Omnibus

Illustriertes Wochenblatt.
Nr. 40. 1878. Siebenzehnter Jahrgang.



- Seite 478 -
- linke Spalte -


Winnetou.

Eine Reiseerinnerung von Karl May.

Ich war nach den Vereinigten Staaten gekommen, um "Land und Leute kennen zu lernen", hatte den civilisirten Osten zur Genüge durchstreift und befand mich nun in New Orleans, von wo aus ich zunächst nach St. Louis dampfen und dann durch die Prairieen das Felsengebirge gewinnen wollte. Meine Ankunft in der Metropole des Südens fiel grad in diejenige Jahreszeit, in welcher der "gelbe Jack" und das schwarze Fieber den Aufenthalt am unteren Mississippi für den Weißen gefährlich machen. Wer nicht von der eisernen Nothwendigkeit festgehalten wurde, der beeilte sich, die dünsteschwangere Atmosphäre des sumpfigen Flußdelta's zu verlassen, um sie mit der reineren Luft von höher gelegenen Orten zu vertauschen. Die vorsichtige Aristokratie der Stadt hatte sich längst unsichtbar gemacht. Diejenigen, welche aus geschäftlichen Rücksichten noch zurückgeblieben waren, suchten fortzukommen, denn schon erzählte man sich von mehreren plötzlichen Sterbefällen, und so faßte auch ich gar bald den Entschluß, meinem Verweilen keine längere Ausdehnung zu geben, sondern vielmehr schon die nächste Gelegenheit zur Reise nach der Hauptstadt von Missourie zu benutzen.

So stand ich denn, das Steamboot erwartend, am Landeplatze, und Ned, der alte grauköpfige Neger, welcher als Factotum meines Hotels mir seine besondere Zuneigung geschenkt und jetzt den Koffer getragen hatte, lehnte neben mir an einem der Eisenkrahnen, mit deren Hülfe die unge=


- Seite 478 -
- rechte Spalte -


heuersten Lasten an und von Bord gehoben werden, und machte unter grinsendem Zähnefletschen seine drolligen Bemerkungen über die verschiedenartigen Gestalten, welche geschäftig um uns wogten oder, wie wir, harrend am Ufer standen.

Da plötzlich packte er mich am Arme und gab mir eine so kräftige Wendung, daß ich mich nach rückwärts drehte. Dann erhob er den Arm und deutete mit demselben in das vor uns wühlende Gedränge hinein.

»Sehen Master dort Indian ?« frug er in seiner gebrochenen Art und Weise.

»Welchen ? Meinst du den finsteren Patron, welcher grad auf uns zusteuert ?«

»Yes, jes, Master! Kennen Master Indian ?«

»Nein.«

»Indian sein groß Häuptling von Pimo, heißen Winnetou und sein best' Schwimm in United States.«

»So ? Dazu gehört viel!«

»Well, well Sir; aber es sein so, es sein actuelly so! Oder glauben Master, daß Ned Lügen sagen ?«

Ich entgegnete Nichts und sah mir den Mann, welcher jetzt, den Blick weder rechts noch links wendend, in stolzer Haltung an uns vorüberschritt, genau an. Sein Name war mir nicht unbekannt; ich hatte im Gegentheile


