//39//

Leïlet.

Novelle von M. Gisela.

(Fortsetzung.)

»So wisse: Wenn ich mit Dir zufrieden bin, wird meine Gnade über Euch leuchten; thut Ihr aber gegen meinen Willen, so werden Eure Füße den Zorn der Peitsche fühlen.«

Ich kannte diese Leute und wußte mit ihnen umzugehen. Wie sehr Omar-Arha in dieser Beziehung mit mir sympathisirte, bewies er mir sehr deutlich, indem er jetzt, kaum zwei Minuten nach unserer Ankunft, schon vollständig bewaffnet und mit der Nilpeitsche in der Hand auf dem Decke umherstolzirte.

Der Morgenwind lag voll in den großen dreieckigen Segeln, so daß das Fahrzeug eine recht gute Fahrt machte. Wir waren schon eine ansehnliche Strecke stromabwärts getrieben, trotzdem aber bemerkte ich mit Hülfe meines guten Glases, daß an dem einsamen Hause mehrere Personen an der Stelle beschäftigt waren, wo Omar das Boot Abrahims in das Wasser gesenkt hatte. Man war also doch Willens gewesen, uns auf das Schiff zu folgen, hatte aber in Folge unserer Maßregel diesen Vorsatz glücklicher Weise nicht ausführen können.

So sehr mich dies befriedigte, mußte doch ein anderer Umstand die lebhafteste Besorgniß in mir erregen. In nicht großer Entfernung hinter uns segelte nämlich ein Sandal, eine jener langgebauten und starkbemannten Barken mit großen Segeln, welche fast mit einem Dampfer um die Wette gehen. Man hatte sie angerufen und ich sah deutlich, daß sie ihre Leinwand fallen ließ, um dem Rufe Gehör zu schenken. Wurde Abrahim mit dem Besitzer des Schiffes einig, so konnten wir ihm zu Wasser nicht entkommen und die jetzt so günstig scheinenden Umstände mußten sich für uns in höchst bedrohliche verwandeln.

-----------------

Der Tag war vergangen. Wir hatte der Windstille wegen anlegen müssen und verfolgten nun am andern Morgen mit vollgeblähten Segeln unsern Weg weiter.

Wenn man die Art und Weise, mit welcher der überschwängliche und geräuschvolle Südländer seine Geschäfte betreibt, abrechnet, so konnten wir von einer recht ruhigen und angenehmen Fahrt reden. Die ganze Bemannung des Schiffes mit sammt dem Kapitän hielt sich in durchaus respectvoller Entfernung von uns und ließen uns mit einer Freiheit schalten und walten, welche wir jedenfalls meinem Firmahn und dem Umstande zu verdanken hatten, daß ich ein Franke war. Der Reïs wußte recht wohl, daß die abendländischen Consuls nicht spaßen, wenn es gilt, einen unter ihre Protection gehörenden in nachdrücklichen Schutz zu nehmen. Die besondere Freundschaft des Hassan trug natürlich das Ihrige ebenfalls bei, uns die wünschenswertheste Rücksicht zu verschaffen.

Mit Leïlet hatte ich nur die nothwendigesten Worte gewechselt. Ich wollte ihr Zeit zur Sammlung und Einkehr geben und durfte die Vortheile meiner Stellung zu ihr nicht geltend machen. Es kam mir nicht in den Sinn, ihr gegenüber mit orientalischen Forderungen aufzutreten; die Zeit mußte die gewünschten Blüthen entwickeln, und was ihre sonstigen Verhältnisse betraf, so sah ich einer darauf bezüglichen Mittheilung zwar mit unleugbarer Spannung entgegen, wollte aber die Zeit und den Umfang dieser Eröffnungen ihrem eigenen Ermessen überlassen.

Ich stand neben dem Mustahmel, dem Steuermann, auf dem Dache der Kajüte, von wo aus mir ein freier Blick über den ganzen Horizont gestattet war. Abrahim war nicht der Mann, von einer Verfolgung abzusehen, vielmehr hatte ich die feste Ueberzeugung, daß er alles Mögliche und Unmögliche aufbieten werde, mir meinen schönen Raub wieder abzujagen und seiner Rache den größten Vorschub zu leisten. Nach den Gesetzen des Landes hatte ich ein todeswürdiges Verbrechen begangen, und der an seinem besten Eigenthume, in seinen heiligsten Rechten Beschädigte konnte mich einfach niederschießen, wo und wie er mich nur immer fand, ohne den geringsten Schaden von diesem Acte der Selbstjustiz davonzutragen. Meine Lage war also keine ganz beruhigende, und mit einem der Sorge sehr verwandten Gefühle beobachtete ich einen Gegenstand, welcher unsern Lauf verfolgte und unserem großen und darum wenig schnell segelnden Fahrzeuge immer näher rückte.

