Sei mir gegrüßt, Kahira, du herrliche, wüstenbegrenzte, gärtenumlegene, palmenumstandene Königin Egyptens! Sei mir gegrüßt mit deinem milden Himmel, deinen schlanken Minarets, deinen kühlen Straßen, deinen rauschenden Platanen und früchtereichen Sykamoren, deinen balsamduftenden Orangenhainen und dattelschweren Palmen! Ich grüße euch, ihr sarazenischen Häuser, ich grüße dich, o blumenreiche Esbekïe, ich grüße euch, ihr himmelstrebenden Pyramiden und dich, du Stadt der Todten in der Wüste, dich, o Mokkhadam, mit deinen Bergen, dich, o Bulakh, mit deinem barkenreichen Hafen, und dich, o Fostat, mit deiner herrlichen Insel - ja, ich grüße dich, o Kahira, dich und all' dein Volk! El salahm aaleïkum, mit euch sei das Heil!
Lange Monate war ich ein Wanderer in der Wüste gewesen und kehrte nun zurück zur unvergleichlichsten der Städte, wo ich wieder den Spuren europäischen Lebens begegnen, den Bruder finden und die Grüße der fernen Heimath empfangen sollte. Wer Kairo kennt, der wundert sich nicht über die Begeisterung, mit welcher ich die Stadt der fünfhundert Moscheen begrüßte, als unsere Dahabïe in Alt-Kairo anlegte. Omar-Arha tanzte vor Entzücken um das Gepäck herum, und selbst Hassan, der alte Abu el Reïsahn rief ein tiefathmiges »Sallah el nebbi, preist den Propheten!«
Wohin das Auge nur schaute, erblickte es Glück und Freude; nur Leïlet lehnte bewegungslos am Eingange zur Kajüte und ließ kein Zeichen irgend welcher Gefühlserregung bemerken. Sie war mir ein Räthsel, ein tiefes, unlösbares Räthsel, und diese Undurchdringlichkeit warf ihre schweren, dunklen Schatten bis hinein in die heiligsten und verborgensten Räume meines Herzens.
Die Verwickelung vor dem Sahbeth-Bei war unaufgelöst geblieben. Um vielleicht von meiner günstigen Meinung profitiren zu können, hatte er mir seine Gastfreundschaft angeboten; aber ein Verweilen bei ihm konnte mir keinen Vortheil bringen, und so war ich, ohne die Entscheidung des Rechtsfalles abzuwarten, abgereist. Zwar versicherte er mir beim Barte des Propheten und den zahllosen Bärten aller Khalifen und Moslemim, daß er ein Exempel statuiren werde; aber ich war überzeugt, daß er dem Gefangenen nicht das geringste Leid zufügen, sondern ihn sobald wie möglich entlassen werde. Die Wahrheit zu gestehen, war ich herzlich froh, so leichten Kaufes aus der Verlegenheit zu kommen, die leicht eine höchst verhängnißvolle für mich hätte werden können, und drang deshalb auf die möglichste Beschleunigung unsrer Fahrt. Sie war eine glückliche in Beziehung auf den äußern Verlauf, nicht aber in Hinsicht auf den heißesten Wunsch meines Herzen, welches mit jeder Stunde höher und sehnender klopfte unter der mächtigen Regung einer Liebe, deren ich mich nie für fähig gehalten hätte.
Stundenlang saß ich bei Leïlet und konnte mein Auge nicht wenden von den herrlichen Zügen, welche sie mir unverhüllt darbot, wenn kein Fremder in der Nähe weilte, und aus denen mir die ganze Seligkeit eines Himmels entgegenstrahlte. Aber diesen Himmel, ich durfte ihn noch nicht mein nennen. Es war nicht Muthlosigkeit oder Mangel an Selbstvertrauen, was mich abhielt, ein entscheidendes Wort zu sprechen, sondern es lag über dem ganzen Wesen des schönen Mädchens ein Etwas ausgegossen, welches sie einem rücksichtsvollen Character unnahbar machen mußte, ein Noli me tangere, ein Rühr' mich nicht an, welches ich unmöglich verletzen und entheiligen konnte.
