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Leïlet.

Novelle von M. Gisela.

(Schluß.)

»Nein, komm und siehe. Zum Erzählen ist es später ebenso Zeit, und übrigens bin ich fast schon allzulang fortgeblieben.«

»Wie Du befiehlst. Aber Eins sage ich Dir: wenn die Schönheit Deiner Zuleika - «

»Leïlet heißt sie!«

»Gut, Deiner Leïlet nur halb so groß ist wie meine Neugierde, so hat der "Klapps" seine vollständige Berechtigung. Also, en avant

Wir brachen auf und wanden uns bald durch das farbenreiche Gewimmel der engen Straßen. Schon waren wir in der Nähe des Hotels, da faßte mich der Bruder plötzlich bei der Hand.

»Mein Gott, ist's möglich? Bruderherz, es ist wahr, daß Dein Kommen mir Glück bringt. Blicke die beiden Männer an, welche soeben an uns vorüber müssen!«

Ich folgte der Richtung seines Auges und - wäre fast erschrocken, denn der Eine von den Beiden war kein Anderer, als - Abrahim-Arha, der Hedjahn-Bei. Also hatte ihm der Sabeth-Bei ganz so, wie ich gedacht, sofort nach meiner Abreise freigegeben, und er war mir gefolgt.

Auch er erblickte mich. Ein Blitz freudiger Genugthuung zuckte über sein Gesicht, doch faßte er sich schnell und schritt mit seinem Begleiter an uns vorüber. Das Mienenspiel des Ueberraschten war meinem Bruder nicht entgangen.

»Kennt Ihr einander?« fragte er fast athemlos.

»Sehr gut. Warum?«

»Warum? Mein Gott, erräthst Du denn aus meinen vorherigen Worten nicht, wer die Beiden sind?«

»Sprich!«

»Der Levantiner mit dem Manne, den ich an jenem Vormittage auf dem Dache des Nachbarhauses sah. Wer ist dieser - und wo hat Du ihn kennen gelernt?«

Ich hörte diese Fragen kaum noch. Es war, als sei mir ein Keulenschlag mitten hinein in's tiefste Herz versetzt worden; wie erstarrt blieb ich stehen und mußte in diesem Augenblicke einen Besorgniß erregenden Anblick geboten haben, denn der Bruder rief, mich am Arme fortziehend:

»Um des Himmels Willen, was hast Du? Komm, komm, wir müssen den Beiden folgen; jetzt haben wir ihn!«

Ich hielt ihn zurück, denn ein einziger Blick hatte mich belehrt, daß wir ihnen nicht nachzuschleichen brauchten.

»Das ist nicht nothwendig; sie werden vielmehr uns verfolgen!«

»Sie uns? Weshalb?«

»Frage jetzt nicht, sondern komm!«

Mit ängstlicher, fieberischer Hast drängte ich vorwärts; es war in mir eine Ahnung aufgestiegen, eine Ahnung, so furchtbar und doch auch wieder - doch nein, ich konnte den Gedanken nicht fassen, sondern eilte, die Bemerkungen des Bruders gar nicht beachtend, auf das Entree des Hotels zu und sprang mehr als ich stieg die Treppe empor, welche zu meinem Zimmer führte.

Es war leer, als wir eintraten; Leïlet befand sich also im Nebengemache.

»Aber sage mir nur endlich, was Du hast? Du bist ja trotz des Sonnenbrandes so blaß wie eine Leiche, und Deine Augen blicken wahrhaft furchterregend.«

»Was ich habe? Da siehe es selbst!«

Ich öffnete die Thür und schob ihn in das Zimmer. Eine einzige Sekunde war es still da drinnen, eine Sekunde, die für mich wie eine Ewigkeit wog, und dann jubelte es laut und jauchzend:

»Warde!«

»Bernardo!«

Sie hatten sich erkannt; sie hatten sich wieder. Ich aber stand inmitten meines Zimmers und fühlte, wie mir das Blut das Herz zu zersprengen, zu zerreißen drohte; es wurde dunkel vor meinen Augen - die Wände wirbelten mit sausender Schnelle um mich herum - die Füße fühlten den Halt unter sich weichen - und wie von einer riesigen Faust niedergestreckt, brach ich zusammen und schlug besinnungslos auf den Boden nieder.