- Seite 479 -
- linke Spalte -


viel von ihm erzählen hören, aber immer an der Wahrheit der wunderbaren Geschichten, welche über ihn und ganz besonders über seine Fertigkeit und Ausdauer im Schwimmen coursirten, gezweifelt. Winnetou war der berühmteste Häuptling der Apachen, deren bekannte Feigheit und Hinterlist ihnen unter ihren Feinden den Schimpfnamen »Pimo« zugezogen hatte; doch seit er zum Anführer seines Stammes gewählt worden war, hatten sich die Feiglinge nach und nach in die geschicktesten Jäger und verwegensten Krieger verwandelt, ihr Name wurde gefürchtet bis über den Kamm des Gebirges herüber, ihre Unternehmungen waren stets vom besten Erfolge begleitet, sie unternahmen in geringer Männerzahl und mitten durch feindliches Gebiet hindurch die kühnsten Streifzüge, und es gab eine Zeit, in welcher an jedem Lagerfeuer und im kleinsten Boarraume ebensowohl wie im Salon des feinsten Hotels Winnetou mit seinen Streichen den stehenden Gegenstand der Unterhaltung bildete. Da plötzlich war er am Mississippi erschienen, um, nach seiner eigenen Ausdrucksweise, die »Hütten der Bleichgesichter« zu sehen und mit dem »Vater der weißen Männer«, dem Präsidenten zu sprechen. Seine wenigen Begleiter hatte er in die am westlichen Ufer des Flusses gelegenen Wälder zurückgeschickt und die Reise nach Washington ganz allein unternommen. Das war vor einigen Monaten gewesen, und nun kehrte er zurück, um die gewaltige Entfernung von dem »Vater der Ströme« bis an die Küsten des stillen Weltmeeres von Neuem zu durchmessen, ein Vorhaben, welches ihn mit tausenderlei Gefahren in Berührung bringen mußte.

Er schien im Anfange der fünfziger Jahre zu stehen; seine nicht zu hohe Gestalt war von ungewöhnlich kräftigem und gedrungenem Bau, und insbesondere zeigte die Brust eine Breite, die einen hoch aufgeschossenen und langhalsigen Yankee in die respectvollste Bewunderung zu setzen vermochte. Der Aufenthalt im civilisirten Osten hatte ihn genöthigt, eine dort weniger auffällige Kleidung anzulegen, aber das dichte, dunkle Haar hing ihm in langen, schlichten Strähnen bis weit über die Schultern herab, im Gürtel trug er ein Bowiemesser nebst Kugel= und Pulverbeutel, und aus dem Regentuche, welches er malerisch um die Achsel geschlungen hatte, sah der verrostete Lauf einer Büchse hervor, die vielleicht schon manchem »Westmanne« das letzte Valet gegeben hatte.

Da kam eine offenen Equipage, in welcher ein ältlicher Herr und eine junge, verschleierte Dame saßen, dahergerollt. Mit etwas auffälliger Rücksichtslosigkeit drängte der reich gallonirte Kutscher das Geschirr durch die Menge und knallte mit der Peitsche um die Ohren der im Wege Stehenden. Erschrocken fuhren die Leute auseinander, und nur der Indianer schritt ruhig und unbekümmert um den hinter ihm entstehenden Lärm weiter und wich kein Haar breit von seiner ursprünglichen Richtung ab. War ja doch zur Seite Raum genug für den Wagen, welcher ebenso gut drüben auf dem kurzen Setzpflaster wie hier auf den glatten, breiten Quadern fahren konnte.

»Weg da vorn, Rothhaut! Oder bist Du etwa taub ?« rief der Rosselenker. Und als der Angeredete trotz des barschen und lauten Zurufes seinen Weg, ohne sich umzudrehen, fortsetzte, fuhr er, die Peitsche schwingend, fort: »Troll' Dich bei Seite, Nigger, oder meine Peitsche zeigt Dir den Weg!«

Obgleich der Ausdruck »Nigger« die größte wörtliche Beleidigung für einen Indianer enthält, schien der Voranschreitende dieselbe doch nicht zu beachten, sondern ging langsam weiter. Da knallte die Peitsche, und der scharfe Riemen derselben strich dem rothen Manne grad über das Gesicht, so daß die Spuren des Hiebes sofort zu bemerken waren. In demselben Augenblicke aber stand der Getroffene auch schon auf dem Bocke, riß dem ungezogenen Burschen mit einem von unten nach oben geführten Stoße der geballten Hand Lippe und Nase auf, hob ihn dann vom Sitze empor und schmetterte ihn mit solcher Wucht herunter auf die Steinplatten, daß er, Arme und Beine von sich streckend, laut= und regungslos liegen blieb.

