. Bedenkt, in welcher Lage Ihr Euch befindet, und was Euch droht! Es steht Euch Schreckliches bevor, eine ganz entsetzliche Todesart, welcher Ihr dadurch entgehen könnt, daß Ihr nur das eine, kleine Wort "Pardon" aussprecht.«

   »Fällt mir nicht ein, nie, nie! Macht Euch fort von hier! Ich mag Euer schurkisches Gesicht nicht sehen. Geht zum Teufel und meinetwegen auch noch weiter!«

   »Wenn ich Euch den Willen tue und fortgehe, ist's für Euch zu spät; ich komme dann nicht wieder. Also seid verständig, und sagt das kleine Wort!«

   »Nein, nein und nein!« brüllte er.

   »Ich bitte Euch darum!«

   »Fort, fort, sage ich! Himmel und Hölle, warum bin ich angebunden! Hätte ich die Hände frei, so wollte ich Euch den Weg zeigen!«

   »Well, Ihr sollt Euren Willen haben, aber ich sage Euch, daß ich nicht wiederkommen werde, wenn Ihr mich nachher ruft.«

   »Ich dich rufen? Dich, dich? Das bilde dir ja nicht ein! Packe dich fort, sage ich, packe dich!«

   »Ich will gehen. Vorher aber noch Eins: Habt Ihr noch einen Wunsch? Ich will ihn Euch erfüllen. Einen Gruß an irgend Jemand? Habt Ihr Verwandte, denen ich vielleicht Nachricht bringen kann?«

   »Geh in die Hölle, und sag dort, daß du ein verdammter


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Schurke bist! Du hast mit diesen Roten gemeinschaftliche Sache gemacht und mich in ihre Gewalt gebracht. Dafür mag – –«

   »Ihr irrt,« unterbrach ich ihn. »Also Ihr habt keinen Wunsch vor Eurem Tode?«

   »Nur den einen, daß Ihr mir bald nachfolgen mögt, nur diesen einen!«

   »Gut, so sind wir fertig, und ich habe nichts mehr zu tun, als Euch als Christ den Rat zu geben: Fahrt nicht in Euern Sünden dahin, sondern denkt an Eure Taten und an die Vergeltung, die Euch jenseits erwartet!«

   Was er hierauf antwortete, kann ich wieder nicht sagen; es überlief mich eiseskalt bei seinen Worten. Intschu tschuna nahm mich bei der Hand und führte mich fort, indem er sagte:

   »Mein junger, weißer Bruder sieht, daß dieser Mörder keine Fürbitte verdient; er ist ein Christ. Ihr nennt uns Heiden; aber würde ein roter Krieger solche Worte sprechen?«

   Ich antwortete ihm nicht, denn was hätte ich auch sagen können oder sollen? Dieses Verhalten Rattlers hatte ich nicht erwartet. Er hatte sich früher so feig, so furchtsam gezeigt und wirklich gezittert, als von den Marterpfählen der Indianer die Rede gewesen war. Und nun, heute tat er so, als ob er sich aus allen Qualen der Welt gar nichts mache!

   »Das ist nicht etwa Mut von ihm,« sagte Sam, »sondern Wut, nichts als Wut.«

   »Worüber?«

   »Ueber Euch, Sir. Er denkt, Ihr seid schuld, daß er in die Hände der Roten gefallen ist. Er hat Euch seit dem Tage, an welchem wir gefangen genommen wurden, nicht erblickt; jetzt sieht er Euch und uns frei; die Roten sind freundlich gegen uns, während er sterben soll. Das ist für ihn natürlich Grund genug, anzunehmen, daß wir falsche Karte gespielt haben. Aber laßt nur die Qualen beginnen, so wird er ganz anders pfeifen. Paßt auf, ich habe es gesagt, wenn ich mich nicht irre!«

   Die Apachen ließen uns nicht lange auf den Beginn des traurigen Spieles warten. Ich hatte eigentlich die Absicht, mich zu entfernen; aber ich hatte so Etwas noch nicht gesehen und beschloß also, so lange zu bleiben, bis es mir nicht mehr möglich sei, länger zuzusehen.


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   Die Zuschauer setzten sich nieder. Mehrere junge Krieger traten, mit den Messern in den Händen, vor und stellten sich ungefähr fünfzehn Schritte von Rattler auf. Sie warfen ihre Messer nach ihm, hüteten sich aber, ihn zu treffen, sondern die Klingen fuhren alle in den Sarg, auf den er gebunden war. Das erste Messer stak links und das zweite rechts von seinem Fuße, aber so nahe an demselben, daß fast gar kein Zwischenraum vorhanden war. Die beiden nächsten Messer wurden weiter aufwärts gezielt, und so ging es fort, bis seine beiden Beine von vier Messerreihen eng eingesäumt waren.

   Bis jetzt hatte er sich leidlich gehalten. Nun aber schwirrten die Messer höher und immer höher auf ihn zu, denn es galt, die Umrisse seines Körpers mit denselben zu spicken. Da bekam er Angst. Sobald ein Messer auf ihn zugeflogen kam, stieß er einen Angstschrei aus. Und diese Schreie wurden um so lauter und schriller, je höher die Indianer ihr Ziel nahmen.

   Als dann der Oberkörper auch zwischen lauter Messern steckte, kam der Kopf daran. Das erste Messer fuhr rechts neben seinem Halse in den Sarg, das zweite links; so ging es hüben und drüben am Gesichte bis zum Scheitel empor, bis keine Klinge mehr Platz finden konnte. Dann wurden die Messer alle wieder herausgezogen. Es war das nur ein Vorspiel gewesen, ausgeführt von jungen Leuten, welche zeigen sollten, daß sie gelernt hatten, ruhig zu zielen und sicher zu werfen. Sie suchten ihre Plätze auf und setzten sich nieder.

   Hierauf bestimmte Intschu tschuna ältere Leute, welche auf dreißig Schritte Entfernung werfen sollten. Als der Erste dazu bereit war, trat der Häuptling zu Rattler heran, zeigte auf seinen rechten Oberarm und gebot:

   »Hierher treffen.«

   Das Messer kam geflogen, traf ganz genau den bezeichneten Punkt und fuhr durch den Muskel, diesen anspießend, in den Sargdeckel. Das war Ernst. Rattler fühlte den Schmerz und stieß ein Geheul aus, als ob es ihm bereits an das Leben gehe. Das zweite Messer fuhr durch denselben Muskel des andern Armes, und das Geheul verdoppelte sich. Der dritte und vierte Wurf waren nach dem Oberschenkel gerichtet und trafen auch dort ganz genau die Stellen, welche der Häuptling


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jedesmal vorher bezeichnete. Man sah kein Blut fließen, da Rattler nicht entkleidet war und die Indianer für jetzt nur solche Stellen treffen durften, wo die Verwundung keine Gefahr und also keine Verkürzung des Schauspieles mit sich brachte.

   Vielleicht hatte Rattler geglaubt, daß man es gar nicht so ernst mit seinem Tode meine; jetzt mußte er einsehen, daß dies eine falsche Ansicht gewesen war. Er bekam noch Messer in die Vorderarme und in die Unterschenkel. Hatte er vorher nur einzelne Schreie ausgestoßen, so heulte er jetzt in Einem fort.

   Die Zuschauer murrten, zischten und gaben in vielfältig anderer Weise ihre Mißachtung zu erkennen. Ein Indianer am Marterpfahle benimmt sich da ganz anders. Sobald das Schauspiel, welches mit seinem Tode endigen soll, beginnt, stimmt er seinen Sterbegesang an, in welchem er seine Taten preist und diejenigen, die ihn martern, verhöhnt. Je größere Schmerzen man ihm zufügt, desto größer sind die Beleidigungen, die er ihnen zuwirft; nie aber wird er eine Klage ausstoßen, einen Schmerzensschrei hören lassen. Ist er dann tot, verkündigen seine Feinde seinen Ruhm und begraben ihn mit allen indianischen Ehren. Es ist ja dann auch für sie eine Ehre gewesen, zu einem so ruhmvollen Tode beizutragen.

   Anders ist es bei einem Feiglinge, welcher bei der geringsten Verwundung schreit und brüllt und wohl gar um Gnade bittet. Diesen zu martern, ist keine Ehre, sondern beinahe eine Schande; darum findet sich schließlich kein wackerer Krieger mehr, der sich ferner mit ihm beschäftigen will, und er wird erschlagen oder auf sonst eine ehrlose Weise vom Leben zum Tode gebracht.

   So ein Feigling war Rattler. Seine Verwundungen waren gering und noch nicht gefährlich; sie mochten ihm zwar einige Schmerzen bereiten, aber von Qualen war noch gar keine Rede. Dennoch heulte und zeterte er, als ob er alle Qualen der Hölle fühle, und brüllte dabei immerfort meinen Namen, mich auffordernd, zu ihm zu kommen. Da ließ Intschu tschuna eine Pause eintreten und forderte mich auf:

   »Mein junger, weißer Bruder mag zu ihm gehen und ihn


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fragen, warum er so schreit. Die Messer können ihm bis jetzt noch gar nicht wehe getan haben.«

   »Ja, kommt her, Sir, kommt her!« rief Rattler. »Ich muß mit Euch reden!«

   Ich ging hin und fragte:

   »Was wollt Ihr nun von mir?«

   »Zieht mir die Messer aus den Armen und Beinen!«

   »Das darf ich nicht.«

   »Aber ich muß doch daran sterben! Wer kann denn so viele Verwundungen aushalten?«

   »Sonderbar! Habt Ihr denn etwa geglaubt, daß Ihr leben bleiben sollt?«

   »Ihr lebt doch auch!«

   »Ich habe niemanden ermordet!«

   »Ich kann nicht dafür, daß ich es tat. Ihr wißt ja, daß ich betrunken war!«

   »Die Tat bleibt dieselbe. Ich habe Euch oft vor dem Branntwein gewarnt. Ihr hörtet nicht und habt nun die Folgen zu tragen.«

   »Ihr seid ein ganz harter und gefühlloser Mensch! So bittet doch für mich!«

   »Das habe ich getan. Sagt Pardon, so werdet Ihr schnell sterben und nicht langsam gequält werden.«

   »Schnell sterben! Ich will aber nicht sterben! Ich will leben, leben, leben!«

   »Das ist unmöglich.«

   »Unmöglich? Also gibt es keine Rettung?«

   »Nein.«

   »Keine Rettung – keine, keine, keine!«

   Er brüllte das aus vollem Halse hinaus und begann dann ein solches Wehklagen und Jammern, daß ich es nicht länger bei ihm aushalten konnte, sondern mich entfernte.

   »Bleibt doch, Sir, bleibt bei mir!« schrie er mir nach. »Sonst fangen sie wieder mit mir an!«

   Da fuhr ihn der Häuptling an:

   »Heule nicht länger, Hund! Du bist ein stinkender Coyote, den kein Krieger mit seiner Waffe mehr berühren mag.«

   Und sich an seine Leute wendend, fuhr er fort:


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   »Welcher von den Söhnen der tapferen Apachen will sich noch mit diesem Feiglinge abgeben?«

   Keiner antwortete.

