Ralf Harder hat uns mit seiner Stellungnahme ein Weihnachtsgeschenk gemacht, ein positives, denn all die Kritik, die sein Buch anziehen muß, bestätigte er mit seiner Stellungnahme vollauf: angefangen von den handwerklichen Schwächen bis hin zur fehlenden Wissenschaftlichkeit.
Vorerst einmal dies: Wie der Titel meiner Ausführungen dartut, geht es primär um eine Kritik siehe Untertitel an einer Pseudo-Methode, für die ich aufgrund Anratens ernsthafter Karl-May-Forscher das Wort Methode vermieden und durch den treffenderen Ausdruck Assoziationen ersetzt habe. Im Zusammenhang damit dies deutet das von Harder offenkundig übersehene Wörtchen insbesondere an wird eben auch Harders Buch einer Kritik unterzogen, also bewußt nicht allein sowie unter einem speziellen Aspekt. Aber nicht nur diese beiden Umstände verdunkeln sich für den sein Buch verteidigenden Harder, sondern auch das Wesen einer Kritik an einem Buch schlechthin. Kritik ich darf nochmals auf den Untertitel meiner Ausführungen verweisen ist wesensmäßig etwas anderes als das, was man nach Harders Ansicht von mir hätte erwarten können, nämlich eine Gegendarstellung zu (seinem) Buch. Der Hinweis auf Selbstverständliches sei gestattet, nämlich, daß eine Buchrezension Harder sieht meine Ausführungen ja primär als gegen sein Buch gerichtet an etwas anderes als eine Gegendarstellung ist. Selbst Richard Wagner und Anton Bruckner haben von ihrem schärfsten Kritiker, dem Musikschriftsteller Eduard Hanslick, nicht erwartet, daß dieser etwa einen besseren Ring oder bessere Sinfonien komponiere. Und wenn alle Buchrezensionen sich stets zu Gegendarstellungen auswüchsen, gäbe es statt Fachzeitschriften nur mehr mehrbändige Gegendarstellungs-Lexika. Harder verlangt ja von mir, ich hätte subtile Textanalysen anstellen müssen, um zu belegen, daß bestimmte Passagen nicht von May sind. Natürlich war das gar nicht mein Anliegen, sondern, in Harder nachempfundenen Worten, ging es mir vielmehr darum, anhand von Textanalysen zu belegen, daß bestimmte Passagen Harders einer handwerklich-methodischen Überprüfung schlicht nicht standhalten. Und dafür nämlich vorerst einmal zum Handwerklichen liefert Harder in seiner Stellungnahme nahezu unschuldig unabsichtlich ein treffendes Beispiel. Bekanntlich ist für Harder der häufige Gebrauch des Wortes vollständig ein kräftiges Indiz für das Vorliegen eines May-Textes, und dieses käme beispielsweise im Waldröschen überhaus häufig vor dazu zitiert er aber in seinem Buch nur vier Seiten. Jetzt aber, und dies rechtfertigt die Charakteristik seiner Gegendarstellung als Weihnachtsgeschenk, legt er uns auf den Gabentisch, das Wort vollständig käme vor wie folgt: 22, 23, 25 (2mal), 26 (3mal), 27, 28, 33, 41 (2mal), 42 (2mal), 46 (2mal) dann aber hörts auch auf, Gott sei Dank natürlich, denn niemand wird von Harder verlangen, daß er, was er offenkundig mir als absurd unterstellt, jede einzelne Belegstelle als Einzelzitat gebracht hätte. Nur: Warum hat er dann überhaupt die paar Seiten zitiert? Warum hat er nicht und jetzt kommen wir vom Handwerklichen zum Methodischen das von ihm erarbeitete statistische Material, nämlich die Häufigkeit des Vorkommens der May-typischen Wörter, ausgewertet? Ich habe das in meiner Kritik bereits erwähnt. Es sei nochmals betont: Wie oft kommt ein derartiges Wort pro Seite/pro zehn Seiten/pro ein Dutzend Seiten oder was auch immer vor? Gibt es an bestimmten Stellen eine besondere Dichte, an anderen Stellen eine auffallende Lücke? Daraus hätte man nämlich auch Rückschlüsse auf eine fremde Hand oder deren Ausbleiben ziehen können! Aber nein: Wers wissen will, soll sichs, so Harder offenkundig, eben selbst aus den Münchmeyer-Romanen zusammensuchen. Und wer das nicht tut, sondern sich mit Harders Ausführungen begnügt, muß sich von ihm den Vorwurf gefallen lassen, er der Leser habe sich nur flüchtig mit den Münchmeyer-Romanen befaßt! Ein neues (Karl-May-)Gesellschaftsspiel: einer (z. B. Harder) stellt eine Behauptung auf ein anderer (z. B. Harders Leser) muß sie beweisen!
Andere Gegendarstellungs-Äußerungen Harders bekräftigen das Gegenteil von dem, was er einfordert, nämlich Wissenschaftlichkeit. Gegen meine Darstellung, Harder habe die Blut muß fließen Knochen müssen fliegen Stelle bei May völlig falsch eingeschätzt, nämlich ernst genommen, hält er entgegen: Franziska von Staufen habe gelebt! Welch ein (Gegen-) Argument! Harder hat verkannt, was May aussagen möchte egal, ob May sich nun über eine existierende Kollegin oder eine erfundene Schriftstellerin äußert. Gerade der Umstand, daß May eine konkrete Kollegin im Auge hatte, hätte Harder besonders darauf stoßen müssen, daß May nicht anhand einer erfundenen Gestalt etwas beschreibt wie man nämlich Romane schreiben solle (so ja wohl Harder) , sondern kritisiert wie eine existierende Kollegin schreibt, was May persifliert und ablehnt.
Parallelen zu erkennen, einen Konnex zwischen Aussage und Begründung herzustellen, fällt Harder offenkundig nicht ganz leicht. Natürlich habe ich nicht die Nick-Knatterton-Bildserie mit den Münchmeyer-Romanen verglichen, sondern das offenkundig zeitlose Problem dokumentiert, daß Wiederholungen in lang auseinanderliegenden Fortsetzungen dem Leser kaum, jedenfalls weniger auffallen als in einem zügig durchlesbaren Buch und dazu sind übrigens nicht die Nick-Knatterton-Bildserien herangezogen, sondern es ist deren Autor zitiert.