Wie lange ich gelegen, ich weiß es nicht; aber als ich erwachte, lag ich auf dem Divan, fühlte meine Hand in derjenigen des Bruders und blickte in das liebevoll auf mich gerichtete, thränenfeuchte Auge Leïlets, welche sich voll Sorge über mich gebeugt hatte.

»Ich heiße Warde, Abrahim-Arha nannte mich Leïlet,« erklärte sie mir.

Ich nickte; sprechen konnte ich nicht; es war mir unmöglich, auch nur einen einzigen Laut zu stammeln. Sie war die Geliebte des Bruders; nun war mir Alles klar, und so manche Kleinigkeit, so mancher Zug, für den mir die Erklärung gefehlt hatte, wurde mir jetzt begreiflich.

Sie hatte ihr Auge forschend auf mich gerichtet, als sie meine Stimme zum ersten Male hörte. Der Klang erinnerte sie an Bernhardt. Meine Aehnlichkeit mit ihm hatte ihr Vertrauen eingeflößt, ohne daß sie sich dieses Grundes klar bewußt wurde. Dankbarkeit und Liebe waren in ihrem Innern in Zwiespalt gerathen, daher die Unklarheit in ihrem Thun und Wesen. Erst gestern hatte sie bei dem Blicke auf die Mappe meinen wirklichen deutschen Namen erfahren und ihre Mittheilung zurückgehalten, da sich nun Alles ja ganz von selbst auflösen mußte.

Da trat der Kellner ein und meldete zwei Männer, welche nach mir gefragt hatten. Warde entfernte sich, und ich richtete mich empor.

»Bitte, Bernhardt, laß mich für Dich handeln!« konnte ich nur noch sagen und dann traten sie ein. Es


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war der Schwager Leïlets und Abrahim, in deren Mienen der Triumph, uns überrumpelt und gefangen zu haben, sich deutlich ausprägte.

Es verstieß ganz gegen die gewöhnliche Handlungsweise des Morgenländers, uns ohne ceremonielle Vorbereitung, persönlich und ohne obrigkeitliche Begleitung in einer Angelegenheit aufzusuchen, die einen strafgesetzlichen Character hatte. Jedenfalls wurden sie von gewissen Berechnungen dazu bewogen, denen ich durch ein möglichst kurzes, bündiges und kräftiges Verhalten begegnen mußte. Ohne eine Anrede abzuwarten, nahm ich deshalb zuerst das Wort und begann, die Glocke nach einem Diener ziehend:

»Abrahim-Arha, Du bist ein höflicher und gütiger Mann. Ich hätte vielleicht vergeblich nach Dir suchen müssen, wenn Du nicht selbst gekommen wärest!«

»Ich verstehe nicht, was Du sprichst!« antwortete er, sichtlich verblüfft über die ruhige Art und Weise, ihn zu empfangen, der doch jedenfalls erwartet hatte, uns im höchsten Grade in Schrecken und Angst zu versetzen.

»Du wirst mich bald begreifen!« Und mich an den eintretenden Omar wendend, frug ich: »Omar-Arha, sind die Läufe Deiner Pistolen geladen?«

»Herr!« antwortete er, die beiden Männer, von denen wenigstens der Eine ihm nur zu wohl bekannt war, mit feindseligem Blicke messend, »sage mir, wen ich niederschießen soll!« Und in demselben Augenblicke blitzten auch die blankgeputzten Läufe der beiden Schießwaffen in seinen Händen.

»Jeden, der dieses Zimmer verlassen will, ohne daß ich es ihm erlaube!«

»Gut, Effendi!«

Die Hähne knackten, und wie er in entschlossener Haltung und mit haßerfüllten Zügen an der Thüre stand, mußten die Beiden sofort erkennen, daß er meinem Befehle unbedingte Folge leisten werde, so wenig ernst es mir auch eigentlich mit ihm gemeint war.

»Abrahim-Arha, kennst Du mich?« wandte ich mich wieder an diesen.

