Leïlet mit dem reinen, blassen, schwermuthsernsten und doch so milden, unvergleichlich schönen Angesichte, Leïlet mit Augen so offen und groß, so tief und klar, in deren Blicke sich die ganze unberührte Unschuld eines Kindes mit dem Herzensglühen des beglückenden Weibes vermählt, Leïlet mit der weichen, herrlichen Gestalt, wie sie kaum der Meißel des Künstlers dem Marmor zu entlocken vermag, Leïlet, die thauzerfließende, die weinende, an deren Wimpern die Diamanten des Schmerzes glänzen, Leïlet - doch nein, das ist nicht eine gottgewollte Incarnation jener sterngeschmückten Göttin, deren Kommen und Scheiden der Himmel mit purpurnen Flammen und goldenen Reflexen feiert, sondern das ist ein vom tiefsten Grame zerrissenes Menschenkind, welches keinen Seufzer auf der Lippe trägt, weil sein ganzes Dasein eine einzige, ungestillte und ungehörte Klage ist.
Sie hat seinen Befehlen noch nicht Gehorsam geleistet, in der Tiefe ihres Schmerzes vielleicht noch gar nicht wieder an sie gedacht und steht nun da im leichten, sich innig an die Glieder schmiegenden Gewande, während er unter allen möglichen Drohungen sich bemüht, sie zu schnellerem Anlegen der entstellenden Hüllen zu bewegen.
Ich habe genug gesehen, trete zurück und begebe mich, um nicht den leisesten Verdacht zu erregen, auch noch zurück in das vordere Gemach. Ich habe noch nie die Liebe gekannt, habe gescherzt, gespottet und gelacht über die Schwächlinge, die ihre goldene Freiheit für einige Tage des Tändelns verkaufen, um in Ketten und beengenden Banden zu erwachen; nie sollte mein Herz anders klopfen, als unter dem Knalle meiner Büchse oder der Arbeit eines begeisternden Schaffens, und jetzt - ? Ein einziger Augenblick, ein einziger kurzer Moment hat tief hinunter in das starre Herz gegriffen, um ein Leben, Knospen, Treiben, Blühen, ein Sehnen, Verlangen und Begehren zu erwecken, von dessen Dasein ich bisher keine Ahnung hatte, dessen Größe ich jetzt noch gar nicht ermessen kann, und dessen Reichthum sich mir erst in der Zukunft zu zeigen vermag. Nur das Eine fühle ich - nein, das weiß ich mit der heiligsten und unumstößlichsten Sicherheit: daß die Stunden ihres Aufenthaltes in diesem Hause gezählt sind.
Doch hier gilt es nicht, zu träumen und zu säumen; es will gehandelt sein! Das Gitter, welches die Stelle des Fensters vertritt, besteht aus zwei senkrecht an einander geschobenen Theilen, welche aus einander gezogen oder geschoben werden können, falls es einmal nothwendig ist, die Oeffnung frei zu geben. Bei näherer Betrachtung bemerke ich einen schmalen Holzriegel, welcher die beiden Hälften zusammenhält; rasch ist er, ohne die Stellung des Gitters zu verändern, beseitigt, und das Glück mag alles Uebrige besorgen! -
»Tritt herein, Effendi!« tönte die Stimme Abrahims.
Ich trat wieder ein. In weite Gewänder gehüllt, stand sie tief verschleiert an der hinteren Wand des Zimmers. Nichts war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammetpantoffeln steckenden Füße.
»Einige Schritte gehen!« wandte ich mich an den Egypter.
Bei dem Klange meiner Stimme fuhr der Kopf mit einem raschen, jähen Rucke empor, und es schien mir, als ob die dunklen Augen mit einem überraschten und ängstlich forschenden Ausdruck durch die Schleierlücke hindurch auf mir ruhten. Ich bedurfte meiner ganzen Kaltblütigkeit, um ruhig zu scheinen.
Auf das Geheiß ihres Gebieters vollführte sie einige Bewegungen, deren Unsicherheit ich aber mehr auf Rechnung der Befangenheit, als der Schwäche schrieb; dann begann ich meine Fragen, deren Enthaltsamkeit Abrahim vollständig befriedigte.