Apropos Zitieren: Daß man natürlich nach Originalen zitiert, ist eine Selbstverständlichkeit und wurde von mir nicht gerügt nur: Wenn jemand bestimmte Textpassagen nachlesen möchte, dann bietet es sich an, zusätzlich auf den heute greifbaren Text zu verweisen!
Und zum Schluß noch zu dem Vorwurf, ich hätte ein Lina Münchmeyer erfunden. Wie liest sich dies bei Harder? Folgende Buchstabenspielereien stellt er u. a. an (abgesehen von Anfangsbuchstaben stehen Versalien hier für Fettgedrucktes bei Harder):
AdeLINE (...) V E rd Y/Liama (LinA EmMa) PauLINE Münchmeyer/EY. Bei dieser völlig beliebigen Buchstabenspielerei kann sich ein Leser, was von mir persifliert wurde, eben eine Lina Münchmeyer, eine Emma Ey und was sonst noch alles zusammenreimen.
Es soll nicht bezweifelt werden, daß Harder immens fleißig war, auch habe ich betont, daß ihm zahlreiche wertvolle Einsichten zu verdanken sind aber er hat offenkundig vieles nicht vor dem Leser ausgebreitet und vieles nicht ausgewertet, dafür vieles merkwürdig zusammengewoben, vieles fehlinterpretiert und vieles übersehen. Und schließlich ist das Ganze doch unter eine Zielrichtung gestellt, die mehrfach betont wird: Es wäre etwas aufzudecken, was May heute nicht mehr schaden könne ehedem, hätte mans so gewußt, wie es Harder glaubt bewiesen zu haben, doch! Und dafür genügt Harders Buch weder handwerklich noch wissenschaftlich noch sonst wie.
Wilhelm Brauneder, Wien (per Boten)
Wilhelm Brauneder wirft mir "handwerkliche Schwächen bis hin zur fehlenden
Wissenschaftlichkeit" vor. Da Brauneder mehrfach sinnentstellend zitiert,
sollte er besser vor seiner eigenen Türe kehren.
Im Grundtenor ganz andere Besprechungen meines Buches habe ich auf der Seite
http://www.karl-may-stiftung.de/analyse/stimmen.htm
zusammengefaßt.
Zitat Brauneder:
"Bekanntlich ist für Harder der häufige Gebrauch des Wortes 'vollständig' ein kräftiges Indiz für das Vorliegen eines May-Textes, ..."
Kräftiges Indiz? Ich habe mich dazu bereits geäußert ( http://www.karl-may-stiftung.de/analyse/dilettant.htm ): "Brauneder nennt lediglich von mir genannte Wörter, die nicht ganz so aussagekräftig sind. Wichtige Eigentümlichkeiten, z.B. 'Komposita mit Doppel' erwähnt er nicht. Würde ich heute mein Buch schreiben, könnte ich eventuell auf Wörter wie: allerdings, jedenfalls, vollständig und wirklich verzichten. Diese Wörter eignen sich vorwiegend für großflächige Textpartien - für die Untersuchung der Autorschaft ganzer Kapitel (natürlich im Verbund mit weiteren aussagekräftigen Wörtern!), denn die Verfasserschaft Mays von Ulane und Zouave sowie des Schlußteils von Deutsche Herzen, Deutsche Helden wurde vom Karl-May-Verlag noch vor wenigen Jahren vehement angezweifelt. Inzwischen gab es eine Kehrtwendung - weitere 'Grüne Bände' sind mit den zuvor abgelehnten Texten erschienen. Heute braucht man sich über die Autorschaft ganzer Kapitel keine Gedanken mehr machen."
Brauneder schreibt ferner:
" 'AdeLINE (...) V E rd Y'/'Liama (LinA - EmMa)' - 'PauLINE Münchmeyer/EY'. Bei dieser völlig beliebigen Buchstabenspielerei kann sich ein Leser, was von mir persifliert wurde, eben eine Lina Münchmeyer, eine Emma Ey und was sonst noch alles zusammenreimen."
Aus dem Zusammenhang meines Buches 'Karl May und seine Münchmeyer-Romane', S. 70-77, ergibt sich eindeutig, daß es keine Lina Münchmeyer gab. In der 'Pollmer-Studie', S. 838, schrieb May über seine erste Frau "Emma Lina" und Heinrich Münchmeyer:
Es ist wahrlich kein Spaß, Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat nur immer aufpassen müssen, daß der liebestolle Hausfreund Einem nicht über die Frau geräth! Das ging über meine Kräfte.
Ich habe deshalb in meinem Buch, S. 72, folgerichtig geschrieben:
"Und übrigens: sobald in Mays Münchmeyer-Romanen eine Emma, Emilia, Emilie, Ella, Elma oder Lina auftaucht, wird der Text hochinteressant!"
Brauneder interpretiert ferner sinnentstellend:
"Gegen meine Darstellung, Harder habe die 'Blut muß fließen - Knochen müssen fliegen - Stelle' bei May völlig falsch eingeschätzt, nämlich ernst genommen, hält er entgegen: Franziska von Staufen habe gelebt! Welch ein (Gegen-) Argument! Harder hat verkannt, was May aussagen möchte - egal, ob May sich nun über eine existierende Kollegin oder eine erfundene Schriftstellerin äußert. Gerade der Umstand, daß May eine konkrete Kollegin im Auge hatte, hätte Harder besonders darauf stoßen müssen, daß May nicht anhand einer erfundenen Gestalt etwas beschreibt - wie man nämlich Romane schreiben solle (so ja wohl Harder) -, sondern kritisiert wie eine existierende Kollegin schreibt, was May persifliert und ablehnt."
Die Original Romanstelle im Weg zum Glück, Dresden 1886-1888, S. 77, lautet aber:
"... Du willst einen Roman machen, und, weißt, in einem Roman darf's
nicht so mild und zärtlich hergehen. Da muß Blut fließen, und die Knochen
müssen fliegen wie bei einem Hagelwetter."
"Du hast Recht [!], Anton. ..."
Hier kritisiert May nicht seine "existierende Kollegin", sondern er legt seinem Krikelanton wohl eher diverse Ratschläge in den Mund!
In seinem Sonderheft, S. 34f., schrieb Brauneder:
"Und das hätte Harder auch aus der Sekundärliteratur wissen können [!], denn nach Kosciuszko ist sie 'sehr überspannt' und 'wähnt, sie sei eine Dichterin' [B. KOSCIUSZKO (Hrsg.), Großes Karl May Figurenlexikon, 1. Aufl., Paderborn 1991, 636.]"
