Illustriertes Wochenblatt.
Nr. 41. 1878. Siebenzehnter Jahrgang.
»Geht Ihr auch in diesen Käfig ?« frug einer der Umstehenden den Thierbändiger.
»Warum nicht ? Von Außen ist die Bestie nicht zu zähmen; man muß hinein, wenn man ihr Respekt einflößen will.«
»Aber Ihr riskirt dann jedesmal dabei das Leben.«
»Das habe ich schon tausendmal gethan und bin es also so ziemlich gewohnt. Übrigens treffe ich meine Vorkehrungsmaßregeln; ich bin niemals unbewaffnet, wenn ich mich einem Thiere nahe, dessen ich nicht vollständig sicher bin. Ein einziger Hieb mit diesem Todtschläger hier betäubt, wenn er kräftig geführt wird und richtig trifft, den stärksten Löwen. Aber ich brauche ihn wenig; die Macht eines ächten und rechten Bändigers liegt wo ganz anders. Zuweilen trete ich ohne jede Waffe in die Käfige.«
»Aber in diesen hier würdet Ihr Euch wohl nicht so wagen!«
»Wer sagt Euch das ? Ich getraue es mir in jedem Augenblick zu thun, und auch jetzt. Zwar hat die Tigerin ihre Ration schon gerochen, das Fleisch aber noch nicht gesehen, und so lange ihr Auge nicht auf Blut gefallen ist, habe ich keine Veranlassung, mich vor ihr zu fürchten.«
»Nein, Ihr würdet Euch nicht zu ihr hinein wagen!« meinte, näher tretend, der Colonel, welcher bisher abgesondert von den Übrigen die Käfige besehen hatte, während seine Dame, sich vor den Insassen derselben scheuend, auf dem Vordertheile des Schiffes geblieben war und dort über die Reiling hinweg in das Wasser sah, welches rauschend an dem stolzen Buge emporschäumte. »Ich wollte wohl hundert Dollars für diese meine Behauptung gegen Jeden setzen, der diese Summe parirt!«
Der Yankee besitzt eine Leidenschaft für das Wetten, und wo sich ihm eine pikante Gelegenheit bietet, dieser Passion Vorschub zu leisten, läßt er sie sicher nicht vorübergehen.
»Ihr seid ziemlich unvorsichtig, Sir!« antwortete Forster. »Seht, wie furchtlos und ruhig der Indianer da auf dem Käfige des numidischen Löwen sitzt. Glaubt Ihr wirklich, daß ich, der Besitzer und Meister dieser Thiere, weniger Muth besitze ?«
»Pshaw!« machte der Colonel mit einer verächtlichen Handbewegung. »Bei diesem Menschen ist es nicht Muth, sondern Ignoranz, Dummheit. Hätte er ein Verständniß für das Gefährliche seiner Lage, so würde er bald hier unten bei uns stehen oder sich in irgend einen Winkel verkriechen. Er kennt ja den Löwen gar nicht. Diese rothen Hallunken verstehen nur, den Feind feiger Weise zu beschleichen und ihn dann nächtlicher Weile und hinterrücks mit Übermacht zu überfallen. Aber einer Gefahr offen und frei in das Auge zu schauen, dazu fehlt ihnen nicht mehr als Alles.«
Winnetou verstand vielleicht jedes dieser Worte, aber die Züge seines
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»Ihr irrt Euch in dem Indianer ebenso wie in mir. Wer die Völker der Prairien so kennen gelernt hat wie ich, der hat eine weniger verächtliche Vorstellung von ihren Fähigkeiten und Eigenschaften. Ich bin ein Weißer, aber ich habe gar manchen Rothen gesehen, der selbst dem besten Kentuckymanne zu rathen aufgegeben hätte.«
»Macht Euch nicht lächerlich mit dieser ehrenwerthen Gesellschaft, Master! Laßt nur das erste beste Eurer kleineren Thiere, meinetwegen dort das Stachelschwein, heraus, und ich bin überzeugt, daß der Indianer, sobald er es in Freiheit sieht, vor lauter Angst und Bangigkeit sofort in den Fluß springen wird. Diese Canaillen sind ebenso feig, wie sie grausam zu sein verstehen; ich kenne sie besser als Ihr. Man kann wohl aus einem guten Trapper zwanzig Indsmann, nie aber aus tausend Indsmann einen einzigen festen Trapper schneiden. Sie haben weder Geist noch Gefühl, weder Verstand noch Gemüth, sie sind eben Indsman, sie sind keine Menschen. Aber wir kommen von unserer Wette ab!«
»Ich halte sie. Cap'tän, Ihr seid Zeuge!«
»Das bin ich,« antwortete der Befehlshaber des Fahrzeuges; »aber ich darf kaum zugeben, daß Ihr in der festgesetzten Weise zu dem Tiger geht, denn ich habe die Verantwortung für Alles zu tragen, was bei mir an Bord passirt.«