Erst hatte ich blos die Mastenspitzen gesehen, welche sich deutlich am Horiztonte abhoben, nach und nach aber waren die großen lateinischen Segel voll und deutlich hervorgetreten, und jetzt war auch der lange schmale Rumpf zu erkennen, welcher sich unter dem schweren und nachhaltigen Drucke des Morgenwindes mit erstaunlicher Schnelligkeit durch die Fluth bewegte. Es war derselbe Schnellsegler, welchen Abrahim-Arha gestern angerufen hatte; ich erkannte ihn sofort an einer ausgebesserten Stelle des Vordersegels, welche mir gestern aufgefallen war.

Ich sprang vom Dache herab und trat an den Bug des Schiffes, wo sich stets der Sitz des Reïs befindet, welcher das Fahrwasser zu prüfen und dem Mustahmel seine Befehle darnach zu ertheilen hat. Er erhob sich.

»Siehst Du den Sandal dort hinten?«

»Ich sehe ihn, Effendi. Er gehört meinem Freunde Chalihd Ben Mustapha und ist das beste Schiff zwischen dem Sudan und Kahira.«

»Dein Freund Chalihd Ben Mustapha wird heute noch zu seinen Vätern gehen.«

»Ich höre, was Dein Mund spricht, aber ich verstehe es nicht!«

»Er hat sein Schiff einem Manne geliehen, der mein Todtfeind ist. Es wird die Kugel zwischen uns gewechselt


//40//

werden, und mein erster Schuß wird Chalihd Ben Mustapha wegnehmen.«

»Allah behüte uns, Effendi! Warum soll der Sohn Mastapha's büßen die Sünde Deines Feindes?«

»Weil er ihm sein Schiff leiht, mich zu verfolgen.«

»Ich werde nicht erlauben, daß hier auf meinem Fahrzeuge sich der Geruch des Pulvers erhebt!«

»Rabbena chelïek, der Herr erhalte Dich! Denn wenn Deine Seele nur eine Sylbe denkt, was mir nicht gefällt, so wird die erste Kugel nicht Deinen Freund, sondern Dich selbst treffen. Jetzt weißt Du meine Worte. Allah lenke Deine Gedanken!«

Hassan hatte Alles gehört und sprach, als ich mich entfernt hatte, mit dringlichen Geberden zu dem Reïs. Ich konnte jetzt nichts weiter thun und mußte das Kommende geduldig abwarten.

Die Ermahnungen meines alten Beschützers schienen doch nicht ohne Erfolg zu sein, denn es dauerte nicht lange, wurde noch eine Trikehta, ein kleineres Segel, beigesetzt, um die Schnelligkeit des Schiffes zu vergrößern. Doch merkte ich gar bald, daß die Entscheidung dadurch höchstens verzögert, nicht aber aufgehoben werde.

Natürlich war ich fest entschlossen, Alles, selbst das Aeußerste zu wagen. Unter Umständen hätte ein Geldgeschenk große Wirkung gehabt, aber ich kannte diese Art Leute gut genug und wußte, daß die Peitsche Omars und meine Büchse mir größeren Respect verschaffen würden, als sonst ein anderes Mittel.

Diese Meinung wurde auch sofort bestätigt; denn einer der jungen Schiffer bestieg das kleine Boot und blieb zurück. Wenn ich diesen Vorgang auch nicht zu beachten schien, so wußte ich doch, daß er den Befehl erhalten hatte, Chalihd Ben Mustapha vor meiner Kugel zu warnen. Der Orientale weiß, daß der Europäer bessere Waffen besitzt und ein sichererer Schütze ist, als er, und hegt deshalb eine ganz besondere Abneigung, sich der Mündung einer fränkischen Büchse gegenüberzustellen.