Und eben aus dieser Sekundärliteratur hätte Brauneder wissen müssen, daß ich selbst im Autorenregister des Figurenlexikons genannt werde. Im übrigen habe ich die Figuren aus dem Weg zum Glück, also auch Franza von Stauffen, für das Lexikon erfaßt.
Und jetzt zum Kernsatz der Brauneder-Erwiderung:
"Harder hat uns mit seiner Stellungnahme ein Weihnachtsgeschenk gemacht, ... "
Uns? Wen meint er? Spricht er von sich im Plural? Oder meint er gar sich und den Karl-May-Verlag? Als Spitzenpolitiker einer österreichischen Regierungspartei hat er wohl einen Internetzugang, wie folgende URL mit Brauneders Lebensdaten vermuten läßt:
http://www.univie.ac.at/juridicum/institute/braunede.htm
Warum sendet Brauneder also seine Harder-Erwiderung an den Karl-May-Verlag und nicht direkt an die Herausgeber der KMG-Seiten? Warum wurde der Text "freundlicherweise übermittelt von Bernhard Schmid"? Warum dieser Umweg? Was hat der Karl-May-Verlag mit einem Sonderheft der KMG zu tun?Zunächst ein Zitat aus einer KMV-Publikation:
"Ich neige zur Ansicht, daß Karl May die inkriminierten 'lüsternen'
Stellen zum Teil wirklich niedergeschrieben haben könnte und daß die spätere
Verleugnung dieser Tatsache subjektiv wohl ehrlich, objektiv jedoch unwahr
gewesen sein dürfte."
[Otto Forst-Battaglia: Traum eines Lebens - Leben eines Träumers, Beiträge zur
Karl May-Forschung, Bd. 1, Bamberg 1966, S. 133.]
Setzt man voraus, der Karl-May-Verlag steht zu seinen Veröffentlichungen, so mutet es doch merkwürdig an, daß sich der Verleger Bernhard Schmid öffentlich äußerte, mein Buch würde Karl May als Lügner hinstellen. [Auf dem 14. Kongreß der Karl-May-Gesellschaft (20.9.1997) in Erlangen.]
Nicht über die Münchmeyer-Erstausgabe, sondern über die sogenannte Fischer-Ausgabe schrieb May:
Münchmeyers Nachfolger aber hat derartige Umgestaltungen ausführen lassen, dass
sich zwischen der alten und seiner neuen Ausgabe ein Unterschied von
hunderten von Seiten ergibt. Das ist doch geradezu grässlich! Wenn
irgend ein Mensch es wagte, das Gemälde eines Malers beschneiden und
überpinseln oder die Statue eines Bildners behacken und bemeiseln zu lassen und
diese Verballhornisierungen als Originalwerke der betreffenden Erzeuger zu
verkaufen, so würde sich die gesamte Presse des Geschädigten annehmen und den
Fälscher derartig brandmarken, dass er sich nicht wieder sehen lassen könnte.
[Ein Schundverlag, S. 852f.]
Folgerichtig prangerte Lothar Schmid im Magazin Focus die aktuelle Weltbild-Ausgabe an, welche den von May beanstandeten Fischer-Text enthält. Focus berichtete über die KMV-Bearbeitungen nach einem Interview mit Schmid wie folgt:
"Kurz vor seinem Tod 1912 wollte er [May] sie [die Münchmeyer-Romane]
dann aber doch - umfassend überarbeitet - den Gesammelten Werken eingliedern.
Er beauftragte Euchar Albrecht Schmid, den Mitbegründer des Karl-May-Verlags,
mit der Bearbeitung."
[Focus, Nr. 38/1999, S. 189.]
Werfen wir hierzu einen "Blick in die literarische Werkstatt des Karl-May-Verlags". Aus dem Vorwort des Reprints Deutsche Herzen - Deutsche Helden, Bamberg 1976:
"In der Form der Erstdrucke, wie diese Lieferungsromane vor Jahren veröffentlicht wurden, konnten sie nicht Aufnahme in die Gesammelten Werke finden, sondern sie bedurften einer sorgfältigen Durchfeilung, Bearbeitung und Verbesserung durch mich und meine Mitarbeiter, wobei ich mich oft auf meine sich von Fall zu Fall sogar bis in kleine Einzelheiten erstreckenden Unterredungen mit Karl May stützen konnte." [S. IX]
"Im Fall der Erzählung 'Deutsche Herzen - Deutsche Helden' erkannten wir, daß große Teile des früheren zweiten Kapitels ('Die Königin der Wüste') mit der Haupthandlung wenig zu tun hatten. Wir schälten den betreffenden Text deshalb heraus und verwandelten den Haupthelden (Oskar Steinbach, das ist, äußerlich betrachtet, ein Kara Ben Nemsi in wenig veränderter Gestalt) in den 'richtigen' Kara Ben Nemsi. Es lag nahe, nunmehr dieses Buch (heute: Bd. 60 'Allah il Allah!', 1930) von der Er-Form in die Ich-Form überzuführen, um so mehr, als es zeitmäßig und bezüglich des Schauplatzes eine Lücke in Band 1 'Durch die Wüste' ausfüllt, nämlich zwischen dem tunesischen Abenteuer am Schott el Dscherid und den Nil-Kapiteln. Folglich mußten wir dem Helden auch den unvermeidlichen Hadschi Halef Omar hinzufügen, was nicht leicht war." [S. X]
Gab es wirklich derartige Absprachen, daß sich Dr. E. A. Schmid "sich von Fall zu Fall sogar [auf] bis in kleine Einzelheiten erstreckenden Unterredungen mit Karl May stützen konnte"?
Im Kapitel 'Mein Weg zu Karl May', zitiert nach: GW Bd. 34 "Ich", Bamberg 1992, S. 331, schrieb Dr. E. A. Schmid:
"Während jener Stuttgarter Tage geschah es, daß er mir, der ich ihm [Karl May] wiederum Trost und Ratschläge zu geben suchte, plötzlich sagte: "Sie sollten mein Verleger werden!" Mehr wurde nicht hierüber gesprochen [!], und ich glaubte auch nicht, daß dieser Gedanke jemals greifbare Formen annehmen könnte. Aber nach des Dichters Ableben [!] erinnerte sich Frau May jener Worte, ..."
