[//98// 186]

Zweites Kapitel. Im Mogollongebirge.

Am kleinen Rio San Carlos, einem Nebenflusse des Rio Gila, stand ein Rancho, welcher nach seinem damaligen Besitzer Forners Rancho genannt wurde. Es gehörte diesem Amerikaner eine große Strecke Weidelandes; zur Feldwirtschaft war nur der am Flusse gelegene Teil desselben geeignet. Das Haus war nicht groß, aber sehr stark aus Steinen gebaut und von einer ebenso starken, doppelt mannshohen Mauer umgeben, welche in regelmäßigen Zwischenräumen von schmalen Schießscharten unterbrochen wurde, hier in dieser abgelegenen und gefährlichen Gegend eine sehr notwendige Einrichtung. Der Hof, welchen diese Mauer umschloß, war so groß, daß Forner im Falle einer Feindseligkeit von seiten der Indianer seinen ganzen Viehbestand in denselben zu retten vermochte.

Es war jetzt die beste Jahreszeit; die Steppe trug dichtes, grünes Gras, in welchem sich zahlreiche Rinder und Schafe gütlich thaten; auch einige Dutzend Pferde weideten im Freien, von mehreren Knechten bewacht, welche, ihres friedlichen Amtes waltend, miteinander Karten spielten. Das breite, gegen den Fluß gerichtete Mauerthor stand weit offen. Eben jetzt erschien der Ranchero unter demselben, eine echte, sehnige und kräftige Hinterwäldlergestalt. Er überflog mit scharfem aber zufriedenem Blicke die weidenden Herden und beschattete dann seine Augen mit der Hand, um hinaus in die Ferne zu sehen. Da nahm sein Gesicht den Ausdruck der Spannung an; dann wendete er sich um und rief über den Hof hinüber:

»Hallo, Boy, stell' die Brandyflasche bereit! Es kommt einer, der ihr auf den Boden sehen wird.«

»Wer?« fragte derjenige, dem dieser Ruf gegolten hatte, nämlich sein Sohn, dessen Gesicht an einem Fenster des Hauses erschien.

»Der Oelprinz.«

»Kommt er allein?«

»Nein. Es sind zwei Reiter mit einem Packpferde bei ihm.«

»Well; wenn sie ebenso trinken wie er, kann ich lieber gleich mehrere Flaschen herausstellen.«

Vor dem Hause lagen zehn oder zwölf Steinquader, welche so geordnet waren, daß der größte, mittelste, den Tisch vorstellte, während die andern, kleineren, als Sessel dienten. Der Sohn kam bald aus dem Hause und stellte drei volle Schnapsflaschen nebst einigen Gläsern auf diesen Tisch; dann schritt er über den Hof herüber, um den Ankömmlingen an der Seite des Vaters entgegenzusehen.

Diese hatten das jenseitige Ufer des Flüßchens erreicht und trieben ihre Pferde in das nicht tiefe Wasser desselben.

»Ist's möglich!« meinte da Forner erstaunt. »Aber wahrscheinlich irre ich mich. Wüßte wirklich nicht, was diesen Mann aus dem sichern Arkansas in diese haltlose Gegend führen könnte.«

»Wen?« fragte der Sohn.

»Master Rollins in Brownsville.«

»Etwa der Bankier, mit welchem du damals zu thun hattest?«

»Ja. Und wahrhaftig, er ist's; ich irre mich nicht! Bin großartig neugierig, zu erfahren, was er hier im wilden Arizona zu suchen hat.«

Die Reiter hatten das diesseitige Ufer erreicht und hielten nun im Trabe auf den Rancho zu. Der vorderste von ihnen rief schon von weitem:

»Good morning, Master Forner! Habt Ihr einen kräftigen Schluck übrig für drei Gentlemen, welche vor Durst fast von den Pferden fallen?«

Der Sprecher war ein langer, hagerer und sehr gut bewaffneter Mann, dessen außerordentlich scharf geschnittenes Gesicht von der Sonne verbrannt und von Wind und Wetter gegerbt worden war. Er trug einen für diese Gegend geradezu eleganten Anzug, welcher aber gar nicht zu ihm zu passen schien.

Der zweite Reiter war ein ältlicher Herr von behäbigem Aussehen. Der schnelle Morgenritt schien ihn angestrengt zu haben; er schwitzte. An seinem Sattel hing ein schönes Jagdgewehr. Ob er noch andre Waffen - wohl in den Taschen - bei sich hatte, sah man nicht, da er keinen Gürtel trug. Desto deutlicher aber sah man seinem ganzen Habitus an, daß ihm der wilde Westen fremd oder doch wenigstens nicht anheimelnd war. Er schien sich ungefähr in derselben Lage wie eine Landratte auf hoher See zu befinden.

Der dritte Ankömmling war ein junger, blonder und kräftiger Mann, welcher zwar nicht wie ein erfahrener Westmann auf dem Pferde saß, aber doch wenigstens ein guter Promenadenreiter war. Er hatte ein offenes, sympathisches Gesicht, welches leicht gebräunt war. Seine Waffen bestanden aus einem Gewehre, einem Bowiemesser und zwei Revolvern.

»Mehr als einen Schluck!« antwortete Forner. »Welcome, Mesch'schurs! Steigt ab und laßt es euch bei mir gefallen!«

Der behäbig aussehende Herr hielt sein Pferd an, musterte den Ranchero einige Sekunden lang und sagte dann:

»Mir ist's, also ob wir uns schon gesehen hätten, Sir. Forners Rancho! Also heißt Ihr Forner. Seid Ihr vielleicht bei mir in Brownsville gewesen? Ich heiße Rollins, und dieser junge Sir hier an meiner Seite ist Mr. Baumgarten, mein Buchhalter.«

Forner verbeugte sich gegen die beiden und antwortete:

»Natürlich haben wir uns gesehen, Sir. Ich hatte meine Ersparnisse bei Euch stehen und holte sie mir, ehe ich nach Arizona ging. Nur war es keine so hohe Summe, daß Euch meine Person hätte auffallen und im Gedächt-


//99// 187

nis bleiben müssen. Also kommt herein! Mein Brandy ist so gut, wie sonst irgend einer, und einen Imbiß könnt Ihr auch haben, wenn Ihr keine großen Ansprüche macht. Wie lange gedenkt Ihr hier zu bleiben, Master Grinley?«

»Bis die heißeste Mittagszeit vorüber ist,« antwortete der, welcher Oelprinz genannt worden war, denn an diesen hatte Forner seine Frage gerichtet.

Die Pferde wurden abgesattelt und durften auf die Weide gehen. Die Reiter nahmen auf und an den erwähnten Steinen Platz. Grinley goß sich sofort ein Glas voll Brandy und leerte es in einem Zuge; schon nach kurzer Zeit hatte er der Flasche auf den Boden gesehen. Der Bankier mischte den Branntwein mit Wasser, während Baumgarten nur Wasser trank. Forner, Vater und Sohn, hatten sich in das Haus zurückgezogen, um von ihren einfachen Vorräten den Gästen ein Essen zu bereiten.

Von ihnen allen konnte keiner sehen, daß jetzt abermals zwei Reiter über den Fluß kamen und sich dem Rancho näherten. Sie hatten jedenfalls einen weiten Ritt hinter sich, und ihre Pferde waren sehr ermüdet. Diese beiden Männer waren Buttler, der Anführer der zwölf Finders, und Polier, der entlassene Führer der deutschen Auswanderer. Indem sie sich dem offenen Thore näherte, fragte Polier:

»Bist du wirklich überzeugt, daß der Ranchero dich nicht kennt? Du hast ihn mir als einen ehrlichen Kerl beschrieben, und ich nehme also an, daß der Name Buttler bei ihm Anstoß erregen würde.«

Man sieht, die beiden waren so vertraut miteinander geworden, daß sie sich jetzt du nannten. Buttler antwortete:

»Er hat mich nie gesehen. Nur mein Bruder ist oft bei ihm gewesen.«

»Der aber natürlich auch Buttler heißt!«

»Allerdings, aber er hat sich hier stets Grinley genannt.«

»Das war klug. Aber Brüder pflegen sich ähnlich zu sehen. Wahrscheinlich ist dies bei euch auch der Fall?«

»Nein. Wir sind Stiefbrüder und stammen von verschiedenen Müttern.«

»Weißt du, wo er sich jetzt befindet?«

»Nein. Als wir uns trennten, ging ich südwärts, um die Gesellschaft der Finders zu gründen; er aber war unentschlossen, wohin er sich wenden würde. Wer weiß, wo wir uns einmal wiedertreffen, wenn wir überhaupt in diesem Leben - - alle Wetter, dort sitzt er ja!«

Die beiden waren in diesem Augenblicke unter dem Thore angekommen und sahen die drei Fremden im Hofe sitzen.

Buttler erkannte sofort Grinley, seinen Bruder, und hielt erstaunt sein Pferd an. Grinleys Blick fiel zu gleicher Zeit nach dem Thore. Er erkannte Buttler und hatte trotz seiner Ueberraschung die Geistesgegenwart, die Hand schnell auf den Mund zu legen, was eine Aufforderung zum Schweigen ist.

»Ja, er ist es,« fuhr Buttler fort, indem er sein Pferd wieder in Bewegung setzte und in den Hof ritt. »Sahst du das Zeichen, welches er mir gab? Wir dürfen ihn nicht kennen.«

Sie stiegen von ihren Pferden, ließen dieselben laufen und näherten sich den Steinen, gerade als die beiden Forners aus dem Hause kamen, um ihren Gästen Fleisch und Brot zu bringen. Sie grüßten und fragten, ob es erlaubt sei, sich mit niederzusetzen. Es wurde ihnen natürlich nicht versagt, und sie aßen und tranken mit, ohne daß man sie nach ihren Namen und sonstigen Verhältnissen oder Absichten fragte.

Die beiden Brüder, welche sich nicht kennen durften, beabsichtigten ganz selbstverständlich, sich gegen einander auszusprechen; dies mußte aber heimlich geschehen. Darum stand Grinley nach dem Essen auf und sagte, er wolle


//100// 188

hinter das Haus gehen und sich dort im Schatten niederlegen, um ein wenig auszuruhen. Buttler folgte ihm nach einiger Zeit so unauffällig und unbefangen wie möglich. Die andern blieben sitzen.

Und wieder kamen zwei Reiter, aber nicht jenseits des Flusses, sondern am diesseitigen Ufer entlang. Sie waren sehr gut beritten. Wären ihre Figuren andre gewesen, so hätte man sie von weitem für Old Shatterhand, den berühmten Prairiejäger, und für Winnetou, den ebenso berühmten Häuptling der Apachen, halten können. Aber sie waren beide von zu kleiner Gestalt, der eine dick und der andre schmächtig.

Der Schmächtige trug lederne ausgefranste Leggins und ein ebenso ausgefranstes ledernes Jagdhemde, dazu lange Stiefel, deren Schäfte er über die Kniee emporgezogen hatte. Auf seinem Kopfe saß ein sehr breitkrämpiger Filzhut. In dem breiten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte hing ein Lasso und am Halse an einer seidenen Schnur eine indianische Friedenspfeife. Quer über dem Rücken hatte er zwei Gewehre, ein langes und ein kurzes. Genau so pflegte sich Old Shatterhand zu kleiden. Auch er besaß zwei Gewehre, den gefürchteten Henrystutzen und den weltbekannten langen, schweren Bärentöter.

Während dieser kleine hagere Mann bemüht zu sein schien, ein Eben- oder Abbild von Old Shatterhand zu liefern, war der andre bemüht gewesen, Winnetou nachzuahmen. Er trug ein weißgegerbtes und mit roter, indianischer Stickerei verziertes Jagdhemde. Die Leggins waren aus demselben Stoffe gefertigt und an den Nähten mit Haaren besetzt; ob dies aber Skalphaare waren, das ließ sich sehr bezweifeln. Die Füße steckten in mit Perlen gestickten Mokassins, welche mit Stachelschweinsborsten geschmückt waren. Am Halse trug er auch eine Friedenspfeife und dazu ein Ledersäckchen, welches einen indianischen Medizinbeutel vorstellen sollte. Um die dicke Taille schlang sich ein breiter Gürtel, welcher aus einer Santillodecke bestand. Aus demselben schauten die Griffe eines Messers und zweier Revolver hervor. Sein Kopf war unbedeckt; er hatte sich die Haare lang wachsen lassen und sie in einen hohen Schopf geordnet. Quer über dem Rücken hing ihm ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile mit silbernen Nägeln beschlagen waren -eine Imitation der berühmten Silberbüchse des Apachenhäuptlings Winnetou.

Wer Old Shatterhand und Winnetou kannte und hier diese beiden Männlein sah, der hätte sich sicher eines Lächelns nicht erwehren können - das glattrasierte, gutmütige und etwas naseweise Gesicht des Hageren im Vergleiche zu den durchgeistigten, gebieterischen Zügen Old Shatterhands -und die blühend roten, runden Backen, die treuherzigen Augen und freundlich lächelnden Lippen des Dicken als Konterfei des ernsten, bronzenen Gesichtes des Apachen!

Und doch waren diese beiden ganz und gar nicht Personen, über welche zu lachen man Ursache gehabt hätte. Ja, sie besaßen gewisse auffällige Eigentümlichkeiten, aber sie waren Ehrenmänner, Gentlemen durch und durch, und hatten mancher großen und seltenen Gefahr tapfer und unerschrocken in das Auge geschaut. Mit einem Worte: der Dicke war der als »Tante Droll« bekannte Westmann und der Hagere sein Freund und Vetter Hobble-Frank.

Ihre Verehrung für Old Shatterhand und Winnetou war so groß, daß sie sich wie diese beiden gekleidet hatten, was ihnen freilich ein ganz ungewohntes Aussehen gab. Ihre Anzüge waren neu und hatten jedenfalls ein nicht geringes Geld gekostet; und in Beziehung auf ihre Pferde waren sie auch nicht sparsamer gewesen.

Auch sie hatten den Rancho zum Ziele und ritten durch das Thor desselben ein. Als sie auf dem Hofe erschienen, erregten sie einiges Aufsehen, welches seinen Grund in dem Kontraste hatte, welcher zwischen ihrer kriegerischen Ausrüstung und ihrem gutmütigen Aussehen bestand. Sie machten nicht viel Federlesens, stiegen von ihren Pferden, grüßten kurz und setzten sich auf zwei noch leere Steine, ohne zu fragen, ob dies den andern angenehm sei oder nicht.

(Fortsetzung folgt.)


//103// 197

Forner musterte die beiden Ankömmlinge mit neugierigen Augen. Er war ein erfahrener Mann und wußte dennoch nicht, was er aus ihnen machen sollte. Er konnte nur durch Fragen zum Ziele kommen; darum erkundigte er sich:

»Wollen die Gentlemen vielleicht auch etwas genießen?«

»Jetzt nicht,« antwortete Droll.

»Also später. Wie lange gedenkt ihr hier zu bleiben?«

»Das kommt auf die Verhältnisse an, wenn es nötig ist.«

»Ihr meint jedenfalls hiesige Verhältnisse?«

»Ja.«

»Da kann ich euch sagen, daß ihr bei mir sicher seid.«

»Wo anders auch!«

»Meint ihr? So wißt ihr wohl noch gar nicht, daß die Navajos ihre Kriegsbeile ausgegraben haben?«

»Wir wissen's.«

»Und daß auch die Moquis und Nijoras sich im hellen Aufstande befinden?«

»Auch das.«

»Und dennoch fühlt ihr euch sicher?«

»Warum sollen wir uns unsicher fühlen, wenn es nötig ist?«

Es ist ganz eigentümlich und eine alte Erfahrung, daß es selten einen richtigen Westmann gibt, der sich nicht irgend eine bestimmte, stehende Redensart angewöhnt hat. Sam Hawkens z.B. bediente sich häufig der Worte »wenn ich mich nicht irre«; Droll hatte sich den Ausdruck


//104// 198

»wenn es nötig ist« angewöhnt. Oft werden diese Redensarten bei Gelegenheiten angewandt, wo sie höchst lächerlich erscheinen und wohl gar das Gegenteil von dem sagen, was ausgedrückt werden soll. So auch jetzt und hier. Darum sah Forner den kleinen Dicken erstaunt an, fuhr aber doch ernsthaft fort:

»Kennt Ihr denn diese Völkerschaften, Sir?«

»Ein wenig.«

»Das reicht nicht aus. Man muß Freund mit ihnen sein, und selbst dann noch ist es möglich, daß man den Skalp verliert, wenn sie den Kampf gegen die Weißen beschlossen haben. Wenn euch euer Weg etwa nach Norden führt, So rate ich euch ab; es ist dort keineswegs geheuer. Ihr scheint zwar gut ausgerüstet zu sein, aber wie ich an euern neuen Anzügen sehe, kommt ihr direkt aus dem Osten, und eure Gesichter sind auch nicht solche, aus denen man den unerschrockenen Westmann sofort herauszulesen vermag.«

»So! Das ist sehr aufrichtig. Ihr beurteilt die Leute also nach ihren Gesichtern, wenn es nötig ist?«

»Ja.«

»Das gewöhnt Euch sobald wie möglich ab. Man schießt und sticht mit der Büchse und dem Messer, nicht aber mit dem Gesichte, verstanden! Es kann einer sehr martialische und grimmige Gesichtszüge besitzen und dabei doch ein Hasenfuß sein.«

»Das will ich nicht bestreiten; aber ihr - hm. Darf ich nicht vielleicht erfahren, was ihr seid, Mesch'schurs?«

»Warum denn nicht?«

»Nun, bitte!«

»Wir sind - na ja, wir sind eigentlich das, was man Rentiers oder wohl auch Particuliers nennt.«

»O weh! Da seid ihr wohl zu euerm Vergnügen nach dem Westen gekommen?«

»Zu unserm Herzeleid natürlich nicht!«

»Wenn das ist, Sir, da kehrt sofort wieder um, sonst werdet Ihr hier ausgelöscht, wie man ein Licht ausbläst. Aus der Art und Weise, wie Ihr redet, höre ich, daß Ihr keine Ahnung von den Gefahren habt, die in dieser Gegend auf Euch warten, Master - Master - wie ist doch Euer Name?«

Droll griff gemächlich in die Tasche, brachte eine Karte hervor und überreichte sie ihm. Der Ranchero machte ein Gesicht, als ob er sich die größte Mühe geben müsse, das Lachen zu verbeißen, und las laut.