Die Zeit verging, der Sandal kam immer näher und hatte uns endlich so weit eingeholt, daß der zurückgelassene Bote wieder zu uns stoßen konnte. Seine Botschaft war nicht unberücksichtigt geblieben, denn obgleich das eine Segel eingenommen wurde, um gleichen Schritt mit uns zu halten, steuerte man doch nicht auf uns zu, sondern hielt sich immer in vorsichtiger Entfernung, und als ich mit meinem Rohre jetzt einen ziemlich entfernten Würgfalken, welcher fischend über das Wasser zog, herunterholte, war ich fest überzeugt, die guten Leute in eine heilsame Angst versetzt zu haben.

Abrahim-Arha war mit dieser außerordentlichen Vorsicht natürlich nicht zufrieden. Ich sah ihn unter den drohendsten Gesten drüben herumrennen und sich endlich mit Gewalt des Steuers zu bemächtigen. Der Sandal dreht sich herum und hielt auf uns zu.

Ich schritt, die Büchse in der Hand, auf den Reïs zu.

»Siehst Du Deinen Freund Chalihd Ben Mustapha, den Kapitän, vorn am Buge sitzen?«

»Ich sehe ihn, Effendi!«

»Ich werde zu ihm sprechen, um ihn zu warnen.«

»Allah erleuchte Dich, Effendina! Willst Du ihm das Leben rauben?«

»Nein, jetzt nur die Reiherfeder, welche auf seinem Tarbusch weht!«

Ich hob' die Büchse; der Schuß krachte, und die Feder war verschwunden. Selbst das entsetzlichste Unglück hätte den würdigen Ben Mustapha nicht so in Aufregung versetzen können, wie dieser Warnungsschuß. Er fuhr in die Luft, als beständen seine hagern Glieder aus dem besten Gummi elasticum, stürzte sich, den bedrohten Kopf mit beiden Händen haltend, unter hellem Zeder auf Abrahim zu und drängte ihn mit von der Angst verdoppelten Kräften vom Steuer hinweg. Der Sandal machte eine Wendung und hielt wieder von uns ab.

Diese Gefahr schien überstanden, aber zwei größere standen uns noch bevor. Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, daß die Wogen mit größerer Gewalt und Schnelligkeit vorwärts strebten und die jetzt felsig gewordenen Ufer einander immer näher traten. Wir näherten uns einer jener Stromschnellen, welche, mehr oder weniger gefahrdrohend für den Schiffer, dem Verkehre auf dem Nile fast unübersteigliche Hindernisse entgegenstellen. Die Feindschaft der Menschen mußte jetzt schweigen, damit sich die ungetheilte Aufmerksamkeit Aller auf das Element richten konnte. Die andere Gefahr drohte mir in einer etwaigen Untersuchung meiner Angelegenheit vor dem Richter, der ich nach der jetzigen Lage der Dinge wohl kaum entgehen konnte. Selbst wenn wir die Schnelle glücklich überstanden, waren wir früher oder später gezwungen, anzulegen, und dann brachte Abrahim den Raub jedenfalls sofort zur Anzeige.

Da ertönte die Stimme des Reïs über das Deck:

»Blickt auf, Ihr Männer, der Schellahl, der Katarakt kommt! Tretet zusammen und betet die Fathcha!«

Die Leute folgten der Weisung und beteten im Chore die erste Sure des Korans:

»Behüte uns, o Herr, vor dem von Dir gesteinigten Teufel!«

»Im Namen des Allbarmherzigen!« intonirte der Reïs, und die Andern fielen ein:

»Lob und Preis dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichtes. Dir wollen wir dienen, zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du uns führest den rechten Weg, den Weg Derer, die Deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg Derer, über welche Du zürnst, und nicht den Weg der Irrenden. Amen!«

Die Worte und Werke der Religion sind dem Muhamedaner keine Formeln, sondern sie sind ihm tief empfundene Wahrheit. Die kurzen Worte ergriffen auch mich mächtig. Nicht Furcht vor der Gefahr war es, was sich meiner bemächtigte, sondern Ehrfurcht vor der im tiefen Herzen eingewurzelten Religiösität dieser halbwilden Menschen, welche Nichts thun und beginnen, ohne sich Dessen zu erinnern, der in dem Schwachen mächtig ist.