Ich wußte es und fühlte es nur zu deutlich, daß sie sich unendlich glücklich fühle, aus den Banden Abrahims befreit zu sein, und doch sprach sich in ihren Zügen, in dem Klange eines jeden ihrer Worte eine Wehmuth, eine Unruhe und Bängstigung aus, welche mich mit stiller Sorge erfüllte. Oft schon hatte ich die Frage nach Aufklärung auf den Lippen, aber dann traf mich stets ein so innig flehender Blick des großen, tiefleuchtenden Auges, daß ich nicht anders konnte, als die Frage zurückzudrängen und die Lösung der Zukunft anheimzustellen. Und doch überraschte ich dieses Auge oft bei einem Blicke, der mit dem Ausdrucke der herzlichsten Liebe und des rückhaltslosesten Vertrauens auf mir ruhte, und nur zuweilen schien es mir, als spreche sich daneben eine unwillkürliche Theilnahme aus, welche mich mehr beunruhigte, als es eine offen dargelegte Abneigung gethan hätte.
Gestern Abend war's; der Mond warf sein magisches Licht hernieder auf die dunklen Berge des Mokkhadam, und silberne Reflexe zuckten über das Wasser. Die großen, hellen Sterne der südlichen Halbkugel traten so nahe zur Erde herab und die Abendluft war geschwängert von balsamischen Düften. Ich lehnte einsam vorn in der Nähe des Reïs und gab mich widerstandslos dem elegischen Eindrucke hin, welchen eine solche Nacht auf jedes empfängliche Gemüth äußert.
Da trat Leïlet an meine Seite, schlug den Schleier zurück und gab ihre Wangen dem leise fächelnden Hauche preis. Es war mir, als eilten die Strahlen des Mondes schneller und freudiger hernieder, um ihr Stirne und Mund zu küssen, als nickten ihr die Palmen des Ufers aus dem Halbdunkel ihre Grüße entgegen und als verstumme das Plätschern der Wellen vor dem bezaubernden Einflusse ihrer Nähe. Es lag so weich und wehe in dem engelgleichen Angesichte, und ein langer, tiefer und schwerer Athemzug hob den Busen, dessen Bewegung ich trotz der Hülle deutlich zu erkennen vermochte. Plötzlich legte sie die Hand auf meinen Arm, und leise und gepreßt klang es:
»O, zürne mir nicht, Du Guter!«
Ich wußte ihr nicht zu antworten, und mein Schwei-
gen falsch deutend, schlang sie, wie von einem unwiderstehlichen Impulse getrieben, die Arme um meinen Nacken, preßte ihr Köpfchen fest, fest an meine Brust und schluchzte:
»Leïlet kann nicht dafür!«
Noch ein langer, tiefer, unbeschreiblicher Blick, als müsse sie ihre ganze Seele in mein Auge senken, und dann floh sie der Kajüte zu.
Ich blieb zurück unter einem Sturme von Empfindungen, der mich die ganze Nacht nicht ruhen ließ und auch am Morgen sich noch nicht beschwichtigt hatte. Es lastete ein Geheimniß, ein Druck auf ihrer Seele, der ihres Herzens Freiheit raubte und die Erfüllung meiner freudigsten Hoffnung verzögerte. Aber ich beschwichtigte meine Befürchtungen; die nächste Zukunft schon mußte mir ja die Lösung des Räthsels bringen und mich über die Verhältnisse meines schweigsamen Schützlings unterrichten. Mochten aber dieselben sein, wer sie wollten, das stand felsenfest: mein mußte sie werden, und sollte ich einen einzigen Augenblick des Glückes mit dem Tode oder mit einem öden und freudeleeren Leben bezahlen! - -
Die wenigen Passagiere, welche die Dahabïe unterwegs aufgenommen hatte, waren jetzt über das Landungsbret geschritten, und ich wandte mich nun zu Leïlet, um sie an den Aufbruch zu mahnen. Sie eilte herbei und bat hastig und flehend:
»Verlaß mich nicht schon jetzt, sondern nimm mich mit Dir!«
Wie klang doch diese Bitte so sonderbar! Ich bog mich zu ihr nieder und flüsterte mit überfließendem Herzen:
»Ich werde Dich nie, nie wieder von mir lassen!«
Da ich wußte, daß mein Bruder die Wohnung geändert hatte und ich seine gegenwärtige Adresse noch nicht kannte, so nahm ich für mich und Leïlet eine Barutsche, einen jener meist zweiräderigen und mit Kissen ausgelegten Wagen, wie sie in Kairo üblich sind, und fuhr, die Sorge für das Gebäck meinem Omar überlassend, nach dem Hotel d'Orient, um dort einstweilen Wohnung zu nehmen.