   »Also niemand?«

   Wieder dasselbe Schweigen wie vorher.

   »Uff! Dieser Mörder ist nicht wert, von uns getötet zu werden. Er soll auch nicht mit Klekih-petra begraben werden. Wie könnte eine solche Kröte neben einem Schwane in den ewigen Jagdgründen erscheinen. Schneidet ihn los!«

   Er gab zwei kleinen Knaben einen Wink. Diese sprangen auf, liefen hin, zogen ihm die Messer aus den Gliedern und schnitten ihn von dem Sarge los.

   »Bindet ihm die Hände auf den Rücken!« befahl der Häuptling weiter.

   Die Knaben, die nicht älter als zehn Jahre waren, taten dies, und Rattler wagte nicht die geringste Bewegung des Widerstandes dabei. Welch eine Schande! Ich schämte mich fast, ein Weißer zu sein.

   »Führt ihn an den Fluß, und stoßt ihn in das Wasser!« lautete die nächste Weisung. »Wenn er das jenseitige Ufer glücklich erreicht, soll er frei sein.«

   Rattler stieß einen Jubelruf aus und ließ sich von den Knaben nach dem Flusse schaffen. Sie stießen ihn auch wirklich hinein, denn er besaß nicht einmal so viel Ehrgefühl, selbst hineinzuspringen. Er ging zunächst unter, kam aber bald wieder empor und bemühte sich, auf dem Rücken schwimmend vorwärts zu kommen. Das war gar nicht schwer, obwohl ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren. Der Mensch geht infolge seines geringen spezifischen Gewichtes im Wasser nicht ganz unter, und die Beine hatte er ja frei; er konnte sich mit ihrer Hilfe fortbewegen, was ihm auch ganz leidlich gelang.

   Sollte er das jenseitige Ufer erreichen dürfen? Das wünschte ich selbst gar nicht. Er hatte den Tod verdient. Ließ man ihn leben und entkommen, so machte man sich geradezu der Verbrechen schuldig, welche er in Zukunft begehen würde. Die beiden Knaben standen noch hart am Wasser und blickten ihm nach. Da gab ihnen Intschu tschuna den Befehl:

[Tafel Nr. 8: "Bd. VII. Das Grabmahl für Klekih-petra. (Zu S. 341.)"]


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   »Nehmt Flinten, und schießt ihn in den Kopf!«

   Sie liefen zu der Stelle, wo einige der Krieger ihre Gewehre hingelegt hatten, und nahmen sich jeder eins davon. Diese kleinen Kerls wußten ganz wohl, wie man eine solche Waffe zu handhaben hat. Sie knieten am Ufer nieder und zielten auf Rattlers Kopf.

   »Nicht schießen, um Gottes willen, nicht schießen!« schrie er voller Entsetzen.

   Die Knaben sprachen einige Worte mit einander; sie behandelten den Vorfall als kleine Sportsmen, indem sie ihn weiter und immer weiter schwimmen ließen, was ihnen der

   [Illustration Nr. 15: Rattler's Exekution]

Häuptling stillschweigend zuließ. Ich ersah daraus, daß er gar wohl wußte, ob sie schießen konnten oder nicht. Dann stießen sie mit ihren hellen Kinderstimmen einen auffordernden Schrei aus und schossen ihre Gewehre ab. Rattler wurde in den Kopf getroffen und verschwand augenblicklich unter dem Wasser.

   Kein Jubelruf erscholl, wie es sonst Gewohnheit der Roten ist, bei dem Tode dieses ihres Feindes. Ein solcher Feigling war es nicht wert, daß man seinetwegen nur einen Laut hören ließ. Die Verachtung der Indianer war so groß, daß sie sich gar nicht um seine Leiche kümmerten; sie ließen ihn flußabwärts treiben, ohne ihm einen Blick nachzusenden. Er konnte ja auch nur verwundet anstatt erschossen worden sein; ja, er konnte nur so getan haben, als ob er getroffen worden sei,


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und, so wie ich, untergetaucht sein, um an einer andern, für sie unsichtbaren Stelle wieder auf der Oberfläche zu erscheinen. Sie hielten es aber gar nicht für der Mühe wert, sich weiter mit ihm zu beschäftigen.

   Intschu tschuna kam zu mir und fragte:

   »Ist mein junger, weißer Bruder jetzt mit mir zufrieden?«

   »Ja. Ich danke dir!«

   »Du hast keinen Grund zum Danke. Auch wenn ich deinen Wunsch nicht gekannt hätte, würde ich genau so gehandelt haben. Dieser Hund war gar nicht wert, den Martertod zu erleiden. Heut hast du den Unterschied zwischen uns Heiden und euch Christen, zwischen tapfern, roten Kriegern und weißen Feiglingen gesehen. Die Bleichgesichter sind zu allen bösen Taten fähig, aber wenn es gilt, Mut zu zeigen, dann heulen sie vor Angst wie Hunde, welche Schläge bekommen sollen.«

   »Der Häuptling der Apachen darf nicht vergessen, daß es überall tapfere und feige, gute und böse Menschen gibt!«

   »Du hast recht, und ich wollte dich nicht beleidigen; aber dann darf auch kein Volk denken, daß es besser als ein anderes sei, weil dieses nicht dieselbe Farbe hat.«

   Um ihn von diesem heiklen Gegenstand abzulenken, erkundigte ich mich:

   »Was werden die Krieger der Apachen jetzt nun tun? Klekih-petra begraben?«

   »Ja.«

   »Darf ich mit meinen Gefährten dabei sein?«

   »Ja. Wenn du nicht gefragt hättest, würde ich dich darum gebeten haben. Du hast damals mit Klekih-petra gesprochen, als wir fortgingen, um die Pferde zu holen. War es nur ein gewöhnliches Gespräch?«

   »Nein, sondern ein sehr ernstes, für ihn und auch für mich wichtiges. Darf ich euch sagen, wovon wir geredet haben?«

   Ich wendete jetzt die Mehrzahl an, weil Winnetou zu uns getreten war.

   »Sage es!« antwortete dieser.

   »Als ihr fort waret, setzten wir uns zueinander. Wir bemerkten bald, daß seine Heimat auch die meinige sei, und


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unterhielten uns in unserer Muttersprache. Er hatte viel erlebt und viel erduldet und erzählte es mir. Er sagte mir, wie lieb er euch habe und daß es sein Wunsch sei, für Winnetou sterben zu können. Der große Geist hat ihm diesen Wunsch nur wenige Minuten später erfüllt.«

   »Warum wollte er für mich sterben?«

   »Weil er dich liebte, und aus noch einem anderen Grunde, den ich dir später wohl mitteilen werde. Sein Tod sollte eine Sühne sein.«

   »Als er sterbend an meinem Herzen lag, redete er zu dir in einer Sprache, welche ich nicht verstand. Welche war es?«

   »Unsere Muttersprache.«

   »Sprach er da auch von mir?«

   »Ja.«

   »Was?«

   »Er bat mich, dir treu zu bleiben.«

   »Mir – treu – zu – – bleiben – –? Du kanntest mich doch noch gar nicht!«

   »Ich kannte dich, denn ich hatte dich gesehen, und wer Winnetou sieht, der weiß, wen er vor sich hat, und er hatte mir ja von dir erzählt!«

   »Was antwortetest du ihm?«

   »Ich versprach ihm, diesen Wunsch zu erfüllen.«

   »Es war sein letzter, den er im Leben hatte. Du bist sein Erbe geworden. Du hast ihm gelobt, mir treu zu sein, hast mich behütet, bewacht und geschont, während ich dich als meinen Feind verfolgte. Der Stich meines Messers wäre für jeden Andern tödlich gewesen, doch dein starker Körper hat ihn überwunden. Ich stehe in tiefer, tiefer Schuld bei dir. Sei mein Freund!«

   »Ich bin es längst.«

   »Mein Bruder!«

   »Von ganzem Herzen gern.«

   »So wollen wir den Bund am Grabe dessen schließen, der meine Seele der deinigen übergeben hat! Ein edles Bleichgesicht ist von uns gegangen und hat uns, noch im Verscheiden, ein anderes, ebenso edles zugeführt. Mein Blut soll dein Blut und dein Blut soll mein Blut sein! Ich werde das


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deinige und du wirst das meinige trinken. Intschu tschuna, der größte Häuptling der Apachen, der mein Vater und Erzeuger ist, wird es mir erlauben!«

   Intschu tschuna reichte uns seine Hände und sagte in einem von Herzen kommenden Tone:

   »Ich erlaube es. Ihr werdet nicht nur Brüder, sondern ein einziger Mann und Krieger mit zwei Körpern sein. Howgh!«

   Wir begaben uns nach der Stelle, wo das Grab errichtet werden sollte. Ich erkundigte mich nach dem Maße, der Bauart und der Höhe desselben und bat mir dann einige Tomahawks aus. Hierauf ging ich mit Sam, Dick Stone und Will Parker flußaufwärts in den Wald, wo wir uns passendes Holz aussuchten und mit Hilfe der Tomahawks aus demselben ein Kreuz zimmerten. Als wir mit demselben nach dem Lagerplatze zurückkehrten, hatten die Trauerfeierlichkeiten begonnen. Die Roten hatten sich um den Bau, der rasch fortgeschritten und beinahe beendet war, niedergelassen und sangen ihre eintönigen, ganz eigenartigen und tief ergreifenden Totenlieder. Der dumpfe, monotone Klang derselben wurde von Zeit zu Zeit von einem schrillen, spitzen Klageschrei übertönt, welcher wie ein rascher Blitz aus schweren, dichten Wolkenmassen emporschoß.

   Ein Dutzend Indianer waren unter Anleitung der beiden Häuptlinge an dem Baue beschäftigt, und zwischen ihnen und der klagenden Schar tanzte in grotesken, langsamen Bewegungen und Sprüngen eine sonderbar verhüllte und mit allerlei Insignien behangene Gestalt herum.

   »Wer ist das?« fragte ich. »Der Medizinmann?«

   »Ja,« antwortete Sam.

   »Indianische Gebräuche bei dem Begräbnisse eines Christen! Was sagt Ihr dazu, lieber Sam?«

   »Paßt Euch das nicht?«

   »Eigentlich nicht.«

   »Laßt es Euch ruhig gefallen, Sir! Sagt ja kein Wort dagegen! Ihr würdet die Apachen ganz fürchterlich beleidigen.«

   »Aber dieser Mummenschanz widerstrebt mir außerordentlich, mehr, als Ihr denkt!«


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   »Er ist gut gemeint. Meint Ihr vielleicht, daß er heidnisch sei?«

   »Natürlich!«

   »Unsinn! Diese braven, guten Leute glauben an einen großen Geist, zu dem der verstorbene Freund und Lehrer gegangen ist. Sie begehen die Abschieds-, die Todesfeier in ihrer Weise, und alles, was der Medizinmann dabei tut und vornimmt, ist von symbolischer Bedeutung. Laßt sie also ruhig gewähren! Sie werden uns auch nicht hindern, das Grabmal mit unserm Kreuze zu krönen.«

   Als wir dieses neben dem Sarge niederlegten, fragte Winnetou:

   »Soll dieses Zeichen des Christentums mit an die Steine kommen?«

   »Ja.«

   »Das ist recht. Ich hätte meinen Bruder Old Shatterhand gebeten, ein Kreuz zu machen, denn Klekih-petra hatte in seiner Wohnung eins und betete vor demselben. Darum wünschte ich, daß dieses Zeichen seines Glaubens auch an seinem Grabe wache. Welchen Platz soll es bekommen?«

   »Es soll oben aus dem Grabmale ragen.«

   »So wie bei den großen, hohen Häusern, in denen die Christen zum guten Geiste beten? Ich werde es so anbringen lassen, wie du es wünschest. Setzt euch nieder, und seht zu, ob wir es richtig machen!«

   Nach einiger Zeit war der Bau vollendet; er wurde von unserm Kreuze gekrönt und hatte vorn eine Oeffnung für den Sarg, der jetzt noch im Freien stand.