»Das kann Euch niemand bestreiten; doch werdet Ihr keinem freien Bürger der Vereinigten Staaten verbieten können, mit seinem Eigenthume zu thun, was ihm beliebt. Das Thier gehört mir, und ich kann den Käfig betreten, jetzt oder später, heut' oder morgen, bewaffnet oder unbewaffnet, zur Dressur oder in Folge einer Wette, eben ganz nach meinem eigenen Ermessen und Wohlgefallen. Oder meint Ihr etwa anders ? Und was den Unfall betrifft, so könnte er doch nur mir allein begegnen, und da bin ich doch wohl Mannes genug, die Verantwortung selbst zu tragen. Ist es so oder nicht ?«
Der Capitain war selbst Yankee genug, um das lebhafteste Interesse für eine so seltene Wette zu hegen, und da er mit der ausgesprochenen Warnung seiner Pflicht genügt zu haben glaubte, so meinte er zustimmend:
»Wenn Ihr die Folgen auf Euch nehmt, so kann ich Nichts dagegen haben. Thut also, was Ihr wollt!«
»Well, Sir! Tretet zurück, Ihr Leute!« befahl Forster und übergab dem Colonel die mit dem Todtschläger versehene Peitsche. Dann näherte er sich mit festen, sicheren Schritten dem Käfige und schob, das Auge groß und voll auf das Thier gerichtet, den Riegel zurück.
Die Tigerin hatte sich in dem Hintergrunde des engen Raumes niedergeduckt und lag, den breiten, kurzen Kopf auf den ausgestreckten Vorderpranken, mit an der Wand emporstrebendem Schwanze und blinzelnden Augen am Boden. Als der Bändiger sich der Thür näherte, riß sie die Lider weit auf und richtete die rollenden Lichter mit unheimlichem und drohendem Blicke auf ihn hin. Die blutgierige Bewohnerin der indischen
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Ein allgemeiner Angstschrei erfüllte die Luft, und Jeder suchte sich so schnell wie möglich zu retten. Es war eine Minute der fürchterlichsten Bestürzung und Verwirrung. Sämmtliche Thiere der Menagerie erhoben ihre heulenden, brüllenden, kreischenden und tobenden Stimmen; die Menschen stürzten über einander den Lucken, Winkeln, Masten und Strickleitern zu; man rief um Hülfe, suchte nach allen möglichen Waffen und vollführte dabei einen solchen Lärm, daß sogar das arbeitende Keuchen der Maschine unhörbar wurde.
Ich war wieder auf die Ballen gesprungen, welche ich vorhin verlassen hatte, um Forster zu begrüßen, und blieb da oben, vor Grausen unbeweglich, stehen; denn da vorne grad vor mir, sah ich das arme Mädchen unrettbar verloren noch an der Reiling stehen. Das entsprungene Thier hatte seinen Lauf gerad auf sie zu genommen und duckte sich, kaum noch acht oder neun Schritte von ihr entfernt, zum verderblichen Sprunge nieder. Das Gesicht des armen Kindes war todtesbleich und starr wie das einer Leiche; mit wie nach Hülfe ausgestreckten Armen stand sie da, keiner Bewegung fähig, und wenn nicht ein fast Unmögliches geschah, so mußte sie in der nächsten Sekunde zerfleischt am Boden liegen.
Da sprang mit katzenhafter Behendigkeit eine Gestalt an mir vorbei, von dem Ballen herunter, voltigirte in weiten, raubthierartigen Sprüngen über den in der Mitte des Schiffes liegenden freien Raum hinweg an der Tigerin vorüber, packte das Mädchen mit der Linken, stützte sich mit der Rechten auf die obere Pfoste der Reiling und war einen Augenblick später in den tiefen, schmutzig gelben Fluthen des Mississippi verschwunden. Es war Winnetou.
Ein einziger Ruf, der aus allen Kehlen kam, stieg empor. War es ein Ruf der Freude oder neuen Schreckens ? Es war schwer zu beantworten, denn gleich nach den Beiden hatte sich auch die Tigerin über die Deckumfassung geschnellt. Alles eilte nach der Brüstung des Schiffes, um hinab zu sehen, und mit schallender Stimme commandirte der Capitain:
»Mann am Steuer, beidrehen! Stopp, stopp, Maschinist!«
Eine geraume Zeit, während welcher man kaum zu athmen wagte, verging. Das Raubthier lag, die vier Pranken ruhend von sich gestreckt, auf dem Wasser und bewachte mit glühenden Augen jede Bewegung desselben. Da, kaum einige Manneslängen von ihm entfernt, tauchte plötzlich die Gestalt des Indianers mit raschem Stoße in die Höhe, so daß er fast mit dem halben Körper über die Oberfläche des Stromes emporschoß und man deutlich bemerken konnte, daß sich das jetzt ohnmächtige Mädchen mit beiden Armen krampfhaft fest an seinen Hals geklammert hatte.
