18. März 1998:

Klischee und Wirklichkeit: "Indianerbücher" heute.


von Ruben Wickenhäuser,
Autor von "Indianer-Spiele" und "Weißer Bruder Timo"

Zweifellos sind die Zeiten der unkritisch hingenommenen "Rothaut" auch in der Literatur am Vergehen. Dennoch zeigt es sich immer wieder, wie hartnäckig sich das Klischee zu diesem Thema hält; ein Thema, das auf Jung und Alt eine rätzelhafte Anziehungskraft ausübt. Auch ein Thema, das durch Karl May über unsere Grenzen hinaus an Popularität gewann.
Noch vor dreißig Jahren gab es kaum nennenswertes Material über jene Völker, die wir unter dem Schlagwort "Indianer" in einen Topf werfen. Quellen waren nur schwer zugänglich. Sekundärliteratur, die sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzte, war rar. Käthe Recheis, mit der ich in engem Kontakt stehe, erzählte mir einmal, wie schwierig es in ihrer ersten Zeit für sie war, einigermaßen objektive Informationen über "Indianer" zu erhalten.
Doch das hat sich radikal geändert. Eine Masse von seriöser und Möchtegern-Fachliteratur und allerlei anderen Sprossen hat den Buchmarkt gefüllt. So wie ich selbst dürften auch viele andere nicht durch Karl May - den ich jedoch in meiner Jugend mit Vergügen gelesen habe - sondern durch die verschiedensten Medien mit dem Thema in Kontakt gekommen sein.
Niemand kann sich heute mehr mit dem Mangel an Informationen rechtfertigen, wenn er ein klischeebeladenes Buch schreibt. Klischees jedoch verkaufen sich besser als die Wahrheit; und so finden sich auch heute noch Bilderbücher, Romane und sogar Sachbücher voller federgeschmückter und hosentragender "Indianer". Auf der anderen Seite werden religiöse Symbole gedankenlos benutzt; sei es in Bastelbüchern mit dem Medizinrad zum Selbermachen und der Zaubertrommel des Großen Geistes oder den sicher manchen Geldbeutel heilenden Schwitzhüttenzeremonien zur Erleuchtung des Selbst.
Dann sind da aber unsere Erbsenzähler, die ein Buch auf die kleinsten Fehlerchen untersuchen und diese groß zur Schau stellen. Ähnlich jener Dame, die "Indianer-Spiele" im Magazin "Coyote" 4/97 völlig unangemessen scharf und einseitig kritisierte. Selbst historische Fehler werden als Tatsachen hingenommen und dann als Korrekturen ausgegeben, wie eine andere, inoffizielle Rezension zu meinem Erstlingswerk gezeigt hat: Jene Punkte, die die Rezensentin dort mir als Fehler ankreidete, waren historisch richtig - nicht jedoch ihre Korrekturen. Und weiterhin werden selbst bei Verlagen "Indianerbücher" stiefmütterlich behandelt und, so erhält man den Eindruck, nicht als vollwertige Literatur angesehen. All dies erschwert einen einigermaßen seriösen Umgang mit dem Thema.

Doch fort von der Frage des Klischees und der Herden schwarzer Schafe. "Indianer" sind auch ein wunderbare Basis für Träume, wie sie uns auf vielen anderen Gebieten nicht mehr möglich sind - daher vielleicht der Reiz des Themas. Träume nun sind wichtig, ganz besonders für Kinder, und dienen besten Zielen: Innerem Frieden, Hoffnung und einer Form von Freiheit. Man darf nie vergessen, daß Geschichten zum Träumen gemacht sind, und nicht zum besserwisserischen und kleinlichen übermitteln von Fakten. Sie können zum Nachdenken, zum Nachfragen anregen; sie können auch einfach nur schön sein. Aber eine Geschichte bedeutet auch Verantwortung für den, der sie schreibt: Genausogut kann eine Geschichte Vorurteile bestärken und eine sehr realistische Gefahr nähren. Wichtig ist letztenendes ein ausgewogener Mittelweg zwischen Nachdenklichmachen und schönem Traum, ein Faktor, der das Schreiben von Kinderliteratur oft dem Schreiben von Erwachsenenbüchern gegenüber schwieriger macht. Astrid Lindgren, Michael Ende sind bzw. waren Meister ihres Fachs, wenn auch auf anderem Gebiet.

In meinen zwei ersten Büchern habe ich versucht, das Klischee ein wenig aufzuweichen. In "Weißer Bruder Timo" versuche ich in einer spannenden und vielschichtigen Geschichte das Alltagsleben in einem Lakotadorf darzustellen. "Indianer-Spiele" stellt eine Auswahl von Spielen der nordamerikanischen Völker vor. Eine Einführung beschäftigt sich mit der Problematik der Begrifflichkeit "Indianer", historischen Hintergründen und der Frage der Religion. Jedes Spiel ist zudem so beschrieben, daß man es einerseits schnell in die Tat umsetzen kann, andererseits aber weiterlesen und sich über seine Hintergründe informieren kann. Über Fußnoten lässt sich nachvollziehen, wie die Quelle des Spieles lautet.
Bei meinen Lesungen versuche ich den Kindern nahezubringen, daß jene "Indianer" auf ihre Art recht normale Menschen waren. Nachbauten einiger Alltagsgegenstände "zum Anfassen" üben eine starke Faszinaion aus. Meine Zuhörer sollen einen etwas anderen Eindruck der damaligen Kultur bekommen. Mithilfe von einigen Dias versuche ich ihnen auch begreiflich zu machen, daß es jene "Indianer" heute noch gibt, und mit welchen großen Schwierigkeiten unsere Traumhelden heute zu kämpfen haben. Das Interesse meiner Zuhörer ist bei diesen zwei "Sachteilen" ungebrochen: Von dieser Seite kennen die meisten jene Menschen noch nicht.

An Ihrer Meinung zum Thema und zu meinen Büchern wäre ich natürlich sehr interessiert. Falls Sie die Möglichkeiten haben, würde mich auch eine Rezension sehr freuen. Herzlich möchte ich Sie auch dazu einladen, ausführlichere Informationen zu beiden Titeln, sowie zu meiner weiteren schriftstellerischen Arbeit, unter http://www.geocities.co m/Athens/Olympus/6103/ (alias im Augenblick: http://ruben.home.pages.de/) zu erfahren. Interessante Links zu diesem und anderen Themen habe ich außerdem sorgfältig ausgewählt.


Dazu schreib ich was!!


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