   Da kam Nscho-tschi. Sie war eben im Pueblo gewesen, um zwei aus Ton gebrannte Schalen zu holen, mit denen sie zum Flusse ging, um sie mit Wasser zu füllen. Als sie dies getan hatte, kam sie zu uns und stellte sie auf den Sarg, wozu, das sollte ich bald erfahren.

   Jetzt war alles für das Begräbnis vorbereitet. Intschu tschuna gab mit der Hand ein Zeichen, worauf die Klagegesänge verstummten. Der Medizinmann hockte sich auf die Erde nieder. Der Häuptling trat an den Sarg und sprach langsam und in feierlichem Tone:


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   »Die Sonne geht des Morgens im Osten auf und sinkt des Abends im Westen nieder, und das Jahr erwacht zur Frühlingszeit und geht im Winter wieder schlafen. So ist es auch mit dem Menschen. Ist es so?«

   »Howgh!« erschallte es dumpf rund umher.

   »Der Mensch geht auf wie die Sonne und sinkt wieder nieder in das Grab. Er kommt wie ein Frühling auf die Erde und legt sich wie der Winter zur Ruhe. Aber wenn die Sonne untergegangen ist, so erscheint sie am nächsten Morgen wieder, und wenn der Winter verstreicht, so ist der Frühling wieder da. Ist es so?«

   »Howgh!«

   »So hat uns Klekih-petra gelehrt. Der Mensch wird in das Grab gelegt, aber jenseits des Todes steht er auf wie ein neuer Tag und wie ein neuer Frühling, um im Lande des großen, guten Geistes weiter zu leben. Das hat uns Klekih-petra gesagt, und jetzt weiß er, ob er die Wahrheit gesprochen hat, denn er ist verschwunden wie der Tag und das Jahr, und seine Seele ging ein zur Wohnung der Verstorbenen, nach der er sich immer sehnte. Ist es so?«

   »Howgh!«

   »Sein Glaube war nicht der unserige, und der unserige war nicht der seinige. Wir lieben unsere Freunde und hassen unsere Feinde; er aber lehrte, daß man auch seine Feinde lieben solle, denn sie seien auch unsere Brüder. Das wollten wir nicht glauben; aber so oft wir ihm und seinen Worten gehorchten, hat es uns zum Nutzen und zur Freude gereicht. Vielleicht ist sein Glaube doch auch der unserige, nur daß wir ihn nicht so begreifen konnten, wie er wünschte, daß wir ihn verstehen sollten. Wir sagen, unsere Seelen gehen nach den ewigen Jagdgründen, und er behauptete, die seinige gehe ein zur ewigen Seligkeit. Oft denke ich, unsere Jagdgründe seien diese ewige Seligkeit. Ist es so?«

   »Howgh!«

   »Oft erzählte er uns von dem Erlöser, welcher gekommen sei, alle Menschen selig zu machen. Wir haben an die Wahrheit seiner Worte geglaubt, denn in seinem Munde hat es niemals eine Lüge gegeben. Dieser Erlöser ist für alle Menschen


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gekommen. Ist er auch schon bei den roten Männern gewesen? Wenn er käme, so würden wir ihn willkommen heißen, denn wir werden von den Bleichgesichtern unterdrückt und ausgerottet und sehnen uns nach ihm. Ist es so?«

   »Howgh!«

   »Das war seine Lehre. Nun spreche ich von seinem Ende. Es ist über ihn gekommen wie das Raubtier über seine Beute. Plötzlich und unerwartet war es da. Er war gesund und rüstig und stand an unserer Seite. Er sollte zu Pferde steigen und mit uns heimkehren; da traf ihn die Kugel eines Mörders. Meine Brüder und Schwestern mögen es beklagen!«

   Es erschallte ein dumpfes Wehegeschrei, welches immer stärker und heller wurde, bis es in einem durchdringenden Heulen endete. Dann fuhr der Häuptling fort:

   »Wir haben seinen Tod gerächt. Aber die Seele des Mörders ist ihm entgangen; sie kann ihn nicht jenseits des Grabes bedienen, denn sie war feig und wollte ihm nicht im Tode folgen. Der räudige Hund, dem sie gehörte, ist von Kindern erschossen worden, und seine Leiche schwimmt den Fluß hinab. Ist es so?«

   »Howgh!«

   »Nun ist er fort von uns; aber sein Körper ist uns geblieben, damit wir ihm ein Denkmal setzen, an welchem wir und unsere Nachkommen uns und sich erinnern können an den guten, weißen Vater, der unser Lehrer war und den wir lieb gehabt haben. Er war nicht in diesem Lande geboren, sondern er kam aus einem fernen Reiche, welches jenseits des großen Wassers liegt und welches man daran erkennt, daß dort die Eichen wachsen. Darum haben wir ihm zu Liebe und ihm zu Ehren Eicheln geholt, um sie um sein Grab zu säen. So wie sie keimen und aus der Erde wachsen, so wird seine Seele aus dem Grabe erwachen und jenseits desselben groß werden. Und so wie diese Eichen wachsen, so werden die Worte, die wir von ihm gehört haben, sich in unsern Herzen ausbreiten, daß unsere Seelen unter ihnen Schatten finden können. Er hat stets an uns gedacht und für uns gesorgt. Er ist auch nicht von uns gegangen, ohne uns ein Bleichgesicht zu senden, welches an seiner Stelle unser Freund und Bruder werden soll. Hier seht ihr


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Old Shatterhand, den weißen Mann, welcher aus demselben Lande stammt, aus welchem Klekih-petra zu uns kam. Er weiß alles, was dieser wußte, und ist ein noch stärkerer Krieger als er. Er hat den Grizzlybären mit dem Messer erstochen und schlägt jeden Feind mit seiner Faust zu Boden. Intschu tschuna und Winnetou waren wiederholt in seine Hand gegeben; aber er hat uns nicht getötet, sondern uns das Leben gelassen, weil er uns liebt und ein Freund der roten Männer ist. Ist es so?«

   »Howgh!«

   »Es ist Klekih-petras letztes Wort und letzter Wille gewesen, daß Old Shatterhand sein Nachfolger bei den Kriegern der Apachen sein möge, und Old Shatterhand hat ihm versprochen, diesen Wunsch zu erfüllen. Darum soll er in den Stamm der Apachen aufgenommen werden und als Häuptling gelten. Es soll so sein, als ob er rote Farbe hätte und bei uns geboren wäre. Damit dies bekräftigt werde, müßte er mit jedem erwachsenen Krieger der Apachen das Calumet rauchen; aber dies ist nicht nötig, denn er wird das Blut Winnetous trinken, und dieser wird das seinige genießen; dann ist er Blut von unserm Blute und Fleisch von unserm Fleische. Sind die Krieger der Apachen damit einverstanden?«

   »Howgh, howgh, howgh!« lautete dreimal die freudige Antwort aller Anwesenden.

   »So mögen Old Shatterhand und Winnetou herbei zum Sarge treten und ihr Blut in das Wasser der Brüderschaft tropfen lassen!«

   Also eine Blutsbruderschaft, eine richtige, wirkliche Blutsbruderschaft, von der ich so oft gelesen hatte! Sie kommt bei vielen wilden oder halbwilden Völkerschaften vor und wird dadurch geschlossen, daß die beiden Betreffenden entweder Blut von sich mischen und dann trinken oder daß das Blut des Einen von dem Andern und so auch umgekehrt getrunken wird. Die Folge davon ist, daß diese Beiden dann fester, inniger und uneigennütziger zusammenhalten, als wenn sie von Geburt Brüder wären.

   Hier war es so, daß ich Winnetous Blut und er das meinige trinken sollte. Wir stellten uns zu beiden Seiten des


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Sarges auf, und Intschu tschuna entblößte den Vorderarm seines Sohnes, um ihn mit dem Messer zu ritzen. Es quollen aus dem kleinen, unbedeutenden Schnitte einige Blutstropfen, welche der Häuptling in die eine Wasserschale fallen ließ. Dann nahm er mit mir dieselbe Prozedur vor, bei welcher einige Tropfen in die andere Schale fielen. Winnetou bekam die Schale mit meinem Blute und ich die mit dem seinigen in die Hand; dann sagte Intschu tschuna:

   »Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, daß sie eine einzige Seele bilden. Was Old Shatterhand dann denkt, das sei auch Winnetous Gedanke, und was Winnetou will, das sei auch der Wille Old Shatterhands. Trinkt!«

   Ich leerte meine Schale und Winnetou die seinige. Es war Rio Pecos-Wasser mit einigen Blutstropfen, die man nicht schmeckte. Darauf reichte der Häuptling mir die Hand und sagte:

   »Du bist nun grad wie Winnetou, der Sohn meines Leibes und ein Krieger unseres Volkes. Der Ruf deiner Taten wird schnell und überall bekannt werden, und kein anderer Krieger wird dich übertreffen. Du trittst als Häuptling der Apachen ein, und alle Stämme unseres Volkes werden dich als solchen ehren!«

   Das war ein schnelles Avancement! Vor kurzem noch Hauslehrer in St. Louis, war ich dann Surveyor geworden, um jetzt als Häuptling unter "Wilden" aufgenommen zu werden! Aber ich gestehe, daß diese Wilden mir weit besser gefielen als die Weißen, mit denen ich es in der letzten Zeit zu tun gehabt hatte.

   Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich hier eine Bemerkung machen. Es kommt auch bei uns vor, daß von abenteuerlich gestimmten Leuten Blutsbruderschaften in ähnlicher Weise oder wohl gar mit absonderlichen, auf Aberglauben beruhenden Zeremonien geschlossen werden. Solchen Bruderschaften schreibt man ganz außerordentliche, geheimnisvolle Wirkungen zu, unter anderm auch die, daß beide Brüder in demselben Augenblicke sterben müssen. Wenn z. B. der eine, schwächere, kränkliche, nach Italien reist und dort an der Cholera stirbt,


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so wird der andere, starke, gesunde, der in Deutschland zurückgeblieben ist, in ganz derselben Sekunde tot umfallen. Das ist natürlich Unsinn. Von einem solchen Aberglauben war bei dem, was zwischen Winnetou und mir geschah, ganz und gar keine Rede. Es wurde dabei dem Genusse des Blutes weder von mir, noch von den Apachen irgendwelche Wirkung zugeschrieben, sondern er hatte nur eine rein symbolische, also bildliche Bedeutung.