Und in einem Flugblatt aus dem Jahre 1920 schrieb Schmid, zitiert nach "Kapitän Kaiman", Bamberg 1999, S. 541:
"Nur in der Reiseerzählung Old Surehand, deren neue Fassung hiermit vorliegt, war eine Änderung vorzunehmen, zu der ich mich erst nach langem Zaudern [!] entschließen konnte. Der verstorbene Dichter hatte nämlich diesen Roman dreibändig herausgegeben ... mit Genehmigung der Witwe Karl Mays [!] wurden nunmehr ... Nebenerzählungen aus dem Roman gehoben und in einem besonderen, in sich abgeschlossenen Band unter dem Titel 'Kapitän Kaiman' vereinigt, ..."
Demnach gab es keine "bis in kleine Einzelheiten erstreckenden Unterredungen mit Karl May" über die Bearbeitungen der 'Gesammelten Werke'!
Der inzwischen verstorbene Pfarrer Ernst Seybold schrieb in einem Brief vom 21.8.1996 an Bernhard Schmid:
"Dabei ist die Aussage. Ihr Herr Großvater [E. A. Schmid] hätte sich bei seiner Bearbeitungs-Arbeit auf Unterredungen mit Karl May stützen können, unzutreffend. Es gibt genügend Stellen in den Druckwerken des KMV, die beweisen, daß Ihr Herr Großvater diesen Satz nie behauptet hat. In Bibelwissenschaft und Textkritik ausgebildet, stehen mir die - in diesem Fall ganz simplen - Instrumente für solch einen Nachweis zu Verfügung: Wenn in der Bibel, nur z.B., von den Weisen aus dem Morgenland zu lesen ist und ihre Namen und ihre Zahl viel später erst im christlichen Schriftgut auftauchen, dann ist klar, daß man zur Zeit des Neuen Testaments diese Namen noch nicht kannte, daß sie also erst später 'erfunden' wurden. Wenn bis 1976 der zitierte Satz niemals in einem Druckwerk des KMV aufgetaucht ist, obwohl Ihr Herr Großvater ihn spielend hätte da und dort unterbringen können, dann ist klar: Er ist Legende wie Kaspar, Melchior und Balthasar. Man bedenke auch: Man hat Karl May bearbeitet - was liegt näher als der Gedanke, daß auch Ihr Herr Großvater bearbeitet worden ist!"
Den vollständigen Brief erhielt ich von Ernst Seybold zur Kenntnisnahme.
Daß es wohl keine "bis in kleine Einzelheiten erstreckenden Unterredungen mit Karl May" über die Bearbeitungen gegeben haben kann, zeigt auch folgender Umstand: Die Bearbeitungen der Münchmeyer-Romane im Karl-May-Verlag sind zumindest teilweise anhand der Fischer-Ausgabe erfolgt -: Textfassungen, die Karl May gerichtlich verbieten lassen wollte!
Im Roman Der verlorne Sohn kehrt der Hauptheld nach jahrelanger Abwesenheit aus Madagaskar zurück. In der Fischer-Ausgabe kehrt er aus Ceylon zurück, was für die KMV-Bearbeiter die Assoziation Ceylon/Indien hervorrief. Die gültigen Währungen in der Erstausgabe sind Gulden und Kreuzer, in der Fischer-Ausgabe Mark und Pfennig - so auch in der KMV-Fassung 'Das Buschgespenst'.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der KMV teilweise May-Texte anbietet, die aufgrund der von May beanstandeten Fischer-Bearbeitung entstanden sind. Die Münchmeyer-Erstausgaben haben die Autorität relativ größter Manuskriptnähe, wie ich in meinem Buch Karl May und seine Münchmeyer-Romane festgestellt habe. Es ist verständlich, daß der KMV mein Buch anprangert, weil man weiterhin an den eigenen Verlagsbearbeitungen festhalten möchte.
vom 24.2.2000
Mit Verwunderung und wachsendem Ärger mußten wir zur Kenntnis nehmen, daß Herr Harder den bisher mit Herrn Prof. Brauneder ausgetragenen Disput über Mays Autorschaft an den Münchmeyer-Romanen nun auf unbeteiligte Dritte konkret gesagt: den Karl-May-Verlag auszudehnen sucht.
Herrn Harders Unterstellung, Herr Brauneder sei hier im Interesse oder gar im Auftrag des Verlages tätig, weisen wir entschieden zurück. Auf Herrn Brauneders Ansichten, Analysen und Kritiken an den Harderschen Theorien haben weder der Verlag noch einzelne Mitarbeiter irgendwelchen Einfluß genommen. Dieser Versuch, einen in der Sache entschiedenen, aber korrekten Kritiker anzuschwärzen, indem man ihn in den Ruch der Parteilichkeit bringt, zeugt wahrlich nicht von einem souveränen und nur an der wissenschaftlichen Erkenntnis interessierten Umgang mit anderen Meinungen.
Vielmehr kommt der unschöne Eindruck auf, der Autor Harder habe den Braunederschen Positionen argumentativ nicht mehr viel entgegenzusetzen und eröffne nun neue Streitschauplätze, um von seiner ungünstigen Lage abzulenken. Fakt ist: Der Verlag war Herrn Brauneder auf dessen Anfrage hin behilflich, seinen letzten Text im Internet zu veröffentlichen, und zwar eben nicht auf der eigenen Verlags-Homepage, sondern auf den jedem Diskussionsbeitrag rund um May offenstehenden Seiten der KMG. Nicht mehr und nicht weniger.
Daß man den Boten, der der KMV in dem Falle war, für die unwillkommene Botschaft schlägt, die er überbringt, ist eine zwar alte, dennoch nicht hinzunehmende Unsitte. Es ist Herrn Harders gutes Recht, sich zu verteidigen und Herrn Brauneder zu widersprechen, wenn dieser die methodischen Schwächen der Arbeit rügt; sollte aber Herr Harder diese Verteidigung schwerfallenschwerfallen, dann möge er auf solche ersatzweisen Angriffe doch bitte verzichten!
Wir wollen daher die strittigen Einzelfragen seiner Arbeit, die Harder hier noch einmal aufrollt, nicht beurteilen, sondern uns seinen direkten Attacken gegen den Verlag widmen.
