Aus allen Zeiten und Zonen.
XI.
Ein Abenteuer auf Ceylon
von Karl May.
(Fortsetzung.)
»Warum blieb der Mann jetzt nicht bei Euch, wenn er Euer Diener ist?« frug der Anführer der Soldaten den Engländer.
»Ich schickte ihn fort, weil es mir so gefiel. Du aber eilst sofort zum Mudellier und sagst ihm, daß ich zu ihm kommen werde, um mit ihm zu sprechen!«
»Ihr werdet mit ihm reden, denn ich muß Euch verhaften und zu ihm führen. Den aber, welchen Ihr Euren Diener nennt, werde ich verfolgen lassen und sicher wieder fangen!«
»Versuch's, ob Du es fertig bringst!« antwortete Walpole belustigt, indem er zwei riesige Drehpistolen hervorzog.
Ich folgte natürlich seinem Beispiele. Der Ceylonese kam in eine schauderhafte Verlegenheit. Die Pflicht stritt in ihm mit der Furcht, welche ihm unsre Waffen einflößten. Die Letztere schien zu siegen.
»Könnt Ihr mir beweisen, daß Ihr wirklich aus Anglistan seid,« frug er besorgt, »und werdet Ihr auch in Wahrheit zum Mudellier gehen?«
Walpole liebkoste lächelnd seinen Cotelettenbart. Der Zwicker war ihm wieder auf die Nasenspitze vorgerutscht und der Blick, welcher über denselben hinwegblitzte, leuchtete vor Vergnügen.
»Ich bin ein Maharadscha aus Anglistan und dieser Sihdi hier ist ein noch viel größerer Maharadscha aus Germanistan. Ich werde es Dir beweisen.«
Er griff in die Tasche und zog die Speisekarte hervor, welche er im Hôtel Madras zu sich gesteckt hatte.
»Hier, lies!«
Der gute Mann ergriff das Blatt, führte es respectvoll an die Stirn, betrachtete es dann mit wichtiger Kennermiene und bewegte dabei die Lippen, als ob er lese. Dann schlug er es sorgfältig wieder zusammen, drückte es an die Brust und gab es zurück.
»Ihr habt die Wahrheit gesagt, denn hier steht es geschrieben. Ihr werdet zu dem Mudellier gehen, und ich darf Euch also freilassen!«
Er wandte sich grüßend ab und schritt mit seinen Kriegshelden der Stadt zu.
lawi. Unser Besuch beim Mudellier war ein kurzer gewesen. Der hohe, mit Zopf und Kamm geschmückte Beamte hatte uns mit finstrer Miene empfangen, war aber, als Walpole ihm seine Papiere vorlegte und ihn gar über seine Verwandtschaft mit dem Generalgouverneur der indischen Colonien unterrichtete, fast kriechend freundlich geworden und hatte den eigentlichen Zweck unserer Anwesenheit bei ihm erst im Augenblicke des Abschiedes in Erwähnung gebracht. Walawi brauchte Nichts mehr zu befürchten; Lord Walpole, der große Maharadscha aus Anglistan, hatte die Freiheit seines ehemaligen Dieners zum Geschenk erhalten.
Endlich erschien dieser. Er wußte noch Nichts von dem glücklichen Ausgange, welchen seine kühne Flucht genommen hatte und war daher nur auf Schleichwegen und unter Anwendung der größten Vorsicht herbeigekommen. Die Botschaft, daß er vollständig frei sei, brachte nicht die freudige Wirkung bei ihm hervor, welche ich erwartet hatte. Wir sollten den Grund sogleich erfahren.
»Sihdi, Ihr seid ein großer Herr, und ich wußte, daß Ihr mich retten würdet; aber was soll ich mit dem Leben thun, wenn mir die Blume desselben geraubt worden ist!«
»Geraubt?« fragte Sir John Emery erstaunt. »Ich denke, der Raub ist mißlungen, weil Du den Räuber niederstießest!«
»Mein Kris traf ihn zu Tode, ja; aber während ich gefangen war, kam ein Zweiter und nahm sie des Nachts mit sich fort. Ich war bei meiner Hütte und habe Alles erfahren. Die Dschonke ist heute abgesegelt und Kaloma, die Schönste unter den Frauen der Vayisa's wird unter der Umarmung eines chinesischen Rattenfressers sterben. Dein Diener aber, Sihdi, stürzt sich in's Meer, da, wo es von Haien wimmelt und läßt sich von ihnen verschlingen!«
Walpole saß einige Zeit schweigend und sinnend da. Endlich frug er:
»Hast Du sie wirklich so lieb, Walawi?«
»So lieb wie der Baum das Licht und wie das Gras den Thau. Ich kann ohne sie nicht leben!«
»Wollen wir wetten, Charley?«
»Worüber?«
»Daß Walawi seine Kaloma wieder bekommt. Ich setze tausend Guineen!«
»Ihr wißt, Sir, daß ich nicht wette.«
»Ja, das ist wahr! Ihr seid ein ganz prächtiger Kerl, Charley, aber bis zum vollkommenen Gentleman werdet Ihr es doch niemals bringen, wenn Ihr Euch fort und fort
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Er erhob sich und klingelte.
»Zwei Palankins nach dem Hafen!« befahl er, als der dienstbare Geist erschien. Dann wandte er sich wieder zu dem Singhalesen.
»Kennst Du die Dschonke?«
»Ja. Es ist der "Jao=dse"; ich werde ihn gleich an dem geflickten Segelwerk erkennen.«
»Der Jao=dse; gut! Wohin geht er?«
»Ich habe mich vorhin nach dem Hafen gewagt und gefragt. Er geht quer über das indische Meer nach Canton.«
»Ah! Weißt Du das gewiß?« fragte er überrascht.