Es war schon zu spät, den Consul aufzusuchen, um die nöthigen Erkundigungen einzuziehen und etwa eingegangene Briefe und Schriftstücke in Empfang zu nehmen. Deshalb beschloß ich, nicht auszugehen und mich vielmehr mit dem Ordnen meiner Effekten zu beschäftigen.
Eben hatte ich diese Arbeit beendet, als Leïlet bei mir eintrat. Jeder ihrer Züge sagte mir, daß irgend ein Entschluß sie beschäftige, und als sie sich dem Tische näherte, wußte ich, daß sie im Begriffe stehe, die bis heut' aufgeschobene Aufklärung auszusprechen. Da fiel ihr Blick auf eine vor mir liegende Mappe, welche in goldenen Lettern meinen Namenszug trug. Ein Blitz der Ueberraschung zuckte über ihr erbleichendes Angesicht, und mit unsicherer, ja zitternder Stimme hauchte sie:
»Ich kam, um Dir den Abendgruß zu bringen. Leïlkum saaïde, gute Nacht!«
»Leïlet,« rief ich emporspringend, »worüber erschrakst Du? Wolltest Du mir nur diese zwei Worte sagen?«
»O nein, Herr, Du solltest Vieles vernehmen, aber meine Lippe muß sich schließen, bis sie morgen sprechen darf.«
»Morgen? Warum nicht heut', nicht jetzt? Hast Du nicht gefühlt, daß mein Herz sich allezeit gesehnt hat nach dem Worte, welches Du aufgehoben hast bis jetzt und nun auch weiter noch verschweigen willst?«
»Ich habe das Leid Deiner Seele zu jeder Zeit in Deinem Auge gelesen, aber die Lippe blieb mir stumm, weil - «
Die Hände vor's Gesicht legend, lehnte sie tiefathmend den Kopf an meine Schulter. Ich schlang den Arm leise um ihre weiche, schlanke Gestalt; da aber wand sie sich los und war, noch ehe ich es verhindern konnte, hinter der Thüre zu ihrem Gemache verschwunden.
Was war das? Was hatte sie so erschreckt, so erschüttert; konnte es wirklich die unschuldige, bedeutungslose Mappe sein, welche eine so plötzliche Zurückhaltung bewirkt hatte? Von tausend unklaren und ungewissen Gedanken hin und her geworfen, saß ich da und zermarterte mir den Kopf mit Vermuthungen und Befürchtungen, deren Stichhaltigkeit ich doch immer wieder bezweifeln mußte. Mein auf der Mappe stehender Name, den sie bisher allerdings nur in seiner arabischen Verdolmetschung gehört hatte, konnte doch unmöglich auf die Stimmungen und Entschlüsse eines mir bis vor kurzer Zeit vollständig fremden Wesens einen so gewaltigen Eindruck haben, wie ich ihn soeben bemerkt hatte. Es blieb mir Nichts weiter übrig, als mich in Geduld zu fassen und den morgenden Tag, von dem sie ja gesprochen hatte, abzuwarten. -
Der Bruder wohnte, wie ich am andern Morgen erfuhr, in Bulakh, wohin ich mich sofort verfügte, um ihn nach so langer Zeit wiederzusehen und Zeuge seines Glückes zu sein, von welchem er mir geschrieben hatte.
Ungemeldet trat ich ein. Mit untergeschlagenen Beinen saß er wie ein echter Padischa mit würdigem Gesichtsausdrucke auf dem Divan und hob das Auge zu dem Eindringling empor. Meine von der Sonne fast schwarzgebrannten, von der Gluth der Wüste bis auf die Knochen ausgetrockneten und mit einem dichten Barte verhüllten Züge schienen ihm für den ersten Augenblick befremdlich vorzukommen, und schon wollte ich versuchen, wie lange ein Incognito zu behaupten sei, indem ich mit orientalischem Ernste grüßte:
»Salem al - « als er, aufspringend und mit ausgebreiteten Armen auf mich losstürzend, rief:
»Halt's Maul, Goldjunge, mit Deinem Salem und rede, wie Dir der Schnabel gewachsen ist! Aber, um's Himmels willen, Herzensbruder, wie bist Du von der Frau Sonne mitgenommen! Wahrhaftig, ich ertappte mich auf dem wohlthuenden Gedanken, der König der sieben Indien habe einen seiner schwärzesten Mohren zu mir geschickt, um als abschreckendes Beispiel einer verbrannten Menschenschwarte Modell zu sitzen. Komm, mache Deine langen Beine krumm und lasse Dich nieder, damit man in Ruhe Deine alte, liebe, treue, ehrliche und hausbackene Physiognomie genießen kann. Doch halt, vorher muß ich Dich küssen, mein Sohn!«
Das war noch ganz der aufgeräumte, lebensfrohe und neckische Cumpan, der selbst die ernstesten Regungen seines Herzens in ein heiteres Gewand zu kleiden wußte und deshalb von Fremden oft für oberflächlich gehalten wurde, wo er doch nur zu stolz war, sein Inneres unberufenen Blicken preiszugeben. Mit beiden Händen zog er, um die rechte Stelle für den Kuß zu finden, mir den wirren Bart weit auseinander und lachte:
