II.

Nach einiger Zeit sahen wir am Horizonte erst die Kronen und dann die schlanken, hohen Schäfte von Dattelpalmen auftauchen; die bisher ganz ebene Gegend war hügelig geworden, freilich, was man dort Hügel zu nennen pflegt, und mehrere Zeltreihen standen im Schatten dieser Palmen oder zogen sich an den Hügeln hin. Es gab sogar eine bescheidene Anzahl von Erdhütten, welche wohl das eigentliche Dorf bildeten. Sie lagen am Rande des jetzt wasserleeren, ganz trockenen Wadi, dessen Grund und Wände aber an vielen Stellen so zerwühlt und zerrissen waren, daß ich annahm, es müsse zu gewissen Zeiten nicht nur Wasser, sondern sogar Hochfluth in demselben geben.

Als wir vielleicht noch tausend Männerschritte von dem Dorfe entfernt waren, trieb der Tetedu sein Hedschihn plötzlich mit dem Lenkstabe in der Weise an, daß es im schnellsten Gange vorwärtsschoß.

»Effendi, der hat etwas vor!« meinte Ali. »Wollen wir ihm nicht rasch nach?«

»Nein,« antworte ich, indem ich im bisherigen Schritte weiterritt.

»Aber das, was er beabsichtigt, kann nichts Gutes


//262//

sein! Er gefällt mir nicht. Du weißt, Allah hat mich mit großer Menschenkenntniß ausgestattet, und ich habe diesem Tahaf in die verborgensten Tiefen seines Herzens geblickt; es sieht ganz schwarz da unten aus, und er hat das Gesicht eines Abu Hossein (Fuchses), welcher beißen will. Warum bleibt er nicht bei uns? Warum reitet er fort? Jedenfalls nicht, um unsern wohlverdienten Ruhm zu verkünden und die uns gebührende Ehrerbietung für uns zu verlangen. Ich ersuche Dich also dringend, unsere Kameele ihre Beine auch schneller schleudern zu lassen!«

»Das würde weder Zweck noch Erfolg haben.«

»O wehe, Effendi, wie schwer fällt es Dir doch, nachzudenken! Wo man einen Zweck hat, da giebt es auch einen Erfolg, und wo ein Erfolg da ist, da hat es stets auch einen Zweck vorher gegeben.«

»Hier kann weder von dem einen noch von dem andern die Rede sein. Der Tedetu meint es entweder schlecht mit uns oder nicht; reiten wir ihm nach, so erreichen wir doch nichts weiter, als daß wir in ersterem Falle seine bösen Absichten doch nicht verhindern können und in letzterem Falle uns blamiren und ihn beleidigen.«

Jetzt hatte Tahaf das Dorf erreicht. Wir sahen, daß er auf die Bewohner desselben, die in den Zeltgassen standen, einsprach. Einige von ihnen entfernten sich; sie hatten jedenfalls Aufträge von ihm erhalten; er aber wendete sein Hedschihn um, kam uns entgegen und meldete mir, als er uns erreicht hatte:

»Ich bin vorangeeilt, um Dein Nahen zu verkündigen. Der ganze Duar (Zeltdorf) ist voller Freude, einen Gast von Deiner Wichtigkeit begrüßen zu dürfen.«

»Ich danke Dir,« antwortete ich kühl. »Ich erbitte


//263//

mir nichts, als die Erlaubniß, mir Wasser schöpfen und mich am Rande des Brunnens ausruhen zu dürfen. Ist dies geschehen, so werden wir weiter reiten.«

»Effendi, sind Dir die Gesetze der Wüste unbekannt? Weißt Du nicht, daß es eine todeswürdige Beleidigung ist, eine gastfreundliche Einladung zurückzuweisen.«

»Ich bin nicht eingeladen worden.«

»So thue ich es jetzt. Du sollst der Gast sein; ich bitte Dich darum!«

»Wessen Gast?«

»Derjenige des ganzen Duars.«

Das klang so schön, kam mir aber, der ich Erfahrung hatte, verdächtig vor. Der Gast des ganzen Dorfes? Damit war gar nichts gesagt; das durfte mir nicht genügen. Dann konnte, wenn ich der Hülfe bedurfte, mich Einer an den Andern weisen, und Keiner brauchte sich meiner wirklich anzunehmen. Ganz anders aber dann, wenn ich der Gast eines bestimmten Mannes war; dieser durfte mich nicht verleugnen, sondern er mußte sich auf alle Fälle und unter allen Umständen meiner annehmen. Dennoch that ich, als ob ich erfreut über das Anerbieten des Tedetu sei. Ich wollte nicht schon im Augenblicke meiner Ankunft ausgesprochenes Mißtrauen zeigen; es war jedenfalls später auch noch Zeit dazu. Es konnte mir nur zum Vortheile gereichen, wenn ich für unbefangener gehalten wurde, als ich war.

Bekommen Wüstenbewohner den Besuch von Freunden und Bekannten, so geht es, der Sitte gemäß, bei dem Willkommen sehr laut her. Man reitet ihnen entgegen und feuert Freudenschüsse ab. Das ist das sogenannte La'b el Barut oder Schießpulverspiel. Kommen aber


//264//

Fremde, so verhält man sich ruhig, um sie nicht etwa zu erschrecken, da sie, die Unbekannten, das Schießen ernst und für ein feindseliges Verhalten nehmen könnten. Darum knallte keines der Gewehre, und es ertönte keine laute Stimme, als wir in das Lager einritten; aber alle Zelte und Hügel hatten sich geleert und die Bewohner derselben, alt und jung, Männer und Frauen, Jünglinge, Mädchen und Kinder, drängten sich herbei, uns zu betrachten. In keinem Gesichte war ein feindlicher Zug zu bemerken; aber ich sah auch keine Spur der Freude, von welcher der Tedetu gesprochen hatte.

Dieser leitete uns nach der äußersten Zeltreihe, aus welchem Grunde, das erkannte ich erst später. Die Männer, welche wir da erblickten, hatten ein ernstes, wortkarges Aussehen und waren, obgleich sie sich daheim und in Frieden befanden, bis an die Zähne bewaffnet. Die Frauen trugen keine Schleier; die Beduinin liebt es nicht, ihr Gesicht zu verhüllen; ihre Gesichter sahen welk und verlebt aus, denn das Weib der Wüste hat alle Arbeit allein auf dem Nacken und altert darum schnell. Aber unter den jungen Mädchen gab es einige, welche man mit Wohlgefallen betrachten konnte. Ihr Haar war mit bunten Bändern und Perlenschnüren in lange, hinten herabhängende Zöpfe geflochten; in ihren Ohren trugen sie schwere Ringe, an den Handgelenken mancherlei Spangen und über den Knöcheln kupferne Ringe, welche man sah, weil die Röcke oder Schalwars (Frauenhosen) nur dorthin reichten und die Füße unbekleidet waren. Schön, zierlich waren diese nackten Füße freilich nicht, sondern breit ausgetreten, und an mancher Zehe sah ich die mehr als deutlichen Spuren der Verwüstung, welche der böse Wüstenfloh anrichtet.


//265//

Er gräbt sich unter die Fußnägel und läßt dort seine Brut zurück, welche bei der dadurch entstehenden, ebenso häßlichen wie schmerzhaften Zehengeschwulst nur dadurch entfernt werden kann, daß man sie mit dem Messer herausgräbt.

Ich war von meinen früheren Reise her gewöhnt, ein freundliches »Marhaba« (Willkommen) zu hören, doch fand sich hier kein Mund, der dieses Wort ausspach. Und doch sollte ich der Gast des ganzen Dorfes sein! Da hätten sie doch eigentlich alle »Marhaba« rufen müssen!

Als der Tedetu sein Hedschihn niederknieen ließ, um aus dem Sattel zu steigen, that Ali dasselbe, und auch ich sprang von dem meinigen herab. Der Erstere ertheilte einen Befehl, den ich nicht verstand, weil er sich dabei der Tibbusprache und nicht des Arabischen bediente; aber ich sah sogleich, was er geboten hatte, denn es traten einige Männer herbei, um sich unserer Kameele zu bemächtigen. Ich wehrte ab und fragte:

»Was wollen sie mit den Thieren?«

»Zur Tränke schaffen,« antwortete Tahaf.

»Das pflege ich stets selbst zu thun.«

»Du selbst?« fragte er verwundert. »Das ist doch nicht Deiner hohen Würde gemäß!«

»Es entspricht der Würde Jedermanns, nicht nur gegen die Menschen gütig zu sein, sondern auch das Thier, welches ihm gehört, mit Aufmerksamkeit zu erfreuen.«

»Aber er braucht trotzdem nicht selbst die Arbeit eines Knechtes zu verrichten!«

»Soll ich Deine freien Krieger für Knechte erklären, indem ich ihnen diese Arbeit auftrage? Das sei ferne


//266//

von mir! Wo ist der Brunnen? Wir werden unsere Thiere selbst hinführen!«

Er zog die Brauen finster zusammen, drehte sich zu seinen Leute um und warf ihnen einige Tibbuworte zu. Dies benutzte ich, dem neben mir stehenden Ali rasch zuzuflüstern:

»Thu ganz genau das, was ich thue!«

Er nickte und nahm seine lange Flinte in die Rechte, so wie ich meinen schweren Bärentödter hatte. Den Henrystutzen trug ich am Riemen über dem Rücken. Mein Verdacht hatte sich zur Gewißheit gesteigert. Die Zeltreihe, an deren Eingang wir standen, schien von Personen bewohnt zu sein, welche ausgesprochene Tibbugesichter hatten, und sich dadurch von den meisten andern Dorfbewohnern unterschieden. Das waren wilde und, wie es schien, gewaltthätige Kerls, denen ich nicht weniger als Alles zutrauen konnte. Es fiel mir auf, daß die Insassen der übrigen Zelte zwar beobachtend nahe standen, aber doch nicht ganz herankamen. Es war, als ob diese äußere Zeltreihe gar nicht zum eigentlichen Dorfe gehöre. War der Tedetu etwa ein Fremder hier? Er wendete sich, kaum daß ich meinem Diener die wenigen Worte zugeraunt hatte, wieder nach mir um und sagte in einem keineswegs freundlichen Tone:

»Wir können unmöglich dulden, daß Du so niedrige Dienste verrichtest. Dein Diener mag sein Kameel tränken; er mag gehen; Du aber wirst das Deinige uns überlassen, denn Du bist unser Gast, der Gast des ganzen Duars.«

Ah, Ali sollte gehen; man wollte uns von einander trennen! Darum antwortete ich:


//267/

»Ali el Hakemi bleibt bei mir! Und der Gast eines ganzen Dorfes soll ich sein? Bin ich ein so gefräßiger Kuku Kuschu (Kuckuck), den fünfzig andere Vögel füttern müssen? Ich will der Gast eines einzigen Mannes sein, und den werde ich mir selbst auswählen. Wo ist der Scheik el Beled, der Aelteste des Duar?«