»Sebastian Melchior Pampel.«

Der Hobble-Frank hatte auch in die Tasche gelangt und ihm eine Karte gegeben. Forner las:

»Heliogabalus Morpheus Edeward Franke.«

Er hielt einen Augenblick inne und brach dann lachend los:

»Aber, Gents (* Abkürzung von Gentlemen.), was sind das für sonderbare Namen, und was seid ihr doch für sonderbare Menschen! Meint ihr etwa, daß die aufrührerischen Indianer vor diesen euern Namen ausreißen werden? Ich sage euch, daß -«

Er mußte innehalten, denn Rollins, der Bankier, fiel ihm in die Rede:

»Bitte, Master Forner, redet nichts, was diese Gentlemen beleidigen könnte. Ich habe zwar nicht die Ehre, sie persönlich zu kennen, aber ich weiß, daß sie Leute sind, vor denen Ihr Respekt haben müßt.«

Und sich dann direkt an den Hobble-Frank wendend, fuhr er fort:

»Sir, Euer Name ist ein so ungewöhnlicher, daß ich ihn mir gemerkt habe. Ich bin der Bankier Rollins aus Brownsville in Arkansas. Wurden nicht vor einigen Jahren Gelder für Euch bei mir deponiert?«

»Ja, Sir, das ist richtig,« nickte Frank. »Ich vertraute es einem guten Freunde an, welcher es für mich bei Euch niederlegen mußte, weil Ihr mir von Old Shatterhand als sicher geschildert worden waret. Später konnte ich es nicht selbst erheben, sondern ließ es mir nach New York schicken.«

»Das stimmt, das stimmt!« fiel Rollins eifrig ein. »Old Shatterhand, ja, ja! Ihr hattet damals droben in der Nähe von Fillmore City, am Silbersee glaube ich, eine große Masse Gold gefunden. Ist's nicht so, Sir?«

»Ja,« lachte Frank vergnügt. »Es waren so einige Fingerhüte voll.«

Da sprang Forner von seinem Sitze auf und rief:

»Donnersturm! Ist das wahr, ist das möglich? Ihr seid mit da oben am Silbersee gewesen?«

»Gewiß. Und hier mein Vetter war auch dabei.«

»Wirklich, wirklich? Damals waren ja alle Zeitungen voll von der außerordentlichen Geschichte. Old Firehand, Old Shatterhand, Winnetou sind dabei gewesen, diese berühmten Kerls. Dann der dicke Jemmy, der lange Davy, der Hobble-Frank, die Tante Droll! So kennt Ihr also diese Leute, Sir?«

»Natürlich kenne ich sie. Hier sitzt die Tante Droll, da neben mir, wenn Ihr es gütigst erlaubt.«

Er deutete bei diesen Worten auf seinen Gefährten, dieser zeigte auf ihn und erklärte:

»Und hier habt Ihr unsern Hobble-Frank, wenn es nötig ist. Meint Ihr nun immer noch, daß wir Leute sind, welche den Westen noch nicht kennen?«

»Unglaublich, geradezu unglaublich! Aber es kann nicht sein! Die Tante Droll ist nie anders zu sehen, als in einem ganz sonderbaren Anzuge, in welchem man sie für eine Lady hält. Und der Hobble-Frank trägt einen blauen Frack mit blanken Knöpfen und auf dem Kopfe einen großen Federhut!«

»Muß das immer sein? Darf man sich nicht anders kleiden? Meint Ihr, daß ein Anzug so unverwüstlich ist, daß er im wilden Westen jahrhundertelang getragen werden kann? Als Freunde und Gefährten von Old Shatterhand und Winnetou beliebt es uns jetzt, uns genau wie diese beiden Männer zu kleiden. Wenn Ihr uns nicht glaubt, so ist das Eure Sache; wir haben nichts dagegen.«

»Ich glaube es, Sir, ich glaube es! Ich habe ja gehört, daß man es der Tante Droll und dem Hobble-Frank gar nicht ansehen soll, was für prächtige Kerls


//105// 199

sie sind, und das stimmt vollständig. Wie freu' ich mich, euch zu sehen, Mesch'schurs. Jetzt müßt ihr erzählen; ich bin ganz begierig, aus euerm eigenen Munde zu erfahren, was sich alles damals ereignet hat, und wie jenes außerordentliche Placer entdeckt worden ist.«

Da wehrte der Bankier ab.

»Langsam, langsam, Sir! Das könnt Ihr noch jederzeit hören. Es gibt vorher noch viel Wichtigeres, wenigstens für mich.«

Er hatte das zu Forner gesagt; dann fügte er hinzu, sich an Droll und Frank wendend:

»Ich stehe nämlich vor einem ähnlichen Ereignisse; ich befinde mich auf dem Wege, viele, viele Millionen zu verdienen.«

»Wißt Ihr auch ein Placer, Sir?« fragte Droll.

»Ja; aber nicht Gold, sondern Petroleum soll dort zu finden sein.«

»Auch nicht übel, Sir. Petroleum ist flüssiges Gold. Wo soll denn dieses Placer zu suchen sein?«

»Das ist noch Geheimnis. Master Grinley hat es entdeckt. Er besitzt aber nicht die Mittel, es auszubeuten; dazu gehört viel, sehr viel Geld, und das habe ich. Er hat mir das Placer angeboten, und ich bin bereit, es ihm abzukaufen. Zu solchen Geschäften muß man die eignen Augen nehmen. Darum habe ich mich mit meinem Buchhalter, Mr. Baumgarten hier, aufgemacht, um mich von Grinley nach der Stelle führen zu lassen. Wenn seine Beschreibung sich als richtig erweist, kaufe ich ihm den Platz auf der Stelle ab.«

»Also wo er Euch hinführen wird, das wißt Ihr nicht?«

»Genau allerdings nicht. Es ist ja ganz begreiflich, daß er den Ort bis zum letzten Augenblicke geheim halten will. Wenn es sich um Millionen handelt, kann man nicht bedächtig genug sein.«

»Ganz richtig. Hoffentlich ist er es nicht allein, welcher vorsichtig handelt, denn Ihr habt noch viel mehr Grund, wenigstens ebenso vorsichtig zu sein. Aber so ungefähr müßt Ihr doch wissen, in welcher Gegend das Oel zu finden ist?«

»Das weiß ich allerdings.«

»Nun, wo? Wenn Ihr es mir nämlich sagen wollt.«

»Euch sage ich es gern, denn ich möchte wissen, was Ihr davon haltet. Es ist am Chellyarm des Rio San Juan.«

Das volle, rote Gesicht Drolls zog sich in die Länge. Er sah nachdenklich vor sich nieder und sagte:

»Am Chellyarm des Rio San Juan? Da - soll - Pe--tro-le-um zu finden - sein? Im ganzen Leben nicht!«

»Was? Wie? Warum?« rief der Bankier. »Ihr glaubt es nicht?«

»Nein.«

»Kennt Ihr denn die Gegend?«

»Nein.«

»So könnt Ihr doch auch nicht in dieser Weise absprechend urteilen!«

»Warum nicht? Man braucht nicht dort gewesen zu sein, um dennoch zu wissen, daß es dort kein Oel geben kann.«

»Da widerspreche ich. Mr. Grinley war dort und hat Oel gefunden. Ihr aber seid nicht dort gewesen, Sir.«

»Hm! Ich war auch noch nicht in Aegypten und am Nordpole; aber wenn mir jemand sagte, er habe im Nil Buttermilch fließen und am Pole Palmen wachsen sehen, so glaube ich es nicht.«

»Ihr zieht die Sache in das Lächerliche; um ein so schnelles und bestimmtes Urteil fällen zu können, müßtet Ihr Geolog oder Geognost sein. Seid Ihr das?«

»Nein; aber ich besitze meinen gesunden Menschenverstand und habe ihn geübt.«

Da nahm Forner sich der Sache an, indem er der Tante Droll erklärte:

»Ihr thut Mr. Grinley unrecht, Sir, jedermann hier weiß, daß er Petroleum gefunden hat. Es ist ihm gar mancher heimlich nachgegangen, um ihm sein Geheimnis abzulauschen und den Ort zu entdecken, doch stets vergeblich.«

»Natürlich ganz vergeblich, weil es diesen Ort überhaupt nicht gibt!«

»Es gibt ihn, sage ich Euch! Mr. Grinley wird hier von jedermann der Oelprinz genannt.«

»Das beweist gar nichts.«

»Aber er hat mir verschiedene Male Proben des Oeles gezeigt!«

»Auch das ist kein Beweis. Petroleum kann jeder zeigen. Es ist mir wirklich ganz unglaublich, daß es da oben Erdöl gibt. Nehmt Euch in acht, Mr. Rollins! Denkt daran, daß es vor nicht gar langer Zeit Schwindler gab, welche Geldleute in sogenannte Gold- und sogar auch Diamantdistrikte lockten; dann stellte es sich heraus, daß es dort weder Metalle noch Edelsteine gab!«

»Sir, wollt Ihr Mr. Grinley verdächtigen?«

»Fällt mir nicht ein. Die Sache geht mich gar nichts an; aber Ihr habt mich nach meiner Meinung gefragt, und ich habe sie Euch mitgeteilt.«

»Gut! Darf ich vielleicht auch erfahren, was Mr. Frank davon denkt?«

»Ganz dasselbe, was Droll denkt,« antwortete der Hobble-Frank. »Wenn Ihr uns nicht beistimmen wollt, so wartet hier einige Tage; dann werden zwei Personen kommen, auf deren Urteil Ihr Euch verlassen könnt.«

»Wer wird das sein?«

»Old Shatterhand und Winnetou.«

»Was?« fragte Forner freudig überrascht. »Diese beiden Männer wollen in einigen Tagen nach hier kommen?«

»Ja.«

»Woher wißt Ihr das?«

»Von Old Shatterhand.«

»Hat er Euch hierher bestellt?«

»Nein; aber er hat die Güte, mich zuweilen mit einem Briefe zu erfreuen, und vor acht Wochen schrieb er mir, daß er sich mit Winnetou verabredet habe, um die jetzige Zeit mit ihm auf Forners Rancho am Rio San Carlos zusammenzutreffen.«

»Und Ihr meint, daß dies geschehen wird?«


//106// 200

»Ganz bestimmt.«

»Es können Störungen eintreten!«

»Ja; aber dann wartet hier einer auf den andern.«

»Und wenn sie doch nicht kommen?«

»Sie kommen so gewiß, wie der Tag auf die Nacht erscheint. Es ist dagewesen, daß sie sich verabredet haben, an einem gewissen Tage bei einem bestimmten Baume mitten im Urwalde zusammenzutreffen, und niemals haben sie sich verfehlt. Sobald ich den Brief gelesen hatte, war ich überzeugt, daß sie jedes Hindernis überwinden und zur angegebenen Zeit hier sein würden. Ich entschloß mich sofort, mit dabei zu sein und sie zu überraschen. Mein Vetter Droll war gleich dabei, und daß wir aus Deutschland und Sachsen herübergekommen sind, das muß Euch beweisen, daß sie unbedingt hier eintreffen werden.«

»Aus Deutschland? Aus Sachsen?« fiel da Baumgarten, der Buchhalter, rasch ein. »So seid Ihr wohl ein Deutscher, Sir?«

»Ja. Wißt Ihr das noch nicht?«

»Nein. Und hätte ich es einmal gewußt, so habe ich es wieder vergessen. Um so mehr bin ich erfreut, in Euch einen Landsmann begrüßen zu können. Hier meine Hand, Sir; erlaubt mir gefälligst, die Eurige zu drücken!«

Da reichte ihm der Hobble-Frank die seinige hin und rief erfreut in seinem heimatlichen Dialekte:

»Da nehmen Sie sie hin; hier ist sie gegenwärtig mit allen Fingern, die daran gehören! Sie ooch een Deutscher? Wenn mersch nich erleben thät, so thät mersch gar nich glooben! In welcher heimatlichen Gegend sind denn eegentlich Sie aus der jenseitigen Ewigkeet in die diesseitige Zeitlichkeet hineingeschprungen?«

»In Hamburg.«

»In Hamburg? I der Tausend! Also eenige Stunden oberhalb der geographischen Schtelle, an welcher meine liebe Elbe ihre Verlobung mit der Nordsee feiert. Das is mir unendlich intriguant. Wir sind also beede mit Elbwasser getooft, und wenn ich wieder off meinem Bärenfette sitze, kann ich Ihnen mit den Wellen meine Grüße franko zuschpedieren.«

»Bärenfett?« fragte Baumgarten verwundert.

»Jawohl, jawohl! Sind Sie denn nich Abonnement vom >Guten Kameraden<, der in Schtuttgart herausgegeben und an allen Orten der Erde begeischdert gelesen wird?«

»Sie meinen die Knabenzeitung, die diesen Titel führt?«

»Natürlich meene ich nur die!«

»Gesehen habe sich sie, aber abonniert bin ich nicht darauf.«

»Nich? Hören Sie, das is eene Unterlassungssünde, für welche es keen pater pizzicato gibt. Die müssen Sie halten; die müssen Sie lesen! Ohne die kann keen gebildeter Mensch mehr existieren, denn ich bin eener ihrer oberschten Mitarbeiter. Hätten Sie sie gelesen, so wüßten Sie ganz genau, was ich mit meinem Bärenfett meene, nämlich meine Villa >Bärenfett<, die ich im dritten Jahrgange paganini 397 so physikalisch-dramatisch geschildert habe. Wenn Sie mal nach Sachsen kommen, müssen Sie mich da besuchen, denn dort finden Sie alle Andenken, Erinnerungen und Souverains von meinen ein- und auswärtigen Erlebnissen.«

Baumgarten hatte vom Hobble-Frank gehört: er besann sich jetzt, daß derselbe als ein recht sonderbares Menschenkind geschildert worden war. Jetzt hatte er ihn in Lebensgröße vor sich und gab sich der nun in einem ununterbrochenen Strome fließenden Unterhaltung mit großem Vergnügen hin. Dieselbe gewann dadurch an Interesse und Lebhaftigkeit, daß sich Droll in seinem Altenburger Dialekte auch daran beteiligte.

Unterdessen stand Poller, der entlassene Führer, von seinem Platze auf und that, als ob er nach seinem Pferde sehen wolle. Er machte sich eine kleine Weile mit demselben zu schaffen und verschwand dann hinter dem Hause, wo die beiden Brüder Buttler neben einander im Grase lagen und sich höchst wichtige Dinge mitzuteilen hatten. Da der eine von ihnen sich hier auf dem Rancho unter dem Namen Grinley eingeführt hatte, mag ihm derselbe auch behalten bleiben. Die Gebrüder Buttler hatten früher im Verein mit andern gleichgesinnten Menschen an den Grenzen zwischen Kalifornien, Nevada und


//107// 201

Arizona eine lange Reihe von Thaten begangen, welche so unerhört waren, daß sich schließlich notgedrungener Weise eine Gesellschaft von Regulatoren gebildet hatte, um diesem Unwesen, gegen welches sich das Gesetz als machtlos erwies, auf eigene Faust ein Ende zu machen. Dies war gelungen. Man hatte die meisten Mitglieder der Bande gelyncht: nur wenige waren entkommen, unter ihnen gerade die beiden hervorragendsten und schlimmsten, die Buttlers. Sie hatten sich, wie bereits erwähnt, getrennt. Der eine war nach dem Süden gegangen, um die Gesellschaft der Finders zu gründen, und der andre hatte sich lange Zeit planlos in Utah, Colorado und Neumexiko herumgetrieben, bis er auf einen raffinierten Gedanken verfallen war, dessen Ausführung in das Werk zu setzen er jetzt nun im Begriffe stand. Als er seinem Bruder das Hauptsächlichste darüber mitgeteilt hatte, warf dieser einen bewundernden Blick auf ihn und sagte:

»Du warst stets der Pfiffigere von uns beiden, und ich gestehe dir aufrichtig, daß mir auch dein jetziger Plan ungeheuer imponiert. Meinst du, daß dieser Bankier Rollins wirklich darauf hereinfallen wird?«

»Unbedingt. Er ist geradezu begeistert für das Unternehmen, welches mir mit einem Schlage wenigstens hunderttausend Dollars einbringen wird.«

»Soviel - - soviel setzt er daran?!« rief der andre aus.