»Höre, Schatz, laß Dich mit diesem Mimosengestrüpp
nur ja von keiner Dame sehen, sonst kannst Du Dir gar kein entschiedeneres Fiasco wünschen. Unter drei Monaten darfst Du Dich in keiner Gesellschaft attrapiren lassen, das steht bombenfest, und ich werde Dich ganz gehörig in die Wäsche nehmen müssen, um Dich ohne Blamage als meinen Bruder sehen lassen zu können!«
Es war die herzliche Freude des Wiedersehens, die ihn so sprechen ließ, und ich wußte ja, wie gut gemeint seine Worte waren, aber dennoch thaten sie mir wehe, denn er hatte mit ihnen den einzigen wunden Fleck berührt, den ich jetzt besaß. Wenn das fatale Klima meinen äußern Menschen in der Weise verschimpfirt hatte, daß selbst der Bruder so wenig Angenehmes darüber zu bemerken wußte, wie konnte ich da an eine Liebe glauben, wie ich sie von Leïlet erwartet hatte? Ich Thor! Allerdings konnte ich im Punkte der weiblichen Zuneigung wohl noch von keiner Erfahrung sprechen, aber so viel weiß doch auch der einfachste Mensch, daß die Liebe vorzugsweise gern durch das Auge ihren Einzug hält, und ich glich jetzt allerdings mehr einem Beduinen vom berühmten Stamme der Uëlad Sliman als einem civilisirten Jünger Aesculaps, der in den Heirathsstiefeln umherspaziert. Das Räthsel war mir gelöst, und zwar auf eine Weise, welche mich nicht ganz ohne Hoffnung für die Zukunft ließ.
Nachdem dem froherregten Herzen Genüge geschehen war und sich der Sturm der Gefühle gelegt hatte, nahmen wir eng neben einander Platz, um die nothwendigen Mittheilungen gegenseitig einzutauschen. Jetzt nun erst, im Laufe der ruhigen Unterhaltung, bemerkte ich den Zug schwerer Ermüdung, welcher um die eingesunkenen Augen, die eingefallenen Wangen und den schmerzlich geschlossenen Mund des Bruders lag. Seine Haltung, sonst kräftig und elastisch, war eine sichtlich schlaffe, und das vorhin so freudige Roth seiner Farbe war einer krankhaften Blässe gewichen. Er war krank - er litt - ich konnte keinen Zweifel hegen. Mit theilnehmender Sorge ergriff ich seine Hand und erkundigte mich nach der Ursache der Veränderung, welche dem brüderlichen Auge eher auffallen mußte, als jedem anderen. Ein minutenlanges Schweigen folgte meiner Frage, und dann klang es mit leiser, vibrirender Stimme:
»Du hast meinen letzten Brief erhalten?«
»Ja.«
»Und von meinem Glück gelesen?«
»Mit inniger Freude und Dank gegen Gott, Bernhard, der Dir ein solches Wesen finden ließ!«
»Es ist aus - aus - wohl für immer!«
Das klang so trostlos, so aller Hoffnung bar, und da ich fest geglaubt hatte, ihn im Schooße eines reichen Glückes zu finden, so mußte ich betroffen ausrufen:
»Aus - ? Inwiefern und warum?«
»Ich habe sie verloren.«
»Verloren? Auf wessen Verschuldung? So sprich doch!«
»Natürlich mußt Du Alles wissen, schon aus brüderlicher Offenheit. Aber noch Eins: Du kennst die Verhältnisse dieses unglücklichen Landes besser, als ich und weißt vielleicht da noch einen Rath, wo ich schon längst am Ende meiner Klugheit stehe und vergebens die Gedanken zermartere, um noch Etwas zu finden, was mir Hoffnung giebt. Ja, ich begrüße Deine Ankunft als das einzige Ereigniß, welches mir, wenn auch vielleicht nicht die ersehnte Hülfe, so doch wenigstens Trost und Beruhigung bringen kann.«
»Aber ich wiederhole meine Bitte: So sprich doch endlich! Du siehst ja, daß Du mich förmlich auf die Folter spannst. Was ist denn nur geschehen, das Dich, den fröhlichen, hoffnungsreichen und glücklichen Gesellen so niederschmettern, so muthlos machen, so um die gewohnte Energie und das glückliche Selbstvertrauen bringen konnte?«
»So höre! Du weißt, daß ich das obere Geschoß eines alten Gebäudes bewohnte, von dessen plattem Dache man einen freien Ueberblick auf die niedriger gelegenen Dächer der Nebenhäuser hatte. Ich pflegte da oben die kühlen Stunden des Tages zuzubringen und stieg auch öfters des Abends hinauf, um die milde Luft und die Pracht des Himmels zu genießen, trotzdem ich als Ausländer Gefahr lief, mir dadurch eine hier so gefährliche Augenentzündung zuzuziehen.