»Willst Du bei ihm einkehren?«

»Ja. Wo befindet er sich?«

»Hier.«

»Wo hier?«

»Da, wo ich stehe. Ich bin es selbst, und Du sollst bei mir wohnen. Komm also mit!«

»Du?« fragte ich im Tone des Unglaubens, denn ich hatte ihn bereits vorhin für einen Fremden gehalten, und als er sich jetzt, und zwar nicht mit leiser, sondern lauter, erregter Stimme, die jenseits der Zeltreihe gehört werden konnte, für den Scheik ausgab, bemerkte ich, daß dort Viele ihre Augen auf einen alten, ehrwürdig aussehenden Mann richteten, welcher selbst verwundert oder gar mißbilligend dreinschaute. Ich nahm sofort an, daß dieser Greis der Scheik sei; daher mein fragendes »Du?«

»Ja, ich!« versicherte der Tedetu mit Nachdruck. »Also komm!«

Er ergriff mich am linken Arme, um mich mit sich fortzuziehen. Ich aber blieb fest stehen und sagte:

»Erlaube zunächst, mich erst einmal da drüben zu erkundigen!«

Ich deutete bei diesen Worten zu dem Greise hinüber; da aber gab er seinen Leuten einen sehr entschiedenen Wink und rief zornig aus:

»Willst Du mich beleidigen, indem Du meiner Ver-


//268//

sicherung keinen Glauben schenkst! Ich bin der Scheik, also vorwärts mit Dir!«

Er faßte mich wieder an, um mich nun mit Gewalt fortzuziehen und zugleich wurde ich mit Ali von den Tibbu umringt, welche uns vorwärts drängten; es waren wohl an die zwanzig Mann. Das konnte ich mir denn doch nicht gefallen lassen, wenn es nicht um uns geschehen sein sollte. Darum forderte ich in drohendem Tone:

»Laßt ab, und gebt uns frei, sonst schaffen wir uns Bahn!«

Die Kerls lachten mich laut aus und schoben weiter, und der Tedetu antwortete, ebenso höhnisch lachend:

»Komm nur, Knabe! Deine Bahn schreibe ich Dir vor!«

Da faßte ich den Bärentödter mit beiden Fäusten, legte ihn mir trotz des dichten Gedränges vorn quer über den Leib, daß er links und rechts hervorragte, und drehte mich mit einer raschen, kräftigen Bewegung um. Dadurch wurden der Tedetu und einige Andere von dem Kolben und dem Laufe der Büchse gefaßt und fortgeschleudert. Ich bekam Luft und benutzte dies sofort, das Gewehr um den Kopf zu wirbeln und zu rufen:

»Schreib einmal vor, Betrüger! Ob ich Dir folgen werde!«

»Lakkadam, lakkadam - vorwärts, vorwärts, drauf!« brüllte er wüthend. »Entreißt ihm das Gewehr!«

Sie wollten ihm gehorchen, bekamen aber solche Kolbenhiebe, daß sie noch weiter zurückwichen als vorher. Nun war ich gewiß, mir eine Gasse bahnen zu können, und rief meinem Ali zu:


//269//

»Komm, rasch, eng hinter mir her!«

Der Tedetu war der Anstifter dieses harten Tanzes, folglich mußte ihn der Taktstock treffen. Ich fällte den Kolben und stieß ihm denselben in die Seite, daß er lautlos zusammenbrach; die hinter ihm Stehenden wichen zurück; noch drei, vier tüchtige Stöße und Hiebe, der Weg aus dem Menschenknäuel öffnete sich, und ich sprang, von Ali gefolgt, fort, zwischen den zwei nächsten Zelten hindurch und zu dem alten Manne hinüber, den ich für den Dorfältesten hielt. Das Volk, welches bei ihm stand, hatte sprachlos vor Erstaunen zugesehen und wich jetzt schnell zurück, aus Angst, auch Hiebe zu bekommen. Ich hielt bei ihm an und fragte ihn:

»Inte el Scheik - bist Du der Scheik?«

»Aiba, Sihdim - ja, mein Herr,« antwortete er.

»Jalla, dakilah ya Scheik, - wohlan, ich bin der Beschützte, o Scheik!«

»Dakilah bardi ya Scheik - auch ich bin der Beschützte, o Scheik!« rief auch Ali, ihn bei der linken Hand nehmend, während ich seine Rechte ergriffen hatte.

Der Alte war ganz erstaunt, anstatt Hiebe zu bekommen, um Schutz angerufen zu werden, faßte sich aber schnell, zog seine Hände aus den unserigen, legte die eine mir und die andere Ali auf den Kopf und erklärte mit lauter Stimme:

»Ahdahn meftihn, ya ridschal; haida dachli, haida dachli - macht die Ohren auf, Ihr Männer; dieser ist mein Schützling, und dieser ist mein Schützling!«

Die Tibbu waren uns heulend und fluchten nachgesprungen, um sich unser auf alle Fälle, selbst unter Aufbietung äußerster Gewalt, zu bemächtigen; aber als


//270//

sie diese Worte hörten, blieben sie stehen und thaten keinen weiteren Schritt vorwärts, denn das Wort Dakilah ist selbst dem rohesten Wüstenbewohner ein heiliges Wort, dessen Bedeutung er kennt und unbedingt achtet. Es öffnet den Bedrängten selbst in der größten Todesnoth und mitten unter Feinden einen Rettungsweg. Wer sich im Kampfe mit einer überlegenen Zahl von Gegnern befindet, ruft einem derselben, womöglich dem ältesten, das Wort Dakilah = ich bin der Beschützte, zu, und sofort wird dieser sich seiner annehmen und ihn gewiß mit dem größten Nachdrucke gegen Jedermann, selbst gegen die eigenen Freunde und Verwandten in Schutz nehmen. Der Beduine nimmt sich selbst seines Todfeindes für den Augenblick an, wenn dieser ihm dies Zauberwort zuruft und, was dabei freilich die Hauptsache ist, sich mit seinem Körper in Berührung setzt. Ich und Ali hatten die Hände des Scheiks ergriffen, sonst hätte die Anrufung uns nichts genützt.

Dieser heilig gehaltene Brauch ist bei den ewigen Fehden jener Völker von einer großen, die Härten mildernden Bedeutung. Selbst die Blutrache muß augenblicklich schweigen, wenn das Opfer, bevor es von dem siegreichen Rächer den Todesstoß erhält, diesem das Wort Dakilah zuruft und es ihm dabei gelingt, ihn zu berühren. Freilich wird der Ueberlegene sich alle Mühe geben, diese Berührung unmöglich zu machen, aber es genügt das kürzeste und geringste Anhaften irgend welchen Körpertheiles. Wenn der um Schutz Flehende z. B. den, welcher ihn beschützen soll, nicht mit den Händen zu erreichen vermag, so braucht er nur den Versuch zu machen, ihn anzuspeien; gelingt ihm dies, so ist er gerettet, denn


//271//

der Speichel ist ein Theil des Körpers, und es hat also eine gegenseitige Berührung stattgefunden.

Also die Tibbu blieben stehen und wagten sich nicht weiter zu uns heran. Der Scheik rief ihnen gebieterisch zu:

»Weicht zurück! So lange diese beiden Männer sich im Bereiche unsers Duars befinden, dürft Ihr sie nicht antasten, denn Ihr seid unsere Gäste, und sie sind es auch!«

Sie wendeten sich ab und entfernten sich, indem sie nach ihrer Zeltreihe gingen, wo ich ihren Anführer liegen sah, niedergeworfen von meinem Kolbenstoße; er war noch nicht wieder zu sich gekommen. Sie hoben ihn auf, um ihn nach seinem Zelte zu schaffen, wohl schwerlich unter menschenfreundlichen Wünschen für meine Person!

Jetzt wendete sich der Scheik wieder zu mir und Ali und erklärte uns:

»Diese Tibbu kamen heut in unser Duar, um Wasser zu nehmen und bei uns zu lagern. Sie sind Räuber, wie wir vermuthen, und gehen uns nichts an. Willst Du das glauben, Herr?«

»Ich glaube es,« antwortete ich.

»Wir sind Nachkommen der alten, berühmten Uëlad Sliman,« fuhr er fort. »Da wir keine Reichthümer besitzen, brauchen wir diese Räuber nicht zu fürchten; Du aber scheinst wohlhabend zu sein. Nimm Dich in Acht!«

»Auch ich bin nicht reich; ich trage keine Schätze bei mir, würde mich aber auf keinen Fall vor ihnen fürchten, wie Du wohl gesehen hast.«

»Ich habe es gesehen. Du hast klug, vorsichtig und kraftvoll gehandelt, sie Dir aber zu Todfeinden gemacht;


//272//

sie werden Dir nach dem Leben trachten und nicht eher ruhen, als bis sie es Dir genommen haben.«

»Sie werden es nicht bekommen!«

»Du sprichst sehr stolz. Doch, so lange Du Dich hier bei uns befindest, bist Du sicher. Ihr wollt also unsere Gäste sein?«

»Die Deinigen, ja.«

»So tretet in mein Zelt, und nehmt fürlieb mit meiner Armuth. Ihr seid die Beschützten, und wir werden Eure Kameele tränken und füttern, wenn Ihr sie uns anvertraut.«

»Dir überlassen wir sie gern, denn Dein Angesicht ist ein ehrliches, und was Dein Mund redet, das ist wahr.«

Er führte uns in sein Zelt, dessen Ausstattung allerdings nicht auf Reichthum schließen ließ. Wir bekamen zum Willkommen Wasser, mit Dattelsaft vermischt, und dann sahen wir, daß ein Hammel geschlachtet wurde, der am Spieße gebraten werden sollte.

Das Zelt bestand aus zwei Abtheilungen. In der einen saßen wir mit dem Scheik, und in der anderen hörten wir sein Weib hantiren. Sie war als »Müllerin« beschäftigt, indem sie Negerhirse zwischen zwei Steinen zu Mehl zerrieb. Noch war der Braten nicht fertig, da trat einer der Dorfbewohner herein und meldete:

»Es ist einer von den Tibbu draußen, der mit Dir sprechen will, o Scheik.«

»Er mag hereinkommen,« antwortete dieser.