»Still! Nicht so laut! Hier haben zuweilen die Grashalme Ohren. Bedenke, daß er überzeugt ist, mit leichter Mühe und in kürzester Zeit Millionen verdienen zu können! Was sind da lumpige hunderttausend Dollars, für welche ich mich ein für allemal abfinden lasse!«

»Aber wann zahlt er sie? Er muß ja in kürzester Zeit hinter den Betrug kommen.«

»Sofort hat er zu zahlen, sofort. Ich weiß, daß er die Anweisungen schon jetzt in der Tasche trägt. Sie sind nur noch zu unterschreiben, und das wird er sicher thun, sobald das Oel ihn in den voraussichtlichen Taumel versetzt.«

»So wundert mich nur eins, nämlich, daß er keinen wirklich Sachverständigen mitgenommen hat; der Buchhalter, welcher ihn begleitet, ist in dieser Beziehung doch wohl nur ein Null.«

»Ja, das habe ich geschickt anfangen müssen. Je mehr Begleiter, desto mehr Bieter. Ich soll auf ihn allein angewiesen sein und keine andre Gelegenheit zum Verkaufe finden. Nähme er einen Ingenieur mit, so könnte dieser leicht auf eigene Faust und heimlich mit mir verhandeln. Diesen Gedanken glaubt er, selbst gefaßt zu haben, und doch bin ich es, der ihm denselben eingegeben hat. Den Buchhalter hat er mitgenommen, weil er seiner bedarf, um sofort und nach allen Seiten hin disponieren zu können. Ich habe mir ihn gefallen lassen, weil er ein dummer Deutscher ist, den ich nicht zu fürchten brauche. Er wäre der Allerletzte, auf den Gedanken zu kommen, daß die Petroleumquelle Schwindel ist.«

(Fortsetzung folgt.)


//108// 211

»Bist du überzeugt, daß dein Oelvorrat hinreichend ist?« fragte Buttler seinen Bruder.

»Er reicht. Du kannst dir aber denken, welche Mühe es mich gekostet hat, die Fässer von so weit her- und einzeln hinaufzuschaffen. Kein Mensch durfte etwas ahnen, und jede Begegnung hatte ich unterwegs zu vermeiden. Ich habe mich damit ein ganzes, volles Jahr geschunden und alles allein, ganz allein machen müssen, denn einen Vertrauten außer dir konnte ich nicht gebrauchen, und du warst nicht da.«

»Hättest du denn auch das, was nun noch zu thun ist, ohne fremde Hilfe fertig gebracht?«

»Es hätte gehen müssen, wäre aber nur sehr schwer gegangen. Du mußt bedenken, daß ich der Führer des Bankiers bin und mich also nicht von ihm entfernen darf, ganz besonders auch deshalb nicht, weil er sonst Verdacht schöpfen könnte. Und doch hätte ich dies thun müssen, um das Oel in das Wasser zu bringen. Es sind vierzig Fässer, eine wahre Heidenarbeit für einen einzelnen Menschen, der überdies keine Zeit dazu hat! Um so mehr freue ich mich, dich getroffen zu haben, denn ich denke doch, daß du mir helfen wirst?«

»Mit dem größten Vergnügen. Aber natürlich setze ich da voraus, daß es nicht umsonst geschehen soll.«

»Selbstverständlich. Zwar von den hunderttausend Dollars möchte ich nichts abgeben, denn ich habe sie redlich verdient, und du hast nun weiter nichts zu thun, als die Fässer zu öffnen. Ich werde also mehr verlangen und was dies beträgt, das ist dein, verstehst du?«

»Und wenn er aber nicht mehr gibt?«

»Er gibt mehr; ich versichere es dir. Und sollte ich mich darin täuschen, so kennst du mich und weißt, daß wir leicht einig werden. Du wirst aber heut noch aufbrechen müssen, denn wenn du länger bleibst, kann leicht etwas geschehen, was Rollins und seinen Deutschen auf den Gedanken bringt, daß wir uns kennen.«

»Ich müßte auch ohnedies fort, da noch am Nachmittage


//109// 212

die Auswanderer mit ihrem >Kleeblatte< ankommen und die dürfen mich natürlich nicht sehen.«

»Ahnen sie, daß du sie verfolgst?«

»Nein, wenigstens glaube ich es nicht, denn sie können nicht erfahren haben, daß ich entkommen bin. Es hat uns große Anstrengung gekostet, sie ein- und dann heut gar zu überholen. Dieser schlaue Sam Hawkens hat sie beredet, von ihrer ursprünglich geplanten Richtung abzuweichen. Er ist über den Gila gegangen, anstatt diesem zu folgen und hat dann, um rascher reisen zu können, auf Bells Farm die langsamen Ochsen mit den schnelleren Maultieren vertauscht und ebenda die Wagen und alles überflüssige Gerät verkauft. Nun reiten sie alle.«

»Du weißt bestimmt, daß sie heute hier ankommen?«

»Ja; ich habe sie gestern abend in ihrem Lager belauscht. Poller hat es auch gehört.«

»Ah, dieser Poller! Ist er dir nicht im Wege?«

»Jetzt noch nicht.«

»Aber desto mehr mir. Kannst du ihn nicht loswerden?«

»Schwerlich.«

»Durch irgend eine List?«

»Geht nicht. Er würde mich aus Rache an das >Kleeblatt< verraten und gewiß auch Aufklärung über dich erteilen.«

»Er kennt mich doch nicht!«

»O doch, denn als ich dich sitzen sah, habe ich ihm gesagt, daß du mein Bruder bist. Während wir uns jetzt hier befinden, wird sicher von eurer Petroleumquelle gesprochen; er denkt sich natürlich das Richtige und würde, wenn ich ihn verließe, an dir zum Verräter werden.«

»Das ist dumm. Du hättest ihm nichts sagen sollen.«

»Es ist nun einmal geschehen und kann nicht geändert werden. Ueberdies kann er mir behilflich sein und mir da droben am Gloomy-water (* Dürres Wasser.) meine Arbeit sehr erleichtern.«

»Willst du ihn einweihen?«

»Nur zum Teil, vollständig nicht.«

»Dennoch wird er mit uns teilen wollen!«

»Mag sein; er bekommt jedoch nichts. Sobald ich ihn nicht mehr gebrauchen kann, schaffe ich ihn aus dem Wege.«

»Well, das lass' ich gelten. Er mag uns jetzt helfen, und dann bekommt er, ist's nötig, eine Kugel oder mag im Petroleum ersaufen. Wann brecht ihr hier auf?«

»Das kann sofort geschehen.«

»Schön! So könnt ihr heut abend schon weit von hier sein.«

»Da täuschest du dich. Es fällt mir gar nicht ein, die deutschen Auswanderer aus den Augen zu lassen.«

»Auf sie wirst du nun, da du mir zu helfen hast, verzichten müssen.«

»Keinesweges. Es ist einer dabei, Ebersbach heißt er, welcher viel bares Geld bei sich hat, und außerdem besitzen sie viel und allerlei, was unsereiner gut gebrauchen und verwerten kann. Dazu kommt die Rache, die ich an ihnen nehmen will und die ich ganz unmöglich aufgeben kann.«

»Ist mir außerordentlich unlieb und paßt ganz und gar nicht in meinen Plan!«

»Warum nicht? Ihr Weg führt sie in der Nähe des Gloomy-water vorüber; du brauchst dich ihnen also nur anzuschließen; das übrige ist dann meine Sache.«

So weit waren sie in ihrem Gespräch gelangt, als sie Poller kommen sahen. Er trat ganz zu ihnen heran und sagte in wichtigem Tone:

»Ich muß euch stören, denn da vorn gehen wichtige Dinge vor.«

»Sind sie wirklich so wichtig, daß du uns deshalb unterbrechen mußt?« fragte Buttler unwillig.

»Ja. Nämlich Old Shatterhand und Winnetou kommen hierher.«

»Alle Wetter!« fuhr Grinley auf. »Was haben die hier zu suchen!«

»Was geht es dich an, daß sie kommen?« meinte Buttler, jetzt wieder ruhig. »Dir kann es ja ganz gleichgültig sein, wo sie stecken.«

»Ganz und gar nicht, denn da, wo diese beiden Menschen sich befinden, bleibt in der ganzen Gegend kein herabgefallenes Blatt unumgewendet; sie müssen alles wissen und erfahren alles.«

»Hm, das ist wahr. Woher weißt du denn, Poller, daß sie kommen?«

»Eben als du dich entfernt hattest, kamen zwei Fremde, von denen wir es erfahren haben. Sie wollen hier auf Winnetou und Old Shatterhand warten und sind genau so gekleidet, wie diese beiden sich zu tragen pflegen. Jetzt sitzen sie da und kauderwelschen mit dem Buchhalter des Bankiers in deutscher Sprache.«

»Woher wißt Ihr denn,« fragte Grinley, »daß es ein Buchhalter mit seinem Bankier ist?«

»Rollins hat es selbst gesagt.«

»Daß doch - hat er vielleicht gar noch mehr von uns erzählt?«

»Ihr meint von Petroleum? Ja, das hat er gesagt.«

»Das ist fatal, außerordentlich fatal!« rief er aus, indem er eifrig aufsprang. »Ich muß vor zu ihnen, um weiteres zu verhüten. Ihr sagt, daß sie deutsch sprechen. Sind sie denn Deutsche?«

»Ja. Der eine wird Tante Droll und der andre Hobble-Frank genannt.«

»Was Ihr sagt! Da gehören sie ja zu der Gesellschaft, die da oben am Silbersee in kurzer Zeit so reich geworden ist!«

»Ja; sie sprachen davon. Diese beiden Kerls scheinen sehr viel Geld bei sich zu haben.«

»Und was sagten sie zu meiner Petroleumquelle?«

»Sie glaubten es nicht und haben den Bankier gewarnt. Sie halten es für Schwindel.«

»Donner und Doria! Habe ich es nicht sofort gesagt, als ich hörte, daß Old Shatterhand und Winnetou kommen wollen! Sie sind noch nicht einmal da und schon beginnt


//110// 213

der Teufel sein Spiel! Da können wir uns nur fest in den Sattel setzen. Was sagte der Bankier zu der Warnung?«

»Er schien das Vertrauen nicht zu verlieren; aber sie rieten ihm, hier auf Winnetou und Old Shatterhand zu warten und sich bei ihnen zu erkundigen.«

»Das fehlte noch! Ging er vielleicht darauf ein?«

»Das sagte er nicht. Jetzt sitzt er still dort und scheint zu überlegen.«

»Da muß ich zu ihm, um ihm die Grillen auszureden. Vorher aber muß ich mit Euch schnell klar werden, denn Ihr müßt fort. Also hört, was ich Euch sage!«

Sie sprachen noch eine kleine Weile leise und hastig miteinander. Es schienen Versprechungen und Beteuerungen zu sein, denn sie gaben einander die Hände mehreremal; dann gingen Buttler und Poller miteinander nach vorn, wo sie dem Ranchero erklärten, daß sie aufbrechen wollten. Sie wollten das, was sie verzehrt hatten, bezahlen, aber er nahm nichts, da sein Rancho kein Wirtshaus sei; dann ritten sie fort, ohne daß jemand - natürlich Grinley ausgenommen - etwas über ihre Namen und Absichten erfahren hatte. Sie waren nicht einmal darnach gefragt worden.

Kurze Zeit darauf kam Grinley herbeigeschlendert. Er that, als ob er sich nun ausgeruht habe, und setzte sich wieder an seinen Platz, indem er Frank und Droll höflich grüßte und ihnen ein möglichst offenes und ehrliches Gesicht zeigte, um ihr Vertrauen zu erwecken. Der Bankier konnte sich jedoch nicht halten; er sagte:

»Master Grinley, hier sitzen zwei gute Bekannte von Winnetou und Old Shatterhand, nämlich Mr. Droll und Mr. Hobble-Frank, welche nicht an Eure Petroleumquelle glauben wollen. Was sagt Ihr dazu?«

»Was ich dazu sage?« antwortete der Gefragte gleichmütig, »ich sage, daß ich ihnen das gar nicht übelnehmen will. In Sachen, wo es sich um so große Summen handelt, muß man vorsichtig sein. Ich habe ja selbst auch nicht eher daran geglaubt, als bis meine Oelproben von mehreren Sachverständigen untersucht worden waren. Wenn es den Herren Spaß macht, mögen sie mit uns reiten, um sich zu überzeugen, was für eine mächtige Menge von Oel der Platz enthält.«

»Sie wollen hier auf Winnetou und Old Shatterhand warten.«

»Dagegen kann ich gar nichts haben; aber da ich mein Placer weder an Old Shatterhand noch an Winnetou verkaufen will, so bin nicht ich es, der auf diese beiden zu warten hat.«

»Aber wenn nun ich warten möchte?«

»So fällt es mir nicht ein, Euch zu hindern. Ich zwinge keinen Menschen mit mir zu gehen. Wenn ich hinüber nach Frisko reite, finde ich Kapitalisten genug, welche sofort dabei sind und mich nicht unterwegs im Stiche lassen. Wer mir nicht glaubt, der mag daheim bleiben.«

Er goß ein volles Glas Brandy hinunter und ging dann hinaus zu seinem Pferde.

»Da habt ihr es,« meinte der Bankier. »Sein Verhalten muß euch vollständig überzeugen, daß er seiner Sache sicher ist.«

»Das ist er allerdings,« antwortete der Hobble-Frank. »Aber ob diese Sache eine gerechte oder ungerechte ist, wird sich erst später herausstellen.«

»Ich habe ihn beleidigt, und er wird nicht hier warten. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich ihn nicht allein fortlassen kann, sondern mit ihm gehen muß, denn ich mag auf das außerordentliche Geschäft, auf welches ich mit ihm eingegangen bin, nicht verzichten. Ihr werdet doch wohl zugeben, daß euer Mißtrauen noch gar nichts beweist.«

»Für Euch wahrscheinlich nicht; aber wir hielten es für unsre Pflicht, Euch zur Vorsicht zu mahnen. Wir haben gesagt, daß da oben, wohin Ihr wollt, kein Petroleum gefunden werden kann; damit soll freilich nicht direkt behauptet werden, daß Euer Grinley partout ein Betrüger sei, denn er kann sich ja selbst geirrt haben. Doch will ich Euch freimütig gestehen, daß mir sein Gesicht nicht gefällt. Was mich betrifft, so würde ich es mir zehnmal überlegen, ehe ich ihm mein Vertrauen schenkte.«

»Ich danke Euch für Eure Aufrichtigkeit, bin aber nicht der Meinung, daß man einen Menschen für sein Gesicht verantwortlich machen kann, denn er hat es sich nicht selbst gegeben.«

»Da irrt Ihr Euch, Sir. Allerdings, das Gesicht wird dem Kinde von der Natur gegeben, dann aber durch die Erziehung und andre Eindrücke verändert, wobei auch die Seele von innen heraus an dieser Veränderung teilnimmt. Ich werde keinem Menschen trauen, der mich nicht aufrichtig und grad ansehen kann, und das ist mit diesem Master Grinley der Fall. Ich fordere keineswegs von Euch, ihn für einen Spitzbuben zu halten, sondern will Euch nur zur Vorsicht mahnen.«

»Was das betrifft, so würde ich auch ohne diese Eure Ermahnung nicht leichtsinnig handeln. Ich bin Geschäftsmann und pflege scharf zu kalkulieren. Da versteht es sich ganz von selbst, daß ich hier, wo es sich um so hohe Summen dreht, mich hundertmal bedenke, ehe ich nur zehn Worte sage.«

»Well, ich begreife das; aber Ihr seid unerfahren hier im wilden Westen. Ich will gern glauben, daß Ihr in Eurem Comptoir der Mann und Meister seid, dem nichts entgehen kann; die hiesigen Verhältnisse aber sind Euch fremd. Auch von dem Petroleum ganz abgesehen, wollt Ihr, der Ihr ein reicher Mann seid, mit einem Menschen, den Ihr nicht kennt, nach einer Gegend, in welcher Euch im Falle der Gefahr keine Spur von Hilfe werden kann - - -«

»O, wir sind ja zwei gegen einen!« fiel der Bankier ein, indem er auf seinen Begleiter deutete.