Das Nachbarhaus bewohnte einer jener Levantiner, welche meist als arme Schlucker nach Egypten kommen und durch ehrlose Kunstgriffe und elende Schurkereien nach und nach ein Vermögen zusammenscharren, nach welchem sie blos streben, um es zu besitzen, da bei den Verhältnissen dieses Landes die Klugheit ihnen verbietet, ihre Wohlhabenheit bemerken zu lassen. Der Mann war mit einem Weibe und deren Schwester aus Syrien herübergekommen und, wie ich bald erfuhr, für Geld zu Allem bereit, was Gewinn zu bringen verspricht.
So wenig Sympathie man für den männlichen Theil der levantinischen Christen hegt, so berühmt sind die Frauen der Levante wegen ihrer oft geradezu sinnberückenden Schönheit und ihrer Herzenseigenschaften, durch welche sie in den vortheilhaftesten Gegensatz gestellt werden zu ihren moralisch verderbten Angehörigen, und ich glaube fest, unter den Frauen all' der hier vertretenen Racen und Völkerschaften des Orientes sind sie die einzigen, denen sich ein Lebensglück anvertrauen läßt.
Oefters schon hatte ich die beiden Nachbarinnen auf der Plattform ihres Hauses lustwandeln sehen, stets aber tief verschleiert, und nur zuweilen drang ein abgerissener Laut ihres immer leise geführten Gespräches empor zu mir. Durfte ich nach dem süßen, weichen Wohlklange einer Stimme schließen, so war die Sprecherin jung und sicherlich nichts weniger als häßlich; wenigstens begann meine Phantasie ihre schmeichelnde Thätigkeit, und da ich bemerkte, daß auch mir einige Aufmerksamkeit gewidmet wurde, so regte sich bald der Wunsch in mir, die Geheimnisse des Schleiers einmal lüften zu können. Sie waren keine Muhamedanerinnen, und ich durfte also annehmen, daß eine klein Wißbegierde meinerseits nicht auf eine völlige Unmöglichkeit stoßen werde, zumal ich schon von Türkinnen die Erlaubniß bekommen hatte, einen Blick hinter die grausamen und neidischen Falten thun zu dürfen.
Eines Morgens waren sie nach beendigter Erholungsstunde wieder hinabgestiegen, und ich stand schon im Begriffe, mein Zimmer nun auch aufzusuchen, als ich von Neuem leichte Schritte vernahm. Rasch wandte ich mich zurück. Aber wie soll ich Dir die Herrlichkeit beschreiben, auf welche jetzt mein Auge fiel! Ich will es gar nicht versuchen, denn es würde mir doch unmöglich gelingen, Dir einen auch nur annähernden Begriff von der Schönheit, Reinheit und Unschuld zu geben, welche sich mir hier
offenbarte, zu einem weiblichen Wesen verkörpert, wie es mir weder ein Gemälde noch ein Gebild meiner Phantasie gezeigt hatte. Das war nicht ein Weib, sondern ein Mädchen, nicht die Frau des Kaufmanns, sondern jedenfalls ihre Schwester. Mit einem raschen Schritte stand ich an der Brüstung, und mit einem schnell gewagten Sprunge befand ich mich unten bei ihr, vor ihr, in ihrer unmittelbaren Nähe, so daß ich meine Arme hätte um sie legen können, wenn sie nicht zurückgewichen wäre.
