III.

Und wieder sah ich Mursuk vor mir liegen mit seinen Melonenpflanzungen, seinen Granaten- und Feigengärten und seinen Palmenwäldern. Von der letzteren Pflanze hat der berühmte und unglückliche Afrika-


12 Gott segne Dich

//312//

reisende Vogel in der Umgegend der Stadt beinahe vierzig Varietäten gezählt.

Wir waren wegen der Wunde Forsters langsam geritten und darum fast vier Tage unterwegs gewesen. Die Reise schien ihn keineswegs angegriffen zu haben, und doch befand er sich in einem Zustande, welcher einem Fieber, wenn auch nicht dem Febris traumatica (13) zu gleichen schien. Er war innerlich aufgeregt; das bemerkte ich, obgleich er sich Mühe gab, es mir zu verbergen. Wer oder was war die Ursache? Etwa mein Freund Manasse Ben Aharab?

So sehr ich darüber nachdachte, ich mußte immer wieder auf diesen Namen kommen. Forster hatte sich nämlich unterwegs mit geradezu auffälliger Vorliebe mit mir über Mursuk unterhalten; aber so oft ich auf Manasse zu sprechen gekommen war, hatte sich sein Gesicht sofort verdüstert, und er war augenblicklich in Schweigen verfallen. Das Zartgefühl verbot mir, eine Frage auszusprechen; aber es mußte zwischen dem Juden und ihm Etwas vorgekommen sein, was ich noch heut mehr als unangenehm berührte. War es eine Geldverlegenheit? Gewiß nicht! Ja, Ben Aharab war einer der bedeutendsten Geldmänner von Fezzan, und ich durfte annehmen, daß Forster ihn aus geschäftlichen Gründen aufgesucht hatte; aber Beide waren sehr reich, und Beide waren sehr ehrlich; ein Zerwürfniß in dieser Richtung konnte nicht vorliegen. Wenn Manasse wirklich der Gegenstand von Forsters Mißmuth war, so war die Ursache gewiß auf einem ganz andern Punkte zu suchen. Nicht


13 Wundfieber

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in geschäftlichen Verhältnissen? Etwa in familiären? Ich mußte an meine liebe, schöne Rahel, an meine Rose von Sokna, denken.

Ich hatte den Namen Rahel einige Male erwähnt, und da war er allemal tief erröthet. Lag es hier? Ah!

Als wir jetzt nun die aus der Erde gestampften Umfassungsmauern der Stadt vor uns sahen, über welche der gewaltige Bau des Residenzschlosses emporragte, durfte ich nicht länger zögern; ich mußte wissen, ob er mit bei Manasse Ben Aharab absteigen wollte oder nicht. Darum sagte ich:

»Endlich sind wir da! Wer wird Ihnen ein Habakek (14) zurufen? Wo ich wohnen werde, das wissen Sie. Wollen wir nicht beisammenbleiben, Mr. Forster?«

Er hätte wohl gern ja gesagt; das sah ich ihm an; aber seine Antwort lautete:

»Zwei Gäste in einem Hause, das ist selbst für einen wohlhabenden Mann wenn auch nicht zuviel, so doch störend. Ich werde wieder bei meinem Mamluken Alaf wohnen.«

In Mursuk versteht man unter Mamluken die Abkömmlinge von weißen Renegaten; sie bilden den dortigen Adel.

»Ganz wie Sie wollen, bester Freund. Das wird ja nicht verhindern, daß wir uns täglich sehen.«

»Nein. Sie sind mir ja zu jeder Minute willkommen; das brauche ich ihnen nicht erst zu sagen.«

»Sie mir ebenso. Wer werden uns gegenseitig besuchen.«


14 Sei willkommen!

//314//

Er erwiderte nichts darauf, und so wußte ich, woran ich war. Ich sollte ihn besuchen; er aber wollte nicht zu mir kommen; er war mit Manasse Ben Aharab verfeindet. Wir ritten durch die erste der sehr breiten Straßen nach der zweiten, in welcher das Haus seines Mamluken lag; dort verabschiedete ich mich von ihm und setzte mit Ali meinen Weg bis zum Schlosse fort, in dessen Nähe Manasse wohnte. Vor seinem nach dortiger Bauart einstöckigen aber sehr geräumigen Hause ließen wir die Kameele niederknieen und stiegen ab. Das weite Thor war verschlossen, eine Seltenheit zu jetziger Tageszeit! Ich bewegte den schweren, ehernen Klopfer, worauf einer der schwarzen Sklaven das Thor öffnete. Er kreuzte die Arme über der Brust und verbeugte sich tief.

»Ist der Herr daheim?« fragte ich.

»Nein, Effendi; er ist zum Pascha geritten.«

»Und die Bint el Bet (15)

»Ist auch fort.«

»Wohin?«

Ich glaubte, als Gast und Hausfreund diese verbotene Frage aussprechen zu dürfen.

»Niemand weiß es.«

»Was? Niemand weiß es? Was redest Du da?«

»Niemand weiß es,« wiederholte er.

»Allah! Ist etwas geschehen?«

»Ja, Effendina.«

»Was?«

»Weiß es nicht. Niemand darf davon sprechen. Issitt Rebekka (16) wird es Dir sagen.«


15 Tochter des Hauses
16 Fräulein Rebekka

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Er fuhr sich mit dem Arme über die Augen und trat auf die Seite zu Ali, um diesem behülflich zu sein, die Kameele in den Hof zu schaffen; ich aber eilte spornstreichs zu Rebekka, der alten Wirthschafterin, deren ganz besonderer Liebling Rahel war. Ich fand sie in der Küche, wo sie beschäftigt war, einen Teig zu kneten. Als sie mich eintreten sah, unterbrach sie sofort ihre Arbeit, kam mit hoch erhobenen Händen auf mich zu und rief in jammerndem Tone:

»O, Effendi, wie sehnsüchtig haben wir auf Dich gewartet, und wie froh ist meine Seele, daß Du endlich kommst!«

Bei diesen Worten schoß auch schon ein Thränenstrom aus ihren Augen, die sie sich mit ihren teigigen Händen zu trocknen versuchte, was aber zur ganz natürlichen Folge hatte, daß sie sich dieselben fast vollständig verklebte.

»Was ist denn geschehen, meine gute Rebekka?« fragte ich sie. »Warum weinst Du?«

»Denke Dir, sie ist fort, fort, fort!«

»Wer, Rahel?«

»Ja, sie!«

»Wie meinst Du das? Sie ist fort?«

»Sie ist verschwunden, vollständig verschwunden, sie die Blume unseres Hauses, der Liebling unserer Herzen.«

»Verschwunden? Ohne daß Ihr wißt, wohin?«

»Ja, Kein Mensch weiß, wo sie sich befindet!«

»Ist das ganz plötzlich geschehen?«

»Ja.«

»Wann?«

»In der Nacht.«


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»Wo sie sich also daheim befand?«

»Daheim,« nickte Rebekka.

»Sonderbar! Verschwinden kann ein Mensch auf einer Reise oder bei einer ähnlichen Gelegenheit; aber wenn sie zu Hause war, so ist es doch fast eine Unmöglichkeit zu nennen, wenn - -«

»Ja, ja, eine Unmöglichkeit!« fiel sie mir in die Rede. »Die reine Unmöglichkeit!«

»Seit wann ist sie denn fort?«

»Wohl eine Woche schon, Effendi. Warte einmal; ich will es ausrechnen. Heut haben wir Jom el Arba'a (17) und am Jom el Chamis (18) ist es geschehen; es sind also sechs Tage vergangen.«

»Und wie ist das gekommen? Erzähle es mir doch!«

Sie fuhr sich wieder mit den Teighänden in die Augen, welche von Neuem zu thränen begannen, und antwortete:

»Wie kann ich es Dir erzählen? Ich bin ja nicht dabeigewesen und weiß also nicht, wie es geschehen ist.«

»Hm! Wann hast Du sie denn an dem betreffenden Tage zum letzten Male gesehen?«

»Am Abende.«

»Wo?«

»Draußen im Hofe.«

»Was that sie da?«

»Ich holte Wasser und kehrte mit demselben in die Küche zurück; da begegnete sie mir und sagte, daß sie noch ein wenig in den Garten gehen wolle.«

»So! Hat sie das gethan?«


17 Mittwoch
18 Donnerstag

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»Ja.«

»Weißt Du das genau?«

»Ja, denn ich blieb stehen und blickte ihr, die mein Liebling war, nach, bis sie im Garten verschwand.«

»Und dann hast Du sie nicht wiedergesehen? Sie ist nicht aus dem Garten zurückgekehrt?«

»Nein.«

»Ist das kein Irrthum?«

»Ich täusche mich nicht. Du weißt ja auch, Effendi, daß sie täglich des Abends vor dem Schlafengehen in den Garten ging. Wenn sie aus demselben zurückkehrte, kam sie stets zu mir herein, um mir "Gute Nacht" zu sagen. Das hätte sie jedenfalls auch an diesem Abende gethan; sie hat es nie versäumt.«

»Wann habt Ihr sie vermißt? Am andern Morgen?«

»O nein, sondern schon an jenem Abende. Eben weil sie nicht zu mir kam, blieb ich wach, um auf sie zu warten. Da sie noch immer nicht erschien, so ging ich in den Garten, um sie zu suchen; sie war nicht mehr da.«

»Auch nicht im Schlafzimmer?«

»Nein. Ich weckte den Herrn, den sie den gewöhnlichen Nachtgruß auch nicht gebracht hatte. Wir suchten im ganzen Hause, doch vergeblich. Da sandten wir einen Boten durch die ganze Stadt, mein Liebling war aber nirgends zu finden.«

»Habt Ihr denn keine, gar keine Ahnung, auf welche Weise sie verschwunden sein kann?«

»Keine!«

»Gab es im Garten keine Spur?«

»Nein. Der Herr hat es dem Pascha gemeldet.