»Jetzt; ob aber auch später, das könnt Ihr nicht behaupten. Grinley kann da oben Helfershelfer haben, die auf Euch warten; auch müßt Ihr bedenken, daß die Roten, durch deren Gebiet Ihr kommt, grad jetzt im Aufstande begriffen zu sein scheinen. Und selbst, wenn dies nicht wäre, so gewährt Euch der Umstand, daß Ihr zwei


//111// 214

gegen einen seid, nicht die mindeste Sicherheit. Er schießt Euch plötzlich nieder, oder er nimmt Euch im Schlafe fest, um Euch Geld oder sonst etwas abzupressen. Darum habe ich Euch vorgeschlagen, hier zu warten, bis Old Shatterhand und Winnetou kommen. Das sind berühmte und erfahrene Männer, auf deren Urteil Ihr Euch ganz sicher verlassen könntet.«

Rollins blickte eine ganze Weile nachdenklich und still vor sich nieder. Franks Vorstellungen hatten sichtlich Eindruck auf ihn gemacht. Dann fragte er:

»Meint Ihr denn, daß beide Gentlemen sich für mein Vorhaben interessieren würden?«

»Ich bin überzeugt davon. Petroleum da oben am Chelly-flusse! Ich versichere Euch, daß sie sich den Mann, der das behauptet, sehr genau ansehen würden. Höchst wahrscheinlich würden sie es Euch ganz aus freien Stücken anbieten, mit hinaufzureiten. Und in solcher Begleitung wäret Ihr sicherer, als wenn hundert Soldaten über Euch wachten.«

»Das glaube ich gern; aber wie Ihr gesehen habt, kann ich leider nicht warten, bis sie kommen. Wenn ich darauf bestehe, hier zu bleiben, reitet der Oelprinz ganz sicher ohne mich fort.«

»Davon bin ich auch überzeugt, und ich kenne auch den Grund: er hat die Begleitung solcher Leute höchst wahrscheinlich sehr zu fürchten.«

»Mögt Ihr da recht haben, oder nicht, es bleibt mir nur die eine Wahl: Entweder begleiten wir Grinley weiter und setzen uns den Gefahren aus, auf welche Ihr hingedeutet habt, oder ich verzichte auf ein Geschäft, welches Millionen einbringen muß, wenn es glückt.«

»Das ist richtig. Ich habe meine Schuldigkeit gethan und Ihr müßt nun selbst wissen, wofür Ihr Euch zu entscheiden habt.«

»Das ist schwer, sehr schwer, zumal diese Entscheidung so rasch getroffen werden muß. Ich habe bis zu dieser Stunde das vollste Vertrauen zu Grinley gehabt; jetzt ist es beinahe erschüttert worden. Was soll ich thun? Verzichten? Die größte Dummheit, die es gäbe, wenn die Sache ehrlich wäre! Mr. Baumgarten, Ihr steht mir hier am nächsten, was werdet Ihr mir raten?«

Der junge Deutsche war dem Gespräche mit Aufmerksamkeit gefolgt, ohne sich an demselben zu beteiligen. Jetzt, da er direkt aufgefordert worden war, zu sprechen, antwortete er:

»Die Sache ist so wichtig, daß ich darauf verzichten muß, Euch einen Rat zu geben, es würde dadurch eine Verantwortlichkeit auf mich fallen, die ich nicht auf mich nehmen kann. Also mit Eurer Erlaubnis, Sir, einen direkten Rat nicht; aber was ich an Eurer Stelle thun würde, das kann ich Euch sagen.«

»Nun? Verzichten, oder die Gefahr auf mich nehmen?«

»Keines von beiden.«

»Es gibt ja nichts Drittes!«

»O doch!«

»Was wäre das?«

»Wir reiten mit dem Oelprinzen weiter, ohne uns dadurch in Gefahr zu bringen.«

»Wie wollt Ihr das anfangen?«

»Wir bitten diese beiden Gentlemen hier, Mr. Frank und Mr. Droll, uns zu begleiten.«

»Hm!« brummte der Bankier. »Meint ihr, daß uns dies nützen könnte?«

Er schien die beiden kleinen Männer nicht für voll anzusehen.

»Unbedingt!« antwortete der Buchhalter im Tone vollster Ueberzeugung. »Wer mit Winnetou und Old Shatterhand so lange zusammengewesen ist, wie diese meine beiden lieben Landsleute, auf den kann man sich gar wohl verlassen, ganz abgesehen davon, daß Mr. Frank und Mr. Droll auch ohnedies Männer sind, welche Haare auf den Zähnen haben.«

»Zugegeben! Aber ob sie einverstanden sein werden, mit uns zu gehen?«

»Ich hoffe, daß sie es thun, wenn wir darum bitten.«

»Nein, das werden wir nicht,« antwortete der Hobble-Frank.

»Nicht?« fragte Baumgarten. »Warum?«

»Erstens weil wir hier bleiben müssen, um mit Shatterhand und dem Apachen zusammenzutreffen, und zweitens weil wir uns nur solchen Leuten anzuschließen pflegen, welche Vertrauen zu uns haben.«


//112// 215

»Das haben wir ja!«

»Nein.«

»Wieso?«

»Hat Mr. Rollins es nicht sehr deutlich in Frage gestellt, ob wir Euch nützen würden?«

»Das war nicht so gemeint, wie Ihr es aufzunehmen beliebt. Ihr habt ihn besorgt gemacht und tragt also selbst die Schuld, wenn er sich nun bedenklich zeigt. Was aber mich betrifft, so halte ich grad euch beide für die Leute, welche wir brauchen, und denke, daß ihr einen Landsmann nicht im Stiche lassen werdet.«

»Hm, das mit dem Landsmann hat seine Richtigkeit; ein Deutscher kann stets und überall auf uns rechnen. Ich würde also wohl mitgehen; aber Ihr wißt es ja, warum wir hier bleiben müssen.«

»Müssen? Das wohl nicht. Winnetou und Old Shatterhand können uns ja nachkommen, oder, wenn sie das nicht wollen, hier warten, bis Ihr zurückkehrt. Bedenkt, daß wir bis zum Chellyflusse nur drei Tage zu reiten haben; das wären sechs Tage für hin und zurück, gewiß keine lange Zeit für Leute, welche nicht nach Stunden zu rechnen brauchen, sondern vielmehr freie Herren ihrer Tage und Wochen sind. Euch und ihnen kann es sogar auf Monate und Jahre nicht ankommen.«

»Das geben wir zu; in dieser Beziehung sind wir nicht nur Freiherren, sondern Grafen und Fürsten. Uebrigens sind wir überzeugt, daß unsre berühmten Freunde sehr gern auf uns warten, oder gar uns nachfolgen werden, wenn wir sie durch den Ranchero darum bitten lassen. Sie haben keine Ahnung davon, daß wir hier sind, und schon die Freude, uns so unerwartet wiederzusehen, wird sie veranlassen, unsern Wunsch zu erfüllen. Was meinst du dazu, Vetter Droll?«

»Wir reiten mit,« antwortete der Gefragte kurz entschlossen. »Old Shatterhand kommt sicher nach und der Apache auch. Ich brenne darauf, diesem Oelprinzen ein wenig auf die Finger zu sehen, und da er nicht warten will, so bleibt uns nichts übrig, als mitzugehen. Es gibt hier zwei Gründe, welche so wichtig sind, daß wir ihnen folgen müssen. es handelt sich um ein Millionengeschäft, und Mr. Baumgarten ist ein Deutscher, der ein Recht hat, Teilnahme und Hilfe von uns zu erwarten.«

»Ich danke euch!« sagte der letztere, indem er ihnen die Hände drückte. »Ich will nun auch offen sein und gestehen, daß ich dem Oelprinzen kein volles Vertrauen entgegengebracht habe; grad darum bat ich Mr. Rollins, mich mitzunehmen. Ich habe Grinley unterwegs stets beobachtet und sehr scharf im Auge behalten, aber freilich nichts entdeckt, was mein Mißtrauen hätte vergrößern können. Jedoch nun, wo ich solche Leute, wie ihr seid, bei uns weiß, ist mir für die Folge nicht mehr bange. Schlagt ein, wollen gute Kameraden sein!«


//113// 216

Er reichte den beiden abermals die Hände, und der Bankier folgte diesem Beispiele. Er schien jetzt erfreut darüber zu sein, solche Begleiter gefunden zu haben. Der Ranchero war herbeigekommen, hatte den letzten Teil des Gespräches mit angehört und sagte nun:

»So ist's recht, Mesch'schurs; haltet gut zusammen! Ich denke nicht, daß ihr das wegen des Oelprinzen nötig haben werdet, denn ich kann nichts Böses über ihn sagen; aber der Indianer wegen gebe ich euch diesen Rat. Die Nijoras und Navajos haben ihre Kriegsbeile ausgegraben und selbst den Moquis, die sonst außerordentlich friedlich sind, soll heute nicht mehr zu trauen sein. Ihr werdet also nicht hierblieben. Was soll ich Winnetou und Old Shatterhand sagen, wenn sie kommen?«

»Daß sie hier auf uns warten oder, noch weit besser, uns nach dem Chellyflusse sofort folgen sollen,« antwortete Droll. »Ich muß Euch aber sehr bitten, dem Oelprinzen hiervon nichts mitzuteilen!«

»Das verspreche ich Euch gern; er soll kein Wort erfahren. Wo er nur stecken mag? Will doch einmal nach ihm sehen.«

Er ging hinaus vor das Thor, wohin Grinley vorhin vorausgegangen war, und sah sich nach demselben um. Da erblickte er eine Gruppe von Reitern, welche sich von Süden her dem Rancho näherte. Diese Leute waren noch so fern, daß man jetzt nur bemerken konnte, daß sie auch Lasttiere bei sich hatten. Bald darauf aber erkannte Forner, daß die Gesellschaft nicht nur aus Männern bestand; es waren auch Frauen und Kinder dabei. Einige Reiter hatten Pferde; die übrigen saßen auf Maultieren.

Voran ritt ein kleiner Kerl, welcher in einem großen und viel zu weiten bockledernen Jagdrocke stak. Von dem Gesichte waren wegen eines außerordentlich starken Bartwuchses nur zwei kleine, listig blickende Aeuglein und eine Nase zu sehen, welche fast erschreckende Dimensionen besaß. Dieses Männchen war Sam Hawkens, welcher mit seinen beiden Gefährten Dick Stone und Will Parker die Leitung der Auswandererkarawane übernommen hatte und mit derselben von dem erst projektierten Wege abgewichen war, weil das Verbleiben auf demselben zu viel Zeit erfordert hätte. Er ließ sein altes Maultier, die »Mary«, aus dem langsamen Marschschritte in Galopp fallen, hielt sie vor Forner an und grüßte:

»Good day, Sir! Nicht wahr, diese Niederlassung wird Forners Rancho genannt?«

»Ay, Master, das ist so,« antwortete der Farmer, indem er erst den Kleinen und dann die nachfolgenden Reiter musterte. »Ihr scheint wohl Emigranten zu sein, Master?«

»Yes, wenn Ihr nämlich nichts dagegen habt.«

»Ist mir recht, wenn ihr nur ehrliche Kerls seid. Wo kommt ihr her?«

»Ein wenig von Tucson herauf.«

»Da habt ihr einen bösen Weg gehabt, zumal Kinder bei euch sind. Und wo wollt ihr hin?«

»Gegen den Colorado zu. Ist der Ranchero daheim?«

»Yes, wie ihr seht. Ich bin es selbst.«

»So sagt, ob wir bis morgen früh bei Euch rasten dürfen?«

»Soll mir recht sein; denn ich hoffe, daß ich es nicht zu bereuen brauche, wenn ich euch diese Erlaubnis gebe.«

»Werden Euch nicht fressen; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Und was wir vielleicht von Euch entnehmen, das werden wir gern bezahlen.«

Er stieg ab. Der Oelprinz hatte erst fern gestanden, war aber näher gekommen und hatte alles gehört. Er wußte nun, daß er die Auswanderer vor sich hatte, von denen er von seinem Bruder und dem ungetreuen Führer gehört hatte. Die im Hofe befindlichen Personen kamen auch an das Thor, und zwar grad in dem Augenblicke, in welchem die Gesellschaft dort anlangte, um abzusteigen. Das ging aber nicht so glatt, wie man erwartet hatte. Der Maulesel, auf welchem Frau Rosalie saß, schien seinen Kopf für sich zu haben; er wollte sie nicht herablassen, sondern weiterlaufen. Der Hobble-Frank trat als stets galantes Kerlchen herbei, um ihr behilflich zu sein, und das empörte den Maulesel in der Weise, daß er mit allen vier Beinen zugleich in die Luft ging und sie abwarf. Die Frau hätte sicher einen schweren Fall gethan, wenn Frank nicht so gewandt gewesen wäre, sie aufzufangen. Aber anstatt ihm dafür dankbar zu sein, riß sie sich von ihm los, gab ihm einen sehr kräftigen Rippenstoß und fuhr ihn zornig an:

»Sheep's-head!« - was so viel wie Schafskopf bedeutet.

»Sheep's-nose - Schafsnase!« antwortete er in seiner wohlbekannten Zungenfertigkeit.

»Clown - Grobian!« fuhr sie wütend fort, indem sie ihm die geballte Rechte entgegenstreckte.

»Stupid girl - dumme Liese!« lachte er und wendete sich von ihr ab.

Sie hielt ihn für einen Amerikaner und hatte sich also derjenigen englischen Kampfeswörter bedient, welche ihr bekannt waren, die stupid girl aber brachte sie in solche Aufregung, daß sie seinen Arm faßte und ihn deutsch andonnerte, weil ihr englischer Sprachschatz nun nicht weiterreichte:

»Sie Esel, großartiger, Sie! Wie können Sie eine Dame schimpfen! Wissen Sie, wer ich bin? Ich bin Frau Rosalie Eberschbach, geborene Morgenschtern und verwitwete Leiermüllern. Ich werde Sie beim Gerichtsamte anzeigen! Erscht machen Sie mir meinen Esel irre; nachher quetschen Sie Ihre Arme um meine Tallje, und endlich werfen Sie mir Schimpfwörter ins Gesicht, die een anschtändiger Mensch gar nich kennen darf. Das muß gerochen werden! Ich werde Sie ganz exemplarisch beschtrafen lassen. Verschtehn Se mich?«

Sie blickte ihn höchst herausfordernd an und stemmte kampfeslustig beide Hände in die Hüften. Der Hobble-Frank trat vor Ueberraschung einen Schritt zurück und fragte:

»Wie war das? Ihr Name is Rosalie Eberschbach?«

»Ja,« antwortete sie, indem sie ihm diesen Schritt folgte.

»Geborene Morgenschtern?« fuhr er fort, indem er zwei Schritte retirierte.


//114// 217

»Natürlich! Oder hab'n Sie vielleicht etwas dagegen?« erwiderte sie, indem sie ihm um zwei Schritte folgte.

»Verwitwete Leiermüllern?«

»Na, freilich!« nickte sie.

»Aber da sind Sie doch wohl eene Deutsche?«

»Und was für eene! Sagen Se nur noch een falsches Wort, so werden Se mich kennen lernen! Ich bin gewöhnt, daß man per Galanterie mit mir verkehrt. Verschtehn Se mich!«

»Und ich bin doch galant gegen Sie gewesen!«

»Galant? Was Se nich sagen! Is es etwa galant von Ihnen, sich an meinem Esel zu vergreifen?«

»Ich wollte ihn nur halten, weil er Ihnen nich gehorchte.«

»Nich gehorchte? Da hört aber gradezu alles und verschiedenes off! Mir gehorcht jeder Esel; das können Se sich merken! Und nachher haben Se mich in Ihren Armen halb zerdrückt. Der Atem ging mir aus, und das Feuer is mir förmlich aus den Oogen herausgefahren. Das muß ich mir schtreng verbitten. Mit eener Dame muß man hübsch sachte und behutsam verfahren. Wir sind das schönere und ooch das sanftere Geschlecht und wollen zart behandelt sein. Wer aber wie een Packträger zugreift und - - -«

Sie hielt inne, denn sie wurde unterbrochen; es erscholl hinter ihr ein Ausruf, der sie verstummen ließ, ein Ausruf der Verwunderung und des Entzückens:

»Herr Jemmineh, das ist ja doch wohl der berühmte Hobble-Frank!«

Frank wendete sich schnell um und rief, als er den Sprecher sah, mit ebenso großem Erstaunen:

»Unser Kantor Hampel! Is das denn die Möglichkeet! Schteigen Sie ab, und schweben Sie in meine Arme!«

Der langsame Opernbeflissene war, wie gewöhnlich, zurückgeblieben und erst jetzt beim Thore angekommen. Er hielt warnend den Finger empor und antwortete:

»Kantor emeritus, wenn ich bitten darf, Herr Frank! Sie wissen ja, es ist nur der Vollständigkeit halber und um etwaige Verwechselungen zu vermeiden. Es könnte leicht einen zweiten Kantor Matthäus Aurelius Hampel geben, der noch nicht emeritiert worden ist. Und sodann möchte ich Sie, ehe ich absteige, auf einen noch andern Punkt aufmerksam machen.«

»Off welchen denn?«

»Das werde ich Ihnen gleich sagen.«

»Sie sehen, wie begierig ich darauf bin, mein sehr verehrter und lieber Kantor.«

»Sehen Sie, da ist es schon wieder! Sie sagen bloß Kantor, während ich Sie höflicher Weise Herr Frank tituliere. Ein Jünger der Kunst darf sich nichts vergeben, und darum muß ich Sie bitten, bei mir zukünftig den >Herrn< nicht wegzulassen. Das ist nicht etwa Stolz von mir, sondern nur der Vollständigkeit wegen, wie Sie wohl wissen werden.«

(Fortsetzung folgt.)