Kaum aber hatte er Zeit gehabt, Athem zu holen, so schoß die ihn erblickende Tigerin auf ihn zu. Er fuhr wieder in die Tiefe, tauchte eine Strecke entfernt von Neuem zum Athem empor, ward von dem Thiere sofort wieder verfolgt und hinunter getrieben, und so währte die fürchterliche Jagd eine ganze Weile, welche bei den statthabenden Verhältnissen zu einer Ewigkeit wurde.
Man hatte eine Menge Taue ausgeworfen und das Fallreep niedergelassen; aber der kluge Indianer wußte recht wohl, daß diese Vorkehrungen ihm nichts nützen konnten, denn noch ehe er mit ihrer Hülfe einige Fuß hoch empor gekommen wäre, hätte die Tigerin ihn erreicht gehabt. Es gab nur ein Mittel, sich zu retten: er mußte unter dem Fahrzeug hinwegtauchen, und das war nicht unmöglich zu bewerkstelligen, da die Maschine stand. Hätte er um das Fahrzeug herumschwimmen wollen, so hätte das verfolgende Thier seine Absicht bemerkt, und das Emporklimmen wäre ihm dann am Backbord ebenso unmöglich gewesen wie jetzt am Steuerbord.
Er versuchte daher, so lange wie möglich an der Oberfläche des Wassers zu bleiben, um die nöthige Luft zu schöpfen. Eine Handbewegung deutete seine Absicht an; dann verschwand er wieder.
»Taue über Backbord!« befahl der Capitain.
Alles eilte nach der angegebenen Seite, und wirklich währte es nicht lange, so erschien Winnetou über den Fluthen und ruderte auf das nächste Seil zu, welches niederhing.
»Cheer up, cheer up, come on, munter, munter, vorwärts!« mahnte der Capitain, und in seiner Stimme klang so deutlich die größte Angst, daß sich Alle besorgt und mit fragendem Blicke nach ihm umwandten.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, deutete er mit ausgestreckter Hand hinaus auf die gelben Wogen. Aller Augen folgten der Richtung seines Armes, und Aller Lippen riefen auch sofort die zur Eile treibenden Worte nach, welche er ausgesprochen hatte.
In nicht gar zu weiter Entfernung waren drei Furchen zu bemerken, welche sich mit vehementer Schnelligkeit dem Schiffe näherten.
»Um Gotteswillen, rasch, rasch; die Krokodile kommen!« rief es die ganze Seite des Schiffes entlang.
»Mein Kind, mein armes Kind!« wehklagte der Vater des Mädchens. Er hatte schon an Rettung geglaubt und sah die Tochter sowohl als auch ihren muthigen Beschützer jetzt einer neuen und größeren Gefahr ausgesetzt. Mit aufgerissenen Augen und angstverzerrten Zügen legte er sich weit über die Brüstung hinaus und streckte die zitternden Arme hinab, als müsse er Beide erfassen, noch ehe sie von den Alligatoren erreicht werden konnten.
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Sämmtliche Anwesende wollten auf ihn zueilen, wurden aber von einem lauten Rufe davon abgehalten.
»Die Tigerin, schaut Leute, die Tigerin kommt!«
Es war so. Sie hatte den Verschwundenen gesucht und kam jetzt um das Hintertheil des Schiffes herüber nach Backbord geschwommen. Schnell eilten Alle wieder an die Brüstung, und nur der Vater blieb bei der bewußtlosen Tochter zurück.
Die ruhigen und sicheren Bewegungen des schönen, kraftvollen Thieres boten einen wirklich prächtigen Anblick. Leicht und spielend ruderte es sich über die Wogen dahin und ließ die mächtige Muskulatur des geschmeidigen Körpers jetzt mehr als sonst vorher in die Augen fallen. Da richtete es den Blick nach der Stelle, an welcher Winnetou emporgeklettert war, und in demselben Momente noch hatte es eine Wendung gemacht, um zu fliehen. Aber schon war es zu spät: drei Furchen zogen sich blitzesschnell nach dem Punkte hin, wo die Tigerin sich befand; es erfolgte ein Brüllen, so schrecklich und entsetzlich, daß sich den Hörern die Haare sträubten; das Wasser wurde zu Schaum und Gischt gepeitscht und in hochfliegenden Flocken umhergespritzt; es erklang ein tiefes, dumpfes Gurgeln und Röcheln; eine kreiselnde, trichterförmige Öffnung bildete sich in dem Wasser, dessen gelbe Farbe sich in Bluthroth verwandelte, und dann wurde es still: die Alligatoren hatten die Tigerin in die Tiefe gezogen.