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Dieser kam selbst und brachte viele Asaker und Subbat (19) mit, welche nachforschen mußten; es wurde nichts gefunden. Dann wurde die ganze Umgegend abgesucht, doch auch vergeblich.«

»Sonderbar! Rahel kann doch nicht in die Erde hinein verschwunden und durch die Luft davongeflogen sein! Wäre ich doch dagewesen! Ich hätte gewiß eine Spur gefunden.«

»Das sagte auch der Herr, und darum haben wir mit so großem Verlangen auf Dich gewartet.«

»Wohl auch umsonst, denn nun, nach sechs Tagen, ist jede Spur verwischt. Der Herr ist beim Pascha?«

»Ja. Er geht täglich mehrere Male zu ihm, um ihn zu fragen, ob noch nichts gefunden ist und ihn zu neuem Forschen anzuspornen. Horch! Man führt sein Pferd in den Hof; er ist also zurückgekehrt. Sprich mit ihm, Effendi, sprich mit ihm! Vielleicht gelingt es Dir, eine Spur zu entdecken.«

Dieses Vertrauen hätte mich erfreuen können, wenn ich es für möglich gehalten hätte, ihm zu entsprechen. Manasse Ben Aharab empfing mich mit einem Ausrufe der Freude; er sah sehr angegriffen aus; das unerklärliche Verschwinden seiner Tochter zehrte an seinem Körper und auch an seiner Seele; das sah ich ihm sofort an. Er mußte erzählen; leider aber konnte er mir auch nicht mehr sagen, als was ich schon von Rebekka erfahren hatte, setzte aber trotzdem große Hoffnungen auf mich.

»Effendi, fordere von mir, was Du willst, ich werde


19 Soldaten und Polizisten

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es Dir geben, nur bringe mir den Glanz meiner Augen, das Licht meiner Seele wieder!« bat er mich.

»Manasse, ich fühle mit Dir und bin von dem, was ich erfahren habe, selbst tief erschüttert,« antwortete ich ihm; »aber wie kann ich, der hier ganz Fremde, Dir Diejenige wiedergeben, die Du verloren hast, nachdem alle Bemühungen des Pascha und seiner Leute vollständig vergeblich gewesen sind.«

»O, ich weiß, daß Du viel erlebt und viel erfahren hast. Du hast so Manches fertig gebracht, was keinem Andern gelingen wollte, und wirst auch hier einen Weg finden, der zum Ziele führt.«

»Leider muß ich das bezweifeln, doch wollen wir nichts unversucht lassen. Kommt mit mir nach dem Garten!«

Wir gingen hinaus, und ich durchsuchte jeden Winkel; ich betrachtete jeden Strauch, jeden Mauerstein auf das Genaueste, doch umsonst; es war inzwischen zuviel Zeit vergangen.

»Wir können gar nichts Anderes als eine Entführung annehmen,« sagte ich. »Deine Tochter ist über die Mauer geholt worden; aber heut, nach sechs Tagen, ist keine Spur mehr von ihr vorhanden. Ich zweifle gar nicht daran, daß irgend ein Zeichen zu entdecken gewesen wäre; das aber ist durch die Leute des Pascha verwischt oder unkenntlich gemacht worden. Sie verstehen sich nicht darauf. Nimmst Du auch eine Entführung an?«

»Ja.«

»Und hast Du keinen Verdacht?«

»Ich habe einen.«

»Welchen?«


//320//

»Der Pascha hat mir verboten, davon zu sprechen, weil ich dadurch leicht Alles verderben kann; Dir jedoch darf ich mein Vertrauen schenken, denn Du bist verschwiegen. Es giebt nämlich Einen, der meine Tochter zu seinem Weibe machen wollte.«

»Ah! Wer ist das?«

»Ein Charib (20), der mein Gast war und mir die Gastfreundschaft dadurch vergalt, daß er mir das Herz meines Kindes entfremdete.«

»Entfremdete? So ist es ihm gelungen, sich die Zuneigung Rahels zu erwerben?«

»Ja. Ich wies ihm die Thür. Ehe er mein Haus verließ, gelang es ihm, Rahel zu beruhigen und sie zu überzeugen, daß sie trotzdem sein Weib werde. Daher war sie später heiter und grämte sich nicht. Sie hatte sogar den Muth, später sehr oft mit mir von ihm zu sprechen.«

»Verließ er Mursuk gleich?«

»O nein, sondern er zog zu einem Mamluken, bei dem er noch mehrere Wochen wohnte.«

Ich mußte unwillkürlich an Forster denken und fragte:

»Wie heißt der Mamluk?«

»Alaf.«

»Ah! Und der Fremde?«

»Er nannte sich Forster und war aus dem Bilad Amirika.«

»Maschallah! Also der!« rief ich aus.

»Kennst Du ihn?« erkundigte er sich schnell.


20 Fremder

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Ehe ich antworten konnte, kam ein Schwarzer in den Garten und meldete seinem Herrn, daß er schnell zu dem Pascha kommen sollte, der ihm Wichtiges mitzutheilen habe.

»Da gehst Du mit, Effendi!« forderte mich Manasse auf. »Du mußt es mit hören und dann mit berathen.«

Zehn Minuten später standen wir vor dem höchsten Beamten des Padischah. Er theilte dem Juden mit, daß der Entführer ergriffen sei, und auf ein Zeichen von ihm brachte man den Missethäter gefesselt hereingeführt. Man denke sich mein Erstaunen, da es kein Anderer als - Forster war!

Dieser befand sich in einem Zustande größter Aufregung. Als er mich erblickte, zerrte er an seinen Fesseln und rief mir in deutscher Sprache zu:

»Welch ein Glück, daß Sie da sein! Denken Sie sich: Kaum bin ich bei meinem Wirte abgestiegen, so schickt dieser Kerl fort, und es kommen Soldaten, die mich arretiren! Ich soll Rahel, die Tochter Manasses, heimlich entführt haben.«

»Ich weiß es, Sie lieben dieses Mädchen?«

»Ja. Ich habe es Ihnen verschwiegen, bin aber jetzt gezwungen, es Ihnen zu gestehen. Ist sie wirklich fort?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Das weiß man nicht.«

»Alle Teufel! Machen Sie mich von diesen Fesseln frei und ich werde sofort beginnen, ganz Tripolis zu durchstöbern und nicht eher ruhen, als bis ich sie gefunden habe!«


//322//

Es wurde mir nicht schwer, seine stürmische Bitte zu erfüllen, denn ich konnte bezeugen, daß er sich am Tage der Entführung weit weg von hier und bei mir befunden hatte. Dem Pascha war es freilich nicht angenehm, zu hören, auf was für einem Irrwege er sich befunden hatte. Forster zürnte natürlich dem Vater seiner Geliebten, der daran schuld war, und dieser konnte nicht umhin, ihn um Verzeihung zu bitten, und so kam es, daß beide sich versöhnten, noch ehe sie die Residenz des Pascha verlassen hatten.

Nun waren wir gerade und genau so klug wie vorher und kehrten nach Manasses Wohnung zurück, um zu berathen. Wir sannen hin und sannen her und strengten allen unsern Scharfsinn an, kamen aber zu keinem Resultate, bis Forster Manasse fragte:

»Giebt es hier in Mursuk Jemand, der sie zu besitzen begehrte? Vielleicht ist sie noch hier in der Stadt verborgen.«

»Ich wüßte Keinen.«

»Gab es auch sonst keinen Bewerber, meinen Freund hier ausgenommen?« erkundigte ich mich.