So ist ganz richtig, daß der KMV 1966 ein Buch Otto Forst-Battaglias veröffentlicht hat, in dem jener die Ansicht vertrat, ... daß Karl May, die inkriminierten lüsternen Stellen zum Teil wirklich niedergeschrieben haben könnte ... Nun, wo ist das Problem? Wir sind durchaus für Gedanken- und Meinungsfreiheit, auch wenn das nicht in jedermanns einseitig verzerrtes Klischeebild vom bösen Verlag passen mag. Es freut uns, wenn Herr Harder darauf hinweist, daß in unserem Programm Platz auch für kontroverse Meinungen war und ist. Nur, warum findet er das eigentlich schlecht? Das Battaglia-Zitat beweist doch gerade, daß hier keine Unterdrückung mißliebiger Gedanken stattfindet, wie Herr Harder suggerieren möchte. Anders liegt der Fall aber, wenn jemand aus seiner subjektiven Überzeugung ein Recht abzuleiten versucht, alle diejenigen anzugreifen, die selbige nicht teilen. Otto Forst-Battaglia vertrat eine Meinung, Ralf Harder attackiert und attackiert und attackiert ...
Ganz vom Vorwurf der methodischen Fragwürdigkeit ausnehmen können wir Herrn Harder allerdings auch nicht, wenn er ein Zitat aus dem Schundverlag herausgreift (welches übrigens auf Seite 352 zu finden ist, nicht wie angegeben auf 852), um damit zu beweisen, May hätte nur die Fischer-Ausgabe, nicht aber die ursprüngliche Münchmeyer-Ausgabe bekämpft.
Auf just der selben Seite des Schundverlags (352!), nur 15 Zeilen weiter oben, steht folgendes:
Es wurde mir einmal gesagt, dass Münchmeyer riesig ändere. Da ging ich hinein, liess mir den letzten Druck und das letzte Manuskript geben und schaute nach. Da entdeckte ich nun freilich derartige Veränderungen, dass ich drohte, sofort mit Schreiben aufzuhören, falls das nur noch ein einziges Mal vorkomme.
Hier gehts ja wohl ganz zweifelsfrei um den Erstdruck, oder? Soviel leider zur Beweiskraft des von Herrn Harder aus dem Zusammenhang sauber herausgelösten Zitates. Sollen wir da nun die Methodenfrage vertiefen? Lieber nicht!
Unberührt von all dem bleibt zudem Mays zentrale Aussage, die in gewissen Kreisen geflissentlich überhört wird:
Ob ich sie [= die Kolportageromane] damals genau so geschrieben habe, wie sie jetzt gedruckt werden, ... das sind Fragen, die darum erst an zweiter Stelle zu stehen haben, obgleich sie mich nicht weniger berühren. Diese unsittlichen Werke zunächst und so schnell wie möglich aus dem Buchhandel und aus den Verkaufsläden heraus, das ist für mich die Hauptsache. (Ein Schundverlag, S. 266)
Wenn der Wille des Autors respektiert wird, heißt dies doch:
Egal ob Fischer- oder Münchmeyer-Ausgabe, egal, welche Teile von May stammten und welche nicht er wollte keine dieser Fassungen, weder unter seinem Namen noch anonym, mehr veröffentlicht sehen. Daher protestieren wir auch ganz entschieden gegen Verkäufe dieser Fassungen in der Villa Shatterhand, in der Karl May lebte und litt.
Daß die Bearbeiter der Kolportageromane im Karl-May-Verlag teilweise von der Fischer-Fassung ausgingen, da diese hinsichtlich der Erotika schon bereinigt war, ist nie bestritten worden. Warum auch? Es war die im Vergleich zum Erstdruck immerhin bessere Variante und somit die geeignetere Basis für die notwendige Neubearbeitung.
Zur behaupteten Legendenhaftigkeit von Dr. Euchar Albrecht Schmids Gesprächen mit Karl May und zum diesbezüglichen Schreiben von Herrn Pfarrer Seybold sind auch noch einige Notizen notwendig.
Eines vorab, was hier im Hause Befremden auslöste: Ist Herr Harder der Ansicht, daß es ihm zukommt, einen weder von ihm verfaßten noch an ihn adressierten Brief, der ihm von Herrn Seybold sicherlich nur zur vertraulichen Kenntnisnahme überlassen wurde, hier zu veröffentlichen oder daraus zu zitieren? Hat er des inzwischen leider Verstorbenen Erlaubnis dazu wohl jemals erhalten?
Davon abgesehen irrte Pfarrer Seybold jedoch ohnehin, als er aus der Tatsache des späten Veröffentlichungsjahres schloß, der im Vorwort zum Reprint von Deutsche Herzen, deutsche Helden wiedergegebene Text E. A. Schmids sei nicht authentisch.
Es handelt sich um einen für das nicht mehr zustande gekommene Karl-May-Jahrbuch 1934 vorgesehenen Essay aus den frühen 30er Jahren. In einem der Schreibmaschinen-Durchschläge findet sich E. A. Schmids handschriftliche Ergänzung: ... wobei ich mich oft auf meine sich von Fall zu Fall sogar bis in kleine Einzelheiten erstreckenden Unterredungen mit Karl May stützen konnte ...
Herrn Harders Absicht, dem vor zehn Jahren verstorbenen Roland Schmid zu unterschieben, er habe seines Vaters Texte manipuliert, sowie die Anrufung des ebenfalls toten Herrn Seybolds als Zeuge für diese Mutmaßung sind schon sehr makaber.
Aber wenn Letzterer zu Wort kommen soll, dann doch bitte in der ganzen Vielfalt seiner sprudelnden, durchaus kundigen, oft eigenwilligen und auch mitunter widersprüchlichen Gedanken über Karl Mays Leben und Werk. Hier eine Äußerung Herrn Seybolds aus einem Brief an Roland Schmid vom 22.12.1983:
Ich sehe ja ein, daß man Urdrucke usw. braucht. Aber die dogmatistische Art, wie man so oft gegen Leseausgaben Stellung nimmt, ist irrsinnig. Die Welt geht nicht unter, wenn man statt der Luther-Bibel eine moderne Übersetzung nimmt, und sie geht auch nicht unter, wenn sich viele Leute an einer KM-Leseausgabe statt an einem Urtext erfreuen. Auch stört mich die untergründig immer wieder einmal spürbare Unterstellung, als ob die Bearbeiter der KM-Texte schlichtweg Fälscher mit böser Absicht gewesen wären. Ich will ja den literarischen Rang von KM nicht in Zweifel ziehen: aber daß man mit seinen Texten so umgehen müßte wie mit heiligen Schriften meinetwegen auch nur der großen Literatur eines Goethe usw. , das war doch 1913 und auch noch später nicht klar. Daß man aus der Distanz jener Jahre, der geringen Distanz, noch nicht machen konnte, was man heute machen kann, sollte man doch endlich verstehen, und das, was man heute machen kann, sollte man wirklich dem Lauf der Zeit zubilligen und nicht der endlich gereiften, heute nun vorhandenen, seinerzeit unerklärlicherweise fehlenden Anständigkeit.