   Und doch, höchst sonderbar, trafen später stets die Worte Intschu tschunas zu, daß wir eine Seele mit zwei Körpern sein würden. Wir verstanden uns, ohne uns unsere Gefühle, Gedanken und Entschlüsse mitteilen zu müssen. Wir brauchten uns nur anzusehen, um genau zu wissen, was wir gegenseitig wollten; ja, dies war gar nicht einmal notwendig, sondern wir handelten selbst dann, wenn wir voneinander fern waren, mit einer wirklich erstaunlichen Uebereinstimmung, und es hat nie, niemals irgend eine Differenz zwischen uns gegeben. Das war aber nicht etwa die Wirkung des genossenen Blutes, sondern eine sehr natürliche Folge unserer innigen gegenseitigen Zuneigung und des liebevollen Eingehens und Einlebens des Einen in die Ansichten und individuellen Eigentümlichkeiten des Andern.

   Als Intschu tschuna seine letzten Worte sprach, hatten sich alle Apachen, auch die Kinder, erhoben, um ein lautes, bekräftigendes Howgh auszurufen. Dann fügte der Häuptling hinzu:

   »Jetzt ist der neue, der lebende Klekih-petra bei uns aufgenommen, und wir können den Toten seinem Grabe übergeben. Meine Brüder mögen dies nun tun!«

   Er meinte diejenigen, welche mit an dem Grabmale gebaut hatten. Ich bat um Aufschub und winkte Hawkens, Stone und Parker herbei. Als sie bei mir standen, sprach ich über dem Sarge einige kurze Worte und schloß ein Gebet daran. Dann wurden die Ueberreste des einstigen Revolutionärs und späteren Büßers in das Innere des Steinbaues geschoben, worauf sich die Roten daran machten, die Oeffnung zu verschließen.

   Das war meine erste Leichenfeier unter Wilden. Sie hatte mich tief ergriffen. Ich will nicht die Anschauungen kritisieren, welche Intschu tschuna dabei vorgebracht hatte. Es war viel


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Wahrheit mit viel Unklarheit vermengt gewesen; aber aus allem hatte ein Schrei nach Erlösung geklungen, nach einer Erlösung, welche er, wie einst das Volk Israel, sich äußerlich dachte, während sie doch nur eine innerliche, eine geistige sein konnte.

   Während das Grab geschlossen wurde, erklangen wieder die Totenklagen der Indianer, und erst dann, als der letzte Stein eingefügt worden war, konnte die Feier als beendet gelten, und Jeder ging nun heiterern Beschäftigungen nach. Dies war vor allen Dingen das Essen, zu welchem mich Intschu tschuna zu sich einlud.

   Er bewohnte das größte Gemach der schon erwähnten Etage. Es war sehr einfach ausgestattet, aber an den Wänden hing eine reiche, indianische Waffensammlung, welche mein lebhaftes Interesse in Anspruch nahm. "Schöner Tag" bediente uns, nämlich ihren Vater, Winnetou und mich, und ich fand, daß sie Meisterin in der Zubereitung indianischer Gerichte war. Gesprochen wurde wenig, ja fast gar nicht. Der Rote schweigt überhaupt gern, und heute war schon so viel geredet worden, daß man alles, was noch zu verhandeln war, gern für später aufhob. Nach dem Essen war die Dämmerung schnell da. Winnetou fragte mich:

   »Will mein weißer Bruder ruhen oder mit mir gehen?«

   »Ich gehe mit,« antwortete ich, ohne mich zu erkundigen, wohin er wollte.

   Wir stiegen vom Pueblo herab und gingen nach dem Flusse. Das hatte ich erwartet. Eine so tief gegründete Natur wie Winnetou wurde unbedingt zum Grabe des heute bestatteten Lehrers getrieben. Bei demselben angekommen, setzten wir uns dort nebeneinander nieder. Winnetou ergriff meine Hand und behielt sie in der seinigen, ohne lange Zeit ein Wort zu sagen, und ich hatte keine Veranlassung, die Stille zu unterbrechen.

   Notwendigerweise muß ich hier bemerken, daß nicht alle Apachen, welche ich bisher gesehen hatte, mit ihren Angehörigen im Pueblo wohnten. Dazu wäre dieses, so groß es war, denn doch viel, viel zu klein gewesen. Es wurde nur von Intschu tschuna und seinen hervorragendsten Kriegern bewohnt und bildete den Mittelpunkt für die mit ihren Pferdeherden und jagend


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herumziehenden Zugehörigen des Stammes der Mescalero-Apachen. Von hier aus regierte der Häuptling diesen Stamm, und von hier aus unternahm er auch die weiten Ritte zu den andern Stämmen, die ihn als obersten Häuptling anerkannten. Dies waren die Llaneros, Jicarillas, Taracones, Chiriguais, Pinalenjos, Gilas, Mimbrenjos, Lipans, Kupferminenapachen und andere; ja selbst die Navajos pflegten sich, wenn nicht seinen Befehlen, so doch seinen Anordnungen zu fügen.

   Diejenigen Mescaleros, welche nicht in das Pueblo gehörten, hatten sich nach dem Begräbnisse entfernt, und es waren nur so viele von ihnen zurückgeblieben, wie nötig waren, um die von den Kiowas überkommenen Pferde, welche in der Nähe weideten, zu beaufsichtigen. Darum saß ich jetzt mit Winnetou allein und unbeobachtet am Grabe Klekih-petras. Von diesem will ich erwähnen, daß am nächsten Tage wirklich Eicheln um dasselbe in die Erde gebracht wurden, welche später aufgingen. Die Bäume stehen noch jetzt.

   Endlich brach Winnetou das Schweigen, indem er mich fragte:

   »Wird mein Bruder Old Shatterhand vergessen, daß wir seine Feinde gewesen sind?«

   »Es ist bereits vergessen,« antwortete ich.

   »Aber eines wirst du nicht vergeben können.«

   »Was?«

   »Die Beleidigung, welche mein Vater dir zugefügt hat.«

   »Wann?«

   »Als wir dich zum erstenmale trafen.«

   »Ah, daß er mir in das Gesicht spuckte?«

   »Ja.«

   »Warum sollte ich dies nicht vergeben können?«

   »Weil Speichel nur mit dem Blute des Betreffenden abgewaschen werden kann.«

   »Winnetou mag sich nicht sorgen. Auch das ist bereits vergessen.«

   »Mein Bruder sagt etwas, was ich unmöglich glauben kann.«

   »Du kannst es glauben. Es ist ja längst bewiesen, daß ich es vergeben habe.«


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   »Wodurch?«

   »Dadurch, daß ich es Intschu tschuna, deinem Vater, gar nicht übelgenommen habe. Oder meinst du, Old Shatterhand lasse sich anspucken, ohne auf diese Beleidigung, wenn er sie als eine solche betrachtet, sofort mit der Faust zu antworten?«

   »Ja, wir wunderten uns später, daß du dies nicht getan hast.«

   »Der Vater meines Winnetou konnte mich nicht beleidigen. Ich wischte den Speichel ab; dann war es vergeben und vergessen. Sprechen wir nicht mehr davon!«

   »Und doch muß ich davon sprechen; das bin ich dir, meinem Bruder, schuldig.«

   »Warum?«

   »Du mußt die Sitten unsers Volkes erst noch kennen lernen. Kein Krieger gesteht gern einen Fehler ein, und ein Häuptling darf dies noch weniger tun. Intschu tschuna weiß, daß er unrecht gehabt hat, aber er darf dich nicht um Verzeihung bitten. Darum hat er mich beauftragt, mit dir zu sprechen. Winnetou bittet dich an Stelle seines Vaters.«

   »Das ist gar nicht nötig; wir sind quitt, denn auch ich habe euch beleidigt.«

   »Nein.«

   »Doch! Ist nicht ein Faustschlag eine Beleidigung? Und ich habe euch doch mit der Faust geschlagen.«

   »Das war im Kampfe, wo es nicht als Beleidigung gilt. Mein Bruder ist edel und großmütig; wir werden es ihm nicht vergessen.«

   »Reden wir von anderen Dingen! Ich bin heut Apache geworden. Wie steht es mit meinen Kameraden?«

   »Die können nicht in den Stamm aufgenommen werden, aber sie sind unsere Brüder.«

   »Ohne Zeremonie?«

   »Wir werden morgen mit ihnen die Pfeife des Friedens rauchen. In der Heimat meines weißen Bruders gibt es wohl kein Calumet?«

   »Nein. Christen sind alle Brüder, ohne daß es der Ausübung irgend eines Gebrauches bedarf.«

   »Alle Brüder? Gibt es keinen Krieg zwischen ihnen?«


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   »Allerdings auch.«

   »So sind sie auch nicht anders und besser als wir. Sie lehren die Liebe und fühlen sie nicht. Warum hat mein Bruder sein Vaterland verlassen?«

   Es ist bei den Roten nicht Sitte, solche Fragen auszusprechen. Winnetou konnte es aber tun, weil er jetzt mein Bruder war, der mich kennen lernen mußte. Doch wurde seine Frage nicht nur aus teilnehmender Neugierde ausgesprochen; er hatte noch einen andern Grund dabei.

   »Um hier hüben das Glück zu suchen,« antwortete ich.

   »Das Glück! – Was ist das Glück?«

   »Reichtum!«

   Er ließ, als ich dies sagte, meine Hand los, die er bis jetzt fest gehalten hatte, und es trat wieder eine Pause ein. Ich wußte, er hatte jetzt das Gefühl, sich doch in mir getäuscht zu haben.

   »Reichtum!« flüsterte er dann.

   »Ja, Reichtum,« wiederholte ich.