»Nein, denn den Tedetu darf ich nicht als einen solchen betrachten.«

»Der Tedetu? Wer ist das?«

»Ein Anführer der Tibbu, welcher früher in Geschäften einige Male bei mir war.«

»Was! Hieß der Mensch Tahaf?«

»Ja, Du kennst ihn, Effendi?«

»Ja. Sag schnell, wenn er zum letzten Male bei Dir war! Es ist von größter Wichtigkeit.«


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»Am Tage, bevor mein Kind verschwand.«

»Ah! Was wollte er bei Dir?«

»Er wollte mit mir von Dir sprechen.«

»Von mir? Was? Und das sagst Du mir erst jetzt!«

»Ich wollte es ganz verschweigen, weil ich glaubte, Dich damit beleidigen zu können.«

»Mich beleidigen? Was war es denn?«

»Er hielt Dich für den Asik (21) meiner Tochter.«

»Mich? Wie kam er auf diesen sonderbaren Gedanken?«

»Er hatte es von dem Wirthe des Karawanenserais gehört.«

»Und glaubte es?«

»Ja. Darf ich ganz aufrichtig mit Dir sein, Effendi, da es sich um eine so wichtige Sache handelt?«

»Ich fordere es sogar von Dir!«

»Du bist volle fünf Wochen mein Gast gewesen, und meine Dienerschaft hat erzählt, wie gut und freundlich Du gegen Rahel warst.«

»Und da hat man mich für ihren Verlobten gehalten?«

»Ja, doch ohne, daß ich es ahnte. Du verzeihst es doch?«

»Ich habe nichts zu verzeihen. Sag' mir vor allen Dingen, in welcher Beziehung Du zu dem Tedetu Tahaf standest!«

»Ich hatte einige Tauschgeschäfte mit ihm. Ich war der Ansicht, daß er so ein wenig Räuber sei, da aber die Tibbu alle den Raub für keine Schande und kein Verbrechen halten, so ging es mich nichts an.«

»War er bei seinen geschäftlichen Besuchen vielleicht stets nur kurze Zeit bei Dir?«


21 Geliebter, Verlobter

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»Nein, sondern er war stets mein Gast.«

»Auch des Nachts?«

»Ja.«

»So kannte er wohl Rahels Gewohnheit, des Abends in den Garten zu gehen?«

»Ja; er hat sie dahin begleitet und mit ihr gesprochen, doch nur in meiner Gegenwart.«

»Sie hat ihm gefallen?«

»So sehr, daß er sie zur Frau begehrte.«

»Er, der Muhammedaner?«

»Die Tibbu sagen, daß das Weib keine Seele habe; eine Frau kann nicht in das Paradies gelangen; darum ist es gleichgültig, ob sie an Muhammed glaubt oder nicht.«

»Du hast ihn natürlich abgewiesen?«

»Ja.«

»Erregte das nicht seinen Zorn, seine Rache?«

»Er ließ sich nichts merken, kam aber dann nicht mehr zu mir. Bei seinem Besuche in voriger Woche habe ich ihn seitdem zum ersten Male wiedergesehen.«

»War er denn nicht leidend?«

»Er trug den rechten Arm in der Binde und sah aus wie ein Mensch, welcher krank gewesen ist.«

»Ah! Er muß eine sehr starke Natur besitzen, da er trotz seiner Verwundung direct und ohne längeres Ausruhen nach Mursuk geritten ist.«

»Du weißt, daß er verwundet ist?«

»Ja; wir werden es Dir erzählen. Zunächst aber möchte ich wissen, auf welche Weise er mich kennen gelernt haben will. Das muß er Dir doch gesagt haben, da er extra zu Dir gekommen ist, um von mir zu reden.«

»Er begegnete Dir in der Wüste und sagte Dir, daß


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er nach Mursuk wolle; da gabst Du ihm den Auftrag, zu mir zu gehen und mich von Dir zu grüßen.«

»So! Du sagtest ihm, daß ich nicht Rahels Verlobter sei?«

»Ja, aber er glaubte es nicht.«

»Schön! So weiß ich nun, woran ich bin. Wir haben die Spur gefunden. Er hat Deine Tochter geraubt.«

»Dieser - - - Tedetu?!!«

»Ja.«

»Allah! Denkst Du das wirklich?«

»Ich glaube es nicht nur, sondern ich bin vollkommen überzeugt davon. Er will sich rächen!«

»An mir?«

»An Dir, weil Du ihm Rahel abgeschlagen hast, und an mir, weil er von mir besiegt worden ist.«

»Von Dir?«

»Ja; den verwundeten Arm, den Du gesehen hast, hat er mir zu verdanken.«

»Wer hätte das gedacht! Wie ist das zugegangen?«

Ich erzählte es ihm und fügte, als ich fertig war, hinzu:

»Ich behaupte also, daß er der Räuber Deiner Tochter ist und denke, daß Du mir Recht geben wirst.«

»Unrecht kann ich Dir freilich nicht geben, aber ein Beweis ist noch nicht vorhanden.«

»Den werden wir sogleich holen.«

»Wo?«

»Bei dem Wirthe des Karawanserais, von dem Du vorhin gesprochen hast.«

»Meinst Du etwa, daß er diesem Etwas von seinem Vorhaben mitgetheilt hat?«

»Nein, das ist ihm gewiß nicht eingefallen.«


//326//

»So kann er nichts beweisen!«

»Warte es ab! Ich habe Dir doch erzählt, daß die Tibbu als Pilger nach Kairwan wollen.«

»Allerdings; aber ich denke, daß sie diesen Vorsatz jetzt aufgegeben haben werden.«

»Aus welchem Grunde?«

»Wegen meiner Tochter.«

»Gewiß nicht!«

»O doch! Sie können eine Gefangene nicht so viele Tagereisen mit sich nach Kairwan schleppen, sondern sie haben sie nach ihrem Duar gebracht.«

»Das glaube nicht. Wo ist Tahafs Duar?«

»Wer weiß es! Er sagte einmal, daß er gar keinen festen Wohnsitz habe.«

»Ich bin überzeugt, daß er da die Wahrheit gesprochen hat. Er ist ein Räuber, er lebt nur vom Raube und darf also keinen Duar haben, in welchem man ihn aufsuchen kann, um ihn zu bestrafen; es giebt also keinen Ort, wohin er Deine Tochter schleppen kann, um sie zu verbergen; er muß sie bei sich behalten, sogar auf der jetzigen langen Reise.«

»Du denkst also, daß er doch noch nach Kairwan geht?«

»Ja. Ein Moslem, der einmal seine Pilgerreise angetreten hat, führt sie auch aus, denn nach seiner Ansicht würde er sich sonst den Zorn Allahs zuziehen.«

»Effendi, indem Du dies behauptest, machst Du mir das Herz noch viel schwerer, als es vorhin schon war!«

»Warum?«

»Weil, wenn Du Recht haben solltest, mein Kind für immer für mich verloren ist.«


//327//

»Das sehe ich nicht ein.«

»Er wird Rahel zwingen, sein Weib zu werden.«

»Das geht nicht so schnell.«

»O doch! Was kann so ein schwaches Mädchen gegen einen solchen Menschen thun?«

»Sich auf die Satzungen des Islam verlassen.«

»Ich verstehe Dich nicht. Meinst Du, daß diese Satzungen Rahel retten können?«

»Ja, und ich habe allen Grund, dies zu denken. Ich gebe zu, daß dem Tedetu Deine schöne Tochter am Herzen liegt; noch größeres Verlangen aber wird er nach Deinem Gelde tragen.«

»Das heißt, er wird ein Lösegeld von mir verlangen?«

»Ja.«

»Und mir das Kind dann zurückgeben?«

»Möglich. Ebenso und noch weit mehr möglich aber ist ein anderer Fall.«

»Welcher?«

»Daß er darnach trachtet, in den Besitz beider zugleich zu gelangen, nämlich Deines Kindes und Deines Geldes!«

»Wie will er das anfangen?«

»Er heirathet Rahel auf rechtmäßige Weise vor dem Kadi und ist als ihr Mann dann Dein Erbe.«

»Das wäre schrecklich für mein Kind; aber er bekäme mein Geld nicht, denn ich würde ihn enterben.«

»Er würde dafür sorgen, daß Du das nicht könntest. Wenn er sie zwingt, Muhammedanerin zu werden, so kannst Du sie nach hiesigen Gesetzen nicht enterben, weil Du ein Jude bist; er könnte es sogar so weit bringen, Dein Vermögen sofort unter seine Aufsicht zu bekommen.«


