Vorgesehen für die neue Schriftreihe sind Texte, die aus Umfangs- oder anderen Gründen für eine Veröffentlichung im 'Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft' nicht in Frage kommen. Der Turnus des Erscheinens weiterer Bände hängt wesentlich von der Finanzierung, d. h. von der Größe des Interessenten- und Subskribentenkreises ab. Nach Möglichkeit sollen jedem Band einige Erläuterungen sowie ein Namen- und Stichwortregister beigegeben werden; ausführliche Interpretationen dagegen werden den Jahrbuch-Aufsätzen vorbehalten bleiben.
Dieser erste Band der "Materialien" bringt einen Text, der unter dem Stichwort "Dankbarer Leser" schon oft zitiert worden ist, den im vollen Wortlaut jedoch die wenigsten kennen. Es handelt sich um die erste in Buchform erschienene Verteidigungsschrift f ü r Karl May und v o n Karl May. Sie erschien im Januar 1902 in einer Auflage von 100.000 Exemplaren zum "Ladenpreis" von 10 Pfennigen, d. h. Fehsenfeld hat sie kostenlos an den Buchhandel abgegeben; sie war Rechtfertigungs- und Werbeschrift zugleich.
Den Plan einer solchen Verteidigungsschrift muß May schon einige Zeit vorher gefaßt haben. Die Presse-Polemik begann sich immer mehr auszuweiten. Zu der von der "Frankfurter Zeitung" entfachten Kritik an den Reiseerzählungen war der Streit um die "abgrundtief unsittlichen" Münchmeyer-Romane gekommen. Hier war besonders der Chefredakteur der 'Kölnischen Volkszeitung', Hermann Cardauns, an die Öffentlichkeit getreten und hatte in Zeitungsaufsätzen und in Vorträgen über "Literarische Kuriosa" vor Mays Kolportageromanen gewarnt(2).
Karl May beschloß, all diesen Angriffen durch eine Verteidigungsschrift ein Ende zu setzen. Fedor Mamroths sarkastische Kritiken in der "Frankfurter Zeitung" hatte er schon 1899 durch seinen Freund Richard Plöhn beantworten lassen (im Jb-KMG 1974 ist der Streit umfassend dokumentiert). Nun nahm er nochmal ausführlich dazu Stellung, zerpflückte die Urteile der "Zeitgenossen" und die Tölz-Fälschung und beantwortete vor allem Mamroths Spott über die in der Skizze 'Freuden und Leiden eines Vielgelesenen' zitierten Leserbriefe damit, daß er seiner Broschüre einen umfangreichen Anhang beigab, für den er Briefzitate aus seiner Leserkorrespondenz zusammengestellt hatte. Bereits im September 1901, noch vor Abfassung der Broschüre selbst, hatte May während seines Aufenthalts auf dem Rigi am Vierwaldstätter See(3) die Auswahl hierfür getroffen. Um an der Echtheit keinerlei Zweifel zu lassen, ließ er die Übereinstimmung mit den Originalen vom Dresdener Rechtsanwaltsbüro Bernstein, Klotz & Langenhan bestätigen. Die Rechtsanwälte hatten zuerst Bedenken, und Langenhan erinnerte sich noch vierzig Jahre später: "Schon bei oberflächlicher Prüfung stellte sich heraus, daß diese Auszüge sich mit den Urschriften nicht wörtlich deckten, sondern durch kleine Zusätze und stilistische Verbesserungen davon abwichen. Es handelte sich um Zuschriften von Lesern seiner Erzählungen, die ihrer Bewunderung mehr oder weniger unbeholfen Ausdruck gaben. Die Briefauszüge verstärkten vielfach diese naiven Anmerkungen durch die Wahl prägnanter Wendungen. Eine Beglaubigung war also ausgeschlossen. Ich schlug meinen beiden Kollegen schließlich vor, die von uns erwartete Beglaubigung in der Form zu erteilen, daß 'uns die zu den abgedruckten Briefauszügen gehörigen Urschriften vorlägen'. Das geschah"(4). Das Anwaltsbüro Bernstein, Klotz & Langenhan vertrat May dann auch in den folgenden Jahren in der immer riesenhafter anwachsenden Prozeßlawine.
Als May seine Verteidigungs-Broschüre verfaßte, ahnte er noch nicht, welche Ausmaße der Prozeß- und Pressestreit einmal annehmen würde; er war offenbar der Meinung, er könnte seine Gegner mit eleganten Worten lächerlich und damit mundtot machen. Dies stellte sich als Irrtum heraus, vielmehr entfachte der "Dankbare Leser" neuen
Streit, zog neue Prozesse nach sich. So hatte die 'Kölnische Volkszeitung' z. B. in der "Wüstenräuber"-Angelegenheit mancherlei Argumente auf ihrer Seite. Den ganzen Streitfall einmal ausführlich zu dokumentieren, soll einem umfassenden Jahrbuch-Aufsatz vorbehalten bleiben(5).