»Wohlan, Ihr jungen Männer, Ihr muthigen Helden, geht an Eure Plätze,« gebot nun der Führer, »denn der Strom hat uns jetzt ergriffen!«

Das Commando eines Nilschiffes läuft nicht so ruhig ab, wie die Führung eines Fahrzeuges auf abendländischem Gewässer. Das heiße Blut des Südens rollt durch die Adern und treibt den Menschen von dem Extrem der ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige der tiefsten Verzweiflung. Alles schreit, ruft, brüllt, heult, betet oder flucht im Augenblicke der Gefahr, um im nächsten Momente noch lauter zu jubeln, zu singen und zu jauchzen. Dabei arbeitet ein Jeder mit Anspannung aller Kräfte


//41//

und der Schiffsführer springt von Einem zum Andern, um Jeden anzufeuern, tadelt die Säumigen in Ausdrücken, wie sie nur ein Araber sich auszudenken vermag, und belohnt die Andern mit den süßesten und zärtlichsten Namen, unter denen das Wort »Held« sich am meisten wiederholt.

Wir hatten uns schon heut Morgen auf das Passiren der Schnelle vorbereitet und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder war doppelt besetzt, und am Steuer standen drei Barkenführer, welche jeden Fußbreit des Stromes hier kannten.

Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt über die kaum vom Wasser bedeckten Felsenblöcke; die Wellen stürzten schäumend über das Deck und der Donner des Kataraktes übertäubte jedes Kommandowort. Das Schiff stöhnte und krachte in allen Fugen; die Ruder versagten ihre Dienste, und, dem Steuer vollständig ungehorsam, tobte die Dahabïe durch den kochenden Gischt.

Da treten die schwarzen, glänzenden Felsen vor uns eng zusammen und lassen nur noch ein Thor offen, welches kaum die Breite unseres Schiffes hat. Die Wogen werden durch dasselbe förmlich hindurchgepreßt und stürzen sich in einem dicken mächtigen Strahle nach unten in ein Becken, welches übersäet ist von haarscharfen und nadelspitzen Steinblöcken. Mit sausender Hast schießen wir dem Thore zu. Die Ruder werden eingezogen. Jetzt sind wir in dem furchtbaren Loche, dessen Wände uns zu beiden Seiten so nahe sind, daß wir sie mit den Händen erreichen können. Als wolle es uns hinaustreiben in die Luft, so schleudert uns die rasende Gewalt der Strömung über die sprühenden Kämme des Falles hinaus; wir stürzen hinab in den Schlund des Kessels; es brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und brüllt um uns her, als wären die Geister von tausend Höllen losgelassen - da packt es uns wieder mit unwiderstehlicher Macht und reißt uns eine schiefabfallende Ebene hinab, deren Wasserfläche glatt und freundlich vor uns liegt, aber gerade unter dieser Glätte die gefährlichste Tücke birgt, denn wir schwimmen nicht, nein, wir fallen, wir stürzen mit rapider Vehemenz die abschüssige Bahn hinab, und -

»Allah kerihm, Gott ist gnädig!« tönt jetzt die schrille Stimme Hassans. »An die Ruder, an die Ruder, Ihr Männer, Ihr Helden! Seht Ihr den Tod denn nicht vor Euch? Amahl, amahl, ja Allah amahl, macht, macht, bei Gott, macht, Ihr Hunde, Ihr Feiglinge, Ihr Söhne, arbeitet, arbeitet, Ihr Männer, Ihr Tapfern, Ihr Helden!«

Wir schießen einer Scheere zu, welche sich gerade vor uns öffnet und uns im nächsten Augenblicke vernichten muß. Die Felsen sind so scharf und der Fall des Stromes so reißend, daß von dem Schiffe kein handgroß Holzes beisammen bleiben kann.

»Allah ja sahtir, o Du Bewahrer, hilf! Links, links, Ihr Hunde, Ihr Söhne von Hunden, Ihr Enkel von Hundesöhnen, links, links mit dem Steuer, Ihr Braven, Ihr Herrlichen, Ihr Unvergleichlichen! Allah, Allah! Maschallah, Gott sei Dank!«

Das Schiff hat den fast übermenschlichen Anstrengungen gehorcht und ist vorübergeflogen. Auf einige Augenblicke befinden wir uns im ruhigen Fahrwasser und Alles stürzt auf die Kniee, um dem Allmächtigen zu danken.

