21. Juli 2001:

Zum Thema: Karl May in französischer Übersetzung

Deutsche Romanciers, die hierzulande die Leser faszinieren - lassen sie sich adäquat ins Französische übersetzen? Hierzu zwei aktuelle Urteile, die sich auf zwei bekannte Schriftsteller des 19. Jahrhunderts beziehen, auf Theodor Fontane (1819-1898) und Karl May (1842-1912):

"'Effi Briest', eine Neuauflage der Übersetzung aus der Kriegszeit (...), erschien 1981 in einer Auflage von 2700 Exemplaren. Davon wurden nur 106 verkauft. (...) Fontanes Sprache ist auf amüsante Weise frisch und altmodisch zugleich, burschikos und poetisch, gepflegt und expressiv. Diese Eigenschaften lassen sich kaum in die französische Fassung seiner Texte übertragen. (...) In der Übersetzung wirken viele Fontane-Texte anders als im Original etwas betulich, künstlich, fade oder elegisch."
    Marc Thuret: Fontane in Frankreich. In: Fontane Blätter 70/2000, S. 118f.

"Wäre Karl May ein so 'typisch deutscher Autor', daß er eben deshalb französischen Lesern nicht zu vermitteln ist? (...) versponnen und schwerfällig, provinziell, umständlich, sentimental - oder zumindest in einem solchen Ausmaß ohne Esprit und spielerische Leichtigkeit, daß die Kost für französische Leser schwer verdaulich wäre? (...) (Das wäre eine solcher) großflächigen und damit notgedrungen vagen Erklärungen (...)."
    Reinhold Wolff: Karl May und Frankreich. In: Mitt. d. KMG 123/2000, S. 53

Auch wenn die Worte Wolffs nicht sein letztes Urteil in dieser Frage sind, so bleibt doch bemerkenswert, daß hier bei Fontane und bei May ähnlich argumentiert wird, nämlich mit dem besonderen deutschen Stil der beiden Autoren. Theodor Fontane und Karl May sind in Deutschland die meistgelesenen Autoren des 19. Jahrhunderts. Sie ähneln sich, so zeigt sich, auch hinsichtlich der Problematik ihrer Übersetzbarkeit.

Martin Lowsky


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