Rezension Walther - Nachtrag

G+J Gordon kmg@lists.uni-bielefeld.de (Mail geht an die Mailingliste!)
Sun, 10 Feb 2002 17:45:50 +0100

Quelle: Mailingliste der KMG, Beitrag dort


Liebe Listenteilnehmer,
lieber Andreas Graf,

mit einer Verwendung meiner "Fehlerliste" für eine etwaige Rezension bin ich
einverstanden.

Da es mir aber keine Ruhe gelassen hat, das angebliche Reisetagebuch-Zitat
auf S. 113 nicht verifizieren zu können (was mir jetzt gelungen ist), habe
ich die gesamten Zitate, die unter der Überschrift: "Aus dem Reisetagebuch
1899" versammelt sind, mal eingehend überprüft, und das Ergebnis ist
erschreckend:

Kein einziges dieser Zitate stammt aus dem Reisetagebuch! Der Autor hat
offenbar die Dokumentation von Bartsch/Wollschläger nicht verstanden: nur
da, wo RT in Klammern dahinter steht, handelt es sich auch um
RT-Eintragungen; darüber hinaus ist kein eiziges Zitat korrekt
wiedergegeben... Eigentlich sollte dieser alarmierende Befund dazu führen,
sämtliche Zitate in dieser Biographie zu überprüfen: aber dazu habe ich nun
wirklich keine Lust. Die Analyse dieser beiden Seiten 112/113
"Reisetagebuch-Zitate" reicht. Im Einzelnen:

22. April 1899
Hier wird aus einem Brief an Fehsenfeld zitiert. Unkorrekt ist die
Schreibweise "gibt" statt "giebt" und "raten" statt "rathen", bei "Réaumur"
fehlt der accent aigu.

23. April
Hier wird aus einem Brief an Emma zitiert. Falsch ist das Wort "Heute" statt
"Heut".

17. Mai
Hier wird wieder aus einem Brief an Emma zitiert.
Falsch ist die Schreibweise "Orients" statt "Orientes" und "unbefriedigend"
statt "unbefriedigt", wobei allein letzteres Wort einen Sinn ergibt.

27. Mai 1899
In der Dokumentation in Jb-KMG 71 wird hier, ebenso wie in GW 82, S. 70, ein
Zitat aus Bd. XXIX, S. 7, gebracht, kein Reisebucheintrag.
Falsch heißt es hier: "Morgenlands" statt "Morgenlandes".

12. Juni 1900
Hier wird deutlich, daß Walther tatsächlich das Jb-KMG 1971 als Quelle
benutzt hat und nicht die erweitere Neufassung in GW 82, in der das Gedicht
"Ich gehe fort in das gelobte Land" auf den 11. Juni 1900 datiert wird und
das Wort "Folgenden" mit einem kleinem Buchstaben beginnt (S.139), während
es im Jb-KMG, wie hier, großgeschrieben ist.

Zitiert wird aus einem Brief an Dederle, aber nur bis: "... das Ende ihrer
Angriffe wird ein für mich hochbefriedigendes sein..."

Danach folgt ein vermutlich von Walther selbst stammender Satz, der absolut
keinen Anschluß an den vorangegangenen Teil darstellt, eher im Gegenteil,
aber auf die nachfolgenden Zitate überleiten soll, nämlich. "Kein Ende,
sondern ein Beginn der Angriffe."

Danach folgen Zitate, die keineswegs aus der Reisezeit stammen, sondern aus
der Prozeßschrift: Ein Schundverlag (1905), und zwar wie folgt
zusammengestellt:

Der erste Absatz: "Nie werde ich..." bis: "herabzuhelfen." steht auf S. 370.
Statt "kein Mensch" muß es "kein einziger Mensch" heißen.

Der zweite Absatz: "Ich las. ..." bis:  "mehrere fort." steht auf S. 369.
Statt "um heimlich in Jod zu baden" muß es heißen: "um heimlich Jod zu
baden". Statt "glaubte so etwas" muß es heißen: "glaubt so etwas". Statt
"und fügte noch hinzu" muß es heißen: "und fügte dann hinzu". Hinter "Noch
lächerlicher." steht im Original ein Ausrufungszeichen. Statt "In diesem
Ton" muß es heißen: "In diesem Tone".

Der dritte Absatz: "Ich bin ein Mensch ..." bis "durchlitten wäre!" steht
auf S. 391.
Statt "Schicksal" muß es "Geschick" heißen. Statt "kaputt" "kaput". Statt
"... alle diese Ziele. Und mein ganzes sechzigjähriges Leben und Leiden..."
muß es heißen: "... alle diese Ziele, und mein ganzes, sechzigjähriges Leben
und Leiden..."

Rechnet man diese Fehlerquote hoch, wird einem ziemlich gruselig zumute.
Besonders verfälschend erscheint mir aber die Überschrift, die private
Notizen während der Reisezeit ankündigt, aber u.a. taktisch motivierte
Schreiben an Verleger und Redakteure sowie Auszüge aus einer fünf Jahre
später entstandenen Prozeßschrift kompiliert. Diese Verfahrensweise halte
ich nun nicht gerade für seriös!

MfG

Gabriele Wolff



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