»Eschhetu inu la il laha il Allah!« tönt es jubelnd über das Deck. »Bezeuget, daß es nur einen Gott giebt! Sellem aaleïna be baraktak, begnadige uns mit Deinem Segen!«

Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der Sehne eines Bogens geschnellt. Es ist der Sandal, welcher dieselben Gefahren hinter sich hat, wie wir. Seine Schnelligkeit ist jetzt wieder größer als die unsrige, und er muß an uns vorüber. Aber das offene Fahrwasser ist so schmal, daß wir nur mit Mühe auszuweichen vermögen, und fast Bord an Bord rauscht er vorbei. Am Maste lehnt Abrahim-Arha, die Rechte hinter sich versteckend. Mir gerade gegenüber reißt er die verborgen gehaltene, lange arabische Flinte an die Wange - ich werfe mich nieder - die Kugel pfeift über mich hinweg - und in der nächsten Secunde ist der Sandal uns weit voran.

Alle haben den Meuchelversuch gesehen, aber Niemand hat Zeit zur Verwunderung oder zum Zorne, denn wieder packt uns die Strömung und treibt uns in ein Labyrinth von Klippen. Eben will ich einmal nach der Kajüte, um mich von dem Befinden Leïlets zu überzeugen, als mich ein lauter Schrei zurückblicken heißt.

Der Sandal ist an einen der Felsen gerannt und von der Gewalt des Stoßes ein Mensch über Bord geworfen worden. Die Schiffer schlagen die Ruder in die Fluth und das nur leicht beschädigte Fahrzeug schießt, von den Wogen erfaßt, wieder frei davon. Aber der Herabgestürzte hängt im Wasser, sich verzweiflungsvoll an die Klippe klammernd. Ich ergreife einen der vorhandenen Dattelbaststricke, eile an das Seitenbord und werfe ihn dem Bedrohten zu - er faßt darnach, ergreift ihn und wird emporgezogen - - es war Abrahim-Arha.

Glücklich auf dem Decke angekommen, schüttelte er das Wasser aus dem Gewand und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu. Aber, wie sich besinnend, hielt er mitten in dieser Bewegung inne, drehte sich ab und eilte nach der Kajüte. Aber ehe er den Eingang noch erreicht hatte, stand ich schon vor demselben.

Die Stromschnelle war in ihren gefährlichsten Stellen glücklich durchschifft, und wir konnten uns nun mit der nöthigen Muße unserer Privatangelegenheit zuwenden. Aber wie es schien, sollte mir das Handeln jetzt noch erspart bleiben, denn Omar war herbeigesprungen, riß den Gegner beim Genicke zurück und hielt ihm die gespannte Pistole entgegen.

»Abrahim-Arha, vergissest Du, daß ich der Diener meines Gebieters bin und den Zugang zu seinem Harem zu behüten habe?«

»Hinweg mit Euch, Ihr Räuber! Allah möge - «

»Abrahim-Arha, schweige, sonst ist Deine Seele im nächsten Augenblicke da, wo die Bürger der Hölle wohnen. Beim Barte des Propheten, ich scherze nicht!«

Mein guter Omar fühlte sich in seinem Amte gekränkt, und wenn dies der Fall war, so gab es keinen energischeren Kopf als ihn. Abrahim mochte das erkennen und trat zurück. Er stand hier allein Zweien gegenüber und war klug genug, den Kampf einstweilen aufzugeben. Aber in jedem seiner Züge war der unumstößliche Entschluß zu lesen, ihn bei der nächsten Gelegenheit mit doppelter Kraft wieder zu beginnen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte er sich ab und nahm auf einem der Sennesblätterpackete Platz, welche, da der Raum die ganze Ladung nicht


//42//

gefaßt hatte, auf die Planken des Verdeckes befestigt worden waren.

Am nächsten Landeplatze mußten die oberhalb der Stromschnelle eingenommenen Schiffer wieder an das Land gesetzt werden. Unsere Dahabïe wandte sich deshalb dem Ufer zu. Doch gebot ich dem Reïs, keine Zeit zu verlieren und sofort wieder abzustoßen. Obgleich er seinen Leuten gern die nach der gehabten Anstrengung so nothwendige Ruhe gegönnt hätte, war er doch bereit, auf meinen Wunsch einzugehen, wurde aber leider davon abgehalten; denn als wir uns dem Ufer näherten, kam uns ein Boot entgegengerudert, welches von finsterblickenden Männern besetzt war, die sofort zu uns an Bord stiegen. Es waren Khawassen - Polizisten.