Endlich ließ ich mir die Hand reichen, und fast wäre ich trotz der ernsten Situation in eine laute Heiterkeit ausgebrochen, als ich sah, daß die Hand so vollständig in ein dickes Tuch gebunden war, daß es unmöglich war, auch nur die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu unterschieden. Der Arm war in der Weise ebenso verhüllt, daß am Handgelenke grad' genug freier Raum blieb, meinen kleinen Finger zu placiren. Und bei so eingeschnürtem Arme und so zusammengepreßter Hand sollte ich aus dem Pulse meine richtigen Schlüsse ziehen!
Ich gab mir doch den Schein dazu, und obgleich mein Gesicht die strengste Unempfindlichkeit bewahrte, war es mir bei der Berührung der kleinen, weichen, weißen Stelle doch, als fließe ein unbeschreibliches Etwas auf mich über und gäbe mir Verständniß für die geheimste Regung des hinter den dichten Gewändern klopfenden Herzens. Es war, als sei ich jetzt nicht mehr ich, sondern Eins mit ihr, als fühlte ich jeden Tropfen ihres Blutes rollen und jeden Gedanken erwachen und jetzt - ja, jetzt wollte sie mir etwas sagen - ich sah Nichts, kein Zeichen, nein, aber ich wußte es und neigte mein Ohr tiefer, wie um den Puls ihres Handgelenkes nicht blos zu fühlen, sondern auch zu hören, und - wirklich, da wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier:
»Rette mich!«
Das was Alles so schnell und wie unter dem Einflusse eines unwiderstehlichen sympathetischen Gesetzes geschehen, daß Abrahim Nichts gemerkt hatte, trotzdem er dicht an meiner Seite stand. Ich mußte ihr eine Antwort geben, und noch ehe der Tyrann sie fortschicken, oder sich selbst mit mir entfernen konnte, gab ich den kurzen Bescheid:
»Allah kerihm, Gott ist gnädig; bald wird die Krank-
heit dieses Haus verlassen. Mein Trank muß Schlaf und tiefe Ruhe bringen, und dann wird neue Kraft einziehen in die kranke Seele. Leïlkum saaïde, glückliche Nacht!«
Ich konnte im Gehen diesen Gruß jetzt aussprechen; während der langen Verhandlungen mit Abrahim war der Nachmittag vergangen, und jetzt dunkelte der Abend in seiner südlich schnellen Weise schon herein. Omar Arha wurde gerufen, da ich ein Opiat geben mußte, und dann brachen wir auf.
Meine Versicherung, daß ich die Patientin in kurzer Zeit vollständig herstellen werden, hatte Abrahim-Arha bewogen, das Vorhergegangene einstweilen zu vergessen, und so bot er mir für die Nacht seine Gastfreundschaft an. Ich schlug diese ebenso aus wie jedes Geschenk, zu welchem er sich geneigt zeigte; doch konnte und wollte ich auch gar nicht verhindern, daß mein treuer Omar mit einem Bakschisch beglückt wurde, wie er es wohl seit langer Zeit nicht bekommen hatte.
Als wir das Boot bestiegen, welches uns unter der Leitung unseres vorigen Führers wieder zurückbringen sollte, wandte er sich deshalb mit stolzem Selbstbewußtsein zu dem Diener:
»Wir werden das Weib Deines Gebieters gesund machen, trotzdem sie keine Seele hat. Dafür hat der Mann, den Du Abrahim-Arha nennst, meine Hand mit Segen gefüllt, war mir lange nicht so wehe thut, wie daß Du deshalb Deine guten hundert Streiche eingebüßt hast. Ich bin gern bereit, sie Dir aus unseren eigenen Mitteln zu erstatten, und paßt es Dir auch jetzt nicht gleich, so komme in drei Tagen wieder. Wir reisen morgen noch nicht ab!«
Unser Boot legte in der Nähe einer Dahabïe, einer Nilbarke an, welche wegen Mangel an Wind das Ufer gesucht hatte. Die Taue waren befestigt, die Segel eingezogen und nach dem frommen muhamedanischen Gebrauche lud der Reïs, der Kapitän des Schiffes, seine Leute zum Abendgottesdienste.
»Haï al el salah, auf, zum Gebete,« tönte seine tiefe, männliche Stimme, und schon im Fortgehen, wandte ich mich schnell wieder zurück.
