23. Okt. 1998:
Hallo,

eigentlich mache ich ja einen Bogen um die sogenannten originalen Bände, aber jetzt habe ich in einer Buchhandlung doch mal einen Blick riskiert und dabei ganz neue Werke entdeckt. Zum einen scheint es sich, dem Titel nach, um Bearbeitungen der Kolportageromane zu handeln (die Bücher waren zugeschweisst), zum anderen fand ich aber auch so was wie "Mein Hengst Rih", "Vinnetou" (Latein) und "Old Shatterhand in der Heimat". In letzeres konnte ich einen Blick werfen. U.a. sind hier die "Freuden und Leiden eines Vielgelesenen" veröffentlicht, zu meinem Erstaunen sogar im wirklichen Originaltext, so weit ich das auf die Schnelle feststellen konnte. Meine Frage, interessehalber, ist nun, ob schon jemand Fachkundiges diese neuen (offensichtlich zur Steigerung der Verkaufszahlen veröffentlichten) Bücher auf wirkliche Originalität der enthaltenen Texte überprüft hat.

Susanne (Uni Hannover)

P.S.: Eigentlich sind Eure Internetseiten viel zu gut, interessant und informativ! Immer, wenn ich sie aufrufe, vergesse ich die Zeit...


14. Januar 2000:
Liebe Susanne,

über die Bearbeitung von Karl-Mays-Werken kann man denken wie man will. Was mich an der ganzen Diskussion stört ist jedoch die Unsachlichkeit vieler Mitglieder der Karl-May-Gesellschaft. Hier werden oftmals Realitäten völlig ausgeklammert und ein Anspruch an die Werke Karl-Mays gestellt, die diese nicht gerecht werden können.

Ich halte es für legitim Bücher zu überarbeiten. Jedes große Werk wurde in überarbeiteten Fassungen auf den Buchmarkt geworfen. Dies geschieht aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen korrigiert ein Lektor heute fast jedes Buch, ausgenommen natürlich die Werke von Grass, Lenz u.a. Nur wenige Menschen lesen heute die Bibel im Originaltext. Zum einen gibt es verschiedene Übersetzungen, zum anderen hat sich auch das Sprachgefühl der Menschen innerhalb der letzten 3000 Jahre sehr geändert. Sprache und dazu gehört auch Schriftsprache ist immer ein Kind ihrer Zeit. Karl May im Original zu lesen, in einer Sprache die dem 19 Jh. entsrpciht ist für viele Menschen kein Vergnügen. Übrigens ebensowenig ist ein Lustgewinn "Huckleberry Finn", von Markt Twain, im Gegensatz zu allen Werken Karl Mays ein Werk der Weltliteratur im Original zu lesen. Twain benutzt in diesem Buch den Südstaatendialekt der Unterschicht. Eine angemessene deutsche Übersetzung erschien erstmalig 1995. Kein Mensch ist vorher auf die Idee gekommen die unterschiedlichen Verlage anzugreifen, weil keine Übersetzung im Ursprungstext vorlag.

Karl May war ein Trivialautor des 19 Jahrhundert. In seiner Rolle durchaus vergleichbar mit den zeitgenössischen Perry-Rhodan-Autoren. Mit einigen dieser Autoren war ich befreundet, u.a. mit dem viel zu früh verstorbenen Kölner Perry-Rhodan-Autor Peter Terrid. Peter Terrid, der davon träumte die Werke Karl May fortzuführen, und der meiner Ansicht nach durchaus das Zeug dazu gehabt hätte war sich seiner Schwächen als Autor und den Schwächen Karl-Mays durchaus bewußt. Wir haben sehr oft darüber diskutiert. Ich kann mich daran erinnern, daß er einmal einwandte, daß Karl-May ein routinierter ´Lektor wie Klaus N.Frick (Perry-Rhodan-Lektor) gefehlt hat. Insofern sind die Überarbeitungen von Karl Mays Werken durchaus als spätere Lektorleistungen zu betrachten. Um wie viel besser hätten einige Bücher des Autors sein können, wenn er bereit gewesen wäre Rat und Hilfe anzunehmen. Auch dies gehört mit zur Diskussion um den Stellenwert von Karl-Mays-Werken. Oft kommt es mir so vor, als ob er für viele Mitglieder der KMG einen Stellenwert wie Goethe besitzt. Hiermit wird kein Mensch Karl May gerecht.