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»Allah! Das ist wahr!« rief er erschrocken aus. »Ein Jude ist hier ohne allen Schutz. Schrecklich - schrecklich!«

»Beruhige Dich! Ich bin zwar vollständig überzeugt, daß er keinen andern Plan als gerade diesen hat; aber die Ausführung desselben wird ihm schwer werden. Er wird Rahel mit nach Kairwan nehmen, weil er sie dort am sichersten zwingen kann, Muhammedanerin zu werden, denn als Jüdin ist sie dort dem Tode verfallen; das erfordert aber Zeit, und bis diese vergeht, findet sich Gelegenheit, das Kind zu befreien.«

»Auf welche Weise?«

»Man muß nach Kairwan reisen und Rahel heimlich von dort fortschaffen.«

Er starrt mich eine ganze Minute lang wie sprachlos an und rief dann erschrocken aus:

»Da ist man ja verloren! Kein Andersgläubiger darf diese lebensgefährliche Stadt betreten!«

Da fuhr Forster ihn zornig an:

»Liebst Du Deine Tochter? Ich, dem Du sie versagt hast, bin bereit, sofort hinzugehen, um sie zu retten!«

»Gemach!« beruhigte ich ihn. »Noch weiß man nicht, was geschehen wird. Wir haben noch Erkundigungen einzuziehen.«

»Bei wem?«

»Im Karawanserai und sodann auf dem Wege nach Norden, um zu erfahren, ob die Tibbu diese Richtung eingeschlagen haben und Rahel mit sich führen.«

»So wollen wir das gleich thun und ja keine Zeit verlieren! Wo ist das Serai?«


//329//

Manasse führte uns hin. Wir erfuhren von dem Wirthe, daß Tahaf allerdings bei ihm gewesen und da erfahren hatte, daß die schöne Jüdin, die »Rose von Sokna«, für mich bestimmt sei. Das wußten wir schon. Viel wichtiger war uns die Nachricht, daß er einen Tachterwan (22) gekauft hatte. Dieser Umstand gab uns die Gewißheit, daß er es ohne allen Zweifel war, welcher Rahel geraubt hatte; der Tachterwan war für sie bestimmt.

Nun galt es noch, zu erfahren, ob seine Leute alle bei ihm waren und welche Richtung er eingeschlagen hatte. Dazu paßte Manasse nicht. Er mußte mir und Forstern zwei gute Reitkameele verschaffen, und am nächsten Tage verließen wir beide Mursuk, um nordwärts gegen Jeded zu reiten.

Am ersten Tage begegnete uns kein Mensch und erst am zweiten Tage gegen Abend trafen wir auf eine kleine Karawane, welche sie eben zur Ruhe gelagert hatte. Diese Leute hatten nun allerdings einen Reitertrupp von gegen zwanzig Tibbu gesehen, deren Anführer am rechten Arme verwundet gewesen war; eines ihrer Kameele hatte eine dicht verhangene Frauensänfte getragen.

Wir wußten nun genug und lagerten uns bei dieser Karawane, um mit Tagesgrauen unsere Rückkehr nach Mursuk anzutreten. Ich schlief bald ein; Forster aber fand keine Ruhe. Die bange Sorge um die Geliebte scheuchte den Schlaf von ihm; er wäre am liebsten den Tibbu jetzt gleich nachgeritten. Kaum hellte sich der östliche Horizont, so weckte er mich auf. Auch die Anderen erwachten und rüsteten sich zum Aufbruche.


22 Kameelsänfte

//330//

Da sahen wir im Süden von uns, also in der Richtung von Mursuk her, einen Kameelreiter erscheinen, der es sehr eilig zu haben schien. Noch waren wir nicht auf unsere Thiere gestiegen. Er kam uns schnell näher, und da sahen wir, daß es ein Tedetu war.

»Alle Teufel, den kenne ich! Er gehörte zu Tahafs Leuten,« sagte Forster. »Erkenne Sie ihn nicht auch?«

»Ja,« antwortete ich. »Er kommt von Mursuk.«

»Was mag er dort zu schaffen gehabt haben?«

»Ob er die Aufgabe hatte, Manasse Ben Aharab die Bedingungen Tahafs zu überbringen? Möglich!«

Jetzt war der Mann nur wenige Kameelslängen von uns entfernt. Sein Auge fiel auf mich.

»Maschallah, der Giaur!« rief er aus, indem er sein Kameel anhielt. »Allah sei gelobt, daß ich Dich treffen, Du Hund! Hier ist der Lohn, der Dir gehört!«

Er riß seine lange Flinte empor, um auf mich zu schießen; ein Schuß krachte, doch nicht der seinige, denn Forster war schneller als er und hatte ihm eine Kugel in den Kopf gejagt. Der Tedetu wankte hin und her und stürzte dann aus dem hohen Sattel auf die Erde herab; er war eine Leiche.

Dergleichen Vorkommnisse sind nichts Besonderes in der Wüste; der Kerl hatte mich tödten wollen und war dafür von meinem Begleiter erschossen worden; das erschien den Beduinen, bei denen wir gelagert hatten, als etwas so ganz und gar Selbstverständliches, daß sie kein Wort darüber verloren. Wir untersuchten die Taschen des Tedetu, ob er etwas für uns Wichtiges bei sich hatte, fanden aber nichts. Wir ließen ihn liegen und nahmen,


//331//

als wir dann fortritten, sein Kameel als die uns zugehörige Beute mit nach Mursuk.

Dort erwartete uns eine sehr große und zugleich sehr traurige Ueberraschung.

Manasse Ben Aharab war mir ein lieber Gastfreund gewesen, aber seine Liebe zu seiner Tochter hatte immer so etwas Ungewisses, Aengstliches an sich gehabt; es war mir manchmal so vorgekommen, als ob er seiner Sache mit diesem Kinde nicht recht sicher sei. Und Rahel hatte ihn lieb gehabt, ja; aber es war eine ganz eigenthümliche Zuneigung gewesen. Oder mußte man sich nicht wundern, daß sie mit ihm so unbefangen über den Geliebten gesprochen hatte, der von ihm doch abgewiesen worden war? Das Verhältniß zwischen Vater und Tochter hatte für mich etwas Geheimnißvolles gehabt. Jetzt sollte dieses Räthsel gelöst werden, und zwar in einer Weise, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Als wir bei dem Hause Manasses ankamen, stand das Thor offen, so daß wir mit dem ersten Blicke die Klageweiber sehen konnten, welche im Hofe saßen und, ihre Köpfe mit Asche bestreut, leise, dumpfe Laute ausstießen. Es mußte sich ein Sterbender im Hause befinden. Ich eilte in die Küche. Da saß Rebekka weinend an der Erde. Als sie mich erblickte, schluchzte sie:

»O, Effendina, was ist geschehen! Der Herr will sterben. Die Atibba (23) sind bei ihm, um ihm die letzte Arznei zu geben, und auch die Schuhuhd (24), um den Wasija (25) niederzuschreiben.«


23 Aerzte.
24 Zeugen.
25 Letzten Willen.

//332//

»Allah jarhamkum - Gott erbarme sich Euer! Was ist denn geschehen, Rebekka?«

»Es kam Einer von den Tibbu und begehrte, mit dem Herrn zu sprechen. Schon nach kurzer Zeit ging er wieder fort und da fanden wir den Herrn in seinem Blute liegen.«

»Der Tedetu hatte ihn verwundet?«

»Ja, er hat ihn erstechen wollen.«

»Warum?«

»Der Herr hatte es dem Pascha erzählt, welcher bald darauf kam. Der Tedetu hat eine Unterschrift verlangt, daß Rahel, mein Liebling, in Kairwan Muhammedanerin werden dürfe. Der Herr hat es verweigert und dafür den Stich erhalten. Er wurde verbunden, muß aber sterben. Er liegt seit der Zeit still und kann nur wenig und ganz leise sprechen; er hat nur immer nach Euch verlangt.«

»Welch ein Unglück! Wo liegt er? Führe uns zu ihm!«

Sie gehorchte dieser Aufforderung. Als wir eintraten und mein Blick auf Manasse fiel, sah ich sofort, daß wir zu spät kamen; er war todt; er hatte soeben zum letzten Male geathmet. Am Fußende des Lagers kauerten die zwei Quacksalber, die sich Aerzte nannten. Zu Häupten desselben saß ein Beamter mit den drei Zeugen. Er sah uns forschend an, stand langsam und würdevoll auf und fragte:

»Bist Du der fremde Kara Ben Nemsi Effendi, von dem dieser Todte mit mir gesprochen hat?«

»Ja,« antwortete ich.