Mit einem allgemeinen »Ah« der Erleichterung machten sich die Herzen der Zuschauer frei von der Beklemmung, welche bisher auf ihnen gelegen hatte, und dann suchten die Augen nach den zwei Leuten, welche eng verschlungen in der Nähe des Maschinendaches standen.
»Sie lebt noch; sie ist schon wieder zu sich gekommen!« rief es von allen Seiten, und der Capitain trat hinzu, um dem erschöpften Mädchen und ihrem von der Angst nicht weniger angegriffenen Vater seine Cajüte zur Verfügung zu stellen.
Das Boot nahm seinen Lauf von Neuem auf. Forster blickte betrübt nach der Stelle zurück, an welcher ihm das schönste seiner Thiere verloren gegangen war, und die Übrigen frugen nun auch nach Winnetou. Die Büchse wieder über der Schulter und das Regentuch am Arme, hing er hoch droben in den Wantensprossen und bohrte das scharfe Auge in das düstere Waldesdickicht am jenseitigen Ufer. Kein Zuruf brachte ihn herab; selbst auf das Bitten des wieder nach Oben gekommenen Colonel's hatte er keine Antwort; es war augenscheinlich, daß er da drüben nach Etwas suche.
Da, nach langer Zeit, als die allgemeine Aufmerksamkeit sich schon seit Viertelstunden von ihm gewendet hatte, gab er mit dem in der Luft geschwungenen Tuche ein weithin sichtbares Signal. Vom Schilfgewirr des Ufers hatte sich ein Canoe abgelöst, in welchem sich zwei Indianer befanden, die mit kräftigen Ruderschlägen dem Dampfer zustrebten. Sie kamen, ihren Häuptling abzuholen. Der Sohn der Wildniß kennt keine Station; er nimmt Abschied von der Civilisation da, wo es ihm paßt und er die Seinen erwartet. Er stieg herab und gab mit einer kurzen Handbewegung dem Capitain das Zeichen daß er scheiden wolle.
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, und eine zitternde Stimme sprach:
»Du darfst nicht gehen. Du hast mir meine Tochter gerettet, und ich will Dir dankbar sein!«
Der Colonel war es. Im Augenblicke hatte sich um die Beiden ein Kreis gebildet. Der Indianer drehte sich langsam um und maß den Sprecher mit ernstem Blicke vom Kopfe bis zu den Füßen herab. Seine Gestalt reckte sich in die Höhe; seine Augen blitzten leuchtend über die Umstehenden, und seine Stimme klang scharf und hell, als die ersten Worte sprach, welche man von ihm hörte.
»Der weiße Mann irrt. Die rothen Männer haben keinen Muth und kein Herz; sie sind keine Menschen. Winnetou hat nicht die junge Squaw retten wolle, sondern er ist nur deshalb in die Fluthen des heiligen Vaters gesprungen, weil er sich fürchtete vor dem Stachelschweine, welches die Bleichgesichter losgelassen haben. Howgh!«
Mit stolzem Neigen des Hauptes wandte er sich um, warf das Tuch über die Achsel, stieg das niedergelassene Fallreep hinab und fuhr mit seinen beiden Leuten davon. Er hatte zu den vielen kühnen Thaten, welche über ihn von Mund zu Munde gingen, eine neue gefügt.
Noch lange sah man sein reiches, mähnenartiges Haar im Winde wehen; noch länger lag der Klang seiner Stimme den Hörern im Ohre, am längsten aber dachte man an den Edelmuth, mit welchem er dem Colonel Böses mit Gutem vergolten hatte. Ich ahnte damals nicht, daß ich ihn bald wiedersehen würde, und doch habe ich an seiner Seite die Prairie in ihrer ganzen Länge und Breite durchstrichen, bin ihm mein Leben mehr als zehnmal schuldig, habe von zahlreichen Abenteuern zu berichten, bei den ich ohne ihn verloren gewesen wäre, nenne ihn den besten, treuesten und edelsten meiner Freunde, und wenn von einem Menschenkinde die Rede ist, welches den Namen eines Helden verdient, so kann ich nicht anders, ich muß dabei immer denken an Winnetou, den Häuptling der Apachen. - - -