Karl May war ein guter Trivialautor des 19 Jahrhundert, Peter Terrid ein sehr guter des 20 Jahrhunderts. Hochliteratur haben sie beide nicht verbrochen. Und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Die Perry-Rhodan-Serie wird von 135.000 Menschen gelesen. Wäre Perry-Rhodan ein Buch ständ es seit 1961 an der Spitze der Beststeller-Liste. Woche für Woche. Zu einem Weltkongreß wie im Dezember in Mainz kommen rund 3000 Besucher. 2000 Mitglieder besitzt die Perry-Rhodan-Fan-Zentrale, ein Verein ähnlich wie die Karl-May-Gesellschaft. Von diesen 2000 Mitgliedern sind 500 richtig engagiert und 50 Fans kennen sich richtig aus. In der Karl-May-Scene dürften ähnliche Zahlen vorhanden sein. Das Problem was sich aus diesen Zahlen ergibt ist, das ein Verlag, Pabel-Moewig ebenso wie der Karl-May-Verlag für ein großes Publikum produzieren müssen. Kein normaler Leser kauft einen Peter Terrid oder einen Karl-May im Urtext. Die Kosten diesen Urtext für 50 oder auch für 2000 engagierte Personen zu produzieren sind einfach zu hoch.

Also sind Bearbeitungen legitim, weil das Lesebedürfnis einer breiten Masse befriedigt werden kann. Wer Karl-May im Urtext lesen will hat durchaus viele Möglichkeiten, er kann diese wahrnehmen oder auch nicht. Nur er sollte eins nach Möglichkeit unterlassen, sektierisch versuchen diese Urtexte als allein selligmachend zu verkaufen.

Auf eine Diskussion freue ich mich. Da ich zufällig im Internet bin kannst Du mich unter folgender Adresse erreichen:

Werner Fleischer
Landskroner Str. 9
53489 Sinzig
02642/46951


01. Februar 2000:
Hallo Susanne! Hallo Werner!

Da ich gerade am Lesen eines dieser "originalen" Werke bin, möchte ich doch einen kurzen Kommentar dazu geben. Ich betrachte das ganze am Beispiel des Kolportageromans "Deutsche Helden - Deutsche Herzen", den ich in der Reprint- Ausgabe des Karl-May-Verlags besitze. Die vom KMV bearbeiteten Fassungen finden sich in Bd. 60-63.

Ich sehe das Hauptproblem nicht darin, dass der Karl-May-Verlag Bearbeitungen vorgenommen hat (die sind bei den Kolportageromanen unbedingt notwendig), sondern WIE er das gemacht hat.

Nachdem ich die ersten Hundert "Original-Seiten" gelesen hatte, griff ich zur Bearbeitung "Der Derwisch" und war ziemlich entsetzt. Hier wurden praktisch alle Sätze massiv gekuerzt, als könne man dem Leser keine verschachtelten Nebensätze zumuten, Fremdworte allesamt entfernt, kurz: die Sprache sehr vereinfacht, um es gelinde auszudruecken.

Und, Werner, die Sprache Karl Mays bedarf keiner Modernisierung. Karl May schrieb sehr modern. Im Gegenteil: Erst die Bearbeitung macht aus der "karrierten" Kleidung Sir Lindsays eine "gewürfelte".

Noch schlimmer der Band "Allah il Allah", dessen Inhalt auch aus "Deutsche Helden ..." entnommen wurde: Eine Hauptperson wurde kurzerhand zu "Kara Ben Nemsi" umfunktioniert, alles in eine Ich-Erzaehlung umgewandelt und Hadschi Halef Omar hinzugedichtet. Ein auftretender Indiander wurde zu Winnetou usw.

Es gibt nur eine Erklärung fuer das alles: Der KMV wollte den ursprünglichen Roman zu "Jugendbüchern" umfunktionieren. Die Kinder und Jugendlichen sollten eine einfache Sprache vorgesetzt bekommen und vor allem sollten ihre "Lieblinge" Kara Ben Nemsi, Halef, Sir Lindsay, Old Firehand usw. auftreten, die es im ursprünglichen Roman natürlich alle nicht gibt.

Was den Vergleich mit Perry-Rhodan angeht: So ein Vergleich ist nur bei den Kolportageromanen zulässig, denn das sind nichts anderes als Fortsetzungsromane. Aber auch hier ist die Sprache Mays (zumindest im Original) wesentlich ausgefeilter.