Diese Gegengewichte sind wohl nötig und sicher auch hinreichend dienlich, um das, was Herr Harder ganz bewußt in Schräglage versetzte, wieder in die Waage zu bringen.
Roderich Haug Bernhard Schmid
1) "Herrn Harders Unterstellung, Herr
Brauneder sei hier im Interesse oder gar im Auftrag des Verlages tätig, weisen
wir entschieden zurück."
Ich habe lediglich Fragen gestellt: "Warum sendet Brauneder also eine Harder-Erwiderung an den Karl-May-Verlag und nicht direkt an die Herausgeber der KMG-Seiten? Warum wurde der Text "freundlicherweise übermittelt von Bernhard Schmid"? Warum dieser Umweg? Was hat der Karl-May-Verlag mit einem Sonderheft der KMG zu tun?"
Man könnte weiter fragen:
Und falls Brauneder keinen Internetzugang haben sollte (ist das vorstellbar als Universitätsprofessor und Politiker?), warum schickt er dann seinen Text per Briefpost an den KMV und nicht an die Geschäftsstelle der KMG oder gleich an die Herren Starrost und Schönbach? Die Adressen sind doch aus den KMG-Nachrichten bekannt oder können dem Mitgliederverzeichnis der KMG entnommen werden. Aber das sind lediglich Fragen, die doch zumindest nachdenklich stimmen ...
2) "In einem der Schreibmaschinen-Durchschläge findet sich E. A. Schmids handschriftliche Ergänzung: '... wobei ich mich oft auf meine sich von Fall zu Fall sogar bis in kleine Einzelheiten erstreckenden Unterredungen stützen konnte ...' Herrn Harders Absicht, dem vor zehn Jahren verstorbenen Roland Schmid zu unterschieben, er habe seines Vaters Texte manipuliert, ..."
Die Texte von E. A. Schmid sind in der Tat mitunter bearbeitet worden:
"Sein Sohn und Nachfolger
Roland Schmid hat sie [die Ausführungen seines Vaters] danach immer wieder auf
den neuesten Stand gebracht."
[GW Bd. 34 "Ich", Bamberg 1992, S. 328.]
Es ist schon sehr merkwürdig, daß ausgerechnet jener genannte Halbsatz "in einem [!] der Schreibmaschinen-Durchschläge" handschriftlich ergänzt wurde. Es wäre schön, wenn der Karl-May-Verlag davon ein Faksimile vorlegen würde. Aber selbst wenn dieser Satz von Dr. E. A. Schmid stammt, bleiben große Widersprüche bestehen, auf welche die Herren Haug und Schmid vom Karl-May-Verlag mit keiner Silbe eingegangen sind. Die Widersprüche sprechen für sich:
"... wobei ich mich oft auf
meine sich von Fall zu Fall sogar bis in kleine Einzelheiten erstreckenden
Unterredungen stützen konnte ..."
[Reprint: Deutsche Herzen - Deutsche Helden, Bamberg 1976, S. IX]
"Während jener Stuttgarter
Tage geschah es, daß er mir, der ich ihm [Karl May] wiederum Trost und
Ratschläge zu geben suchte, plötzlich sagte: "Sie sollten mein Verleger
werden!" Mehr wurde nicht hierüber gesprochen [!], und ich glaubte auch
nicht, daß dieser Gedanke jemals greifbare Formen annehmen könnte. Aber nach
des Dichters Ableben [!] erinnerte sich Frau May jener Worte, ..."
[E. A. Schmid: 'Mein Weg zu Karl May', zitiert nach: GW Bd. 34 "Ich",
Bamberg 1992, S. 331]
"Nur in der Reiseerzählung
Old Surehand, deren neue Fassung hiermit vorliegt, war eine Änderung
vorzunehmen, zu der ich mich erst nach langem Zaudern [!] entschließen konnte.
Der verstorbene Dichter hatte nämlich diesen Roman dreibändig herausgegeben
... mit Genehmigung der Witwe Karl Mays [!] wurden nunmehr ... Nebenerzählungen
aus dem Roman gehoben und in einem besonderen, in sich abgeschlossenen Band
unter dem Titel 'Kapitän Kaiman' vereinigt, ..."
[E. A. Schmid in einem Flugblatt aus dem Jahre 1920, zitiert nach 'Kapitän
Kaiman', Bamberg 1999, S. 541]
"Der zweite Teil meiner
hilflosen Traumgespinste bestand darin, daß ich mittelloser und hoffnungsloser
Mensch Verleger wurde, und zwar ein Verleger von unerhörtem Ausmaß, ... Ich
bildete mir ein, auch sein [Mays] Verleger zu sein und führte die Reihe seiner
Gesammelten Werke, die damals bis zum dreißigsten Band gediehen war, weiter
fort. Die 'Münchmeyer-Romane', die ich später der Sammlung anschloß, habe ich
damals schon im Wachtraum bearbeitet, und viele, sehr viele Gedanken, die ich
nach Jahren in die Tat umsetze, erwuchsen in mir zu einer Zeit, da ich nicht im
entferntesten erwarten konnte, überhaupt jemals Verleger zu werden.
Ich zergliederte [!] die Lieferungsromane Karl Mays, ich erfand [!] für die neu
herausgearbeiteten Erzählungsabschnitte Titel, die ich später tatsächlich
verwendete, wie: Kapitän Kaiman - Schloß Rodriganda - Benito Juarez - Trapper
Geierschnabel - Das Geheimnis des Marabut - Der Spion von Ortry. Und ich kann
dafür, daß diese Bearbeitungsideen schon aus jener Zeit stammen, sogar eine
Art Beweis bringen. In dem Lieferungsroman 'Die Liebe des Ulanen', von dessen
Neufassung ich soeben einige Bandtitel aufzählte, hießen die Helden
ursprünglich 'Königsau'. Dieser Name mißfiel mir, denn er klang doppelsinnig.