   »Also darum – darum – darum!«

   »Was?«

   »Darum haben wir dich bei – bei – – –«

   Es tat ihm doch wehe, das Wort aussprechen zu sollen. Ich vollendete es:

   »Bei den Länderdieben gesehen?«

   »Du sagst es. Du tatest es also, um reich zu werden. Meinst du denn wirklich, daß Reichtum glücklich macht?«

   »Ja.«

   »Da irrst du dich. Das Gold hat die roten Männer nur unglücklich gemacht; des Goldes wegen drängen uns noch heut die Weißen von Land zu Land, von Ort zu Ort, so daß wir langsam aber sicher untergehen werden. Das Gold ist die Ursache unsers Todes. Mein Bruder mag ja nicht danach trachten.«

   »Das tu ich auch nicht.«

   »Nicht? Und doch sagtest du, daß du das Glück im Reichtum suchest.«

   »Ja, das ist wahr. Aber es gibt Reichtum verschiedener Art, Reichtum an Gold, an Weisheit und Erfahrung, an Ge-


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sundheit, an Ehre und Ruhm, an Gnade bei Gott und den Menschen.«

   »Uff, uff! So meinst du es! Welcher Reichtum ist es denn, nach welchem du da trachtest?«

   »Der letztere.«

   »Gnade bei Gott! So bist du wohl ein sehr frommer, ein sehr gläubiger Christ?«

   »Ob ich ein guter Christ bin, das weiß ich nicht, das weiß nur Gott; aber ich möchte es gern sein.«

   »So hältst du uns für Heiden?«

   »Nein. Ihr glaubt an den großen, guten Geist und betet keine Götzen an.«

   »So erfülle mir eine Bitte!«

   »Gern! – Welche?«

   »Sprich nicht vom Glauben zu mir! Trachte nicht danach, mich zu bekehren! Ich habe dich sehr, sehr lieb und möchte nicht, daß unser Bund zerrissen werde. Es ist so, wie Klekih-petra sagte. Dein Glaube mag der richtige sein, aber wir roten Männer können ihn noch nicht verstehen. Wenn uns die Christen nicht verdrängten und ausrotteten, so würden wir sie für gute Menschen halten und auch ihre Lehre für eine gute. Dann fänden wir wohl auch Zeit und Raum, das zu lernen, was man wissen muß, um euer heiliges Buch und eure Priester zu verstehen. Aber der, welcher langsam und sicher zu Tode gedrückt wird, kann nicht glauben, daß die Religion dessen, der ihn tötet, eine Religion der Liebe sei.«

   »Du mußt unterscheiden zwischen der Religion und dem Anhänger derselben, welcher sich nur äußerlich zu ihr bekennt, aber nicht nach ihr handelt!«

   »So sagen die Bleichgesichter alle; sie nennen sich Christen, handeln aber nicht danach. Wir aber haben unsern großen Manitou, welcher will, daß alle Menschen gut seien. Ich bemühe mich, ein guter Mensch zu sein, und bin da vielleicht ein Christ, ein besserer Christ als diejenigen, die sich zwar so nennen, aber keine Liebe besitzen und nur nach ihrem Vorteile trachten. Also sprich nie zu mir vom Glauben, und versuche nie, aus mir einen Mann zu machen, der ein Christ genannt wird, ohne es vielleicht zu sein! Das ist die Bitte, welche du mir erfüllen mußt!«


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   Ich habe sie ihm erfüllt und nie ein Wort der Bekehrung zu ihm gesagt. Aber muß man denn reden? Ist nicht die Tat eine viel gewaltigere, eine viel überzeugendere Predigt als das Wort? "An ihren Werken sollt ihr sie erkennen", sagt die heilige Schrift, und nicht in Worten, sondern durch mein Leben, durch mein Tun bin ich der Lehrer Winnetous gewesen, bis er einst, nach Jahren, an einem mir unvergeßlichen Abende, mich selbst aufforderte, zu sprechen. Da saßen wir stundenlang beisammen, und in jener weihevollen Nacht ging all der im Stillen gesäete Samen plötzlich auf und brachte herrliche Frucht.

   Jetzt begnügte ich mich damit, ihm die Hand zu drücken, zum Zeichen, daß ich seinen Wunsch erfüllen wolle. Dann fuhr er fort:

   »Wie ist es denn gekommen, daß mein Bruder Old Shatterhand sich den Länderdieben angeschlossen hat? Wußte er denn nicht, daß dies ein Verbrechen an den roten Männern war?«

   »Ich hätte es mir sagen können, habe aber gar nicht daran gedacht. Ich war froh, Surveyor werden zu dürfen, denn ich wurde sehr gut bezahlt.«

   »Bezahlt? Ich denke, ihr seid gar nicht fertig geworden? Bezahlte man euch denn, bevor die Arbeit vollendet war?«

   »Nein. Ich erhielt einen Vorschuß und die Ausrüstung. Das, was ich mir verdient habe, wäre mir nach beendetem Werke ausgezahlt worden.«

   »Und nun kommst du um dieses Geld?«

   »Ja.«

   »Ist es viel?«

   »Für meine Verhältnisse sehr viel.«

   Er schwieg eine Weile; dann sagte er:

   »Es tut mir sehr leid, daß mein Bruder durch uns solchen Schaden erlitten hat. Du bist nicht reich?«

   »An allem andern reich, aber in Beziehung auf das Geld bin ich ein armer Teufel.«

   »Wie lange hättet ihr noch zu messen gehabt, um zu Ende zu kommen?«

   »Nur einige Tage.«


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   »Uff! Hätte ich dich so gekannt, wie ich dich jetzt kenne, so wären wir einige Tage später über die Kiowas hergefallen.«

   »Damit ich hätte fertig werden können?« fragte ich gerührt durch diesen Edelmut.

   »Ja.«

   »Das heißt, du hättest uns den Diebstahl vollends ausführen lassen?«

   »Den Diebstahl nicht, sondern nur die Vermessung. Die Linien, welche ihr auf das Papier zeichnet, schaden uns noch nichts, denn damit ist der Raub noch nicht ausgeführt. Dieser beginnt vielmehr eigentlich erst dann, wenn die Arbeiter der Bleichgesichter kommen, um den Pfad des Feuerrosses zu bauen. Ich würde dir – – –«

   Er hielt mitten in seiner Rede inne, um über einen Gedanken, der ihm gekommen war, klar zu werden. Dann fuhr er fort:

   »Müßtest du, um dein Geld zu erhalten, die Papiere haben, von denen ich soeben sprach?«

   »Ja.«

   »Uff! So wird es dir nie ausgezahlt werden, denn alles, was ihr gezeichnet habt, ist vernichtet worden.«

   »Und was ist mit unsern Instrumenten geschehen?«

   »Die Krieger, denen sie in die Hände fielen, wollten sie zerschlagen, aber ich gab dies nicht zu. Obgleich ich keine Schule der Bleichgesichter besucht habe, weiß ich doch, daß solche Gegenstände einen hohen Wert besitzen, und darum gab ich den Befehl, sie sorgfältig aufzubewahren. Wir haben sie mit hierher gebracht und gut aufgehoben. Ich werde sie meinem Bruder Old Shatterhand wiedergeben.«

   »Ich danke dir. Ich nehme dieses Geschenk von dir an, obgleich es mir direkt nun keinen Nutzen bringt. Es ist mir aber sehr lieb, daß ich die Instrumente wieder abliefern kann.«

   »Nutzen also bringen sie dir nicht?«

   »Nein. Den würde ich nur dann haben, wenn ich die Vermessung vollends ausführen könnte.«

   »Aber es fehlen dir doch die Papiere, welche vernichtet worden sind!«


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   »Nein. Ich war so vorsichtig, die Zeichnungen zweimal anzufertigen.«

   »So besitzest du die zweiten noch?«

   »Ja, hier in meiner Tasche. Du bist so gütig gewesen, zu befehlen, daß mir nichts genommen werden solle.«

   »Uff, uff!«

   Dieser Ausruf klang halb wie Verwunderung und halb wie Befriedigung; dann schwieg er wieder. Er bewegte, wie ich später erfuhr, in seinem Herzen einen Gedanken von solchem Edelmute, wie ein Weißer ihn wohl nie gefaßt, am allerwenigsten aber ausgeführt haben würde. Nach einiger Zeit stand er auf und sagte:

   »Wir wollen heimkehren. Mein weißer Bruder ist durch uns geschädigt worden. Winnetou wird für Ersatz dieses Verlustes sorgen. Zunächst aber mußt du dich bei uns vollends erholen.«

   Wir gingen nach dem Pueblo zurück, in welchem wir vier Weiße heut zum erstenmal als freie Männer schliefen. Am nächsten Tage wurde unter großen Feierlichkeiten zwischen Hawkens, Stone, Parker und den Apachen die Pfeife des Friedens geraucht. Es versteht sich ganz von selbst, daß dabei lange Reden gehalten wurden. Die schönste davon war diejenige Sams, welcher sie nach seiner Art so mit drolligen Ausdrücken spickte, daß die ernsten Indianer sich alle Mühe geben mußten, die Lustigkeit, welche sich ihrer dabei bemächtigte, nicht äußerlich merken zu lassen. Im Verlaufe dieses Tages wurde alles, was in Beziehung auf die Ereignisse der letzten Zeit unklar geblieben war, an das Tageslicht gezogen. Dabei kam wieder in Erwähnung, daß ich Intschu tschuna und Winnetou an jenem Abend losgeschnitten hatte, und Hawkens hielt mir da die folgende Standrede:

   »Ihr seid ein hinterlistiger Mensch, ein ganz und gar hinterlistiger Mensch, Sir! Man pflegt doch gegen Freunde aufrichtig zu sein, besonders wenn man ihnen so viel zu verdanken hat wie Ihr uns. Wer und was waret Ihr denn eigentlich, als wir Euch in St. Louis zum erstenmal sahen? Ein Hauslehrer, welcher seinen Kindern das  A b c  vorwärts und das kleine Einmaleins rückwärts einbläuen mußte. Und


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so ein unglücklicher Kerl wäret Ihr geblieben, wenn wir uns Eurer nicht so liebevoll und nachsichtig angenommen hätten. Wir haben Euch aus diesem unglücklichen Einmaleins herausgerissen und mit bewundernswerter Sanftmut über die Savanne geschleppt, wenn ich mich nicht irre. Wir haben über Euch gewacht, wie eine zärtliche Mutter über ihr kleinstes Baby oder eine Henne über die von ihr ausgebrütete junge Ente wacht. Bei uns seid Ihr nach und nach zu Verstand gekommen, und wir sind es gewesen, die Euer Gehirn so ausgebildet haben, daß es nach der bisherigen Dunkelheit in demselben nun schon zuweilen bei Euch zu dämmern beginnt. Kurz und gut, wir sind Vater und Mutter, Onkel und Tante für Euch gewesen, haben Euch auf den Händen getragen, haben Euch körperlich mit den saftigsten Fleischbissen und geistig mit unserer Weisheit und Erfahrung aufgefüttert und dürfen dafür erwarten, daß Ihr uns Achtung, Ehrerbietung und Dankbarkeit zollt und nicht als Ente in das Wasser lauft, in welchem wir als Hennen elendiglich ertrinken müßten. Trotzdem habt Ihr stets das, was Euch verboten war, getan. Es tut mir in meinem alten Jagdrocke wehe, so viel Liebe und Aufopferung mit so viel Ungehorsam und Undankbarkeit vergolten zu sehen. Wollte ich alle Eure schlechten Streiche nacheinander aufzählen, so wäre gar kein Ende abzusehen. Der allerschlimmste aber war der, daß Ihr die beiden Häuptlinge losmachtet, ohne es uns dann zu sagen. Das kann ich weder vergessen noch vergeben und werde es Euch nachtragen, so lange ich in dieser meiner jetzigen Haut stecke. Die Folgen dieser heimtückischen Verschwiegenheit haben dann auch nicht auf sich warten lassen. Anstatt gestern so recht hübsch am Pfahl geschmort und gebraten zu werden und heut in den lieblichen Jagdgründen der abgeschiedenen Indianerseelen zu erwachen, sind wir gar nicht für wert gehalten worden, umgebracht zu werden. Nun sitzen wir bei vollem Leben und guter Gesundheit hier in diesem abgelegenen Pueblo, wo man sich alle Mühe gibt, uns mit Leckerbissen den Magen zu verderben und aus einem Greenhorn, welches Ihr doch seid, einen wahren Halbgott zu machen. Dieses Unheil haben wir nur Euch zu verdanken, besonders deshalb, weil Ihr ein so ganz und gar niederträchtiger Schwimmer seid. Aber