»Das will er nicht.«

»Warum nicht?«

»Er hat mit Dir allein zu reden.«


//273//

»Worüber?«

»Über diese Deine Gäste.«

»So muß ich erst recht verlangen, daß er hereinkomme, denn sie haben das Recht, zu hören, was von ihnen gesprochen wird.«

»Und wenn er nicht kommt?«

»So mag er gehen.«

»Die Tibbu werden Dir darüber zürnen!«

»Mögen sie!«

»Und sich dafür rächen!«

»Das kann ich nicht ändern. Der Prophet und das Gesetz der Wüste gebieten, den Gast zu achten und zu beschützen. Dieses Gebot werde ich erfüllen, und sollte es mir das Leben kosten.«

Der Mann entfernte sich. Ich hatte mich in dem Scheik nicht getäuscht; er war ein braver, ehrlicher Beduine, auf den wir uns verlassen konnten. Wir hörten einen halblauten Wortwechsel draußen; dann kam der Tedetu herein. Er beehrte mich und Ali mit keinem Blicke und fuhr den Scheik in zornigem Tone an:

»Warum kamst Du nicht hinaus, wie ich Dir sagen ließ?«

»Weil ich der Oberste meines Lagers und der Herr und Besitzer dieses Zeltes bin und nichts Anderes thue als das, was mir beliebt. Ich ehre meine Gäste!«

»Auch wir sind Deine Gäste, die Du zu achten hast!«

»Wohnt Ihr in meinem Zelte? Habt Ihr vielleicht das "Dakilah" zu uns gesagt?«

»Das brauchen wir nicht. Wir sind freie Tibbu, die keinen Menschen um Etwas zu bitten brauchen. Wir


//274//

sind gewohnt, zu befehlen und daß man diesen Befehlen Gehorsam leistet.«

Er legte bei diesen Worten die Hand an den Griff seines Messers, und seine Miene wurde noch drohender als vorher. Ich sah, daß der Scheik sich eingeschüchtert fühlte; er sagte aber doch, seiner Würde gemäß:

»Befehlt, wo Ihr wollt, doch hier in meinem Duar nicht! Was hast Du mir mitzutheilen?«

»Tahaf, unser berühmter Anführer, sendet mich. Er verlangt die Auslieferung dieser beiden Giaurs.«

Bei diesen Worten zeigte er auf mich und Ali, doch ohne uns eines Blickes zu würdigen.

»Ich bin kein Giaur, sondern ein gläubiger Anhänger des Propheten!« fuhr Ali auf, doch dem Tedetu beliebte es, diesen Worten nicht die geringste Beachtung zu schenken.

»Willst Du mein Gesicht schamroth machen?« fragte der Scheik. »Welches Gesetz erlaubt, einen Gast auszuliefern?«

»Es giebt kein Gesetz, welches einen Giaur beschützt!«

»Ich bin kein Giaur!« wiederholte Ali zornig.

Jetzt beachtete der Tedetu den Einwand doch: er warf dem Sprecher die verächtlichen Worte zu:

»Du hast zu schweigen! Wer einem Ungläubigen dient, der ist nicht nur ein Giaur, sondern sogar noch viel verächtlicher als ein solcher. Also, giebst Du sie heraus?«

Diese Frage war wieder an den Scheik gerichtet. Er antwortete in nicht ganz zu verbergender Verlegenheit:

»Das könnt Ihr nicht von mir verlangen!«


//275//

»Wir verlangen es aber! Diese räudigen Anhänger einer anderen Lehre sollen erfahren, daß - - -«

Er wurde unterbrochen. Ali, welcher, wie bereits bemerkt, kein feiger Bursche war, sprang auf und rief, indem er ihm in die Rede fiel:

»Schweig! Ich bin kein Anhänger einer falschen Lehre. Weißt Du, wer ich bin? Mein Name lautet Ali el Hakemi Ibn Abbas er-Rumi Ben Hafis Omar en-Nasafi Ibn Sadak el Batal. Wer mich beleidigt, den werde ich es - - -«

»Schweig Du, Giaur!« schnitt ihm nun seinerseits der Tedetu die Rede ab. »Ihr seid stinkende Hunde, die von den Hyänen und Geiern zerrissen werden müssen!«

Ich hatte bisher gethan, als ob mich die Unterredung oder vielmehr der Streit gar nichts angehe; nun aber mußte ich einschreiten, sonst war trotz des guten, ehrlichen Willens des Scheikes zu befürchten, daß er aus Angst vor den Tibbu nachgiebig werden könne. Ich stand also mit einer raschen Bewegung auf, stellte mich vor den Tedetu hin und sagte in warnendem und dabei festem Tone:

»Höre, Mann, wag nicht zu viel! Es ist mir zwar sonst sehr gleichgültig, was ein Mensch, wie Du bist, redet, aber Giaur und Hund, diese Worte kann ich nicht vertragen. Wiederholst Du nur noch einmal eins von diesen, so gebe ich Dir eine Ohrfeige, daß Du augenblicklich fühlen sollst, wer den rechten, wahren Glauben hat, Du oder ich!«

Was ich erwartet hatte, daß auf diese todeswürdige Beleidigung erfolgen werde, das geschah: er riß sein Messer aus der Hüftschnur und schrie mir wüthend zu:


//276//

»Du bist ein Hund, der Sohn eines Hundes und der Enkel eines Hundesohnes! Hier hast Du meine Klinge!«

Er holte zum Stoße aus. Mit einem von unten herauf geführten Hiebe schmetterte ich ihm das Messer aus der Hand, und als er sich schnell nach demselben bückte, schlug ich ihm meine Faust in das Genick, daß er zusammenbrach.

»Um Allahs willen, was hast Du da gethan!« rief voller Angst der Scheik, indem er nun auch von seinem Sitze auffuhr. »Die Tibbu werden es an Dir und uns blutig rächen!«

»Fürchte Dich nicht!« antwortete ich ruhig. »Sie werden Euch nichts thun, denn ich werde Euch beschützen.«

»Du - - - uns - - -?« fragte er erstaunt.

»Ja. Erst stand ich unter Deinem Schutze, und nun stehst Du unter dem meinigen. Glaubst Du etwa, ich habe mich aus Angst vor diesen Tibbu zu Euch gerettet? Das denke ja nicht! Ich bin gewöhnt, mich selbst zu beschützen, und nur deshalb Euer Gast geworden, um das Recht zu besitzen, Euch von diesen Hallunken zu befreien.«

»Du - - - uns - - -?« wiederholte er ganz in demselben ungläubigen und erstaunten Tone wie vorher.

»Ja, ich Euch!«

»Wie wäre das möglich! Du bist mit uns, und wir sind mit Dir verloren. Sie werden keine Gnade walten lassen!«


//277//

»Ich verlange keine Gnade von ihnen; sie aber werden froh sein, wenn sie die meinige erlangen.«

»Ja, so ist es; dieser mein Sihdi (Herr) hat Recht,« stimmte mir Ali bei. »Er fürchtet sich vor keinem Menschen und vor keinem Thiere; er hat den Löwen geschossen und den schwarzen Panther ganz allein und mitten in der Nacht getötet. Er ist über den Salzsee des Verderbens geritten und in demselben eingebrochen, ohne sein Leben zu verlieren; er schießt mit seinen Gewehren tausendmal, ohne daß er zu laden braucht. Hast Du noch niemals seinen Namen gehört? Du mußt ihn kennen, denn er ist schon oft in der Wüste gewesen und hat noch niemals einer Raubkarawane seinen Rücken gezeigt.«

Diese allerdings außerordentlich übertriebene Schilderung meiner Vorzüge und Thaten brachte eine Wirkung hervor, die ich nicht für möglich gehalten hätte: der Scheik erhob mit einer Bewegung der Ueberraschung seine Hände, zog die Brauen erwartungsvoll und hoch empor und fragte:

»Wie ist dieser Name? Schnell, sag ihn mir!«

»Er heißt Emir Kara Ben Nemsi Effendi und ist - - -«

»Kara Ben Nemsi Effendi!« fiel ihm der Uëlad Sliman in die Rede. »Allah akbar, Gott ist groß! So ist dieser Dein Effendi der Fremdling, welcher über die Salzkruste des Schott Dscherid nach Kbilli geritten ist?«

»Derselbe.«

»Der dann den Krumir über den Schott gejagt und ihn gefangen genommen hat?«

»Ja.«

»Der später in der Mahara er rad, in der Höhle


//278//

des Donners, den schwarzen Panther erschossen hat, um das Kind des Dschellad zu erretten?«

»Er ist es.«

»Handullillah, Preis und Dank sei Allah! Da weiß ich allerdings, daß wir nichts zu fürchten haben. Ich bin in jenen Gegenden gewesen und habe mir von diesem Emir Kara Ben Nemsi viel, sehr viel erzählen lassen; ich weiß, daß er Zaubergewehre besitzt und von keinem Feinde jemals überwunden werden kann, sondern sie alle besiegt.«

Und sich zu mir wendend, fuhr er fort:

»O, Effendina, verzeihe mir, daß ich Angst hatte! Ich wußte nicht, was für einen Gast ich in meinem armen Zelte habe. Nun ist es grad so gut, als ob kein einziger Tedetu vorhanden wäre.«

»So ist es allerdings,« antwortete ich, um ihn in seinem Vertrauen zu bestärken und dadurch von seiner Sorge zu befreien. »Ihr habt von dieser Tibbuschaar nichts zu befürchten. Du wirst gleich sehen, wie ich mit diesem Menschen hier umspringen werde, der es gewagt hat, mich zu bedrohen.«

Es ist kaum glaublich, wie in jenen Gegenden, wo die Nachrichten nur von Mund zu Mund gehen können, die Fama eine ganz gewöhnliche That, ein ganz alltägliches Vorkommniß zu vergrößern vermag. Jeder Erzähler fügt Etwas hinzu, und da die Phantasie des Beduinen eine außerordentliche ist und er sich überhaupt sehr gern in Ueberschwänglichkeiten ergeht, so wird aus einer einfachen Begebenheit bald ein großartiges Ereigniß und aus diesem Ereignisse dann eine ungeheuerliche Heldenthat, welcher Jedermann Glauben schenkt, obgleich jedes Kind einsehen


//279//

müßte, daß eine solche That rein unmöglich ist. So war aus meinem Repitirstutzen ein Zaubergewehr geworden, aus welchem ich tausendmal hinter einander schießen konnte, ohne laden zu müssen. So lächerlich dies klang, so lieb war es mir, weil mir im Falle einer Gefahr diese Fabel mehr Schutz bot, als die Waffe selbst.

Der besinnungslos am Boden liegende Tedetu begann, sich zu regen; ich knüpfte seine Hüftschnur los und band ihm mit derselben die Arme fest an den Leib. Er kam zu sich, wollte auf und konnte nicht; er starrte eine Weile fassungslos um sich; dann kam ihm die Erinnerung dessen, was geschehen war. Er machte abermals eine Anstrengung, aufzustehen und als auch dies keinen Erfolg hatte, weil er sich seiner Hände nicht bedienen konnte, stieß er einen Fluch aus und fauchte mich katzenraubthierartig an:

»Was hast Du mit mir vor, Du Hund? Warum hast Du mich gebunden? Gieb mich augenblicklich frei, wenn Dich Tahaf, unser Anführer, nicht vernichten soll!«

»Hund?« antwortete ich, bückte mich nieder, faßte ihn mit der Linken bei der Achsel, hob ihn auf, gab ihm mit der Rechten zwei kräftige Ohrfeigen und ließ ihn wieder niederfallen. »So, Bube, werde ich Dir diese Sprache abgewöhnen; merke Dir es!«

Die Wuth trieb ihm beinahe die Augen aus dem Kopfe; zwischen seinen Lippen erschien rother Schaum; er wollte sprechen, brachte aber kein Wort hervor; es war nur ein unartikulirtes Lallen zu hören. Hätte er gekonnt, so hätte er mich augenblicklich zerrissen.