Sie hatte etwas Vergessenes vermißt und war wieder zurückgeeilt, ohne zuvor den Schleier umzulegen. Jetzt nun stand sie vor mir, übergossen von der Gluth des Schreckens, und deutlich sah ich das Zittern, unter welchem sie erbebte. Es war mir, als sei der Himmel offen, um mir all' seine Seligkeiten anzubieten, und mit einem raschen Griffe faßte ich nach ihr und hielt sie bei den beiden kleinen, weißen Händen. Aber sprechen, sprechen konnte ich nicht, ebensowenig wie sie; ich war nicht der rasche, waghalsige Mann, als den Du mich ja kennst, sondern ich war wie ein Kind, wie ein Bettler, der nicht wagt, einen Laut über seine Lippen kommen zu lassen und das Verlangen nach Gnade und Barmherzigkeit nur in dem überwältigenden Blick seines Auges concentrirt.
Auch ihr Auge sprach. Zwar suchte es den Boden, aber ich bemerkte keinen Zorn in seinem Blicke, sondern nur Angst und Beklemmung. Ich wußte Alles, Alles: Auch sie hatte mich während ihrer wiederholten Anwesenheit auf dem Dache bemerkt, mich beobachtet und vielleicht Theilnahme für den einsamen Fremden empfunden, der ihr so viel Aufmerksamkeit schenkte. Ein Gefühl unendlichen Glückes schwellte mir die Brust, und im nächsten Augenblicke hatte ich sie an mich gezogen und legte meinen Mund auf ihre weichen, schwellenden, lebenswarmen Lippen. Mit Anstrengung all' ihrer Kräfte wollte sie sich loswinden, ich aber hielt sie fest und fragte:
"Bitte, o bitte, sage mir Deinen Namen!"
"Ich heiße Warde," klang es leise, und mit einem neuen Versuche, mir zu entschlüpfen, fügte sie hinzu: "Laß mich gehen, es ist Tag, und mir wird angst!"
"Warde, Warde heißest Du? Das bedeutet in der Sprache meines Landes 'Rose.' Willst Du meine Rose sein - m e i n e Rose?"
Sie antwortete nicht, sondern rang weiter mit meinen sie noch immer umschlingenden Armen.
"Es ist Tag, sagst Du, und darum wird Dir angst? Würdest Du fliehen, wenn es dunkel ist und kein Verräther meine Küsse sehen könnte?"
"Laß mich gehen, o laß mich!"
"Kommst Du denn wieder, heut', wenn es Abend geworden ist?"
"Ich darf nicht!"
Enger zog ich sie wieder an mich und drohte ihr energisch:
"Ich halte Dich fest, bis Du mir sagst, daß Du kommst."
"Du bist ein Franke, und Dein Herz gehört der Heimath und - "
"O nein, nein," unterbrach ich sie, "mein Herz gehört Dir, Dir, nur Dir, und nie wird es an eine Andere denken! Kommst Du?"
"Ich komme," hauchte sie.
"Allein?"
"Allein!"
Noch einen Kuß, gegen den sie sich jetzt nicht sträubte, und dann eilte sie davon. Ich stand wie ein Träumender; doch bald mußte ich mich an das Gefährliche meiner Lage erinnern. Ein Blick empor zur Brüstung, von welcher ich herabgesprungen war, zeigte mir, daß die zerbröckelten Backsteine der Mauer meinen Händen und Füßen zwar gefährliche, aber doch Stützpunkte zum Emporklimmen boten, und bald befand ich mich wieder oben. Zurück mich wendend, gewahrte ich die letzte verschwindende Falte eines weiblichen Gewandes. Sie war in Sorge um mich gewesen und hinter dem Treppenvorsprunge stehen geblieben, bis sie mich in Sicherheit wußte. Sie liebte mich; jetzt wußte ich es sicher, und mit Ungeduld erwartete ich den Abend.« -
Während er von diesem glücklichsten Augenblicke seine Lebens erzählte, rötheten sich seine blassen Wangen und seine Augen füllten sich mit seligem Glanze. Ja, so war er: kühn, entschlossen und den Augenblick benutzend. Warum hatte ich es nicht auch so mit Leïlet gethan! -
»Sie hielt Wort,« fuhr er in seiner Erzählung fort; »sie kam, und von nun an sahen wir uns täglich und beschäftigten uns bald ernstlich mit der Berathung über unsere Zukunft. Da bemerkte ich, daß sie einsylbiger und stiller war als sonst. Ich frug nach dem Grunde und erfuhr, daß jetzt täglich ein reicher Egypter zu ihrem Bruder komme und mit ihm über sie zu verhandeln scheine. Du weißt, daß hier die Frauen gekauft werden, oder wenigstens durch die Auszahlung einer Summe Geldes zu erlangen sind. Mir fehlten augenblicklich die Mittel, aber trotzdem beschloß ich, morgen schon den Bruder zu besuchen, um dem Andern zuvorzukommen. Warde wollte ihn vorbereiten.