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die Liebe ist unter allen Umständen ein unbegreifliches Frauenzimmer; je mehr sie mißhandelt wird, desto wohler fühlt sie sich, und so wollen wir Euch selbst dieses Mal noch nicht aus unserer Mitte und aus unserem Herzen stoßen, sondern glühende Kohlen auf Eurem Haupte sammeln, indem wir Euch verzeihen, allerdings in der festen und bestimmten Hoffnung, daß Ihr nun endlich in Euch geht und anders werdet, wenn ich mich nicht irre. Hier ist meine Hand. Wollt Ihr mir Besserung versprechen, geliebter Sir?«

   »Ja,« antwortete ich, indem ich ihm die Hand schüttelte. »Ich werde dem edlen Vorbilde, welches Ihr mir gegeben habt und jetzt noch gebt, so eifrig nachstreben, daß man mich schon in kurzer Zeit für den reinen Sam Hawkens halten soll.«

   »Verehrtester, das laßt hübsch bleiben! Es wäre eine ganz vergebliche Mühe, die Ihr Euch da geben würdet. Ein Greenhorn, wie Ihr seid, und Sam Hawkens ähnlich werden! Die reinste Unmöglichkeit! Das wäre grad und genau so, als wenn ein Grasfrosch Opernsänger werden wollte, und so will – – –«

   Da fiel ihm Dick Stone, zwar lachend aber doch ein wenig unwillig in die Rede:

   »Stop! Sei endlich einmal still, alter Schwadronär [Schwadronör]! Es ist ja gar nicht mehr zum Aushalten mit dir! Du drehst ja alles um, machst alles verkehrt und ziehst den rechten Handschuh an die linke Hand! Ich an Old Shatterhands Stelle würde mir das ewige Greenhorn nicht so ruhig gefallen lassen.«

   »Was kann und soll er denn dagegen haben? Es ist doch wahr; er ist ja eins!«

   »Unsinn! Wir haben ihm unser Leben zu verdanken. Unter hundert erfahrenen Westmännern, uns und dich nicht ausgenommen, wäre wohl kein einziger, der das fertig gebracht hätte, was er gestern tat. Anstatt daß wir ihn beschützen, beschützt er uns; das merke dir! Wenn er nicht gewesen wäre, säßen wir nicht so munter hier, und du stäkst nicht so heiler Haut unter deiner alten, falschen Perücke!«

   »Was? Falsche Perücke? Das sag mir ja nicht noch einmal! Es ist eine ganz richtige Perücke. Wenn du das noch nicht weißt, so schau sie dir einmal an!«

   Er nahm sie ab und hielt sie Stone hin.


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   »Fort, fort mit diesem Fell!« lachte dieser.

   Sam stülpte sie sich wieder auf den Kopf und sagte in vorwurfsvollem Tone:

   »Schäme dich, Dick, die Zierde meines Hauptes ein Fell zu nennen! Das hätte ich von so einem guten Kameraden, wie du bist, nicht gedacht! Ihr versteht es alle nicht, den Wert Eures alten Sam zu würdigen. Ich strafe Euch also mit Verachtung und suche jetzt meine Mary auf. Muß doch sehen, ob diese sich auch so wohl befindet wie ich.«

   Er fuhr mit den Armen geringschätzig durch die Luft und ging. Wir lachten lustig hinter ihm her, denn es war wirklich unmöglich, ihm etwas übel zu nehmen.

   Am nächsten Tage kehrten die Kundschafter zurück, welche den Kiowas heimlich gefolgt waren; sie meldeten, daß diese ohne Unterbrechung fortgezogen seien und also nicht die Absicht hegten, jetzt eine Feindseligkeit auszuführen.

   Hierauf folgte eine Zeit der Ruhe und für mich doch der Tätigkeit. Sam, Dick und Will ließen sich die Gastfreundschaft der Apachen sehr gefallen; sie ruhten sich gründlich aus. Die einzige Tätigkeit, welcher Hawkens sich hingab, war die, daß er seine Mary täglich spazieren ritt, damit sie, wie er sich ausdrückte, "seine Finessen bewundern lerne" und sich an seine Art und Weise, zu reiten, gewöhne.

   Ich aber legte mich nicht auf die Bärenhaut. Winnetou hatte es darauf abgesehen, mich in die "indianische Schule" zu nehmen. Wir waren oft ganze Tage fort, machten weite Ritte, während welcher ich mich in allem, was zur Jagd und zum Kriege gehörte, üben mußte. Wir krochen in den Wäldern herum, wobei ich vortrefflich Unterricht im Anschleichen erhielt. Er führte förmliche "Felddienstübungen" mit mir aus. Oft trennte er sich von mir und stellte mir die Aufgabe, ihn zu suchen. Er gab sich alle Mühe, seine Spuren zu verwischen, und ich strengte mich ebenso an, sie aufzufinden. Wie oft steckte er dann in einem dichten Gebüsche oder stand, von dem überhängenden Gesträuch versteckt, im Wasser des Pecos und sah zu, wie ich nach ihm suchte. Er machte mich auf meine Fehler aufmerksam und zeigte mir durch sein Beispiel, wie ich mich zu benehmen und was ich zu tun oder zu lassen hatte. Das war


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ein außerordentlich vortrefflicher Unterricht, den er mit eben solcher Lust erteilte, wie ich mit Freude und Bewunderung sein Schüler war. Dabei kam nie ein Lob über seine Lippen, auch nie das, was man unter einem Tadel versteht. Ein Meister in allen Fertigkeiten, welche das Indianerleben erfordert, war er auch ein Meister im Unterrichte.

   Wie oft kam ich da ermüdet und wie mit zerschlagenen Gliedern heim! Aber dann gab es noch keine Ruhe für mich, denn ich wollte die Sprache der Apachen erlernen und nahm im Pueblo Unterricht. Ich hatte da zwei Lehrer und eine Lehrerin: Nscho-tschi lehrte mich den Dialekt der Mescaleros, Intschu tschuna denjenigen der Llaneros und Winnetou den der Navajos. Da diese Sprachen untereinander sehr verwandt sind und keinen großen Wortschatz besitzen, so ging es auch mit diesen Uebungen schnell vorwärts.

   Wenn Winnetou sich mit mir nicht weit vom Pueblo entfernte, so kam es zuweilen vor, daß Nscho-tschi sich an unsern Ausgängen beteiligte. Sie hatte dann sichtlich große Freude, wenn ich meine Aufgaben gut löste.

   Einmal befanden wir uns im Walde, wo Winnetou mich aufforderte, mich zu entfernen und erst nach einer Viertelstunde wieder an Ort und Stelle zu sein. Ich sollte dann beide nicht mehr vorfinden und nach Nscho-tschi suchen, welche sich sehr gut verstecken werde. Ich ging also eine ziemliche Strecke fort, wartete da, bis die Zeit verflossen war, und kehrte dann zurück. Die Spuren beider, welche von hier ausgingen, waren anfangs ziemlich deutlich; dann aber fehlten plötzlich die Fußeindrücke der Indianerin. Ich wußte freilich, daß sie einen außerordentlich leichten Gang hatte; aber der Boden war weich, und so mußte also unbedingt wenigstens eine, wenn auch noch so leise Andeutung der Fährte vorhanden sein; aber ich fand nichts, gar nichts, nicht ein einziges niedergedrücktes oder umgebrochenes Pflänzchen, obgleich es grad an dieser Stelle sehr dichtes und empfindliches Moos gab. Nur die Spur Winnetous war deutlich eingedrückt; aber die ging mich nichts an, denn ich sollte nicht ihn, sondern seine Schwester suchen. Er hielt sich jedenfalls in der Nähe, um mich heimlich zu beobachten, ob ich Fehler mache oder nicht.


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   Ich suchte noch einmal und noch einmal im Kreise, fand aber auch nicht den leisesten Anhalt. Das war befremdlich. Ich überlegte. Sie mußte und mußte unbedingt eine Spur hinterlassen haben, denn es konnte hier kein Fuß den Boden berühren, ohne von dem weichen Moose verraten zu werden. Ein Fuß den Boden berühren? Ah! Wie nun, wenn Nscho-tschi ihn gar nicht berührt hatte?

   Ich untersuchte Winnetous Stapfen; sie waren tief eingedrückt, tiefer als vorher. Sollte er seine Schwester auf die Arme genommen und fortgetragen haben? Dann war die Aufgabe, welche er mir gestellt hatte, seiner Ansicht nach eine sehr schwere, aber meiner Ansicht nach eine sehr leichte von dem Augenblicke an, an welchem ich eben erriet, daß er Nscho-tschi getragen habe.

   Infolge dieser Last hatten sich seine Füße tiefer eingedrückt. Es kam nun darauf an, Spuren von der Indianerin zu finden. Diese durfte ich freilich nicht unten an der Erde, sondern ich mußte sie weiter oben suchen.

   War Winnetou allein durch den Wald gegangen, so hatte er die Arme frei und keine Mühe gehabt, durch das Unterholz zu kommen. Hatte er aber seine Schwester getragen, so mußte es unbedingt zerknickte Zweige geben. Ich folgte seinen Stapfen und richtete dabei mein Hauptaugenmerk nicht auf die Fährte, sondern auf das Gebüsch. Richtig! Indem er mit seiner Last durch dasselbe gedrungen war, hatte er die Arme nicht frei gehabt und dasselbe nicht vorsichtig auseinander schieben können; Nscho-tschi war nicht auf den Gedanken gekommen, dies zu tun, und so fand ich an mehreren Stellen geknickte Zweige und beschädigte Blätter, also Zeichen, welche nicht hätten entstehen können, wenn Winnetou allein hindurchgegangen wäre.

   Die Spur führte in schnurgerader Richtung nach einer lichten Stelle des Waldes und in ebenso gerader Linie über dieselbe hinüber. Da drüben, am jenseitigen Rande der Lichtung, steckten jedenfalls die beiden, stillvergnügt darüber, daß es mir unmöglich sein werde, meine Aufgabe zu lösen. Ich hätte direkt hinübergehen können; aber ich wollte es noch besser machen und sie förmlich überrumpeln. Darum schlich ich mich, immer sorgfältig in Deckung bleibend, um die Lichtung herum.


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Jenseits angekommen, suchte ich zunächst wieder nach Winnetous Spur. War er weiter gegangen, so mußte ich sie sehen. Sah ich sie nicht, so hatte er sich mit Nscho-tschi versteckt. Ich legte mich auf die Erde nieder und schob mich geräuschlos in einem Halbkreise fort, indem ich mich bemühte, immer hinter Bäumen und Büschen verborgen zu bleiben. Es war kein Fußeindruck zu sehen. Folglich steckten sie, wie ich vermutet hatte, am Rande der freien Stelle, und zwar da, wo die Fährte, welcher ich bis vorhin gefolgt war, diesen Rand berührte.