»Und Dein Gefährte ist der Mann aus Amirika?«


//333//

»Ja.«

»So habe ich Euch vor diesen Zeugen etwas zu eröffnen.«

Er winkte den Aerzten; sie entfernten sich, dann fuhr er fort:

»Die Tochter dieses Todten ist nicht seine Tochter; sie ist auch keine Jüdin, sondern eine Christin.«

Welch' eine Ueberraschung! Ich ließ einen Ausruf des Erstaunens hören, worauf er erwiderte:

»Dieser Todte hat im Sterben ein Bekenntniß abgelegt. Er kam als armer Händler nach Dschidda, welches vor Mekka, der Stadt des Propheten, liegt. Dort forderte el Haua el Asfar (26) das Leben vieler Menschen. Manasse Ben Aharab saß auf der Gasse einen Sterbenden mit einem schönen, kleinen Mädchen liegen. Der Sterbende rief ihn zu sich und sagte ihm, daß er ein Nauti (27) aus dem Bilad Fransa (28) sei, das Kind aber sei das Enkelchen eines berühmten Reïs (29), welches er nach dem Bilad Fransa bringen solle, nun aber nicht bringen könne, weil er hier vom Tode überfallen worden sei. Er bat ihn, das Enkelchen nach Suez zum Konsul zu schaffen, und gab ihm ein Sezdahn (30), welches dem Kinde gehörte. In demselben waren große Geldscheine und einige Papiere in fremder Sprache. Der Nauti starb nach wenigen Minuten; Manasse nahm das Kind und dessen Eigenthum. Er wollte ehrlich sein; aber die Geldscheine siegten über sein Gewissen. Er behielt sie und das Kind und vernichtete die fremden Papiere. In Kairo ließ er sich Gold für die Scheine geben und ging dann mit dem Enkelchen des berühmten


26 Cholera.
27 Matrose.
28 Frankreich.
29 Kapitän.
30 Brieftasche.

//334//

Reïs erst nach Tunis und dann gar hierher nach Mursuk, weil er glaubte, in dieser abgeschiedenen Gegend könne das, was er gethan hatte, nicht entdeckt werden. Er war dem Enkelchen ein guter Vater, konnte aber nie vergessen, daß er es betrogen hatte. Da nahte plötzlich der Tode, und er ließ mich kommen, um mir dies mitzutheilen. Sein Testament liegt hier in meiner Hand; sein Vermögen gehört der Enkelin des berühmten Reïs, welche die Frau des Mannes aus Amirika werden soll.«

Er hielt inne, wir Beide standen starr. Endlich fragte ich:

»Woher weißt Du, daß sie eine Christin ist?«

»Der sterbende Nauti hat es gesagt.«

»Wie hieß ihr Großvater, der berühmte Reïs?«

»Niemand weiß es, denn Manasse hat die Papiere vernichtet, die er nicht lesen konnte.«

»Wer wird Vollstrecker dieses Testamentes sein?«

»Der Pascha selbst. Ihr müßt Euch an ihn wenden. Manasse Ben Aharab hat noch von einem Higab (31) gesprochen, welches Rahel am Halse hängen hat. Sie soll es öffnen, um zu sehen, was sich in demselben befindet. Ich gehe jetzt zum Pascha, um ihm dies Alles zu melden und ihm das Testament zu überreichen. Er wird Euch kommen lassen, um mit Euch zu sprechen.«

Er entfernte sich mit den drei Zeugen und wir waren nun allein mit dem Todten, den wir für den Vater Rahels gehalten hatten. Wie hatte er sich an ihr vergangen! Er hatte sie und ihr Vermögen den fernen Angehörigen entzogen. Wer waren diese, und wo wohnten


31 Amulet.

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sie. In Frankreich? Wer war ihr Großvater, der »berühmte Kapitän« gewesen, und wie war sie in die Obhut eines gewöhnlichen Matrosen gekommen. Ob das Amulet wohl diese Fragen zu beantworten vermochte?

Nun war es sicher, daß sie nach Kairwan geschleppt wurde. Sie mußte befreit werden. Forster betheuerte, sein Leben tausendmal daran zu wagen, traute sich aber nicht die dazu nöthigen Erfahrungen zu. Hier an der Leiche bat er mich, ihn ja nicht zu verlassen, und ich versprach ich, mit nach Kairwan zu gehen, obgleich dadurch mein ursprünglicher Reiseplan vollständig umgestoßen wurde.

Er wäre am liebsten sofort aufgebrochen, denn er hatte große Angst um die Geliebte. Aber wir mußten Manasse Ben Aharab begraben. Und dann galt es, das Erbe Rahels sicher zu stellen. Forster brauchte es nicht, denn er war ein steinreicher Mann; aber er hielt es für seine Pflicht, das Eigenthum der Geliebten ihr möglichst zu erhalten, und ich bestärkte ihn darin. Natürlich floß ein beträchtlicher Theil desselben in den Säckel des Pascha und in andere Taschen, und es wäre wohl ganz und gar zu Wasser geworden, wenn die Blutegel in Mursuk nicht doch Respect vor dem amerikanischen Consul in Tripolis gehabt und die Befürchtung gehegt hätten, später Alles und noch mehr wieder herausgeben zu müssen.

Es dauerte lange, sehr lange, bis das Alles geordnet war und wir abreisen konnten. Wir mußten nach Tripolis. Das ist ein weiter Weg. Dr. Nachtigall hat siebenunddreißig Tage zugebracht, um diesen gefährlichen Weg zurückzulegen. Bei uns ging es zwar schneller, denn Forster war reich genug, für diesen Ritt die besten


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Reitkameele zu kaufen, für seine Sehnsucht nach Rahel aber doch nicht schnell genug.

Dann, als wir in Tripolis angekommen waren, gab es verschiedene Conferenzen mit dem Consul und der türkischen Behörde, welche das Erbe nicht aus dem Lande gehen lassen wollte und es einstweilen mit Beschlag belegte, und zwar mit vollem Rechte, weil die Erbin nicht zugegen war, sondern erst aus den Händen der Tibbu befreit werden mußte.

Und als dies in Ordnung war, konnten wir unmöglich daran denken, zu Land nach Kairwan zu gehen, denn das wäre ein monatelanger Ritt gewesen; wir mußten uns für den Wasserweg entscheiden. Und da gab es kein Schiff, mit welchem wir nach Susa kommen konnten. Die englischen und französischen Schiffe legten nur in Sfax an, und so waren wir schließlich froh, als wir ein schmutziges, tunesisches Fahrzeug von ungefähr hundert Registertons entdeckten, dessen Kapitän bereit war, uns in Susa abzusetzen.

Da uns, wenn wir als Nichtmuhammedaner erkannt wurden, in Kairwan der sichere Tod erwartete, so mußten wir schon vorher verheimlichen, wer wir waren. Darum stellten wir uns dem Kapitän als egyptische Offiziere vor, welche tunesische Zuchtpferde kaufen und bei dieser Gelegenheit die heilige Stadt besuchen wollten. Er war auch selbst dort gewesen und beschrieb sie uns während der Ueberfahrt in der Weise, daß wir uns für wenigstens einigermaßen unterrichtet halten konnten. Hinreichend war dies freilich nicht.

Die Seefahrt war außerordentlich langweilig, ging aber glücklich vorüber. Das ruinenhafte Susa konnte uns


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nur so lange halten, als nöthig war, uns Pferde zu kaufen, da wir die Kameele in Tripolis veräußert hatten; dann ging es weiter, dem Bahir Sihdi Krador zu.

Kairwan, oder, wie es auch ausgesprochen wird, Keruan, liegt an der Stelle des alten Vicus Augusti in einer sumpfigen Ebene, in welcher das Auge keinen einzigen Baum erblickt; höchstens daß hier oder da einmal ein einsamer kahler Strauch erscheint, dessen junge Triebe von den Thieren abgefressen worden sind. Der Ritt durch diese Gegend ist kein anregender, und so waren wir froh, als wir gegen Abend des zweiten Tages die Nähe der Stadt erreichten.

Wenn ich sage froh, so bezieht sich das freilich nicht auf unsere gegenwärtige innere Grundstimmung, die wir mit den Worten froh nicht bezeichnen konnten. Die Gefahren, vor denen wir jetzt standen, waren so groß, daß wir einander im Gegentheile sehr ernst in die Augen blickten, als wir die ersten Häuser des heiligen Ortes vor uns liegen sahen. Der Anblick, den sie uns boten, war aber kein heiliger, sondern ein sehr profaner. Es mochte hier einmal eine Umwallung vorhanden gewesen sein; jetzt lag sie in Trümmern, auf welchen Gestrüpp und Unkraut wucherte.