Die Bemannung des Sandal, welcher hier gelandet war, um die erlittene Beschädigung auszubessern, hatte von dem Frauenraube erzählt, und so durfte ich mich über den unliebsamen Besuch nicht wundern. Zudem war der fürtreffliche Chalid Ben Mustapha eilenden Fußes zum Richter gesprungen und hatte eine so wohlgesetzte Rede gehalten von dem ungläubigen Mörder, Räuber, Aufrührer und Empörer, daß ich sehr zufrieden sein mußte, mit dem Köpfen oder Säcken davonzukommen.

Da die Gerechtigkeit in jenen Ländern von der wichtigen Institution der Actenstöße noch keine Ahnung hat und deshalb sehr schnell und summarisch verfährt, so wurden wir sammt und sonders in Beschlag genommen und sofort »anhero transportirt«. Selbst Leïlet, tief verschleiert, wurde in eine Sänfte genöthigt und mußte unserem Zuge folgen, der bei jedem weiteren Schritte größer wurde, weil Jung und Alt, Groß und Klein sich ihm anschloß. Doch noch im Vorübergehen rief sie mir einige Worte in italienischer Sprache zu, welche alle meine Befürchtungen sofort verscheuchten:

»Ich bin eine Christin und von ihm gewaltsam entführt worden!«

Welcher Grund sie bisher auch veranlaßt haben mochte, zu schweigen, jetzt erkannte sie, daß diese Mittheilung nothwendig und von größtem Vortheile für mich sein müsse. Aber wie kam sie zu dem Italienisch - wer und woher war sie?

Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor saß mit seinem Sekretair schon unserer Ankunft gewärtig.

Er trug die Abzeichen eines Majors, sah aber weder sehr kriegerisch noch überhaupt übermäßig intelligent aus. Wie die Bemannung des Sandal schien auch er den verunglückten Abrahim-Arha für ertrunken gehalten zu haben und behandelte jetzt den vom Tode Auferstandenen mit einem Respekte, aus welchem ich auf die Furcht schließen konnte, in welche sich der frühere Hedjahn-Bei zu setzen gewußt hatte.

Nachdem er diesem eine Pfeife angeboten, welche natürlich auch angenommen wurde, begann die Verhandlung mit dem Berichte, welchen Abrahim über das Geschehene machte. Ich hatte mich auf den Divan niedergelassen, von welchem ich mich trotz der Aufforderung des Sahbeth-Bei auch nicht wieder erhob.

Nach beendigtem Vortrage des Anklägers wandte sich der Mann der Polizei zu mir:

»Was hast Du zu den Worten des Arha, den Allah beschützen möge, zu sagen, Franke?«

»Nichts.«

»Du giebst also die Wahrheit Dessen, was ich gehört habe, zu?«

»Ja.«

»Gut. Du bist schuldig und wirst nachher Deine Strafe vernehmen!«

Sich zu Omar wendend, fuhr er in seinem zornigsten Tone fort:

»Weißt Du, was Dich erwartet, Hund von einem Sclaven? Denke nicht, daß Du unter dem Schutze dieses Ungläubigen stehest, welcher sich auf seinen Consul berufen wird! Du bist Unterthan des Großherrn - Allah mehre seine Herrlichkeit - und hast den Tod verdient. Ich werde Deine verruchte Seele vorbereiten. Khawassihn, bringt die Peitsche!«

Die verhängnißvolle Kette mit den Lederriemen zur Bastonade wurde herbeigeholt, und die Diener der Gerechtigkeit näherten sich meinem braven Haushofmeister, um die stets gern gesehene Execution an ihm zu vollziehen. Mit angstvollen und hülfesuchenden Blicken flehte er zu mir herüber.

»Besch juhs, gebt ihm fünf Hundert!« lautete der Befehl.

Jetzt erhob ich mich.

»Laß die Diener Deiner hohen Gerechtigkeit noch ein Wenig verziehen, o Bimbaschi, und wirf den Blick Deines erleuchteten Auges auf diese Schrift!«

Ich winkte Omar und ließ durch ihn den Fermahn überreichen.