Und so kam ich [!] zu der Umbennung 'Die Herren von Greifenklau'. Greifenklau
aber heißt eine hochgelegene Bergwirtschaft in meiner Bamberger Heimat, die ich
in meiner Jugend zuweilen mit den Eltern besucht hatte."
[Festschrift '25 Jahre Karl-May-Verlag', Radebeul 1938, S. 10.]
"Viel
Arbeit und Kopfzerbrechen [!] verursacht die Angliederung des Nachlasses
[gemeint sind hier die Münchmeyer-Romane] an die Gesammelten Werke Karl Mays.
Im 'Buschgespenst' [ursprünglich 'Der verlorne Sohn', 'Die Sclaven der Arbeit],
dem zur Zeit letzterschienenen Band, ..."
[Ebenda, S. 15.]
Kann man wirklich aus diesen Zitaten sich "bis in kleine Einzelheiten erstreckenden Unterredungen" mit Karl May ableiten?
3) "Egal ob Fischer- oder Münchmeyer-Ausgabe, egal, welche Teile von May stammen und welche nicht - er wollte keine dieser Fassungen, ... Daher protestieren wir auch ganz entschieden gegen Verkäufe dieser Fassungen in der Villa "Shatterhand", in der Karl May lebte und litt."
Und ich protestiere ebenso entschieden gegen folgende KMV-Texte:
"Aber Liebe von ihr, der
Jüdin, zu nehmen, war ihm ein unerträglicher Gedanke."
[Der Fremde aus Indien, 265. Tausend, Bamberg 1955, S. 160.]
" 'Ich danke Ihnen',
erwiderte van Zoom einfach und verbeugte sich, um zu vermeiden, daß er ihr die
Hand geben müsse. [!] Dann verließ er eilig das Haus des jüdischen
Pfandleihers, ..."
[Ebenda, S. 322.]
"Bei den Nachforschungen van
Zooms entpuppte sich Rosenbaum, den auch der Fürst bisher für einen kleinen,
schmutzigen Trödler mit finsteren Winkelgeschäften gehalten hatte, als ein
Schacherer und als ein Gauner ganz großen Stils. Überall, wo durch Pfiffigkeit
und brutale Rücksichtslosigkeit ein unerhörter Wuchergewinn zu erraffen war,
hatte er seine Hände im Spiel. Über zerstörtes Menschenglück, ja über
Leichen führte der Weg dieses gemeinen Blutsaugers. Seit Jahrzehnten schon ging
das so, und Salomon Rosenbaum war bestimmt längst ein schwerreicher Mann. Der
Reichtum, nach dem er mit der zähen Gier des Geizhalses ["seiner
Rasse", heißt es in den ersten Auflagen!] strebte, war ihm in Strömen
zugeflossen, und nur eines hatte ihm das Schicksal bisher versagt: die
gesellschaftliche Achtung, den Aufstieg in die Kreise des angesehen Bürgertums
und des Adels. Er war und blieb trotz seines Geldes der kriechende,
schmeichelnde, sich duckende Trödler und Pfandleiher."
[Ebenda, S. 451.]
"Nein, Lena selbst, die der
Fürst bisher immer noch für besser gehalten hatte als ihre Eltern, bewies
durch eine Tat verbrecherisch blinden Hasses, daß sie von Salomon Rosenbaum und
seiner Frau mit dem Blut auch alle bösen Eigenschaften dieses Blutes [!] geerbt
hatte und weder Mitleid noch Schonung verdiente."
[Ebenda, S. 452.]
Bis "in kleine Einzelheiten" mit May abgesprochen?
Diese Textabschnitte erschienen erstmals 1939 als Bearbeitung des Romans Der verlorne Sohn oder Der Fürst des Elends [Dresden, 1884-1886] und wurden erst 1995 (!) mit der Auflage "341. Tausend" entfernt. Wie viele Exemplare mögen davon noch immer in öffentlichen Bibliotheken - insbesondere in Jugendbuchabteilungen - existieren!
In der vom Karl-May-Verlag autorisierten (!) Ueberreuter-Taschenbuchausgabe sind jene antisemitischen nicht von Karl May verfaßten Textstellen noch heute enthalten ... Schlimmer noch: Diese entstellte Fassung (herausgegeben von E. A. Schmid!) befindet sich sogar auf der Homepage des Karl-May-Verlags im Warenangebot: 'Der Fremde aus Indien', Verlag Carl Ueberreuter, Bestellnr: 4065 b, Preis: DM 9,80
4) "Ganz vom Vorwurf der methodischen
Fragwürdigkeit ausnehmen können wir Herrn Harder allerdings auch nicht, wenn
er ein Zitat aus dem 'Schundverlag' herausgreift (welches übrigens auf Seite
352 zu finden ist, nicht wie angegeben auf 852), um damit zu beweisen, May
hätte nur die Fischer-Ausgabe, nicht aber die ursprüngliche
Münchmeyer-Ausgabe bekämpft.
Auf just der selben Seite des 'Schundverlags' (352!), nur 15 Zeilen weiter oben,
steht folgendes:
'Es wurde mir einmal gesagt, dass Münchmeyer riesig ändere. Da ging ich
hinein, liess mir den letzten Druck und das letzte Manuskript geben und schaute
nach. Da entdeckte ich nun freilich derartige Veränderungen, dass ich drohte,
sofort mit Schreiben aufzuhören, falls das nur noch ein einziges Mal vorkomme.'
Hier geht’s ja wohl ganz zweifelsfrei um den Erstdruck, oder?"
Ja, Karl May hat aber nie auf eine bestimmte Textstelle gezeigt und gesagt: "Das habe ich nicht verfaßt". (Bei der Fischer-Ausgabe wird er konkreter: ... Umgestaltungen ..., dass sich zwischen der alten und seiner neuen Ausgabe ein Unterschied von hunderten von Seiten ergibt.) In der Tat waren die Erstausgaben "verstümmelt" -: die Setzer leisteten sich pro Münchmeyer-Roman rund zwei bis dreitausend kleinere Druckfehler und nur gelegentliche Zeilensprünge in den Dialogen. Zur Zeit der Anti-Schund-Kampagne mußte May Diplomat sein. Er konnte sich nicht mehr zu seinen Münchmeyer-Romanen öffentlich bekennen. Allein das Wort Kolportage galt schon im Deutschen Reich als Schimpfwort. (Nach Mays Tod wurden 1916 viele Kolportageromane eingestampft.)