Hatte ich recht gehört? War das wirklich mein alter Freund Hassan, der Abu el Reïsahn, der Vater der Schiffsführer, wie er von allen seinen Bekannten genannt wurde? Die Stimme war die seinige; klar und deutlich schallte sie vom Bord herüber, und als er die letzten Worte: »el salem aleïkum, der Friede sei mit Euch,« mit einer Betonung gesprochen hatte, die nur ihm eigenthümlich war, konnte ich keinen Zweifel mehr hegen.
Fast hüpfte mir das Herz vor Freude über diese willkommene Ueberraschung. Auf ihn, meinen alten Führer und Beschützer, konnte ich mich in jeder Lage, auch in der gegenwärtigen verlassen. Wir hatten zahlreiche Fahrten und Kameelwanderungen mit einander unternommen und uns in der Folge der gemeinschaftlich bestandenen Gefahren so innig zusammengelebt, als seien wir Vater und Sohn. Nach wenig Augenblicken stand ich bei ihm auf dem Schiff und fühlte die kräftige Umarmung, mit welcher er mich, ganz gegen den kalten orientalischen Gebrauch, an sich drückte.
»Heil sei mit Dir, mein Sohn, daß Du meinen Augen Dein Angesicht zeigest; Allah hat Dich beschützt mitten im Gifte des Sudan, damit mein Herz Freude an Dir habe. Komm, steige über die Gummiballen und laß mich hören, was Deinen Fuß an diesen schlimmen Ort geführt!«
»Ein schlimmer Ort?«
»Vor dem Auge des Ungerechten welkt das Gras, und vor seinem Blicke sterben die Blumen des Feldes. Weißt Du nicht, daß hier Abrahim-Arha wohnt, der sich früher Hedjahn-Bei nannte?«
»Hedjahn-Bei, der Mörder der Karawanen!« rief ich so laut, daß es weit über das Wasser schallte und Hassan mich mit einer angstvollen Bewegung zum Schweigen mahnte. »Hedjahn-Bei, der dann vom Vicekönig begnadigt wurde, um seine früheren Spiegesellen an den Strick zu liefern?«
»Ja, Hedjahn-Bei, der auch uns beraubte und gefangen nahm, und dem wir nur entkamen, weil Du sein Kameel tödtetest!«
»Komm näher, immer näher, damit kein anderes Ohr meine Worte vernehme, Abu el Reïsahn! Weißt Du, daß ich bei ihm war?«
»Bei ihm? Kannte er Dich wieder?«
»Fast. Er zeigte mir seinen Harem.«
»Seinen Harem? Allah bewahre Deinen Kopf! Hat Dich die Sonne gestochen?«
»Ich bin gesund und bei Sinnen, Hassan; Du sollst Alles wissen. So höre!«
Ich erzählte ihm das Abenteuer des heutigen Nachmittages, aber ohne noch Etwas über meinen Entschluß, die Kranke zu befreien, verlauten zu lassen.
Seit ich nun wußte, warum mir Abrahim-Arha so bekannt vorgekommen war, hatte dieser Entschluß womöglich noch an Festigkeit gewonnen. Hassan hörte mir lautlos bis zum Shclusse meiner Erählung zu und beobachtete auch dann noch ein nachdenkliches Schweigen. Endlich frage er langsam und mit Betonung:
»Wann willst Du fortgehen von hier?«
»Noch diese Nacht.«
»Und die Rose dieses Mörders?«
»Sie wird mit mir gehen,« antwortete ich, erstaunt über den Scharfsinn des Alten, welcher mich vollständig errathen hatte.