»Und nun paß auf, was ich Dir sage!« fuhr ich fort. »Dein Anführer fordert meine Auslieferung; wahrscheinlich will er mich kennen lernen, weil er mich noch


//280//

nicht kennt. Das kann aber auch ganz gut und leicht geschehen, indem ich hier im Zelte bei meinem Gastfreunde bleibe. Ich werde Dich jetzt gehen lassen, damit Du diesem Tahaf folgende Antwort bringst: Ich bin der Gast des Scheikes und bleibe hier; Ihr habt nicht um Gastfreundschaft gebeten und geht also fort. Ihr habt Euch das Recht, hier zu lagern, angemaßt und ich werde Euch zeigen, daß Ihr es nicht besitzet. Ich befehle Euch, dieses Duar augenblicklich zu verlassen.«

»Zwing uns doch!« zischte er mich an. »Wir werden Dich vernichten und in die Dschehennah schicken!«

»Ja, ich zwinge Euch und wenn Jemand von uns in die Dschehennah geht, so werdet Ihr es sein.«

Ich zog ihn wieder empor, deutete zur Zeltthür hinaus und erklärte ihm:

»Siehst Du Euer größtes Zelt da drüben? Es ist jedenfalls dasjenige, welches Tahaf gehört. An der Querstange sind acht Trinkgefäße aus Kürbisschale an dünnen Riemen aufgehängt. Ich werde diese Riemen mit meiner Zauberbüchse zerschießen, so daß die Kürbisse herunterfallen. Paß auf, ich thue es!«

»Das kann kein Mensch!«

»Ich kann es sogar, ohne daß ich lade.«

Ich legte den Stutzen an und zielte kurz. Acht Schüsse und es hing kein Kürbiß mehr an der Stange.

»Maschallah! Allah ja 'lam el Geb - Gottes Wunder! Allah kennt das Verborgene!« rief der Tedetu aus, ganz baff vor Erstaunen. »Wahrhaftig, das ist ein Zaubergewehr, welches nur der Scheïtan (Teufel) für Dich angefertigt haben kann. Gott verbrenne Dich!«

»Nicht mich, sondern Euch wird er verbrennen. Siehst


//281//

Du, daß Eure Männer kommen und das Wunder anstaunen? Geh' jetzt zu ihnen und sag' Tahaf, daß er fortziehen soll! Ich werde hier in diesem Zelte verborgen sein und aus demselben zu Euch hinüberschießen. Um Euch Zeit zu geben, die Zelte abzubrechen und die Kameele zu satteln, werde ich Euch eine Viertelstunde erlauben, doch nicht mehr; seid Ihr dann noch nicht zum Aufbruche fertig, so schieße ich, erst ein Kameel, dann einen Mann, dann wieder ein Kameel und wieder einen Mann, bis Ihr entweder fort oder alle erschossen seid mit sammt Euern Thieren.«

Er sah mir starr in das Gesicht; er hätte gern einen Zweifel oder eine Drohung ausgesprochen, wagte es aber nach dem Vorangegangenen nicht.

»Also geh, und melde es! Beim Barte Eueres Propheten, ich halte Wort!«

»Wir werden uns wehren!« stieß er jetzt doch hervor.

»Und dabei untergehen! Du hast gesehen, wie schnell ich schieße. Ehre Ihr herüberkämet, hätten meine Kugeln Euch von der Erde weggefressen. Warne Deine Tibbu ja, und sag' ihnen, daß ich Jeden von ihnen, der nur zehn Schritte von Eurem Zelten nach uns herüber macht, augenblicklich erschießen werde. Ihr habt nach der anderen Seite abzuziehen. Geh!«

»So kann ich nicht gehen,« wandte er ein.

»Warum nicht?«

»Weil meine Arme gebunden sind.«

»Nur aufstehen konntest Du nicht, da ich Dich aber aufgerichtet habe, kannst Du trotz Deiner Fesseln gehen!«

»Sollen meine Gefährten sehen, daß ich überwältigt und beschimpft worden bin?«


//282//

»Ja, das sollen sie; das ist Deine Strafe. Wärest Du höflich gewesen, so könntest Du jetzt frei von hinnen gehen. Du hast diese Behandlung durch Deinen "Giaur" und "Hund" verschuldet.«

Er zögerte noch.

»Marsch fort!« befahl ich ihm und schob ihn zur Thür hinaus.

Er that einige Schritte, wendete sich dann um und knirschte mir grimmig zu:

»Allah verderbe Dich in die tiefste Dschehenna hinab!« Hierauf setzte er seinen Weg wankenden Schrittes fort.

»Du wagst viel, Effendi!« warnte mich der Scheik.

»Es ist hier von keinen Wagnissen die Rede.«

»O doch!«

»Inwiefern?«

»Wenn sie nun alle plötzlich herüberkommen!«

»Stehe ich nicht hier mit der Zauberbüchse in der Hand? Und wenn sie noch so rasch wären, meine Kugeln würden doch noch schneller sein. Du brauchst keine Sorge zu haben.«

»Bedenke, wie wüthend Tahaf sein wird!«

»Seine Wuth ist ohnmächtig; ich fürchte ihr nicht.«

»Ja, wir fürchten weder ihn noch seine Wuth,« stimmte Ali bei. »Wir sind groß und erhaben in allen Dingen. Wir kennen alle Wissenschaften und alle Dinge im Himmel und auf Erden und sogar Alles, was sich unter der Erde befindet. Niemand kann uns widerstehen!«

Der Prahlhans! Mir war gar nicht so wohl so Muthe, wie ich mich stellte. Ja, ich fürchtete mich freilich nicht; ich wußte, daß ich mit Hülfe meines Henrystutzens mit allen diesen Tibbu fertig werden würde, wenn ich sie tödten wollte; aber das wollte ich nicht.


//283//

Ein Menschenleben zerstört man nicht so leichten Herzens. Wenn ich mich so kaltblütig stellte, so rechnete ich auf die Angst, die sie vor meinem Gewehre haben würden; das war meine ganze Ueberlegenheit.

Ich sah den Tedetu zu den Seinen treten, welche alle vor dem einem Zelte standen und die Flaschenkürbisse betrachteten. Sie staunten natürlich darüber, ihn in Fesseln zu sehen. Er erzählte. Sie gestikulirten heftig und schrieen dazu. Sie griffen nach ihren Waffen und schienen herüberkommen zu wollen. Da steckte ich den Lauf meines Gewehres zu dem Zelte hinaus; sie sahen das und blieben halten. Sie beriethen, und kamen zu keinem Ergebnisse. Entweder nahmen sie meine Drohung nicht ernst, weil sie den Stutzen noch nicht kannten, oder ihr Stolz sträubte sich dagegen, vor einem einzelnen Menschen davonzulaufen.

So vergingen fünf Minuten - zehn Minuten - eine Viertelstunde. Wenn ich meinen Zweck erreichen wollte, so durfte ich nicht schwach, nicht nachsichtig sein. Sie mußten erfahren, daß ich mein Wort hielt. Ein Kameel mußte zum Opfer fallen. Schade um das Thier, aber es ging nicht anders.

Ich zielte auf eines ihrer Thiere und drückte ab; es brach augenblicklich zusammen. Ein vielstimmiger Wuthschrei war die Antwort, doch machten sie noch immer keine Anstalt, die Zelte abzubrechen. Nun gut! Ich trat vor das Zelt hinaus und rief hinüber:

»Hört, Ihr Söhne vom Tibbustamme! Ich habe gesprochen, und werde nun handeln. Dieses Mal sei noch das Leben geschont, ich will nur verwunden, nicht tödten.


//284//

Beim nächsten Male aber giebt es keine Gnade. Meine Kugel trifft Tahaf in den rechten Ellenbogen.«

Zugleich mit dem letzten Worte krachte ein Schuß. Tahaf zuckte zusammen und schrie laut auf. Die Kugel war ihm genau durch den Ellenbogen gegangen. Im nächsten Augenblicke war kein Tedetu mehr zu sehen. Sie hatten sich hinter ihre Zelte retirirt, welche sich bald darauf zu bewegen begannen; man brach sie also ab. Meine Strenge hatte endlich die beabsichtigte Wirkung hervorgebracht. Ich hätte freilich noch strenger sein und Tahaf erschießen können, wenn mir ein Menschenleben weniger gegolten hätte.

Ich spielte trotz alledem ein gewagtes Spiel. Meine Gegner waren nicht nur wilde Tibbu, sondern die brutalsten Muhammedaner, die es nur geben kann; dazu kam, daß ich ihren Anführer verwundet hatte. Es war fast ein Mirakel zu nennen, daß sie nicht trotz meines vielschüssigen Gewehres herübergerannt kamen, um mich umzubringen. Mein Verhalten gegen ihren Boten mußte einen solchen Eindruck auf sie hervorgebracht haben, daß sie sich doch vor mir, dem einzelnen Manne, fürchteten.

Das war mir aber noch nicht genug; die augenblickliche Angst konnte schwinden, so daß sie den Angriff auf mich doch noch versuchten; ich mußte sie im Athem halten, indem ich noch eines ihrer Kameele erschoß. Sie brauchten ihre Thiere so nothwendig, daß sie dann gewiß kein weiteres meinen Kugeln aussetzten. Ich wartete also nur noch eine oder zwei Minuten und gab dann den nächsten Schuß ab, welcher sein Ziel so genau wie die vorigen traf.

Als das Kameel niederstürzte, antwortete abermals


//285//

ein vielstimmiger Schrei; dann wurde es für kurze Zeit sehr ruhig; man schien zu berathen. Hierauf trat ein Tedetu hinter dem Zelte hervor, hob wie abwehrend die Arme in die Höhe und rief aus:

»Halt ein! Schieß nicht mehr! Wir reiten fort.«

»Aber schnell, sonst schieß ich dennoch!« antwortete ich, indem ich das Gewehr im Anschlage behielt.

Jetzt arbeiteten sie außerordentlich schnell an dem Niederlegen der Zelte und dem Zusammenbinden der Leinwand und der Stangen. Dabei konnten sie sich nicht verstecken; sie mußten sich sehen lassen, so daß es mir leicht gewesen wäre, noch einige von ihnen zu erschießen. Das that ich natürlich nicht; ich war vielmehr froh, daß sie nichts Feindseliges gegen mich unternahmen. Ich stand zwar im Innern des Zeltes, aber der Lauf meines Gewehres, welches aus demselben hervorragte, mußte ihnen die Stellung, welche ich einnahm, verrathen, so daß es Jedem von ihnen leicht gewesen wäre, mich aus einem verborgenen Hinterhalte aus mit seiner Kugel zu treffen. Doch wagte Keiner, dies zu thun, ein sicheres Zeichen des Respectes, in welchen ich mich bei ihnen gesetzt hatte.

