Andreas Grafs Rezension von Karl Walther, Karl May

Giesbert Damaschke kmg@lists.uni-bielefeld.de (Mail geht an die Mailingliste!)
Fri, 1 Feb 2002 18:10:09 +0100

Quelle: Mailingliste der KMG, Beitrag dort


Hi,

hier noch einmal die Rezension von Andreas Graf, quick & dirty
als normale E-Mail:
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ANDREAS GRAF

Klaus Walther: Karl May (München: dtv 2002) (portrait 31056)

So, hier also wie angekündigt kurz meine Eindrücke von der
Lektüre dieser neuen KM-Biographie. Wie zu erwarten war, bietet
sie dem Kenner nichts Neues im Faktischen (im Gegenteil, leider
zahlreiche kleinere und größere Irrtümer, die ich unten z.T.
aufliste); um so interessanter wären knackige Bewertungen, neue
Sichtweisen auf bekannte Sachverhalte usw., oder wenigstens eine
sprachlich und gedanklich gelungene, kurz gefasste Gesamtschau
dieses bemerkenswerten Lebens. Doch leider ist auch davon nicht
viel vorhanden. Wenn's kitzlig und problematisch wird, hält der
Autor sich an die bekannten Autoritäten, viel Wollschläger, was
in mancher Beziehung ja die beste Wahl ist, die zu treffen war.
Die Gesamthaltung ist um kritische Distanz (zum Fabulierer KM,
auch zu apologetischen Bemühungen von verschiedenen Seiten, ob
KMV oder KMG) bemüht, was honorig ist, jedoch einen wirklichen
eigenen Standpunkt voraussetzte, den der Autor nicht zu bieten
hat.

Deswegen bleiben seine psychologisch bzw. soziologisch
orientierten Erklärungen in längst bekannten Ansätzen stecken;
man hat zwar den Eindruck, dass der Autor sich tatsächlich für KM
interessiert, jedoch nicht, dass er irgendeine konstruktive Idee
zu diesem als "Phänomen" hat. Sprachlich ist die Darstellung
populär gefasst, manchmal etwas unangenehm orientiert an einem
kurz-knappen Zeitungsdeutsch, bis hin zu
unfreiwillig-unverständlichen Sentenzen ("Warum musste dieser
Mann sich fadenscheinig hochstilisieren?" S. 9; "Der Spatz in der
Hand, das war eine verständliche Lebenshaltung des jungen
Mädchens." S. 27; ).

Häufig ist die gedanklich allzu schlichte
Grundierung in wenig ausdrucksfähige rhetorische Floskeln gefasst
(("Das ist sicher richtig." (S. 45), "... ein
tiefenpsychologischer Befund, der nicht von der Hand zu weisen
ist" (ebd.), "Wenn es denn wahr ist." (S. 53), "...führten die
äußeren Ereignisse zu einer Problematisierung seiner Existenz"
(S. 116, über den inneren Wandel während der Orientreise). "Doch
das Donnergrollen, das hier hörbar wurde, verwies auf das
Unwetter, das noch kommen sollte." (S. 118, vor Bekanntwerden der
Vorstrafen)).

Manchmal gerät die psychologische "Erklärung" unter
Talkschow-Niveau: "Es sind die Reflexe der Jugenderfahrungen des
Autors, die er hier verwandelt zu bewältigen sucht." (S. 108/109,
über die "einfache" Struktur der Winnetou-Trilogie). Immer wieder
finden sich "Vermutungen" über die emotionale Verfassung
Beteiligter, die nicht belegt sind: "Der Vater war zufrieden" (S.
30, als KM Plauen absolviert hatte); "Reimann riss die Augen wohl
noch weiter auf" (S. 46, zum Besuch des Polizeileutnants von
Wolframsdorf beim Krämer Reimann).