»Dich, den Räuber meines - «

»Halt!« unterbrach ich ihn. »Nicht seit dieser Zeit meine ich, sondern früher? Als ich zu Dir kam, gerufen von Dir, um Leïlet gesund zu machen, da sah ich Deinem Auge den Gedanken an, daß Du mich schon einmal gesehen habest. Doch war Deine Erinnerung zu schwach, Dir zu sagen, wo.«

Er blickte, ohne zu antworten, mich erwartungsvoll an.

»Denke an den Franken, den Du, Hedjahn-Bei, der Mörder der Karawanen, in der Wüste von Dakel überfielst, beraubtest und tödten wolltest. Er war stärker und klüger als Du und entkam Dir, aber Alles, was er besaß, seine Habe, seine kostbaren Sammlungen, mußte er verloren geben. Wo hast Du mein Eigenthum, Mann? Ich fordere es von Dir bis auf das letzte Kameelhalfter, bis auf die letzte Zeltstange - mein Eigenthum, oder Dein Leben!«

In seinem Angesichte kämpften Furcht und Wuth miteinander, Furcht, meiner Entschlossenheit gegenüber, und Wuth, mir zum zweiten Male als Besiegter gegenüber zu stehen, mir, den er jetzt erst und allerdings nun zu spät wieder erkannte. Aber fast noch mehr, als er, nahm Omar meine Aufmerksamkeit in Anspruch, der jenem Ueberfalle ebenfalls mit beigewohnt und später wohl tausend Mal dem Räuber in den glühendsten und dabei belustigendsten Ausdrücken Haß und Rache geschworen hatte. Mit weit vorgebogenem Oberkörper und vor Hast stotternder Stimme rief er:

»Effendi, Effendina, ich beschwöre Dich bei Allem, was im Himmel und auf Erden ist, sogar bei dem Barte aller alten Weiber - den ihnen Allah noch lange erhalten möge - ist er's, ist er es wirklich?«

»Er ist es!« bekräftigte ich, mußte aber den erbitterten Diener mit einem strengen Befehle abhalten, sich auf Abrahim zu stürzen.

»Und Du,« wandte ich mich jetzt zu seinem Begleiter, »Du hast geraubtes Gut empfangen, um die Schwester Deines Weibes zu verkaufen! Frag' das Gesetz, welches Loos Deiner wartet.«

Der Egypter hatte sich jetzt endlich von seiner Ueberraschung erholt und erkannte - allerdings wenigstens mit einigem Rechte - in meinem Worten eine leere Drohung.

»Deine Rede ist weise,« meinte er in dem Tone schadenfroher Ueberlegenheit. »Aber, Du vergissest, daß die Gnade des Mächtigsten im Lande mich erleuchtet hat. Du zuckst die Waffe Deines Dieners gegen mich; das Gesetz wird diese That bestrafen!«

»Du hast recht gesagt: meine Rede ist weise; aber die Quelle Deines Mundes giebt schmutziges Wasser. Weißt Du nicht, daß dieser Mächtigste im Lande keine Missethat vergeben kann, die an einem Unterthanen meines Landes, an einem Diener meines Herrschers verübt worden ist? Du kannst der Strafe nicht entgehen, denn der Consul meines Volkes wird nicht ruhen, bis der Gerechtigkeit genug gethan ist!«

Er erblaßte und schwieg, und auch der Levantiner bot einen Anblick dar, welcher mich auf den Gedanken brachte, daß er in irgend einer Weise, vielleicht als Hehler und Ankäufer des erbeuteten Gutes, dem früheren Thun Abrahim-Arhas nahe gestanden habe. Ich mußte den Vortheil, den ich errungen hatte, auszunutzen suchen.

»Abrahim-Arha, ich habe Dir die Kraft meines Armes und den Muth meiner Seele gezeigt, Du sollst auch die Güte meines Herzens kennen lernen. Setze Dich an meine Seite; wir wollen Worte der Versöhnung miteinander sprechen!«

Er folgte halb gern, halb widerwillig meiner Aufforderung, und nun begann eine Unterredung, in welcher Alles entwickelt wurde, was die Betheiligten an Scharfsinn und Willenskraft besaßen, eine Unterredung, welche alle Empfindungen und Regungen, deren das menschliche Herz fähig ist, in Gährung brachte, eine Unterredung, so heiß und aufregend, daß ich schließlich fast an dem Erfolge zu zweifeln begann und deren endliches Resultat doch noch ein für mich so zufriedenstellendes war, daß ich Omar den Befehl gab, die Pfeifen zu bringen.