//115// 225

Der Kantor kletterte sehr vorsichtig vom Pferde und umarmte Frank mit majestätischen Bewegungen. Dieser meinte lachend:

»Wir befinden uns hier merschtenteels im wilden Westen, wo so eene Vollschtändigkeet eegentlich gar nich nötig is; aber wenn es Ihnen Schpaß und Vergnügen macht, da werde ich Herr Kantor sagen.«

»Herr Kantor emeritus, bitte ich!«

»Gut, schön! Aber sagen Sie mir jetzt zu allererscht, wo und wie Sie da so hergeschneit kommen. Sie können sich mit aller Offiziellität daroff verlassen, daß ich een Reservoir mit Ihnen hier nicht für möglich gehalten hätte.«

»Revoir, auf deutsch Wiedersehen, wollen Sie wohl sagen! Das wundert mich sehr. Sie mußten auf ein Zusammentreffen mit mir gefaßt sein, Sie kennen doch meine Absicht, eine Oper zu komponieren?«

»Ja, Sie haben davon gesprochen, eene Oper von drei oder vier Aktricen.«

»Zwölf! Und nicht Aktricen, sondern Akte! Es soll eine Heldenoper werden, und da Sie mir von den >Helden des Westens< erzählt haben, so wollte ich mit Ihnen nach dem Westen reisen, um mir Stoff für diese Oper zu sammeln. Sie sind aber leider fortgegangen, ohne mich zu benachrichtigen, und da ich ungefähr wußte, wohin Sie sind, so bin ich nachgekommen.«

»Welche Unvorsichtigkeet! Meenen Sie etwa, daß man sich hier so leicht und so schnell treffen kann wie derheeme off dem Haus- oder Oberboden? Sie haben da mit eener gradezu lebensgefährlichen Unvorsichtigkeet gehandelt, und ich muß Ihnen eene kräftige Reprisande erteelen, denn es gibt -«

»Reprimande wollen Sie wohl sagen,« fiel ihm der Kantor in die Rede, »was einen Verweis, einen Tadel zu bedeuten hat.«

Da zog Frank die Stirn in Falten und sagte in sehr ernstem Tone:


//116// 226

»Hören Sie, Herr Kantor, Sie haben mir nun schon bereits zum drittenmale widersprochen; das kann und darf ich aber unmöglich dulden. Die erschten beeden Male habe ich's unbeschtraft hingehen lassen; jetzt aber darf ich meine Nachsicht nich länger kompendieren. Sie wissen nich bloß, wer und was ich bin; Sie wissen ooch, was ich leiste. In allen Wissenschaften gut sistiert, habe ich mir besondersch in Fremdwörtern eene Untrüglichkeet angeeignet, die sich niemals gymnastieren läßt. Ihre Widerschprüche sind also Beleidigungen für mich, wegen denen ich mich eegentlich mit Ihnen duellisieren müßte, wenn ich nich so een guter Freund von Ihnen wäre. Also reden Sie mir nich mehr drein, wenn ich in Zukunft wieder etwas sage; es könnte das unsre gegenseitige Sympathie auseenanderpartizipieren, was mir um Ihretwillen leid thun würde. Jetzt aber geschtatte ich mir, Ihnen hier meinen Freund und Vetter vorzuschtellen, wofür ich hoffe, daß Sie mich mit Ihren Begleitern subkutan bekannt machen werden. Bei mir heeßt es immer wie bei Cäsar: fenni, fitti, fitschi, zu deutsch: er kam, sie packte ihn, und ich kriegte ihn!«

Der Kantor schien große Lust zu haben, ihn abermals zu verbessern, sah aber glücklicherweise davon ab und nannte ihm die Namen aller derer, welche mit ihm gekommen waren. Da gab es ein freudiges Hallo, als die Männer, welche so viel voneinander gehört hatten, sich nun persönlich kennen lernten, besonders als Sam, Dick und Will erfuhren, daß sie mit Old Shatterhand und Winnetou zusammentreffen würden. Da gab es zu erzählen und tausend Fragen zu beantworten. Aber zunächst war es notwendig, das Lager zu errichten und für die Tiere zu sorgen; alles andre mußte aufgeschoben werden.

Als man damit beschäftigt war, sah der Oelprinz eine Weile zu. Er hatte versprechen müssen, sich der Auswandererkarawane zu bemächtigen und sie seinem Bruder und dessen Begleiter nachzubringen; darum nahm er einen Augenblick wahr, an welchem sich Sam Hawkens abgesondert von den andern befand, grüßte ihn höflich und sagte:

»Ich habe gehört, Sir, daß Ihr Sam Hawkens, der berühmte Westmann seid. Hat man Euch vielleicht meinen Namen genannt?«

»Nein,« antwortete der Kleine, auch in höflichem Tone. Der Oelprinz war ein Stiefbruder Buttlers und diesem in Beziehung auf seine Gesichtszüge gar nicht ähnlich. Darum konnte Sam nicht ahnen, daß er einen so nahen Verwandten des Räubers vor sich hatte.

»Ich heiße Grinley; man nennt mich in dieser Gegend den Oelprinzen, weil ich eine Stelle weiß, an welcher eine außerordentlich ergiebige Oelquelle zu Tage tritt.«

»Eine Oelquelle?« fragte Sam sofort interessiert. »Dann seid Ihr sehr glücklich gewesen und könnt ein steinreicher Mann werden. Wollt Ihr die Ausbeutung der Quelle in die eigene Hand nehmen?«

»Nein; dazu bin ich zu arm.«

»Also verkaufen?«

»Ja.«

»Habt Ihr schon einen Käufer?«

»Ich habe einen gefunden. Er sitzt drin im Hofe, Mr. Rollins, ein Bankier aus Brownsville in Arkansas.«

»So laßt Euch nicht über die Ohren barbieren, und verlangt so viel wie möglich! Ihr wollt mit ihm nach der Quelle reiten?«

»Ja.«

»Ist es weit von hier?«

»Nicht sehr.«

»Well, der Ort ist natürlich Euer Geheimnis, und ich will Euch nicht nach demselben fragen. Aber Ihr habt mich angeredet, und ich schließe daraus, daß Ihr irgend einen Grund habt, Euch mir zu nähern?«

»Das ist richtig, Sir. Man sagte vorhin, daß Ihr nach dem Colorado wollt?«

»Allerdings.«

»Meine Petroleumquelle liegt am Chellyflusse und ich habe von hier aus also die Richtung, welche auch Ihr reitet.«

»Freilich wohl; aber warum sagt Ihr das grad mir?«

»Weil ich Euch bitten wollte, mir zu erlauben, mich Euch anzuschließen.«

»Mit Eurem Bankier?«

»Ja, und mit dem Buchhalter desselben, welcher bei ihm ist.«

Sam betrachtete den Oelprinzen vom Kopfe bis zu den Füßen herab und antwortete dann:

»Hm, man kann hier in der Wahl seiner Begleiter nicht vorsichtig genug sein, wie Ihr wohl wissen werdet.«

»Ich weiß das gar wohl; aber sagt mir doch, Sir, ob ich wie ein Mensch aussehe, dem man kein Vertrauen schenken darf?«

»Das will ich nicht behaupten. Aber warum wollt Ihr mit uns reiten? Einen Fundort von Petroleum hält man doch geheim, und darum ist es auffällig, daß Ihr Euch uns anschließen wollt, wenn ich mich nicht irre.«

»Was das betrifft, so bin ich überzeugt, daß ein Sam Hawkens mich nicht betrügen wird.«

»Well; damit habt Ihr den Nagel auf den Kopf getroffen. Durch mich und meine Kameraden werdet Ihr sicher keinen einzigen Tropfen Oel verlieren.«

»Ich habe noch einen andern Grund, sogar zwei. Die Roten sind unruhig geworden, und da fühle ich mich bei Euch sichrer, als wenn ich mit meinen beiden unerfahrenen Leuten allein reiten müßte. Das werdet Ihr wohl begreifen?«

»Sehr gut.«

»Und sodann hat Mr. Frank mich in große Verlegenheit gebracht. Wir haben ihm aufrichtig mitgeteilt, was wir droben am Chelly wollen, und er hat mir diese Offenheit damit vergolten, daß er den Bankier mißtrauisch gemacht hat. Er glaubt nicht, daß am Chelly Petroleum zu finden ist.«

»Hm, das kann ich ihm nicht verdenken. Ich muß Euch sagen, Sir, daß ich auch nicht daran glaube.«

»Das sagt Ihr im Ernste?«


//117// 227

»Im vollen Ernste.«

»So haltet auch Ihr mich für einen Schwindler?«

»Nein.«

»O doch. Es ist Ja gar nicht anders möglich, wenn Ihr nicht an meine Behauptung glaubt.«

»Ich denke, daß Ihr getäuscht worden seid.«

»Es hat mich niemand täuschen können, denn ich selbst bin es gewesen, der das Placer entdeckt hat.«

»Kein andrer war dabei?«

»Keiner.«

»So habt Ihr sehr einfach Euch selbst getäuscht und irgend eine Flüssigkeit für Petroleum gehalten.«

»Das ist Ja gar nicht möglich, Sir. Welche Flüssigkeit könnte das sein?«

»Weiß es auch nicht; aber ich möchte darauf schwören, daß es da oben am Chelly kein Petroleum gibt.«

»Kennt Ihr die Gegend?«

»Ja; ich bin einmal dort gewesen.«

»Längere Zeit?«

»Nein, sondern nur einige Tage; aber das ist gar nicht nötig; man braucht nicht dort gewesen zu sein, um zu wissen, daß kein Erdöl dort vorhanden ist; die Gegend stimmt nicht dazu. Ja, wenn Ihr sagtet, Gold und Silber oder irgend ein andres Metall dort entdeckt zu haben, das wollte ich wohl glauben, Petroleum aber nie!«

»Aber ich habe es doch probieren lassen!«

»So! Und wie ist das Gutachten ausgefallen?«

»Zu meiner vollsten Zufriedenheit.«

»Das kann ich nicht begreifen. Dann ist ein Wunder geschehen, und ich gestehe Euch, daß es mich verlangt, dieses sonderbare Petroleum zu sehen.«

»Das könnt Ihr, Sir. Wenn Ihr uns die Erlaubnis gebt, uns Euch anzuschließen, werdet Ihr es zu sehen bekommen.«

»Ihr würdet mich zu dem Placer führen?«

»Ja.«

»Well; das ist mir wirklich hoch interessant. Also Mr. Frank hat auch nicht an das Oel geglaubt und Mr. Droll wohl auch nicht?«

»Beide nicht.«

»Und Ihr ärgert Euch natürlich darüber?«

»Darüber eigentlich nicht, sondern vielmehr darüber, daß sie den Bankier mißtrauisch gemacht haben. Sie konnten meinetwegen zehnmal oder hundertmal zweifeln; aber ihm ihren Unglauben aufzureden, das hätten sie nicht thun sollen. Sie konnten mir dadurch leicht das Geschäft, welches ich vorhabe zu Schanden machen.«

»Ist dieser Mr. Rollins denn wirklich zweifelhaft geworden?«

»Ja. Und eben auch aus diesem Grunde habe ich Euch gebeten, mich mitzunehmen. Sie wissen sich dann unter Eurem Schutze und werden nicht länger denken, daß ich irgend etwas gegen sie unternehmen will. Wollt Ihr mir den Gefallen thun, Sir?«

»Gern, möchte aber vorher meine Gefährten darum fragen.«

»Ist das nötig, Sir? Sehe ich so wenig Vertrauen erweckend aus, daß Ihr, der Ihr der Anführer zu sein scheint, Euch erst die Genehmigung andrer holen müßt?«

»So schlimm ist es nicht. Wenn Ihr nichts dagegen habt, daß ich aufrichtig gegen Euch bin, will ich Euch ehrlich sagen, daß ich Euch nicht für einen Schwindler, aber auch nicht für das Gegenteil halte; ich halte Euch für einen Menschen, den man erst kennen lernen und prüfen muß, um ihn richtig beurteilen zu können. Darum wollte ich mich erst bei Dick Stone und Will Parker erkundigen.«

»Alle Teufel, Sir! Diese Eure Aufrichtigkeit ist nicht etwa ein Kompliment gegen mich!«

»Aber sie ist doch besser, als wenn ich Euch in das Gesicht freundlich, hinterrücks aber mit Mißtrauen behandelte. Und damit Ihr seht, daß es nicht gar so schlimm gemeint ist, will ich meine Gefährten nicht erst fragen, ob sie Euch mitnehmen wollen, sondern Euch meine Zustimmung gleich jetzt erteilen.«

»Den Bankier und seinen Buchhalter eingeschlossen?«

»Versteht sich doch ganz von selbst, Sir.«

»Wann reitet Ihr von hier fort?«

»Morgen früh, wenn ich mich nicht irre. Wann wolltet denn Ihr weiter?«

»Heute schon; aber ich werde Mr. Rollins und Mr. Baumgarten zu bestimmen suchen, bis morgen zu warten.«

»Thut das, Sir; denn unsre Tiere sind ermüdet und die Frauen und Kinder ebenso, weil diese des Reitens nicht gewohnt sind. Ich will hoffen, daß ich es nicht zu bereuen haben werde, Euch meine Zustimmung gegeben zu haben.«

»Keine Sorge, Sir! Ich bin ein ehrlicher Kerl und glaube dies auch dadurch bewiesen zu haben, daß ich trotz der Gefahr, die ich dabei laufen könnte, bereit bin, Euch das Placer zu zeigen. Ein andrer würde das wohl schwerlich thun.«

»Ja; ich wenigstens würde mich sehr hüten, mein Geheimnis außer dem Käufer noch andern Leuten zu verraten. Also wir sind einig, Sir; morgen früh wird aufgebrochen.«

Er wendete sich von ihm ab. Der Oelprinz wendete sich nach dem Hofe, indem er einen Fluch ausstieß und dann zornig vor sich hinmurmelte:

»Damned fellow! Das sollst du mir büßen! Mir so etwas in das Gesicht zu sagen! Ich muß erst beobachtet und geprüft werden, ehe man mich für einen ehrlichen Menschen halten kann! Der Blitz soll dir dafür in die Glieder fahren! Jetzt freut es mich, daß mein Bruder diese Halunken haben will. Hatte erst wenig Lust, mich mit ihnen abzugeben; nach dieser Beleidigung aber wird es mir eine Wonne sein, sie ihm zuzuführen. Ja, sie sollen Petroleum zu sehen bekommen, und zwar was für welches!«

Die Pferde, Maultiere und Maulesel waren jetzt entsattelt und weideten im frischen Grase oder thaten sich im Wasser des Flusses gütlich. Mit Hilfe von Stangen, welche Forner herlieh, und Decken wurden Zelte improvisiert, da so viele Personen nicht im Innern des


//118// 228

Rancho Platz finden konnten; die Zelte wurden im Hofe errichtet. Dann entwickelten die Frauen eine sehr rege Thätigkeit, welche bald zur Folge hatte, daß der Hof vom Dufte gebratenen Fleisches und neu gebackener Maisfladen erfüllt war. Zu dem Schmause, welcher nun begann, wurden der Hobble-Frank und auch die Tante Droll eingeladen. Die andern mochten für sich selber sorgen.