Bei anderen Romanen, insbesondere dem Spätwerk Mays ist das allerdings anders. Bei diesen hebt er sich deutlich von der Trivialliteratur ab.

MfG
Martin Edelmann


25. Februar 2000:
Hallo,

nachdem plötzlich nach fast 1.5 Jahren zwei Kommentare zu meinem über die "originalen KM's" gekommen sind, will ich doch noch mal etwas spezifischer in meiner Kritik werden. Ab und zu lese ich vergleichend die Bamberger "Originalausgaben" und die Haffmans-Ausgaben und muss immer wieder feststellen, dass im allgemeinen keine zwei Sätze übereinstimmen. Dazu sind meist Namen der Gestalten der Bücher verändert (, besonders bei den Münchmeyer-Romanen), ganz abgesehen davon, dass in vielen Fällen ganze Teile der jeweiligen Geschichte herausgenommen (z.B. Old Surehand, 2. Band, heute ist der eigentlich dritte Band der zweite und der ehemalige zweite wird extra verkauft = Kapitän Caiman), bzw. deutlich verändert worden sind (z.B. der Franzose der KM'schen "Juweleninsel" wird zum Deutschen). Ausserdem sind viele der neugeschriebenen Passagen ziemlich lächerlich, gelinde ausgedrückt (z.B. Bearbeitung der "Freuden und Leiden eines Vielgelesenen", aus denen "Old Shatterhand a.D." wurde, wobei die Änderung des Titels noch die harmloseste Änderung darstellt).

Sicher ist es jedem unbenommen, die Bearbeitungen lieber zu lesen. Nur ist es in diesem Fall so, dass die Bearbeitungen als die originalen Werke KM's verkauft werden und das sollte doch zumindest nachdenklich stimmen. Die Prozedur wäre vielleicht mit einer Bearbeitung von Goethes "Faust" zu vergleichen, bei der Faust vielleicht lieber Fuss oder so heisst, aus Gretchen ein Liesschen wird, sich "überflüssig lange" Scenen wie Fausts Monolog zu Beginn oder der Osterspaziergang auf höchstens die Hälfte ihrer ursprünglichen Länge reduzieren, dafür andere Dinge wie Gretchens Verzweiflungstat in allen Einzelheiten abgehandelt werden und schliesslich ein (echtes) happy end die Sache abrundet. Und warum die ganze Mühe?!? Weil jemand der Meinung ist, Goethe hat sich schlicht und einfach ein wenig verschrieben und sein weltweiter Erfolg wäre mit Hilfe einiger Korrekturen womöglich noch zu vergrössern. Nur leider darf sich der Korrektor nicht zu erkennen geben, da er ja nun den ganz echten, wahren Goethe geschaffen hat.

In diesem Sinne hoffe ich auf die weitere Verbreitung der reprints und autorisierten Ausgaben!

Susanne


6. Juni 2000:
Karl May und Perry Rhodan in einem Atemzug zu nennen ist schlichtweg grotesk....

Stefan Meduna


3. Januar 2002:
Habe leider erst heute diese Seite im Internet entdeckt...

Was gab es in den frühen 60ern an Karl May-Texten zu lesen? Wenn nicht ererbt, waren das die Bamberger Ausgaben. Mein "Lieblingsbuch" war damals Ritter und Rebellen, den stark veränderten, ergänzten und zu einem Mehrteiler umgeformten Band 69. Erst in den 90ern hatte ich Gelegenheit, den (wenn er es denn ist) Originaltext Mays zu lesen, samt der unsäglichen Fortsetzung ("Bismarck mit dem breiten Schwert" o.ä.) von (Namen hab ich verdrängt).

Mit der Bearbeitung des Karl May Verlages war ein in sich stimmiges Buch entstanden, jedenfalls für einen Zehnjährigen, und dafür bin ich den Bearbeitern dankbar; dieser Band hat mich zu weiterer Lektüre Mays geführt, später dann auch zu den Veröffentlichungen bei Pawlak und Haffmann. Ich wünschte, meine SchülerInnen könnten Spaß an der Lektüre finden, denn Mays Grundhaltung empfinde ich zumeist als eine sehr humane...

Karl Gormanns


Die Position des Karl-May-Verlags zu den Bearbeitungen


Zusammenfassung der Bearbeitungsdiskussion der Mailingliste der KMG


Dazu schreib ich was!


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Titelseite KMG