»Mein Sohn - «
»Laß Deine Zunge schweigen, mein Vater!« fiel ich ihm in die Rede. »Ich weiß, was Du mir sagen willst und kenne meine Wege. Du sollst nicht sündigen an dem Gesetze des Propheten; aber zur Zeit des ersten Gebetes wirst Du mit dem Schiffe da sein, wo mein Kahn Dich erwartet.«
Wieder schwieg er eine geraume Zeit; dann antwortete er:
»Die Dahabïe ist nicht mein Eigenthum. Ich komme vom Bahr el abiad, wo ich Gummi und Senna bestellt habe, und reise als Gast zurück. Aber um die Zeit der Morgenröthe werden wir schon weit von diesem Orte sein.«
Damit war es abgemacht. Der alte »Vater der Schiffsführer« stand in so hohem Ansehen bei seinen Standesgenossen, daß er auf jedem von ihm bestiegenen Schiffe sich getrost als Herr benehmen konnte, und ich wußte, daß
er mir den größtmöglichen Schutz gewähren werde, trotzdem er als Muselmann sich nicht näher in eine Angelegenheit einlassen konnte, welche sich zwischen einem Weibe und einem Ungläubigen entwickeln sollte. -
In meine Wohnung zurückgekehrt, ging es vor allen Dingen nun eifrig an's Einpacken. Meine Sammlungen gab ich in Obhut des mir freundschaftlich gesinnten Consuls, den ich noch besuchte, und alles Uebrige mußte Omar auf die Dahabïe besorgen. Sodann construirte ich mir eine Laterne, wie sie zu dem vorliegenden Zweck am besten geeignet erschien. Ich füllte nämlich ein kleines geschliffenes Fläschchen fast bis an den Rand mit feinem Oele und gab ein Stückchen Phosphor hinein; dann schloß ich die Vorrichtung luftdicht zu und hatte eine Laterne, die nicht nur einen genügenden Lichtschimmer verbreitete, sondern auch wenig Platz beanspruchte und selbst unter dem Wasser keinen Schaden erleiden konnte.
Zuletzt noch, als ich die Briefschaften in das Portefeuille schloß, fiel mir der letzte Brief meines Bruders in die Hände. Er war von Kairo datiert und lautete an einer seiner Stellen:
... »Ich weiß, daß Du mit Deinem mehr auf die That gerichteten Character die Liebe für eine Schwäche hältst und kann leider Deine Ansicht auch nicht widerlegen, da Du noch kein Wesen getroffen hast, welches es verstanden hätte, sich aller Gefühle und Empfindungen Deines Herzens zu bemächtigen. Aber wenn Dir ein derartiges Wesen entgegen träte, wie ich es voll unendlicher Seligkeit in meinen Armen halte, so würde auch Dein Gemüth sich dem Sonnenstrahle der Liebe öffnen und alle Stimmen Deines Innern müßten zusammenklingen zu einem einzigen großen, unendlichen Jubel. Du weißt, daß ich ein nüchternes Menschenkind und kein Phantast und Schwärmer bin, aber seit ich in diese Auge geblickt, seit ich diese Lippen geküßt, seit diese Locken mir duften und diese Stimme mir klingt, habe ich einen guten Theil des trägen, irdischen Stoffes abgestreift und lebe in einer ununterbrochenen Entzückung, welche mich fast an die Himmel Muhamed's glauben läßt. Lache und spotte meinetwegen über mich, aber komm' und siehe selbst - ich bin überzeugt, daß dann Dein Spott verstummen wird! ....«
Wirklich hatte ich mich beim Lesen dieser Zeilen eines gewissen Lächelns nicht erwehren können; jetzt aber weckte die Wiederholung ganz andere Gefühle in meinem Herzen.
Welch' eine Schickung, daß wir beide fast zu gleicher Zeit unsere bisher so widerstrebenden Nacken unter dem Scepter der Schönheit beugen mußten! Welch' ein Glück, daß uns das Geschick grad' in dieser seligen Zeit zusammenführen sollte! Und welch' eine Wonne, welche uns im enggeschlossenen Kreise für die ganze Zeit unseres Lebens erwartete! -
Der Kahn stieß ab.
Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen ruht, als gäbe es auf der ganzen weiten Erdenrunde keine einzige drohende oder störende Macht.
Die leisen Lüfte, welche mit den Schatten der Dämmerung gespielt, waren zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten verschwiegen aus dem tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des göttlichen Stromes flutheten ruhig und fast lautlos in ihrer breiten Bahn dahin. Wir ließen das klein, schwanke Fahrzeug von den Wellen treiben. Ich lehnte halb liegend am Steuer; Omar saß regungslos und träumend bei den eingezogenen Rudern, und so gaben wir uns widerstandslos der Ruhe hin, welche jeder That, sei es in der großen Gottesnatur oder im Leben des schaffenden Menschen, voranzugehen pflegt.