Frank lachte still in sich hinein, als er bemerkte, wie besorgt Frau Rosalie Ebersbach, geborene Morgenstern und verwitwete Leiermüller für ihn war. Sie legte ihm die besten Bissen vor; er mußte fast mehr essen, als er vermochte, und als er schließlich nicht mehr konnte und sehr energisch dankte, weil sie ihm noch einen dampfenden Maiskuchen aufzwingen wollte, bat sie ihn:

»Nehmen Sie doch nur dieses noch, Herr Hobble-Frank! Ich gebe es Ihnen ungeheuer gern. Verschtehen Se mich?«

»O ja,« lachte er. »Ich habe ja schon vorhin gesehen, daß Sie mir gern 'was geben. Beinahe hätte ich sogar Ohrfeigen bekommen.«

»Weil ich nich wußte, wer Sie eegentlich sind. Wenn ich Sie für den berühmten Hobble-Frank gehalten hätte, wäre das Mißverschtändnis gar nich vorgefallen.«

»Aber eenem andern gegenüber wären Sie demnach grob gewesen?«

»Verschteht sich ganz von selbst. So een Betragen is eene Beleidigung, und beleidigen lasse ich mich eenmal nich, denn ich bin nich nur eene gebildete, sondern ooch eene tapfere Frau und weeß genau, wie man sich zu verhalten hat, wenn man als Dame nich mit der erforderlichen Weechherzigkeet behandelt wird.«

»Aber ich wiederhole Ihnen, daß von eener Unzartheet oder gar Beleidigung gar keene Rede war. Ich wollte Ihnen eene ritterliche Offmerksamkeet erweisen, weil Ihr Maulesel schtörrisch war. Mir haben Sie fälschlicherweise die Vorwürfe gemacht, während der Esel es gewesen is, der sich nich als Gentleman gegen Sie betragen hat.«

»Was brauchten Sie ihn aber anzugreifen? Sie hatten doch nich die allerkleenste Ursache dazu. Ich wäre schon alleene mit ihm fertig geworden. Ich verschtehe es schon mit Eseln umzugehen, von welcher Sorte sie nur immer sein mögen. Sie werden mich schon noch kennen lernen. Wenn Sie 'mal eene recht resolute Person brauchen, so wenden Se sich nur an mich. Ich fürchte mich vor keenem Esel und vor keenem Maultiere, vor keenem roten Indianer und ooch vor keenem weißen Bleichgesichte. Der Herr Kantor emeritus hat uns so viel Liebes und Schönes von Ihnen erzählt, daß ich Sie lieb gewonnen habe und bereit bin, Ihnen in aller Not und Gefahr hilfreich beizuschpringen. Sie können sich droff verlassen: ich gehe für Sie durchs Feuer, wenn es sein muß. Da, nehmen Sie noch dieses Schtückchen Rindfleesch; es is das beste, was ich noch für Sie habe.«

»Danke, danke!« wehrte er ihr ab. »Ich kann nich mehr, wirklich nich mehr. Ich bin geschtoppt voll und könnte mir, wenn ich noch mehr äße, leicht eene gefährliche Indigestikulation zuziehen.«

»Indigestion, wollen Sie wohl sagen, Herr Frank,« fiel der Kantor ihm in die Rede. Da aber fuhr ihn der Kleine zornig an:

»Schweigen Sie, Sie konfuser Emeritechnikus! Was verschtehen denn Sie von griechischen und arabischen Wörterbüchern! Sie können zwar Orgel schpielen und vielleicht ooch Opern komprimieren, im übrigen müssen Sie ganz schtille sein, zumal eenem Prairiejäger und Gelehrten gegenüber, wie ich eener bin. Wenn ich mich mit Ihnen in gelehrten Schtreit einlassen wollte, würden Sie doch allemal kleene zugeben müssen!«

»Das möchte ich denn doch bezweifeln,« wendete der Kantor ein.

»Wie? Was? Das wollen Sie nich zugeben? Soll ich's Ihnen beweisen? Soll ich Ihnen zeigen, was für eene schprächliche Null Sie gegen mich sind, wenn es sich um unsre extrakten Wissenschaften handelt?«

»Exakt muß es heißen, Herr Frank!«

Da fuhr der Kleine ihn noch zorniger als vorher an:

»Was? Schon wieder wollen Sie mich verbessern? Was meenen Sie denn eegentlich mit Ihrem exakt, he?«

»Unter exakten Wissenschaften versteht man bekanntlich diejenigen Wissenschaften, welche auf sichern, feststehenden Kenntnissen beruhen.«

»Ach so! Und damit wollen Sie mich Schlagen, mich, den berühmten Hobble-Frank? Wissen Sie, was das zu bedeuten hat? Besitzen Sie eene Ahnung davon? Es soll Ihnen gleich een Licht offgehen! Was verschtehen Sie denn nu zweetens unter dem Worte, dessen ich mich höchst zutreffender Weise bedient habe; ich meene nämlich das Wort extrakt?«

»Den Auszug aus irgend etwas, zum Beispiele aus Schriften, aus Kräutern und so weiter.«

»Schön, sehr schön, mein lieber Herr Kantor emeritus! Sie geben aber doch wohl zu, daß der Extrakt stets das Beste enthält? Lindenblütenextrakt zum Beispiel enthält die ganzen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, welche in der Lindenblüte geschteckt haben. Nich?«

»Ja, wenn ich mich auch vielleicht etwas anders ausgedrückt hätte.«

»O bitte, drücken Sie sich immer ergebenst aus, wohin es Ihnen beliebt, ich bin Ihnen nich im geringsten hinderlich. Die Hauptsache is, daß Sie mir zugeschtimmt haben. Extrakt is der Inbegriff aller Geister, die sich herausziehen lassen. Wenn ich nun von extrakten Wissenschaften schpreche, so meene ich natürlich, daß die Geister aller Wissenschaften in mir vereenigt sind. Das muß jedes Kind einsehen, Ihnen aber scheint diese Schprache viel zu hoch zu sein. Es ist wirklich nich zu begreifen, wie es menschenmöglich sein kann, daß Sie sich vorhin über meine Indigestikulation offgehalten haben!«

»Weil es Indigestion heißen muß.«

»So, so! Was soll denn dieses schöne, liebliche Wort bedeuten?«

»Unverdaulichkeit. Indigestibel bedeutet unverdaulich oder unverdaubar.«

»Das gloobe ich Ihnen sofort und von ganzem Herzen, denn Sie selber sind im höchsten Grade indigestibel;


//119// 229

wenigstens ich kann Sie ganz unmöglich verdauen. Was haben Sie nun aber gegen das Wort, welches ich gebraucht habe, nämlich Indigestikulation?«

»Daß es kein richtiges Wort, sondern der reine Unsinn ist.«

»Ach so, hm, hm! Und was heeßt denn wohl Gestikulation?«

»Die Gebärdensprache, die Sprache durch Bewegung der Hand oder andrer Körperteile.«

»Schön, sehr schön! Jetzt habe ich Sie, wohin ich Sie haben wollte. Jetzt sind Sie gefangen wie Kleopatra von Karl Martell in der Schlacht an der Beresina! Also Gestikulation is Gebärden- oder Bewegungsschprache, und indi bedeutet innerlich, sich off den Magen beziehend, denn Sie haben selber gesagt, daß indigestibel unverdaulich heißt. Also wenn ich mich des sehr geistreichen Ausdruckes Indigestikulation bediene, so habe ich zu viel gegessen und will durch die Blume andeuten, daß mein Magen sich in schtürmische Windungen versetzt, um mich durch diese Gebärden- und Bewegungsschprache daroff offmerksam zu machen, daß ich Messer, Gabel und Löffel nun in die Serviette wickeln und beiseite legen soll. Sie aber scheinen für solche zarten Andeutungen Ihres Magens keen Verschtändnis zu besitzen, sonst hätten Sie meine Indigestikulation nich angezweifelt. Is Ihnen vielleicht die Fabel von dem Frosche und dem Ochsen bekannt?«

»Ja.«

»Nu, wie war die denn?«

»Der Frosch sah einen Ochsen, wollte sich so groß machen, wie dieser war, blies sich auf und -- zerplatzte dabei.«

»Und die Lehre, welche man aus dieser Fabel zu ziehen hat?«

»Der Kleine soll sich nicht groß dünken, sonst kommt er in Schaden.«

»Schön, sehr schön! Ausgezeichnet sogar!« stimmte Frank begeistert bei. »Nehmen Sie sich diese Lehre zu Herzen, Herr Kantor emeriticus

»Warum, wenn ich Sie darum fragen darf?«

»Weil diese Fabel außerordentlich gut off uns paßt, nämlich off Sie und mich.«

»Wieso?«

Das schlaue Lächeln, mit welchem der Kantor dieses Fragewort aussprach, ließ erraten, daß er beabsichtigte, den Hobble-Frank in seine eigene Falle zu locken. Auch die andern blickten mit großer Spannung zu dem erregten Kleinen herüber; sie waren neugierig, ob er wirklich in die Grube fallen würde, in welche der Kantor stürzen sollte. Frank war zu begeistert, dies zu bemerken; er antwortete auf das »Wieso?« des Emeritus, ohne sich zu überlegen, was er sagte:

»Weil Sie geistig unbedeutend sind, während ich eene Größe bin. Wenn Sie sich mit mir vergleichen wollen, so müssen Sie unbedingt zerplatzen, denn Sie sind in Bezug off Kenntnisse, Fertigkeeten und Wissenschaften der kleene Frosch, während ich in allen diesen Dingen der große Och - - -«

(Fortsetzung folgt.)


//120// 239

Frank hielt mitten im Worte inne; sein Gesicht wurde länger; er erkannte plötzlich, an welcher Leimrute er im Begriff stand, kleben zu bleiben.

» ... der große Ochse bin, « ergänzte der Kantor den unterbrochenen Satz. »Ja, ja, da haben Sie Recht. Ihr Beispiel ist nicht ganz unzutreffend gewählt, besonders rücksichtlich des einen Bildes, welches Sie auf sich beziehen.«

Es brach natürlich ein allgemeines Gelächter aus, welches gar nicht enden wollte. Frank schrie zornig dazwischen hinein, was aber nur zur Folge hatte, daß das Lachen immer stärker wurde und immer wieder von neuem ausbrach. Da sprang er, im höchsten Grade ergrimmt, auf und brüllte, was er nur brüllen konnte:

»Haltet die Mäuler, ihr Schreihälse, ihr! Wenn ihr nich off der Schtelle schtille seid, reite ich fort und lasse euch hier sitzen!«

Aber man beachtete diese Drohung nicht; das Gelächter schwoll im Gegenteile von neuem an und selbst


//121// 240

sein Freund und Vetter Droll lachte, daß er sich den Bauch mit beiden Händen halten mußte. Dies brachte den Hobble vollends außer sich, er schüttelte die geballten Fäuste wütend gegen die Lachenden und rief mit vor Zorn fast überschnappender Stimme:

»Nu gut! Ihr wollt nich hören, da sollt ihr fühlen! Ich schüttle den Schtaub von meinen Schtiefeln wie Johann Huß off seinem Scheiderhaufen in Magenta und gehe meine Wege. Düh l'ah wollüh, Anton! Ich wasche meine Hände in kindlicher Unschuld und lasse die Seefe bei euch zurück. Adieu, off Reservoir in eener bessern Welt, wo's keene dummen Menschen gibt, die über meine reformatorische Geistesgröße lachen!«

Er rannte davon, während das Gelächter nun wahrhaft homerisch hinter ihm erscholl. Sein Pferd graste draußen im Freien; er lief hinaus.

Ein einziger nur war es, der nicht mit in das Lachen eingestimmt hatte, nämlich Schi-So, der Häuptlingssohn. Der angeborene Indianerernst ließ ihn zurückhaltend sein. Er verstand ja auch deutsch und hatte gar wohl gehört, in welch drolliger Weise Frank in sein eigenes Netz gelaufen war; er fühlte sich auch belustigt, doch fand seine Heiterkeit ihren Ausdruck nur in einem Lächeln, welches um seine Lippen spielte. Er erhob sich nach kurzer Zeit von seinem Platze und ging nach dem Thore, um sich nach dem zornigen Kleinen umzusehen. Bereits nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück und meldete.

»Er macht wirklich Ernst, denn er sattelt draußen sein Pferd. Soll ich ihn bitten zurückzukommen?«

»Nee,« antwortete Droll in seiner Altenburger Mundart. »Er will uns nur in Verlegenheet bringe. Ich kenne meine Pappenheimer; dem fällt es epper gar nich ein, fortzureite und mich hier sitze zu lasse.«

Dennoch kehrte Schi-So an das Thor zurück. Kaum war er dort angekommen, so ließ er einen Pfiff hören und rief, als sie nach ihm hinblickten, ihnen zu:

»Er steigt auf; es scheint ihm Ernst zu sein.«

Nun rannten alle hin. Da kamen sie gerade recht, zu sehen, daß der ergrimmte Hobble wirklich im Sattel saß und, sein Pferd nach dem Flusse lenkend, fortritt. Droll rief ihm nach:

»Frank, Vetter, wo willste hin? Es war ja gar nich so gemeent!«

Der Hobble drehte sein Pferd herum und antwortete:

»Meents wie ihr wollt; der Prairiejäger und Privatgelehrte Heliogabalus Morpheus Edeward Franke läßt sich nich auslachen.«

»Mer habe ja nich über dich, sondern über den Kantor gelacht,« log Droll.

»Das machste mir nich weiß. Ihr habt über den Ochsen gelacht, den ich gar nich 'mal vollschtändig ausgeschprochen habe; er kam nur halb heraus; die hintere Hälfte is mir im Munde schtecken geblieben. Is das etwa lächerlich?«

»Lächerlich nich, aber höchst gefährlich, eenen halben Ochsen im Maule zu habe; das macht dir wahrhaftig keener von uns nach. Unsre Achtung schteigt; also komm nur wieder her, altes Haus!«

»Fällt mir nich im Troome ein, besonders da du sogar jetzt wieder über den Ochsen lachst. O, Vetter Droll, was muß ich alles von dir erleben und erleiden. Das hätte ich nich gedacht! Aber Schtrafe muß sein. Ich bin Achilles mit der Ferse und werde es mit euch grad so machen, wie er es mit den Russen gemacht hat.«

»Achilles? Der is mir unbekannt und seine Ferse ooch.«

»Pfui Schande, so was nich zu wissen! Und dennoch lachste über mich? Achilles war der größte Held der Schpartaner und zog mit den Russen gegen die Türken aus. Bei der Belagerung von Dünkirchen beleidigte ihn Gortschakoff durch grad so een höllisches Hohngelächter, wie heut das eurige war; da setzte er sich off seinen Rappen und jagte wütend und mit verhängtem Zügel zum Burgthore hinaus. Seit dieser Zeit is er verschwunden, schpurlos verschwunden, und keen Mensch hat ihn jemals wiedergesehn. Zum Andenken aber hat man ihm eenen astronomischen Fixstern an den Himmel gesetzt, mit seinem schpartanischen Namen darüber. Wenn du off die Himmelskarte guckst, kannste ihn am südlichen Firmamente im Bilde des grauen Bären sehen, zu dem ooch der Mond gehört. So wie dieser große Held wird jetzt ooch der Hobble-Frank verschwinden.«

»Unsinn! Komm nur her, und sei nich albern!«

»Albern? Dieses Wort schtößt dem Faß vollends den Boden'naus! Der Hobble-Frank und albern! Hat man jemals so was nur gehört! Nee, ich verschwinde ganz so, wie Achilles unsichtbar geworden is, und lasse mich durch nischt zur Rückkehr mehr bewegen, ooch nich dadurch, daß ihr mir eenen Schtern 'noff an den Himmel setzt. Lebt also wohl, Gentlemen! Habe die Ehre! Mein Kompliment!«

Er wendete wieder um, gab seinem Pferde die Sporen, jagte nach dem Flusse und ritt in denselben hinein.

»Frank, Frank, kehr um, kehr doch um!« schrie Droll ihm lachend nach. »Du kannst doch deine Tante nich verlasse!«

Der Hobble drehte diesmal nur den Kopf herum und rief zurück:

»Wir sind von heute an geschiedene Leute; da beißt keene Maus keenen Faden nich! Ich drehe mich kontinatürlich weiter, wie sich die Erde um die Sonne dreht. Ich bin für euch een abgeschiedener, toter Mann. Quietist in patrem - Friede eurer Asche!«

Der neue Achilles ritt weiter, über das Flüßchen hinüber und dann in den weiten Camp hinein.

»Das thut mir außerordentlich leid,« gestand der besorgte Kantor. »Er ist etwas streitfertig, besonders in Beziehung auf die Wissenschaft, aber sonst ein seelensguter Mann. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, ihn zu treffen, und nun haben wir ihn eingebüßt!«

»Für höchstens eenige Schtunden nur,« antwortete Droll.