Am nächsten Vormittage saß ich oben auf der Plattform. Da hörte ich ein Geräusch, bog mich vor und erblickte zwei Männer, welche zu derselben Zeit nach oben sahen und mich sofort bemerkten.
"Aaïb aaleihn, Schande über ihn!" hörte ich den Einen rufen, während er mit finsterem Blick die Stelle der Mauer musterte, welche ich als Stiege zu benutzen pflegte.
Wer waren die Beiden? War es der Bruder, welchen ich noch nicht kannte, vielleicht mit jenem Egypter? Ich ließ mich nach einer Weile zu einer Unterredung bei ihm anmelden und erhielt den Bescheid, morgen zu kommen. Warum erst morgen? Ich konnte mich des Gefühles nicht erwehren, daß etwas Feindseliges gegen uns im Werke sei, und erwartete mit einer nicht zu überwindenden Beklemmung den Abend, an welchem ich Warde sprechen konnte.
Die Zeit unserer Zusammenkünfte kam, aber die Geliebte nicht. Ich wartete bis spät in die Nacht hinein, aber vergebens, und wünschte nun sehnlichst den Anbruch des Tages herbei, um mir bei dem Levantiner Gewißheit holen zu können.
Er empfing mich mit einem Gesichte, in welchem die Schadenfreude deutlich geschrieben stand und beobachtete kaum die gegen einen Besuch gebräuchlichen Höflichkeiten. Trotzdem trug ich ihm meine Angelegenheit mit möglichster Ruhe und Freundlichkeit vor und sah dann mit Spannung seiner Antwort entgegen.
"Du bist einer von den Effendi's, welche der Vicekönig gerufen hat, damit sie ihm große Häuser bauen, in denen der Dampf mehr arbeitet, als hundert Männer?"
"Ja."
"Ich hasse diese Fremden, welche zu uns kommen, um uns arm zu machen. Du wirst Warde niemals wiedersehen!"
Das war allerdings deutlich genug, trotzdem aber hielt ich meinen Zorn zurück und gab mir die möglichste Mühe, ihn zu einer Aenderung seines Entschlusses zu bewegen, doch vergebens. Und als ich schließlich darauf bestand, das Mädchen selbst zu sprechen, erhob er sich und gab mir den niederschmetternden Bescheid:
"Du hast die Sitte und das Gesetz des Landes verletzt und das Angesicht eines Weibes gesehen, welches das Eigenthum eines Andern geworden ist. Warde ist gestern abgereist mit dem Manne, dem ich sie gegeben habe. Gehe, laß Deinen Fuß nicht wieder mein Dach berühren!"
"So hast Du sie gezwungen, dieses Haus zu verlassen!"
"Gezwungen?" lachte er; "Du irrst, Fremdling; sie ging mit Freuden nach dem Schiffe, denn sie hoffte Dich dort zu finden."
"Mich? Also getäuscht, verrathen habt Ihr sie! Weißt Du, Elender, daß ich sie suchen und auch finden werde? Aber, wehe Dir, wenn ich Dich zur Rechenschaft ziehen werde!"
"Schweig! Du bist ein Unwissender hier im Lande, sonst wäre Dir bekannt, daß ich die Gewalt habe, mit den Frauen meines Hauses zu thun nach meinem Wohlgefallen. Entferne Dich, damit mein Zorn Dich nicht dem Gesetze überweise!"
Er sprach die Wahrheit und hatte das Recht, die Beleidigung, zu welcher ich mich hatte hinreißen lassen, dem Richter anzuzeigen. Deshalb beherrschte ich mich und ging, fest entschlossen, Alles zu thun und zu wagen, um die mir Entrissene wiederzufinden.
Möglich war es, daß er mir ein Mährchen erzählt und Warde noch bei sich hatte, doch brachten mich meine Nachforschungen bald zu der Ueberzeugung, daß er mir die Wahrheit berichtet. Um so erfolgloser aber waren alle meine Anstrengungen, eine Spur der Geliebten aufzufinden, obgleich ich Nichts unterließ, was mir nur einen Schimmer von Hoffnung bringen konnte.