Auch in den Tiefen meines Innern herrschte Ruhe, stille, friedliche Ruhe; es war, als zöge ein heiliger Gotteshauch über die Gefilde meines Herzens, und ich dachte unwillkürlich an die Worte des orientalischen Königs, welcher unter den Palmen Zions dem Herrn Jehova die Klänge seiner Psalmen opferte: »Meine Seele ist stille in Gott!« Ja, so war es; die wahre Liebe lehnt sich an Gott, gründet sich auf das Vertrauen zu seiner Hülfe und spricht in der Stunde der Gefahr: »Mit dem Herrn wollen wir Thaten thun.«
Es war nichts Leichtes, was ich zu vollbringen gedachte; denn ich wollte mich in die Höhle des Löwen wagen, vor dessen Namen das ganze Nilthal, die angrenzenden Wüstenstrecken und die in ihnen zerstreuten Oasen gezittert hatten; die Schießwaffen mußte ich zurücklassen und sah mich also fast wehrlos ihm und den Seinen gegenübergestellt, falls ich überrascht und entdeckt wurde. In diesem Falle konnte ich auch auf den Beistand meines sonst so tapfern Dieners nicht zählen, denn dieser mußte zurückbleiben, um das Boot zu bewachen und den an das Ufer befestigen Kahn Abrahims in den Grund zu bohren, damit eine etwaige Verfolgung abgeschnitten und verhindert werde. Aber die Gefahr war mir so oft begegnet, daß ich mich nach und nach an sie gewöhnt hatte, und zudem galt es hier ja einen Preis, für den das größte Wagniß noch kein zu hohes Opfer genannt werden konnte.
Also vorwärts; bis zur Morgenröthe ist es keine Ewigkeit, und jetzt gilt es zu handeln; dort heben sich schon die dunklen Umrisse des Gebäudes aus ihrer grauen, steinigten Umgebung hervor!
Ich ließ mich eine Strecke oberhalb des Ortes, den Omar dann in einem weiten Bogen umfahren sollte, um weiter unten anzulegen, an das Land setzen und schritt dann vorsichtig, zwischen den zerstreut umherliegenden Felsenblöcken Deckung nehmend, der Mauer zu, um zunächst zu recognosciren.
Wie sich allerdings erwarten ließ, war das äußere Thor verschlossen; aber es war auch in keiner Weise die Spur eines lebenden Wesens zu bemerken, ein Umstand, welcher mich mit Genugthuung erfüllte, denn so konnte ich annehmen, daß die Bewohner der einsamen Hauses nicht mehr wach seien.
Trotzdem schritt ich nicht in aufrechter Stellung zum Kanale, sondern gebrauchte die auf keinen Fall schädliche Vorsicht, mich auf die Erde zu legen, um ihn kriechend zu erreichen.
Seine Wasser blinkten mir nicht sehr einladend entgegen; jedenfalls war es nicht angenehm, einem schönen weiblichen Wesen in triefender, vielleicht schlammiger Kleidung entgegen zu treten. Natürlich hatte ich nur diejenigen Stücke angelegt, welche unumgänglich nothwendig waren, und alles Andere im Boote gelassen. Ich warf einen Stein in das Wasser und hörte an dem dadurch hervorgebrachten Schalle, daß es nicht tief sei. Wirklich brauchte ich gar nicht zu schwimmen; es reichte mir kaum bis an den Mund, aber eine hohe Lage Schlamm hatte sich
auf dem Boden abgesetzt, der mir das Vorwärtskommen sehr erschwerte.
Nach wenigen Schritten befand ich mich unter dem gewölbten Bogen der Leitung und zählte genau die Schritte, welche ich vorwärts that. Als ich mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem innern Hofe befinden mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis herab auf die Oberfläche des Wassers, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des Bassins befinde. Die noch übrige Strecke mußte ich tauchend und in gebückter Stellung durchkriechen, was nicht blos höchst unbequem und anstrengend, sondern auch mit Gefahr verbunden war. Wie nun, wenn sich mir ein unvorhergesehenes Hinderniß in den Weg stellte und ich auch nicht so weit zurückkehren konnte, um den nöthigen Athem zu holen - oder wenn ich beim Emportauchen von irgend Wem bemerkt wurde? Es war doch immerhin möglich, daß sich Jemand in dem Hofe befinden konnte.
Aber alle diese Bedenken konnten mich nicht irre machen. Ich sog die Lunge voll Athem, bog mich unter das Wasser und schob mich, halb schwimmend, halb gehend, so schnell wie möglich vorwärts.