»Hinein werden wir kommen,« meinte ich; »wie und wann aber werden wir wieder herauskommen!«

»Todt oder lebendig, Eins von Beiden,« antwortete Forster. »Die Hauptfrage für mich ist, ob Rahel sich in diesem heiligen Neste befindet.«

»Ich bin überzeugt, daß sie da ist.«

»Aber wo?«

»Das werden wir erfahren.«


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»Von wem?« fragte er weiter und machte dabei ein Gesicht, als ob er sein Haupt schon jetzt dem Henker überliefern müsse.

»Nicht so triste, Mr. Forster! Wer Etwas mit frohem Muthe beginnt, der kommt viel leichter, schneller und sicherer an das Ziel, als Derjenige, der zu ängstlich ist.«

»Angst ist es nicht, aber Sorge. Wenn uns Einer von den Tibbu sieht, werden wir förmlich zerrissen.«

»Wir brauchen uns doch nicht so zur Schau zu stellen, daß uns Jedermann sehen muß!«

»Und wo bleiben wir? In einem feinen H“tel oder in einer Herberge für Handwerksburschen?«

»Wenn es Beides gäb, ja, ja! Es giebt wohl Menazil (32), aber die müssen wir vermeiden, weil da Jedermann verkehren kann. Wir suchen einen Ort auf, wo nur bevorzugte Leute Zutritt haben.«

»Welcher Ort wäre das?«

»Sie vergessen, daß wir jetzt egyptische Offiziere sind und daß in dieser guten, heiligen Stadt es eine Chassa esch schanuf zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zur Bewachung der Moschee giebt.«

»Eine Ehrengarde? Das ist wahr. Aber, Sie wollen doch nicht so verwegen, so tollkühn sein -?!«

»Natürlich will ich das. Je größer die Kühnheit, desto kleiner die Gefahr. Wir stellen uns den Herren Offizieren dieser Garde vor.«

»Ein Gedanke, der beinahe an Wahnsinn grenzt!«


32 Plural von Menzil = Gasthaus.

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»Aber er ist nicht übel. Haben Sie Vertrauen zu ihm!«

»Meinetwegen; thun Sie, was Sie wollen!«

»Und Sie thun mit?«

»Ja; ich kann doch nicht anders.«

»Gut! Kommen Sie!«

Ich muß bemerken, daß wir uns ganz wie fromme Muselmänner trugen; sogar Gebetsteppiche hatten wir mit; alles Europäische, besonders die Revolver, mußten wir verbergen. Die Sonne war im Untergehen, und eben bogen wir in die zweite Straße ein, da ertönte der Klang des Glockenbretes, und der Munddin rief vom hohen Minareh herab:

»Haï alas salah, hai alal felah; es salah cher min en nom; Allah akbar; la ilaha il Allah - auf zum Gebete, auf zum Heil; das Gebet ist besser als der Schlaf; Gott ist groß; es giebt keinen Gott außer Gott!«

Alle auf der Straße befindlichen Menschen knieten augenblicklich nieder, um zu beten. Wir hielten an, sprangen von den Pferden, breiteten die Teppiche aus und ahmten die vorgeschriebenen Bewegungen nach. Unweit von uns betete ein alter Soldat; ich behielt ihn im Auge, und als die Zeremonie vorüber war, rief ich ihn herbei, stieg wieder in den Sattel und fragte ihn:

»Du weißt, wo der Kommandant der Chassa esch scharuf wohnt?«

»Ja, Herr,« antwortete er.

»Wir sind Zubbat (33); führe uns zu ihm!«

Er kreuzte die Hände über die Brust, verbeugte sich


33 Plural von Zabit = Offizier.

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und gehorchte dann. Es wurde schnell dunkel; wir brauchten keine Sorge zu haben, erkannt zu werden. Wir wurden durch mehrere Gassen bis in die Nähe der Okba-Moschee geführt. Dort ging es durch ein Thor in einen Hof, wo wir abstiegen. Der Soldat verschwand, und bald darauf kam ein martialisch dreinschauender Kolarasi (34), der uns nach unsern Wünschen fragte. Ich nannte zwei beliebige Namen und sagte, daß wir ein Mir Alaï und ein Rejjis tabur (35) des Vizekönigs von Egypten seinen und uns pflichtschuldigst hier meldeten, um zu fragen, wo wir wohnen könnten. Er bat um ein wenig Geduld, entfernte sich, kam aber sehr schnell wieder und erklärte:

»Der Muschir (36) hat Eure Meldung mit Wohlgefallen entgegengenommen und läßt Euch bitten, zu ihm zu kommen.«

Die Ehrengarde zählte hundert Mann; ihr Commandant nannte sich Feldmarschall - echt orientalisch! Er war ein alter Degenknopf, der uns, auf einer Matte sitzend, empfing. Wir mußten uns zu ihm setzen und bekamen Kaffee und Tabakspfeifen. Er richtete eine Menge Fragen an uns, von denen eine immer dümmer als die andere war. Wir antworteten in bescheidener Weise und machten dadurch einen so guten Eindruck auf ihn, daß er uns einlud, seine Gäste zu sein und bei ihm zu wohnen, was wir natürlich annahmen. Er ließ alle seine »Offiziere« kommen, deren er auf seine hundert Mann nicht weniger als zwanzig hatte. Man aß kaltes Fleisch und unterhielt sich über militärische Fragen, doch in einer Weise, daß wir Mühe hatte, ernst zu bleiben. Das Wohlwollen der


34 Hauptmann.
35 Oberst und Major
36 Feldmarschall

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»Herren Kameraden« wuchs von Viertelstunde zu Viertelstunde, und jeder von ihnen versprach uns, beim Pferdeeinkaufe nach Kräften behülflich sein zu wollen. Wir mußten viel vom Khedive erzählen, auch von der Khediva Emineh, welche die schönste Frau von Egypten sei, doch lange nicht so schön wie die Warda (37) von Kaïrwan. Als ich fragte, wer diese Warda sei, antwortete mir ein jüngerer Mulazim (38) ganz begeistert:

»Sie ist erst vor Kurzem aus Fezzan hier angekommen, eine Jüdin, die das Weib eines Tedetu werden soll, der sei zum Islam bekehrten läßt, weil sie sonst sterben müßte. Sie geht nach der Art der dortigen Frauen nicht verschleiert, und Jedermann kann die Wonne ihres Angesichtes trinken.«

In dieser Weise sprach er noch einige Zeit fort, und die Andern stimmten bei; sie waren ebenso begeistert wie er. Wir sahen einander heimlich an. Da hatten wir ja schon, was wir wollten! Ich sorgte durch kurze Fragen dafür, daß das Gespräch so lange bei diesem Thema blieb, bis wir Alles erfahren hatten. Rahel wohnte nicht etwa mit Tahaf zusammen, sondern bei dem Weibe eines Molla (39), der ihr Unterricht im Islam ertheilte. Tahaf kam nur zuweilen, um sich nach ihren Fortschritten zu erkundigen. Der Mulazim fügte lächelnd hinzu:

»Er hat sie nach der heiligen Stadt gebracht, um eine Mosleme aus ihr zu machen und sie dann als sein Weib wieder mitzunehmen; dies wird aber nicht geschehen. Sie ist unendlich schön und wird deshalb von Jedermann die Warda, die Rose von Kairwan, genannt. Wenn sie rechtgläubig ge-


37 Rose.
38 Lieutenant.
39 Priester, Lehrer

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worden ist, wird es hundert vornehme Männer hier geben, welche sie zu besitzen wünschen, und der häßliche Tedetu wird von ihr lassen müssen.«

Er ahnte nicht, daß der zukünftige Mann der Rose von Kairwan an meiner Seite saß.

Es war sehr spät, als die Versammlung auseinanderging; dann führte uns der »Feldmarschall« höchst persönlich nach dem Zimmer, wo wir wohnen und schlafen sollten. Das ganze Meublement bestand aus einem in der Mitte liegenden Teppich und mehreren Kissen rund an den Wänden. Es läßt sich denken, wie befriedigt wir uns niederlegten. Von der großen Gefahr, in welche wir uns begeben hatten, war bis jetzt noch nicht zu spüren gewesen. Wenn es nicht schlimmer wurde, konnten wir zufrieden sein!

Am frühen Morgen führte uns der Mudir nach der großen Moschee. Dieses große Heiligthum war natürlich diejenige Sehenswürdigkeit, die wir zuerst aufsuchen mußten. Er führte uns überall herum und zeigte und erklärte uns Alles. Hätte er geahnt, daß wir Christen waren!