»Meinen Sie wirklich?«

»Ja; ich kenne ihn. Wenn man ihm nich recht gibt, so schmollt er gern, wird aber gleich wieder gut.«

»Aber heut scheint es anders zu sein!«

»Nee. So wild wie heut is er freilich noch nie gewese; zum Fortreite is es noch niemals gekomme; aber ich weeß, daß er ohne mich nich lebe kann, und selbst


//122// 241

wenn er das könnte, verlasse thut er mich doch sicher nich. Er wird seinen Zorn hinaus in den Camp reite, ihn dort liege lasse und nachher zu uns zurückkomme; darauf könne Sie sich verlasse. Dann dürfe Sie freilich nich off ihn rede; Sie müsse so thun, als ob gar nischt geschehe wäre und als ob Sie ihn gar nich sehe thäte. Ueberhaupt dürfe Sie ihn, wenn er 'mal zu schtreite beginnt, nich durch Widerschpruch zornig mache. Er bildet sich nu eemal ein, alle mögliche Gelehrsamkeet zu besitze; das macht keenem eenen Schaden; darum lasse Sie ihn off seinem Schteckenpferd sitze, wenn er es partuh reite will!«

Natürlich waren alle Anwesenden Zeugen der Entfernung Franks gewesen. Sogar das Gesinde des Ranchero hatte, durch das Gelächter angelockt, das Haus verlassen und war vor das Thor gelaufen. Auch der Bankier hatte mit seinem Buchhalter den Vorgang beobachtet; da er nicht deutsch verstand, mußte der letztere ihm die gefallenen Reden erklären. Er lachte nachträglich auf das herzlichste und war neugierig, ob die Voraussetzung Drolls sich erfüllen und Frank wiederkommen werde. Während diese beiden noch miteinander sprachen, trat Sam Hawkens zu ihnen und fragte:

»Ihr wollt nach dem Chellyflusse, Mr. Rollins? Unser Weg führt uns dort vorüber, und morgen früh reiten wir von hier fort, Euer Oelprinz hat die Absicht, sich uns anzuschließen, und ich bin darauf eingegangen. Wißt Ihr schon davon?«

»Nein; er hat mir noch nichts gesagt. Was denkt Ihr von dem Oelfunde?«

»Daß er sich in der Flüssigkeit geirrt hat, wenn es nicht etwas noch Schlimmeres ist. Ich kann Euch nur zur Vorsicht mahnen.«

»Also genau so, wie Mr. Frank und auch Mr. Droll mir sagten. Diese beiden scheinen auch mit euch zu gehen?«

»Ja. Und später kommt Old Shatterhand mit Winnetou uns nach. Ich denke, daß die Gelegenheit gar nicht trefflicher für Euch passen kann. Ihr werdet mir willkommen sein; macht aber, was Ihr wollt!«

»Well! Ich müßte gar kein Hirn im Kopfe haben, wenn ich nicht auf Euern Vorschlag eingehen wollte. Ihr gewährt mir einen Schutz, den ich vielleicht sehr nötig habe. Es mag also zugesagt sein: ich werde mich Euch anschließen, Sir, und sage Euch für die Erlaubnis einstweilen meinen Dank.«

So war die Sache also zur allseitigen Zufriedenheit abgemacht, und Rollins, Baumgarten und der Oelprinz, welche sich bisher mehr für sich gehalten hatten, schlossen sich den Emigranten und deren Führern an. Man setzte sich zusammen; es wurde viel erzählt, so daß man bald bekannter miteinander wurde. Darüber verging der Nachmittag; der Abend brach herein, und man brannte im Hofe ein Feuer an, um an demselben das Fleisch, welches der Ranchero lieferte, zu braten. Nach dem Essen sollte Kaffee gekocht werden. Die dazu gehörigen Gefäße hatten die Einwanderer mit; man brauchte sie also nicht von Forner zu borgen. Frau Rosalie und eine der andern Frauen nahmen einen Kessel und gingen damit nach dem Flusse, um Wasser zu holen. Nach einigen Minuten kamen sie in großer Aufregung und ohne den Kessel zurück. Ihre Gesichter drückten das größte Entsetzen aus.

»Was ist denn mit Ihnen?« fragte der Kantor. »Wo haben Sie den Kessel? Wie sehen Sie denn aus?«

Die andre Frau konnte vor Schreck nicht reden; Frau Rosalie antwortete, aber unter allen Anzeichen des Schreckes.

»Wie ich aussehe? Wohl schlecht, he?«

»Ganz leichenblaß. Ist Ihnen vielleicht etwas passiert?«

»Passiert? Und ob! Herjesses, was wir gesehen haben!«

»Was denn?«

»Was? Ja, das weeß ich nich, da fragen Sie mich zu viel.«

Da meinte ihr Mann:

»Sei doch nich so dumm! Du mußt doch wissen, waste gesehen hast!«

Da stemmte sie die Fäuste in die Hüften und fuhr ihn zornig an:

»Weeßt du es vielleicht?«

»Ich? Nee,« antwortete er verblüfft.

»Na also! Da schweigste ooch schtille, verschtehste mich! Ich weeß schon, wo ich meine Oogen hab; aber so een grausiges Geschöpf, wie wir gesehen haben, is mir in meinem ganzen Leben noch nich vorgekommen.«

»Es war een Geist, een Flußgeschpenst,« erklärte die andre Frau, indem sie sich schüttelte. Sie hatte die Sprache wieder erlangt.

»Unsinn!« antwortete Frau Rosalie. »Geister gibt es nich, und an Geschpenster gloobe ich erscht recht nich.«

»So war es een Wassernix!«

»Ooch nich. Sei doch nich so abergläubisch! Nixe gibt es nur in den Kindermärchen.«

»Was denkste denn, was es da gewesen sein mag?«

»Ja, da fragste mich zu viel. Een Geist also warsch nich, denn es gibt keenen; een Mensch is es ooch nich gewesen, also warsch een Vieh, aber was für eens!«

Da ergriff der Kantor das Wort wieder:

»Wenn es ein Tier gewesen ist, so werden wir die Gattung, die Art und den Namen bald herausbekommen; ich bin ja Zoologe, nämlich vom Unterrichte in der Schule her. Beantworten Sie mir meine Fragen. War es ein Wirbeltier?«

»Von eenem Wirbel hab'ich nischt bemerkt. Dazu ist es zu dunkel gewesen.«

»Welche Größe hatte es denn?«

»Als es im Wasser saß, konnte ich das nich gut sehen; aber als es offschprang, war es meiner Seele so groß wie een Mensch.«

»Also war es unbedingt ein Wirbeltier, wahrscheinlich ein Säugetier?«

»Das kann ich nich sagen.«

»Gehen wir die einzelnen Klassen durch. Ist es ein Affe gewesen?«

»Nee, denn es hatte keenen Schwanz.«

»Es gibt auch ungeschwänzte Affen. Vielleicht ein Raubtier?«

»Ooch nich, obgleich es gefährlich genug ausgesehen hat.«


//123// 242

»Woher wissen Sie denn, daß es kein Raubtier gewesen ist?«

»Weil es keene Haare hatte.«

»So so, hm, hm! Vielleicht ein Fisch?«

»Nee, gar nich, denn een Fisch hat doch keene Arme und Beene.«

»Die hatte es aber?«

»Ja,«

»Sonderbar, höchst sonderbar! Arme und Beine haben nur die Menschen und die Affen; ein Affe aber war es nicht, wie Sie behaupten; also scheint anzunehmen zu sein, daß es ein Mensch gewesen ist, zumal er keine Haare, also kein Fell gehabt hat.«

»Gott bewahre, een Mensch war es nich; een Mensch hat eene ganz andre Schtimme.«

»Hatte er denn eine?«

»Na, und was für eene.«

»Können Sie es mir nicht einmal vormachen?«

»Ich will's versuchen,« meinte sie, setzte sich in Positur, holte tief Atem und brüllte dann. »Uhuahuahuahuaauauauahhh!«

Bei diesem entsetzlichen Gebrüll sprangen alle Anwesende auf.

»Herrgott, was muß das für eine Bestie gewesen sein - ein Löwe - Tiger - - Panther!« so rief es durcheinander.

»Still, ihr Leute!« gebot der Kantor. »Regen Sie sich nicht auf! Sie haben ja gehört, daß es kein Raubtier gewesen ist. Wir haben also nichts zu befürchten, und ich werde an der Hand der Wissenschaft die Sache bald aufklären. Das Tier hatte kein Fell, war also kein Säugetier. Ein Fisch kann es auch nicht gewesen Sein, weil es eine Stimme hatte. Da wir von den wirbellosen Tieren ganz absehen müssen, so bleiben uns nur noch die Amphibien, besonders die Frösche und die Kröten.«

Da rief die andre Frau schnell:

»Ja, ja, das is richtig; es war eene Kröte!«

»Nee, es war een Frosch!« behauptete Frau Rosalie ebensoschnell.

»Nee, eene Kröte! So wie dieses Vieh, kann nur eene Kröte im Wasser sitzen.«

»Se hoppte aber doch in die Höhe!«

»Kröten hoppen ooch!«

»Aber nich so wie die Frösche, und Kröten halten sich ooch mehrschtenteels off der Erde off, aber nich im Wasser. Verschtehste mich. Es war een Frosch!«

»Aber ein so großer Frosch!« zweifelte der Kantor, indem er bedenklich mit dem Kopfe schüttelte. »Sie sagten doch, daß er so groß wie ein Mensch gewesen sei?«

»Ja, so groß war er, off Ehre!«

»Hm, hm! Der größte Frosch, den es hier in Amerika gibt, das ist der Ochsenfrosch; aber der ist doch nicht so groß wie ein Mensch!«

»Ochsenfrosch? Gibt es da welche? Da is es ganz gewiß eener gewesen.«

»Unmöglich, denn ein solcher Frosch erreicht niemals eine solche Größe.«

»Warum denn nich? Es gibt überall Riesen und Zwerge, also wird es wohl auch unter den Fröschen solche geben. Es is also een Ochsenfroschriese, oder een Riesenochsenfrosch, oder een Ochsenriesenfrosch, oder een Froschochsenriese, oder een Riesenfroschochse, oder een Froschriesenochse---«

»Halt, halt, halt!« wehrte der Kantor schaudernd ab. »Was werden Sie noch alles aus diesem Frosche machen! In meinem Lehrbuche der Naturgeschichte war ein solcher Ochsenfroschriese nicht verzeichnet; aber ich will nicht streiten; ich lebe mehr der Kunst als der Zoologie und will nicht behaupten, daß es solche Abnormitäten nicht geben kann. Sie meinen also wirklich, daß es ein riesiger Ochsenfrosch gewesen ist, Frau Ebersbach?«

»Ja, off Ehre und off Seligkeet! Ich kann's beschwören, denn wie das Vieh so mit allen vier Beenen in die Höhe schprang, kann es nischt andres als nur een Frosch gewesen sein.«

»Was that das Tier denn vor dem Springen? Saß oder schwamm es?«

»Es saß wie een Frosch sitzt! Den hintern Teil sah mer nich, und von der vordem Hälfte guckten nur die obern Beene, een bissel vom Leibe und der Kopp aus dem Wasser. Und nu besinne ich mich ooch ganz genau off das breete Froschmaul und off die Glotzoogen, mit denen er uns entgegenschtarrte, Herr Kantor.«

»Bitte, Kantor emeritus, der Vollständigkeit halber! Wir stehen trotz der Beschreibung, welche Sie uns liefern, vor einem Rätsel, und ich schlage vor, wir gehen nach dem Flusse, um uns zu überzeugen.«

»Meenen Sie, daß er noch dortsitzt?«

»Ja. Frösche sind keine Zug-, sondern Standtiere. Dieser Frosch ist hier geboren oder vielmehr gelaicht worden und wird diese Gegend also nie verlassen. Da es aber ein so großes Biest ist, schlage ich vor, die Gewehre mitzunehmen. Frösche haben nämlich Zähne, während Kröten keine haben. Das Tier könnte beißen.«

Der Wirt mußte einige Laternen herschaffen, und dann verließen alle ohne Ausnahme den Hof, um nach dem Flusse zu gehen. Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker waren die hintersten. Ihnen hatte sich auch Droll angeschlossen. Dieser letztere fragte, indem er leise vor sich hinlachte:

»Was meint ihr wohl, Mesch'schurs, was für ein Tier dieses Viehzeug ist?«

»Doch nur ein Frosch, so groß wie meine Hand,« antwortete Hawkens. »Er ist vor den Weibern plötzlich aufgesprungen, und im Schreck haben sie ihn für fünfzigmal größer gehalten, als er war.«

»Nein; er ist wirklich so groß, « entgegnete Droll.

»Wie? Glaubt Ihr das wirklich?«


//124// 243

»Ja.«

»Unsinn! Ein Frosch, so groß wie ein Mensch!«

»Es ist ja gar kein Frosch!«

»Nicht?«

»Nein.«

»Was denn?«

»Ein Mensch, welcher gebadet hat.«

»Ah! Gewiß einer der Knechte, welche hier im Freien das grasende Vieh zu bewachen haben.«

»Auch nicht.«

»Wer denn?«

»Mein Hobble-Frank.«

»Alle Wetter! Welche Idee, wenn ich mich nicht irre!«

»Ja, er ist's gewiß. Er sprach heut, als wir drin im Hofe bei der Sonnenglut zusammensaßen, daß er heut abend, wenn es finster sein werde, ein Bad nehmen wolle. Das hat er jetzt gethan.«

»Aber er ist doch fort!«

»Pshaw! Er ist wieder da; ich kenne ihn. In den Hof hat er freilich nicht kommen wollen, sondern sich hier ins Freie gelagert. Da ist ihm der Gedanke an das Bad wieder aufgestiegen; er hat sich ausgezogen und ist in das Wasser gegangen. Das ist so gewiß, daß ich um tausend Dollars wetten will.«

»Sollte mich freuen, wenn er wiedergekommen wäre.«

»Ich habe nicht daran gezweifelt.«

»Na, daß er uns ganz verlassen werde, habe ich auch nicht gedacht; er weiß ja, wohin wir morgen wollen, und da meinte ich, daß er unterwegs wieder zu uns stoßen würde. Ah, schaut! Da haben wir ja den Frosch!«

Nämlich der Zug der Neugierigen war, mit vier Laternen versehen, in der Nähe des Flusses angekommen. Da saß der Hobble-Frank neben seiner weidenden Mary im Grase. Er erhob sich ganz erstaunt, als er die vielen Menschen erblickte, und fragte in deutscher Sprache:

»Was habt ihr denn da vor, ihr Leute? Das is ja die reene Wallfahrt, die da herangeschlängelt kommt!«

»Ah, Sie sind wieder da, Herr Frank!« antwortete der Emeritus. »Das ist mir außerordentlich lieb, denn vielleicht können Sie uns Auskunft geben. Wie lange befinden Sie sich wieder hier?«

»Seit vielleicht eener Schtunde.«

»Haben Sie beobachtet, was an dieser Stelle vorgegangen ist?«

»Natürlich! Ich habe ja meine Oogen und ooch meine Ohren, und so eenem Prairiejäger, wie ich bin, kann niemals nischt entgehen.«

»Haben Sie die beiden Frauen gesehen, welche Wasser holen wollten?«

»Ja.«

»Und auch das Tier?«

»Welches Tier?«

»Welches im Wasser gesessen hat?«

»Im Wasser gesessen? Ich habe keens bemerkt.«

»So sind Ihre Augen und Ohren doch nicht so aufmerksam gewesen, wie Sie denken.«

»Oho! Was für een Vieh soll es denn gewesen sein?«

»Ein Ochsenfrosch.«

»Sapperlot! Da soll eener hier gewesen sein?«

»Ja.«


//125// 244

»Wer hat denn das gesagt?«

»Die Frauen.«

»Von eenem Ochsenfrosch is mir wirklich nischt ins Bewußtsein gekommen.«

»Waren Sie denn wirklich in der Nähe, als die Damen hier waren?«

»Was das betrifft, so war ich ihnen allerdings sehr nahe.«

Da schob sich Frau Rosalie zu ihm hin und sagte:

»Sie habe ich allerdings nich gesehen, Herr Hobble-Frank, desto deutlicher aber den Ochsenfrosch. Wenn Sie so sehr in unsrer Nähe gewesen sein wollen, so müssen Sie ihn unbedingt ooch gesehen haben!«

»Leider nich!«

»Er war ja groß genug!«

»Wie denn ungefähr?«

»Grad wie een ausgewachsener Mensch.«

»Oho! So groß wird im ganzen Leben keen Frosch, Frau Eberschbach, selbst wenn es een Ochsenfrosch wäre. Ich habe genug solche Kerls gesehen; sie werden etwas größer als eene tüchtige Männerhand, größer nich. Ihren Namen haben sie nich etwa daher, daß sie die Größe eines Ochsen besitzen, sondern von ihrer obligaten Schtimme. Sie schreien nämlich ganz ähnlich, wie ein Ochse brüllt.«

»Das schtimmt, das schtimmt! Wir haben das Biest schreien hören.«

»Wann denn?«

»Na, als wir hier waren!«

»Das hätt' ich doch ooch hören müssen!«

»Das denke ich ooch. Wo haben Se denn nur Ihre Ohren und Ihre Oogen gehabt, daß Sie das Vieh nich gehört und nich gesehen haben?«

»Das weeß ich wirklich nich. Zeigen Sie mir doch ergebenst 'mal die genaue topographische Schtelle, an welcher der Frosch gebrüllt hat!«

»Er brüllte erscht dann, als er offschprang.«

»Hörn Se 'mal, Frau Eberschbach, das will mir unglooblich erscheinen. Een Frosch brüllt nich im Schpringen, sondern nur wenn er sitzt.«

»Nee, dieser schrie in dem Oogenblicke, an welchem er aus dem Wasser in die Höhe fuhr. Kommen Sie! Ich will Ihnen die Schtelle zeigen.«

(Fortsetzung folgt.)