Dennoch gibt es mitunter gelungene (wie ich finde)
Kurzzusammenfassungen komplexer Lebenssachverhalte, etwa wenn es
von der "Spanien-Flucht" des jugendlichen May heißt: "Das groß
angelegte Abenteuer verlor sich in der kleinen Gaunerei des
Alltags." (S. 23) Oder originelle Deutungen, etwa zu den
Hochstapeleien und "Rachegelüsten": "May war ja im Grunde ein
sanfter Charakter, wie man es später aus seinen Geschichten
herauslesen kann." (S. 40) Oder nach der Wiederbegegnung mit
Münchmeyer im Rengerschen Gartenrestaurant: "Hier wurde eine
große Geste von ihm [KM] erwartet. Und sie würde kommen,
Münchmeyer wußte es wohl." (S. 79)

Bei Aussagen zur Kolportage bzw. Münchmeyer ("ein düsteres
Kapitel, wie man sehen wird", S. 80) lehnt sich der Autor allzu
stark an die negativen Wertungen 1. von May selbst an, die aber
sämtlich aus der späten Prozess-Zeit stammen und deshalb mit
Vorsicht zu genießen, und 2. die späterer Interpreten, für die
bereits der Begriff "Kolportage" einen negativen Horizont
aufriss, der mangels wirklicher Kenntnisse der damaligen Umstände
später von Autor zu Autor immer vereinfachender dargestellt und
irgendwann einfach falsch wurde.

Manches Wichtige hätte man gerne erwähnt gefunden, etwa ist die
"Studie" dem Verfasser offenbar unbekannt, obwohl Vorausdeutungen
im Text eine Kenntnis eigentlich nahelegen ("Karl Mays Problem
hieß also Emma. Und später sollte er das auch erkennen, später,
wie so oft." S. 88), und hier sind doch nun wirklich
existentielle Aussagen getroffen worden; keine Spur auch von den
vor nicht langer Zeit aufgefundenen frühen Texten ("Ein
wohlgemeintes Wort" usw.), kein Wort auch von Venustempel, Buch
der Liebe usw., keine Spur zudem von den wirklichen Eigenheiten
der KM.-Texte der verschiedenen Produktionsphasen (dass er
Serienhelden in die dt. Literatur eingeführt, die Besonderheit
des Ich-Helden, die besondere Erzählperspektive der
Jugenderzählungen usw.).

Die äußere Gestaltung des Bandes ist, wie die der ganzen Reihe
(wie ich auch, bekanntermaßen, aus eigener HCM-Erfahrung sagen
kann) allgemein sehr schön, aber es finden sich doch z.T.
funktionslose "Kästen", z.B. die (teils falschen) Ausführungen
über P. Rosegger oder über Swedenborg, die wenig über KM
aussagen. Als Fazit bleibt deshalb leider nur ein Bedauern: über
eine verfehlte Chance, einem breiten Publikum eine wirklich gute
Darstellung zu liefern - da ja leider das Wollschläger-Buch schon
lange nicht mehr lieferbar ist und auch die Darstellung von
Heermann nicht (diese hätte als Taschenbuch eine erweiterte
Neuauflage verdient: vielleicht sollte man Heermann raten, sich
mal an den Aufbau-Taschenbuchverlag zu wenden...), täte es damit
wirklich Not. Man kann nur hoffen, dass die ebenfalls für dieses
Jahr angekündigte neue KM-Biographie in der altehrwürdigen
rororo-bildmonographien-Reihe ein wenig fundierter ausfällt.


Hier eine vorläufige Fehlerliste:
S. 15 u.ö.: Der verlorene Sohn heißt richtig "Der verlorne Sohn"

S. 16: der dort erwähnte Kaufmann heißt nicht Seidemann sondern
Seidelmann

S. 17: dass, ob und wie May "erblindete", wird derzeit heftig
diskutiert - Walther stellt es als erwiesene Tatsache hin

S. 27: Anna Preußler hieß natürlich Pressler

S. 33: May musste in der Fabrikschule "nur etwa 30 Stunden" geben
- das ist zumindest eine gewagte Wertung, denn 30 Stunden in
einer solchen Institution dürften auf Dauer nervenzerrüttend
gewesen sein...

S. 52: Roseggers "Als ich noch ein Waldbauernbub war" ist
keineswegs ein "autobiographische[r] Roman", sondern eine
Sammlung älterer Erzählungen, die auch nicht 1900 erschienen,
vielmehr kam der 1. Bd. 1899, der 2. 1900 und der 3. 1902 heraus