Die sehr hohe und mit Thürmen versehene Außenmauer ist geschmacklos und läßt den Glanz nicht vermuthen, den sie umschließt. Die Moschee ist ein Meisterstück der arabischen Baukunst mit über dreihundert Granit-, Porphyr- und Marmorsäulen; sie hat zwanzig Thüren und gegen hundert Kapellen; ihre Länge mag hundertfünfzig und ihre Breite hundertzwanzig Meter betragen. Leider konnten wir die Schönheit dieses Bauwerkes nicht genießen, denn es waren viele Menschen da, und wir befanden uns in immerwährender Sorge, daß ein Tedetu unter ihnen sein und uns verrathen könne. Glücklicher


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Weise war dies nicht der Fall. Auf dem kurzen Nachhauseweg kamen wir an einem offenen Thore vorüber; der Mudir deutete hinein und sagte zu unserer freudigen Ueberraschung:

»Da wohnt der Molla, bei dem sich die Rose von Kairwan befindet.«

»Wie heißt dieser fromme Mann?« erkundigte ich mich in möglichst gleichgültigem Tone.

»Sein Ehrenname ist Abu Dijana (40). Möchtest Du ihn wohl kennen lernen?«

»Es würde meine Seele freuen, einen Allah so wohlgefälligen Gläubigen zu sehen.«

»Er ist mein Freund. Kommt mit herein! Es wird ihm wohlthun, zwei so fromme Offiziere aus Misr (41) bei sich zu haben.«

Wir hatten großes, wirklich großes Glück. Wir trafen den Molla daheim; er war ein sehr ehrwürdiger Mann, mit dem wir wohl eine halbe Stunde sprachen. Von Rahel aber war nichts zu sehen und nichts zu hören. Wir durften von der Gunst des Glückes nicht zuviel verlangen.

Wieder daheim angekommen, nahm der Mudir uns mit in seine Wohnung, wo er beim wohlriechenden Tabaksrauche fragte, was wir in Beziehung auf unsere geschäftlichen Absichten zunächst zu thun gedächten. Er war selbstverständlich der Meinung, daß wir die Pferdekäufe im Auftrage des Khedive auszuführen hatten. Ich antwortete:

»Wenn ich mich nicht irre, weiden in der Gegend


40 Vater der Frömmigkeit.
41 Egypten.

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von Kairwan die Heerden von zwei Stämmen, nämlich der Uëlad Krofila und der Uëlad Selass. Ist es so?«

»Ja, so ist es.«

»Welcher Stamm hat bessere Pferde?«

»Sie sind einander gleich; aber die Uëlad Selass sind uns näher, und ihr Scheik ist mir verpflichtet. Er würde Euch sehr wohl bewaaren. Wenn es Euch recht ist, reite ich sehr gern mit Euch hinaus.«

»Du würdest unsern Dank dadurch erhöhen.«

»Gut! Wann paßt es Euch?«

»Sobald es Dir gefällig ist.«

»So wollen wir es thun, wenn wir zu Mittag gegessen und geschlafen haben.«

Dieser Mann war wirklich höchst gefällig, und es that mir im Stillen leid, daß wir gezwungen waren, ihn zu täuschen. Als wir dann wieder in unserm eigenen Zimmer befanden, sprach Forster denselben Gedanken aus und fuhr dann fort:

»Wir können mit unsern bisherigen Erfolgen sehr zufrieden sein. Wir wissen, wo Rahel sich befindet. Wie aber kommen wir zu ihr, und wie bringen wir sie heraus?«

»Nichts leichter als da.«

»So? Also wie denn?«

»Davon später. Erst müssen wir Pferde haben.«

»Die haben wir doch!«

»Die jetzigen taugen nichts.«

»Bis Susa halten sie schon aus.«

»Bis Susa? Dahin kehren wir nicht zurück.«

»Nicht? Warum?«

»Weil wir da verloren wären.«

»Wieso?«


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»Wir werden natürlich verfolgt. Können wir uns in Susa schnell genug auf ein Schiff retten?«

»Nein; das ist wahr! Es müßte ganz zufälliger Weise gerade eines da sein.«

»Auch dann ist das Wagniß zu groß, denn wenn die Bemannung muhammedanisch ist, so liefert sie uns aus. Wir können nur auf dem Landwege fliehen, und zwar nach Sfax hinunter.«

»Da sind allerdings sehr gute Pferde nöthig.«

»Die wir heut bei den Uëlad Selass kaufen.«

»Schon heut?«

»Ja und drei Sättels dazu.«

»Wir haben schon zwei.«

»Das ist so gut wie keiner. Wenn wir die "Rose" aus Kairwan entführen, so haben wir höchst wahrscheinlich keine Zeit, den Sattel von dem einen Pferde zu nehmen und ihn auf das andere zu schnallen; es ist vielmehr anzunehmen, daß wir um unser Leben reiten müssen. Es muß da Alles klappen und vorbereitet sein. Auch einen Anzug müssen wir haben.«

»Für wen? Für Rahel wohl?«

»Natürlich! Kann sie mit uns in Frauenkleidern durch die Stadt gehen oder reiten?«

»Nein. Ich werde diesen Anzug sogleich besorgen; ich gehe nach dem Bazar der Kleiderhändler.«

»Wissen Sie, wo er ist?«

»Ich werde danach fragen.«

»Aber nehmen Sie sich in Acht, damit Ihnen keiner von den Tibbu in den Weg kommt!«

Er führte auch das glücklich aus, denn er brachte schon nach kurzer Zeit einen vollständigen Anzug, welcher


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seiner »Rose« gewiß paßte; sie mußte in demselben wie ein hübscher vierzehnjähriger Knabe aussehen.

Nach dem Essen wurde eine kurze Mittagsruhe gehalten und dann ritten wir nach dem Lager der Uëlad Selass hinaus. Es begleiteten uns außer dem »Feldmarschall« noch mehrere Offiziere. Wir wurden gut aufgenommen und kauften drei windschnelle Pferde nebst vollständigem Sattelzeug, nahmen aber nichts mit nach der Stadt; die Thiere blieben draußen auf der Weide, und es wurde ausgemacht, daß wir sie abholen könnten, sobald wir sie brauchten.

Die »Herren Offiziere« waren außerordentlich kurzsichtig. Sie hätten sich doch fragen müssen, warum und wozu wir die drei Sättels brauchten; daß sie das nicht thaten, ließ auf keinen großen Scharfsinn schließen. Aber ihre Klugheit sollte überhaupt auf keine lange Probe gestellt werden, denn die Entscheidung lag uns viel, viel näher, als wir Beide dachten. Wir machten, als wir am Abende wieder allein beisammen saßen, verschiedene Pläne und wogen sie gegeneinander ab. Das war aber gar nicht nöthig, denn die Frucht fiel ohne unser Zuthun ganz von selbst vom Baume.

Wir wurden nämlich am nächsten Morgen von dem »Marschall« aufgefordert, mit ihm wieder die Moschee zu besuchen. Wir thaten dies nicht gern, durften uns aber nicht weigern. In einem der Säulengänge trafen wir den Molla, welcher sich über diese Begegnung freute, uns die hervorragendsten Kapellen zeigte und uns dann einlud, ihn nach seiner Wohnung zu begleiten. Er hatte gestern bemerkt, daß ich in der muhammedanischen Literatur bewandert war, und wollte mir die selbstgefertigte


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Abschrift eines religiösen Werkes zeigen. Selbst wenn es möglich gewesen wäre, abzulehnen, hätten wir dies nicht gethan, weil wir hofften, etwas über Rahel, die »Warda von Kairwan«, zu erfahren. Wir gingen also mit.

Da saßen wir Vier beisammen, der Molla, der Mudir, Forster und ich, und sprachen über das Buch; plötzlich ging die Thür auf, und wir sahen - - - Rahel, welche aus irgend einem Grunde bei dem Ersteren eintreten wollte. Sie war zu jung und unerfahren, als daß sie sich hätte beherrschen und verstellen können, und ich sagte mir sofort, daß die Entscheidung gekommen sei.

Ich sprang auf, Forster ebenso. Rahel stand einige Augenblicke wie versteinert; dann schrie sie im hellen Entzücken auf:

»Mein Geliebter, mein Geliebter! Hamdulillah, ich bin gerettet! Ich bin erlöst! Du bist gekommen, wie ich dachte, und hast mich gefunden!«

Sie flog auf ihn zu und lag im nächsten Augenblicke an seiner Brust.

Die beiden Muhammedaner sprangen jetzt auch auf.