Nach kurzer Zeit waren sie fertig und beluden ihre Kameele mit den Zelttheilen und sonstigen Geräthschaften, worauf Sie aufstiegen und davonritten. Tahaf war der Letzte von ihnen. Ich sah, daß er sich seinen zerschossenen Ellbogen hatte verbinden lassen. Wegen dieser Verwundung konnte er nicht ohne Hülfe in den Sattel steigen; er mußte sich dabei unterstützen lassen. Als er oben saß, drehte er sich nach dem Zelte, in dem ich mich befand, um, erhob den unverletzten linken Arm, machte eine Faust und rief in drohendem Tone zu mir herüber:


//286//

»Allah rhinalek - Gott verfluche Dich! Wir müssen jetzt weichen; aber wir sehen Dich wieder, und dann werde ich mit Dir Abrechnung halten!«

»Schieß ihn nieder, Sihdi,« forderte Ali mich auf.

»Nein,« antwortete ich, indem ich das Gewehr senkte, welches ich bis jetzt hoch gehabt hatte.

»Warum nicht? Er hat Dich bedroht!«

»Drohungen schaden nichts.«

»Er wird sie aber ausführen!«

»Das wird ihm nicht gelingen.«

»Effendi, sei nicht allzu zuversichtlich!« warnte mich der Scheik. »Kennst Du diese Tibbu genau?«

»Ich kenne sie.«

»So mußt Du wissen, daß dieser Tahaf nicht ruhen wird, bis er sich gerächt hat!«

»Seine Rache erreicht mich nicht!«

»O doch! Wenn Du so unbesorgt bist, wird sie dich ganz sicher treffen. Weißt Du, was Du vergossen hast?«

»Sein Blut.«

»Ja, sein Blut. Und kennst du das Gesetz der Rache?«

»Ich kenne es.«

»So sag, wie es lautet!«

»Es heißt: Ed dem b'ed dem, en nefs b'en nefs - Blut um Blut, Gleiches mit Gleichem.«

»Richtig! Er wird Dein Blut von Dir fordern. Soll ich Dir sagen, welchen Plan er haben wird?«

»Nein, denn ich weiß es, ohne daß es mir gesagt wird.«

»Nun?«

»Er wird uns heut in der Nacht überfallen wollen.«


//287//

»Ja, diesen Vorsatz hat er ganz gewiß gefaßt. Wir müssen uns auf einen Angriff vorbereiten. Am Besten ist's, wir brechen unsere Zelte auch ab und entfernen uns, bis die Tibbu diese Gegend verlassen haben.«

»Das ist nicht nöthig!«

»Nicht? Sie werden aber ganz gewiß in dieser Nacht kommen, um sich zu rächen.«

»Ich werde Euch beschützen. Verlaß Dich auf mich!«

Er schüttelte langsam den Kopf und sagte:

»Effendi, Du weißt, daß ich von Dir gehört habe und Dich für einen sehr tapfern Krieger halte; aber wie kannst Du, ein einzelner Mann, unser ganzes Duar in Schutz nehmen?«

Da fiel Ali schnell ein:

»Wie er das thun kann? Das laß nur Sache meines Sihdi sein! Er weiß stets ganz genau, was er zu thun hat. Er und ich, wir Beide sind die größten Helden, die es in der großen Wüste giebt, und wenn wir versprechen, daß wir Euch beschützen werden, so könnt Ihr sicher sein, daß - - -«

»Daß es für Dich viel besser ist, zu schweigen, als solche Reden zu halten,« unterbrach ich ihn.

Und mich an den Scheik wendend, fuhr ich fort:

»Ich muß zunächst erfahren, wo die Tibbu lagern werden; ich werde ihnen also folgen. Dazu taugen unsere Kameele nichts. Willst Du mir zwei Pferde leihen?«

»Gern. Aber warum zwei?«

»Weil ich nicht allein reite; es soll mich einer von Deinen Kriegern begleiten.«

»Welcher?«

»Das magst Du selbst bestimmen. Er muß ein


//288//

tapferer, listiger und gewandter Mann sein und die Sprache der Tibbu gut verstehen.«

»Warum das?«

»Weil ich sie belauschen möchte.«

»Um Allahs willen, thut das nicht, denn sie werden Euch bemerken und erwischen!«

»Nein. Ich habe gelernt, mich einem Feinde ganz unbemerkt zu nähern.«

Er hatte keine Ahnung von der Art und Weise, in welcher z. B. ein nordamerikanischer Indianer seinen Gegner beschleicht und belauscht, und es dauerte noch einige Zeit, ehe er Denjenigen bestimmte, der mich begleiten sollte. Am liebste hätten ich Ali mitgenommen; aber dieser war der Tibbusprache nicht so mächtig, wie ich es für nothwendig hielt. Eben verschwanden die Tibbu am östlichen Horizonte, als wir uns auf die Pferde setzten und ihnen nachritten. Ich hatte mein Fernrohr mitgenommen, weil ich es brauchte, um die Tibbu aus so weiter Entfernung zu beobachten, daß sie mich nicht zu sehen vermochten.

Der Uëlad Sliman, den mir der Scheik mitgegeben hatte, war zwar ein noch ziemlich junger Mann, doch stellte es sich heraus, daß die Wahl eine sehr gute gewesen war.

Mit Hülfe des Fernrohres konnte ich den Tibbu vollständig unbemerkt folgen. Es verstand sich ganz von selbst, daß sie die östliche Richtung nur eingeschlagen hatten, um uns zu täuschen. Als ich dies meinem Begleiter sagte, antwortete er:

»Da hast Du ganz recht, Effendi, denn Kairwan liegt doch nicht im Osten von hier.«

»Kairwan?« fragte ich. »Wie kommst Du denn auf diesen Ort zu sprechen?«


//289//

»Kennst Du diese Stadt?«

»Ich bin in der Nähe gewesen.«

»Aber nicht drin?«

»Nein.«

»Das glaube ich, denn das wäre ein Wagniß gewesen, welches Du wahrscheinlich mit dem Tode bezahlt hättest.«

»Wieso?«

»Weil Kairwan zu den Städten der Gläubigen gehört, die kein Nichtmuhammedaner betreten darf. Jemand, der dort als Christ oder Jude erkannt wird, ist unbedingt verloren. Wie die Anhänger des Propheten nach Mekka und Medina pilgern, so gehen sie auch nach Kairwan. Die Okba-Moschee dort ist eines der heiligsten Gotteshäuser des Islam, das allerheiligste in Afrika, denn in ihr liegt El Waib begraben, welcher der Busenfreund und stetige Gefährte des Propheten war. Wer Kairwan besucht hat, darf sich ebenso gut Hadschi nennen, als ob er in Mekka oder Medina gewesen wäre.«

»Was haben diese Tibbu damit zu thun?«

»Was? Hast Du nicht den grünen Sandschak (1) gesehen, welcher über dem Zelte Tahafs wehte?«

»Allerdings.«

»Und daß nicht nur die Tibbu, sondern auch ihre Kameele ihre Mesabih (2) an den Hälsen hängen hatten?«

»Auch das.«

»Nun, daraus konntest Du erkennen, daß sie auf der Hadsch (3) nach Kairwan begriffen sind.«


1 Fahnen des Propheten
2 Rosenkränze
3 Pilgerreise

//290//

»Gut! Kairwan liegt in Tunis, nordwestlich von hier. Wenn die Tibbu nach Osten reisen, so wollen sie uns täuschen. Sie werden einen Bogen reiten und über Süden nach dem Wadi zurückkehren. Paß auf!«

»Das denke ich auch, Effendi. Ich möchte sogar sagen, daß ich den Ort kenne, an dem sie lagern werden.«

»Wo ist das?«

»Sie sind fortgeritten, ohne ihre Schläuche gefüllt zu haben, und brauchen also Wasser. Der eigentliche Brunnen unsers Wadi liegt bei unserm Duar; aber zwei kleine Reitstunden östlich davon giebt es auch eine Stelle, wo man Wasser findet, wenn auch weniger als bei uns. Dort stehen auch Fitna-Sträucher (4), mit denen sie sich ein Feuer anzünden können. Diese Stelle werden sie aufsuchen, um dort zu lagern und in der Nacht nach unserem Duar zu kommen und uns zu überfallen.«

»Ganz richtig! Ich sehe soeben durch mein Fernrohr, daß sie nach Süden umbiegen.«

»Wollen wir nicht auch diese Richtung nehmen?«

»Nein. Wir bleiben hinter ihnen, ganz genau auf ihrer Spur; das ist besser.«

Soeben hatte die sinkende Sonne den Horizont erreicht, und die in jenen Gegenden sehr kurze Dämmerung begann; ich betrachtete deshalb den Tibbutrupp jetzt schärfer als bisher, um mir die Gegend, nach welcher er ritt, genau zu merken, und da sah ich, daß er sich nicht mehr in Bewegung befand, sondern angehalten hatte. Wir hemmten also die Schritte unserer Pferde auch, bis unsere


4 Eine Akazienart

//291//

Gegner weiterritten. Das geschah, als es so dunkel geworden war, daß ich sie kaum noch erkennen konnte.

Nun durften wir uns nicht mehr nähern als bisher. Wir ritten also im Trabe auf die Stelle zu, an welcher sie angehalten hatten. Mein Ortssinn war geübt genug, diesen Ort trotz der Dunkelheit nicht zu verfehlen. Als wir ihn erreichten, schnaubten unsere Pferde und wollten nicht weiter. Wir sahen einige Gegenstände vor uns liegen und stiegen ab, um zu untersuchen, was es sei.

»Roob-Allah - Schreck Gottes! Das sind Leichen!« rief der Uëlad erschrocken aus.

Er hatte Recht; es waren drei Leichen. Hatten sie schon dagelegen, als die Tibbu hier vorüberkamen? Ich untersuchte sie. Sie waren noch ziemlich warm und ich fühlte Blut an meinen Händen.

»Diese Leute sind von den Tibbu ermordet worden,« erklärte ich. »Sie begegneten ihnen und wurden getödtet und wahrscheinlich ausgeraubt.«

»Weißt Du das gewiß?«

»Werden gleich sehen.«

Ich untersuchte die Taschen der drei Leichen; sie waren alle leer, und auch in ihren Gürtelschnuren befand sich oder hing nicht der geringste Gegenstand.