Eine ziemliche Strecke hatte ich zurückgelegt, und schon verspürte ich den eintretenden Luftmangel, als ich mit der Hand an ein Hinderniß stieß. Es war ein aus starken Stäben zusammengesetztes Gitterwerk, jedenfalls angebracht, um Thiere und grobe Unreinigkeiten von dem Bassin abzuhalten.
Bei dieser Entdeckung wollte sich doch eine gewisse Aengstlichkeit meiner bemächtigen.
Zurück konnte ich nicht, denn ehe ich die Stelle erreicht hätte, wo ich emportauchen und athmen konnten, war ich jedenfalls schon erstickt, und doch schien das Gitter sehr dauerhaft gearbeitet und befestigt zu sein. Aber hier gab es nur zwei Fälle: entweder gelang es mir, durchzukommen, oder ich mußte ertrinken.
Mit aller Gewalt stemmte ich mich gegen die Stäbe - vergebens; das Gitter war tief in die Mauer eingefügt. Jetzt faßte ich nur den einen Stab in seiner Mitte und zog ihn mit angestemmten Füßen an mich - er gab nach; das Wasser hatte ihn biegsam und morsch gemacht; - ein zweiter Ruck, und er brach - die nächsten folgten - jetzt war die Oeffnung groß genug zum Hindurchschlüpfen, und gerade in dem Augenblick, an welchem mir die Brust zu zerspringen drohte, stand ich im Bassin, hob den Mund über die Oberfläche des Wassers, schöpfte neuen Athem und zog dann aber sofort den Kopf wieder zurück, um mich erst zu überzeugen, daß ich unbemerkt sei.
In Folge der Anstrengung aller Muskeln und der Aufregung der Athmungswerkzeuge zitterte ich heftig am ganzen Körper; doch ging das schnell vorüber, und als ich nichts Verdächtiges bemerkte, befand ich mich bald außerhalb des Wassers und schlich mich in den Schutz des dunklen Schattenstreifens, welcher sich längs der Wand hinzog.
Ein Schreck aber blieb mir nicht erspart: bei der unausgesetzt gebückten und heftigen Bewegung war mir der Dolch entfallen. Zwar hatte ich, auch diesen Fall erwägend, nicht eine meiner besseren Waffen zu mir gesteckt, und der Verlust war also ein an sich nur geringer; kam ich aber in die Lage, mich vertheidigen zu müssen, so war er doch groß genug, um mich ernstlich besorgt zu machen.
Zunächst schlich ich zum Thore, welches den inneren Hof von dem äußern abschloß; es war durch einen einfachen Riegel verschlossen, welcher sich leicht zurückschieben ließ. Dasselbe hatte ich auch an dem Thore bemerkt, welches sich draußen in der Mauer befand. Der Rückzug konnte also unschwer vor sich gehen.
Ich öffnete, schlich hinaus und holte mir eine jener Stangen, welche ich heut' gesehen hatte. Sie waren als Stützen der Bäume verwendet worden und lagen jetzt, da diese Bäume längst eingegangen waren, zerstreut umher.
Sie war lang genug. Ich lehnte sie an die Mauer, klomm vorsichtig empor und bemerkte zu meiner großen Freude, daß das Fenstergitter nicht wieder geschlossen war. Mit einer Hand mich an der Stange haltend, schob ich die eine Hälfte leise und behutsam zurück und stand nach einigen vergeblichen und gefährlichen Versuchen endlich in dem Vorzimmer.
Aufmerksam horchend, vernahm ich die tiefen und regelmäßigen Züge eines Athmenden. Ich schlich mich näher, holte meine chemische Laterne aus der Tasche und ließ ihren phosphorescirenden Schein einen kurzen Augenblick lang auf den Schlafenden fallen.
Es war ein altes Weib, welches, mit dem Oberkörper an die Wand gelehnt, in orientalischer Weise auf einem ausgebreiteten Teppich ruhte. Ihr Schlaf war, wie ich nach aufmerksamerem Lauschen vernahm, kein gewöhnlicher. Leïlet hatte meine Worte: »mein Trank muß Schlaf und tiefe Ruhe bringen,« wohl verstanden und der alten Dienerin einen Theil des Opiums gegeben.