Die Pferde standen still. Es war dies Alles so schnell geschehen, daß der im Wagen sitzende Herr nicht Zeit gefunden hatte, seinem Untergebenen zu Hülfe zu kommen; jetzt aber riß er einen Revolver aus der Tasche und rief, denselben auf den Indianer richtend:

»Zounds, Canaille, das ist für Dich, wenn der Mann nicht binnen einer Minute wieder auf dem Bocke sitzt!«

Ohne eine Miene zu verändern oder auch nur mit der Wimper zu zucken, zog der Bedrohte mit blitzesschneller Bewegung die Büchse hervor und legte auf den Yankee an. Der Hahn knackte, und ganz gewiß wäre es zwischen den Beiden zu einer ernsten That gekommen, wenn nicht einige rasch herbeigeeilte Policemens durch ihr Bitten den Besitzer der Equipage bewogen hätten, die Waffe an sich zu nehmen.

»Bitte, fahrt weiter, Sir,« mahnte der Eine von ihnen, »Euer Kutscher hat sich wieder erhoben und wird wohl, das zerrissene Gesicht abgerechnet, keinen großen Schaden genommen haben. Er mußte doch wissen, daß nach den Gesetzen der Indsman ein solcher Schlag nur mit dem Tode gesühnt werden kann!«

»Well, well; aber mischt Euch nicht in meine Angelegenheiten, Ihr Leute! Was Ihr da von den Gesetzen dieser rothen Kerle sagt, das mag meinetwegen ganz wahr sein, mich aber gehen sie ganz und gar Nichts an. Ich bin der Colonel Webster aus Lindsfort und weiß ganz genau, wie ein freier Amerikaner mit solchen Burschen umzuspringen hat. Tretet vom Wagen zurück; ich werde mit dem Scalpmanne auch ohne Euch fertig!«

Die Situation schien eine gefährliche und also auch interessante zu werden. Nach Art und Weise der Amerikaner, welche sich nur selten in die Händel Anderer mischen und ihre Theilnahme an einem Streite meist nur dadurch an den Tag legen, daß sie Raum zum Ausfechten desselben geben, hatten die Umstehenden einen Kreis um den wagen gebildet, um zu sehen, wie die Begebenheit enden werde. Da ertönte die schrille Pfeife des herandampfenden Steamers, und sofort nahm die Angelegenheit eine friedliche Wendung.


- Seite 479 -
- rechte Spalte -


»Steig auf, Jim!« rief der Colonel. »Das Boot ist schon da.«

Winnetou zog den Lauf seiner Büchse zurück, setzte den Hahn in Ruh und sprang herab. Das Geschirr rollte der nahen Landungsbrücke zu; der Kreis der Neugierigen löste sich schnell auf, und ein Jeder beeilte sich, auf dem Dampfer einen möglichst guten Platz zu erobern.

Es war nicht das gewöhnliche äußerst comfortabel eingerichtete Passagierboot, sondern eins jener riesigen Packetschiffe, welche zur Personenbeförderung nur ausnahmsweise und zwar meist dann dienen, wenn bei Beginn der Fieberzeit der Andrang der Reisenden ein schwer zu bewältigender ist. Dshalb entbehrte das Fahrzeug aller jener Bequemlichkeiten, mit denen der praktische Amerikaner sich das Reisen weniger beschwerlich macht, und die Passagiere mußten Platz nehmen, wo und wie sie ihn fanden.

Ich erstieg, nachdem mein Neger sich verabschiedet hatte, einen Haufen Waarenballen, welcher eine Reihe viereckiger Kästen flankirte, die sich fast über das ganze Deck hinzog. Da eben hatte ich eine freiere Aussicht als unten; auch strich mir der kühlende Lufthauch bemerklicher um die Stirn, und rechnete ich dazu die Ungenirtheit, mit welcher ich mich hier nach Belieben ausstrecken konnte, so war mein Platz ein verhältnißmäßig ganz prächtiger.

Von meinem erhöhten Standpunkte aus Umschau haltend, gewahrte ich, daß sowohl der Besitzer der Equipage mit seiner Dame als auch Winnetou, der Indianer, anwesend waren. Ersterer hatte sich mit seiner Begleiterin vorn neben der Sprintverkeilung niedergelassen, und Letzterer, dem es in dem wirren Gedränge zu schwül und unbehaglich werden mochte, kletterte an den Ballen empor und streckte sich dann, um mir meinen Sitz nicht streitig zu machen, auf dem ersten der Kästen aus, von denen ich vorhin sprach.