»Was soll's mit diesem Schreiben?«

»Ich fordere, daß Du die ersten Worte desselben laut vorliesest oder durch Deinen Sahbeth-Effendi vorlesen lässest!«

Er gab das Pergamentpapier seinem Secretair, und dieser las:

»Der Inhaber dieses Buiruldu ist der Kapitän-Effendi N. N. aus N., der auf Befehl seines Königs in Egypten, Nubien und Habesch reist -"

»Halt, jetzt weißt Du, wer ich bin, und nun befiehl Deinem Diener, die letzten Zeilen zu lesen!«

Es geschah.

»Es ist ihm alle Ehre zu erweisen; man soll ihm Schutz und Hülfe geben und seine Wünsche so erfüllen, daß er bei seiner Rückkehr uns nur Gutes von unserem Lande erzählen kann!«

Das Gesicht des ehrwürdigen Bei wurde bei diesen Worten um Einiges länger, als es vorher gewesen war. Noch größer aber wurde seine Unruhe, als ich fortfuhr:

»Willst Du mir wohl sagen, o Bimbaschi, welche Ehre ein Beamter dem Fermahn Seiner Majestät zu erweisen hat? Du hast ihn in die Hand genommen und wieder fortgegeben, wie eine Düte, aus welcher die Datteln gefallen sind!«

»Ich wußte nicht, daß Du einen Fermahn besitzest.«

»Gut. Ich werde Seiner Unübertrefflichkeit erzählen, daß Du zuweilen Etwas nicht weißt, was Du doch wissen solltest. Aber noch schlimmer ist es für Deine Seele, daß Du nicht gelernt hast, den Kläger von dem Angeklagten zu unterscheiden. Wer hat Dir befohlen, den Verbrecher mit Ehren zu überhäufen und den Beschädigten zu verurtheilen, ohne ihn zu hören?«

Eine lautlose, tiefe Stille war während meiner Worte unter der vorher ziemlich unruhigen Versammlung eingetreten. Das Gesicht des Beamten bekam einen geradezu


//43//

unbeschreiblichen Ausdruck totaler Verblüffung, und vollständig rathlos wanderte sein kleines, nichtssagendes Auge zwischen mir und Abrahim-Arha hin und her. Dieser Letztere war von seinem Divan emporgefahren und rief:

»Kelb, Hund, was wagest Du?«

Ohne diese Beschimpfungen zu beachten, fuhr ich fort:

»Ich bin es, o Bimbaschi, der hier die Klage zu erheben hat. Ich klage diesen Mann, den Ihr jetzt Abrahim-Arha nennt, um seine früheren Thaten zuzudecken, des Frauenraubes an. Er hat meine Freundin mit Gewalt entführt, und sie ist nicht eine Tochter des Islam, sondern eine Christin. Ich habe sie seinen Händen wieder entrissen, wie es mir die Pflicht und die Gerechtigkeit gebot, und Du willst uns bestrafen, Sahbeth-Bei? Allah schenke Deinem Geiste Licht, damit Du thust, was ihm und Deinem Herrscher wohlgefällt!«

Es gehörte die ganze in diesem Lande so nothwendige Unverfrohrenheit dazu, in dieser Weise die Situation geradezu auf die Spitze zu stellen; aber während sich der Bei unter der Last meiner Worte förmlich zusammenbückte, brachten sie bei dem von mir Beschuldigten die gerade entgegengesetzte Wirkung hervor. Er riß, vor Wuth Alles um sich her vergessend, den Dolch aus dem Gürtel und stürzte mit einem heiseren Brüllen auf mich los. Ich war ihm sowohl an Körperkraft, als auch an Besonnenheit überlegen, entwaffnete ihn mit einem raschen Griffe und warf ihn meinem Diener in die bereitwilligen Armen, die sich sofort wie ein Schraubstock um ihn schlossen.

»Bimbaschi, bist Du hier die Obrigkeit, oder soll ich selbst mich schützen?« rief ich jetzt, den Revolver ziehend.

Das gab ihm die nöthige Thatkraft zurück, und wie er erst gedankenlos gegen mich gewesen war, so wandte er sich jetzt ohne Mäßigung gegen den wuthschnaubenden Hedjahn-Bei.

»Bindet ihm Hände und Füße und schafft ihn in das Gefängniß. Der Fall ist schwer; ich werde über ihn nachdenken und ein gerechter Richter sein!«

(Fortsetzung folgt.)


Verfügbare May-Texte


Titelseite