Leise, leise schritt ich nun zur nächsten, durch einen Zeugstoff verhängten Thüröffnung, schob die Portiére zurück und befand mich im tiefsten Dunkel. Wieder lauschte ich, aber nicht der leiseste Lufthauch war zu bemerken, und schon wollte ich wieder zu der Leuchte greifen, als ich bis in das tiefste Mark hinein vor Schreck erbebte, dann aber von einer Seligkeit ergriffen und durchfluthtet wurde, wie ich sie noch nie empfunden hatte; eine kleine, weiche, warme Hand hatte die meine erfaßt und zog mich jetzt tiefer in das Zimmer.
»Salem aleïkum, Friede sei mit Dir!« hauchte es ganz nahe an meiner Wange. »Ich wußte, daß Du kommen würdest.«
»Wer sagte es Dir?« fragte ich leise.
»Dein Auge und mein Herz. Hattest Du nicht deshalb das Gitter geöffnet?«
»Ja, ich bin's gewesen. Aber wenn ich nicht schon heut' gekommen wäre?«
»Ich hätte Dich erwartet, morgen, später, zu jeder Zeit, in jeder Nacht!«
Sie hatte mich verstanden, mir geglaubt, mir vertraut! Eine Wonne durchzitterte meine Seele, wie sie von keiner Sprache, von keiner Rede beschrieben werden kann.
»Willst Du mit mir gehen?«
»Ja.«
»Bist Du sein Weib?«
»Nein.«
Dieses »Nein« klang so fest und energisch, daß ich seine Bedeutung in seinem ganzen Umfange fühlen mußte.
»Wo ist er?«
»In seinem Divan. Er schläft.«
»Auch von der Medizin?«
»Nein. Er ist zu klug und hätte es entdeckt.«
»Hörtest Du mich kommen?«
»Ja. Mein Herz hat gezittert, und die Angst fesselt meine Glieder. Er kommt des Nachts sehr oft bis an die Thür.«
»So laß uns fliehen! Wie gehen wir?«
»So wie Du kamst; kein anderer Weg ist möglich.«
Sie schritt in eine Ecke des Zimmers und drückte, zu mir zurückgekehrt, mir das Ende einer starken Schnur in die Hand, welche sie sich um den Leib befestigt hatte. Bei dieser Berührung bemerkte ich das angstvolle Beben ihrer Finger.
»Wirst Du das halten?«
»Ja.«
In der andern Hand trug sie ein ziemlich umfangreiches Bündel, welches sie vorsichtig aus dem Fenster fallen ließ. So fest hatte sie an mich geglaubt, so sicher hatte sie mein Kommen gewußt, daß sie vollständig zur Flucht vorbereitet war.
Sie stieg in die Fensteröffnung. Ungewohnt einer solchen Anstrengung, konnte sie die nöthige Vorsicht nicht anwenden; eine der alten morschen Holzleisten brach mit lautem Krachen los und stürzte prasselnd hinab auf die Steine. Hier gab es kein Säumen, denn dieses Geräusch mußte man im entferntesten Winkel des Hauses gehört haben. Ich bog mich neben ihr hinaus und zog die Stange herbei. Die Angst gab ihr die nöthigen Kräfte, und an der Schnure von mir gehalten, glitt sie langsam hinab.
Kaum aber hatte sie den Boden berührt, so hörte ich rasche Schritte sich von der Seite der Männerwohnung nahen. Ich schwang mich auf die Brüstung und sprang, die Stange gar nicht benutzend, hinunter in den Hof. Dort griff ich das Bündel auf, faßte das Mädchen am Arme und zog sie in größter Eile nach dem Thore.
Da ertönte ein Schrei hinter uns, der aus gar keiner menschlichen Kehle zu kommen schien, und dann war es still. Aber diese Stille war eine gefährliche; er war nach Waffen gesprungen. In raschem Lauf flohen wir über den äußern Hof. Der Riegel des Thores ließ sich von unkundiger und ängstlicher Hand schwer regieren und raubte uns die kostbarsten Augenblicke. Endlich flog er zurück, aber hinter uns schnaubte auch schon der Verfolger. Noch waren wir nicht weit über die Mauerecke gekommen, als er aus dem Thore gesprungen kam. Ich zeigte nach der Stelle, an welcher ohngefähr ich Omar vermuthete.