»Ja, sie sind von den Tibbu ermordet und beraubt worden,« wiederholte ich. »Wer mögen sie gewesen sein?«

Der Uëlad Sliman betastete sie und ihre Kleidungsstücke sehr sorgfältig und behauptete dann:

»Wenn mich nicht Alles trügt, so müssen das Leute aus Kufra sein. Was wollen die aber in dieser Gegend?«

»Kommt von dort niemand hierher?«


//292//

»Ganz selten, und dann nur als Führer von fremden Reisenden, die sie begleiten.«

»Wenn dies auch hier der Fall wäre!«

»Fast glaube ich es.«

»Dann hätten die Tibbu den oder die Fremden mit sich fortgeschleppt!«

»Ja, um ein Lösegeld zu erpressen und die Gefangenen dennoch nicht freizugeben, wie sie es zu thun pflegen.«

»Dann müssen wir ihnen schnell nach. Hier können wir nicht mehr helfen. Wollen keine Zeit versäumen. Getraust Du Dir, trotz der Dunkelheit die Wasserstelle zu finden, von der Du vorher gesprochen hast?«

»Ja, ich werde sie nicht verfehlen.«

»Dann fort von hier! Vielleicht ist es uns möglich, ein Menschenleben zu retten.«

So wenig wir hier gethan hatten, es war doch während der Unterhaltung der Leichen eine Viertelstunde vergangen, welche wir einholen mußten. Wir durften uns freilich nicht allzusehr beeilen, wenn wir den Tibbu nicht so nahe kommen wollten, daß sie uns hörten oder überhaupt bemerkten, ehe sie den Lagerplatz erreichten. Ich mußte mich da ganz auf den Uëlad Sliman verlassen. Die Sterne waren zwar aufgegangen, aber sie leuchteten noch nicht hell; die mahlenden Schritte unserer Pferde im tiefen Sande waren weiter zu hören, als wir sehen konnten.

Er rechtfertigte das Vertrauen, welches ich in ihn setzte. Wir mochten, seit wir das Duar verlassen hatten, ungefähr zwei Stunden geritten sein, da leuchtete grad vor uns eine kleine Flamme auf, welche um so größer und heller wurde, je mehr wir uns ihr näherten.


//293//

»Das ist das Lagerfeuer, welches die Tibbu angebrannt haben. Wir reiten doch nicht ganz hin?« fragte mein Führer.

»Beschreib mir die Stelle! Also es giebt Sträucher dort. Ist die Gegend eben?«

»Nein, denn die Stelle stößt an die obere äußere Seite des Wadi, an deren inneren Seite da unten rechts unser Duar liegt. Diese äußere Thalwand ist eingebogen wie eine kleine, enge Bucht, welche von Fitna-Sträuchern eingefaßt wird. Das Wasser steht im Hintergrunde dieser Bucht.«

»So werden sie da hinten lagern. Hast Du den Muth, durch die Sträucher bis in den Rücken der Tibbu zu kriechen?«

»Ich bin nicht furchtsam, Effendi, und da Du bei mir bist, habe ich erst recht keine Angst.«

»So wollen wir erst seitwärts reiten, um eine Stelle zu suchen, wo wir unsere Pferde lassen können.«

Ein solcher Ort war bald gefunden. Wir kamen an die Felsenhügel, welche die Nordseite des Wadi bildeten, und fanden einige große Steine, an welche wir die Pferde banden. Hierauf unterrichtete ich den Uëlad Sliman eingehend, wie er sich zu verhalten hatte, und dann schlichen wir uns, ich voran und er hinter mir, nach dem Lagerplatz der Tibbu hin. Als wir nahe genug gekommen waren, legten wir uns nieder, um den weiteren Weg kriechend zurückzulegen.

Zu unserem Vortheile war das Feuer nur klein; es leuchtete nur wenige Schritte weit und war doch hell genug, den Schein der Sterne unwirksam zu machen. Er-


//294//

wähnt muß werden, daß wir unsere hellen Haïks (5) im Duar zurückgelassen hatten; nun waren unsere Anzüge so dunkel, daß sie nicht von dem Erdboden unterschieden werden konnten.

Der Lagerplatz hatte die nach außen offene Form eines Hufeisens. Hinten gab es Wasser; weiter vorn brannte das Feuer, um welches sich die Tibbu gesetzt und gelegt hatten. Außen, vor dieser Bucht, lagen die Kameele. Diese Halbrundung war mit Büschen besäumt, welche aber so dünn standen und so wenig Laub hatten, daß sie uns keine Deckung gewährten. Uns in die Bucht hineinzuschleichen, war also leider nicht möglich. Aber da, wo sie auf unserer Seite begann, sich einwärts zu biegen, gab es einige große Felsstücke, hinter die wir uns verstecken konnten. Wir erreichten sie glücklich und schmiegten uns so eng an sie, daß wir selbst dann, wenn sich ein Tetedu uns näherte, hoffen durften, nicht von ihm bemerkt zu werden.

Die Tibbu ahnten keinen Menschen in der Nähe und sprachen so laut, daß wir jedes Wort hören konnten - - verstehen aber konnte ich nichts; ich beschäftigte also meine Augen mehr als meine Ohren.

Tahaf saß aufrecht am Feuer und trug seinen rechten Arm in einer improvisirten Binde. Neben ihm saß finsteren Blickes ein Mann, dessen Hände und Füße gefesselt waren. Er mochte dreißig Jahre alt sein. Sein von einem schönen, blonden Vollbarte umrahmtes Gesicht war von der Sonne dunkel gebrannt. Die Farbe seiner Augen zu erkennen, war mir nicht möglich; aber ein Gesicht mit einem solchen Barte konnte nur blaue Augen


5 Mäntel

//295//

haben. Wer war dieser Mann? Ein Beduine jedenfalls nicht. Wohl gar ein Europäer! Es stand sofort bei mir fest, daß ich diesen Ort nicht verlassen würde, ohne ihn befreit zu haben. Aber wie?

Die Räuber unterhielten sich, wie schon erwähnt, sehr eifrig und verzehrten dabei ihr frugales Abendessen. Dieses bestand aus Kuskussu, Mehl, welches sie mit den Fingern in kaltem Wasser einrührten und dann auch so mit den Fingern aßen. Die Gefäße, deren sie sich dabei bedienten, waren solche ausgehöhlte Kürbisschalen, wie ich heut welche von der Zeltstange geschossen hatte. Seitwärts von dem Feuer und zwar außerhalb des Kreises, den die Tibbu bildeten, lag ein kleiner Haufe von Gegenständen, welche die Objekte ihres Gespräches zu sein schienen. Das waren jedenfalls die Sachen, welche sie dem Gefangenen und seinen Begleitern abgenommen hatten.

Tahaf aß von demselben Gerichte wie seine Leute. Den Blicken, welche er dabei auf den Blonden warf, sah ich es an, daß er vorhatte, ihn nach dem Essen ins Verhör zu nehmen; darum stieß ich meinen Gefährten an, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, und fragte ihn:

»Verstehst Du, was sie sprechen?«

»Ja.«

»Wovon reden sie?«

»Von dem Fremden.«

»Wer ist er?«

»Sie wissen es nicht; er hat es ihnen nicht gesagt.«

»Was soll mit ihm geschehen?«

»Er giebt ein Lösegeld, wird aber trotzdem nicht freigelassen. Sagt er aber jetzt nach dem Essen nicht,


//296//

wer er ist und ob er reich ist, so wird er sofort getödtet.«

»Wir retten ihn!«

»Maschallah, Wunder Gottes! Auf welche Weise?«

»Ich habe keine Zeit, zu warten und zu überlegen; es giebt also nur eine Art und Weise. Ich hole ihn heraus!«

»Den Fremden?«

»Nein, denn da würde ich ihn vielleicht retten, aber sein Eigenthum würde für ihn verloren sein.«

»Wen meinst Du denn?«

»Tahaf.«

»Effendi, das ist wahnsinnig! Wir würden den Gefangenen nicht nur nicht befreien, sondern mit ihm verloren sein.«

»Nein. Ich weiß, wie man so Etwas zu machen hat. Es ist allerdings gefährlich, höchst gefährlich, aber es wird gerade deshalb gelingen, weil die Tibbu es für ganz unmöglich halten. Die Hauptsache ist, daß Du thust, was ich Dir sage.«

»Ist es schwer?«

»Nein. Du bist doch kräftig genug, einen Menschen zu tragen?«

»Ja, Effendi.«

»So hast Du hier mein Gewehr; halte es einstweilen! Es würde mir im Wege sein. Paß genau auf! Ich springe mitten unter die Tibbu hinein und hole Tahaf heraus. Du bleibst hier versteckt, bis ich ihn bringe. Da giebst Du mir das Gewehr wieder, nimmst ihn und trägst ihn so rasch wie möglich zu unseren Pferden - - -«

»Er wird sich wehren!« unterbrach er mich.


//297//

»Nein, denn er wird bewußtlos sein. Bei den Pferden angekommen, legst Du ihn hin, bindest sie los, und wartest, bis ich komme. Ich steige auf; Du hebst ihn zu mir hinauf und springst auch in den Sattel; dann reiten wir fort.«

»Aber, Effendi, das ist ja - - -«

»Still!« fiel ich ihm in die Rede. »Ich sehe, daß Tahaf beginnen will. Hier nimm das Gewehr! Kein Wort weiter! Es wird alles leicht und schnell von statten gehen!«

Ich konnte mich nicht länger mit dem Uëlad Sliman abgeben, denn ich sah und hörte, daß Tahaf mit dem Gefangenen zu reden begann, und zwar in der Tibbusprache, welche dieser nicht zu verstehen schien, denn er antwortete nicht. Da bediente sich der Tedetu des Arabischen; ich hörte ihn sagen:

»Dein Leben hängt an diesem Augenblicke. Antwortest Du nicht, so fährst du in einigen Minuten in die Hölle. Also sag uns, wer Du bist!«

»Ich bin ein Mann, der Raubmördern keine Auskunft giebt.«

Das war kühn! Ich stand sprungfertig.

»Hund!« fuhr Tahaf ihn an, indem er aufstand, sich drohend vor ihn hinstellte und die linke Hand zur Faust ballte. »Es kostet mich nur einen Wink, so bist Du eine Leiche! Sag' augenblicklich, woher Du kommst!«

»Das brauchst Du nicht zu wissen!«

»Bist Du reich?«

Die nächste Antwort entschied über Leben und Tod; das sah ich. Wenn der Fremde die Auskunft wieder ver-


//298//

weigerte, so gab Tahaf den von ihm erwähnten Wink. Ich durfte nicht zögern. Der Anführer der Tibbu stand vielleicht zwölf Schritte von mir entfernt, und zwar mit dem Rücken nach mir gerichtet. Aller Augen hingen an ihm und an dem Gefangenen. Fünf, sechs schnelle Sprünge, und ich stand hinter ihm, nahm ihn mit der linken Hand bei der Kehle, schlug ihm die rechte Faust an die Schläfe, warf ihn mir über die Schulter und eilte zurück.

»Hier hast Du ihn! Mein Gewehr her, und fort, fort!«

Ich bekam den Stutzen, den ich allein mitgenommen hatte, und der Uëlad Sliman packte den besinnungslosen Tedetu, um mit ihm fortzueilen. Das war so schnell geschehen, daß bis jetzt kein einziger der Tibbu sich bewegt oder einen Laut von sich gegeben hatte. Sie saßen starr. Der Felsen deckte mich; ich legte hinter demselben hervor das Gewehr auf sie an und rief:

»Seht hier die Zauberflinte! Wer sich von der Stelle bewegt, den trifft die Kugel! Bleibt Ihr aber sitzen, so wird keinem Menschen und auch Tahaf nichts geschehen!«

Sie saßen noch immer wie hypnotisirt.