So sind Monde verflossen und haben mir nichts weiter gebracht, als die Ueberzeugung, daß ich verzichten muß, obgleich Alles in mir sich gegen den Gedanken sträubt, das herrliche Wesen, welches mit aller Gluth des Herzens nur mich allein liebt, in den Armen eines Andern zu wissen. Sieh mich an - was ist aus mir geworden?« -
Er schwieg. Ich kannte ihn und wußte, daß jeder Versuch, ihn zu trösten, nutzlos sein würde.
»Hast Du nicht den Gedanken gehabt, durch ihre Schwester Etwas zu erfahren?«
»Natürlich; er lag so nahe, daß ich ihn gleich in der ersten Stunde hegte und befolgte. Ich war entschlossen, sie zu sprechen, selbst wenn ich dadurch in Gefahr gerathen sollte; aber sie wurde streng bewacht, durfte das Dach nicht mehr betreten, und als ich doch den Posten auf der Plattform nicht aufgab, brachte es mein Gegner dahin, daß der Wirth mich unter tausend Versicherungen seines Bedauerns von der Nothwendigkeit benachrichtigte, mir eine andere Wohnung zu suchen, da er meine jetzige von jetzt an für sich selbst haben müsse.«
»Und Du folgtest der Weisung freiwillig?«
»Ich mußte wohl oder übel, da es mir nicht einfallen konnte, mich mit dem Manne herumzustreiten.«
»Und jetzt bewohnt er die Räume wirklich?«
»Das fällt ihm gar nicht ein; sie stehen noch leer, obgleich er sie vermiethen will.«
»Gut, ich werde zu ihm gehen und sehen, ob ich sie für mich bekomme.«
»Für Dich?« rief er überrascht. »Wahrhaftig, Du hast recht. Geh' hin, geh' hin, Bruderherz; Du giebst mir neues Leben! O, ich wußte wohl, daß Dein Kommen mir Trost und Ermuthigung bringen würde!«
»Da hat man den Sanguiniker! Erst vollständig hoffnungslos und jetzt in Folge dieses einen Wortes große Erwartungen hegend. Täusche Dich nicht, Bernhardt. Wir müssen uns berathen und werden allerdings wohl Nichts versäumen, was sich möglicher Weise thun läßt, aber waren Deine Anstrengungen vorher erfolglos, so dürfen wir nach so langer Zeit keine zu großen Ansprüche an das Glück oder den Zufall machen.«
»Ich weiß, ich weiß es! Aber Du darfst mir doch nicht verwehren, mich über Deine Gegenwart und Mithülfe zu freuen und dabei die Ansicht zu hegen, daß Zweien Etwas leichter wird, als Einem. Nur eine Spur, eine kleine, leise Spur verschaffe mir, und ich habe genug! Ich hole mir dann die Verschwundene, und wenn ich sie unter den Pyramiden hervorgraben sollte.«
Er war aufgesprungen. Die Hoffnung spannte jetzt seine Muskeln wieder, röthete seine Wangen und belebte seinen Blick. Ich konnte nicht anders, als mich darüber freuen, und ging daher auf seine glückliche Stimmung ein:
»Das scheint mir denn doch etwas zu anstrengend; aber wenn Du sie aus irgend einem Harem entführen willst, so bin ich mit dabei. Ich habe in solchen Sachen einige Uebung und auch das nöthige Glück.«
»Du?« fragte er lachend. »Mit welcher Zuleika bist Du denn dem Großtürken oder Padischa entwischt?«
»Zuleika? Pah, ein zu ordinairer Name für ein solches Abenteuer! Leïlet muß sie heißen, ja, und so heißt sie auch wirklich. Willst Du sie sehen?«
»Junge, entweder fängst Du an, Romane zu schreiben, oder Du hast sonst irgend einen Klapps, was bei der hiesigen Hitze sehr zu verzeihen wäre.«
»Selig sind, die nicht sehen und doch glauben, aber am allerseligsten sind, die nicht glauben und doch sehen. Du sollst zu den Allerseligsten gehören, d'rum ziehe Dein Feierkleid an, Du Ungläubiger, und mache Dich auf, denn siehe, Du sollst im Hotel d'Orient die Krone aller Schönheiten sehen, mit welcher sich vielleicht selbst Deine Warde nicht vergleichen kann!«
»Höre, mein Sohn, Du scheinst im Ernst zu sprechen!«
»Natürlich ist es mein Ernst.«
»Wirklich? Also auch Du bist verliebt? Du, diese Krankheit scheint in unserer Familie epidemisch zu werden: erst ich, jetzt auch Du! Komm und erzähle!«