S. 56 u. 58: H.G. Münchmeyer hieß keineswegs Gottlob, sondern,
wie alle Welt weiß, Gotthold

S. 62: klar, KM-Exegeten rätseln über die Herkunft des Namens
Winnetou, und Walthers Erklärung, Winnetou könne aus der
Klangähnlichkeit mit Inn-nu-woh (nicht: In-nu-wo, wie zweimal bei
Walther), entstanden sein, hat ja auch einiges für sich. Ich bin
dennoch überzeugt, dass May seinen Winnetou im Gatschet gefunden
hat, jenem von ihm nachweislich häufig benutzten
Indianersprachenverzeichnis, dessen dt. Ausgabe 1876 bei Böhlau
in Weimar herauskam. Die amerikanische Ausgabe erschien im Jahr
zuvor, gleichzeitig - nämlich 1875 - wurden Auszüge daraus in
diversen geographischen Zeitschriften (z.B. "Globus" oder
"Petermanns Mitteilungen") vorabgedruckt. DORT wird May, der
genau zu dieser Zeit nachweislich eine systematische Umschau auf
dem Zeitschriftenmarkt hielt, darauf gestoßen sein. Worauf
nämlich? Auf S. 78 erwähnt Gatschet in einer Anmerkung, dass die
Herkunft der Digger-Indianer neuerdings mit "dem kleinen,
südöstlich vom Berge Shasta in Californien wohnenden
Wintoon-Stamme (sprich: Vintùn)" in Verbindung gebracht werde.
Die Reihe Inn-nu-woh - Wintoon - Winnetou scheint MIR überzeugend
genug...

S. 63: kann man wirklich sagen, Cooper hätte mit seinen
Lederstrumpf-Erzählungen eine "Realistische Beschreibung der
Indianer und ihrer Situation" geliefert?

S. 64: bei der Abb. des Winnetou aus "Im Fernen Westen" sollte
man dazu vermerkten, dass es sich um die ERSTE
Winnetou-Darstellung überhaupt handelt...

S. 67: nach der Redakteurszeit bei Münchmeyer (wonach May zu
Radelli ging) kann man keineswegs schon von
"Kolportageschreiberei" sprechen, das führt zu
Missverständnissen. KM war in den ersten beiden Jahren bei
Münchmeyer Redakteur von Zeitschriften (und teils
Lieferungswerken), aber keineswegs hat er selbst - wie der
Begriff nahelegt - bereits irgendwie Kolportageromane verfaßt
(jedenfalls ist davon bislang nichts bekannt).

S. 68: Mays erster Roman heißt keineswegs "Auf See gefangen",
sondern "Auf der See gefangen"

S. 76 u. 89 u. 124: Josef Kürschner hieß natürlich Joseph

s. 82: Abb. 39: Das "Waldröschen" stammt nicht von 1868, sondern
von 1882f.

S. 89: Kürschners vielgelesenes Familienblatt hieß keineswegs
"Geweb und Fels", sondern - wie auf S. 76 auch richtig
vorgestellt - "Vom Fels zum Meer"

S. 97: keineswegs erschienen Mays "Western-Texte" aus der
Knabenzeitung "Der gute Kamerad" "in der 'Kamerad-Bibliothek'" -
dort erschien nur der "Schwarze Mustang", alle anderen erschienen
separat, in keiner Reihe, als rote Prachtbände...

S. 101: KM hat Klara nicht "zunächst" als "Gänschen" bezeichnet,
sondern in der Studie, also 1907!

S. 110: die 70 spiritistischen Werke in seiner Bibliothek
beweisen keineswegs, dass KM Spiritist war, sondern ganz im
Gegenteil (wie Frau Wolff en passent gezeigt hat...), dass er
sich um eine kritische Distanz genau zu jenem Gegenstand
bemühte...

S. 131: hat Klara Plöhn KM wirklich "mit Liebesschwüren ...
überschüttet[]"? Ich erinnere mich, das anders gelesen zu haben

S. 132: "Sie hatte erreicht, was sie wollte, die Nebenbuhlerin
war aus dem Feld geschlagen." Nun gut, die Arbeit von Frau Wolff
konnte Walther noch nicht kennen, aber es liest sich doch jetzt
reichlich merkwürdig...

S. 139: kann man wirklich von "großartigen symbolischen
Akbilder[n]" Sascha Schneiders sprechen? Mir scheinen sie vor
allem - abgesehen vom "Gewisssen" - großformatig...

S. 155: "So entstand 'Winnetous Erben'" - das ist für denjenigen,
der nicht den Anhang liest und also sieht, dass es sich dabei um
eine KMV-Neuvertitelung handelt, zumindest mißverständlich: es
entstand "Winnetou, 4. Band" - Erben wurden daraus erst später...

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cu
gd 8-)
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Giesbert Damaschke, München
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