   Leise, ganz, ganz leise, schob ich mich nach dieser Stelle hin. Sie saßen still, und ihren geübten Ohren konnte kein Geräusch entgehen; ich mußte also eine ungewöhnliche Vorsicht entfalten. Es gelang mir besser, als ich es für möglich gehalten hatte. Ich sah die Beiden. Sie saßen eng nebeneinander mitten in einem wilden Pflaumengebüsch, mit dem Rücken nach mir, da sie mich, falls ich ja kommen würde, von der entgegengesetzten Seite erwarten mußten. Sie sprachen miteinander, aber flüsternd, so daß ich ihre Worte nicht verstehen konnte.

   Ich freute mich ungemein auf die Ueberraschung und schob mich immer weiter zu ihnen hinan. Jetzt war ich so nahe, daß ich beide mit der Hand erreichen konnte. Schon wollte ich den Arm ausstrecken und Winnetou von hinten fassen, da wurde ich durch ein Wort, welches er sagte, abgehalten, dies zu tun.

   »Soll ich ihn holen?« fragte er flüsternd.

   »Nein,« antwortete Nscho-tschi. »Er kommt selbst.«

   »Er kommt nicht.«

   »Er kommt!«

   »Meine Schwester irrt sich. Er hat alles sehr schnell gelernt; aber deine Spur geht durch die Luft. Wie will er sie finden?«

   »Er findet sie. Mein Bruder Winnetou hat mir gesagt, daß Old Shatterhand schon jetzt nicht mehr irre zu führen sei. Warum spricht er jetzt das Gegenteil?«

   »Weil es heut die schwierigste Aufgabe ist, die es geben kann. Sein Auge wird jede Fährte finden; die deinige ist aber nur mit den Gedanken zu lesen, und das hat er noch nicht gelernt.«


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   »Er wird dennoch kommen, denn er kann alles, alles, was er will.«

   Sie flüsterte diese Worte nur, dennoch war ihrem Tone eine Zuversicht, ein Vertrauen anzuhören, daß ich darauf hätte stolz sein können.

   [Illustration Nr. 16: Belauscht]

   »Ja, ich habe noch keinen Mann gekannt, der sich so leicht in alles findet. Es gibt nur eins, worein er sich nicht finden wird, und dies tut Winnetou sehr leid.«

   »Was ist das?«

   »Der Wunsch, den wir alle haben.«

   Eben jetzt hatte ich mich ihnen bemerkbar machen wollen; da sprach Winnetou von einem Wunsche; das bestimmte mich, noch zu warten. Welchen Wunsch hätte ich diesen lieben, guten Menschen nicht gern erfüllt! Sie hegten einen und sagten ihn


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mir nicht, weil sie glaubten, daß ich ihn nicht erfüllen werde. Vielleicht hörte ich jetzt, was für einer es war. Darum schwieg ich noch und lauschte.

   »Hat mein Bruder Winnetou schon mit ihm darüber gesprochen?« fragte Nscho-tschi.

   »Nein,« antwortete Winnetou.

   »Und Intschu tschuna, unser Vater, auch noch nicht?«

   »Nein. Er wollte es ihm sagen, aber ich gab es nicht zu.«

   »Nicht? Warum? Nscho-tschi liebt dieses Bleichgesicht sehr; sie ist die Tochter des obersten Häuptlings aller Apachen!«

   »Das ist sie, und sie ist noch mehr, noch weit mehr. Jeder rote Krieger und jedes Bleichgesicht würde glücklich sein, wenn meine Schwester seine Squaw werden wollte, nur Old Shatterhand nicht.«

   »Wie kann mein Bruder Winnetou dies wissen, da er noch nicht mit ihm darüber gesprochen hat?«

   »Ich weiß es trotzdem, denn ich kenne ihn. Er ist nicht wie andere Weiße; er trachtet nach Höherem als sie. Er nimmt keine Indianerin zur Squaw.«

   »Hat er dies gesagt?«

   »Nein.«

   »Gehört sein Herz vielleicht einer Weißen?«

   »Auch nicht.«

   »Das weißt du sicher?«

   »Ja. Wir sprachen von weißen Frauen, und da habe ich aus seinen Worten entnommen, daß sein Herz noch nicht gesprochen hat.«

   »So wird es bei mir sprechen!«

   »Meine Schwester mag sich nicht täuschen! Old Shatterhand denkt und empfindet anders, als du meinst. Wenn er sich eine Squaw erwählt, so muß sie unter den Frauen das sein, was er unter den Männern ist.«

   »Bin ich das nicht?«

   »Unter den roten Mädchen, ja; da kommt meiner schönen Schwester keines gleich. Aber was hast du gesehen und gehört? Was hast du gelernt? Du kennst das Frauenleben der roten Völker, aber nichts von dem, was eine weiße Squaw gelernt haben und wissen muß. Old Shatterhand sieht nicht auf den


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Glanz des Goldes und auf die Schönheit des Angesichtes; er trachtet nach andern Dingen, die er bei einem roten Mädchen nicht finden kann.«

   Sie senkte den Kopf und schwieg. Da strich er ihr mit der Hand liebkosend über die Wange und sagte:

   »Es schmerzt mich, daß ich dem Herzen meiner guten Schwester wehe tue, aber Winnetou ist gewöhnt, stets die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie keine frohe ist. Vielleicht kennt er einen Weg, auf welchem Nscho-tschi zu dem Ziele, nach welchem sie strebt, gelangen kann.«

   Da hob sie rasch den Kopf wieder und fragte:

   »Welcher Weg ist dies?«

   »Der nach den Städten der Bleichgesichter.«

   »Dorthin soll ich, meinst du?«

   »Ja.«

   »Warum?«

   »Um zu lernen, was du wissen und können mußt, wenn Old Shatterhand dich lieben soll.«

   »So will ich hin, bald, sehr bald! Will mein Bruder Winnetou mir einen Wunsch erfüllen?«

   »Welchen?«

   »Sprich mit Intschu tschuna, unserm Vater darüber! Bitte ihn, mich nach den großen Städten der Bleichgesichter gehen zu lassen! Er wird nicht Nein sagen, denn – – –«

   Mehr hörte ich nicht, denn ich kroch jetzt leise wieder zurück. Es kam mir fast wie eine Sünde vor, dieses Gespräch der Geschwister belauscht zu haben. Wenn sie es nur nicht merkten! Welche Verlegenheit für sie und noch viel mehr auch für mich! Es galt, jetzt bei meinem Rückzuge noch viel vorsichtiger zu sein als vorhin bei meiner Annäherung. Das geringste Geräusch, der kleinste Zufall konnte es verraten, daß ich das Geheimnis der schönen Indianerin erfahren hatte. Und in diesem Falle war ich gezwungen, meine roten Freunde heut noch zu verlassen.

   Glücklicherweise gelang es mir, mich unbemerkt zurückzuziehen. Als ich außer Hörweite angelangt war, erhob ich mich vom Boden und ging im Kreise schnell um die Lichtung herum, bis ich wieder auf die Fährte traf. Auf dieser trat ich dann


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auf der Seite, von welcher ich vorhin gekommen war, und von welcher ich von Nscho-tschi erwartet wurde, zwei oder drei Schritte auf die Lichtung hinaus und rief über dieselbe hinüber:

   »Mein Bruder Winnetou mag herüberkommen!«

   Es regte sich nichts drüben; darum fuhr ich fort:

   »Mein Bruder mag kommen, denn ich sehe ihn!«

   Er kam trotzdem nicht.

   »Er sitzt drüben im Gebüsch der wilden Pflaumen. Soll ich ihn vielleicht holen?«

   Da bewegten sich die Zweige, und Winnetou trat hervor, doch allein. Er hatte nicht länger stecken bleiben können, wollte aber das Versteck seiner Schwester noch geheim halten und fragte mich:

   »Hat mein Bruder Old Shatterhand Nscho-tschi gefunden?«

   »Ja.«

   »Wo?«

   »Da, wo sie verborgen ist, im Gebüsch.«

   »In welchem Gebüsch?«

   »In demjenigen, wohin mich ihre Fährte führt.«

   »Hast du denn ihre Fährte gesehen?«

   Das klang sehr verwundert. Er wußte nicht, woran er mit mir war. Daß ich die Unwahrheit sagte, das glaubte er nicht; aber von einer Fährte wußte er nichts, und da er nicht einen Augenblick von seiner Schwester weggekommen war, so hegte er die Ueberzeugung, daß ich sie nicht entdeckt hatte. Seiner Meinung nach mußte ich mich im Irrtume befinden, durch irgend etwas getäuscht worden sein.

   »Ja,« antwortete ich; »ich habe sie gesehen.«

   »Aber meine Schwester hat sich doch so in acht genommen, daß keine Spur zu sehen ist!«

   »Du irrst. Sie ist zu sehen.«

   »Nein.«

   »An der Erde nicht, aber im Gezweig. Nscho-tschi hat mit ihren Füßen den Boden nicht berührt, aber indem du sie trugest, habt ihr Zweige geknickt und Blätter beschädigt.«

   »Uff! Ich hätte sie getragen?«

   »Ja.«

   »Wer sagte es dir?«


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   »Deine Fußstapfen. Sie waren plötzlich tiefer geworden, weil du schwerer geworden warst. Da du aber dein Gewicht nicht verändert haben konntest, so mußtest du eine Last aufgenommen haben. Diese Last war deine Schwester, deren Fuß, wie ich sah, das Moos nicht berührt hatte.«

   »Uff! Du irrst. Geh noch einmal zurück, und suche nach!«

   »Das würde vergeblich sein und ist auch höchst überflüssig, denn Nscho-tschi sitzt dort, wo du gesessen hast. Ich werde sie holen.«

   Ich ging vollends über die Lichtung hinüber; da kam sie aber schon aus dem Gesträuch und sagte im Tone der Befriedigung zu ihrem Bruder:

   »Ich sagte dir, daß er mich finden würde, und ich hatte recht.«

   »Ja, meine Schwester hatte recht, und ich irrte mich. Mein Bruder Old Shatterhand kann die Fährte eines Menschen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Gedanken lesen. Es gibt da fast nichts mehr, was er noch zu lernen hat.«

   »O noch sehr, sehr viel,« antwortete ich. »Mein Bruder Winnetou sagt da ein Lob, welches ich noch nicht verdiene; aber was ich noch nicht kann, das werde ich noch von ihm lernen.«

   Es war wirklich das erste Lob, welches ich aus seinem Munde hörte, und ich gestehe es, daß ich ebenso stolz auf dasselbe war, wie früher auf ein gelegentliches Lob irgend eines meiner Professoren.

   Am Abend desselben Tages brachte er mir einen sehr gut gearbeiteten und mit roten, indianischen Stichstickereien verzierten Jagdanzug von weißgegerbtem Leder.