»Wer ist nach Tahaf der Oberste von Euch?« fragte ich.

Niemand antwortete.

»Antwortet, sonst frißt Euch mein Zaubergewehr! Wer ist der Oberste von Euch?«

»Dieser,« antwortete endlich einer, indem er auf denjenigen Tedetu zeigte, der heut' als Bote in dem Zelte des Scheiks bei uns gewesen war.

»Ah, Du also?« wendete ich mich an diesen. »Ich spreche mit Dir und Du wirst mir antworten, sonst


//299/

schieße ich Dich nieder. Du kannst Dir denken, daß ich nicht allein hier bin. Tahaf befindet sich schon jetzt in Sicherheit; er ist verloren, wenn Ihr mir nicht gehorcht. Binde dem Gefangenen augenblicklich die Hände und die Füße los!«

Die Angst trieb ihn, diesem Befehle nachzukommen; schon hatte er die Hände dazu ausgestreckt; da zog er sic wieder zurück.

»Vorwärts, schnell! Ich zähle nur bis drei: Ein - zwei - - -«

Jetzt gehorchte er. Der Fremde war nicht mehr gefesselt.

»So wird dieser Mann bleiben, damit er frei ruhen und schlafen kann. Ihm darf nichts geschehen. Jedes Leid, welches Ihr ihm zufügt, kostet Tahaf das Leben. Dieser ist unser Gefangener und wird gegen den Eurigen ausgewechselt werden. Ihr bleibt bis zur Morgenröthe hier an dieser Stelle. Wenn einer von Euch diesen Ort eher verläßt, so ist Tahaf verloren. Sobald die Morgenröthe erscheint, kommen zwei von Euch mit dem Gefangenen nach dem Duar, bleiben aber fünfhundert Schritte vor demselben halten. Er muß Alles wiederbekommen, was Ihr ihm abgenommen habt. Fehlt nur ein einziger Gegenstand, so kommt Tahaf nicht frei. Hast Du es gehört?«

»Ich bin nicht taub! Allah vernichte Dich!« antwortete er. Die Andern schwiegen. Der Fremde rief mir zu:

»Herr, wer bist Du? Wem verdanke ich diese Rettung?«

»Das wirst Du früh erfahren.«

»Kannst Du mich nicht jetzt gleich mitnehmen?«

»Nein. Du bist hier nun ebenso sicher wie bei mir.«


//300//

»Werden sie mich wirklich ausliefern?«

»Ja, denn es gilt das Leben ihres Anführers. Bring mir die Riemen her, mit denen Du gebunden warst.«

»Ich kann nicht gehen; ein Schuß hat mich in das Bein getroffen, als diese Tibbu uns überfielen.«

»Sie mögen Dich jetzt gut verbinden, wenn sie das Leben Tahafs retten wollen! Jetzt bin ich fertig. Allah erleuchte Eure Gedanken, sonst sehr Ihr Euern Scheik niemals wieder!«

Ich trat hinter den Felsen zurück und blieb einige Augenblicke lauschend stehen. Keiner bewegte sich; sie hatten Angst. Da sprang ich fort, nach der Stelle, an welcher der Uëlad Sliman mich erwartete.

»Hamdulillah, daß Du kommst, Emir!« empfing er mich. »Du bist ihnen entgangen? Welch ein Wunder! Wer konnte so Etwas für möglich halten!«

»Es war leichter, als Du denkst. Du hast Deine Sache gut gemacht; ich muß Dich loben!«

»O, ich war kaum hier angelangt, so kam dieser Tahaf schon wieder zu sich. Ich habe ihn aber schnell gefesselt und ihm einen Knebel in den Mund gesteckt.«

»Das war gut! Hattest Du Riemen oder Stricke? Ich wollte mir welche geben lassen.«

»Ein Ben Arab (6) hat stets so Etwas bei sich. Wann reiten wir fort von hier?«

»Sogleich. Reich mir den Kerl herauf!«

Ich stieg in den Sattel und nahm den Gefangenen quer vor mich hin; dann ging es im Trabe nach dem Duar zurück. Es läßt sich denken, welches Aufsehen wir


6 Araber

//301//

mit der Erzählung dessen, was geschehen war, erregten. Die guten Leute erschraken zunächst; sie fürchteten die Rache der Tibbu, als ich ihnen aber erklärte, daß ich Tahaf nicht eher freilassen würde, als bis er den heiligsten Eid abgelegt hatte, sich nicht zu rächen, da beruhigten sie sich.

Der Gefangene wurde in das Zelt des Scheikes geschafft und da festgebunden, wo auch ich wieder mein Unterkommen fand. Man hatte bis jetzt mit dem Essen auf uns gewartet und es läßt sich denken, daß ich es mir nach dem gelungenen Streiche sehr gut schmecken ließ. Der Gefangene bekam - - nichts.

Die Uëlad Sliman waren nicht ganz ohne Sorge, daß die Tibbu doch wohl kommen könnten, um ihren Anführer zu befreien; ich aber war vollständig überzeugt, daß sie dies nicht wagen würden, weil sie dadurch sein Leben in die größte Gefahr bringen mußten und es gelang mir, den Scheik zu beruhigen. Er gab mir Recht, hielt es aber doch nicht für überflüssig, einige Wachen auszustellen, wogegen ich ganz und gar nichts hatte.

Tahaf befand sich in einem Zustande ohnmächtiger Wuth und überschüttete mich zunächst mit Schmähungen, die ich so ruhig hinnahm, als ob ich gar nichts hörte. Nach und nach aber kam er zur Einsicht, daß ihm dies keinen Vortheil bringe; er nahm einen andern Ton an und versuchte, mit mir zu handeln.

»Dieser Fremde soll Euch gegen mich ausgeliefert werden,« sagte er, »aber die Beute, welche wir gemacht haben, geben wir nicht wieder her!«

»Laß Dich nicht auslachen!« antwortete ich. »Wir geben Dich frei und Du behältst Alles, was Du bei Dir trägst, und Ihr laßt ihn frei mit Allem, was ihm gehört.«


//302//

»Da mach ich nicht mit!«

»Ob Du mitmachen willst oder nicht, darauf kommt nichts an; Du hast hier gar keinen Willen. Sei froh, daß ich nicht viel strengere Bedingungen gestellt habe!«

»Was könnte strenger sein?«

»Der Blutpreis für die drei, welche Ihr getödtet habt!«

»Fahr' zur Hölle!«

Ohne diesen Wunsch zu beachten, fuhr ich fort:

»Es kam mir nur darauf an, ihn zu retten; seine todten Gefährten gehen mich nichts an. Was er, wenn er frei sein wird, in Beziehung auf sie thun will, das ist seine Sache. Ich bleibe aber desto strenger bei meiner Forderung. Du wirst gegen ihn ausgewechselt: er bekommt sein sämtliches Eigenthum, und Du schwörst bei Allah, dem Propheten und allen Kalifen, daß Du diese Gegend sofort verlassen und Dich an den Bewohnern des Duars nie rächen wirst.«

Er fuhr trotz seiner Fesseln halb empor und fragte höhnisch:

»Etwa nicht auch an Dir?«

»Meine Person kommt gar nicht in Betracht. Räche Dich an mir, so oft und so sehr Du willst. Ueber die Rache eines Wurms, wie Du bist, lache ich.«

»So lache jetzt! Es wird die Zeit kommen, wo Du nicht mehr lachen, sondern vor Entsetzen heulen wirst!«

Diese Drohung ließ mich natürlich kalt und raubte mir keine Minute von dem Schlafe, der mich dann in die Arme nahm. Während ich schlief, saß neben mir ein Uëlad


//303//

Sliman, welcher Tahaf streng zu bewachen hatte und uns beim Grauen des Tages wecken mußte.

Als dies Letztere geschehen war, nahmen wir den Gefangenen entscheidend vor. Er weigerte sich wieder, auf meine Bedingungen einzugehen.

»Gut, so ziehe ich das, was ich gesagt und versprochen habe, nun zurück,« erklärte ich. »Ich gebe Dich also nicht frei. Du wirst unser Gefangener bleiben und wegen der drei Männer, welche Ihr gestern ermordet habt, zur Rechenschaft gezogen und auf das Strengste bestraft werden.«

»Und unser Gefangener wird das mit dem Leben bezahlen müssen!« antwortete er höhnisch.

»Da verrechnest Du Dich! Dieser Gefangene wird in sehr kurzer Zeit seine Freiheit zurückerhalten.«

»Meine Krieger geben ihn nicht her, wenn ich nicht dabei bin und es ihnen erlaube!«

»Dich brauche ich nicht dabei. Du weißt, was ich zu ihnen gesagt habe. Es werden nur zwei von ihnen kommen und ihn bringen. Mit diesen Beiden werde ich schnell fertig. Ich bedarf nicht der geringsten Hülfe dabei.«

»Entweder bist Du der Scheïtan (7) selbst, oder der Schejatin (8) giebt Dir diese Gedanken ein!« fuhr er mich wüthend an.

»Beleidige mich nicht , sonst hörst Du kein Wort mehr von mir. Du siehst, daß es Tag werden will; ich gehe, um Deine beiden Krieger zu empfangen, und frag' Dich zum allerletzten Mal: Willst Du thun, was ich von Dir verlange?«


7 Singular von Teufel
8 Plural von Teufel

//304//

»Nein!«

»So sind wir fertig!«

Ich stand auf und nahm meine Gewehre zur Hand; der Scheik und Ali thaten dasselben. Sie verließen das Zelt, und ich folgte ihnen. Eben ließ ich den Thürvorhang hinter mir fallen, da beeilte er sich, uns nachzurufen:

»Halt, kommt zurück! Ich will einverstanden sein!«

Wir gingen wieder hinein, und er bequemte sich endlich zu den Versprechungen, die ich von ihm gefordert hatte, und die er mit einem Schwure, den ihm der Scheik als Muhammedaner vorsagte, bekräftigen mußte. Hierauf banden wir ihn los und nahmen ihn mit hinaus.

Es schlief kein Mensch mehr, sondern alle Bewohner des Duar waren wach, um zu sehen, ob die Auswechslung der beiden Gefangenen so glatt vor sich gehen werde, wie ich gesagt hatte. Alt und Jung, Mann, Weib und Kind lief mit hinaus vor das Zeltdorf. Eben begann der Himmel, sich zu röthen, und Aller Blicke waren gegen Osten gerichtet, da sahen wir eine Reiterschaar von dorther langsam näherkommen. Es waren die Tibbu. Sie blieben, als sie uns bemerkten, halten, und von ihnen trennten sich drei Reiter, welche drei ledige Kameele mit sich führten und ungefähr fünfhundert Schritte von uns anhielten. Diese ledigen Kameele hatten den drei ermordeten Begleitern ihres Gefangenen gehört. Sie mußten natürlich mit ausgeliefert werden.