Er stand während unseres Wortkampfes wie auf glühenden Kohlen und hoffte immer, daß ich die Geduld verlieren und meine gegen Abrahim ausgesprochene Drohung wahrmachen werde. Jetzt nun sah er sich so vollständig enttäuscht, daß er mit vor Aerger fast weinender Stimme ausrief:

»Wenn es Dir Vergnügen macht, unseren kostbaren Djebeli mit Räubern zu verrauchen, da werde ich auch einer, Effendi. Er mag sich seine Pfeife selber stopfen!«


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Ein Blick der tiefste Verachtung auf Abrahim gab dieser Revolution gegen meinen Willen noch einen ganz besonderen Nachdruck, und jetzt erst die Pistolen wieder in den Gürtel schiebend, schritt er aus der Thür, um - meinen Befehl doch trotz Alledem gehorsam auszuführen.

Unser Uebereinkommen war ein einfaches. Abrahim-Arha verzichtete auf Warde und ich auf eine gerichtliche Verfolgung gegen ihn. Mit diesem Zugeständnisse brachte ich kein Opfer, da mir seine Bestrafung, die übrigens noch sehr in Zweifel zu ziehen war, das verlorene Eigenthum nicht zurückbringen konnte, während seine Verzichtleistung ihm so schwer wurde, daß ich mich einer Regung des Mitleides nicht erwehren konnte.

Als er sich mit seinem Freunde, der den Wunsch, die Schwester seinen Weibes zu sehen, gar nicht ausgesprochen hatte, entfernte, kehrte diese zu uns zurück. Sie hatte jedes unserer Worte gehört und dabei eine Angst empfunden, die an Größe nur mit dem Entzücken zu vergleichen war, welches jetzt aus ihren Augen strahlte.

Sie warf sich schluchzend an die Brust Bernhardt's; dieser aber führte sie mir zu.

»Nicht mir gehörest Du, sondern sein Eigen sollst Du sein! Er hat Dich gefunden und befreit, hat Dich beschützt in den Gefahren der langen Wasserfahrt und gegen die Angriffe Abrahims, hat Dich erkämpft und errungen jetzt wieder von Neuem durch seine Vertheidigung, und deshalb bist Du sein Eigenthum. Nimm sie hin, Bruder, und sei glücklich! Du hast sie verdient, und ich werde Trost finden in dem Gedanken, daß ich meine Pflicht gethan!«

Er weinte laut auf vor tiefinnerer Bewegung, und auch mir stürzten die Thränen über die sonneverbrannten Wangen.

»Nein, Bernhardt, Dein Opfer würde Dich und auch uns Beide nur unglücklichmachen! Gott weiß es, daß sie mir nicht weniger theuer ist, als Dir, aber ihre Liebe gehört Dir, und deshalb darst Du sie nicht von Dir geben. Wache über ihr Glück, so wie ich es gethan hätte zu jeder Stunde, zu jeder Minute meines Lebens, wenn ihr Herz mir nicht fremd geblieben wäre!«

Da schlang sie die Arme fest um meinen Nacken, legte ihre Lippen auf meinen Mund und sprach dann mit betheuerndem Tone:

»Es würde nur Dir allein gehören, hätte ich nicht ihn vor Dir gekannt, aber es liebt auch Dich - Dich - nur ihn und Dich!«

Ich nahm sie, legte sie in seine Arme und zog sie Beide an mich. So standen wir lange, lange, weinend und schluchzend, als wären wir Kinder, bis sich die Thür öffnete und Omar-Arha eintrat.

»Effendi - ach so - verzeihe! - aber - Allah kerim, Gott ist gnädig - und wenn Abrahim-Arha, der Hedjahn-Bei, der Räuber da wäre, so hätte ich - beim Barte des Propheten, auch Jemanden, den ich umarmen könnte. Salem aleïkum, Friede und Heil sei mit Euch!«



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