»Maschallah, sie kennen sich! Was ist das? Sie ist eine Jüdin und liegt in den Armen des Moslem!« rief der »Feldmarschall.«

»Sie, die Verlobte des Tedetu!« fügte der Molla erstaunt hinzu. »Das ist Sünde; das darf nicht gelitten werden!«

Er wollte die Beiden auseinanderreißen. Da stieß ihn das Mädchen, kräftig wie ein Mann, von sich und rief:

»Fort, Du Peiniger! Du wurdest erkauft, mich zu martern, und ich konnte mich nicht wehren; nun aber sind meine Beschützer, meine Freunde da, diese beiden Christen, welche mich befreien werden und - - - «


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»Christen - - - Christen - - - !« schrieen der Molla und der Kommandant wie mit einer Stimme.

Sie starrten uns an; dann packte mich der Letztere beim Arme und fragte mich:

»Sie nennt Dich einen Christen! Soll ich das glauben? Ist das wahr? Sage es bei Deiner Seligkeit, ob es wahr ist oder nicht?«

»Ja, wir sind Christen,« antwortete ich. Es fiel mir nicht ein, jetzt zu leugnen.

»Christen, Christen, Giaurs, räudige Hunde in der heiligen Stadt Kairwan! Sie sind mit in der Moschee gewesen und haben sie geschändet! Sie sollen zerrissen werden, wie man faules Fleisch zerreißt! Ich will - «

Er eilte nach der Thür, welche noch offen stand, und der Molla folgte ihm. Sie wollten hinausrufen; aber ich war noch schneller als sie, riß sie zurück und machte die Thür zu.

»Giaur!« donnerte mich der »Marschall« an, und »Giaur!« schrie auch der Molla.

Ich antwortete mit der Faust. Zwei Jagdhiebe an ihre Köpfe, und sie stürzten betäubt zu Boden.

»Schnell fort, fort, fort!« sagte Forster, indem er die »Rose« bei der Hand ergriff, um sie forzuziehen.

»Halt!« warnte ich. »Keine Uebereilung, sonst sind wir verloren! Rahel, kennst Du die Straßen der Stadt?«

»Fast alle,« antwortete sie mit vor Aufregung fliegendem Athem.

»Auch das südliche Thor, welches nach den Weidegründen der Uëlad Selass führt?«

»Ich kenne es.«


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»Geh' schnell zu diesem Thore und dann weiter fort, doch langsam, damit Du kein Aufsehen erregest!«

»Warum - - ich - - ich - - « stotterte sie.

»Fort, fort! Wir dürfen keinen Augenblick verlieren, sonst giebt's kein Gelingen!«

Forster wollte eine Einwendung machen; aber ich schob das Mädchen hinaus und hielt ihn zurück. Es gab keine Riemen oder Stricke da; darum riß ich schnell den Turban des Molla in Stücke und band und knebelte ihn und den Commandanten damit. Dann eilten wir fort, nach dem Hause des Letzteren. Ich forderte Forster auf, Alles, was uns gehörte, aus unserm Zimmer zu holen, und ging nach der hinteren Ecke des Hofes, wo unsere Pferde ein Unterkommen gefunden hatten; das Riemenzeug lag dabei, und ich machte mich an's Satteln. Soldaten sahen es und kamen herbei, einige Offiziere auch. Diese fragten mich, wohin ich so schnell wolle; ich gab ihnen ausweichende Antworten. Da kam Forster; er hatte Alles in den Händen. Ich nahm meine beiden Gewehre und stieg auf's Pferd; er folgte diesem Beispiel; wir ritten fort! Jetzt mochten die Militärs ahnen, daß mit uns nicht Alles in Ordnung sei. Laute Rufe erschallten hinter uns; wir achteten nicht darauf und ritten zum Thore hinaus, im Schritte; draußen aber begannen wir, zu traben.

Wir kannten den Weg nach dem Südthore. Als wir die vierte und fünfte Gasse erreichten, sahen wir einen Menschenknäuel in derselben. Er kam uns entgegen. Forster stieß einen Schreckensruf aus und deutete darauf hin. Ich sah Tahaf, welcher Rahel unterwegs getroffen und zum Umkehren gezwungen hatte; es waren


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noch zwei Tibbu bei ihm. Rahel wehrte sich; das hatte den Auflauf erregt.

»Jagen Sie mitten durch die Menge und dann zum Thore hinaus!« forderte ich Forster auf.

»Aber Rahel - - meine Geliebte!« antwortete er.

»Die bringe ich nach!«

»Die Tibbu halten sie fest!«

»Unsinn! Ich bin Old Shatterhand, wissen Sie! Gehorchen Sie! Vorwärts, schnell!«

Diese Worte wirkten; er jagte in den Menschenhaufen hinein und ritt mehrere Personen nieder. Tahaf erkannte ihn.

»Ein Christ, ein Christ!« brüllte er, indem er vor Ueberraschung Rahel losließ.

Das benutzte ich und trieb mein Pferd zwischen ihn und sie. Da sah er auch mich und schrie:

»Zwei Christen, zwei Christen! Haltet sie! Tödtet sie!«

Seine Tibbu stimmten ein. Ich bückte mich vom Pferde, faßte Rahel mit der rechten Hand, schwang sie zu mir herauf und jagte fort. Hinter mir ertönte ein wüthendes Geheul, welches mir nun vollständig gleichgültig war. Mein Pferd flog die Straße hinab, durch die folgende auch und dann zum Thore hinaus. Dort ereilte ich Forster.

»Gott sei Dank; Sie haben sie!« rief dieser.

»Keine Worte jetzt,« antwortete ich. »So schnell wie möglich zu den Uëlad Selass!«

Nach fünf Minuten war die Stadt hinter uns verschwunden. Eine Viertelstunde später sahen wir von Weitem, rechts von uns, die erste Hammelheerde der Selass. Ich ließ Rahel vom Pferde und gebot ihr:


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»Geh' weiter jetzt, immer gerade aus! In kurzer Zeit sind wir wieder bei Dir!«

Sie gehorchte und wir jagten nach dem Lager der Selass, um unsere Pferde zu verlangen. Sie weigerten sich nicht, sie uns zu geben, obgleich sie sich über unsere große Eile wunderten. Sie halfen uns sogar beim Satteln und erstaunten nicht wenig, als wir ihnen unsere alten Pferde schenkten, ehe wir auf den neuen fortritten.

Eine Viertelstunde, nachdem wir uns von der »Rose von Kairwan« getrennt hatten, waren wir wieder bei ihr; wir halfen ihr auf das dritte Pferd und jagten weiter, gerade noch zur rechten Zeit, denn wir sahen im Norden von uns eine Wolke von Reitern erscheinen. Erst zu Mittag hielten wir bei einem Gebüsch an, wo wir uns so viel Zeit nahmen, daß Rahel den Knabenanzug anlegen konnte. Wir waren geretten. Das Glück der »Rose« und ihres Geliebten »aus dem Bilad Amirika« brauch' ich nicht zu beschreiben. -

Wir erreichten wohlbehalten Sfax, wo wir so glücklich waren, einen Dampfer der Societa Rubattino vorzufinden, der uns mit nach Tripolis nahm. Unterwegs erzählten wir Rahel von dem Tode Manasse Ben Aharabs und daß dieser nicht ihr Vater gewesen war. Sie weinte sehr, tröstete sich aber mit dem Glücke, nun von dem Geliebten nicht wieder getrennt zu werden. Von den Tibbu war sie unterwegs zwar als Gefangene, aber sonst ganz erträglich behandelt worden. Wie freute sie sich, als mit einer Karawane ihre treue Rebekka aus Mursuk in Tripolis ankam! Das hatte Forster so veranstaltet. Die gute Seele ging mit dem jungen Paare gern hinüber nach dem »Bilad Amirika.«


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Und das Amulet?

»Warda«, die Rose, hatte es, so weit sie zurückdenken konnte, stets an einem Kettchen am Halse hängen gehabt. Es war ein rundum zugenähtes, kleines Lederetui. Als sie es aufschnitt, kam ein Madaillon zum Vorschein, welches einen schönen, charactervollen Männerkopf in Miniaturmalerei enthielt. Wir konnten die kleine Platte herausnehmen; auf der Rückseite derselben las ich zu meiner Ueberraschung

»Robert Surcouf, Paris 1804.«

War dieser der »berühmte Kapitän«, von welchem der sterbende Matrose gesprochen hatte? Und wenn, in welcher Weise durfte sich dann Rahel seine Enkelin nennen? Es gab da eine ganze Reihe von Fragen, von denen keine mit Sicherheit zu beantworten war, denn es sind alle Nachforschungen vergeblich gewesen. Ueber eine Frage aber herrscht die vollständigste Klarheit, nämlich über die, ob die »Rose von Kairwan« glücklich geworden ist. Die Antwort besteht in einem Ja, gegen welches kein Zweifel erhoben werden kann.- - -

(Schluß der dritten Abtheilung.)


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