Wie eingangs erläutert, ist es besonders wichtig, alle Texte aus Mays Feder, auch die nicht-belletristischen, der Forschung zugänglich zu machen. Daß die anonyme Broschüre des "dankbaren Lesers" von Karl May selbst verfaßt wurde, darüber herrscht heute unter Kennern der Materie keinerlei Zweifel mehr. May selbst hat sich (verständlicherweise) nie öffentlich als Verfasser der Broschüre bekannt und auch seinen Verleger Fehsenfeld darüber im Unklaren gelassen. Diese "Aufklärung" geschah von gegnerischer Seite, und noch 1916 vermerkte Alfred Kleinberg in seinem umstrittenen May-Nekrolog, 'Karl May als Erzieher' und die Dittrich-Broschüre seien "zum großen Teil von M. selbst verfaßt"(6). Karl-May-Verleger E. A. Schmid schränkte zwar ein: "Die Möglichkeit läßt sich wohl nicht bestreiten, zum mindesten aber darf sie doch nicht als unbedingte Tatsache, sondern höchstens als Ansicht hingestellt werden"(7), doch hatte er bereits kurz zuvor (im Vorwort zur Sonderausgabe der 'Geographischen Predigten', Radebeul 1916) ein Zitat aus dem "Dankbaren Leser" - in die Ich-Form umgeschrieben - als May-Zitat verwendet. Damals bezeichnete er dieses Zitat (über die 'Geographischen Predigten'), das später in Mays Selbstbiographie im Band "Ich" eingefügt wurde, noch als Äußerung, die May "um das Jahr 1900 ... in einem Flugblatt" getan habe; im Band "Ich", 28. Auflage, S. 201 (Fußnote 2) wurde daraus ein "Flugblatt Karl Mays aus dem Jahre 1901". Doch ist ein solches Flugblatt bis heute nicht auffindbar. Vielmehr handelt es sich, worauf Amand von Ozoroczy schon mehrfach hingewiesen hat(8), um das Zitat aus dem "Dankbaren Leser", S. 12 - 13.
Dieses Zitat sowie eine Fülle von Stil-Indizien der Argumentation lassen - vor allem für den Kenner der in den Folgejahren von May verfaßten Verteidigungs- und Prozeßschriften - Mays Autorschaft als absolut gesichert erscheinen. Viele Merkmale seines Verhaltens im Pressestreit späterer Jahre sind bereits hier zu finden; so z. B. die Idee einer großen Verschwörung, in der alle May-Gegner miteinander in Verbindung stünden und ständig Material austauschten zur Vernichtung von Mays Ansehen. "Ich vollständig eingekreist". Dieser Alpdruck der späten Jahre(9) findet sich in Ansätzen bereits im "Dankbaren Leser".
Typisch für Mays Argumentations-Technik zur Abwehr von Kritik an seinen Werken ist auch der Verweis auf "andere" Werke, ohne die ein abgeschlossenes Urteil gar nicht möglich sei. Wie er später immer
auf die noch zu schreibenden "eigentlichen Werke" hindeutet, so verweist er hier auf die Geographischen Predigten, auf Erzgebirgische Dorfgeschichten und Dessauer-Humoresken: auf Werke also, die zwar existierten, die aber - da nicht in Buchform gesammelt - keinem Kritiker zugänglich waren.
Dadurch, daß May sich die Anonymität eines "dankbaren Lesers" zulegte, der "ein persönlicher Freund von ihm" sei, jedoch keine "litterarische Abgötterei mit ihm treibe", konnte er Dinge der Selbsteinschätzung zu Papier bringen, die ihm in der Ich-Form unweigerlich den Vorwurf des Eigenlobs und der Selbst-Beweihräucherung eingetragen hätten. Ein Um-Schreiben des Textes in die Ich-Form (wie es versucht wurde) würde deshalb geradezu grotesk ausfallen.
Über welche polemische Eleganz May verfügen konnte - vor allem da, wo es ihm an Sachargumenten gebrach - zeigte May, wie später auch im Streit mit Paul Schumann(10), bereits in der Broschüre des "dankbaren Lesers". Besonders gelungen (und als Zitat aufbewahrenswert) ist der Vergleich mit der bayrischen Bierkneipe und dem immer wiederkehrenden "Raufen's schon?".