»Fliehe dorthin; ich werde ihn halten!«
Er kam näher; ich sprang auf die Seite, um ihn zum Schusse zu verleiten. Es gelang. Die Kugel pfiff an mir vorüber und ich stürzte wie getroffen zur Erde. Was ich erwartet hatte, geschah: sich gar nicht um mich kümmernd, sprang er dem Mädchen nach.
Sofort erhob ich mich wieder, flog hinter ihm her, packte ihn mitten im Laufe, so daß er zum Stehen kam, und schlug ihn, noch ehe er zu einem Entschlusse kommen konnte, mit der Faust zu Boden.
Ich wußte, daß er schon nach wenig Secunden wieder zu sich kommen werde, auch mußten die übrigen Bewohner des Hauses ihm sofort folgen, deshalb faßte ich das Mädchen am Arme und rief laut nach meinem Diener. Aber da tauchte auch schon seine Gestalt vor uns auf. Er war bei dem Schusse aus dem Boote gesprungen, um mir zu Hülfe zu kommen. Jetzt drückte er mir vor allen Dingen den Revolver in die Hand und eilte uns dann voran.
Er hatte, um gleich abstoßen zu können, das Fahrzeug nicht vollständig auf das Trockene gebracht. Ohne mich lange zu besinnen, nahm ich deshalb Leïlet auf die Arme und trug sie durch das Wasser. Auch das Kleiderbündel war gerettet und die größte Gefahr jedenfalls vorüber, trotzdem wir die Verfolgung jetzt wieder von Neuem hörten.
Eben legte Omar die Ruder ein und ich zog das Steuer auf die Seite, als zwei Männer am Ufer erschienen. Es war der wieder zu sich gekommene Abrahim und der Diener, welcher uns heut' gerudert hatte. Mit einem lauten Fluche sprang der Erstere in's Wasser und faßte mit den beiden Händen den Rand unseres Bootes. Da aber hob Omar das eine Ruder in die Höhe und ließ es mit so wuchtigem Schlage auf die Finger des Egypters fallen, daß dieser mit einem schrillen Schmerzensschrei fahren ließ.
Der Andere stand wie eine Bildsäule am Ufer; er schien jetzt erst zu bemerken, um was es sich eigentlich handle. Mein tapferer Haushofmeister erhob sich jetzt von der Ruderbank und rief, ihm die gravitätischesten seiner Grüße zuwinkend:
»Warum stehst Du da, Djemmel, Kameel, und wunderst Dich? Habe ich Dir nicht gesagt, daß wir heut' abreisen? Strecke Deine Arme aus, Du Inbegriff aller Weiheit, und ziehe den Fisch aus dem Wasser, den Du Abrahim-Arha, Deinen Gebieter nennst. Allah tröste Euch; Salem, Salem aleïkum!«
Es war uns leicht, den Eindruck zu beobachten, welchen diese salbungsvolle Rede auf den armen erschrockenen Mann machte, denn der Morgen begann sich zu röthen, und da drüben kam auch schon eine Dahabïe herabgesegelt, in welcher ich die erwartete vermuthete. Ich hatte mich nicht getäuscht; als wir uns ihr näherten, erkannte ich Hassan, den Reïs, welcher vorn am Schnabel stand und uns zuwinkte.
Leïlet hatte gleich nach der Besteigung des Bootes ihre Schleier umgelegt und zog sich, als wir auf dem Schiffe angekommen waren, sofort in die Kajüte zurück. Ich dagegen schritt zu Hassan, um zu erforschen, in wie weit die Mannschaft auf meine Anwesenheit vorbereitet sei.
»Marhaba, Du sollst willkommen sein!« sprach er, meine Absicht errathend. »Du bist mein Freund, mein Sohn!«
Er hatte deutlich gesprochen. Daß er das Mädchen nicht erwähnte, belehrte mich, daß er mir Gastfreundschaft im vollsten Umfange gewähre, aber alle weitere Verantwortung von sich weise. Ich öffnete mein Portefeuille und winkte den Kapitän herbei:
»Wem gehört dieses Schiff?«
»Dem Herrn gehört's, Effendi!«
Es war Eigenthum der Regierung, ein glücklicher Umstand für mich. Ich hielt ihm meinen Firmahn entgegen.
»Kennst Du diese Schrift?«
»Ich kenne sie, Effendina!« antwortete er mit einer dreimaligen und so tiefen Verneigung, als stehe er vor seiner Unüberwindlichkeit, dem Großherrn selbst.