Waren es nicht Halbwahrheiten, mit denen May argumentierte? Wer so fragt, sollte sich vergegenwärtigen, in welch schwieriger Lage Karl May sich befand. Ihm blieb, angesichts der gegen ihn gerichteten Hetzkampagne, überhaupt keine andere Wahl. Es ging um sein schriftstellerisches Überleben. So vermied May in seinem Eid (11. Februar 1907) jegliche Äußerung in puncto erotischer Interpolationen, die ja ohnehin niemals Gegenstand eines Prozesses waren!
5) "Daß die Bearbeiter der Kolportageromane im Karl-May-Verlag teilweise von der Fischer-Fassung ausgingen, da diese hinsichtlich der ‚Erotika‘ schon bereinigt war, ist nie bestritten worden. Warum auch? Es war die im Vergleich zum Erstdruck immerhin bessere Variante und somit die geeignetere Basis für die notwendige Neubearbeitung."
Bessere Variante? Geeignetere Basis? Wollte Karl May nicht diese Textfassungen gerichtlich verbieten lassen? Hatte er die bearbeitete Fischer-Ausgabe nicht zunehmend angeprangert?
Wenn man gefälschte Romane in
einen Umschlag steckt, der meinen Namen trägt, so wird das Publikum ebenso
betrogen und werde ich ebenso geschädigt wie die Wittwe Cliquot, unter deren
Marke man Stachelbeermoussaux verkauft, oder wie Hartwig + Vogel, unter deren
Namen man Runkelrübe als Chocolade verkauft.
[Brief Karl Mays an einen
seiner Rechtsanwälte vom 1. Juli 1908, abgedruckt in Karl-May-Autographika 2,
hrsg. V. Griese, Bad Segeberg 1996.]
Zum Schluß sei noch auf eine Veröffentlichung des Juristen Jürgen Seul hingewiesen. Er schreibt in seiner 'Juristischen Schriftenreihe' über Mays Münchmeyer-Romane:
"Die Verwendung der … erotischen Elemente diente May … lediglich zur dramaturgischen Verstärkung der Handlungssequenzen; sie erfüllten auch aufgrund ihrer verhaltenen Wortwahl nicht den Tatbestand des § 184 StGB."
Zum besagten § 184 StGB führt Seul näher aus:
"Aus den gerichtlichen Entscheidungen um
die Jahrhundertwende zur Unsittlichkeit von Schriften läßt sich im
wesentlichen eine tatbestandliche Verwirklichung des § 184 StGB in drei Fällen
ableiten:
Wenn eine Schrift unzweifelhaft geschlechtliche Vorgänge beschrieb, ohne daß
dies zu einem streng wissenschaftlichen Zweck geschah, d.h. 'wenn die
geschlechtlichen Verhältnisse zwischen Mann und Weib sowie Absonderlichkeiten
und Verirrungen in der Befriedigung des Geschlechtstriebes in einer das Scham-
und Sittlichkeitsgefühl … verletzenden, cynischen Art und Weise und in einer
auf Effekt berechneten Sprache geschildert werden.'
Wenn eine Schrift Nacktbeschreibungen enthält, wie '… die Entblößung einer
Frau … und ihre nackte Entblößung ohne jede poetische und sonst
künstlerisch veredelte Darstellungsweise beschrieben wird, und zwar namentlich
ihr Unterleib …' und '… aus der ganzen Darstellung ergibt sich zugleich die
Absicht des Verfassers, mit ihr auf Sinnlichkeit zu wirken.'
Wenn sich aus der Tendenz der Schilderung ein Widerspruch zu den
grundsätzlichen gesellschaftsethischen Moralerfordernissen ergab, d. h., wenn
sich zum Beispiel eine für jeden Leser 'ohne weiteres erkennbare Anpreisung des
Ehebruchs' oder die Verherrlichung der Prostitution ergab.
… Die bei May auftretende Prostitution beispielsweise wird kriminalisiert
dargestellt, … Eine positive, verherrlichende Schilderung 'typischer'
Bordellerlebnisse findet bei May nicht statt. Auch die Institution Ehe wird von
May nicht negativ gezeichnet (wie sich aus den zahlreichen in die Ehe mündenden
Liebesgeschichten zeigt).
Was Roheiten und Sittlichkeitsverbrechen … angeht, werden sie auch in den
Kolportageromanen in keinem verherrlichenden Licht gezeigt - im Gegenteil die
Mayschen Helden sind stets bemüht, Recht und Gerechtigkeit zum Sieg zu
verhelfen. Anhaltspunkte für eine Verletzung gesellschaftsethischer
Moralprinzipien sind nicht erkennbar und hätten demnach auch nicht Anlaß für
eine Strafbarkeit nach § 184 StGB gegeben.
Als Indiz dafür, daß auch die damalige Justiz dies so gesehen haben muß, zeigt
sich in dem Umstand, daß weder wegen der Münchmeyer-Ausgabe als auch später
wegen der Fischer- Ausgabe von Seiten der Behörden ermittelt worden ist.
Angesichts des Bekanntheitsgrades von Karl May und dem Presserummel im
Zusammenhang mit der Fischer-Ausgabe war auch der Justiz gewiß nicht der
Pornographievorwurf gegen den Radebeuler Schriftsteller verborgen geblieben. Ein
etwaiger dadurch geweckter Verdacht hat jedoch nie zu einer offiziellen
Ermittlung geführt, was sich nur mit einem Mangel an strafwürdigem Material
begründen läßt.
Im Ergebnis bleibt festzuhalten, daß die
Kolportageromane zwar nicht frei von erotischen Passagen sind, doch sie
enthalten keine Stellen oder Tendenzen, die die Behauptung rechtfertigten, daß
es sich bei ihnen um 'abgrundtief unsittliche' bzw. 'pornographische' Leistungen
handelte. Die öffentliche Behauptung, daß May unsittliche Romane geschrieben
habe, daß er ein Pornograph sei, erfüllte demnach zumindest den Tatbestand der
üblen Nachrede gemäß § 186 StGB."
[Jürgen Seul: Juristische Schriftenreihe, Bd. 2, Ahrweiler 1997, S. 67ff.
Ausgewertet wurden zeitgenössische Quellen, wie Gerichtsurteile vom 13.1.1893
und 30.8.1897.]
Vorurteilsfrei und wissenschaftlich fundiert, wie hier bei Jürgen Seul zu lesen, so wünsche ich mir weitere Publikationen über Mays Münchmeyer-Romane.