Der Scheik und ich nahmen Tahaf, welcher an den Händen gefesselt war, in die Mitte und gingen ihnen entgegen. Fünfzig Schritte von ihnen blieben wir stehen. Ich nahm meinen Stutzen in die Höhe und rief ihnen zu:


//305//

»Wir kommen in Frieder; aber bei der geringsten verdächtigen Bewegung werde ich Tahaf und Euch erschießen! Hat Euer Gefangener Alles von Euch zurückerhalten?«

»Ich habe Alles,« antwortete er selbst.

»Es fehlt Dir nichts?«

»Gar nichts!«

»Ist Deine Wunde verbunden worden?«

»Ja.«

»Wurdest Du seit gestern Abend, als ich Euch verließ, vielleicht schlecht behandelt?«

»Ich kann nicht klagen.«

»Willst Du Deine drei todten Gefährten rächen?«

»Nein.«

»So forderst Du nur den Blutpreis von den Mördern?«

»Auch nicht. Diese Männer gingen mich nichts an; sie hatten sich nur zufällig zu mir gesellt.«

»So sind wir mit diesen Tibbu fertig. Komm her mit den drei Kameelen! Tahaf mag auch gehen!«

Dies geschah. Die Beiden begegneten sich auf der Mitte zwischen den Partheien. Die Tibbu zerschnitten die Fesseln ihres Anführers; er bestieg sein Kameel, und dann ritten sie davon, nicht gen Osten wie gestern, sondern nach Westen zu. Der Fremde ließ sein Kameel niederknieen, stieg ab, kam auf mich zu, ergriff meine beiden Hände und sagte:

»Endlich bin ich frei und kann Dir danken! Du hast mich vom sicheren Tode errettet, Herr. Wie glücklich würde ich sein, wenn ich es Dir vergelten könnte! Wer sind diese Leute?«


//306//

»Die Bewohner dieses Duar. Sie gehören zu dem berühmten Stamme der Uëlad Sliman.«

»Du auch?«

»Nein. Ich bin ebenso ihr Gast, wie Du es sein wirst.«

»Ja, sei unser Gast! Wir heißen Dich willkommen!« sagte der Scheik zu ihm, indem er ihn bei der Hand ergriff. »Komm mit in mein Zelt! Alles was Dir gehört, ist bei uns so sicher und so gut aufgehoben, als ob Du es bei Dir, bei Deinem eigenen Stamme hättest.«

Er führte ihn in das Duar und in sein Zelt. Die Frauen sangen laut ihr »Ahla wa sahla wa marhaba« (9), und die Kinder stimmten in dasselbe ein.

Ich war gewöhnt, stets vorsichtig zu sein, und bat den Scheik, den Tibbu einige Reiter nachzusenden. Wir mußten wissen, ob sie wirklich fortritten oder die Absicht hatten, das gegebene Versprechen zu brechen und Rache an den Uëlad Sliman zu nehmen. Diese Boten brachten dann am nächsten Tage die beruhigende Nachricht, daß die Feinde ohne Aufenthalt westwärts geritten seien.

Natürlich hätten wir gar zu gern gewußt, wer und was der Fremde war; aber das Gesetz der Wüste verbot, sofort darnach zu fragen. Wir beobachteten einander während des ganzen Vormittages, und ich machte da die Bemerkung, daß er aus mir ebenso wenig klug wurde, wie ich sein Wer und Was errathen konnte. Es kam erst dann zur Aufklärung, als es zu Mittag wieder einen gebratenen Hammel gab und wir das Mahl nach muham-


9 Willkommensgruß

//307//

medanischer Weise mit dem gebräuchlichen »El Hamd ul illah« einleiteten. Er sprach diesen Ausruf nicht mit aus und entschuldigte sich:

»Ihr dürft mir mein Schweigen nicht übelnehmen; ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.«

»Ein Christ?« fragte ich. »Also wohl auch kein Orientale?«

»Nein. Meine Heimath liegt im Bilad Amirika.«

»Nord oder Süd?«

»Im Norden.«

»Wohl in den Vereinigten Staaten?«

»Wie, Du kennst dieses Land?« fragte er verwundert.

»Ich habe von ihm gehört,« antwortete ich ausweichend. »So ist Dein Name wohl kein arabischer?«

»Nein; ich heiße Forster. Das ist ein Wort, welches Du wohl nicht auszusprechen vermagst.«

»Forster, Forster,« sagte ich lächelnd.

»Du kannst es, Du kannst es! Das hat noch kein Araber fertig gebracht!«

»O, ich kenne die Dschigrafja (10)« stellte ich mich stolz. »Ich spreche Alles richtig aus, vielleicht auch die Stadt, die Deine Heimath ist. Darf ich sie erfahren?«

Er hielt mich für einen Beduinen, lächelte ein wenig und antwortete:

»Ich bin in Stenton geboren.«

»Stenton? Etwa in Arkansas?« fuhr ich auf.

»Was? Wie? Du kennst diesen Namen wirklich?« fragte er, im höchtsten Grade erstaunt.


10 Geographie

//308//

»Forster! Stenton in Arkansas! War Dein Vater etwa ein Scha'ir (11)

»Ja.«

»Forster, Richard Forster! Er stammte aus Frankfurt in Kentucky?«

»Ja, ja!«

»Und Deine Mutter? Maschallah! Welch ein Wunder! Sie hieß Marga und war die Tochter des Bankiers Olbers?«

Da sprang er auf und schrie mich förmlich an:

»Du kennst meinen Vater und meine Mutter? Du kennst Stenton und Frankfurt? Mann, Du bist nicht Der, für den ich Dich gehalten habe; Du bist ein Anderer!«

Sein Erstaunen war mir eine wahre Wonne. Da aber fuhr mir mein schwatzhafter Ali drein. Zwar waren ihm die Namen, die er gehört hatte, fremd, aber er begriff die Situation und rief dem Amerikaner zu:

»Mein Effendi ist ja auch ein Christ!«

»Auch - - ein - - Christ!«

»Ja; er ist kein Beduine, sondern ein Almani.«

»Ein Almani? Ein Deutscher?«

»Ja,« lachte ich jetzt laut. »Ich weiß, Mr. Forster, daß wir deutsch mit einander sprechen können.«

»Allerdings, allerdings! Sie ein Deutscher, ein Deutscher! Wer hätte das gedacht! Ist so ein Zusammentreffen nicht ein wahres Wunder zu nennen?«

»O, ich habe solche Wunder schon wiederholt erlebt.«


11 Dichter

//309//

»Aber Sie kennen meine Eltern. Da müssen Sie doch in Amerika gewesen sein?«

»Verschiedene Male.«

»Ihr Name, Ihr Name?«

»Daheim heiße ich anders; drüben wurde ich Old Shatterhand genannt.«

Ich glaube, jetzt glänzte sein Gesicht förmlich vor Vergnügen.

»Old - - Shat - - ter - - hand!« stieß er die Sylben alle einzeln hervor, so überrascht war er.

»Ja. Ich habe Ihren Vater in Mexiko getroffen, wo er mir erzählte, wie er zu seinen Grants gekommen war. Darf ich hoffen, daß er noch lebt?«

»Natürlich lebt er noch! Aber, Sir, wenn Sie Old Shatterhand sind, der Freund von Winnetou, so sind - sind - - sind Sie doch auch der Deutsche, welcher - - welcher - - welcher hier hüben Kara Ben Nemsi genannt worden ist?«

»Der bin ich freilich auch.«

»Ah, endlich, endlich, endlich! Wie sehr habe ich gewünscht, Sie einmal zu sehen, einmal zu treffen, einmal mit Ihnen zu sprechen! Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich Aegyptolog und Arabist bin, wenn ich es so nennen darf - - aus Neigung natürlich, denn ein Brotstudium habe ich nicht nöthig; Vater ist reich, sehr, sehr reich, wie Sie wissen. Ich bereise den Orient nun schon an die vier Jahre und bin oft auf die Spur von Kara Ben Nemsi getroffen, jetzt nun endlich auf ihn selbst!«

»Wo waren Sie zuletzt?«

»In Erbehna.«


//310//

»Das ist kühn. Und wo wollen Sie hin?«

»Nach Mursuk.«

»Kennen Sie das schon?«

»Ja; ich war zweimal dort, das letzte Mal vor fünf Monaten.«

»Das ist mir sehr willkommen. Ich will nämlich auch hin.«

»Nach Mursuk? Herrlich, herrlich! Wir reisen natürlich zusammen, das heißt, wenn es Ihnen recht ist?«

»Nicht nur recht, sondern sogar lieb. Sie werden mit mir bei meinem Gastfreunde absteigen.«

»Wer ist das?«

»Der reiche Handelsherr Manasse Ben Aharab.«

»Der Jude?« rief er aus, indem, ich wußte nicht, warum, eine tiefe Röthe in sein Gesicht schoß und dann schnell wieder aus demselben verschwand.

»Sind Sie Antisemit, Mr. Forster?«

»Nein, nein, gar nicht, wenigstens nicht in dem Sinne, in dem Sie es wahrscheinlich meinen.«

»Sie kennen diesen Herrn?«

»Ja - - - ja - - -« dehnte er verlegen.

»Well! Ist Nebensache. Jetzt sind wir nicht in Mursuk, sondern noch hier und wollen uns den Hammel schmecken lassen. Wir haben während dieser Erkennungsscene unsern Gastfreund ganz vergessen und dürfen nicht länger nachlässig gegen ihn sein.«

Ich langte tapfer zu; Forster aber aß fast gar nicht mehr; aus welchem Grunde? Aus Freude über unser Zusammentreffen, oder weil ich den Namen Manasse Ben Aharab genannt hatte? Mir schien, das Letztere war der Fall!


//311//

Die braven Uëlad Sliman wünschten, daß wir längere Zeit bei ihnen blieben; ich wäre am Liebsten bald wieder fortgeritten, weil ich meiner jungen Freundin Rahel versprochen hatte, bald zurückzukehren; aber in der folgenden Nacht stellte sich bei Forster ein Wundfieber ein, welches, obgleich es sich nur um einen Streifschuß handelte, länger anhielt, und selbst dann, als es überstanden war, durfte bei dem dortigen Klima an einen dreitägigen Ritt nicht gedacht werden. Wir blieben also eine volle Woche und verabschiedeten uns dann in der herzlichsten Weise von den Beduinen, die uns so freundlich aufgenommen hatten und nur ungern ziehen ließen. Forster ließ ihnen die drei Kameele mit allem Zubehör zurück und beschenkte sie auch noch mit andern Gegenständen. Von mir erhielt Jeder ein aufrichtiges Allah jusallimak (12); mehr konnte ich nicht geben, denn ich hatte keinen Vater, dem zehn Leguas mexikanisches Land geschenkt worden waren. - -

----


Zum dritten Kapitel


Einführung "Eine Befreiung"

Verfügbare May-Texte


Titelseite