»Ganz gewiß!«
»Dann muß der Schiffer einen ganz besonderen Grund zur Eile haben. Der Passat ist ihm entgegen und die Fahrt mit großen Gefahren verbunden, wenn sie statt in einer späteren Jahreszeit schon jetzt unternommen wird. Die Dschonke kann noch nicht weit sein; wir dampfen ihr nach!«
Dieser Entschluß wurde von dem Diener mit echt südländischem Jubel aufgenommen. Ich gönnte ihm gern die Freude, welche durch die neue Hoffnung in ihm erweckt wurde und mußte zugleich über die Selbstverständlichkeit lächeln, welche Walpole in Beziehung auf meine Begleitung voraussetzte.
Der reiche Sohn Albions besaß eine jener wundervollen Dampfyachten, welche, auf den schottischen Docks am Clyde gebaut, durch ihre ungemeine Schnelligkeit berühmt sind und meist von wohlhabenden Privatleuten gekauft werden, um von ihnen zu schnellen Seereisen benutzt zu werden. Er war auf ihr um das Cap herum nach Indien gekommen und hatte sie auch jetzt benutzt, um Ceylon schneller als mit einer andern Gelegenheit zu umkreisen. Die Rechnung wurde berichtigt und dann bestiegen wir die Palankins, um nach dem Hafen getragen zu werden.
Unsere Ankunft brachte auf der Yacht die feiernden Hände in rührige Bewegung. Die Abreise von Point de Galle war für den morgenden Tag festgesetzt gewesen, und so hatte man keinerlei Vorbereitung getroffen. Doch dauerte es nicht lange, so zischte das Wasser in dem rasch erhitzten Kessel, die Ankerwinde knarrte, die Schraube bohrte sich in die widerstrebende Fluth, und das schmucke Fahrzeug strebte zwischen den im Hafen liegenden Fahrzeugen hindurch in graziösen Windungen dem Ausgange zu. Wir stachen in See.
Es war vollständig Nacht geworden, aber es lag eine Helle auf dem Wasser, wie sie die Sterne des Nordens nicht zu spenden vermöchten. Ich stand neben Walpole auf dem erhöhten Quarterdecke. Er war längst schon wieder der schweigsame Mann geworden, rief nur hier und da eines seiner kurzen, scharfen Commandoworte über das Deck hin=
weg und trat, als Alles sich in gehöriger Fahrt befand, zu dem Manne am Steuer.
»Du hältst den jetzigen Cours, scharf Ost bei Süd. Sobald wir Cap Thunder=Head doupliren, lässest Du mich wecken!«
»Very well, Sir! Darf ich vielleicht fragen, nach welchem Platze wir bestimmt sind?«
»Weiß es selbst noch nicht. Es gilt eine Jagd.«
»Eine Jagd?« frug der alte Schiffer erfreut. »Auf wen, Sir, wenn ich fragen darf?«
»Auf die Dschonke Jao=dse, bestimmt nach Kanton.«
»Ah - - !« dehnte der Frager. »Auf diesen dicken Wassermolch? Hab mir ihn angesehen und nicht viel Wohlgefallen an ihm gefunden. Muß eine eigene Fracht haben, eine sehr eigene! Sie luden des Nachts und waren ganz außerordentlich still und vorsichtig dabei. Zimmt, Kaffe oder Zucker wird es wohl nicht gewesen sein!«
»Werden es schon noch erfahren! Wir werfen wenigstens vier Mal mehr Knoten hinter uns als der Chinese und sind am Morgen jedenfalls auf gleicher Länge mit ihm. Dann steuern wir erst Nord bei Ost, dann Nord an Nord, und ich denke, daß wir ihm auf diese Weise ganz sicher schräg auf die Segel dampfen.«
»All right, ganz meine Meinung, Sir! Ist die Jagd scharf?«
»Möglich, daß sie es wird. Laß Kartätschen und Kugelpatronen klar machen! Gute Nacht!«
»Wird besorgt. Good night, Messieurs!«
Wir suchten die Cajüte auf und legten uns zur Ruhe. Es gab ja für den Augenblick Nichts vorzunehmen, und um der blosen Unterhaltung willen den Schlaf zu opfern, dazu war der gute Sir John Emery niemals bereit zu finden.
Als wir geweckt wurden, war es schon längst heller Morgen. Cap Thunder=Head mit seinen berühmten Tempelruinen lag bereits weit hinter uns, so daß ringsum nur Himmel und Wasser zu sehen war. Zahlreiche Segel belebten den Gesichtskreis; sie gehörten Fahrzeugen an, welche entweder von Trinkomalo und Batticalao oder aus Indien, China und Japan kamen, um vor dem günstigen Passat nach West zu steuern. Wir kümmerten uns nicht um sie; der Jao=dse war jedenfalls nicht unter ihnen. Die brave Yacht schnitt, leicht zur Seite geneigt, mit halbem Gegenwinde immer Nord bei Ost durch die Fluthen, und warf sich erst um die Mittagszeit auf Nord bei Nord herum. Walpole, welcher selbst als Kapitän fungirte, ließ jetzt alle Segel beisetzen, und es war zum Erstaunen, mit welcher Schnelligkeit wir nun trotz des widrigen Passates genau der geographischen Länge folgten.
Jetzt war die Zeit gekommen, einen Mann in die Masthuth zu schicken, um auf die Fahrzeuge, deren Cours wir durchschnitten, scharfen Ausguck zu halten.