Kaum aber hatte er Platz genommen, als ein Laut die Luft erschütterte, der so tief und grollend, so entsetzlich klang, daß sämmtliche Passagiere erschrocken emporsprangen und sich nach der Ursache dieses fürchterlichen Brüllens umschauten. Nur Winnetou blieb ruhig sitzen, obgleich das zornige, donnerähnliche Rollen grad aus dem Kasten unter ihm hervorgedrungen war. Kein Zug seines braunen, unbeweglichen und jetzt von der dicken Peitschenschwiele entstellten Angesichtes verrieth eine auch nur leise Spur von Überraschung oder gar Bestürzung, und die erschrockenen Leute auf dem Decke schien er kaum eines halben Blickes für werth zu halten.

Da öffnete sich eine Lucke, aus welcher ein Mann stieg, bei dessen Anblicke mir jenes Brüllen sofort erklärlich wurde. Ich hatte ihn in Boston, in Newyork und später auch in Philadelphia und Charlestown gesehen und mit ihm so ziemlich innige Bekanntschaft geschlossen. Es war Fred Forster, der berühmte Thierbändiger, welcher damals mit seiner Menagerie die bedeutenderen Städte der Vereinigten Staaten besuchte und überall, wohin er kam, durch die Macht, welche er selbst über die wildesten Bestien ausübte, gerechtes Aufsehen erregte.

Die Kästen gehörten ihm und enthielten die Käfige seiner zoologischen Untergebenen. Der Indianer hatte auf dem ambulanten Logis des Löwen Platz genommen, denselben durch das dabei verursachte Geräusch aus der Siesta aufgeschreckt und ihn zu den unmelodischen Lauten veranlaßt, auf welche Forster herbeigeeilt kamm, um sich über ihre Ursache aufzuklären.

In dem vorsichtigen Europa würde man sich allerdings sehr hüten, die Beförderung einer completen Menagerie ohne großes Bedenken und die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln zu übernehmen. Der Amerikaner aber ist auch in solchen Dingen weniger difficil. In dem Lande, welches er bewohnt, hat die Gefahr ihre ständige Heimath; man ist vertraut mit ihr; man kennt sie in den verschiedensten ihrer Gestalten; man achtet sie, aber man fürchtet sie nicht, und da man gewohnt ist, den ungezähmten Bewohnern der Wildniß, wenn sie sich in gezähmtem Zustande befinden, zu begegnen.

Nur das Unerwartete hatte die Reisenden erschreckt. Als man jetzt die Bestimmung der zahlreichen Kästen begriff, lachte man über die Furcht, welche man gezeigt hatte, und der Besitzer der Thiere wurde von allen Seiten gedrängt, die Umhüllung der Käfige zu lüften.

»Well, ich habe sehr Wenig dagegen, wenn es Euch spaß macht, Ladies und Gentlemans; etwas frische Luft wird den Kreaturen auf alle Fälle wohl thun. Aber fragt den Capt'n; auf eigene Faust darf ich es nicht unternehmen!« antwortete er und wandte sich dann an den Indianer:

»Wollt Ihr nicht so gut sein und von Eurem Throne steigen, Mann ? Der Löwe ist König und mag nicht gern Jemanden über sich leiden!«

Der Angeredete machte, ohne die Lippen zu öffnen, durch eine leichte, abweisende Handbewegung bemerklich, daß es ihm hier oben ganz gut gefalle und er gar nicht die Absicht habe, seinen Platz zu verlassen.

»Gut, Master Büffelkind; mir soll es Recht sein. Aber beklagt Euch dann auch nicht, wenn Euch etwas Unerwünschtes passirt!«

Jetzt brachte man den Capitain herbei, welcher nach einigem Zögern die Erlaubniß gab, die Käfige auf der einen Seite von den Bretterwänden zu befreien. Mit Hülfe der Thierwärter war dies bald geschehen, und da Forster diese Gelegenheit gleich zur Fütterung der Thiere benutzen wollte, so war den Zuschauern ein höchst interessantes und unterhaltendes Schauspiel geboten.


(Schluß folgt.)

(Vorwort)