Wirkungsgeschichtlich von großem Interesse und deshalb auch in unserem Reprint enthalten ist der Anhang mit der Auswahl von Verehrer-Briefen. Die Langenhansche Einschränkung betrifft ja lediglich kleine stilistische Korrekturen; ansonsten dürfen die Briefzitate (die Originalbriefe dazu sind übrigens im Karl-May-Verlag erhalten(11)) als authentisch angesehen werden. Es handelt sich um die bisher umfangreichste Veröffentlichung dieser Art. Ludwig Gurlitt zitierte daraus bereits 1919 und forderte zugleich eine umfangreichere Sammlung "in einer besonderen Veröffentlichung zu Mays Ruhme und zum Nachteil seiner Gegner"(12). Bis auf die kleine Sammlung 'Volkes Stimme' (KMJB 1927, S. 84 - 91) und die Zitate in der Festschrift '25 Jahre Karl-May-Verlag' (Radebeul 1938, S. 30) ist seine Anregung bisher ungehört geblieben. Heute ist eine solche Briefsammlung als Rechtfertigungsschrift für May zwar nicht mehr notwendig, doch wäre sie ein wertvoller Beitrag zur Wirkungsgeschichte. Vorläufig freilich müssen wir uns auf die von May selbst getroffene Auswahl beschränken.
Ein paar Worte noch zu dem von Hansotto Hatzig erstellten Personen- und Sachregister, das die Arbeit mit dem Buch erleichtern soll. Aufgenommen wurden alle Personennamen, ferner alle May-Buchtitel sowie die wichtigsten allgemeinen Sachbegriffe. Bei den Buch-Verweisen wurde der Rahmen sehr weit gespannt. So ist z. B. bei 'Am Jenseits' auf S. 44 verwiesen, obwohl dort dieser Titel überhaupt nicht genannt wird. Stattdessen steht dort der Hinweis auf eine Bemerkung über Mays Gedichte, die dieser "irgendwo" gemacht habe; dieses Irgend-
wo ist 'Am Jenseits' (Freiburger Ausgabe, S. 133). Bei den Sachbegriffen befinden sich mitunter Stichworte, deren Aufnahme in solch ein Register dem Leser unverständlich erscheint. Deshalb sei der Hinweis gestattet, daß das Register aus detaillierter Kenntnis der späteren Prozeßschriften heraus entstand. So fanden oft Stichworte Aufnahme, die im Zusammenhang des "dankbaren Lesers" unbedeutend erscheinen, die aber für im Rahmen späterer KMG-Publikationen geplante Themenkomplexe wichtig sind. Denn der "dankbare Leser" steht erst am Fuße eines großen Berges von Prozeßschriften, Flugblättern und Eingaben Mays, von Angriffen seiner Gegner und Verteidigungsschriften seiner Freunde. Dieses riesenhafte Material aufzuarbeiten, gehört zu den notwendigen Grundlagen biographischer Forschung über das wichtige Alters-Jahrzehnt Mays und zu den besonderen Zielen der Karl-May-Gesellschaft.
Kulmbach, im August 1974
Ekkehard Bartsch
2 vgl. Hans Wollschläger, Karl May in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1965, S. 91 - 93.
3 vgl. Jb-KMG 1972/73, S. 104.
4 Hans Langenhan, Erinnerungen an Karl May. Zitiert nach: "Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Karl-May-Biographie", Nr. 13 (Sept. 1966).
5 vgl. einstweilen: Hans Wollschläger, a. a. O. S. 93 sowie Hans Wollschläger, "Herr Karl May von der anderen Seite" in: 'Konkret', Sept. 1962, S. 18.
6 zitiert nach: E. A. Schmid, Eine Lanze für Karl May, Radebeul 1918, S. 13.
7 ebd., S. 36
8 "Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Karl-May-Biographie", Nr. 22 (Dez. 1968), S. 3; vgl. auch Mitteilungen der KMG Nr. 17 (Sept. 1973), S. 21. Möglicherweise scheute sich Schmid seinerzeit vor Nennung dieses Titels und chiffrierte ihn deshalb als "Flugblatt"; für eine heutige Zitierung wäre freilich die richtige Quellenangabe angebracht.
9 Karl May, Mein Leben und Streben, Freiburg o. J. (1910), S. 298; vgl. auch Bd. 34 'Ich', 28. Auflage, Bamberg 1971, S. 266.
10 vgl. Jb-KMG 1972/73, S. 123ff.
11 vgl. "Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Karl-May-Biographie" Nr. 8 (Juli 1964), Anlage D.
12 Ludwig Gurlitt, Gerechtigkeit für Karl May!, Radebeul 1919, S. 75; vgl. auch 'Ich', 28. Auflage, S. 475.
Karl May: "Der dankbare Leser"
1 Karl May, Gesammelte Werke Bd. 49, Bamberg 1956, Nachwort S. 459, 462.