//126// 253

Frau Ebersbach führte den ungläubigen Frank vollends an das Ufer hinab, deutete auf einen Punkt desselben, in dessen Nähe der leere Eimer lag, dann in das Wasser hinein und erklärte dabei:

»Hier schtanden wir, um Wasser für den Kaffee zu schöpfen; da sehen Sie zum Beweise ooch den Eemer liegen, den wir vor Platzangst weggeworfen haben. Und da im Wasser saß der Ochsenfrosch.«

Da machte der Hobble-Frank ein sehr langes Gesicht, welches aber mehr und mehr einen lustigen Ausdruck annahm, und fragte:

»Sie haben also genau gesehen, daß es een Ochsenfrosch gewesen is?«

»Na, offen und ehrlich geschtanden, haben wir erscht nich so recht gewußt, in welche Klasse von Insekten das Biest gehören mag; aber unser Herr Kantor hat die Zowolie schtudiert, und mit seiner gütigen Hilfe is es her-


//127// 254

ausgedüftelt worden, daß es ooch een Ochsenfrosch gewesen is.«

»Ausgezeechnet, ausgezeechnet! Das macht mir gewaltigen Schpaß, meine Damen und meine Herren! Und warum kommen Sie denn jetzt mit Laternen und Lampinjongs nach dem Flusse gezogen?«

»Um den Ochsenfrosch zu suchen und zu fangen,« antwortete Frau Rosalie.

»Meenen Sie, daß das so leicht sein wird?«

»Na, vor eenem Frosche werden wir uns doch nich fürchten. Er is zwar riesengroß, aber wenn er sich ooch wehrt, es hilft ihm nischt. Sobald er beißen will, wird er erschossen. Wir haben die Flinten mit, wie Se sehen.«

Da schlug er ein helles Gelächter auf, durch welches Frau Rosalie sich so beleidigt fühlte, daß sie zornig sagte:

»Feixen Se nich so! Es is keen Schpaß, so bei nachtschlafender Zeit und wenn es dunkel wird, off eenen Ochsenriesen -- Froschriesenochsen - - Riesenochsenfr - - -«

Sie hielt einen Augenblick verlegen inne; da Frank noch lauter lachte als vorher, stemmte sie die Fäuste in die Hüften und schrie ihn an:

»Sie sind wohl übergeschnappt, Sie Lachmeier, Sie? Ich möchte bloß wissen, wo Sie Ihre Bildung hernehmen, daß Sie in Gegenwart eener so reschpektabeln Dame, wie ich bin, nich ernsthaft bleiben können. So een Lachtauber, wie Sie, is mir wirklich im ganzen Leben noch nich vorgekommen!«

Er gab sich die größte Mühe, den Lachreiz zu bemeistern, und antwortete ihr, als ihm dies gelungen war:

»Und wenn eener seine Bildung mit Scheffeln messen könnte, hier müßte er lachen. Een Ochsenfrosch soll das gewesen sein, een Ochsenfrosch!«

Er fing von neuem an zu lachen. Da faßte sie ihn bei den beiden Oberarmen, schüttelte ihn und rief:

»Kommen Sie nur zu sich! Sie müssen ja sonst die Maulschperre kriegen, Sie ewiger Lachullrich, Sie! Is denn een Ochsenfrosch gar so 'was Lächerliches?«

»Ochsenriesenfrosch - Riesenfroschochse - Froschriesenochse!« lachte er weiter. »Mich, den berühmten und gelehrten Hobble-Frank für eenen Ochsenfrosch zu halten! Das is schtark; das is zu schtark; das geht wahrhaftig über alle Begriffe und logischen Estimationen!«

Da trat sie einen Schritt zurück, funkelte ihn mit ihren Augen an und fragte:

»Sie, Sie sind für eenen Ochsenfrosch gehalten worden?«

»Ja, ich!« lachte er.

»Von wem denn?«

»Von Ihnen doch!«

»Das is nich wahr; das is eene Lüge, eene großartige Lüge!«

»Ich muß es leider dadroff ankommen lassen, denn was ich sage, das is wahr. Ich war hinaus ins Camp geritten, und kehrte, als es dunkel geworden war, wieder um. Es war den ganzen Tag über so heeß gewesen und der Ritt hatte mich noch mehr erhitzt. Als ich hier dann wieder durch das Flüßchen ritt, kühlte mich das Wasser so hübsch an, und es fiel mir ein, daß ich een Bad hatte nehmen wollen. Ich stieg also vom Pferde oder vielmehr von meiner alten, guten Mary, die een Maultier is, zog mich aus und ging ins Wasser.«

Als Frank hier eine kurze Pause machte, schlug Frau Rosalie die Hände zusammen und rief ahnungsvoll aus:

»Herrjemerschneh, was werd'ich da zu hören bekommen! Sie sind ins Wasser geschtiegen?«

»Ja. Ich schwamm hin und her, plätscherte mich tüchtig aus und wollte eben wieder offs Trockene heraus, als ich zwee weibliche Personen erblickte, welche nach dem Flusse gekommen waren und, ohne daß ich sie wegen der Finsternis bemerkt hatte, sich schon ganz nahe befanden. Ich hockte mich rasch nieder, denn ich gloobte, daß sie vorübergehen würden; aber sie kamen grad nach derjenigen Schtelle, wo der Hase im Pfeffer und der Frank im Wasser lag. Da blieben sie schtehen und sahen mich an.«

»Das is freilich wahr,« fiel Frau Rosalie ein. »Wir sahen was Helles im dunkeln Wasser und wußten erscht gar nich, was wir daraus machen sollten; aber off alle Fälle war es een lebendiges Wesen, was uns fürchterlich anglotzte.«

»Bitte sehr, Frau Eberschbach! Angeklotzt habe ich Sie nich! Ich habe Sie sogar ängstlich angeblickt, weil ich hoffte, daß Sie sich in zartfühlender Deliciosität entfernen würden. Aber dies war nich der Fall. Darum entschloß ich mich zu eener strategischen Revolution: ich schprang in die Höhe, klatschte die Hände zusammen und brüllte, was ich konnte.«

Frau Ebersbach schien über diese Mitteilung sehr indigniert und im Begriffe zu sein, ihm noch schärfer als bisher antworten zu wollen; da aber ergriff Droll das Wort:

»Es is een Irrtum gewese, meine verehrte Herrschafte, een Irrtum, der keenen Menschen in Schaden bringe kann. Darum wolle mer uns nich weiter schtreite und zanke, sondern lieber demjenigen Ehre erweise, dem Ehre zu erweise is. Unser Hobble-Frank, der Rieseochsefrosch, soll lebe hoch, hoch und dreimal hoch!«

Als alle lachend in das Hoch eingestimmt hatten, fuhr er fort:

»Dort liegt der Kessel; schöpft ihn voll, damit wir endlich zu unserm Kaffee komme; dann schtelle wir uns in Reih und Glied, um unsern Ochsefrosch im Triumph eheeme zu schaffe!«

So geschah es, Hobble-Frank mochte sich noch so sehr sträuben; er wurde dem Schmiede Ebersbach, welcher der längste der Anwesenden war, wie ein Kind auf die Schultern gesetzt, und dann kehrte der Zug im militärischen Gleichschritte und indem alle das Quaken von Fröschen nachahmten, in den Hof zurück.

Nun setzte man sich um das Feuer, und die unterbrochene Bereitung des Abendbrotes wurde wieder aufgenommen. Als das Fleisch verzehrt worden war, wurde Kaffee gekocht, von welchem jeder einige Becher voll bekam.

Das Ziel für morgen war ein einsames Pueblo, welches am südlichen Abhange der Mogollonberge lag. Um es noch vor Abend zu erreichen, mußte man zeitig


//128// 255

aufbrechen und durfte unterwegs nicht öfters und allzulange rasten. Dennoch ging man heute nicht zeitig schlafen. Es gab zwischen denen, welche sich noch nie gesehen hatten und sich kennen lernen wollten, gar viel zu erzählen. Im Laufe des Abends wurde zwischen Hawkens, Stone und Parker einerseits und Frank und Droll andrerseits Brüderschaft gemacht, wie das so zwischen Westmännern üblich ist. Nur ganz hervorragende Jäger pflegen sich in dieser Beziehung zurückzuhalten, und dann wird auch kein andrer es wagen, einen Antrag auf das Du auszusprechen.

Was den Oelprinzen betrifft, so beteiligte er sich auch recht lebhaft an der Unterhaltung. Dies wurde dadurch möglich, weil der Bankier das Deutsche auch nicht verstand und man diesem zuliebe sich viel des Englischen bediente; so konnte Grinley also auch teilnehmen. Er gab sich sichtlich alle Mühe, Sympathie zu erwecken, was ihm bei den deutschen Auswanderern auch leidlich zu gelingen schien, obgleich diese nicht viel von der englischen Unterhaltung verstanden. Auch der Bankier schien in seinem Mißtrauen arg wankend zu werden. Schi-So und sein junger Gefährte Adolf Wolf beteiligten sich an der Unterhaltung, wie es ihrem jugendlichen Alter zukam, nur in der Weise, daß sie antworteten, wenn sie gefragt wurden.

Bei dem eigenartigen Charakter des kleinen, listigen Sam Hawkens, der Lustigkeit Drolls und der Originalität des Hobble-Frank verstand es sich ganz von selbst, daß das Gespräch ein höchst animiertes war. Die Zeit verging außerordentlich schnell, so daß alle höchst verwundert waren, als Will Parker endlich daran erinnerte, daß Mitternacht bereits vorüber sei.

Es gab jetzt nur vier, höchstens fünf Stunden Schlaf; darum legte man sich nun zur Ruhe. Wenige Minuten später schliefen alle. Wachen brauchte man nicht auszustellen, weil die Knechte des Ranchero draußen wachten.

Als am andern Morgen der Tag kaum graute, hatte Forner schon für Kaffee und frisches, in Fladenform gebackenes Maisbrot gesorgt, so daß die Gesellschaft sich wegen des Frühstückes gar nicht zu bemühen oder Zeit zu verlieren brauchte. Die Tiere wurden tüchtig getränkt, weil bis zum Abende kein Wasser zu finden war; der Ranchero bekam Bezahlung für das, was er geliefert hatte; den Knechten desselben wurde ein Trinkgeld gegeben; dann brach man auf.

Sam Hawkens war dafür besorgt gewesen, daß die Frauen auf ihren Tieren gute Sitze hatten: das Reiten strengte sie auch nicht mehr als die Männer an. Die Kinder hatten Platz in Körben gefunden, deren zwei je ein Maultier trug, einen auf der rechten und einen auf der linken Seite. Diese mit Stroh ausgepolsterten Plätze verursachten gar keine Beschwerden, und so kam es, daß die Reiter ihre Tiere ausgreifen lassen konnten und der Ritt ein ziemlich schneller war.

Je weiter man sich von dem Flusse entfernte, desto unfruchtbarer wurde das Land. Wo es in jenen Gegenden Feuchtigkeit gibt oder gar fließendes Wasser, da bringt die Erde einen außerordentlichen Reichtum von Produkten hervor; wo aber der belebende Tropfen fehlt, ist nichts als Oede, als die trostloseste Wüste zu sehen.

Am Vormittage war die Temperatur noch nicht allzu beschwerlich; je höher aber die Sonne stieg, desto größer wurde die Hitze, welche von dem sterilen, felsigen Boden und den nackten, kahlen Steinwänden der Berge zurückgestrahlt ,wurde, so daß sie für die deutschen Emigranten, welche eine solche Glut nicht gewöhnt waren, kaum auszuhalten war.

Bis einige Stunden nach Mittag ging es durch flache Thalmulden oder über weite Ebenen, welche nicht eine Spur von Vegetation zeigten. Dann gab es Höhen, die aber dem Auge keine Erquickung boten, da die hier so geizige Natur ihnen keinen einzigen Baum, nicht einmal einen Strauch geschenkt hatte. Nur an verborgenen, seltenen Stellen, auf welche die Sonne nicht von früh bis zum Abend zu brennen vermochte, wo es also wenigstens für einige Zeit Schatten gab, ließ sich ein einsamer, phantastisch gestalteter Kaktus sehen, dessen farb- und charakterloses Grau dem Beschauer jedoch auch keine Freude brachte.

Zur Zeit der größten Tageshitze wurde an einer steilen Bergwand gerastet. Es gab da einigen Schatten; aber die gegenüberliegende Wand warf die Wärme so intensiv auf die Ruhenden, daß dieselben keine Erquickung fanden und sie lieber wieder aufstiegen, weil der Ritt, wenn er ein schneller war, doch eine etwas kühlende Luftbewegung brachte.

Endlich - die Sonne neigte sich schon sehr dem Horizonte zu - schien die Hitze abzunehmen, und zwar schneller, weit schneller, als es eigentlich hätte sein sollen. Sam Hawkens prüfte den Himmel und machte ein leicht bedenkliches Gesicht.

»Warum schaust du so nach oben?« fragte ihn der Hobble-Frank. »Es scheint mir, als ob der Horizont dir nich gefällt?«

»Kannst recht haben,« antwortete der Gefragte.

»Warum?«

»Weil sich die Luft so schnell und plötzlich abkühlt.«

»Ach, wohl gar Gewitter?«

»Möchte es fast befürchten, wie mir scheint.«

»Das wäre doch gut! Een Gewitter nach dieser Trockenheet und Hitze müßte uns doch willkommen sein!«

»Danke! Die Gewitter pflegen in dieser Gegend ganz anders aufzutreten, als du zu denken scheinst. Es gibt Jahre, in denen hier nicht ein Tropfen Regen fällt; ja es hat Zeiten gegeben, wo es zwei und gar drei Jahre lang nicht geregnet hat. Wenn es dann aber einmal ein Wetter gibt, dann ist es auch ein fürchterliches. Wollen machen, daß wir das Pueblo erreichen.«

»Wie weit ist's noch dahin?«

»In einer halben Stunde sind wir dort.«

»Da hat's ja keene Gefahr. Es schteht noch nich een Wölkchen am Firmamente des Himmels; es können also noch Schtunden vergehen, ehe es da oben schwarz und finster wird.«


//129// 256

»Irre dich nicht. Es bedarf hier nur einiger Minuten, um den Himmel zu verdunkeln, und ich möchte fast behaupten, daß ich die Elektrizität, welche sich in der Luft angesammelt hat, rieche. Schau nur meine Mary an, wie eilig sie es hat, wie sie die Nüstern aufbläst und mit den Ohren und mit dem Schwanze wedelt! Die weiß ganz genau, daß etwas im Anzuge ist, das gescheite Vieh.«

Es war wirklich so. Das alte Maultier hastete förmlich vorwärts und zeigte eine Unruhe, welche auffallen mußte. Und doch war für den Unerfahrenen ganz und gar nichts Bedrohliches zu bemerken. Als Frank seinem Vetter Droll die Befürchtung Sams mitteilte, antwortete dieser:

»Habe mir ooch schon so 'was gedacht. Sieh nur, wie gelb es draußen rund off dem Gesichtskreis liegt! Das wird höher und höher schteige, und wenn es den Scheitelpunkt erreicht hat, bricht das Wetter los. Gut, daß wir bald unter Dach und Fach komme!«

»Im Pueblo?«

»Ja.«

»Da gibt's doch wohl nur Zelte, durch die der Regen dringen wird.«

»Was du denkst. Hast du denn noch keen Pueblo gesehn?«

»Nee.«

»Da wirst du dich wundern, wenn wir hinkommen. So een Pueblo is ganz sonderbar anzuschauen.«

Er hatte ganz recht, wenn er sagte, daß ein Pueblo einen ganz eigenartigen Anblick biete. Was das Wort an und für sich betrifft, so ist es ein spanisches und bedeutet »bewohnter Ort«, also sowohl ein einzelnes Haus als auch ein Dorf, eine Ortschaft. Diejenigen Indianer, welche Pueblos bewohnen, werden Puebloindianer oder kurzweg Pueblos genannt. Zu ihnen gehören die Tanos, Taos, Tehua, Jemes, Queres, Acoma, Zuhi und Moqui, im weiteren Sinne auch noch die Pimas, Maricopas und Papagos am Gilaflusse und südlich von demselben.

Ein Pueblo ist entweder aus Stein oder aus Adobes (Luftziegeln) oder aus beiden gebaut. Gewöhnlich liegt das Gebäude an einem Felsen, welcher als Rückwand dient, und etwaige Felstrümmer sind mit in den Mauerbau gezogen. Das Gebäude steigt stets stufena