   »Nscho-tschi, meine Schwester, bittet dich, diese Kleidung zu tragen,« sagte er. »Dein Anzug ist für Old Shatterhand nicht mehr gut genug.«

   Da hatte er freilich sehr recht. Mein Habit sah sogar für indianische Augen sehr herabgekommen aus. Wäre ich in einer europäischen Stadt in demselben ertappt worden, so hätte man mich auf der Stelle als einen Hauptvagabunden arretiert. Aber durfte ich von Nscho-tschi ein solches Geschenk annehmen? Winnetou schien meine Gedanken zu erraten; er sagte:

   »Du darfst diesen Anzug nehmen, denn ich habe ihn bestellt [;]


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er ist ein Geschenk von Winnetou, den du vom Tode errettet hast, und nicht von seiner Schwester. Ist es den Bleichgesichtern verboten, von einer Squaw Geschenke anzunehmen?«

   »Wenn es nicht seine eigene Squaw oder Verwandte ist, ja.«

   »Du bist mein Bruder; Nscho-tschi ist dir also verwandt. Dennoch ist dies Geschenk von mir und nicht von ihr; sie hat es nur für dich gefertigt.«

   Als ich den Anzug am nächsten Morgen anprobierte, saß er wie angegossen. Ein New Yorker Herrenschneider hätte das Maß nicht besser treffen können. Ich zeigte mich natürlich meiner schönen Freundin, welche außerordentlich über das Lob, welches ich aussprach, erfreut war. Kurze Zeit später stellten sich Dick Stone und Will Parker bei mir ein, um sich von mir bewundern zu lassen; sie waren auch mit neuen Anzügen beschenkt worden, welche aber nicht von Nscho-tschi, sondern von andern Squaws gefertigt worden waren. Und abermals kurze Zeit später befand ich mich im Haupttale, um mich im Werfen des Tomahawk zu üben, da kam eine kleine, sonderbare Gestalt in sehr gravitätischer Haltung auf mich zu. Es war ein neuer, lederner, indianischer Anzug, welcher unten in einem Paar alter, ungeheuer großer Indianerstiefel endete. Oben drüber gab es einen noch älteren Filzhut mit sehr wehmütig herabhängender Krämpe, unter welcher ein sehr verworrener Bartwald, eine riesige Nase und zwei kleine, listige Aeuglein hervorblickten. Daran erkannte ich meinen kleinen Sam Hawkens. Er pflanzte sich, die dünnen, krummen Beinchen weit auseinander spreizend, höchst anspruchsvoll vor mir auf und fragte:

   »Sir, kennt Ihr vielleicht den Mann, der jetzt vor Euch steht?«

   »Hm!« antwortete ich. »Will einmal sehen!«

   Ich nahm ihn bei seinen Armen, drehte ihn dreimal um sich selbst, betrachtete ihn dabei von allen Seiten und sagte dann:

   »Das scheint wahrhaftig Sam Hawkens zu sein, wenn ich mich nicht irre!«

   »Yes, mylord! Ihr irrt Euch nicht. Ich bin es, in eigener Person und Lebensgröße. Merkt Ihr etwas?«

   »Funkelnagelneuer Anzug!«

   »Will es meinen!«


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   »Von wem?«

   »Von der Bärenhaut, die Ihr mir geschenkt habt.«

   »Das sehe ich, Sam. Wenn ich aber frage: "von wem?" so will ich die Person wissen, von der Ihr den Anzug habt.«

   »Die Person? Hm! Ach so! Ja, die Person, Sir! Das ist so eine Sache. Eigentlich ist sie gar keine Person.«

   »Was denn?«

   »Ein Persönchen.«

   »Wieso?«

   »Na, kennt Ihr denn die hübsche Kliuna-ai nicht?«

   »Nein. Kliuna-ai heißt Mond. Ist's ein Mädchen oder eine Squaw?«

   »Beides, oder vielmehr keins von beiden.«

   »Also Großmutter?«

   »Unsinn! Wenn sie sowohl Squaw als auch Mädchen oder vielmehr keins von beiden ist, so muß sie natürlich Witwe sein. Sie ist die hinterlassene Squaw eines Apachen, der im letzten Kampfe mit den Kiowas gefallen ist.«

   »Und die Ihr darüber trösten wollt?«

   »Well, Sir,« nickte er. »Bin ihr gar nicht abgeneigt; habe sogar ein Auge auf sie geworfen, oder vielmehr alle beide.«

   »Aber, Sam, eine Indianerin!«

   »Was ist's weiter? Würde sogar eine Negerin heiraten, wenn sie nicht schwarz wäre. Uebrigens ist Kliuna-ai eine vortreffliche Partie.«

   »Warum?«

   »Weil sie das beste Leder im ganzen Stamme gerbt.«

   »Wollt Ihr Euch gerben lassen?«

   »Macht keine Witze, Sir! Es ist mir ernst. Ein trautes Heim – – versteht Ihr mich? Sie hat so ein volles, rundes Gesicht, grad wie der Mond.«

   »Mit einem ersten und einem letzten Viertel?«

   »Ich bitte nochmals, mit dem Monde keine Witze zu machen! Sie ist Vollmond, und ich heirate sie, wenn ich mich nicht irre.«

   »Hoffentlich wird kein Neumond draus. Wie habt Ihr denn diese Bekanntschaft gemacht?«

   »Eben durch die Gerberei. Erkundigte mich nach der besten


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Gerberin, nämlich des Bärenfells wegen; da wurde sie mir empfohlen. Trug ihr also das Fell hin und merkte sofort, daß sie Wohlgefallen hatte.«

   »An dem Felle?«

   »Unsinn! An mir natürlich!«

   »Das verrät Geschmack, lieber Sam!«

   »Ja, den hat sie! O, die ist gar nicht ungebildet! Das beweist sie auch schon dadurch, daß sie nicht bloß das Fell gegerbt, sondern einen neuen Anzug für mich daraus angefertigt hat. Wie gefalle ich Euch?«

   »Der reine Stutzer!«

   »Gentleman, nicht wahr? Ja, Gentleman! Sie war ganz weg, als sie mich vorhin in diesem Anzuge sah. Könnt Euch darauf verlassen, Sir; ich heirate sie!«

   »Wo steckt Euer alter Anzug?«

   »Habe ihn weggeschmissen.«

   »So, so! Und eines schönen Tages sagtet Ihr einmal, daß Euch Euer Rock nicht für zehntausend Dollars feil sei!«

   »Das war damals. Da gab es keine Kliuna-ai. Die Zeiten ändern sich. Well

   Das kleine, bärenlederne Freiersmännchen drehte sich um und stampfte stolz von dannen. Das menschenfreundliche Gefühl, welches er für die indianische Wittib empfand, verursachte mir gar keine moralischen Schmerzen und Bedenken. Man mußte Sam ansehen, um vollständig beruhigt zu sein. Die übermäßig großen Füße, die dünnen, krummen Beinchen, dann das Gesicht, o weh! Er glich einer männlichen Pastrana mit einem Geierschnabel im Gesichte. Das war selbst für eine Indianerin zu toll. Er war noch nicht weit fort von mir, da drehte er sich noch einmal um und rief mir zu:

   »Ist doch ein ganz anderes Ding, dieser neue Habitus, Sir! Bin wie neugeboren. Mag den alten nicht wiedersehen. Sam geht auf Freiersfüßen, hihihihi!«

   Am nächsten Tage begegnete ich ihm unten am Pueblo. Er machte ein nachdenkliches Gesicht.

   »Was gehen Euch für astronomische Gedanken durch den Kopf, lieber Sam?« fragte ich ihn.

   »Astronomische? Warum grad solche?«


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   »Weil Ihr ein Gesicht macht, als ob Ihr einen Kometen oder einen Nebelfleck entdecken wolltet.«

   »Ist auch fast so. Dachte, daß es ein Komet sei, wird aber wohl ein Nebelfleck sein.«

   »Wer?«

   »Sie, die Kliuna-ai.«

   »Ach so! Der Vollmond ist heut schon ein Nebelfleck! Warum?«

   »Habe sie gefragt, ob sie sich wieder einen Mann nehmen will. "Nein" hat sie geantwortet.«

   »Das darf Euch nicht abhalten, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Rom wurde nicht an einem Tage gebaut.«

   »Und mein neuer Anzug nicht in einer Stunde geflickt. Ihr habt recht, Sir; ich gehe noch immer auf Freiersfüßen.«

   Er stieg die Treppe hinan, um seine Kliuna-ai zu besuchen. Am nächsten Tage sattelte ich meinen Rotschimmel, um mit Winnetou auf die Büffeljagd zu reiten, da kam Sam Hawkens zu mir und fragte:

   »Darf ich mit, Sir?«

   »Auf die Büffeljagd? Nein, nein! Ihr jagt doch jetzt ein besseres Wild.«

   »Hält aber nicht stand!«

   »So?«

   »Ja. Und macht Ansprüche.«

   »Wieso?«

   »War wieder bei ihr. Da sagte sie mir, den Anzug habe sie mir auf Befehl Winnetous nähen müssen.«

   »Also nicht aus Liebe?«

   »Es scheint nicht so. Dann meinte sie weiter, das Gerben hätte ich bei ihr bestellt; was ich ihr dafür geben wolle.«

   »Also Bezahlung!«

   »Yes! Ist das ein Zeichen von Liebe?«

   »Weiß nicht. Habe keine Erfahrung in solchen Sachen. Kinder lieben ihre Eltern, und doch müssen diese alles für sie bezahlen. Vielleicht ist dies grad ein Beweis für die Gegenliebe Eures Vollmondes.«

   »Vollmond? Hm! Ist auch möglich, daß es nur das letzte Viertel ist. Also Ihr nehmt mich nicht mit?«


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   »Winnetou will allein mit mir reiten.«

   »So kann ich nichts dagegen haben.«

   »Ihr würdet auch Euern neuen Jagdrock zu Schanden machen, lieber Sam!«

   »Allerdings, das ist wahr. Blutflecke sind nichts für ein so feines Habit.«

   Er ging, drehte sich aber nochmals um und fragte: »Meint Ihr nicht, Sir, daß mein alter Anzug doch viel praktischer war?«

   »Möglich.«

   »Nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich.«

   Damit war die Sache für heute abgemacht. Aber in den nächsten Tagen wurde Sam immer nachdenklicher und einsilbiger. Sein Mond schien immer weiter abzunehmen. Da, eines Morgens sah ich ihn aus seiner Wohnung treten – – – im alten Anzuge!

   »Was ist denn das, Sam?« fragte ich ihn. »Ich denke, Ihr habt dieses Habit abgelegt, oder gar "weggeschmissen", wie Ihr Euch ausdrücktet.«

   »War auch so.«

   »Und es doch wieder hervorgesucht!«

   »Yes.«

   »Vor Aerger?«

   »Natürlich! Bin förmlich wütend!«

   »Auf das letzte Viertel?«

   »Ist Neumond geworden. Kann und mag diese Kliuna-ai gar nicht mehr sehen!«

   »Habe es Euch also ganz richtig prophezeit!«

   »Ja. Ist genau so geworden, wie Ihr sagtet. War aber eine Bewandtnis dabei, die mich fuchsteufelswild gemacht hat.«

   »Darf ich erfahren, welche?«

   »Ja, Euch will ich es sagen. War also gestern wieder bei ihr. Hat mich in den letzten Tagen schlecht behandelt, sehr schlecht, mich fast gar nicht angesehen und mir immer nur ganz kurz geantwortet. Sitze also gestern bei ihr und lehne mich dabei mit dem Kopf an einen hölzernen Pfahl. Dieser mag einen Splitter gehabt haben, an den mein Haar geraten ist.


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Als ich aufstehe, um zu gehen, gibt's einen gewaltigen Zupfer auf meine